Wiederauferstehung und Wiederaufstieg – J. H. W. Dietz von 1 945 bis heute horst heidermann 30. Januar 1 933: Adolf Hitler wurde Reichskanzler. Es folgten Notverordnungen, Reichstagsbrand(27. Februar 1 933), Ausnahmezustand (28. Februar 1 933), Ermächtigungsgesetz(23. März 1 933). Nach dem Schlag gegen die Freien Gewerkschaften am 2. Mai 1 933 ging der Parteivorstand der SPD mit führenden Mitgliedern in die Emigration. Am 1 0. Mai 1 933 wurde das gesamte Vermögen der Sozialdemokratischen Partei beschlagnahmt und die SPD am 22. Juni als»volks- und staatsfeindliche Partei« verboten. Aufgrund des»Gesetzes über die Einziehung volks- und staatsfeindlichen Vermögens« vom 1 4. Juli 1 933 wurden danach die Unternehmen der SPD enteignet, alle Betriebe in der ehemals sozialdemokratischen»Konzentration AG« zusammengefasst und nach Einziehung der Aktien durch das Geheime Staatspolizeiamt(Gestapa) am 2 1 . Oktober 1 935 liquidiert. 1 Der Verlag J. H. W. Dietz Nachf. GmbH – eine Hundert-Prozent-Tochter der Konzentration – wurde»wegen Vermögenslosigkeit« bereits am 24. August 1 934 aus dem Handelsregister gelöscht. Versuche der Wiederbelebung 2 Nach der bedingungslosen Kapitulation am 7. und 8. Mai 1 945 wurde das ehemalige Deutsche Reich in vier Besatzungszonen aufgeteilt. Bis zur Wiedervereinigung Deutschlands 1 990 war die deutsche Politik durch den Gegensatz zwischen der sowjetischen Besatzungszone, der späteren DDR, und den von den Westmächten besetzten Gebieten, der späteren Bundesrepublik Deutschland, bestimmt. 1 Siehe dazu Detlev Brunner, 50 Jahre Konzentration GmbH. Die Geschichte eines sozialdemokratischen Unternehmens 1 946– 1 996, Berlin 1 996, S. 29 – 3 1 . 2 Ausführliche Darstellung in meinem Nachwort zu Angela Graf, J. H. W. Dietz 1 843– 1 922. Verleger der Sozialdemokratie, Bonn, Verlag J. H. W. Dietz Nachf. 1 998. 79 Politische Parteien wurden, wenn auch zögernd, wieder gegründet beziehungsweise zugelassen. In Berlin erfolgte die Gründung eines »Zentralausschusses« der SPD mit dem Einflussbereich sowjetische Besatzungszone unter dem Vorsitz von Otto Grotewohl, während sich im Westen, in Hannover, das»Büro Dr. Schumacher« als zentrale Instanz etablierte. Beide Gruppen versuchten unabhängig voneinander, den traditionsreichen Dietz-Verlag wieder zu beleben. In Berlin hatte man zunächst die besseren Karten. Im»Zentralausschuß der SPD« saß Erich Gniffke. Auf dem ersten(und einzigen) Parteitag der Ost-SPD, am 1 9. und 20. April 1 946, konnte er berichten, dass man für den Vorwärts-Verlag(seit dem 1 0. Januar 1 946) und den Verlag J. H. W. Dietz Lizenzen erhalten habe. Die Freude an diesem Erfolg sollte nicht lange währen: 24 Stunden später, am 2 1 . und 22. April 1 946, wurde auf dem sogenannten»Vereinigungsparteitag« der Zusammenschluss von SPD und KPD zur SED beschlossen. Die beiden Parteiverlage»Verlag Neuer Weg«(KPD) und »Vorwärts-Verlag«(SPD) wurden zum»Verlag J. H. W. Dietz Nachf. GmbH« verschmolzen. Der Verlag, dessen Lizenz die SPD in die Ehe einbrachte, war 1 934 im Handelsregister gelöscht worden, musste also dort wieder eingetragen werden. Diesem Ziel sollte eine Neugründung dienen. Am 1 8. Juni 1 946 gründeten die»Zentrag«(die»Zentrale Druckerei-, Einkaufs- und Revisionsgesellschaft mbH, Berlin«, in der die Wirtschaftsbetriebe der SED zusammengefasst waren), der Schriftsteller Alfred Oelsner 3 und Richard Weimann, Berlin, den Verlag neu. Der notariellen Gründung sollte die handelsgerichtliche Eintragung folgen. Sie wurde aber durch das Amtsgericht Berlin am 2. Dezember 1 946 abgelehnt. Das Gericht beanstandete, dass der Name J. H. W. Dietz verwendet worden war, obwohl eine Person dieses Namens sich nicht unter den Gründern befand. Das gebot – und gebietet – aber§ 4 des GmbH-Gesetzes. 4 Kein neuer Dietz-Verlag ohne einen lebenden Namensträger als Mitgründer! Nun gab es einen Namensträger, der allerdings den Schönheitsfehler hatte, den Vornamen Karl und nicht Johann Heinrich Wilhelm zu haben. Karl Dietz war Geschäftsführer des 3 Günter Buch, Namen und Daten führender Persönlichkeiten der DDR, 4. überarb. Aufl., Bonn, J. H. W. Dietz Nachf. 1 987, S. 39 1 f. 4 Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv(SAPMO), Zentrales Parteiarchiv(ZPA), DY 30/IV 2/9. 1 3/ 1 ZK der SED. Dietz. Wiederauferstehung und Wiederaufstieg 80 Greifen-Verlages in Rudolstadt. Am 1 9. August 1 947 gründeten er und der letzte Geschäftsführer der alten Konzentration AG, Adolf Rupprecht, der als einziger aus der Leitung der Konzentration AG die Naziherrschaft überlebt hatte 5 , den Dietz Verlag GmbH, Berlin. Am 5. April 1 948 wurde der neue Verlag ohne Schwierigkeiten in das Handelsregister unter Nr. 2948/Nz(Neuzulassungen) beim Amtsgericht Berlin-Charlottenburg eingetragen. Der Bericht des Parteivorstandes der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands an den 2. Parteitag erschien schon mit der neuen Verlagsbezeichnung»Dietz Verlag Berlin«, allerdings benutzte er die traditionelle Dietz-Schlange als Signet(siehe hierzu den Beitrag von Rüdiger Zimmermann, S. 59–77). Das war zwar rechtens, weil nach dem Erlöschen der alten Firma dieses Symbol»frei« geworden war. Aber die Absicht der ganzen Operation, den neuen Verlag an den alten erinnern zu lassen, war nur allzu deutlich. 6 1 960 gab der Verlag auch die Verwendung der Dietz-Schlange auf. Als Verlagszeichen diente jetzt das Signet des ehemaligen KPD-Verlages»Neues Leben«: eine über der Weltkugel schwebende stilisierte rote Fahne. 7 Die Wiedergründung der SPD in den Westzonen verlief langsam und unter Schwierigkeiten. Für eine zentrale Leitung in Hannover gab es keine andere Grundlage als die persönliche Autorität des Widerstandskämpfers und langjährigen KZ-Insassen Kurt Schumacher, verbunden mit seinem unbändigen Willen zur Gestaltung des wieder freien Deutschland. Zunächst erhielt August Albrecht, ehemaliger Leiter des Arbeiterjugend-Verlages und von 1 930 bis 1 933 Geschäftsführer des»Bücherkreises« 8 , den Auftrag, den Verlag J. H. W. Dietz Nachf. wieder auf5 Zu Rupprecht siehe D. Brunner, a. a. O., S. 30. 6 Die Bezeichnung J. H. W. Dietz wurde also schon 1 947 und nicht erst 1 955 aufgegeben, wie in Brigitte Emig, Max Schwarz, Rüdiger Zimmermann, Literatur für eine neue Wirklichkeit. Bibliographie zur Geschichte des Verlags J. H. W. Dietz Nachf. 1 88 1 – 1 98 1 , Berlin, Bonn, J. H. W. Dietz Nachf. 1 98 1 , S. 28 und S. 33 irrtümlich mitgeteilt. 7 Zur Geschichte des Verlages Siegfried Lokatis, Dietz. Probleme der Ideologiewirtschaft im zentralen Parteiverlag der SED, in: Jansen, Christian, Lutz Niethammer und Bernd Weisbrod(Hg.), Von der Aufgabe der Freiheit. Festschrift für Hans Mommsen zum 5. November 1 995, Berlin 1 995, S. 533–548. 8 Zum Bücherkreis siehe Brigitte Emig, Max Schwarz, Rüdiger Zimmermann, a. a. O., S. 463–482. August Albrecht war nach 1 933 Inhaber eines Antiquariats in Berlin W 1 5, Kurfürstendamm 69. 81 J. H. W. Dietz von 1945 bis heute zubauen. 9 Die Schwierigkeiten waren riesig. Weder verfügte Albrecht über die notwendige Lizenz der Militärregierung noch gelang eine handelsrechtliche Eintragung. In Hannover ging man von der Auffassung aus, dass eine Neugründung nicht infrage komme, da nach der Beseitigung des nationalsozialistischen Unrechts der Verlag weiter bestehe. Rechtsanwalt Dr. Lucht stellte am 1 2. Dezember 1 947 denn auch beim Amtsgericht Berlin den Antrag, die am 24. August 1 934 erfolgte Löschung aufzuheben und die Firma wieder in das Handelsregister einzutragen. Der Antrag wurde gestützt auf Art. 83 USREG(US Rückerstattungsgesetz) bzw. Art. 72 REAO(Rückerstattungsanordnung) für Berlin. Mit Verfügung vom 8. Januar 1 948 ersuchte das Registergericht um Angaben über den Inhalt der durch Kriegseinwirkung vernichteten Registerakte sowie um Vorlage etwa noch vorhandener Urkunden. Diesem Ersuchen konnte Lucht mangels vorhandener Unterlagen nicht entsprechen. Immer wieder wandte sich der Notar mahnend an August Albrecht, der aber offenbar mit dieser Aufgabe überfordert war, obwohl Lucht auch schon damals auf den später beschrittenen Weg eidesstattlicher Erklärungen hinwies. Lucht versuchte, durch die verschiedensten Interventionen die Neu-Eintragung des Dietz Verlages der SED zu verhindern und beantragte die Aufschiebung der Entscheidung bis über seinen Antrag zur Aufhebung der Löschung des Verlages J. H. W. Dietz Nachf. GmbH. entschieden sei. Dem konnte nicht entsprochen werden, zumal Lucht die geforderten Unterlagen nicht beibringen konnte! Als schließlich im April 1 948 Fritz Heine, das zuständige Vorstandsmitglied der SPD für Werbung und Öffentlichkeitsarbeit, eingeschaltet wurde, war es zu spät. Am 2 1 . Juni 1 948 wurde in den Westzonen die Deutsche Mark als neue Währung eingeführt. Die SPD hatte ums schlichte finanzielle Überleben zu kämpfen. Die Dietz-Angelegenheit trat nun erst recht in den Hintergrund. Außerdem brauchte man einen rechtlich einwandfrei abgesicherten Verlag und konnte nicht auf den ungewissen Ausgang der Berliner Verhandlungen warten. So wurde der»Neue Vorwärts-Verlag« gegründet. Man sah ihn als Unternehmen an, das in der Tradition des Zentralverlags stand, wie das Jahrbuch der SPD 1 950/5 1 mitteilte. 10 9 Jahrbuch der SPD 1 946, Hannover 1 947, S. 42. 10 Jahrbuch der SPD 1 950/5 1 , Hannover 1 95 1 , S. 243. Immerhin bemühte sich die Konzentration GmbH, den alten Namen des J. H. W. Dietz Verlags nicht ganz in Vergessenheit geraten zu lassen. So wurde 1 948 eine Wiederauferstehung und Wiederaufstieg 82 Gustav Schmidt-Küster 1 952 kam neuer Schwung in die Sache. Gustav Schmidt-Küster wurde beauftragt, den Verlag endlich zu aktivieren. Schmidt-Küster schrieb damals an einen befreundeten Verleger:»Man hat mich auch beauftragt, Dietz wieder zum Leben zu erwecken. Wenn ich so viel Zeit hätte, wie ich nicht habe, wäre ich vielleicht schon so weit, dass die Firma nun endlich rechtlich und juristisch wieder auferstehen könnte. Leider ist mir das bisher noch nicht geglückt, nachdem die ganze Angelegenheit restlos verfahren ist.« 11 Fritz Heine schrieb in einem Aufsatz zum 60. Geburtstag von Schmidt-Küster zum Bemühen um den J. H. W. Dietz Verlag:»Die Aufgabe lag jahrelang brach. Niemand, offenbar, fand sich, sie anzufassen. Charakteristisch für Gustav Schmidt-Küster, dass er sie sich ohne Zögern auflud, wissend, wie schwer dieses zusätzliche Gepäck sein würde, wie unbequem und vielleicht sogar andere Arbeiten störend. Sie, aber nicht sich, zu übernehmen, hieß neue Belastung ohne Dank, neue Verantwortung ohne Deckung, neue Probleme ohne Helfer«. 12 Fritz Heine wusste, wovon er – rückschauend – sprach. Der leidenschaftliche Buchhändler und Verleger Schmidt-Küster ließ sich aber nicht entmutigen. Schmidt-Küster( 1 902– 1 988) war zunächst Lehrling, dann von 1 925 bis 1 933 Leiter der Volksbuchhandlung Pfannkuch& Co. in Magdeburg, der wahrscheinlich größten sozialdemokratischen Buchhandlung in Deutschland, gewesen. Von 1 935 bis 1 945 arbeitete er als selbständiger Buchhändler in Magdeburg. Sein Geschäft, die Mittelelbe-Buchhandlung, war in dieser Zeit heimlicher Treffpunkt vieler Magdeburger Sozialdemokraten. Schmidt-Küster konnte nach 1 945 seine Buchhandlung mit tatkräftiger Unterstützung seiner Frau weiVeröffentlichung des Münchner Verlags»Das Volk«»in Gemeinschaft mit J. H. W. Dietz Nachf.« herausgegeben. 1 949, also nach der Währungsreform, übernahm man die alten Bestände des»Bollwerk-Verlages« für den»in Gründung befindlichen Verlag J. H. W. Dietz«. Rechtliche Bedeutung hatte dies freilich nicht. Allerdings waren für diesen Kauf und zur Entschuldung des Bollwerk-Verlages 1 7.500 DM aufgewendet worden, die noch manche Jahre die Bilanzen der Konzentration, des Neuen Vorwärts Verlages und schließlich des J. H. W. Dietz Verlages belasteten. Verkäuflich waren die vor der Währungsreform gedruckten Broschüren nicht. Man musste sie später abschreiben und makulieren. 11 Gustav Schmidt-Küster an Karl Drott, Brief vom 22. Oktober 1 952, AdsD, NL Karl Drott, Mappe 62. 12 Fritz Heine, Randbemerkungen, in: Gustav Schmidt-Küster zum 60. Geburtstag, Hannover 1 962, S. 1 3. Hervorhebungen durch den Autor. 83 J. H. W. Dietz von 1945 bis heute terführen, wurde Bezirksvorsitzender der SPD in Magdeburg, war dort auch für den Buchvertrieb verantwortlich. Er musste seine Heimat als entschiedener Gegner der Vereinigung von SPD und KPD schon 1 947 verlassen. Nach Verhaftung und vier Monaten Untersuchungshaft wurde er aufgrund des Pressegesetzes von 1 87 1 (!) am 23. Juli 1 947 zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, weil er in seiner Buchhandlung die westdeutsche Zeitung»Der Ruf«, die eine Karikatur Stalins enthielt, vertrieben hatte. 13 Schmidt-Küster hatte von dieser Karikatur keine Kenntnis gehabt. Die Strafe galt als durch die Untersuchungshaft verbüßt. Zu einer mündlichen Verhandlung kam es nicht. 14 Gustav Schmidt-Küster flüchtete nach Hannover, da er aufgrund interner Informationen mit einer erneuten Verhaftung durch die sowjetische Besatzungsmacht, die schon die erste Verhaftungsaktion ausgelöst hatte, rechnen musste. 15 Wie verfahren die Situation um den Dietz-Verlag war, schilderte der junge Hamburger Anwalt Ernst Heinsen am 11 . Mai 1 954 in einem Brief an Gustav Schmidt-Küster 16 : » 1. Ihr Versuch, in Hannover die Firma J. H. W. Dietz Nachf. SchmidtKüster GmbH eintragen zu lassen, verspricht keine Aussicht auf Erfolg. Nach§ 4 GmbH Gesetz darf eine Personenfirma nur die Namen eines oder mehrerer Gründer, niemals aber die Namen eines Nicht-Gesellschafters enthalten. Aus dem gleichen Grunde ist damals schon der erste Versuch der SED in Berlin durch 3 Instanzen hindurch bis zum Kammergericht zurückgewiesen worden. 2. Auch die Sitzverlegung von Ostberlin nach Hannover dürfte nicht möglich sein, da eine Sitzverlegung immer das Bestehen einer Gesellschaft in Ost-Berlin voraussetzt. Das ist aber nicht der Fall, da die alte Gesellschaft im Handelsregister gelöscht ist und daher keine Gesellschaft mehr besteht, wenn man einmal von der zweiten SED-Gründung Dietz 13 Gustav Schmidt-Küster, Darstellung über Geschichte und Verlagsrechte des Verlages J. H. W. Dietz Nachf. GmbH, Hannover 1 2. 9. 1 974, S. 3, Archiv des Verlages J. H. W. Dietz Nachf. GmbH, Bonn. Dieser Text ist als ein Rechenschaftsbericht und Vermächtnis von Schmidt-Küster zu verstehen. 14 Zur Tätigkeit von Schmidt-Küster in Magdeburg siehe auch Ernst Thape in: Gustav Schmidt-Küster zum 60. Geburtstag, a. a. O., S. 53–65. Ferner AdsD, NL Gustav Schmidt-Küster, Mappe 53, zur späteren Zeit D. Brunner, a. a. O., S. 6 1 . 15 Erst jetzt fügte er seinem Namen Schmidt den Namen seiner Mutter hinzu. 16 AdsD, Akte Dietz III. Wiederauferstehung und Wiederaufstieg 84 Verlag GmbH absieht. Bei dieser Gesellschaft handelt es sich aber um eine völlige Neugründung unter Benutzung eines Gesellschafters mit Namen Dietz, der mit der alten Gesellschaft in keinerlei Zusammenhang steht. 3. Die einzige Möglichkeit, den alten Firmennamen wieder zu benutzen, erblicken wir darin, daß die gelöschte Gesellschaft im Handelsregister wieder eingetragen und die Liquidation fortgesetzt wird. Zur Begründung kann man sich sowohl auf das RE-Gesetz als auch auf das Löschungsgesetz stützen und ausführen, daß die Gesellschaft Rückerstattungsansprüche, insbesondere auf die Verlagsrechte, und daher noch Vermögen besitze, so daß die Liquidation noch nicht beendet sei. Formell kann man sich auf den entsprechenden Antrag von Herrn Dr. Lucht stützen, der von diesem seinerzeit nicht weiter betrieben worden ist, da er die vom Handelsregister angeforderten Unterlagen zur Rekonstruierung der nicht mehr vorhandenen Handelsregisterakten nicht beschaffen konnte. Durch diesen Antrag ist aber jedenfalls die Frist des RE-Gesetzes, die ja inzwischen abgelaufen ist, gewahrt; für die Wiedereintragung auf Grund des Löschungsgesetzes bedarf es im übrigen keiner Frist. Um diese Wiedereintragung zu erreichen, wird man aber nunmehr der Bitte des Handelsregisters, den vernichteten Akteninhalt zu rekonstruieren, nachkommen müssen. Der einzige Weg dafür ist die Vorlage eidesstattlicher Versicherungen, etwa der Herren Ollenhauer, Nau und Storbeck 17 , über die wesentlichen noch bekannten Tatsachen. Den Entwurf einer derartigen eidesstattlichen Versicherung fügen wir bei; gleichzeitig wird Herr Nau eine Abschrift erhalten.« Die Verlagsbuchhandlung Schmidt-Küster GmbH, Hannover konnte schließlich aufgrund des von Heinsen empfohlenen Vorgehens nach Namensänderung und Sitzverlegung als»Verlag nach J. H. W. Dietz GmbH« unter Neuzulassungen Ende 1 955 ins Handelsregister Berlin eingetragen werden(HRB 8842/Nz.). Zum Geschäftsführer wurde Gustav Schmidt-Küster bestellt. 18 Mit dem»Neuen Vorwärts-Verlag« in Bonn wurde Mitte 1 956 eine Organschaft vereinbart. Obwohl die17 Erich Ollenhauer, damals Vorsitzender der SPD, Alfred Nau, damals Kassierer der SPD, Carl Storbeck, damals Geschäftsführer der neu gegründeten Konzentration GmbH. 18 AdsD, Akte Dietz III, Aktennotiz Schmidt-Küster vom 1 3. 7. 55, Schreiben Dr. Lucht vom 6. 1 2. 55, Bekanntmachung in der Berliner Zeitung »Der Tag« vom 3. 1 2. 1 955 und im Bundesanzeiger vom 1 0. 1 2. 1 955. 85 J. H. W. Dietz von 1945 bis heute se praktisch ein Beherrschungsvertrag war, konnte Gustav SchmidtKüster in Hannover solange frei walten, wie er keine finanziellen Mittel des»beherrschenden Unternehmens« in Anspruch nahm. Langsam ging es weiter. Am 1 4. Oktober 1 957 kam es zu einem Teilvergleich zwischen dem ehemaligen Land Preußen, vertreten durch den Bundesminister der Finanzen, und der SPD, der Konzentration GmbH und dem»Verlag nach J. H. W. Dietz, Hannover«. Die Entziehung der Verlagsrechte des Verlags J. H. W. Dietz Nachf. wurde rückgängig gemacht. Zu einer endgültigen Regelung der Entschädigungssache kam es 1 959 durch Vergleich zwischen dem Land Berlin und dem Vorstand der SPD, aus dem Dietz 1 50.000 DM erhielt. Am 29. Mai 1 96 1 wurde der»Verlag J. H. W. Dietz Nachf. GmbH« wieder in das Berliner Handelsregister eingetragen. Das»Kapital« setzte sich einerseits aus dem Grundkapital des ehemaligen Verlages nach J. H. W. Dietz von 20.000 DM und andererseits aus 1 .000 DM als Gegenwert für die alten Verlagsrechte zusammen(zunächst von der Konzentration gehalten). 1 959 hatte Gustav Schmidt-Küster auf einer Gesellschafterversammlung des Verlages nach J. H. W. Dietz GmbH eine nüchterne Zwischenbilanz gezogen.»Ohne Gewährung finanzieller Mittel konnte dem Dietz-Verlag bisher kein pulsierendes Leben eingehaucht werden.«»Wir haben keine eigentliche Konzeption für den Verlag.« »Wir[haben] keinen Durchbruch und keine größere Wirksamkeit erreicht.« 19 Von 1 959 bis 1 973 entfaltete der Verlag dann aber Dank der Finanzspritze durch die Entschädigungszahlung eine rege Tätigkeit. Friedrich Stampfer wirkte zeitweise als freier Lektor mit. Über 80 Titel wurden herausgebracht. Unter diesen waren Heinrich Deists»Wirtschaft von morgen«, zwei Auflagen, Waldemar von Knoeringens»Die Zukunft meistern«, drei Auflagen, und zahlreiche Kongress-Dokumentationen der SPD. Noch heute als grundlegende Werke gelten Osterroths»Biographisches Lexikon des Sozialismus« und die drei Bände von Julius Braunthal zur»Geschichte der Internationale«, die 1 978 in der wiederbelebten»Internationalen Bibliothek« in zweiter Auflage erscheinen konnten. 1 960 und 1 96 1 veröffentlichte der Verlag einen Kommentar zum Godesberger Programm von Fritz Sänger und 1 963 die reich bebilderte Festschrift» 1 863– 1 963. Hundert Jahre deutsche Sozialdemokratie« herausgegeben von Georg Eckert(zwei Auflagen). In diesem Jahr konnte Gustav Schmidt-Küster auch Erich 19 Archiv des Verlags J. H. W. Dietz Nachf. GmbH, Bonn. Wiederauferstehung und Wiederaufstieg 86 Ollenhauer zu einem Beitrag für eine Festschrift zum 1 20. Geburtstag von J. H. W. Dietz gewinnen und Alexander Blase den ersten Versuch einer Bibliographie des Verlages vorlegen. Auf dieser Arbeit konnten dann 1 98 1 Brigitte Emig, Max Schwarz und Rüdiger Zimmermann aufbauen, als sie ihre grundlegende Verlagsbibliographie vorlegten. 1 964 begann der Verlag auf seine alten Verlagsrechte zurückzugreifen und in elf Bänden»Sozialistische Klassiker in Neudrucken« zu veröffentlichen. Bernstein, Engels, Kautsky, Lissagaray und Marx wurden wieder aufgelegt. Gemeinschaftsproduktionen des Verlages J. H. W. Dietz kamen mit dem Herder-Verlag in Freiburg und mit dem Ullstein-Verlag in Berlin zustande. Die Gestaltung eines attraktiven Verlagsprogramms war nicht leicht. Prominente Autoren waren wenig geneigt, dem neuen Verlag mit dem alten Namen, der noch dazu im Ruch eines»Parteiverlages« stand, ihre Arbeiten anzuvertrauen. Gustav Schmidt-Küster berichtete von Schwierigkeiten mit Walter Fabian, Erich Matthias und Fritz Erler. 20 Er konstatierte, ohne anzuklagen, dass Carlo Schmid bei Klett, Helmut Schmidt bei Seewald, Friedrich Stampfer bei Kiepenheuer& Witsch und Willy Brandt bei Kindler veröffentlichten. 21 Schließlich bleibt festzustellen, dass Schmidt-Küsters relative Unabhängigkeit auch ihre Kehrseite hatte. Eine systematische und kontinuierliche Unterstützung durch die SPD gab es nicht. So musste denn auch Anfang der 70er Jahre die Verlagsarbeit praktisch eingestellt werden. 22 Gustav Schmidt-Küster ging am 30. Juni 1 97 1 in den Ruhestand, er starb, 86 Jahre alt, 1 988 in Hannover. Gustav Schmidt-Küster war auch der Motor der»Gruppe sozialistischer Verleger, Buchhändler und Bibliothekare«. In der Weimarer Zeit hatten ihr hauptsächlich die»Parteibuchhandlungen« und »Parteiverlage« angehört. Nach dem zweiten Weltkrieg bildeten die Verlage und Buchhandlungen aus den Konzentrationsbetrieben zwar noch den Kern, es kamen aber private Unternehmen hinzu, die den 20 Gustav Schmidt-Küster, Darstellung über Geschichte und Verlagsrechte des Verlages J. H. W. Dietz Nachf. GmbH, Hannover 1 2. 9. 1 974, S. 8, Archiv des Verlages J. H. W. Dietz Nachf. GmbH, Bonn. 21 Gustav Schmidt-Küster, Probleme des Verlages J. H. W. Dietz Nachf. GmbH, Berlin, Hannover vom 1 6. 3. 1 962. Archiv des Verlags J. H. W. Dietz Nachf. GmbH, Bonn. 22 1 970 ein Titel, 1 97 1 zwei Titel, 1 972 kein Titel. Zur Entwicklung in der»Hannoverschen Presse« Danker, Oddey, Roth, Schwabe, a. a. O., S. 1 86– 1 90. 87 J. H. W. Dietz von 1945 bis heute Ideen des demokratischen Sozialismus verbunden waren.»Bücher von heute sind die Taten von morgen« war das etwas pathetisch klingende, aber zutreffende Motto der Gruppe. 23 1 97 1 wurde die Gruppe als Arbeitsgemeinschaft in die Friedrich-Ebert-Stiftung integriert. Noch heute wird der Preis»Das politische Buch« von der Stiftung in der Tradition dieser Gruppe jeweils am Jahrestag der Bücherverbrennung vergeben. 1 973: Von Hannover nach Bonn: Geschichte und Theoriediskussion Im November 1 973 wurde der Verlag vom Verlag Neue Gesellschaft GmbH, Bonn, der sich im Besitz der Friedrich-Ebert-Stiftung befand 24 , käuflich erworben. Unter der Verlagsleitung von Peter Marold, der mit aus Hannover gekommen war, und dem Lektorat von Georg Lührs, der vorher im Sekretariat des sozialdemokratischen »Langzeitprogramms« gearbeitet hatte, begann eine neue Zeit. Die 1 923 abgebrochene»Internationale Bibliothek« wurde mit Bd. 69 »Programmatische Dokumente der deutschen Sozialdemokratie« fortgeführt. 25 Auch alte Bände der Reihe wurden wieder aufgelegt, so Karl Kautskys»Ethik und materialistische Geschichtsauffassung« (erste Auflage 1 906) oder sein»Thomas Morus und seine Utopie« ( 1 . Auflage 1 888 als Band 5 der»Internationalen Bibliothek«). Die 23 Schmidt-Küster, Gustav(Hg.), 1 947– 1 97 1 Bücher von heute sind die Taten von morgen, Hannover 1 972. 24 Die Zeitschrift»Die neue Gesellschaft« wurde 1 954 gegründet. Das erste Heft erschien im Juli 1 954 im Verlag Neue Gesellschaft in Bielefeld. Der Verlag war eine Tochtergesellschaft der»Presse Druck GmbH, Bielefeld« und verlegte bis 1 97 1 ausschließlich die Zeitschrift. Die Friedrich-Ebert-Stiftung übernahm den Verlag am 5. Dezember 1 968. Der Sitz des Verlages wurde nach Bonn-Bad Godesberg verlegt. Ab 1 972 übernahm der Verlag das gesamte Veröffentlichungsprogramm der FriedrichEbert-Stiftung, das bis dahin vom»Verlag für Literatur und Zeitgeschehen GmbH« in Hannover betreut wurde. Ab Heft 8/ 1 972 wurde auch die Zeitschrift»Die neue Gesellschaft«»für die Friedrich-Ebert-Stiftung« herausgegeben. AdsD, Registraturen der Friedrich-Ebert-Stiftung, Die neue Gesellschaft vom 1 . 1 . 1 968 bis 3 1 . 1 2. 1 970 und vom 1 . 1 . 1 97 1 bis 3 1 . 7. 1 975. Dazu auch Peter Brandt, Jörg Schumacher, Götz Schwarzrock und Klaus Sühl, Karrieren eines Außenseiters. Leo Bauer zwischen Kommunismus und Sozialdemokratie 1 9 1 2 bis 1 972, Berlin, Bonn, J. H. W. Dietz Nachf. 1 983, S. 24 1 –25 1 . 25 Die vierte Auflage dieser Sammlung erschien 2004, allerdings außerhalb der inzwischen wieder eingestellten»Internationalen Bibliothek«. Wiederauferstehung und Wiederaufstieg 88 Reihe gewann aber vor allem Gewicht durch die von Georg Lührs herausgegebenen und angeregten Bände zur damals so genannten »Theoriediskussion«. Die Bände I und II wurden mit einem Vorwort des damaligen Vorsitzenden der Friedrich-Ebert-Stiftung, Heinz Kühn, eingeleitet und mussten bereits 1 974 neu aufgelegt werden. Auf den frühen Beginn solcher Gedankengänge verwiesen»Drei Schriften aus dem Exil« herausgegeben von Kurt Klotzbach mit der Wiederveröffentlichung von Miles,»Neu beginnen!«, Otto Bauer,»Die illegale Partei«, und Curt Geyer,»Die Partei der Freiheit«. Einen Höhepunkt erreichte die Diskussion 1 975 mit den Schriften»Kritischer Sozialismus und Sozialdemokratie« in zwei von Georg Lührs, Thilo Sarrazin, Frithjof Spreer und Manfred Tietzel herausgegeben Bänden. 26 Für den Start des Verlages quasi aus dem Nichts war das eine ungewöhnliche Chance. Bundeskanzler Helmut Schmidt verfolgte die Veröffentlichungen und die von ihnen ausgelösten Diskussionen mit großer Aufmerksamkeit und nahm auch persönliche Beziehungen zu dem großen Anstifter des»Kritischen Rationalismus«, Karl Popper, in London auf. Zu»Kritischer Rationalismus und Sozialdemokratie« hatte der Bundeskanzler ein Vorwort geschrieben. Peter Glotz griff das Thema in seinem Buch»Der Weg der Sozialdemokratie« auf. 27 In der CDU interessierten sich vor allem Warnfried Dettling 28 und Christoph Böhr 29 , der damals noch Student an der Universität Trier war, für das Thema. Der kürzlich verstorbene Professor für Politische Wissenschaft an der Universität Erfurt, Arno Waschkuhn, veröffentlichte 1 999 ein»Lehr- und Handbuch der Politikwissenschaft« zum 26 Ausführliche Besprechungen erschienen im Spiegel, in der Zeit, in der Süddeutschen Zeitung, der Stuttgarter Zeitung, im Parlament und der FAZ. Kritik von linker sozialdemokratischer und kommunistischer Seite veröffentlichten u. a. die Sozialistische Korrespondenz, Die Zeit(Heidi Wieczorek-Zeul), die Blätter für deutsche und internationale Politik, das Organ des Zentralrates der FDJ Forum, die Weltbühne und die Humanité. Eine italienische Übersetzung und eine japanische(Teil)-Übersetzung sorgten für internationale Verbreitung. 27 Glotz, Peter, Der Weg der Sozialdemokratie, Wien 1 975, S. 65–70. 28 Dettling, Warnfried, Der kritische Rationalismus und die Programmatik der CDU, in: Wulf Schönbohm(Hg.), Zur Programmatik der CDU, Bonn 1 974, S. 79– 1 08; Ders., Friedliche Koexistenz, in: Sonde 2. 8, 1 975, S. 36–50. 29 Böhr, Christoph, SPD: Neuorientierung an Kant und Popper?, in: Sonde 1 .9, 1 976, S. 1 7–3 1 ; Ders., Zur politischen Philosophie des Kritischen Rationalismus, in: aus politik und zeitgeschichte, beilage zur wochenzeitung das parlament, vom 3. September 1 977, S. 1 5–32. 89 J. H. W. Dietz von 1945 bis heute Thema»Kritischer Rationalismus«. Er gab einer ausführlichen Schilderung der durch die Bücher des Dietz-Verlages ausgelösten Diskussion die Überschrift»Kritischer Rationalismus und Sozialdemokratie – eine leidenschaftliche, aber nur kurze Affäre«. 30 Dass der Verlag das anhaltende Interesse vor allem der akademischen Öffentlichkeit an der Geschichte des Sozialismus und der Sozialdemokratie zu nutzen verstand, zeigt das gemeinsame Reprint Programm mit dem Verlag Auvermann, Glashütten im Taunus. 1 973 und 1 974 kamen so die Parteitagsprotokolle der SPD von 1 9 1 6 bis 1 93 1 sowie 1 976 die Protokolle von 1 946 bis 1 948 wieder heraus. Das Jahrbuch der SPD 1 926 bis 1 93 1 wurde in Zusammenarbeit mit Kraus Reprints ebenfalls 1 976 veröffentlicht. Schließlich wurde 1 977 das ganze bisherige Socialistica Reprint-Programm des Verlages Auvermannn übernommen, darunter alle 4 1 Jahrgänge der»Neuen Zeit«, sämtliche zehn Jahrgänge der»Gesellschaft« und schließlich die drei Jahrgänge der im Exil herausgegeben»Zeitschrift für Sozialismus«. Auch die 1 3 Bände der ersten historisch-kritischen Ausgabe der Werke von Karl Marx und Friedrich Engels, herausgegeben von D. Rjasanov und V. Adoratskij, fanden bei Dietz ein Asyl. Der Legende, es habe sich hierbei um ein gutes Geschäft gehandelt 31 , muss jedoch entgegen getreten werden. Es ging vor allem darum, den Verlag Auvermann finanziell zu entlasten und das weitere Angebot für diese Werke im Buchhandel zu sichern. Ab 1 977 wurden die»Reprints zur Sozialgeschichte«, herausgegeben von Dieter Dowe, in eigener Regie fortgeführt. Inzwischen sind zwar einzelne Bände wie etwa der von Moses Hess herausgegebene»Gesellschaftsspiegel« vergriffen, andere aber, wie die»Neue Rheinische Zeitung« immer noch»am Lager«. 32 Erwähnt sei, dass 1 976 die Biographie Fritz Erlers von Hartmut Soell als Band 1 00 der»Internationalen Bibliothek« erschien. 1 977 begann der Verlag auch mit einer Serie von populären historischen Texten wie z. B. den bekannten und zu ihrer Zeit berühmten Memoiren von Adelheid Popp»Jugend einer Arbeiterin« und der»Roten Feldpost« von Joseph Belli, fortgesetzt mit Ottilie Baaders»Ein steiniger Weg« und dem Bericht von Georg Fischer»Vom aufrechten Gang eines Sozialisten«. 30 Waschkuhn, Arno, Kritischer Rationalismus, München 1 999, S. 1 9 1 – 2 1 0. 31 So bei Uwe Drescher, Markus Oddey, Daniel Roth, Astrid Schwabe, a. a. O., S. 29. 32 Dass sich diese Neudrucke als ausgesprochene Longseller erweisen würden, war vorauszusehen. 2005 waren noch 33 Titel zu haben. Wiederauferstehung und Wiederaufstieg 90 1 978: Neue Leitung, neues Programm Als Georg Lührs, der für den Kurs des Verlages maßgebende Lektor, am 1 . Mai 1 978 in das Büro des Bundesministers für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Rainer Offergeld, wechselte, wurde Dr. Heiner Lindner Verlagsleiter des»Verlages J. H. W. Dietz Nachf.« und des »Verlages Neue Gesellschaft«, ab 5. Juni 1 984 auch deren Geschäftsführer. Die Verlagsauslieferung wurde professionalisiert, ein funktionierendes Vertreternetz geschaffen. Durch persönliche Kontakte konnte erreicht werden, dass die überregionalen Zeitungen den Verlag nicht nur zur Kenntnis nahmen, sondern – bis heute – sehr gut behandelten. Von 1 973 bis 1 98 1 beim 1 00jährigen Bestehen des Verlages, zählt die Bibliographie von Emig, Schwarz und Zimmermann 1 86 Titel, deren Mehrzahl im Bereich der Parteigeschichte und der theoretischen Diskussionen über die Grundlagen des demokratischen Sozialismus angesiedelt war. Eine vorsichtige Erweiterung des Programms begann 1 978. Die Mehrzahl der aktuellen und populären Titel wie auch die wissenschaftlichen Veröffentlichungen der Friedrich-Ebert-Stiftung erschienen aber weiter im»Verlag Neue Gesellschaft«. Die Festveranstaltung zum 1 00jährigen Bestehen des Verlages im Jahre 1 98 1 wurde besonders durch eine Rede Willy Brandts ausgezeichnet. Er bestätigte, dass der Dietz-Verlag wieder einen führenden Platz unter den Verlagen einnehme, die dem Sozialismus verbunden seien, und vergaß nicht, auf die Herkunft von Heinrich Dietz aus Lübeck hinzuweisen. Er begrüßte, dass der Verlag dabei sei, neue politische, literarische und kulturelle Horizonte zu entdecken. 33 In der Tat: Wenn der Verlag seine Stellung am Buchmarkt der Bundesrepublik behaupten und ausbauen wollte, war eine weitere Öffnung des Programms unerlässlich. 34 Verlagsleiter Lindner konnte mit Stolz auf steigende Umsätze mit dem Sortiment hinweisen. Man bemühe sich, trotz der Orientierung an der Kostendeckung um akzeptable Ladenpreise, aber wirtschaftliche und politische Ziele müssten gleichermaßen beachtet werden. 33 Willy Brandt, Günther Christiansen, Iring Fetscher, Horst Heidermann, Heiner Lindner, Alfred Nau, 1 00 Jahre Verlag J. H. W. Dietz Nachf. 1 88 1 – 1 98 1 , Bonn, J. H. W. Dietz Nachf. 1 98 1 . 34 Siehe dazu auch»Ein Parteiverlag sind wir nicht. Der Verlag J. H. W. Dietz feierte am 3. 11 . 1 00jähriges Bestehen«.[Interview von Gabriele Krämer-Pein mit dem Verlagsleiter Heiner Lindner], in: Börsenblatt, Nr. 3 1 , 1 98 1 , S. 286 1 f. 91 J. H. W. Dietz von 1945 bis heute Mehrere Lektoren und Lektorinnen erwarben sich vor allem bei der Erweiterung des Programms Verdienste. Es waren Klaus Kamberger, Charles Schüddekopf, Martin Rethmeier, Christine Buchheit und Dorothea Wahl. Der Verlagsleiter übernahm ab 1 990 zunehmend auch die Lektorenfunktion. Unterstützt wurde er bei den historischen Titeln von Prof. Dr. Dieter Dowe und Prof. Dr. Michael Schneider. Eine Serie von Text-Bildbänden fand besondere Beachtung, darunter vor allem die auch als Film und Theaterstück umgesetzte Publikation von Christoph Schminck-Gustavus»Das Heimweh des Walerjan Wrobel«. 1 982 wurde diese Serie mit dem eindrucksvollen und erfolgreichen Buch»Gramp. Ein Mann altert und stirbt« von Dan und Jury Mark fortgesetzt. 35 Auch die Geschichte der Arbeiterbewegung wurde in Bildbänden, zum Beispiel über die satirische Zeitschrift»Der süddeutsche Postillon«, leserfreundlich und auch geschenkgeeignet angeboten. In der gleichen Konzeption entstand ein Bildband»Zum Lichte empor« mit Maifestschriften der Sozialdemokratie 1 89 1 bis 1 9 1 4. 1 994 wurde die erfolgreiche Reihe mit»Der wahre Jacob. Ein halbes Jahrhundert in Faksimiles« fortgesetzt. Der Verlag entwickelte in Zusammenarbeit mit einem englischen Verlag eine Reihe von populären Spezial-Atlanten wie den»Öko-Atlas«, den»Weltatlas der Religionen«, den»Welt-Gesundheitsatlas« und den »Politischen Atlas Deutschland«(2. Auflage 1 998, insgesamt 42.000 Exemplare). Der Öko-Atlas und der politische Atlas konnten, nach den Kriterien des Verlages, als»Bestseller« bezeichnet werden. Generell auf längerfristiges Interesse angelegt waren die Lern- und Arbeitsbücher. Das Werk»Lern- und Arbeitsbuch Ökonomie« erreichte in mehreren Auflagen 1 998 beachtliche 72.000 Stück Druckauflage. 1 998 erschien das»Lern- und Arbeitsbuch Frauen, Männer und die Politik« von Beate Hoecker. Die Reihe»Dietz Taschenbücher« wurde 1 980 mit Axel Eggebrechts»Volk ans Gewehr« eröffnet. Mit»Widerstand und Verweigerung in Deutschland« von Richard Löwenthal und Patrik von zur Mühlen wurde 1 984 ein weiterer Glanzpunkt gesetzt(Neuauflage 1 997). Christoph Schminck-Gustavus berichtete schon 1 995 über den Prozess gegen Dietrich Bonhoeffer und die Freilassung seiner Mörder. Rosa Luxemburgs»Briefe aus dem Gefängnis« waren in den ersten Auflagen erfolgreich. Das Verlagsprogramm jener Jahre ist ein Spiegelbild der wichtigen öffentlichen Themen, die die Politik, aber auch die»sozialen Bewe35 4. Auflage 1 99 1 . Wiederauferstehung und Wiederaufstieg 92 gungen« der damaligen Zeit auf die Tagesordnung setzten. Weltweit war seit Ende der sechziger Jahre – auch als Konsequenz der Entkolonialisierung zu Beginn der Dekade und der Anti-VietnamkriegBewegung – die»Dritte Welt« als wichtiger Akteur entdeckt worden. Viele Argumente der heutigen Debatte über»Globalisierung« wurden bereits damals entwickelt: Die Diskussionen reichten von der»Neuen Weltinformationsordnung« über die UCTAD und die Fragen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung der gerade in die Unabhängigkeit entlassenen»jungen« Ländern vor allem in Afrika bis hin zu den Perspektiven der Revolutionen(Kuba, Vietnam) oder dem Widerstand gegen Diktaturen etwa in Ländern Lateinamerikas. Sie fanden in zahlreichen Publikationen ihren Niederschlag. Der DietzVerlag unter Heiner Lindner wurde in diesen Debatten zu einem wichtigen Referenzpunkt, weil hier das Thema»Dritte Welt« konsequent ausgebaut worden war und auch dann weiter verfolgt wurde, als es in der allgemeinen Öffentlichkeit trotz weiter bestehender politischer Bedeutung an Interesse verlor. Das»Lern- und Arbeitsbuch Entwicklungspolitik« von Franz Nuscheler erreichte eine verkaufte Auflage von über 1 30.000 Exemplaren und gehört bis heute zu den meistverkauften Büchern des Verlages. Auch das aufwändige und risikoreiche Unternehmen eines achtbändigen»Handbuchs der Dritten Welt« wurde zum Erfolg. Die vom Verlag in eigener Verantwortung herausgegebenen Bände werden durch die Reihe EINE WELT, herausgegebenen von der»Stiftung Entwicklung und Frieden« wirkungsvoll ergänzt. So war und blieb der Dietz-Verlag einer der führenden Verlage zum Thema Dritte Welt. Einen weiteren Schwerpunkt setzte der Verlag mit seinen Veröffentlichungen zur»Oral History«. Dietz gehörte auch hier zu den Wegbereitern einer die wissenschaftlichen Debatten der Zeit prägenden Diskussion. Die drei Bände von Lutz Niethammer und Alexander von Plato über»Lebensgeschichte und Sozialkultur im Ruhrgebiet 1 930– 1 960« wurden in der Fachwelt und der Öffentlichkeit positiv aufgenommen. Der Band»Die Menschen machen ihre Geschichte nicht aus freien Stücken, aber sie machen sie selbst«, herausgegeben von Lutz Niethammer, Bodo Hombach, Tilman Fichter und Ulrich Borsdorf gehörte zwar nicht zur Oral-History des Ruhrgebietes, war ihr aber durch die Personen und den Raum Nordrhein-Westfalen verbunden. Er wurde ein großer Erfolg(45.000 verkaufte Auflage) und sein Titel war gewissermaßen ein Programmsatz dieser neuen Schule historischer und zeitgenössischer Wirklichkeitswahrnehmung. 93 J. H. W. Dietz von 1945 bis heute Auch die Frauenfrage wurde historisch und aktuell aufgegriffen. Die moderne Frauenbewegung in der Bundesrepublik, unter anderem symbolisiert im Auftritt junger barbusiger Studentinnen auf einem SDS-Bundeskongress oder in der Kampagne gegen den§ 2 1 8, die die Illustrierte»Stern« eingeleitet hatte, fand im Dietz-Verlag einen aktiven Mitstreiter; denn Dietz beanspruchte mit Recht mehr als ein Verlag zu sein, der mit seinen Titeln lediglich auf den Trend reagiert. Der Anspruch, mitzugestalten, mit anzuregen, öffentliche Debatten zu befördern, durch Information, Wissen und Meinungsbildung gesellschaftliche Praxis zu begleiten, drückte sich in diesem engagierten Programm aus. August Bebels»Die Frau und der Sozialismus« kam mit einem Vorwort von Eduard Bernstein im Neusatz, d. h. auch für jüngere Leser geeignet, heraus. Lily Brauns Klassiker »Die Frauenfrage« erschien 1 979 und Rosa Luxemburgs»Briefe aus dem Gefängnis« in 4. Auflage 1 996. Beide Werke waren allerdings 2005 noch zu haben, ohne dass ein weiterer Nachdruck erforderlich wurde. Die Luxemburg-Biographie von Elisabeth Ettinger wurde 7.000 Mal verkauft, auch wenn der Verlag sich noch mehr erhofft haben mag. Das»Lexikon der 1 000 Frauen« erreichte diese Verkaufszahlen nicht, was freilich auch an der wenig glücklichen Anlage dieses Werkes lag. Dagegen erreichte die Autobiographie des Dienstmädchens Sophia Lemitz herausgegeben von GunillaFrederike Budde als»Dietz-Taschenbuch« in zwei Auflagen über 1 0.000 Exemplare. Der immer wieder aufgelegte Öko-Atlas war die SchwerpunktPublikation zum Thema Umweltschutz, der zusätzlich in zahlreichen Einzelveröffentlichungen im nationalen und im internationalen Rahmen angesprochen wurde. Das»Lern- und Arbeitsbuch Umweltpolitik« von Martin Jänicke u. a. erschien 1 999 in 1 . Auflage und 2003 in 2. Auflage. Einige weitere Themen, die im aktuellen Verlagsprogramm eine überdurchschnittliche und kontinuierliche Rolle spielten, seien noch genannt: Fremdarbeiter und»Ausländereinsatz« im Dritten Reich, Probleme der Ausländerintegration heute, Gewerkschaften und Betriebsräte, Aufbruch und Umbruch in der DDR, Energieversorgung ohne Atomkraft, Jugendkultur und Jugendkriminalität, Rechtsradikalismus, Israel und die Palästinenser, die Globalisierung und ihre Folgen, die Zerbrechlichkeit des Friedens und die Notwendigkeit von Friedensprozessen und Friedensoperationen, die internationale Politik der USA. Kurz: Es gab fast kein aktuelles politisches Thema, das der Verlag nicht aufgriff. Wenn Alexander Behrens formuliert, dass Wiederauferstehung und Wiederaufstieg 94 das Programm des Dietz-Verlages aus diesen Jahren als das Debattengedächtnis der Bonner Republik bezeichnet werden kann, so hatte er damit – vor allem nach der Vereinigung mit dem Verlag»Neue Gesellschaft« – sicher Recht. Ein solches aktualitätsbezogenes Programm war aber nicht ohne Risiken. Die Schnelllebigkeit der politischen Debatten brachte es mit sich, dass Bücher»zu früh« oder auch »zu spät« veröffentlicht wurden, was an der Bedeutung des Themas nichts änderte, aber dem Absatz nicht förderlich war. Der Verlag trug auch spezifische Lasten. Dazu gehörte die mit Gerhard A. Ritter, Heinrich August Winkler, Klaus Tenfelde, Jürgen Kocka und Michael Schneider erfolgreich gestartete, aber bis heute unvollendete»Geschichte der Arbeiter und der Arbeiterbewegung in Deutschland seit dem Ende des 1 8. Jahrhunderts«, von der 6 Bände erscheinen konnten, weitaus mehr aber noch auf sich warten lassen. Die mit großen Hoffnungen gestartete neue»Internationale Bibliothek« musste mit dem Band 1 30 nun zum zweiten Mal aus finanziellen Gründen eingestellt werden. Einige»Flops«, die trotz interessanten, teils spannenden Inhaltes leider nicht ankamen, sollen nicht unerwähnt bleiben. Zu ihnen gehörte Rolf Uesselers»Mafia«, ein Bericht über die organisierte Kriminalität in Italien, ebenso wie Christine von Hodenbergs»Aufstand der Weber: die Revolte von 1 844 und ihr Aufstieg zum Mythos«, das mit diesem Gebilde aus Realität und publizistischer(Wilhelm Wolff), dichterischer(Hauptmann) und künstlerischer(Kollwitz) Fantasie vielleicht etwas zu gründlich aufräumte. Seit dem Erwerb des Dietz-Verlages durch den Verlag Neue Gesellschaft im Herbst 1 973 existierten beide Verlage in Bürogemeinschaft. Zu einer Zusammenlegung, vor allem aus praktischen Gründen, kam es erst Ende 1 988. 36 Durch den Zusammenschluss der beiden Verlage bekam das Programm des Dietz-Verlages eine völlig neue Struktur. Verschiedene Zeitschriften, von der Friedrich-Ebert-Stiftung oder in enger Zusammenarbeit mit ihr herausgegeben, wurden in den Dietz-Verlag überführt. Dazu gehörte auch die Monatsschrift»Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte«, Chefredakteur war von 1 982 bis 2005 Peter Glotz. Die Zeitschrift»Neue Gesellschaft« war Dank der Bemühungen des Redakteurs Hans Schumacher und des Verlagsleiters bereits 1 985 mit der traditionsreichen, 1 946 gegründeten 36 In diese Verschmelzung war auch die»Buchhandlung an der Godesberger Allee« einbezogen. Sie wurde damit aufgelöst, da sie die Rentabilitätsschwelle nicht hatte überschreiten können. 95 J. H. W. Dietz von 1945 bis heute linkskatholischen Zeitschrift»Frankfurter Hefte« zur»Neuen Gesellschaft/Frankfurter Hefte« zusammengeschlossen worden. Sie entwickelte sich zu einem viel beachteten, einflussreichen Organ. Im Jahre 2005 konnte das Periodikum sein 50jähriges Bestehen feiern. 37 Chefredakteur wurde nach dem Tode von Peter Glotz 38 der Ordinarius für Politische Wissenschaft und langjährige Mitarbeiter der FriedrichEbert-Stiftung Thomas Meyer. Verantwortlicher Redakteur ist seit 1 989 Norbert Seitz. Durch Umwandlung eines bereits seit 1 960 bestehenden Organs kam 1 993 die Zeitschrift»Internationale Politik und Gesellschaft« hinzu, die unter Mitwirkung eines renommierten Beirates von der Friedrich-Ebert-Stiftung – inzwischen zum großen Teil in englischer Sprache – herausgegeben wird. Das Jahrbuch»Archiv für Sozialgeschichte«, das seit 1 96 1 zunächst von Prof. Georg Eckert herausgegeben worden war, hatte inzwischen in der Historischen Abteilung des Forschungsinstituts der Stiftung seine redaktionelle Heimat gefunden und sich zu dem national wie international führenden Periodikum auf dem Gebiet der Sozialgeschichte entwickelt. Im Jahre 2005 erschien der Band 45 in einer Auflage von 1 .000 Exemplaren. Zu den historischen Reihen sind die»Beihefte« zum»Archiv für Sozialgeschichte« zu rechnen, in denen vorwiegend Dokumentationen veröffentlicht und Texte zur Geschichte der Arbeiterbewegung aus dem»Archiv der sozialen Demokratie« ediert werden. Als weitere periodisch erscheinende Publikation sei die»Bibliographie zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung«(BiZGA) genannt, die von der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung herausgegeben wird. Im Jahre 2006 erschien der 30. Jahrgang. Die Friedrich-Ebert-Stiftung brachte auch ihre verschiedenen Buchreihen wie die»Schriftenreihe des Forschungsinstituts der Friedrich Ebert-Stiftung« und die Reihe»Praktische Demokratie«, die bisher im Verlag Neue Gesellschaft erschienen waren, in das Programm ein. Da diese Reihen im Laufe der Jahre ihren Charakter änderten, zum Teil ganz eingestellt wurden, traten die Veröffentlichungen des»Historischen Forschungszentrums« der Stiftung und des»Instituts für Sozialgeschichte« in Braunschweig immer mehr in den Vordergrund. 37 Die neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte, Heft 7+8, 2004. 38 Die neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte, Heft 1 0, 2005. Wiederauferstehung und Wiederaufstieg 96 Das wissenschaftliche Verlagsprogramm gewann auf diese Weise eine beachtliche Geschlossenheit. 39 Dem widersprach nicht, dass das Themenspektrum der geschichtswissenschaftlichen Veröffentlichungen breit und vielfältig war. Die Geschichte der SPD, auch international vergleichend, und ihrer Umfeld-Organisationen stand im Vordergrund. Die sozialistischen Kulturorganisationen in der Weimarer Republik wurden umfassend untersucht. Ebenfalls stark vertreten waren Veröffentlichungen über die Arbeitsbeziehungen, die Geschichte der freien und christlichen Gewerkschaften und der christlichen Sozialbewegungen. Sozialhistorische Darstellungen befassten sich unter anderem mit der Geschichte des städtischen Arbeiterwohnens, der kommunalen Wohnungspolitik in Frankfurt, der Sozialgeschichte der öffentlichen Ordnung in Berlin und der Bedeutung von Symbolen und Denkmälern in der Formierung des politischen Bewusstseins. Den Themen Nationalsozialismus, Antisemitismus, Widerstand, Verfolg, Flucht und Emigration waren zahlreiche Veröffentlichungen gewidmet. Im Zentrum standen zwar die deutsche Nachkriegsgeschichte der DDR mit ihren Problemen und den Folgen ihrer Auflösung sowie die Geschichte der Bundesrepublik; mit dem Nordirlandkonflikt, dem Antiamerikanismus im 20. Jahrhundert oder dem Zusammenbruch des»sozialistischen Weltsystems« in Osteuropa kamen aber auch internationale Fragen zur Sprache. Besondere Glanzlichter dieser Jahre waren neben den Reihen »Geschichte der Arbeiter und der Arbeiterbewegung in Deutschland seit dem Ende des 1 8. Jahrhunderts« und»Die deutsche Sozialdemokratie nach 1 945« die Titel Friedhelm Boll»Sprechen als Last und Befreiung. Holocaust-Überlebende und politische Verfolgte zweier Diktaturen« und Ulrich Herbert»Best. Biographische Studien über Radikalismus«. Sie wurden auch gut verkauft. Im Gedenkjahr 1 998 erschienen zwei umfangreiche Werke zur Revolution»Berlin 1 848« von Rüdiger Hachtmann(inzwischen vergriffen) und ein Sammelband»Europa 1 848«, herausgegeben von Dieter Dowe, Heinz-Gerhard Haupt und Dieter Langewiesche, zu dem Historiker des In- und Auslandes 1 .20 1 Seiten beitrugen. Beide Titel fanden im Sortiment eine 39 Die von Dieter Dowe und Michael Schneider herausgegebene Reihe »Politik und Gesellschaftsgeschichte« erschien ab Band 22 im DietzVerlag. Die Bände 1 bis 2 1 sind im Verlag Neue Gesellschaft erschienen. Im Jahr 2006 erreichte diese Reihe den Band 7 1 . 97 J. H. W. Dietz von 1945 bis heute gute Aufnahme. Eine Ausgabe des Sammelbandes in englischer Sprache erschien 200 1 bei Berghahn Books in den USA. Eindrucksvoll ist die Folge von wissenschaftlichen Biographien, die die nunmehr vereinigten Verlage vorlegen konnten. Zu nennen sind Adolf Arndt, August Bebel, Ludwig Bergsträsser, Hermann Brill, Erich Brost, Johann Heinrich Wilhelm Dietz, Lothar Erdmann, Fritz Erler, Albert Grzesinski, Sophie Gräfin Hatzfeldt, Walter Hesselbach, Rudolf Hilferding, Wilhelm Kaisen, Rosa Luxemburg, Carlo Mierendorff, Kurt Schumacher, Helene Stöcker, Otto Suhr und, im Jubiläumsjahr 2006, Friedrich Ebert. Die Reihe»Politik im Taschenbuch«(früherer Titel»Praktische Demokratie«) wurde mit aktuellen und kontroversen Themen fortgesetzt. Die Nummer 1 der Reihe war Erhard Epplers Kommentar zum Berliner Programm»Plattform für eine neue Mehrheit«. Verkehrspolitik, Standortlüge, Kommunalpolitik, Bundeshauptstadt Berlin sind nur einige Stichwörter aus weiteren Titeln. Sie unterstreichen ebenfalls, dass der Dietz-Verlag es verstand, sich an den aktuellen politischen Debatten, aber auch an den langfristigen gesellschaftlichen Diskursen zu beteiligen. Das Buch der Palästinenserin Raymonda Tawil»Mein Gefängnis hat viele Mauern« kam auf 50.000 Exemplare. Die politische Bildung kam nicht zu kurz. Wolfgang Gisevius’»Leitfaden durch die Kommunalpolitik« erreichte eine Verkaufsauflage von 22.000 Stück, Klaus Jentzschs»Rhetorik« in 5 Auflagen 24.000. Rolf Böhmes Bemerkungen aus dem politischen Alltag eines Kommunalpolitikers wurde 1 4.000 Mal verkauft. Thilo Sarrazins»Euro« erreichte in zwei Auflagen 36.000 Exemplare. Einige der Bestseller des Verlages Neue Gesellschaft blieben weiter als gut verkäufliche Titel im Programm des Dietz-Verlages. An erster Stelle ist die»Kleine Geschichte der SPD« von Susanne Miller und Heinrich Potthoff zu nennen, die inzwischen in der von Heinrich Potthoff aktualisierten Fassung auch in Englisch erschien. Immer seltener waren aber politische Bücher ob aktuell oder historisch, insbesondere Sozialistica, wirtschaftlich erfolgreich, d. h. kostendeckend zu verkaufen. Die Bebel-Biographie von Brigitte Seebacher-Brandt verkaufte sich zwar gut, wozu der Name der Autorin wohl mehr beitrug als der des Porträtierten. Bebels Werke interessierten und interessieren heute auch im Kreise der SPD kaum noch. 1 997 gewann der Verlag die Ausschreibung der»BundeskanzlerWilly-Brandt-Stiftung« zur Herausgabe einer zehnbändigen»Berliner Ausgabe« der Werke Willy Brandts gegen prominente Konkurrenten. Von geplanten zehn Bänden sind inzwischen acht erschienen. Das Wiederauferstehung und Wiederaufstieg 98 überwiegend positive Echo war außerordentlich. Schon nach dem Vorliegen von fünf Bänden konnte Dietmar Süß konstatieren, es sei eine kluge Entscheidung der»Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung« gewesen, mit der auf zehn Bände angelegten»Berliner Ausgabe« einer breiten, historisch interessierten Öffentlichkeit den Zugang zum Leben und zur Politik Willy Brandts sowie wesentlichen Abschnitten der Geschichte des 20. Jahrhunderts zu eröffnen. Dieses sei ein in jeder Hinsicht ehrgeiziges Ziel, vor allem, wenn man auf eine heroische Kanonisierung seines Lebenswerkes verzichten wolle.»Nachdem nun die Hälfte aller Bände vorliegt(!), kann man ohne größere Einschränkungen sagen: Anspruch eingelöst!« 40 Die beiden Verlage»J. H. W. Dietz Nachf. GmbH«, Bonn, und »Dietz Verlag GmbH«, Berlin, waren sich in den Jahren der deutschen Teilung aufgrund der verschiedenen Zielsetzung und Programme wirtschaftlich relativ wenig in die Quere gekommen. Nach der Einführung der Wirtschafts- und Sozialunion, der Umwandlung der SED in die PDS – neuerdings»Die Linke« – und einem neuen Verlagsprogramm des Berliner Dietz-Verlages änderte sich die Wettbewerbssituation erheblich. Die neuen Bundesländer standen zudem erstmals auch dem»Verlag J. H. W. Dietz Nachf. GmbH« als Markt offen. Verwechslungen der beiden Verlage häuften sich. Der»Verlag J. H. W. Dietz Nachf. GmbH« sah sich schließlich am 1 . Februar 1 99 1 zu einer Anzeige im Börsenblatt gezwungen, um die Flut der Falschbestellungen in die richtigen Bahnen zu lenken. Nach einer lange währenden unguten Nachbarschaft der Verlage fast gleichen Namens kam es schließlich am 8. Januar 1 998 zu einem gerichtlichen Vergleich, in dem sich»Ost-Dietz« verpflichtete, seinem bislang verwendeten Verlagsnamen den Vornamen»Karl« hinzuzufügen. Obwohl über diese Entscheidung vielfältig berichtet wurde 41 , sind Verwechslungen weiterhin an der Tagesordnung. 42 Trotz aller Bemühungen der engagierten Mitarbeiter, sehr guter Beachtung der Bücher des Verlages in den Medien aller Richtungen und Bilanzen mit schwarzen Zahlen und angemessener Verzinsung 40 Dietmar Süß in einer Rezension der ersten vier Bände der»Berliner Ausgabe« in: sehepunkte 2, 2002, Nr. 11 vom 1 5. 11 . 2002, ULR: http://www. sehepunkte.historicum.net./2002/ 11 /342 1 053286.html( 1 5.5.2006). 41 Börsenblatt vom 30. 1 . 1 998, FAZ vom 28. 1 . 1 998, General-Anzeiger, Bonn vom 28. 1 . 1 998, Der Spiegel vom 26. 1 . 1 998. 42 Der Kuriosität halber sei angemerkt, dass inzwischen allerdings nicht mehr Karl Dietz, sondern ein Günter Dietz mit einem Anteil von 1 .000 DM der seinen Namen gebende Gesellschafter war. 99 J. H. W. Dietz von 1945 bis heute des Gesellschaftskapitals gelang es nicht, den Verlag mit einem breiten Publikumsprogramm finanziell dauerhaft zu stabilisieren. Als die Inhaber(als Treuhänder der Friedrich-Ebert-Stiftung) Einsparungen, die Verringerung des Personals um über 50 Prozent und die Reduzierung des Programms forderten, fand im Jahre 2000 die verlegerisch und politisch erfolgreiche Zeit von Heiner Lindner als Verlagschef ihr Ende, da Lindner kündigte. Der Verlag wurde durch Reduzierung des Personals drastisch verkleinert. Wenn man heute die Verlagsprospekte durchblättert, kann man aber ohne Übertreibung feststellen, dass die letzten 25 Jahre seines Bestehens eine Glanzzeit des Unternehmens und ein Höhepunkt seiner Wirksamkeit im geistig-politischen Feld der Bundesrepublik gewesen sind. Kontinuität und Konzentration: Willy Brandt, Sozialgeschichte, Soziale Demokratie Dr. Gerhard Fischer wurde interimistischer Geschäftsführer des Verlages und sicherte die Kernbereiche der Verlagsarbeit. Seit dem Jahre 2005 werden die Geschäfte des Verlages J. H. W. Dietz Nachf. GmbH von dem gelernten und erfahrenen Verlagskaufmann Albrecht Koschützke geführt unter wesentlicher Mitwirkung der langjährigen Mitarbeiterin Hilde Holtkamp als Verlagsleiterin und neuerdings des Lektors Dr. Alexander Behrens. Dr. Heiner Lindner, inzwischen im Ruhestand, bleibt dem Verlag als freier Lektor verbunden. Dabei wird die Idee eines politisch klaren Programms bei parteipolitischer Unabhängigkeit fortgeführt, sodass heute die»BundeskanzlerWilly-Brandt-Stiftung« mit der Brandt-Gesamtausgabe und den »Willy-Brandt-Studien« – Band 1 : Daniel Friedrich Sturm,»Uneinig in die Einheit. Die Sozialdemokratie und die Vereinigung Deutschlands 1 989/90« –, ferner die»Stiftung Reichspräsident-FriedrichEbert-Gedenkstätte« in Heidelberg« mit Walter Mühlhausens großer Friedrich Ebert Biographie, der»Deutsche Gewerkschaftsbund« mit der Fortsetzung der Reihe»Quellen zur Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung im 20. Jahrhundert«, die»Stiftung Entwicklung und Frieden« mit ihrer Reihe EINE WELT und selbstverständlich das»Historische Forschungszentrum der Friedrich-Ebert-Stiftung« mit dem»Verlag J. H. W. Dietz Nachf. GmbH« zusammen arbeiten. Aus der Reihe»Die deutsche Sozialdemokratie nach 1 945« des Historischen Forschungszentrums konnte der Verlag mit dem Band 2»Wendejahre« von Klaus Schönhoven, der eine positive Bilanz der Wiederauferstehung und Wiederaufstieg 100 ersten großen Koalition zog, besondere Aufmerksamkeit und erfreulichen Umsatz erzielen. 43 Die»Kleine Geschichte der SPD« des Autorenteams Susanne Miller und Heinrich Potthoff erschien in 8., durch Heinrich Potthoff wesentlich erweiterter Auflage. Michael Schneiders »Kleine Geschichte der Gewerkschaften« kann solche hohen Auflagezahlen nicht aufweisen. Das erklärt sich aber aus den gleich zu Anfang hoch angesetzten Stückzahlen der 1 . und 2. Auflage(64.000 verkaufte Exemplare). Auch die seit langem vergriffene»Chronik der deutschen Sozialdemokratie« von Franz Osterroth und Dieter Schuster konnte in 3. Auflage, für die Zeit ab 1 977 in wesentlich erweiterter Textauswahl und bis zum Jahr 1 987 fortgesetzt, mit einem Vorwort von Franz Müntefering erscheinen. Die erste Auflage hatte Gustav Schmidt-Küster bereits 1 963 verlegt. Die erzählte Autobiographie von Susanne Miller, aufgezeichnet von Antje Dertinger, fand ein positives publizistisches Echo, jedoch bisher zu wenig Käufer. Seit der engeren Verbindung mit der Friedrich-Ebert-Stiftung waren Veröffentlichungen für die politische Bildungsarbeit ein Kernpunkt der Programme sowohl des Verlages Neue Gesellschaft wie auch des Dietz-Verlages. Daran hat sich nichts geändert. Die Zusammenarbeit mit Landeszentralen und der Bundeszentrale für politische Bildung blieb eng. Das»Politik-Lexikon« von Klaus Schubert und Martina Klein erlebte 2005 seine 4. erweiterte und aktualisierte Auflage(über 1 00.000 Exemplare verkauft) und wurde inzwischen durch die»Bundeszentrale für politische Bildung« als Volltext im Internet veröffentlicht. Das Lern- und Arbeitsbuch Entwicklungspolitik von Franz Nuscheler erreichte die sechste Auflage. 2003 erschien das »Lern- und Arbeitsbuch Umweltpolitik«. Die Reihen»Dietz-Taschenbuch« und»Politik im Taschenbuch« mussten allerdings reduziert bzw. eingestellt werden und zwar in erster Linie deshalb, weil das stark verkleinerte Verlagsteam ein halbwegs regelmäßiges Erscheinen auf dem bisher erreichten hohen Niveau nicht garantieren konnte. 43 Besprechungen erschienen in der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, dem Tagesspiegel, der Zeit sowie in vielen Fachzeitschriften und OnlineVeröffentlichungen. Als erster Band der Reihe war 1 996 mit einem Nachwort von Klaus Schönhoven und einer bis 1 995 ergänzten Bibliographie das Werk des 1 989 verstorbenen Leiters der Abteilung Sozial- und Zeitgeschichte des Forschungsinstituts der Friedrich-Ebert-Stiftung Kurt Klotzbach,»Der Weg zur Staatspartei. Programmatik, praktische Politik und Organisation der deutschen Sozialdemokratie 1 945– 1 965« neu herausgegeben worden. Die 1 . Auflage war 1 982 erschienen. 101 J. H. W. Dietz von 1945 bis heute Immer stärker macht sich die Elektronisierung der Publizistik bemerkbar. Schon der dokumentarischen Veröffentlichung von Toni Offermann zur»Ersten deutschen Arbeiterpartei« im Jahre 200 1 lag eine CD-ROM mit vor allem sozialstatistischen Material bei, um den Umfang des Werkes von 687 Seiten in einem gerade noch vertretbaren Rahmen zu halten. Das»Archiv für Sozialgeschichte« veröffentlicht seit dem Jahre 2000 den Hauptteil seiner viel gelesenen Rezensionen nur noch als Online-Angebot. 44 Auch die»Bibliographie zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung« erscheint seit 2005 zum Teil als BizGAonline. 45 2003 erschien, herausgegeben von Siegbert Heid, die CD»Kommunale Praxis«. Erstmals veröffentlichte der Verlag 2004 zwei Werke als DVDs: die»Deutschland-Dokumentation 1 945–2004« herausgegeben von Hans-Georg Lehmann und die»Quellen zur europäischen Verfassungsgeschichte im 1 9. Jahrhundert, Teil I« herausgegeben von Peter Brandt, Martin Kirsch und Arthur Schlegelmilch. Auch unter den Besprechungen der Werke des J. H. W. Dietz-Verlages nehmen die im Internet veröffentlichten einen immer breiteren Raum ein. Der Verlag will in den kommenden Jahren wieder ein breiteres Programmspektrum erreichen und sich mit dem Anspruch auf Relevanz stärker in den aktuellen gesellschaftlichen und politischen Diskurs, der Erörterung grundsätzlicher Fragen der Innen- und Außenpolitik und der sozialdemokratischen Programmatik einschalten. Viel wird darauf ankommen, ob es gelingt, jene Themen herauszufinden, die für die und in der Bürgergesellschaft der Zukunft wichtig und bestimmend sein werden. Dass man nach der Methode»Versuch und Irrtum« dabei auch – begrenzte – Risiken eingehen muss, ist der Verlagsleitung und den Inhabern des Unternehmens bewusst. Auch in Zukunft wird man die Erfolge des Verlages nicht an der erwirtschafteten Dividende, sondern an seiner Wirkungsmächtigkeit in der Gesellschaft, seinem langfristigen Beitrag zur politischen Bildung messen können. Mit diesem allein adäquaten Maßstab gemessen, ist auch die jüngste Geschichte des»Verlages J. H. W. Dietz Nachf.« eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte. 44 www.fes.de/afs-online 45 Vgl. dazu: Zur BizGA und Online BizGA, Friedrich-Ebert-Stiftung, Bibliothek Aktuelles, www.fes.de Wiederauferstehung und Wiederaufstieg 102