Im Spannungsfeld Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme Uwe Kammann Katrin Jurkuhn Fritz Wolf Studie im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme ISBN:  978-3-89892-659-1 Herausgeber:  Stabsabteilung der Friedrich-Ebert-Stiftung Redaktion:  Beate Martin, Ilka Monheimius © 2007 Friedrich-Ebert-Stiftung Hiroshimastraße 17, D–10785 Berlin Stabsabteilung, www.fes.de/stabsabteilung Umschlag:  Lutz Jahrmarkt, Fahrenholz Gestaltung:  Doreen Engel, Berlin Druck:  bub Bonner Universitäts-Buchdruckerei Printed in Germany April 2007 Inhalt thesen ................................................ 5 1. Einleitung ............................................. 8 2. Konstellationen und Erwartungen 2.1 Neue Wertschöpfungsketten ................................... 13 2.2 Grundpositionen der Anstalten .................................. 21 2.3 Perspektiven der Politik ....................................... 29 3. Eckpunkte und Ansätze 3.1 Der rechtliche Rahmen ....................................... 32 3.2 Ein neuer Weg: Selbstverpflichtungen der Anstalten ..................... 35 3.3 Diskussion über die Gremien ................................... 52 3.4 Modellüberlegungen zur zukünftigen Sicherung von Qualitätsstandards ........ 58 3.5 Qualitätsbegriff im gesellschaftlichen Diskurs ......................... 61 4. Grundlagen der Qualitätsbestimmung 4.1 Eine schwierige Diskussion: Was ist Programmqualität? ................... 67 4.2 Mittelbare Steuerung? Medienkritiker und Medienbeobachter ............... 71 4.3 Forschungsansätze zur Programmqualität ........................... 74 4.4 Die Perspektive der Rezipienten ................................. 93 5. Im Spiegel der Kritik Programmtendenzen: kritische Rück- und Seitenblicke .................... 97 6. Grundanforderungen 6.1 Einige Elemente einer Kernausstattung ............................. 129 6.2 Qualitätsparameter: per Katalog und in Preisbegründungen ................ 133 6.3 Zum Schluss: … wie beim Fußball ................................ 139 7. Zusammenfassung .................................... 140 Literatur ................................................ 146 Die Autoren ............................................. 150 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme Thesen Thesen Für Fortbestand, Status und Finanzierung der öffentlich-rechtlichen Sender wird entscheidend sein, ob sie es schaffen, in einer zunehmend individualisierten Welt der audiovisuellen Angebote sich weitgehend kompromisslos als gut organisiertes und effizien­ tes Forum von klar profilierten, hochwertigen Qualitätsprogrammen – in welchem Angebotszuschnitt, in welchen Angebotszusammenhängen und auf welchen Verbreitungsplattformen auch immer – zu präsentieren. Mit Qualitäten, die immer im guten Sinne diskussionswürdig sind. Und die damit jenes Geld wert sind, welches die Gesellschaft, über eine klare politische Entscheidung, in sie investiert. Die Politik – als Träger der Rundfunkhoheit für die Gestaltung der Medienlandschaft verantwortlich – wird diese Aufgabe beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk stärker als bisher auch über inhaltliche und qualitative Vorgaben wahrnehmen. Sie wird, ausgehend vom bereits installierten Modell der Selbstverpflichtungen, dieses Instrumentarium einer permanenten formalisierten Programmrechtfertigung schärfen, nicht zuletzt mit Rücksicht auf Forderungen der stärker nach Wirtschafts- als nach Kulturgesichtspunkten agierenden EU -Kommission. Diese Rücksicht darf allerdings kein inhaltlich-organisatorisches Nachgeben sein, sondern sie kann nur darin bestehen, die Legitimationsbasis der gewollten eigenständigen Ausgestaltung eines am gesellschaftlichen Mehrwert orientierten Modells argumentativ zu stärken und angriffssicher zu machen. Gleichwohl wird der Grundsatz von Staatsfreiheit und Programmautonomie aufgrund dieser politischen Vorgaben stärker als bisher strapaziert und in der Folge neu austariert werden. Dabei Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme wird viel davon abhängen, wieweit es gelingt, die idealiter stellvertretend für die Gesellschaft handelnden Aufsichtsgremien so zu organisieren und handlungsfähig zu machen, dass sie ihre Kontrolle wirksam wahrnehmen können, ohne die Führungskompetenzen auf der operativen Ebene der Sender ungebührlich zu beschneiden oder einzuschränken und ohne die politischen Instanzen in die Versuchung zu führen, staatliche Eingriffe über die institutionelle Selbstregulierung zu stellen. Weil die auf die Sender bezogenen Gremien tendenziell und unvermeidlich zu einer Hausloyalität neigen, ist es sinnvoll, ihnen profunde, mit einer weiten Perspektive arbeitende Unterstützung an die Hand zu geben. Sie müssen, speziell bei der Programmbeurteilung, auf eine kontinuierliche professionelle Beobachtung und Bewertung zurückgreifen können. Diese professionelle Programmbeobachtung und-bewertung muss dem Grundsatz der äußersten Unabhängigkeit verpflichtet sein. Sie wäre gleichzeitig auch für die Politik eine argumentative Stütze, um das naturgemäß immer vorhandene Spannungsfeld von Programmauftrag und Programm-Exekutive auszumessen und die Ergebnisse im ständigen Diskurs zu vergleichen und zu bewerten. Programmqualität ist nur schwer als eine Matrix mit klar umgrenzten normativen Kriterien zu formulieren. Die jeweiligen positiven und negativen Eigenschaften und die dabei vermuteten Wirkungsfaktoren von Programmangeboten sind eher fallbezogen. Sie sind – zeit- und konsensgebunden – nur in einem kontinuierlichen und offenen dynamischen Prozess zu ermitteln und zu beschreiben. Glaubwürdigkeit der Argumentation und Autorität der kritischen Einlassung ist dabei gebunden an die Sorgfalt, Professionalität, Erfahrung und Kontinuität der direkt beteiligten Institutionen und an die Wirksamkeit ihrer vermittelnden Instrumente. Die Organisation einer urteilskompetenten Plattform für eine argumentativ ermittelte Wertung der Programmqualität, bezogen Thesen sowohl auf die einzelnen Angebote als auch auf die Zusammenstellungen und Abläufe, muss auch auf weitere Adressaten gerichtet sein. Notwendig ist, sowohl die Akteure(beispielsweise auf Seiten der Politik, der Senderbeteiligten und der Gremien) zu erreichen als auch das Publikum. Eine Qualitätsdebatte kann nur dann eine nachhaltige Wirkung erzielen, wenn sie als möglichst breiter gesellschaftlicher Diskurs angelegt ist und auch so wahrgenommen wird. Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme 1 Einleitung Die Medienlandschaft befindet sich in einem radikalen Wandel. Treibender Auslöser ist der Übergang von der Analog- zur Digitaltechnik in allen Bereichen. Dieser Wandel bringt neue Medienangebote, andere Finanzierungsmodelle, eine neue Konkurrenz bei den Verbreitungswegen und eine ganze Reihe von Innova­tionen bei den Geräten mit sich. Das, was unter dem Hauptbegriff Konvergenz seit gut zehn Jahren in Fachkonferenzen diskutiert worden ist, wird nun konkret. Speziell bei den Verbreitungs­wegen wachsen Techniken zusammen, Vernetzungen sowie Parallelund Mehrfachnutzungen gehen immer neue Verbindungen ein; bis­lang ziemlich säuberlich und systematisch Geschiedenes wird miteinander vereinbar. Dies bedeutet: Exklusivitäten lösen sich auf. Und damit auch die alten Ordnungen. Der Intendant des ZDF , Markus Schächter, hat wiederholt bei der Bewertung und Einordnung dieses Vorgangs einen bemerkenswerten Zeitfaktor ins Spiel gebracht. In den nächsten vier oder fünf Jahren, so seine Einschätzung, werde es einen größeren Wandel in der Fernsehlandschaft geben als in den vier bis fünf Jahrzehnten zuvor. Von den alten, gewohnten Formen und Zuschnitten werde nicht mehr viel übrig bleiben. Als Schlussfolgerung drängt sich ein aus vielen Gesprächen gefiltertes Urteil auf: eine wirkliche Umwälzung, ein Umbruch, der die evolutionären Phasen weit hinter sich lässt. Auch der Generaldirektor der BBC , Mark Thomson, hat im Frühsommer 2006 die neue Lage mit dramatischen Worten beschrieben, nicht zuletzt im Rückbezug auf den öffentlich-rechtlichen Auftrag. Uns alle erwarte ein Schock. Wir müssten radikal um1. Einleitung denken in allen Fragen, wie Programminhalte konzipiert, in Auftrag gegeben, produziert, verpackt und vertrieben würden. Die zweite digitale Welle werde»viel eingreifender sein als die erste und die Fundamente der traditionellen Medien wegschwemmen«. Für die BBC will er eine Umstrukturierung durchsetzen, die zum Ziel hat, sämtliche Inhalte des Senders auf jeder Plattform passend für die jeweilige Zuschauergruppe zugänglich zu machen, immer verbunden mit einem klaren Bezug auf einen»public value«( Fernseh-Informationen 8/2006). Norbert Schneider, Direktor der Landesanstalt für Medien Nord­ rhein-Westfalen, hat im März 2006 vor österreichischen Zeitungsverlegern vorausgesagt, das»integrierte System des klassischen Rundfunkveranstalters, ob öffentlich-rechtlich oder privat«, bei dem die Sender produzieren ließen oder selbst produzierten und dann das eigene Angebot vertrieben, sei»erkennbar nicht das Modell der Zukunft«. Die»Bewohner des dualen Systems« müssten sich den neuen Verläufen anpassen, wenn sie im Spiel bleiben wollten.( epd medien, 20/2006) Bei diesen Verläufen sagen fast alle Fachleute eine klare generelle Tendenz zum Bezahlfernsehen voraus, sei es im Abonnement, sei es über den Einzelabruf. Frei empfangbares Fernsehen, so weitere Vorhersagen, werde es auch noch geben, doch in stark verschobenen Proportionen zugunsten der potenziell unendlichen Individualisierung auf der Grundlage der Rechenpakete in Form digitalisierter Datenströme.(Gute zusammenfassende und einordnende Texte von Matthias Kurp über die aktuellen Möglichkeiten und Tendenzen finden sich im medienforum.magazin 2006, herausgegeben von der Lf M Nova GmbH.) Dass Abruffernsehen, unabhängig von der Finanzierung der Angebote, zu einem tragenden Modell gehören wird, zeigt auch die unternehmerische Entscheidung des ZDF , künftig rund um die Woche, auf der Plattform seiner weiterentwickelten Mediathek, Sendungen zum Abruf bereitzuhalten, und zwar für die Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme unterschiedlichen Empfangsmöglichkeiten auf Fernsehgeräten, dem PC oder mobilen Endgeräten. Zur Funkausstellung im Spät­ sommer 2007 solle bereits die Hälfte des ZDF -Hauptprogamms über die Mediathek abrufbar sein. Die Sendungen stehen dann bis zu einer Woche nach der Fernsehausstrahlung für den zeit­ unabhängigen und unentgeltlichen Abruf zur Verfügung. Ausgewählte Sendungen sollen auch länger auf dieser Plattform verfügbar sein. Intendant Markus Schächter begründete diese am 23. Februar 2007 vom ZDF -Fernsehrat gebilligte Entscheidung, dass schon in einigen Jahren Abruffernsehen ebenso wie heute der Teletext zu einem festen Bestandteil der Fernsehnutzung gehören werde. Die Ergänzung des an feste Sendezeiten gebundenen Echtzeitfernsehens gehöre zu den wichtigsten Änderungen des künftigen digitalen Fernsehangebotes. Als wesentlichen Vorteil der Weiterentwicklung nannte Schächter auch die Möglichkeit für Bildungseinrichtungen, effizient und kostengünstig auf einen breiten Fundus von Wissens- und Bildungssendungen etwa aus den Beriechen von»historischen, zeitgeschichtlichen und natur­ wis­senschaftlichen Qualitätsprogrammen zuzugreifen.«( Fernseh-­Informationen 2/2007) Auch die ARD bietet bereits bei einigen Sendungen oder Sende­ teilen Abrufdienste auf verschiedenen Internet-Portalen an. Die­ ses Angebot, so die ARD -Generalsekretärin Verena Wiedemann in einem pro media-Interview(3/2007), solle noch nutzerfreundlicher gestaltet und intensiviert werden. Dies sei allerdings ein laufender Prozess, bei dem es der ARD wichtig sei, dass er»sich innerhalb der rechtlichen Vorgaben und der Wirtschaftlichkeit« bewege. Vorrangig sei, die ARD -Angebote in der digitalen Welt »möglichst ohne zusätzliches Entgelt so verfügbar zu machen, das wir mit unseren Inhalten weiterhin relevant und für jeden erreichbar sind – gerade auch für die jungen Zielgruppen.« 10 1. Einleitung Auf dem Weltkongress Broadcast Worldwide( BCW W ) sagte Norbert Schneider am 30. August 2006 in Seoul hinsichtlich der wahrscheinlich sich bildenden Grobstrukturen voraus:»Tendenziell wird der Sender von heute zum service provider des Plattformbetreibers von morgen, der seinerseits zum service provider des Endkunden wird, weil der die Show bezahlt.« Daraus schlussfolgerte er weiter:»Die alte Macht wird sich in einer ersten Phase auf zwei verteilen: auf den, der Inhalte und Rechte, und auf den, der Endkunden adressieren kann. Das bedeutet: Intellectual property wird die eine Schlüsselressource sein. Die zweite Schlüsselgröße definiert sich über den access, über den Zugang zum Endkunden.« Auf der Hand liege es deshalb, Inhalte und Reichweite, also Zugang, zu bündeln.( epd medien 69/06, S. 25 ff.) Keine räumlichen, keine zeitlichen Begrenzungen mehr, jederzeit und an jedem Ort zugreifen zu können auf das, was einem im Sinn steht, damit die Sinne gekitzelt werden, und das in ge­stei­ gerter Oberflächenqualität: Dieses Zukunftsszenario erscheint vielen als verlockende Aussicht. Obwohl es – nicht allein aus macht­­theoretischen Überlegungen, sondern wegen schlichter Gebrauchstüchtigkeit – auch warnende Skeptiker gibt, welche schon jetzt die»Ratlosigkeit des Menschen im Dickicht des Digitalen« beobachten. Aufgrund der»komplizierten Bedienung und fortwährenden Gängelung«, stellt der FAZ -Technikredakteur Michael Spehr fest, mache die Unterhaltungsindustrie»aus der schönen Welt der neuen Technik einen Albtraum der Bevormundung«. Verheißungen und Realität klafften»immer weiter auseinander« ( FAZ , 12. September 2006). Bereits vorher hat Gunhild Lütge in der Zeit unter diesen Alltagsgesichtspunkten und mit Blick auf finanzielle und technische Rahmenbedingungen die Einführungs- und Anwendungsrhythmen stark relativiert:»Bleiben Sie entspannt … alles ändert sich«( Die Zeit, 1. September 2005). Hier wird in der Praxis abzuwarten sein, inwieweit die Industrie die Bedienungskomplexität vermindert und den täglichen Umgang mit der technischen Infrastruktur entscheidend vereinfacht. 11 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme Dies ist für den Durchsetzungserfolg wichtig, der einer ausreichenden finanziellen Grundlage bedarf. Denn grundsätzlich gilt: Die Möglichkeit der Individualisierung aller Medienbeziehungen, mit feinster Adressierung der Individuen und Interessen, ist in der Regel verbunden mit der ebenso zielgenauen Abrechnung. Das lässt sich gut vergleichen mit einem allumfassenden Mautsystem, dessen elektronische Augen noch die Bewegungen auf dem kleinsten Nebenweg umfassen. 12 2. Konstellationen und Erwartungen 2 Konstellationen und Erwartungen 2.1 Neue Wertschöpfungsketten InternetTV über DSL , die Verbreitung von bewegten Bildern über UMTS , mobiler Empfang als Selbstverständlichkeit: Das alles wird vielfältige neue Modelle entstehen lassen mit immer kleineren Nischen. Dabei wird es verlockend sein, auf umfassende Wertschöpfungsketten und damit auf vielfältige Vermarktungsformen zu setzen. Der Kauf der Bundesliga-Rechte durch die Kabel-Tochter Arena und der Telekom-Griff nach den einschlägigen InternetVerwertungen sowie der Aufbau einer Fernseh-Plattform, bei der die Programme über ein superschnelles Breitband-Netz verteilt werden, zeigen dies deutlich. Versuchter Ausschluss und konzentrierter Einschluss gehören zum Kernprinzip. Die Folge: Es wird fundamentale Veränderungen geben, mit vielen Problemabstufungen und Vermischungen. An der Spitze der Entwicklungen steht eine Neuformierung der Kabelindustrie. Und eine scharfe Konkurrenz bei den verteilenden Plattformen und sammelnden/ organisierenden Portalen. Von der in dieser Perspektive laut Hans Jürgen Jakobs( Süddeutsche Zeitung) auf den Mainzer Tagen der Fernseh-Kritik 2006 diagnostizierten bevorstehenden»wilden Phase der Streckenverlegung« wollen viele profitieren – auch jene, die lange mit den herkömmlichen Modellen gearbeitet haben. Dies zeigen beispielsweise die aktuellen Kombi-Überlegungen des Satellitenbetreibers Astra und der werbefinanzierten Sender, bislang technisch frei empfangbare Programme künftig nur noch verschlüsselt zu verbreiten, gegen Entgeld zumindest für den Transport, analog der 13 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme Kabelverbreitung. Die Generalsekretärin der ARD , Verena Wiedemann, kritisiert das als»unsozial« und verbucht die damit ermöglichten Einnahmen nicht als Bereicherung für das Programm, sondern als zusätzliche Gewinne für Investoren und Aktionäre. Eine klare Folge: Voraussichtlich werden allein die öffentlichrechtlichen Programme eine(noch) relativ sichere Zukunft im Sinne frei empfangbarer Inhalte haben. Diese offene Form ist schließlich ganz eng mit ihrem gesellschaftlichen Auftrag verbunden. Kaum denkbar ist derzeit, dass die Politik hier Einschränkungen zuließe. Auf diese Grundentscheidung hoffend, sagte auf dem Medientreffpunkt Mitteldeutschland(Leipzig) im Mai 2006 der frühere ZDF -Intendant Dieter Stolte angesichts der ebenso teuren wie entgrenzenden Zukunftswelt voraus:»Dies ist die Stunde der öffentlich-rechtlichen Sender«. Der öffentlich-rechtliche Kern Im Kern zielt diese Aussage auf das Wesensmerkmal, das den öffentlich-rechtlichen Programmen eingeschrieben ist: in Form ihres gesellschaftsorientierten Auftrags, der nicht durch das im Marktwettbewerb dominierende Renditemodell gekennzeichnet ist, sondern durch eine dienende Funktion, die sich in einer allgemeinen Formel beschreiben lässt als die Organisation eines Gesprächs der Gesellschaft mit sich selbst. Idealiter sollen alle Bürger an diesem offenen und kritischen Diskurs teilhaben, der sie befähigt, sich in einem ständigen Prozess der Aufklärung selbstbestimmt zu verhalten und gesellschaftlich-politisch handlungsfähig zu sein. Das setzt voraus, dass dieser Prozess nicht nur auf allen Ebenen in großer Vielfalt verläuft – dies gehört zu den strukturellen Qualitäten –, sondern auch dass die einzelnen Kommunikationsbereiche in sich möglichst eine hohe Qualität anstreben und auch realisieren, um das Funktionsziel erreichen zu können. 14 2. Konstellationen und Erwartungen In dieser Konsequenz ist Qualität der Schlüsselbegriff und die Legitimitätsgrundlage des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, der immerhin über Gesamteinnahmen von weit über 7 Milliarden Euro jährlich verfügt – das ist annähernd so viel, wie die zusammen bei 8 Milliarden Euro liegenden Kulturausgaben der öffentlichen Hände(Bund, Länder, Kommunen) betragen. Dieter Stoltes Annahme und Forderung nach der»Stunde der öffentlich-rechtlichen Sender« setzt voraus, dass dieses Axiom weiter gelten soll und dass sowohl die Gesellschaft als auch die exekutierende Politik bereit und willens sind, diese Schlüsseleigenschaften weiter für wesentlich zu halten und in der Konsequenz einzufordern und auch durch eine hinreichende Finanzierung zu ermöglichen und zu stützen – nicht zuletzt unter den neuen Perspektiven einer sich stark individualisierenden, ökonomisierenden und zunehmend durch globale Interdependenzen geprägten Medienlandschaft. Die offene Qualitätsformel So klar nun die Qualitätsformel als Hauptkennzeichen und als »raison d’être«, also als Seinsgrund des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, erscheint, so unklar ist in der Regel, wie diese Formel verstanden und gefüllt wird. Ebenso offen ist bislang, wie die entsprechende Qualitätsdebatte geführt werden und organisiert werden soll, auch, inwiefern sie Verbindlichkeit beanspruchen kann. Dies ist eine systematische Schwierigkeit, die auch hinsichtlich der Qualitätseigenschaften der beiden Pole im Dualen System – also der öffentlich-rechtlichen und der privaten Programme – gilt. Norbert Schneider hat diese weitgehende Leerstelle schon 1996 sehr genau in einem Vortrag in kirchlichem Rahmen beschrieben, wobei er die schwimmenden Grenzen besonders hervorhob.(Norbert Schneider, Zukunftsformel Programmqualität?, in: Frisierte Bilder, getrübter Augenschein, Berlin 2003, S. 79 ff.) 15 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme Belastende Faktoren Von dritter Seite wird die Verpflichtung zur besonderen, gesellschaftsorientierten und in allen Bereichen in spezifischer Form einzufordernde Qualität der öffentlich-rechtlichen Programme als Zielvorstellung explizit und implizit vorausgesetzt. Vor dieser als Selbstverständlichkeit verstandenen allgemeinen Folie werden dann jene Sachverhalte und Entwicklungen kritisiert, welche als Widerspruch zum Programmauftrag gesehen und als Verletzung einer generellen Qualitätsverpflichtung gesehen werden. Aktuell, im Zeitraum der letzten beiden Jahren, gab es dabei einige Fälle, die das Gesamtsystem stark belasteten und dessen spezifische Qualität – besonders unter dem Gütefaktor Glaubwürdigkeit – stark in Frage stellten. Dazu gehören: Schleichwerbung und bezahlte Themenplatzierung und damit verbunden eine Aushöhlung der programmlichen Autonomie und Unabhängigkeit, Verlust an redaktioneller Unabhängigkeit wegen vertraglich fixierter Paktierung mit Personen des Berichtsfeldes(Exklusivvertrag der ARD mit Jan Ullrich), eine Durchsetzung des Programms mit Sponsoring-Werbung und eine zu große Abhängigkeit von Drittmitteln. Fokussiert auf Fragen der Programmqualität ganzer Bereiche werden eine weitreichende»Einfärbung« bestimmter Genres und eine Dominanz bestimmter Formate kritisiert(so unter plakativen Stich­worten wie»Degetoisierung« des Fernsehfilms), auch eine forcierte Hinwendung zu seichten Formen der Unterhaltung(wie in der Konzentration auf Volksmusik) sowie eine weitgehende Boulevardisierung des Vorabends. Ebenso wird als wesentliche Abweichung vom Programmauftrag kritisiert, dass als anspruchsvoll eingestufte Sendungen, beispielsweise längere Dokumentationen, erst am Spätabend und damit unter Ausschluss einer breiteren Öffentlichkeit liefen; dieses Argument zielt vorwiegend auf die als Hauptprogramme titulierten Angebote von ARD und ZDF , das Erste und das Zweite. 16 2. Konstellationen und Erwartungen Viele solcher kritischen Äußerungen und Mahnungen lassen sich zusammenfassen als Hinweis auf und Bestätigung der Folgen des 1984 eingeführten und dann zusehends etablierten Dualen Systems, mit dem der öffentlich-rechtliche Rundfunk in den Wettbewerb mit den privaten Sendern eintreten musste. Es habe sich, so die Generalthese, eine Konvergenz ergeben, welche die Programme beider Seiten einander angenähert hätten, speziell zu Lasten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks aufgrund einer Nivel­ lierung im negativen Sinne mit einer abwärts weisenden Qualitätsverschiebung. Der Publizist und Medienkritiker Bernd Gäbler beispielsweise fragt – und dies steht stellvertretend für viele kritische Stimmen – im Tagesspiegel(25. März 2006), ob das»Mithalten« mit den Privaten nicht erkauft werde durch»zu viel Mit- und Nachmachen«. Sein Fazit:»Glattes Programmieren, ritualisierte Formate, Starkult, in dem Prominenz mehr zählt als Kompetenz, Klatsch, Serienkitsch, Newshäppchen und Oberflächentalk haben die gebührenfinanzierten Sender längst übernommen«. In»Haltung, Stil, Ästhetik und Sprache«, so seine weiteren Beobachtungen, scheine es bei Talk, Sport und Unterhaltung keine Differenz mehr zu den Privaten zu geben«. Der»Zweck von ARD und ZDF , qua Auftrag und Anspruch im Massenmedium Normen zu setzen«, rutsche zu stark»an den Rand oder in die Sparte«. Negative Generaleinschätzungen Eine solche Generaleinschätzung speist sich aus vielen Ein­drücken und auch aus dem Umfeld gezogener Einzelbeobachtungen. So urteilte der Medienkritiker Stefan Niggemeier nach einem Zeit Interview des beim ZDF intensiv eingesetzten und nicht zuletzt wegen seiner Werbeauftritte umstrittenen Moderators Johannes B. Kerner, dieses Interview sei,»wie so vieles an Kerner, eines öffentlich-rechtlichen Moderators unwürdig«. Und folgert:»Ein 17 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme Sender, der sich das gefallen lässt, hat jede Selbstachtung verloren«.( FAZ , 1. Oktober 2006). Beispielhaft für einen negativen Befund über das Gesamtsystem – bei theoretisch wohlwollender Grundeinstellung – ist das 2006 erschienene Buch Mattscheibe. Das Ende der Fernsehkultur(Fischer Verlag) des langjährigen Auslandskorrespondenten Jürgen Bertram, der auch fünf Jahre, bis zur Pensionierung im Jahr 2000, die Abteilung Zeitgeschehen im NDR geleitet hat. Bertram konstatiert darin einen Verfall und eine innere Erosion des öffentlich-rechtlichen Systems, das sich den Privaten angepasst habe. Viele Kollegen, so Bertram laut Süddeutscher Zeitung vom 23. März 2006, hätten ihn zu diesem Buch ermuntert. Der stern spitzte seinen Befund –»Warum das Fernsehen so langweilig geworden ist« – im August 2005 zu einem plakativen Befehl auf dem Titelblatt zu:»Glotze aus!« Das Journalisten-Magazin medium widmete der Frage des Programmprofils und der Programmqualität speziell der ARD im März 2007 eine Stimmensammlung von Medienfachleuten(die natürlich auch grundsätzlich den öffentlich-rechtlichen Auftrag und dessen Ausgestaltung einschloss). Die Redaktion – welche die Sammlung als»Appell« qualifizierte – sah dabei»über alle politischen und gesellschaftlichen Unterschiede« hinweg einen sich durch alle Antworten ziehenden»bemerkenswerten roten Faden«:»Die ARD muss sich auf ihre(Informations-)Stärken besinnen, sich weniger verwechselbar zu den Privaten präsentieren und vor allem: Mehr Mut jenseits des Mainstreams zeigen«. Zwei Stimmen seien stellvertretend zitiert. Hans-Joachim Otto (MdB FDP ), Vorsitzender des Ausschusses Kultur und Medien des Bundestags, fordert eine Präzisierung des öffentlich-rechtlichen Grundversorgungsauftrags, damit die Programmgestaltung»an einem konkreten Auftrag – nicht an Quoten und erhofften Werbeerlösen – orientiert werden kann«. Durch mittelfristige Werbe18 2. Konstellationen und Erwartungen freiheit sollten ARD und ZDF »dem Diktat der Quote entzogen« werden. Dieter Wiedemann, Präsident der Hochschule Film und Fernsehen in Potsdam, sieht dringenden Reformbedarf und fordert – neben einer kompetenzorientierten Besetzung der Gremien und einem Beitritt der ARD zur derzeit allein für die privaten Sender zuständigen Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen( FSF ) – eine »Rückbesinnung auf die Formel: Qualität geht vor Quote«. In einer weiter gespannten, auf die europäische Medienpolitik zielenden Diskussion hat Dieter Dörr, Direktor des Mainzer Medieninstituts und Professor für Öffentliches Recht, Völker- und Europarecht und Medienrecht an der Universität Mainz, gefordert, dass im öffentlich-rechtlichen Rundfunk»angesichts gewisser Programmentwicklungen eine selbstkritische Mediendebatte einsetzen« müsse(Dieter Dörr: Öffentlich-rechtlicher Rundfunk und die Vorgaben des Europarechts, in: Media Perspektiven 7/2005). Dörr verweist auf die Gefahr, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk seinen Programmauftrag verfehle und somit auch seine Legitimation verliere, wenn er sein Programm»tatsächlich dem des kommerziellen Rundfunks zunehmend angleichen würde«. Er müsse»auch in der Zeit der Digitalisierung und der wachsenden technischen Möglichkeiten ein Kontrastprogramm entgegensetzen, mit welchem der klassische Rundfunkauftrag erfüllt wird.« Der Unterschied zwischen den beiden Säulen im dualen Rundfunksystem müsse»deutlich erkennbar sein und bleiben«. Ziel: Genauerer Funktionsauftrag Im Sinne dieses Ziels, so Dörrs praktische Schlussfolgerung, seien zunächst die Rundfunkanstalten und die sie tragenden Vertreter der gesellschaftlich relevanten Gruppen gefordert. Darüber hinaus seien –»insbesondere wenn sich Anzeichen einer Boulevardisierung und Trivialisierung mehren« – die Länder als»Mutter19 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme gemeinwesen« der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und Garanten der Rundfunkfreiheit»aufgerufen, den Funktionsauftrag noch genauer zu beschreiben«, als es mit§ 11 und§ 19 des Rundfunkstaatsvertrages bereits geschehen sei. Eine Boulevardisierung des Programms sei nicht, wie von manchen Vertretern des öffentlich-rechtlichen Rundfunks angeführt, »zwar bedauerlich, aber unvermeidlich«. Vielmehr könne gerade eine Schärfung des öffentlich-rechtlichen Profils und die Betonung des klassischen Rundfunkauftrags« den Zuspruch der Seher und Hörer stärken. Diese Profilschärfung und die Konzentration auf die wesentlichen Aufgaben seien daher berechtigte Anliegen, »denen die Länder mit der Konkretisierung des Funktionsauftrags Nachdruck verleihen dürfen und müssen«. Dass die Anstalten hier versuchen, ihre Autonomie zu wahren und selbst den Diskussions- und Entscheidungsverlauf zu bestimmen, zeigen stellvertretend die Äußerungen des seit Januar 2007 amtierenden ARD -Vorsitzenden, dem SR-Intendanten Fritz Raff, und von Monika Piel als designierte WDR -Intendantin. Sie nehmen indirekt die in einem potentiellen Vorgaben-Gerüst steckende Kritik an einer ungenügenden Praxis auf und fordern selbst eine klare Orientierung an einem öffentlich-rechtlich zu verstehenden Qualitätsrahmen. Marc Jan Eumann, stellvertretender SPD -Fraktionsvorsitzender im Landtag Nordrhein-Westfalen, Mitglied im Rundfunkrat des WDR und Vorsitzender der SPD -Medienkommission, hat Ende April 2006 in einem Diskussionspapier als Gastbeitrag für epd medien(25/2006) − zugeschnitten auf die Reformnotwendigkeiten im Zuge der rasanten digitalen Veränderung der Kommunikationslandschaft − für eine tiefgreifende Reform der Medienordnung plädiert. Dabei hat er auch die Frage reflektiert, welche Relevanz der gebührenfinanzierte öffentlich-rechtliche Rundfunk im Kontext der digitalen Möglichkeiten haben werde und könne. 20 2. Konstellationen und Erwartungen »Auch hier«, so Eumann,»gelten als Überlebensstrategie die spezifischen Alleinstellungsmerkmale – programmlicher wie technischer Natur«. In seiner Schlussfolgerung äußert er die Überzeugung,»dass öffentlich-rechtlich verantwortete Inhalte in der digitalen Welt eine herausragende Relevanz haben können«. Er ergänzt:»Möglicherweise kurzfristig auf Kosten der Quote, langfristig gesehen zur erfolgreichen Ausfüllung der Bestands- und Entwicklungsgarantie«. Dies sagt indirekt, dass die Relevanz und damit die Fundierung der Funktion über die besondere, gesellschaftsbezogene Qualität der Inhalte zu erreichen ist und erreicht werden muss. Bevor die Diskussion um den Funktionsauftrag und die Rolle der Gremien als den Rundfunkauftrag im Sinne Dörrs einfordernden Aufsichts- und Leitinstrumenten nachgezeichnet wird, sollen typische Positionen der Rundfunkanstalten dargestellt werden. 2.2 Grundpositionen der Anstalten Von außen, so lässt sich die kritische Linie noch einmal verlängern, wird die heutige Position des öffentlich-rechtlichen Rundfunks als nicht eindeutig positiv im Sinne des klassischen Rundfunkauftrags wahrgenommen. Nach den massiven Vorwürfen, wie sie speziell im Zuge des 2005 bei der ARD aufgedeckten Schleichwerbungs-Skandals in Serien des Vorabendprogramms geäußert wurden, gab es Selbstkritik. Der 2005 als Vorsitzender der ARD amtierende BR -Intendant Thomas Gruber zog daraus beispielsweise in einem Focus-Interview( Focus 32/2005) den Schluss,»natürlich sollten wir auch darüber nachdenken, ob wir immer Marktführer sein müssen«, weil ein solches Ziel die ARD »nur unnötigerweise unter Druck« setze. Dabei verwies er auch auf den Rundfunkstaatsvertrag, in dem davon nichts stehe. Ein »Mentalitätswandel« müsse»zunächst einmal durch das Erzeugen von Nachdenklichkeit« ausgelöst werden. 21 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme Sorge um das Ansehen Zu seinem Amtsantritt hatte sich Gruber in einem Interview mit dem Fachdienst epd medien(1/05) über das Ansehen des Senderverbundes»besorgt« gezeigt. Die ARD müsse aufpassen, »dass die Menschen uns nicht ihre Zuneigung entziehen«. Die ARD müsse ihre Leistungen, die sie für die Gesellschaft erbringe, »besser vermitteln«. Entscheidend für die Akzeptanz sei allerdings ein Programmangebot, das dem Publikum jederzeit klar mache, dass es»ohne uns schlechter dran« wäre. Wenn die Zuschauer das Programm für unverzichtbar hielten, werde auch die Politik begreifen, dass sie in Medienfragen»letztlich nicht gegen die Bedürfnisse der Menschen agieren kann«. Als»unhaltbar« bezeichnete er darin die Behauptung, es gebe eine weitgehende Angleichung der Programme an jene der privaten Anbieter. Grundsätzlich halte er am Integrationsgedanken für das Hauptprogramm fest, das Erste müsse die richtige Mischung finden zwischen dem Massenattraktiven und jenen Sendungen, die sich andere nicht leisten könnten, die sich aber»für die Gesellschaft auszahlen«. Es sei nicht klug, Zuschauer, die anderes als Massenattraktivität suchten, einfach zu den Dritten Programmen oder den Spartenangeboten zu schicken. Die ARD sei nicht so abhängig vom schnellen Quotenerfolg wie die privaten Sender. Die ARD Anstalten hätten»mehr Luft und einen längeren Atem«. Behutsame Neuausrichtung Mögliche Änderungen sollten ohne alle Vorbehalte und in sehr offener Form diskutiert werden. Eine solche Neuausrichtung, so Gruber, könne»nicht im Hauruckverfahren« durchgezogen werden, sondern müsse behutsam erfolgen und in sehr offener Form diskutiert werden. Ob dann mehr Dokumentationen und weniger Fußballspiele herauskämen, werde man sehen. Als Beispiel für Angebote in den Dritten Programmen, die»einen Versuch auch 22 2. Konstellationen und Erwartungen im Ersten wert wären«, nannte Gruber die WDR -Diskussionssendung»Hart aber fair«.(Erst im Zuge eines äußeren Zwangs – der Querelen um die Neubesetzung des»Christiansen«-Sendeplatzes – entschieden sich die Intendanten im März 2007, dem»Hart-aberfair«-Moderator Frank Plasberg eine Sendung im Ersten zuzugestehen.) Der Vorgänger Grubers im Amt des ARD -Vorsitzenden, NDR -Intendant Jobst Plog, sieht kein direktes Defizit in der Sache, mithin in der Qualität des öffentlich-rechtlichen Gesamtangebotes, sondern zieht aus negativen Urteilen über die ARD vor allem den Schluss, dass»die ARD als Institution, als Verbund ein Imageproblem« habe. Dazu habe sie auch selbst beigetragen, schreibt er in einem Grundsatzbeitrag für das» ARD Jahrbuch’05«( ARD Jahrbuch, Hamburg 2005), so durch die»Fälle von Schleichwerbung und ihre schleppende Aufklärung«. Im Ergebnis würden die Programme»breit akzeptiert«,»verkannt« werde jedoch der »›Public Value‹ des gesamten Systems«. Als Gegenmittel weist er auf die Einsetzung einer Strategiegruppe hin, welche beraten solle, wie der»Mehrwert« der Aktivitäten der ARD besser herausgestellt werden könne. Zu den positiven Maßnahmen solle auch gehören,»unter Einbeziehung aller Programme in Hörfunk und Fernsehen inhaltliche Schwerpunkte zu setzen«. Diese Schwerpunkte – wie zum Thema Krebs oder zur Rolle von Kindern in der Gesellschaft – sollten mit Medienpartnerschaften und Marketing-Ideen begleitet werden. Ziel der Sender sei dabei,»den Mehrwert der ARD deutlich herauszustellen und exemplarisch an einzelnen Themen zu belegen: Die ARD ist wertvoll für alle« – weil nur sie umfassend und ausführlich berichten sowie abwägen und mit aller Professionalität auch komplexe Themen darstellen könne. Die Sender wollten beim Publikum das Gefühl erzeugen, bei ihnen gut aufgehoben zu sein,»um ihre Legitimation zu stärken«. 23 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme Im aktuellen ARD -»Jahrbuch« 2006 betont Gruber, dass angesichts der technisch-organisatorischen Änderungen die Blickrichtung zu wechseln sei: hin zu einem inhaltlich definierten Rundfunkbegriff:»Wichtig sind die Inhalte«. Eine medienpolitische Debatte, die wieder verstärkt die Inhalte in den Mittelpunkt rücke, müsse die ARD nicht scheuen. Dabei seien die Sehund Hörgewohnheiten einer ständigen Veränderung unterworfen. Es gleiche in vielen Fällen einer Gratwanderung, auf derartige Strömungen einzugehen, ohne die eigenen Grundsätze zu verraten. Im Zweifel seien die Öffentlich-Rechtlichen jedoch immer gut beraten, auf der sicheren Seite zu bleiben:»Konkurrenzdruck ist kein Argument für kommerzielles Denken.« In den programmatischen»Jahrbuch«-Äußerungen von Thomas Gruber und Jobst Plog wird deutlich, dass für beide Verantwortlichen die Vermittlungsfragen einen offenen Punkt darstellen; dass – wie beispielsweise Thomas Gruber schreibt – der öffentlich-rechtliche Rundfunk in eine»Zwickmühle« geraten sei, die heiße:»Qualität oder Quote?«. Sie sei für die Programmmacher »nicht immer und prinzipiell ein Widerspruch«, doch sei diese Frage»sehr wohl ein Reibungspunkt in der öffentlichen Diskussion«. Wenn das große Publikum bedient werde, laute der Vorwurf, die Öffentlich-Rechtlichen entfernten sich vom Kern ihres Programmauftrages, wenn sie hingegen verstärkt auf absehbar nur von Minderheiten wahrgenommene Sendungen setzten, werde der Vorwurf erhoben, das große Publikum auszuschließen. ARD-Vorsitzender: Auf»absolute Qualität« setzen Der neue Vorsitzende der ARD , Fritz Raff(Intendant des Saarlän­ dischen Rundfunks), hatte schon vor seinem Amtsantritt gemahnt, dass»bestimmte Qualitätsstandards« nicht unterschritten werden dürften, auch wenn die öffentlich-rechtlichen Programme die Menschen erreichen müssten, weil sonst»unsere hehren Programmgrundsätze nichts wert« seien( Funkkorrespondenz, 24 2. Konstellationen und Erwartungen 41/2006). Die Mahnung verband er mit dem Eingeständnis, dass sich die ARD in einigen Genres zu populär dargestellt und zu wenig auf»absolute Qualität« gesetzt habe, so dass die Gefahr bestehe, die Unterstützung einer kritischen Öffentlichkeit zu verlieren. Bei den Bitburger Gesprächen hielt Raff am 11. Januar 2007 eine Rede zum Thema Grundversorgung, welche ebenfalls der Frage nachging, ob das Fundament des öffentlich-rechtlichen Rundfunks bröckele( Fernseh-Informationen 1/2007). Zur Erfüllung der Grundversorgung sind nach Raff eine alle Menschen erreichende Übertragungstechnik, eine gleichgewichtige Darstellung aller bestehenden Meinungsrichtungen und dem Auftrag des Rundfunks »voll« entsprechende Programminhalte notwendig. Es gehe um ein»abwechslungsreiches, informatives, ausgewogenes und unterhaltsames, kurzum ein gutes Programm«. Unter Bezug auf die Rechtssprechung des Verfassungsgerichts verwirft Raff jede Einschränkung von Programmaktivitäten in Richtung von reinen Nischenprogrammen und Hochkultur. Vielmehr gehe es nach der höchstrichterlichen Konzeption der Grundversorgung auch um die Einbettung in ein massenattraktives Gesamtprogramm, weil ein auf Kulturangebote reduziertes Programm keine umfassende öffentliche Meinungsbildung mehr entfalten könne. »Schmaler Grat« der Auftrags-Präzisierungen Präzisierungen des Auftrags, wie sie Rundfunkpolitiker in Deutschland(siehe die o.a. Äußerung von Hans-Joachim Otto) und bei der EU -Kommission forderten, bezeichnet Raff als Bewegungen auf einem schmalen Grat. Schnell könne aus der zulässigen und erforderlichen staatlichen Ausgestaltungsfreiheit eine unzulässige Einschränkung der Rundfunkfreiheit werden. Bei inhaltlichen Vorgaben durch den Gesetzgeber sei»größte Vorsicht« geboten. Raff erinnert an die verfassungsrechtliche Vorgabe, dass es Sache der Rundfunkanstalten sei,»aufgrund ihrer professionellen Maßstäbe zu bestimmen, was der Rundfunkauf25 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme trag in publizistischer Hinsicht verlangt.« Daraus leitet der amtierende ARD -Vorsitzende ab, dass sich nicht alles regeln lasse und man sich der Einsicht eines amerikanischen Richters anschließen könne:»Ich kann es nicht definieren, aber wenn ich es sehe, weiß ich Bescheid«. Zur Grundkritik, dass die bestehenden Programme den öffentlichrechtlichen Auftrag verlassen hätten, sagte Raff, sie sei nicht in Bausch und Bogen zu verwerfen. Angesichts der harten Konkurrenzsituation seien»gewisse Leitplanken verrutscht, die wir jetzt wieder zurechtrücken«. Quote dürfe nie Selbstzweck sein, aber Programme ohne ausreichende Akzeptanz könnten auch keine Lösung sein, weil dies auch nicht ohne Auswirkungen auf die Gebührenakzeptanz bleibe. Die Kunst bestehe darin, Qualität mit Quote zu verbinden. Die neue Situation der Unübersichtlichkeit angesichts der digitalen Möglichkeiten und Veränderungen sieht der ARD -Vorsitzende hinsichtlich der Grundversorgung eher positiv. Sie sei aktueller denn je:»Die Programme des öffentlich-rechtlichen Rundfunks müssen in dieser komplexen Welt, in dieser turbulenten Phase des digitalen Umbruchs eine sichere Bank für den suchenden Zuschauer, Zuhörer und Nutzer sein.«»Unsere Marken«, so seine Forderung,»müssen ein Garant für Angebote sein, die frei von kommerziellen Interessen sind, die Informationen, Kultur und beste Unterhaltung liefern, die einen Beitrag leisten zur Integration, zur Überwindung bestehender und sich verschärfender Unterschiede in der modernen Informationsgesellschaft.« Wichtig seien dafür gut ausgebildete, professionelle Programmmacher, die auch das Verantwortungsbewusstsein hätten, bestimmte Dinge nicht zu zeigen.« 26 2. Konstellationen und Erwartungen ZDF-Intendant: Das Hauptprogramm bleibt»Leuchtturm« ZDF -Intendant Markus Schächter sieht die Position seines Senders auch in der neuen digital bestimmten Medienlandschaft trotz der Veränderungsperspektiven nicht vollkommen anders positioniert. Das Hauptprogramm bleibe ein»Leuchtturm«, sagte er in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung(28. Juli 2006):»Die etablierten Sendermarken, die im kollektiven Gedächtnis fest verankert sind, bleiben stark.« Auch wenn über ganz neue Plattformen, Verbreitungswege und neue Geräte die Zuschauer unabhängig von Sendezeiten ihre Lieblingssendungen auf Abruf sähen, sei er davon überzeugt, dass»ein großer Teil des Publikums Fernsehen in der klassischen Form nutzen wird.« Ziel des ZDF sei, als unabhängiger Sender auf allen Plattformen vertreten zu sein. Der Stellenwert werde dabei»eher zunehmen«. Fernsehen werde von den neuen Playern immer mehr als Geschäftsmodell gesehen,»in dem nicht mehr die publizistische Grundidee, sondern ausschließlich Geldverdienen zählt.«»Wenn großes Geld nur große Kasse machen will«, so die auf den publizistischen Kontrast setzende Auffassung Markus Schächters,»ist öffentlich-rechtliches Fernsehen das attraktive Gegenmodell.« Das ZDF insgesamt sei ein»starker Sender, eine starke Marke«. Es habe»herausragendes Personal«, das im übrigen»im eigenen Unternehmen entwickelt« worden sei, wie Steffen Seibert und Marietta Slomka im Informationsbereich. Für Unterhaltung und Show-Sendungen schaue man»immer wieder mal« nach Talenten:»Wir meinen es ernst mit dem Spaß und werden diesen Bereich neu akzentuieren.« Die Diskussion darum, ob Günter Jauch – den die ARD als Nachfolger von Sabine Christiansen für eine politische Talkshow verpflichten wollte – sowohl beim öffentlichrechtlichen als auch beim privaten Fernsehen eine Rolle spielen könne, zeigt für den ZDF -Intendanten, wie wichtig große Stars für das Profil von Fernsehsendern sind:»Eine Persönlichkeit mit 27 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme Markenqualität wird stets genau zugeordnet. Man kann sie nur schwer auf verschiedene Sender verteilen.« ZDF-Programmdirektor: Neues ausprobieren – Scheitern inbegriffen Der Programmdirektor des ZDF , Thomas Bellut, hat in einem aktuellen Interview des MedienBulletin(3/2007) die Programmstrategie des ZDF vorgestellt. Dabei betont Bellut, dass Stabilität bei Standardsendeplätzen – von»Wetten dass…?« über den Montagsfilm, die Sonntagsfilme(Pilcher u.a.) die notwendige»Luft« gebe, »um zu experimentieren und Neues auszuprobieren«. Es werde im laufenden Jahr noch mehrere Versuche geben, bei denen in Kauf genommen werde, wenn der eine oder andere scheitere. Bei neuen Serien könne diese Risiko-Variante ein Drittel ausmachen. Es mache keinen Sinn, radikal auf mehreren Flächen anzutreten, weil dann ein Publikumsabbruch riskiert werde,»so dass dann auch neue, gute, innovative Produkte scheitern würden.« Es sei ein kompliziertes Gesamtgeflecht. Die Versuchung sei enorm,»alles beim Alten zu lassen, weil es so schön berechenbar ist. Trotzdem müssen wir in die Zukunft schauen und Risiko wagen.« Bellut betont in diesem Interview, dass das ZDF im Qualitätswettbewerb führend sein wolle.»Wir sind nicht darauf fixiert«, fügt er hinzu,»in Bezug auf die Quantität Marktführer zu werden. Vielmehr wollen wir in einem Mix von der Dokumentation bis zur Fiction das Programm sein, das am meisten beachtet wird, das immer wieder im Gespräch ist, was dann natürlich auch wieder Auswirkung auf die Gesamtmarktposition hat.« Das, so drückt er es aus,»ist die schlanke Philosophie, die natürlich auch andere Sender und Firmen am Markt pflegen, um erfolgreich zu werden.« Hinsichtlich der Dokumentation betont der ZDF -Programmdirektor, dass der Sender vermehrt auf besonders guten Sendeplätzen in der Prime-Time mit guten Dokus arbeiten wolle. Bei dieser 28 2. Konstellationen und Erwartungen Zielsetzung – so auch in Richtung Zukunftsthemen und sehr fundierter wissenschaftlicher Dokumentationen – schaue der Sender nicht in erste Linie auf die Quote. In Bezug auf die Gesamtnutzung unter den veränderten technischen Bedingungen bezeichnet es Bellut als wichtig,»auf allen digitalen Plattformen einen Fuß in der Tür zu haben«. Vor allem sei eine permanente Qualitätsdiskussion»enorm wichtig: Wo stehen wir, was müssen wir verändern?« 2.3 Perspektiven der Politik Der Vorsitzende der Rundfunkkommission der Länder, der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck, hat 2005 in einem Grundsatzpapier zu Entwicklungsproblemen des dualen Systems Stellung genommen(publiziert in epd medien 45/2005). Beck, der dabei auch die Kommerzialisierungstendenzen sowohl in privaten und öffentlich-rechtlichen Programmen kritisierte, umriss im Ausgangspunkt noch einmal die verfassungsrechtlich festgeschriebene Rundfunkfreiheit. Diese zu gewährleistende Freiheit diene der individuellen und öffentlichen Meinungsbildung, die nach ständiger Rechtssprechung des Bundesverfassungsgerichts die Voraussetzung sowohl der Persönlichkeitsentfaltung als auch der demokratischen Grundordnung bilde. Dabei werde die Vermittlungsfunktion des Rundfunks durch sein Programm erfüllt,»und zwar nicht nur durch dessen politischen und informierenden Teil«. Vielmehr umfasse diese Programmfreiheit»ebenso die Bereiche Bildung, Kultur, Unterhaltung und damit auch Sport«. Auf diesen Fundamenten beruhe das im europäischen Bereich»äußerst erfolgreiche« deutsche duale Rundfunksystem. Dieser Erfolg habe seine Ursache insbesondere darin, dass die Rundfunkaufgabe »als eine öffentliche Aufgabe empfunden wurde und immer eng mit der publizistischen Kompetenz der Sender verknüpft war«. 29 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme Kurt Beck: Qualität als Messlatte Als»Messlatte für gute Beurteilung« bezeichnete Beck»die Qualität der ausgestrahlten Programme«. Für eine solche Qualität stehe»in erster Linie der öffentlich-rechtliche Rundfunk« mit seinem umfassenden Programmauftrag. Er müsse, verdeutlichte Beck,»integrierend, identitätsstiftend und vielfältig sein, internationale, nationale und regionale Ereignisse und Entwicklungen abbilden und bewerten, sich gesellschaftlich engagieren und den Menschen Orientierungshilfe bieten.« Seine Informationskompetenz sei geprägt von der»Einhaltung journalistischer Standards, d.h. Gründlichkeit in der Recherche, Sachlichkeit und Neutralität«. Er müsse Glaubwürdigkeit vermitteln. Als zusammenfassendes Urteil umriss Beck:»Ich meine, öffentlich-rechtlicher Rundfunk in Deutschland erfüllt diese Qualitätsvoraussetzungen«. Er sei»sein Geld wert« und trage wesentlich dazu bei,»Grundwerte unserer Gesellschaft nicht nur zu achten, sondern für diese vor allem zu werben und in den Menschen zu verwurzeln«. Dies sei in Zeiten von wirtschaftlicher Globalisierung und gesellschaftlicher Individualisierung und Fragmentierung von unschätzbarer Bedeutung. Nur wenige Einrichtungen fühlten sich dieser Aufgabe noch unmittelbar verpflichtet. Beck unterstrich, dass Werte in einer Gesellschaft»nicht für die Ewigkeit« erlangt würden, sondern man ständig für sie kämpfen und für sie eintreten müsse. Beck schrieb dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk in dieser Grundsatzerklärung auch die»wichtige Ausgleichsfunktion« zu, in Zeiten zunehmender»enger Verschränkung von publizistischer Deutungsmacht in Presse, Funk und Fernsehen« die»notwendige, gesellschaftlich stabilisierende Orientierungshilfe zu geben«. Hier sei er»einziger Garant für Vielfalt und Ausgewogenheit«. In dem Papier erinnerte er auch an Fehlleistungen des 30 2. Konstellationen und Erwartungen öffentlich-rechtlichen Rundfunks, doch könnten die»Ausreißer« dessen Gesamtleistung nicht in Frage stellen. Qualität als zentraler Wert – fortlaufender Diskurs Beck machte in diesem Papier auch nähere Aussagen zur Qualität, die – in sinngemäßer Zusammenfassung – danach dynamisch verstanden werden muss und im ständigen Diskurs jeweils aktuell zu bestimmen ist: »Nicht nur um allgemeine Werte muss man kämpfen, um sie zu erhalten. Das Gleiche gilt für Qualität im Programm, die selbst den zentralen Wert darstellt. Qualität ist nicht nur – gerade im öffentlich-rechtlichen Rundfunk – eine Voraussetzung für Rundfunk, sondern auch eine stete Herausforderung, dieses Niveau zu halten und zu verbessern. Feinde der Qualität sind dabei nicht nur ein unbedachter Rotstift oder das auf Grund der Privaten veranlasste Streben, durch Nachahmung inhaltsleerer Formate rasch hohe Einschaltquoten zu erzielen. Problematisch wird es vor allem dann, wenn das tägliche Ringen um Qualität, der intensive Diskurs und Dialog hierüber in den Sendern aus vermeintlich übergeordneten Gründen erlahmt. Dieser Diskurs und Dialog muss fortlaufend zwischen den Redaktionen untereinander, aber auch wechselseitig zwischen Redaktionen, Programmdirektionen und Intendanz erfolgen. Qualität ist dabei nicht auf Informationssendungen oder Kultur zu beschränken, sondern hat die ganze Breite der Unterhaltung einschließlich des Sports zu erfassen. Mit Qualität verbindet sich das Erscheinungsbild des Senders insgesamt, der als öffentlichrechtliche Anstalt sich eben von dem eines privaten Veranstalters zu unterscheiden hat.« 31 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme 3 Eckpunkte und Ansätze 3.1 Der rechtliche Rahmen Grundgesetz, Staatsvertrag, Rechtssprechung Als Ausgangspunkt und Bezugsrahmen für die dienende Rundfunkfreiheit und davon abgeleitet für eine erste Qualitätsbestimmung hat der Vorsitzende der Rundfunkkommission der Länder das Grundgesetz und die in den so genannten Rundfunkurteilen jeweils aktuell fortgeschriebene Rechtssprechung des Bundesverfassungsgerichtes angeführt. Die darin festgelegten Grundauffassungen wiederum werden für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk (wie auch für den privaten Rundfunk) in Landesgesetzen und im Rundfunkstaatsvertrag fixiert, so dass ein komplexer Rahmen entsteht, der jeweils von den Sendern konkret zu füllen ist. Dies geschieht über die Instrumentarien von Satzungen und Richtlinien, seit wenigen Jahren ergänzt auch um die Einrichtung von Selbstverpflichtungen, welche den öffentlich-rechtlichen Sendern im Rundfunkstaatsvertrag auferlegt sind. Danach müssen sie im Zwei-Jahres-Rhythmus ihre Programmziele für alle Teilbereiche ihrer Programme formulieren und anschließend die Ziele mit den Programmrealisierungen vergleichend bilanzieren. Wesentliche Normen, die Qualität begründen, sind im Grundgesetz Art. 5, Abs. 1, Satz 2 for­muliert. Danach hat der Gesetzgeber die Funktionsfähigkeit des Rund­funks zu gewährleisten. Rundfunk, so die Grundauffassung, vermittelt kommunikative Grundlagen und ist konstituierend für die Demokratie; Medien sollen individuell und gesellschaftlich Orientierung geben. 32 3. Eckpunkte und Ansätze Der Gedanke einer positiven Gestaltung der Rundfunkfreiheit ist im Wesentlichen in den Rund­funkurteilen des Bundesverfassungsgerichts festgelegt. Sie benennen Vielfalt als das zentrale Qualitätskriterium, sowohl Meinungsvielfalt als auch strukturelle Vielfalt. Alle Meinungen in der Gesellschaft sollen ebenso wie alle gesellschaftlichen Kräfte berücksichtigt sein, alle Lebensbereiche sollen erfasst und alle Lebensräume widergespiegelt werden. Den öffentlich-rechtliche Sendern ist als Aufgabe zugeschrieben, die»unerlässliche Grund­versorgung« zu leisten und den klassischen Rundfunkauftrag zu erfüllen, und das»nicht nur zum Teil, sondern voll.« Diese Grundsätze bilden auch die tragenden Teile im Rundfunkstaatsvertrag. Sie sind dort eingeflossen in die»Allgemeinen Programmgrundsätze«. Konkretisiert für die Berichterstattung nennt der Rundfunkstaatsvertrag auch journalistische Qualitätskriterien allgemeiner Art. Qualitätskriterien des Rundfunkstaatsvertrags In der Formulierung der»Aufgaben« des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nennt der Rund­funkstaatsvertrag folgende Qualitätskriterien: • er soll»als Medium und Faktor des Prozesses freier individueller und öffentlicher Mei­nungsbildung« wirken • er soll»einen umfassenden Überblick über das internationale, europäische, nationale und regionale Geschehen in allen wesentlichen Lebensbereichen« geben • sein Programm»hat der Information, Bildung, Beratung und Unterhaltung zu dienen« • er hat»Beiträge insbesondere zur Kultur anzubieten« • er hat»die Grundsätze der Objektivität und Unparteilichkeit der Berichterstattung, die Meinungsvielfalt sowie die 33 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme Ausgewogenheit der Angebote und Programme zu be­rück­ sichtigen« Das Bemühen der Länder um konkretere Qualitätsanforderungen Dieser Rahmen ist weit gezogen und lässt relativ große Spielräume und Interpretationsspannbreiten, wenn es um die konkrete Realisierung der einzelnen Aufgabenfelder geht. Deshalb strebten und streben die Länder, nicht zuletzt im Interesse einer klareren Charakter-Zuschreibung innerhalb des dualen Rundfunksystems, eine konkretere, auch im Sinne des Buchstäblichen fester umrissene Beschreibung an, wie dieser Rahmen zu füllen und wie die allgemeine Qualitätsanforderung genauer zu definieren und dann zu kontrollieren sei. In dem erwähnten Grundsatzpapier des rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten heißt es zu diesem Problempunkt: »Jeder Dialog innerhalb eines Senders oder Unternehmens, jedes Ringen um Qualität bleibt unvollständig, wenn sich ein Controlling nur auf das Innenverhältnis beschränkt. Es ist daher wichtig, dass Impulse auch von außen kommen, damit sich nicht Selbstzufriedenheit oder gar Betriebsblindheit breit machen. Für ein solches Controlling möchte ich drei Instrumente nennen: Die Gremien, die Selbstverpflichtungen der Anstalten, ein externes Qualitätsmanagement.« Qualität aus der Sicht eines Gremienvertreters Als erfahrener Gremienvertreter nennt der langjährige Vorsitzende des WDR -Rundfunkrates, Reinhart Grätz, die besondere Verantwortung gegenüber der Gesellschaft als erste»Sinnbestimmung« des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Bei der Frage, wie die daraus resultierende Verantwortung auszufüllen sei, müssten die Vorstellungen und Vorgaben immer wieder überprüft, erprobt 34 3. Eckpunkte und Ansätze und weiterentwickelt werden. Qualität als Zielvorgabe des Programms sei dabei kein unverrückbar feststehender und gleichsam messbarer Begriff. Die Maßstäbe könnten in verschiedene Richtungen ausschlagen. Dies sei sogar wichtig, weil damit bestimmte Möglichkeiten und Spielräume auszumessen seien, die zu beschreiben, aber nicht von vorneherein auszumessen seien. Grätz verweist dabei auch auf die durch die Konkurrenz mit den kommerziellen Sendern eingetretenen Veränderungen. Allein die große Zahl neuer Programme habe zu Ausdifferenzierungen auch in der Qualität geführt. Doch seien Grundkonstanten, die sich an den Anforderungen des Grundgesetzes orientierten, doch»relativ gleich geblieben«. Die von den Ländern auferlegten Selbstverpflichtungen der öffentlich-rechtlichen Sender seien auch eine Chance, weil sie bislang eine Bündelung und eine»öffentliche Sichtbarmachung« des öffentlich-rechtlichen Profils bedeuteten, auch wenn einzelne Passagen viele schon bekannte Leitlinien, Grundsätze und als selbstverständlich empfundene Ziele enthielten. Die Gremien selbst hätten hinsichtlich der Zielbestimmung und der Programmlinien eine größere innere Freiheit als die Programmmacher selbst, um die damit verbundenen Qualitätsvorstellungen einzufordern. 3.2 Ein neuer Weg: Selbstverpflichtungen der Anstalten Perspektivische Konkretisierungen von Zielen und Standards Die Bundesländer haben im Siebten Rundfunkstaatsvertrag im § 11 festgelegt, dass die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten – alle Sender der ARD , das ZDF und Deutschlandradio – alle zwei Jahre einen Bericht vorlegen müssen, in dem sie Rechenschaft ablegen über die Erfül­lung ihres Auftrags, über Qualität und Quantität der Angebote und Programme sowie der geplanten Schwerpunkte. Diese Selbstverpflichtungen sind teilweise sehr detailliert und enthalten eine Fülle von For­mulierungen, welche 35 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme die Sicherung und Weiterentwicklung der Programmqualität beschreiben. Die Bedeutung der Selbstverpflichtungen liegt nach Ansicht des früheren ARD -Vorsitzenden Dietrich Schwarzkopf»darin, ob es ARD und ZDF gelingt, mit diesem Instrument die Öf­fentlichkeit – die schließlich der Adressat ist – wirksam davon zu überzeugen, dass der Ge­bührenzahler gut bedient wird, dass er eine ähnliche Angebotsfülle und-qualität anderswo nicht erhalten wird und kann, und dass er daher die Frage, ob sich das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem in seiner gegenwärtigen, auf Weiterentwicklung angelegten und ihrer fähi­gen Form auch künftig lohnt, klar bejahen kann.«(Dietrich Schwarzkopf:»Bindungsmuster. Programmliche Selbstverpflichtungen: Erwartungen und Perspektiven). Der Medienpublizist Volker Lilienthal bewertete die Selbstverpflichtungen als eine»neue Form der Selbstdarstellung« mit Eigenlob und Versprechungen, auf deren Einhal­tung man werde achten müssen.»Die Wahrheit aber ist«, so Lilienthal,»dass weder das ZDF - noch das ARD -Papier Unmögliches von den Programmmachern verlangt«. Hier würden»keine Utopien ins Prospekt genommen, sondern der Standard dessen, was man er­ warten darf – und was diese Gesellschaft seit Jahrzehnten meistens vom öffentlich-rechtli­chen Rundfunk auch bekommt. Glücklicherweise.« Es gehe um»eine Me­lange aus dem Status quo, aus der sachlichen Beschreibung dessen, was ohnehin geleistet wird, und einer ideologischen Aufladung dieser Programmleistungen, die manchmal nur noch peinlich wirkt.«(Volker Lilienthal: Um ein Ritual reicher. Die Selbstverpflichtungen von ARD , ZDF und DLR , in: epd medien 73/04) 36 3. Eckpunkte und Ansätze Weiterentwicklung zu konkreten Zielvereinbarungen Eine positive Perspektive bei den Selbstverpflichtungen sieht Martin Stadelmaier, Chef der Staatskanzlei des federführenden Landes Rheinland-Pfalz bei der Rundfunkkommission der Länder. Auf einer Ta­gung zum 50-jährigen Bestehen des Programmbeirates der ARD sagte er im Frühjahr 2006 in Berlin:»Insgesamt werden sich diese Selbstverpflich­tungen hin zu sehr konkreten Zielvereinbarungen entwickeln, wie sie bei­spielsweise bei unse­ ren britischen oder französischen Nachbarn üblich sind. Sie werden zu­nehmend den Charakter von Leitbildern annehmen, die verstärkt Eingang in das Alltagshan­deln der Mitarbeiter fin­den.« (zitiert nach epd medien 34-35/06) Der Münsteraner Rechtswissenschaftler Bernd Holznagel empfahl in einer Stellungnahme zur No­vellierung des WDR -Gesetzes, die Leitlinien konkreter zu fassen und verwies begründend auf das Vorbild der BBC , die gegenüber ihren Zuschauern ihre»›Versprechungen gegenüber unse­rem Publikum‹(Promise to the Public)‹« konkret formuliere:»Vor allem sollten neben den dort angelegten Qualitätsstandards auch Vorgaben für die thematische Ausrichtung und Zu­sam­mensetzung des Gesamtprogramms aufgenommen werden. In enger Anlehnung an das briti­sche Modell sollte dies durch eine quantitative Gewichtung der einzelnen Programme und Sendungen erfolgen.«(Bernd Holznagel: Umfassend Rechenschaft ablegen. Stellungnahme zur Novellierung des WDR Gesetzes, in: epd medien 59/05) Ein Grundstein: der Funktionsauftrag Holznagel war es, der 1999 für das ZDF ein 200-seitiges Gutachten zu dessen spezifischem Funktionsauftrag vorgelegt hatte ( Der spezifische Funktionsauftrag des ZDF , ZDF -Schriftenreihe 55), in dem er verschiedene Leitbildfunktionen aufzeigte, um die Stellung des öffentlich-rechtlichen Senders auch in der digitalen 37 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme Zukunft unverwechselbar und unverzichtbar zu machen. Eine solche Umschreibung des Funktionsauftrags in Eigenregie war lange Zeit mehrheitlich von den Verantwortlichen des öffentlichrechtlichen Fernsehens abgelehnt worden, weil sie darin ein einengendes Zugeständnis an im Vorfeld intensiv erhobene Forderungen des Verbands privater Rundfunk und Telekommunikation ( VPRT ) sahen, der im Bestreben nach einer Eingrenzung öffentlich-rechtlicher Aktivitäten immer wieder von der Politik verlangt hatte, den öffentlich-rechtlichen Anstalten eine klar umgrenzte Programmaufgabe zuzuweisen. Standards und Legitimation In dem Gutachten für das ZDF formulierte Holznagel als sechsten – und für dieses Thema besonders wichtigen – Aspekt einer Leitbildfunktion, dass dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk die »wichtige Aufgabe zukomme, mit seinem»qualitativ hochstehenden Programmangebot Standards« zu setzen, die von konkurrierenden Anbietern nicht ohne entstehenden Legitimationsbedarf unterschritten werden konnten«. Diese Funktion der Qualitätssicherung werde auch in der digitalen Kommunikationsordnung nicht obsolet. Die Erfahrungen mit dem amerikanischen Mediensystem zeigten, dass»ein Mehr an Kanälen und Angeboten keinesfalls ein Mehr an Qualität bedeuten« müsse. Weil eine Sendelizenz ihre Eigenschaft verlieren werde, Erwerbschancen zu sichern,»werden die Anbieter weniger bereit sein, hierfür als Gegenleistung allgemeine Qualitätsstandards einzuhalten«. Zudem, argumentierte Holznagel weiter, werde es mit einer Zunahme von Anbietern immer schwieriger, bestehende Treuhandbindungen zu überwachen und gegebenenfalls für ihre Einhaltung zu sorgen. Es sei daher»eine wichtige Aufgabe des ZDF und der anderen öffentlich-rechtlichen Anstalten, dafür zu sorgen, dass die Qualitätsmaßstäbe nicht Schritt für Schritt abgesenkt werden.« 38 3. Eckpunkte und Ansätze Einwirken auf die private Konkurrenz Dieses Qualitätsmoment wird insofern nicht allein für den Anspruch an die eigene Arbeit angeführt, sondern es zielt auch auf den gesellschaftlichen Nutzen insgesamt, indem diese Bemühungen indirekt ausstrahlen: Nur wenn es den öffentlich-rechtlichen Anbietern gelinge,»ihr Programm als vorbildlich in der Gesellschaft zu verankern, besteht die Möglichkeit, jedenfalls einen Mindeststandard auch für die private Konkurrenz einzufordern«. Die Gesellschaft werde»dann(selbstreferentiell) daran erinnert, an welchen Wertvorstellungen sie sich orientiert und dass es eine tägliche Aufgabe ist, für die Realisierung dieser Zielsetzungen einzutreten«. Dabei warnt Holznagel indirekt davor, diese Qualitätsanforderungen als Minderheitenanspruch einzugrenzen:»Es versteht sich aber von selbst, dass diese Aufgabe vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk nur wahrgenommen werden kann, wenn er ein Massenpublikum erreichen kann und nicht marginalisiert wird.« Offene Definitionsräume In dem Gutachten verweist Holznagel darauf, dass die Besonderheit von gesellschaftsdienlichen Gütern, welche zur Legitimationsgrundlage des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gehört, inhaltlich nicht präzise definiert werden könne. Mithin gebe es einen»weiten Entscheidungsspielraum bei der Festlegung der Programme«, die zur Erfüllung der Komplementäraufgaben erforderlich seien. Nach bundesrepublikanischem Verfassungsverständnis könne diese Aufgabe»daher nur prozedural und in einem staatsfrei organisiertem Entscheidungsprozess bewältigt werden.« Für den Gutachter ergibt sich daraus zwingend, dass »letztlich die Vertreter der gesellschaftlichen Gruppen und nicht staatliche Instanzen« im Rahmen ihrer Programmautonomie 39 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme über die Sendungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks befinden müssen. An dieser Stelle erteilt er bereits jedem Versuch(inzwischen ist daraus eine institutionell massive Einwirkung geworden) eine Absage, über eine europäische Regelung auf diese innerdeutsche Organisationsform und Ausgestaltung einzuwirken. Wenn sich die EU -Kommission im Rahmen ihrer wettbewerbsrechtlichen Zuständigkeiten hierzu»aufschwingen« wolle,»geriete sie in die Rolle einer Zensurinstanz, die nach europäischem Verfassungsverständnis schwerlich mit dem zum europäischen Primärrecht gehörenden Grundrecht auf Meinungs- und Kommunikationsfreiheit zu vereinbaren wäre.« Auflagen: Auf dem Weg zu einem EU-Kompromiss? Inzwischen ist dieser Punkt immer noch ein drängendes Problem der aktuellen Diskussion, weil ein in einem formalen Beschwerdeverfahren ausgetragener Streit zwischen der EU -Kommission und der Bundesrepublik(im Zusammenspiel von Bund und Ländern) zwar tendenziell geschlichtet schien, doch im Februar 2007 wieder Zweifel an einem förmlichen Abschluss formuliert wurden. Hierbei ging und geht es im Kern darum, in welcher Form und bis zu welchem Grad sowie auf welchen Gebieten dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk Auflagen zu machen wären, welche Umfang und Ausgestaltung seines Programms sowie die Formen der Kontrolle betreffen. Die Kommission begründete ihre Handlungsvollmacht – wobei sie über eine Klage der deutschen Privatsender zum Handeln aufgerufen wurde – aus dem Schutzverlangen hinsichtlich unterstellter Wettbewerbsverzerrungen, so dass die Verträglichkeit mit dem Beihilferecht zu untersuchen sei. Dies gelte, so die Klage, beispielsweise in Bezug auf Quersubventionierungen und mangelnde Transparenz bei der gebührengestützten Finanzierung. 40 3. Eckpunkte und Ansätze Nach einem vorläufigen Zwischenstand soll die Programmautonomie der Anstalten weiter gewahrt bleiben und den sendereigenen Gremien in verstärktem Maße die Aufgabe zukommen, Programmvorhaben zu bewerten und die Ausgestaltung der Programme im öffentlich-rechtlichen Sinne zu überwachen. Die von der Kommission lange Zeit avisierte konkrete staatliche Vorgabe hinsichtlich der öffentlich-rechtlichen Programmgestaltung ist demnach nicht vorgesehen. Der Vorsitzende der Rundfunkkommission der Länder, der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck, hat Anfang Februar 2007 in einer Rede vor der medienpolitischen Kommission der SPD zu diesem zentralen Punkt ausgeführt, es habe»nach zähem Ringen und etlichen Irritationen« kurz vor Weihnachten 2006 eine Einigung zwischen Bund und Ländern und der Generaldirektion Wettbewerb im EU -Beihilfeverfahren gegen ARD und ZDF erreicht werden können. Die zuständige Kommissarin habe nach der getroffenen Absprache mitgeteilt,»sich dafür einsetzen zu wollen, aufgrund der von Deutschland vorgeschlagenen Maß­ nahmen das konkrete Beihilfeverfahren formal einzustellen«. Die Ent­scheidung werde im Frühjahr 2007 erwartet. Er hoffe, dieser Zeitpunkt werde eingehalten, denn es gebe schon wieder Hin­ weise auf mögliche Verzögerungen. Im Fall des Abschlusses habe Deutschland zwei Jahre Zeit, um die vorgeschlagenen Maßnahmen in das Rundfunkrecht einzufügen. Drei Stufen im neuen Prüfungsverfahren Er präzisiert dann drei große Bereiche: Danach legen die Länder im Staatsvertrag den öffentlichen Auftrag für alle neuen oder veränderten digitalen Angebote sowie die Stufen des Prüfungsverfahrens fest. Die inhaltliche Ausgestaltung liegt danach allein bei ARD , ZDF und DLR mit ihren jeweiligen Gremien. Die Länder überprüfen dann die Vereinbarkeit mit dem Willen des Gesetzgebers im Rahmen der Rechtsaufsicht.»Dies«, unterstrich Beck, 41 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme »bedeutet gerade keine Genehmigung von Programmvorhaben im Voraus, wie sie zuletzt von der GD Wettbewerb ins Spiel gebracht wurde.« Dies habe man klar abgelehnt. Weiter gehöre zur Einigung die künftig klare organisatorische Abtrennung der kommerziellen Aktivitäten von ARD und ZDF durch Tochtergesellschaften, die sich dann wie jedes andere Unternehmen am Markt verhalten müssten. Damit werde»marktkonformes Verhalten generiert bzw. nachvollziehbar gemacht«. Dies diene einem wohlverstandenen Wettbewerb. Schließlich gehöre zum Kompromiss, dass ARD und ZDF ihre Geschäftspolitik im Rahmen des Sportrechteerwerbs transparent machten. Die Umsetzung dieser Punkte, so Beck, werde noch ein schwieriger Weg, den man in enger Abstimmung mit ARD und ZDF beschreiten werde. Die Ankerpunkte der UNESCO-Konvention Die Generalsekretärin der ARD , Verena Wiedemann, verweist bei der Klassifizierung und Bewertung der EU -Medienpolitik auf die in Kraft getretene UNESCO -Konvention über die Sicherung kultureller Vielfalt. Sie sei ein»Paukenschlag« und sei wesentlich inhaltsreicher geworden»als wir uns das erträumen durften«. Damit werde auf internationaler Ebene erstmals anerkannt, dass audiovisuelle Medien und andere kulturelle Ausdrucksformen Kulturgüter seien. Es werde völkerrechtlich festgeschrieben, dass die kulturelle Vielfalt, wie sie durch audiovisuelle Medien zum Ausdruck komme, zu schützen und zu fördern sei. Die Konvention werde durch die Ratifikation in der EU und in den Mitgliedsstaaten bindendes Recht und müsse mithin künftig bei der Anwendung des Beihilferechts»beachtet« werden. Die Frage sei dann eher, so die ARD -Generalsekretärin,»wie« die Verpflichtungen der Konvention interpretiert und umgesetzt würden. In dieser nun beginnenden Diskussion werde die ARD deutlich machen,»dass hier ein neues Instrument gegenüber allen Versuchen zur Ver42 3. Eckpunkte und Ansätze fügung steht, die neue digitale Welt zu einem bloßen Markt- und Rummelplatz ohne öffentliches Interesse oder Verantwortungen zu machen.«(Interview in pro media 3/2007) Frühes ZDF-Diskussionspapier Bereits 1998, noch weit vor dem auf eine Programmeingrenzung zielenden jetzigen formellen Beschwerdeverfahren auf EU -Ebene und ein Jahr vor der Veröffentlichung des Holznagel-Gutachtens, hatte der damalige ZDF -Intendant Dieter Stolte wesentliche Linien in dem gemeinsam mit dem Fernsehrat und dessen Ausschüssen erarbeiteten ausführlichen Diskussionspapier Aufgabe und Wert des öffentlich-rechtlichen Rundfunks für die Gesellschaft ( ZDF Schriftenreihe 54) vorgezeichnet. Darin räumt er ein, dass auch kommerzielles Fernsehen neben»Entgleisungen« eine Reihe beachtlicher journalistischer und fiktionaler Sendungen« hervorbringe,»die ebenso gut im öffentlich-rechtlichen Fernsehen laufen könnten«. Deshalb sei es»wichtig, nicht aus dem Auge zu verlieren, worin der strukturelle – und damit zugleich fundamentale – Unterschied zwischen dem öffentlich-rechtlichem und dem kommerziellen Fernsehen besteht: nämlich darin, dass kommerzielles Fernsehen aufgrund seiner andersartigen Ausrichtung und inneren Logik zwangsläufig Vielfalts- und Qualitätsdefizite haben muss, wenn es wirtschaftlichen Erfolg haben will«. Daher sei es weit weniger als der öffentlich-rechtliche Rundfunk in der Lage,»essentielle Funktionen des Rundfunks für unsere Demokratie adäquat wahrzunehmen und dauerhaft zu gewährleisten«. Neue Zielvorgaben der BBC Dass die Legitimationsdiskussion und die genauere Umschreibung und Festlegung von Standards und Programmlinien im verdichteten digitalen Zeitalter unumgänglich sein werden, hat im Vorfeld der Erneuerung der»Royal Charta« der BBC auch deren 43 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme Generaldirektor Mark Thomson bekräftigt. Diese Feststellung wird in einem Umfeld getroffen, das auch in Großbritannien die Gebührenfinanzierung teilweise sehr skeptisch bis kritisch beurteilt, wie ein Kommissionsbericht unter dem Vorsitz von Lord Terry Burns zeigt, der es für ausgeschlossen hält, dass die BBC über die Verwendung ihrer Gebührengelder in Eigenregie bestimmen könne.(Zur Diskussion vgl. www.bbcharterreview.org. u k /seminars/2006/LFS-Session4_Transcript.pdf) Thomson selbst hat in einer Rede vor dem Personal der BBC am 19. Juli 2006 als dringende Zukunftsvision ausgegeben, dass die BBC auf allen vorhandenen technischen Plattformen die qualitativ höchstwertigen Inhalte anbieten müsse, teilweise auch gegen ein spezielles Entgelt, um für die Zukunft gerüstet zu sein. Inzwischen sind auch gesetzlich die neuen Ziele festgelegt, welche als novellierte Royal Charter seit Anfang 2007 die BBC in ihrem Programmauftrag binden. Dabei gelten – festgelegt nach mehreren Diskussionsrunden – sechs Hauptziele: Danach soll die BBC 1) die Zivilgesellschaft stärken, 2) Bildung und Lernen fördern, 3) die kulturelle Leistungsfähigkeit im Land stimulieren, indem die Rundfunkgebühr als»Risikokapital« für Kreativität eingesetzt wird, 4) Großbritannien, seine Nationen und seine Regionen widerspiegeln, 5) Großbritannien der Welt und die Welt Großbritannien näher bringen und 6) eine führende Rolle bei der Digitalisierung übernehmen. Public-Value-Tests Ein dreistufiges System soll dabei, so fassen die Media Perspektiven(12/2006) die Methodik zusammen, die Aufrechterhaltung höchster Standards in allem, was die BBC produziert, sicherstellen. So sollen alle Dienste und Kanäle im Angebot der BBC eine Einzellizenz erhalten, welche die Hauptmerkmale dieser Angebote sowie den Nutzen für das Publikum beschreibt. Zweitens 44 3. Eckpunkte und Ansätze sollen neue Kriterien für Qualität, Innovation, Risiko und Engagement die Qualifizierung jedes einzelnen Programms als»würdig für die BBC « ermöglichen. Drittens soll schließlich ein Public-Value-Test an jedes neu konzipierte oder für eine einschneidende Veränderung vorgesehene BBC -Angebot angelegt werden, um die Vereinbarkeit mit dem öffentlichen Auftrag und dem Wettbewerb zu garantieren. Selbstverpflichtung des ZDF Das ZDF hat in der Präambel seiner ersten, am 9. Juli 2004 vom Fernsehrat verabschiedeten Selbstverpflichtung hinsichtlich der Programm-Perspektiven 2004–2006 nach der staatsvertraglichen Auflage als»seit jeher« handlungsleitende Maxime formuliert,»einer größtmöglichen Bandbreite von Themen, Genres und Handschriften, von Mehrheiten und Minderheiten-Programmen dauerhaft publizistische Resonanz zu verschaffen«. Hierzu habe es, heißt es weiter,»sein öffentlich-rechtliches Programmprofil geschärft, seine Sendungskonzepte zuschauernäher gestaltet, das Programm übersichtlicher strukturiert sowie komplementär zum Hauptprogramm in den Spartenkanälen 3sat, KiKa und PHOENIX und in ZDF .vision mit seinen digitalen Programmen spezielle Zuschauerinteressen aufgegriffen.« Hieraus wird deutlich, dass die besonderen Anforderungen unter öffentlich-rechtlichen Vorzeichen als Gesamtsumme aller Programmaktivitäten in ihrer vielfältigen Mischung gesehen und die Ergänzung sowie der gegenseitige Bezug aller als Bouquet oder Familie verstandenen Programme im Gesamtzusammenhang als ein wesentliches Merkmal verstanden wird.»Kernelement« der ZDF -Programme in ihrer Mischung sei die»Auseinandersetzung« mit der Wirklichkeit. 45 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme »Dauerhafte Überprüfung und Verbesserung der Qualität« Zur Qualität heißt es in den einleitenden Willensbekundungen, dass das ZDF die Qualität seiner Programme»dauerhaft überprüfen und verbessern und in allen Programmgenres die Standards der inhaltlichen und gestalterischen Möglichkeiten des Mediums einlösen, mit prägen und erneuen« wolle. In der Bilanz, welche dem Fernsehrat am 15. Mai 2006 zur Verabschiedung vorgelegt wurde, heißt es hinsichtlich der in der Präambel formulierten Qualitätsziele allgemein, dass die insgesamt erzielten 184 Preise bei Festivals und Wettbewerben für Programme aller Genres die Qualitätsorientierung der ZDF -Programmarbeit im Jahr 2005 unterstrichen. In der Schlusszusammenfassung der Bilanz werden die Ziele und Vorhaben der ersten zweijährigen Programm-Perspektiven als»in weiten Teilen erfolgreich umgesetzt« bezeichnet. Zu den Aufgaben, welche noch zu bewältigen seien, zählt der Sender eine»noch wahrnehmbarere, deutlichere Thematisierung gesellschaftlich brennender Themen in Programmschwerpunkten«, ebenso wie die»immer wieder erforderliche Entwicklung und Etablierung neuer Programmformate«. Selbstverpflichtung der ARD Auf ihrer Hauptversammlung am 13. September 2006 in Schwerin verabschiedete die ARD ihre Programm-Leitlinien 2007/2008 und zugleich den»Bericht der ARD über die Erfüllung ihres Auftrags, über die Qualität und Quantität ihrer Angebote und Programme« auf der Grundlage der Leitlinien für die beiden vorangegangenen Jahre. Darin werden zu den verschiedenen Hauptsparten des Programms sowohl qualitative(Erfolgs-)Feststellungen als auch qualitative Wertungen abgegeben. Bis auf die Unterhaltung fallen dabei keine kritischen Urteile, vielmehr werden die Angebote 46 3. Eckpunkte und Ansätze und Leistungen sowohl in der Vielfaltsmischung, als auch in den Einzelqualitäten durchweg positiv dargestellt. Allein zur Unterhaltung heißt es: »Der Anteil an Unterhaltungsshows im Ersten hat 2005 zugunsten fiktionaler Programme leicht abgenommen. Es bleibt weiterhin Ziel, eine Gemeinschaftsredaktion Unterhaltung einzurichten und diese mit ausreichenden Mitteln auszustatten. Der Bereich der Showunterhaltung im Ersten stagniert; innovative Konzepte konnten daher nicht wunschgemäß entwickelt und umgesetzt werden.« Schleichwerbung: Die ARD sieht erfolgreiche Aufarbeitung Der vom WDR -Intendanten Pleitgen als größtmöglicher Unfall apostrophierte Skandal wegen vielfacher Schleichwerbung mit Produkt- und Themenplatzierung wird im Bericht als aufgearbeitet gesehen: »Für die ARD war es selbstverständlich, nicht nur drastische Konsequenzen aus diesen Vorfällen zu ziehen, sondern auch die aufgetretenen Fälle vorbehaltlos aufzuklären und im Rahmen weitest möglicher Transparenz offen zu legen. Darüber hinaus galt es, die vorhandenen Kontrollmechanismen zügig weiter zu entwickeln, um sicherzustellen, dass sich derartige Vorfälle nicht mehr wiederholen. In einer eigens hierfür eingesetzten ARD Clearingstelle wurden umfängliche Regeln entwickelt, die nicht nur die zukünftige Ausgestaltung von Auftragsproduktionsverhältnissen betreffen, sondern auch die Zusammenarbeit der Landesrundfunkanstalten mit Kooperationspartnern auf dem Gebiet der Produktionshilfe neu regeln. Im September 2005 haben die ARD -Intendanten diese Regeln verbindlich gemacht. Sie sind abrufbar im Onlineangebot von › ARD .de‹. Hervorzuheben ist aber auch, dass die Zusammenarbeit der Landesrundfunkanstalten mit Dritten bei der Herstellung von Pro47 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme grammen nicht per se unzulässig ist. Im Gegenteil: Kooperationen mit Dritten sind für die Rundfunkveranstalter mittlerweile unverzichtbar geworden. Sie steigern die programmliche Flexibilität, erhalten die Innovationsfähigkeit und sichern ergänzende Kompetenz. Ferner tragen sie in Anbetracht steigender Betriebsund Rechtekosten zu Entlastungen im Sinne sparsamen und betriebswirtschaftlich vernünftigen Handelns bei. Letztlich kommt dies auch dem Rundfunkteilnehmer zu Gute. Kooperationen dürfen aber in keiner Weise zu programmlichen Einflussnahmen oder unzulässigen Werbewirkungen führen und bedürfen folglich einer ständigen aufmerksamen Begleitung.« Noch nicht angesprochen: sportliche Exklusivität Noch nicht angesprochen in dem Bericht sind die im September 2006 in vollem Umfang zu Tage getretenen Umstände, unter denen der Radsportstar Jan Ullrich einen hochdotierten mehrjährigen Vertrag mit der ARD erhielt. Diese Bindung an einen Berichtsgegenstand wurde inzwischen vielfach als ebenso unvereinbar mit öffentlich-rechtlichen Grundsätzen kritisiert( WDR -Intendant Fritz Pleitgen am 7. September 2006 im WDR -Morgenecho: Er betrachte dies»nachträglich als einen Fehler«) wie die über viele Jahre vor allem von Tochterunternehmen gezielt getriebene Schleichwerbung. Bereits zuvor waren Praktiken der Drittmitteleinwerbung bei Sportveranstaltern durch verantwortliche Sportredakteure( HR , MDR ) aufgedeckt worden. Auch dies erwähnt der Bericht nicht, sondern führt zum Thema Sport entlastend an, dass die ARD auch die negativen Aspekte des Leistungssports thematisiert habe, so in zwei»Brennpunkten« zu Dopingfällen in der»Tour de France«. Während die Intendanten der ARD -Anstalten die Verträge der wesentlich für den Ullrich-Exklusivvertrag Verantwortlichen – des ARD -Programmdirektors und des ARD -Sportkoordinators – verlängerten, erklärte der WDR -Rundfunkrat zu diesem Gesamtvor48 3. Eckpunkte und Ansätze gang sein»Unverständnis«( Süddeutsche Zeitung vom 22. September 2006) und drückte weiter aus, dass der Vertrag zu weiteren Fragen Anlass gebe und»die herausragenden Leistungen« der ARD -Sportberichterstattung überschatte. Um die»Glaubwürdigkeit der ARD « nicht weiter zu gefährden, seien»Konsequenzen gefordert.«(der Sportkoordinator wurde wenig später aus einem anderen – wieder mit einem Schleichwerbungsfall verbundenen – Grunde von seiner Funktion entbunden.) Qualitätsanspruch in der Präambel In der Präambel für die Leitlinien 2007/2008 umreißt die ARD ihren Qualitätsanspruch und stellt dabei fest: »Der öffentlich-rechtliche Rundfunk erfüllt mit der Gesamtheit seiner Angebote und Dienstleistungen eine unverzichtbare gesellschaftliche Funktion. Die ARD stellt ein unabhängiges, hochwertiges und nachhaltiges Programm für alle Bevölkerungs- und Altersgruppen bereit. Damit leistet sie einen wichtigen Beitrag für den Zusammenhalt des Gemeinwesens wie auch zur Integration in Deutschland und Europa. Die Erfüllung ihres Programmauftrags verbindet die ARD mit einem auf Werten wie Menschenwürde, Toleranz und Minderheitenschutz gründenden Qualitätsanspruch. Besonders in den Kernbereichen Information, Bildung, Beratung und Kultur zählen journalistische Kriterien wie unabhängige Recherche, sorgfältige Auswahl, sachkundige Aufbereitung, objektive Darstellung und anschauliche Vermittlung zu den wesentlichen Erkennungsmerkmalen. Um eine unabhängige Berichterstattung zu garantieren, unterhält die ARD im In- und Ausland ein leistungsstarkes Korrespondentennetz. Auf der Grundlage dieser Qualitätsstandards trägt sie wesentlich zur freien öffentlichen Meinungsbildung zu allen relevanten politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Themen der Zeit bei. 49 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme Die ARD produziert und fördert originäre Formate wie beispielsweise den künstlerischen Fernsehfilm, den Dokumentarfilm, aufwändige Reportagen und investigative Magazinsendungen. Um das journalistische, handwerkliche und technische Können sicherzustellen, bildet die ARD ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter selbst aus. Hinsichtlich ihrer Produktionen und Verbreitungswege fördert sie am Zuschauerinteresse orientierte technologische Entwicklungen. Durch regelmäßige Überprüfung und Überarbeitung bestehender und die Entwicklung neuer, innovativer Programme sowie mit einem umfangreichen Onlineangebot und einem rund um die Uhr aktualisierten Teletext stellt sich die ARD den Herausforderungen einer zunehmend komplexer werdenden, globalisierten und digitalisierten Welt. Die ARD will mit ihren Programmangeboten dem jeweiligen Format und spezifischen Sendeplatz entsprechend ein größtmögliches Zuschauerinteresse wecken. Als föderaler Sendeverbund spiegelt die ARD die Vielfalt und Identität aller Regionen in der Bundesrepublik wider. Die Darstellung Ost- und Mitteldeutschlands verdient dabei weiterhin besondere Beachtung, um den Prozess der inneren Einheit Deutschlands zu fördern. Die Rundfunkräte der in der ARD zusammengeschlossenen Anstalten überwachen die Einhaltung der Programmgrundsätze. Die ARD verfügt in den Programmausschüssen der Rundfunkräte, der Konferenz der Gremienvorsitzenden und im ARD -Programmbeirat für Das Erste über wirkungsvolle Instrumente der Qualitätssicherung und Fortentwicklung des Programmangebots.« Ausgesparte kritische Diskussion Charakteristisch für die ARD -Leitlinien ist, dass intensive kritische Diskussionen – wie sie in der Öffentlichkeit und teilweise auch intern geführt wurden, beispielsweise zur Qualität der zen50 3. Eckpunkte und Ansätze tralen politischen Talkshow»Christiansen«, weiter zur Struktur, zur Platzierung und zum Sendevolumen der politischen Magazine oder auch zur Angebotsmischung, zur Platzierung und zur inneren Qualität der Dokumentationen – in den Leitlinien bemäntelt oder nur in indirekter Form mit positiver Wendung angesprochen werden: »Die sechs politischen Magazine ›Fakt‹, ›Report München‹, ›Report Mainz‹, ›Panorama‹, ›Monitor‹ und ›Kontraste‹ sowie der ›Bericht aus Berlin‹ und der ›Presseclub‹ werden auch in den kommenden Jahren für differenzierte und sachkundige Hintergrundinformation und einen vorurteilsfreien und streitfreudigen Meinungsaustausch sorgen. Die ARD wird auf die Profiloptimierung und Formatabgrenzung der verschiedenen Informationsangebote achten, um somit eine möglichst klare Trennschärfe zu gewährleisten.« Kritische Einwendungen werden eher indirekt formuliert, indem es heißt:»Eine ARD -Arbeitsgruppe berät neue Verfahren zur Themenauswahl und Themensetzung im Bereich der Dokumentationen. Vor allem die Formate, die am Montagabend um 21 Uhr im Ersten eingesetzt werden, sollen geprüft und nach eingehender Analyse gegebenenfalls so optimiert werden, dass sie dem Interesse der Zuschauer noch stärker entsprechen.« Die indirekte Methode gilt auch für folgende Passage:»Im Sommer 2007 soll Günther Jauch Sabine Christiansen ablösen und auf dem eingeführten Sendeplatz am Sonntagabend die Tradition des politischen Talks weiterführen. Dabei werden sich die Redaktionen bemühen, die Zusammenstellung der Gäste künftig noch vielfältiger und abwechslungsreicher vorzunehmen und die Gesprächskultur weiter zu verbessern.« Die angeführte personelle Planung mit Jauch ließ sich aufgrund einer intensiven Auseinandersetzung innerhalb der ARD nicht einlösen. Nicht zuletzt auf Betreiben einiger Gremienmitglieder und neuer Führungskräfte setzte eine Debatte ein, inwieweit die vorgesehene Verpflichtung Jauchs und die Vertragsgestaltung 51 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme einem markanten öffentlich-rechtlichen Profil entsprächen. In der Folge entschied die ARD , der»Tagesthemen«-Moderatorin Anne Will die Sonntags-Gesprächsrunde anzuvertrauen. 3.3 Diskussion über die Gremien Die in der ARD -Eigenbeschreibung festgestellte Wirksamkeit der Gremien als»Instrumente der Qualitätssicherung« wird, nicht zuletzt durch die politische Exekutive, in der Öffentlichkeit in Frage gestellt. Dies hat beispielsweise der Leiter der Staatskanzlei des für die Rundfunkpolitik der Länder federführenden Landes Rheinland-Pfalz, Martin Stadelmaier, getan. Bei einem Festakt zum 50jährigen Bestehen des ARD -Programmbeirats sprach sich Stadelmaier am 24. April 2006 in Berlin für eine Reform der Binnenkontrolle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks aus, die kein »stumpfes Schwert« bleiben solle. Die»Frage der Effizienz der Kontrolle, der adäquaten Zusammensetzung und der Arbeitsweise der Gremien« werde»nicht zu Unrecht gestellt«. Die Instrumente dieser Kontrolle müssten»geschärft«, die Arbeitsweise »professionalisiert« und die Aufgaben»punktgenau verändert« werden, forderte Stadelmaier. Saubere Kontrolle statt Mischverantwortung Dabei kündigte er an, bei der nächsten Modifizierung des Rundfunkstaatsvertrags würden die Länder den öffentlich-rechtlichen Gremien auch drei zusätzliche Prüfaufträge geben. Sie müssten jedes neue Programmangebot daran messen,»ob es dem gesetzlichen Auftrag öffentlich-rechtlichen Rundfunks, das heißt den demokratischen, sozialen und kulturellen Bedürfnissen der Gesellschaft entspricht«. Auch sei die Frage zu prüfen,»ob das geplante Angebot ein»Beitrag zum publizistischen Wettbewerb im dualen Rundfunksystem« leiste. Zudem sei jedes neue Angebot auf seine»finanziellen Auswirkungen zu überprüfen«. 52 3. Eckpunkte und Ansätze Hinsichtlich von Beteiligungen der Rundfunkanstalten, die in der Verantwortung der Intendanten lägen, forderte Stadelmaier ebenso eine Kontrolle dieser Verantwortung. Ein Problem werde dies, »wenn im gleichen Aufsichtsrat Kontrollierte und Kontrolleure zusammensitzen«. Daher müsse hier eine deutliche Trennung »diskutiert und vollzogen werden«. Mischverantwortlichkeiten stünden einer sauberen Kontrolle entgegen. Interne Kritik: Defizite bei der Aufsicht Defizite bei der Aufsicht sieht auch im Binnenverhältnis der Vorsitzende der Gremienkonferenz der ARD , Bernd Lenze, der beim Bayerischen Rundfunk dem Rundfunkrat vorsitzt. Seine Feststellung bezieht sich speziell auf die Gemeinschaftseinrichtungen der ARD . Dort werden über ein gemeinsames Budget – das unter dem Titel»Gemeinsame Sendungen, Einrichtungen, Aufgaben« in einer Höhe von rund 1,2 Milliarden Euro verwaltet wird – teure Programmbereiche wie Sport, Serien und Fiktion-Produktionen bestritten. In der bisherigen Struktur mit jeweils federführenden Anstalten für einzelne Aufgaben sei es»schwierig, eine tiefgreifende Kontrolle der Gemeinschaftsaufgaben auszuüben«, sagte Lenze auch mit Blick auf Vorhaltungen der EU -Kommission, die dem öffentlichrechtlichen Rundfunk in Deutschland generell mangelnde Transparenz vorwirft( FAZ , 23. September 2005). Eine Konsequenz dieser internen Mängelfeststellung ist, dass die Gremienvorsitzendenkonferenz beschlossen hat, eine eigene Geschäftsstelle mit einer Geschäftsführung einzurichten, welche die Gremienarbeit auf der übergeordneten Ebene organisatorisch und inhaltlich unterstützen soll. So wird die Geschäftsführung, wie es in am 28. Juni 2006 beschlossenen Eckpunkten für eine Verwaltungsvereinbarung heißt, die Gremienvorsitzendenkonferenz auch»in strategischen Fragen der Gremienkontrolle« beraten. 53 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme Als mangelhaft sehen auch die CDU - und CSU -Vorsitzenden der Länderparlamente die bisherige Form der Gremienkontrolle. Sie müsse gestärkt und auch ausgeweitet werden, beispielsweise durch eine Gremienbeteiligung bei der Berufung des ARD -Programmdirektors, forderte die Fraktionsvorsitzendenkonferenz ( FVK ) in einem Beschlusspapier(11./13. Juni 2006, vgl. epd medien 71/06). Sowohl der Schleichwerbeskandal als auch die Aufforderung der EU -Kommission nach weitergehenden Kontrollen zeigten, dass dringender Handlungsbedarf bestehe. Auch in diesem Papier wird darauf verwiesen, dass wesentliche Programmstrecken gemeinsam finanziert würden und dabei wichtige Entscheidungen getroffen würden – wie der Kauf der Erstsenderechte der Fußball-Bundesliga oder die langjährige Verpflichtung des Programmstars Harald Schmidt, ohne dass die Rundfunkräte einbezogen würden. In ihrem Beschluss begrüßt die FVK , dass die ARD -Spitze die Gremienkontrolle verstärken wolle und mit einem novellierenden Zusatz in ihrer Satzung diesem Ziel in weiten Teilen Rechnung trage. Allerdings bestehe weiterer Handlungsbedarf, deshalb müsse staatsvertraglich eine durchgehende Gremienkontrolle sowie die koordinierende Funktion der Vorsitzenden der Rundfunk- und Verwaltungsräte Rechnung festgeschrieben werden. Ziel müsse sein, vom bisher erschwerten Durchgriff zu einer Kontrolle mit Gestaltungsmöglichkeiten zu gelangen. Ziel:»Qualitativ und quantitativ effektive Kontrolle« Bereits vor dem Vorstoß seines Staatskanzleichefs Stadelmaier auf der Veranstaltung des ARD -Programmbeirates hatte der Vorsitzende der Rundfunkkommission der Länder, der rheinlandpfälzische Ministerpräsident Kurt Beck, Veränderungen und Verbesserungen bei der Gremienkontrolle im öffentlich-rechtlichen Rundfunk gefordert. Die Instrumente der Gremien müssten geschärft, ihre»Arbeitsweise an manchen Stellen professionali54 3. Eckpunkte und Ansätze siert und punktgenau ihre Aufgaben verändert« werden, sagte Beck – selbst Vorsitzender des ZDF -Verwaltungsrates – auf dem 10. Mainzer Mediendisput(9./10. November 2005, vgl. Funkkorrespondenz 37/05). Bei der Eingrenzung dieser Punkte bezog sich Beck auf die bereits erwähnten, von der Privatfunk-Lobby bei der EU -Generaldirektion Wettbewerb in Brüssel in Gang gesetzten Beschwerdeverfahren, inwieweit die Angebote des öffentlich-rechtlichen Rundfunks »qualitativ und quantitativ effektiv kontrolliert werden«. Er verwies dabei auf die Antwort der Bundesländer an die Generaldirektion Wettbewerb, wonach – staatsvertraglich bzw. gesetzlich festgeschrieben – diese Konkretisierung»in erster Linie durch Selbstverpflichtungen der Anstalten zu erfolgen« habe, die»ihrerseits der Genehmigung durch die Gremien bedürfen«. »Praktisch ausgedrückt« heiße dies:»Die inhaltlichen Selbstverpflichtungen, wie sie erstmals im 7. Rundfunkänderungsstaatsvertrag im Paragraph 11 durch die Länder auf den Weg gebracht wurden, werden mit einem enger umrissenen Funktionsauftrag die jeweiligen Aufgaben und Zielsetzungen der Anstalten präziser verdeutlichen und transparent machen müssen« und sich zu»sehr konkreten Zielvereinbarungen entwickeln«, wie dies in Frankreich und Großbritannien üblich sei. Die Selbstverpflichtungen würden zunehmend den»Charakter von Leitbildern annehmen, die verstärkt Eingang in das Alltagshandeln der Mitarbeiter finden«. Diese Zielsetzung werde»die Intensität der Diskussion in den Gremien bei der Erstellung und Umsetzung deutlich erhöhen, will man nicht dieses höchst probate Steuerungsinstrument und damit letztlich einen der zentralen Bausteine der Binnenkontrolle in Frage stellen.« Beck machte eine Reihe von praktischen Vorschlägen, um die »Wächterfunktion« der Gremien zu stärken, auch über eine»aktivere Rolle im Tagesgeschäft« beim Programm. So sprach er sich für ehrenamtlich Tätige aus, die stichprobenartig Kontrollen in 55 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme besonders auffälligen Bereichen durchführen sollten. Hinsichtlich der Organisation schlug er vor, dass im zweijährigen Turnus des Wechsels im ARD -Vorsitz die Organe der jeweils federführenden Anstalt die volle Verantwortung über alle ARD -Gemeinschaftsprogramme übernehmen sollten. Das betonte Ziel der größeren Präzision und Transparenz hinsichtlich des Funktionsauftrages des öffentlich-rechtlichen Rundfunks stellt nach Beck nicht in Abrede,»dass insbesondere die inhaltlichen Selbstverpflichtungen des Deutschlandradios einen beachtlichen Konkretisierungsgrad erreicht haben.« Vorbehalte gegen zusätzliche Steuerungsinstrumente Wie stark die Vorbehalte gegen zusätzliche Steuerungsinstrumente noch vor wenigen Jahren waren, belegt ein Beitrag des SWR -Intendanten Peter Voß aus dem Jahre 1999 für die Media Perspektiven(6/1999). Unter dem Titel»Warum es nicht ohne die ARD geht. Auftrag und Funktion der Arbeitsgemeinschaft in einem dynamischen Markt« sieht Voß den Anstoß für eine Debatte des Funktionsauftrags weitgehend von den privaten konkurrierenden Rundfunkveranstaltern interessengesteuert, um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk»von technischen und programmlichen Entwicklungschancen abzuschneiden«. Voß betonte dagegen deutlich – mit Hinweis auf die Verfassung und die Rechtssprechung – die Autonomie der Anstalten, bei klarer Einsicht, dass der Legitimationsdruck zunehmen werde. Als Leitziel des gesellschaftsverpflichteten Auftrags nennt er, unter dem Oberbegriff der Mündigkeit:»Orientierung, Kritik, Teilhabe«. Es gehe darum, über die Institution des Rundfunks dem Einzelnen in der neuen Unübersichtlichkeit einen Standort und eine Perspektive zu ermöglichen und ihm so die Chance offen zu halten zur»eigenständigen Orientierung, zur Bildung eines eigenen kritischen Urteils und zur aktiven Teilhabe an Politik und Kultur, 56 3. Eckpunkte und Ansätze an Wirtschaft und Gesellschaft.« Je schneller sich die»wirkliche Wirklichkeit« verändere und je komplizierter das richtige Leben werde,»desto notwendiger, aber auch desto schwerer wird es für die elektronischen Medien, diese Wirklichkeit sorgfältig auszuleuchten, statt sie(…) immer noch bedenkenloser zu banalisieren, zu emotionalisieren und zu personalisieren«. Aus der Binnensicht: weitgehende Autonomie Als Hauptziel – gegen die Tendenz des unterhaltenden Ablenkens – nennt der SWR -Intendant durch das Fernsehen Geschichten zu erzählen,»die mit unserer Geschichte, der allgemeinen und der persönlichen, substantiell etwas zu tun haben«. Die Menschen müssten mit ihren Emotionen ernst genommen und in ihrem täglichen Leben und Erleben angesprochen werden; sie seien in ihrer Lebenswirklichkeit abzuholen,»wenn wir ihnen die Zielkonflikte unseres Lebens und Zusammenlebens, den Vordergrund und den Hintergrund von Entwicklungen und Entscheidungen nahe bringen wollen«. Die Menschen seien als Personen und Bürger ernst zu nehmen»und nicht nur als Quotenbringer zu betrachten«, sagte Voß unter Anspielung auf das»frivole Motto eines berühmten Pensionärs«, wonach der Wurm dem Fisch und nicht dem Angler schmecken müsse, was im Klartext heiße:»Hauptsache, der Konsument hängt am Haken«, auch wenn er sich an einer Mogelpackung verschluckt hat.« Die Öffentlich-Rechtlichen, so die Schlussfolgerung,»müssen demnach nicht partout andere Programme machen als unsere kommerziellen Konkurrenten, sondern wir müssen sie tendenziell anders machen.« Dies könne in weitgehender Autonomie geschehen. 57 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme 3.4 Modellüberlegungen zur zukünftigen Sicherung von Qualitätsstandards Vom Deutschlandradio sind wiederholt modellhafte Überlegungen ausgegangen, den Qualitätsgedanken als Kern des öffentlich-rechtlichen Auftrags zu stärken. Der Intendant des Senders, Ernst Elitz, hat sich in der Zeitschrift Medienwirtschaft(3/2004) ausführlich mit Qualitätsstandards für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk auseinandergesetzt und dabei im Hauptgedanken vorgeschlagen, anhand objektivierbarer Kriterien ein Qualitäts-Ranking einzuführen, das auch mit der Bemessung der Gebührenzuwendung für die öffentlich-rechtlichen Sender verbunden ist. Differenzierte Anforderungsprofile Bei seinem Plädoyer für eine intensive Diskussion über Qualitätsstandards für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit nachprüfbaren Standards und Maßstäben für Qualitätsprogramme sowie über differenzierte Anforderungsprofile bedauert Elitz mit Blick auf die Zahl einschlägiger Forschungsarbeiten und das spärliche Echo, dass eine solche Debatte von keinem großen Interesse befördert werde und die Medienpraktiker sowie die Produzenten einem selbstreflektorischen Ansatz fern stünden. Positiv bewertet er, dass eine Entschließung des Hörfunkrats des DLR , in der die Beurteilung der»Funktionsadäquanz« der Programme(bezogen auch auf die Gebührenfestsetzung) in höherem Maße von am Programmauftrag orientierten Kriterien abhängig sein soll, in der Öffentlichkeit ein vielfältiges und positives Echo gefunden habe. Elitz verwahrt dabei den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gegenüber einem Generalvorwurf des Qualitätsverlustes, der mit bestimmten Programmerscheinungen – von der Volksmusik bis zu Soap-Operas – begründet werde. Zwar seien die öffentlich-rechtlichen Programme nicht in jeder Sendeminute von kulturellen Höchstleistungen geprägt, doch sendeten sie nicht grundsätzlich 58 3. Eckpunkte und Ansätze unter der Gürtellinie, während der Abwärtstrend bei den PrivatKanälen»endemisch« sei. Er verweist darauf, dass die öffentlich-rechtlichen Sender sich nicht auf das»Gute, Schöne und Wahre« beschränken dürften, sondern auch jenen etwas bieten müssten, deren Interessen sich nicht an den Vorstellungen der Informations- und Kulturelite orientierten. Doch wo – anders als auf dem freien Markt – Programme konjunkturunabhängig und gebührenfinanziert hergestellt würden, dürfe»vorbildhaft für die gesamte Medienszene die Beachtung von Qualitätskriterien in allen Genres von der Information bis zur Unterhaltungsshow, von der Fernsehserie bis zum Musikprogramm erwartet werden.« Genau hier liege auch der Schnittpunkt zwischen den Strängen der beiden Debatten über die Gebühren und über die Qualität. Weil die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten( KEF ) sich letztendlich nur auf ein betriebswirtschaftliches Instrumentarium stützen könne und weder Inhalte noch Qualität von Rundfunkprogrammen bewerten dürfe, ergebe sich die»Notwendigkeit einer von der KEF unabhängigen Ermittlung von programmspezifischen Qualitätsstandards und der Überprüfung ihrer Einhaltung«. Offensives Belegen der Standards Aus der Feststellung, dass die Rundfunkgebühr mehr als ein Finanzierungsinstrument sei, nämlich eine»Qualitätssicherungsgebühr«, ergeben sich laut Elitz»Konsequenzen sowohl für die Politik wie für die Macher«. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk müsse seine Qualitätsstandards, die ihn von anderen Medienangeboten unterschieden,»offensiv« belegen. Mit Hinweis auf Praktiken der schweizerischen SRG und der BBC in Großbritannien nennt Elitz als Bewertungsinstrumentarium für Sender und Sen59 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme dungen»spezielle Indizes für ihre Qualität und ihr handwerkliches Können«. In diese Bewertungskataloge flössen beispielsweise ein: die Zahl der Erstausstrahlungen und Eigenproduktionen, die Vielfalt der Genres in der Hauptsendezeit, die Intensität der regionalen Berichterstattung und der Mut zum Experiment. Auch die Freiheit von jedem werblichen Einfluss, die Einhaltung mitteleuropäischer Anstandsregeln, der Respekt vor der Privatsphäre und der Nutzwert der Sendungen gehe in diese Ratings ein. In die tiefergehende Qualitätsforschung könnten auch einbezogen werden: umfassende und überprüfbare Informationen, neutrale und faktenorientierte Berichterstattung, gestalterische Kriterien wie Spannung, Verständlichkeit, Aktualität, Komplexitätsreduktion, Originalität, Reflektion des Dargestellten und Transparenz der Informationsgebung. Das Gesetz der Publikums-Adäquanz Angesichts der Fragmentierung des Publikums gelte dabei auch das Gesetz der»Publikums-Adäquanz«. Die genannten Standards müssten jeweils»auf die Rezeptionsinteressen und die Rezeptionsfähigkeit spezifischer Publika heruntergebrochen werden«: »Qualität ist ohne Zielgruppen-Adäquanz nicht denkbar«. Dabei könne im Spannungsbogen von interest of the public(den unreflektierten Rezipienten-Interessen) und dem public interest(unter dem Gesichtspunkt der gesellschaftlichen Verantwortung) der öffentlich-rechtliche Rundfunk einen stärkeren Akzent auf public interest setzen. Er müsse Programminhalte und-formen präsentieren, die höchste Marktanteile versprächen, aber er sei ebenso verpflichtet, sich an anspruchsvolle Zielgruppen und an die Meinungsführer zu wenden. Der Politik als»ideellen Gesamtrundfunkrat« und Träger der Rundfunkhoheit empfiehlt Elitz modellhaft, in den Struktur- und 60 3. Eckpunkte und Ansätze Gebührendebatten den Qualitätsgesichtspunkt stärker zu verankern und»jene Sender zu honorieren, die bei diesem Qualitätswettbewerb Spitzenpositionen erreichen und das auch für die Zukunft versprechen«. Zur Fundierung dieses Modells sei eine praxisorientierte Forschung mit einem interdisziplinären Ansatz notwendig. Für Elitz steht dabei fest:»So subjektiv einzelne Bewertungen dabei ausfallen mögen, sind sie durch internes wie externes Monitoring in der Summe doch objektivierbar«. Eingangs hatte er darauf hingewiesen, dass die Arbeit der Jurys bei den bedeutenden Preiswettbewerben»nicht mehr als ein sich jährlich wiederholendes fake« wäre, wenn es keine nachprüfbaren Qualitätskriterien gäbe. 3.5 Qualitätsbegriff im gesellschaftlichen Diskurs Der Justitiar des Deutschlandfunk, Dieter Stammler, hat im Frühsommer 2006»Überlegungen zur Förderung des Programmniveaus im Rundfunk« unter dem Titel»Qualität als Maßstab« veröffentlicht( Funkkorrespondenz 20/2006). Stammler erinnert dabei an die 1994 vom damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker eingesetzte Kommission, welche einen»Bericht zur Lage des Fernsehens« erstellte und dabei zu dem besorgniserregenden Ergebnis kam, dass im Zuge der Entwicklung des dualen Systems Kategorien der Qualität durch solche der Quantität verdrängt würden. Die damals angeführten Belege, so Stammler, wirkten»angesichts heutiger Programmstandards geradezu harmlos«. Angesichts eines zunehmenden Unbehagens an der Entwicklung des Rundfunks in maßgebenden Teilen der Gesellschaft stelle sich die Frage, wie die Berechtigung dieser Kritik mit der gebotenen Sachkunde und Unabhängigkeit überprüft werden könne und ob es möglich sei, hierüber»einen gesellschaftlichen Diskurs zu or61 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme ganisieren, der nicht folgenlos bleibt«. Die bestehenden Institutionen der Medienaufsicht, so die Feststellung, seien damit»offenkundig überfordert«. Es fehle, so der weitergehende Befund, an einem»systematischen Verfahren der Programmevaluierung und sowohl im öffentlichrechtlichen wie im privaten Rundfunk an Aufsichtsorganen, die nach ihrer Zusammensetzung und Funktionsweise auch tatsächlich in der Lage wären, eine effektive inhaltliche Aufsicht über die Programme auszuüben und die die nötige Autorität hätten, um normativen Standards auch gegenüber(angeblichen) wirtschaftlichen Zwängen Geltung zu verschaffen«. Stammler, der als Kriterien für die Evaluierung von Programmqualität einen ähnlichen Katalog wie Elitz vorschlägt, macht auch Vorschläge, um den gesellschaftlichen Diskurs zu organisieren. Für ihn sind – mit Blick auf die schon agierenden Wissenschaftler, professionellen Medienkritiker und gesellschaftliche Einrichtungen sowie die sich an vielen Stellen äußernden Einzelstimmen – ein übergreifender Rahmen, eine repräsentative bundesweite Plattform sowie ein Verfahren unabdingbar,»um diesen Diskurs zu bündeln und ihn als zivilgesellschaftlichen Prozess gegenüber den wirtschaftlichen Interessen des Marktes zur Wirkung zu bringen. Plattformen für den Qualitäts-Diskurs Als denkbare Plattformen nennt er einen institutionalisierten »Medienrat« oder, als Alternative, die»etwas lockerere Form eines Arbeitsverbundes bestehender Forschungseinrichtungen und anderer sachkundiger Institutionen«. In dem Verbund bestehender Einrichtungen – so aus Medieninstituten, Hochschulinstituten, unabhängigen Medienforschern – könnten Themenbereiche bearbeitet werden, die mit den jeweiligen Aufsichtsgremien des öffentlich-rechtlichen wie des 62 3. Eckpunkte und Ansätze privaten Rundfunks abgestimmt würden, welche für die Programmkontrolle, die Diskussion der Selbstverpflichtungen bzw. für programmliche Strukturvorgaben zuständig seien. Als Dach empfiehlt Stammler einen»relativ schmalen Board von unabhängigen Fachleuten«, der auch über die Untersuchungsthemen entscheide. Bei der Alternative»Medienrat« sieht Stammler dessen Aufgaben darauf gerichtet, mediale Angebote unter inhaltlich-qualitativen Gesichtspunkten und Wirkungsaspekten zu analysieren und zu bewerten, weiter strukturelle Entwicklungen im Mediensektor aufzuzeigen und verbraucherschutzbezogene Informationen herauszugeben. Als Instrumente schlägt er u.a. die Erstellung regelmäßiger Berichte über programmliche und strukturelle Entwicklungen im dualen Rundfunksystem vor, weiter die Veranstaltung von Anhörungen(auch öffentlichen) und Diskussionsforen sowie die Veröffentlichung von Materialien zur Programmbewertung sowie zur Verbraucherberatung. Zur personellen Besetzung werden fachlich ausgewiesene Wissenschaftler und Praktiker sowie kompetente Persönlichkeiten aus dem gesellschaftlichen Bereich vorgeschlagen, die unabhängig sein sollen von Staat, Rundfunkoder Medienanstalten und von den Ländern berufen bzw. im Einzelfall auch von bestimmten Institutionen und gesellschaftlichen Institutionen benannt werden. Vorschlag:»Qualitätssiegel« für die Programme In den Modellüberlegungen Stammlers finden sich eine Reihe von konkreten Anregungen, beispielsweise, in der Qualität positive Programme durch ein»Qualitätssiegel« kenntlich zu machen. Eigene Entscheidungsfunktionen aber sollte weder ein»Medienrat« noch der Arbeitsverbund haben. Wohl aber sollten die betreffenden Aufsichtsorgane der Sender verpflichtet werden, sich mit den Berichten, Beanstandungen und Empfehlungen zu befassen und dazu Stellung nehmen. 63 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme Ausdrücklich bezieht Stammler seine Modellüberlegungen auf die sich wandelnde Medienwelt, die auf der digitalen Grundlage ihre früheren, relativ klaren Unterscheidungen verliere und in der zunehmend Marktprozesse das Geschehen bestimmten, in die der Staat nur noch in der Rolle des Schiedsrichters eingreife,»der auf die Wahrung von Spielregeln, die Einhaltung von Grenzen und die Verhinderung von Machtmissbrauch achtet«. Um so wichtiger sei es,»in dieses Geschehen Transparenz nicht nur in wirtschaftlicher, sondern auch in programmlicher Hinsicht zu bringen, Öffentlichkeit herzustellen und die zivilgesellschaftlichen Kräfte zu bewussten Mitakteuren in diesem Marktprozess zu machen – in der Hoffnung, dass durch sie auch Qualitätsmaßstäbe jenseits reiner Renditeüberlegungen eingefordert werden.« Ein Evaluations-Dienstleister für die Rundfunkgremien In einer gemeinsamen Veröffentlichung in der Reihe»Arbeitspapiere des Instituts für Rundfunkökonomie« der Universität Köln haben Ernst Elitz und Dieter Stammler unter dem Titel»Programmliche Selbstverpflichtungen und Medienqualität. Ein Projekt zur Sicherung der Qualität in den elektronischen Medien« ihre Überlegungen noch einmal ausgeführt und verdichtet und in den schon ventilierten Vorschlag eines Arbeitsverbundes münden lassen, der unter zu bestimmenden Gesichtspunkten und Fragestellungen unter Rückkoppelung an die Gremien der öffentlichrechtlichen Sender und der Aufsichtsgremien für die privaten Veranstalter die Qualität der Programme evaluieren solle. Erinnert wird an die historischen Bezüge bei der Entwicklung eines spezifischen deutschen Rundfunkverständnisses, das u.a. vom Vorrang kultureller Bildung und der Information über das politische Inlands- und Weltgeschehen geprägt sei. Doch habe es innere Verschiebungen gegeben. Die beiden Autoren verweisen auf den»Bericht zur Lage des Fernsehens«, in dem die so genannte Weizsäcker-Kommission bereits 1994 profunde Zwei64 3. Eckpunkte und Ansätze fel geäußert habe, ob das Fernsehen den gesellschaftlichen Anforderungen gerecht werde, weil Kategorien der Qualität durch solche der Quantität verdrängt würden. Die Belege, welche die Weizsäcker-Kommission für ihre negativen Feststellungen zu programmprägenden Tendenzen angeführt habe, wirkten»angesichts heutigen Programmstandards geradezu harmlos«. Von der seither eher verschärften Kritik an Programmentwicklungen der elektronischen Medien sei der öffentlich-rechtliche Rundfunk keineswegs ausgenommen. Aufwertung der Gremien Für die Programmbeobachtung und-bewertung sollen die Gremien weitergehend als bisher verantwortlich sein. Derzeit aber, so ein zentraler und die vorherigen Aussagen nochmals bekräftigender Punkt des gemeinsamen Elitz/Stammler-Papiers, seien sie »für eine systematische und effektive Programmevaluierung auf der Grundlage der Selbstverpflichtungserklärungen und darüber hinausgehender medienpolitischer Vorgaben nach Zusammensetzung und Funktionsweise noch nicht gerüstet.« Unter Nachzeichnung der bislang eher schwach ausgeprägten Diskussion zur Entwicklung von evaluierbaren Qualitätsmaßstäben setzen sich Elitz und Stammler für»definierte Qualitätskriterien« ein, welche auch im Interesse der Programm-Macher seien, weil sie vor einem programmferneren Controlling schützten. Als»Dienstleister« für eine die öffentlich-rechtlichen ebenso wie die privaten Programme einbeziehende Qualitätsevaluierung regt das Papier einen Arbeitsverbund an, der aus Einrichtungen wie dem Adolf-Grimme-Institut, dem Hans-Bredow-Institut, Hochschulinstituten und unabhängigen Medienforschern gebildet werden könne. In diesem Verbund könnten Themenbereiche bearbeitet werden, die mit den jeweiligen Aufsichtsgremien des öffentlich-rechtlichen und des privaten Rundfunks und gegebenenfalls auch mit politischen Institutionen abgestimmt werden 65 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme könnten. Der Arbeitsverbund selbst könne unter der Aufsicht eines relativ schmalen Boards von unabhängigen Fachleuten arbeiten. Dieser Board, so heißt es weiter, entscheide in Absprache mit den Aufsichtsgremien und orientiert sich an den Selbstverpflichtungserklärungen über die Untersuchungsthemen. Ziel bei dieser Konstruktion sei,»den beurteilenden Institutionen handhabbare Beurteilungsmaßstäbe für Programmstrecken, Einzelsendungen, Genres, Sendeprofile etc. an die Hand zu geben.« Die betreffenden Organe müssten verpflichtet werden, sich mit den jeweiligen Berichten, Beanstandungen und Empfehlungen zu befassen und dazu Stellung zu nehmen. Die Eckpunkte der Organisation und der Aufgabenstellung des Arbeitsverbundes sollten rundfunkrechtlich festgelegt und die Einzelheiten in der Verantwortung der Beteiligten geregelt werden. 66 4. Grundlagen der Qualitätsbestimmung 4 Grundlagen der Qualitätsbestimmung 4.1 Eine schwierige Diskussion: Was ist Programmqualität? Auch Bernd Holznagel hatte in seinem bereits erwähnten Gutachten für das ZDF die prozedurale Ermittlung als Kernelement bei der Definition und Zuschreibung von Programmqualität genannt. Bislang existiert ein solcher Prozess in hinreichender Form nicht. »Schillernd und vielschichtig« Die formalisierte Diskussion über die Programmqualität leidet, dies ist festzustellen, insofern unter einem systematischen Mangel, als sie in der Regel in den zusammenfassenden Berichten nicht als individueller Vergleich von Sendungen dargestellt wird, sondern der Vergleich eher als sendungs- und formatfixierende statistische Größe ausfällt. Lutz Hachmeister, früherer Leiter des Adolf-Grimme-Instituts, jetzt Geschäftsführer der Beratungs- und Produktionsfirma HMR und Leiter des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik, hat in dem 1994 erschienen Sammelband Fernsehen. Medien Macht Märkte in seinem Beitrag»Das Programm ist das Programm«(in: Helmut Monkenbusch, Fernsehen. Medien Macht Märkte, Reinbek 1994, S. 38 ff.) dieses Dilemma und die Folgewendung benannt. »Der Qualitätsbegriff, angewendet auf Standards der Fernsehprogramme«, sei so»schillernd und vielschichtig, dass er sich besonders gut für stereotype Zuordnungen eignet, die an der realen Präsenz des Mediums im Alltag von vorneherein vorbei67 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme gehen«. Ein dem Medium angemessener Qualitätsbegriff könne nur durch»vergleichende Analyse innerhalb der Genres und Sparten, gleichsam Produkt für Produkt, Format für Format, eruiert werden.« Neben dem»klassischen Qualitätsfernsehen«, das sich im wesentlichen durch sorgfältig hergestellte Einzelstücke mit hohen Produktionswerten ausweise, oder neben den traditionellen journalistischen Angeboten gebe es»serielle Kult- und Trashqualitäten, die dem situativen Charakter der TV -Rezeption« entsprächen. Ökologischer Qualitätsbegriff Auf Fernsehprogramme, so Hachmeisters damalige – und im Prinzip nicht überholte – Grundthese, könne nur ein ökologischer Qualitätsbegriff angewendet werden, der die Programme und das Gesamtsystem auf die Vielfalt der Formate, die professionell konzentrierten Spitzenleistungen im internationalen Konkurrenzfeld und ästhetische Innovationen prüfe. Eine Leugnung von Konvergenzen aus rein strategischen Motiven bezeichnete Hachmeister bereits zum damaligen Zeitpunkt – zehn Jahre nach der Einführung des dualen Systems – als»gänzlich absurd«. Konvergenzen seien»schlicht unabwendbar«, wenn zwei unterschiedlich organisierte Fernsehsysteme sich auf gleiche Publika und zum Teil auf gleiche ökonomische Referenzgruppen bezögen. Die Systeme stünden in täglicher Interdependenz und»lernen im Guten wie im Schlechten voneinander«. Public Television, so Hachmeister auf einer Medientagung 1999 in der Evangelischen Akademie Tutzing, solle sich von der»hergebrachten Abgrenzungsrhetorik und den düsteren Beschwörungen der cultural despair verabschieden und das Augenmerk»stärker auf Ausbildung professionell konsentierter Handlungsmuster, die Belebung des handwerklichen Diskurses und die Entwicklung von Qualitätsnormen richten«. 68 4. Grundlagen der Qualitätsbestimmung Fraglich ist angesichts der fortschreitenden Ausdifferenzierung der Angebots- und Verbreitungsstrukturen im sich verdichtenden und verflechtenden digitalen Markt, wie ausgeprägt sich überhaupt noch eine Systemreinheit und damit auch eine an ähnlichen Angeboten orientierte, in sich gespiegelte Konkurrenz darstellen wird. Doch wird – auch und gerade bei zunehmender Individualisierung der Angebote, der Angebotsdarbietungen und auch der Nachfrage – die Forderung nach einer individuellen, auf die jeweils spezifischen Programmbedingungen und-formate bezogenen Qualitätsbewertung nicht außer Kraft gesetzt. Hachmeisters Feststellung von 1999 – wonach die Chancen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens nicht schlecht stünden, weil es allenthalben ein neues Verlangen des Publikums nach klassischen Formaten und klaren Fernsehformen gebe – scheint auch acht Jahre später nicht überholt, allen digitalen Umwälzungen zum Trotz. Die»unfixierbare Qualitätsbemühung« Der stellvertretende Programmdirektor des ZDF , Hans Janke, hat seine Arbeit einmal als»ebenso dauerhafte wie zugleich multivalente, mitunter diffuse, jedenfalls unfixierbare Qualitätsbemühung« bezeichnet(Hans Janke, Im fülligen Sinne. Über den unerlässlichen Erfolg – und Qualität, in: Die Mühen der Ebene. Programmqualität als Anspruch und Aufgabe, hrsg. von Dorothee Reinhold, Band 37 in der Schriftenreihe Medienforschung der LfR, 2000). Gegen die von der kommerziellen Konkurrenz gelieferte»Leitvorstellung vom Medium Fernsehen, wie es sein und gebraucht werden sollte«, könne man nicht einfach mit»Kanoninsistenz« angehen. Der Marktanteil – also eine quantitative Messgröße – sei eine zwar ominöse und dubiose Kategorie, aber»eben auch eine schmerzlich aufschlussreiche«. Denn er besage etwas über faktische gesellschaftliche Geltung, über»Publikumsloyalität, die den Kern auch öffentlich-rechtlicher Fernsehverbreitung festigt«, und über 69 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme »Gefragtheit als conditio sine qua non unseres teuren, sehr teuren Angebots, das eben nicht einfach als wahre-schöne-gute Daueralternative gleichsam gegengehalten werden kann.« Verzicht auf Feuilleton-Muster Als Konsequenz fordert Janke eine Auseinandersetzung um »Fernsehqualität(en)«, die ganz anders zu führen sei als im feuilletonvertrauten Muster von Anspruch und Verzicht darauf oder von»Kapitulation und Widerstand«. Fokussiert auf die Frage, was in seinem Arbeitsbereich – dem»Riesenunternehmen« des Fiktionalen im Fernsehen – Qualität heiße und»wie sie zu haben und zu sichern sei«, könne einem schon etwas schwindlig werden. Sicher ließen sich Standards ebenso wie Standard­ unterschreitungen festhalten. Doch ließen sich daraus keine »Bestellungs- und Lieferungsgewissheiten« gewinnen. Qualitätsansprüche, ohne die es allerdings keineswegs gehe, könnten und müssten»gewiss generell gelten«, doch müssten sie»von Fall zu Fall und damit auch unterschiedlich geltend gemacht« werden. Den Qualitätsansprüchen ordnet Janke für den Arbeitsbereich des Fiktionalen»so kompakte Begriffe« wie»Originalität, Angemessenheit, Plausibilität, Handwerk, Genauigkeit, Moral, Relevanz, Intelligenz, Humor« zu. Für das Programm insgesamt konstatiert der stellvertretende ZDF -Programmdirektor, dass es »keinen Mengen-Rabatt« verdiene,»wohl aber eine Betrachtung, die das Außerordentliche und das Gewöhnliche unterscheidet und das Produkt realistisch an seinen Chancen und Möglichkeiten misst«. Schon zur damaligen Zeit stellte Janke die Frage, die heute offener denn je scheint:»Wer weiß bereits heute, welche Dimension und Funktion öffentliches Gebührenfernsehen behalten kann, wenn alles, was überhaupt zu sehen und zu hören ist, jederzeit und an jedem Ort zugänglich wird – keinerlei Versammlung mehr 70 4. Grundlagen der Qualitätsbestimmung ums Lagerfeuer, nichts mehr von Integration und Sinnstiftung und Erziehung/Demokratiebildung und Maßstabssetzung mittels auftragsbewusstem Fernsehens?« 4.2 Mittelbare Steuerung? Medienkritiker und Medienbeobachter Die Fernseh- bzw. weiterführend die Medienkritik spielt bei der Arbeit an Qualitätsmaßstäben in der Öffentlichkeit eine wich­tige Rolle und wirkt graduell zurück auf die Medienproduktion – ohne dass dieser Wirkungsmechanismus mechanisch zu beschreiben wäre. Über ihre Funktionalitäten und ihre Leistungen, über ihre Rolle, die Aufgabenbereiche, die Ziele, das Selbstverständnis und auch über die Begrenztheiten der Medienkritik ist im Jahr 2005 wieder eine breitere Diskussion in Gang gekommen. Darin geht es, pointiert gesagt, um ihr Potential als Steuerungsinstrument von Medienqualität und über ihre Möglichkeiten, zum Gesellschaftsgespräch über die politischen, sozialen und kulturellen Leistungen der Medien beizutragen. Diese neue Diskussion, die auch von einer großen Fachtagung der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen im Frühjahr 2005 begleitet war, zeigt sich beispielsweise in der Veröffentlichung einer Studie wie Zur Kritik der Medienkritik(herausgegeben von Ralph Weiß, erschienen als Band 48 der Schriftenreihe Medienforschung der LfM, Berlin 2005) und des Sammelbandes Neue Kritik der Medienkritik. Werkanalyse, Nutzerservice, Sales Promotion oder Kulturkritik?(herausgegeben von Gerd Hallenberger und Jörg-Uwe Nieland, Köln/ Halem 2005), in dem Medienkritiker ihre Grundauffassungen darlegen. »Im Großen und Ganzen gemeinsames Verständnis« Man kann nach Ansicht des Medienforschers Ralph Weiß im Großen und Ganzen bei der se­riösen Kritik ein gemeinsames Verständnis davon voraussetzen, was Medien leisten und wo ihre 71 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme Qualitäten liegen sollen.»Medien erfüllen demzufolge die öffentliche Aufgabe, einer freien, individuellen und allgemeinen Meinungsbildung in Fragen von allgemeiner Relevanz zu dienen. Sie leisten diesen Dienst, indem sie bedeutsame Vor­gänge öffentlich wahrnehmbar machen, kritisch Ursachen, Konsequenzen und Rechtferti­gungsgründe für das Handeln von Akteuren prüfen und so eine Orientierung des einzelnen ermöglichen, die ihn in die Lage versetzt, in verschiedenen Rollen – als Staatsbürger, Be­ rufstätiger, Konsument, Privatindividuum – kompetent zu handeln.«(Ralph Weiß: Zur Kritik der Medienkritik, in: ALM 2005, S. 187) Die professionellen Kritiker agieren stärker als andere Medien­ beobachter auf der handwerklichen, der professionellen Ebene von Qualität. Viele Kriterien sind aber natürlich vom Stand­punkt der Kritiker – ebenso ihrer publizistischen Plattformen: der Zeitungen, Zeitschriften oder Sender – geprägt. So ist etwa die Ansicht, Qualitätsfernsehen habe vor allem kontroverse Themen auf­zugreifen, schon nicht mehr gemeinsames Grundverständnis, wie beispielsweise die unter­schiedliche öffentliche Wahrnehmung des Polit-Talks»Sabine Christiansen« zeigt. Qualitätskriterien: nicht ohne Bezug auf Programmkontext und-ebene Qualitätskriterien, dies lässt sich aus vielen Diskussionsbeiträgen entnehmen, bestimmen sich wesentlich auch nach dem Kontext und nach der Ebene, auf der sie wirksam werden. Es spielt für die Beurteilung demnach eine Rolle, in welchem Pro­ grammzusammenhang und in welchem Umfeld eine Sendung steht, beispielsweise, ob sie in einem Vollprogramm oder in einem Spartensender zu sehen ist, ob am Nachmittag oder im Hauptabendprogramm, ob an einem starken Konkurrenz-Platz oder in einer vergleichsweise geschützten Zone. Das Kriterium, ob eine Sendung ihre Qualität im jeweiligen Programm­kontext entfalten kann oder entfaltet, ob sie dort spezifische Stärken und 72 4. Grundlagen der Qualitätsbestimmung eine besondere Kenntlichkeit entwickelt oder sich routiniert und mit durchschnittlichen Standards in gängige Muster einfügt, ist dabei eher in der Perspektive der Macher von Bedeutung. Fernsehkritiker ziehen diese äußeren Bedingungen in der Regel weniger in Betracht. Allgemein lässt sich feststellen, dass sich aus den Beobachtungen und Bewertungen der Kritiker kein einfacher Katalog mit expliziten, normativen Qualitätskriterien entneh­men lässt. Auch hier bleibt es, wie beim Diktum Hans Jankes, dabei, dass es auf jeden Einzelfall ankommt. Immer noch gilt, was 1997 in einem Sammelband über»Perspektiven der Medienkritik. Die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit öffentlicher Kommunikation in der Mediengesellschaft«(herausgegeben von Hartmut Weßler, Christiane Matzen, Otfried Jarren, Uwe Hasebrink, Opladen 1997) zu den Schlussfolgerungen Otried Jarrens gehört: Dass es notwendig sei, sich mit einer wirksameren Vernetzung der Strukturen zu befassen, um die Chancen auf die Herstellung von Öffentlichkeit für die medienkritische Auseinandersetzung zu erhöhen. Medienpreise als Gradmesser Zu den Einrichtungen, welche mit einem eigenen Platz über regelmäßige positive Interventionen Öffentlichkeit für Qualität schaffen, gehören auch die renommierten Preise. Sie können dabei, wenn sie die Breite des Programms im Blick haben wie der Adolf-Grimme-Preis, auch Gesamttendenzen sichtbar machen und nachzeichnen. Dass beispielsweise die anfangs erwähnten Feststellungen Dieter Stoltes zu den Proportionen im Verhältnis von»beachtlichen« fiktionalen und journalistischen Sendungen von öffentlich-rechtlichen und privaten Programmen im Kern ihre Gültigkeit behalten haben, zeigen die Auszeichnungen des Grimme-Preises deutlich. Der Preis, der die Qualitäten von Fernsehprogrammen untersucht und Gelungenes bzw. Modellhaftes herausstellt, zeichnet dabei laut Statut»Produktionen aus allen 73 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme Genres und Programmsparten« aus,»welche die spezifischen Möglichkeiten des Mediums Fernsehen auf hervorragende Weise nutzen und nach Form und Inhalt Vorbild für die Fernsehpraxis sein können.« Auch beim Grimme-Preis sind, wie an dieser Kernformulierung des Statuts abzulesen ist, die Qualitätskriterien sehr allgemein gefasst; die spezifischen Qualitäten werden jeweils im Laufe eines intensiven Sichtungs- und Diskussionsprozesses mit vielfältigen Argumentationsperspektiven ermittelt. Die Kriterien lassen sich dabei nicht einfach als in jedem Fall gültige übergeordnete Matrix definieren, formulieren und wiedergeben, sondern werden dabei jeweils bezogen auf den Einzelfall diskutiert und in einem individuell gewichteten Beziehungsgeflecht angewendet. Qualitätsbeurteilung: angewiesen auf einen offenen Ermittlungsprozess In einer Zwischenbilanz zur Qualitätsdiskussion, fokussiert auf die Sicht der Macher und der professionellen Kritiker, aber auch vieler mittelbar am Mediengeschehen Beteiligter, lässt sich zusammenfassend sagen: Die Qualitätsbeurteilung ist notgedrungen vielschichtig, multidimensional und standpunktab­hängig. Dies bedeutet auch, dass sie einzuordnen ist in ein Geflecht von eher allgemein formulierten, in Richtung Objektivierung zielenden Normen und von subjektiven Absichten, die wiederum eingebettet sind in eine jeweils zeitabhängige gesellschaftliche Wertediskussion und davon abhängig wechselnden Erwartungshaltungen und unterschiedlichen Konsenswahrscheinlichkeiten. 4.3 Forschungsansätze zur Programmqualität Anders als die von vorneherein sich als offener Diskurs verstehende Programmbeurteilung durch die Kritik sucht die Medienforschung naturgemäß einen systematischeren Ansatz. 74 4. Grundlagen der Qualitätsbestimmung Forschungsansätze zur Programmqualität Einen Überblick über die Leistungskataloge und Kriterien bei den einzelnen Sendern gibt Christian Breunig in einer Untersuchung über die»Programmqualität im Fern­sehen«.(Christian Breunig, Programmqualität im Fernsehen. Entwicklung und Umsetzung von TV -Qualitätskriterien, in: Media Perspektiven 3/1999). Diese aus dem Jahr 1999 datierende Studie arbeitet mit differenzierten Kriterien und wirft dabei auch einen Blick auf die internationale Diskussion, indem sie britische und amerikanische Studien auswertet. Dabei werden sechs Hauptkriterien herausgefiltert: • handwerkliche Professionalität, • inhaltliche und sachliche Relevanz, • künstlerische Gestaltung, • Publikumswirksamkeit, • ökonomische Rentabilität, • Vielfalt und Pluralität. Die Quote geht nach dieser Darstellung in unterschiedlichem Ausmaß in die Quali­tätskontrolle ein. In der zusammenfassenden vergleichenden Auswertung wird im übrigen konstatiert, dass die Qualitätskriterien der Programm­macher sich nicht wesentlich von den Expertenurteilen professioneller Fernseh- bzw. Film­kritiker unterscheiden. Eine zentrale Schwierigkeit dieser Studien sieht Breunig darin, dass sie keine Auskunft darüber geben, wie die jeweils genannten Kriterien gewichtet sein sollen, beispielsweise, ob etwa die handwerkliche Qualität weniger stark in eine Beurteilung eingeht, wenn ein Produkt kommerziell erfolgreich ist. Die bisher umfassendste Darstellung von Qualitätskriterien stammt von Heribert Schatz und Winfried Schulz in ihrer Publikation Qualität von Fernsehprogrammen.(Heribert Schatz, Winfried Schulz: Qualität von Fernsehprogrammen. Kriterien und Methoden zur Beurteilung von Programmqualität im dualen 75 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme Rundfunksystem, in: Media Perspektiven 11/1992) Die beiden Autoren entwickeln darin ein Modell mit fünf zentralen Qualitätskriterien. Drei von ihnen leiten sich unmittelbar aus dem rechtlichen Orientierungsrahmen ab: • Vielfalt /strukturelle und inhaltliche, • journalistische Professionalität, • Rechtmäßigkeit, • Relevanz, • Akzeptanz. Viele Autoren aus der Kommunikationsforschung, auch in neueren Studien, beziehen sich auf die hier entwickelten Begriffe. In der Forschung der letzten Jahre finden sich zwei kontinuierliche Datenquellen, aus denen auf qualitative Kriterien geschlossen werden kann. Das ist zum einen die öffentlich-rechtliche Forschung des»Instituts für empiri­sche Medienforschung«(IFEM) von Udo Michael Krüger, das meist im Auftrag der ARD / ZDF Medienkommission arbeitet. Diese Arbeiten stellen den Systemvergleich zwi­schen öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern ins Zentrum. Die für die privaten Sender zuständigen Landesmedienanstalten betreiben seit Mitte der 90er Jahre eine eigene Forschung, die sich vor allem(aber nicht nur) mit den Programmen der privaten Sender befasst und darin bestimmte Fragen fokussiert(beispielsweise Kinder- und Jugendschutz, bestimmte Genres wie Talksendun­gen oder bestimmte Zielgruppen wie Bürgermedien). Beauftragt wird meist das Göttinger Institut für Angewandte Kommunikationsforschung(GöfaK). Öffentlich-rechtliche Forschung Die öffentlich-rechtlichen Sender betreiben seit langem eine quantitative Programmanalyse, in der die Verteilung von Sendungen und Sendeformaten ebenso untersucht wird wie etwa der 76 4. Grundlagen der Qualitätsbestimmung Um­gang der Sender mit verschiedenen Themen von Politik bis Alltag. In zunehmendem Maße sind auch Fragen nach Qualitätsmaßstäben eingeflossen. Die Studien sind eher generalisierend und nicht auf einzelne Sender bezogen, sondern auf die Fernsehlandschaft insgesamt. Jährlich erscheint die Programmanalyse »Sparten, Sendungsformen und Inhalte im deut­schen Fernsehangebot«, auch nach Themen unterschiedlich gewichtet. Zentrale Qualitätskriterien sind: Umfang der Information, Gewichtung der Information und Vielfalt der Sendeformen. »Recht stabile Programmstrukturen« Die das Jahr 2005 erfassende Studie(Udo Michael Krüger/ Thomas Zapf-Schramm: Sparten, Sendungsformen und Inhalte im deutschen Fernsehangebot. Programmanalyse von 2005, in: Media Perspektiven 4/2006) diagnostiziert für die fünf größten Fernsehsender»insgesamt recht stabile Programmstrukturen«. Demnach informieren die öffentlich-rechtlichen Sender weitaus umfangreicher als die privaten Sender, setzen stärker auf politisch und gesellschaftlich relevante Themen und sind in ihren Formen variationsreicher. Als positive Qualität wird gewertet, wenn der Politikanteil in den Nach­rich­tensendungen oder in den Dokumentationen höher ist oder wenn umge­kehrt der Anteil an Human-Touch-Themen oder Kriminalität niedriger ist. Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Zeitgeschichte spielen nach dieser Studie bei den öffentlich-rechtlichen Sendern die größte Rolle, während die Themenbereiche Recht, Kriminalität, Unfall und Katastrophen bei den Privaten stärker vertreten sind. Daraus zieht die Studie eine Schlussfolgerung, die ein Qualitätsurteil ex negativo einschließt:»…ist die Funk­tionstei­lung zwischen den öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern evident. Dieser Be­fund ist nicht neu und belegt einmal mehr, dass der Zuschauer, der nur private Hauptpro­gramme 77 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme nutzt, mit politisch und gesellschaftlich relevanten Themen sowie deren Hintergrund kaum kon­frontiert wird.« InfoMonitor zum Nachrichtenangebot Ebenso regelmäßig – in einem so genannten InfoMonitor – untersucht das IFEM das Nach­rich­tenangebot von ARD , ZDF , RTL und Sat.1. Auch hier handelt es sich zunächst um eine quantitative Untersuchung, die aber zu qualitati­ven Aussagen führt.(Udo Michael Krüger: Fernsehnachrichten bei ARD , ZDF , RTL und Sat.1. Strukturen, Themen und Akteure. Jahresbilanz des InfoMonitors 2005. In: Media Perspektiven 2/2006) Untersucht wird, welche Themen behandelt werden, wie es sich mit der Gewichtung Inland-Ausland verhält und welche politischen Akteure in welcher Häufigkeit in Nachrichten­sendungen vorkommen. Danach dominieren ARD und ZDF die Politikberichterstattung im Vergleich mit den privaten Sendern deutlich. Die typi­schen Strukturen erscheinen dabei über einen längeren Zeitraum hindurch stabil, auch unabhängig von jeweils außerge­wöhnlichen Ereignissen wie Naturkatastrophen, Bundestagswahlen oder Fußball-Weltmeister­schaften. Auf Katastrophen hingegen reagieren nach dieser Auswertung alle Sender ähnlich, auf Kriminalitätsthemen springen vor allem die Privaten an. Die deutsche Inlandsberichterstattung macht etwas mehr als die Hälfte der Beiträge aus, die Bundestagswahlen spielen dabei eine zentrale Rolle. Die Aus­landsberichterstattung ist ungleich verteilt: Die öffentlich-rechtlichen Sender berichten deut­lich umfangreicher, bei den Privaten ist dieser Bereich meist verknüpft mit Erlebnis- oder Katast­ro­phenthemen. Auch hier stecken Qualitätskriterien hinter dem Forschungsansatz. Gutes Fernsehen im Informationsbereich zeichnet sich dem­ nach dadurch aus, dass es in größerem Umfang aus anderen Ländern berichtet und die Politik anderer Länder stärker beachtet. 78 4. Grundlagen der Qualitätsbestimmung Entsprechend beweisen die Zahlen für die privaten Sender einen Qualitätsverlust, weil deren Auslandsberichterstattung schmaler ist und noch katastro­phenorientierter ausgerichtet wird. In Fragen internationaler Politik, so der Befund, lägen die Privaten noch weiter hinten als bei anderen Parametern. EU -Politik spiele bei ihnen kaum eine Rolle, bei den öffentlich-rechtlichen Sendern eine größere, beim WDR sogar eine deutliche hervorgehobene. Die Untersuchung fragt nicht nur, welche Länder in den Nach­ richten vorkommen, sondern auch, mit welchen Themen sie behandelt werden. Bei Italien zum Bei­spiel wird die Hälfte der Themen aus der Kategorie Wissenschaft/Religion/Kultur geschöpft (was sich mit dem Tod des Papstes und der Papstwahl leicht erklären lässt). Südost­asien kommt in über 91 Prozent der Fälle mit Katastrophenthemen(im Zusammenhang mit dem Tsunami) vor. Selbst Österreich, mit der deutschen Wirtschaft eng ver­flochten, kommt hauptsäch­lich als Land der Katastrophen und des Sports vor. Damit rücken Fragestellungen in den Blick, welche die quantitativen Studien nicht erfas­sen können. Denn allein eine größere Anzahl von Welt-Themen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gegenüber den privaten Sendern sagt noch nichts über die internen Relevanzkriterien und die Steuerung der Themenauswahl, auch die Machart der Berichte und damit deren potentieller Gebrauchswert für die Zuschauer lässt sich so nicht erfassen. Sendereigene Forschung am Beispiel WDR Als Beispiel für sendereigene Forschung sei der WDR angeführt, bei dem die qualitative Medienforschung schon seit Jahren eine Rolle spielt. Sie wurde 1991 begonnen und 1993 intensiviert, als RTL zum ersten Mal so genannter Markt­führer wurde. Diese qualitative Medienforschung liefert den Programm-Machern Forschungsergebnisse über Zu­schauerverhalten. Die 79 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme Fragestellungen leiten sich vom Sujet ab.»Man nimmt das Zu­ schauerindividuum an«, so Claudia Schmidt, Leiterin der Hauptabteilung Kommunikation, Forschung und Service,»fragt nach subjektiven Einschätzungen, stellt inhaltliche Zusammenhänge her«. Handwerkliche Fragen würden gestellt – etwa, ob den Zu­ schauern die Gästeauswahl zugesagt habe und wie sie die Moderationsleistung einordneten. Unterschiedliche Methoden: von Interviews bis zu Workshops Die Methoden seien dabei sehr unterschiedlich. Es gebe Gruppeninterviews ebenso wie Einzelgespräche. Kinder bräuchten teilnehmende Beobachtung. Workshops seien geeignet, wenn es eher um Imagefragen gehe, aber ungeeignet, wenn man Antworten auf dramaturgi­sche Fragen bekommen wolle(etwa nach Spannungsaufbau und Abfall bei einzelnen Szenen), dann brauche man operative Verfahren, wie sie die psychologische Forschung zu bieten hat, Augenmessung etwa oder Messung des Hautwiderstands. Schwerpunkte setzt die qualitative Medienforschung • bei neuen Sendungen, • bei schon lange laufenden Sendungen, wenn sich im Zuschauerverhalten etwas geändert hat, • bei Sendungen, die der Sender unbedingt im Programm haben möchte und die für das Image eine große Rolle spielen, wie z.B.»West-Art«. Qualitätskontrolle, wie beispielsweise beim WDR , bezieht sich auf einzelne Sendungen und Sendestrecken und findet inzwi­schen in allen Sendern auf dem Wege des Programmcontrolling statt. Controllingverfahren liefern Zuarbeit und Qualitätssicherung für Redaktionen, Programmbereichsleiter und Pro­grammplanung. Sie 80 4. Grundlagen der Qualitätsbestimmung wurden aus der Wirtschaft übernommen und für die Gegebenheiten von Radio- und Fernsehsendern adaptiert. Eine solche Qualitätskontrolle hat natürlich Folgen für die einzelnen Programme oder auch für ganze Sendungsgruppen oder Genres. Diese Zusammenhänge werden nur selten nach außen kommuniziert – sie sind ein inneres Organisationsinstrument. Im folgenden werden die methodischen Überlegungen der Medienforscher dargelegt, weil sie zeigen, dass mit Blick auf die Qualitätsfrage inzwischen ein ziemlich komplexes Instrumentarium entwickelt worden ist, wie es in normalerweise weniger komplex geführten, vereinfachenden öffentlichen Diskussionen über Fernsehqualität kaum zur Sprache kommt. Zudem lässt sich aus den Methoden der Medienforschung indirekt herauslesen, wo die kritischen Entwicklungen in den Sendern liegen. Programmcontrolling Beim Programmcontrolling werden in einem ersten Schritt in sogenannten Zielvereinba­rungsgesprächen Ziele zu Akzeptanz, Kosten und Qualität festgelegt. Über Monitoring und Analysen von Kosten und Quote wird dann ein Soll-Ist-Vergleich hergestellt. Am Schluss werden die Ergebnisse diskutiert und Schlussfolgerungen daraus gezogen, die im Ergebnis die Qualität der Sendung verbessern sollen. Das Verfahren wurde im WDR 1997/98 entwickelt und standardisiert. Alle Programmplätze des WDR kommen wenigstens alle zwei Jahre ins Mo­nitoring. Dabei wird nach einem Drei-Säulen-Modell verfahren, fußend auf Akzeptanz, Kosten und Qualität. Ak­zeptanz(also Quote und Marktanteil) sowie Kosten sind quantifizierbar, Qualität hingegen nicht. Programmqualität wird deshalb über eine Vielzahl von Ein­zelkriterien bestimmt, die von Genre zu Genre, aber auch von Sendung zu Sendung unter­schiedlich sein können, nicht nur in ihrer Formulierung, sondern auch in Anzahl und Ge­wichtung. Es 81 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme wird kein Standardkatalog verwendet.»Qualität«, so die senderinterne Schlussfolgerung,»ist kein feststehender Begriff, sondern entwickelt sich in einem dynamischen Prozess konti­nuier­lich weiter. Ein Qualitätsindex, der sich aus einer festen Anzahl von Qualitätskriterien zu­sammensetzt, würde dieser Dynamik nicht gerecht werden.« Übergeordnete Qualitätskriterien Allerdings operieren die Controller dennoch mit»übergeordneten Qualitätskriterien«. Sie un­terscheiden systematisch nach • allgemeinen Zielen, wie etwa innovativ, glaubwürdig, abwechslungsreich, • nach Zielen, die mit den Qualitäten einzelner Bestandteile zu tun haben, wie etwa The­menwahl, Moderation, Studiogäste, • nach der Reputation oder der öffentlichen Wahrnehmung durch Preise oder durch Kri­tik, • nach der Besonderheit wie etwa dem NRW-Bezug und • nach Zusatzinformationen. Das Controlling läuft dann vor allem über Zuschauerbefragungen. Auch die Fernsehkritik wird hinzugezogen, allerdings nur»als ein Faktor unter vielen Reputationsfaktoren«. Es gibt ein internes und ein externes Monitoring. Qualitätskontrolle für das ARD-Gemeinschaftsprogramm Ende 2004 beschlossen Chefredakteure und Kulturchefs der ARD , in einem Pilotprojekt» ARD -controlling« Sendeplätze im Ersten nach einem einheitlichen Verfahren zu bewerten. Viele Plätze werden von mehreren ARD -Sendern bespielt. Diese Sendeplätze sollten»ein klares Qualitätsprofil aufweisen, damit Zuschauer 82 4. Grundlagen der Qualitätsbestimmung mit ihnen Erwartungen verbinden können und nicht enttäuscht werden.«(Miriam Tebert, Christine Gierse: Ein Qualitäts-Controlling für Das Erste. Ergebnisse eines Pilotprojekts, in: Media Perspektiven 1/2006) Die Qualitätsfrage lautet aus dieser Perspektive:»Was macht die Qualität eines Fernsehpro­gramms aus? Welche Ziele setzen sich öffentlich-rechtliche Fernsehmacher, die sie unter­scheidbar machen von kommerziellen Anbietern? Werden diese Ziele erreicht? Wie sehen die Zuschauer das Programm und welche Erwartungen haben Sie?« Die Qualitätskrite­rien werden demnach von den Zielen bestimmt, welche sich die Sender stellen. Untersuchungsgegenstand waren drei Sendeplätze:»Plusminus«, die Kulturmagazine und die politischen Magazine. Angelegt wurden hier auch allgemeine und spezifische Kriterien mit jeweils auf die Formate zugeschnittenen Eigenschaften zu Themenwahl, Moderation, Studiogestaltung, Reputation und Besonderheiten im Vergleich mit verwandten Sendungen anderer Sender. Dies führte zur folgenden Einkreisung von Qualitätsbestimmungen:»Beispiele für allgemeine Qualitätsziele zu den drei Sendeplätzen sind: informativ, ver­ständ­lich, deckt Missstände auf, glaubwürdig, aktuell, kompetent, seriös, engagiert, zeitge­mäß, modern, lebendig, spannend, zeigt Hintergründe auf, setzt sich kritisch mit den Themen aus­einander, nennt die Verantwortlichen beim Namen, bietet neue Informationen, bietet Ge­sprächsstoff, berichtet gründlich und tiefgehend, bleibt an den Themen dran, setzt eigene Themen sowie macht Schlagzeilen.« Als spezielle Kriterien wurden formuliert: • für Plusminus:»erklärt wirtschaftliche Zusammenhänge« • für die Kulturmagazine:»ästhetisch anspruchsvoll« und »weckt Interesse an Kulturthe­men« • für die Politikmagazine:»treibt demokratische Prozesse voran«,»politisch unabhängig«,»mutig« und»provoziert«. 83 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme Für die Themenwahl wurden als allgemeine Kriterien formuliert: »interessant, aktuell, re­levant/wichtig und alltagsnah«. Besonderes Kriterium für»Plusminus«:»haben wirtschaftli­che und soziale Relevanz«, und für die Politikmagazine wurde formuliert: »Themen, die kon­trovers diskutiert werden.« Positive Vorgaben bei ausgewählten Sendungen Für die Moderation wurden als allgemeine Kriterien genannt: »Moderatoren sollten ver­ständ­lich, glaubwürdig, kompetent und engagiert sein, zur Sendung passen, neugierig ma­chen auf die Themen, gut durch die Sendung führen und die Sendung möglichst prägen.« Bei»Moni­tor« soll dies, ergänzend noch,»zugespitzt« geschehen; bei»Plusminus« stehen als be­sondere Anforderungen noch die Eigenschaften»identifiziert sich mit den Inhalten« und »verbindet die Themen gut«. Für die Sprecher der unmoderierten Kulturmagazine wurde festgelegt, sie sollten»verständ­lich« sein, »neugierig machen auf die Beiträge« und die»Relevanz des Themas« aufzeigen. Als positive Kriterien für Studio und Sendungsdesign werden genannt:»farblich ansprechend, wieder erkennbar, zeitgemäß/modern, einladend, freundlich und passend zur Sendung«. Bei den Kulturmagazinen heißt es zusätzlich noch»emotional und ästhetisch ansprechend«, bei den Politikmagazinen»unaufdringlich/ sachlich« und bei»Plusminus«»gute Hintergrundbil­der«. Dann gehört noch die allgemeine äußere Anerkennung zu den Qualitätszielen: Die Sendungen sollen zur Gesamtreputa­tion des Programms beitragen.»Plusminus« beispielsweise soll für das Erste bedeuten:»politisch und wirt­schaftlich unabhängig«, »wirtschafts- und sozialpolitisch kompetent«,»setzt eigene Themen« und»geht mit Beharrlichkeit den Themen auf den Grund«. Die politischen Magazine sollen für das Ansehen des Ersten den Beitrag leisten:»liefern neue Informationen und Sichtwei­sen«, 84 4. Grundlagen der Qualitätsbestimmung sind»unabhängig« und»treiben die öffentliche Meinungsbildung voran«. Das Bild der Kulturmagazine im Ersten:»ästhetisch anspruchsvoll und zeitgemäß gestaltete Beiträge, die auch komplexe Zusammenhänge leicht verständlich vermitteln.« Monitoring mit ausgewählten Zuschauern Um zu prüfen, ob die Qualitätsziele auch erreicht wurden, gab es ein Monitoring. Die ausge­wählten Zuschauer sahen die Sendungen zur normalen Laufzeit und wurden danach telefo­nisch befragt, so auch mit der allgemeineren Frage, ob die Sendung gefallen hat oder nicht, wie die Zuschauer das Image des Senders einschätzen und was sie verbessern würden. Daraus wur­den dann Qualitätsprofile erstellt. Bei den Kulturmagazinen wurde noch zusätzlich gefragt, ob die Sendungen lieber moderiert sein sollten. Insgesamt stellte sich als Ergebnis eine auch alters­spezifi­ sche Differenzierung heraus. Die jüngeren Zuschauer sehen Studiodesign oder Mode­ratoren kritischer, außerdem wünschen die Jüngeren spannende und emotionale Geschich­ten. Imagewerte sind allerdings eher langlebig und können sich durchaus von der aktuellen kriti­schen Einschätzung unterscheiden. Den Zuschauern werden Listen vorgelegt, mit den einzelnen Aspekten»sehr wichtig«,»wich­tig«,»weniger wichtig« und»unwichtig«. Dabei kann es natürlich zu interessanten Ab­wä­gungsfragen kommen(die sich auch jeder Redakteur oder Redaktionsleiter selbst stellt, wenngleich vielleicht unsystematisch und nur im Rahmen seiner jeweiligen subjektiven, der soge­nannten»impliziten Theorie« oder seiner individuellen Programmvision) – etwa der Art, ob und in welchem Ausmaß eine politische Sendung auch Unterhaltungselemente einbauen soll. 85 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme Zuschauerbeurteilung:»Kein Instrument der Marktforschung« Qualität als Resultat der Zuschauerbeurteilung ist auch zentrale Perspektive in den Quali­tätskontrollen anderer Sender, wird aber nicht als Instrument der Marktforschung verstanden. So formuliert für den SWR Marianne Blumers:»Es geht nicht darum, Zuschauervorstellungen oder-wünsche zu erforschen(Marktforschung), sondern implizite Theorien der Macher über Wir­kungen bei den Zuschauern explizit zu machen und sie anschließend bei den Zuschau­ern zu überprüfen«. Das Neue daran definiert sie so: »Bei den bisher eher journalistischen Sende­platzbeschreibungen (Produktorientierung) fehlen in der Regel genauere Vorstellungen, mit welchen Mitteln was beim Zuschauer erreicht werden soll bzw. wurden diese nicht expli­zit formuliert«.(Marianne Blumers: Qualitätskontrolle im SWR . Ein theoretisches Modell auf dem Weg in den Redaktionsalltag, in: Media Perspektiven 5/2000) Allerdings muss die Medienforschung bei den Urteilen der Zuschauer auch einberechnen, dass die Antworten vom tatsächlichen Mediennutzungsverhalten oft erheblich abweichen. Bei Umfragen wollen zum Beispiel regelmäßig mehr Zuschauer den Kultursender ARTE ein­geschaltet haben, als die tatsächlichen Zahlen ausweisen; sie geben ARTE an, weil dies als sozial erwünschte Antwort gilt. In einer Übersicht der Media Perspektiven über den For­schungsstand heißt es:»Es sind somit Urteile, die möglicherweise auf(vermeintlich?) gesell­schaftlich akzeptierten Mehrheitsmeinungen basieren und nicht mit dem tatsächlichen Me­dienverhalten der Befragten übereinstimmen müssen.«( ARD Forschungsdienst: Medien und Programmqualität aus Zuschauersicht, in: Media Perspektiven 12/2004) Solche Nicht-Übereinstimmungen sind auch in anderen Fragen durchaus geläufig, etwa in der Frage, wie Jugendliche Politik und Nachrichten wahrnehmen. So verweist ein For­schungsbe­ richt der ARD -Anstalten auf eine Studie zum Mediennutzungsverhalten Jugendli­cher, die zu folgender Erkenntnis kommt:»Die 86 4. Grundlagen der Qualitätsbestimmung Ergebnisse weisen auf ein Paradoxon hin: Private Nach­richten werden von den Jugendlichen zwar häufiger genutzt, aber deutlich schlechter bewer­tet. Möglichweise ist dies durch die Tatsache erklärbar, dass die privaten Nachrichtenange­bote als verständlicher und deren Moderatoren als attraktiver wahr­genommen werden, wie die weiteren Analysen zeigten. Hieraus ergibt sich laut Autor der Studie ein Optimierungsbedarf für die öffentlich- rechtlichen Nachrichtenangebote.«( ARD -Forschungsdienst: Qualität von Informationsmedien, in: Media Perspektiven 10/2005) Programmspezifische Perspektive Je weiter sich Untersuchungen auf die Ebene des konkreten Programms, oder sogar der ein­zelnen Sendung einlassen, umso konkreter, überschaubarer und handhabbarer werden Quali­ tätskriterien. Je unkonkreter hingegen der Publikumsbezug ist, desto größer auch die Menge der zu untersuchenden Programme und je unspezifischer deren Ausrichtung, umso schwieriger wird es, Qualitäts­krite­rien anzuwenden. Komplexere Themen, in denen mehrere Dimensionen von Qualität zum Tragen kommen, sind schwieriger zu analysieren und darzustellen – wie sich beispiels­ weise an den Regionalprogrammen zeigen lässt. Fragen nach den möglichen Wirkungen Allgemein gesehen spielen im Kinder- und Jugendfernsehen von vornherein Fragen der möglichen Wirkungen eine große Rolle. So schreibt der Erzie­hungs­wissenschaftler Klaus Hurrelmann: »Die prägende, stilbildende Wirkung der Medien ist nicht zu unterschätzen. Sie steigt dort an, wo andere gesellschaftliche Kommunikations­felder, insbesondere Familie und Schule, ihre stilbildende Kraft verlieren, und wo Eltern und Lehrer als soziale Modelle für alltägliche, kulturelle und politische Verhaltensmuster ausfal­len. Des­wegen sind es diejenigen Kinder und Jugend87 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme lichen, die aus nicht intakten Familien kommen, bei denen die Medienbotschaft eine besonders intensive stilbildende Wirkung hat. Denn diese Kinder sind auf die Medien stärker als andere angewiesen, wenn sie ihr politi­sches und sozi­ales Weltbild entwickeln, und sie wenden sich den Medien auch intuitiv stär­ker zu.« (Bundeszentrale für politische Bildung, Heft Massenmedien, Juni 2006) Selbst wenn die Bezugspunkte klarer sind, gibt es auch in diesem Bereich keinen ein­fachen Katalog von Qualitätsmerkmalen, der Punkt für Punkt abgehakt werden könnte. Exemplarisch steht dafür die Frage des Potsdamer Medienwissenschaftlers Lothar Mikos:»Welche Qualität ist denn gemeint?« Er fächert auf:»Ist es der Gebrauchs­wert, den Sendungen des Kinderfernsehens für Kinder verschiedener Altersstufen haben sol­len? Liegt ihre Qualität in handwerklichem Gelingen oder in ästhetischer Innovation? Schließlich besteht auch die Möglichkeit, dass sich die Qualität einer Sendung in ihrem Nutzwert zeigt, der sich aus den alltäglichen Nutzungskontexten ergibt. Hat Qualität schließ­lich auch etwas mit Erfolg, messbar in der Quote, zu tun? Oder ist das vollkommen unerheb­lich?«(Lothar Mikos: Qualität kommt nicht nur von Können. Überlegungen zum Qualitätsbegriff im Kinderfernsehen, in: TelevIZIon 18/2005/2. Die gesamte TelevIZIon-Ausgabe befasst sich mit dem Thema Qualität im Kinderfernsehen.) Einen wesentlichen Unterschied begründet nach Mikos schon das Alter der Zuschauer. Je nach­dem, ob ein Programm für kleine oder für ältere Kinder gemacht werde, bestimme sich auch die Art, wie eine Sendung auf ihr Publikum zugeht:»Lieben die Kinder die Figur bzw. den/die ModeratorIn, ist schon viel gewonnen, denn dann ist z.B. die handwerkliche, jour­nalistische Qualität der ›Erklärstücke‹ fast schon sekundär. Aber nur fast, denn auch hier kommt es darauf an, journalistische Sorgfalt walten zu lassen und eine für Kinder versteh­bare Aufbereitung der Themen zu wählen.« 88 4. Grundlagen der Qualitätsbestimmung Für fiktionale Sendungen, wo die Probleme»nicht komplizierter, nur komplexer« seien, komme es darauf an, ob die Filme»ansprechend aufbereitet sind und ob in den Realserien auch die Schauspieler agieren, die bei den Kids gut ankommen. Zentraler ist aber die Frage, ob sie entwicklungsbedingte Themen der Kinder aufgreifen. Auf diese Weise wird bereits eine große emotionale Nähe erzeugt. Zugleich bekommen die Serien und Filme so eine funk­tionsbe­stimmte Qualität, sie können als entwicklungsfördernd angesehen werden.« Die Bedeutung der Alltagsqualität Der Medienwissenschaftler führt noch andere Gesichtspunkte ein, die auch für das Erwachsenenfernsehen gelten können, dort aber kaum wahrgenommen werden: so jener der Qualität im Alltag. Nach Mikos»kann sich die Qualität auch aus Merkmalen zusammensetzen, die sich nicht unmittelbar im Me­dienprodukt finden lassen.« Beim»Sandmännchen« beispielsweise komme es nicht nur auf die guten Ge­schichten an, sondern auch darauf, dass die Sendung die häuslichen Rituale begleitet, das Kind auf das Zubettgehen vorbereitet:»Ausschlaggebend für die Qualität ist hier ein Bedürf­nis der Eltern, verbunden mit der Möglichkeit, die Sendung in die rituellen Abläufe des Fa­milienalltags ein­zubinden.« Auch die Wirkung und Nachwirkung einer Sendung kann nach Ansicht von Mikos – und auch hier lässt sich der Gedanke in das allgemeine Programm verlängern und übertragen – ein Qua­ litätskriterium darstellen:»Ebenso kann die Qualität einer Sendung aus der Dynamik resultie­ren, durch die kindliche Kommunikation gekennzeichnet ist. So mag die Qualität einer Serie, die handwerklich mittelmäßig ist und dramaturgische Mängel aufweist, darin bestehen, Ge­spräche unter Kindern oder Spiele anzuregen, und das vermutlich, gerade weil sie in Machart, Gestaltung und Geschichte nur mittelmäßig ist.« Dazu gehöre auch die Fähigkeit von Sendun­gen, zu Rollenspielen zu animieren.»Gera89 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme de die Fähigkeit populärer Filme und Fern­sehsendungen, zur Bildung von Medienkompetenz und sozialer Handlungskompetenz von Kindern beizutragen, macht eine ganz wesentliche Qualität aus. Ihr Gebrauchswert im Sozia­lisationsprozess ist in diesem Fall vorrangig.« Fiktion und Unterhaltung: sozialwissenschaftlich weniger erforscht Generell ist es so, dass Informationsprogramme von der sozialwissenschaftlichen Forschung auf Qualitäts­kriterien in alle Richtungen analysiert werden, Fiktion und Unterhaltung dagegen wesentlich seltener. Hier sind auch die Kriterien viel weniger stark entwickelt. Normative Kriterien zum Beispiel zählen hier im geringeren Maße, Fragen des Handwerks und der Pub­ likumsakzeptanz fallen hingegen stärker ins Gewicht. Fiktion Für den Bereich Fiktion, vorwiegend die Fernsehfilme betreffend, verweist Christian Breunig auf eine Programminhaltsanalyse der Universität Münster, in der Fernseh­filme nach be­stimmten Kategorien klassifiziert werden, beispielsweise nach Protagonisten (stereotype oder charak­terspezifische Anlage), nach Erzählweise (linear/nichtlinear; lösungsbetont oder lösungslos), nach Konfliktkonsequenzen(Gruppen, Individuen) sowie nach Lösungsmustern, Themen und Orten. Daraus wurde eine Variable –»Niveau der Fiktion« – gebildet und der Anteil der hochwertigen, mitt­leren und schwachen Filme am Gesamtangebot ausgewiesen. ARD und ZDF kamen dabei auf den höheren Anteil an hochwertigen Filmerzählungen, beiden(öffentlich-rechtlichen) Systemen wurde auch eine grö­ßere Variabilität in den Genres gegenüber den privaten Anbietern bescheinigt(Christian Breunig: Programmqualität im Fernsehen, in: Media Perspektiven 3/99). 90 4. Grundlagen der Qualitätsbestimmung Aus der Perspektive der Medienbeobachter, etwa der Fernsehkritik, sind vor allem hand­werk­liche und dramaturgische Qualitätskriterien hervorzuheben. Sie liegen weitgehend außerhalb der Sicht­weite der empirischen Forschung. Als Beispiel auch für die völlig andere Begrifflichkeit und Wahr­nehmung sei hier ein zusammenfassendes Urteil von Dietrich Leder über die interessanten Fern­sehfilme der Saison 2005 angeführt:»Gemeinsam ist den Filmen die Anstrengung, ihre Geschich­ten inmitten der deutschen Gesellschaft stimmig und präzise zu entfalten. Sie haben nichts mehr mit dem Loft-Fernsehen früherer Tage zu tun, in dem die Probleme der Gegenwart gern je­nem Stand übertragen werden, dem die Autoren, Regisseure und Redakteure selber angehö­ ren(möchten). Stattdessen merkt man diesen Filmen eine Neugier auf die Passanten der Groß­städte, die Bewohner der Vororte, die Menschen aus der Provinz an.«(Dietrich Leder: Plötzlich Politik, in: Jahrbuch Fernsehen 2006) Unterhaltung Auch Produktionen aus der Unterhaltung sind mit normativen Qualitätskriterien schwerer zu fassen. Al­lerdings wurden entsprechende Sendungen, Formate oder Trends immer dann öffentlich(auch in der Forschung) wahrgenommen, wenn sie Tabus im Fernsehalltag gebro­chen haben. Das gilt etwa für Talkshows, bei denen die öffentliche Diskussion am Ende zu einem Kodex für Freiwillige Verhaltensgrundsätze des Verbandes Privater Rundfunk und Telekommunikation geführt hat. Dies gilt auch für»Big Brother« und alle folgenden Formate, die von der voyeuristischen Beobachtung der Protagonisten leben, sowie für interventionistische Unterhaltungsformate, die sich be­ stimmter sozialer Themen annehmen, wie»Die Super-Nanny«. Hier wurden – gleichsam am ›lebenden Objekt Fernsehen‹ – Qualitätskriterien zum Diskussions­thema, wobei sie sich im Laufe des Diskurses veränderten oder neu definiert wurden. 91 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme Einige interessante Gedanken zum schwierigen Qualitätsbegriff in der Fernsehunterhaltung hat der NDR -Serienchef Bernhard Gleim in einem Referat in der Katholischen Akademie Hamburg formuliert(Bernhard Gleim: Champagner trocken. Das Unterhaltungsfernsehen und seine Kritiker, in: epd medien 59/06). Er erinnerte an alte Grundmuster der Unterhaltung, die zwar auch in den derzeitigen Volkmusiksendungen vorkämen, aber älter seien als das Fernsehen, so die»Feier des schönen Moments«, das »Schema von Treue, Seitensprung, Beichte und Versöh­nung«, in denen sich eben auch Fernsehunterhaltung als Flucht und als Lebensberuhigung manifestiere. Gleim verwies auf sich ändernde Parameter, einsetzend mit»Big Brother«, dem»Sputnikschock der Fernsehun­terhaltung«. Dort sei nichts mehr an Festlichkeit, Schauwert, Prominenz zu finden, sondern stattdessen werde auf eine»Deutungsspannung« beim Zuschauer spekuliert: ob sich das Gesehene auch als authen­tisch erweise und als vergleichbar mit dem eigenen Leben. Auch die gegenteilige Reaktion erzeuge Unterhaltung: So schaffe die Distanzierung von den Protagonisten im Container Distink­tionsgewinne für das eigene Leben. Ebenso sei das latent vorhandene Spiel mit der Sexua­lität ein unterhaltendes Element. Ein aufschlussreiches Kriterium entwickelte Gleim ex negativo. Aus der Position des Fernsehkriti­kers heraus bewertete er die deutschen Fernsehunterhaltungsfilme als»eingetaucht in die Tra­ dition des Heimatfilms«: in der Abkehr von der Wirklichkeit und im Mangel an inneren Konflikten. Diesem Trend hielt er britische Produktionen entgegen:»Englische Unterhaltungsfilme und Serien sind aber rauer, extremer, körperlicher, mit einem härteren Humor ausgestattet. Der Mut zur hässlichen, zur ›proletarischen‹ Besetzung, die sich nicht so im ›juste milieu‹ des gut ge­pflegten Mittelstandes bewegt, ist deutlich größer.« Dem heimatlich adretten deutschen Fern­sehfilm fehlten»mehr Dimensionen der Unterhaltung«(beispielsweise»Ironie, Städ­ 92 4. Grundlagen der Qualitätsbestimmung tisches, auch Sexuelles, nicht nur neckischer Witz«). Gleim erinnerte an Rudi Carrell und seinen»menschenfreundlichen Zynismus«, womit er stets darauf verwiesen habe, dass es sich um ein Spiel handele:»Vielleicht ist das ja ein kleines, aber wichtiges Kriterium von Qualität. Ge­rade im Fernsehen der Emotionen sollte man etwas von der Souveränität des Spielers und des Spielens spüren.« 4.4 Die Perspektive der Rezipienten Qualitätskriterien aus der Zu­schauerperspektive sind in der Medienforschung wichtiger geworden. Sie ist auch schon, wie oben dargestellt, eingebaut in das Programm-Controlling, das den Zuschauer­urteilen im Monitoring einen zentralen Part zuweist. Die Informationsprogramme In einer Studie von 2004 wurden die Qualitätskriterien aus der Sicht der Zuschauer näher un­tersucht(Wolfgang Darschin, Camille Zubayr: Was leisten die Fernsehsender? In: Media Perspektiven 5/2004). Dabei geht es darum, welche Qualitäten die Zuschauer den einzelnen Sendern zumessen – eine Beurteilung, welche im Kern zu den Imagefragen gehört. Das Bild hat sich dabei in den letzten Jah­ren kaum verändert. Nach wie vor gelten ARD und ZDF in Informationsprogrammen als füh­rend, die privaten Sender werden vor allem geschätzt, weil sie die Unterhaltungsbedürfnisse befriedigen. Der Zusammenhang mit dem politischen Interesse der Zu­schauer ist deutlich: Wer sich für Politik und für öffentliches Leben interessiert, bevorzugt öffent­lich-rechtliche Programme. Nach Erkenntnissen dieser Studie lässt sich die Informationsleistung von ARD und ZDF in folgenden Kategorien fassen: 93 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme • die Ausführlichkeit und Gründlichkeit der tagesaktuellen Information suchen und finden 79 Pro­zent der Zuschauer bei der ARD und 75 Prozent beim ZDF , • die Sachkompetenz der Korrespondenten sehen 77 Prozent bei der ARD , 74 Prozent beim ZDF verwirklicht, • den schnellsten Überblick über das Wichtigste vom Tage trauen 72 Prozent der ARD , 73 Prozent dem ZDF , aber ebenso viele auch RTL zu, • für glaubwürdig halten 72 Prozent die ARD , 68 Prozent das ZDF , • die privaten Sender werden in einem Spektrum von 30 bis 32 Prozent für glaubwürdig gehalten. Die Regionalprogramme Beim Versuch, die erhobenen Daten auch durch Zuschauerbefragung und Zu­schauerdiskussion zu evaluieren, zeigt eine Studie über die Regionalprogramme der pri­vaten Sender, dass auch Zuschauer ähnliche Kriterien anlegen wie Medienforscher und Medienbeobachter:»Sie wollen exakte Informationen in Hinblick auf Orts-, Zeit- und Personenangaben sowie eine vollständige Beschreibung der Sachverhalte. Die Abfolge der Informationen und die Kernaussagen sollen widerspruchs­frei sein. Erwartet wird ferner eine gewisse Neutralität des Berichterstatters und Ausgewo­genheit. Die Sachver­haltsschilderung soll ferner tief genug sein, um die Vorgänge auch ›verstehen‹ zu können.« Nicht in den Qualitätskanon der Zuschauer scheinen hingegen film­sprachliche Kriterien zu gehören. Dafür wiederum wenden sie ein Kriterium an, das die Medienwissen­schaftler so nicht formulieren: Inte­resse. Wenn jemanden ein Beitrag stark interessiert, dann be­stimmt diese innere Beziehung sehr schnell das Ge­samturteil, während ein Beitrag, für den sich ein Zuschauer 94 4. Grundlagen der Qualitätsbestimmung nicht inte­ressiert, von ihm schnell als ›kein guter Beitrag‹ abqualifiziert wird. Im Übrigen zeigen die Ergebnisse auch, dass die Human-TouchThemen, von denen die Sen­der und die Macher annehmen, dass sie das Publikum am meisten interessieren, nicht unbe­dingt auch so angenommen werden. In den Fallstudien dieser Untersuchung jedenfalls wur­den sie weitgehend als nicht interessant, als inszeniert und als konstruiert wahrgenommen. Programmbewertungsverfahren beim SWR Vor allem in den zuvor skizzierten Controlling-Verfahren in den Sendern spielt die Zuschau­erperspektive eine zentrale Rolle. Beim SWR ist die Qualitätskontrolle inzwischen zu einem Programmbewertungsverfahren weiterentwickelt worden. Es bezieht sich nicht mehr auf einfache Schemata wie Vorgabe-Erfüllung und AuftragEinlösung, sondern auf neue Formen der Zu­schauerforschung (Marianne Blumers, Walter Klingler: Fernsehprogramme und ihre Bewertung. Das Programmbewertungsverfahren im SWR , in: Media Perspektiven 4/2005). Es geht um eine»Weiterentwicklung der Instrumentarien, die im Kon­text der intensiven Programmberatung eingesetzt wurden. Neben telefongestützten Studien zur Programmberatung waren dies in größerem Umfang Gruppendiskussionen/Explorationen und beispielsweise Untersuchungen zu den Erwartungen von Zuschauerinnen und Zuschau­ern(sendungsübergreifend) an die unterschiedlichen Programmgenres. Zudem wird jährlich unter anderem eine Basisuntersuchung zur Bekanntheit einzelner Sendeplätze durchge­führt.« Multidimensional gedacht könnte das so aussehen(etwa am Beispiel einer Service-Sendung, die auch nach dem Markenkriterium getestet wurde):»Die SWR -Sendung wurde in Bezug auf die öffentlich-rechtlichen Basisanforderungen(informativ, glaubwürdig, sachlich und ver­ständlich) deutlich besser beurteilt, war bei 95 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme genrespezifischen Eigenschaften für eine Service­sendung wie ›gibt nützliche Tipps, gute Ratschläge‹ etc. noch im Vorteil, aber bei den An­mutungseigenschaften ›unterhaltend‹ etc. deutlich im Rückstand.« 96 5. Im Spiegel der Kritik 5 Im Spiegel der Kritik Programmtendenzen: kritische Rück- und Seitenblicke Medienkritik ist, wie alle Kritik künstlerisch-kultureller Hervorbringungen, notwendigerweise subjektiv. Es gibt ein großes Spektrum der Beurteilungen, das einmal durch die persönlichen Urteilskriterien, Erfahrungen, Zielvorstellungen der Kritiker bestimmt wird und des Weiteren von der publizistischen Basis abhängig ist. Ihre Qualität lebt von der Genauigkeit der Beobachtung, der Vergleichsmöglichkeit, der Fähigkeit zur scharfen Analyse und zur Einordnung in Zusammenhänge(programmgeschichtlich, genrebezogen), natürlich auch von der Stringenz der Einzelargumentation und von der Überzeugungskraft in der Gesamtdarstellung. Um für die journalistisch gestützte, aus der Sicht professioneller Kritiker vorgenommene Beurteilung der Qualitätstendenzen bei den öffentlich-rechtlichen TV -Programmen – immer zu sehen auch in der kontrastierenden Wettbewerbssituation mit den privaten Anbietern – einheitlichere Maßstäbe zu finden und anzulegen, ist der Rahmen für diese Untersuchung weitgehend eingeengt worden auf zusammenfassende Jahresrückblicke. Dem Nachteil, dass damit die viel stärker differenzierende Wertung von Einzelkritiken und die große Vielfalt der kritischen Begleitung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks vermindert ist, steht der Vorteil gegenüber, Entwicklungen pointierter und konturierter vorstellen zu können. Der für diese Untersuchung mit Blick auf wichtige Genres zusammengestellte und kommentierend eingeordnete diachronische 97 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme Überblick bezieht sich vor allem auf die Jahresrückblicke der seit 15 Jahren erscheinenden Publikation Jahrbuch Fernsehen(das von medienkritischen Einrichtungen wie dem Adolf-Grimme-Institut, der Funkkorrespondenz und dem Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik herausgegeben wird) und auf die auch von den Fernseh-Machern geschätzten Fachpublikationen epd medien und Funkkorrespondenz. Während beim Jahrbuch Fernsehen und bei der Funkkorrespondenz der Kritiker und Wissenschaftler Dietrich Leder seit längerer Zeit die Rückblicke schreibt (und somit auch über die Jahre eine urteilende Kontinuität mit gleichem Hintergrund vorliegt), werden die epd-medien-Rückblicke von wechselnden Kritikern verfasst. Auffällig ist die unterschiedliche Entwicklung und Ausprägung der Qualität in einzelnen Genres aus Sicht der Fernsehkritik. In der Regel bezieht dabei die Kritik die Programmplanung und strategie und damit strukturelle Fragen ein, so wie sie andererseits die ausführenden»Macher« behandelt, also etwa Autoren, Regisseure und Produzenten, Journalisten, Reporter und Schauspieler. Welche Akzente die Kritik dabei setzt und wie sie Blick und Urteil fokussiert, hängt in beträchtlichem Maß von den Programmsparten und Genres ab. So gehört zu den ständig wiederholten Vorwürfen im Bereich des Dokumentarfilms und der Reportage, dass die öffentlich-rechtlichen Sender ihre dort durchaus vorhandenen hervorragenden Sendungen und Glanzstücke wegen eines stark auf Quoten fixierten Erfolgsdenkens eher in den zeitlichen Randzonen der Hauptprogramme platzieren und damit einer breiteren Öffentlichkeit vorenthalten bzw. diese Filme zu günstigen Zeiten vorwiegend in den Spartenprogrammen zeigen. Im Bereich Fiktion findet sich vorzugsweise die auf die einzelne Sendung oder eine zusammenhängende Serie/Reihe konzentrierte Werkkritik, mit dem folgerichtigen Hauptaugenmerk auf Buch, Regie und darstellerischen Leistungen. 98 5. Im Spiegel der Kritik Ein genauer Blick auf die einzelnen Genres soll im Folgenden aufzeigen, welche Trends und Entwicklungen die letzten zehn Jahre im öffentlich-rechtlichen Fernsehen geprägt haben, welche Hauptlinien die Kritik gezogen hat und welche dauerhaften und punktuellen Stärken festgemacht werden können. Spagatübung: Quantitativer Erfolg und qualitätsbezogener Auftrag Diesem Überblick seien genreübergreifende Überlegungen und Kritikpunkte vorangestellt. Sie beziehen sich auf ein grundsätzliches Dilemma des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, das sich – je nach Genre unterschiedlich stark – auf die Qualität des Gebotenen auswirkt: der Spagat zwischen dem quantitativen Erfolg und dem mit bestimmten Qualitätsanforderungen und -merk­malen verbundenen Auftrag. Beide Pole dieser Ausrichtungen werden – mit unterschiedlichen Begründungen – in der Debatte um die Legitimation der Gesamteinrichtung angeführt. Mangelnder Zuschauerzuspruch kann danach die Legitimation (und damit die Zahlungsbereitschaft der allgemeinen Rundfunkgebühr) ebenso in Frage stellen wie das offensichtliche Abweichen von einem gesellschafts- und gemeinwohlorientierten Programm, das allein – so die umgekehrte Argumentation – die Gebührenpflicht rechtfertige. Tilmann P. Gangloff bietet in seinem Rückblick auf das Fernsehjahr 2005 in epd medien die folgende negative Lesart des erzielten öffentlich-rechtlichen Marktanteils-Vorsprungs gegenüber dem jahrelang dominierenden Marktführer RTL an:» ARD und ZDF konnten den kommerziellen Krösus nur überholen, indem sie ihn mit den eigenen Waffen schlugen. Die Jahresbilanz wäre demnach Beleg für die schon seit geraumer Zeit immer wieder kritisierte Konvergenz, die Annäherung von öffentlich-rechtlich und privat auf Kosten der Programmqualität.« 99 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme Gesamtausrichtung: Tendenz zur negativen Generalaussage Tatsächlich findet sich in Fernsehkritiken und Jahresrückblicken der letzten zehn Jahre viel Negatives zur Ausrichtung der öffentlich-rechtlichen Sender. Die Vorwürfe reichen von der diagnostizierten Unfähigkeit vieler Sendungen,»vielleicht auch Unwilligkeit, Zusammenhänge unterschiedlichster Art aufzuzeigen, gar Ursachen für aktuelle Probleme herauszuarbeiten – von möglichen Auswegen ganz zu schweigen«(Thea Spielmann in ihrem epd-Jahresrückblick auf 1997), über die vielfach genannte»Pilcherisierung« des öffentlich-rechtlichen fiktionalen Fernsehens – die auch in der»Süßstoff«-Debatte 2000 aufschien, in der u.a. Herbert Riehl-Heyse in der Süddeutschen Zeitung vor einer gewollten Glättung des Fernsehfilms warnte –, bis zu spöttischen Verweisen auf lange Sendestrecken mit Volksmusik in der Prime Time und auf ausführliche Berichterstattung über die europäischen Königshäuser. Gefordert wird von der Kritikerseite stattdessen – ob aus individuellem Blickwinkel oder in erklärter Anwalt- und Stellvertreterfunktion für das Publikum – die Besinnung auf den Bildungs- und Kulturauftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, weiter eine aus der Gebührenlogik abgeleitete Programmperspektive, mehr Mut zur Qualität, nicht zuletzt mehr Vertrauen in die Intelligenz und Aufnahmebereitschaft der Zuschauer. Dietrich Leder konstatiert bereits für das Jahr 1995:»Woran es dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk insgesamt gebricht, ist so etwas wie die Renovation seiner zentralen Idee, und die heißt: marktunabhängige Qualität des Programms. Unter den jüngeren Zuschauern, die längst in Massen zu RTL , ProSieben und RTL 2 übergelaufen sind, weiß keiner so recht, warum so etwas wie ein öffentlich-rechtliches Fernsehen existiert und Gebühren kostet. Das Dilemma von ARTE , dass sein auch im letzten Jahr über weite Strecken sensationelles Angebot kaum wahrgenommen wird, lässt sich in diesem Sinn als Trend deuten. Der Sender besitzt 100 5. Im Spiegel der Kritik die Qualität, die nachdrücklich die Notwendigkeit eines öffentlich-rechtlichen Programms unterstreicht, aber keiner kennt ihn. ARD und ZDF wiederum regredieren in weiten Strecken des Tagesangebots zu Trivialanbietern.« Sein Fazit: Zu beklagen sei neben dem Fehlen von Konzepten und Professionalität eine grundsätzliche Orientierungslosigkeit, eine Uneinigkeit innerhalb der Sender darüber, wie sie Qualität verstehen und umsetzen wollten. Zehn Jahre später hat sich der Kern der Vorwürfe nicht verändert. Information Das spezifische Jonglieren mit Statistiken wurde einst von den privaten Anbietern eingeführt, welche die Zuschauer in kleinste Altersgruppen aufteilten, um mit Blick auf die von der Werbung erwünschten Zielgruppen und mit dem erhofften Nebeneffekt eines allgemeinen Imagegewinns jeweils in Teilsegmenten eine unangefochtene Marktführerschaft zu beanspruchen. Doch spätestens bei der Konfrontation mit heftiger Kritik an Qualitätsverlusten im Informationsbereich greifen auch die öffentlich-rechtlichen Sender zum Zahlenargument. Tilmann P. Gangloff nimmt die Angabe von ARD -Programmdirektor Günter Struve auf, mit täglich zehn Stunden oder auch 44 Prozent der Sendezeit sei die Information»wichtigste Programmsparte«, weshalb er das Erste gern als»Informationssender Nummer eins« bezeichne. Dem stellt Gangloff entgegen:»Betrachtet man jedoch dieser Tage einen x-beliebigen Wochentag etwas näher, kommt man nicht umhin, die Behauptung zu bezweifeln; es sei denn, man subsumiert auch die ausufernden Wintersportberichte unters Rubrum ›Information‹.« Ähnliches gilt danach für das ZDF , das in seinen Programm-Perspektiven – den Selbstverpflichtungen – angibt, das Programm bestehe»zu rund der Hälfte aus Information«. 101 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme Weil auch Boulevardmagazine und Doku-Soaps zum Informationsbereich gezählt werden, werden diese Zahlen stark relativiert. Konzentriert man sich aber fernab solcher Rechendarstellungen auf die Kernbereiche der Information mit den so genannten Flaggschiff-Nachrichtensendungen und-magazinen –»Tagesschau« und»Tagesthemen« auf Seiten der ARD ,»heute« und»heute-journal« beim ZDF –, kommen die Kritiker zu differenzierten, zum Teil gegenläufigen Ergebnissen. Das vergleichende Urteil über die Ergebnisse der öffentlich-rechtlichen Binnen-Konkurrenz fällt dabei im Laufe der Jahre tendenziell immer wieder zugunsten der ARD aus. Dietrich Leder merkt zwar für das TV -Jahr 1999 an,»heute« habe durch das Moderatoren-Duo Klaus-Peter Siegloch und Petra Gerster»an Prägnanz gewonnen«, doch von anderer Seite werden scharfe Vorwürfe geäußert. So schreibt Andrea Kaiser in epd medien zu Beginn des Jahres 2002 bissig:»Wer wissen will, wie weich man eine harte Nachrichtensendung spülen kann, sehe sich mal ›heute‹ an. Die ZDF -Nachrichten waren 2001 – hochgetunt und tiefergelegt – weniger denn je eine vollwertige Alternative zur ›Tagesschau‹«. Ein Jahr später stellt Ulrike Steglich ebenfalls in epd medien fest, die »Tagesthemen« punkteten immer wieder mit pointierteren Bildern gegenüber dem»heute-journal«. Redaktionelle Aspekte wie Konzentration und Relevanz, deren Mangel immer wieder dem ZDF vorgehalten wird, prägen die Qualitätsdiskussion ebenso wie die stärker geschmacks- und temperamentabhängige Einordnung der Präsentatoren und Nachrichtensprecher. Ob Ulrich Wickert, Peter Hahne oder Anne Will: Auch im Informationsgenre wird mit dem Kriterium des Typischen gearbeitet. Die Moderatoren/Journalisten präsentieren und prägen dabei nicht nur ihre Sendung, sondern werden auch vereinzelt herangezogen, wenn die Qualität ihres ganzen»Standes« kritisch geprüft wird. 102 5. Im Spiegel der Kritik Das liest sich mitunter als Klage, wie im epd-Rückblick 1995. Dort stellt Nico Fried das Ausscheiden von Hanns-Joachim Friedrichs und den Antritt von Ulrich Meyer als Anchorman bei Sat.1 generalisierend und übergreifend als Generationswechsel dar:»Die einen hatten etwas mitzuteilen, die anderen haben etwas zu verkaufen. Als Folge verkommen so hehre Attribute wie Glaubwürdigkeit und Seriosität zu schlichten Werbeslogans. Die einen hatten sie, die anderen bekommen sie in wuchtigen Anzeigen einfach unters Konterfei geschrieben.« Dass Kloeppel( RTL ) für seine Berichterstattung am 11. September 2001 mit dem GrimmePreis ausgezeichnet wurde, wird als Ausnahme gewertet, weil unabhängig von dieser Einzelleistung der gesamte Nachrichtenzuschnitt bei den privaten Anbietern als wesentlich stärker von Human-Touch-Themen bestimmt wahrgenommen wird. Die Kritiker appellieren immer wieder an die öffentlich-rechtlichen Sender und ihre Redaktionen und Planer – so verschieden die Anlässe und einzelnen Kritikpunkte auch sein mögen –, mehr Mut zu beweisen und sich auch mit solchen Themen zu beschäftigen, die aus dem Blickfeld geraten sind oder herausgehalten werden. Beispielsweise konstatiert Ulrike Steglich für 1999 in epd medien eine fehlende Medienpräsenz Tschetscheniens:»Was erfährt man derzeit bei ARD und ZDF über Tschetschenien? Wenig. Sondersendungen? Keine. Weil die NATO nicht eingreift? Weil es uns nichts angeht?(…) Im Kosovo ›durften wir nicht zusehen‹. In Tschetschenien müssen wir gar nicht erst ›zusehen‹ – es gibt kaum Bilder. Dieser Entscheidung sind wir längst enthoben.« Mut wird propagiert zu unbequemen Interviews und deutlichen Fragen, zu journalistischer Souveränität, die nicht kapituliert, zu einem überlegten vorausschauenden Umgang auch mit unbequemen Situationen. So fragt Ulrike Steglich im Rückblick auf das TV -Jahr 2004, ob bei der Berichterstattung über die Landtagswahlen bei ARD , ZDF , RBB und MDR niemand in den Sendern ernsthaft damit gerechnet habe, dass DVU und NPD den Einzug in den sächsischen und den brandenburgischen Landtage 103 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme schaffen könnten, und ob es wirklich keine Moderatoren gebe, die souverän und professionell mit den Vertretern dieser Parteien umgehen könnten.»Was an diesem Abend zu sehen war, wirkte unvorbereitet, hilflos und peinlich. Die offenbarte Gesprächsverweigerung von Journalisten als Demonstration der eigenen(politisch) korrekten Gesinnung sei ein»Bärendienst an der Demokratie, eine Steilvorlage für die Rechten, die sich an diesem Abend als Opfer brüsten konnten.« Als Gesamteindruck hinsichtlich der Qualität der öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen bleibt aber bestehen, dass die Kritik ein vergleichsweise hohes Niveau anerkennt und eine Kernkompetenz zuerkennt. Mit einem großen Korrespondentenaufgebot – das sich bei herausragenden Ereignissen wie zum Beispiel dem Irak-Krieg qualitativ zusätzlich profilieren konnte –, mit kompetenten und renommierten Studioleitern und Moderatoren sowie Sondersendungen zu aktuellen Themen bieten danach ARD und ZDF den Zuschauern grundsätzlich unabhängige und fundierte Informationen. Die gleichwohl vorhandene Kritik an der Themenund Schwerpunktwahl sowie an handwerklichen Realisierungsfragen stellt das Fundament des öffentlich-rechtlichen Regelangebots bei den Nachrichtensendungen nicht grundsätzlich in Frage. Anders sieht es auf den benachbarten Feldern aus, zum Beispiel bei aktuellen Sondersendungen oder den politischen Talkshows, die ebenfalls der Information der Zuschauer dienen sollen. Die Reaktionen der Fernsehkritiker reichen von scharfer analytischer Sachkritik bis zu beißendem Spott und richten sich beispielsweise auf ein als zu routiniert empfundenes ›Ausschlachten‹ der Formate bzw. Themen und eine immer wieder feststellbare boulevardeske Haltung. Bezogen auf das Fernsehjahr 1997 – das u.a. geprägt war durch die massive Medienbegleitung des Schicksals der bei einem Autounfall getöteten Prinzessin Diana – schreibt Thea Spielmann in epd medien:»Nur zu gerne gaben die Sender dem Zuschauer, 104 5. Im Spiegel der Kritik was er mochte. Die Royalisten-Welle rollte durchs zweite Halbjahr. Die Goldene Hochzeit des britischen Königspaares? ARD und ZDF übertragen live aus London. Die spanische Prinzessin Cristina heiratet? Dieselben Bilder zeitgleich auf beiden Kanälen. Der eine oder andere erinnerte sanft daran, dass wir in einer Republik leben.« Weitgehend negativ ordnete die Kritik schon seit Jahren die politische Talkshow»Christiansen« ein, der die ARD einen hohen Stellenwert einräumt. Die Ankündigung, dass die frühere»Tagesthemen«-Moderatorin diese Sendung aufgibt, wurde 2006 als längst überfälliger Schritt gewertet. Die folgende breite Auseinandersetzung um die mögliche neue Ausrichtung und die personelle Besetzung(zunächst war der RTL -Starmoderator Günter Jauch vorgesehen) zeigte wiederum, wie stark auch die Öffentlichkeit diesen sonntäglichen Sendeplatz im Blick hat und welche hohe symbolische Bedeutung diesem Format zugesprochen wird, intern und extern. Schon früh belegte der bis heute bestehende Hauptvorwurf an Konzept und Realisierung einen tiefen Unmut: dass bei»Christiansen« inhaltsleer und wenig strukturiert ein immergleicher Kreis alarmistisch-plakativ angerissene Themen diskutiere. Andrea Kaiser schrieb über das Fernsehjahr 2001, Christiansens Talkshow fungiere längst als eine Art TV -Zweitparlament:»Politiker aller Farben nutzen die Gratis-Bühne, um sich vor Millionenpublikum zu produzieren. Oft gibt es nicht mal mehr klar erkennbare Themen. Jeder darf sagen, womit er gerade am meisten angeben kann. Richtig auf den Zahn gefühlt wird niemandem.« Zwei Jahre später – und durchaus exemplarisch – das gleiche Urteil:»Die immer gleichen Politiker-vor-Kamera-Rituale, Bein rechts, Bein links und selten ein Blick über den Tellerrand«, schreibt Ulrike Steglich zu»Christiansen« im Jahr 2003. Zu den traditionellen Angeboten der öffentlich-rechtlichen Informations-Sparte gehören die aus föderalen Anstaltsüberle105 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme gungen insgesamt sechs politischen Magazine der ARD . Auffällig ist, dass eine Auseinandersetzung mit einzelnen Beiträgen oder Sendungen in Fernsehkritiken und Jahresrückblicken kaum vorkommt und statt dessen der programmstrukturelle Aspekt – der Umgang des Gesamtverbundes ARD mit diesen Magazinen – im Vordergrund steht. Ob zeitliche Kürzung der einzelnen Magazine oder mangelnde Pflege des Programmplatzes: Die(überwiegend kritische) Aufmerksamkeit ist groß, wenn über die Magazine als Institution diskutiert wird. Das liegt, betrachtet man die Argumentationen genauer, nicht zuletzt daran, dass von den Magazinen eine spezifische, auch durch Investigation geprägte Informationsweise erwartet wird, die sich viele Kritiker auch für andere Formate, etwa für Sondersendungen zu aktuellen Themen, wünschen. Eine Leitfunktion, welche in Zeiten eines früheren öffentlich-rechtlichen Oligopols zu beobachten war, wird den Magazinen allerdings nicht mehr zugeordnet. Kritisiert wird, dass sie nicht selten zur Spielmasse der Programmplanung werden, wenn quotenträchtige Ereignisse, vorwiegend massenattraktive Sportübertragungen, ihren Ausfall bewirken und somit sowohl die Themenbehandlung als auch die Regelmäßigkeit und Zuverlässigkeit berührt wird. Im Jahr 2000, so Andrea Kaiser in epd medien, seien die ARD -Politmagazine, »die die Möglichkeiten hätten, in die Tiefe zu gehen, vom teuren König Fußball ein um das andere Mal von ihren angestammten Sendeplätzen gekickt worden. Erst auf Nimmerwiederfinden und dann auf Nimmerwiedersehen?« Qualitätsfernsehen ist nach diesem Verständnis und Anspruch auch daran zu messen, wie die Substanz von Sendungen zu bewahren und zu pflegen ist. 106 5. Im Spiegel der Kritik Dokumentationen und Reportagen Drei Hauptphänomene prägen immer wieder die Debatte um das Genre der Dokumentationen und Reportagen. Festgestellt wird erstens: Es gibt eine beachtliche Zahl bemerkenswert guter und formal eigenwilliger Dokumentarfilme; jedoch würden viele dieser Filme trotz herausragender Qualität und der exzellenten Arbeit preisgekrönter Autoren und Regisseure in den Nachtprogrammen der öffentlich-rechtlichen Sender regelrecht»versenkt«, so dass sie ihre Potenziale nicht richtig entfalten könnten. Zum zweiten wird eine zunehmende Formatisierung nach dem Muster von Guido Knopp und eine an erwartbaren Effekten ausgerichtete Themenwahl beklagt, für die gute Sendeplätze viel leichter erreichbar seien. Das dritte Phänomen: Doku-Dramen, wie sie nicht zuletzt Horst Königstein und Heinrich Breloer bei ihren Produktionen(so zuletzt in»Die Manns« und»Speer und Er«) immer weiter perfektioniert haben, finden(allerdings nicht zwangsläufig) überwiegend positive Kritiken, bei gleichzeitiger Anerkennung durch das Publikum. Die Liste der Auszeichnungen beim Adolf-Grimme-Preis belegt über die Jahre, dass bei den öffentlich-rechtlichen Programmen (im Vergleich zu den privaten Sendern in dominierender Form) viele Qualitätssendungen im Dokumentarischen produziert werden. Ambitionierte Filmemacher widmen sich immer wieder eigenständigen, brisanten, manchmal auch leisen Themen, die von gesellschaftlicher und politischer Relevanz sind oder intensive menschliche Zugänge eröffnen und darüber hinaus von hoher formaler Prägnanz sind. Wie dabei Qualität gesehen und verstanden wird, zeigt das Beispiel einer Folge der ARD -Dokumentation»Die wirren Jahre«, die Nico Fried im Fernsehjahr 1996 sehr positiv aufnimmt:»Es erstaunt einen ja immer wieder, wie viele Zeitzeugen für solche Sendungen noch aufgetrieben werden können. Aus deren Statements komponierte der Autor ein kontrastreiches Miteinander 107 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme und Gegeneinander, das beim Zuschauer einen ungeheuer dichten Eindruck hinterließ. Sachliche und glänzend formulierte Zwischentexte lagen über teils dokumentarischen, teils symbolischen Bildern. Und manchmal wurde sogar einfach geschwiegen. Das war gut, denn so konnte es sich setzen, wenn zum Beispiel einer ehemaligen KZ-Aufseherin zum Stichwort Not und Elend nur ihr eigenes in der Nachkriegszeit einfiel.« In der Summe positiv registriert wird, dass die öffentlich-rechtlichen Sender Reihen wie»Das rote Quadrat«,»die story« und »37°« etabliert haben, in denen Reportagen und Dokumentationen jeweils unter einer Dachmarke zusammengeführt werden, die im besten Fall für eine größere Zuschauerbindung und vergleichsweise stabile Sendeplätze sorgen. Negativ bemerkt wird, dass solche Reihen – wie beim im journalistischen Ansatz vorbildlichen »Roten Quadrat« – bei geringeren Quoten sofort im Bestand gefährdet sind oder – wie bei Einzelsendungen der»story« – nicht ohne Ausnahme im Hauptprogramm zu sehen sind. Dies, obwohl eine durchgehend hohe Qualität zu finden ist(wie beispielsweise die Tatsache belegt, dass 2006 gleich fünf Filme aus der Reihe »die story« für die Endrunde des Adolf-Grimme-Preises 2006 nominiert waren). Die Nominierungskommission zeigte sich dabei beeindruckt sowohl von der thematischen Bandbreite und Vielfalt unter dem Reihentitel als auch von der hohen professionellen Qualität und den prägnanten Handschriften in den jeweiligen individuellen Realisierungen(was sich 2007 fortsetzte). Wie in jeder anderen Programmsparte profilieren sich im Laufe der Jahre auch im Dokumentarischen eine ganze Reihe wichtiger und erfolgreicher Autoren/Regisseure, von Hartmut Bitomsky über Andres Veiel und Thomas Riedelsheimer bis zu Harun Farocki oder Thomas Schadt. So wird Farocki im Jahrbuch Fernsehen bei Dietrich Leder immer wieder gewürdigt, zum Beispiel beim 2000 ausgestrahlten Film»Gefängnisbilder«:»Von Harun Farocki kann man lernen, die Filmbilder der Archive genauer zu betrachten, sie auf ihre Struktur, auf die nicht gewollten Elemente, 108 5. Im Spiegel der Kritik auf vermeintlich Störendes oder Dysfunktionales hin zu untersuchen.« Schadt wird bescheinigt, immer wieder bei ganz unterschiedlichen Inhalten – vom»Autobahnkrieg« über Beobachtungen zum Wahlkampf Gerhard Schröders 1997 bis zu»Amok in der Schule« über das Massaker von Erfurt – relevante Themen mit großer Tiefenschärfe zu behandeln. Die Handschriften solcher Dokumentarfilmer wiesen – trotz aller individuellen Unterschiede – als gemeinsames Kennzeichen auf(und dies gelte für viele herausragende Vertreter des Genres), dass es oft die leisen, scheinbar bescheidenen Töne sind, die eine intensive Wirkung erzielten. Nicht zuletzt, weil den Zuschauern das selbstständige Fühlen und Denken, anders als bei plakativen Formen, nicht erlassen werde. Auch im Jahr der Anschläge auf das World Trade Center kommt den über das Aktuelle hinausgehenden Dokumentarfilmen eine besondere Rolle zu. Sie entschädigen für die in den Augen der Kritiker unzureichenden Sondersendungen und ergänzen die aktuellen Meldungen durch Hintergrundwissen, das zum Verständnis der Ereignisse beiträgt. Andrea Kaiser konstatiert in epd medien:»Den Genuss von unter Zeitdruck zusammengeschusterten ›Brennpunkten‹ und ›spezial‹-Sendungen, die mal wieder gute Quoten hatten, hätte man sich zu Gunsten der Zeitungslektüre (…) meist schenken können. Dagegen brachten starke Dokumentarfilme – etwa ›Im Reich der Finsternis‹ oder ›Jung‹ – so hervorragende hintergründige und anschauliche Informationen, wie sie uns kein anderes Medium bietet. Besser als alle SchlaumeierKommentare halfen sie uns Ahnungslosen – die wir zum ersten Mal von El Dschasira hörten und erst jetzt bemerkten, dass afghanische Flüchtlinge im Offenen Kanal Programm machen – zu verstehen, worum es in etwa geht.« Für nahezu alle Dokumentationen, die ein derart positives Echo auslösen, gilt jedoch die Feststellung, dass sie in den Hauptprogrammen zeitlich randständig als verbannte Glanzlichter fun109 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme gieren. Ulrike Steglich konstatiert 2005: Gäbe es eine Statistik, wie viele hervorragende Reportagen und Dokumentarfilme im Nachtprogramm weit unter Wert verkauft werden,»müssten die Programmplaner schamrot anlaufen«. Diese Feststellung ist durchgängig und beleuchtet einen systematischen Mangel der Programmierung. Alle Appelle an die Sender, so die konstante Klage, sich ihres Tafelsilbers bewusst zu werden oder zu sein und es pfleglich auch im Sinne des gesellschaftlichen Auftrags zu behandeln, seien bislang ins Leere gelaufen. Fast unisono fällt im Beobachtungszeitraum die Kritik am dokumentarischen Formatfernsehen aus, das Guido Knopp beim ZDF ausgebildet hat und das über Hauptabend-Sendeplätze(zusätzlich zur immer noch währenden Themen-Faszination Hitler/Drittes Reich) einen Aufmerksamkeits-Bonus bekommen hat. Viele Kritiker monieren»Fließbandproduktionen«, konstatieren mangelnde Erkenntnis-Möglichkeiten, prangern fehlende Subtilität und»Holzhammer-Methodik« an. Zu der ZDF -Reihe»100 Jahre. Der Countdown« von 1999 schreibt etwa Ulrike Steglich:»Wo Bilder fehlten, wurden sie nachinszeniert, da sah man dann Füße Schritte machen oder eine Hand auf einem Papier unterschreiben, schön geheimnisvoll beleuchtet – und irgendwie albern.« Ein Jahr später verweist Andrea Kaiser an gleicher Stelle auf die »inzwischen erschöpfend kritisierte« Machart Knopps und nennt als einen der möglichen Gründe für den Erfolg der Produktion »Hitlers Kinder«, dass der Sender mit seiner»Hitlerei« eine bestimmte Gruppierung diesmal besonders genau bediene:»die älteren Herrschaften, die den Faschismus als Kinder und Jugendliche erlebten und heute ZDF gucken.« Dietrich Leder verweist seinem Rückblick auf das TV -Jahr 1997 im Jahrbuch Fernsehen auf weitergehende, übergreifende Verwertungsformen dieses Formatfernsehens. Er schreibt von»billigen visuellen und sprachlichen Erkenntnisfloskeln, mit denen der ZDF -Archivcomputer namens Guido Knopp regelmäßig seinen 110 5. Im Spiegel der Kritik Brei aus historischen Bildern und Tönen anrührt, auf dass die Zuschauer ihn ebenso folgsam essen wie folgenlos verdauen und brav die Bücher zur Serie kaufen, die nur echt sind, wenn auf dem Cover der Knopp-Kopf klebt, der sich auch im Fernsehen immer wieder zwischen die Päpste und Hitlers Helfer und Hitler schiebt, damit man ihn auch nur ja wieder erkennt.« Dass es durchaus immer noch möglich ist, der Thematik neue Perspektiven abzugewinnen, belegte André Hellers Film»Im toten Winkel. Hitlers Sekretärin«, der auf einer langen Selbstaussage der Zeitzeugin beruht.»Atemberaubend« nennt Ulrike Steglich das Ergebnis:»90 Minuten Monolog Traudl Junge – und mehr Erkenntnis als bei allen Guido-Knopp-Serien zusammengenommen.« An der programmlichen Grundkonstellation hat die massive Kritik nichts geändert. Knopp, der in seinem Porträt auf der ZDF Website mit dem Motto»Aufklärung braucht Reichweite« zitiert wird, leitet inzwischen das ZDF -Ressort»Zeitgeschichte/Zeitgeschehen« und moderiert seit 2000 die Reihe»History«. Für das ZDF rechtfertigen(auch internationale) Quotenerfolge und TopPlätze auf Bestseller-Listen diese Art der Geschichtsvermittlung. Der Dreiteiler»Mit Gottes Segen in die Hölle – Der dreißigjährige Krieg« aus der Reihe» ZDF -Expedition« etwa wird im epd medien Rückblick auf 2003 als»nur ein Beispiel figurenbezogener, emotionalisierter Geschichtserzählung mit viel Effekthascherei« beurteilt.»Mag ja sein«, heißt es,»dass dies das Modell ›modernen Bildungsfernsehens‹, orientiert an ›modernen Sehgewohnheiten‹, ist – allerdings kommt die Bildung da ein wenig zu kurz weg, und man fühlt sich immer ein bisschen unterschätzt.« Beim Phänomen des Doku-Dramas scheinen Qualität und Quote am leichtesten(auch in der Übereinstimmung von Kritik und Publikum) in einen Einklang zu kommen, wobei auch hier große, populäre Stoffe – wie bei den»Manns« oder»Speer und Er« – für eine besondere Anziehung sorgen und diese Filme auch durch 111 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme großangelegte Promotionen unterstützt werden. Weil es möglich sei, mit solchen Filmen ein großes Publikum zu erreichen, sollten derartige Projekte, so die Kritikermahnung, ARD und ZDF ermutigen, anspruchsvolle Dokumentationen auch in der Hauptsendezeit zu platzieren. In der Begründung der Jury für die 1994 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Produktion»Wehner – Die unerzählte Geschichte«( WDR / NDR ) werden Qualitätskriterien modellhaft benannt: »Mit seiner Montagetechnik aus Spiel- und Dokumentarszenen, die längst das unverwechselbare Markenzeichen von Heinrich Breloer ist, hat der Autor einen schweren und komplizierten zeitgeschichtlichen und politischen Stoff lebendig werden lassen und damit primetimefähig gemacht – ohne dass das Material an dokumentarischem Gewicht einbüßt.« Es sei gelungen, die»heikle Mischform« durch einfühlsam inszenierte und herausragend besetzte Spielszenen, durch sensible Interviews mit ausgefallenen Zeitzeugen und durch aufregendes, neues Dokumentarmaterial zur unumstrittenen Kunstform weiterzuentwickeln,»die Fernsehgeschichte schreiben wird«. Die investigativen Leistungen verdienten besondere Anerkennung,»die hoffentlich auch dem von Aussterben bedrohten politischen Fernsehspiel im deutschen Fernsehen zugute kommen« werde. Doch ob der Erfolg auf das Genre abstrahlt, bleibt ungewiss. Immer wieder müssen sich auch ambitionierte und sorgfältig umgesetzte, dabei stets engagiert diskutierte Projekte mit Quoten-Misserfolgen abfinden, wie die ARD -Serie»Klemperer – ein Leben in Deutschland«. Sie, ausgestrahlt 1999, fiel beim Publikum durch: »Die Erwartungen an das anspruchsvolle wie schwierige Vorhaben waren groß, das Zuschauerecho ernüchternd«, schreibt Ulrike Steglich, bei gleichzeitiger Warnung, daraus den Schluss zu ziehen,»dass die Zuschauer solche Stoffe nicht sehen wollen.« 112 5. Im Spiegel der Kritik Breit aufgestellte fiktionale Formen Die fiktionalen Sendungen sind thematisch wie in ihren Formen breit aufgestellt. Wichtig ist hier ein zusätzlicher Aspekt. Anders als bei den Informationsprogrammen und Dokumentarfilmen stehen die öffentlich-rechtlichen Sender hier in starker Konkurrenz zu den Privaten, die sowohl über importierte Formate als auch über Eigenproduktionen hier große Zuschaueranteile im Vorabendprogramm und in der Hauptsendezeit sichern. Die beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen im Schnitt älteren Zuschauer sehen bei ARD und ZDF in Hülle und Fülle vorhandene(Vorabend-)Serien, Krimis und Fernsehfilme. Von jüngeren erfolgreichen und kritikergelobten Experimenten wie»Berlin, Berlin« einmal abgesehen, bieten die Vorabendserien in ARD und ZDF in qualitativer Hinsicht wenig.»Forsthaus Falkenau«,»Familie Dr. Kleist« und Co., außerdem diverse Soaps, Telenovelas und Krankenhausserien prägen das Bild – alles eher typisch kommerzielle Sendeformen. Sie gelten Fernsehkritikern meist als seicht und dümmlich, als»Fernsehen aus dem Windkanal«, wie Tilmann P. Gangloff in seinem epd medien-Rückblick auf das Jahr 2005 schreibt. Öffentlich-rechtliche Stärke: die Fernsehfilme Eine gewichtige Rolle in der Qualitätsdiskussion spielen dagegen die Fernsehfilme, wobei ein großer Teil der gesellschaftlich relevanten und brisanten Themen in Krimireihen wie»Tatort«,»Polizeiruf 110«(beide ARD ) oder»Sperling« und»Bella Block«(beide ZDF ) behandelt werden. Bei dieser Art der Fiktion dominieren die öffentlich-rechtlichen Sender auch zahlenmäßig mit großem Abstand das Angebot, nachdem die privaten Anbieter ihre Fernsehfilm-Produktion stark heruntergefahren haben. 113 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme Hans Janke, stellvertretender Programmdirektor des ZDF und Verantwortlicher für den Fiktionsbereich des Senders, warb bereits als vorheriger Kritiker für die Formel»Qualität im Populären« und sucht nun, dies beim ZDF als Ziel der Programmpolitik zu realisieren, wobei renommierte Werkstätten wie das»Kleine Fernsehspiel« ihre Möglichkeiten weiter ausspielen können – allerdings auf späten, oft nach Mitternacht liegenden Sendeplätzen. Die Welt honorierte dies mit dem Lob, hier wage jemand, sich von Einschaltquoten sein Qualitätsurteil nicht vorschreiben lassen zu wollen und auch Misserfolge in Kauf zu nehmen, wenn er von der Güte eines Films überzeugt sei. Kritiker Rainer Tittelbach sieht Qualitäten auch in der spezifischen Realisierung sonst viel gescholtener Stoffe à la Pilcher: Der Frauenroman sei im ZDF oft überzeugender als zwischen den Buchdeckeln. Die Kritiker(und die Juroren der bedeutenden einschlägigen Fernsehpreise) loben unisono auch in sonst durchschnittlichen Programmjahren die herausragende Qualität vieler FernsehfilmProduktionen.»Für nicht mal eine Hand voll gerade der Mittwochsfilme könnte die ARD all das, was sie freitags an Rührseligkeiten zu zeigen pflegt, getrost eintauschen«, so Tilmann P. Gangloff in seinem Rückblick auf das Fernsehjahr 2005 in epd medien. Ulrike Steglich zog zwei Jahre zuvor das Fazit, es gebe im Fernsehen eine erste Riege hervorragender Regisseure, erstklassiger Schauspieler und Hoffnung weckender Drehbuchautoren. Man müsse nur genau hinsehen – was bei den Reihen»Debüt im Ersten« und »Debut im Dritten« besonders viele Entdeckungen beschere. Kontrastierend heiße das:»Nicht hinter jedem TV -Event verbirgt sich wirklich ein Ereignis, und oft boten kleinere Produktionen ein überraschenderes Erlebnis als die opulenten Highlights.« Systemübergreifende Erscheinung: Event-Fernsehen Diese so genannten TV -»Events« gehören zu den systemübergreifenden Erscheinungen der letzten Jahre. Ein hoher Produk114 5. Im Spiegel der Kritik tionsaufwand prägt diese in der Regel als Mehrteiler angelegten Filme, große Namen schmücken die Darstellerliste, Special Effects und eine aufwendige Ausstattung gehören naturgemäß dazu – herausragende Drehbücher, überzeugende Schauspielleistungen und feinfühlige Regie dagegen nicht immer. Gelobte und preisgekrönte Produktionen(wie»Das Wunder von Lengede«,»Tanz mit dem Teufel«, beide Sat.1, zuletzt»Dresden«, ZDF ) stehen neben scharf kritisierten ›Schinken‹(wie die Nibelungen-Verfilmung auf Sat.1). Der Grat, dies die übereinstimmende Auffassung, sei schmal, Opulenz und Qualität stünden nicht zwingend in einem Zusammenhang, Opulenz und Quote dagegen meistens schon. Doch neben den vielen Filmen, die qualitativ und/oder durch ihren enormen Produktionsaufwand aus dem Angebot herausragen, gibt es in jedem Fernsehjahr auch»Spielfilm-Schrott oder Mittelmaß auf allen Kanälen(auch den öffentlich-rechtlichen)«, so epd medien beispielsweise über das Fernsehjahr 1999. Dieser quantitativ beachtliche Teil des Gesamtangebots umfasst»Amüsierliches«(Hans Janke), oftmals Familienkomödien oder die von Dietrich Leder besonders gern aufs Korn genommenen»frauenaffinen« Stoffe. Oftmals erregen dabei schon die lebensfernen Anlagen und Zeichnungen der Geschichten den Unmut der Medienjournalisten. So konstatiert Steglich,»dass sich die Milieus im deutschen Fernsehfilm nach wie vor beharrlich der(vielschichtigeren) Wirklichkeit verweigern – ob ›First Love‹ oder die Familienkomödie ›Frühstück zu viert‹(beide ZDF ): Diese TV -Welt ist bevölkert von Jung-Designern mit Porsches, Journalisten mit Wohnungen, die ihnen vermutlich die Porsche-Designer ausgestattet haben, oder wahlweise großzügigen Familienvillen mit Elbblick oder Hirschgeweih und Jägerzaun, und kein Drehbuchautor beantwortet die Frage, wer diesen Luxus bezahlt hat.« 115 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme Quantitativer Schub bei Trivialisierungs-Ware So kam und kommt es zu Schlagworten wie»Süßstoff«-Debatte ( ARD ),»Pilcherisierung«( ZDF ) und»Degetoisierung«( ARD ) des Fernsehens. Konstatiert wird ein beträchtlicher Anteil an routiniert bis professionell durchaus beachtlich hergestellter Trivialisierungs-Ware, mit einem quantitativen Schub, der auch zur Folge habe, dass die Existenz der herausragenden Produktionen verkannt werde. Doch nicht nur das Qualitätsgefälle innerhalb eines Genres ist dabei problematisch, sondern vor allem die Konsequenz der festen Top-Sendeplätze für Seichtes. Während es, wie Andrea Kaiser exemplarisch beim Fernsehjahr 2001 beobachtet,»auch mal AntiMainstream-Streifen ins ARD -Hauptprogramm« schafften, weite sich»die eigentliche Süßstofffabrik der ARD , die Degeto«, aus: »Ausnahmen wie die weniger gezuckerte Komödie ›Küss mich, Tiger‹ bestätigen die Regel – am Freitag besser nicht versehentlich auf den Knopf mit der ›1‹ drücken. Und am Tag des Herrn nicht auf die ›2‹. Mit dem ›großen ZDF -Sonntagsfilm‹ führte das ZDF , das schon vor Jahren mit der ›Pilcherisierung‹ des Fernsehfilms Sprachgeschichte machte, sein eigenes Schmus-Label ein.« Die große Bandbreite, die großen Könner Der Fernsehfilm im öffentlich-rechtlichen Programm findet danach kein durchgehend eindeutiges Profil. In positiver Wendung ist daraus der Schluss zu ziehen, dass er ein großes Spektrum bedient und es mithin hervorragende Einzelstücke(auch in den Krimi-Reihen) gibt, aber ebenso weite seichte Flächen – ein Trend, der sich in den Folgejahren fortsetzt. So konstatiert Steglich mit Blick auf das Fernsehjahr 2002:»Zwischen all den quälenden ZDF -Sonntagsschinken und den unzähligen Jägerzaun-Familienkomödien(letztere auch bei der ARD ) ließen sich wirklich sehenswerte bis herausragende Produktionen finden: ›Hat er Ar116 5. Im Spiegel der Kritik beit?‹ etwa, von Kai Wessel und Beate Langmaack – ein virtuoser, leichtfüßiger, einfühlsamer Film über Arbeitslosigkeit und zu Recht preisgekrönt. Ebenfalls ausgezeichnet: Christian Petzolds ›Toter Mann‹ mit Nina Hoss und André Hennicke. Ob ›Sperling und der stumme Schrei‹, ›Bella Block: Im Namen der Ehre‹, ›Unter Verdacht‹(mit Senta Berger), ›Hanna, wo bist Du‹, ›Ein Dorf sucht seinen Mörder‹, ›Himmelreich auf Erden‹ oder ›Tödliches Vertrauen‹ – alles überzeugende, sehenswerte Produktionen.« Erinnert sei noch einmal an die These der im deutschen Fernsehen vorhandenen großen Könner. Stehen manche Schauspieler, Regisseure oder Autoren konstant für Qualität? Beginnen wir mit der Darstellung − als für den Zuschauer offensichtlichster Leistung einer TV -Produktion. In seinen Jahresrückblicken im Jahrbuch Fernsehen widmet sich Dietrich Leder immer wieder detailliert dem Fiktionalen und seinen Gesichtern. Er macht eine begrenzte Menge immer wiederkehrender Namen herausragender Schauspielerinnen und Schauspieler aus, die nicht nur Kritiker, sondern auch das Fernsehpublikum begeistern – und damit mitunter auch schwierigen Stoffen zu überdurchschnittlichen Quoten verhelfen. Genannt seien hier – beispielhaft, weil sich die Namensliste leicht und gut begründet verlängern ließe – Martina Gedeck, Joachim Król, Maria Schrader, Barbara Rudnik, Dieter Pfaff, Nicolette Krebitz, Heinrich Schafmeister, Corinna Harfouch, Meret Becker, Peter Simonischek, Dagmar Manzel, Monika Bleibtreu, Edgar Selge, Nina Hoss, Nina Petri, Götz George, Nina Kunzendorf. Es mangelt, das wird bei einem Blick auf zehn Jahre Fernsehkritik deutlich, dem deutschen Fernsehen nicht an großen Darstellerinnen und Darstellern, ganz im Gegenteil – es mangelt eher an einer angemessenen Würdigung durch Kritik und Publikum. »Anderswo wären sie Stars«, schreibt Dietrich Leder im Jahrbuch Fernsehen über die»erste Riege«, die wegen der Dominanz der 117 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme Produktion in erster Linie bei den Öffentlich-Rechtlichen zu sehen sind. Hohe Qualität bei den Regisseuren Ähnlich – bei naturgemäß begrenzterer Zahl – beurteilt Leder die Möglichkeiten der Regie in Deutschland. Ein Name dominiert dabei über die Jahre hinweg nicht nur bei ihm, sondern auch bei den meisten Kritikern und auch bei den Jurys der renommierten Preise für Fernsehfilme(so dem Fernsehfilm-Preis der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste, dem Grimme-Preis und dem Deutschen Fernsehpreis): Dominik Graf. Er und einige andere Regisseure(beispielsweise Christian Petzold, Stefan Krohmer, Kai Wessel, Hermine Hundgeburth, Max Färberböck, Christian Görlitz, Josef Kaufmann) beweisen konstant eine hohe Qualität und arbeiten mit einer Reihe von hervorragenden Drehbuchautoren zusammen, darunter Beate Langmaack, Christian Jeltsch, Daniel Nocke und Günter Schütter. Um beispielhaft der Qualität in der Regie nachzuspüren, sei die Begründung der Grimme-Jury für Dominik Graf zitiert, der 1997 zusammen mit dem Kameramann Benedict Neuenfels für»Sperling und das Loch in der Wand«, eine ZDF -Produktion, ausgezeichnet wurde. Graf schaffe»eine Atmosphäre, in der die Figuren etwas so Kostbares wie menschliche Würde entfalten können – sei es die komische Würde der Gauner mit ausgeprägter krimineller Energie, oder die angeschlagene Würde derer, die auf der Suche nach dem Glück gestrauchelt sind. Nie aber erliegt die Inszenierung der Gefahr, ins Kitschige, Süßlich-Romantische zu rutschen.« Es seien die neuen Blickwinkel, die kleinen Unebenheiten der Charaktere, das Bestehen auf realistischen Milieus, die kraftvolle und doch ruhige Inszenierung, die den Stil Grafs ausmachten. Der in diesem Fall ausgezeichnete»Sperling« lebe, so die Jury,»von der Schönheit des Unscheinbaren, mit der einen der Blick der Kamera immer wieder überrascht.« 118 5. Im Spiegel der Kritik Wie anders es sein kann, zeigte 2002 das groß angekündigte, dann aber von der Kritik zerrissene vierteilige Epos»Liebesau – Die andere Heimat«( ZDF ). Regisseur Peter Steinbach, urteilt Ulrike Steglich, habe nicht mit den Klischees gespielt,»er ließ sie spielen. Eine ganze Armada von Trotteln und Witzfiguren marschierte da auf. Sechs Stunden lang.« Die Krimis: langlebige Reihen, profilierte Marken, individuelle Handschriften Kein anderes Genre im deutschen Fernsehen verfügt über so viele langlebige Reihen und profilierte Marken und kann zugleich auf einen nicht abnehmenden Zuspruch des Publikums und auch auf viel Lob durch die Kritiker zählen wie das des Kriminalfilms. Zwar gilt das längst nicht für alle Produktionen dieses substanziellen Programmbestandteils. Doch Reihen wie»Tatort«,»Bella Block«, »Unter Verdacht« und»Polizeiruf 110« haben sich zu Marken mit hochwertigem Image entwickelt. Sie können auf herausragende und renommierte Regisseure und Autoren zählen und bauen auf hervorragende Darsteller. Die Attraktion für die Zuschauer ist durch entsprechende Pflege der Sendeplätze über viele Jahre kontinuierlich gestärkt worden. Immer wieder fallen Folgen dieser Serien in den Jahresrückblicken(und in den Diskussionen und Entscheidungen der wichtigen Jurys) auf – dies stets aufgrund ganz individueller Stärken, aber zugleich wird dabei auf einige allgemeine Qualitätskriterien verwiesen, die mit denen des einzelnen Fernsehfilms weitgehend identisch sind. So, wie Hans Janke dem Fernsehspiel eine krimiähnliche Spannung wünscht, stellt sich auch ein entsprechender Einfluss hochwertiger Fernsehfilme aus anderen Themenbereichen oftmals als Bereicherung für den Krimi heraus. Seinen letzten Grimme-Preis erhielt Dominik Graf im Jahr 2006 für die Regie des»Polizeiruf 110: Der scharlachrote Engel«. Schon zehn Jahre zuvor hatte er sich dem Genre gewidmet. Seiner Inszenierung des»Tatort: Frau 119 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme Bu lacht« bescheinigte Nico Fried damals»beste Qualität«. Aber auch unabhängig von einzelnen besonders glänzenden und sogar preisgekrönten Folgen gehören nach Meinung von Ulrike Steglich 1999 in epd medien»Tatort« und auch»Polizeiruf 110« zu den »renommierten und dank der Länderstruktur oft milieugenauen Produktionen, ob Hamburg, München oder Dresden.« Noch im Fernsehjahr 1996 hatte Nico Fried allerdings ein wenig sehnsüchtig auf die britische Produktion»Für alle Fälle Fitz« geblickt, die sich seines Erachtens deutlich von deutschen Kriminalfilmen unterschied:»Verkrachte Existenzen in Kriminalfilmen gibt es auch in Deutschland. Aber viel zu oft verbinden sich dabei Image und Klischee zu einem mühsamen Effekt. Hierzulande gilt Psychologie im Film meist als stimmig, wenn man schon vorher weiß, was hinten rauskommt. Nicht so bei Fitz. Hier ergab sich der Reiz meist aus einer verstörenden Entwicklung, die sich erst ganz am Ende als schlüssig erwies. Und manchmal auch nicht. Das war ja gerade das Spannende. Ein völlig neues Genre, erzählt in starken Dialogen, in klaren Bildern von einer originellen, aber nicht aufdringlichen Kamera. Und mit Typen.« Doch die deutschen Macher haben seither aufgeholt. So belegte beispielsweise der»Tatort: Im freien Fall«( BR ) vor vier Jahren, dass gerade im Krimi die gewünschte»Qualität im Populären« zu finden ist. Die Grimme-Jury begründete 2002 ihre Auszeichnung für den Film unter anderem damit, dass die verantwortliche Redakteurin Silvia Koller die Voraussetzung dafür schaffe,»dass Kontinuität auf hohem Qualitätsniveau gewahrt bleibt und jeder ›Tatort‹ doch wieder aufs Neue überrascht.« Koller zeichne sich durch den Wagemut aus, ungewöhnliche Themen durchzusetzen und trotzdem die Dimension emotionaler Glaubwürdigkeit nicht aus den Augen zu verlieren.»An regionalem Charme, an Einfallsreichtum und Unterhaltsamkeit ist der Münchner ›Tatort‹ nicht zu übertreffen.« Die ausgelösten Emotionen seien für den Zuschauer geradezu schwindelerregend,»aber so intelligent in Drehbuchkonstruktion und Inszenierung, in Schauspielkunst und Bildge120 5. Im Spiegel der Kritik staltung, dass sich die komischen und tragischen Momente, das Liebesglück des Kommissars und die Ermittlungen im Kunstmilieu zu einem Krimi fügen, der den Gesetzen des Genres gehorcht und sie zugleich ins atmosphärisch ungewöhnlich Intensive, Vibrierende erweitert.« Doch die Fernsehkritik benennt auch Problemstellen. So fragte Ulrike Steglich mit Blick auf 2002, ob auf die Vielzahl der Kommissare nun auch gute Bücher folgten, und sah zwei Jahre später eklatante Schwächen bei den Drehbüchern:»Auch den renommiertesten Krimiserien(u.a. ›Tatort‹, ›Bella Block‹, ›Sperling‹) mangelt es immer öfter an überzeugenden Geschichten. Waghalsige Konstruktionen, überbordendes Personal, überflüssige Stränge, psychologische Unglaubwürdigkeit – gibt es denn wirklich so wenige gute Bücher und begabte Autoren? Oder einfach nur zu viele Krimis im deutschen Fernsehen?« Einen anderen Akzent setzte Tilmann P. Gangloff in epd medien zum Fernsehjahr 2005. Die Debatte um fehlende Investitionen der Sender in innovative Projekte aufgreifend, resümiert er:»In einigen Tagen zeigt das ZDF den zwanzigsten ›Bella Block‹-Film; den ersten gab’s 1994. Die anderen Reihen sind, wenn überhaupt, kaum nennenswert jünger. Auch das sicherlich ›das Beste von gestern‹, aber eben in ständiger Weiterentwicklung. Für Kontinuität auf derart hohem Niveau zahlt man Gebühren gern; teure Sportrechte zu erwerben, ist keine Kunst.« Unterhaltung: eine eher magere Bilanz – mit glanzvollen Ausnahmen Bei der Unterhaltung ist mit einiger Verlässlichkeit in der öffentlich-rechtlichen großen Show-Variante nur noch der ZDF -Klassiker»Wetten dass …?« erfolgreich. Andere Farben haben sich hier in den Vordergrund geschoben, speziell die Comedy, die in der Wahrnehmung eine Domäne der privaten Sender geworden ist. So gab es dort 1999 ein regelrechtes Boom-Jahr, besonders bei RTL , 121 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme wo»Ritas Welt«,»Nikola« und»7 Tage, 7 Köpfe« den Freitag für die Fans zum Comedy-Tag machten. Währenddessen etablierte Stefan Raab sein Format» TV total« auf ProSieben, damals noch einmal pro Woche, und Sat.1 schlachtete seinen Dauerbrenner, die»Wochenshow«, durch Solokonzepte der Hauptfiguren weiter aus. Was in diesem Bereich im Verlaufe der nächsten Jahre passierte, fand selten großes Kritikerlob, auch wenn die Entwicklung eigener Sitcoms und ab und an sogar ein zaghafter Versuch, nicht nur von Kopien amerikanischer und britischer Erfolgsformate zu zehren, durchaus für Beachtung sorgten(wie»Nikola« mit Mariele Millowitsch und Walter Sittler in den Hauptrollen). Das öffentlich-rechtliche Fernsehen beschäftigte sich erst einmal (nicht nur, aber auch) mit dem Niedergang des politischen Kabaretts. Nico Fried schrieb über das Fernsehjahr 1996, man habe gemutmaßt, die Konkurrenz von Boning und Co. sei Schuld am Dilemma,»vielleicht auch, weil sie(die Zuschauer, d. Red.) alles, was auf höherem Niveau liegt, nicht mehr verstehen. Doch all die Sargträger des politischen Kabaretts liegen falsch. Denn das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Man kann johlen wie Tausende andere Fans, wenn bei › RTL Samstag Nacht‹ einmal mehr der Tod von Karl Ransayr vermeldet wird, wenn Olli Dittrich Boris Becker oder Franz Beckenbauer imitiert. Aber will man deshalb auf Dieter Hildebrandt verzichten? Wer Bratkartoffeln liebt, kann doch trotzdem gelegentlich ein Feinschmecker sein.« Mit humorvoll-intelligenten Serien nach amerikanischem, englischem oder gar privatem Vorbild tat man sich in den Folgejahren eher schwer bei den Öffentlich-Rechtlichen. So wurde beispielsweise die HR -Familiensitcom»Die Boegers« 2001 ein Flop. Ein wenig Kleinkunst fand sich in den Dritten Programmen, aber so gut wie nie als eigenes Format, sondern eher als moderierte, abgefilmte Bühnenauftritte(doch selbst das funktionierte bei den Privaten mindestens ebenso erfolgreich, wenn nicht sogar profilierter – mit dem»Quatsch Comedy Club« auf ProSieben zum Beispiel). Nur sehr vereinzelt, dafür aber als wirkliche Glanzlichter, 122 5. Im Spiegel der Kritik etablierten sich ganz neue, eigene Formen der Comedy im öffentlich-rechtlichen Fernsehen:»Blind Date« im ZDF oder»Dittsche« im WDR , beide Formen getragen durch Olli Dittrich(für beide Formate mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet; bei»Blind Date« ist Anke Engelke die kongeniale Partnerin). Die Fachpresse war begeistert(und ist es noch):»Wer abends mal richtig abschalten wollte«, schrieb Ulrike Steglich zur ersten Staffel von»Dittsche« 2004,»der war bei Dittsche, im ›wirklich wahren Leben‹( WDR ) gut aufgehoben. Dittsche, der abends in den Imbiss schlurft und mit dem Imbissverkäufer über Gott und die Welt philosophiert, wie sich beides der Sicht des kleinen Mannes eben so darbietet. Olli Dittrich als rührender, nervender, ereiferter, lakonischer, begreifen wollender und am Irrsinn des Unbegreifbaren verzweifelnder Stammtisch-Poet – das sollte man gesehen haben.« Olli Dittrich gehört jener dünn besetzten Qualitäts-Riege des Genres an, zu der auch Anke Engelke, Hape Kerkeling, Bastian Pastewka und Christoph Maria Herbst zählen. Sie alle machen sowohl im Ensemble eine gute Figur(Kerkeling trat zumindest in»Total normal« mit seinem oft kongenialen Partner Achim Hagemann auf) als auch einzeln. Ob sie alle eine eigene Show tragen können, sei dahingestellt – wie schwierig so ein Wagnis ausfallen kann, bewies Anke Engelkes Late-Night-Flop bei Sat.1 als Nachfolgerin von Harald Schmidt, der jetzt in exklusiven ARD -Diensten steht. Jenseits des professionellen Humors machten ARD und ZDF allerdings nach dem Ende des Familienshow-Zeitalters keine positiven Schlagzeilen. Andrea Kaiser konstatierte für das Fernsehjahr 2001, ein erklecklicher Teil des ZDF -Programms sei schlichtweg »Banane«:»So spukte die untote ZDF -Unterhaltung schauriger denn je. Die hysterische Kreischerei bei ›Blond am Sonntag‹ und Dirk Bachs spießige Studio-Show – ein furchtbarer Grabeshauch aus einer längst vergessenen Gruft der TV -Geschichte – konnten einem das Fürchten lehren. Da wirkte die angekündigte Reani123 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme mation des Uralt-Formats ›Der große Preis‹ schon wieder tröstlich, auch wenn sich das ZDF damit auf das Innovationsniveau der Kirchschen Recyclingstation Kabel 1 begibt.« Generell hat es die ausgewiesene Unterhaltung schwer im öffentlich-rechtlichen Fernsehen(und nicht nur dort), zumindest dann, wenn es um originär deutsche Formate geht. Für das Fernsehjahr 1996 stellt Dietrich Leder fest:»Programmpleiten erlebten beide Systeme auf dem Feld der Fernsehunterhaltung.« Von»Seichtigkeit« ist da bei einem Showkonzept die Rede, von»zu überladenen« Unterhaltungskonzepten bei der ARD , von Langeweile in den»werktäglichen Quasselbuden« und dem»Zwang zur Popularisierung« bei der»ZAK«-Nachfolgesendung. Ein Jahr später eine weitere Momentaufnahme, die stellvertretend für viele Genre-Mängel im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu stehen scheint: das Nachmittagsprogramm des ZDF namens »701 – Die Show«. Leder schreibt, die Sendung habe den Charakter einer Dorfkirmes,»die glaubt, sie hätte deshalb Weltniveau, weil sie ihre Zuckerwatte bunt einfärbt. Eine solche Sendung mit ihrem aufgekratzten Gehupfdohle und ihrer müden Fun-Ideologie (›Mitmachen, mitspielen, happy sein‹) kann nur in der absoluten Provinz entstehen. So etwas hat die Anmutung von Butterfahrten auf der Ostsee oder Verkaufsaktionen von Rheumadecken in der Eifel. Da ist nichts, was selbst ein älteres ZDF -Publikum hinter der Zeitung hervorlocken könnte. Kein Wunder, dass die teure Veranstaltung katastrophal floppt.« Einige Jahre später, im Rückblick auf das Fernsehjahr 2002, fasst Leder anhand eines ziemlich müden Comebacks des»Wetten, dass…?!«-Erfinders Frank Elstner die Krise der Fernsehunterhaltung aus seiner Sicht zusammen: Neue Konzepte gingen schon seit Jahren nicht auf.»Was sich aber in den letzten Jahren auf die krisengeschüttelte Samstagabend-Show beschränkte, hat längst fast alle Sorten der Fernsehunterhaltung erfasst. Keiner weiß im Grunde weiter. Und alle wurschteln sich durch. Das geht eine 124 5. Im Spiegel der Kritik Zeit lang gut. Dann wird das Desaster offenkundig. Und das hat Konsequenzen.« Leders Fazit: Der TV -Unterhaltung gebreche es an»Freiflächen, in denen sie neue Formen und Formate ausprobieren kann. Seitdem die acht Dritten Programme der ARD zu Vollprogrammen erweitert wurden, die auch anständige Quoten erwirtschaften sollen, fehlen diese Freiflächen. Dafür gilt es Ersatz zu schaffen.« Hier zeigen auch die folgenden Jahre, dass die Qualitäts-Krise nicht überwunden ist und die Öffentlich-Rechtlichen ihre Quoten-Erfolge überwiegend mit höchst eindimensional inszenierten Volksmusik-Shows suchen. Der Sport: auf dem Weg zu monokulturell gepflegten Fußballfeldern Beim Sport stellten die Kritiker, in vereinfachter Betrachtung, eine fortschreitende Entwicklung zu eher monokulturell dominierten und das übrige Programm dominierenden Flächen fest, mit einer eindeutigen Richtung bei den öffentlich-rechtlichen Sendern: Fußball als attraktivste und in der Regel bei den Zuschauern auch erfolgreiche Programmfarbe. Ein Massen- und Erfolgsphänomen, das folglich im Wettbewerb zur teuersten Ware wurde und entsprechend, zur Refinanzierung, immer weitere Zeitstrecken abdecken musste, auf Kosten anderer Angebote. Vor- und Nachberichterstattung nehmen so viel Platz ein wie die Spiele selbst, in Extremformen wurden dabei selbst drittklassige Begegnungen live übertragen, weil die Rechte vorhanden waren. Hier diktiert, so lassen sich die kritischen Positionen zusammenfassen, der Quotenwettbewerb mit den privaten Anbietern die Angebotspolitik von ARD und ZDF , wobei die ARD seit 2003 mit dem Erstsenderecht für den frei zu empfangenden BundesligaFußball einen zentralen Bestandteil dieser mit Abstand beliebtesten Sportart zu ihrem Portfolio zählt und damit der»Sportschau« wieder zu gesteigerter Attraktivität verholfen hat. 125 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme Der Wechsel der zentralen Bundesliga-Rechte von Sat.1 zur ARD erfolgte u.a. auch, weil der damalige Medienunternehmer Leo Kirch aus Binnen-Überlegung für seinen Konzern den Sat.1-Sendeplatz für die Fußballsendung»ran« von 18.30 Uhr auf 20.15 Uhr verschieben wollte, um das Fußballpublikum verstärkt zu den Bundesliga-Liveschaltungen des Bezahlfernsehsenders»Premiere« zu ziehen. Weil dies vom Publikum nicht angenommen wurde, stellte sich nicht zuletzt auch bei den Rechteinhabern eine neue Nachdenklichkeit ein, in welchem Paketzuschnitt Fußball angeboten werden sollte. Dietrich Leder schrieb in seinem Jahresrückblick für 2001:»Leo Kirch und sein Geschäftsführer Hahn haben ihren Markenartikel ›ran‹ mutwillig schwerstbeschädigt und sie haben ihre Mitarbeiter in der Redaktion dieser Sportsendung als Deppen der Nation vorgeführt, die(…) noch die blödesten Entscheidungen ihres Hauses lächelnd verkaufen mussten. Sie haben ihren Sender Sat.1 zum Abfallprodukt ihres Konzerns degradiert, seinen Programmgeschäftsführer Martin Hoffmann als reinen Erfüllungsgehilfen vorgeführt und schließlich den immerhin nach Quoten noch größten Sender ihrer ProSiebenSat.1 Media AG sehenden Auges geschwächt.« Sie hätten, so Leder, damit nachhaltig bewiesen, wie wenig sie das Publikum kannten, dem sie ihre Waren verkaufen wollten. Nachdem die ARD mit einer großen Finanzierungsanstrengung die Bundesliga-Rechte für das frei empfangbare Fernsehen erwarb, musste sie dem stark kommerzialisierten»ran«-Konzept nach mehr als zehn Jahren ›Auszeit‹ eine eigene Linie folgen lassen.»Zum Erstaunen aller«, so Leder im Jahrbuch Fernsehen 2004, «gelang es der ARD , in den wenigen Wochen vor dem Spielbeginn der Bundesliga am 1. August nicht nur eine gute Redaktion unter Leitung von Steffen Simon zu etablieren(…), sondern sie schaffte es auch, den gesamten Produktionsprozess perfekt einzustudieren. So ging in den ersten Ausgaben der neuen ›Sportschau‹(…) wenig bis gar nichts schief«. Die Werbung sei erträglicher dosiert 126 5. Im Spiegel der Kritik als zu»ran«-Zeiten, zudem mache sich der Verzicht der Redaktion auf Personalien um Spieler, Trainer, Manager und ihre Frauen in den Spielberichten gut – und die Berichte,»abgesehen von mancher Detailkritik, sachlicher und substanzieller. Und siehe da, die Quote steigt und steigt. Glückwunsch!« Hier gab es allerdings an anderer Stelle auch harsche Kritik(zu wenig Fußball, zu später Einstieg bei der Spielberichterstattung, zuviel Sportfremdes, bis hin zu nervenden Gewinnspielen), die allerdings immer wieder mit Hinweisen auf die notwendige Refinanzierung zurückgewiesen wurde: deutliches Indiz für die Wettbewerbssituation im beginnenden dritten Jahrzehnt des dualen Systems. Ein Fazit: Um die wichtigsten Sparten steht es gar nicht schlecht – Glanz inklusive Die gute Nachricht ist: Es steht qualitativ entgegen den gängigen (Vor-)Urteilen gar nicht so schlecht um einige der wichtigsten Programmsparten im deutschen Fernsehen. Es gibt Produzenten, Autoren, Darsteller, Regisseure, Kameraleute, Journalisten, Präsentatoren, Moderatoren, welche höchsten Ansprüchen genügen – und Programmverantwortliche und Redaktionen, welche deren Qualitäten fördern und pflegen. Hier ist immer auch zu sehen: Das Fernsehangebot ist als Ganzes zu betrachten. Gerade die öffentlich-rechtlichen Sender sind in ihrer Programmqualität, in der Mischung ihrer Angebote – die damit immer die Dritten sowie die Spartenprogramme von 3sat und ARTE über Phoenix bis zum Kinderkanal umfassen – als Komplementärveranstaltung zu verstehen, was auch bei der problematischen Frage nach der zeitlichen Platzierung zu berücksichtigen ist. Die weniger gute Nachricht ist: Das Verhältnis der herausragenden und auch professionell gut gemachten Sendungen, quer durch die Genres, zu jenen, welche Programmflächen lediglich 127 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme füllen, von routiniert bis verlegen, ist stark verbesserungsfähig. Die Hauptprogramme von ARD und ZDF leiden im Sinne einer überraschenden Qualitätsansprache und einer zu wünschenden Vermittlung von Mehrheits- und Minderheitsinteressen darunter, dass sie zu einseitig auf zahlenmäßigen Zuspruch ausgerichtet sind und im besten Sinne Anstößiges und Relevantes in die Randbereiche geschoben wird. Dies kommt, bezogen auf die Nutzungspraxis, für den großen Teil des Publikums einer Ausgrenzung gleich. Insofern muss Dietrich Leders Urteil im Jahrbuch Fernsehen, welches die qualitative Programmentwicklung bis zum Jahr 2004 pointiert zusammenfasst, alle aktiv Beteiligten und alle indirekt Fernseh-Schaffenden nachdenklich machen. Vor der Folie einer scharfen Kritik schreibt er: »Es gibt viele Ausnahmen. Etwa von Korrespondentinnen wie Annette Dittert( ARD / WDR ), die ihre Neugier nicht verloren haben. Von Moderatoren wie Steffen Seibert( ZDF ), die Nachrichten sachlich vermitteln können, ohne wie eine Maschine zu wirken. Von Redakteuren wie jenen des ›Kleinen Fernsehspiels‹ des ZDF , die auch dieses Jahr wieder eine Reihe absolut sehenswerter Produktionen(…) ins Programm brachten. Von Dokumentarreihen wie ›Menschen hautnah‹ und ›die story‹( WDR und zum Teil ARD ), in denen auch abseits der Schlagzeilen Vorgänge beschrieben und Personen porträtiert werden. Von Spielfilmregisseuren wie Dominik Graf und Christian Petzold, die jedes Milieu, in dem ihre Filme spielen, mit konkreter Phantasie zu gestalten wissen. Aber es sind und bleiben Ausnahmen, die – leider – im Fernsehen nicht sonderlich stilbildend, noch nicht einmal anregend für den Normalbetrieb sind.« 128 6. Grundanforderungen 6 Grundanforderungen 6.1 Einige Elemente einer Kernausstattung Sowohl die Überlegungen zu einem näher umrissenen Funktionsauftrag als auch die Zusammenfassung wichtiger Studienergebnisse haben gezeigt, dass die Ausfüllung des Qualitätsbegriffs nicht nach einem schlichten normativen Schema geschehen kann, sondern dass – um noch einmal den stellvertretenden Programmdirektor des ZDF , Hans Janke, aufzugreifen – von Fall zu Fall entschieden und bewertet werden muss, mit welchen Eigenschaften eine Sendung oder auch ein Programmzusammenhang eine spezifische Qualität gewinnt, die als positiv im Sinne eines gesellschaftlichen/individuellen Mehrwerts einzustufen ist. Der verstorbene SPD -Medienpolitiker Peter Glotz hatte 1997, als der politische Kampf um die Ausgestaltung des öffentlich-rechtlichen Programmauftrags bereits in aller Schärfe ausgetragen wurde, in einem Vortrag beim Bredow-Institut die verfassungsrechtlich gebotene Grundversorgung im übertragenen Sinne als »Eiserne Ration« und als»Kernausstattung« ausgelegt( epd medien 30/1997) und dabei, empirische Verlässlichkeiten im Blick, folgende Programmelemente als positiv angenommen: • Ausgewogenheit und Meinungsvielfalt, • professionelle Qualitätsstandards, • Komplexität bei Rollenbildern, • kulturelle Innovationen mit neuen Inhalten und neuen Formaten, • strikte Beachtung der allgemeinen Gesetze. 129 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme Norbert Schneider, Direktor der nordrhein-westfälischen Landesmedienanstalt, hatte im Vorjahr die Debatte mit folgenden beispielhaften Unterscheidungs- und Kenntlichkeitswerten bereichert: • Aktualität und Neuigkeit, speziell bei publizistischen Produkten, • hohe Vermittlungsleistung statt Gleichgültigkeit, • Verwertbarkeit, im Sinne des Nutz- und Gebrauchswertes. Ernst Elitz und Dieter Stammler hatten in dem bereits erwähnten Papier, das vom Institut für Rundfunkökonomie veröffentlicht wurde, Einzelkriterien genannt, die in eine tiefer gehende Qualitätsforschung einbezogen werden könnten. Dazu gehören: • umfassende und überprüfbare Informationen, • neutrale und faktenorientierte Berichterstattung, • selbstproduzierte Programme, • gestalterische Kriterien wie Spannung, • Verständlichkeit, • Aktualität, • Komplexitätsreduktion, • Originalität, • Reflektion des Dargestellten, • Transparenz der Informationsgebung. An anderer Stelle ergänzen Elitz/Stammler beispielhaft ihre Ansatzpunkte zum Finden von Kriterien, die»konsensfähig, überprüfbar und operationabel« sein sollten: • thematische Vielfalt einzelner Programme bzw. von Programmbouquets, publizistische Relevanz: Umfang des Angebots an Informationssendungen, Kultur, Bildung etc., • Programmentstehung: Anteile von Eigen- bzw. Auftragsproduktionen, 130 6. Grundanforderungen • inhaltlich-professionelles Qualitätsniveau: Beurteilung der Programminhalte anhand journalistischer bzw. künstlerischer Qualitätskriterien, • Akzeptanz: Beurteilung der Programminhalte anhand qualitativer Akzeptanzkriterien(Verständlichkeit, Glaubwürdigkeit, Kompetenz, Nutzerrelevanz etc.), • Beachtung medienethischer Standards, • inhaltliche und ästhetische Provokation. Nicht außer Kraft zu setzen: Das Gesetz der Publikums-Adäquanz Dabei gelte, so eine zentrale Feststellung, angesichts der Fragmentierung der Zuschauer- und Hörerkreise das Gesetz der Publikums-Adäquanz. Die genannten Standards seien jeweils auf die Rezeptionsinteressen und die Rezeptionsfähigkeit spezifischer Publika herunterzubrechen:»Qualität ohne Publikums-Akzeptanz wäre in einem Massenmedium nicht akzeptabel«. Dabei könne der öffentliche Rundfunk im Spannungsbogen zwischen unreflektierten Rezipienten-Interessen(»interest of the public«) und dem Gesichtspunkt der gesellschaftlichen Verantwortung (»public interest«) einen stärkeren Akzent auf das»public interest« setzen. Er müsse, so die weitere Schlussfolgerung, Programminhalte und Programmformen präsentieren, die höchste Marktanteile versprechen, aber er sei ebenso verpflichtet, Angebote zu machen, die sich an anspruchsvolle Zielgruppen sowie an Meinungsführer wenden, und er müsse seine finanziellen Ressourcen so steuern, dass Information, Hintergrund und Analyse, deren Produktion zeit- und kostenaufwendig sei und qualifizierten Personals bedürfe,»kontinuierlich zur Verfügung stehen.« Er müsse Maßstäbe für Qualitätsjournalismus setzen, an denen auch andere Anbieter zu messen seien. 131 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme Qualität als Entsprechung eines inneren und äußeren Prinzips Auf einer Tagung der Evangelischen Akademie in Tutzing, die sich 1997 unter dem Titel»Das beste Fernsehen der Welt«(Untertitel: »Public Television im Zeitalter der Entgrenzung«) mit einer zukunftsfähigen Positionierung des öffentlich-rechtlichen Systems vor dem Hintergrund der sich verschärfenden Konkurrenz beschäftigte, nannte Uwe Kammann einen Grundkatalog positiver qualitativer Unterscheidungsmerkmale: • Gegenläufigkeit zu Trends, • Glaubwürdigkeit, • Verlässlichkeit, • Sorgfalt, • Warmherzigkeit, • Zuspitzung, Profilierung von Konflikten, • Überraschungen, provokante Platzierungen, aus der Regel fallendes Zeitmaß. Wenn all diese Eigenschaften zusammenkämen, so Kammann damals, werde öffentlich-rechtliches Fernsehen»nicht nur als Organisationsform, sondern auch als inneres/äußeres Prinzip des Programms einsehbar und erfahrbar sein«( epd medien 3738/1997). Dies gelte für die Inhalte des Programms, die Bearbeitungsformen, die Platzierungen, das Personal, die redaktionellen Entscheidungen, die Präsentation. Zu nennen seien auch der Umgang mit Gästen, das journalistische Interesse, der Anspruch der Unterhaltungsangebote und, nicht zuletzt,»Intelligenz, Witz und Wärme des Programmklimas«, und zwar»in der Gesamtveranstaltung ebenso wie in jeder einzelnen Sendung«, auch in den vielen eher unscheinbaren Formen und Formaten, die existierten, weil das Sendefließband nicht anzuhalten sei. Auch hier wurde betont, dass es in der Qualitätsdebatte nichts Ewiges und Absolutes gebe, sondern Qualität eine gebundene Größe sei, die sich im 132 6. Grundanforderungen Wertewandel vollziehe und zu tun habe mit Zeitpunkten, Grundgefühlen, Atmosphäre und Angemessenheit. 6.2 Qualitätsparameter: per Katalog und in Preisbegründungen Diskussionswürdige Qualitätsparameter – immer unter dem Vorbehalt der erwähnten gebundenen Größe gesehen und ohne eindeutige Verlässlichkeit – lassen sich ablesen und ableiten, wenn man die Begründungen für die Entscheidungen bei Medienpreisen heranzieht. An dieser Stelle seien, stellvertretend und beispielhaft, einige dieser Positiv-Argumentationen konzentriert aufgeführt und zusammengefasst, die aus stets relativ ausführlichen Grimme-Preis-Begründungen gezogen sind. Positive Eigenschaften in Fiktionssendungen • Ungewöhnliche Bildsprache; schlichte Klarheit; große Kühle (be­stürzender Kontrast zum Fernsehalltag); Verweigerung gegenüber dem Üblichen wie Soundtrack; große Abstraktions­ kraft; Ruhe und Konzentration; Zurückgenommen­heit; behutsame Schauspielerführung(Christian Petzold,»Wolfsburg«), • Lust an Anarchie; lakonischer Wortwitz; stilsichere Gratwanderung zwischen komödiantischem Chaos und Klamauk; sorgfältige Entwicklung der Charaktere; souveräne Kenntnis des Schauplatzes; regionaler Eigensinn(Franz Xaver Bogner,»München 7«), • Frische und unprätentiöse Erzählweise und Inszenierung; witzig-freche Dialoge; ironisch beobachtende Kamera; intime Nähe zu den Figuren; bemerkenswerte Montagen; witzige Bildfolgen(Annette Ernst,»kiss and run«), • Erzählung ohne Pathos; emotionale Nachvollziehbarkeit; Verzicht auf reißerische Aktionen; Akzentsetzung auf eher ruhige Bilder; Verzicht – beim Thema Terrorismus – auf vor133 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme dergründige Schuldzuweisungen(Miguel Alexandre,»Grüße aus Kaschmir«), • Lakonie der Erzählweise; Raum für die Entfaltung der Figuren; keine vorgeschriebenen Geschichten; Phantasie und Präzision; Gesamtkunstwerk aus Buch, Regie, Schnitt, Ausstattung; eingespielte, gemeinsam erarbeitete Identität und Unverwechselbarkeit: Ensemblegedanke(Autorin Beate Langmaack sowie Schauspieler Henry Hübchen und Uwe Steimle in»Polizeiruf 110« des NDR ), • Parteilichkeit zugunsten des Menschlichen und der Heimat, ohne – bei aller Harmonie – ins Triviale oder Kitschige zu kippen; Leichtigkeit bei einem schweren Thema; Inszenierung in der Schwebe zwischen Tragik und Humor, zwischen Trauer und Lebensfreude; Landschaftsbilder von herber Schönheit und fern aller(Bayern-)Klischees(Ariela Bogenberger, Rainer Kaufmann,»Marias letzte Reise«), • Kühnheit, radikale Wucht, tiefes und verstörendes Eindringen in ein sonst in Krimis konventioneller behandeltes Thema(Vergewaltigung); schockierende Brutalität und Deutlichkeit aus dramaturgischer Notwendigkeit; brillante, verstörende Inszenierung zum Thema der Entfremdung und irregeleiteter Gefühle(Dominik Graf,»Polizeiruf 110: Der scharlachrote Engel«), • Vermitteln eines Gefühls von Solidarität; eindringliche Verbindung von Krimi, Kunst und Kritik an der Gesellschaft; statt Milieu­verhaftung bei den Schönen und Reichen ein enger Bezug zum schweren Alltag der vielen(Andreas Kleinert, »Polizeiruf 110: Kleine Frau«), • Hervorragende Teamarbeit mit gelungenem Zusammenwirken aller Teile und Gewerke – Kamera, Casting, Schauspiel, Ausstattung, Maske, Drehorte – auf höchstem Niveau; spezieller Witz einer Fernsehgeschichte im Fernsehen auf der Basis von Karikatur und Parodie(Alesander Osang, Matti Geschonneck,»Die Nachrichten«). 134 6. Grundanforderungen Qualitätsmerkmale im Bereich Information/Kulturvermittlung • Fachleute ins Gespräch bringen und dazu verhelfen, komplizierte Sachverhalte zu erklären; Gesprächsführung ohne Dominanz; Verzicht auf Besserwisserei, Arroganz, Abgehobenheit; Orientierungshilfe für Sinnsuchende; Bildungsfernsehen im Sinne des Förderns kritischen Denkens – auch durch Inkaufnahme von Irrwegen; kompetente, ruhige, gelassene Haltung; gute Vorbereitung, entspannte, bisweilen auch freche Moderation; informative und intelligente Beiträge(Gert Scobel, Redaktion und Moderation der Sendereihe »delta« und des Magazins»Kulturzeit«), • Haltung statt Moderatoreneitelkeit; Zurückweisen von Worthülsen im Gespräch; Geduld und Hartnäckigkeit; Respekt und Wohlwollen gegenüber Gästen, die nicht vorgeführt werden – aber Fragen nicht ausweichen dürfen; umfassende Information zum Thema statt Gesprächsklamauk; versöhnliche Schlussrunde ohne Glattbügeln der inhaltlichen Differenzen; kompetente Gesprächsführung dank gründlicher redaktioneller Vorarbeit; Aufbereitung komplizierter Themen aus verschiedenen Blickwinkeln; überraschende Wendungen durch prägnante Einspielfilme; Einbeziehen von Meinungsbildern aus dem Publikum mit überaschenden Impulsen und damit erzielte zusätzliche Lebendigkeit; souveräne Steuerung des Sendeablaufs; Schaffen einer fernsehgerechten Plattform für einen sachlichen Austausch von Politik und Bürgerschaft: im Sinne eines klassischen Forums für das gesellschaftliche Gespräch; Kontinuität durch wiederholtes Aufgreifen wichtiger Themen; selbstkritische Infragestellung früherer Leistungen; insgesamt: informativ und anregend, lebendig und unterhaltsam(Frank Plasberg, »Hart aber fair«), • Dienst an den dargestellten Personen; liebevolle und zurückhaltende eigene Haltung; virtuoses Verweben von his135 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme torischem Material und Gegenwartsaufnahmen; unaufdringliches und sensibles Freisetzen von Eigenschaften der Protagonisten; Sichtbar-Machen, statt allein das Sichtbare wiederzugeben(Sissi Hüetlin und Britta Wauer,»Die Rapports – Unsere drei Leben«), • Kunstvolle und überraschende Montage; wechselseitiger Kommentar – zwischen konterkarierend und bestätigend wechselnd – von Musik und Liedertexten(Oliver Axer, Susanne Benze und Cay Wesnigk,»Hitlers Hitparade«), • Protagonisten ihr Leben, ihre Geschichte und ihre Emotionen belassen, ohne unkritisch, anbiederisch oder verbrämend zu werden; gleichermaßen die Poesie der Herzen und die Prosa der Verhältnisse zeigen(Karsten Laske und Gunnar Dedio,»Damals in der DDR«), • Aufnehmen verschiedener Facetten des Protagonisten mit spielerischer Eleganz; natürliche Entwicklung der Person in einem ›ansteckenden‹ Porträtfilm ohne jeden Kitsch(Ciro Cappellari,»Abdullah Ibrahim – A Struggle for Love«), • Präsenz mehrerer Ebenen durch Verbindung von herausragender hintergründiger Sportberichterstattung mit einer fesselnden Saisonchronik und aufklärendem Wirtschaftsjournalismus; furiose, mit der inhaltlichen Vielschichtigkeit korrespondierende Bildästhetik(Justin Webster und Daniel Hernandez,»FC Barcelona – Das Jahr der Entscheidung«), • Differenziertes und sensibles Einfühlen in fremde Leben, ohne diese Leben ihrer Fremdheit zu berauben oder bis in jedes Detail auszukundschaften; höchste Akribie und Energie bei der visuellen Präsentation der Geschichten und Entwicklung einer erkennbar individuellen Handschrift, am filmischen Erzählen orientierte Darstellung und Montage (Annette Dittert,»Abenteuer Glück«), • Ungewöhnliche Nähe zum Protagonisten, entlarvend, aber niemals denunzierend; subtile und intelligente Bilder und Schnitte; so unaufdringliche wie eindringliche Aufnahmen; 136 6. Grundanforderungen sorgsame Balance zuwischen körperlicher Nähe und großer emotionaler Distanz, Kombination von nüchtern-unschuldiger Kamera und entschlüsselndem Schnitt(Klaus Stern, »Weltmarktführer – Die Geschichte des Tan Siekmann«), • Rasante, glänzend geschnittene Dokumentation von hoher investigativer Schärfe mit akribisch recherchiertem Material; eine Dokumentation, die nicht denunziert, sondern sichtbar macht und ein wesentliches Kriterium des aufdeckenden Arbeitens erfüllt, indem sie das Gefühl vermittelt, etwas zu sehen, was andere verwehren wollen(Eugene Jarecki,»Die story«:»Why we fight – Die guten Kriege der USA«), • Eine technisch saubere Dokumentation, in der die Handelnden nicht inszeniert werden und der Text Situationen erklärt, ohne sie zu kommentieren; eine nüchterne Dramaturgie, welche kein Gefühl vorgibt, sondern Freiheit lässt und anregt, sich weiter mit dem Thema zu beschäftigen(Michael Richter,»Abschiebung im Morgengrauen«), • Einsatz der filmischen Mittel in einer strengen und klassischeinfachen Weise, die Menschen in den Mittelpunkt rückend, wobei Gesichter und Gebärden gleichermaßen Auskunft geben können wie die Erzählungen(Loretta Walz,»Die Frauen von Ravensbrück«). Unterhaltung: ein wegweisender Kleinkatalog • Ernstnehmen der Kandidaten; individuelles, respektvolles Eingehen auf das jeweilige Profil; zurückgenommene Bild­ ästhetik; Freiraum für Präsenz und Ausstrahlung der Teilnehmer; Leichtigkeit des Humors, Abwesenheit von Verbissen­ heit; von Herrschsucht freier Spaß; charmant-­chaotische Situation; Lust und Laune im Sinne des Kindlichen(Stefan Raab, Gesangswettbewerb» SSDSGPS « – Grand-Prix-Casting­ show). 137 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme Große Bandbreite bei Schnittmusterlinien für Modellhaftes Diese Auswahl an sinngemäß kondensierten Eigenschaften aus Begründungen für konsensual als hervorragend eingestufte Sendungen belegt, dass es eine große Bandbreite von Qualitätsmerkmalen gibt, die sowohl in der Fiktion, als auch in der Information und der Unterhaltung in unterschiedlichen Verbindungen, Mischungen und Proportionen zu finden sind. Sie sind nicht im Verhältnis 1:1 zu verallgemeinern, sondern sind auch jeweils abhängig von der beabsichtigten Einzelintention und vom Programmkontext. Gleichwohl lassen sich Linien ziehen, die das Modellhafte unterstreichen – vom Freiraum bis zur kongenialen Bild-Gestaltung und den intensiven Schauspielerleistungen bei der Fiktion – und Eckpunkte bei den informativen, vermittelnden Sendungen markieren: hier vor allem mit der Betonung der Rechercheleistung, der Aufklärung, des weiterführenden Sehens und dem damit verbundenen Erfahrungsgewinn, der wiederum gebunden ist an eine glaubwürdige Grundhaltung und eine Wahrhaftigkeit, welche keine Verbeugungen vor dem schnellen oder überwältigenden Effekt macht. Im Diskurs einer Jury wiederum zeigt sich, dass die Auffassungen über den Wert der einzelnen Eigenschaften und auch über deren Kombination sehr unterschiedlich sein können. Es gibt, das zeigt die Erfahrung, eine Reihe von Fällen, in denen auch von guten Kennern des Programms und der über die einzelnen Sendungen hinausgehenden Zusammenhänge äußerst kontrovers diskutiert wird. Gleichwohl ist in der Regel in der Endphase einer Preisfindung der Konsens relativ groß, dass es sich bei den dann noch verbleibenden Sendungen um qualitativ bemerkenswerte, mehrheitlich als gut bis herausragend bewertete Sendungen handelt. Die Wertungen der Jurys der in der Fachwelt anerkannten Preise, die von Gefälligkeiten frei sind, belegen zudem, dass auch in den verschiedenen Argumentationskreisen bestimmte spezifische Leistungen ähnlich gesehen werden, so dass es im Sinne der 138 6. Grundanforderungen Qualitätszuweisungen im guten Sinne zu Überschneidungen und Übereinstimmungen kommt. 6.3 Zum Schluss: … wie beim Fußball Zum Schluss sei der Medienrechtler und heutige Richter des Bundesverfassungsgerichts, Wolfgang Hoffmann-Riem, zitiert. In einem Festvortrag zum 50jährigen Bestehen des NDR sagte er am 1. November 2006(wiedergegeben im» ARD -Jahrbuch 06«): »Es ist in der Welt der Medien und der Politik allerdings wie beim Fußball: Die Flanke kommt selten dort an, wo sie landen sollte. Weil immer etwas dazwischenkommt, gibt es Spannung und eine Chance zum Sieg selbst in schwierigen Lagen. Der öffentlichrechtliche Rundfunk hat gute Möglichkeiten, weiter in der kommunikativen Champions League zu spielen, wenn er sich dafür fit hält – nicht nur in programmlicher Hinsicht, sondern auch in seinen Entscheidungs- und Verantwortungsstrukturen, auch durch ein hohes Maß an Transparenz bei allen Aktivitäten – und wenn er die nötige öffentliche Unterstützung findet. Im Interesse einer freiheitlichen Demokratie lohnt es, sich dafür einzusetzen.« 139 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme 7 Zusammenfassung Der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland muss sich auf nachhaltige Veränderungen einstellen. Sie betreffen sowohl das technisch-organisatorische Umfeld als auch die politischen und finanziellen Voraussetzungen seiner Tätigkeit. Ein wesentlicher, die Entwicklung und den Veränderungsdruck rasant vorantreibender Faktor ist die Digitalisierung aller Rundfunkbereiche, von der Produktion bis zur Verbreitung. Als Generaltrend zeichnet sich eine zunehmende Individualisierung ab, die – zumindest tendenziell – zu einer Auf- bzw. Ablösung der herkömmlichen – linearen, zentral komponierten – Programme führen wird. Stattdessen zeichnet sich im immer breiteren Umfang ein Verbreitungsystem ab, bei dem die Nutzer einzelne Inhalte zeit- und ortsunabhängig abrufen können. Solche Plattformmodelle – ob unentgeltlich oder in Bezahlformen – werden theoretisch und praktisch die Wahlfreiheit noch einmal beträchtlich erhöhen. Fraglich ist, wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk unter diesen neuen Umständen seine besondere Rolle umreißen und begründen kann, sowohl gegenüber dem allgemeinen Publikum, das ihn über Gebühren bezahlt, als auch gegenüber der Politik, welche diese gemeinwohlorientierte Rolle konstituiert und organisatorisch ausgestaltet sowie – über die von ihr letztverantwortete Gebührenfestsetzung – diesen Status operabel macht. Der allgemeine Auftrag, sowohl gesetzlich festgeschrieben als auch über die verfassungsrechtliche Auslegung dieser Gesetzesgrundlagen immer wieder zeitgebunden in generellen und in Einzelfragen definiert, bietet hinsichtlich der Programmvorgaben einen relativ weiten Rahmen mit wenigen spezifischen Vorgaben. 140 7. Zusammenfassung Die Anstalten selbst haben – unter Betonung des Prinzips der Staatsferne und der Programmautonomie – einen entsprechend großen Spielraum, ihre Rolle und ihre Aufgaben auszugestalten und in den Programmen zu realisieren. Dies gilt für die Organisation, die inhaltliche Gestaltung der Einzelsendungen und auch für die Komposition der Gesamtprogramme, sowohl linear als auch in anderen Zuordnungen, Verbreitungsformen und im Gesamtangebot(Bouquet). Umstritten war der öffentlich-rechtliche Rundfunk in seinen Einzelleistungen immer. In der Binnenkonkurrenz von ARD und ZDF wurde Kritik allerdings selten als systembedingt verstanden. Dies hat sich mit der Herausbildung des dualen Systems geändert, oft mit dem rein pauschalen Vorwurf einer inhaltlich-formalen Konvergenz verbunden. Auffällig ist, dass in den letzten Jahren, abzulesen an vielfältigen Quellen verschiedener Ebenen, das Ansehen dieses Rundfunkmodells gelitten hat. Offenkundige Fehlleistungen – wie Schleichwerbung und Einschränkungen der redaktionellen Unabhängigkeit – haben zu intensiven Debatten geführt, ob überhaupt und in welchem Umfang der öffentlich-rechtliche Rundfunk seiner Aufgabe nachkommt und damit die allgemeine gesellschaftsdienliche, zivilisierende und kulturelle Zielsetzung erfüllt, welche die gemeinschaftliche Veranstaltung und die solidarische Finanzierung rechtfertigt. Diese Debatte wird allgemein geführt, aber speziell auch von den politischen Entscheidungsträgern. Dabei wird der Wert eines public-service-Rundfunks auch von Kritikern der tatsächlichen Programmleistungen nicht grundsätzlich in Frage gestellt, die Wertschätzung des Prinzips ist eher breiter geworden. Auch von der europäischen politischen Ebene wurde und wird gefordert, den Daseinszweck näher zu umreißen und über einen klar gefassten Funktionsauftrag die programmliche und organisatorische Ausgestaltung an bestimmte Vorgaben zu binden. Die für die Ausgestaltung des Rundfunks zuständigen Bundesländer 141 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme sehen in konkreten Einzelpunkten dieser Forderung einen ungebührlichen Eingriff in ihre Gestaltungshoheit, doch gibt es auch auf der Binnenseite Kritik an den jeweiligen Ausformungen der Programme. Sie wiederum hat bereits dazu geführt, den Rundfunkanstalten so genannte Selbstverpflichtungen aufzuerlegen, welche die Gesamt- und Einzelzielsetzungen näher beschreiben sollen und deren Er- und Ausfüllung im regulären Rhythmus erörtert werden muss, ohne dass eine direkte Sanktionsmöglichkeit bestünde. Schlüsselbegriff bei allen Diskussionen um die Erfüllung und damit auch die politische Absicherung des besonderen gesellschaftlichen Auftrags und damit auch der solidarischen Finanzierung ist die Qualität. In der Regel wird dieser Begriff ohne weitere Spezifizierung verwendet und nicht differenziert. Obwohl es auch schlechte Qualität gibt, wird in der Diskussion Qualität immer positiv besetzt, also als gute Qualität angenommen. Qualitätsfernsehen ist demnach, im allgemeinen Sprachgebrauch, immer gutes Fernsehen. Dass solches Qualitätsfernsehen von den öffentlich-rechtlichen Sendern speziell im Vergleich zu den Privatsendern geliefert wird, bestreiten die kritischen Stimmen – Fachkritik oder Politiker – nicht. Vorgeworfen wird den Senderverantwortlichen jedoch, eine positive Qualität in der Programmtendenz zu mindern oder ganz auf spezielle Merkmale zu verzichten, wenn sich als Folge eines verminderten Standards ein großer Publikumserfolg erzielen, lässt, mithin: eine hohe Quote bzw. ein großer Marktanteil. Auch wenn anerkannt wird, dass öffentlich-rechtliche Sender in der Konkurrenz mit privaten Anbietern auf quantitative Erfolge nicht verzichten können, werden zumindest die Proportionen des Angebotsspektrums in Frage gestellt. Aus den Sendern selbst kommt – früher eher punktuell, zuletzt in größerem Maße – Selbstkritik, weil es Abweichungen vom gesellschaftlichen Auftrag und zu große Annäherungen an kommerzi142 7. Zusammenfassung ell bestimmte Formen gegeben habe. Zugleich wird die Rückbesinnung auf unbedingte Qualität und auf Tugenden wie Seriosität und Glaubwürdigkeit gefordert bzw. beschworen. Begleitet wird dieses auch auf Außenwirkung bedachte Bekenntnis nicht zuletzt mit Hinweisen auf das allgemeine Image und die Reputation, wobei die Rückbindung an die politischen Entscheidungsträger Vorrang hat. Unabhängig von den Adressaten: Glaubwürdigkeit wird danach wieder als Grundkapital verstanden, welches die Existenz eines Rundfunks, der im Interesse der Öffentlichkeit veranstaltet wird, wesentlich mitbegründet. Die zuständige Politik wiederum will die Instrumentarien schärfen, mit denen die Programmgestaltung zuverlässiger und kompetenter als bisher begleitet werden kann. Hier sind – im Sinne der Staatsferne – vor allem die Gremien angesprochen, deren Funktion als Organ der Binnenkontrolle gestärkt werden soll. Auch für die Gremien ist es hingegen nicht einfach, einen Qualitätsbegriff anzuwenden. Dies liegt auch an der Ausgangssituation. So liefert die wissenschaftliche Diskussion nur wenige zusammen­ hängende Anhaltspunkte für eine differenzierte Qualitätsdefini­ tion. Die anstaltseigene Forschung ist eher allgemein ausgerichtet, und senderinterne Qualitäts-Maßnahmen – die meist unter dem Stichwort des Programm-Controlling laufen – sind in der Regel auf wenige spezifische Sendungen beschränkt. Hier verbinden sich Fragestellungen mit Blick auf offenkundige professionelle und handwerkliche Regeln mit jenen, die sich auf die Einstellung und Einschätzung durch die Zuschauer beziehen. In sinngemäßer Konzentration der Argumentation lässt sich sagen, dass es keine einfache Eigenschaftsmatrix gibt, mit der sich systematisch und gleichsam»objektiv« Qualität allgemeinverbindlich beschreiben ließe, um dann eine weitere Wertung vorzunehmen und Sendungen bzw. Programme einem verbindlichen Qualitätstest zu unterziehen. Auf Programme bezogene Werturteile, auch dies ist den Forschungsansätzen und Debattenbeiträ143 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme gen zu entnehmen, sind immer zeit- und kontextgebunden und sind zudem stark abhängig vom jeweiligen Vorverständnis. So wie die professionelle kritische Wahrnehmung kann auch die Rezeption derselben Sendungen/Inhalte kann stark schwanken, die Nutzungsformen und der damit verbundene Nutzungs-Mehrwert von Sendungen sind immer auch individuell wahrzunehmen und öffnen damit ein breites Beurteilungsspektrum. Eine praktische Schlussfolgerung ist, dass die Beurteilung von Programmqualität – über einige sehr allgemeine Kriterien hinaus – immer erst im Diskurs und von Fall zu Fall vorgenommen werden kann, unter Berücksichtung vieler weiterer Faktoren, die sich – je nach Interessensperspektive – ändern können und Konsens nicht notwendig nach sich ziehen, aber auch nicht grundsätzlich verhindern. Ausgehend von diesem Faktum und der gleichzeitigen Forderung, doch gemeinsame Maßstäbe für die Programmarbeit und deren Beurteilung zu formulieren, gibt es Initiativen, den kritischen Diskurs zu vernetzen und zu bündeln. Dies auch mit dem Ziel, eine Kooperation anerkannter medienkritischer Einrichtungen in Gang zu setzen, die auf der einen Seite als Partner die Gremiendiskussionen begleiten und auf der anderen Seite mit Reputation und professioneller Autorität direkt in die Öffentlichkeit hineinwirken könnte, um die Qualität der elektronischen Medien im öffentlichen Raum zu verbessern bzw. auf einem akzeptablen Niveau zu bewahren. Dies setzt auch immer den Bezug auf den gesamten Konkurrenzraum voraus. Qualität, dies ließe sich als Formel prägen, wäre dann an Feststellungen zu überprüfen, die sich in öffentlicher Diskussion als konsensuales Urteil verdichtet haben. In einer exemplarischen Auswertung der Programmkritik – konzentriert auf wenige anerkannte Publikationen, im Rückblick bis 1995 – wird ein Grundzug deutlich: Den öffentlich-rechtlichen Sendern wird zuerkannt, eine Reihe herausragender und nach Kritiker-Verständnis qualitativ hoch anzusiedelnder Programme zu produzieren, und dies in allen wesentlichen Programmberei144 7. Zusammenfassung chen, oft ohne Vergleichbares im privaten Sektor. Nicht zuletzt im Dokumentarbereich und bei den Fernsehfilmen gebe es zahlreiche Könner mit ausgeprägten Handschriften, dazu auch viele hervorragende Darsteller. Auch der allgemeine Informationsbereich biete in der Regel einen hohen Standard, auch wenn es ein Trend zu Format-Dominanz, informatorische Unzulänglichkeiten und leerlaufende Sendeformen(wie bestimmte Talkrunden oder die specials) gebe, während herausragende Reihen(wie»die story«) nicht richtig promoviert würden. Konstant bemängelt bis scharf kritisiert wird, dass hochwertige Sendungen zeitlich oft randständig platziert werden, speziell in den sogenannten Hauptprogrammen, und dass – in erkennbarer Reaktion auf die Konkurrenz mit den privaten Sendern – in Teilbereichen Angleichungen zu konstatieren sind(so hinsichtlich der Nachmittags- und Vorabendprogramme, so proportional in manchen fiktionalen Produktionen), die – bei gekonnter profes­ sioneller Machart – Trivialmuster bedienen. Die Feststellung, dass Qualitätsmerkmale jeweils im Einzelfall anzuwenden und abzuleiten sind und ihre Anerkennung aus konsensualer Diskussion entsteht, macht die Expertise punktuell produktiv: indem sie exemplarisch Begründungen der Grimme-Jurys auf einzelne positive Eigenschaften verdichtet, welche dem modellhaften und vorbildlichen Rang ausgezeichneter Sendungen zugeschrieben werden. Daraus entsteht, ohne jeden Anspruch auf Systematik, ein fingerzeigender Katalog von spezifischen Fernsehqualitäten vornehmlich in den Bereichen Information und Fiktion. 145 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme Li t e r at u r Abarbanell, Stephan; Cippitelli, Claudia; Neuhaus, Dietrich(Hrsg.), Fern­ sehen verstehen, Frankfurt/Main 1993 Arbeitsgemeinschaft der Landesmedienanstalten in der Bundesrepublik Deutschland(Hrsg.), ALM -Programmbericht. Fernsehen in Deutschland 2005, Berlin, 2005 Arbeitsgemeinschaft der Landesmedienanstalten in der Bundesrepublik Deutschland(Hrsg.), ARD -Jahrbuch(1994, 1995, 2001–2006) Bertelsmann Stiftung(Hrsg.), Fernsehen bedarf der Verantwortung. Ergebnisse eines Symposiums, Band 1, Gütersloh, 1995 Beuthner, Michael; Weichert, Stephan Alexander(Hrsg.), Die Selbstbeobach­ tungsfalle. Grenzen und Grenzgänge des Medienjournalismus, Wies­ baden, 2005 Blaes, Ruth; Heussen Gregor A.(Hrsg.), ABC des Fernsehens. Reihe Praktischer Journalismus, Bd. 28, Konstanz 1997 Blumers, Marianne; Klingler, Walter, Das Programm-Bewertungsverfahren im SWR . Fernsehprogramme und ihre Bewertung, in: Media Perspektiven 4/2005 Breunig, Christian, Programmqualität im Fernsehen. Entwicklung und Um­ setzung von TV -Qualitätskriterien, in: Media Perspektiven 3/1999 Brosius, Hans-Bernd, Kriterien zur Erfassung und Messung von Programm­qualität, in: Media-Visionen 2000plus, Berlin, 2000 Busch, Günther; Wittstock, Uwe(Hrsg.), Neue Rundschau, 106. Jahrgang, Heft 2, 1995 Cippitelli, Claudia; Schwanebeck, Axel(Hrsg.), Das beste Fernsehen der Welt. Public Television im Zeitalter der Entgrenzung, Frankfurt, 1997 Darschin, Wolfgang; Zubayr, Camille, Was leisten die Fernsehsender?, in: Media Perspektiven 5/2004 Drägert, Christian; Schneider, Nikolaus(Hrsg.), Medienethik. Freiheit und Ver­antwortung. Festschrift zum 65. Geburtstag von Manfred Kock, Zürich, 2001 146 Literatur Frank, Bernward; Hillrichs Hans Helmut(Hrsg.), Das unsichtbare Programm. Macher – Mittler – Merker, Mainz, 1986 Hachmeister, Lutz, Das Fernsehen und sein Preis, Bad Heilbrunn, 1994 Hall, Peter Christian(Hrsg.), Qualität hat ihren Preis. Die Zukunfts­ sicherung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, Mainz, 1995 Hall, Peter Christian(Hrsg.), Wohin treibt das Fernsehen? Ein Schauplatz der Kultur im Wandel, Mainz, 1996 Hallenberger, Gerd; Nieland, Jörg-Uwe(Hrsg.), Neue Kritik der Medien­ kritik, Köln, 2005 Hamm, Ingrid(Hrsg.), Bericht zur Lage des Fernsehens für den Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland, Gütersloh, 1995 Hauff, Eberhard; Meiling, Frank(Hrsg.), Fernsehfilm Handbuch, München, 2006 Hessische Landesanstalt für privaten Rundfunk Hessen(Hrsg.), Gutes Fernsehen – Schlechtes Fernsehen. Qualitätsprogramme bei den Privaten, Schriftenreihe der LPR Hessen, Bd. 22, München, 2006 Hickethier, Knut(Hrsg.), Geschichte des Fernsehens in der Bundesrepublik Deutschland, Band 1, München, 1993 Hoffmann-Riem, Wolfgang, Rundfunk als Public Service. Anmerkung zur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, in: Medien& Kommunikationswissenschaft, 54 Jg., BadenBaden, 2006/1 Hömberg, Walter(Hrsg.), Rundfunk-Kultur und Kultur-Rundfunk, Band 1, Münster, 2000 Kops, Manfred(Hrsg.), Der Kulturauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, Band 2, Münster, 2005 Kraus, Wolfgang, Neuer Kontinent Fernsehen. Kultur oder Chaos, Frankfurt/Main, 1989 Landesanstalt für Rundfunk NRW (Hrsg.), Die Mühen der Ebene. Programmqualität als Anspruch und Aufgabe, Festschrift für Norbert Schneider, Opladen, 2000 Mai, Manfred, Medienpolitik in der Informationsgesellschaft, Wiesbaden, 2005 Mikos, Lothar, Qualität kommt nur von Können. Überlegungen zum Quali­ täts­begriff im Kinderfernsehen, in: Televizion, 18/2005(Die gesamte Ausgabe befasst sich mit der Qualität von Kinderfernsehen.) 147 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme Monkenbusch, Helmut(Hrsg.), Fernsehen. Medien, Macht und Märkte, Reinbek bei Hamburg, 1994 Negt, Oskar; Kluge, Alexander(Hrsg.), Öffentlichkeit und Erfahrung. Zur Organisationsanalyse von bürgerlicher und proletarischer Öffentlichkeit, Frankfurt/Main, 1972 Open Society Institute(Hrsg.), Fernsehen in Europa: Regulierung, Politik und Unabhängigkeit. Ein Lagebericht, Budapest, 2005 Schwarzkopf, Dietrich(Hrsg.), Rundfunkpolitik in Deutschland. Wett­ bewerb und Öffentlichkeit, München, 1999 Schwarzkopf, Dietrich, Bindungsmuster. Programmliche Selbstverpflichtungen: Erwartungen und Perspektiven, in: epd medien 58/2004 Schatz, Heribert; Schulz, Winfried, Qualität von Fernsehprogrammen. Kriterien und Methoden zur Beurteilung von Programmqualität im dualen Fernsehsystem, in: Media Perspektiven 11/1992 Schneider, Norbert, Frisierte Bilder, getrübter Augenschein. Medienethik zwischen Qualität und Quote, Berlin, 2003 Seufert, Wolfgang, Programmaufwand, Qualität und Wirtschaftlichkeit öffentlich-rechtlicher Programmangebote, in: Medien& Kommunikations­wissenschaft, 54. Jg., Baden-Baden, 2006/3 Stolte, Dieter, Bleibt Fernsehen Fernsehen? Ein Diskussionsbeitrag zu den Veränderungen des Fernsehens in einem sich verschärfenden multimedialen Wettbewerb, ZDF Schriftenreihe 52, Mainz, 1997 Studies of Broadcasting, No. 28, Quality Assessment of Broadcasting Programming II , Tokio, 1992 Voß, Peter(Hrsg.), Wem gehört der Rundfunk? Medien und Politik in Zeiten der Globalisierung, SWR -Schriftenreihe Medienpolitik 2, Baden-Baden, 2002 Voß, Peter(Hrsg.), Revolution im Rundunk? Texte zum Streit um ein öffentliches Gut, SWR -Schriftenreihe Medienpolitik 1, Baden-Baden, 1999 Weichert, Stephan Alexander, Die Stimme des Publikums. Neu belebte Diskussion um»Stiftung Medientest«, in: epd medien 40–41/2005 Weischenberg, Siegfried, Neues vom Tage. Die Schreinemakerisierung unse­rer Medienwelt, Hamburg, 1997 Weiß, Ralph(Hrsg.), Zur Kritik der Medienkritik, Schriftenreihe Medienforschung der Landesanstalt für Rundfunk NRW , Band 48, Düsseldorf, 2005 148 Literatur Weßler, Hartmut; Matzen, Christiane; Jarren, Otfried; Hasebrink, Uwe (Hrsg.), Perspektiven der Medienkritik. Die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit öffentlicher Kommunikation in der Mediengesellschaft, Wiesbaden, 1997 ZDF Jahrbuch(1995, 2001–2005), Mainz ZDF -Schriftenreihe 45, Die Position des ZDF in einem sich verändernden Fernsehmarkt, Mainz, 1993 ZDF Schriftenreihe 48, Das ZDF vor den Herausforderungen des digitalen Fernsehens, Mainz, 1994 ZDF Schriftenreihe 54, Aufgabe und Wert des öffentlich-rechtlichen Rundfunks für die Gesellschaft am Beispiel des ZDF , Mainz, 1998 ZDF Schriftenreihe 55, Der spezifische Funktionsauftrag des Zweiten Deutschen Fernsehens, Mainz, 1999 149 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme Die Autoren Uwe Kammann Uwe Kammann, Jahrgang 1948, leitet seit Mai 2005 als Direktor und Geschäftsführer das Adolf-Grimme-Institut in Marl. Von 1984 bis 2005 war Kammann Leiter des Medienfachdienstes»epd medien«. Seit 1980 arbeitete er in der Grimme-Fernsehjury mit, darunter mehrfach als Vorsitzender. Seine weitere Juroren-Erfah­ rung reicht vom Deutschen Fernsehpreis über den Fernsehfilmpreis der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste, den Deutschen Kamerapreis, den Marler Video-Kunst-Preis und den Robert-Geisendörfer-Preis bis zum Hörspielpreis der Kriegsblinden, dessen Vorsitzender er von 1996 bis 2001 war. Kammann ist Gastautor der Fach-, Tages- und Wochenpresse und Autor, Kommentator und Diskutant im Radio und im Fernsehen. Außerdem ist er regelmäßig Moderator und Referent bei Medienkongressen und-tagungen. Zu seinen Buchveröffentlichungen gehören»Die Schirm-Herren«(Kiepenheuer& Witsch) und»HörWelten«(Aufbau Verlag). Er ist Mitglied des Beirats der Filmakademie BadenWürttemberg und der Mainzer Tage der Fernseh-Kritik. Katrin Jurkuhn Katrin Jurkuhn, M.A. , Jahrgang 1977, studierte Germanistische Linguistik, Film- und Fernsehwissenschaft und Publizistik. Als freie Journalistin schrieb sie u. a. für die»Süddeutsche Zeitung«. Seit 2005 leitet sie die Pressestelle des Grimme-Instituts und ist dort als wissenschaftliche Mitarbeiterin in weiteren Projekten tätig, unter anderem als Autorin der Studie»Menschen mit Migra150 Die Autoren tionshintergrund in der Bundrepublik Deutschland – Mediennutzung und Medienkompetenzen« im Auftrag der Landesanstalt für Medien NRW . Fritz Wolf Fritz Wolf, Jahrgang 1947, hat Germanstik studiert und ist auch als Dramaturg ausgebildet. Er arbeitet als freier Journalist für Printmedien(so»Süddeutsche Zeitung« und»epd medien«) und Hörfunk, außerdem ist er auch auf anderen Gebieten Autor. Wolf arbeitet ebenso als Dozent. Sein Hauptinteresse gilt den Medien. Weiter beschäftigt er sich vor allem mit Politik-, Kultur- und Technikthemen sowie mit Kinder- und Jugendliteratur. 151 Im Spannungsfeld. Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme 152