April 2007 direkt Analysen und Konzepte zur Wirtschafts- und Sozialpolitik Aufschwung 2007: Die Verantwortung der Lohnpolitik Michael Dauderstädt 1 Zehn Jahre ging der Produktivitätsfortschritt in Deutschland an den Arbeitnehmern weitgehend vorbei. 2 Die Gewinne stiegen, aber das Wachstum blieb lange schwach und nur im Export stark. Nun ist der Aufschwung da. Um stabil zu sein, benötigt er eine deutlich festere Binnennachfrage, die vor allem von der Lohnpolitik abhängt. Auf einen Blick Das Volkseinkommen soll endlich wieder wachsen. Aber wer ist das Volk? Nur wenn die Löhne den Aufschwung mittragen, bleibt er stabil, und wird die seit zehn Jahren laufende Umverteilung zulasten der Lohneinkommen beendet. Eine ertragsabhängige, betriebsspezifische Lohnpolitik bremst das Produktivitätswachstum und die Kapitalmobilität. Aufschwung woher? Nach Jahren gedämpften Wachstums geht es wieder aufwärts in Deutschland. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg 2006 um 2,7%; die Vorhersagen für 2007 sind trotz der Mehrwertsteuererhöhung zu Beginn des Jahres gut. Die Beschäftigung spielt auch mit. Die Arbeitslosigkeit ging von 11,7% 2005 auf 9,6% Ende 2006 zurück. Die Staatsfinanzen, deren Defizite jahrelang die Maastrichtkriterien verletzten, genesen dank steigender Steuereinnahmen. Welcher Fügung hat Deutschland diese Wende zum Besseren zu verdanken? Die Vermutungen dazu gehen ebenso auseinander wie die Annahmen über die Ursachen der langen Wachstumsschwäche. Während für viele konservative, neoklassische Ökonomen WISO direkt April 2007 Friedrich-Ebert-Stiftung die Ursache im angeblich aufgeblähten deutschen dern wegen der hohen Löhne(beide Länder haWohlfahrtsstaat und im unflexiblen Arbeitsmarkt ben auch einen gesetzlichen Mindestlohn) ein lag, sahen keynesianisch orientierte Wissenschaft- viel besseres Wachstum sowohl des Outputs als ler die Ursachen eher in der pro-zyklischen Fis- auch der Beschäftigung als Deutschland. kal- und Geldpolitik und zu schwachen Binnennachfrage, die ihrerseits vor allem von den Reallöhnen abhängt. 3 Es mag überraschen, dass die Aufschwung wohin? größten Strukturkritiker wie ifo-Chef Hans-Werner Sinn, die bezweifelt hatten, dass Deutschland Es scheint also an der Zeit, das Ungleichgewicht noch zu retten sei, inzwischen die optimistischzwischen Exportwachstum und Zunahme der Binsten Prognosen für den Aufschwung abgeben. nennachfrage zu korrigieren. Die deutsche VorreiEntsprechend zur Analyse der Ursachen der terrolle beim Unterbietungswettlauf bei den Löhanhaltenden Krise fallen die Erklärungen des Aufnen und Steuern gefährdet die Stabilität im Euroschwungs aus. Einhellig sehen alle den Export als raum. Letztlich stellt der Exportüberschuss volkseine wichtige Ursache. Aber Exportüberschüsse wirtschaftlich einen Kredit an unsere defizitären weist Deutschland schon seit Jahren auf. Warum Handelspartner dar, dessen Wert keineswegs so schlug dieser Exportüberschuss 2006 endlich in sicher ist, wie es auf den ersten Blick erscheinen einen allgemeinen Aufschwung um? Ein Grund mag. Fremdwährungen von Defizitländern(allen dürfte neben der Höhe des Überschusses die allgevoran die USA und ihr Dollar) sind abwertungsmeine Wirtschaftspolitik im Wahlkampfjahr 2005 verdächtig. Die Investitionen in den spanischen und im ersten Jahr der großen Koalition gewesen Immobilienmarkt könnten sich auch als spekulasein. Nach Jahren voller Reformen, die mit düstive Blase entpuppen. tersten gesamtgesellschaftlichen Aussichten beDoch an welcher Stelle sollte die Binnengründet wurden, trat endlich eine relative Pause nachfrage wachsen? Der Staat sollte sich(und ein. Auch die Fiskalpolitik lockerte ihren restrikmuss sich angesichts sprudelnder Steuereinnahtiven Kurs und legte u.a. ein Programm zur Wohmen) nicht weiter stark verschulden. Dabei geht nungsmodernisierung auf, das erhebliche private es nicht um das vermeintliche„Leben auf Kosten Investitionen auslöste. Dazu kamen weitere Invesder künftigen Generationen“, die die glücklichen titionen – bedingt durch den Stau unterbliebener Erben der Forderungen(Staatsschuldpapiere) ebenInvestitionen während der langen Rezession soso sein werden wie die Bediener der Verbindlichwie durch vorgezogene Wohnungsbauinvestitiokeiten. Es geht eher um die problematischen Vernen, um der ab 1.1.2007 höheren Mehrwertsteuerteilungswirkungen; denn die Forderungen gehöbelastung zu entkommen. ren vor allem den Vermögensbesitzern, während Welche Rolle hat die Lohnpolitik gespielt? die Steuern zu ihrer Bedienung vor allem von den Sie ist sicher für den Exportüberschuss mitverantLohnsteuerzahlern und Konsumenten aufgebracht wortlich. Denn die internationale preisliche Wettwerden. Aber um den Anteil der Schulden am BIP bewerbsfähigkeit Deutschlands hat dank der jahrezu senken, reicht es schon, wenn die Nettoneuverlangen Lohnzurückhaltung enorm zugenommen. schuldung im Verhältnis zum Schuldenstand Die deutschen Lohnstückkosten sind seit über langsamer wächst als das BIP. Es macht aber auch zehn Jahren praktisch stabil, während sie bei allen keinen Sinn, die Staatsausgaben dort einzuschränwichtigen Handelspartnern deutlich gestiegen ken, wo sie notwendige Voraussetzungen für das sind(ca. 13,6% in der Eurozone, 24,6% in den Wachstum schaffen. USA, 35,7% in Großbritannien) 4 . Gleichzeitig haDie private Investitionsnachfrage ist ein ben die geringen Lohnzuwächse aber die Binnenwichtiger Wachstumsfaktor, nicht zuletzt, um nachfrage gedämpft, die immer noch den Löwenweitere Arbeitsplätze zu schaffen. Aber sie hängt anteil der Gesamtnachfrage ausmacht. War der von den Gewinnerwartungen und damit indirekt Exporterfolg das Binnendesaster wert? Bei kleinen auch von der Nachfrage ab. Die Gewinnsituation Ländern mag das der Fall sein 5 , bei großen wie der deutschen Unternehmen ist im Durchschnitt Deutschland nicht. Bezeichnenderweise hatten ausgezeichnet. Die Investitionen fanden aber zu die weit weniger auf ihre Wettbewerbsfähigkeit einem beträchtlichen Teil in Form von Unter2 bedachten Länder USA oder UK nicht trotz, sonnehmensübernahmen oder Finanzanlagen statt. Wirtschafts- und Sozialpolitik WISO direkt April 2007 Damit sie mehr in die Ausweitung des Produk1. Einmal haben wir immer noch eine hohe Artionspotenzials gehen, müssen sich die Nachfrabeitslosigkeit, die angeblich bei größerer Lohngeaussichten verbessern. zurückhaltung schneller zurückgehen würde, Diese Nachfrage wird und muss aber offenwährend umgekehrt höhere Löhne zu Arbeitssichtlich zum großen Teil aus dem privaten Konplatzverlusten führen würden, wodurch sogar sum kommen. Der Konsum nimmt aber nur zu, die Lohnsumme insgesamt(= höhere Löhne wenn einerseits die Einkommen steigen und anmal noch geringere Beschäftigung) und damit dererseits die Sparquote zumindest nicht zudie Nachfrage sinken könnte. nimmt. Nun ist die Sparquote bei den höheren 2. Vor allem eine Erhöhung der niedrigen LöhEinkommen erfahrungsgemäß höher. 6 Der Nachne, die wegen der höheren Konsumneigung frageeffekt ist mithin am größten, wenn die Ein(= geringere Sparneigung) die Nachfrage stütkommen der gering Verdienenden am stärksten zen würde, könnte die Beschäftigungschanwachsen. Lohnpolitisch bedeutet dies einmal, dass cen der weniger qualifizierten Arbeitnehmer die Löhne der„normalen“ abhängig Beschäftiggefährden. ten(im Gegensatz zu den blendend verdienenden 3. Der negative Beschäftigungseffekt würde Spitzenmanagern), die in der Regel von den Tarifauch dadurch auftreten, dass die wirtschaftpartnern ausgehandelt werden, steigen müssen. liche Lage der Unternehmen sehr unterVon Arbeitgeberseite wird eingewandt 7 , höschiedlich ist. Trotz des Aufschwungs gibt es here Löhne würden der Binnennachfrage kaum Unternehmen, die eine Lohnkostensteigerung dienen, da von einer Lohnerhöhung nur ein kleiweniger gut verkraften können als andere. ner Teil im Inland ausgegeben werde. Tatsächlich Daraus ergeben sich für die Arbeitgeberseite Forfließt von jeder Bruttolohnerhöhung ein erhebderungen nach allgemeiner Lohnzurückhaltung licher Teil als Steuern und Abgaben an den Staat und nach Lohnzuwächsen, die nach Qualifikatiund die Sozialversicherungssysteme. Da diese Inonen und Marktchancen der Arbeitnehmer diffestitutionen aber nicht sparen, sondern umverteirenziert und ertragsabhängig sind, statt der von len, wird dieses Geld ebenfalls nachfragewirksam. den Gewerkschaften präferierten FlächentarifverVom übrigen verfügbaren Nettoeinkommen wird träge. 10 So überzeugend das auf den ersten Blick ein Teil im Ausland ausgegeben, aber ob dieser Teil erscheinen mag, so fragwürdig erweisen sich diegeringer wäre, wenn er statt als Lohn bei den Arse Argumente bei näherem Hinsehen: beitnehmern als Gewinn bei den Vermögensbesit1. Wie schon oben erwähnt, haben Länder mit zern landen würde, darf bezweifelt werden. Wenn kräftigen Lohnzuwächsen(z.B. UK) keine höbei statistischen Analysen der Periode 1992– here Arbeitslosigkeit. Modellrechnungen 11 , 2006 8 die Einkommenselastizität des Konsums gedie behaupten nachzuweisen, Lohnzurückring ausfällt, so dürfte das auch daran liegen, dass haltung schaffe Beschäftigung, benötigen in diesen Jahren beim ohnehin knappen Anstieg dazu unrealistische Annahmen wie etwa ein der Löhne die Zuwächse vor allem bei den hohen trotz sinkender Löhne konstantes BIP bzw. Einkommen anfielen 9 , die eben mehr sparen, und konstante Nachfrage bzw. ein neoklassisches die Sparneigung wegen der Medienkampagne geGrundmodell, in dessen Prämissen Kreislaufgen den Sozialstaat allgemein anstieg. zusammenhänge ausgeblendet werden. 2. Individuelle Produktivitätszuweisungen sind Lohnzurückhaltung wozu? in komplexen arbeitsteiligen Produktionsprozessen kaum nachvollziehbar. Nachfrage und Preise beeinflussen die Produktivität mindestens Fast alles scheint also für eine kräftige Lohnerhöebenso wie Fähigkeiten und Anstrengungen. hung in der Tarifrunde 2007 zu sprechen. Schließ3. Es kann nicht Aufgabe der Lohnpolitik sein, lich hat Deutschland seit Jahren praktisch die die Auslesewirkung des Wettbewerbs auf den gesamten Produktivitätsfortschritte an die GeGütermärkten dadurch zu bremsen, dass Unwinne und nicht in Preissenkungen weitergegeternehmen, die entweder an der Nachfrage ben, wovon in erster Linie die Vermögensbesitzer vorbei oder mit weniger effizienten Verfahprofitiert haben. Drei Gründe sprechen – vor ren produzieren, bei den Lohnkosten entlasallem aus Arbeitgebersicht – dagegen: tet werden. 3 WISO direkt April 2007 Friedrich-Ebert-Stiftung Zurück auf den Hochlohn-Wachstumspfad Sieht man mal von platter Umverteilung zugunsten der Kapitaleigner ab, hätten die Unternehmen gern Löhne, die flexibel sind – und zwar zeitlich mit der Konjunktur und betriebsspezifisch. Sie sollen also einerseits bei schwachen Umsätzen und Erträgen sinken(bei starken können sie dann auch steigen), andererseits in schwächeren Betrieben und Branchen weniger stark steigen als in stärkeren. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist das durchaus sinnvoll und sichert scheinbar Arbeitsplätze. Aus volkswirtschaftlicher Sicht hätte eine solche Lohnpolitik aber problematische Folgen. Einerseits würden geringere Löhne im Konjunkturabschwung den Abschwung durch die einbrechende Konsumnachfrage zusätzlich schwächen. Denn die Arbeitnehmerhaushalte werden nicht die sinkenden Einnahmen durch höhere Verschuldung kompensieren, wie es der Staat kann und sollte, um eine aktive Konjunkturpolitik zu verfolgen. Andererseits könnte, wenn eine ertragsabhängige Lohnsenkung im Abschwung Arbeitsplätze wirklich sichern würde, die gesamtwirtschaftliche Lohnsumme gleich hoch ausfallen wie bei gleich bleibenden Löhnen und Arbeitsplatzverlusten. Die Gewerkschaften waren de facto in Deutschland oft bereit, dieser zweiten Logik zu folgen und Reallohneinbußen für Arbeitsplatzgarantien einzutauschen. Letztlich dürfte die Lohnelastizität der Arbeitsnachfrage aber nicht hoch genug sein, damit dieses Kalkül aufgeht. Für eine grundsätzlich mehr ertragsabhängige Lohnpolitik(in Form etwa einer Mitarbeiterbeteiligung) müsste zudem auch eine zumindest innerbetriebliche Transparenz der Ertragslage hergestellt werden, zu der viele Unternehmen bisher nicht bereit sind. Unterm Strich stellt sich die Frage nach einer Verteilung der Risiken im Abschwung: Ist das Kapital geduldig genug, Unternehmen durch eine ertragsschwache Phase zu finanzieren oder sollen es die Arbeitnehmer mit Lohneinbußen tun oder der Staat, indem er – neben den in einer Rezession ohnehin geringeren Ertragssteuern – die Arbeitslosen finanziert? Betriebsspezifische Tarifabschlüsse statt Flächentarifverträgen sollen ebenfalls schwache Unternehmen schützen. Aber wenn es sich um mehr als eine konjunkturelle Flaute handelt, wird auf diese Weise Arbeit und Kapital in gering produktiven Verwendungen gebunden. Nun kann man erwarten, dass langfristig beide in andere Branchen und Unternehmen abwandern, die eine ertragreichere Verwendung anbieten. Es mag zudem volkswirtschaftlich sinnvoll sein, den Produktivitätsdruck auf die Unternehmen durch relativ einheitliche Löhne aufrechtzuerhalten. Letztlich können Unternehmen höhere Löhne in die Preise weitergeben, solange es die Wettbewerbssituation erlaubt. Die einheimischen Konkurrenten haben ja bei Flächentarifverträgen die gleichen Lohnkosten und die ausländischen Konkurrenten stellen keine Gefahr dar, solange die Löhne nicht stärker wachsen als im Ausland. Eine Hochproduktivitätswirtschaft ist langfristig die beste Garantie für Wettbewerbsfähigkeit und Wohlstand. 1 Der Autor, Leiter der Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik der FES, dankt Gustav Horn und Rudolf Zwiener(Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung) für wertvolle Anregungen. 2 Die Arbeitgeberseite stellt die Lohnentwicklung gern so dar, als sei sie im Gleichschritt mit der Produktivität erfolgt(z. B. Hagen Lesch„Lohnpolitik, Beschäftigung und Konsum“ iw Trends 1/2007). Sie erreicht das durch Bezug auf die Tariflöhne, obwohl die tatsächlich bezahlten Löhne und die Lohnkosten der Unternehmen deutlich langsamer wuchsen. 3 Prominente internationale Ökonomen sehen im Gegensatz zur herrschenden Meinung in Deutschland durchaus auch Nachfrageprobleme als Ursache: vgl. Ronald Schettkat und Jochem Langkau(Hrsg.)„Aufschwung für Deutschland. Plädoyer international renommierter Ökonomen für eine neue Wirtschaftspolitik“, Bonn 2007 4 Daten aus dem Papier von Hagen Lesch, a.a.O., S. 4. 5 Vgl. Sebastian Dullien“Is Small Really Beautiful? Explaining Different Unemployment Performances within the Euro-Zone”, in: European Political Economy Review Vol. 1, No. 2(Autumn 2003), pp.126-151 6 Vgl. Erik Klär und Jiri Slacalek„Entwicklung der Sparquote in Deutschland – Hindernis für die Erholung der Konsumnachfrage“ DIW-Wochenbericht 73. Jg., Nr. 40, S. 537-543 7 z.B. in der Studie von Hagen Lesch, a.a.O. 8 ebenda 9 Dafür spricht auch das starke Wachstum des Niedriglohnsektors und der Lohnspreizung in dieser Periode. 10 Vgl. Norbert Walter„Welche Löhne braucht das Land?“ in: Internationale Politik, Band 62(2007), Heft 3, S. 98-99. 11 Vgl. Lesch, a.a.O. 4 Impressum:© Friedrich-Ebert-Stiftung Herausgeber: Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung Godesberger Allee 149 53175 Bonn Fax 0228 883 398 www.fes.de/wiso ISBN: 978-3-89892-650-8