Gesprächskreis Sport – Gesellschaft – Zukunft Olympia 2012 – eine Chance für Deutschland Eine Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung am 2. Juli 2003 in Berlin ISBN 3-89892-201-4 Copyright© 2003 by Friedrich-Ebert-Stiftung Gesprächskreis Sport – Gesellschaft – Zukunft Godesberger Allee 149 53175 Bonn Verantwortlich: Siegbert Heid Umschlag: Pellens Kommunikationsdesign GmbH, Bonn Fotos: Joachim Liebe, Potsdam Druck: Toennes Satz+ Druck GmbH, Erkrath Printed in Germany 2003 3 Dr. Klaus Steinbach, Siegbert Heid, Dagmar Freitag, Prof. Dr. Wolfgang Maennig (v.l.n.r.). Siegbert Heid Koordinator des Gesprächskreises Der Koordinator des Gesprächskreises»Sport – Gesellschaft – Zukunft«, Siegbert Heid, konnte neben den Referenten die Moderatorin Dagmar Freitag, MdB, sowie zahlreiche Gäste und Ehrengäste begrüßen. Die drei größten Medienereignisse in der heutigen Zeit sind Fußballturniere wie die Weltmeisterschaft, die Tour de France – die zum 100. Jubiläum ab Samstag, dem 5. Juli 2003, gefahren wird – und die Olympischen Spiele. Scheidet die Tour de France für uns schon aus geographischen Gründen als Ereignis aus, das in Deutschland stattfinden kann – wenn man von Start- 4 oder Zielorten bei Etappen einmal absieht –, dann ist es aber beschlossene Sache, dass die Fußballweltmeisterschaft in drei Jahren in Deutschland stattfinden wird und das dritte Topereignis, nämlich die Olympischen Spiele, sechs Jahre später folgen soll. Das wird nicht einfach sein. Wer die Kampagne zur Vergabe der Olympischen Spiele 2008 verfolgt hat, weiß, dass es neben den Kernkriterien wie»Generelle Infrastruktur« und »Unterbringung« darauf ankommt, die Bewerberstadt nicht allein stehen zu lassen. Es muss nachhaltig deutlich werden, dass nicht nur die Gemeinschaft des Sportes, sondern eine ganze Nation die Bewerbung unterstützt. Die internationale Präsentation sollte dabei von vielen Schultern getragen werden. Alle wissen, die olympische Bewegung hat mehr Mitglieder als die UNO. Wenn die Aussage»Leipzig für Deutschland 2012« gelten soll, wird schnellstens ein Zukunftskonzept benötigt, das vor allem die Fragen beantwortet, die vom IOC ab Januar 2004 hauptsächlich gestellt werden. Ich erkenne an der kritischen Begleitung der Bewerbung durch die deutsche Presse einen positiven Vorgang. War die Bewerbung Berlins vor einigen Jahren ein Vorgang für Fachleute, so wird heute das Thema weit über den Sportteil der Medien hinaus behandelt. Das erleichtert das Auffinden eigener Schwächen in der Bewerbung gegenüber anderen Bewerberstädten und eröffnet die Chance, aus Schwächen Stärken zu machen. Folgerichtig kann dann auch nicht die Frage im Vordergrund stehen: Was bringt uns Olympia – sportlich, wirtschaftlich, politisch oder sonst etwas? Umgekehrt müssen wir uns die Fragen stellen: Was können wir für Olympia und die dahinter stehende Idee tun? Was hat das IOC von der Bewerbung Leipzigs? Und: Wie bringen wir unsere Botschaft überzeugend vor? Das Ziel muss sein, Leipzig zunächst einmal unter die letzten sechs bis sieben Bewerber zu bringen, um als Kandidatenstadt zu gelten. Dafür sollten wir alle arbeiten. Deshalb möchte die Friedrich-Ebert-Stiftung mit dieser Veranstaltung einen ersten Beitrag leisten, um Leipzig und dem NOK zu helfen. Ich kann nicht beurteilen, inwieweit der Milliardenpoker um die amerikanischen Fernsehrechte für die Winterspiele 2010 und die Sommerspiele 2012, den General Electric mit 2,201 Milliarden Dollar gewonnen hat, Einfluss auf die Vergabe der Spiele haben wird. Fiele die Wahl auf New York würde das natürlich den 5 größten Profit erbringen. Sport und Markt auf Dauer völlig zu trennen, schiene mir ein wenig weltfremd zu sein, auch wenn General Electric sich im Bewerbungsverfahren offiziell neutral zu verhalten hat. Seine große Geschicklichkeit hat der Konzern jedenfalls bereits in Personalfragen nachgewiesen. Nicht nur aus diesem Grund geben Pessimisten zur Zeit in der Anfangsphase der Bewerbung hier im Lande den Ton an, wenn sie mit allem Fleiß begründen wollen, warum Leipzig die Spiele gar nicht bekommen kann. Es kommt also im Innern auch darauf an, aus den bisherigen Bedenkenträgern aktive Förderer zu machen. Schauen wir doch einmal zu den Mitbewerbern. Paris ist sicherlich weiter mit seiner Bewerbung. Aber wie sieht es bei den anderen aus? Wenn man sich die Grundstückspekulantentruppe in New York einmal näher ansieht, dann kommt Leipzig bei Erfüllung der Bedingungen allemal den Vorstellungen des IOC-Präsidenten nahe. Londoner Buchmacher sind in der Regel kühl analysierende Zocker. Mitte Mai boten sie Wettpartnern bei einer IOC-Entscheidung für Paris eine Quote von 2: 1 an, für London und New York 3: 1 und für Leipzig 14: 1. Machen wir uns auf den Weg, um ihnen zu zeigen, dass sie sich geirrt haben. 7 Dr. Klaus Steinbach Präsident des Nationalen Olympischen Komitees Ich freue mich, heute hier in Berlin zu sein und Ihnen einige Ausführungen zu dem Thema»Olympia 2012 – eine Chance für Deutschland« machen und auch nachher noch mit Ihnen gemeinsam diskutieren zu können. Einige Minuten, bevor ich herkam, habe ich mir im Fernsehen die endgültige Entscheidung für die Winterspiele 2012 angesehen. Es hat die Entscheidung für Vancouver gegeben – Sie alle wissen das sicher schon. Salzburg ist im ersten Wahldurchgang ausgeschieden – für viele überraschend, wahrscheinlich auch für einen, den wir auf unserer Seite jetzt sicher wissen. Noch vor knapp drei Monaten, am Montag nach der Entscheidung der deutschen Bewerbung der NOK-Mitgliederversammlung in München, urteilten fast alle Medien unisono:»Es war ein guter Tag!« Auch der für den Sport zuständige Bundesinnenminister Otto Schily hat den 12.04. in München als guten Tag für Deutschland und für den deutschen Sport bezeichnet. Prickelnde Spannung, gelungene Präsentationen der Bewerberstädte, großartige Außenveranstaltungen in den Regionen und eine überragende, überraschende Entscheidung haben diesen Tag zu einem Highlight in der Zeitgeschichte des deutschen Sports und des NOK für Deutschland werden lassen. Mit Rostock und Leipzig hatten ein sympathisches ostdeutsches Segelrevier zum einen und eine nicht minder erfrischende und vom Aufbruch beseelte mitteldeutsche Bewerberstadt das Rennen für sich entscheiden können. Für manche kam dies einer kleinen Sensation gleich. Die Ergebnisse wurden von unserem sportbegeisterten Bundeskanzler Gerhard Schröder vor etwa 600 Delegierten, geladenen Gästen und Medienvertretern, etwa drei Millionen Zuschauern, die live zugeschaltet waren, und Hunderttausenden von Olympia-Sympathisanten, die sich in den Bewerberstädten bei Open-Air-Veranstaltungen trafen, verkündet. Dies wurde auch von den Berichterstattern als sympathische Wahl, als Wunder oder als endgültig vollzogene Wiedervereinigung Deutschlands bezeichnet. Wie auffällig kontrastiert dazu das aktuelle Bild der deutschen OlympiaBewerbung in der Öffentlichkeit. Da ist von Kompetenzgerangel die Rede, das den Umgang der Partner präge, und die Olympia-Macher würden mehr 8 gegen- als miteinander arbeiten. Gewiss müssen Geburtsfehler eingeräumt werden. Diese zeigen, dass wir uns am Anfang eines völlig neuen Verfahrens befinden. Ich möchte Ihnen jedoch versichern, dass es keinen Anlass zur Sorge gibt. Die Macher sind entschlossen, die deutsche Olympia-Bewerbung als echte Chance für Deutschland zu begreifen und auch voranzutreiben. Eine offene Diskussion in den Gremien hilft; eine öffentliche Diskussion führt leicht zu Missverständnissen. Ich möchte daran erinnern, dass Leipzig und Rostock jene Städte sind, die sich im Vorfeld ihrer Wahl durch besondere Professionalität und auch durch exzellente Bewerbungskonzepte ausgezeichnet haben. Erwähnenswert war auch das besondere Maß an Fairness, das diese beiden Städte während des nationalen Ausscheidungsverfahrens ausgezeichnet hat. Daran wollen wir unmissverständlich festhalten. Wir haben allen Anlass, uns dieser Stärken zu besinnen. Wir haben allen Anlass, stolz auf die Wahl von Leipzig und Rostock zu sein. Der nationale Bewerbungsprozess, der im April endete, diente in erster Linie der Findung des neuen, besten deutschen Bewerbers. Er sollte gleichzeitig eine solide technische Basis für die internationale Bewerbung bilden und zur Mobilisierung der Bevölkerung beitragen. Dies ist uns, denke ich, durch die Wahl und durch die ganze Vorbereitung zu der nationalen Wahl hervorragend gelungen. Jetzt wird das Konzept optimiert – wie es übrigens in allen Städten, die sich im internationalen Wettbewerb bereits als Bewerber geoutet haben, ebenfalls passiert und diese Städte lassen sich die Zeit und nehmen sich die Zeit, weil viele von ihnen den Prozess, den wir im nationalen Bewerbungsverfahren bereits durchlaufen haben und den wir jetzt optimieren, überhaupt erst zum ersten Mal oder zumindest mal in dieser Form machen müssen. Entscheidend war und ist es, vom IOC auch als Gastgeber für die 31. Olympischen Spiele im Jahre 2012 ausgewählt zu werden und dafür solide, gute, die besten Voraussetzungen zu schaffen. Spekulationen darüber, ob das NOK mit seiner Entscheidung zugunsten Leipzig und Rostocks am 12. April eine Erfolg versprechende Weichenstellung vorgenommen hat, verbieten sich. Zum einen, weil es völlig zu Recht heißt:»Gewählt ist gewählt«. Und zum anderen, weil es schwer nachprüfbar sein wird, ob andere Weichenstellungen erfolgreicher gewesen wären. 9 Der hohe Konkurrenzdruck – sowohl in technischer Hinsicht als auch im Hinblick auf die Mobilisierung der deutschen Öffentlichkeit – hat nahezu ideale Voraussetzungen für das internationale Verfahren geschaffen. Dies trifft auch dann zu, wenn jetzt Nachbesserungen, Optimierungen notwendig sind. Erinnern wir uns:»Wir brauchen einen Aufbruch für und mit den Städten. Die Rolle der Städte in der Bundesrepublik Deutschland, im politischen Gefüge muss neu gefestigt, den Städten muss ein neues Gewicht verliehen werden. Die Aufgaben der Städte lassen sich nicht mit den Rezepten von gestern bewältigen«, hat die Präsidentin des Deutschen Städtetages und Oberbürgermeisterin der Stadt Frankfurt, Petra Roth, den nationalen Bewerbern mit auf den Weg gegeben. Dieser Aufbruch ist in den Bewerberstädten durch die deutsche OlympiaBewerbung nachdrücklich eingeleitet worden. Befragt man die Verantwortlichen in den Städten, so ist es mithilfe der Umsetzung der Bewerberziele gelungen, in enger Zusammenarbeit mit dem Nationalen Olympischen Komitee, dem Deutschen Sportbund, den Spitzenverbänden sowie Bund und Ländern, die Sport-Infrastruktur, die Sport-Förderung, den Schul- und Hochschulsport, und vor allem das System»Schule und Sport« zu verbessern. Auch neue Modelle für die Finanzierung und Umsetzung städtischer Initiativen und Projekte mithilfe privater Sponsoren konnten weiterentwickelt oder überhaupt erst entwickelt werden. Die Identifikation der Bürger mit ihrer Stadt und ihrer Region wurde eindeutig gestärkt. Natürlich bedauern acht von zehn Bewerberstädten, dass sie nicht mehr im Rennen sind und nicht anstelle von Leipzig und Rostock die internationale Olympia-Bewerbung für Deutschland bestreiten können. Andererseits verweisen sie auf kommunalpolitische Bilanzen, die sich durchaus sehen lassen können und die auch nachhaltig für die Zukunft wirken. »Die Aufbruchstimmung, die es für den Sport gegeben hat, muss weiter genutzt werden«, sagte beispielsweise Frankfurts Olympia-Manager HeinzJürgen Weiss. Eine Einschätzung, die auch Willi Holdorf, Persönliches Mitglied im Nationalen Olympischen Komitee, teilt, wenn er sagt:»Natürlich ist in Hamburg und Kiel die Enttäuschung zu spüren. Die Städte handeln jedoch vorbildlich und sprechen nicht nur von Solidarität, sondern sie han- 10 deln auch danach.« Ich glaube, dass sich die Bewerbung für die meisten Städte allein schon unter diesen Imagegesichtspunkten gelohnt hat. Mit dem Abschluss des nationalen Bewerbungsverfahrens, meine Damen und Herren, durften der deutsche Sport und die Bewerberstädte also eine überaus erfolgreiche Zwischenbilanz ziehen. Ich hatte allerdings auch bei der Wahl in München gesagt, dass wir den Blick für die Realitäten bewahren müssen. Ich habe darauf hingewiesen, dass der bedeutendere Teil des Weges noch vor uns liegt. Dem kleinen Aufbruch in den Bewerberstädten muss in den kommenden Monaten ein großer Aufbruch unseres Landes folgen. Es muss ein»Ruck durch Deutschland« gehen, wie das der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog gefordert hat. Das IOC hat den Rahmen für die internationale Bewerbung klar vorgegeben. Weltweit wurden alle NOKs aufgefordert, bis spätestens 15. Juli 2003 ihre Bewerbung anzukündigen. Das heißt also, wir sind gerade dabei, den Brief nach Lausanne zu formulieren, der dann rechtzeitig in Lausanne sein wird, wo wir unsere Bewerbung mit anmelden. Damit hat ein zweistufiges Bewerbungsverfahren begonnen. Dieses umfasst zum einen die Applicant City-Phase, die mit dem 15.07. dieses Jahres beginnt und im Juni 2004 endet. In dieser Zeit wird es eine Menge zu tun geben und in dieser Zeit werden wir eine ganze Menge Arbeit konzeptioneller Art machen, vor allem natürlich auch den IOC-Fragebogen, der bis zum 15. Januar 2004 abzugeben ist, beantworten und dort auch Zusagen, Garantien und Vorhandenes entsprechend dokumentieren und unser Konzept vorstellen. Mit Hilfe eines Computerprogramms werden die eingereichten Fragebögen beim IOC ausgewertet. Dann entscheidet das IOC im Sommer kommenden Jahres, wer Candidate City wird. Wir gehen davon aus, dass es zwischen vier und sechs Städte sein werden, die vom IOC dafür ausgewählt werden. Hier sollte vielleicht auch mal gesagt werden, dass dieses Verfahren ein Neues ist, erst zum zweiten Mal durchgeführt wird. Und wenn Sie das mit der Olympia-Bewerbung von Berlin vergleichen und sagen:»Ja, Berlin war schon Candidate City«, dann muss man einfach mal feststellen, die Berliner hatten diese Hürde, von Applicant City zu Candidate City zu kommen, überhaupt nicht zu überwinden, denn sie waren in dem Moment, in dem sie sich gemeldet haben, bereits Candidate City – da gab es dieses zweigeteilte Verfahren noch nicht. Nur, wenn Sie das ab und zu mal in der Diskussion lesen, seien Sie sich dessen bewusst. 11 Am 6. Juli 2005 dann wird in Singapur die Wahl der Bewerberstadt stattfinden, so wie sie heute in Prag für die Olympischen Winterspiele 2010 stattgefunden hat. Vancouver ist hier als Sieger hervorgegangen. Mit Sicherheit wird es eine Vielzahl hervorragender Bewerbungen geben und Sie kennen einen Großteil der Städte bereits. Ich habe die Informationen, dass London, Madrid, Paris, Moskau, Istanbul, New York und Havanna jetzt schon feststehen und in Brasilien noch entschieden wird, ob es Rio oder São Paulo sein wird. Für uns bedeutet das, dass wir uns – ähnlich wie zu Beginn des nationalen Bewerbungsverfahrens im November 2001 – nun wieder auf unsere Stärken und auf die Erarbeitung neuer Grundlagen für den Erfolg der Bewerbung beim IOC konzentrieren müssen. Medienwirksame Highlights wie der Showdown am 12. April sind dabei die Ausnahme. Harte Gremien- und Sacharbeit steht im Vordergrund; dies muss auch der Öffentlichkeit bekannt sein. Auch die nationale Phase der Olympia-Bewerbung war Anfang des Jahres 2002 schließlich kein Selbstläufer, der den Erfolg vom 12.04. erahnen ließ. Argumente wie»Wir haben derzeit andere Sorgen als Olympia« verwiesen damals auf die Gefahr der Ablösung anfänglicher Begeisterung durch Detailkritik, Darstellung von Interessenskonflikten im Vergleich mit der Entwicklung anderer öffentlicher Themen und gesellschaftlicher Großprojekte, hier insbesondere auch den Hinweis auf die gescheiterte Berlin-Bewerbung. Die Sorge, dass die spontane Begeisterung über die Bewerbung vielerorts skeptischer Zurückhaltung weichen und ihren Ausdruck in kritischen Finanz- und Standortdebatten finden würde, schien berechtigt. So, wie vom NOK damals klare Antworten auf die Frage erwartet wurden, warum wir eigentlich Olympia in Deutschland brauchen, so müssen wir uns heute die Frage stellen, warum braucht das IOC, warum braucht die olympische Bewegung Olympische Spiele in Deutschland. Wir müssen zusammenrücken, um unsere Bewerbung zum Erfolg zu machen, um unsere Chancen zu ergreifen, um der Welt ein Bild von Deutschland als einem weltoffenen und gastfreundlichen Land mit der Bewerberstadt Leipzig und dem Segelrevier Rostock zu zeigen. Ich empfehle daher dringend, nicht Ängstlichkeit, Zynismus und Defätismus aufkommen zu lassen. Die Welt ist nicht an der deutschen Krankheit interessiert. Sie kennt sie bereits. 12 Die Motive und natürlich auch die Chancen einer deutschen OlympiaBewerbung müssen wir stärker in den Blick rücken. Die Stärken unseres Landes und seiner Einwohner müssen argumentativ herausgearbeitet und offensiv kommuniziert werden. Alle Partner im gesellschaftlichen Umfeld sollten daran mitarbeiten, sollten mobilisieren, überzeugen und integrieren und somit das Thema»Olympia-Bewerbung« wieder positiv besetzen. Die im Frühjahr erkennbare Aufbruchstimmung muss in Leipzig und Rostock, aber auch in den übrigen deutschen Bewerberstädten und in den Ländern neu entfacht und wieder mobilisiert werden. Mit der Unterzeichnung eines Städte-Kooperationsabkommens im Rahmen eines Empfangs beim Bundespräsidenten Mitte März hier in Berlin haben wir bereits in diese Richtung einen richtigen Schritt unternommen und die Städte, die bis zum 12. April mit im Wettbewerb waren, haben uns bereits ihre OlympiaKoordinatoren und-Ansprechpartner genannt, mit dem Ziel, die Bewerbung von Leipzig weiter mit zu unterstützen. Aufbruchstimmung müssen wir auch in den Fachverbänden erzeugen. Erst durch ihre Arbeit gewinnt die Bewerbung international an Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft. Das NOK hat deswegen in Zusammenarbeit mit der GmbH in Leipzig eine Stabsstelle eingerichtet, die den Kontakt zu den Verbänden koordinieren soll. Selbstverständlich ist die deutsche Olympia-Bewerbung auch weiterhin auf die Unterstützung der zweiten großen Dachorganisation des Sports, dem Deutschen Sportbund, angewiesen sowie die Unterstützung der LandesSportbünde, der Stiftung Deutsche Sporthilfe, der DOG und anderer dem Sport nahe stehender Organisationen. Mit der Bundesregierung wurden die Kontakte vertieft. Der Bundeskanzler und auch der Bundesinnenminister haben ihre grundsätzliche Zustimmung und Unterstützung unseres Anliegens signalisiert. Der Bundesminister Schily und auch Staatssekretär Weber sind die Vertreter der Bundesregierung im Aufsichtsrat der GmbH Leipzig 2012. Natürlich freue ich mich, dass sich politische Stiftungen wie die hiesige Friedrich-Ebert-Stiftung in das gemeinsame Anliegen der OlympiaBewerbung einbinden. Neben den deutschen Botschaften sind sie es, die sehr enge Kontakte mit wichtigen Regierungs- und Nicht-RegierungsOrganisationen haben, denen wir die deutsche Olympia-Bewerbung näher bringen sollen. 13 Unser Interesse gilt in diesem Zusammenhang natürlich auch den IOCMitgliedern in den Ländern, in denen unsere politischen Stiftungen Büros haben. Wir wissen, dass es unseren Mitbewerbern sehr viel unbefangener gelingt, diese IOC-Mitglieder für Veranstaltungen, Informationen etc. zu interessieren, bei denen das eigene Land oder die eigene Bewerbung im Mittelpunkt stehen. Niemand beabsichtigt dabei, die Regeln zu verletzen oder sich dem Vorwurf der Bestechlichkeit auszusetzen. Doch eine selbstbewusste Werbung in eigener Sache ist zumindest nach Eintritt von der Applicant City- in die Candidate City-Phase im Juni 2004 von großem und wichtigem Interesse für das NOK und für eine erfolgreiche Bewerbung von Leipzig 2012. Wir brauchen die Büros der politischen Stiftungen in Paris, Moskau, London, Madrid, New York und Istanbul aber auch, um Entwicklungen und Konzepte unserer Mitbewerber zu beobachten. Wer wäre neben den deutschen Botschaften dazu besser in der Lage als Ihre Vertretungen? Unsere Partnerschaft mit den Städten, den Verbänden, der Politik und ihren Stiftungen gründen auf Dialogbereitschaft, Bereitschaft zuzuhören, Anregungen und Kritik aufzunehmen und Informationen weiterzuleiten. Wir wollen auch weiterhin einen offenen Dialog führen, einen Dialog, in dem wir auch die Vertreter der Medien und die wichtigsten Multiplikatoren in der Wirtschaft, in der Kultur und in der Gesellschaft einbeziehen. Gemeinsam sind wir zu der Auffassung gelangt, dass das Thema Fairness das handlungsleitende Motiv für unsere internationale Bewerbung sein könnte. In einem Fairness-Abkommen war es uns gelungen, die unterschiedlichen Interessen von zehn Bewerberstädten zu kanalisieren. Durch besondere Fairness zeichnete sich nicht zuletzt auch die Bewerbung der Stadt Leipzig beim NOK aus. Mit der Fairness scheint es sich jedoch augenblicklich so zu verhalten, wie nach Paul Valéry mit der Zukunft: Sie ist auch nicht mehr das, was sie einmal war. Kein Geringerer als Pierre de Coubertin hat großen Anteil daran, dass die Fairness-Idee Eingang in die Olympischen Spiele der Neuzeit gefunden hat. Er legte Wert darauf, dass es nicht nur darauf ankam, formell gleiche Startbedingungen und –chancen zu haben, sondern dass die Wettkämpfe in einer Art von innerer Verbundenheit stattfanden, die die sportliche Beziehungen, 14 die Partnerschaft betrafen, charakterisiert. Coubertin sprach in diesem Zusammenhang damals noch recht pathetisch von»ritterlichem Geist«. Lassen Sie mich in diesem Hinweis auf den Gründervater des IOC zum Ausdruck bringen, dass wir gut daran tun, die Olympia-Bewerbung gemeinsam hochzuhalten. Bereits heute stehen wir unter Beobachtung des IOC und einer äußerst kritischen nationalen und internationalen Öffentlichkeit. Ich bin sicher, dass gerade das IOC die Würdigung des Coubertinschen Erbes entsprechend zu bewerten weiß. Schwierigkeiten mit der Fairness sind ihm bestens bekannt. Sie sind ja gerade dort zu erwarten, wo im Hochleistungssport wie auch in der beruflichen und wirtschaftlichen Leistungsgesellschaft mit hohem Konkurrenzdruck gehandelt wird. Je schärfer die Konkurrenz, umso größer die Probleme, umso größer aber auch die Notwendigkeit, an der Bedeutsamkeit des Fairplay zu arbeiten und darauf hinzuweisen. Wer, wenn nicht wir, als diejenigen, die den Sport für den Athleten repräsentieren, wäre verpflichtet, nach Fairness-Prinzipien zu agieren, wenn es um eine Veranstaltung wie die Olympischen Spiele geht. Dies gilt natürlich auch für unsere Bewerbung. Fairness ist die ureigenste Tochter des Sports. Fairness ist der Wert, den der Sport den anderen großen umfassenden Kulturen vermacht. Ich weiß, dass überall in Wirtschaft und Gesellschaft mit harten Bandagen konkurriert wird. In der internationalen Konkurrenz um Marktbeherrschung und Globalisierung ist Fairness offenbar geradezu»out«. Verhärtung und Rücksichtslosigkeit mögen in weiten Kreisen der Gesellschaft das Rezept zum siegreichen Bestehen einer Konkurrenz sein. Im Sport sollte dies nicht geschehen. Das wollen wir national und auch international mit unserer Olympia-Bewerbung unterstreichen. Ich möchte an dieser Stelle noch einmal auf Ruder-Trainer Karl Adam kommen und an ihn erinnern, der gesagt hat:»Nichtgewinnen ist kein Scheitern.« Wenn man sich wirklich ehrlich bemüht und arbeitet, darf Nichtgewinnen nicht dem Scheitern zugerechnet werden. Fairness und Ethik sind höhere Werte als Sieg und Niederlage. An ihnen muss sich unsere Bewerbung messen lassen. Lippenbekenntnisse für die Außenwahrnehmung und das Image reichen dazu aus meiner Sicht nicht aus, ja, sind sogar kontraproduktiv. Wir sollten danach handeln und tun 15 gut daran, uns der feinsinnig ironischen Aussage von Erich Kästner zu erinnern:»Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.« Den fachlichen Vergleich mit unseren Mitbewerbern brauchen wir dabei nicht zu scheuen. Dies ist uns auch vom IOC-Präsident Jacques Rogge bei seinem Besuch Anfang Juni hier in Berlin attestiert worden. Ich bin überzeugt davon, dass wir die Kraft und den Willen für eine erfolgreiche Olympia-Bewerbung haben. Unser Land steht mit seinen infrastrukturellen und technologischen Rahmenbedingungen hervorragend da. Wir haben das Know-how und die Fachkräfte für die Ausrichtung internationaler SportGroßereignisse. Wir können viel leisten und haben auch Grund zu Optimismus. Nicht zuletzt durch das nationale Bewerbungsverfahren und durch den harten Konkurrenzkampf konnte eine ausgezeichnete und intensive Vorarbeit für die internationale Bewerbung von Leipzig und Rostock geleistet werden. Ich bin überzeugt, dass eine stimmige, technisch und auch sport-fachlich einwandfreie deutsche Bewerbung, beizeiten vorgelegt und überzeugend und glaubwürdig vorgetragen wird. Beizeiten heißt damit, dass wir das rechtzeitig vor dem 15. Januar 2004 machen, wir müssen es nicht vor dem 15. Juli dieses Jahres machen, denn zu diesem Zeitpunkt müssen wir erst unsere Bewerbung abgeben, wie dies die anderen Bewerber auch machen müssen. Bei dieser Bewerbung werden die Sportlerinnen und Sportler im Mittelpunkt unseres Handelns stehen. Sie haben sich über den Beirat der Aktiven unmissverständlich zur Bewerbung positioniert und wollen diese Bewerbung mit allen Kräften unterstützen. Und sie werden – und das hat mich in einem Gespräch in der letzten Woche überzeugt – sich dann entsprechend positionieren, wenn es an der Zeit ist und wenn die Bewerbung so viel Inhalt zu vermitteln hat, dass es sich entsprechend lohnt, diese Inhalte zu kommunizieren. Sie drängen also nicht darauf, Informationen zu erhalten und zu kommunizieren, bevor wir die Neuausrichtung des Bewerbungskonzepts endgültig fertig gestellt haben, denn dies wäre der Sache nicht sonderlich zuträglich. Wir wollen diese Olympia-Bewerbung zum Erfolg bringen. Es ist eine große Chance für uns in Deutschland. Ich bitte Sie alle um Ihre Unterstützung. Sie kennen den Slogan»Olympia tut Deutschland gut« – nur jetzt muss es 16 heißen:»Deutschland tut Olympia gut«. Und daran wollen wir alle fleißig und gemeinsam arbeiten. Ich bin sicher, wir haben eine große Chance mit unserer Bewerbung. Danke. Dagmar Freitag, MdB Sportpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion Herr Dr. Steinbach, herzlichen Dank für Ihren Vortrag. Sie haben diverse Aspekte, die mit der Olympia-Bewerbung zusammenhängen, bereits angeschnitten. Wir haben den gesellschaftspolitischen Bereich berührt, wir haben den sportpolitischen Bereich berührt. Lassen Sie mich nur zwei Hinweise ergänzen. Sie haben das gesamtdeutsche Bewusstsein hervorgehoben, das durch diese Bewerbung weiter verstärkt worden ist. Ich würde gerne darauf hinweisen, dass aus meiner Sicht die Identifikation der Menschen mit ihren Bewerberregionen, die bis zum 12. April dabei waren, deutlich gestärkt worden ist. Das gilt im Übrigen auch für die Menschen, die nicht unbedingt nur sportlich interessiert sind. Wir haben auch die weniger Sport-Interessierten dazu bewegen können, die je- 17 weiligen Bewerbungen nicht nur wahrzunehmen, sondern auch zu unterstützen. Zum Zweiten hat es andere, durchaus interessante Bewegungen gegeben. Wir haben plötzlich Sportstätten bekommen, um die wir jahrelang gekämpft haben. Wir haben über die dritte Sportstunde in den Bundesländern gesprochen. Es ist einfach deutlich geworden, dass wir eine gesellschaftspolitische Dimension erreicht haben, eine sportpolitische. Aber wir wollen auch wissen, ob es eine wirtschaftspolitische Dimension gibt. Zu diesem Punkt wird uns Herr Prof. Maennig einiges sagen können. Im weiteren Verlauf der Veranstaltung werden wir dann darüber sprechen, ob Olympia auch unter ökonomischen Gesichtspunkten etwas für unser Land, für die Bewerberregion, für Leipzig bringen kann. Herr Prof. Maennig, Sie haben das Wort. 18 Prof. Dr. Wolfgang Maennig Institut für Verkehrswissenschaft, Institut für Außenhandel und Wirtschaftsintegration, Universität Hamburg Vielen Dank für die Einladung, ich bin ihr gerne gefolgt, auch wenn ich von Anfang an wusste, dass es ein schwieriger Part werden würde. Ich weiß, dass Sie wegen Klaus Steinbach gekommen sind; er ist hier das Zugpferd. Und ich weiß natürlich zweitens, dass eine ökonomische Betrachtung bei vielen von Ihnen als vielleicht etwas dröge, als etwas technisch erscheinen mag, weil Sie – und ich kann Ihnen versichern: auch ich – mit dem Sport natürlich zuerst Emotionen assoziieren und wir uns alle noch daran gewöhnen müssen, dass man den Sport auch unter ökonomischen Gesichtspunkten sieht. Drittens, weshalb ich es schwer habe, ist, dass natürlich die mir vorgegebene Zeit von 15 Minuten äußerst knapp ist. Zu diesem Thema, Ökonomik Olympischer Spiele, können Sie heute – und ich tue dies an der Universität Hamburg – ein ganzes Seminar über ein Semester füllen. Verzeihen Sie 19 mir deshalb von vornherein, wenn ich an der einen oder anderen Stelle etwas oberflächlich bin und verzeihen Sie mir auch, wenn ich vielleicht nicht alle Aspekte ansprechen kann. Was habe ich mir vorgenommen, heute mit Ihnen? Ich möchte erst auf die betriebswirtschaftlichen Aspekte der Olympischen Spiele eingehen. Ich werde das kurz machen. Mein Ziel ist hier, Ihnen zu zeigen, dass Olympische Spiele heute weltweit, aber insbesondere auch in Deutschland finanzierbar sind, dass wir mit einem ausgeglichenen Budget, vielleicht sogar mit kleinen Überschüssen rechnen können und dass die Risiken, die mit der Finanzierung verbunden sind, durchaus beherrschbar sind. Zweitens möchte ich dann auf die volkswirtschaftlichen Aspekte eingehen. Wir werden sehen, dass die betriebswirtschaftlichen Effekte zwar wichtig sind, aber natürlich im Gegensatz zu den volkswirtschaftlichen Aspekten, den Einkommens- und Beschäftigungseffekten und den bereits schon mehrfach angesprochenen Imageeffekten doch klar im Hintergrund stehen. Dann bin ich gebeten worden, auf die Nutzen und Kosten einer Bewerbung per se einzugehen, also für den Fall, dass es scheitern sollte. Und schließlich möchte ich einige Schlussfolgerungen aus ökonomischer Sicht versuchen. Betriebswirtschaftliche Aspekte Nun lassen Sie mich zunächst zu den betriebswirtschaftlichen Aspekten kommen. Um die Olympischen Spiele gibt es sehr viele betriebswirtschaftliche Aspekte, die von enormer Bedeutung sind und die sehr viel Arbeit erfordern werden: Logistik, bauwirtschaftliche Aspekte, Personalwesen, Steuern und Controlling. Alles sehr, sehr wichtig. Aber im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen eigentlich immer nur Finanzierung und als wichtiger Teil der Finanzierung: das Marketing. Vielleicht in Deutschland auch deshalb, weil wir gewisse – vielleicht nicht nur positive – Erinnerungen haben an die Finanzierung von München 1972. Ich habe Ihnen hier noch einmal das Einnahmen/Ausgaben-Schema von München mitgebracht( Æ Tab. 1). Ich gehe nicht auf alle Details ein, möchte nur in Erinnerung bringen, dass die Gesamtausgaben abschließend bei 1,966 Mrd. DM lagen, eine Zahl, die wir uns vielleicht auch für die kommende Diskussion noch merken können. Zweitens, dass die Spiele mit ei- 20 nem erheblichen Defizit von über 600 Mio. DM abgeschlossen haben. Also rund ein Drittel der Ausgaben war nicht finanziert über die Einnahmen und dieses, obwohl der Staat durch großzügige Mehrungen sichergestellt hat, dass ein erheblicher Teil der Einnahmen durch Sonderfinanzierungsmittel – also durch Münzen, Lotterien und Briefmarken – erwirtschaftet werden konnte. Über 80 Prozent der Einnahmen sind aus diesem Bereich gekommen. Tab. 1: Die Finanzierung von München 1972 1. EINNAHMEN 1.1 Fernsehrechte 1.2 1.2.1 1.2.2 1.2.3 Marketing Davon Emblemverwendung Kunstplakate Schallplatten Mio. DM 63,2 6,8 3,8 1,9 1,1 2. AUSGABEN Mio. DM 2.1 Olympiabed. Invest. Kosten 1,444 Davon München(I) 1350,0 Kiel(II) 94,0 2.2 Sport 347,7 1.3 Eintrittskarten 50,3 2.3 Kultur 22,2 1.6 1.6.1 1.6.2 1.6.3 1.6.4 Sonderfinanz.mittel Davon Münzen Lotterien Briefmarken Hochschulsp. 1168,0 683,2 439,9 2,9 42,0 2.4 Besucher und Gäste 2.5 Öffentlichkeitsarbeit 137,1 15,9 GESAMT-AUSG. 1966,9 1.7 Sonstiges GESAMT-EINN. (I) Davon Olympiastadion Verkehr Studentenwohnh. 43,5 1331,8 257,4 218,0 44,1 3. SALDO –635,1 (II) Davon Seglerzentrum 31,7 Stadttheater 12,8 Uferpromenade 4,6 Quelle: Maennig(1991) und(2003) in Anlehnung an Deutscher Bundestag(1975) Nun, ist diese Münchener Erfahrung tatsächlich eine Lehre für uns heute? Nein! Und ich möchte Ihnen nur drei Gründe nennen, warum dies nicht der Fall ist: Erstens hat sich das Preisniveau ungefähr verzweikommasiebenfacht 21 gegenüber 1971. Zweitens haben wir eine Währungskonversion gehabt – das ist vielleicht noch das geringste Problem –, und drittens ist es so, dass die Kostenabgrenzung und die Einnahmen/Ausgaben-Abgrenzung, die in München in der Bundestags-Drucksache gewählt wurde, heute so sicher nicht mehr akzeptiert werden würde. Ich möchte hier nur auf einen Aspekt eingehen, ohne Sie jetzt mit Bilanztechnik zu langweilen: Wenn Sie in die Fußnote schauen, dann sehen Sie, dass in die Ausgaben – Bauausgaben – alleine 218 Mio. DM für Verkehr – also U- und S-Bahnen in München – eingegangen sind und das ging bis dahin, dass in Kiel das Kieler Stadttheater auf Kosten der Olympischen Spiele für 12,8 Mio. DM saniert wurde. Auch die Uferpromenade, die der eine oder andere von Ihnen vielleicht kennt, der die Kieler Woche besucht hat, wurde damals mit 4,6 Mio. DM in das OlympiaBudget hereingerechnet. Das ist sicherlich heute so nicht mehr zu akzeptieren. Der wichtigste Grund aber, warum die Münchener Erfahrungen nicht mehr von wesentlicher Bedeutung für die heutige Finanzierungsrechnung sind, ist, dass sich die Einnahmewelt ganz dramatisch verändert hat. Insbesondere die Fernseheinnahmen haben sich dramatisch geändert. 22 Tab. 2 Finanzierung/Historie Olympische Fernseheinnahmen 1972-2012 2500 2000 nominal real(Preisbasis 1992) 1500 1000 500 0 München 1 M 972 ontreal 19 M 76 o skau 19 L os 8 A 0 nge les 1984 Seoul 1 B 98 ar 8 celona 1 992 Atlanta 1996 Sydney 2000 Athen 20 04 Peking 2 008 Leipzig 2012 Quelle: Diverse(Presse-)Veröffentlichungen; eigene Berechnungen Sie sehen hier in dieser Grafik die Entwicklung der Fernseheinnahmen von München 1972 bis Leipzig 2012. Der dunkle Balken sind die nominalen Erlöse. Die Erlöse für Leipzig stehen, was die Anteile betrifft, die aus den USA kommen werden, fest. Sie haben gehört, dass das IOC noch einmal in der Lage war, die Einnahmen um über 30 Prozent gegenüber Peking zu erhöhen. Wenn man davon ausgeht, dass der Anteil Europas und des Restes der Welt an den Gesamtfernseheinnahmen nicht sinkt – und das war bei allen letzten Olympiaden der Fall, da ist er gestiegen –, dann kommt man zu Einnahmen, die fast an die 2,5 Mrd. Dollar heranreichen werden. Nun, das sind nominale Zahlen, das sagt Ökonomen relativ wenig. Wenn man dieses 23 deflationiert, dann kommt man trotzdem zu Einnahmen von über 1,5 Mrd. Dollar auf der Basis von 1992. Das ist, meine Damen und Herren, real gerechnet das 27fache dessen, was München damals erlösen konnte. Und ähnliche Steigerungsraten können Sie auch für die anderen Marketingbereiche feststellen: Top-Programm, sonstige Lizenzprogramme, bis hin zu den Ticketerlösen. Nun ist es eigentlich so, dass das IOC im Vergleich zu München heute nicht mehr alles oder fast alles den Organisatoren lässt, sondern – im Gegenzug dessen, dass die Einnahmen immer weiter gestiegen sind – den Organisatoren immer ein bisschen reduzierte Anteile an den Fernseh- und Topeinnahmen belässt, die ja das IOC auch aushandelt. So gingen 2000 noch 67% an die Organisatoren von Sydney, für 2004 sollen es 60% sein, für 2012 sind es 49%. Und das kann man auch anders interpretieren. Es ist heute so, dass das IOC die Anteile, die es den Organisatoren lässt, genau so dosiert, dass eine Stadt, die schon vorher sportlich orientiert war und eine angemessene Infrastruktur für Sportstätten und für andere Dinge, die es braucht, um Olympische Spiele zu organisieren, hatte, die Olympischen Spiele mit diesen Zuschüssen vom IOC durchaus finanzieren kann. Gegen diese Aussage könnte der eine oder andere von Ihnen einwenden, dass man aus Erfahrung weiß, dass die Kalkulationen für Olympische Spiele im Nachhinein oft nicht stimmten, sondern dass immer alles deutlich teurer wurde. Das eklatanteste Beispiel war Montreal 1976, wo die Baukosten ursprünglich mit 120 Millionen Kanadischen Dollar prognostiziert waren und abschließend genau mit dem Zehnfachen, 1,2 Mrd. Kanadischen Dollar resultierten. Aber auch wir in München mussten uns nicht verstecken. Das sehr schöne Dach des Olympiastadions war ursprünglich mal mit 45 Mio. DM berechnet und kam dann abschließend auf 172 Mio. DM. Insgesamt, wenn man sich die Erfahrung von München 1972 bis Sydney 2000 ansieht, kann man feststellen, dass die Ausgaben ex post – also im Nachhinein – 116% höher waren als ex ante geplant. Sie haben sich also im Nachhinein verdoppelt. Eine erschreckende Zahl. Es geht also den Stadtvätern in den Olympiastädten so ein bisschen wie dem Mann, der hier am Potsdamer Platz morgens bei dem Brezelhändler vorbeigeht, einen Euro hinlegt, aber keine Brezel nimmt und weitergeht. Das wiederholt er am nächsten Tag noch mal, das wiederholt er die ganze Woche, das wiederholt er drei Wochen. Er geht wieder vorbei, legt einen Euro hin, nimmt keine 24 Tab. 3: Finanzierung und Unsicherheit: Unterschiede zwischen ex ante -Kalkulationen und ex post -Daten Stadt, Einh. u. Währung Erste Prognose Dat. AusEinSaldo gaben nahmen Abschlußbericht Ausgaben Einnahmen Saldo Nominale Abweichung In % Ausgaben Einnahmen Saldo Reale Abweichung in % Ausgaben Einnahmen Saldo München 1972, Mio. DM 1969 992,00 555,60 Montreal 1976, Mio. Can. $ 1972 310,00 310,00 Moskau 1980, Mio. Rubel n. a. n. a. n. a. Los Angeles 1984, Mio. US-$ 1979 347,00 368,00 Seoul 1988, Bio. Won 1981 747,70 747,70 Barcelona 1992, Mrd. Pts. 1984 106,70 106,70 Atlanta 1996, Mio. US-$ (vorl.) 1989 1.005,40 1.161,90 Sydney 2000, Mio. A-$ 1993 1.319,50 1.340,11 –436,40 1.966,90 1.331,80 –635,10 0,00 1.596.00 430,00 –1.166,00 n. a. 744,80 862,70 117,90 21,00 545,92 768,64 222,72 0,00 573,76 911,15 337,39 0,00 195,28 195,59 0,31 156,50 1.700,00 1.700,00 0,00 20,62 2.830,00 2.830,00 0,00 98,28 414,84 – 57,33 –23,26 83,02 69,09 114,48 139,70 –45,53 38,71 – – – 108,87 960,57 21,86 – 83,31 – 46,31 –100,00 111,18 –100,00 86,08 375,94 – 21,03 –31,66 69,32 57,13 85,44 127,50 –33,33 –0,19 – – – 72,57 924,27 13,46 – 69,61 – 34,35 –100,00 82,58 – Durchschnitt Durchschnitt ohne Montreal 116,25 78,56 – 66,49 83,21 – 94,75 47,89 57,13 66,68 Quellen: Bundestagsdrucksache 7/3066, 12 u. 13. Montreal Official Report, 55-58. L.A. Official Report, 304 u. 311 / Perelman (1985, 118). Seoul Official Report, 217 u. 223. Atlanta Bewerbungsunterlagen, Ch. 17. Wittenbecher (1994, 35). Sydney Bewerbungsunterlagen, PriceWaterhouseCooper (2002, 107), www.australien-embassy.de/news/inbrief/aib00g2.htm [25.10.2002], http://www.triacom.com/archive/exchange.de.html [25.10.2002]. 25 Brezel, geht weiter. Da rennt der Brezelverkäufer ihm hinterher und tippt ihm an die Schulter. Der Mann dreht sich um und sagt:»Ich weiß schon, was Sie wollen: Sie wollen wissen, warum ich jeden Tag komme, einen Euro hinlege und keine Brezel nehme.« –»Ne, ne«, sagt der Brezelverkäufer,»ich wollte Ihnen nur sagen: Der Preis ist gestiegen!" Also, es ist eine große Überraschungskomponente zunächst. Aber, wenn wir den Sonderfall Montreal herausnehmen, von dem Sie sehen, dass die Ausgaben um 414% gestiegen sind, wenn wir also die Berechnung ohne Montreal vornehmen, dann sind es nur noch 66% Ausgabensteigerung. Dann schauen Sie bitte noch auf die Spalte mit den Einnahmen, dann stellen Sie fest, dass die Einnahmen sogar noch stärker gewachsen sind als die Ausgaben, nämlich um 85%. Wenn man dann noch das macht, was die Ökonomen gerne machen, die ganze Sache real betrachten, die Inflationseffekte abziehen, dann haben wir abschließend 48% Ausgabensteigerung, aber immerhin 67% Einnahmensteigerung – über 7 Jahre gerechnet. Das ist für jeden von Ihnen, der einmal ein Eigenheim gebaut hat, über eine solche Zeit eine Leistung, die vielleicht gar nicht mehr so schlecht ist. Bitte beachten Sie aber, dass trotzdem nicht davon auszugehen ist, dass Leipzig nun 100 Prozent teurer wird als das im Durchschnitt der letzten acht Olympischen Spiele der Fall war. Das liegt ganz einfach daran, dass die olympische Familie über solche Berechnungen mit der Zeit gelernt hat, dass es so nicht weitergeht, und dass man die Berechnung standardisieren muss. Deshalb bekommen wir heute eine fest vorgelegte Tabelle, die wir nach bestimmten Kriterien auszufüllen haben. Und wir haben inzwischen so viel Erfahrung, dass wir wissen, dass abschließend Olympische Spiele ungefähr 2 Mrd. US-Dollar kosten werden – ein Wert, der sich übrigens recht gut vergleicht auch mit unseren Münchener Ausgaben, wenn man die Preissteigerungseffekte herausrechnet. In diesem Zusammenhang möchte ich auf die deutschen Bewerberstädte eingehen. Ich hatte die für mich sehr spannende Aufgabe, im Evaluierungsprozess und bei dem Bereich der Finanzierung zu helfen und ich kann Ihnen versichern, dass alle deutschen Bewerberstädte – Segelstädte und die großen Städte – für mich erstaunlich präzise, sehr gut gerechnet haben. Ich will das anhand des Gesamt-Bauvolumens veranschaulichen – das war ja die eine Zahl, die abgefordert wurde. Der Durchschnitt bei allen fünf Städten für Sportstätten, Verkehrswegeinvestition einschließlich Wohnstätteninves- 26 tition, also Wohnungsbau lag bei insgesamt 2,5 Mrd. Euro. Und Sie sehen, dass hier die Varianz – die hier gemessene Standardabweichung – sehr, sehr gering ist. Die Städte unterschieden sich gar nicht, fast kaum voneinander, obwohl sie alle absolut separat und in hohem Wettbewerb zueinander gerechnet haben. Leipzig liegt mit 2,5 Mrd. Euro genau auf dem Durchschnitt. Tab. 4 Gesamte Sportstätteninvestitionen und temporäre Anteile in den Bewerberstädten Stadt Gesamtbauvolumen (netto) Gesamtausgaben "Sport" (OCOG/dauerhaft und temporär+ NON-OCOG/ Sport- und Trainingsstätten) Temporäre Baumaßnahmen an gesamten OCOGund NON-OCOGSportstättenbauausgaben Düsseldorf Frankfurt Hamburg Leipzig Stuttgart 2.416.910.000 2.198.708.039 2.536.279.615 2.517.128.996 2.737.400.000 1.455.410.000 1.169.300.000 1.209.693.318 1.616.556.463 618.400.000 30,28% 32,10% 35,26% 36,26% 38,91% Nachrichtlich: Durchschnitt 2.481.285.330 1.213.871.956 Standardabweichung 196.149.160 379.831.018 Quelle: Bewerbungsunterlagen bzw. nachgereichte Erklärungen 34,6% 3,4% Übrigens hat Leipzig und haben auch die anderen Bewerberstädte relativ viel von diesen Bauausgaben in das so genannte OCOG-Budget gesteckt – viel mehr als beispielsweise die Bewerber für 2008 das OCOG-Budget belastet haben. Meist liegt die Zahl dort bei 0 oder maximal bei 200 bis 300 Mio. In Deutschland ist der Anteil deutlich höher. Also ich darf insofern die etwas aufgeregte Diskussion, die manchmal auch den Bereich Finanzierung trifft, beruhigen. Ich denke, dass hier insgesamt sehr ordentlich gearbeitet worden ist. 27 34% temporärer Anteil. Das ist jetzt noch ein wenig untergegangen. Es mag aber für den einen oder anderen Sportfreund von Ihnen wichtig sein, dass die Entwicklung bei den Olympischen Spielen, die in Richtung höherer Effizienz und Kosteneinsparung geht, dazu geführt hat, dass heute weniger als zu Zeiten von München 1972 dauerhaft gebaut wird, sondern sehr viel mehr auch temporär gebaut wird. 34% aller Investitionen werden rein temporär sein, werden damit natürlich dem Sport auch nicht mehr zur Verfügung stehen. Jetzt möchte ich die Gelegenheit dieses Forums nutzen, um eine Lanze zu brechen für die kommenden Athleten. Sie kennen alle die Kritik, dass die Olympischen Spiele an Gigantomanie leiden und ich bin der Meinung, dieses ist falsch. Tabelle 5 zeigt auf, wie viel Athleten an Olympischen Spielen teilgenommen haben: 1896 nahmen an den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit 311 Athleten teil, in Sydney 2000 waren es 10.651 Athleten. Der Gigantomanievorwurf geht natürlich auch immer sehr stark in Richtung Kosten. Diese Kosten habe ich einmal ausgedrückt in Kosten pro Athlet. Das ist eine übliche Art, wie Ökonomen etwas berechnen – Stückkosten werden das sozusagen. Diese Zahlen sehen Sie in der letzten Spalte. Das ist eine Zahl, die mit hoher Vorsicht zu genießen ist. Sie haben unterschiedliche Kaufkraft in den Ländern, Sie haben Wechselkursverzerrungen, Sie haben andere Struktureffekte, Lohnkosteneffekte, die hier eine Rolle spielen. Sie dürfen das nicht Euro für Euro, Dollar für Dollar nehmen, aber die Tendenz insgesamt sagt etwas. 28 Tab. 5 Finanzierung/Historie: Kosten Olympischer Spiele pro Athlet, 1896-1996 Jahr Stadt Ausgaben in Anzahl der Athleten Kosten pro konstanten Nationen Athlet in 1982 1000 1982 US-$ US-$ 1896 1900 1904 1906 1908 1912 1916 1920 1924 1928 1932 1936 1940 1944 1948 1952 1956 1960 1964 1968 1972 1976 1980 1984 1988 1992 1996 2000 Athen Paris St.Louis Athen London Stockholm Berlin Antwerpen Paris Amsterdam Los Angeles Berlin Tokio London London Helsinki Melbourne Rom Tokio Mexiko City München Montreal Moskau Los Angeles Seoul Barcelona Atlanta Sydney 5.397 na na na 4.107 na (ausgefallen) na 3.047 6.918 7.352 217.319 39.092 (ausgefallen) 12.266 na 50.236 240.540 6.212.903 502.873 1.463.760 2.429.996 2.427.184 525.505 736.437 563.765 1.050.729 925.946 13 22 12 20 23 28 29 44 46 37 49 (ausgefallen) 59 69 67 83 93 112 122 92 81 140 159 173 197 199 311 1.330 687 884 2.035 2.547 2.607 3.092 3.014 1.408 4.066 17.354 2.018 985 2.295 5.222 53.448 4.092 4.925 3.342 5.348 5.140 5.531 7.147 6.085 5.353 7.344 8.465 9.686 10.361 10.651 2.998 15.032 44.978 1.208.736 90.919 204.808 399.342 453.425 71.556 86.998 58.204 101.412 86.935 Datenquelle: 1896-1984: Zarnowski(o. D., 30), ab 1988 eigene Berechnungen, teilweise auf Grundlage von IOC(2002) Quelle d Umrechnungskurse: Deutsche Bundesbank Quelle der Preisindices: Statistisches Bundesamt 29 Sie sehen weiter, dass in Tokio mit über 1,2 Mio. Dollar pro Athlet die mit Abstand teuersten Spiele der Neuzeit stattfanden, dass aber seither keinerlei positive Tendenz mehr festzustellen ist, ganz im Gegenteil: Wenn es überhaupt eine Tendenz gibt, dann gibt es eine ganz klare Tendenz zur Kostenreduktion pro olympischem Athlet. Insofern bin ich im Dissens zumindest mit dem, was der IOC-Präsident will – ich glaube nicht weniger mit Klaus Steinbach. Ich möchte eigentlich dazu aufrufen, darüber nachzudenken, ob es richtig ist, die Zahl der Athleten auf strikt 10.500 zu limitieren. In einer Weltwirtschaft, bei der alles wächst und alles wachsen soll – mit möglichst 2 bis 3 Prozent pro Jahr – kann ich nicht verstehen, warum wir nicht mit unseren steigenden organisatorischen und technischen Fähigkeiten auch in der Lage sein sollten, auch mehr Athleten pro Olympiade zu verkraften. Und drei Prozent pro Jahr, das wären dann 10% pro Olympiade – das mal als Gegenforderung zu dem Nullwachstum in den Raum gestellt. Also, erstes Zwischenergebnis: Die Spiele sind heute finanzierbar. Die Überschüsse, die bleiben, sind allerdings nicht groß. Für 2008 lagen die Zahlen bei den fünf Candidate Cities von 0 bis 33 Mio. US-Dollar für Paris. Wenn man das umrechnet auf das Gesamt-Budget, dann bleibt nur eine sehr, sehr geringe Rendite von 1,7 Prozent. Für 1,7 Prozent Rendite maximal würde kaum ein Unternehmer in diesem Land den Finger krumm machen. Dieses, der betriebswirtschaftliche Überschuss, kann also nicht das Argument sein, warum wir Olympische Spiele haben wollen. Sondern es ist natürlich die volkswirtschaftliche Rendite, die wir im Hinterkopf haben, wenn wir uns um Olympische Spiele bewerben wollen. Volkswirtschaftliche Aspekte Kommen wir damit zu dem Bereich der volkswirtschaftlichen Aspekte. Die Ökonomen messen am liebsten Einkommensentwicklungen. Und ich habe Ihnen hier mal den bayerischen Anteil am deutschen Bruttosozialprodukt mitgebracht. Sie sehen, dass das eine Zeitreihe ist, die so grosso modo immer weiter ansteigt, das heißt, dass das bayerische Wachstum größer ist als das bundesdeutsche Wachstum. 30 Tab. 6 Bayerischer Anteil am deutschen BSP 19 18 Zuschlag 17 16 15 14 Olympische Spiele 13 12 Quelle: Bay. Landesamt für Statistik, Eigene Berechnungen Jemand, der sehr stark für Olympia voreingenommen ist, würde dies so interpretieren, dass bis zum Zuschlag der Olympischen Spiele, das war 1966, der Anteil Bayerns konstant blieb – nur wenige können sich erinnern, dass Bayern mal in der Hierarchie Deutschlands weit hinten war, ganz unten an der Tafel sozusagen saß – und dann justament mit dem Zuschlag 1966 dieser Nicht-Trend, dieser Null-Trend gebrochen wurde und seitdem der bayerische Anteil zumindest für diesen Zeitraum immer weiter ansteigt. Das wäre die sehr Olympia-verzerrte Interpretation. Die Statistiker unter Ihnen wissen, dass das so nicht geht. Wir können einen Strukturumbruch allein deshalb schon nicht feststellen, weil die Anzahl der Beobachtungswerte von 1966 an in den Statistiken einfach zu gering ist. Was wir aber feststellen 1961 1963 1965 1967 1969 1971 1973 1975 1977 1979 1981 1983 1985 1987 1989 31 können und was ziemlich offensichtlich ist, ist, dass in der Zeit zwischen dem Zuschlag und der Austragung der Olympischen Spiele doch offensichtlich das Bruttosozialprodukt Bayerns über dem langfristigen Trend, über der langfristigen Entwicklung liegt. Es ist also offensichtlich so, dass kurzfristig ziemlich eindeutig temporäre Einkommensvorteile festzustellen sind. Ich möchte diesen ersten Effekt, der zugegebenermaßen etwas anekdotisch evident ist, untermauern durch die Entwicklung der Arbeitslosenquoten in München, in Bayern und im Bund. Wir können uns alle gar nicht mehr an die Zeiten bis 1966 erinnern, als wir Arbeitslosenquoten von 0,6 bis 0,7 Prozent hatten. Sie können in Tabelle 7 erkennen, dass in der Zeit von 1960 bis 1966 die Arbeitslosenquoten in München immer höher waren als in Bayern und in Bayern immer höher waren als im Bund. Tab. 7 Arbeitslosenquoten in München, Bayern und Deutschland, 1960-1990 10 8 6 4 Wahl 2 Deutschla nd Ba yern M ün chen 0 Quelle: Statistisches Bundesamt, Bay. Landesamt für Statistik und Datenverarbeitung, Landesarbeitsamt Südbayern 1960 1962 1964 1966 1968 1970 1972 1974 1976 1978 1980 1982 1984 1986 1988 1990 32 Und justament seit dem Zuschlag 1966 hat sich das gedreht. Und heute ist – mit ganz, ganz wenigen Ausnahmen – die Arbeitslosigkeit in München immer geringer als in Bayern und in Bayern immer geringer als im Bund. Dieses ist anekdotische Evidenz, das sage ich ganz offen, und trotzdem ist diese Evidenz sehr stark. Tab. 8 Olympiabezogene Ausgabenimpulse, sektorale Herkunft 25 00 20 00 Games Visitors Operation of Games Construction International Tourism 15 00 $ millions 10 00 500 0 1994/95 1995/96 1996/97 1997/98 1998/99 1999/00 2000/01 2001/02 2002/03 2003/04 2004/05 2005/06 Quelle: Centre for Regional Economic Analysis, 1999 Fragen wir uns, woher diese positiven Effekte kommen. Tabelle 8 liegt eine Untersuchung des Centre for Regional Economic Analysis in Australien zugrunde. Sie zeigt am Beispiel der Olympischen Spiele in Sydney 2000 die Impulse auf, die da wirken, und untergliedert diese sektoral. Der stärkste Ausgabenimpuls ist die Bautätigkeit – Construction hier auf Englisch. Dann folgen die Organisationsausgaben der Olympia-Macher, an dritter Stelle – insbesondere unter langfristigen Aspekten – die Ausgaben der internationalen Touristen und nur von untergeordneter Rolle – weil auch nur in einem Jahr und 33 für sehr, sehr kurze Zeit – sind es die Ausgaben der olympischen Fans, die die Olympia-Stadt besuchen. Diese sehr typische Kurve der Ausgaben, die in dieser Olympia-Stadt und -Region getätigt werden, führt dann – wie Sie in Tabelle 9 sehen – typischerweise zu einem Wachstum und Wachstumsraten in der Region, die ab dem Zuschlag immer weiter ansteigen und die nicht nur für die OlympiaRegion, sondern auch für das gesamte Land positiv sind – sich aber nach den Olympischen Spielen wieder normalisieren und auf das Niveau herabfallen, das wir vorher hatten. Zumindest nach den Methoden, nach den harten statistischen Methoden gemessen, die den Ökonomen heute zur Verfügung stehen. Tab. 9 Olympia und Wachstum 2500 2000 Australia NSW 1500 $ million 1000 500 0 -500 1994/95 1995/96 1996/97 1997/98 1998/99 1999/00 2000/01 2001/02 2002/03 2003/04 Quelle: Centre for Regional Economic Analysis, 1999 34 Ich darf noch zwei Zahlen in dem Zusammenhang nennen, um auch absolute Größen hereinzubringen. In den volkswirtschaftlichen Studien, die weltweit existieren, wird ungefähr von einem Einkommensimpuls von drei bis sechs Milliarden Dollar ausgegangen. Leipzig schätzt einen Einkommensimpuls von ungefähr 3 Mrd. Euro. In den Kalkulationen wird außerdem davon ausgegangen, dass ungefähr 60.000 bis 100.000 Personenjahre zusätzliche Beschäftigung resultieren werden – in Peking aufgrund der geringeren Arbeitsproduktivität übrigens 150.000 Personenjahre. Leipzig schätzt circa 78.000 Personenjahre, gestreckt über 10 Jahre sind das also ungefähr 7.800 Dauer-Arbeitsplätze, die durch die Olympischen Spiele geschaffen werden. Eine hohe Zahl? Ich weiß nicht, drücken wir es aus in Relationen – Ökonomen relativieren ja alles. Wenn ein Ökonom mit jemand anderem zusammensitzt, ein Bier trinkt, ein zweites trinkt und noch ein drittes und der Nicht-Ökonom dann den Ökonom fragt:»Sag mal, wie ist denn Deine Frau?«, dann antwortet der Ökonom natürlich:»Im Vergleich zu wem?« Gleiches gilt natürlich andersrum, wenn die Ökonomin gefragt wird, die antwortet natürlich genauso. Also, ist es viel oder ist es nicht viel? Ich drücke es in einer Zahl aus, die uns mehr sagt. Dieser Impuls bedeutet 0,2 Prozent Wachstum für die OlympiaRegion Leipzig. Das ist bestimmt eine Zahl, die den einen oder anderen von Ihnen enttäuscht. Was ist denn schon 0,2 Prozent? Da haben Sie Recht. Aber andererseits wissen Sie, um welche Wachstumszahlen wir überhaupt im Augenblick streiten, ob es nämlich noch plus 0 oder minus 0 ist. Und ich darf auch fragen, ob Sie irgendeine Maßnahme in dieser Republik kennen, bei der Sie 75% der Ökonomen oder der Wirtschaftspolitiker dazu zu bekommen, zu sagen:»Jawohl, das ist eine Maßnahme, die unser Wachstum um 0,2% steigen lässt«. Sie werden sie nicht finden. Insofern sind Olympische Spiele ein signifikanter Wachstumsimpuls, der sicherlich allerdings nicht alle Probleme einer Region auf Dauer lösen kann. Jetzt komme ich zu den langfristigen Wirkungen, die hier mit den harten ökonomischen Methoden nicht nachweisbar sind, für die es aber auch eine Fülle an anekdotischer Evidenz gibt. Image spielt eine große Rolle dabei, Infrastruktureffekte – gemessen an zusätzlichen Sportstätten, Verkehrswegen, Hotels –, aber auch Qualifikationseffekte für die Bevölkerung. In Leipzig wird geschätzt, dass circa 30.000 bis 40.000 Personen im Laufe der zehn 35 Jahre mit den Olympischen Spielen in Kontakt kommen und damit zusätzliche Schulungen erfahren werden. Tab. 10 Wachstum der Zahl der Kongressdelegierten 80 60 40 20 0 -20 -40 -60 one yea r prior Olympic year one yea r post two yea rs post Ba rcelona Atlanta Sydney Note: Atlanta refers to international and domestic delegates while Sydney and Barcelona refer to international delega tes only Quelle: Respective Convention Bureaux; Jones Lang LaSalle Hotels Schauen wir uns an, wie Olympische Spiele in den letzten 100 Jahren die jeweiligen Städte verändert haben: St. Moritz war einmal ein bettelarmes Dorf, ist heute einer der mondänsten Skiorte der Welt. Sapporo – 72 Olympische Winterspiele – hat seine Einwohnerzahl seither verdoppelt und seitdem die Asienspiele, die Winter-Universiade, APEC-Treffen und Abrüstungskonferenzen beheimatet. Heute sind in Sapporo 17 Honorarkonsuln akkreditiert, vorher gab es nicht einen Honorarkonsul. Calgary – Ausrichter 36 der Winterspiele 1988 – zählt heute 2 Mio. Gäste pro Jahr mehr als zuvor. Die Stadt konnte ihren Bekanntheitsgrad international von 10% auf 40% im Olympia-Jahr steigern. Albertville – 1992 – verfügt nun über einen Autobahn- und TGV-Anschluss. Der Bürgermeister der Stadt spricht davon, dass Albertville durch diese Olympischen Spiele um 50 Jahre nach vorne katapultiert wurde. Atlanta hat seit seinen Olympischen Spielen 20 neue internationale direkte Flugverbindungen und 20% mehr internationale Abflüge zu verzeichnen. Es ist die Stadt Nr. 1 bei Neuansiedlungen von Unternehmen: 22 ausländische Unternehmen haben allein in 1997 ihre Hauptsitze in Atlanta begründet. In Australien ist es gelungen, im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen 45 internationale Firmen mit einem Investitionsvolumen von fast 300 Mio. Dollar zu akquirieren, die über 1.000 Arbeitsplätze geschaffen haben. Der größte Effekt ist aber sicherlich in dem zu verzeichnen, was wir als internationalen Tourismus bezeichnen. Da hätten wir zunächst die Zahl der Kongressdelegierten. In Tabelle 10 sehen Sie, wie sich die Zahl der Kongressdelegierten in den Olympia-Städten entwickelt hat – ein Jahr vorher, im Olympischen Jahr und danach. Barcelona hat im Jahr nach den Olympischen Spielen eine Steigerung um 80% erzielt. Bitte missinterpretieren Sie diese Grafik nicht. Wenn Sie zwei Jahre nach Olympia wieder auf 0 geht, heißt das keineswegs, dass damit der Wachstumseffekt gleich Null ist, sondern – in absoluten Zahlen gesprochen – ist der Wachstumseffekt 80% und verbleibt dann auf diesem hohen gesteigerten Niveau. Auch dieses ist hier eindeutig noch als eine langfristige Sicherung des Wachstumsaspektes zu interpretieren. 37 Tab. 11 Internationale Touristenankünfte 200 190 180 170 160 150 140 130 120 110 100 90 two yea rs p rior one yea r prior Olympic year one yea r post two yea rs post Ba rc elon a Seoul Atlanta* Sydney** * International visitors to the State of Georgia, therefore growth might be understated ** Foreca st extrapolated from national estimates, therefore growth likely to be understated Quelle: Respective Convention Bureaux; Jones Lang LaSalle Hotels Internationale Touristenankünfte – der zweite, sehr wichtige Faktor. Hier ist ebenfalls Barcelona die Stadt, die am meisten profitieren konnte. Sie konnte ihre Zahlen um 90% steigern. Sie sehen, dass die Erfahrungen unterschiedlich sind, dass Atlanta – vielleicht auch von allen Städten die am wenigsten attraktivste für Touristen – am wenigsten profitieren konnte, aber dass es möglich ist, mit geeigneten Konzepten selbstverständlich solche Steigerungsraten zu erzielen. 38 Tab. 12 Anzahl der Hotelzimmer 190 180 170 160 150 140 130 120 110 100 90 two yea rs p rior one yea r prior Olympic year one yea r post two yea rs post Ba rc elon a Seoul Atlanta Quelle: Jones Lang LaSalle Hotels; Respective Tourism Bureaux Sydney Und lassen Sie mich auf einen Punkt kommen, der ab und zu eine Rolle spielt in Leipzig: die Zahl der Hotelzimmer. Sie sehen, dass Barcelona seine Hotelzimmer um 80% gegenüber der Zeit vor den Olympischen Spielen gesteigert hat, also fast verdoppelt hat. Andere Städte hatten dieses so nicht nötig, aber sie haben auch ihre Zahlen sehr deutlich gesteigert. Es ist also etwas ganz Normales, dass zu den Olympischen Spielen – auch in sehr großen Städten – die Hotelkapazitäten sehr deutlich gesteigert werden. Sie müssen in Leipzig gesteigert werden, aber angesichts der Zahlen, die ich Ihnen vorher genannt hatte – Steigerung der Kongressteilnehmer, Steigerung der Touristenzahlen –, dürfte es auch kein Problem sein, diese zusätzlichen Hotelkapazitäten dann entsprechend auszulasten. 39 Abb. 1 Räumliche Verteilung der»subproject funds« Quelle: Fotopoulos, Petrakos, Psycharis(2002) Ich möchte dann zu einem weiteren Punkt kommen, der im Augenblick eine gewisse Rolle spielt: Regionalisierung. Wir haben ja eine gewisse Enttäuschung in Städten wie Riesa zu vernehmen, die nun meinen, dass sie vielleicht doch weniger Vorteile haben als es ihnen vorher versprochen worden ist. Ich denke, dass sich hier Möglichkeiten finden lassen sollten, dass die Effekte nicht nur und ausschließlich in Leipzig beheimatet sein werden, sondern dass andere sächsische Städte profitieren können und ich gehe weiter: Nicht nur sächsische Städte, sondern andere deutsche Städte sollten profitieren. Ich zeige Ihnen hier in Abbildung 1 das Beispiel von Athen 2004: Die griechische Regierung hat sichergestellt, dass über Diversifizierungsprogramme – zum Beispiel, indem Ballspiele ganz bewusst über den ganzen 40 Staat verteilt wurden, indem so genannte Entrance Gates, wo die Sportler dann 2004 einreisen, über die gesamte Republik verteilt wurden und indem Trainingslager(viele Sportler international wollen schon Wochen oder Monate vorher in dem jeweiligen Land trainieren) ebenfalls verteilt wurden – nicht nur die Region Athen von Olympia profitiert, sondern auch Thessaloniki, Heraklion oder Ellis von den Effekten profitieren werden. Nutzen und Kosten einer Bewerbung per se Nun komme ich zu dem letzten Punkt, zu dem ich aufgefordert wurde: Nutzen und Kosten von Olympia-Bewerbungen per se. Und ich sage gleich: Ich würde dieses als eine fatalistische Frage sofort zurückweisen, wenn diese Frage etwa gestellt werden sollte unter dem leichten Hintergedanken:»Leipzig hat doch gar keine Chance!« Weil ich aus eigener sportlicher Erfahrung weiß: Wenn ich mich schon vor dem Rennen damit beschäftigt habe, wie ich im Nachhinein meinem Trainer, meinen Zuschauern, meinen Fans oder vielleicht einem Journalisten mal erklären sollte, warum ich verloren habe und was ich vielleicht trotzdem von dem Rennen hatte – dann habe ich auch wirklich immer verloren. Also dieses sollten wir jetzt nicht so tun, ich weise dieses so zurück. Ich beantworte diese Frage nur deshalb, weil ich klar machen möchte, dass jeder der Bewerber – ganz egal, ob er New York heißt, ob er Rio heißt oder ob er Istanbul heißt, seine Probleme hat. Istanbul ist natürlich in der jetzigen Phase ein ganz hervorragender Kandidat, wo sich der Islam von der westlichen Welt etwas bedrängt fühlt und wo es vielleicht auch an der Zeit wäre, eine Art Handschlag zu versuchen, so dass es in der jetzigen Zeit natürlich für jeden Olympia-Bewerber extrem schwer sein wird, sich durchzusetzen. Ich darf daran erinnern, dass Detroit, eine Industriemetropole in einem sehr einflussreichen Land, sich sieben Mal erfolglos beworben hat und dass es kaum Beispiele in der über hundertjährigen Geschichte Olympias gibt, wo ein Bewerber sich beim ersten Mal durchgesetzt hat. Auch Sydney ist kein Gegenbeispiel, weil vorher Melbourne zweimal den Anlauf für Sydney gewagt hat und erst dann – beim dritten Mal – die Australier sich nicht ungeschickt für Sydney entschieden haben. Wenn Sie mich nach den Nutzen und Kosten von Olympia-Bewerbungen fragen, dann möchte ich zunächst auf die Kosten eingehen. Sie wissen alle die Zahl. Für die nationale Bewerbung hat Leipzig letztlich 6,6 Mio. Euro 41 ausgegeben, geplant waren 4,6 Mio. Euro – das ist eine Steigerungsrate um nominal 44%. Der Grund ist auch bekannt: Man hat 1,33 Mio. zusätzlich für Sportveranstaltungen ausgegeben und 0,7 Mio. für eine OlympiaAusstellung in der Alten Messe. Für die internationale Bewerbungsphase hat Leipzig 30 Mio. Euro kalkuliert. Und ich möchte Ihnen das Vertrauen schenken, dass das eine sehr angemessen, ja etwas großzügig kalkulierte Zahl ist und dass ich sehr optimistisch bin, dass wir in der Lage sein werden, dieses Budget einzuhalten. Nehmen Sie bitte nicht als Vorlage Berlin 2000, dass je nach Rechnungsweise eine Gesamtausgabe zwischen 60 und 80 Mio. DM hatte – was ja dann ein bisschen mehr als 30 Mio. Euro wäre –, das war eine andere Zeit. Heute ist das, was die internationalen Bewerber überhaupt noch dürfen, derart reduziert, standardisiert und vereinfacht – Thema Reisen, eigene Reisen in die Welt, Thema Reisen von IOC-Mitgliedern in die jeweilige Bewerberstadt, Thema Abgabe der weitgehend standardisierten Bewerberunterlagen –, dass ich sicher bin, dass wir mit diesem Budget auskommen werden. Ich will auch diese Zahl noch relativieren, weil Ökonomen alles relativieren. 30 Mio. Euro für diese zwei Jahre. Bitte, verstehen Sie mich nicht falsch, ich sag Ihnen eine erste Zahl: Die öffentliche Hand hat im Jahr 2000 die öffentlichen Bühnen mit 2,1 Mrd. Euro, also mit 2100 Mio. Euro bezuschusst. Sachsen alleine hat seine öffentlichen Bühnen mit 190 Mio. Euro im Jahr 2000 bezuschusst. Hier geht es um 30 Mio. Euro für die gesamte Republik über zwei Jahre. Ich will auf keinen Fall gegen die Bühnen und ihre Subventionierung reden. Darum sage ich Ihnen auch gleich, was mein Fachbereich pro Jahr kostet: nämlich 10 Mio. Euro – nur mein Fachbereich an der Universität. Aber ich bin dagegen, dass nun justament immer nur beim Sport und bei Olympischen Spielen Zahlen in die Öffentlichkeit getragen werden, bei denen ein Mensch, der vielleicht nur 2000 oder 3000 Euro im Monat verdient, wenn er solche Zahlen genannt bekommt – 30 Millionen – immer das Gefühl bekommen muss, das sei doch zuviel. Das ist meines Erachtens nicht fair: Wir machen es bei den Theatersubventionen nicht, dann sollten wir es hier auch nicht machen oder zumindest deutlich relativieren. Nun, was ist der Nutzen? Sie sind hier schon angesprochen worden. Wir haben die Diskussion gehabt um die dritte Schulsportstunde, wir haben neue Hallen in einigen Bewerberstädten, wir haben eine Aufbruchstimmung in diesen Städten gehabt, wir haben zusätzliche Veranstaltungen gehabt. 42 Wir haben einen hohen Imageeffekt gehabt und den versuchen die Ökonomen zu berechnen. An meinem Institut ist berechnet worden, dass Hamburg mit seiner Bewerbung 13.691 Presseartikel hatte, in denen es im Zusammenhang mit der Olympia-Bewerbung genannt wurde, sowie 1.150 Beiträge in Radio und Fernsehen. Wir können sehr sicher davon ausgehen, dass in diesen Beiträgen auch praktisch immer Leipzig erwähnt wurde oder wenn einmal nicht, dass es dann entsprechende Beiträge in den Leipziger Medien gab. Das kann ein Ökonom über ein Verfahren in einen Imagewert umrechnen und ich kann aus anderen Sportveranstaltungen, für die ich das getan habe, hier sagen, dass dieser Imagewert sich bei diesen Zahlen auf eine zweistellige Millionenzahl und zwar am oberen Ende des zweistelligen Millionenbetrages belaufen wird. Zu diesen Imageeffekten kommt die Beschleunigung von allgemeinen Planungsvorhaben dazu, ein Effekt, den Ihnen jeder Bürgermeister in den beteiligten Städten bescheinigen wird. Es sind regionale Netzwerke entstanden zwischen der Politik, zwischen den Behörden, zwischen Wirtschaft und Politik, die in Zukunft auch die Verfahren beschleunigen werden und natürlich ist es auch so, dass auch diese Bewerbungen Einkommen und Beschäftigung in der Region schaffen. Es gibt übrigens Städte, die, obwohl sie genau wussten, dass sie keine Chance auf Olympische Spiele haben, sich allein wegen dieser Nutzen von Bewerbung immer wieder beworben haben: Das war unter anderem Taschkent. Taschkent war immer wieder dabei, bis das IOC eingeführt hat, dass eine Bewerberstadt 100.000 US-Dollar deponieren muss. Justament in dem Augenblick haben sie das dann aufgehört. Schlussfolgerungen So, abschließende Schlussfolgerung und Bemerkung. International zweifelt keiner daran, dass Leipzig und dass die Deutschen Olympische Spiele bauen können, dass sie das managen und verwalten können, dass sie die Spiele vermarkten können und dass sie sie finanzieren können. Kein Mensch bezweifelt dies. Und wir sollten den Mut und das Selbstbewusstsein haben, dieses auch selber nicht zu bezweifeln. Zweitens: Olympische Spiele haben eine sehr hohe volkswirtschaftliche Effizienz. Nicht nur, weil sie sich selbst tragen, sondern weil es kein anderes Ereignis in der Welt gibt, dass dazu führt, dass in eine Region ungefähr 1,5 43 Mrd. US-Dollar gespült werden – nämlich vor allem die Fernseherlöse und die Marketingerlöse. Einnahmen, die nicht kommen würden – es tut mir leid, ich habe selbst ein Kind –, wenn man sich stattdessen für Kindergärten entscheiden würde. Das ist ein Impuls, den Sie so nur mit Olympischen Spielen bekommen, und deshalb halte ich auch Kritik von dem ein oder anderen volkswirtschaftlichen Kollegen, der diese Effizienz bestreitet, für nicht nachvollziehbar. Tab. 13 Inflationsrate in Neuseeland Reserve Bank Act 1989 Beginn der Nichtverlängerung Quelle: Reserve Bank of New Zealand Drittens: Natürlich müssen wir vorsichtig sein, wenn wir den Zuschlag bekommen, alles zu versuchen, für Leipzig den Nutzen zu optimieren. Es wird darum gehen, beispielsweise die Anreizmechanismen für die Entscheidungsträger zu maximieren. Denn es ist immer so: An der Universität, in Organisationen ebenso wie in allen Arten von Unternehmen hängt der Erfolg von den Personen ab, die handeln. Es gibt aber genug ökonomische Methoden, mit denen wir sicherstellen können, dass ein Projekt erfolgreich wird. Ich will Ihnen das kurz anhand des neuseeländischen Notenbankpräsidenten veranschaulichen. Die Neuseeländer haben 1989 einen Reserve Bank Act ein- 44 geführt, der vorschrieb, dass der Vertrag des Notenbankpräsidenten nur dann verlängert wird, wenn die Inflationsrate nicht über 2% liegt. Schauen Sie sich bitte in Tabelle 13 die Inflationserfahrung von Neuseeland in den gesamten siebziger und achtziger Jahren an: teilweise über 20%. Und schauen Sie sich an, was passierte, ab dem Zeitpunkt, wo der Vertrag griff: Ab 1992 nämlich durfte die Inflationsrate nicht mehr über 2% liegen. Es wurde immer mit einem großen Sicherheitsabstand zu der magischen Rate von 2% eine Inflationsrate meistens um die 0,7 bis 0,8% erzielt. Man muss die Anreize nur setzen, dann können wir sicher sein, dass etwas volkswirtschaftlich und gesellschaftlich Sinnvolles herauskommt. Letzte und abschließende Bemerkung. Ich bin Ökonom mit Herzen, ich bin Sportler mit Herzen – und trotzdem sage ich Ihnen sehr offen: Es hat keinen Zweck, die Olympischen Spiele vor allem unter diesem ökonomischen Aspekt zu sehen. So wie Klaus Steinbach schon sagte:»Fragen wir nicht, was die Olympischen Spiele für unsere Wirtschaft tun können«, sondern wir müssen fragen, was die Wirtschaft und was wir für die Olympischen Spiele tun können. Es wird kein IOC-Mitglied der Welt überzeugen, wenn wir argumentieren, dass wir in Deutschland oder selbst in Ost-Deutschland einen volkswirtschaftlichen Vorteil von den Olympischen Spielen haben. Es gibt Regionen in der Welt, die können den noch mehr gebrauchen. Vielen Dank. 45 Diskussion Dagmar Freitag, MdB Ganz herzlichen Dank, Herr Prof. Maennig, für diese Aussagen. Ich glaube, wir sind uns einig, wenn ich ausdrücklich bestätigen möchte, hier hat nicht nur ein Ökonom gesprochen, sondern auch ein Sportler. Und diese Mischung war besonders gut heute Abend, um die wirtschaftlichen Chancen, die in einer Olympia-Bewerbung liegen, auch deutlich zu machen. Herr Prof. Maennig, ich habe mir zwei, drei Sätze aufgeschrieben. Sie sagten, es wird immer teurer als geplant. Ich glaube, das ist ein Satz, der niemanden hier im Saal ernsthaft überrascht hat. Positiv war natürlich, dass Sie dann gesagt haben, dass auch die Einnahmen gestiegen sind und zwar stärker als die Ausgaben. Fazit war, ich verkürze es mal, dass die Risiken beherrschbar sind – das ist das ökonomische Risiko. Ich glaube, was Sie an Ausblick gegeben haben, welche Chancen in dieser Bewerbung liegen, das überwiegt das bei weitem. Dennoch möchte ich noch einen Satz aufgreifen. Sie sagten, auch andere deutsche Städte – ich ergänze mal: Regionen – können profitieren. Und mit dieser Bemerkung möchte ich gerne noch eine Frage an Herrn Dr. 46 Steinbach verbinden. Sie hatten das gesamtdeutsche Bewusstsein in Ihrem Vortrag erwähnt. Uns liegen Untersuchungen vor, dass zurzeit die Unterstützung in den neuen Bundesländern für die Bewerbung bei über 90% liegt, in den alten Bundesländern etwa bei 67%, wenn wir Ost und West gemeinsam sehen bei rund 70%. Welche Möglichkeiten sehen Sie durch die Tatsache, dass auch andere deutsche Städte und Regionen durchaus profitieren können, dafür, diese Unterstützung vor allen Dingen in den alten Bundesländern noch zu erhöhen? Dr. Klaus Steinbach Ich denke, die Prozentzahlen mit rund 70% für die ganze Republik sind schon hervorragend gut. Es gibt kaum Initiativen, die solche Unterstützungszahlen überhaupt aufweisen können. Und wir reden ja trotz allem heute nur von einer Vision, von einem Wunsch, den wir haben und es stimmt mich sehr zuversichtlich, wenn wir in den alten Bundesländern und in den Ländern, in denen die Olympischen Spiele nicht de facto als Standort stattfinden, schon eine solche große Unterstützung haben. Wir haben ja auch Zahlen, die sehr stark belegen und das auch bestätigen, dass man es nicht nur schön und toll findet, dass diese Olympischen Spiele möglicherweise in Deutschland stattfinden, sondern dass man vor allen Dingen daraus auch wirtschaftliche Impulse erwartet. Die Menschen können das, was Herr Prof. Maennig gerade vorgetragen hat, also sehr wohl schon nachvollziehen, ohne die fundierten wissenschaftlichen Hintergründe zu haben, weil sie wissen und weil sie fühlen, dass Olympische Spiele einen solchen Boom auch auslösen können. Das heißt also, das läuft nicht nur rein wirtschaftlich ab, sondern auch emotional. Man erwartet von Olympischen Spielen diesen Aufbruch und unsere Aufgabe wird es jetzt sein – nachdem wir nach der Wahl am 12. April die Euphorie ja wirklich fühlen und spüren konnten, und jetzt an der Optimierung des Konzepts arbeiten, nach einer gewissen Reorganisationsphase in uns selber –, diese Begeisterung wieder allmählich voranzutreiben. Wenn wir natürlich auch jetzt nach und nach mit Fakten kommen, nämlich: Wie sieht das Konzept von Leipzig dann tatsächlich en détail aus. Aber ich bin sicher, wir können diese Unterstützung noch weiter stärken. Jetzt gilt erst einmal, sie zu festigen und ich denke mal, ein solcher Vortrag und solche Zahlen, wie wir sie jetzt gerade gesehen haben – mit Zahlen können die meisten Menschen ja sehr gut was anfangen – nimmt vielen 47 auch die Furcht vor einer ausufernden Investition in ein nicht realisierbares Ziel oder in ein Ziel, was man nachher nicht mehr greifen kann. Hier wird die Erfahrung der Olympia-Ausrichter früherer Jahre deutlich, wie sie mittlerweile auch langfristig von Olympischen Spielen profitieren. Auch der Oberbürgermeister von München hat ja gesagt:»München hat nicht nur in der Vorbereitung auf die Spiele und während der Spiele davon profitiert, sondern München hat bis heute davon profitiert und wird auch über den heutigen Tag hinaus von den Olympischen Spielen 1972 profitieren« – und diese Spiele sind immerhin schon 31 Jahre her. Dagmar Freitag, MdB Herr Prof. Maennig, Sie haben ausdrücklich davor gewarnt, jetzt zu verzagt an das Thema Olympia in Leipzig heranzugehen. Gilt diese Aussage auch für Sponsoren? Würden Sie auch denkbaren Sponsoren, die diese OlympiaBewerbung unterstützen könnten oder sollten, empfehlen, mit diesem Mut und dieser Zuversicht an die Sache heranzugehen? Oder was würden Sie Sponsoren sagen, wenn die Sie mal unter vier Augen fragen würden? Prof. Dr. Wolfgang Maennig Ich würde Ihnen empfehlen, sich für Olympia zu engagieren, weil es ein Thema ist, das positiv besetzt ist. Wir haben die Daten gehört. Herr Steinbach hat völlig Recht, wenn er sagt, dass es kaum ein anderes gesellschaftliches Projekt gibt, das so hohe Zustimmungsraten hat. Und von daher ist es ein Engagement, von dem die Unternehmen sicher sein können, dass es mit Sympathie bei Ihren Kunden begleitet werden wird. Natürlich ist es eine schwierige Zeit für Unternehmen, sich jetzt zu engagieren. Es gibt Unternehmen – ich habe mit einigen auch schon über das Thema gesprochen –, die sagen:»Wir können nicht einerseits Leute entlassen und uns andererseits uns finanziell engagieren in einer Olympia-Stadt.« Das ist nachvollziehbar – emotional. Rational ist das – rein ökonomisch –, auch wenn es sich erneut hart anhört, nicht nachvollziehbar. Es kann durchaus Sinn machen, einerseits intern Effizienzanstrengungen anzustellen, zu rationalisieren, und andererseits seinen Bekanntheitsgrad und sein Image zu verbessern, wenn man sich mit diesem phantastischen Projekt Olympia identifiziert und verbindet. 48 Dagmar Freitag, MdB Meine Damen und Herren, wir haben jetzt eine Menge Fakten gehört, die überzeugen konnten. Wir haben aber sicher auch einiges gehört, was vielleicht noch die eine oder andere Frage aufwirft. Und wir würden Sie jetzt ganz gerne in diese Diskussion mit einbeziehen. Holger Schück, Freier Journalist(Deutschlandfunk) Prof. Maennig, Sie sagten, Hotelkapazitäten müssten oder sollten geschaffen werden, das würde sich rentieren. Das große Problem scheint aber in Leipzig zu sein, zumindest zur Stunde, dass sich internationale Hotelkonzerne dafür eben nicht begeistern wollen, weil sie sagen:»Nachnutzung könnte ein bisschen schwierig sein, weil Leipzig nach Olympia doch nicht so viele anlockt.« Sicherlich kann man über Kongressaktivitäten so zwei, drei Jahre etwas abfedern, aber es geht ja auch um Touristenströme. Außerdem ist die Hotelbranche im Moment ein bisschen low down aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung. Deshalb gibt es andere Überlegungen – Herr Steinbach, Sie werden das ja vielleicht auch in der Antwort sagen – andere Konzepte zu entwickeln. Könnten Sie, Herr Prof. Maennig das bitte noch mal konkretisieren, warum Sie so optimistisch sind? Sind die Bosse in den Hotelzentralen, in den Hotelkonzernen vielleicht zu pessimistisch? Und, Herr Steinbach, was wären eventuell Alternativen, um das Problem der Unterbringung der olympischen Familie abfedern zu können? Prof. Dr. Wolfgang Maennig Ich habe überhaupt keinen Zweifel, dass im Falle des Zuschlages für Leipzig nationale und internationale Investoren auch Hotels in ausreichender Zahl in Leipzig bauen werden, weil die internationalen Investoren die Zahlen, die ich Ihnen nur sehr rudimentär dargestellt habe, natürlich noch viel besser kennen und sehr genau wissen, dass in einer Olympia-Region dauerhaft erhöhte Touristen- und Kongressströme zu erwarten sind. Es würde keinen Sinn machen, warum ausgerechnet in Leipzig die Investoren nicht tätig werden sollten. In allen Olympia-Städten sind die Hotelkapazitäten gestiegen und ich wüsste nicht, warum dies in Leipzig ausgerechnet nicht der Fall sein sollte. Die Problematik liegt woanders. Es ist nicht die Problematik, dass die Hotels 49 nicht gebaut werden würden, sondern es ist eine kleine Problematik, dass das IOC in seiner Entscheidung, ob eine Applicant City zu einer Candidate City wird, schon bestimmte harte Fakten haben möchte. Dazu gehören auch bestimmte Zahlen von Hotels. Und hier wird es darauf ankommen, im Vorfeld zu der internationalen Bewerbung mit dem IOC zu reden und zum Beispiel mit Zahlen klarzumachen, dass kein Zweifel daran bestehen kann, dass Deutschland, dass Sachsen und dass Leipzig die Finanzen und die Kraft haben werden, in Leipzig im Falle eines Zuschlages die Hotelkapazitäten bereitzustellen. Ich glaube aber auch nicht, dass das ein ernsthaftes Problem ist. Ich sag noch mal: Das traut den Deutschen jeder zu. Das ist eine Diskussion, die wir in Deutschland führen. Ich glaube nicht, dass in Amerika oder in Asien eine Diskussion darüber geführt wird, ob wir genügend Hotelkapazitäten bereitstellen können. Dr. Klaus Steinbach Ihre andere Frage ging an mich. Ja, ich werde natürlich jetzt der Arbeitsgruppe, die sich mit Beirat und Arbeiten in der GmbH um das OlympiaKonzept von Leipzig bemüht, nicht vorgreifen können, aber ich möchte das insofern ergänzen oder zumindest präzisieren: In dem Moment, wo die Entscheidung gefallen ist, ist das natürlich eine viel einfachere Entscheidung für einen Investor. Das IOC erwartet aber auch nicht, dass Leipzig oder eine Bewerberstadt bereits zum Zeitpunkt der Abgabe der Bewerbung sämtliche Fakten geschaffen hat. Genauso wenig zu speziellen Sportstätten. Auch werden die Ruderregattastrecke und beispielsweise die Wildwasserstrecke, Kanuslalom, nicht schon vor 2005 fertig gestellt oder gebaut sein, sondern man hat nach dem Zuschlag dann sieben Jahre Zeit, die Sportstätten entsprechend zu bauen und sie mit Infrastruktur und sonstigem zu versehen. So sieht das bei Kapazitäten von Unterbringung oder auch Infrastruktur – Straßen, Autobahnen und dergleichen – aus. Wir müssen nur glaubhaft versichern, dass das, was dort geplant ist, entsprechend im Umfang umgesetzt wird und das, was vorhanden ist, entsprechend dokumentieren. Dann wird man sehen, wie das IOC diese Aussagen bewertet. Wenn Sie wie die Stadt Paris schon 2500 Betten haben, dann ist das sicherlich eine einfachere Situation, aber die müssen klar machen, wie dort die Verkehrsströme funktionieren. Jeder wird da also seine Stärken und Schwächen haben. Und Leipzig wird es mit Sicherheit auch schaffen, mit dem Sportstättenkonzept und 50 dem dazugehörigen Infrastrukturkonzept auch ein entsprechendes Beherbergungskonzept darzulegen, was für das IOC glaubhaft und nachvollziehbar sein wird. Reinhold Hemker, MdB Ich möchte insbesondere Klaus Steinbach danken, für die Art und Weise, wie er die Stimmung dargestellt hat, und die Aufgaben, die wir, und jetzt sage ich, wer ich bin, Mitglied des Deutschen Bundestages und auch im Sportausschuss, so wahrnehmen können. Ich wiederhole mich jetzt. Ich habe dieser Tage in einem Gespräch mit Otto Schily nachgefragt, wie wir eigentlich die Stimmung unter denen, die Deutschland auch international vertreten, im Hinblick auf die Olympia-Bewerbung verbessern können. Ich habe einige Aussagen von Leuten gehört, die in der Außenpolitik sind – auch übrigens von einem Mitglied des Kabinetts, der fragt:»Haben wir denn eigentlich eine Chance?« Also kommt zwischen der öffentlich geäußerten Meinung in Umfragen, wenn man weiterfragt, diese Stimmung raus. Und ich freue mich deswegen, dass hier deutlich gesagt wurde:»Ja, wir haben eine Chance!« Denn das müssen wir jetzt transportieren. Jetzt komme ich auf den eigentlichen Punkt und da würde ich Klaus Steinbach noch mal bitten, aus seiner Sicht als interner und externer Fachmann ein paar Worte zu sagen: Wir aus dem Sportausschuss versuchen zurzeit eine parlamentarische Initiative mit all denen, die auch heute Abend hier sind, auf den Weg zu bringen. Es geht darum, diejenigen, die nicht in Sachen Sport unterwegs sind, die Entwicklungspolitiker, die Außenpolitiker oder zum Beispiel auch die, die wie ich im Bereich der internationalen Agrarpolitik unterwegs sind, in die Bewerbung einzubinden. Wir kommen über unsere Botschaften – Sie haben das ja angedeutet – mit den Menschen in den Ländern zusammen und zufällig kann auch ein IOC-Mitglied da sein. Das könnte man ja auch ein bisschen fördern, indem man über das Auswärtige Amt anfragt, ob der eine oder andere nicht eingeladen werden könnte. Ich würde gerne mal bitten, diese Aktivität, die wir jetzt versuchen aufzubauen, noch ein wenig konkreter zu bewerten: Ist sie günstig, schädlich oder wie verhalten wir uns da eigentlich? Und zweitens: Haben wir da was vorzuweisen? Es ist ja bekannt, dass im Bereich der auswärtigen Kulturpolitik auch etliches an Sportaktivitäten 51 läuft. Können wir darüber reden? Erhalten wir noch Material, in dem aufgeführt wird, dass zum Beispiel bereits eine Partnerschaft zwischen einem Sportverein aus Nordrhein-Westfalen und einem Verein in dem entsprechenden Land besteht. Das sind die Dinge, wo das alles eigentlich schon läuft. Wir haben also wahrscheinlich schon Pfunde, mit denen wir wuchern können. Wenn wir das noch ein bisschen konkreter hätten, dann können wir die Kollegen in den anderen Ausschüssen – nicht im Sportausschuss, die muss man nicht mehr missionieren, die sind sowieso engagiert – mit einbinden, damit es nicht mehr heißt:»Haben wir eine Chance?" Dr. Klaus Steinbach Eindeutig: Wir haben eine Chance. Was können Sie jetzt schon transportieren und was werden Sie im Laufe der Zeit transportieren können, welche Fakten oder Informationen werden Sie bekommen? Bereits jetzt können Sie unmissverständlich transportieren, dass in Deutschland eine gute Entscheidung gefallen ist, Leipzig auszuwählen und sich für die Olympischen Spiele 2012 zu bewerben. Leipzig ist eine hervorragende Stadt, eine aufstrebende Metropole, der Kernpunkt der friedlichen Revolution und der Wiedervereinigung in Deutschland und diese Stadt wird ein hervorragendes Sportstättenkonzept in den nächsten Wochen und Monaten vorlegen. Sobald es dort Konkretes gibt, werden diese Informationen entsprechend kommuniziert. Keiner der Bewerber zum jetzigen Zeitpunkt hat sein Sportstättenkonzept bereits jetzt in der Öffentlichkeit kommuniziert. Das heißt also, es besteht überhaupt keine Not, dies als Allererster kundzutun, damit sich die Mitbewerber daran ausrichten können, sondern wir wollen ja auch unsere Mitbewerber beobachten. Es wird rechtzeitig Informationen geben. Wir haben das mit den Verbänden so weit besprochen, dass wir uns im September zu einem zweiten Treffen wiedersehen und dann wird dieses Sportstättenkonzept den Spitzenverbänden vorgestellt. Wir haben ein Treffen am 3.06. in Köln gemacht. Wir wussten, dass dieses Treffen nicht in erster Linie dazu dient, fertige Informationen den Spitzenverbänden des deutschen Sports mitzuteilen. Darauf haben sie aber gehofft. Wir haben aber trotzdem zu diesem Termin eingeladen, um sie an diese Bewerbung und an uns zu binden. Das war zwar die Erfüllung eines Wunsches, dass dieser Termin stattfindet, aber wir konnten nicht gleichzeitig mit einer entsprechenden Fülle an fertigen Informationen aufwarten. 52 Hätten wir – und das hat zu einer gewissen Missstimmung geführt – diesen Termin erst im September gemacht, garantiere ich Ihnen, hätten wir die öffentliche Diskussion gehabt, warum wir die Spitzenverbände nicht schon längst zusammengerufen haben. Nun haben wir sie zusammengerufen, und haben das, was wir bislang mitteilen konnten, gesagt. Das war dann an Information zuwenig. Hätten wir bis September gewartet, wäre es an dem Termin schlecht gewesen. Das war nicht so ganz einfach für uns. Wir werden versuchen, hier alle zufrieden zu stellen. Und das wird auch automatisch durch die Weiterentwicklung dieses Konzeptes gelingen. Wir werden dann auch nach und nach mehr Informationen geben können. Sie wissen, Parlamentarier lassen sich ja sowieso nicht bevormunden oder an die Leine legen, sondern da geht es ja darum, hier die vorhandenen Informationen weiterzugeben. Sie wissen aber auch, es gibt mittlerweile – und darauf hat Herr Prof. Maennig auch hingewiesen – unmissverständliche Vorgaben des IOC. Zum Beispiel sind die Kosten einer Bewerbung wesentlich besser kalkulierbar geworden, weil es sehr, sehr klare, unmissverständliche Vorgaben des IOC gibt – Ethikvorgaben, Spielregelnvorgaben –, die uns erst vor wenigen Wochen erreicht haben, weil sie dann erst fertig gestellt und an alle Bewerberstädte gleichzeitig versandt worden sind. Diese Vorgaben werden jetzt möglicherweise bei dem noch laufenden IOCKongress in Prag überarbeitet und präzisiert. Dann wissen wir genau, was wir dürfen und was wir nicht dürfen, wo wir Fehler machen, wo wir grobe Fehler und Schnitzer machen und was erlaubt ist, was möglicherweise sogar gewünscht ist. Diese Spielregeln haben wir bereits mit unseren Spitzenverbänden kommuniziert und haben sie auch schriftlich weitergegeben. Wir werden das, sobald wir das jetzt vom IOC präzisiert bekommen, noch mal überarbeiten, denn – ich habe ja in meinem Vortrag darauf hingewiesen – wir wollen Fairness und Fairplay walten lassen. Das heißt natürlich auch, dass wir uns an die Spielregeln halten. Wir Athleten sind es gewohnt, uns an die Spielregeln zu halten und da werden wir uns mit der Bewerbung ebenfalls dran halten. Dr. Sven Güldenpfennig, Sportwissenschaftler, Universität Hamburg Herr Steinbach, ich habe zwei Fragen an Sie: Die eine geht im Grunde etwas skeptisch auf das ein, was Sie zuletzt gesagt haben, nämlich was das Tempo anbetrifft, was in Bezug auf die Weiterverfolgung der Bewerbung von Leip- 53 zig eingeschlagen worden ist. Ich bin sehr skeptisch, ob wir das notwendige Tempo bereits beobachten können. Sie haben als Erfolg verbucht, dass die fünf oder vier ausgeschiedenen deutschen Bewerberstädte jetzt ihre Beauftragten benannt haben, mit denen man kooperieren will. Aber es ist inzwischen ein Vierteljahr seit München vergangen. Und wir müssen doch als wichtiges Datum den Juni 2004 ins Auge fassen, wo die erste Hürde genommen werden muss. Und bis dahin müssen die Hausaufgaben gemacht sein. Und Leipzig ist nach meinem Eindruck dabei, zusammen mit dem NOK ein völlig neues Konzept zu entwerfen. Weil erstens die Urteile, die in der Evaluierung für Leipzig ausgesprochen worden sind, nur bedingt durch die Fakten gedeckt gewesen sind und zum anderen sich herausgestellt hat, dass das, was in diesem Bewerbungskonzept dringestanden hat, so auf Dauer nicht haltbar und nicht tragfähig ist. Meine Frage ist also, ob wir wirklich das notwendige Tempo eingeschlagen haben, um den Optimismus, bei dem ich Ihnen zustimme – natürlich, wir müssen mit diesem Optimismus herangehen, denn wir haben ein dringendes Interesse daran, diesen Wettbewerb erfolgreich zu bestehen –, zu bestätigen, um diesen Erfolg auch tatsächlich erzielen zu können. Im nächsten Jahr bereits. Das ist die erste Hürde. Und der zweite Punkt, der in den letzten Tagen ja durch die öffentliche Diskussion gegangen ist, ist, wie Sie die Belastung einschätzen, die diese deutsche Bewerbung dadurch erfahren hat, dass eine nicht rechtmäßige ökonomische Nutzung der olympischen Symbole bekannt wurde? Wie hoch ist die Gefährdung, das Risiko, das durch diese Geschichte insgesamt – nicht nur für Leipzig – für die deutsche Bewerbung entstanden ist und welche Chancen sehen Sie, dieses Problem schnell und glaubhaft aus der Welt zu schaffen? Dr. Klaus Steinbach Um Ihre zweite Frage zuerst zu beantworten. Diese Situation ist – denke ich mal – insofern unter Kontrolle, als wir uns mit einer Agentur gerichtlich auseinander setzen, die über eine Person mit uns schon seit längerem in einem Konflikt steht und missbräuchlich diese olympischen Symbole benutzt hat. Das ist unsere unmissverständliche Rechtsauffassung. Hier gibt es noch keinen endgültigen richterlichen Entscheid. Das wird auf Dauer dieser Bewerbung schaden, das wissen wir. Wir sind hier dabei, Lösungen zu 54 finden. Ich werde sie hier nicht öffentlich diskutieren. Ich werde auch nicht zu Ihren Vorwürfen – ich weiß, Sie haben sich sehr engagiert für die Hamburg-Bewerbung eingesetzt –, zu Ihren Vorwürfen und Feststellungen, die ich so zwar nicht akzeptierte, aber die ich mir anhöre, oder zu der LeipzigBewerbung keine Stellung nehmen. Die Vorwürfe, dass Leipzig ein völlig anderes Konzept erstellt habe und das, was die Evaluierungskommission festgestellt hat, nicht den Tatsachen entspreche, weise ich energisch zurück. Wir haben die Pflicht und das Ziel, diese Bewerbung weiter zu optimieren. Der Prozess läuft und der Prozess ist aus meiner Sicht unnötig in der öffentlichen Diskussion und wir werden nicht nur von Ihnen, sondern auch von vielen anderen ständig darauf angesprochen, ob wir noch im Zeitrahmen sind. Ich sage Ihnen, ja, wir sind im Zeitrahmen. Ich werde allerdings auch nicht jeden Arbeitsschritt mit der Öffentlichkeit diskutieren und ihn zerdiskutieren lassen. Wir wissen, dass die Deutschen – ich habe von der deutschen Krankheit gesprochen – Weltmeister im Bedenkentragen sind. Ich möchte positiv sein, ich möchte diese Bewerbung positiv vorantreiben, und ich wünsche mir, dass Sie uns diese Zeit zum Arbeiten geben und dass Sie uns diese Zeit zum Arbeiten lassen. Und erwarten Sie nicht, dass wir die gesamte Arbeit, jeden einzelnen Schritt in der Öffentlichkeit zerdiskutieren, das können wir nämlich hervorragend. Prof. Dr. Wolfgang Maennig Ich denke auch, wir sollten die Kirche im Dorf lassen. Natürlich ist es förderlich für die Chancen international, wenn man die Sportstätten und die Wohnstätten sehr dicht beieinander hat. Ob es erforderlich ist, dass alle Sport- und Wohnstätten in einer Stadt sind, mag ich bezweifeln. Das sieht man auch an der jetzigen Entscheidung für Vancouver, wo zwischen den beiden olympischen Zentren ja eine Entfernung herrscht, die nicht so viel kürzer ist als zwischen Leipzig und Riesa. Aber ich bin sicher, dass sich das die Leipziger sehr gut überlegt haben. Das heißt aber meines Erachtens nicht, dass nun alles, was man vorher berechnet und erdacht hat, damit obsolet geworden ist. Sondern das meiste bleibt ja wertvoll. Natürlich muss man eine solche Bewerbung – wie alles in einer sich schnell wandelnden Gesellschaft – doch immer wieder überprüfen und neu formulieren. Jeder von Ihnen, die Sie in Politik, in der Wirtschaft, in der Verwaltung tätig sind, kennt das, dass nach einem halben Jahr, nachdem ein Papier geschrieben ist, 55 die Realität schon wieder anders aussieht und alles anders formuliert werden muss. Das weiß übrigens auch das IOC. Und deshalb bin ich sicher, dass es diese Diskussion hier in Deutschland sehr gelassen verfolgt. Dick Pound, einer der einflussreichsten IOC-Funktionäre, hat einmal gesagt, die schönste Prosa, die er kenne, das seien die olympischen Bewerbungsschriften. Nach dem Zuschlag ändert sich erneut alles. Und das gilt hier in der nationalen Bewerbungsphase und das gilt in der internationalen Bewerbungsphase genauso. Dr. Klaus Steinbach Das hätte übrigens für die anderen Bewerberstädte genauso gegolten. Ich bin sicher, dass wir mit jeder Bewerberstadt, die wir ausgewählt hätten, einen intensiven Optimierungsprozess durchgemacht hätten – nicht nur intensiv, sondern auch extensiv, was die Zeit anbelangt. Bestimmte Zeitraster braucht man. Wir werden auch nicht vorgeben, an welchem Tag wir glauben, jetzt fertig zu sein, denn wir brauchen eine bestimmte Zeit. Wir haben nicht bis zum Sommer 2004 Zeit, sondern bis zum 15. Januar 2004. Dann, am 15. Januar 2004, muss der Beantwortungsbogen beim IOC sein, so viel Zeit haben wir. Es steht nirgendwo geschrieben, dass man alle diese Schritte 56 ständig öffentlich in die Diskussion und in die Information stellen muss. In der jetzigen Phase ist es auch überhaupt nicht nötig und steht es auch nicht an vorderster Stelle unseres Arbeitskatalogs, botschafterisch in der ganzen Welt tätig zu werden. Dazu haben wir, nachdem wir unsere Hausaufgaben gemacht haben, noch reichlich Zeit. Stefan Schneider, stellvertretender Hauptgeschäftsführer beim Hauptverband des Deutschen Einzelhandels(HDE) Ich vertrete einen großen Wirtschaftsbereich hier in Berlin. Insofern – das ist jetzt Zufall, dass ich nun gerade an der Reihe bin – gibt das gerade die Gelegenheit, einen ganz anderen Farbtupfer in die Diskussion zu bringen. Herr Dr. Steinbach, Sie haben mehrfach von den Verbänden gesprochen und das an den Daten noch mal abgeleitet. Das sind in dieser Phase natürlich logischerweise die Sportverbände. Aber aufgrund meiner Tätigkeit bin ich daran interessiert, auch andere Verbände mal mit ins Spiel zu bringen, konkret gesagt: die Wirtschaftsverbände. Herr Prof. Maennig, Sie haben Sponsoren die Empfehlung gegeben:»Engagiert Euch da!« Es gibt ein Beispiel – das ist noch gar nicht so lange her und das hat in Deutschland gespielt – eines Großereignisses, wo die Frage»Wie engagiert sich die Wirtschaft bei so etwas?« aus meiner Sicht – und das ist auch allgemeine Meinung der Wirtschaft in der Nachschau – sehr gut hat beantworten lassen. Ich meine das Beispiel der EXPO in Hannover. Dort haben wir also ein Weltereignis – und das liegt nicht 31 Jahre zurück, sondern jetzt zwei oder drei Jahre – unter Beteiligung der Wirtschaft und auch unter Beteiligung der Wirtschaftsverbände organisiert. Das wollte ich mal in die Diskussion bringen, dass man dort auch mal ein Augenmerk darauf bekommt, wie sich so etwas organisieren lässt, über den Sport-Bereich hinaus. Also nicht nur dieses direkte Engagement mit Sponsoren nach dem Motto»Unternehmen mit Signet, engagiert Euch, zeigt Euch«, sondern auch da, wo an sich die Geschichte etwas indirekter laufen muss. Hier gibt es Vorbilder, wie das vielleicht auch in einem solchen langfristigen Bewerbungsprozess zu integrieren ist. Keine Frage, sondern eine Anregung, mit der Bitte um Antwort. Prof. Dr. Wolfgang Maennig Natürlich gibt es die Verbindungen zur EXPO. Trotzdem finde ich den Vergleich unglücklich, weil die EXPO so ein bisschen ein Auslaufmodell ist. Die 57 EXPO war vor hundert Jahren ein Welt-Großereignis, bei dem sich jedes Land darstellen wollte. Inzwischen ist die Notwendigkeit der Länder, sich auf solchen zentralen EXPOs darzustellen, wesentlich geringer geworden. Es ist für die Länder viel attraktiver, im eigenen Land Veranstaltungen zu organisieren, zu denen sie dann die Menschen bekommen. Die EXPO hatte schon in Deutschland, aber hatte erst recht in den Folgeveranstaltungen erhebliche Schwierigkeiten, überhaupt noch die Aufmerksamkeit von den Teilnehmern, geschweige denn von den Besuchern zu bekommen. Während bei den Olympischen Spielen – dies hatte noch die eine Tabelle sehr deutlich gezeigt – ja ein vollkommen ungebrochener Wachstumstrend vorhanden ist, der noch viel größer sein könnte, wenn man denn den Kräften des Marktes – also den Athleten und ihrer Nachfrage – auch wirklich gerecht werden könnte. Also, die EXPO war von vornherein auf einem sehr viel schwierigeren Fluss als es die Olympischen Spiele sind – und das gilt auch für die Vermarktung. Sie wissen, dass die EXPO betriebswirtschaftlich gesehen nicht so erfolgreich war, wie wir uns das erhofft haben. Sie wissen, dass es kein ausgeglichenes Budget gab, wie es vorgesehen war, sondern dass es ein erhebliches betriebswirtschaftliches Defizit gab, was ja dann auch dazu geführt hat, dass es teilweise eine negative Berichterstattung dazu gab. Volkswirtschaftlich gesehen für die Region Hannover besteht kein Zweifel – auch in der ex post-Studie nicht –, dass dieses für die Region insgesamt positiv war. Trotzdem möchte ich noch mal sagen: Olympische Spiele sind heute, und erst recht im Jahr 2000, inzwischen auf einem ganz anderen Niveau als Weltausstellungen. Die volkswirtschaftlichen Effekte von Olympischen Spiele sind deutlich größer als die der Weltausstellungen. Dr. Klaus Steinbach Ich würde auch gerne darauf antworten. Wir wollen ja Olympische Spiele von Leipzig in Sachsen für Deutschland. Das heißt also, unser Ziel muss es sein, diese Idee entsprechend zu verbreiten und dafür Unterstützung in der gesamten Bevölkerung zu finden – keine Frage. Und unter Verbänden verstehe ich, auch wenn ich im Vortrag zunächst die Spitzenverbände unseres deutschen Sports angesprochen habe, selbstverständlich auch – von daher ist Ihre Anregung gut und richtig – sämtliche Bevölkerungsschichten, die sich in unterschiedlichen Verbänden, ob das jetzt nun Kultur, Wirtschaft, Medien oder sonstiges ist, organisieren, aber auch Nicht-Organisierte. Denn 58 am Ende kommt ja das IOC, wenn wir Candidate City sind, zu uns ins Land und wird fragen, nicht nur in Leipzig und in der Gegend in Leipzig, sondern in der ganzen Republik:»Wie ist die Stimmung in Deutschland pro Olympische Spiele?« Und das IOC wird das auch bewerten und das ist ein wichtiges und hartes Bewertungskriterium. Unsere Idee ist also die, dass wir im Kuratorium – und hier haben wir die Zusage von Hans-Dietrich Genscher als Kuratoriumsvorsitzenden – alle Gesellschaftsschichten, die gesamte Gesellschaft Deutschlands durch ihre Hauptvertreter und Spitzenvertreter abbilden und uns natürlich auch auf diese Art und Weise den entsprechenden Input holen. Nicht nur einen wirtschaftlichen, finanziellen, sondern auch einen ideellen Input, der uns dann natürlich auch nachher wieder hilft, über die Verbände nach außen zu wirken, über ihre Mitglieder, und mit dem Ziel, den im Grunde positiven Olympia-Virus an jeden Einzelnen weiterzugeben, der in unserer Republik wohnt. Von daher kann ich Ihnen zusagen, dass das zu gegebener Zeit passieren wird. Wir arbeiten jetzt schwerpunktmäßig und konzentriert mit der GmbH an den Hausaufgaben und das ist natürlich der primäre Fokus. Es macht keinen Sinn, nur mit der Idee »Sie wissen ja, am 12.04. ist Leipzig gewählt worden« rauszugehen, sondern Sie brauchen nach und nach auch entsprechende Fakten und Inhalte. Da arbeiten wir gerade dran und diese Inhalte stehen uns mit Sicherheit im Spätsommer in ausreichendem Umfang zur Verfügung, so dass wir damit auch kommunizieren können. Peter Kernbach, Sprecher der Ständigen Konferenz der Spitzenverbände im Deutschen Sportbund und Mitglied der Evaluierungskommission im NOK für die Spiele 2012 Ich habe keine direkte Frage. Ich wollte, wenn es erlaubt ist, zwei kurze Ergänzungen geben. Einmal, Klaus Steinbach, was die Zusammenarbeit zwischen DSB und NOK, zwischen Spitzenverbände und NOK betrifft, die ist eigentlich sehr gut. Wir hatten ja hier in Berlin die Tagung im Dezember »Verbände pro Olympia«, wo ja eindeutig das Zeichen war, dass die Verbände hinter Olympia 2012 in Deutschland stehen. Das gleiche Signal haben ja auch die Landessportbünde gegeben. Also insofern ist die Aufbruchstimmung bundesweit flächendeckend bei jedem Sportler auch gegeben. Die zweite Ergänzung, Herr Güldenpfennig, was weh tut: Die Evaluierungskommission hat eigentlich hervorragend gearbeitet. Wir haben alle fünf 59 Bewerberstädte so gesehen und so beurteilt, wie sie sind. Es muss erlaubt sein, wenn ein Ergebnis gefällt und es einen Ersten gibt und vielleicht vier Zweite, ein Konzept zu verändern. Aber auch ich verwehre mich vehement dagegen, dass ein Konzept völlig umgestrickt worden ist. Das hat die Kommission so nicht verdient. Wir haben ein Ergebnis, was vorliegt und das muss auch so akzeptiert werden. Wenn es Verfeinerungen in diesem Bericht gibt, dann ist das legitim. Thomas Hugo, Hugo-Kommunikation Wir arbeiten für verschiedene Kunden, unter anderem für einen Kunden und das ist eine neue Farbe, die ich einbringe, um das Bonmot des Kollegen von eben aufzunehmen. Und zwar ist es so, dass seit Sydney 2000 Deutschland sich nicht nur um die Austragung der Olympischen Spiele bewirbt, sondern auch um die Austragung der Paralympics, der Spiele der behinderten Sportler. Und die Umfrage, die Sie zitiert haben, Frau Freitag, die ja über das ganze Land, über ganz Deutschland gesehen, knapp 70% Zustimmung der deutschen Bevölkerung für die Austragung der Olympischen Spiele gezeigt hat, hat ebenso gezeigt, dass rund 10% mehr, nämlich knapp 80% der Bevölkerung dafür sind, dass die Paralympischen Spiele in Deutschland stattfinden. Glauben Sie, und das wäre jetzt eine Frage an beide Herren, dass Leipzig diesen paralympischen Gedanken in seine Bewerbung in irgendeiner Weise offensiv einbauen sollte? Oder sollte Leipzig – und es gibt ja durchaus Stimmen im IOC, von denen man weiß, dass sie diese Aufwertung der Paralympischen Bewegung nicht, sagen wir mal, von Herzen getan haben, sondern mehr aus political correctness – diesen Aspekt unterschlagen? Die Paralympische Bewegung ist ja insbesondere dank der Bemühungen der Politik und insbesondere auch des Sportausschusses in Deutschland führend und die Behindertenpolitik und die Gesundheitseffekte dieser Behindertenpolitik, wie die Rehabilitation, sind beispielhaft. Sollte das also ein Aspekt sein, der in der Bewerbung eine Rolle spielt oder lieber nicht? Dr. Klaus Steinbach Eine Rolle spielt es alleine schon dadurch – ohne es vorher zu bewerten –, dass man sich überhaupt beim IOC gar nicht mehr anders bewerben kann. Man muss sich – das ist die Vorgabe – für Olympische Spiele und Paralym- 60 pics bewerben. Wir könnten also gar nicht für das eine und gegen das andere antreten. Und wir könnten auch bei 80% Zustimmung gegen 70% nicht sagen:»Komm wir bewerben uns nur für die Paralympics, das ist ja auch viel einfacher.« Das geht gar nicht. Wir sagen grundsätzlich natürlich – nur nicht in jedem Satz –, dass wir uns für die Olympischen Spiele und die daran anschließenden Paralympics bewerben und – dass muss ich sagen – unter anderem bei der Evaluierung mit drei Mitgliedern aus dem Deutschen Behindertensportverband, die hervorragende Ergebnisse und Beurteilungen über die Bewerber abgegeben haben. Die fünf Bewerbungen, die wir in Deutschland evaluiert und gesehen haben, hatten – vier von fünf auf jeden Fall – sehr gut nachvollziehbare städtebauliche Gesamtkonzepte. Dort sollten auch keine Olympischen Dörfer mit zur Hälfte mobil homes, mit Rampen und dergleichen, gebaut werden wie zum Beispiel in Sydney, sondern hier sind Konzepte geplant und vorgetragen worden, die bis ins Detail die Anforderungen des Behindertensportverbandes nicht nur erfüllen, sondern zum großen Teil übererfüllen. Aber ich glaube nicht, dass wir ein stärkeres Pfund beim IOC dadurch bekämen, dass wir sagen:»Na ja, eigentlich bewerben wir uns zwar für die Olympischen Spiele, aber am liebsten wären uns die Paralympics.« Damit können Sie das IOC natürlich nicht überzeugen. Klar ist, man muss für beide Angebote optimale Rahmenbedingungen schaffen und eins ist sicher, auch für die Paralympics bieten wir hervorragende, optimierte Rahmenbedingungen, denn das, was dort gebaut wird, wird langfristig gebaut und wird im Zeitalter der Überalterung unserer Gesellschaft sowieso nicht nur behindertenfreundlich, sondern auch fast überall behindertengerecht ausgestattet. Dagmar Freitag, MdB Wenn ich da eine Nachfrage anschließen darf, Herr Dr. Steinbach. Wie wird denn die Tatsache, dass die Paralympics auch in Leipzig stattfinden, kommuniziert? Denn ich glaube schon, dass zurzeit das Bewusstsein in der Bevölkerung nicht annähernd dafür vorhanden ist, dass wir eigentlich über Olympische Spiele und die Paralympics reden. Haben Sie da Vorstellungen, wie das vielleicht auch stärker verankert werden könnte? 61 Dr. Klaus Steinbach Das geht auch ähnlich wie bei den Olympischen Spielen, die ja mit einer ganz kurzen Vorlaufzeit vor den Paralympics dann stattfinden, mit dem Gesamtsportkonzept und Olympiakonzept, also mit dem Masterplan, wenn Sie es so wollen, mit der Draufsicht von oben, wo alles stattfindet. Da wird es einen entsprechenden Masterplan für die Olympischen Spiele geben und einen für die daran anschließenden Paralympics. Und in dem Moment, wo wir dieses beide haben, werden wir dies entsprechend kommunizieren. Theo Rous, Vizepräsident Deutscher Leichtathletik-Verband Wäre es nicht denkbar – und die letzten Diskussionsbeiträge haben mich dazu ermutigt –, in ähnlich exzellenter Weise, wie es Herr Prof. Maennig gemacht hat, eine Analyse auch für den Sport zu liefern, für die Chancen, die der Sport durch die Olympischen Spiele in einem Land hat. Ich weiß nicht, ob so was leistbar ist, aber es wäre doch eine dankbare Aufgabe für Sportwissenschaftler, in ähnlicher Weise, wie Sie das gemacht haben, auch uns Argumentationshilfen zu liefern und zu sagen, was die Olympischen Spiele in einem Land gebracht haben, in einer Region, in einer Stadt. Was Sie uns heute vorgetragen haben, war eine hervorragende Argumentationshilfe, um für die Olympische Bewerbung einzutreten. Wäre dies nicht auch für den Sport möglich? Und daraus könnte man auch – so habe ich auch das verstanden, was Sie heute für die Wirtschaft gesagt haben – Strategien, für eine erfolgreiche Bewerbung entwickeln. Das ist sicher auch eine Frage an Sportwissenschaftler, ob so was möglich ist. Prof. Dr. Wolfgang Maennig Also ich bin sicher, dass das möglich ist. Und ich bin sicher, dass unsere Sportwissenschaftler dazu in der Lage sind. Ich finde die Anregung gut und ich würde mich freuen, wenn die Sportwissenschaftler das aufgreifen würden. Es gibt genug Beispiele aus der Historie: Wir hätten die Glücksspirale nicht, wenn wir nicht München 1972 gehabt hätten. Aus dieser Glücksspirale partizipiert heute noch, zwar nicht mehr hundertprozentig, sondern mit sinkendem Anteil die Deutsche Sporthilfe. Wir hätten wahrscheinlich auch die Deutsche Sporthilfe nicht, wenn wir nicht die Olympischen Spiele 1972 gehabt hätten. Wir hätten mit Sicherheit nicht diese Sportstätten in Mün- 62 chen, wenn wir die Spiele nicht gehabt hätten. Wahrscheinlich hätte man inzwischen ein Fußballstadion für Bayern München gebaut ohne die Olympischen Spiele, aber viele dieser Anlagen hätten wir so nicht. Ich bin sicher, es gäbe sehr gute Möglichkeiten, das nachzuweisen, was Olympische Spiele für den Sport in einer Nation bedeuten – nicht nur in Deutschland, sondern in allen Ländern. Nur, bei aller Wichtigkeit, dass wir den Ruck hinkriegen und noch mehr Begeisterung in Deutschland hinkriegen für dieses Projekt »Olympia in Deutschland": Unsere eigentliche Zielgruppe, unsere eigentlichen Kunden sind die IOC-Mitglieder und die überzeugen wir nicht oder weniger mit dem Argument, dass unser deutscher Sport von Olympischen Spielen in Deutschland besonders viel hätte, denn der deutsche Sport gilt gemeinhin als ziemlich stark und effizient und in den Augen der japanischen IOC-Mitglieder oder französischen IOC-Mitglieder oder italienischen IOC-Mitglieder wäre das kein starkes Argument, dass dieser deutsche Sport noch mehr profitiert. Unser Argument muss vielmehr für unsere Zielgruppe IOC-Mitglieder sein, was der internationale Sport davon hat, wenn die Spiele in Deutschland 2012 stattfinden werden. Das muss das Argument sein. Und deshalb sehe ich Ihre Anregung als wirklich sehr gute Anregung, die die Sportwissenschaftler aufnehmen sollten, aber sie sollten es unbedingt ergänzen durch die Frage oder das Argument, was haben die anderen davon, dass es in Deutschland stattfindet. Dr. Klaus Steinbach Ich würde gerne insofern ergänzen, dass wir in unserem nationalen Verfahren Kriterien mit aufgenommen haben, die in keiner Weise Kriterien des IOC sind, das heißt also die dritte Sportstunde und andere Möglichkeiten. Wenn ich überlege, dass wir, als wir vom NOK aus das Signal gegeben haben, dass das NOK sich für Deutschland um Olympische Spiele bewerben will, in der gleichen Phase im Bundesausschuss Leistungssport im Vorstand darüber diskutiert haben, ob wir aus den 20 Olympia-Stützpunkten 16 machen und dann auf einmal schlagartig die Finanzierung von vier vorher nicht finanzierbaren Olympia-Stützpunkten wieder gesichert war. Vieles andere in dieser Richtung – nun haben wir zwar beim Olympia-Stützpunkt den Bezug zu Olympia – aber vieles andere, was mittlerweile in den Regionen und im Umfeld passiert ist, da dürfen sich jetzt schon die Verbände und der Deutsche Sportbund die Hände reiben und sagen, dass im Zuge der 63 Olympia-Bewerbung nicht im Sinne von Kollateralschäden, sondern in Form von Kollateralzugewinnen eine ganze Menge für den deutschen Sport passiert ist. Nur, da möchte ich das, was Herr Prof. Maennig gesagt hat, noch mal bestätigen, das kann nicht der Zentralfokus sein. Es fällt mit Sicherheit für den deutschen Sport auf dem Weg zu Olympia 2012 in Leipzig noch eine Menge ab, das ist keine Frage und das ist auch in unser aller Interesse. Es kann allerdings nicht die primäre Frage sein, was in der Tasche des Einzelnen bleibt, wenn er sich engagiert, sondern wir müssen das große Ziel vor Augen haben, die Olympischen Spiele tatsächlich nach Leipzig zu bekommen und da müssen wir uns auch an den Kriterien des IOC ausrichten. Matthias Sprackties, Deutschlandradio Berlin Olympische Spiele sind eine nationale Aufgabe. Sie haben das richtig interpretiert. Die Sachsen waren immer fleißig und werden auch fleißig daran arbeiten. Ich möchte meinen Gedankengang, Herr Prof. Maennig, Herr Dr. Steinbach, ein Stückchen weiter rücken. Nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich bewusst diese Frage jetzt aufwerfe. Und zwar müssen wir die Internationalität sehen. Wie ist Deutschland da positioniert für das Jahr 2012? Könnte es nicht auch so sein, dass Deutschland eventuell einen Flop landet und sich auf das Jahr 2016 oder auf das Jahr 2020 vorbereiten muss? Wie gehen Sie damit intern um? Wird man dann auch Deutschland so positionieren, dass man sagt, wenn wir es beim ersten Anlauf mit Leipzig nicht schaffen, bleibt Leipzig weiterhin unser Kandidat für die nächsten Olympischen Spiele? Das sollte man auch im Hinterkopf haben nach meiner Meinung, denn ich denke mal, der afrikanische Kontinent wartet genauso auf Olympische Spiele. Wir haben ein großes Angebot, Sie haben die Städtenamen genannt. Also, es ist schwieriger geworden, Olympische Spiele für ein bestimmtes Land zu gewinnen. Wie positionieren Sie sich da international, dementsprechend auch national? Punkt 2 möchte ich nur eins sagen, Herr Prof. Maennig: Da ich auch im touristischen Bereich verankert bin, weiß ich, dass im Augenblick die großen internationalen Hotelketten aus Asien und Amerika, was Investitionen in Deutschland angeht, sehr, sehr zurückhaltend sind. Berlin hat da eine Sonderstellung, aber es sind auch nicht so viele internationale Hotels nach Berlin gekommen, wie man prognostiziert hatte. Auch da sollte man ein wenig zurückhaltend sein. Denn es ist immer auch eine Frage, wie sich die Wirt- 64 schaftslage und diese Republik entwickeln werden – das sind die entscheidenden Fragen, auch für die Olympischen Spiele. Geht es wirtschaftlich bergauf, dann kann man davon ausgehen, wird das auch Olympia einen enormen Schub geben. Also insofern, meine ich, ist auch die deutsche Wirtschaft, ist die Bundesregierung, sind alle gefragt, weil es eben – wie ich eingangs sagte – eine nationale Aufgabe ist. Dr. Klaus Steinbach Zur internationalen Ausrichtung und zu der Möglichkeit, einen Wettbewerb nicht zu gewinnen: Da kann ich Ihnen als Athlet sagen, wenn Sie als Schwimmer – und das war ich ja mal früher – in ein Finale gegangen sind, da standen sieben andere neben Ihnen auf den Startblöcken und wir wussten alle, es kann nur einer gewinnen, sieben werden das nicht gewinnen. Das wissen wir, wenn wir in einen Wettbewerb gehen und darauf muss man auch innerlich eingestellt sein. Aber das Niederlagenszenario werden wir nicht vor uns hertragen. Wir wollen diese Olympischen Spiele nach Leipzig bekommen, wir wollen also gewinnen. Und es macht jetzt noch keinen Sinn, darüber nachzudenken, wie man seinen zweiten und dritten Anlauf für eine Bewerbung plant. Wir wissen, dass Afrika zum Beispiel für 2010 die Fußballweltmeisterschaften haben möchte, dann sind die damit auch erstmal eine Weile beschäftigt. Aber losgelöst von Afrika ist doch für uns ganz klar: Wir müssen zunächst durch den Wettbewerb gehen, wir müssen die Entscheidung abwarten und dann reden wir mit allen Beteiligten, wie dieser Wettbewerb möglicherweise fortgesetzt wird. Auch wir haben das so als Sportler gemacht. Wir haben die Weltmeisterschaften erst geschwommen und danach haben wir uns Gedanken gemacht über die nächste Saison. Wir haben nicht schon bereits in der laufenden Saison überlegt, ob wir, wenn wir dieses Rennen nicht gewinnen, dann aufhören oder weitermachen. Wir konzentrieren uns also jetzt auf die Ausarbeitung eines möglichst optimalen Konzepts. Losgelöst davon gehen einem solche Gedanken natürlich immer durch den Kopf – es wäre unlauter und oberflächlich und zu gutgläubig, wenn man nur an den Erfolg, an den Sieg glaubt und sich für die Zukunft keine Gedanken macht, aber das sollten wir zurzeit nicht so intensiv diskutieren und auch nicht darüber nachdenken, denn dann kommen automatisch die Fragen, wie ich mich mit den besten Argumenten auf die schlech- 65 teste Niederlage vorbereite und da bleibt Ihnen im Kopf nicht mehr genug Platz für den Erfolg. Dagmar Freitag, MdB Vielen Dank, Herr Dr. Steinbach. Mir liegen jetzt keine weiteren Wortmeldungen vor. Und ich möchte die Veranstaltung mit einigen wenigen abschließenden Anmerkungen dann beschließen. Ich glaube, wir haben heute Abend eine Menge so genannter harter Fakten gehört, die eindeutig positiv waren – vor allem durch Ihren Vortrag, was die Zahlen anging, Herr Prof. Maennig. Wir haben Prognosen gehört, von beiden Diskussionsteilnehmern, die durchweg optimistisch waren. Wir haben noch skeptische Anmerkungen gehört, es sind auch noch einige alte Wunden da – das sage auch ich als jemand, der aus Nordrhein-Westfalen kommt und keinen Hehl daraus gemacht hat, dass das Herz für Düsseldorf geschlagen hat –, aber ich sage auch, Veranstaltungen wie die heutige tragen sicherlich dazu bei, dass wir gemeinsam – vor allen Dingen unter Berücksichtigung dessen, was Sie uns gesagt haben – optimistisch nach vorne sehen und dass wir es als gemeinsame Aufgabe begreifen. Ich persönlich sehe es so: Chancen nutzen heißt auch Herausforderungen annehmen. Und diesen Herausforderungen sollten wir uns gemeinsam stellen und dann können wir auch erfolgreich sein. Das wünsche ich uns allen, denn ich glaube, Olympische Spiele im eigenen Land zu erleben, ist für jeden, der im Sport ein wenig verankert ist – nicht nur für die Teilnehmer –, ein unvergessliches Ereignis. Ich möchte jeden ermuntern und ermutigen, gemeinsam daran zu arbeiten, konstruktiv daran mitzuarbeiten. Konstruktiv mitarbeiten heißt natürlich auch, in manchen Punkten Kritik üben. Wenn die Kritik konstruktiv ist, wird auch sie zum Erfolg führen. 66 67 Moderation Dagmar Freitag, MdB Sportpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion Referenten und Teilnehmer der Podiumsdiskussion Dr. Klaus Steinbach Präsident des Nationalen Olympischen Komitees Prof. Dr. Wolfgang Maennig Institut für Verkehrswissenschaft, Institut für Außenhandel und Wirtschaftsintegration, Universität Hamburg, Gesprächskreiskoordination und Organisation Siegbert Heid Friedrich-Ebert-Stiftung, Arbeitsgruppe Kommunalpolitik, Bonn Ingrid Witt Friedrich-Ebert-Stiftung, Arbeitsgruppe Kommunalpolitik, Bonn Bearbeiter der Dokumentation Jens Marquardt M.A., Bonn