Regional Governance Architecture FES Briefing Paper February 2006 Page 1 Herausforderungen für die internationale Entwicklungszusammenarbeit Das Beispiel Indien = j^qqef^p=gl_bifrp= = = = Internatioale EZ: Das Beispiel Indien FES Briefing Paper 5| März 2007 Seite 2 Zusammenfassung Angesichts eines wachsenden entwicklungspolitischen Engagements von aufstrebenden Staaten des Südens wie China, Indien, Brasilien oder Saudi-Arabien, widmet sich die noch junge Diskussion um sogenannte ÉãÉêÖáåÖ=Ççåçêë den Chancen und Risiken einer größer werdenden Gebergemeinschaft und einer sich zunehmend institutionalisierenden Süd-Süd Kooperation. An diese Diskussion anknüpfend, analysiert das vorliegende Papier die Rolle Indiens als entwicklungspolitischer Akteur. Dabei werden vier Thesen vertreten: ⇒ Indiens Entwicklungszusammenarbeit(EZ) ist ein Instrument der Außen- und Wirtschaftspolitik der indischen Regierung. Die Ziele indischer EZ leiten sich direkt aus der außenpolitischen Agenda Delhis ab und sind Teil einer umfassenden Strategie indischer Süd-Süd Kooperation, mit deren Hilfe der wirtschaftliche und politische Aufschwung des Landes forciert werden soll. ⇒ Indiens Regierung hat sich bislang nicht auf die normativen Leitlinien und operativen Verfahren der OECD-Gebergemeinschaft verpflichtet und wird dies vorrausichtlich auch in Zukunft nicht tun. Sollte Indien überhaupt den Versuch unternehmen, sein entwicklungspolitisches Engagement mit anderen Gebern zu koordinieren, so wird es dies im Rahmen neugeschaffener Foren der Süd-Süd Kooperation tun. ⇒ Isoliert und in absoluten Zahlen betrachtet wird indische Entwicklungshilfe – anders als im Falle Chinas – die Dominanz von DAC-Staaten im internationalen Entwicklungsregime nicht gefährden und im Gesamtvolumen der bi- und multilateralen EZ auch mittelfristig nur eine marginale statistische Größe bleiben. ⇒ Seine Brisanz und Signifikanz entfaltet indische EZ jedoch bei einem Blick auf ihre Funktion als qÉáäâçãéçåÉåíÉ= ÉáåÉë= dÉë~ãíé~âÉíë ÇÉê= ïáêíëÅÜ~ÑíäáÅÜÉå= ìåÇ= éçäáíáëÅÜÉå= wìë~ããÉå~êÄÉáíI welches Indien seinen Partnerländern im Süden offeriert. Indien tritt in einem Land nur dann als Geber auf, wenn es jeweils auch Investor, Handelspartner und politischer Verbündeter ist oder werden kann. Für die weitere emerging-donor Diskussion wird daher die Frage im Vordergrund stehen müssen, welche Auswirkungen die ÇìêÅÜ= áåÇáëÅÜÉ= bw= Ñ~ëòáäáíáÉêíÉå Investitionstätigkeiten, Handelsströme sowie Technologie- und Wissenstransfers künftig in Entwicklungsländern haben werden. 1 Einleitung: Vom„Armenhaus“ zum Geberstaat? Indien und die emerging donor-Diskussion Am 28. Februar 2003 löste die indische Regierung ein Beben in der westlichen Gebergemeinschaft aus. Unerwartet und medienwirksam kündigte der damalige Finanzminister Jaswant Singh die Suspendierung bilateraler Entwicklungshilfe von 22 bis dato in Indien operierenden Gebernationen an. Lediglich die USA, Großbritannien, Japan, Deutschland, Russland und die EU dürften künftig ODA-Zahlungen 1 an den indischen Staat leisten, alle anderen Länder sollten ihre Aktivitäten auf die Unterstützung von indischen Nicht-Regierungsorganisationen(NROs) beschränken. 2 Zugleich erklärte Indien, das Land werde seine entwicklungspolitische Kooperation mit Ländern des Südens im Rahmen einer neugegründeten fåÇá~å= aÉîÉäçéãÉåí= fåáíá~íáîÉ in1 lîÉêëÉ~ë= aÉîÉäçéãÉåí=^ëëáëí~åÅÉ(ODA) subsumiert alle öffentlichen Transaktionen, die darauf gerichtet sind, die wirtschaftliche und soziale Entwicklung von Entwicklungsländern zu fördern. Sie müssen zu günstigen Konditionen vergeben werden und – im Falle von Krediten – einen ZuschussAnteil von mind. 25% beinhalten. 2 Diese Verordnung wurde von der Nachfolgeregierung im Jahr 2004 dahingehend modifiziert, dass alle Staaten mit einem jährlichen ODA-Volumen von mindestens 25 Mill. US$ als bilaterale Geber zugelassen sind. tensivieren und anderen Staaten auf Grundlage der eigenen Erfahrungen im Prozess nachholender Wirtschaftsentwicklung verstärkt zur Seite stehen. Ein Jahr später, als Indien von der Tsunami-Katastrophe erschüttert wurde, lehnte es jedwede Form internationale Unterstützung ab und leistete seinerseits umfassende Hilfe an die betroffenen Nachbarstaaten. Angesichts solcher symbolträchtiger Schritte ist es nicht verwunderlich, dass Indien in der gerade im Entstehen begriffenen Diskussion um sogenannte ÉãÉêÖáåÖ= Ççåçêë eine prominente Rolle einnimmt. Vor dem Hintergrund eines zunehmenden entwicklungspolitischen Engagements von åçåJa^` Staaten 3 wie China, Indien, Brasilien oder Saudi-Arabien, widmet sich diese Debatte den Chancen und Risiken einer größer werdenden Gebergemeinschaft und einer sich zunehmend institutionalisierenden Süd-Süd Kooperation(vgl. bspw. Harmer/Cotterrell 2005, Hofmann 2006, Manning 2006, Price 2005, Schläger 2007). Die meisten Beobachter betonen dabei übereinstimmend die Notwendigkeit einer 3 Im Development Assistance Committee(DAC) der OECD sind die finanzstärksten Gebernationen aus Europa, Nordamerika sowie Japan, Australien und Neuseeland vertreten. Die hier entwickelten Leitlinien( a^`=dìáÇÉäáåÉë) gelten als zentrale Referenzpunkte für die entwicklungspolitische Debatte und als handlungsanleitend für die westliche Gebergemeinschaft. Internatioale EZ: Das Beispiel Indien FES Briefing Paper 5| März 2007 Seite 3 Einbindung neuer Geberländer in das internationale Entwicklungsregime und eine Verpflichtung von Nicht-OECD Staaten auf die in der ParisDeklaration zur Wirksamkeit von Entwicklungszusammenarbeit und den verschiedenen entwicklungspolitischen„DAC-Guidelines“ niedergelegten Grundsätze der westlichen Gebergemeinschaft. Anderenfalls, so die weit verbreitete Befürchtung, drohe ein Nullsummenspiel: je stärker ÉãÉêÖáåÖ= Ççåçêë zur Alternative westlicher ODA und damit zur fiskalpolitischen ÉñáíJ çéíáçå für Entwicklungsländer avancierten, desto größer die Gefahr, dass das westliche Konditionalitätsregime und der in der DAC-Gemeinschaft verankerte Fokus auf Demokratie, gute Regierungsführung und Menschenrechte unterminiert werde. Vor dem Hintergrund dieser ÉãÉêÖáåÖ= Ççåçê Diskussion analysiert das vorliegende Papier die Rolle Indiens als entwicklungspolitischer Akteur. Hierzu wird zunächst begründet, warum die bilaterale Süd-Süd Kooperation in der indischen Außen- und Wirtschaftspolitik an strategischer Bedeutung gewinnt(Kap.2). Auf dieser Basis erfolgt eine Untersuchung der Ziele und Bedeutung indischer Entwicklungszusammenarbeit im Gesamtportfolio indischer Süd-Süd Kooperation (Kap. 3). Im Anschluss wird der Frage nachgegangen, wie sich indische EZ zu den normativen Leitlinien und administrativen Verfahren der DAC-Gebergemeinschaft verhält und ob eine Eingliederung Indiens in die westliche EZArchitektur zu erwarten ist(Kap. 4). Abschließend wird ein genauerer Blick auf die Institutionen und Instrumente indischer Entwicklungszusammenarbeit geworfen(Kap 5) und deren Einsatz am Beispiel der Region Südasien exemplifiziert(Kap. 6). 2 Die wachsende Bedeutung der Süd-Süd-Kooperation für die indische Regierung Warum leistet ein Land, das bis vor einigen Jahren noch als„Armenhaus der Welt“ geführt wurde, in dem 200 Mio Menschen von 12 Rupien(26 US Cents) am Tag leben und das auf Rang 126 des Human Development Index(HDI) rangiert, bilaterale Entwicklungshilfe an andere Staaten? Um die politische Logik der seit der Unabhängigkeit Indiens existierenden, aber erst jüngst an Dynamik gewinnenden indischen Entwicklungszusammenarbeit zu verstehen, muss diese in den Kontext der andauernden Veränderungsprozesse gestellt werden, die das Land seit Anfang der 1990er Jahre durchläuft. Der politische ê~áëçå= ÇÛÆíêÉ der indischen EZ wird durch zwei miteinander verbundene Entwicklungen konstituiert, die gemeinsam dafür sorgen, dass die Zusammenarbeit mit anderen Entwicklungsländern momentan einen stärkeren strategischen Stellenwert in der indischen Außenpolitik erhält. Gemeint ist: 1. die dynamische, sich in stetig steigenden Wachstumszahlen manifestierende Wirtschaftsentwicklung des Landes, in deren Zuge sich neue wirtschaftliche Handlungsimperative für die indische Süd-Süd Kooperation entwickelt haben; 2. Indiens politischer Bedeutungszuwachs auf internationaler Ebene und der damit einhergehende gesteigerte Gestaltungsanspruch Indiens als südasiatische Hegemonialmacht und globaler Wortführer der Gruppe der Entwicklungsländer. ad 1) Seit dem Beginn der Liberalisierungspolitik in den frühen 1990er Jahren wächst die indische Wirtschaft jährlich um durchschnittlich 7%. Auch wenn dieses Wachstum bislang weder breitenwirksam noch sektorübergreifend war, wird das Land auch in Zukunft einer der dynamischsten Wachstumsmärkte der Welt bleiben (vgl. bspw. Schaffer/Mitra 2006, Wilson/ Purushothaman 2003). Mit Exportzuwächsen von 23%, Außenhandelszuwächsen von 29% und einer Steigerung der indischen Direktinvestitionen im Ausland von 4,2 auf 7,2 Mrd. US$ war auch das Jahr 2006 erneut ein Rekordjahr für die indische Wirtschaft. Doch anders als die gerade auch in der deutschen Indien-Perzeption weit verbreiteten Stilisierungen Indiens zum^ëá~å= aêáîÉêI oáëáåÖ=dá~åí= oder eáåÇì=jáê~ÅäÉ suggerieren mögen, ist der Erfolg des weiteren wirtschaftlichen Aufholprozesses stark von den künftigen politischen Weichenstellungen der Regierung abhängig. Neben einem enormen innenpolitischen Reformbedarf stellt der wirtschaftliche Wachstumsprozess auch die Außenwirtschaftspolitik Indiens gegenüber der Gruppe der Entwicklungsländer vor neue Herausforderungen. Die Erschließung von Absatzmärkten zur Aufrechterhaltung der Wachstumsraten und zur Verbesserung der defizitären Handelsbilanz zählt dazu ebenso, wie die Sicherung der Rohstoffimporte für die industrielle Produktion und die Sicherung von Energiequellen zur Überwindung der chronischen und hohe wirtschaftliche Verluste verursachenden Energieknappheit Indiens. Diese Herausforderungen bilden politische Aktionsfelder, die auch und gerade im Rahmen der sich ausweitenden Süd-Süd Kooperation gestaltet werden müssen. Dadurch sind die wirtschaft- Internatioale EZ: Das Beispiel Indien FES Briefing Paper 5| März 2007 Seite 4 lichen Beziehungen Indiens zu anderen Entwicklungsländern in den vergangenen Jahren stärker in den Fokus der Aufmerksamkeit der indischen Regierung gerückt. ad 2) Neben der wirtschaftlichen hat Indien in den letzten Jahren auch eine politische Aufwertung erfahren. Auf Grund seiner dominanten Stellung in einer Region, deren geostrategische Bedeutung im Rahmen des„Kriegs gegen den Terror“ deutlich gestiegen ist, insbesondere aber durch die Atomwaffentests von 1998 hat das Land in den Verhandlungsarenen der internationalen Politik ein stärkeres Gewicht erhalten. Die aktuelle oder künftige Rolle Indiens als Sprachrohr der Gruppe der Entwicklungsländer, als Motor der internationalen Süd-Süd Kooperation und als Schlüsselakteur für regionale Stabilität in Südasien, wird vom Westen zunehmend anerkannt und manifestiert sich unter anderem in den píê~íÉÖáëÅÜÉå= m~êíåÉêëÅÜ~ÑíÉå Indiens mit den USA, der EU und Deutschland. Doch ähnlich wie der wirtschaftliche Aufschwung von vielen Unbekannten geprägt ist, ist auch die politische Rolle Indiens in der Welt stark von der künftigen außenpolitischen Strategie Delhis abhängig. Dabei ist die Ausgestaltung der Beziehungen Indiens zu den Entwicklungs- und Schwellenländern in Asien, Afrika und Lateinamerika ein zentrales Handlungsfeld für die indische Regierung geworden. Bei dem aktuell zu beobachtenden Versuch Indiens, seine außenpolitischen Bündnisstrukturen auch außerhalb der Region Südasien zu diversifizieren, sind in den vergangenen Jahren auch die ASEAN-Staaten sowie ausgewählte Länder in Zentralasien, Afrika und Lateinamerika(z.B. Kasachstan, Iran, Nigeria, Sudan, Venezuela, Brasilien, Südafrika) verstärkt in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt. Auf internationaler Ebene wiederum sucht Delhi verstärkt die Anbindung an multilaterale Organisationen und versteht sich als gestaltende Kraft in internationalen Regimen sowie als Anwärter auf einen Sitz im UN Sicherheitsrat – ein Anspruch der sich am deutlichsten realisieren lässt, je mehr Delhi den Rückhalt anderer Entwicklungsländer genießt und als deren legitimes Sprachrohr auftreten kann. Wie aus diesen Darstellungen hervorgeht, haben die Beziehungen Indiens zu anderen Entwicklungsländern im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs und des politischen Bedeutungszuwachs des Landes einen neuen strategischen Stellenwert bekommen. Hier liegt der seit einiger Zeit zu beobachtende verstärkte Fokus Indiens auf bilaterale Entwicklungszusammenarbeit begründet. Indien intensiviert seine EZ, um auf Ebene der Außen- und Sicherheitspolitik sowie im Bereich der Außenwirtschaftsförderung ein òìJ ë®íòäáÅÜÉë Instrument zur Hand zu haben, um den mit dem wirtschaftlichen und politischen Aufschwung einhergehenden Herausforderungen begegnen zu können. Bevor die Institutionen und Instrumente indischer EZ vorgestellt und am Beispiel Südasiens exemplifiziert werden, sollen in den folgenden beiden Kapiteln zunächst zwei zentrale politische Fragen diskutiert werden, die sich aus dem verstärkten entwicklungspolitischen Engagements Indien ableiten: • Welche Ziele verfolgt die indische Regierung mit ihrer bilateralen Entwicklungszusammenarbeit und wie ist die entwicklungspolitische Bedeutung indischer EZ einzuschätzen? • In welchem Verhältnis steht indische EZ zu den normativen Leitlinien und operativen Verfahren der DAC-Gebergemeinschaft? 3 Viel Lärm um nichts? Die Bedeutung indischer EZ als Komponente einer strategischen Süd-Süd-Kooperation Vor dem Hintergrund der bisherigen Ausführungen ist es nicht verwunderlich, dass indische EZ in einem instrumentellen Verhältnis zur Außenund Wirtschaftspolitik des Landes steht. Anders als die Staaten des Westens, die stets bemüht sind, dem Verdacht entgegenzutreten, ihre EZ könnte ein Instrument geostrategischen Handels sein, betont die indische Regierung explizit, dass das Ziel indischer Entwicklungszusammenarbeit darin bestehe, indische Belange im Ausland durchzusetzen und den ÉáÖÉåÉå Wirtschaftsstandort zu fördern(Sing 2003, Price 2004:10). So gehört die Steigerung indischer Exporte, die Förderung der wirtschaftlichen Beziehungen zu anderen Entwicklungsländern und die Unterstützung der strategischen Interessen Indiens im Ausland zu den explizit erklärten Aufgaben des „Indian Development Assistance Scheme“(IDEAS), einem Programm, das als Nachfolger der „Indian Development Initiative“ von 2003 einen Großteil der Geberaktivitäten Indiens subsumiert. Als komplementäres Instrument indischer Außenpolitik soll EZ dabei insbesondere dazu beitragen, • indischen Unternehmen neue Marktzugänge zu eröffnen, • Energiesicherheit zu gewährleisten, • Indiens Verhandlungsposition in internationalen Regimen zu stärken, Internatioale EZ: Das Beispiel Indien FES Briefing Paper 5| März 2007 Seite 5 • die Bündnis- und Partnerstruktur des Landes weiter zu diversifizieren sowie • die regionale Sicherheit zu stärken, Separationsbewegungen und terroristische Aktivitäten in Südasien zurückzudrängen und damit auch die Stabilität des eigenen Staates zu garantieren. Die hier zum Vorschein kommende Verflechtung von entwicklungspolitischen, wirtschaftlichen und außenpolitischen Handlungsrationalitäten manifestiert sich auch in der indischen EZBerichterstattung. Eine trennscharfe Abgrenzung von Entwicklungspolitik und Außenwirtschaftsförderung- beispielsweise durch eine statistische Unterscheidung zwischen konzessionärer, projektgebundener Hilfe, Budgethilfe, zinslosen Darlehen, günstigen oder marktkonformen Krediten, Investitionshilfen, Technischer Zusammenarbeit und anderen Formen der EZ- findet nur sehr begrenzt statt und scheint im übrigen auch nicht intendiert zu sein. 4 Da die schriftlichen Quellen folglich ungenau und gelegentlich widersprüchlich sind, ist eine exakte Berechnung des indischen ODAVolumens nur bedingt möglich. Die von der EU vorgenommene Schätzung des indischen EZVolumens auf 100 Mio US$ jährlich(Altenburg/Weikert 2006:24) erscheint allerdings als zu vorsichtig. Auf Basis der einzelnen im indischen Haushalt für 2006 aufgeführten Titel würde sich eine ungesicherte Kalkulation auf ca. 300 Mio US$ belaufen. Dem Trend der vergangenen Jahre folgend werden diese Mittel auch in den kommenden Jahren weiter steigen. Ein ëáÖåáÑáJ â~åíÉê Zuwachs indischer EZ, beispielsweise auf die Größenordnung Chinas(ca. 5 Mrd. US$), ist angesichts der Liquiditätsengpässe des indischen Staates und des enormen Investitionsbedarfs im eigenen Land in den nächsten Jahren jedoch nicht zu erwarten. Angesichts solcher Größenordnungen scheint die jüngst in der ÉãÉêÖáåÖ= Ççåçêë Diskussion aufgeworfene Frage, ob indische EZ in der Tat 4 Aus Sicht der indischen Regierung ist EZ Bestandteil einer Süd-Süd Kooperation, bei der die Staaten auf gleicher Augenhöhe und in einem„partnerschaftlichen“ Verhältnis miteinander interagieren. Zur Abgrenzung gegenüber dem Westen und zur Vermeidung einer innenpolitischen Diskussion über die Legitimität indischer EZ werden Begriffe wie„Donor“,„Development Assistance“ oder„ODA“ im Jargon der indischen Regierung wenn möglich vermieden. Im„Non-Paper“ der indischen Regierung zur Partnerschaft mit Afrika heißt es„The relationship is not one of donor-recipient but of partnership for mutual benefit.“(GOI 2006). eine ÉñáíJçéíáçå für Entwicklungsländer und damit eine Gefahr für die Hegemonie westlicher Staaten im internationalen Entwicklungsregime darstellt, leicht zu beantworten: Isoliert und in absoluten Zahlen betrachtet wird indische Entwicklungshilfe- anders als im Falle Chinas- die Dominanz von DAC-Staaten im internationalen Entwicklungsregime nicht gefährden und im dÉJ ë~ãíîçäìãÉå der bi- und multilateralen EZ auch mittelfristig nur eine marginale statistische Größe bleiben. Das Problem einer solchen Betrachtungsweise ist allerdings, dass sie von einem engen und auf den indischen Kontext nicht anwendbaren Verständnis von Entwicklungszusammenarbeit ausgeht. Die Debatte um die Konsequenzen von ÉãÉêÖáåÖ= Ççåçêë im Allgemeinen und der indischen Entwicklungszusammenarbeit im Besonderen greift zu kurz, wenn sie sich darauf beschränkt, ausschließlich ODA-Ströme und EZInstrumente zu betrachten. Seine Brisanz und Signifikanz entfaltet indische EZ erst bei einem Blick auf ihre Funktion als qÉáäâçãéçåÉåíÉ=ÉáåÉë= dÉë~ãíé~âÉíë ÇÉê= ïáêíëÅÜ~ÑíäáÅÜÉå= ìåÇ= éçäáíáJ ëÅÜÉå= wìë~ããÉå~êÄÉáí, welches Indien seinen Partnerländern im Süden offeriert. Durch die Verflechtung von Außen-, Wirtschafts- und Entwicklungspolitik tritt Indien in keinem Land ausschließlich oder primär in seiner Rolle als Geber auf. Geber ist Indien nur dann, wenn es zugleich auch Investor, Handelspartner und politischer Verbündeter ist oder werden kann. Indische ODA wird in der Regel begleitet von Direktinvestitionen, Handelsverträgen und neuen Marktzugangsregelungen, von Technologietransfers und der Aussicht auf eine erhöhte Verhandlungsmacht in internationalen Regimen im Rahmen einer intensivierten Süd-Süd Kooperation. Zwar können- ähnlich wie in westlichen Staaten auch- Entwicklungszusammenarbeit, Handelsströme und kommerzielle Beziehungen niemals linear, geschweige denn unmittelbar kausal miteinander in Beziehung gesetzt werden, doch legt eine Vielzahl von Einzelbeispielen die Vermutung nahe, dass indische ODA bei der Forcierung von Außenhandel und Investitionen die kleine, aber nicht unbedeutende Rolle eines Prozessbeschleunigers spielt. Beispielsweise ist Sudan einer der wichtigsten Empfänger indischer ODA außerhalb Asiens und mit 162 Mio US$ zugleich das wichtigste Zielland indischer Direktinvestitionen in Afrika. Die indische Regierung hat dem Sudan im Jahr 2005 10 Mio US$ Zuschüsse und 100 US$ Kredite zugesagt , während zugleich der vom indischen Staat kontrollierte Ölkonzern ONGC Videsh im großen Stil in den sudanesi- Internatioale EZ: Das Beispiel Indien FES Briefing Paper 5| März 2007 Seite 6 schen Ölmarkt eingestiegen ist. In Bhutan finanzierte indische ODA verschiedene Wasserkraftwerke, die inzwischen zum Kernbestandteil bhutanischer Energielieferungen nach Indien geworden sind. Im Senegal ist der indische AutomobilKonzern Tata größter Nutznießer der Neustrukturierung des öffentlichen Transportwesens, während Indien zugleich der größte Abnehmer senegalesischer Produkte und einer der wichtigsten nicht-westlichen Geber ist. Mit Tansania unterhält Indien eines der größten Programme der bilateralen Zusammenarbeit außerhalb Südasiens, im Zuge dessen sowohl das Volumen indischer ODA, als auch die gegenseitigen Handels- und Investitionstätigkeiten seit Jahren konstant ansteigen. Hier wird erneut deutlich, dass die isolierte Betrachtung indischer ODA-Ströme kaum analytischen Mehrwert entfaltet. Für die weitere emerging-donor Diskussion wird vielmehr die Frage im Vordergrund stehen müssen, welche Auswirkungen die ÇìêÅÜ=áåÇáëÅÜÉ=bw=Ñ~ëòáäáíáÉêíÉå Investitionstätigkeiten, Handelsströme, Technologieund Wissenstransfers künftig in Entwicklungsländern haben werden. Diese Frage ist momentan Anlass vieler Spekulationen. Einige Beobachter äußern die Vermutung, dass der Bedarf an Rohstoffen in China und Indien einen Nachfragesog zur Folge haben wird, in dessen Zuge lateinamerikanische und afrikanische Volkswirtschaften zum Zulieferer für die asiatischen êáëáåÖ= éçïÉêë transformieren werden (Goldstein et al. 2006, Humphrey/Messner 2006). Die Weltbank diagnostiziert afrikanischen Staaten deutliche Potenziale für einen verstärkten Export von Halbfertigprodukten und Investitionsgütern nach Asien, wodurch bislang auf den Export von Agrarprodukten festgelegte Entwicklungsländer neue komparative Vorteile und damit eine veränderte Rolle im Rahmen der internationalen Arbeitsteilung gewinnen könnten (Broadman 2007). Mit Blick auf die andere Richtung indisch-afrikanischer Handelsströme weisen kritische Stimmen jedoch auf die mögliche Gefahr hin, dass indische Güter und Dienstleistungen auf dem afrikanischen Markt lokale Anbieter verdrängen und den Aufbau eigener Produktionsketten verhindern könnten. Auf diese Weise würden Effekte entstehen, die ohnehin marginalisierte Staaten noch weiter vom Weltmarkt isolieren. Keine dieser Überlegungen kann momentan empirisch untermauert werden. Indischer Handel mit anderen Entwicklungsländern hat weder das Volumen noch das Muster erreicht, um an den Prinzipien der internationalen Arbeitsteilung zu rütteln. Zwar sind Indiens Importe aus dem subsaharischen Afrika in der Tat alleine zwischen den Jahren 2005 und 2006 um 55,32% auf 1,73 Mrd. US$ gestiegen, doch sind diese Einfuhren erstens im Vergleich zu Chinas Importen aus Afrika(ca. 14 Mrd. US$) noch immer marginal, zweites stark auf ausgewählte Länder beschränkt(alleine auf Südafrika entfallen 68% der sub-saharischen Exporte nach Indien) und drittens auf klassisch„afrikanische“ Produkte wie Edelmetalle und Agrarerzeugnisse konzentriert (MOCI 2006, Broadman 2007). Interessant ist allerdings, dass bereits heute viele Entwicklungsländer von den anziehenden Preisen für Rohstoffe und Agrarprodukte profitieren, die momentan stark von der wachsenden Nachfrage Indiens und Chinas beeinflusst sind(Goldstein et al. 2006). Interessant ist weiterhin, dass indische Ausfuhren ins sub-saharische Afrika alleine im vergangen Haushaltsjahr um 42% auf 1,97 Mrd. US$ gestiegen sind, dass die indische Regierung verstärkt Hilfen für Direktinvestitionen nach Afrika bereitstellt, dass mehr und mehr Handelsabkommen zwischen Indien und einzelnen afrikanischen Staaten entstehen und dass die indische Regierung in den vergangenen drei Jahren Kreditlinien für das sub-saharische Afrika mit einem Volumen von mehr als 700 Mio US$ eingerichtet hat. Auch wenn diese Trends noch keine Basis für gesicherte Aussagen über die wirtschaftlichen Konsequenzen des Aufstiegs Indiens für andere Entwicklungsländer bilden, so konstituieren sie zumindest ein Forschungs- und Diskussionsfeld, welches in der Debatte um die globalen Folgen der asiatischen Wirtschaftsentwicklung auf Grund eines einseitigen Fokus auf die bedrohten Wirtschaftsstandorte des Westens derzeit noch zu wenig Aufmerksamkeit erhält. 4 Konkurrent oder Partner? Indische EZ im Verhältnis zur DACEntwicklungszusammenarbeit Angesichts des zunehmenden entwicklungspolitischen Engagements Indiens wird in der DACGemeinschaft verstärkt die Frage aufgeworfen, ob perspektivisch eine Eingliederung Indiens in die westliche Gebergemeinschaft zu erwarten ist. Hoffnung schöpfen Beobachter dabei aus der Tatsache, dass Indien sowohl in der Eigen- als auch in der Fremdperzeption als„multilateralistischer“ Akteur gilt. Auf Basis des noch heute wirkungsmächtigen Wertefundaments Nehru- Internatioale EZ: Das Beispiel Indien FES Briefing Paper 5| März 2007 Seite 7 ischer Außenpolitik 5 bekennt sich Indien zu internationalen Vertragswerken, tritt für eine Stärkung der Vereinten Nationen, für die Wahrung des Völkerrechts und für eine multipolare Weltordnung ein. Auf den zweiten Blick muss jedoch konstatiert werden, dass Indiens Multilateralismus von Charakteristika geprägt ist, die in einem Spannungsverhältnis zu den Normen und Verfahren westlicher Entwicklungszusammenarbeit stehen: Erstens existiert eine Vielzahl von Beispielen aus der Vergangenheit, die zeigen, dass Indien bereit ist, seine strategischen Eigeninteressen auch dann konsequent zu verfolgen, wenn sie offen mit internationalen Regelwerken kollidieren. 6 Dieses Prinzip kommt auch in der indischen EZ zum tragen: Vor dem Hintergrund der Verflechtung von entwicklungspolitischen und geostrategischen Interessen erscheint es nur konsequent, dass die indische Regierung sich bei der Verteilung ihrer EZ-Gelder bislang nicht auf die normativen Leitlinien und operativen Verfahren der DAC-Gebergemeinschaft verpflichtet hat. Bestes Beispiel ist die Tatsache, dass Indien weiterhin an der im Westen inzwischen geächteten Praxis des íáÉÇ=~áÇ, also der Bindung von ODA an die Abnahme indischer Güter und Dienstleistungen festhält. Zweitens kollidiert die seit der Unabhängigkeit in der indischen Außenpolitik handlungsanleitend wirkende Norm einer unbedingten Politik der Nicht-Einmischung und Souveränitätswahrung gegenüber anderen Staaten mit den in der DACGemeinschaft verfolgten Ideen der externen Demokratieförderung und der Konditionierung von EZ zur Durchsetzung innenpolitischer Reformen. Auf eine Konditionierung seiner Zuwendungen und Kredite hat Indien deshalb bislang verzichtet, und auch der in der OECD-Welt verbreitete Fokus auf Demokratie, Menschenrechte und Good Governance als Leitlinien der EZ spielt in der Ausrichtung indischer EZ-Ströme keine Rolle. 5 Hierzu zählen im wesentlichen die Prinzipien der Blockfreiheit, Nicht-Einmischung, Souveränitätsbewahrung und Nicht-Agression. 6 Beispiele hierfür sind: Der Schulterschluss mit den USA gegen das Kyoto-Protokoll im Rahmen der „klimapolitischen Initiative“ der Bush-Regierung im Jahr 2005, die Nicht-Ratifizierung der Römischen Statuten des Internationalen Strafgerichtshofs(ICC), die Nicht-Beachtung von UNSC Resolution 1172 zu dem indischen Atomtest von 1998, die Selbstmandatierung bei militärischen Konflikten in der Vergangenheit oder die Weigerung dem Atomwaffensperrvertrag als Nicht-Kernwaffenstaat beizutreten. Drittens ist Indiens Multilateralismus keineswegs auf den Erhalt des Status Quo, sondern explizit auf eine Veränderung des existierenden internationalen Regime orientiert. Erst eine das NordSüd Gefälle überwindende und multipolare Weltordnung würde Indien einen solchen Aktionsradius garantieren, dass es seine Potenziale als regionaler Hegemonialstaat und globale Wirtschaftsmacht frei entfalten kann. So strebt Indien eine veränderte Welthandelsordnung mit umfassenden Zugängen von Entwicklungs- und Schwellenländern zu den Märkten des Nordens an. Es propagiert eine grundlegende Umverteilung der Stimmverhältnisse in den BrettonWoods Organisationen und den Aufbau von neuen Institutionen der Süd-Süd Kooperation, die durchaus als Konkurrenz zu DAC und OECD verstanden werden können. Erste Anzeichen hierfür sind Debatten um den Aufbau eines „Southern DAC“ oder gar einer„OECD of the South“ als Antwort auf die westliche Dominanz im internationalen Entwicklungsregime(SLRT 2006a:5ff, SLRT 2006b). Vor dem Hintergrund dieses strategischen Multilateralismus muss eindeutig konstatiert werden, dass Indien aus einer Verpflichtung auf die Prinzipien der DAC-Gebergemeinschaft zum jetzigen Zeitpunkt keine nennenswerte Vorteile ziehen würde. Im Gegenteil: Die Anwendung des Konditionalitätsprinzips könnte Indiens Legitimität als Fürsprecher der Entwicklungsländer und Blockfreien unterminieren und die weitere SüdSüd Kooperation gefährden. Eine Orientierung auf Demokratie, Good Governance und Menschenrechte als Maximen der EZ würde mit den prioritären wirtschaftlichen Interessen Indiens (Absatzmärkte, Energiesicherheit, etc.) kollidieren. Und auch die Praxis des íáÉÇ=~áÇ wird Indien als legitim empfinden, solange das Land den Eindruck hat, der Westen würde seine Märkte vor indischen Produkten abschotten. Indiens Verhältnis zu westlichen Gebern wird daher in Zukunft von Dialogbereitschaft und punktueller Einbindung geprägt sein, eine tatsächliche Eingliederung Indiens in die westliche Gebergemeinschaft wird mittelfristig jedoch nicht erfolgen. Erst die Aussicht auf grundlegende Reformen in der internationalen Entwicklungsarchitektur oder auf eine Stärkung der eigenen Verhandlungsposition würde daran etwas ändern. Sollte Indien überhaupt den Versuch unternehmen, sein entwicklungspolitisches Engagement mit anderen Gebern zu koordinieren, so wird es dazu vor allem neugeschaffene Foren der Süd-Süd Kooperation nutzen, in denen andere= aufstrebende Mächte des Südens wie Brasi- Internatioale EZ: Das Beispiel Indien FES Briefing Paper 5| März 2007 Seite 8 lien oder Südafrika repräsentiert sind. Hier ist insbesondere das trilaterale Dialogforum IBSA zu nennen, in dem sich Indien, Südafrika und Brasilien seit 2003 in handels-, entwicklungs- und sicherheitspolitischen Fragen koordinieren. Auf dem letzten IBSA-Gipfel im Juni 2006 wurde eine Arbeitsgruppe zur Sozialen Entwicklung ins Leben gerufen und in Kooperation mit UNDP ein Entwicklungshilfefonds zur Unterstützung der internationalen Armutsbekämpfung eingerichtet. 5 Institutionen und Instrumente der indischen Entwicklungszusammenarbeit Nachdem die politische und wirtschaftliche Logik indischer EZ skizziert wurde, soll im Folgenden ein näherer Blick auf die Institutionen und Instrumente der bilateralen Entwicklungszusammenarbeit Indiens geworfen werden. Indische EZ ist institutionell breit gefächert, wobei das Außenministerium(MEA) als koordinierende Instanz betrachtet werden kann. Dem MEA obliegt die unmittelbare Verantwortung für die Zusammenarbeit mit Bhutan, Nepal und Afghanistan als wichtigste Empfängerländer. Zudem berät es andere Ministerien bei der Erfüllung ihrer entwicklungspolitischen Mandate. Hierzu zählt in erster Linie das Department of Economic Affairs(DEA) des Finanzministeriums, welches die bilaterale Kooperation mit allen übrigen Partnerländern koordiniert, sowie das Handelsministerium, welches auf Grund der oben skizzierten Verflechtung von ODA- und Handelsströmen eine wichtige komplementäre Funktion im EZ-Institutionengefüge einnimmt. Eine zentrale Stellung als Durchführungsorganisation der Finanziellen Zusammenarbeit kommt der indischen Export-Import Bank(EXIM) zu, über die zunehmend die Bereitstellung von Budgethilfen und Krediten vollzogen wird. Die Auszahlung und Abwicklung der ODA-Mittel erfolgt in der Regel über die indischen Botschaften und Konsulate vor Ort. Das Repertoire indischer EZ-Instrumente läßt sich entlang der gängigen Unterscheidung in Finanzielle und Technische Zusammenarbeit(FZ/TZ) sowie der Not- und Katastrophenhilfe strukturieren: Im Rahmen der cáå~åòáÉääÉå= wìë~ããÉå~êÄÉáí verzeichnet das Budget für 2006/2007 ca. 346 Mio US$ Budgethilfen, Zuwendungen und Kredite an ausländische Regierungen. Das Gros dieser Mittel dient der projektgebundenen Finanzierung von Infrastrukturmaßnahmen(insb. Straßen, Schulen, Krankenhäuser). Im Rahmen der von der indischen Regierung ins Leben gerufenen qÉ~ãVJfåáíá~íáîÉ wurde eine 500 Mio US$ schwere Kreditlinie eröffnet, die Indiens Beziehungen zu den ressourcenreichen Staaten Westafrikas verbessern soll. Zudem wurden 200 Mio US$ zur Unterstützung des NEPAD-Prozesses bereitgestellt. Indien hat sich der HIPC II Initiative angeschlossen und dabei ausgewählten Staaten (Mosambik, Tansania, Uganda und Ghana, Sambia) insgesamt 24 Mio US$ Schulden erlassen. Die qÉÅÜåáëÅÜÉ= wìë~ããÉå~êÄÉáí Indiens mit Entwicklungsländern erfolgt im wesentlichen über das bereits seit 1964 existierende Indian Technical-Economic Cooperation-Programm(ITEC). Technische Zusammenarbeit bildet den Schwerpunkt indischer EZ und fokussiert vor allem auf die Bereitstellung von Expertise, Beratungsdienstleistungen und die Entsendung von Personal. Seit den 1960er Jahren sind im Rahmen des ITEC Programms 2,5 Mrd. US$ in über 150 Staaten geflossen. Ein Großteil der indischen FZ und TZ wird als bilaterale, staatliche Hilfe geleistet, was in direktem Kontrast zur Präferenz Indiens steht, als Empfänger möglichst auf multilaterale ODA zurückzugreifen, um Verwaltungsaufwand und Transaktionskosten zu minimieren. In den vergangenen Jahren hat die indische EZ eine deutliche Zunahme im Bereich der kçíJ=ìåÇ= h~í~ëíêçéÜÉåÜáäÑÉ= verzeichnet, wobei sich der Post-Tsunami Aufbau, und die internationale Nahrungsmittelhilfe als wichtigste Tätigkeitsfelder etabliert haben. Mit einer Summe von 25 Mio US$ erreichte die humanitäre Hilfe Indiens im Jahr 2005 jedoch ein im internationalen Vergleich noch immer sehr moderates Niveau. Indien blieb damit selbst hinter Staaten wie Kasachstan oder Katar zurück und erreichte nicht einmal mal die Hälfte dessen, was China in diesem Bereich bereitstellt(GHA 2006:69). Das Gros der Nothilfe wird über die eigene Armee im Rahmen von Kurzeinsätzen und Friedensmissionen sowie über das World Food Programm(WFP) abgewickelt. Das WFP, in dem Indien in kürzester Zeit vom Empfänger zum 15größten Geber avanciert ist, berichtet von indischen Nahrungsmittelhilfen nach Irak und Afghanistan in Höhe von 52 Mio US$ über die letzen drei Jahre. Im Jahr 2006 war Indien drittgrößter Truppensteller der UN und blickt auf eine Teilnahme an über 40 Friedensmissionen zurück, was die indische Regierung als Bestandteil ihrer Partnerschaft mit anderen Entwicklungsländern betrachtet. Der Einsatz dieser Instrumente wird im Folgenden an Hand der Region Südasien exemplifiziert. Internatioale EZ: Das Beispiel Indien FES Briefing Paper 5| März 2007 Seite 9 6 Indische Entwicklungszusammenarbeit in der Region Südasien Der Logik der oben skizzierten Verzahnung von Außen-, Wirtschafts- und Entwicklungspolitik folgend, konzentriert Indien den Einsatz dieser EZ-Instrumente auf Länder mit hoher strategischer Relevanz für den indischen Staat. In Zentralasien und Afrika stehen rohstoffreiche und ölexportierende Staaten wie Nigeria, Sudan, Kasachstan sowie Länder mit starker indischer Diaspora-Gemeinde 7 wie Tansania, Kenia oder Mauritius im Vordergrund. Doch auch wenn Afrika in den vergangenen drei Jahren stärker in den Fokus der Aufmerksamkeit Indiens gerückt ist, konzentriert sich indische EZ noch immer schwerpunktmäßig auf Länder der Region Südasien, namentlich Bhutan, Sri Lanka, Nepal, Afghanistan, die Malediven, Myanmar, und Bangladesh. Dabei ist der Regierung bewusst, dass die Anerkennung indischer Gestaltungsansprüche auf internationaler Ebene auch und gerade von der Frage abhängen wird, wie erfolgreich es dem Land gelingt, seine Rolle als regionale Führungsmacht in Südasien wahrzunehmen.„The key to India projecting itself beyond the region is to have and ensure stability in the region”(Baya 2007:6). Aus diesem Grund soll indische EZ einen Beitrag zur Realisierung der zentralen außenpolitischen Ziele Indiens in der Region leisten. Zu diesen gehört in erster Linie die Bekämpfung des grenzüberschreitenden Terrorismus, der Aufbau einer regionalen Sicherheitsarchitektur, die Sicherung der maritimen Vorherrschaft Indiens, der Ausbau des bilateralen Handels mit Nachbarstaaten sowie eine verstärkte wirtschaftliche Integration der SAARC-Länder. Zur weiteren Veranschaulichung werden im Folgenden Bhutan, Nepal und Afghanistan als zentrale Empfängerstaaten indischer ODA herangezogen. 7 Indien sieht seine ca. 20 Millionen Menschen umfassende Diaspora-Gemeinde als strategische Ressource, sowohl für Vertrieb und Vermarktung indischer Produkte und Quelle von Geldtransfers ins Mutterland, als auch Lobbyisten für politische Anliegen Indiens. In den vergangenen fünf Jahren hat Indien seine Diaspora-Aktivitäten massiv ausgeweitet, was sich beispielsweise in der Gründung eines „Ministry for Overseas Indian Affairs“ und in der Etablierung jährlicher Treffen für Auslandsinder in Delhi oder Mumbai manifestiert. Mit fünf PIOs (People of Indian Origin) als Staatsoberhäupter anderer Staaten gilt die indische Diapora-Gemeinde als sehr erfolgreich im Sinne der außenpolitischen Interessen Delhis(vgl. Gottschlich 2006, Bialles/Knauer 2006:3ff). Indien ist der wichtigste Geber in_Üìí~å und Bhutan der einzige Staat, der als abhängig von indischen ODA-Zahlungen bezeichnet werden kann. Mit Bhutans Rolle als„Pufferstaat“ zwischen den zwei asiatischen Großmächten mit traditionell engen Bindungen an den südlichen Nachbarn hat Indien ein strategisches Interesse an einem stabilen und prosperierenden bhutanischen Königreich. Und spätestens seit der chinesischen Besetzung Tibets und dem Aufmarsch chinesischer Truppen an der bhutanischen Grenze sucht Bhutan die enge Bindung an Indien als Sicherheitsdividende und Garant territorialer Integrität. Die bereits in den frühen 1960er Jahren einsetzende indisch-bhutanische Entwicklungspartnerschaft konzentriert sich auf den Aufbau von Infrastruktur und die Entwicklung des Bildungs- und Gesundheitssektors. Besondere Beachtung finden drei über indische konzessionäre Hilfe(60%) und Kredite(40%) finanzierte Wasserkraftwerke, seit deren Fertigstellung Bhutan in großem Maßstab Energie nach Indien exportiert und damit nicht nur über 40% des eigenen Haushaltseinkommens bestreitet, sondern auch einen moderaten, aber verlässlichen Beitrag zur Deckung des stetig wachsenden indischen Energiebedarfs leistet. Für die Unterstützung des aktuellen bhutanischen Fünfjahresplan zur wirtschaftlichen Entwicklung(2002-2007) hat die indische Regierung ca. 262 Mio US$ projektgebundene Mittel bereitgestellt. Auch hier nehmen Energieprojekte zum gegenseitigen Nutzen einen zentralen Stellenwert ein. Angesichts des labilen Friedensprozesses in kÉJ é~ä= und der Unterstützung indischer Guerillas durch die nepalesischen Maoisten hat Indien ein vitales Interesse an einer dauerhaften Befriedung des Landes und einer wirtschaftlich wie militärisch erfolgreichen Zentralregierung. Neben militärischer und wirtschaftlicher Hilfe unterstützt Indien den nepalesischen Staat auch mit EZMitteln in Höhe von etwa 15 Mio US$ jährlich. Das Gros dieser Mittel ist auf die Entwicklung der physischen Infrastruktur sowie auf Trainingsmaßnahmen im Bereich der Technischen Zusammenarbeit konzentriert. Mit Blick auf eine effizientere Implementierung indisch finanzierter Entwicklungsprojekte wurde im Jahr 2003 ein Memorandum of Understanding(MOU) unterzeichnet und ein Ñ~ëíJíê~Åâ Mechanismus etabliert. Darüber hinaus genießt Nepal einen weitgehend zoll- und quotenfreien Zugang zu indischen Märkten und führt jährlich Waren im Wert von ca. 425 Mio US$ nach Indien aus. Mit der Unterzeichnung eines neuen Handelsvertrags im Jahr 1996 haben sich die Exporte Nepals nach Indien verfünffacht. Indien ist zudem größter In- Internatioale EZ: Das Beispiel Indien FES Briefing Paper 5| März 2007 Seite 10 vestor mit einem jährlichen FDI-Volumen von US$ 300 Mio, was einem Anteil von 35% des FDI-Gesamtvolumens in Nepal entspricht. Auch in Nepal ist die Errichtung von indischen finanzierten Wasserkraftwerken geplant, deren Energieproduktion zum größten Teil nach Indien exportiert werden soll. Um die Beziehung zu Nepal und Bhutan von aus der Kolonialzeit stammenden und die Souveränität beider Staaten beschneidenden Bestimmungen zu befreien und den Wunsch nach partnerschaftlichen Beziehungen zu untermauern, hat sich Indien kürzlich für die grundlegende Überarbeitung der Nachbarschaftsverträge mit beiden Ländern entschieden (Bidwai 2007). Indien ist inzwischen zu einem wichtigen Geber im Prozess des Wiederaufbaus^ÑÖÜ~åáëí~åë avanciert und hat bis heute 650 Mio US$ für den Wiederaufbau des Landes bereitgestellt. Indiens primäres Interesse in Afghanistan ist es, eine Renaissance radikal-islamischer Kräfte zu verhindern und den Einfluss Pakistans in der Region zurückzudrängen. Indische Entwicklungszusammenarbeit mit Afghanistan ist aus Sicht Delhis ein direkter Beitrag zur Wahrung der inneren und äußeren Sicherheit Indiens. Afghanistan wiederum sieht die enge Kooperation mit Indien als eine Möglichkeit, sich stärker in der Region zu verankern und aus der allzu engen Umklammerung westlicher Staaten zu lösen. Während des letzten Staatsbesuchs von Präsident Karzai in Delhi im April 2006 wurden verschiedene Verträge zur Intensivierung der Kooperation in den Bereichen Bildung und ländliche Entwicklung verabschiedet. Zudem investiert Indien massiv in den Ausbau afghanischer Infrastruktur, wobei die Bauaufträge in der Regel an indische Firmen vergeben werden. 7 Fazit Die Ausführungen haben gezeigt, dass indische EZ in einem instrumentellen Verhältnis zur Außen- und Wirtschaftspolitik der indischen Regierung steht. Anders als in vielen europäischen Staaten, in denen Entwicklungszusammenarbeit ein zwar vernetztes, aber zugleich auch teilautonomes Politikfeld mit starker normativer Eigendynamik gelten kann, verfügt indische EZ nicht über einen eigenständigen Diskursraum und eine von indischer Außenpolitik abgrenzbare Eigenlogik. Doch erst durch diese Verschmelzung von entwicklungspolitischer und außenpolitischer Agenda gewinnt indische EZ ihre Bedeutung. Zwar sind indische ODA-Ströme in absoluten Zahlen betrachtet marginal, doch entfalten sie ihre Brisanz als strategisches Instrument im Gesamtportefeuille der wirtschaftlichen und politischen Zusammenarbeit I welches Indien seinen Partnerländern im Süden offeriert und mit dessen Hilfe der Aufschwung Indiens flankiert werden soll. Da Indien in keinem Land ausschließlich als Geber auftritt, sondern immer zugleich auch Investor, Handelspartner und politischer Verbündeter ist, wird für die weitere Diskussion die Frage im Vordergrund stehen müssen, welche Auswirkungen die durch indische EZ faszilitierten Investitionstätigkeiten, Handelsströme sowie Technologie- und Wissenstransfers künftig in Entwicklungsländern haben werden. Dabei muss jedoch konstatiert werden, dass Indiens Außen- und Sicherheitspolitik derzeit einen dynamischen Prozess durchläuft, und folglich auch die Konturen indischer EZ erst in den nächsten Jahren vollends sichtbar werden können. Die in diesem Papier beschriebenen Beispiele hinsichtlich des Zusammenspiels von Investitionstätigkeit und Entwicklungszusammenarbeit zeigen dabei einen ersten, vorsichtigen Trend an. Im Falle Chinas hat dieser Trend bereits eine gewisse Systematik entfaltet (Cotterrell/Harmer 2005, Fandrych 2006, Hofmann 2006). In der Gesamtbetrachtung drängt sich der Eindruck auf, dass die Entwicklungszusammenarbeit von aufstrebenden Mächten des Südens ein kleines, aber sich beschleunigendes Rad in einem Prozess ist, der das Potential haben könnte, die traditionellen Muster der internationalen Arbeitsteilung, Wertschöpfungsketten und Handelsströme umzustrukturieren. In der medialen Öffentlichkeit wird die Debatte über die Konsequenzen des wirtschaftlichen Aufstiegs Indiens und Chinas jedoch fast ausschließlich mit Blick auf die„bedrohten Wirtschaftsstandorte“ der westlichen Industrienationen geführt, während sein Einfluss auf Entwicklungsländer in Afrika, Asien und Lateinamerika oftmals ausgeklammert bleibt. Dies zu ändern wird eine der zentralen Herausforderungen der ÉãÉêÖáåÖ= Ççåçê Diskussion bleiben. §ÄÉê=ÇÉå=^ìíçêW= j~ííÜá~ë=gçÄÉäáìë=áëí=jáí~êÄÉáíÉê=áã=_ Ω êç=kÉì= aÉäÜá=ÇÉê=cêáÉÇêáÅÜJbÄÉêíJpíáÑíìåÖK Internatioale EZ: Das Beispiel Indien FES Briefing Paper 5| März 2007 Seite 11 Bibliographie Altenburg, Tilmann/Weikert, Jochen(2006):„Möglichkeiten und Grenzen entwicklungspolitischer Dreieckskooperation mit Ankerländern.“ Discussion Paper 15/2006. Deutsches Institut für Entwicklungspolitik (DIE):Bonn. Biallas, Axel/Knauer, Jan(2006):„Von Brandung zum Ölgeschäft: Indien und Inder in Afrika.“ Institut für Afrika Kunde. GIGA-Focus 1/2006. Hamburg. 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Internatioale EZ: Das Beispiel Indien FES Briefing Paper 5| März 2007 Abkürzung sverzeichnis HIPC Heavily indebted Poor Countries HDI Human Development Index IBSA India-Brazil-South Africa Dialogue Forum IDEAS Indian Development Assistance Scheme ITEC Indian Technical-Economic Cooperation-Program DAC Department of Economic Affairs(DEA) EZ Entwicklungszusammenarbeit FDI Foreign Direct Investments FZ Finanzielle Zusammenarbeit MEA Ministry of External Affairs MOU Memorandum of Understanding NEPAD The New Partnership for Africa’s Development NRO Nicht-Regierungsorgganisation ODA Official Development Assistance OECD Organization for Economic Cooperation and Development SAARC South Asian Association for Regional Cooperation TEAM Technical-Economic Approach for Africa-Indian Movement TZ Technische Zusammenarbeit WFP World Food Program Seite 12 Internatioale EZ: Das Beispiel Indien FES Briefing Paper 5| März 2007 Weitere FES Publikationen aus der Reihe"New Powers for Global Change?" • Challenges for International Development Cooperation: The Case of China Katharina Hofmann Briefing Paper 15-06, FES Berlin, November 2006 • South Africa's Global Strategy and Status Chris Landsberg Briefing Paper 16-06, FES Johannesburg, November 2006 • China's Role in the Emerging World Order Hans J. Giessmann Briefing Paper 13-06, FES Beijing, October 2006 • Egypt's Foreign Policy in Global Change The Egyptian Role in Regional and International Politics Mohamed Kadry Said Briefing Paper 11-06, FES Cairo, October 2006 • Mexico – a Reluctant Middle Power? Olga Pellicer FES Briefing Papers, FES New York, June 2006 Seite 13 Weitere Informationen unter: www.fes.de/globalization The views expressed in this publication are not necessarily the ones of the Friedrich-Ebert-Stiftung or of the organization for which the author works. Friedrich-Ebert-Stiftung Hiroshimastrasse 17 10785 Berlin Germany Tel.:++49-30-26-935-914 Fax:++49-30-26-935-959 Roswitha.Kiewitt@fes.de www.fes.de/globalization