Juni 2007 direkt Analysen und Konzepte zur Wirtschafts- und Sozialpolitik Nicht so einfach! Situation und Perspektiven der einfachen Arbeit Ruth Brandherm 1 Auf einen Blick Wirtschaft, Wissenschaft und Politik haben die einfache Arbeit entdeckt. Die Förderung einfacher Arbeitsplätze und der Ausbau eines Niedriglohnsektors werden als Ausweg aus der beschäftigungspolitischen Misere und als Perspektive für gering Qualifizierte und Arbeitslose gesehen 2 . Tatsächlich ist der Bereich der einfachen Arbeit einem ständigen Wandel unterworfen, der zunehmend höhere Qualifikationen der Beschäftigten verlangt. Qualifizierung, bessere Entlohnung und gesellschaftliche Anerkennung könnten und sollten diese Dynamik unterstützen. „Einfache Arbeit“ ist nach der gängigen Definition eine Tätigkeit, die keine formale berufliche Qualifizierung erfordert, sondern von jedem/jeder nach einer Unterweisung oder Einarbeitung ausgeführt werden kann. Einfache Arbeit findet sich in allen Wirtschaftsbereichen: sowohl in der Produktion, im Bereich der Dienstleistungen sowie in der Land- und Forstwirtschaft. Sie hat viele Gesichter. Neben der Auskunft auf dem Berliner Hauptbahnhof ist es die Produktion von Schaltern für Haushaltsgeräte, die Spargelernte, der Zimmerservice im Hotel, die Straßenreinigung, die Transportarbeit in der Logistikbranche etc. Aber ist einfache Arbeit das ideale Einsatzfeld für gering qualifizierte Menschen? Einfache Arbeit – aber keine einfachen Qualifikationsanforderungen Prognosen zur Entwicklung des Arbeitsangebots gehen überwiegend davon aus, dass der Trend zur Wissensgesellschaft mit einer zunehmenden Bedeutung qualifizierter Arbeit einhergeht und die Bedeutung einfacher Arbeit abnimmt. Die Einschätzung, dass sich einfache Arbeit auf dem Rückzug befindet, ist auch heute noch weit verbreitet. Die Statistik zeigt WISO direkt Juni 2007 Friedrich-Ebert-Stiftung aber ein anderes Bild: Die Daten des IAB Betriebs- dass an einfache Arbeit heute – sowohl im Bepanels belegen für den Zeitraum von 2001 bis reich von Dienstleistungen als auch im Bereich 2005, dass der Umfang einfacher Arbeit in dieser der Produktionsarbeit – andere Anforderungen Zeit nahezu konstant geblieben ist. Er liegt ge- gestellt werden. So sind z. B. im Zuge der Einfühgenwärtig bei ca. 24%. Von einer Marginalisie- rung ganzheitlicher Produktionssysteme in der rung einfacher Arbeit kann also nicht die Rede Automobilindustrie Einfacharbeitsplätze mit kursein(L. Bellmann/J. Steinmaier, 2007). 3 zen Taktzeiten und immer wiederkehrenden VerMehr als 50% dieser einfachen Arbeitsplätze richtungen nach wie vor weit verbreitet. Getriekonzentrieren sich auf die Branchen Handel, unben durch die Technisierung, durch Globalisieternehmensbezogene und sonstige Dienstleisrung und die Dynamik internationaler Märkte tungen sowie die Investitionsgüterproduktion. haben sich in solchen Produktionssystemen jeDer sektorale Strukturwandel und der Bedeutungsdoch spezifische Aufgabenprofile für einfache Arzuwachs des Dienstleistungssektors haben zu einer beiten durchgesetzt, die sich durch erweiterte Zunahme einfacher Tätigkeiten in diesem Bereich Tätigkeiten und höhere Qualifikationsanfordegeführt. Aber auch in der Produktion spielt einrungen auszeichnen. Hier ist breiteres Prozessfache Arbeit nach wie vor eine wichtige Rolle. und Überblickswissen gefragt(U. Clement, 2007). Fast drei Viertel aller Personen mit einfachen Tätigkeiten waren 2005 in kleinen und mittleren Betrieben beschäftigt. Untersuchungen zum EinBildungspolitische Konsequenzen stellungsverhalten der Betriebe belegen, dass der veränderten Betriebe bis zu 49 MitarbeiterInnen etwa ein DritQualifikationsanforderungen tel ihrer Neueinstellungen im Bereich einfacher Arbeit vornehmen. Während diese Unternehmen Einfache Arbeit hat also ihr Gesicht verändert. Schwierigkeiten haben, ihre Stellen zu besetzen, Sie ist häufig nicht so einfach, wie es auf den erstrifft dies für größere Betriebe nicht zu. Eine Stuten Blick erscheinen mag. Einfache Tätigkeiten die zur Stellenbesetzung im Bereich einfacher sind komplexer geworden und erfordern mehr Dienstleistungen belegt ebenfalls, dass insgesamt und andere Kompetenzen. Der Trend zu steigenkein Mangel an BewerberInnen vorliegt. Die Unden Qualifikationsanforderungen, der durchgänternehmen beklagen aber häufig die nicht ausreigig alle Tätigkeitsbereiche erfasst, ist auch im Bechende Eignung der BewerberInnen. Sie bevorzureich unterhalb der Facharbeiterebene erkennbar. gen bei der Einstellung oftmals formal QualifiFür die Bildungspolitik und die Berufspädazierte. Eine solche Einstellungspraxis, die aus eingogik stellt sich vor diesem Hintergrund die Frazelwirtschaftlicher Sicht nachvollziehbar und ge, ob sich Qualifizierungsprofile an derartigen aufgrund der Lage am Arbeitsmarkt durchsetzbar Arbeitsverhältnissen und Qualifikationsanfordeist, hat gravierende Effekte für die Situation der rungen orientieren sollten oder ob auch zukünfgering Qualifizierten am Arbeitsmarkt, die datig ausschließlich für anspruchsvollere Fachardurch kaum Chancen auf Beschäftigung erhalbeitertätigkeiten ausgebildet werden sollte. Sicher ten. Einfacharbeitsplätze sind heute also keinesmuss es zunächst darum gehen, möglichst vielen wegs überwiegend das Einsatzfeld von gering Menschen den Zugang zu einer qualifizierten Qualifizierten. Insgesamt 63% der einfachen ArAusbildung zu eröffnen und die Zahl der Menbeitsplätze sind mit Mitarbeitern besetzt, die eine schen ohne formalen Ausbildungsabschluss, die formale Qualifizierung aufweisen. Eine Gleichimmer geringere Chancen auf Beschäftigung hasetzung einfacher Tätigkeiten mit formal gering ben, zu verringern. Dies beginnt mit der ReduzieQualifizierten trifft somit nicht zu(C. Weinkopf, rung der Zahl der Jugendlichen, die keinen Schul2007). abschluss erwerben. Es besteht die Gefahr, dass Diese Einstellungs- und Einsatzpraxis der Besie durch die schwierige Situation auf dem Austriebe ist nicht nur Ausdruck der derzeitigen Lage bildungsstellenmarkt und den Mangel an Ausbilauf dem Arbeitsmarkt, sondern signalisiert auch, dungsplätzen einerseits und einer unzureichen2 Wirtschafts- und Sozialpolitik WISO direkt Juni 2007 den Vorbereitung auf die Anforderungen einer destlöhnen gefordert werden, spielen Fragen der Berufsausbildung durch die Schule andererseits Akzeptanz und Anerkennung sowie Fragen der auf der Strecke bleiben. Neben verstärkten indiviQualität einfacher Arbeit in der öffentlichen Deduellen Fördermaßnahmen und Unterstützungsbatte kaum eine Rolle. Diese vergessenen Dimenangeboten im Schulverlauf muss vor allem in der sionen einfacher Arbeit sind für die Beschäftigfür viele SchülerInnen kritischen Phase der letzten selbst von erheblicher Bedeutung. Auch bei ten Jahre des Pflichtschulbesuchs angesetzt werscheinbar einfachsten repetitiven Teilarbeiten ist den. Handlungsansätze liegen darin, sowohl den die fehlerfreie und sorgfältige Erledigung einer Erwerb des Schulabschlusses mit Schritten zur Aufgabe, neben den sozialen Kontakten zu KolleFörderung des Übergangs in Ausbildung oder zugInnen, für die Beschäftigten Grundlage für Armindest in Berufsvorbereitung zu verknüpfen beitszufriedenheit und Produzentenstolz und beoder Jugendlichen durch betriebliche Langzeitsitzt insofern einen hohen Stellenwert. Dabei praktika den Übergang in eine betriebliche Aushilft es, wenn einfache Arbeiten durch Anreichebildung zu ermöglichen. Weitere Ansatzpunkte rung mit weiteren Tätigkeiten aufgewertet und für Erwachsene und junge Erwachsene liegen im die Möglichkeiten der Aufstiegsmobilität verbesNachholen von Ausbildungsabschlüssen sowie sert werden und wenn einfache Arbeiten entsprein(Teil-)Qualifizierungen für Un- und Angelernte. chend anerkannt und sie auch in ihrer BedeuIn einigen Unternehmen werden solche tung für die Erledigung komplexer und qualifiKonzepte bereits umgesetzt. Außerdem gibt es zierter Tätigkeiten gewürdigt werden. Maßnahmen, die un- und angelernten LangzeitEinfache und prekäre Arbeit weisen zwar eine arbeitslosen eine Möglichkeit bieten, Qualifiziegroße Schnittmenge auf; sie sind jedoch nicht rungsbausteine zu erwerben und schrittweise bis deckungsgleich(K. Dörre, 2007). Einfache Arbeit, zu einem anerkannten Ausbildungsabschluss zu wenn sie mit einem existenzsichernden Einkomgelangen(z. B. Werkstatt Frankfurt„Frankfurter men und mit sozialer Absicherung einhergeht, Weg zum Berufsabschluss“). Insgesamt sind Anist nicht zwangsläufig prekäre Arbeit. Die Datensätze weiterzuentwickeln und zu fördern, die für lage hinsichtlich der genauen Schnittmenge zwiden Bereich einfacher Arbeit formalisierte und schen prekärer Beschäftigung und einfacher Aranschlussfähige Qualifizierungs- und Weiterbilbeit weist erhebliche Lücken auf. Bei geringfüdungsoptionen bereitstellen. giger Beschäftigung, Mini- und Midijobs, handelt es sich häufig um einfache Arbeit. Diese Beschäftigungsformen haben in den letzten Jahren deutDie Prekarisierung einfacher Arbeit lich zugenommen und gelten wegen ihrer geringen Sozial- und Schutzrechte als prekär. Auch im „Einfache Arbeit ist schlechte Arbeit.“ Auf diese Teilzeitbereich lässt sich ein hoher Anteil einfagriffige Formel kann man die gesellschaftliche cher Arbeit vermuten. Wegen der starken KonzenWertschätzung einfacher Arbeit bringen. Sie tration auf den Bereich der Dienstleistungen und schlägt sich nicht nur in der geringen Entlohnung, der Frauenarbeit ist auch hier mit einer größeren der lückenhaften sozialen Absicherung und fehSchnittmenge einfacher Arbeit und prekärer Arlenden Aufstiegsmöglichkeiten nieder, sondern beit zu rechnen. Die größte Übereinstimmung von zeigt sich häufig auch in einer Geringschätzung einfacher Arbeit und prekärer Arbeit besteht im der Arbeit und einer Abwertung der sie ausfühBereich der gering Qualifizierten. Gering Qualifirenden Person. Jede/r, der/die einmal selbst so zierte haben ein besonders hohes Arbeitsmarkteine Tätigkeit ausgeübt hat oder Menschen aus risiko; ihr Anteil unter den Arbeitslosen ist etwa diesem Bereich kennt, kann ermessen, wie verletdoppelt so hoch wie ihr Anteil an den Beschäfzend und demotivierend sich eine solche Haltigten in Deutschland. tung auswirkt. Während zu Recht eine VerbesseEinfache Arbeit ist ein relevanter Beschäftirung der ökonomischen Rahmenbedingungen gungsbereich und damit ein wichtiges arbeitsfür einfache Arbeit und die Einführung von Minund tarifpolitisches Handlungsfeld. Die Hoffnung, 3 WISO direkt Juni 2007 Friedrich-Ebert-Stiftung durch eine Ausweitung dieses Segments die beschäftigungspolitischen Probleme insbesondere von Langzeitarbeitslosen und gering Qualifizierten lösen zu können, läuft ins Leere, da überwiegend Selektions- und Verdrängungsprozesse stattfinden. Obwohl sich der Niedriglohnsektor in den letzten Jahren deutlich ausgeweitet hat, liegt der Anteil der Beschäftigten, die eine Berufsausbildung absolviert haben, an den Beschäftigten im Niedriglohnbereich bei über 75%. Vorschläge, die in einer Ausweitung des Niedriglohnsektors eine Lösung der Beschäftigungsprobleme für gering Qualifizierte sehen, greifen deshalb zu kurz. Die geringe gesellschaftliche Anerkennung einfacher Arbeit lässt sich nur bedingt politisch beeinflussen; sie ist auch eine Frage des Umgangs mit Menschen und des Respekts vor der Arbeitsleistung anderer. Die geringe Wertschätzung einfacher Arbeit und ihr spezifischer Charakter führen u.a. dazu, dass sie ein bevorzugter Bereich für Kostensenkungsmaßnahmen ist. Damit einher gehen eine Ausweitung prekärer Arbeitsverhältnisse, eine Zunahme des Outsourcings und der Zeitarbeit. Um weitere Prekarisierungstendenzen im Bereich einfacher Arbeit zu vermeiden, ist ein gesetzlicher Mindestlohn erforderlich. Eine solche Maßnahme gewinnt auch angesichts der anstehenden Freizügigkeit von Arbeitskräften im EU-Rahmen an Bedeutung, da gerade im Bereich einfacher Arbeit ein Lohndumping zu befürchten ist. 4 Die politische Aufgabe: Qualifikationen optimal nutzen! Für die bildungs- und arbeitspolitische Debatte lassen sich für den Bereich einfacher Arbeit in Deutschland einige Schlussfolgerungen ziehen: Insgesamt sind eine Vielzahl von Ordnungs- und Regulierungsmaßnahmen erforderlich, um den Bereich einfacher Arbeit besser auszugestalten. Es geht nicht nur um die Frage, ob unser Berufsund Beschäftigungssystem Un- und Angelernten Zugänge und Entwicklungsmöglichkeiten verweigert, sondern auch darum, Fehlallokationen im Bereich gut qualifizierter MitarbeiterInnen zu vermeiden. Angesichts des sich abzeichnenden Fachkräftemangels ist es geboten, die Kompetenzen und Fähigkeiten aller MitarbeiterInnen so zu nutzen, dass sie sowohl ökonomisch, aber auch aus der Sicht der Einzelnen den größten Nutzen bringen. Insofern weisen Gestaltungsansätze im Bereich einfacher Arbeit weit über diesen Bereich hinaus. Maßnahmen hier können Spielräume in anderen Beschäftigungssegmenten und für andere Beschäftigtengruppen eröffnen. 1 Die Autorin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik der FES und Leiterin des Gesprächskreises Arbeit und Qualifizierung. 2 Kritisch dazu M. Dauderstädt: Die Neuordnung des Niedriglohnsektors in Deutschland, FES, WISO direkt, Februar 2007 3 Die Beiträge von L. Bellmann/J. Steinmaier, C. Weinkopf, U. Clement und K. Dörre sind in der Tagungsdokumentation zur Veranstaltung „Perspektiven der Erwerbsarbeit: Einfache Arbeit in Deutschland“, FES, WISO Diskurs, Mai 2007, veröffentlicht. 4 Im Sinne von Löhnen, die nur angesichts der höheren Kaufkraft in den Herkunftsländern eine halbwegs angemessene Reproduktion ermöglichen, aber in Deutschland kein Leben entsprechend den hiesigen soziokulturellen Standards erlauben. 4 Impressum:© Friedrich-Ebert-Stiftung Herausgeber: Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung Godesberger Allee 149 53175 Bonn Fax 0228 883 398 www.fes.de/wiso ISBN: 978-3-89892-666-9