Wie Dietz zur Schlange kam – Die Erfindung des Verlagssignets rüdiger zimmermann Zum 1 00. Geburtstag des Verlages J. H. W. Dietz Nachf. im Jahr 1 98 1 wollte Max Schwarz eine Gesamtbibliographie des Verlages herausgeben. Das Verzeichnis sollte nicht nur die Titel des zentralen sozialdemokratischen Parteiverlages nachweisen, sondern auch die Produkte der Verlage dokumentieren, die mit dem Verlag J. H. W. Dietz Nachf. eng verbunden waren. Max Schwarz konnte sein Lebenswerk nicht vollenden. Er starb 1 979. Seine Arbeit wurde von Brigitte Emig und Rüdiger Zimmermann fortgeführt. Rechtzeitig zur Jubiläumsveranstaltung im Herbst 1 98 1 1 erschien die Verlagsbibliographie»Literatur für eine neue Wirklichkeit«. 2 Max Schwarz hatte einen großen»bibliographischen Zettelkasten« hinterlassen, der fachgerecht ausgewertet wurde. Neben einer Unzahl von bibliographischen Listen, die er regelmäßig aktualisiert hatte, befand sich unter den Materialien eine Fülle von Verlagsankündigungen, gedruckte Zugangslisten von Bibliotheken, kopierte Katalogzettel und Reproduktionen aus Werken zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Ein Gutteil der hinterlassenen Unterlagen dokumentierte die Bemühungen Max Schwarz’, die Lebensdaten der Autorinnen und Autoren»seiner« Verlage herauszufinden. Unter den Kopien stach ein kleiner Text von Otto Bartels heraus: »Das Verlagssignum wie es wurde«. Mit etwas detektivischem Geschick kann man das Entstehen des Textes auf das Jahr 1 968 datieren. 1 1 00 Jahre Verlag J. H. W. Dietz Nachf. 1 88 1 – 1 98 1 . Vorträge auf der Festveranstaltung zum 1 00jährigen Bestehen des Verlages J. H. W. Dietz Nachf. am 3. November 1 98 1 in Bonn/[Von] Willy Brandt, Günther Christiansen, Iring Fetscher, Horst Heidermann, Heiner Lindner, Alfred Nau. – Bonn 1 982. 2 Brigitte Emig: Literatur für eine neue Wirklichkeit. Bibliographie und Geschichte des Verlages J. H. W. Dietz Nachf. 1 88 1 bis 1 98 1 und der Verlage Buchh. Vorwärts, Volksbuchh. Hottingen/Zürich, German Cooperative Print.& Publ. Co., London, Berliner Arbeiterbibliothek, Arbeiterjugendverl., Verlagsgenossenschaft»Freiheit«, Der Bücherkreis/[Von] Brigitte Emig, Max Schwarz, Rüdiger Zimmermann. – Berlin, Bonn 1 98 1 . 59 In der kleinen Abhandlung beschreibt der ehemalige»Hersteller« des Verlages, wie er nach Beendigung der Inflation im Jahr 1 924 gemeinsam mit anderen Verlagsverantwortlichen einen Wettbewerb für ein neues Verlagssignet ins Leben rief. In der mehr als vierzigjährigen Verlagsgeschichte hatte es nämlich kein eigenständiges und unverwechselbares Erkennungszeichen gegeben. Gewinner des Wettbewerbs war Hans Windisch. Sein Entwurf wird heute noch vom Verlag verwendet. Aber auch die Entwürfe der»Verlierer« waren eine knappe Zeitspanne noch in Gebrauch. In den folgenden editorischen Bemerkungen soll einiges zu Otto Bartels, dem Verfasser des kleinen Quellentextes, gesagt werden. Ferner wird der Schöpfer des Signets mit seinem literarischen und künstlerischen Werk vorgestellt. Auch der bekannteste»Verlierer« des Wettbewerbs, Tobias Schwab, soll biographisch gewürdigt werden. Während wir über Otto Bartels, der als Hobbyhistoriker das Pseudonym Jan Bart benutzte, ziemlich viel wissen, ist Hans Windisch – obgleich einst ein großer Bestsellerautor – regelrecht»vergessen« worden. Jüngere Kunsthistoriker, die seine frühe Buchkunst gerade neu entdecken, wissen nichts mehr über ihn. Auch im Verlag J. H. W. Dietz Nachf. war über viele Jahre unbekannt, wer der Schöpfer des Verlagssymbols war, mit dem der Verlag seit seiner Wiedergründung im Jahr 1 952 eifrig Werbung betrieb. Otto Bartels’ knappe Erinnerungen»Das Verlagssignum wie es wurde« fand keinen direkten Niederschlag in der 1 98 1 veröffentlichten Bibliographie»Literatur für eine neue Wirklichkeit«. Sein kleiner Text wurde hingegen in den Begleitausstellungen»verwertet«, die anlässlich des 1 00. Geburtstages des Verlages 1 98 1 und 1 982 in verschiedenen Städten gezeigt wurden. 3 In der Vitrine»Neues Verlagssignet/ Neues Verlagsprogramm« wurden nicht nur die ansprechenden Bücher aus der Verlagsproduktion der Jahre 1 924 und 1 925 präsentiert, sondern erstmals knapp die Entstehungsgeschichte des neuen Verlagssymbols dokumentiert. In den Ausstellungen und dem begleitenden Textband konnte mit Hilfe des Stadtarchivs Diez bereits ein kleiner Irrtum in den Erinne3 1 00 Jahre Verlag J. H. W. Dietz Nachf: 1 88 1 – 1 98 1 . Eine Ausstellung des Archivs der sozialen Demokratie(Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn) anlässlich des Parteitages der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands in München vom 1 9. 4. 1 982 bis 23. 4. 1 982/ Gestaltung: Wilfried Wedde. Text: Rüdiger Zimmermann, Brigitte Emig.[Hrsg.]: Friedrich-EbertStiftung, Archiv der sozialen Demokratie. Bonn 1 982. Wie Dietz zur Schlange kam 60 rungen Otto Bartels’ korrigiert werden. Bartels schreibt, er habe sich bei der Symbolfindung am Wappen der Stadt Diez orientiert.(»Ich weiß gar nicht mehr, wieso und warum, jedenfalls kam mir das Wappen der Stadt Diez an der Lahn vor Augen. In diesem Wappen war eine Quelle.«) Alle offiziellen Siegel und Wappen der Stadt zeigen indes seit 1 070 zwei Löwen. Es handelt sich hier um das alte Wappen der Grafen von Diez. Die Löwen sind heute noch das offizielle »Markenzeichen« der Stadt. 4 Der damalige Hinweis des Stadtarchivs Diez leuchtete sofort ein: Das»eigentliche« Symbol der Stadt sei der sogenannte»FrisoBrunnen«. Der Brunnen wurde von der Fürstin Amalie von AnhaltDessau, der Erbauerin der Neustadt von Diez, zum Andenken an ihren im Jahr 1 7 11 bei Murdyk ertrunkenen Sohn gestiftet. 5 Johann Wilhelm Friso war Fürst von Diez-Nassau, Statthalter von Friesland und mehreren holländischer Provinzen. Er war der designierte Thronfolger des englischen Königshauses. Der Brunnen wurde 1 7 1 5 errichtet. Das Werk ist ein bedeutendes Beispiel eines Brunnens mit Trog und separatem Brunnenstock. Aus einem kupfernen Ausguss in Form einer Schlange entströmt das Wasser. Viele Postkarten aus der Zwischenkriegszeit dokumentieren die »Verbreitungsgeschichte« des Kunstwerks. Der überdurchschnittlich gut gebildete Otto Bartels wird den Brunnen mit Sicherheit gekannt haben. Der»Friso-Brunnen« war seine ideelle Vorlage für das neue Verlagssignet. Wer war nun Otto Bartels, der uns die Entstehungsgeschichte des neuen Firmenzeichens überliefert hat? Otto Bartels entstammte einer bedeutenden sozialdemokratischen»Parteidynastie«. Sein Vater Friedrich Bartels( 1 87 1 – 1 93 1 ) war von 1 9 1 9 bis zu seinem Tode Parteikassierer im SPD-Parteivorstand. Von 1 925 bis 1 93 1 fungierte er als Präsident des Preußischen Landtages. 6 Als enger Freund Paul Kampffmeyers vermachte er seinen persönlichen Nachlass dem Parteiarchiv. Otto Bartels wurde am 1 7. Juli 1 897 in Hamburg geboren. 7 Sein Vater, gelernter Maler, hatte den Lehrerberuf für ihn vorgesehen. Sein 4 http://www.ngw.nl/int/dld/d/diez.htm 5 http://www.lions-club-diez.de/ 6 Wilhelm Heinz Schröder: Sozialdemokratische Parlamentarier in den deutschen Reichs- und Landtagen 1 867– 1 933. Biographien, Chronik, Wahldokumentation. Ein Handbuch. Düsseldorf 1 995, S. 354. 7 Alle biographischen Angaben – soweit sie nicht anders zitiert sind – entstammen der Personalakte Otto Bartels im Stadtarchiv Tübingen(Sig61 Die Erfindung des Verlagssignets Sohn indes wollte lieber Buchdrucker werden. Beide»einigten« sich auf den Beruf des Buchhändlers. Nach erfolgreicher Lehre wurde der junge Buchhandelsgehilfe am 1 . Juni 1 9 1 7 zum Kriegsdienst eingezogen. Erst am 3 1 . Januar 1 9 1 9 erfolgte seine Entlassung aus der Armee. Unmittelbar nach seiner Entlassung trat er am 1 . März als Sortimentsleiter in die sozialdemokratische Buchhandlung Vorwärts ein, dessen Verlag mit dem Parteiverlag J. H. W. Dietz 1 922 fusionierte. Wie viele ehrgeizige Sozialdemokraten und Gewerkschafter seiner Generation suchte er als Gasthörer an der Universität und der Handelshochschule Berlin sein Wissen zu verbreitern. Regelmäßig besuchte er über vier Jahre Vorlesungen in den Fächern Literatur, Kulturgeschichte und Volkswirtschaft. 1 923 avancierte der junge Hamburger zum Hersteller des sozialdemokratischen Parteiverlages, der zwischenzeitlich von Stuttgart nach Berlin übergesiedelt war. Im vorliegenden Manuskript beschreibt er, wie er zusammen mit den»Kulturmachern« um Walter Boritzka, Richard Lohmann, Friedrich Wendel und Erich Kuttner dem Verlag J. H. W. Dietz Nachf. nach der tristen Inflationszeit ein neues Gesicht gab. Sicher wird auch Paul Kampffmeyer, der Spiritus rector des Verlages, seinen Ideenreichtum für eine neue Ausrichtung des zentralen Parteiverlages beigesteuert haben. Bartels verließ den Verlag im Herbst 1 925 und trat in Nürnberg sein neues Amt als Geschäftsführer der Franken Druck GmbH an, die die renommierte»Fränkische Tagespost« druckte 8 . 1 929 lockte ihn die Herausforderung, in Stralsund den»Vorpommer« zur aktuellsten Tageszeitung der Region zu machen, ehe ihn 1 93 1 der Leiter der Konzentration AG Adolf Rupprecht überredete, in Dortmund an der wirtschaftlichen Konsolidierung der dortigen Parteipresse mitzuarbeiten. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung schlug er sich – durch einen Teilhaber gedeckt – als selbstständiger Verlagskaufmann durch, ohne dass ihn die braunen Machthaber behelligten. Gleichwohl mied er jede Nähe zum Nationalsozialismus. Im August 1 943 zerstörte ein Bombenangriff auf Berlin seine Wohnung vollständig. Er und seine Familie wurden nach Tübingen evakuiert. natur A 5 1 0); der Sammlung Personalia des Archivs der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung(Otto Bartels) und der Dokumentation des Stadtarchivs Essen(Schreiben vom 28. Mai 2005). 8 Handbuch des Vereins Arbeiterpresse. 4. Folge( 1 927), S. 499. Wie Dietz zur Schlange kam 62 Im Oktober 1 943 musste der Weltkriegsteilnehmer zum zweiten Mal in seinem Leben zum Kriegsdienst einrücken. Nach dem Krieg kehrte er zu seiner umgesiedelten Familie nach Tübingen zurück. In der süddeutschen Universitätsstadt machte der Norddeutsche in kürzester Zeit eine Musterkarriere. In einem Schreiben vom 2. Juli 1 945 stellte er sich dem sozialdemokratischen Oberbürgermeister Viktor Renner vor und empfahl sich als überzeugter Gegner des Nationalsozialismus für alle anfallenden Aufgaben. Der spätere Justiz- und Innenminister des Südweststaates war zwei Jahre jünger als Bartels; politisch lagen beide auf der gleichen Wellenlänge. Otto Bartels»kam dem Bürgermeister wie gerufen«. 9 Durch Entlassung der ehemaligen nationalsozialistischen Kommunalbeamten stand ihm faktisch kaum ausgebildetes Personal mit Verwaltungserfahrung zur Verfügung. Bartels gewann in kürzester Zeit das Vertrauen von Viktor Renner, der gleichsam im Nebenamt als Landrat im Kreis Tübingen fungierte. Bereits am 1 . November 1 945 erhielt der Buchhändler seine Ernennungsurkunde zum Stadtrat. Überliefert ist ein 1 4 Punkte umfassender Aufgabenkatalog für den frischgebackenen Stadtrat. Das Paket liest sich wie die Arbeitsplatzbeschreibung einer gesamten Stadtverwaltung: Vom Pressereferenten der Stadtverwaltung über die»Überwachung der Finanzhaushalte der städtischen Kulturinstitutionen« und die Pflege der kulturellen Beziehungen zwischen Stadt und Universität hin zum Leiter des städtischen Fremdenverkehrsamtes. Hochgeachtet und mit Ehren förmlich überschüttet, verließ Otto Bartels am 1 . April 1 949 die Stadt. Es zog in wieder in seine alte Heimatstadt nach Hamburg. In der Hansestadt trat er als leitender Angestellter der Geschäftsführung in den Dienst der Tageszeitung»Die Welt«. 1 953 suchte er eine neue Herausforderung und übernahm die Verlagsleitung und die Geschäftsführung der»Neuen Ruhr Zeitung« in Essen. Erst mit 68 Jahren ging er in den Ruhestand. Danach entdeckte er als Pensionär eine neue Leidenschaft: die Geschichtsschreibung seiner neuen Wahlheimat Essen-Werden: Zwölf Jahre nach dem Ausscheiden aus dem Verlagsgeschäft resümierte er:»Ab 1 965 im Ruhestand ohne Ruhe, schluckte ich nur noch Aktenstaub in Archiven und schrieb, was andere vor mir noch nicht geschrieben hatten. Und das ließ mich glücklich werden: ich schrieb das, was unbekannt geblieben war aus des Werdener Landes nun fast zwölfhundertjähriger 9 Manfred Schmidt: Tübingen 1 945. Tübingen 1 986, S. 1 0 1 . 63 Die Erfindung des Verlagssignets Geschichte.« 10 Mehrere Bücher über die Geschichte Werdens und Kettwigs dokumentieren einen ganz ungewöhnlichen Lebensabend eines Ruheständlers. 11 Als Ende der sechziger Jahre die Gründung des Archivs der sozialen Demokratie unter dem Dach der Friedrich-Ebert-Stiftung sichtbare Fortschritte machte, suchte der Schatzmeister der FriedrichEbert-Stiftung Fritz Heine, alte Freunde und Zeitzeugen zur Mitarbeit beim Aufbau des Archivs zu gewinnen. Fritz Heine war als Vorstandsmitglied der SPD bis 1 958 für die Presse der Partei verantwortlich gewesen. Heine und Bartels kannten sich gut. Heine ermutigte seinen alten politischen Kampfgefährten, Erinnerungen zu verfassen. Unter dem Titel»Sohn des Volkes. Ein schlichtes Leben für die Politik in seiner Zeit« beendete er im Dezember 1 968 auf 27 1 maschinenschriftlichen Seiten eine biographische Skizze über seinen Vater. Im Juni 1 969 folgte ein zweiter Teil:»Kämpfer des Volkes. Eine Nachtragsschrift zum Sohn des Volkes«. Beide Arbeiten verfasste er unter seinem Schriftstellerpseudonym Jan Bart. 12 Fritz Heine selbst hatte 1 969 ein klares Urteil:»Für eine Veröffentlichung halte ich das Manuskript wegen der Behandlung des Stoffes wie des Themas nicht für geeignet. Als Quellenmaterial scheint es mir dagegen sehr wertvoll zu sein.« 13 Zeitgleich zum biographischen Manuskript über seinen Vater entstanden eine Reihe von»Hobelspänen«. 14 Zu diesen kleineren Arbei10 Jan Bart[d.i. Otto Bartels]: Werdener Nachlese. Die letzten Geschichtsplaudereien des Jan Bart. Kettwig 1 977, S. 3. 11 Jan Bart[d.i. Otto Bartels]: Die alte Reichsabtei. Bilder aus Werdens Geschichte. Essen 1 963. Werden und Helmstedt. Bilder und Dokumente. Essen 1 964. Aus reichsabteilichen Akten. Werden und Kettwig in Bildern und Dokumenten. Kettwig 1 966. Kettwig. Wie es wuchs und wurde. 1 200 Jahre seiner Geschichte. Kettwig 1 97 1 . Schönes altes Werdener Land. Essen 1 974. 12 Beide Texte befinden sich in der Sammlung Personalia des Archivs der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung(Otto Bartels). Das Staatsarchiv in Hamburg verwahrt ebenfalls je ein maschinenschriftliches Exemplar. 13 Fritz Heine in einem Brief an Paul Mayer vom 22. Januar 1 969. Ebda. 14 »Beim Niederschreiben meines Manuskriptes ›Sohn des Volkes‹ ließ ich mancherlei kleine Erinnerungen sozusagen unter den Tisch fallen. Es waren ›Hobelspäne‹. Ich wollte sie dort liegen lassen, aber mein Freund Fritz Heine hielt das für falsch. Er meinte: Halte sie fest, gib sie dem ›Archiv der sozialen Demokratie‹«. Sammlung Personalia des Archivs der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung(Friedrich Bartels). Wie Dietz zur Schlange kam 64 ten zählte ein Text»Die alten Weggenossen der großen Familie. Erinnerung an sie aus der Zeit meiner Geschäftsführertätigkeit von 1 925 bis 1 933« und zu diesen»Nebenprodukten« muss auch der Text»Das Verlagssignum wie es wurde« gezählt werden. Bartels Erinnerungen an die frühen Kampfgefährten und die Akteure im Verlagsgeschäft sind bemerkenswert klar. Es gibt keine Gründe an den mitgeteilten Details seiner Erinnerungen zu zweifeln. Otto Bartels starb am 26. November 1 978 in Essen-Werden. Zahlreiche Nachrufe ehrten ihn als Heimatforscher. Als sozialdemokratischen Verlagsangestellten kannten ihn in seiner neuen Wahlheimat nur noch wenige. Wer aber war nun Hans Windisch, den Otto Bartels zu einem Wettbewerb zur Schaffung eines neuen Verlagssignet eingeladen hatte? Welche Ausbildung, welche Wurzeln hatte er? Gibt es von ihm weitere Spuren seines Schaffens? Mit Hans Windisch hatte der Kreis der Verantwortlichen im Verlag J. H. W. Dietz Nachf. einen der hoffnungsvollsten jüngeren Graphiker Deutschlands zum Wettbewerb aufgefordert. Mitte der zwanziger Jahre gehörte er zu den ständigen Mitarbeitern des Dietz-Verlages. Er hatte den dreifarbig bedruckten Leineneinband für Friedrich Wendels Standardwerk»Das 1 9. Jahrhundert in der Karikatur« entworfen, der graphisch neue Akzente setzte. Außerdem stammten die sehr prägnanten Einbandentwürfe von Martin Andersen Nexö»Sühne« und Raoul H. Francé»Das Land der Sehnsucht. Reisen eines Naturforschers im Süden« aus seiner Werkstatt. Hans Windisch wurde am 2 1 . Februar 1 89 1 in Niederlößnitz bei Dresden als Sohn des Fabrikanten Clemens Windisch geboren. 15 Er besuchte das Gymnasium bis zur»Sekundarreife«. Von 1 907 bis 1 909 absolvierte der junge Sachse eine Lehrzeit in einem kunstgewerblichen Atelier in Dresden. 1 9 11 wechselte er zur Kunstgewerbeschule und zur Kunstakademie Dresden. Dort erwarb er 1 9 11 das Fachlehrerzeugnis für das Zeichenamt an höheren und Fachschulen. Bis zum Kriegsausbruch verdiente er sich als freiberuflicher Maler und Graphiker seinen Lebensunterhalt. Den Weltkrieg erlebte der Künstler als»Frontkämpfer« von November 1 9 1 4 bis November 1 9 1 8. Später bezeichnete er das Kriegserlebnis als»2. Geburt«. Bei ihm habe eine radikale»Häutung« und 15 Die biographischen Angaben entstammen den Unterlagen des ehemaligen Berlin Document Center(jetzt: Bundesarchiv), Reichskulturkammer. 65 Die Erfindung des Verlagssignets Abkehr von den alten bürgerlichen Werten stattgefunden. 16 Nach der Novemberrevolution stand Windisch offensichtlich den Arbeiterorganisationen nahe, ohne je Mitglied zu werden. In der Folge des erlebten Kriegsgrauens trat er aus der Kirche aus. In den frühen zwanziger Jahren gestaltete er als Maler und Graphiker kostbare bibliographische Mappenwerke und»Zyklen«, die heute regelrecht neu entdeckt und nachgedruckt werden. 17 Das Spencer Museum of Art der Universität Kansas charakterisiert Windischs frühe künstlerische Leistungen als Verbindung von Expressionismus und Konstruktivismus, die an Fritz Langs späteren Kinoklassiker »Metropolis« erinnern. 18 1 922 erschien die Graphikmappe»Zehn Lithographien zu Charlotte Bara’s Danse Macabre«, die 2000 nachgedruckt wurde. 19 Allmählich wandte sich Windisch indes von der Produktion exquisiter Kunstwerke in kleinen Auflagen ab und widmete sich der Illustration populärer und schöner Literatur mit Massenauflagen. Bereits 1 920 erschien im Berliner Ullstein-Verlag Thaddäus Tittbers Roman»Die Brücke« mit einer Originallithographie von Hans Windisch. Zu seinem»Hausverlag« avancierte das Berliner Haus»Neufeld& Henius«. In dieser Verlagsanstalt erschienen die von ihm mit Zeichnungen und Illustrationen versehenen Werke»Rätselhafte und unheimliche Geschichte« von Edgar Allan Poe( 1 923), Stendhals»Italienische Novellen«( 1 923), Gustave Flauberts»Madame Bovary«( 1 924) und Henryk Sienkiewicz »Quo vadis? Historischer Roman aus der Zeit des Kaisers Nero« ( 1 924). Als Hans Windisch 1 924 sein Signet für den Verlag J. H. W. Dietz Nachf. entwarf, zählte er zu den angesehenen jungen Graphikern, die für demokratische und um Aufklärung ringende Verlage arbeiteten. Neben seinen graphischen künstlerischen Arbeiten durchlief er eine »freie« fototechnische Ausbildung. 1 926 übernahm er die Redaktion der Hauszeitschrift des Münchener Fachverlages Photo-Schaja. 20 16 Hans Windisch: Führer und Verführte. Eine Analyse deutschen Schicksals. Seebruck 1 946, S. 288(»Der Verfasser dieses Buches über sich selbst.«) 17 Zu erwähnen sind in diesem Zusammenhang Palmström. Steinzeichnungen zu Christian Morgenstern. Leipzig: Lohse 1 920, 1 3. Bl. 18 http://www.spencerart.ku.edu/palmstrm/windisch.htm 19 Karl-Robert Schütze: Charlotte Bara 1 90 1 – 1 986. Brüssel, Worpswede, Berlin, Ascona. Berlin 2000 20 Die Zeitschrift erschien von 1 924 bis 1 930 unter dem Titel»Schaja«, von 1 930 bis 1 938 unter dem Titel»Die bunten Hefte« und ab 1 938 bis 1 966 unter dem Titel»Schaja-Photo-Mitteilungen«. Windischs Verweildauer am Scharja-Verlag ließ sich nicht ermitteln. Wie Dietz zur Schlange kam 66 1 927 gab der vielseitige Künstler den ersten Band der renommierten Jahresschau»Das deutsche Lichtbild« heraus, vom Reichkunstwart Edwin Redlob und von László Moholy-Nagy, Professor am Dessauer Bauhaus, enthusiastisch begrüßt:»Das fotografische Verfahren ist beispiellos gegenüber den bisher bekannten optischen Verfahren.« 21 Zu Windischs zentralem Anliegen entwickelte sich Mitte der zwanziger Jahre die Vermittlung des neuen Mediums Photographie an ein breites Laienpublikum. Programmatisch war der 1 929 erschiene Titel im Ullstein-Verlag:»Knipsen – aber mit Verstand! Ein Wegweiser f. Amatöre, die gute Bilder machen wollen«. Ende der zwanziger Jahre hatte er sich vollständig von der Graphik abgewendet. Seinen Lebensunterhalt bestritt er ausschließlich als Mitarbeiter»für das Werbeschrifttum der fotografischen Industrie«. 22 Der Siegeszug der Photographie war auch Hans Windischs Erfolgsgeschichte. 1 933 gab er im Münchener Verlag Photo-Scharja sein Lehr- und Nachschlagebuch»Der Photo-Amateur« heraus. Das Buch war sein erster großer Bestseller. Die nationalsozialistische Machtergreifung traf Windisch hart. Wir wissen aus seinen philosophischen Arbeiten nach 1 945, wie stark er die braunen Machthaber verachtete. Dennoch wurde er nicht von Berufsverbot bedroht. Er hatte nie einer politischen Partei angehört. Sein expressionistisches graphisches Werk, das im Sinne der nationalsozialistischen Ästhetik als»entartet« hätte gelten können, kannten nur wenige Eingeweihte. Bekannt war er als Photograph, dieses Medium schätzten die Nationalsozialisten. Von allen nationalsozialistischen Organisationen hielt sich Windisch konsequent fern. Nur der Reichsschrifttumskammer musste er aus existenziellen Gründen beitreten. Rückblickend charakterisierte er zwölf Jahre Schreckensherrschaft:»Geistiges KZ auf der unverfänglichen Domäne phototechnischer Lehrbücher.« 23 Entscheidend für Windischs Durchbruch zum»Mentor der Liebhaberfotografie schlechthin« 24 war sein Zusammentreffen mit dem 21 László Moholy-Nagy:»Die beispiellose Fotografie«. In: Das Deutsche Lichtbild«, 1 ( 1 927), S. X. Die Zeitschrift erschien bis 1 938. Sie erlebte im Stuttgarter Verlag Stracke von 1 945 bis 1 979(ohne Windischs Mitwirken) eine Renaissance. 22 So in seinem handschriftlichen Lebenslauf. Barch[ehem. DDC], RKK, Windisch, Hans. 23 Hans Windisch: Genius und Dämon. Der Fall Deutschland. Ein Manifest. Seebruck 1 947, S. 228(»Der Verfasser über sich selbst«) 24 »Hans Windisch«. In: Foto-Magazin, 1 7(August 1 905), S. 1 5. 67 Die Erfindung des Verlagssignets Verleger Walther Heering. Der promovierte Philosoph hatte 1 932 in der tiefsten Wirtschaftskrise in Halle einen universellen Foto-Verlag gegründet. 25 Das Risiko lohnte sich. Heering und Windisch planten 1 936 minutiös und generalstabsmäßig ein Lehrbuch»für ein Hobby und seinen Markt«. 26 1 936 erschien die»Neue Foto-Schule« in einer Erstauflage von 20.000 Exemplaren. Das Buch wurde ein internationaler Bestseller. Es machte Windisch in den nächsten Jahren zum Verfasser des meistverbreiteten Lehrbuches über Fotografie und Farbfotografie weltweit. Das Lehrbuch war eine Art Trilogie mit den Themenkomplexen»Technik«,»Gestaltung« und»Farbfotografie«. Bis 1 939 erlebte das Werk mehrere Auflagen in englischer und französischer Sprache. Nach dem Krieg wurde es zusätzlich ins Tschechische, Spanische, Finnische, Schwedische, Norwegische und Holländische übersetzt. Mit allen Auslandsausgaben erreichte das Werk eine Verbreitung von 580.000 Exemplaren. Zehntausende Fotoamateure erlernten mit Hans Windisch ihr Handwerk. Die nationalsozialistische Reichsschrifttumskammer beobachtete den Fotokünstler stets misstrauisch. Letztlich ließ das Kontrollorgan Windisch allerdings in Ruhe. Durch einen Unfall war er seit 1 935 stark körperbehindert; 1 939 erfolgte seine Ausmusterung aus der Armee. Noch vor Kriegsausbruch verlegte der Wahlberliner seinen Wohnsitz an den Chiemsee; hier in Oberbayern lebten er und seine Frau extrem zurückgezogen. Neben der Fotografie beschäftigten sich beide mit alternativen Gartenbautechniken. 1 940 begann Windisch an einem Manuskript»Führer und Verführte« zu arbeiten. Stark von der Kantischen Philosophie geprägt, rechnete er kritisch mit dem Nationalsozialismus ab. Die Genesung Deutschlands könne nur durch vernünftige aufgeklärte Einzelpersonen erfolgen. Das demokratische Potenzial»der Masse« schätzte er als gering ein. Der Verleger Walther Heering war während des Krieges seinem Bestsellerautor an den Chiemsee gefolgt. Er reichte 1 945 das Manuskript»Führer und Verführte« bei den amerikanischen Militärbehörden mit der Bitte um eine Druckgenehmigung ein. Die Amerikaner akzeptierten es sofort. 1 946 erschien der Band als erstes Buch im»neuen« Heering-Verlag. Mit dem antifaschistischen Text begründete Walther Heering seine neue erfolgreiche Verlagstätigkeit. 1 947 erschien»Genius und 25 »40 Jahre Heering-Verlag. Ein Interview mit dem Gründer«. In: FotoMagazin, 24(Juni 1 972), S. 1 0– 1 2. 26 Ebda., S. 1 0. Wie Dietz zur Schlange kam 68 Dämon« 27 als eine konsequente Analyse und Fortsetzung des Buches »Führer und Verführte«. 1 948 gab Windisch seinen philosophischen und politischen Gedanken eine neue Form: Mit»›Daimonion‹. Über das Menschliche« 28 suchte er neue positive Antworten auf die drängenden Fragen der Zeit. 29 Immer noch sehr pessimistisch gestimmt, hoffte Windisch auf den»Sieg des der kritischen Humanität« und die Überwindung des Nationalstaates. Stark baute er auf ein vereintes Europa. Nur eine Rückbesinnung auf ethische Werte könne zur Gesundung Deutschlands beitragen. Nach wie vor setzte er auf die »richtige Einsicht« von Eliten, die dem demokratischen Aufbau Stütze und Halt geben sollten. Sein philosophischer Gesamtentwurf erinnerte stark an Ideen wie sie im Internationalen Sozialistischen Kampfbund(ISK) in der Zwischenkriegszeit und während der Emigration diskutiert wurden. Ob es allerdings irgendeine Verbindung gab, lässt sich nicht nachweisen. »Daimonion« war Windischs letztes politisch-philosophisches Werk. Der rasante ökonomische Aufschwung der jungen Bundesrepublik und die Festigung der Demokratie ließen seine düsteren gesellschaftlichen Prognosen rasch obsolet werden. Im Westen Deutschlands drohten keine ausgehungerten Massen mehr, Opfer einer neuen nationalsozialistischen Verführung zu werden. Ein weiterer Strang seines unmittelbaren Nachkriegsschaffens soll nur kurz skizziert werden: seine pädagogisch anleitenden Arbeiten für Gartenfreunde. Während des Krieges hatte Windisch im Auftrag seines Verlegers an einem»Gartenbuch« gearbeitet. 1 943 hatte er das Manuskript fertiggestellt, es konnte allerdings wegen knapper Papierressourcen nicht mehr erscheinen. Rasch besorgte Walther Heering bei der Besatzungsmacht eine Lizenz für das nützliche Sachbuch. Auf stark holzhaltigem Papier erschien 1 946»Das kleine Gartenbuch«, in das Windisch über viele Jahre hinweg viel Zeit investiert hatte. 1 949 konnte eine zweite Auflage auf den Markt gebracht werden, von Ilse Windisch – selbst gelernte Graphikerin – liebevoll mit Farbzeichnungen illustriert. Das Buch kam in Deutschland wesentlich 27 Hans Windisch: Genius und Dämon. Der Fall Deutschland. Ein Manifest. Seebruck 1 947. 28 Hans Windisch:»Daimonion«. Über das Menschliche. Augsburg 1 948. 29 »Die beiden vorausgegangenen Schriften werden damit gegenstandslos. Der Verfasser, selbst Teil eines Umwertungsprozesses, betrachtet sie nur noch als Stufen, Vorstufen. Gleichzeitig schließt er diesen Komplex damit ab.« Ebda., S. 6. 69 Die Erfindung des Verlagssignets besser»an« als seine philosophisch-politischen Arbeiten. Kapitel wie »Obst und Beerensträucher« und»Kummer durch Ungeziefer« interessierten mehr als Analysen unter der Überschrift»Geschlagenes Volk« und»Der deutsche Wahn«. 30 1 958 erschien die 3., erweiterte Auflage seines Gartenbuches. Windischs Erfolg blieb indes die»Neue Foto-Schule«. Hochgeehrt durfte der Schöpfer des Signets des Verlages J. H. W. Dietz Nachf. viele Auflagen erleben. 31 Seine stetig neu bearbeiteten und erweiterten Neuauflagen blieben zu seinen Lebzeiten ein Welterfolg. Er verdiente gut an seinem Standardwerk. Sten Nadolny hat sich mit den guten Verkaufszahlen der»FotoSchule« auseinandergesetzt und den großen Erfolg auf dem Hintergrund des Rückzugs ins Private im jungen Nachkriegsdeutschland interpretiert:»Die ganze gestaute Sehnsucht nach Privatheit, nach kleinem Glück mit Frau und Kind brach sich Bahn, die Fotografiererei demonstrierte wieder etwas: Nur das ist mir wichtig, nur dafür lebe ich, hier will ich nie wieder weg, schon gar nicht in einen Krieg, ich will nur noch mit der Kamera dabei sein, wenn meine Kinder laufen lernen. Nie zuvor oder danach haben so viele Menschen in Deutschland gewusst, was Blendenöffnung, Belichtungszeit und Tiefenschärfe miteinander zu tun haben. Ein Schriftsteller und nachdenklicher Fotoamateur namens Hans Windisch legte seine(ungut simplifizierenden) Versuche beiseite, Schuld und Verhängnis der Deutschen auseinander- und dann wieder zusammenzugrübeln, brachte stattdessen seine bereits vor dem Krieg verfasste und inzwischen vergessene»Neue Fotoschule« auf den neuesten Stand. Er wurde damit Millionär.« 32 Hans Windisch verstarb – zurückgezogen am Chiemsee lebend – am 1 5. Juni 1 965. Seine Arbeit an der»Foto-Schule« wurde von dem Fotografen Theo Kisselbach fortgeführt. 1 973 übersprang die von Kisselbach überarbeitete deutsche Ausgabe die Zahl von 280.000 verkauften Exemplaren. 1 976 und 1 977 erschienen im GoldmannVerlag genehmigte Lizenzausgaben. Die technologischen Veränderungen der Foto-Industrie ließen in den achtziger Jahren das Interesse an Hans Windischs didaktischer Einführung in die»Foto-Kunst« schlagartig zurück gehen. Mit dem 30 So die Einleitungskapitel zu»Führer und Verführte«. 31 Allein in Finnland erschienen dreizehn Ausgaben. 32 Stan Nadolny:»Blick ins Familienalbum. Von der Kunst der Pose zum digitalen Vergessen«. In: Cicero. Magazin für politische Kultur, 2(März 2005), S. 1 25. Wie Dietz zur Schlange kam 70 Verschwinden des Belichtungsmessers für Fotoamateure verschwanden auch seine Bücher aus den Regalen. Eine kleine Liebhabergruppe von Hobbyphotographen setzt sich heute mit seinen Anleitungen in Diskussionslisten im Internet auseinander. Einige seiner Zitate genießen zwischenzeitlich eine Art»Kultstatus« unter der»Gemeinde«. 33 Der Heering-Verlag selbst wurde von der Schweizer Ringier-Gruppe übernommen. Archivarische Unterlagen zum Heering-Verlag und zu Hans Windisch sind dort mittlerweile unbekannt. 34 Sein frühes graphisches Werk lebt indes in jeder Ausgabe des Verlages J. H. W. Dietz Nachf. weiter. Das Verlagssignum wie es wurde. Von Otto Bartels 35 Im Herbst 1 923 übernahm ich die Herstellung des Verlages J. H. W. Dietz Nachfolger, der etwa ein Jahr vorher mit der Vorwärtsbuchhandlung vereinigt und nach Berlin verlegt worden war. Die Inflation war eben beendet. Das nun wertbeständige Geld wurde schwer verdient, und der Käufer wollte gute Ware erstehen. So stiegen auch die Ansprüche des Bücherfreundes in Hinsicht auf die Buchausstattung. Die bisherige Verlagspolitik, die ja durch die chaotischen Verhältnisse in der Inflationszeit bedingt war, wurde grundlegend geändert. Die Broschur holzhaltiger Papiere wurde nicht mehr hergestellt. Ausschließlich holzfreies Papier fand Verwendung; der Ganzleinenband wurde bevorzugt. Das gepflegte und ansprechende Buch des Dietzverlages fand Anerkennung. Aber auch das Verlagsprogramm paßte sich 33 So lautet das stets aufs Neue verwendete Zitat:»Hypochonder haben keine Kameras. Wir sind also unter uns Liebhabern, den Liebhabern alles dessen, was liebens- und erlebenswert ist. Eine Kamera ist uns ein Ding aus Blech, Glas und Lebenshunger«. Hans Windisch: Die neue Foto-Schule. 9. verb. Aufl. Seebruck. 1 949, S. 5. 34 Email der Ringier AG an den Verfasser, Dokumentation und Text vom 2. November 2005. 35 Dem Manuskript waren ursprünglich Fotos beigefügt, die sich nicht mehr erhalten haben. Die Entwürfe haben sich allerdings als Fotokopien erhalten. Auf dem Manuskript findet sich am Ende des Textes eine handschriftliche Bemerkung:»Die ›verwaschene‹ Wiedergabe des Signums ist darauf zurückzuführen, daß Vorlagen verwendet werden mußten, die auf porösem Daunendickdruck-Papier abgezogen waren. Der Messingschnitt war in Leinen geprägt.« Um das Manko des Verlustes der Originalvorlagen auszugleichen, wurden die diversen Signets auf der Basis der gedruckten Ausgaben des Verlages reproduziert. 71 Die Erfindung des Verlagssignets den neuen Wünschen des Sortiments an. Es wurde über das politische Buch hinaus auch wertvolle Belletristik und gute Jugendliteratur gepflegt. Die Neuerscheinungen wurden fleißig im»Börsenblatt« angezeigt. Um in der Werbung die Dietzproduktion einprägsam zu machen, war ein Verlagssignum unentbehrlich. Und wie es zu diesem kam, soll hier kurz dargestellt werden. Ich beauftragte 3 gute Graphiker mit der Schaffung eines solchen Signums. Der Name des ersten ist mir leider entfallen. Der zweite war Hans Windisch. Der dritte Tobias Schwab. 36 36 Tobias Schwab( 1 887– 1 967). Geboren am 24. November 1 887 in Stuttgart als Sohn eines Steindruckmeisters. Besuch der Volksschule( 1 894– 1 902) und der Königlichen Zeichenakademie( 1 902– 1 906) in Hanau a. M., danach Zeichner und Maler in einer graphischen Kunstanstalt ebenfalls in Hanau(drei Jahre). Studium an der Staatlichen. Kunstgewerbeschule in München( 1 909– 1 9 1 2). Von 1 9 1 2 bis 1 9 1 3 Graphischer Zeichner in einer Kunstdruckerei in Mannheim. Besuch der Unterrichtsanstalt des Staatlichen Kunstgewerbe-Museums in Berlin als Schüler von Emil Rudolf Weiß. Militärdienst im 1 . Weltkrieg(»Frontsoldat«, Verwundung 1 9 1 7). 1 9 1 8– 1 92 1 Lehrer an der II. Städtischen Handwerkerschule Berlin. 1 92 1 – 1 923 Lehrer für Schrift und angewandte Graphik am staatlichen Gewerbelehrerseminar Berlin-Charlottenburg. Gestaltete einige der von Reichspräsident Ebert 1 922 eingeführten nichttragbaren»Adlerschilde des Deutschen Reiches«. Für den Verlag J. H. W. Dietz Nachf. entwarf er u. a. das Titelblatt für die Festschrift zu Ehren von Karl Kautskys 70. Geburtstag. 1 92 1 – 1 938 Lehrer in der Werkstatt für Glasmalerei an der Unterrichtsanstalt des Staatl. Kunstgewerbe-Museums(Berufung durch Bruno Paul); ab 1 924: Lehrer für Schrift, Typographie und Schriftanwendung an den Vereinigten Staatsschulen für Freie und Angewandte Kunst, in denen die Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbe-Museums aufging. 1 938– 1 943 Künstlerischer Lehrer»mit vollem Lehrauftrag« an den Vereinigten Staatsschulen für Freie und Angewandte Kunst Berlin(ab 1 939: Staatl. Hochschule für Bildende Künste). Führte seit ca. 1 938 den Professorentitel. 1 943– 1 945 Lehrer für Schrift an der Staatl. Hochschule für Kunsterziehung Berlin als Vertreter für einen zum Kriegsdienst eingezogenen Lehrer. 1 945 Teilnahme am»Volkssturm«. 1 945– 1 955 Lehrer für künstlerische Schrift und graphische Techniken an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste Berlin, Abt. Kunstpädagogik. Lehrer für künstlerische Schrift und graphische Techniken an der Hochschule. Gestorben am 1 0. September 1 967 in Berlin. Mitteilung des Archivs der Universität der Künste Berlin. Wolfgang Steguweit:»Medaillenkunst in der Weimarer Republik«. In: Die Medaille und Gedenkmünze des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Berlin 2000. S. 83. Wie Dietz zur Schlange kam 72 Der Entwurf des ersten, mir also heute unbekannten, sah so aus 37 : Er fand zwar unseren Beifall, wurde auch angekauft, aber doch beiseitegelegt, weil ihm, wie ich meinte, jedes symbolisierende Beiwerk fehlte. Wenn ich von»unserm« Beifall spreche, so meine ich damit den Kreis Walter Boritzka 38 , Dr. Richard Lohmann 39 (Redakteur der»Frauenwelt«), 37 Als Vorlage für den Abdruck diente: Friedrich Wendel: Hans Baluschek. Eine Monographie. 1 .–3. Taus. 1 924. Das Signet befindet sich auf dem Schmutztitel. 38 Walter Boritzka(geb. 1 894). Gelernter Kaufmann; seit Mai 1 9 1 9 Geschäftsführer des Verlages J. H. W. Dietz Nachf. Siehe Handbuch des Vereins Arbeiterpresse. 4. Folge( 1 927), S. 1 47. 39 Richard Lohmann( 1 88 1 – 1 935). Er schloss 1 900 das Gymnasium mit dem Abitur ab, studierte Latein, Griechisch und Germanistik und promovierte 1 904 in Halle zum Dr. phil. Seit 1 908 Festanstellung als Lehrer im Staatsdienst. Schloss sich 1 9 1 8 unter dem Eindruck der Novemberrevolution der Sozialdemokratie an. Er wirkte an führender Stelle beim Aufbau der»Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Lehrer« mit. Redakteur an der Zeitschrift»Der freie Lehrer«. Mitglied des Zentralbildungsausschusses der SPD. Mitarbeiter des Verlages J. H. W. Dietz Nachf., Redakteur an der»Frauenwelt«, Stadtverordneter der Berliner SPD von 1 920 bis 1 929. Seit 1 928 Mitglied des Preußischen Landtages. Verfasser vieler Bücher im Verlag J. H. W. Dietz Nachf.(teilweise unter seinem Pseudonym Erich Krafft). S. Wilhelm Heinz Schröder: Sozialdemokratische Parlamentarier(a. a. O.), S. 593. Schriftliche Mitteilung von Andreas Herbst vom 1 . November 2005. 73 Die Erfindung des Verlagssignets Friedrich Wendel 40 , Erich Kuttner 41 (Redakteur von»Lachen links«) und Otto Bartels. Dieser Kreis arbeitete ausgezeichnet zusammen. Sie alle waren lebhaft und voller Ideen. Es wurde mit Hingabe, ja mit Leidenschaft gemeinsam gearbeitet. Hier also nun ging es um das Symbol; das Dietz-Symbol. Vorschläge gab es genug; jeder hatte mindestens einen. Bei der Findung half – wie so oft – der Zufall mit. Ich weiß gar nicht mehr, wieso und warum, jedenfalls kam mir das Wappen der Stadt Diez an der Lahn vor Augen. In diesem Wappen war eine Quelle. Wenn auch Diez an der Lahn und J. H. W. Dietz 40 Friedrich Wendel( 1 886– 1 960). Als Sohn eines Tischlermeisters in Pommern geboren, erlernte er das Buchdruckerhandwerk. Seit 1 907 Mitglied der SPD. Mitarbeit am Feuilleton verschiedener sozialdemokratischer Zeitungen. Seit 1 924 Redakteur am Satireblatt»Lachen Links« und am»Bücherkreis«. Wenzel gehörte zu den produktivsten Autoren des Verlages J. H. W. Dietz Nachf. in der Zwischenkriegszeit. Seine Karikaturenbände(»Der Sozialismus in der Karikatur«) verkauften sich gut. Aktiver Mitarbeiter in der proletarischen Freidenkerbewegung. Mit seinem »Arbeiter-Reise- und Wanderführer« suchte er völlig neue Akzente im Verlagsprogramm zu setzen. Lehnte während der NS-Zeit jede publizistische Tätigkeit ab und ernährte sich bis 1 945 mit technischer Fotographie. 1 946 übertrug ihm der Kieler Oberbürgermeister Andreas Gayk die Leitung des Presseamtes der Stadt Kiel. S.»Friedrich Wendel gestorben. In Gedenken an den Herausgeber des ›Der wahre Jacob‹«. In: Sozialdemokratischer Pressedienst.( 1 960), H. 58[ 1 0. 03. 1 960], S. 7. Handbuch des Vereins Arbeiterpresse. 4. Folge( 1 927), S. 208. 41 Erich Kuttner( 1 887– 1 942). Sohn eines jüdischen Kaufmanns. Studium der Rechtswissenschaft in Berlin und München, legte 1 909 sein erstes juristisches Staatsexamen ab. Seit 1 9 1 2 Mitglied der SPD. 1 9 1 3 bis 1 9 1 5 Redakteur an der Chemnitzer SPD-Zeitung»Volksstimme«. Als Kriegsteilnehmer 1 9 1 6 schwer verwundet. 1 9 1 9 bis 1 922 Redakteur und 1 922 bis 1 933 ständiger Mitarbeiter am Zentralorgan»Vorwärts«. Seit November 1 923 Redakteur im Verlag J. H. W. Dietz Nachf. Von Januar 1 924 bis Juni 1 927 Redakteur an der Satirezeitschrift»Lachen Links«. Von 1 92 1 bis 1 933 Mitglied des Preußischen Landtages. Verfasser zahlreicher literarischer und politischer Schriften in SPD-Verlagen. 1 933 Emigration nach Frankreich und in die Niederlande. 1 942 von der Gestapo verhaftet und deportiert. Siehe Wilhelm Heinz Schröder: Sozialdemokratische Parlamentarier (a. a. O.), S. 575. Maximilian Ingenthron:»Falls nur die Sache siegt«: Erich Kuttner( 1 887– 1 942), Publizist und Politiker. Mannheim 2000. Bart de Cort:»Was ich will, soll Tat werden«. Erich Kuttner 1 887– 1 942. Ein Leben für Freiheit und Recht. Ausstellung im Heimatmuseum Tempelhof im Zusammenhang mit der Erstellung des Gedenkbuches für die Opfer des Nationalsozialismus aus dem Bezirk Tempelhof. Mit einem Geleitw. von Klaus Wowereit. Hrsg. vom Bezirksamt Tempelhof von Berlin, Abt. Volksbildung. Redaktion: Kurt Schilde. – Berlin[W]. 1 990. Wie Dietz zur Schlange kam 74 absolut nichts miteinander zu tun hatten, so»funkte« es doch sogleich bei mir: eine Quelle, ein»Born des Geistes, des Wissens«, das könnte doch gut ein Verlagssymbol sein. Der eben erwähnte Kreis war der gleichen Meinung. So bekamen Windisch und Schwab von mir diesen»Tip«. Sehr schnell kam der Entwurf von Hans Windisch 42 : Das Foto zeigt den Abdruck eines Messingschnitts und den»Born« originalgetreu. Er fand sofort die Zustimmung aller, die sich damit beschäftigten: er war unkompliziert und sehr einprägsam, und darauf kam es an. Von nun an wurde das Windisch-Signum auf jedem Titelblatt in Verbindung mit dem Verlagsnamen angewendet. Das sah so aus 43 : Um aber den»Schmutztitel« zu beleben, verwendete ich das erste beiseitegelegte Signum dort. Das war zwar ungewöhnlich, aber ich hatte in meiner herstellerischen Tätigkeit nun einmal eine Abneigung gegen unbedruckte, tote Schmutztitelseiten. 42 Als Vorlage für den Abdruck diente: Max Winter: Das Kind und der Sozialismus. Eine Betrachtung. Berlin 1 924. 43 Als Vorlage für den Abdruck diente: Karl Marx: Zur Kritik der politischen Ökonomie. 1 0. Aufl. Berlin 1 924. 75 Die Erfindung des Verlagssignets Als letzter reichte Tobias Schwab seinen Entwurf ein. Hier ist er 44 : Die Arbeit dieses anerkannten und bedeutenden Schriftexperten war gewiß schön, dekorativ und unverwechselbar. Aber das Windisch-Signum mußte gerade wegen seiner Schlichtheit und dadurch besonderen Einprägsamkeit mehr bestechen: es war für die Werbung brauchbarer, weil es sofort im Gedächtnis haften blieb. Und so blieb das Windisch-Signum das offizielle Verlagssignum in Produktion und Werbung von 1924 an. Heute – nach 44 Jahre – findet es unverändert immer noch die Verwendung, wofür es bestimmt war. Das spricht gewiss sehr für die Arbeit von Hans Windisch. Ich ließ es übrigens auch noch negativ zeichnen, weil es Titel gab, die nach einer abgeschwächten Wirkung des Signums(natürlich grafisch gesehen) verlangten. 44 Als Vorlage für den Abdruck diente: Paul Zech: Peregrins Heimkehr. Ein Roman in sieben Büchern. Berlin 1 925 mit Widmung des Verfassers an den wissenschaftlichen Lektor des Verlages J. H. W. Dietz Nachf. Das Signet befindet sich auf dem Schmutztitel. Wie Dietz zur Schlange kam 76 Das sah dann so aus 45 : Tobias Schwabs Signum aber nahm ich wegen seiner dekorativen Wirkung noch bis zu meinem Ausscheiden aus dem Verlag(Herbst 1925) auf den»Schmutztitel«. Meine Nachfolger machten meinen merkwürdigen »Fimmel«, zwei Signen zu verwenden, sowieso nicht mehr mit. Und sie hatten wohl recht. Wenn ein Signum 44 Jahre in alter Frische übersteht, sollte es verdient haben, daß seine»Geschichte« festgehalten wird. Darum schreibe ich diese Zeilen nieder. Die heutigen Hersteller verwenden leider das Signum oftmals in falscher Stellung. Hier ein Beispiel aus der Produktion 1967. Die rote Linie verdeutlicht den richtigen Stand 46 : 45 Als Vorlage für den Abdruck diente: Irene Gerlach: Jungkämpferinnen. Mädchenschicksale aus bewegten Zeiten. Berlin 1 925. 46 Als Beispiel für eine falsche Stellung benutzte Otto Bartels die gedruckte Dissertation von Hans Müller: Ursprung und Geschichte des Wortes Sozialismus und seiner Verwandten. Hannover 1 967. Die»rote Linie« wurde durch eine schwarze ersetzt. 77 Die Erfindung des Verlagssignets