Gesine Schwan Informationscontainer oder gebildete Bürger? Die Zukunft der Universität Informationscontainer oder gebildete Bürger? Die Zukunft der Universität Gesine Schwan, Januar 2001 I. Einleitung 1. Virtualisierung der Universität für die zukünftige Wissensgesellschaft? 2. Isolierte Computerklicker in einer Welt des Bürgerkriegs? II. Ziele der zukünftigen Universität 1. Ausbildung und Bildung konvergieren zukünftig in der Reflexion 2. Die unverzichtbar politische Dimension universitärer Bildung und Ausbildung 3. Verständigungsfähigkeit als Ziel universitärer Wahrheitssuche und als Kompetenz des gebildeten Bürgers III. Folgerungen für die Struktur der zukünftigen Universität 1. Amputation unserer kreativen Erkenntnismöglichkeiten in einer virtualisierten Universität 2. Die Bedeutung gegenseitiger Begeisterung und psychischer Absicherung in der realen Kommunikation 3. Überschaubare Einheiten, Internationalität und Interdisziplinarität von Forschung und Lehre 4. Folgerungen für Evaluationskriterien und Entscheidungsstruktur der Universität I. Einleitung Wir haben den Eindruck, in einem säkularen Umbruch zu leben. Nicht nur, weil wir das Jahr 2001 schreiben. 10 Jahre nach dem Ende des Ost-West-Konflikts hat die Welt für uns ein ganz anderes, vor 10 Jahren nicht erwartetes Gesicht angenommen: Anstelle einer einigermaßen friedfertigen weltweiten Entwicklung zu mehr Demokratie, Freiheit und Wohlstand machen Horrormeldungen über Krieg, Gewalt und Seuchen Schlagzeilen. Die weltweite ökonomische Globalisierung stellt uns vor harte neue Herausforderungen. Wir erleben, wie lokale oder regionale Gruppen leidenschaftlich und nicht selten auch mit Gewalt um ihre Identität kämpfen und ihre politische Autonomie einfordern. Der rasante technologische Fortschritt scheint alle bisherigen Lebens- und Wertvorstellungen hoffnungslos zu überrennen, gewissermaßen die Natur, auch die lebendigen Menschen, zunehmend www.fes-online-akademie.de Seite 1 von 19 Gesine Schwan Informationscontainer oder gebildete Bürger? Die Zukunft der Universität durch Hergestelltes zu ersetzen. Die kulturellen Reaktionen auf diese verwirrenden Erfahrungen bekunden zumeist ein Gefühl der Hoffnungs- und Sinnlosigkeit, allenfalls bieten sie dem Chaos nüchtern die Stirn. Aber stehen wir wirklich vor einem so radikalen Umbruch, dass er alle unsere bisherigen Herausforderungen in den Schatten stellte und die Einsichten und Ziele, an denen wir uns bislang orientiert haben, entwertete? Vor zwanzig Jahren hielt der ehemalige britische Premierminister Harold Macmillan zur Zeit des Präsidentschaftswechsels von Carter zu Reagan, der sog„transition period“, in Washington einen Vortrag, den er – über achtzig Jahre alt, ganz elder statesman und mit Würde auf seinen Stock gestützt- mit folgender Geschichte begann: Vor langer Zeit geschah es im Paradies, dass die Schlange Eva dazu überredete, einen verbotenen Apfel zu essen. Eva wiederum überredete Adam dazu, das Gleiche zu tun. Als Gott das sah, wurde er zornig und warf sie hinaus aus dem Paradies. Wie sie beide im Ausgang standen und auf den Weg zur Erde blickten, fasste Adam Eva bei der Hand und sagte:„Well Eve, we are now entering a period of transition“. Man könnte das etwas frei mit den Worten übersetzen:„Eva, jetzt beginnt für uns eine Zeit der Umbrüche.“ Mit seiner britischen Distanz und Ironie sprach Macmillan aus der kostbaren Erfahrung des alten Mannes, der begriffen hat, dass die Menschen im Laufe der Geschichte immer in der Empfindung eines radikalen, oft tief verunsichernden Umbruchs gelebt haben. Die naive Idee eines radikal neuen Zeitalters schleift sich damit ab an der Vergegenwärtigung der geschichtlichen Wiederkehr, nicht nur der fundamentalen existentiellen Herausforderungen des menschlichen Daseins – Geburt, Tod, Glücksstreben und Scheitern, Gerechtigkeit, Liebe und Krieg-, sondern auch wertvoller, nach wie vor gültiger Einsichten und Lebensperspektiven unserer Vorfahren, die uns Orientierung bieten können. In der Spannung dieser Doppelpoligkeit von unbezweifelbar neuen Herausforderungen und der fortdauernden Geltung alter Einsichten möchte ich die Frage nach der Zukunft der Universität im Folgenden erwägen. I. 1. Virtualisierung der Universität für die zukünftige Wissensgesellschaft? Zu den Bekräftigungen, die man heute auf keinen Fall auslassen sollte, wenn man sich auf der Höhe der Zeit erweisen will, gehört diejenige, dass wir uns in einer„Wissensgesellschaft“ befänden. Wissen, so allerdings schon vor mehr als dreißig Jahren der amerikanische Soziologe Daniel Bell, löst als Grundlage der wirtschaftlichen Produktion die materiellen Rohstoffe ab. Die Folgerung daraus ist einfach: Um reich zu sein und uns auf der Welt zu behaupten, müssen wir über möglichst viel Wissen verfügen und unsere Jugend www.fes-online-akademie.de Seite 2 von 19 Gesine Schwan Informationscontainer oder gebildete Bürger? Die Zukunft der Universität zum intensiven Wissenserwerb tauglich machen. Die elektronische Revolution bietet uns dafür eine vorzügliche Hilfe, in Windeseile können wir uns im Internet unzählige Informationen besorgen, von denen unsere Ahnen nur träumen konnten, können mit Hilfe des Rechners alle möglichen Kombinationen und Lösungsmöglichkeiten durchspielen und uns so zu unglaublicher Effizienz – oder Effektivität? – steigern. Das komplizierte Grübeln darüber, was Wissen eigentlich ist, wie was womit theoretisch zusammenhängt, die großen Kantischen Fragen: Was kann ich wissen? Was darf ich hoffen? Was soll ich tun? – sie erledigen sich in Zukunft von selbst. Denn, so z.B. Ulrich Hummel und Werner Sauter in ihrer Internet-Präsentation„Wissensmanagement und Lernen in der multimedialen Zukunft“:„Informationen, die als Wissen in Handeln der Mitarbeiter transferiert werden, sind ... der entscheidende Produktionsfaktor der kommenden Jahre.“(http://www.ba-heidenheim.de/verbind/stw/sr-presse.htm, S.1[URL nicht mehr aktuell; Red.]) So einfach ist das künftig: Informationen werden als Wissen in Handeln transferiert. Mit ihrer durchaus exemplarischen Präsentation suggerieren die Verfasser eine nahtlose Abfolge von der Information zum Handeln. Das Subjekt dieses Satzes bleibt zwar im Dunkeln(die Mitarbeiter sind es jedenfalls nicht), aber der mühelos ungebrochene Transfer von der Information zum Handeln reduziert sich auf eine Operation der technischen Durchführung. Was Informationen von Wissen unterscheidet und was den Schritt vom Wissen zum Handeln motiviert, geschweige denn rechtfertigt, diese Fragen treten gar nicht in den Blick. Der Mitarbeiter als Durchlauferhitzer. Warum hat sich Hamlet nur so viele überflüssige Gedanken gemacht? Die zitierten Herren, denen es zugunsten wirtschaftlicher Produktivität um ein„effizientes Wissensmanagement“(ebd.) geht, sind keine Exoten. Sie bauen, wie inzwischen immer mehr sog. Experten, an„virtuellen“ Hochschulen, u.a. in der Expertenkommission„Virtuelle Hochschule Baden-Württemberg“. Ausgehend von einem„ganzheitlichen Informations- und Wissenssystem“ – dessen Ganzheitlichkeit für sie offenbar kein wissenschaftstheoretisches Problem darstellt-, streben sie ein„virtuelles System zur Informationsübermittlung und zur interaktiven Kommunikation“ an(ebd. S.2).„Die Lernenden kommunizieren über ein virtuelles Lernzentrum mit ihren Tutoren, Fachexperten sowie anderen Studierenden. Im einzelnen sind somit ein zentraler Server mit einem entsprechenden Netzwerk, eine Datenbank sowie ein Kommunikationsnetz mit Mentoren und Experten sowie zwischen den Lernenden aufzubauen. Die Didaktik und Methodik ist systemgerecht weiterzuentwickeln.“(ebd. S.2). Auffällig ist in dieser Zukunftsbeschreibung vielleicht nicht zufällig das anordnende Bürokratendeutsch. Im„Unimagazin“, der Zeitschrift der Universität Zürich, entwickelt Lorenz Müller diese Idee am Beispiel der Weiterbildung fort. Da die Unternehmen diese oft nicht als Präsenzunterricht finanzieren wollen, schafft die Nutzung von Computertechnologien Abhilfe. Der Schwerpunkt liege bei dieser Art des Unterrichts nicht mehr in der„Wissensakkumulation www.fes-online-akademie.de Seite 3 von 19 Gesine Schwan Informationscontainer oder gebildete Bürger? Die Zukunft der Universität und –reproduktion“(liegt sie demnach bei der ersten Universitätsausbildung gerade dort?), sondern in der Vermittlung von„Methoden und Techniken, wie neuestes Wissen erschlossen und auf spezielle Probleme anwendbar gemacht werden kann“(Unimagazin, 4/1998, S.2).„Die bisher getrennten Präsenz- und Fernunterrichtsmethoden konvergieren dank computergestützter Kommunikation zu hybriden(sic! GS) Unterrichtsmodellen, welche Selbststudium, computergestütztes Gruppenlernen, interaktive Fernkurse(synchrones und asynchrones Teletutoring), Tele- und Präsenzunterricht bedarfsgerecht einsetzen.“(ebd.) Dazu gibt es ein anschauliches Bild, in dem jeder Kernbegriff in einem Kästchen steht. Mit Pfeilen, die ursächliche Wirkung suggerieren, sind sie untereinander verbunden. Die Lehrperson, so der Autor Lorenz Müller,„mutiert vom wissenden Lehrer... zum Tutor, der den Lernprozess begleitet sowie beratend unterstützt“. Hier bietet sich in der Sicht des Verfassers überdies eine gute weitere Möglichkeit der Arbeitsteilung: der eine kann den„Lehrinhalt“ aufbereiten, der andere ihn präsentieren. Die Lehrpersonen werden wunderbar austauschbar, sicher auch bald durch computergestützte Information ersetzbar. Was an diesen und anderen derartig zukunftsfreudigen Texten auffällt, ist die unbekümmerte Vagheit, mit der komplexe Begriffe verwendet werden. Sie wirken völlig unbehelligt von jedem Zweifel in Bezug auf die Handhabbarkeit und Wirksamkeit der skizzierten Lernarrangements. Dieser naive Optimismus und vor allem das Paradigma kompletter Herstellbarkeit irritieren allerdings denjenigen, der die Schwierigkeit, insbesondere die Reflexivität wirklich kritischen Forschens und Lernens aus der Praxis kennt.„Management“ – auf Deutsch„Handhabung“- heißt das neue Zauberwort, das alle traditionellen Probleme des Lernens und Lehrens weghext: Hier spielen unübersichtliche Eigenheiten von Menschen, verwirrende Wertentscheidungen, Zweideutigkeiten in der Wirklichkeitsinterpretation, die uns seit Jahrhunderten Schwierigkeiten bereiten, aber auch der Zauber der gemeinsamen Wahrheitssuche, des Lernens und Lehrens im persönlichen Austausch, keine Rolle mehr. Hier ist alles schnell und per Klick herzustellen – eben manageable. Es lohnt sich, diese Utopie genauer anzusehen, nicht um bildschirmstürmerisch gegen eine Technik anzugehen, die überaus hilfreich sein kann und hinter die wir weder zurück wollen noch können. Aber an der von ihr her propagierten radikalen Virtualisierung, der Auflösung der an Raum und Zeit gebundenen bisherigen Institution Universität, in der sich Menschen aus Fleisch und Blut an einem konkreten Ort treffen, mit ihrem Interesse an Wissenschaft und ihrem Liebeskummer, mit ihren speziellen Lebenserfahrungen und ihrer Fähigkeit zur Abstraktion und zur Selbstdistanz, mit ihrer Wahrheitsliebe und ihrer Interessengebundenheit, können wir prüfen, was für die Zukunft von der herkömmlichen Universität aufgegeben werden kann und was nicht; jedenfalls nicht, wenn man die weitreichenden Implikationen solcher Entscheidungen vermeiden will. www.fes-online-akademie.de Seite 4 von 19 Gesine Schwan Informationscontainer oder gebildete Bürger? Die Zukunft der Universität Radikale Infragestellungen fordern uns dazu heraus, uns auf das Eigentliche einer Institution oder eines Vorhabens zu besinnen. Darin liegt ihr Wert. Wenn man zur Wahrheitssuche, der traditionellen Aufgabe der Universität, keinen gemeinsamen Ort und kein Gebäude mehr braucht, wenn die Studenten alle vor ihrem Computer zu Hause sitzen bleiben können und keine Energie mehr durch Auto- oder Straßenbahnfahren verschwenden, wenn ihnen dies Tag und Nacht frei steht und sie sich nur noch ihrer individuellen jeweiligen Neigung fügen müssen, wenn der Staat wie die Individuen finanziell so viel einsparen können und überdies alles so flexibel geworden ist, dass man sich seine Gesprächspartner frei und zu jeder Zeit neu zu wählen vermag, ist das nicht ein riesiger Gewinn an Geld und vor allem an individueller Freiheit? Warum sollten wir uns nicht einfach auf diesen Zug schwingen? Wozu überhaupt noch Universitäten als besondere Institutionen? Wären umfassende öffentlich zugängliche Datenbanken und Informationssysteme, von denen sich jeder holt, was er gerade braucht, nicht viel billiger und effizienter? Oder effektiver? I. 2. Isolierte Computerklicker in einer Welt des Bürgerkriegs? Hier stoßen wir wieder auf das Begriffspaar: Effizienz und Effektivität, das gegenwärtig aller Orten als Erfolgskriterium von Prozessen und Institutionen, auch der Universitäten, angeboten wird, ohne dass ihr präziser Bedeutungsunterschied, geschweige denn das Ziel, für das sie funktional wären, genauer bestimmt oder begründet würden. Darum aber, um das Ziel der Institution Universität und um die sich daraus ergebenden strukturellen Folgen, geht es mir hier. Denn die im wesentlichen von den Sparzwängen des Staates, der scheinbar auf der Hand liegenden, global wirksamen ökonomischen Rationalität und der Logik der neuen Technologien inspirierten gegenwärtigen Reformvorschläge für die Universitäten haben einschneidende Folgen nicht nur für die einzelnen studierenden Menschen, sondern auch für die Art unserer zukünftigen Lebensgestaltung, unserer Gesellschaft, unserer Politik, unserer gemeinsamen oder vielleicht gar nicht mehr gemeinsamen Welt. Diese Folgen fallen in der gegenwärtigen Reformdiskussion in der Regel unter den Tisch. Vielleicht schrumpft mit den propagierten Ökonomisierungen und Technologisierungen die Vielfalt unseres persönlichen und gesellschaftlichen Lebens auf die Eindimensionalität technischer Handhabbarkeit zusammen, vielleicht werden wir in der isolierten Gewöhnung an unsere Computer wirklich zu fensterlosen Monaden, die möglicherweise noch in der Kneipe ein Bier zusammen trinken, sich aber eigentlich nichts mehr zu sagen haben, vor allem sich nicht mehr verständigen und auf einander einstellen können, weil sie es nicht gelernt haben, ihre innere Welt in der Begegnung mit anderen Menschen und mit der äußeren Welt zu entwickeln. Vielleicht ereilen uns dann die verkümmerten oder blockierten Leidenschaften, die uns Menschen bisher doch immer neben den Wünschen nach techniwww.fes-online-akademie.de Seite 5 von 19 Gesine Schwan Informationscontainer oder gebildete Bürger? Die Zukunft der Universität scher Vereinfachung und Verfügung auch ausgezeichnet haben, mit einer archaischen Kraft, in der bügerkriegsähnliche Bedingungen dem lernenden Individuum gar nicht mehr erlauben, vor seinem Computer zu sitzen. Und vielleicht ist die Vielfalt unserer kreativen Potentiale dann so vertrocknet, dass wir den neuen Herausforderungen nicht mehr gewachsen sind. Um es vorweg zu sagen: Einen logisch zwingenden Grund dafür, dass es dahin nicht kommen dürfe, vermag ich nicht vorzubringen. Und auch die weniger dramatische Variante einer Verkümmerung menschlicher Eigenschaften und Potentiale kann ich nicht verbindlich als„falsch“ ausweisen. Ein respektabler und angesehener Kollege sagte mir vor einiger Zeit, in Zukunft hätten wir Professoren weniger Wissenschaftler und Lehrer, statt dessen mehr Manager zu sein. In einer solchen Beschreibung wird die Universität zu einem Ort nicht des wahrheitsverpflichteten gemeinsamen Suchens, nicht des intellektuellen Erkenntnisfortschritts, nicht des kulturellen Austauschs, kurz: nicht des lebendigen Geistes, sondern des reibungslosen Funktionierens. Damit müssen Kultur und Geist aus der Gesellschaft nicht auswandern, aber die Wahrheitssuche als methodisch geprüftes und reflektiertes Erforschen von Wirklichkeit und das umfassende Nachdenken über sie hätten an der Universität ihren Ort verloren. Überdies ergäben sich weitreichende Folgen für die Gesellschaft, deren Nachwuchs die Einseitigkeit solcher Ausbildung in Führungspositionen an die zukünftige Arbeits- und Lebenswelt weitergäbe. II. Ziele der zukünftigen Universität Zur Frage steht, ob wir das wollen und welche anderen Effektivitäts- bzw. Effizienzvorstellungen, sprich: Ziele der Institution Universität wir gegebenenfalls statt ihrer reinen Ökonomisierung und Technologisierung vorschlagen möchten. II. 1. Ausbildung und Bildung konvergieren zukünftig in der Reflexion Traditionsgemäß werden als außerökonomische Ziele der Universität Bildung und Ausbildung genannt. Häufig werden sie gegeneinander ausgespielt. Dann steht die zweckfreie Persönlichkeitsentfaltung dem Training für den Arbeitsmarkt entgegen. Angefügt wird in der Regel noch die Warnung, heute könne die Universität nicht mehr nur für die Wissenschaft ausbilden – als ob sie das je so eingeengt getan hätte. Freilich hat die tiefgehende Unsicherheit über die zukünftige Gestalt des Arbeitsmarktes das Ziel der berufsbefähigenden Ausbildung in jüngster Zeit zunehmend unklar werden lassen. Wir wissen nicht mehr, wie der zukünftige Arbeitsmarkt aussehen wird, auf welche www.fes-online-akademie.de Seite 6 von 19 Gesine Schwan Informationscontainer oder gebildete Bürger? Die Zukunft der Universität Berufe hin man die Ausbildung ausrichten sollte. Mehr: Der Arbeitsmarkt kommt nicht wie ein Fatum auf uns, sondern ist durchaus beeinflussbar. Ein Beispiel: Der globale Wettbewerbsdruck kann bei den Wirtschaftsunternehmen unterschiedliche Reaktionen auslösen: Sie können arbeitsintensive Produktionen ins Ausland mit billigeren Löhnen verlagern, sie können statt dessen die Arbeit vor Ort tayloristisch intensivieren, die Arbeitskraft durch Automation ersetzen oder sich schließlich arbeits- wie innovationszentrierten Produktionsverfahren, z.B. Fertigungsinseln, Boxen- und Sternmontage, Gruppenarbeit zuwenden. Die zukunftsträchtigste von ihnen scheint, so lese ich es bei Fachleuten, die letzte zu sein. Allerdings verlangt sie eine hohe Qualifizierung der Beschäftigten. Die italienische Firma Fiat wollte 1994 eine solche Innovation in ihrem neuen Werk in Melfi einführen, musste sie jedoch erheblich reduzieren, weil nicht genug qualifizierte Arbeiter vor Ort zur Verfügung standen. Fiat richtete sein Werk daher auf einen deutlich geringeren Prozentsatz Qualifizierter ein, mit der Folge, dass nun auch in Zukunft hoch Qualifizierte weniger gefragt sein werden, die Arbeit für viele monotoner ausfällt und eine soziale Trennung zwischen niedrig und hoch Qualifizierten entsteht.(von Lüde 1998: S.162ff.) Wenn man das vermeiden will, dann kann eine hochqualifizierte, im wesentlichen auf Eigenständigkeit, Kreativität und Verantwortungsfähigkeit gerichtete Ausbildung also auch dann durchaus sinnvoll sein, wenn noch keine konkrete Verwendung auf dem Arbeitsmarkt sichtbar ist, weil sie innovationsbereiten Unternehmern allererst die Chance bietet, neue Wege zu gehen. Dieses Beispiel verweist auf die allmählich zunehmende Einsicht, dass gute, gleichsam „nachhaltige“ Ausbildung keineswegs im Gegensatz zur Bildung steht. Denn da die Zukunft offen ist, kommt es mehr und mehr nicht auf technische Fertigkeiten, auch nicht des Informationserwerbs an, sondern auf die Fähigkeit der Individuen, sich eigenständige Kategorien für die überbordenden Informationen, insgesamt für die„Welterfahrung“ zu erarbeiten, um über die Informationen hinaus zu reflektiertem Wissen zu gelangen, neue Ideen zu entwickeln, Initiativen zu ergreifen und mit anderen kooperativ umzusetzen. Alle diese Schritte erfordern ein hohes Maß an Reflexion. Sie bezieht sich zum einen auf die methodische und theoretische Grundlage von Informationen und Wissen. Dies allein verlangt einen langen Atem und vor allem Geduld gegenüber der Unsicherheit, die jede Methode und jede Theorie birgt – weshalb es sicheres, einfach handhabbares Wissen, ohne die Beachtung seiner jeweiligen Voraussetzungshaftigkeit, eben gar nicht gibt. Das gilt selbst für die kleinste Beobachtung.„Im Beobachten steckt mehr, als man beobachtet“, formuliert der Philosoph und Wissenstheoretiker Günter Abel dies treffend(Abel 1999: S.133). Die wissenschaftstheoretische Naivität, die sich in unzähligen auch hoch offiziellen Plädoyers für die neue Wissensgesellschaft, gemessen am universitären Standard, um nicht zu sagen am wissenschaftstheoretischen Forschungsstand, findet(oft implizit in der verfügungsorientierten Wortwahl versteckt), empfinde ich als blamabel. Als sei Wissen etwas, was man wie einen Feuerhaken handhaben kann. www.fes-online-akademie.de Seite 7 von 19 Gesine Schwan Informationscontainer oder gebildete Bürger? Die Zukunft der Universität Zum anderen bezieht sich die Reflexion auf die Verständigung mit den anderen, mit denen ich mich zusammen um das Wissen bemühe, mich austausche und kooperiere. Wer nicht gewohnt ist, über die Voraussetzungen des eigenen Denkens und Handelns zu reflektieren, hat Schwierigkeiten, sich anderen in der Sache mitzuteilen und in komplexen Zusammenhängen mit ihnen zu kooperieren. Die so knapp gekennzeichnete Reflexion als Voraussetzung zukunftsoffener und-fähiger Ausbildung ist nun zugleich ein wesentliches Element von Bildung, wie sie als Weg und Ziel der Persönlichkeitsentwicklung in der Folge der Aufklärung vorgestellt wird. Von zentraler Bedeutung ist dabei die Eigentätigkeit der gebildeten Person, die u.a. in der Selbstreflexion liegt, mit der sie sich zu einem moralischen Subjekt entwickelt. Bildung ist kein handliches oder prestigesicherndes Gut, über das der Bildungsbürger, in der sarkastischen Formulierung von Nietzsche, als Bildungsphilister verfügte, sondern die andauernde Anstrengung, mit der die Person die Welt erkennt, sich eine moralische Orientierung erwirbt und danach verantwortlich handelt. Jede Erfahrung gleicht sie dazu reflexiv, also in Rückbeugung auf sich selbst und auf vorangegangene Erfahrungen ab, im Bewusstsein dessen, dass es ein abgeschlossenes Wissen, auf das sie sich einfach stützen könnte und über das sie mit anderen nicht mehr zu kommunizieren bräuchte, nicht gibt. Der Fortschritt von der Einzelinformation zum Wissen, der im Alltagsverständnis eine Zunahme an Sicherheit über das Gesagte oder Angenommene zu erreichen scheint, liegt im Gegenteil in der paradoxen Vergewisserung über die prinzipielle Ungesichertheit von Wissen und die Grenzen seiner Geltung. Der Wissende kennt die Grenzen und die prinzipielle Hürde gegenüber jeder Sicherheitsanmaßung besser als der nur Informierte. Das Wissen um die Ungewissheit markiert also den Erkenntnisfortschritt. Kants„Kritik der reinen Vernunft“, die„kopernikanische Wende“ in der Erkenntnistheorie, hinter die so viele aktuelle Wissensgesellschafts-Rhetoriker zurückfallen, bietet die Grundlage, von der dieses Bildungsverständnis ausgeht. Damit ist es moderner und vor allem aufgeklärter als viele pseudofortschrittliche Positionen, die als Befund oder gar als Ziel unreflektiert die Informationsgesellschaft ausrufen.(vgl. Wolff-Metternich 1998: S.207ff.) Wenn gegenwärtig die Notwendigkeit lebenslanger Weiterbildung mit der kurzen sog. „Halbwertzeit“ des Wissens begründet wird, so verweist dies auf eine Gedankenlosigkeit, die aufzudecken wichtig ist, wenn man die zukünftigen Ziele der Universität unter der Bedingung von Computergläubigkeit und Informationsflut erwägen und bestimmen will. Wirklich reflektiertes Wissen wird nämlich nicht nach drei Monaten ungültig, so wie die Information über einen Fahrplan ungültig wird, wenn dieser sich geändert hat. Auf die Herausbildung derartig langlebigen, weil reflektierten, und vom Wissenden selbst zu verantwortenden Wissens käme es also an, eines Wissens, das man nicht als Chiffren in Kästchen packen und mit Kausalität fingierenden Pfeilen versehen kann, sondern das sich in der Praxis erfahrungsreicher Reflexion verwirklicht und auf andauernde, dabei auch immer rewww.fes-online-akademie.de Seite 8 von 19 Gesine Schwan Informationscontainer oder gebildete Bürger? Die Zukunft der Universität visionsbereite Kommunikation mit sich selbst wie mit anderen Personen angewiesen ist. Platons Dialoge und Aristoteles‘ Metaphysik sind über mehr als zweitausend Jahre aktuell geblieben, weil gründliches Nachdenken in Auseinandersetzung mit Gegenargumenten viele Umwege erspart und seine, freilich prinzipiell unabschließbare, d.h. eben auch immer relative, genauer relationale, aber darin doch haltbare Geltung behält. II. 2. Die unverzichtbar politische Dimension universitärer Bildung und Ausbildung Wenn Bildung und Ausbildung mit Blick auf die Zukunft, also gerade angesichts des rapiden technologischen Wandels, keinen prinzipiellen Gegensatz mehr darstellen, dann erhebt sich dennoch die Frage, ob die weitere politische Dimension des hier kurz skizzierten Bildungsverständnisses, das diese an Moral und bürgerliche Verantwortung koppelt, für die Zukunft der Universität noch bedeutsam bleibt. Ist Wissenschaft nicht notorisch„wertfrei“? Jedenfalls sagt man das oft und meint, sich dazu auf Max Weber berufen zu können. Freilich handelt es sich dabei um ein Missverständnis. Denn Max Weber war es lediglich darum gegangen, die Wertentscheidungen, die unvermeidlich in jede wissenschaftliche Untersuchung eingehen, kenntlich zu machen und keine Allgemeinverbindlichkeit für sie zu beanspruchen. Das gilt übrigens nicht nur für die Geistes- und Sozialwissenschaften. Auch Naturwissenschaft und Medizin, wenn man die letzte als separate Wissenschaft anführen will, gehen in ihren Methoden immer von Vorverständnissen über die Wirklichkeit oder über den Menschen aus, die Wertentscheidungen einschließen, und sei es nur, dass sie um der Verlässlichkeit eines erprobten methodischen Verfahrens willen weiter greifende Fragestellungen und damit Wirklichkeitssegmente oder mögliche kausale Zusammenhänge aus der Untersuchung ausschließen. Muss man das Ziel der Universität also auch politisch definieren? Kann man das überhaupt? Zwingt uns nicht die Logik der ökonomischen Globalisierung, auf politische Vereinbarung, auf Demokratie, Freiheit oder Gerechtigkeit zu verzichten, um der ökonomischen Effizienz, der Selbstbehauptung und des Überlebens willen? Schärfer: Ist die im aufklärerischen Bildungsverständnis enthaltene Idee von bürgerlicher Politik, vom politisch, d.h. für das Gemeinwesen verantwortlich handelnden Bürger, die im Rahmen des Nationalstaates geboren wurde, durch die Globalisierung nicht obsolet, ja unmöglich geworden? Diese Fragen sind keineswegs akademisch abgehoben, sondern stellen sich ganz real. Auch auf sie gibt es allerdings keine rein feststellende, gar verbindliche Antwort. Der scharfsinnige Soziologe Niklas Luhmann hat aus seiner systemtheoretischen Sicht der Politik für die Zukunft keine Chancen mehr eingeräumt, der Politikwissenschaftler Fritz Scharpf dem widersprochen; aber nicht einfach mit theoretischen oder empirischen Arguwww.fes-online-akademie.de Seite 9 von 19 Gesine Schwan Informationscontainer oder gebildete Bürger? Die Zukunft der Universität menten anhand des Bestehenden, sondern vor allem aus dem normativ, vielleicht sogar moralisch begründeten Impetus, die Probleme, die auf uns lasten oder zukommen, nicht einfach dem Selbstlauf zu überlassen, sondern trotz aller Schwierigkeiten die Verhältnisse doch zu gestalten. Allerdings hat er die Triftigkeit seiner Antwort, dass Politik, also die auf Erörterung und Vereinbarung beruhende Gestaltung von Entwicklungen, die uns alle betreffen, möglich bleibt, an eine Bedingung geknüpft: die Fähigkeit zur Mehrsprachigkeit, fein wissenschaftlich ausgedrückt: zur„Multilingualität“. Gemeint ist damit die Fähigkeit, sich zugleich in mehreren Bereichen der Wirklichkeit und der Gesellschaft auszukennen, ihre unterschiedlichen„Sprachen“ zu sprechen, weil wir uns sonst nicht verständigen, die Lebens- und Erfahrungswelt der anderen nicht begreifen können, sondern aneinander vorbeireden. Überdies erlaubt die Mehrsprachigkeit allein es, die unvermeidliche Spezialisierung unserer Kenntnisse und unserer Tätigkeitsfelder nicht zu einer solchen Verengung des jeweiligen Wirklichkeitshorizonts werden zu lassen, dass es zur Wahrheitsverzerrung und zu einer geradezu strukturellen Verantwortungslosigkeit kommt, weil wir die vorhersehbaren Folgen unseres Denkens und Tuns gar nicht mehr in den Blick bekommen. Wir werden dann – in den ironischen Worten Thomas Manns –„grenzenlos borniert“, und das kann uns teuer zu stehen kommen. Wenn wir also die Wirklichkeit nicht verzerren und weiter Einfluss nehmen wollen auf die Welt, in der wir leben, dann müssen wir zunehmend „mehrsprachig“ werden. Wäre also die bürgerlich-politische Dimension des aus der Aufklärung stammenden Bildungsverständnisses auch heute noch eine nicht nur mögliche, sondern sogar notwendige Komponente universitärer Bildung und damit ein Ziel der Universität? Ja, wenn es uns wichtig ist, den Gefahren einer partiellen Blindheit und einer strukturellen Verantwortungslosigkeit zu wehren, wenn wir den Gedanken nachvollziehen, dass ein Überleben auf dieser Erde zur Eindämmung der grassierenden Gewalt an moralische und politische Bedingungen wie Freiheit und Gerechtigkeit gebunden ist, und zwar für alle, weil wir uns nicht mehr abschotten können; ja, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass die Fortentwicklung der freiheitlichen, ein Mindestmaß an Gerechtigkeit verlangenden Demokratie die Voraussetzung für unser aller Überleben in einer gemeinsamen Welt darstellt. Dies wäre damit ein grundlegendes und umfassendes Ziel, dem sich die ökonomische Effizienz der Universität und ihre Technologisierung unterzuordnen hätten. Gilt das, obwohl der Nationalstaat heute immer weniger politisch entscheiden und ausrichten kann? Ja, gerade! Denn die freiheitliche Demokratie ist zwar als politische Form an Ort und Zeit gebunden, weil sich Politik nicht anders legitimieren lässt, aber der Ort der Entscheidungskompetenz muss sich nicht mit dem Nationalstaat decken. Viel spricht dafür, dass sich die Entscheidungsbereiche auf die überstaatliche Ebene zum einen und auf www.fes-online-akademie.de Seite 10 von 19 Gesine Schwan Informationscontainer oder gebildete Bürger? Die Zukunft der Universität die regionale zum anderen„entzerren“ bzw. verteilen werden und dass dies in dem Maße gelingt, wie die Probleme in bürgerlicher Verantwortung angegangen und entschieden werden; von Menschen, die es gelernt haben, über den Tellerrand ihrer eigenen Interessen, ihrer Lebenswelt, ihrer Profession, ihres Spezialgebiets oder Ihrer Weltanschauung hinaus zu blicken, sich in andere hineinzudenken und zu-fühlen, sich mit ihnen schon„vor Ort“ zu verständigen und tragfähige Regelungen zu finden; je selbsttätiger, ohne Abwarten auf den Wink von oben, desto besser. II. 3. Verständigungsfähigkeit als Ziel universitärer Wahrheitssuche und als Kompetenz des gebildeten Bürgers So scheint mir das umfassende Ziel der zukünftigen Universität die Verständigungsfähigkeit zu sein, im vielfältigen Sinne einerseits der kognitiven Einsicht in die Voraussetzungen unseres Wissen, Denkens und Handelns, der reflektierten Kenntnis unterschiedlicher Wirklichkeits- also auch Wissenschaftsbereiche, des Interesses an anderen geschichtlichen Erfahrungen und kulturellen Prägungen, sowie andererseits des Vermögens, der Phantasie und des Willens, sich in andere Denkweisen und Menschen hineinzuversetzen und gemeinsam mit ihnen im Geiste der Freiheit und der Gerechtigkeit zu handeln. Nicht von ungefähr schwingen in dem Wort„Verständigung“ eine scheinbar rein intellektuell-kognitive Saite und eine moralische mit. Sie haben beide ihre unverzichtbare Bedeutung. Denn es geht bei ihr zum einen darum, Neues zu begreifen- in seiner Logik, seinem inneren Aufbau, seinen Konsequenzen etc.- das ist das ureigene Gebiet der Forschung. Zum anderen wird es aber auch immer lebens- ja überlebensnotwendiger, mit anderen Personen zu einem Einvernehmen zu gelangen, auf sie zuzugehen mit durchaus klaren Vorstellungen, aber mit der Bereitschaft, im Falle von Konflikten zu gerechten Lösungen zu gelangen. Das wiederum kann man nur, wenn man nicht im eigenen Kenntnis- und Lebensbereich verkapselt bleibt, sondern, die eigene Welt reflektierend, sich auch auf anderes versteht. Das vielfach proklamierte„Wissensmanagement“ verhält sich zur Verständigungsfähigkeit wie das Kegeln zum Schachspiel, allerdings ist es weniger kunstvoll, sportlich und vor allem lustvoll als das Kegeln. III. Folgerungen für die Struktur der zukünftigen Universität Wenn ich im Folgenden die strukturellen Konsequenzen aus dem derartig umrissenen Ziel der Universität darzustellen suche, so geht es mir nicht um bis ins einzelne spezifizierte Regelungen, sondern um Leitlinien, die sich sowohl von der Tendenz einer technischen Virtualisierung der Universität – der Auflösung ihrer räumlichen und zeitlichen Dimension – als auch von Modellen einer durchgehenden Ökonomisierung und/ oder einer Zentralisiewww.fes-online-akademie.de Seite 11 von 19 Gesine Schwan Informationscontainer oder gebildete Bürger? Die Zukunft der Universität rung der Entscheidungskompetenzen absetzen. Ich weiß, dass ich gegenwärtig damit gar nicht im Trend liege. Um so mehr geht es mir darum, argumentativ für meine Alternative einzutreten und die Gefahren und Grenzen der populäreren anderen zu zeigen. III. 1. Amputation unserer kreativen Erkenntnismöglichkeiten in einer virtualisierten Universität Wozu also brauchen wir als Universität noch einen gemeinsamen Ort und eine Zeit, zu der wir uns als konkrete Personen treffen? Und was können wir auf technische Hilfsmittel delegieren, wie können wir diese zur Erleichterung einsetzen? Wenn zur Verständigungsfähigkeit über unterschiedliche Wirklichkeitsbereiche und Wissenschaftsdisziplinen hinweg die Kenntnis von deren Grundannahmen, methodischen Zugängen, inneren Zusammenhängen, auch Unwägbarkeiten gehört – welche Elemente und Repräsentationen gehören zur Biologie, welche Methoden mit welchen Konsequenzen für die Forschungsergebnisse haben sich inwiefern bewährt, welche Korrelationen lassen sich z.B. zwischen dem Orientierungsverhalten von Bienen und der natürlichen Umwelt, in der sie fliegen, ausmachen, wo liegen die Geltungsgrenzen der empirischen Befunde? – dann verlangt Verständigungsfähigkeit selbstverständlich eine hohe Zahl von Einzelinformationen. Allerdings ist von grundlegender Bedeutung für den wissenschaftlichen Umgang mit ihnen, dass man sich von vornherein von der Naivität verabschiedet, auch nur eine einzige Information als selbstverständlich oder einfach gegeben zu betrachten. Wie gesagt, jede Beobachtung, als Grundlage von Informationen, enthält immer mehr, als man beobachtet (Abel). Als reflektierte ist sie daher einzuordnen in ein Geflecht von Kategorien und Regeln, von denen viele in den einzelnen Disziplinen lange eingeführt sind und sich unter den jeweiligen Bewährungskriterien gehalten haben. Das heißt freilich nicht, dass sie unumstößlich wären. Im Gegenteil, Forschungsinnovationen kommen häufig aus einem grundlegenden Wandel der methodischen Perspektive und der damit verbundenen Kategorien. Die Pflege der Phantasie, die uns in Erinnerung ruft, dass ein Sachverhalt auch immer anders gedeutet werden kann, ist Bedingung von wissenschaftlicher Innovation. Technisch handhabbar„geliefert“ werden können relativ fest tradierte Grundmuster eines disziplinären Wissens – und auf sie kann man nicht verzichten-, aber zugleich ist ihre jedenfalls potentielle Problematisierung das Lebenselixier von Lehre und Forschung. Sie gelingt am besten im konkreten Gespräch, in dem die Beteiligten ihre Fragen vorbringen (wozu sie oft ausdrücklich ermutigt werden müssen, weil unsere Schulkultur das Fragen nicht gerade fördert). Muss man dazu als ganzer Mensch anwesend sein, oder genügt es, dass man sich in eine, vielleicht sogar optisch gestützte, Zusammenschaltung einklickt? www.fes-online-akademie.de Seite 12 von 19 Gesine Schwan Informationscontainer oder gebildete Bürger? Die Zukunft der Universität „Lernen“, so der Pädagoge und Psychologe Peter Reimann,„ist nicht zu trennen von seinem situativen Kontext, d.h. die Situation, in der gelernt wird, beeinflusst stark das Ergebnis des Wissenserwerbs“(Reimann 1998: S.197). Der grundsätzliche Unterschied zwischen der natürlichen Gemeinsamkeit an Ort und Zeit und der technischen Zusammenschaltung liegt in deren unvermeidbarer Ausschnitthaftigkeit. Sie stellt kein Problem dar, wenn es um den Austausch über eine begrenzte Fragestellung oder um Einzelinformationen geht. Hier haben der Computer, das Internet, die weitausladenden Datenbanken und vor allem E-Mail einen kostbaren Fortschritt gebracht, der es ermöglicht, im Rahmen akzeptierter Regeln, deren Reflexion für diesen Fall ausgeklammert ist oder jedenfalls nicht zur Debatte steht, Erkenntnisse oder sogar Einsichten zu gewinnen, oder: viel simpler(aber überaus nützlich): einfach Verabredungen zu treffen. Das Problem beginnt dort, wo der Regelrahmen problematisiert werden soll, und das ist der klassische Fall universitären Lernens. Dessen Grundlage ist die genaue und möglichst umfassende Beobachtung: sei es des naturwissenschaftlichen Experiments, sei es eines Textes, einer Tabelle, einer sozialen Situation oder eines Krankheitsverlaufs, und deren anschließende reflektierte Interpretation. Fruchtbar gelingt diese jedoch nur, wenn Lehrende und Lernende, also, gemäß dem keineswegs einfach veralteten Humboldt’schen Modell, gemeinsam der Wissenschaft Verpflichtete von dem jeweiligen Universum, das sich in ihren Köpfen – oft unreflektiert – gebildet hat, ausgehen, daran gegenseitig anknüpfen, sich dazu aufmerksam – auch in Bezug auf nicht-verbale Äußerungen – wahrnehmen und so eine Gemeinschaft von je eigenständig Nachdenkenden und Forschenden bilden, deren sorgfältiges Zusammenspiel allererst den möglichen Reichtum erschließt, der sich in ihren Kenntnissen, Erfahrungen, Beobachtungen oder Reflexionen findet. Ich bestreite nicht, dass wir uns auch, auf kognitive„Einspeiser“ eines Rechners reduziert, miteinander unterhalten können und dass für einen Austausch kategoriell standardisierter Informationen das Internet genügt, ja überaus hilfreiche Dienste leistet. Aber die an Raum und Zeit gebundene Universität durch eine virtuelle zu ersetzen, bedeutet, sich freiwillig um den Erkenntnisreichtum, die Reflexionstiefe und die Kreativität zu amputieren, die uns Menschen mit unseren vielfältigen Sinnen potentiell geschenkt sind. Was wir hier ökonomisch einsparen können, geht uns, mit weitreichenden Konsequenzen, langfristig an schöpferischer Erkenntnis verloren. III. 2. Die Bedeutung gegenseitiger Begeisterung und psychischer Absicherung in der realen Kommunikation Die konkrete Zusammenarbeit an einem Ort ist aber nicht nur unter dem Gesichtspunkt des Erkenntnisgewinns von hoher Bedeutung. Sie hat auch wichtige psychologische Aspekte vor allem der Motivation und der psychischen Versicherung. Wilhelm von Humboldt www.fes-online-akademie.de Seite 13 von 19 Gesine Schwan Informationscontainer oder gebildete Bürger? Die Zukunft der Universität hat das 1810 in seiner Schrift„Über die innere und äußere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin“ bis heute treffend formuliert:„Da aber auch das geistige Wirken in der Menschheit nur als Zusammenwirken gedeiht, und zwar nicht bloß, damit einer ersetze, was dem anderen mangelt, sondern damit die gelingende Tätigkeit des einen den anderen begeistere,... so muss die innere Organisation dieser Anstalten ein ununterbrochenes, sich immer selbst wieder belebendes, aber ungezwungenes und absichtsloses Zusammenwirken hervorbringen und unterhalten“(Humboldt 1957: S.126). Zwar ging es Humboldt noch nicht um die Alternative einer virtuellen Universität ohne Zeit und Raum, aber das motivierende Moment der gegenseitigen Begeisterung hat er ernster genommen als jene, die glauben, wissenschaftliche Kreativität allein auf technologische und ökonomische Rationalität gründen zu können. Humboldts Sprache lässt aber auch den Abstand erkennen, der die zeitgenössische Moderne – manche sprechen lieber von Postmoderne – vom Enthusiasmus des deutschen Idealismus trennt. Der Cambridger Soziologe Anthony Giddens hat in seiner Analyse der Moderne die grundlegende Verunsicherung und das Risikobewusstsein als deren zentrale Kennzeichen ausgemacht und auf die Folgen verwiesen, die dies für die einzelnen Menschen, die Herausbildung ihres Selbsts, aber auch für die Wissenschaft mit sich bringt. Zweifel, Unsicherheit und Angst kennzeichnen unsere Gegenwart, die Moderne hat alle traditionellen Absicherungen zerstört bis hin zum Verlust eines gemeinsamen Wirklichkeitsverständnisses, im weltanschaulich-philosophischen wie im wissenschaftlichen Sinne. Im Alltag klammern wir diese Grunderfahrung in der Regel durch Routinen aus. Wir verhalten uns so,„als ob“ es diese Unsicherheiten nicht gäbe(Giddens 1991: S.36ff.). Hinter ihnen aber „lauert“ das Chaos(„chaos lurks“; ebd. S.36). Universitäre Bildung hat nun gerade die zentrale Aufgabe, das scheinbar Selbstverständliche, die Routine, zu problematisieren und damit dem Chaos ins Auge zu blicken. Diese Grundhaltung zur Welt fällt nicht nur schwer, sie ist auch psychisch kostspielig. Im Umgang mit Erstsemestern kann man die Verunsicherung, die wissenschaftlich-methodisches Fragen auslöst, immer wieder erleben. Gerade besonders kluge und sensible Studierende können dadurch ernsthaft gefährdet werden. Da der Rückzug in falsche theoretische Sicherheiten versperrt ist, Kreativität aber einer grundlegenden psychischen Sicherheit bedarf – sonst lässt man sich nicht ins Bodenlose wissenschaftlichen und philosophischen Fragens fallen-, bleibt nur die prinzipiell andere Dimension emotionaler Verankerung. Giddens verbindet sie mit Eriksons„Urvertrauen“, das allerdings auf frühkindliche gute Erfahrungen angewiesen ist(ebd. S.41). Häufig können wir darauf heute nicht zurückgreifen. Um so wichtiger ist das Sicherheitsnetz freundschaftlicher Verbindungen und außerintellektueller musischer oder sportlicher Aktivitäten, um uns vor tiefgehender Verunwww.fes-online-akademie.de Seite 14 von 19 Gesine Schwan Informationscontainer oder gebildete Bürger? Die Zukunft der Universität sicherung, vor Angst und Resignation zu bewahren und uns den Mut zu geben, das Erkenntnisrisiko einzugehen und damit unsere Kreativität zu stützen. Nur wer das Abenteuer und die Abgründe des radikalen Zweifels nicht kennt und selbst in der Wissenschaft den Schutz der Routine beibehält, kann solche Erwägungen als wissenschaftsfremd oder als Plädoyer für einen Freizeitpark missverstehen. Tragende Freundschaften aber entstehen zwischen Menschen, die sich nicht nur virtuell, sondern konkret begegnen, ihre gegenseitige Verlässlichkeit ausprobieren und erfahren können und damit ein Fundament für ein Leben lang währende Beziehungen legen. Verständigungsfähigkeit setzt überdies Welterfahrung und soziale Kompetenz voraus. Eine virtuelle Universität zwingt uns kaum, uns auf andere Menschen einzustellen, ein differenziertes Verständnis für ihr Verhalten zu entwickeln. Die sprichwörtliche Weltfremdheit von Professoren, die auch durch die traditionelle Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern begünstigt war und ist, derzufolge der Alltag des Lebens eher von den Frauen versorgt wird- diese kleine feministische Anmerkung sei mir vergönnt –, hatte früher zuweilen etwas Anrührendes. In der Universität der Zukunft sollte sie nicht mehr die Regel sein(auch wenn es immer die Möglichkeit geben muss, in einsamer Weltabgeschiedenheit zu forschen!). So steht die Verständigungsfähigkeit, wenn man sie als Ziel von Universität ernst nimmt, deren Virtualisierung klar entgegen. Die Technik des Computers bietet eine vorzügliche Hilfe, Informationen beschleunigt zu übermitteln und aufzunehmen. Daraus wird aber Wissen erst, wenn sich Menschen an einem Ort treffen, wo sie das ganze Potential ihrer vieldimensionalen Erkenntnisfähigkeit ausschöpfen und fruchtbar machen können. Das konkrete Zusammensein sichert ab gegen die Verzweiflung, die aus der Bodenlosigkeit wissenschaftlichen Fragens aufsteigen kann und bietet die Welterfahrung wie die soziale Kompetenz, die Verständigung auch braucht. Damit soll der pragmatische Wert von Fernunterricht, der in vielen Situationen wertvolle Hilfe leistet, nicht bestritten werden. Aber er darf die Universität nicht ersetzen, sondern bleibt eine Notlösung. III. 3 Überschaubare Einheiten, Internationalität und Interdisziplinarität von Forschung und Lehre Drei weitere strukturelle Folgen aus dem von mir genannten Universitätsziel möchte ich noch kurz ausführen: Die Notwendigkeit, den persönlichen Umgang miteinander durch überschaubare Einheiten zu wahren, sowie die Forderungen nach Internationalität und Interdisziplinarität universitärer Forschung und Lehre. www.fes-online-akademie.de Seite 15 von 19 Gesine Schwan Informationscontainer oder gebildete Bürger? Die Zukunft der Universität Den ersten Punkt muss ich wohl, nach dem Gesagten, nicht näher ausführen. Allerdings möchte ich die Notwendigkeit unterstreichen, dass gerade Massenuniversitäten, die man ja nicht einfach zerkleinern oder zugunsten kleinerer abschaffen kann, eine besondere Herausforderung darin sehen sollten, den Charakter anonymer Massenabfertigung, wo er sich eingestellt hat, zu überwinden. Sonst werden sie zu seelenlosen Verwahranstalten für Studierende, zu deren individuellem Schaden, aber auch zum Schaden der Gesellschaft, deren hohe finanzielle Mittel auf diese Weise unverantwortlich vertan werden. Solche Universitäten ziehen dann auch immer weniger kreative und originelle Studierende an, was zur weiteren Dequalifizierung beiträgt. Zur Internationalität ist es mir wichtig anzumerken, dass sie nicht nur aus Prestigegründen oder um der Sicherung von Arbeitsplätzen für die Absolventen wichtig ist. Man soll diesen handfesten Grund zwar nicht unterschätzen. An der Europa-Universität Viadrina zieht z.B. neben dem innovativen Studiengang der Kulturwissenschaftlichen Fakultät insbesondere der wirtschaftswissenschaftliche des„International Business Administration“ eine hohe Zahl von Bewerbern an, und das sicher auch, weil sich dafür ein vielversprechender Arbeitsmarkt in Mittel- und Osteuropa aufgetan hat. Aber es geht eben auch darum, in der Internationalisierung der Universität unterschiedliche historische und kulturelle Denk- und Lebensgewohnheiten, Mentalitäten, Einstellungen einander begegnen zu lassen, um sich besser verständigen zu können. Dazu wäre es wichtig, möglichst wenigstens zwei Fremdsprachen zu lernen. Englisch als lingua franca ist wichtig, in den Naturwissenschaften oft durchaus zureichend, aber selbst wenn Englisch in Zukunft zunehmend die pragmatische Unterrichtssprache sein wird, dürfen wir nicht vergessen, dass sie vielfach nur verkürzt vermitteln kann, was Menschen in ihrer Muttersprache mitteilen wollen und können. Auch deshalb ist die Kommunikation über ein technisch reduziertes Verständnis von Lehre hinaus von Studierenden aus verschiedenen Ländern für die zukünftige Universität so bedeutsam. Das Thema der Interdisziplinarität ist ein besonders dorniges Feld. Wer mit interdisziplinärer Forschung Erfahrungen hat sammeln können, weiß, wie schwierig es ist, über eine reine Addition von disziplinären Erkenntnissen hinauszukommen. Oft sind schon die Denkweisen, man könnte fast etwas salopp sagen: die Temperamente in den einzelnen Disziplinen so verschieden, dass es unmöglich erscheint, sich zusammenzufinden und dabei über banale Einsichten hinauszukommen. Überaus ehrenwerte Kolleginnen und Kollegen rümpfen daher inzwischen bei diesem Begriff die Nase und setzen ihm die„Professionalität“ entgegen, womit sie Seriosität und Tiefgang, der demnach nur innerhalb einer Disziplin gewahrt werden könnte, retten wollen. Freilich geschieht das dann immer um den Preis der Ausklammerung weiter Wirklichkeitsbereiche, deren Einbezug störend wäre, weil er andere Methoden erforderte. In den Sozialwissenschaften z.B. können quantitative www.fes-online-akademie.de Seite 16 von 19 Gesine Schwan Informationscontainer oder gebildete Bürger? Die Zukunft der Universität Meinungsforschung und qualitative Biographieforschung kaum etwas miteinander anfangen, und dabei gehören Meinungen und individuelle Biographien doch eng zusammen! Je mehr Wirklichkeit aber um der methodischen„Sauberkeit“ bzw. der Professionalität willen ausgeklammert wird, desto größere Einbußen bringt das für die Geltung der Forschungsergebnisse mit sich. Man kann zwar analytisch von vielen Umständen – die man probehalber als ceteris paribus gleichsetzt – absehen, die Wirklichkeit hält sich daran in der Regel nicht. Jürgen Mittelstraß hat als Ausweg aus diesem Dilemma seit einigen Jahren den Begriff der Transdisziplinarität propagiert und damit zugleich den Anspruch, zu viele Disziplinen gleichsam unter einen Hut zu bringen, zurückgenommen. Was bliebe, wäre immerhin das Prinzip, die Grenzen des eigenen Bereichs nicht aus dem Blick zu verlieren, die Einsicht, dass wissenschaftliche Innovation sich oft dann einstellt, wenn die Forschung über vorher feststehende Disziplingrenzen hinausgeht und sich z.B. hinsichtlich der Hirnforschung sowohl naturwissenschaftliche als auch geisteswissenschaftliche Zugänge erschließt. Beides tut der Verständigungsfähigkeit unverzichtbare Dienste. III. 4. Folgerungen für Evaluationskriterien und Entscheidungsstruktur der Universität Schließlich hat das Ziel der Verständigungsfähigkeit weichenstellende Konsequenzen für die Entscheidungsstruktur der zukünftigen Universität und für die Evaluationskriterien, an denen man ihre Leistung misst. Die jahrelang zu Besorgnis anhaltenden Erfahrungen insbesondere der Massenuniversitäten, die Enttäuschung darüber, dass es so schwierig ist, in ihnen durchdachte Reformen voranzubringen, hat eine allgemeine Tendenz bei wichtigen hochschulpolitischen Verantwortungsträgern bestärkt, die Entscheidungskompetenzen innerhalb der Universitäten zu zentralisieren – bei den Präsidenten und bei den Dekanen-, um so Leistung zu stimulieren und Neuerungen durchzusetzen. Die Kriterien solcher Leistung, in denen sich ja der Grundkonsens über die Gestalt der Institution Universität verbirgt, werden nach diesem Modell nicht gemeinsam erörtert, festgelegt sowie im republikanischen Geiste einer Wissenschaftsgemeinschaft getragen und durchgesetzt, sondern gleichsam von oben angeordnet. Offenbar glaubt man nicht mehr daran, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler soviel Vernunft, im gemeinwohlorientierten Sinne der Aufklärung, aufbringen können, sich auf ihre gemeinsamen Grundlagen zu verständigen. Wenn aber im Modell der Zentralisierung die rationale Erörterung durch die Anordnung ersetzt wird, wenn so der Zwang zur Argumentation sowohl für die Universitäts- oder Fakultätsspitze als auch für die übrigen Mitglieder der Universität entfällt, dann gehen sowohl eine Palette von möglicherweise wichtigen Argumenten verloren als auch die Motivawww.fes-online-akademie.de Seite 17 von 19 Gesine Schwan Informationscontainer oder gebildete Bürger? Die Zukunft der Universität tion, welche aus einer freiwillig übernommenen Vereinbarung erwächst. Damit wächst die Gefahr einer Fehlentwicklung. Im Grunde handelt es sich hier um die klassische Frage, ob Platons Philosophenkönigtum oder Aristoteles‘ gemäßigte Regierungsweise dem Gemeinwesen freier, aber endlicher Menschen besser bekommt. Die Bereitschaft, die Gewaltenteilung als Kennzeichen der gemäßigten Regierungsweise im Angesicht von Schwierigkeiten zugunsten der Machtanhäufung aufzugeben, stellt sich in Deutschland immer noch erstaunlich schnell ein. Zur Frage steht auch, wo man denn, wenn nicht an der Universität, die Rationalität und Argumentationsfähigkeit wie-bereitschaft erwarten soll, die zur Verständigung über gemeinsame Aufgaben, auch unter Konfliktbedingungen, gehört. Denn wo, wenn nicht an der Universität, ist der Ort, an dem das methodisch reflektierte Analysieren und das Denken in Zusammenhängen, die Grundlagen rationalen Argumentierens, berufsmäßig, eben professionell, in jedem Forschungsprojekt und in jeder Seminarsitzung betrieben wird oder zumindest werden sollte? Dass an diesem Ort zwei gegenteilige Prinzipien – das des freien Argumentierens und das des unbefragten Ausführens- zugleich gelten könnten, ist sehr unwahrscheinlich. Die Kultur einer Institution kann man nicht von einem Augenblick zum anderen wechseln, wie man einen Lichtschalter betätigt. Deshalb muss es, so meine ich, eine Entsprechung zwischen dem Ziel der Verständigungsfähigkeit und der Struktur der Universität geben. Dies gilt schließlich auch für ein ökonomisch reduziertes Verständnis von Effektivität. Effizienz definiert man häufig als Wirksamkeit von Mitteln im Dienst von gegebenen Zwecken. Die Effektivität wäre demnach das übergeordnete Ziel. Wenn sie auf die Verständigungsfähigkeit der universitären Mitglieder gerichtet ist, dann ist der rationelle Einsatz von finanziellen Mitteln an diesem umfassenden Ziel, das für die einzelnen Tätigkeiten in der Universität zu spezifizieren ist, zu messen, nicht aber daran, ob die Universität rote Zahlen macht. Das ist überhaupt kein Plädoyer für Schlendrian. Aber es erscheint mir in Zeiten der Dezentralisierung von Finanzhoheit und des sog. budgeting wichtig, darauf hinzuweisen, dass es zur Degenerierung der Universität führt, wenn sich z.B. in neuen BudgetingModellen die einzelnen Fakultäten wie Unternehmungen oder Banken, die einander Kredit geben, verhalten und sich so allmählich alles nur noch darauf richtet, Gewinn zu machen. Solche Modelle wirken ungemein modern und lassen nicht auf Anhieb die Folgen erkennen die die Anpassung der gesamten Universität an die Logik kapitalistischen Wirtschaftens mit sich bringt. Abstrakter gesprochen, rächt es sich, wenn die unterschiedlichen Logiken der einzelnen gesellschaftlichen Teilbereiche – Bildung, Kunst und Kultur, Gesundheit, Recht, technische Kommunikation- von einer einzigen, der ökonomischen Rationalität, verdrängt werwww.fes-online-akademie.de Seite 18 von 19 Gesine Schwan Informationscontainer oder gebildete Bürger? Die Zukunft der Universität den. Das ist keine moralische, sondern eine vormoralische Frage des gesellschaftlichen Überlebens. Denn der prinzipiell unberechenbaren Zukunft, das lehrt die Geschichte, ist die Gesellschaft am ehesten gewachsen, wenn sie sich eine große inhaltliche Vielfalt und Dynamik bewahrt hat, aus der sie für ihre Zukunft angesichts unerwarteter Situationen kreativ schöpfen kann. Eine geistig enge Gesellschaft hat wenig Zukunft. Am Anfang war der Logos – das Wort, die Tat oder der Geist. Wenn die Universität für unsere Zukunft die Fähigkeit zum immer erneuten Anfang pflegen und bewahren soll, dann muss sie ein Ort des Geistes bleiben, der sich nicht in Einzellogiken einsperren lässt oder verliert, der über Grenzen und Abschottungen hinweggeht und dessen tieferer Sinn darin liegt, dass er zusammenführt und als das Umfassende lebt. Verwendete Literatur: Abel 1999: Günter Abel: Sprache, Zeichen, Interpretation, Frankfurt/Main. Giddens 1991: Anthony Giddens: Modernity and Self-Identity. Self and Society in the Late Modern Age, Cambridge. Humboldt 1957: Wilhelm von Humboldt: Über die innere und äußere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin, in: Heinrich Weinstock(Hrsg.), Wilhelm von Humboldt, Auswahl aus seinen Schriften, Frankfurt/Main, S.126-130. von Lüde 1998: Rolf von Lüde: Das doppelte Gesicht von Arbeit und Bildung, in: Heidelberger Club für Wirtschaft und Kultur e.V.(Hrsg.): Bereit für die Wissensgesellschaft? Bildung und Ausbildung auf dem Prüfstand, Berlin, Heidelberg, New York, S.159-173. Reimann 1998: Peter Reimann: Bildung mit neuen Medien: Lernen in der Informationsgesellschaft, in: Heidelberger Club für Wirtschaft und Kultur e.V.(Hrsg.): Bereit für die Wissensgesellschaft? Bildung und Ausbildung auf dem Prüfstand, Berlin, Heidelberg, New York, S.193-203. Wolff-Metternich 1998: Brigitta-Sophie von Wolff-Metternich: Was kann und soll Bildung leisten – Ein kritischer Beitrag aus philosophiegeschichtlicher Perspektive, in: Heidelberger Club für Wirtschaft und Kultur e.V.(Hrsg.): Bereit für die Wissensgesellschaft? Bildung und Ausbildung auf dem Prüfstand, Berlin, Heidelberg, New York, S.205-213. Gesine Schwan ist Professorin für Politikwissenschaft und die Präsidentin der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt(Oder). www.fes-online-akademie.de Seite 19 von 19