Wie alles begann – Von der Verlagsgründung bis zum Ende der Weimarer Republik angela graf Im zweiten Drittel des 1 9. Jahrhunderts griff die soziale Bewegung, die mit dem»Bund der Gerechten« in Paris und dem»Bund der Kommunisten« in London erste organisatorische Formen angenommen hatte, auch auf die deutschen Ländern über.»Neu an der Industrialisierung war nicht die Ausbeutung und Massenarmut, neu war, daß Ausbeutung und Armut nicht mehr schicksalhaft-passiv hingenommen wurden, sondern die Betroffenen begannen, Fragen nach den Ursachen ihrer mißlichen Lage zu stellen.« 1 Viele von denen, die der Industrialisierungsprozess ins Elend gestoßen hatte, wandten sich ab von der Bibel und den Kalenderbüchern und bevorzugten andere Lektüre. 1 863 wurde der»Allgemeine Deutsche Arbeiterverein« gegründet(dessen Präsident zunächst Ferdinand Lassalle war), gefolgt von der»Sozialdemokratischen Arbeiterpartei«(SDAP, 1 869). Beide schlossen sich 1 875 zur»Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands« zusammen, die seit 1 890»Sozialdemokratische Partei Deutschlands« heißt. Die Arbeiterbewegung hungerte nach Bildung, nach gesellschaftlicher und politischer Teilhabe, und die Alphabetisierung breiter Schichten sowie die steigende Kaufkraft taten ein Übriges, um das Selbstbewusstsein der Arbeiterschaft wachsen zu lassen. Der Verlag J. H. W. Dietz, der heute auf eine reiche Tradition von 1 25 Jahren zurückblicken kann, hat seine Wurzeln in dieser politischen Entwicklung und diesem sozialen Milieu.»Es gehört zu den schwierigsten Aufgaben einer modernen Arbeiterpartei und ist in mancher Hinsicht sogar ihre schwierigste Aufgabe, sich eine wissenschaftliche Literatur zu schaffen. Sie kann ihrer nicht entbehren, wenn Sie siegen will.« 2 Johann Heinrich Wilhelm Dietz 3 hat dieser Aufgabe mehr als sein halbes Leben gewidmet. Der Verlag, der auch heute noch seinen Namen trägt, wäre ohne ihn nicht lebensfähig gewesen, geschweige denn so 1 Loreck 1 977, S. 95. Genaue Angaben aller zitierten Quellen in der Literaturliste. Die Schreibweise der Zitate erfolgt nach der Vorlage und ist nur leicht nach alter Rechtschreibung angepasst. 2 Kautsky 1 904 S. 465. 3 Meistens wurde er Heinrich Dietz(im Folgenden H.D.) genannt, aber auch»J. H. W.« war gebräuchlich. 13 erfolgreich geworden 4 – vor allem, wenn man bedenkt, in welch desolater Situation Heinrich Dietz 1 88 1 gerufen wurde, nachdem er in Hamburg schon die harten Folgen des Bismarckschen Sozialistengesetzes zu spüren bekommen hatte. Sein persönlicher und beruflicher Werdegang führte ihn konsequent zur Sozialdemokratie: Als zweiter Sohn eines Schneidermeisters kam Heinrich Dietz am 3. Oktober 1 843 in Lübeck zur Welt und besuchte dort ab 1 850 die Privatknabenschule von Franz Petri; anschließend begann er eine Lehre als Schriftsetzer und schloss sie 1 862 ab. 5 Die Wanderzeit – für Angehörige der»Schwarzen Zunft« eigentlich nicht obligatorisch – führte ihn wie viele Berufskollegen ins Ausland, nach Russland. In St. Petersburg lernte er die russische Sprache, so dass er später problemlos russisch lesen und auch setzen(lassen) konnte. In der Zarenhauptstadt lernte er tiefes menschliches Elend kennen und erlebte die innenpolitischen Auseinandersetzungen der Jahre 1 862 bis 1 868 hautnah mit. Dort kam er auch mit der jungen sozialistischen Bewegung um den Schriftsteller Nikolaj Gavrilovič Černyševskij und dessen Zeitschrift»Żovremennik«(Der Zeitgenosse) in Kontakt. Černyševskij saß ab Mitte 1 862 allerdings in Festungshaft, wo er seinen programmatischen Roman»Was tun« verfasste, der 1 863 in mehreren Folgen im»Zeitgenossen« erschien. 6 4 So erinnerte sich Karl Kautsky:»Papa Dietz war in manchen Dingen ein großer Sonderling. Und im Geschäft ein Autokrat – allerdings ein wohlwollender. Doch nichts vertrug er schwerer als eine Beengung seiner eigenen Bewegungsfreiheit. Er wollte alle Menschen glücklich sehen, die in seinen Unternehmungen und für ihn arbeiteten. Aber sie sollten nicht glücklich werden durch eigene Kraft, sondern durch ihn.«(Kautsky 1 960, S. 525) 5 Heinrich Dietz hat selbst keine Erinnerungen hinterlassen. Über die vielfältigen Verlags- und Parteiangelegenheiten gibt der Briefwechsel mit Karl Kautsky profunden Aufschluss(durchnummerierte Briefe von H.D. an Karl Kautsky[im Folgenden K.K.], im Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis, Amsterdam[IISG], Nachlass Kautsky, D VIII). Siehe auch Graf 1 998 und die zugrunde liegenden Dissertation Graf 1 994/ 1 996, letztere abrufbar im Internet unter der URL http://www. fes.de/cg-bin/gbv.cgi?id= 1 46(HTML-Version) oder http://www.fes.de/cgbin/gbv.cgi?id= 1 46&ty=pdf. mit allen Quellen- und vielen biographischen Angaben. Bibliographie des Verlages J. H. W. Dietz siehe Emig/Schwarz/ Zimmermann 1 98 1 . 6 Heinrich Dietz war später stolz darauf, dass er Černyševskij persönlich kennen gelernt hatte, den»Lehrvater einer ganzen Generation russischer Revolutionäre«, und dessen Anerkennung als Setzer an einem seiner Werke gewinnen konnte(Schwarz, in: Emig/Schwarz/Zimmermann 1 981, S. 1 5). Wie alles begann 14 Möglicherweise war Heinrich Dietz in einer Druckerei beschäftigt, die diese Zeitschrift herstellte. 7 Ende 1 866 kehrte Heinrich Dietz nach Lübeck zurück und arbeitete zunächst als Metteur bei der»Eisenbahn-Zeitung«. 1 867 gründete sich eine Lübecker Ortsgruppe des»Deutschen BuchdruckerVerbandes«. Dietz schloss sich dieser neuen Gewerkschaftsbewegung sofort an, wurde 1871 Ortsvereinsvorsitzender, betrieb die Vereinigung der Lübecker und Mecklenburger Drucker und führte 1 872 mit seinen Kollegen einen erfolgreichen Streik um höhere Löhne an. Nach einem Jahr Tätigkeit bei den Gebrüdern Borchers und der»Lübecker Zeitung« siedelte er mit seiner Familie 1 874 nach Hamburg über 8 , wo er als»Faktor«, also als technischer Leiter, in der Druckerei von Martin Philipsen zu arbeiten begann. Auch in Hamburg trat Dietz umgehend dem dortigen»Buchdruckerverein« bei und wurde 1 876 zu dessen stellvertretendem Vorsitzenden gewählt. Etwa um diese Zeit muss er Mitglied der sozialdemokratischen Partei geworden sein. 9 Seiner Mentalität und gewerkschaftlichen Herkunft nach gehörte Dietz zu den Lassalleanern. 10 7 Kautsky 1 9 1 3, S. 4. Dies ließ sich nicht abschließend klären. Für einen persönlichen Kontakt zwischen Heinrich Dietz und N. G. Černyševskij war vor der Festungshaft nur wenig Zeit, er müsste ihn dann im Gefängnis besucht haben oder man hatte ihm Černyševskijs Wohlwollen übermittelt, bevor dieser Mitte 1 864 öffentlich in die Verbannung geschickt wurde. – Später ließ Heinrich Dietz eine deutsche Übersetzung dieses Romans im Hamburger Unterhaltungsblatt»Der Gesellschafter am häuslichen Herd« erscheinen, das er zeitweise selbst redigierte(SPD-Protokoll 1 892, S. 262ff.). 8 Am 28. Juni 1 870 hatte Heinrich Dietz Helene(von) Zülow( 1 847– 1 927) geheiratet. Das Paar hatte inzwischen 3 Kinder. 1 875 wurde der jüngste Sohn Franz geboren. 9 Ein genauer Termin lässt sich nicht nachweisen, alles deutet darauf hin, dass er wohl rund um den Parteitag in Gotha 1 875, spätestens aber mit Übernahme der Parteidruckerei Mitglied geworden sein muss(Graf 1 994/ 1 996, S. 40). 10 Erst später versöhnte er sich mit dem Marxismus:»Ich war s.Z. ein warmer Anhänger Lassalles, dessen eminent praktische Bedeutung für die Entwicklung der deutschen Arbeiterbewegung von keinem aufrichtigen S.D. geleugnet werden kann – der Lassalleanismus ist heute jedoch ein überwundener Standpunkt, die Bewegung ist weit über den nationalen Rahmen, der für Lassalle unentbehrlich war, hinausgewachsen, und es gibt für uns nur noch ein Entweder-Oder! Hie Proletariat und der Emanzipationskampf im marxistischen Sinn, der keine Deutelei zuläßt, dort eine untergehende Gesellschaftsform, die sich mit sozialistischem Flitterwerk das Dasein verlängern möchte.«(H.D. an K.K., 28. 4. 1 886, IISG, Br. 1 04) 15 Von der Verlagsgründung bis zum Ende der Weimarer Republik Die Hamburger Sozialdemokraten gaben nach dem Vereinigungsparteitag in Gotha 1 875 das»Hamburg-Altonaer Volksblatt« heraus. Es erschien ab dem 1 9. September 11 und wurde zunächst bei Martin Philipsen hergestellt. Zur Finanzierung der Zeitung gründete man eine Genossenschaft, deren Ziel es war, eine eigene Buchdruckerei zu betreiben. 12 Diese Genosschenschaft übernahm 1 876 das Unternehmen von Martin Philipsen und mit ihm den Faktor Heinrich Dietz. Von nun an hatte dieser immer häufiger Kontakt zu führenden Genossen, weil man sich im»Vorort«(d. h. dem nationalen Sitz der Parteileitung) gern in der Druckerei traf. Heinrich Dietz galt als zuverlässig und bewährte sich in seiner Funktion so gut, dass man ihn bei Inkrafttreten des Sozialistengesetzes 1 878 für ein heikles – wie andernorts auch praktiziertes – Geschäft auswählte: Er sollte die Druckerei von der Genossenschaft zum Schein als Privatmann kaufen, um sie vor dem repressiven Zugriff des Staates zu retten. Die Transaktion wurde, wie vieles andere in dieser schwierigen Zeit, von Carl Höchberg, dem Finanzier der Sozialdemokraten, unterstützt. Heinrich Dietz hatte weiterhin für den reibungslosen Ablauf der Druckgeschäfte zu sorgen, das Hamburg-Altonaer Volksblatt zu produzieren, später auch die »Gerichts-Zeitung«, diverse sozialdemokratische Broschüren zu vertreiben und vor allem möglichst viel Geld hereinzubringen, um damit die verfolgten Genossen zu unterstützen. Dabei half das neue humoristische Monatsblatt»Der Wahre Jacob«. Der erste Jahrgang dieses, später so berühmt gewordenen, Blattes erschien ab November 1 879 nach dem Vorbild des»Kladderadatsch!«. Verantwortlicher Redakteur bis zum letzten Heft im Oktober 1 880 war Wilhelm Blos. 13 Damals stand Hamburg die Verhängung des so genannten»Kleinen Belagerungszustands« bevor – und die eigentlich schon nominell Heinrich Dietz gehörende Druckerei wurde endgültig an ihn»verkauft« – eine rein finanziell begründete Aktion, die den Wert des Geschäftes gegenüber den Behörden drücken sollte. 14 Fast alle Beschäftigten wurden sofort aus der Hansestadt ausgewiesen, und zusammen mit mehreren 11 Probenummer, regelmäßig erschienen ab dem 3. Oktober 1 875 – Heinrich Dietz’ 32. Geburtstag. 12 Die»Buchdruckerei-Genossenschaft zu Hamburg e.G.« von Dez. 1 875 bis 1 884(StAH, Handelsregister A 1 9, Bd. 1 ). 13 Ein vollständiges Exemplar des ersten Jahrganges hat sich in der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg erhalten. Der Wahre Jacob erschien ohne jede behördliche Beanstandung, bis alle an diesem Blatt Beteiligten aus Hamburg abreisen mussten(siehe u. a. Ege 1 992). 14 Zu den komplizierten Aktionen siehe Graf 1 994/96, S. 45ff. Wie alles begann 16 Mitgliedern der Genossenschaftsleitung ging Heinrich Dietz nach Harburg. 15 Als der Polizeisenator Kunhardt nach dem endgültigen Verbot der Gerichts-Zeitung kein weiteres sozialdemokratisches Blatt dulden wollte, war im Mai 1 88 1 für einen Buchdruckereibesitzer Dietz in Hamburg keine Verwendung mehr. Das Geschäft wurde drastisch reduziert und Reinhard Bérard übergeben, Heinrich Dietz kehrte in seine Heimatstadt Lübeck zurück, wo er wieder als Setzer arbeitete. Vorgeschichte der Verlagsgründung in Stuttgart Schon im Februar 1 880 war die Genossenschaft in Leipzig per Gerichtsbeschluss gezwungen worden, ihr Geschäft zu liquidieren. Damit drohte der wichtigsten Verlagsdruckerei der deutschen Sozialdemokratie das Aus. Um dies zu verhindern, trafen sich August Bebel und Ignatz Auer von der Parteiführung sowie Heinrich Dietz als erfahrener Hamburger Druckereileiter in Leipzig und berieten, wie Verlag und Druckerei vor dem Zugriff der Behörden zu retten seien. Die Lage war dramatisch. Louis Viereck, leitendes Vorstandsmitglied der Leipziger Genossenschaft und finanziell an der Druckerei beteiligt, bewährte sich als Geschäftsmann nicht. Deshalb war Carl Höchberg, de jure Besitzer der Druckerei, gezwungen, permanent neues Geld in das defizitäre Unternehmen zu stecken. Um die Verluste gering zu halten, stellte er Ende 1 880 Franz Goldhausen als Verwalter ein, einen gerade aus Amerika zurückgekehrten Genossen, an den große Hoffnungen geknüpft wurden: Er galt als»smart«, auch deshalb, weil er jüdischer Herkunft war. Im selben Jahr firmierte Goldhausen dann offiziell als»Käufer« der Genossenschaft, doch erwies sich auch diese Wahl als schwerer Fehlgriff, denn Goldhausen hing bald der Ruf von »Trägheit, Leichtsinn und Lügenhaftigkeit« 16 an. Er zahlte mittellosen Mitarbeitern keinen Lohn und verwendete Firmengelder, die für die Begleichung von Außenständen und Gehältern vorgesehen waren, zu anderen Zwecken. Es war immer noch im Gespräch, das Geschäft an Louis Viereck zu übertragen, obwohl man ja wusste, dass er zwar über Intelligenz und Rührigkeit verfügte, aber»bar aller jener Kenntnisse[war], die der Geschäftsbetrieb erforderte.« 17 15 Harburg gehörte zum Königreich Hannover und war deswegen frei. 16 Bruno Geiser an Wilhelm Liebknecht(im Folgenden W.L.), 1 3. 8. 1 88 1 , in: Liebknecht 1 988, S. 377f. 17 Kautsky 1 960, S. 5 1 6. 17 Von der Verlagsgründung bis zum Ende der Weimarer Republik In dieser schwierigen Situation wurde Ende Juni 1 88 1 auch über Leipzig der»Kleine Belagerungszustand« verhängt, und einen Monat später musste sich die Buchdruckereigenossenschaft auflösen. Eile tat not, denn die gesamte Führung von Buchhandlung, Verlag und Druckerei war gezwungen, das Belagerungsgebiet zu verlassen. Noch einmal konnte Höchberg mit einigem finanziellen Aufwand den Konkurs der Druckerei verhindern. Es gelang sogar, ihren technischen Kern, darunter die beiden besten Maschinen, nach Stuttgart zu schaffen. Damit verlagerte sich das Zentrum der sozialdemokratischen Verlagsaktivitäten nun nach Württemberg. Im königlichen»Ländle« stellte die Sozialdemokratie keine große Gefahr dar. Die arbeitende Bevölkerung lebte vorwiegend auf dem Land, Industriebetriebe konzentrierten sich auf wenige Städte, und politisch war man dort eher radikaldemokratisch oder liberal als revolutionär gesinnt. Zwar war auch in Stuttgart der sozialdemokratische Verein verboten, und die dortige Parteidruckerei hatte bereits verkauft werden müssen. 18 Doch war die württembergische Polizei weniger streng als in Hamburg oder Leipzig.»Nur wenn ihnen von Berlin gepfiffen wurde, koppelten die Behörden ihre Meute los. In den späteren Jahren ließen sie wohl oder übel die Zügel am Boden schleifen und drückten ein Auge zu.« 19 Am 27. September 1 88 1 trafen die Maschinen aus Leipzig in Stuttgart ein, wo sie im 2. Stock des Hinterhauses der Ludwigstraße 26 aufgestellt wurden. Bald darauf siedelten einige Beschäftigte der Leipziger Genossenschaftsdruckerei, darunter der Expedient Ewald Buchheim und der Faktor Rudolf Seiffert nach Stuttgart über, und aus Lübeck wurde Heinrich Dietz in die schwäbische Hauptstadt beordert. In seiner Heimat hatte er bislang keine adäquate Anstellung finden können, und so folgte er dem Ruf der Partei, ohne zu zögern. Am 3. Oktober 1 88 1 , seinem 38. Geburtstag, wurde er offiziell als Faktor eingestellt und übernahm also zunächst nur die technische Leitung der Druckerei. Von der Leipziger Genossenschaft brachte Franz Goldhausen die Verlagsrechte an der Schriftenreihe»Haus-Bibliothek«, an einem sozialdemokratischen Partei-Kalender(dem»Omnibus-Kalender« – der den verbotenen»Armen Conrad« ersetzte) sowie für das illustrierte 18 Auch in Stuttgart bestand eine Genossenschaftsbuchdruckerei, Hauptgläubiger war wieder Carl Höchberg(im Folgenden C.H.), der sie schon 1 879 an den ›,Privatmann‹ Reinhold Loebell ›verkaufte‹, Anfang 1 88 1 übernahm sie die(sozialdemokratische) Firma Christmann und Mauser. 19 Blos 1 909, S. 6f. Wie alles begann 18 und»zeitweise recht seichte« Unterhaltungsblatt 20 »Die Neue Welt« nach Stuttgart mit. Redigiert wurde das letztere von Wilhelm Blos und Wilhelm Liebknechts Schwiegersohn Bruno Geiser und lag seit 1 876 als Wochenendbeilage regelmäßig mehreren sozialdemokratischen Zeitungen bei. Doch nach dem Verbot dieser Parteiblätter ging die Auflage der»Neuen Welt« von ursprünglich 40.000 Exemplaren drastisch zurück. Verlag J. H. W. Dietz in Stuttgart Als immer deutlicher wurde, dass Franz Goldhausen den sozialdemokratischen Druckereikarren in den Graben steuerte, bestellte Carl Höchberg Ende 1 88 1 Heinrich Dietz»zum Verwalter der Stuttgarter Ruinen« 21 . Wie schon in Hamburg übergab die Partei ihm die Druckerei und den Verlag wieder zum Schein als Privatunternehmer, und am 3 1 . Dezember 1 88 1 ließ er»seinen« Verlag, den Verlag J. H. W. Dietz, ins Handelsregister eintragen. 22 Bisher hatte Heinrich Dietz als Angestellter im Auftrag der Parteiführung agiert, doch jetzt trug er mit der Übernahme des Stuttgarter Geschäfts die alleinige Verantwortung, die ungleich schwerer wog als in Hamburg. Er war dem Parteivorstand gegenüber zwar rechenschaftspflichtig, und mit Sicherheit geschah im Verlag nichts ohne vorherige Absprache. Aber nur im allergrößten Notfall standen Parteigelder zur Verfügung. Von Heinrich Dietz wurde in erster Linie erwartet, Gewinne zu erwirtschaften. Finanzielle Reserven, die er hätte investieren können, waren keine mehr vorhanden. So drohte in den ersten Jahren mehrfach der Bankrott. Später äußerte er zu Karl Kautsky bitter:»Warum hat man mich erst dann als Arzt geholt, als der letzte gesunde Blutstropfen dem Geschäft verloren gegangen war!« 23 Fast gleichzeitig mit dem Umzug nach Stuttgart war Heinrich Dietz im Wahlkreis Hamburg II zum Reichstagsabgeordneten gewählt wor20 Läuter 1 966, S. 206. 21 Kautsky 1 960, S. 5 1 6. 22 Zum genauen Gründungsdatum des Verlages siehe Druckenmüller 1 908. Ab 1 . Januar 1 882 hätte er von Goldhausen das Geschäft erworben, gab Heinrich Dietz später zu Protokoll,»ohne dass jedoch bis jetzt der Kaufpreis genau bestimmt worden sei«(HStA Stg. E 46, Bü 309a, 1 9. 1 . 1 882, S. 11 ). 23 H.D. an K.K., 3 1 . 1 0. 1 883(IISG, Br. 23). 19 Von der Verlagsgründung bis zum Ende der Weimarer Republik den – mehr gegen seinen Willen, aber andere geeignete Kandidaten standen nicht zur Verfügung. Gleichwohl behielt er sein Mandat von 1 882 bis 1 9 1 9. Dies bedeutete für sein Leben in mehrfacher Hinsicht eine tiefe Zäsur. Vorbei war es mit der Überschaubarkeit seines alten Lebensumfeldes: Von nun an musste er ständig zwischen Stuttgart, Hamburg und Berlin – Familie, Druckerei, Verlag, Partei und Reichstagssitz – hin- und herpendeln. In seiner Fraktion, die in der Zeit des Sozialistengesetzes die Parteileitung ersetzte, zählte er nicht zu den Wortführern und hatte sich bisher in keiner Weise exponiert. Von einer geregelten Verlagstätigkeit, gar mit profiliertem Programm, kann für die erste Zeit nicht die Rede sein. Zunächst galt es, das Geschäft finanziell abzusichern. Im ersten Jahr der Verlagsgeschichte erschienen lediglich vier Bücher und eine Zeitschrift: der erwähnte»Omnibus-Kalender«, ein Separatdruck über die Verhandlungen im Deutschen Reichstag zum Tabakmonopol(die Verbreitung von Redentexten aus dem Reichstag war nicht verboten), eine Neuauflage lyrischer Gedichte, die Bruno Geiser unter dem Titel»Edelsteine deutscher Dichtung« gesammelt hatte, ferner das überarbeitete »Volks-Fremdwörterbuch« von Wilhelm Liebknecht, das bereits im Verlag der Leipziger Genossenschaftsdruckerei erschienen war, und ab dem 1 . April 1 882 das»Schwäbische Wochenblatt« 24 , das nach anfänglichen Defiziten beachtliche Gewinne sowohl für die Druckerei als auch für die Partei abwarf. Um den Kontakt zum Sortimentsbuchhandel bemühte sich Heinrich Dietz zunächst vergeblich:»Im Jahre 1 882 wurde ich in Leipzig auf drei Stellen geradezu hinausgeworfen mit den Worten: ›Ach, Sie sind der Nachfolger der Genossenschafts-Buchdruckerei; na, da haben Sie sich eine schöne Empfehlung mitgebracht. Mit solchen Leuten können wir keine Geschäfte machen‹, und dergleichen.« 25 Kaum zwei Wochen nach der offiziellen Gründung des Verlages geriet Heinrich Dietz in die Schlagzeilen. Mitten in der laufenden Reichstagssession wollte er in Stuttgart kurz nach dem Rechten sehen, als die Druckerei durchsucht und er verhaftet wurde – anstelle des Verlegers Goldhausen und wegen der angeblich illegalen Verbreitung des»Omnibus-Kalenders«, den man für identisch mit dem verbotenen Züricher Kalender»Der Republicaner« hielt. Vergeblich 24 Redakteur des neuen Blattes wurde Georg Baßler. Der engagierte Sozialdemokrat war in der Partei-Druckerei beschäftigt und lebte seit langem in Stuttgart(Hildenbrand 1 909; siehe auch Rieber 1 984 u. Ege 1 992). 25 H.D. an K.K., 1 5. 5. 1 886(IISG, Br. 1 08). Wie alles begann 20 wies Heinrich Dietz darauf hin, dass Reichstagsabgeordnete nach Artikel 3 1 der Verfassung während der laufenden Session Immunität genossen. Er hatte sogar Schwierigkeiten, seine Fraktionskollegen in Berlin zu benachrichtigen. Erst drei Tage später befand sich Heinrich Dietz wieder auf freiem Fuß, doch da war das Geschäft schon zum wiederholten Male durchsucht, sein Expedient Ewald Buchheim verhaftet und der Betrieb für»herrenlos« erklärt worden. Nur der energische Protest des Korrektors Rudolf Seiffert konnte gerade noch verhindern, dass die Druckerei und der junge Verlag im ersten Monat ihres Bestehens wieder geschlossen werden mussten! 26 Im Reichstag wurde die Angelegenheit zunächst verschleppt und 1 883 zu den Akten gelegt, obwohl sich auch bürgerliche Abgeordnete über den»Fall Dietz« empört hatten. Druckerei und Verlag hatten in Stuttgart also mit erheblichen Problemen zu kämpfen, zumal auch 1 882 noch nicht klar geregelt war, wer eigentlich die Hauptverantwortung für den Betrieb tragen sollte. Hätte die Druckerei nicht auf Dauer aus eigener Kraft existieren können, wäre wohl auch ihre endgültige Auflösung in Betracht gekommen. Nicht nur die Beschlagnahme des»Omnibus-Kalenders« hatte große finanzielle Verluste nach sich gezogen, auch die»Neue Welt« erwies sich schon bald als so defizitär, dass Carl Höchberg, der finanziell immer sehr großzügig gewesen war, nun selbst in erhebliche Schwierigkeiten geriet und»Dietz gestattet[e], in Verhandlungen wegen eines Verkaufs« einzutreten. 27 26 Daraufhin bekam Helene Dietz Prokura für den gesamten Geschäftsbereich, um allen möglichen Willkürmaßnahmen vorzubeugen. 27 Höchberg schrieb Mitte März an seinen Sekretär Eduard Bernstein: »Aus der Übertragung des Stuttgarter Geschäfts an Viereck wird vorerst nichts werden«, und Heinrich Dietz sollte eventuell als Pächter des Unternehmens fungieren. Viereck versuchte daraufhin, Carl Höchberg unter Druck zu setzen, dieser reagierte sehr verärgert: Viereck, so meinte Höchberg,»verfolgt zu offenbar die Tendenz der Auflösung des Geschäftes, und will gewissermaßen das Fell des Löwen schon verteilen, ehe derselbe erlegt ist. Darauf kann ich mich nicht einlassen. Er braucht einige neue Pressen in der Münchener Druckerei; und da kam es ihm gelegen, vielleicht die Stuttgarter zu erhalten.[…] Ich wollte keineswegs vor dem 1 . Mai eine Entscheidung fällen.«(Kautsky 1 960, S. 5 1 6f.; Carl Höchberg [im Folgenden C.H.] an Eduard Bernstein[im Folgenden E.B.], 9. und 1 3. 3. 882, IISG Nachlass Bernstein, Korr., D 28 1 ; C.H. an E.B., 4. 2. 1 882, im ehemaligen ZPA Moskau[nach Mitteilungen von Ursula Herrmann, Schmielausee]) 21 Von der Verlagsgründung bis zum Ende der Weimarer Republik »Die Neue Zeit« Die Gründung einer wissenschaftlichen Zeitschrift lag offenbar»in der Luft«. Carl Höchberg gab damals unter dem Pseudonym»Dr. R. F. Seyfferth« eine Schriftenreihe mit dem Titel»Staatswirthschaftliche Abhandlungen« heraus. Zudem überlegte er, Karl Kautsky zum Redakteur einer neuen Zeitschrift mit wirtschaftlich-politischem Inhalt zu machen. Diese sollte der»Neuen Welt« einmal wöchentlich beigelegt werden, um ihre Auflage wieder zu steigern,»indem die Männer dann auch geistige Nahrung erhalten«. 28 Aber mit den»Staatswirthschaftlichen Abhandlungen«, deren zweite Serie Heinrich Dietz in Stuttgart drucken musste, weil das Geschäft dem Herausgeber Höchberg gehörte, handelte er sich einen scharfen Tadel aus London ein: Karl Marx und Friedrich Engels lehnten Höchbergs Ansichten rigoros ab. Besonders der berühmte»DreiSterne-Artikel« 29 , der 1 879 im gleichfalls von Höchberg herausgegebenen»Jahrbuch für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik« erschienen war, hatte den Zorn von Marx und Engels heraufbeschworen. Seinen Inhalt – den eine Reihe von sozialdemokratischen Abgeordneten sogar begrüßte – hatten sie damals als»gefährlichen Opportunismus« gebrandmarkt. Verleger Heinrich Dietz konnte also kaum erwarten, mit Höchbergs Schriftenreihe nun den Beifall der beiden Nestoren des Sozialismus zu gewinnen. 30 Der junge österreichische Sozialist Karl Kautsky selbst schlug dann der sozialdemokratischen Parteiführung vor, eine theoretische,»im marxistischen Geist gehaltene Zeitschrift« ins Leben zu rufen. Seine Idee fand Zustimmung, und im Oktober 1 882 entschied man sich für den Titel»Die Neue Zeit. Revue des geistigen und öffentlichen Lebens«.»Wohl sollte unsere Zeitschrift eine private Unternehmung sein, aber doch nur den Behörden gegenüber. Mit der Partei stand sie von ihrem Ursprung an in engstem Kontakt.« 31 Gesellschafter waren Karl Kautsky, Heinrich Braun und Heinrich Dietz. 32 Die erste Num28 C.H. an E.B., s. FN. 28. 29 1 879 im gleichfalls von Höchberg herausgegebenen»Jahrbuch für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik« erschienener und nicht mit Namen, sondern nur mit drei Sternen gezeichneter Artikel, Höchberg selbst, seinem Sekretär Eduard Bernstein und Carl August Schramm zugeschrieben. 30 Vgl. Schwarz 1 973, S. 1 6. 31 Kautsky 1 960, S. 5 1 7. 32 Kautsky 1 960, S. 524 u. 542; H.D. an K.K., 8. 7. 1 884(IISG, Br. 43); K.K. an Friedrich Engels[im Folgenden F.E.], 3. 1 0. 1 883, in: Engels/ Kautsky 1 955, S. 86. Wie alles begann 22 mer wurde mit einer Startauflage von 5.000 Exemplaren zum 1 . Januar 1 883 ausgeliefert. 33 An diesem Tag begann, so sah es Paul Kampffmeyer,»das geistige Geburtsjahr des Dietz-Verlages« 34 . Unangefochten konnte das Blatt legal im Reich herausgegeben werden. 35 Finanziell gesehen war die Herausgabe einer theoretischen Parteizeitschrift fast immer ein Verlustgeschäft. Auch der Abonnentenstamm der»Neuen Zeit« reichte nie ganz aus, um die Kosten zu decken, und schon das erste Jahr ihres Erscheinens brachte ein Defizit von knapp 1 .800 Mark. 36 Heinrich Dietz und Kautsky beklagten mehrfach, dass es der»Neuen Zeit« an der nötigen ideellen Unterstützung durch führende Parteigenossen fehle, obwohl sich August Bebel und auch Friedrich Engels nachdrücklich für ihre Existenz einsetzten. Die erforderliche Zahl von Käufern blieb jedoch zunächst aus, denn für viele Parteimitglieder waren zwei Zeitschriften oft nicht erschwinglich:»Die Leute sagen oft, ein Blatt können wir nur halten, entweder die N.Z. oder den S.D., selbstverständlich geht dann letzterer vor.« 37 Die»Neue Zeit« erschien trotz aller politischen und finanziellen Rückschläge 35 Jahre lang unter Kautskys redaktioneller Leitung, danach ohne ihn noch weitere sechs Jahre, bis sie 1 923 infolge der Inflation einging. Schon der erste Versuch, die»Neue Welt« gegen die»Neue Zeit« auszuspielen und Karl Kautsky abzusetzen, was die mehrheitlich»Gemäßigten« in der sozialdemokratischen Reichtagsfraktion schon in den Anfangsjahren 1 884/ 1 885 gegen den Willen der Marxisten durchzusetzen versuchten, war letztlich nicht erfolgreich. 33 Zu den bürgerlichen Buchhändlern hatte Heinrich Dietz inzwischen doch einen lockeren Kontakt herstellen können, und so wurden Bestellungen über»die nächste Buchhandlung« erbeten. 34 Kampffmeyer 1 933, S. 68(Hervorhebung: agr.). 35 Der»Sozialdemokrat« war verboten und wurde im Ausland – zunächst in Zürich, später in London – produziert und nach Deutschland eingeschmuggelt. 36 »Wir können es uns nicht verhehlen: ca. 2000 Mk. jährlich Subvention bedarf die N.Z., wenigstens so lange, als wir unter dem Sozialistengesetz stehen. Das ist die N.Z. auch wert.«(H.D. an K.K., 8. 7. 1 884, IISG, Br. 43; 1 5. 4. 1 884, Br. 38) 37 H.D. an K.K., IISG, Br. 1 2 o. Dat.[wahrscheinlich Ende 1 883], S.D. = der»Sozialdemokrat«. August Bebel(im Folgenden A.B.) an Julius Motteler, 1 7. 7. 1 883:»Verdiente er[H.D.] nicht ein gut Teil des Defizits an anderen Arbeiten, müßte er ohne weiteres einpacken. Von Goldhausen hat er die N.W. mit 7000 zahlenden Abonnenten übernommen, jetzt hat er 1 2.000 gute Abonnenten.«(SAPMO, Nachlass Motteler, 22/ 11 ) 23 Von der Verlagsgründung bis zum Ende der Weimarer Republik Doch gehörten Wilhelm Blos und Bruno Geiser noch sehr lange zu Kautskys erbitterten Gegenspielern. 38 Als einzige legale Zeitschrift der illegalen Partei in Deutschland blieb die»Neue Zeit« während des Sozialistengesetzes ohne jede Beanstandung. Kautsky schrieb zunächst sehr viel selbst(auch unter Pseudonymen), konnte dann aber auch bedeutende sozialistische Schriftsteller aus dem In- und Ausland gewinnen, obwohl die Ausgangslage dafür alles andere als günstig war. Die Zeitschrift wurde schnell zum wichtigsten wissenschaftlichen Organ der Sozialdemokratie, und die marxistische Ausrichtung der»Neuen Zeit« prägte die Theoriedebatten vieler Jahre. August Bebels»Frau« und»Der Wahre Jacob« Im Sommer 1 883 kam auf den jungen Verlag ein neues Wagnis zu, nämlich die Herausgabe der zweiten Auflage von August Bebels»Die Frau und der Sozialismus«. Bebel hatte gerade eine überarbeitete Fassung seines 1 879 erschienenen Hauptwerks beendet, das zuerst mit fingierter Verlagsangabe 39 und illegal in der Leipziger Genossenschaft gedruckt worden war. Heinrich Dietz ließ wegen der zu erwartenden Verbote in Stuttgart nur die Platten herstellen(das war erlaubt), gedruckt wurde in Zürich und das Buch von 1 883 bis 1 890 unter dem Titel»Die Frau in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft« vertrieben. Dieser Text sollte sich als sozialistischer Klassiker und»Longseller« erweisen und stand später in den Bücherregalen fast jedes sozialdemokratischen Haushalts. 40 38 Beide Gruppen wollten Heinrich Dietz, der ab 1 884 auch zur Pressekommission der Partei gehörte, auf ihre Seite ziehen, bis August Bebel und Wilhelm Liebknecht – vor allem unterstützt durch Friedrich Engels in London – energisch intervenierten. August Bebel fügte hinzu:»Ich habe die Beobachtung gemacht, dass die Opportunisten rasch zurückhupfen, wenn man ihnen scharf entgegentritt; sie fühlen recht wohl, dass sie in den Massen keinen Boden haben.«(A.B. an F.E., 8. 6. 1 884, in: Bebel/ Engels 1 965, S. 1 84) 39 »Verlag der Volksbuchhandlung, Zürich-Hottingen«. 40 Die Bibliographie zum 1 00-jährigen Bestehen des Verlages J. H. W. Dietz wies selbst für 1 980 noch einen weiteren Neudruck des Werkes aus (inzwischen sind 1 985 und 1 994 weitere Auflagen hiervon erschienen). Mit der Jubiläumsausgabe 1 929 – in der auch eine Entstehungsgeschichte des Textes, verfasst von Eduard Bernstein, enthalten ist – kam das Werk schon auf 2 1 0.000 Exemplare(Emig/Schwarz/Zimmermann, S. 1 39). Der Text ist auch heute noch lieferbar. Wie alles begann 24 Am Ende des Jahres 1 883 lasteten auf Heinrich Dietz jedoch so hohe finanzielle Anforderungen, dass bereits über einen Verkauf der »Neuen Zeit« nachgedacht wurde. Der Verleger beklagte die»ungeheure Aufgabe«, der Partei qualitativ hochwertige politische Literatur zu liefern, denn: Das»haben unsere Mitstreiter noch nicht begriffen. Sie glauben, den größten Schund veröffentlichen zu können, wie sie nur ihre Rechnung klar finden.« 41 Gleichzeitig nahmen die Schwierigkeiten mit den Behörden immens zu. Denn zur Reichstagswahl 1 884 – so hatte der Parteikongress 1 883 in Kopenhagen beschlossen – sollte überall in Deutschland ein zentrales Wahlmanifest verteilt werden. Die Bestellungen seien»an den Herrn Buchdruckereibesitzer J. H. W. Dietz zu richten«, so stand in einem Zirkular an die Mitglieder zu lesen, die Bezahlung auch. Dieses Wahlflugblatt erschien pünktlich wie geplant, wurde überall im Reich nahezu gleichzeitig verteilt – und in vielen Wahlkreisen sofort verboten. Mit welcher Hektik die Strafverfolgungsbehörden auf das Erscheinen des Wahlmanifests reagierten, vermittelt die entsprechende Akte im Hamburger Staatsarchiv 42 recht eindrucksvoll. Zum Ärger der Polizei waren die Flugblätter als Ballen»Stoffe« und»Garne« deklariert, und natürlich wussten weder der vollkommen ahnungslose Heinrich Dietz noch sein ebenso verdutzter Drucker etwas von derartigen Paketen. Die Polizei ließ aber nicht locker und führte weitere Haussuchungen durch: »Im Oktober mehrten sie sich jedoch derart, dass fast auf jeden Tag eine(am 28. Oktober waren es sogar zwei!) zu rechnen ist«, schilderte Heinrich Dietz die Vorkommnisse später. 43 Der Stuttgarter Betrieb stand nun nicht mehr allein unter württembergischer Überwachung, auch der Berliner Polizeipräsident hatte sich eingeschaltet. Diese Observationen waren gefährlicher als man zunächst vermutete:»Ich habe hier eine fieberhafte Tätigkeit entfalten müssen, um der Spitzelbelagerung zu entgehen«, schrieb Heinrich Dietz an Kautsky.»Ich habe es hier jetzt mit den Berlinern zu tun. Die passen besser auf.« 44 In Zukunft galt es, in der Stuttgarter Druckerei besonders vorsichtig zu sein, denn:»Eine verflucht gefährliche Geschichte ist es aber doch, hier solche Späße zu machen. Die Polizei ist niederträchtig frech geworden.« 45 Heinrich Dietz haftbar zu machen, 41 H.D. an K.K., 9. 11 . 1 883(IISG, Br. 25). 42 StAH, S 702, Sozialdemokraten und Fachvereine, Verbot des Flugblattes»An die Wähler des I. Hamburger Wahlkreises«. 43 Dietz, in: Auer 1 889–90/ 1 9 1 3, S. 246. 44 H.D. an K.K., 6. 1 0. 1 884,(IISG, Br. 47). 45 Heinrich Dietz nach Zürich o. Datum[um 1 884](AdSD, Nachlass Motteler 435/2). 25 Von der Verlagsgründung bis zum Ende der Weimarer Republik gelang jedoch nicht. Nein, er wusste bei der Vernehmung im Stadtpolizeiamt angeblich nicht mehr, wie viele Exemplare des Manifests bei ihm hergestellt worden sind. Ja, sicher hätte er eine gewisse Anzahl gedruckt, aber bei der großen Menge an Aufträgen könne er die Zahl nun wirklich nicht mehr genau wissen. – Die Verteilung des zentralen Wahlmanifests erwies sich als so erfolgreich, dass dasselbe Verfahren noch einmal zur Wahl 1 887 angewandt wurde. Doch die regelmäßigen Besuche der Polizei beeinträchtigen das Geschäft weiterhin so sehr 46 , dass Heinrich Dietz nach Rücksprache mit dem Parteivorstand schon im Frühjahr 1 884 Gegenmaßnahmen plante. Die Buchhandlung»wird reorganisiert und soll nach vernünftigen Geschäftsgrundlagen geleitet werden, unter anderem auch mit dem[Sortiments-]Buchhandel in Verbindung treten, mit dem sie bisher gar keine Fühlung besaß«, berichtete Karl Kautsky nach London. 47 Heinrich Dietz schrieb darüber 1 89 1 an Wilhelm Liebknecht:»Ich habe seiner Zeit mit der alten Tradition gebrochen und ganz andere Vertriebskanäle offen gemacht – das hat prächtig gewirkt.« 48 Die Stuttgarter und die Hamburger Druckereien sollten nach der endgültigen Liquidation der Hamburger Genossenschaft im November 1 884 in der Hansestadt zu einer zusammengelegt werden, weil sich zahlreiche parteieigene Verlage auf dem unter den Bedingungen des Sozialistengesetzes ohnehin knappen Markt nur unnötige Konkurrenz machten. 49 So wurde bestimmt, dass künftig die Parteiliteratur in Hamburg gedruckt werden und Heinrich Dietz sich in Stuttgart um die Verlags- und Vertriebsgeschäfte kümmern sollte. 50 Mitte Juni 1 885 waren die Schwierigkeiten überwunden: Mit dem verbliebenen Verlagsbuchhandel zog Heinrich Dietz in die Reinsburgstraße 6 1 um. 46 »Mein Geschäftslokal wurde schließlich von der Polizei geradezu belagert und jede Haussuchung mit einem Aufwand von 1 6–20 ›Fahndern‹ bewerkstelligt. Eine Weiterführung des Geschäfts, soweit es die Buchdruckerei betraf, wurde unmöglich.« Heinrich Dietz, in: Auer 1 889–90/ 1 9 1 3, S. 246. 47 K.K. an F.E., 2. 2. 1 884, in Engels/Kautsky 1 955, S. 96. 48 H.D. an Wilhelm Liebknecht(im Folgenden W.L.), 6. 7. 1 89 1 (SAPMO, Nachlass Liebknecht, 34/ 1 2). 49 H.D. an Hermann Schlüter(im Folgenden H.S.), 1 0. 1 2. 1 884(AdSD, Nachlass Schlüter, B 30). 50 Im Herbst 1 885 wurde das Stuttgarter Geschäft aufgeteilt, dabei der verbliebene Teil der ursprünglichen Druckerei mit der ehemaligen Stuttgarter Genossenschaftsdruckerei zur»Druckerei des ›Schwäbischen Wochenblatts‹« vereinigt und in einem Hinterhaus in der Christofstraße weitergeführt. Wie alles begann 26 Eigentlich wäre er am liebsten nach Leipzig gegangen, in das Zentrum des deutschen Buchhandels und des Verlagswesens:»Wenn Leipzig ›frei‹ wäre, würde ich sofort dorthin ziehen.[…] Das muss auf bessere Zeiten verschoben werden«. 51 Geld war jetzt genügend vorhanden. Denn der Verleger hatte das Hamburger humoristische Monatsblatt»Der Wahre Jacob« in Stuttgart wieder aufgenommen. Unter Beibehaltung des alten Kopfes erschien es ab Januar 1 884 in vergrößertem Format. Der»Wahre Jacob« erwies sich als Riesen-Erfolg, der mit rasch wachsender Auflage enorme Überschüsse lieferte. Nicht ein Mal wurde das Satire-Blatt während der Zeit des Sozialistengesetzes verboten, obwohl die Polizeibehörden seinen Inhalt genauestens kontrollierten. Wahrscheinlich blieb der »Wahre Jacob« deswegen unbehelligt, weil er»sorgfältig temperiert« war und»ohne Bedenken auch der Jugend im Pubertätsalter in die Hände gegeben werden konnte. Darauf hielt Dietz mit konsequenter Ausdauer, ebenfalls auch, dass die Karikaturisten sich Schranken auferlegten.« Trotzdem behaupteten manche boshaft, der»Wahre Jacob« könnte mit dem Witz nur durch die Witze in Verbindung gebracht werden, die über ihn kursierten. 52 Heinrich Dietz aber»hing mit Vaterfreuden an seinem ›Jacöble‹«, der seine Sorge um die Finanzierung aller sonstigen Projekte milderte. Er redigierte das Blatt zwischen 1 885 und 1 887 zeitweise auch selbst,»und der Spott bestimmter Kreise tat ihm weh«. 53 Rasch wurde der»Wahre Jacob« zur bedeutendsten satirischen Zeitschrift der Sozialdemokratie und erfreute seine große Leserschaft, bis er 1 933 den Nationalsozialisten zum Opfer fiel. Lediglich in den Jahren von 1 924 bis 1 927 musste er unter dem Ersatztitel »Lachen links« geführt werden. 54 Außerdem begann ein geflügeltes Wort die Runde zu machen:» Das ist ja nicht der wahre Jacob!« Karl Marx bei J. H. W. Dietz Größere theoretische Werke der Sozialdemokratie waren nicht mehr verlegt worden, seit der Braunschweiger Verlag von Wilhelm Bracke nicht mehr existierte. Dessen Restbestände hatte Heinrich Dietz in 51 H.D. an K.K., 27. 6. 1 885(IISG, Br. 7 1 ). 52 Kautsky 1 9 1 3, S. 7. 53 Schöpflin 1 947, S. 1 7. 54 Nach den in die stenographischen Reichstagsprotokolle aufgenommenen Kommentaren – wie z. B.»Hört, hört!« 27 Von der Verlagsgründung bis zum Ende der Weimarer Republik das Stuttgarter Geschäft übernommen. Eine Herausgabe von Band 2 des»Kapitals« im sozialdemokratischen Parteiverlag scheiterte nach dem Tode von Karl Marx, der am 1 4. März 1 883 – zwei Wochen vor dem Beginn der Kopenhagener Konferenz – gestorben war. Nachlassverwalter Friedrich Engels verfügte(noch) nicht über die Rechte an dieser Veröffentlichung, denn Marx hatte sich längerfristig bei seinem Verleger Otto Meißner in Hamburg verpflichtet. 55 Und das sollte auch noch lange so bleiben: Nach der Verabschiedung des Urheberrechts 1 900/ 1 9 1 0 wurden die Rechte für 30 Jahre nach dem Tode des Autors festgeschrieben. Das galt auch für die Werke von Karl Marx, dessen Verleger Meißner weiterhin seine Rechte geltend machte. Tatsächlich dauerte es bis 1 9 1 3, dass Heinrich Dietz endlich aktiv werden konnte:»Es ist unzweifelhaft unser gutes Recht, am 1 . Jan. 1 9 1 4 den ersten Band des Kapital herauszubringen.« 56 Alle Technik überließ der Stuttgarter Verlag jedoch den Hamburgern, nicht nur aus kommerziellen Gründen:»Aus historischen und Nützlichkeitsgründen lasse ich das ›Kapital‹ in Hamburg setzen und drucken; was 1 867 unserer Bewegung die Grundlage gab, wird 1 9 1 4 die Aufklärung fortsetzen. Und Hamburg soll die Ehre behalten, bei dieser Arbeit mitgewirkt zu haben.« 57 Mitten in den Vorbereitungen zur Zusammenführung der Druckereien und kurz nach den Wahlen 1 884 bereitete Heinrich Dietz nun die erste»marxistische« Publikation seines Verlages vor: eine deutsche Ausgabe von Karl Marx’ Schrift»La mis è re de la philosophie« (»Das Elend der Philosophie«, Antwort auf Proudhons»Philosophie des Elends«). Der Text, 1 847 verfasst, war bisher nicht in deutscher Sprache erschienen, zunächst wegen seines politischen Inhalts, später fehlte die Gelegenheit, ihn zu publizieren. Marx hatte selbst Wilhelm Liebknecht die Übersetzung nicht gestattet, weil er sie selbst noch im Rahmen seiner Werkausgabe bei Meißner herausbringen wollte. Nun war nach Marx’ Tod entschieden worden, den Text endlich ins 55 Das Gesetz war eindeutig:»Nach§ 29 des Urheberrechts endigt der Schutz, wenn seit dem Tode des Urhebers 30 Jahre verflossen sind, und außerdem, wenn seit der ersten Veröffentlichung des Werkes 1 0 Jahre verflossen sind. Danach sind Notizen von Marx, die auf das Kapital Bezug haben, 1 0 Jahre nach ihrer Veröffentlichung gleichfalls gemeinfrei und können von jedem Herausgeber benutzt werden.«(H.D. an K.K., 8. 1 0. 1 9 1 2 IISG, Br. 502). Bei Meißner wurden noch die gesamte Erstausgabe sowie weitere Einzelschriften verlegt. 56 H.D. an K.K., 30. 9. 1 9 1 2(IISG, Br. 50 1 ). 57 H.D. an K.K., 8. 1 0. 1 9 1 2(IISG, Br. 502). Wie alles begann 28 Deutsche zu übertragen. Friedrich Engels verhinderte aber, dass die Fassung von Max Quark, der ihm politisch suspekt war, dieser Ausgabe zugrunde gelegt wurde und erteilte seinem Vertrauten Eduard Bernstein die Erlaubnis zur Veröffentlichung. 58 Bernstein übertrug das Werk dann zusammen mit seinem Freund Karl Kautsky aus dem Französischen. Friedrich Engels steuerte ein Vorwort und Anmerkungen bei. Das»Elend der Philosophie« konnte in Deutschland – erste Auflage 1 .500 Exemplare – legal erscheinen. Diese Ausgabe gilt als das erste wissenschaftliche Werk im Verlag von J. H. W. Dietz in Stuttgart überhaupt. Eine solche Veröffentlichung trotz der Drohungen des Sozialistengesetzes zu verantworten, erforderte einigen Mut – oder große Bewunderung, zumindest aber ein hohes Maß an Loyalität gegenüber Verfasser, Bearbeitern und der Parteileitung, die die Publikation beschlossen hatte. 59 Marx’ Werk fügte sich zwar ausgezeichnet in die »ideologische Offensive« der Sozialdemokraten ein, wurde aber kein Verkaufserfolg. Eine zweite Auflage erschien erst 1 892. Angriffe gegen den»Sozialdemokrat« und»Die Neue Zeit« Zeitgleich waren in der Partei heftige Grabenkämpfe um die im Reichstag von Kanzler Bismarck 1 884 angezettelte Debatte über die Subventionierung der Handelsmarine entbrannt. 60 Dieses Thema konnte die Sozialdemokraten nicht kaltlassen; es musste insbesondere den Hamburger Reichstagsabgeordneten Heinrich Dietz stark interessieren, denn der expandierende Welthandel hatte beträchtlich zum Wachstum der Region beigetragen. Nachdem der Dampfschiffbau einen kurzen Boom erlebt hatte, waren viele Werftarbeiter wieder entlassen worden, und deshalb war Heinrich Dietz im Grundsatz 58 Friedrich Engels im Vorwort zur deutschen Übersetzung. Zur Editionsgeschichte siehe ausführlich in der 11 . Aufl.: Pelger 1 979. 59 Obwohl das Buch schon im November 1 884 – also kurz nach allen Aufregungen rund um das Wahlmanifest – fertiggestellt war, ließ Heinrich Dietz die»Mis è re« mit dem Erscheinungsjahr 1 885 versehen und kündigte den Titel erst im Verlagsprospekt und im»Börsenblatt für den deutschen Buchhandel« für das folgende Jahr an – aus ökonomischen Gründen,»um ihn nicht im Weihnachtstrubel untergehen zu lassen«. (Börsenblatt für den deutschen Buchhandel 52[ 1 885], Nr. 7, 1 0. Jan.; H.D. an K.K., 1 . 11 . 1 884, IISG, Br. 5 1 ). 60 Zu den Querelen um die Dampfersubventionen siehe z. B. Rothe 1 96 1 oder Mittmann 1 975. 29 Von der Verlagsgründung bis zum Ende der Weimarer Republik mit den Dampfersubventionen einverstanden, um seine Wähler zu unterstützen. Von gezielt betriebener deutscher Kolonialpolitik – die später offen zu Tage lag – war noch nicht die Rede, auch im»Sozialdemokrat« nicht. Drei Tage lang stritt die sozialdemokratische Reichstagsfraktion Anfang Dezember 1 884 äußerst kontrovers über ihre Haltung zur Subventionsfrage. Das Thema ließ alte Differenzen wieder aufbrechen und brachte die Partei 1 885 an den Rand der Spaltung. Die alte Maxime hatte gelautet:»Diesem System keinen Mann und keinen Groschen!« Doch am Ende war die Mehrheit der Reichstagsfraktion tatsächlich bereit, Bismarck erhebliche Gelder zu bewilligen, und dies nicht nur zur Subvention kapitalistischer Unternehmen, sondern auch zur Finanzierung dessen militärischer und kolonialpolitischer Ziele. Heinrich Dietz machte sich zu einem der Wortführer von insgesamt 1 8 sozialdemokratischen Fraktionsmitgliedern, die die Subventionen befürworteten. Nie hatte er sich bislang in parteiinterne Debatten eingemischt. Dieses Mal aber bezog er eindeutig Stellung und stand, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, mit im Zentrum der Auseinandersetzungen. Mehrheitsfähig war seine Position, Steuergelder zur kapitalistischen Profitmaximierung und zur Förderung einer ehrgeizigen deutschen Annexionspolitik zu bewilligen, in seiner Partei allerdings nicht. In diesem Zusammenhang gerieten der»Sozialdemokrat« und dann auch die»Die Neue Zeit« ins Visier der»WassersuppenDemokraten«, wie Georg von Vollmar seine Fraktionskollegen Kayser und Dietz nannte. 61 Insbesondere der»Sozialdemokrat« war den ›Gemäßigten‹ ein Dorn im Auge. 62 Es kam zu der berüchtigten Forderung nach Unterwerfung der Redaktion unter die Herrschaft der Fraktion und nach Entlassung von Eduard Bernstein als verantwortlichem Redakteur:»Nicht das Blatt ist es, welches die Haltung der Fraktion zu bestimmen, sondern die Fraktion ist es, welche die Haltung des Blattes zu kontrollieren hat.« 63 Dies ließ sich man sich in Zürich nicht gefallen. Der Konflikt um Stellenwert und Gestaltung sozialdemokratischer Parlamentsarbeit spitzte sich nach Stellungnahmen verschiedener Parteigruppierungen drastisch zu. 64 61 Bericht vom 1 3. Mai 1 885 im BLHA, Pr.Br. Rep. 30, Berlin C, Nr. 1 3 1 70. 62 Graf 1 994/96, S. 1 30ff. 63 Sozialdemokrat, 7( 1 885), Nr. 1 4. 64 Obwohl Kautsky seinem Freund Bernstein schrieb:»die Kerle sind feig und machen es alle so wie D[ietz], wenn man ihnen die Zähne zeigt, Wie alles begann 30 Karl Kautsky spürte genau, dass die innerparteilichen Auseinandersetzungen auch Auswirkungen auf seine Stellung bei der»Neuen Zeit« hatten. Denn Heinrich Dietz spielte seine momentan starke Stellung in der Fraktion gegen ihn als den»Marxisten« aus und legte es darauf an, ihm die Arbeit ständig»nach Kräften zu erschweren«, schrieb Kautsky an seinen Freund Bernstein. 65 Der Verleger argumentierte nicht inhaltlich, sondern setzte Kautsky mit der ständigen Unterfinanzierung der»Neuen Zeit« unter Druck. Eduard Bernstein riet seinem Freund Kautsky, nicht auf alles so großes Gewicht zu legen, was ihm über Dietz erzählt würde. Dessen Abhängigkeit von Stimmungen sei Kautsky ja bekannt, und Heinrich Dietz sei,»namentlich in prinzipiellen Fragen, höchst unselbständig – der reine Gefühlsmensch; hat aber neben sich zwei Leute, die ihre Ansichten in so protzenhaft anmaßender Form ausspielen, dass es auf einen Menschen wie Dietz unbedingt Eindruck machen muss.« 66 Schließlich wurde der Konflikt um die»Neue Zeit« beigelegt, und danach war das weitere Erscheinen des Theorie-Blattes keine Frage der Finanzierung mehr; 67 die politischen Argumente hatten gesiegt. versichern sie, es sei nicht so ernst gemeint«, war Bernstein jedoch nicht so optimistisch. Die Majorität(›wie dumm und rappelköpfig sie auch sein mag‹) provoziere gezielt:»Ich glaube, die Kerle sind wütend wie Stiere und werden nicht eher ruhen, als bis sie es zum Bruche gebracht haben.« (K.K. an E.B., 30. 6. 1 885, in: Im Kampf 1 977, S. 306f.; E.B. an K.K., 27. 2. 1 885, IISG und zit. in: Schaaf 1 976, S. 628) Zum Verhalten der Sozialdemokraten bot ein zeitgenössischer konservativer Autor als Erklärung und Kommentar diese Version an:»Die meisten der ›gemäßigten‹ Führer haben bei den verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften, welche von den Sozialdemokraten gelesen werden, Stellungen als Verleger oder Redakteure. Der Abgeordnete Dietz ist formell der Besitzer einer Druckerei in Stuttgart, welche nur sozialistische Druckwerke ausführt. Das Ausnahmegesetz gestattet jedoch nur die Herausgabe gemäßigter Preßerzeugnisse, weshalb Herr Dietz im Interesse seiner Verlagsanstalt ein Freund der ›gemäßigten Kampfesweise‹ sein muss. Die Herren Geiser, Blos und Frohme, deren Geisteserzeugnisse in den Dietz’schen Zeitschriften meist zum Abdruck gelangen, haben das gleiche Interesse.[…] Die vieljährige Übung dieser ›gemäßigten‹ Schreibweise bleibt natürlich auch nicht ohne Einfluß auf die Denkweise selbst.«(Krieter 1 887, S. 48f., Hervorhebungen im Original) 65 K.K. an E.B., 1 9. 6. 1 885(in: Im Kampf 1 977, S. 398). 66 E.B. an K.K., 27. 2. 1 885(IISG und zit. in: Schaaf 1 976, S. 628). Mit den»zwei Leuten« waren Wilhelm Blos und Bruno Geiser gemeint. 67 »Lange habe ich geschwankt, ob ich den vierten Jahrgang der Neuen Zeit herausgeben soll. Ich werde es tun, obgleich es mir schwer fällt. Jetzt ist es abgemacht. Alle Heiligen und der Wahre Jacob mögen helfen.«(H.D. 31 Von der Verlagsgründung bis zum Ende der Weimarer Republik Bald trat der Streit auch in der Hintergrund, denn die Verfolgungen durch das Sozialistengesetz und vor allem der Prozess gegen die Teilnehmer am Parteikongress in Kopenhagen 1 883 trafen beide Strömungen in der Sozialdemokratie gleichermaßen hart. Die Internationale Bibliothek Auf der Rückreise von Kopenhagen waren einige Reichstagsabgeordnete, darunter auch Heinrich Dietz, für kurze Zeit festgenommen worden. Zwar hatte dies einen Skandal zur Folge, weil die Mandatsträger auch während der nur kurz unterbrochenen Session des Reichstages Immunität genossen und die Polizeiaktion verfassungswidrig war. Dennoch gelang es Bismarck, den beteiligten sozialdemokratischen Abgeordneten den Prozess zu machen. Dessen letzter Akt fand in Freiberg(Sachsen) statt und endete für Heinrich Dietz am 4. August 1 886 mit einer Verurteilung zu sechs Monaten Gefängnis. Als er diese Haft antreten musste, hatte sich Heinrich Dietz schon längere Zeit Gedanken über ein neues Verlagsprojekt gemacht, weil die Buchproduktion 1 885 nur unwesentlich gewachsen war: Zu Ehren des verstorbenen Albert Dulk erschien dessen Werk»Der Irrgang des Lebens Jesu«, dazu der erste Teil einer kurzen»Encyclopädie und Methodologie der politischen Ökonomik«, mehrere Nachdrucke von Reichstagsdebatten nebst Beratungen(eine Fortsetzung der 1 878 in der Hamburger Druckerei begonnene Dokumentation) sowie eine»Vergleichende statistische Übersicht der Wahlen zum Deutschen Reichstage«. 68 Die finanziellen Belastungen waren zwar hoch, Heinrich Dietz konnte aber befriedigt feststellen, dass sein Konzept der Trennung von Verlag und Druckerei richtig gewesen war. Durch den finanziellen Erfolg des Hamburger Geschäftes standen dem Stuttgarter Verlag nun ausreichende Mittel zur Verfügung, um größere Vorhaben zu realisieren. Gleichzeitig war es Heinrich Dietz nach an K.K., 22. 9. 1 885, IISG, Br. 80) Heinrich Dietz’ wankelmütige Selbsteinschätzung kam zum Ausdruck, als er 1 888 rückblickend seine Rolle beim Konflikt um den Fortbestand der»Neuen Zeit« uminterpretierte:»Ich habe schon oft die Bemerkung gemacht, dass bei solchen Gelegenheiten unsere biederen Genossen zuerst riefen: Rettet das Geschäft! Das kommt mir gerade so vor, als wenn bei einer Feuersbrunst einer einen Nachttopf mit Lebensgefahr aus den Flammen holt.«(H.D. an H.S., 1 . 4. 1 888, IISG und AdSD Nachlass Schlüter, B 30) 68 Emig/Schwarz/Zimmermann 1 98 1 , S. 35f. Wie alles begann 32 vielen Anläufen endlich gelungen,»die Scheidewand« zu den Sortimentsbuchhändlern zu durchbrechen:»Den Buchhändlern war es geradezu ein Greuel, etwas aus unseren Händen zu empfangen und zu vertreiben. Der Petroleumsduft umwob uns auf Schritt und Steg.« 69 Seine Vorgänger hätten viel zu ungeschickt agiert und wären zu einseitig vorgegangen, schrieb er an Kautsky, so dass auch die bekannten sozialistischen Schriftsteller bisher gezwungen waren, ihre Werke in bürgerlichen Verlagen unterzubringen. 70 Karl Kautsky rühmte später: »Der erste, der es verstand, den Buchhandel der sozialistischen Propaganda systematisch, dauernd und ausgiebig dienstbar zu machen, war Freund Dietz. Der erste nicht nur in Deutschland, sondern in der Welt.« 71 Hermann Schlüter gab seit September 1 885 auf Beschluss des Kopenhagener Kongresses im Züricher Parteiverlag die»Sozialdemokratische Bibliothek« mit gutem Erfolg heraus. Sie versammelte die wichtigsten Titel der sozialdemokratischen Broschürenliteratur und wurde in einer identischen und preiswerten Aufmachung angeboten. So etwas wollte Dietz auch in Deutschland verwirklichen: eine Schriftenreihe sozialistischer Literatur, wie die»Sozialdemokratische Bibliothek« mit einheitlicher Ausstattung – das entsprach dem Trend der Zeit(wie die 1 866 begonnene»Universalbibliothek« von Philipp Reclam zeigte) – und für wenige Pfennige zu erwerben. Dies sollte eine Reihe sein,»die vorzugsweise für die arbeitenden Klassen sowie auch diejenigen bestimmt sein soll, die wenig Zeit haben, die Originalwerke der großen Bahnbrecher auf dem Gebiete der Natur- und 69 H.D. an K.K., 1 5. 5. 1 886(IISG, Br. 1 08); Kautsky 1 9 1 3, S. 3f. Mit der Erwähnung des Petroleumduftes spielt Heinrich Dietz auf ein ›brandheißes‹ mehrstrophiges Spottlied auf die Reichsregierung an:»Wir sind die Petroleure! Wir kümmern uns den Kuckuck um die Liberalerei; das Volksrecht und Petroleum sei unser Kampfgeschrei!« Aus dem»Lied der Petroleure«, zuerst publiziert im»Nußknacker«, einer Beilage der »Chemnitzer Freien Presse« vom 26. Mai 1 878, ab 1 88 1 in sozialdemokratischen Liederbüchern. 70 So kam Heinrich Dietz 1 886 auf die Idee, eine Restauflage des in Zürich erschienenen Buches»Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats« von Friedrich Engels neu zu vermarkten. Sie bekam einen anderen Umschlag und wurde als 2. Auflage inseriert, ausschließlich für den Vertrieb durch den Buchhandel bestimmt,»es wird auch flott verlangt«.(H.D. Dietz an H.S., 3. 1 2. 1 885, 29. 1 ., 8. 2. u. 20. 4. 1 886, AdSD, Nachlass Schlüter, B 30) 71 Kautsky 1 9 1 3, S. 4. 33 Von der Verlagsgründung bis zum Ende der Weimarer Republik der Gesellschaftswissenschaften zu lesen«. 72 Mit Karl Kautsky, der inzwischen in London lebte, korrespondierte Heinrich Dietz ausführlich über dieses Projekt:»Es soll nicht eine Serie, sondern womöglich endlos werden. Interessante, für uns wertvolle Monographien, Biographien pp. könnten hier Aufnahme finden, ohne daß für jedes einzelne Werk kostspielige Reklamen und Anzeigen notwendig[werden]: ›Internationale Bibliothek‹(wie gefällt Ihnen der Titel?)«. 73 Mit dieser»Internationalen Bibliothek« beabsichtigte Heinrich Dietz,»den sozialistischen Verlag in Deutschland zu fördern; unsere literarischen Erzeugnisse auch anderen Kreisen zugänglich zu machen, die bis jetzt ganz merkwürdige Begriffe von dem hatten, was wir denn eigentlich wollen und auch über die Form, in welcher wir unsere Anschauungen äußern.« Aufgabe der Schriftenreihe, die der»literarischen Verflachung« entgegenwirken sollte, sei die»leicht fassliche« Darstellung von Theoretikern der sozialistischen Bewegung, allen voran von Karl Marx. 74 Kautsky wurde ihr verantwortlicher Lektor. Die erste Serie von Schriften, die vorbereitet wurden, waren den Sozialisten des 1 6. und 1 7. Jahrhunderts gewidmet. 75 Dazu zählten populäre naturwissenschaftliche Darstellungen materialistischer Auffassung. Beginnend mit einer kurzgefassten Erdgeschichte bis zum Auftreten des Menschen von Arnold Dodel-Port, ferner der bereits erschienenen Arbeit von Oswald Köhler über die Weltschöpfung sowie einer Arbeit über die Darwinschen Theorie sollte»etwas Zusammenhängendes« vorgelegt werden, das man dann mit einer Neuauflage von Friedrich Engels’»Der Ursprung der Familie« zum Abschluss 72 H.D. an K.K., 1 5. 5. 1 886(IISG, Br. 1 08). Später hat man eine Popularisierung bzw. Verfälschung der sozialistischen Klassikertexte vorzugsweise der DDR vorgeworfen; hier begann sie schon. 73 H.D. an K.K., 11 . 11 . 1 885 u. 1 6.7. 1 886(IISG, Br. 85 und 11 7). 74 H.D. an K.K., 1 5. 5. 1 886(IISG, Br. 1 08). Der Unternehmer Dietz meinte, er müsse»Sorge tragen, dass mein Verlag fortwährend durch geeignete Werke belebt wird. Man darf nicht in Vergessenheit geraten[…] Hier haben Sie den Schlüssel zu dem Bibliotheks-Unternehmen.« 75 Parvus(d.i. Alexander Helphand) kritisierte später, der ›Stubengelehrte‹ Kautsky habe die revolutionäre Lehre von Karl Marx durch unverantwortliche Popularisierung verwässert:»K. Kautsky glaubte,[…] Marx dadurch zu verbessern, dass er ihn umschrieb. Von Marx die Gedanken, von Kautsky der Stil und das Ganze auf einen Umfang reduziert, wie er dem Volksaufklärungsbedarf des Verlegers J. H. W. Dietz am besten paßte. Dabei ging Saft und Kraft verloren.«(Parvus, in: Die Glocke 1 [ 1 9 1 5], H. 1 , zit. nach: Scharlau/Zeman 1 964, S. 1 98) Wie alles begann 34 bringen könnte. 76 Heinrich Dietz begann seine Vorbereitungen noch 1 886, doch mit dem tatsächlichen Start wollte er noch warten, bis eine Serie von acht bis zehn Heften»komplett und druckfertig« vorläge. Indes wurden alle Vorbereitungen zur»Internationalen Bibliothek« vom Freiberger Urteilsspruch 1 886 unterbrochen. Erwartungsgemäß war die Berufung der sozialdemokratischen Angeklagten zurückgewiesen worden, und Heinrich Dietz trat seine Strafe am 1 7. November 1 886 im Gerichtsgefängnis Chemnitz an. Während der nächsten sechs Monate konnte er sich wenig um seine Geschäfte kümmern. Helene Dietz nahm solange die Führung des Stuttgarter Verlages in die Hand. So konnte ihr Mann sicher sein, dass wenigstens die Finanzen»glatt abgewickelt« werden würden. 77 Er hatte alles andere als eine gemütliche Zeit in Chemnitz, lernte erst jetzt aus eigener Anschauung kennen, was Isolation und Gängelung durch die Justiz bedeutete. Am 1 7. Mai 1 887 war Dietz wieder frei und konnte nach seiner Rückkehr einigermaßen zufrieden feststellen:»Soweit ich bis jetzt sehen kann, ist alles leidlich gut gegangen – mehr kann man nicht verlangen.« Umgehend machte er sich auf eine Rundreise, um überall nach dem Rechten zu sehen:»Mit Not und Mühe ist die Gefängnishaft mit ihren geschäftlichen Folgen überwunden, und nun sitze ich fest. Das kommt von der verflixten Entfernung aller Teile. In Hamburg lasse ich drucken, in London sitzt mein verehrter Herr Redakteur und ich muss in Stuttgart hausen, um die Welt mit meinen Raritäten zu versorgen.« 78 Bruno Geiser hatte die Chemnitzer Zeit genutzt, um mit Unterstützung seines Schwiegervaters Liebknecht und Wilhelm Hasenclever eine eigene Schriftenreihe ins Leben zu rufen, die in deutlicher Konkurrenz zur»Internationalen Bibliothek« stand. Heinrich Dietz hatte nur offene Verachtung dafür übrig: Geiser»gibt flott eine Volksapotheke, welche ›das gesammelte menschliche Wissen‹ für 1 0 Pfg. anzeigt, heraus«, schrieb er an Karl Kautsky.»Viel Glück damit. Größerer Schund ist bislang noch nicht produziert worden.« Keine Veranlassung also, seine Pläne mit der»Internationalen Bibliothek« 76 H.D. an F.E.,(Brief im SAPMO, zit. in: Läuter 1 966, S. 220). 77 Karl Kautsky würdigte Helene Dietz und ihre Entschlossenheit später mit großem Lob:»Wer Dietz ehrt, muss auch diese tatkräftige und kluge Frau ehren, die so verständnisvoll und standhaft mit ihm den Kampf gegen alle die Mißhandlungen mitkämpfte, die unter dem Schandgesetz namentlich über die Ausgewiesenen in ruchloser Hetzjagd verhängt wurden.«(Kautsky 1 9 1 3, S. 7) 78 H.D. an K.K., 5. 7. 1 887(IISG, Br. 1 53). 35 Von der Verlagsgründung bis zum Ende der Weimarer Republik zu ändern. 79 So erschien 1 887 als erster Band eine deutsche Übersetzung von Edward Avelings»Die Darwinsche Theorie«. Neu war, dass die Texte in mehreren Lieferungen verkauft wurden; monatlich erschien ein Heft für 50 Pfennige, das meistens vier Druckbögen enthielt, und in der Regel bildeten vier bis fünf Hefte einen Band. Mit der letzten Sendung bekamen die Kunden die berühmt gewordene rote Einbanddecke. Die Stuttgarter Behörden beobachteten das Erscheinen dieser wissenschaftlichen Buchreihe zwar interessiert, schritten aber nicht ein. Wider Erwarten waren die ersten Hefte der»Internationalen Bibliothek« jedoch nicht sonderlich erfolgreich.»50 Pf. für ein Heft, wenn sein Inhalt auch noch so gut ist, ist für die meisten Arbeiter zu viel, 1 0 Pf. fallen ihnen leichter.« 80 Obendrein hatte Dietz mit den ersten Heften keinen glücklichen Griff getan:»Dass das Unternehmen mit dem Darwinismus begann, mit dem heute alle Welt überfüttert wird, war nicht geschickt«, meinte August Bebel. 81 Marx und Köhler gingen am besten. 82 Die»Internationale Bibliothek« erlebte jedoch recht bald steigende Auflagen und brachte dem Stuttgarter Verleger beträchtliche Gewinne ein. Zusammen mit dem»Wahren Jacob« erwirtschaftete Heinrich Dietz damit eine solide finanzielle Grundlage. Allerdings war zu bemerken, dass sich der Käuferkreis veränderte. 1 887 schrieb Heinrich Dietz an Karl Kautsky, er sei alles in allem mit dem Resultat seiner Arbeit zufrieden, auch mit der»Neuen Zeit«, deren Abonnenten nun in überwiegender Zahl aus den besser situierten Kreisen stammten. 83 Schließlich begründete der internationale Charakter den hervorragenden Ruf des Stuttgarter sozialistischen Buchverlages. Die Internationale Bibliothek wurde zu einem Markenzeichen des Verlages J. H. W. Dietz. 79 H.D. an K.K., 25. 6. 1 887(IISG, Br. 1 5 1 ). 80 Das bezog sich auf Geisers Konkurrenzunternehmen. 81 A.B. an Julie Bebel, 2 1 . 6. 1 887(SAPMO, Nachlass Bebel, 22/ 1 50). 82 H.D. an K.K., 1 0. 9. 1 887(IISG, Br. 1 67). Gemeint waren Oswald Köhler:»Weltschöpfung und Weltuntergang«( 1 887, Internationale Bibliothek, Bd. 3) und Karl Kautskys»Karl Marx’ Ökonomische Lehren«( 1 887, Internationale Bibliothek, Bd. 2). 83 Ungewöhnlich war das Lob, das auch ja den verantwortlichen Lektor und seinen engsten Mitarbeiter betraf, deshalb relativierte er wohl sofort: »Zufrieden sollten Sie nicht sein, denn ein zufriedener Redakteur ist ein Unding.« H.D. an K.K., 1 3. 1 0. 1 887(IISG, Br. 1 7 1 ). Wie alles begann 36 Als vierter Band der»Internationalen Bibliothek« erschien eine Übersetzung aus dem Russischen,»Die ländliche Arbeiterfrage« von Nikolaj Alekseevič Kablukov. Dietz hatte Ossip Zetkins Übertragung zur Durchsicht mit nach Chemnitz ins Gefängnis genommen und war dort»vor Schreck mit Klappsitz, Bank, Manuskript und Teile etc. auf die Erde gefallen. Sie war nicht zu gebrauchen.« 84 So gut es ihm möglich war, überarbeitete Heinrich Dietz den Auszug aus Kablukovs Hauptwerk selbst, gab dem Text ein»Nachwort des Übersetzers« bei und ging darin ausführlich auf die deutschen Verhältnisse ein. 85 Mitte 1 889 waren alle Planungen für die vollständige erste Serie der Bibliothek abgeschlossen, und bis 1 89 1 lagen genügend weitere Manuskripte vor. Weitere Texte nahm Dietz zu dieser Zeit nicht an, denn er plante, eine zweite Serie zu einem höheren Preis zu verkaufen, die Vertriebsform zu ändern, die äußere Aufmachung jedoch beizubehalten:»Ich werde den richtigen Leserkreis zu finden wissen, und derjenige unter den Parteigenossen, der Geschmack an solcher Lektüre findet, kann es haben.« Und:»Das Publikum, dieses Ungeheuer, entscheidet; es will die illustrierten Hefte, und warum soll ich sie denn nicht geben?« 86 Stolz stellte der Verleger fest, er höre»im Großen und Ganzen in allen Kreisen, dass man den Schriftstellern und dem Verlag eine nicht gewöhnliche Achtung entgegenbringt; es werden die Leistungen und der Mut, in der heutigen Zeit derartige Unternehmungen mit Erfolg aufrechtzuerhalten, im besten Sinne gewürdigt. Das mag uns genügen.« 87 Die Internationale Bibliothek brachte es bis 1 923 auf 67 Titel, 1 972 wurde die Schriftenreihe wieder aufgenommen. 84 H.D. an K.K., 7. 7. 1 887(IISG, Br. 1 55). 85 Dennoch war Heinrich Dietz mit dem Ergebnis nicht zufrieden. Er wäre nun mal kein Gelehrter, äußerte er Kautsky gegenüber,»und wenn ich jetzt an die ›Ländliche Arbeiterfrage‹ denke, aus dem ich den eigentlichen Kablukovschen Kern herausschälte, so läuft’s mir siedendheiß über den Rücken.«(H.D. an K.K., IISG, Br. 1 55) Schon in früheren Aufsätzen über Heinrich Dietz’ Verlagstätigkeit war angezweifelt worden, ob dieser Text wirklich von Kablukov stammte. Läuter bemerkt, es seien immer wieder Werke von Marx und Engels zitiert, das passe seiner Meinung nach nicht zum ›Volkstümler‹ Kablukov.»Offensichtlich ist die ›Ländliche Arbeiterfrage‹ gar keine Übersetzung, sondern die Arbeit eines deutschen Sozialdemokraten, der anonym bleiben wollte.«(Läuter 1 966, S. 220f.) 86 H.D. an K.K., 1 2. 6. 1 889(IISG, Br. 200). 87 H.D. an K.K., 1 0. 9. 1 887(IISG, Br. 1 67). 37 Von der Verlagsgründung bis zum Ende der Weimarer Republik Der Fall des Sozialistengesetzes 1 890 und die»Gleichheit« 1 889 stiegen August Bebel und Paul Singer als Teilhaber in das Stuttgarter Verlagsgeschäft ein, ohne dies in der Partei offiziell bekannt zu machen. Künftig wurde der Gewinn gedrittelt: ein Teil für die Parteikasse, ein Teil für August Bebel, und das letzte Drittel behielt Heinrich Dietz, der bisher jährlich 1 2.000 Mark an die Parteikasse abgegeben hatte. Mit dem Eintritt zweier Parteivorstandsmitglieder in den Stuttgarter Verlag bekräftigte die Partei ihr Eigentumsrecht. 88 Im selben Jahr zog die Druckerei und der Verlag in die Furtbachstraße 1 2 um. Da war schon absehbar, dass Wilhelm II. die Vorlage zur erneuten Verlängerung des Sozialistengesetzes am 4. März 1 890 ablehnen würde. Im selben Monat entließ der Kaiser den ungeliebten Reichskanzler Bismarck. Und als am 30. September 1 890 endlich das Sozialistengesetz aufgehoben wurde, begann für die Sozialdemokratische Partei eine ganz neue Phase ihrer Geschichte. Obwohl noch immer nicht frei von staatlichen Einschränkungen, Nachstellungen und dem Misstrauen bürgerlicher Kreise expandierte sie stark, und ihr soziales Gefüge stabilisierte sich recht bald. Sie konnte ihre erzwungene Isolation verlassen. Entsprechend ihrem Wähleranteil erhielt die Sozialdemokratische Partei immer mehr Mandate im Reichstag, später auch in den Landtagen der deutschen Bundesstaaten. Gleich ab dem 1 . Oktober 1 890 erschien bei Dietz die»Schwäbische Tagwacht« – Nachfolgerin des»Schwäbischen Wochenblatts«. Der Stuttgarter Verlag und die Druckerei insgesamt hatten sich inzwischen erheblich vergrößert. Der»Wahre Jacob« erschien jetzt in einer Auflage von 85.000 Exemplaren, und die Auflage der»Schwäbischen Tagwacht« stieg rapide. Heinrich Dietz konnte es sich deshalb leisten, seinen Teil dazu beizutragen,»den versprengten Gliedern« des»Sozialdemokrat« nun wieder»Heimat und Bürgerrecht zu ver88 August Bebel stellte später in einem Brief an Rechtsanwalt Heinemann unmissverständlich fest:»Die sozial-demokratische Partei besitzt nicht die Rechtsfähigkeit, Geschäfte zu gründen und zu führen.« Das traf insbesondere auf die Zeit der Illegalität zu, galt aber noch lange Zeit weiter. Um dennoch die erwirtschafteten Gewinne nicht an Privatpersonen zu verlieren, setzte die Partei»Verwalter, Treuhänder ein, die die mit den Geldern der Partei gegründeten Geschäfte zu leiten und zu verwalten haben und verpflichtet sind, etwaige Vorverträge der Geschäfte an die Parteikasse abzuliefern. Es ist also kein Privateigentum und Privateinkommen vorhanden.«(A.B., 29. 11 . 1 9 11 , SAPMO, Nachlass Bebel, 22/ 1 28) Wie alles begann 38 schaffen« 89 . Mitarbeiter aus Zürich und London siedelten nach Stuttgart über. Als Conrad Conzett Anfang Oktober 1 890 die letzten Reste der noch in Zürich lagernden Schriftenvorräte schickte, wollten die Württemberger Zöllner die Schriften gewohnheitsgemäß beschlagnahmen, mussten sich von ihrem Vorgesetzten aber bedauernd sagen lassen:»Do kann mer nix mehr mache. S’ Gsetz isch gefalle!« 90 Die Stuttgarter Druckerei hatte weiterhin enormen Erfolg und expandierte stärker, als erwartet worden war. 91 Aus diesem Grund musste sogar eine Neuausgabe von Bebels ›Frau‹ in einer anderen Druckerei hergestellt werden. Friedrich Engels war zufrieden:»Daß es in Deutschland flott vorangeht, das sehe& höre ich täglich,& das ist das Beste.« 92 Nachdem der»Sozialdemokrat« nicht mehr erschien, steigerte die»Neue Zeit« ihre Auflage über die erhofften 6.000 hinaus auf 1 0.000 Exemplare. Ihr Zenit war damit immer noch nicht erreicht, und Karl Kautsky beschäftigte bald drei weitere Redakteure. Noch ein anderer Zweig der sozialistischen Zeitschriftenproduktion prosperierte: 1 890 wurde die Partei endgültig in»Sozialdemokratische Partei Deutschlands« umbenannt und das 1 884 von Paul Singer gegründete»Berliner Volksblatt« zu ihrem Zentralorgan bestimmt (ab 1 89 1 hieß es»Vorwärts«). Selbstverständlich hatte der Parteivorstand seinen Sitz in der Hauptstadt Berlin genommen, und recht bald zeigte sich, dass der Stuttgarter Verlag seine Rolle als geistiger Mittelpunkt der Partei mit dem Ende des Sozialistengesetzes verlor. 93 89 Belli 1 978, S. 2 1 5. 90 Ebd., S. 2 1 7. Diese Reste aber musste die Stuttgarter Firma bei der Partei bezahlen, obwohl viele der Exemplare»ramponiert und daher unverkäuflich« waren:»Von Zürich übernahm ich seiner Zeit den gesamten Bestand der Bücher.[…] Viel lieber wäre es mir gewesen, die äußerlich verdorbenen, von Mäusen angefressenen Bücher einstampfen zu können – die Parteileitung ließ es nicht zu, sie wollte das Geld im Kasten klingen hören.« Heinrich Dietz meinte hier unter anderem Friedrich Engels’ Buch »Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft«(H. D. an F.E., 2. 11 . 1 893, IISG, Nachlass Marx/Engels, Korrespondenz L 11 54). 91 »Obgleich[Dietz] ein dreistöckiges Haus für das Geschäft erworben und dasselbe durch Zubauten möglichst erweitert hat, genügt es nicht mehr. Er muss immer Überstunden arbeiten, und trotzdem reichen seine Maschinen nicht aus.«(K.K. an F.E., 2 1 . 1 2. 1 890, in: Engels/Bebel 1 955, S. 266f.) 92 F.E. an H.D., 1 3. 1 2. 1 890(IISG, Nachlass Marx/Engels Korrespondenz, Br. 389). 93 Während sich das Parteizentrum nach Berlin verlagerte, saß Karl Kautsky in Stuttgart fest:»Hier ist niemand, der mich geistig anregen könnte. Leider will Dietz von einer Verlegung der N.Z. nach Berlin nichts 39 Von der Verlagsgründung bis zum Ende der Weimarer Republik Druckerei und Verlagsanstalt von J. H. W. Dietz in Hamburg wechselten 1 890 ebenfalls offiziell in den Besitz der Partei zurück, und der»Eigentümer« Heinrich Dietz wurde aus dem Handelsregister gelöscht. Eine vollständige Umorganisierung war dort nicht nötig, da Reinhard Bérard das Hamburger Unternehmen über lange Zeit und zu voller Zufriedenheit der Partei geleitet hatte. Unter dem Namen»Druck- und Verlagsanstalt Auer& Co.«(Auerdruck) existierte es mit der von den Nationalsozialisten erzwungenen Unterbrechung weiter, bis die Sozialdemokraten 1 979/80 die»Hamburger Morgenpost« aufgaben. 94 Emma Ihrer hatte 1 890 auf eigene Faust das Erscheinen einer Frauenzeitschrift angekündigt und besorgte auch die Redaktion der »Arbeiterin«; der erste Jahrgang erschien im Hamburger Verlag von Fr. Meyer. 95 Ab dem zweiten Jahrgang übernahm sie der Verlag J. H. W. Dietz in Stuttgart, der Titel wurde in»Die Gleichheit« geändert und Clara Zetkin zur Redakteurin bestellt. Sie war nicht unbedingt Heinrich Dietz’ erste Wahl 96 , dennoch hat Clara Zetkin viele Jahre das Profil der»Gleichheit« bestimmt und diese erste Zeitschrift für sozialdemokratische Frauen rasch zu einem der wichtigsten Publikationen des Verlags J. H. W. Dietz gemacht. Im Jahr 1 89 1 führte Heinrich Dietz in der Stuttgarter Parteidruckerei den Achtstundentag ein. Trotz der wachsenden Zahl der Aufträge war es ihm gelungen, die Effizienz der Druckerei noch weiter zu steigern. Doch weil der Verleger immer wieder bereit war, bedürftigen Parteigenossen Arbeit und einen Verdienst zu verschaffen(selbst 1 89 1 wissen«, beklagte er sich bitter bei Victor Adler in Wien.»Es ist geradeso, als wenn man die Arbeiterzeitung in Iglau erscheinen ließe.«(K.K. an Victor Adler[im Folgenden V.A.], 29. 11 . 1 890, in: Adler 1 954, S. 65) 94 Hamburger Abendblatt 1 979; DIE WELT 1 980; Amtsgericht Hamburg, Handelsregister HR B4 1 80. 95 Dieser Verlag arbeitete für die Gewerkschaften, stellte z. B. den »Gerber« her oder den»Bruder Schmied«. 96 Karl Kautsky, der dringend Hilfe bei der»Neuen Zeit« und der »Schwäbischen Tagwacht« brauchte, an der er auch mitarbeitete, hätte Clara Zetkin gern in seiner Redaktion gehabt, aber das war nicht so einfach:»Die Zetkin, die ich auch erwog, paßt Dietz nicht recht.«(K.K. an F.E., 8. 9. 1 890, in: Engels/Kautsky 1 955, S. 260) Clara Zetkin selbst erinnerte sich daran – in einem Artikel zu Ehren von Heinrich Dietz’ 70. Geburtstag –, dass sie in diesem Gespräch vom Verleger Zuspruch erhielt, als sie zunächst einige Bedenken vorbrachte, denn sie fühlte sich der Verantwortung für die Redaktionsleitung noch nicht gewachsen. Den Ausschlag gab dann ›das gütige Wort‹:»Und schließlich, wenn’s Not tut, bin ich auch noch da!«(Zetkin 1 9 1 3/ 1 4) Wie alles begann 40 musste er noch zu Bruno Geisers Auskommen beitragen), stieß er allmählich an die Grenzen seiner Kapazität. Die Konkurrenz zum Berliner Parteiverlag war zu stark und die Nachfrage in der Partei nicht so hoch wie erwartet, deshalb stellte der Stuttgarter Verlag Anfang 1 89 1 die Broschürenproduktion ganz ein. Denn»der Wettlauf mit dem ›Vorwärts‹-Verlag und Woerlein& Co.[Nürnberg], sagt meinen Lungen, bzw. den Finanzen nicht zu, so vermindert sich auch die Aufnahmefähigkeit«. 97 Socialistica mit»großkapitalistischem Chic« Heinrich Dietz profitierte in der Zukunft nicht zuletzt davon, dass die Nachfrage nach Büchern enorm stieg, besonders in den industrialisierten Ballungszentren. Die Buchproduktion stieg in den deutschen Ländern schon seit Beginn seiner Tätigkeit in Stuttgart kontinuierlich an, bedingt durch den technischen Fortschritt: 1 884 war die Setzmaschine erfunden worden, Dampfkraft und mechanische Druckmaschinen konnten eingesetzt werden, später wurden für das Hamburger wie für das Stuttgarter Unternehmen Rotationsdruckmaschinen angeschafft. Nach und nach wuchsen die Einkünfte der potentiellen Kunden des Verlegers für Sozialistica. Nur noch in Ausnahmefällen handelte es sich bei dem, was Heinrich Dietz in Stuttgart herausgab, um Agitationsliteratur. Der wissenschaftliche Anspruch forderte die Leser heraus, schloss andererseits aber auch Kunden aus dem»Proletariat« aus, zumal die vollkommen mittellosen. Allenfalls bezog man dort den»Wahren Jacob«, und zwar nicht nur aus finanziellen Gründen, sondern auch interessehalber. Als Verleger dachte Heinrich Dietz in erster Linie ökonomisch und war auf eine kluge Mischkalkulation eingerichtet. Weil er mit der Zeit über ein Sortiment verfügte, das die Verluste der defizitären Titel ausglich, konnte er auch Texte publizieren, die sich zunächst oder dauerhaft schwer verkauften. Dabei erkannte er die Zeichen der Zeit, nämlich eine fortschreitende Kommerzialisierung des Buchgeschäfts, und machte sie für die Zwecke der Partei nutzbar. Seine »Verlegerphilosophie« legte er in einem Brief an Karl Kautsky im Herbst 1 886 dar:»Ich beurteile die Situation in Deutschland von einem ganz eigenen Gesichtspunkt. So lange ich mit der ruhigen, von jeder Renommisterei und Radaumacherei weit entfernten Weise 97 H.D. an W.L., 8. 1 2. 1 89 1 (SAPMO, Nachlass Liebknecht, 34/ 1 8). 41 Von der Verlagsgründung bis zum Ende der Weimarer Republik meine Geschäfte betreibe, die Erzeugnisse mit einem gewissen großkapitalistischen Chic in die Welt einführe, wird man mir weiteres gestatten, als wie den Lärmmachern, wie z. B. Viereck[…]. Dabei muss man sorgsamst alles vermeiden, was eventuell Anlaß zu einem Einschreiten geben könnte.« 98 Außerdem folgte Heinrich Dietz nicht dem in seiner Branche üblichen Trend, die Autorenkosten zu drücken:»Wir zahlen das Honorar pränumerando, also nicht nach dem Verkauf, sondern vorher.« 99 Obwohl Karl Kautsky sich über Heinrich Dietz oft erbost äußerte, so konnte er doch nicht ohne den Verleger existieren, der ihm technische Optionen bot, formale und organisatorische Arbeiten abnahm und das finanzielle Risiko trug. Und Heinrich Dietz, der ehrgeizige verlegerische Pläne verfolgte, brauchte seinerseits einen»Intellektuellen als sachverständigen Mitarbeiter[der] den von Dietz angeregten Kanon der sozialistischen Klassiker im Sinne seiner theoretischen Konzeption ausgestaltet.« 100 So war Karl Kautsky weit mehr als Zeitschriftenredakteur und Lektor, er wurde dem Verleger zu einem von wenigen Freunden, ihm teilte Heinrich Dietz auch seine persönlichen Sichtweisen und politischen Einschätzungen mit. Über die Jahre nahm dieses gegenseitige Vertrauen noch zu, und die Zusammenarbeit dieser beiden für die Sozialdemokratische Partei so wichtigen Persönlichkeiten wurde immer intensiver, obwohl sie politisch oft nicht übereinstimmten. Ihr Briefwechsel riss vom Erscheinen der»Neuen Zeit« bis zum Tode von Heinrich Dietz im Jahr 1 922 nicht ab. In den Jahren des Ausnahmegesetz hatte Heinrich Dietz seine Aufgabe als Parteiverleger – immer am Rande der Legalität agierend – ausgezeichnet bewältigt und sich nicht geschont. Nun, nach der Aufhebung des Sozialistengesetzes, war seine Zukunft wieder einmal ungewiss, denn eine Übernahme des Stuttgarter Verlags in offiziellen Parteibesitz stand zur Debatte. Heinrich Dietz forderte eine prinzi98 H.D. an K.K., 1 8. 1 0. 1 886(IISG, Br. 1 36). 99 H.D. an Natalie Liebknecht, 2 1 . 1 2. 1 905(SAPMO, Nachlass Liebknecht, 34/84). Die Verlagspolitik, die Heinrich Dietz verfolgte, fand nicht immer und überall ungeteilten Beifall. So kritisierte Friedrich Engels, er ginge viel zu sehr auf einen ›Massenabsatz‹ los:»Will er der Verleger der wissenschaftlichen Sozialisten sein, so muss er eine Abteilung anlegen, wo auch Bücher, die langsameren Absatz finden, ihren Platz erhalten. Sonst muss ein anderer gefunden werden. Die wirklich wissenschaftliche Literatur kann nicht zu Zehntausenden Absatz finden, und darauf muss der Verleger sich einrichten.«(F.E. an K.K., 25. 6. 1 892, in: Engels/Kautsky 1 955, S. 347. Hervorhebung im Original) 100 Gilcher-Holtey 1 986, S. 48. Wie alles begann 42 pielle Entscheidung darüber,»ob in unserer Partei Privatbuchhändler und Buchdrucker existenzberechtigt sind oder nicht.« Sollte die Entscheidung für ihn negativ ausfallen,»so bin ich gezwungen zu liquidieren und eine Stelle als Arbeiter zu suchen, da mir eine selbständige Stellung in meinem Gewerbe nicht gestattet ist.« Angestellter der Partei wollte er auf keinen Fall werden. Im Gegenteil, er verstand sich als Unternehmer, obwohl er Bedenken hatte, denn»die Campe, Pethes, Wigand, Meißner etc. werden die Sachen schon machen«. 101 Zunächst durfte Heinrich Dietz den Verlag in Stuttgart weiterführen. Erst 1 897 wurden die lange andauernden Verhandlungen beendet und das Heinrich Dietz gehörende Geschäft formell in eine GmbH umgewandelt: den Verlag J. H. W. Dietz Nachfolger – mit den Parteivorstandsmitgliedern August Bebel und Paul Singer sowie Heinrich Dietz als Gesellschafter. Der Sechzigjährige übernahm bei dieser neuen Konstruktion die Funktion des Geschäftsführers. 102 Wie aus dem Briefwechsel mit Karl Kautsky hervorgeht, war Dietz in dieser Zeit oft und schwer krank. Das Geschäft in Stuttgart ging um die Jahrhundertwende weiter zurück:»Es ist eine entsetzliche Flauheit in den Kreisen eingetreten, die unsere Bücher sonst zu kaufen pflegen. Wie mag das noch enden« 103 , klagte er immer häufiger. Bereits 1 899 war deswegen der Plan gefasst worden, den Verlag gänzlich in den Besitz der Partei zu überführen.»Dann bekommt die Partei ein Geschäft, das die Verlagswerte eingerechnet zwischen Brüdern 300–400.000 Mark wert ist und ohne Entschädigung. Dietz wird angestellter Leiter und ich werde Beistand«, verkündete August Bebel. 104 Bis zum Sommer 1 904 hatte sich die finanzielle Situation nicht entscheidend gebessert:»Es ist eben nichts mehr da, woraus die Opfer genommen werden könnten[…] Vom Verleger kann man sagen, daß, wer vom Marxismus ißt, davon zugrunde geht.« 105 So wechselten 1 905 der Zeitschriftenverlag und 1 906 auch der Buchverlag of101 H.D. an W.L., 1 5. 1 2. 1 890(SAPMO, Nachlass Liebknecht, 34/ 1 8). 102 Er verabschiedete sich am 8. Juli 1 897 als selbständiger Verlagsbuchhändler und Buchdrucker von seinen Kunden. Über das Leipziger »Börsenblatt« teilte Heinrich Dietz seinen Geschäftsfreunden mit: Die Verlagsbuchhandlung und Buchdruckerei J. H. W. Dietz Nachfolger wäre am 8. Juli 1 897 in das Handelsregister eingetragen worden. Die Geschäftsstelle des Börsenvereins veranlasste die Veröffentlichung der Anzeige im Börsenblatt 1 897, Nr. 357. 103 H.D. an K.K., 30. 5. 1 900(IISG, Br. 280). 104 A.B. an Adolf Geck, 1 7. 1 0. 1 899(SAPMO, Nachlass Bebel, 22/ 1 24, Hervorhebung im Original). 105 H.D. an K.K., 6. 7. 1 904(IISG, Br. 348). 43 Von der Verlagsgründung bis zum Ende der Weimarer Republik fiziell in Parteibesitz über, wieder mit zwei Vorstandsmitgliedern und Heinrich Dietz als Gesellschafter. Eigentlich wollte dieser aus gesundheitlichen Gründen auch den Buchverlag nicht mehr führen, doch er ließ sich von seinen Freunden August Bebel und Paul Singer noch einmal überreden – und beklagte dies später mehrfach. 106 1 9 11 , als Paul Singer gestorben war, wurde bekanntgegeben, dass Friedrich Ebert und Hermann Molkenbuhr neben Heinrich Dietz als Gesellschafter in das Geschäft eintraten. 107 Bernsteins Thesen und Mehrings »Geschichte der Sozialdemokratie« Heinrich Dietz hatte mittlerweile Franz Mehring mit der Abfassung einer Geschichte der Sozialdemokratischen Partei beauftragt. Mehring war als Autor nicht unumstritten, er genoss keine großen Sympathien. August Bebel sah deswegen voraus, es werde recht schnell »Krakehl« geben. Einer von Mehrings Artikeln in der»Neuen Zeit« hätte ihn zu einer»gepfefferten Antwort ›begeistert‹, die mir aber Dietz konfiszierte«, stellte August Bebel fest. 108 Tatsächlich geriet Mehring mit Heinrich Dietz(und nicht nur mit ihm) in einen derartigen Streit, dass Karl Kautsky – den mit Mehring eine herzliche Konkurrenz verband – später hoffte, damit werde das Band zwischen den beiden endgültig zerreißen. 109 So spielte Mehring zum Beispiel den Konflikt um die Dampfersubventionen herunter, leugnete sogar den Streit unter den Abgeordneten:»Eine prinzipielle Meinungsverschiedenheit war innerhalb der Fraktion nicht hervorgetreten.« 110 Auf dem Sozialdemokratischen Parteitag in Stuttgart 1 898 111 kamen Eduard Bernsteins in der Partei kursierenden, von der offiziellen Parteilinie abweichenden und zu der Zeit noch nicht mehrheitsfähigen Thesen über Charakter und künftige Ziele der Sozialdemokratischen 106 Etwa in einem Brief an Karl Kausky am 1 . 4. 1 920(IISG, Br. 693). 107 Vorwärts, 9. April 1 9 11 . 108 A.B. an Julius Motteler, 2 1 . 1 0. 1 897(SAPMO, Nachlass Motteler, 1 2/ 1 3). 109 K.K. an V.A., 26. 1 . 1 9 1 4, in: Adler 1 954, S. 588. 110 Mehring 1 909, S. 266f., S. 269f.; siehe auch Wehler 1 969. 111 Dort hatten sich seit dem Ende des Sozialistengesetzes die Verhältnisse drastisch verändert: Das Ortskomitee durfte durch allerhöchste Erlaubnis seine Gäste und Delegierten im exklusiven Wartesaal der 1 . Klasse im Stuttgarter Bahnhof empfangen. Dieser Raum stand sonst nur den Angehörigen des württembergischen Hofes zur Verfügung. Wie alles begann 44 Partei zum ersten Mal öffentlich zur Sprache. Heinrich Dietz hatte Sympathien für Bernstein:»Ede ist ein ganz guter Kerl, der sich jetzt nicht geniert, die Wahrheit zu sagen.[…] Wenn ich persönlich etwas dazu beitragen kann, Bernstein für uns zu erhalten, so soll das geschehen.« 112 Er veröffentlichte Bernsteins Text»Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie«, damit er in der gesamten Partei diskutiert werden konnte. Allerdings lieferte Heinrich Dietz zum nächsten Parteitag in Hannover auch einen Separatabdruck von Karl Kautskys kritischem Artikel»Bernstein und das Sozialdemokratische Programm, eine Antikritik«, zu dem er Kautsky als Bernsteins Freund direkt ermunterte:»Legen Sie Ihre Archilleslanze ein und sprengen Sie in die Arena. Ohne zu schmeicheln sind Sie doch der Berufensten einer, der nebenbei die Verpflichtung hat, in dieser Sache zu sprechen. Der Verlag steht Ihnen selbstverständlich zur Verfügung.« 113 Hier hielt es Dietz zwar mit der offiziellen Parteilinie, hielt aber seine Hand über Eduard Bernstein. Der Briefwechsel zwischen Karl Marx und Friedrich Engels Am 6. August 1 895 war Friedrich Engels in London gestorben und hatte die deutschen Sozialdemokraten, vertreten durch August Bebel, Paul Singer und Eduard Bernstein, zu seinen Nachlassverwaltern bestimmt. Zum Erbe gehörten seine Bibliothek und vor allem sein Briefwechsel mit Karl Marx. Zunächst verblieben die Briefe zusammen mit den anderen Materialien des schriftlichen Nachlasses bei Julius Motteler in England. Zeitweise war im Gespräch, die Unterlagen nach Stuttgart zu überführen. Dort – so meinten Julius Motteler und Heinrich Dietz – würden sie erheblich sicherer liegen als in Berlin. Um die Herausgabe des Briefwechsels wurde hart gerungen, und nach der Jahrhundertwende waren die Vorarbeiten am Nachlass von Karl Marx und Friedrich Engels so weit gediehen, dass man endlich an die Herausgabe eines Teils des Briefwechsels denken konnte. Marx’ Tochter Laura Lafargue baute bei der Bearbeitung ganz außerordentlich auf Heinrich Dietz’ Hilfe und wandte sich deswegen häufig an ihn. 114 Sie war fest davon überzeugt, dass eine Veröffentlichung nur in 112 H.D. an K.K., 2 1 . 1 . und 23. 6. 1 898(IISG, Br. 229 u. 236). 113 H.D. an K.K., 8. 3. 1 899(IISG, Br. 25 1 ). 114 Siehe dazu das umfangreiche Aktenmaterial im ›Marx/EngelsDossier‹(M/E-D) im IISG Amsterdam. Es ging vor allem um Ferdinand Lassalle, der bei Marx und Engels gar nicht gut wegkam. 45 Von der Verlagsgründung bis zum Ende der Weimarer Republik Stuttgart und nicht etwa bei Richard Fischer in Berlin in Frage käme. 115 So wurde Heinrich Dietz, der auch die Finanzierung zu besorgen hatte, in alle Streitigkeiten um dieses Projekt hineingezogen. Hier kann der Konflikt nur angedeutet werden, der mit der Bearbeitung der Briefe zusammenhing: Eduard Bernstein war zusammen mit Rjazanov 116 beauftragt worden, den Band zu edieren und zu redigieren, weil er noch von Friedrich Engels gelernt hatte, Marx’ unleserliche Handschrift zu entziffern. Bernstein hatte zwar nichts gegen»Streichungen grob das ästhetische Empfinden verletzender Worte oder Stellen« einzuwenden, gab aber zu bedenken,»daß das nicht über die Grenze hinaus gehen darf, die durch die Pflicht der literarischen Treue gezogen ist. Die Briefe rühren von Leuten, die eine derbe Ausdrucksweise liebten, und diese Derbheit muss ihnen bleiben[…], und gerade in der Vertrautheit der beiden Verfasser liegt ein Stück vom Reiz ihres Briefwechsels. Es ist eben nicht Schiller, der an Göthe, oder Wilhelm von Humboldt, der an Forster oder Jacobi schreibt.[…] Also retuschieren wir,[…] daß wohl die Pickeln weggehen, aber die Stelle bleibt.« 117 Heinrich Dietz hingegen wollte strenger sein, um – wie er meinte – die Interessen von Karl Marx und Friedrich Engels zu wahren: »Ich kann nicht die Hand dazu bieten, daß hochachtbare Personen in einer Weise bloßgestellt werden, wie Marx es nie gestattet haben würde. Wenn man an Freunde sich brieflich oft recht drastisch ausdrückt, so ist das etwas anderes, als diese Kritiken vor aller Öffentlichkeit mit seinem Namen zu verantworten. Soweit ich sehe, sind[…] Stellen in den Briefen vorhanden, die als persönliche Beleidigungen aufgefaßt werden. Diese Stellen sind zu streichen.« 118 So erschien konsequenterweise eine bereinigte Fassung.»Es ist auch alles aus den Engelsschen Briefen entfernt worden, was Anstoß erregen könnte.« 119 115 »I understood that it was a settled matter that Dietz should publish the Lassalle letters as well as the 4th volume and the volumes of the miscellaneous writings of Marx. I, therefore, do not see why you should ask me to choose between Dietz and Fischer.«(Laura Lafargue an K.K., 27. Juli 1 900, IISG, Nachlass Kautsky, D XV 1 5, zit. in: Bebel/Kautsky 1 97 1 , S. 1 29, FN.) 116 N. Rjazanov, d.i. David Borisovič Goldendach. 117 E.B. an H.D., 1 2. 1 0. 1 9 1 0, u. 24. 9. 1 9 1 2(IISG, M/E-D). – Wieviele Historiker, die an der Schrift verzweifeln, wären da neidisch geworden! 118 H.D. an Friedrich Adolph Sorge, 1 2. 2. 1 900, Anlage zum Br. 270 (IISG, M/E-D.). 119 A.B. an K.K., 7. 2. 1 9 1 3, in: Bebel/Kautsky 1 97 1 , S. 328f.(Hervorhebung im Original); H.D. an K.K., 3. 9. 1 906(IISG, Br. 386). Wie alles begann 46 Trotz etlicher Bedenken sah August Bebel die Sache ähnlich und äußerte sich gegenüber Karl Kautsky später, als eine neue Auflage und Bearbeitung anstand:»Nebenbei will ich dir sagen – bitte aber streng zu verschweigen –, daß etliche Briefe überhaupt nicht abgedruckt wurden, weil sie uns zu haarig waren. Die beiden Alten haben damals eben eine Art gehabt, Briefe zu schreiben, mit der ich mich überhaupt nicht befreunden kann.« Schon bald nach dem ersten Erscheinen der Edition befürchtete Karl Kautsky, dass sich die Partei mit dieser Art Geschichtsklitterung einem handfesten Skandal aussetzen könnte: Die Publikation des Briefwechsels wäre schlampig vorbereitet worden. Anstatt die Briefe einfach zurückzuhalten, hätte man sie einem einzelnen, akribisch und sorgfältig vergleichenden Lektor überlassen und nicht vieren: Bernstein, Bebel und Mehring sowie Dietz als Vertreter von Laura Lafargue und den Marx-Erben versuchten sich daran:»Jeder strich nach seinem Gutdünken, ohne Rücksicht auf den andern, es war weder Plan noch System in dem Ganzen.« Ein gewitzter Professor würde so etwas sofort herausfinden. 120 Aufgrund seiner intensiven Arbeit am Briefwechsel wurde der Verleger Dietz als Mitherausgeber der vier Sammelbände»Aus dem literarischen Nachlaß von Karl Marx, Friedrich Engels und Ferdinand Lassalle« genannt. Sie erschienen 1 902 in Stuttgart. Eine zweite Auflage kam 1 9 1 3 heraus, über 30 Jahre nach Gründung des Verlages. »Was tun?« und andere russische Texte im Verlag J. H. W. Dietz Nachf. Nach Band 4 der»Internationalen Bibliothek«, dem ein russischer Text zugrunde lag 121 , publizierte Dietz später noch weitere Bücher russischer Autoren: 1 893 die von Viktor Adler übersetzte Schrift»Der 120 Karl Kautsky hätte wohl den Briefwechsel selbst gern bearbeitet, war jedoch ausgebootet worden. Schlimmer noch: Franz Mehring in seinem ausgesprochenen Hass auf Marx und der wegen Bebels konsequenter politischer Haltung auch gegen ihn gerichteten Wut würde keinerlei Rücksicht mehr nehmen; und»wo er dem ein Bein stellen kann, tut er’s. Kommt es zu einem Krach wegen des Briefwechsels, dann ist er imstande, daraus Bebel einen Strick zu drehen und Marx zu verunglimpfen.«(K.K. an V.A., 2 1 . 5. 1 9 1 3, in: Adler 1 954, S. 564ff.) 121 Das war»Die ländliche Arbeiterfrage« von Nikolaj Alexejevič Kablukov. 47 Von der Verlagsgründung bis zum Ende der Weimarer Republik russische Bauer« von Stepnjak 122 (Internationale Bibliothek, Bd. 1 5), ein Jahr später eine Studie über Černyševskij(Internationale Bibliothek, Bd. 20) sowie die»Beiträge zur Geschichte des Materialismus« von Plechanov(Internationale Bibliothek, Bd. 29). 1 90 1 erschien im Stuttgarter Parteiverlag der erste Text in russischer Sprache, nachdem Heinrich Dietz für die Druckerei einen Satz kyrillischer Buchstaben angeschafft hatte:»Autokratie und Semstwo«. Bis 1 902 verlegte er auch vier Nummern der Zeitschrift»Zarja«, herausgegeben von Plechanov, Zasulič und Aksel’rod. Doch die Zusammenarbeit zwischen den russischen Sozialisten und ihren deutschen sozialdemokratischen Genossen – insbesondere der Kontakt zu Lenin – gestaltete sich keinesfalls so glatt, wie in späteren Aufsätzen und Erinnerungen dargestellt. Schon 1 886 hatte Heinrich Dietz Karl Kautsky ermahnt:»Mit Plechanoff und Axelrod seien Sie nur in Betreff ›Tschernyscheffsky‹ recht vorsichtig. Die verdammten Russen richten überall Unheil an.« 123 Eigentlich war den russischen Freunden die Herausgabe der »Zarja« schon für das Jahr 1 900 zugesagt worden, Heinrich Dietz verzögerte sie jedoch mehrfach. So wurden die Spannungen immer größer:»Diese verflixten Deutschen speisen uns mit Versprechungen ab«, machte sich Lenin in einem Brief an Pavel Borisovič Aksel’rod Mitte Oktober 1 900 Luft,»ach! ich könnte sie!« 124 Vladimir Iljič Lenin kam deswegen voller Zorn eigens nach Stuttgart, wo es zu einem ernsthaften Zerwürfnis kam:»Dieser kapriziöse Herr Dietz« 125 hatte zwar versprochen, einen mit dem russischen Alphabet vertrauten und eingearbeiteten Setzer einzustellen 126 , schließlich aber den Abdruck eines Artikels der drei Herausgeber verweigert und sogar die Mitverantwortung der russischen Sozialisten aus dem Impressum gestrichen:»Furchtbar unangenehm, diese neue Zensur.[…] Wann 122 Pseudonym von Sergej Michajlovič Kravčinskij. 123 H.D. an K.K., 1 0. 1 0. 1 886(IISG, Br. 1 36). Kautsky war gerade mit der als ›literar-historischen Studie‹ bezeichneten Černiševskij-Biographie von Plechanov beschäftigt. 124 Zusätzliche Bedenken hielten das Erscheinen noch länger auf:»Von Dietz kam ein Brief[…], ob nicht überhaupt eine Geheimdruckerei besser wäre?! Wir sind von dieser Nachricht des Idioten Dietz wie vor den Kopf geschlagen.« V. I. Lenin an Aksel’rod, 1 8. 1 0. 1 900 und 27. 2. 1 90 1 (Lenin 1 967, S. 5 1 , S. 87) 125 Ebd., S. 89. 126 Das war Blumenfeld. Wie alles begann 48 endlich werden wir uns von der Bevormundung durch diese DreckGenossen befreien?!« 127 Doch auf diese»Dreck-Genossen« blieben die russischen Sozialisten noch eine Weile angewiesen. So erschien im Stuttgarter Parteiverlag 1 902 die erste russische Ausgabe von Lenins programmatischer Schrift»Čto delat?«(»Was tun«). Im selben Jahr übernahmen die deutschen Sozialdemokraten in Stuttgart, als der liberale Schriftsteller Struve keinen anderen Verlag fand, auch noch die Zeitschrift »Osvobożdenie«(55 Nummern bis 1 904) sowie die»Socialpolitischen Essays« von Isajev. Heinrich Dietz hätte gern noch mehr Texte von russischen Autoren verlegt:»Ich bin noch einigen guten russischen Büchern auf der Spur«, teilte er 1 907 Kautsky mit.»In Deutschland schreibt kein Mensch mehr etwas für unseren Verlag. Da muss das Ausland herhalten.« 128 Zuletzt veröffentlichte Heinrich Dietz 1 906 noch zwei Titel vom Maksim Gor’kij 129 , danach gab der Verlag im Zuge der Reorganisation die Veröffentlichungsrechte seiner russischsprachigen Titel an J. Ladyschnikov in Berlin ab. 1 9 1 3 – Der Verleger wird 70 Jahre alt An seinem 70. Geburtstag im Herbst 1 9 1 3 stand Heinrich Dietz noch ganz unter dem Schock, den ihm der Tod von August Bebel – einer seiner wenigen Freunde und einer der letzten einflussreichen Parteiführer seiner Generation – am 1 3. August versetzt hatte. Viele Parteizeitungen würdigten den 70. Geburtstag, und Clara Zetkin fasste die Verdienste von Heinrich Dietz treffend in einem Satz zusammen: »Der Verlag Dietz wurde die erste und ist noch heute die beste Heimstätte für die Literatur des wissenschaftlichen Sozialismus.« 130 Karl Kautsky verfasste den einfühlsamsten und ausführlichsten Gruß; er ließ aus seinem engen Kontakt zum Parteiverleger viele Einzelheiten einfließen, fand freundschaftliche und lobende Worte. In der»Neuen Zeit« resümierte er:»Was Dietz bisher der Partei gegeben, war das 127 In diesem Brief von Lenin an Aksel’rod stand das Wort ›Dreck-Genossen‹ auf deutsch. Immerhin wickelten die russischen Sozialisten noch lange Zeit ihren Schriftverkehr über die Stuttgarter Furtbachstraße ab. 128 H.D. an K.K., 1 5. 2. 1 907(IISG, Br. 390). Emig/Schwarz/Zimmermann 1 98 1 verzeichnet 28 Titel in russischer Sprache. 129 Gor’kij, Maksim: V Amerika(= In Amerika. Skizzen) und Ruskīj car’. Interv’ju(= Der russische Zar), beides 1 906 erschienen und nicht bei Emig/Schwarz/Zimmermann 1 98 1 . 130 Zetkin 1 9 1 3/ 1 4, S. 4. 49 Von der Verlagsgründung bis zum Ende der Weimarer Republik Lebenswerk eines ganzen Mannes, der zu jeder Stunde seine vollste Pflicht getan.[…] Die klassische deutsche Literatur ist eng verknüpft mit dem Namen eines Cotta. Die Literatur der aufstrebenden Demokratie mit den Namen eines Campe, des Verlegers Heines, und eines Wigand, des Verlegers Feuerbachs. So ist die Literatur des internationalen Marxismus untrennbar verknüpft mit dem Namen unseres Freundes J. H. W. Dietz.« 131 Von einem eventuellen Rückzug aus dem Verlagsgeschäft war nirgends die Rede. Doch die Einmütigkeit währte nicht lange: Die Bewilligung der Kriegskredite für den Ersten Weltkrieg säte wieder große Zwietracht in der Partei. 132 Mit dem sofort verhängten Belagerungszustand unterstand die Presse der Zensur durch das Militär. Prophylaktisch wurden die»Gleichheit« und der»Wahre Jacob« konfisziert(das heißt verboten), und die Zensoren wären sehr penibel, warnte Heinrich Dietz seinen Chefredakteur Kautsky:»Je weiter von der Zentralsonne Berlin entfernt, umso strenger werden die Militärs unserer Presse gegenüber. In Berlin konziliant, in den fernen Bezirken eisenhart.« 133 So klagte Heinrich Dietz zum Ende des zweiten Kriegsjahrs, dass die Zensur insbesondere dem»Wahren Jacob« schwer zu schaffen machte,»und dabei ist der W.J. der Nährvater«. 134 Im Stuttgarter Verlag kamen keine der rivalisierenden Parteiströmungen zu Wort, er sollte»während des Krieges nicht der Tummelplatz der Streithähne sein.« 135 Auf solche Art Neutralität zu üben, klingt nur auf den ersten Blick souverän. Denn nach der innerparteilichen Arbeitsteilung veröffentlichten die Theoretiker ihre Debattenbeiträge bisher vor allem in Stuttgart, nicht in Berlin, und etliche Autoren des Dietz-Verlages stellten sich jetzt auf die Seite der 1 9 1 7 gegründeten»Unabhängingen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands«(USPD). Die exponiertesten unter ihnen waren Clara Zetkin und Karl Kautsky, die als Linke nun nahezu mundtot gemacht werden sollten. Auch die Veröffentlichungen von Schriften von Rosa Luxemburg lehnte Heinrich Dietz ab. Bis zuletzt hatte er gemeint, dass eine Versöhnung der Opponenten mit der Gesamtpartei möglich sei und die Spaltung als»so überflüssig wie ein Kropf« 136 bezeichnet. Er war 131 Kautsky 1 9 1 3, S. 3(Hervorhebung im Original). 132 Heinrich Dietz stimmte mit der Mehrheit für die Bewilligung der Kredite. 133 H.D. an K.K., 8. 8. 1 9 1 4(IISG, Br. 572). 134 H.D. an K.K., 6. 7. 1 9 1 6(IISG, Br. 625). 135 H.D. an K.K., 30. 4. 1 9 1 7(IISG, Br. 644). 136 H.D. an K.K., 1 2. 1 2. 1 9 1 7(IISG, Br. 660). Wie alles begann 50 fest davon überzeugt, dass die Widersprüche überwunden und die Parteiteile sich wieder vereinigen würden:»Die Weltgeschichte regelt alles wieder zusammen, es wird vergeblich sein, ihr Widerstand zu leisten.« 137 Heinrich Dietz, der früher einmal Eduard Bernstein und dessen Ideen ein Forum verschafft hatte, als er wusste, dass diese der Parteiführung nicht genehm waren und danach Karl Kautsky zu einer scharfen Replik ermunterte, sah ohne Protest mit an, wie der SPDVorstand Clara Zetkin nach 25 Jahren Redaktion der»Gleichheit« und Karl Kautsky nach 35 Jahren Herausgabe der»Neuen Zeit« entließ. Beide konnten sich von ihren Lesern nicht einmal mehr persönlich verabschieden. Erst die»Leipziger Volkszeitung« gab ihnen im September 1 9 1 7 dazu Gelegenheit. 138 Nicht einmal die freundschaftliche Verbundenheit mit Karl Kautsky veranlasste den Parteiverleger, für einen offenen Wettstreit der Ideen einzutreten. Während des Kriegs musste Heinrich Dietz zusehen, wie ihm der Ertrag seiner gesamten Arbeit für Verlag und Partei zwischen den Händen zerrann. Er fühlte sich alt, resigniert und den Anforderungen nicht mehr gewachsen. Gegen Ende des Ersten Weltkrieges öffneten sich dem Verlag jedoch ganz neue Perspektiven. Heinrich Dietz, dessen Arbeitstag immer noch bis spät in die Nacht dauerte, konnte nämlich feststellen, dass»das bürgerliche Sortiment jetzt die eigentliche Abnehmerin unserer Literatur geworden ist. Wie die Partei, so hat auch das bürgerliche Sortiment seit längerer Zeit schwachen Absatz gezeigt. Während der Kriegszeit ist die Partei immer schwächer geworden, das Sortiment aber seit diesen Jahren kräftiger im Absatz.« Als der Kaiser abdankte, Philipp Scheidemann die Deutsche Republik ausrief und Friedrich Ebert als erster Sozialdemokrat Reichskanzler, wenig später sogar Reichspräsident wurde, als sich große Teile der Bevölkerung Deutschlands auf eine Demokratie vorbereiteten, stieg das Interesse bürgerlicher Kreise an sozialdemokratischer Literatur sprunghaft an. Wo bisher die sozialistischen Schriftsteller Mühe hatten, ihre Werke publik zu machen, häuften sich nun die Angebote: »Ich glaube es gern, daß jetzt die Verleger nach sozialdemokratischen Schriften gieren, das ist der Witz der Weltgeschichte.« Und ein gutes 137 H.D. an K.K., 3. 1 . 1 9 1 8(IISG, Br. 665). 138 Kautsky 1 9 1 7. Clara Zetkin schied von der»Gleichheit« trotzdem mit Worten des Dankes für alle an der Zeitschrift Beteiligten,»zuletzt und nicht am wenigsten für den Mann, der die Seele des Stuttgarter Unternehmens ist: für Heinrich Dietz, der der ›alten‹ Gleichheit bis zu ihrer letzten Nummer als einsichtsvoller, weitschauender, erfahrener Berater, Freund, Wegbereiter zur Seite gestanden ist.«(Klara Zetkin 1 9 1 7) 51 Von der Verlagsgründung bis zum Ende der Weimarer Republik Jahr später stellte Dietz sogar fest:»Jetzt ist die Bourgeoisie hinter der soz. Literatur her wie der Teufel auf eine arme Seele. Wie lange noch?« 139 Wie Ironie des Schicksals mutet es daher an, dass die parteieigenen Verlage plötzlich mit der Produktion nicht mehr nachkamen. Geringe Kapazitäten sowie die kriegs- und nachkriegsbedingte Papierrationierung lähmten auch den Stuttgarter Verlag. Die steigende Nachfrage konnte nicht befriedigt werden, und hohe Gewinne, die plötzlich mit sozialistischen Schriften zu machen waren, wurden von bürgerlichen Verlagen abgeschöpft. 140 Der Buchverlag J. H. W. Dietz Nachf. stand zu Beginn der 1 920er Jahre sogar noch recht gut da, konnte allerdings die Zeitschriften nicht länger subventionieren, denn er hatte»bereits alle Barmittel hergegeben für den Zweck. Weiteres kann er nicht tun, wenn er nicht selbst ins Gedränge kommen soll.« 141 Heinrich Dietz näherte sich seinem 80. Lebensjahr, und das Heft legte er nur noch nicht aus der Hand, weil er sich dem Parteivorstand gegenüber in der Pflicht sah. 142 Es wäre besser gewesen, wenn er sich zurückgezogen hätte, denn er musste miterleben, wie sein Lebenswerk in den Strudel der Wirtschaftkrise geriet. Die Nachkriegsinflation setzte schon 1 92 1 ein(und stieg seit Anfang 1 922 rasant). 143 Die Preise für Verlagserzeugnisse 139 H.D. an K.K., 9. 1 2. 1 9 1 8(IISG, Br. 679) und am 27. 2. 1 920(Br. 692). 140 Das alles verbitterte ihn sehr, vor allem, als Heinrich Dietz auch noch feststellen musste, dass er weiterhin für die Sozialdemokraten sorgen musste, die jetzt in die republikanischen Nachkriegsregierungen eintraten und Karriere machten. Viele von ihnen waren in Verlag und Druckerei beschäftigt gewesen oder zumindest durch Heinrich Dietz finanziert worden – wie etwa Wilhelm Keil und Wilhelm Blos, an denen sich seit vielen Jahren so starke innerparteiliche Kritik entzündet hatte.»Mein Versprechen an Bebel und Singer, das Geschäft hier zu halten, bindet mich nun seit bald 1 4 Jahren. Meine Mitarbeiter sind samt und sonders in die Ministerkarriere eingetreten, und ich muss wie ein Bauer das Land bebauen, um Brot für alle zu schaffen.«(H.D. an K.K.; 1 . 4. 1 920, IISG, Br. 693) 141 H.D. an Karl Hildenbrand, 29. 7. 1 920(AdSD Kleine Korrespondenz Dietz). 142 »Meine Gesundheit ist stark erschüttert, indessen ich haspele mein Pensum ab, so gut es gehen will«, schrieb Heinrich Dietz im Frühjahr 1 920 an das USPD-Mitglied Karl Kautsky( 1 . 4. 1 920, IISG, Br. 693). 143 Der amerikanische Dollar, der 1 9 1 4 noch 4,20 Mark kostete, war im Juli 1 9 1 9 bereits 1 4 Mark ›wert‹, im Januar 1 922 dann 1 9 1 ,80 Mark, Ende Mai sogar 320 Mark, im Januar 1 923 auf 1 7.972 und im August 1 923 auf über 4,6 Mio. Mark gestiegen. Wie alles begann 52 mussten ständig heraufgesetzt werden, die der Zeitschriften 1 923 sogar wöchentlich. 144 Die Kosten für zwei Parteiverlage – in Stuttgart und in Berlin – wuchsen ins Unermessliche, obwohl bereits eine Betriebsgemeinschaft bestand. 145 Gewinne waren unter diesen Belastungen nicht mehr zu erwarten, so dass die Partei 1 92 1 beschloss, beide Verlage zu fusionieren. Auf der Höhe der Wirtschaftskrise musste sogar die Druckerei in Stuttgart verkauft werden. Die dortige Verlagsniederlassung wurde aufgelöst, und alle Rechte gingen auf den Berliner Teil über. Karl Kautsky – und mit ihm Heinrich Dietz – hatte gehofft, dass er 1 92 1 , spätestens aber nach dem Zusammenschluss der Mehrheitssozialisten mit der USPD im Oktober 1 922 die Redaktionsleitung der »Neuen Zeit« wieder übernehmen würde. Doch das Blatt erschien überhaupt nur noch bis 1 923 und musste dann eingestellt werden. Ein Jahr später kam als Nachfolgerin»Die Gesellschaft« – herausgegeben von Rudolf Hilferding – auf den Markt. Selbst der»Wahre Jacob« ging wegen der enormen Teuerungen ein. Zwischen 1 924 und 1 927 wurde er unter dem Namen»Lachen Links« fortgeführt, erhielt dann aber seinen alten Namen zurück. 146 Die Zusammenführung der SPD mit dem größeren Teil der USPD hat Heinrich Dietz nicht mehr erlebt. Anfang 1 922 erkrankte er erneut und starb am 28. August, dem 75. Geburtstag seiner Frau. Diversifikation des Verlagsprogramms Neben den sozialistischen Klassikern und der»Internationalen Bibliothek«, neuen Texten führender Sozialdemokraten und den verschiedenen Zeitschriften des sozialistischen Spektrums hatte Heinrich Dietz das Verlagsprogramm auf neue Käufergruppen ausgerichtet. 147 1 893 144 Das Abonnement der»Neuen Zeit« kostete 1 922 noch 1 5 Mark im Jahr. 1 923 kletterte der Preis auf 5.800 Mark. Seit 1 920 stieg der Verkaufspreis auch des»Wahren Jacob« von zunächst 20 Pfg. stark an(Ende 1 920: 60 Pfg., im August 1 92 1 80 Pfg., November 1 Mk., Ende 1 92 1 : 1 ,30 Mk.). Die Nummer 943 des»Wahren Jacob« vom 5. September 1 922 kostete bei Redaktionsschluss 7,50 Mk und die letzte Nummer 1 923 dann 20 Mio. Mark. 145 H.D. an K.K., 20. 9. 1 92 1 (IISG, Br. 7 1 2). 146 Siehe Anm. 54. 147 Siehe dazu die Bibliographie von Emig/Schwarz/Zimmermann 1 98 1 und darin Schwarz, S. 1 5ff. 53 Von der Verlagsgründung bis zum Ende der Weimarer Republik nahm er mit dem»Bilderbuch für große und kleine Kinder« erstmals Kinderbücher auf. Insbesondere die aufstrebende Arbeiterkulturbewegung und auch die Arbeitersängerbewegung wurde mit Literatur versorgt. Autobiographien von Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten fanden großes Interesse. Doch trotz aller Vielfalt an Richtungen und Inhalten, die die Autorinnen und Autoren des Verlages J. H. W. Dietz(Nachf.) repräsentierten, bleibt gültig, was Karl Kautsky 1 9 1 3 schrieb:»Dieser sollte ein Sammelpunkt der bedeutendsten Marxisten aller Länder werden, denn nur dadurch konnte unsere Lehre ihre volle aufklärende Kraft entfalten. Wie sehr Dietz dies Streben gelang, ist heute allgemein bekannt.« 148 Nach der Fusion 1 923 übernahm der Verlag J. H. W. Dietz Nachf. in Berlin immer mehr Produkte von anderen Verlagen 149 , so auch belletristische Titel. Zu den neuen Autoren gehörte im Laufe der Jahre nicht nur der Naturalist Arno Holz(an dessen Gesamtwerk sich der Verlag die Rechte sichern konnte), sondern auch Friedrich Wolf, Joseph Roth(»April, die Geschichte einer Liebe«, 1 924 und»Der blinde Spiegel«, 1 925), Paul Zech(»Peregrins Heimkehr«, 1 925), Pietro Nenni(»Todeskampf der Freiheit«, 1 930), ferner Leon Blum, Eugen Prager und viele andere mehr. Reisebeschreibungen und Wanderführer(etwa Wilhelm Bölsches»Erwanderte deutsche Geologie«, 1 925), Kinder- und Schulbücher(Hilde Krügers»Der Widelwondelwald«, 1 924) zählten zum erfolgreichen Teil des Programms. Und schon sehr früh – ab 1 930 – konzentrierte sich der Verlag auf die Herausgabe antifaschistischer Texte, um den angeblich»sozialistischen«, in Wahrheit aber demagogischen Inhalten der Nationalsozialisten entgegenzutreten. Als letztes Werk mit der Schlange, dem bekannten Verlagssignet, kam 1 933 ein Gedenkbuch zum 50. Todestag von Karl Marx heraus »Marx, der Denker und Kämpfer«. – Alle Anstrengungen, immer farblosere Titel zu produzieren, nützten gegen die nationalsozialistische Verfolgung nichts mehr. So musste sich der Verlag J. H. W. Dietz Nachf. im Mai 1 933 mit einem letzten dünnen Heft mit dem Titel»Maitag 1 933. Nationalfeiertag«, das Friedrich Wendel verantwortete und das nur dürftig und wenig erfolgreich versuchte, einen letzten Rest der einstigen Inhalte zu transportieren,»verabschieden«. Nach dem Verbot der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands am 22. Juni 1 933 wurde auch der Parteiverlag in die»Konzen148 Kautsky 1 9 1 3, S. 6. 149 Emig/Schwarz/Zimmermann 1 98 1 , S. 23. Wie alles begann 54 tration A.G.«, die Holdinggesellschaft aller Wirtschaftsunternehmen der SPD, überführt. Danach war es für die Nationalsozialisten ein Leichtes, mit einem einzigen Schlag sämtliche Geschäfte der Sozialdemokratischen Partei zu liquidieren und sich deren Vermögens zu bemächtigen. 150 Der Verlag J. H. W. Dietz Nachf. galt nun als vermögenslos und wurde am 24. August 1 934 zwangsweise aus dem Handelsregister gelöscht. Literatur: Adler, Victor: Briefwechsel mit August Bebel und Karl Kautsky[u. a.]. Hrsg. vom Parteivorstand der SPÖ. 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Die Geschichte eines sozialdemokratischen Unternehmens 1 946– 1 996. Berlin 1 996, S. 29ff. Bundesarchiv/ Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR [SAPMO](ursprünglich: Archiv des Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED[IML], danach zeitweilig: Institut für die Geschichte der Arbeiterbewegung) Druckenmüller, Alfred: Der Buchhandel in Stuttgart seit Erfindung der Buchdruckerkunst bis zur Gegenwart. Diss. Leipzig 1 907(gedr. in Stuttgart, 1 908) Ege, Konrad: Karikatur und Bildsatire im Deutschen Reich. Der Wahre Jacob, Hamburg 1 879/80. Stuttgart 1 884– 1 9 1 4. Münster[u. a.], 1 992(Form& Interesse, Bd. 44) Emig, Brigitte, Max Schwarz, Rüdiger Zimmermann: Literatur für eine neue Wirklichkeit. Berlin u. a., 1 98 1 150 Dazu siehe Brunner. 55 Von der Verlagsgründung bis zum Ende der Weimarer Republik Engels, Friedrich: Briefwechsel mit Karl Kautsky. 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