Dieter Dowe(Hrsg.) Begegnungen Susi Miller zum 90. Geburtstag G Reihe Gesprächskreis Geschichte Heft 62 Gesprächskreis Geschichte Heft 62 Dieter Dowe(Hrsg.) Begegnungen Susi Miller zum 90. Geburtstag Friedrich-Ebert-Stiftung Historisches Forschungszentrum Herausgegeben von Dieter Dowe Historisches Forschungszentrum der Friedrich-Ebert-Stiftung Kostenloser Bezug beim Historischen Forschungszentrum der Friedrich-Ebert-Stiftung Godesberger Allee 149, D-53175 Bonn Tel.: 0228/883-473 E-mail: Doris.Fabritius@fes.de © 2006 by Friedrich-Ebert-Stiftung Bonn(-Bad Godesberg) Umschlag: Pellens Kommunikationsdesign GmbH, Bonn Titelfoto: Andreas Kaiser, Bonn Herstellung: Katja Ulanowski, Friedrich-Ebert-Stiftung Druck: bub Bonner Universitäts-Buchdruckerei Alle Rechte vorbehalten Printed in Germany 2006 ISSN 0941-6862 ISBN 3-89892-425-4 3 Inhalt Dr. Roland Schmidt Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Friedrich-Ebert-Stiftung Begrüßung 5 Franz Müntefering Vorsitzender der SPD und der Bundestagsfraktion der SPD Die SPD – Partei der Freiheit 9 Dr. Rene Saran Branton, London 17 Friendship from Youth Prof. Dr. Thomas Meyer Vorsitzender der Philosophisch-Politischen Akademie Leonard Nelson und der Internationale Sozialistische Kampfbund 21 Dr. Sabine Lemke-Müller Willi Eichler, der„Geist und Tat“-Kreis und die Philosophisch-Politische Akademie 29 Prof. Dr. Bernd Faulenbach Vorsitzender der Historischen Kommission beim Parteivorstand der SPD Susanne Miller als Vorsitzende der Historischen Kommission beim Parteivorstand der SPD 35 Prof. Dr. Feliks Tych, Warschau Direktor des Jüdischen Historischen Instituts Warschau Meine Begegnungen mit Susi Miller 43 Prof. Dr. Dieter Dowe Leiter des Historischen Forschungszentrums der Friedrich-Ebert-Stiftung Begegnungen 47 5 Roland Schmidt Begrüßung Sehr geehrte Frau Professor Miller, meine Damen und Herren, wenn die Friedrich-Ebert-Stiftung zu dieser Veranstaltung aus Anlass des 90. Geburtstages von Susanne Miller eingeladen hat, so ehrt sie damit nicht nur eine der letzten Repräsentantinnen der alten Arbeiterbewegung, sonder auch eine Persönlichkeit, die der Stiftung seit den 60er Jahren eng verbunden ist. Ihnen, sehr geehrte Frau Professor Miller, gratuliere ich zu diesem hohen Alter und wünsche Ihnen vor allem eine baldige Genesung. Zugleich danke ich Ihnen für alles, was Sie in all den langen Jahren für unsere Stiftung getan haben. Sie sind selbst von unserer Studienförderung unterstützt worden, als Sie nach Emigration und Arbeit im Parteivorstand in den 50er Jahren am Politologischen Seminar hier in Bonn das Studium begonnen haben und von 1960-1963 in die Graduiertenförderung aufgenommen worden sind. In der Studienförderung haben Sie sich seitdem dauerhaft engagiert, sowohl über Jahrzehnte hinweg bis ins hohe Alter als Mitglied des Auswahlausschusses wie auch als Mitglied des Vergabeausschusses unseres Solidaritätsfonds. Für Einführungsseminare für neuaufgenommene Stipendiaten haben Sie sich immer wieder zur Verfügung gestellt und auf die Stipendiaten solchen Eindruck gemacht, dass diese immer wieder um Ihre Teilnahme gebeten haben. Und wie viele Stipendiaten haben Sie bei der Erarbeitung der Dissertation auch inhaltlich intensiv beraten. Die Stipendiaten lieben Sie geradezu. Auch unsere Historiker haben Ihnen, sehr geehrte Frau Miller, sehr viel zu verdanken. Darüber wird am Schluss Herr Prof. Dr. Dieter Dowe, der diese Veranstaltung vorbereitet hat, sprechen. 6 Als Geburtstagsgeschenk hat sich unser Historisches Forschungszentrum etwas Besonderes ausgedacht. Im englischen Exil hat Willi Eichler, Ihr Mann, drei sozialdemokratische Zeitschriften herausgebracht, die heute so gut wie nicht mehr verfügbar sind. Diese drei Zeitschriften„Germany speaks“,„Europe speaks“ und„Renaissance“, wollen wir wissenschaftlich bearbeiten und im Rahmen der Virtuellen Bibliothek der FriedrichEbert-Stiftung elektronisch veröffentlichen. Wir erschließen diese Zeitschriften damit Forschern auf der ganzen Welt. Das vergrößerte Titelblatt dieser geplanten EDV-Edition überreiche ich Ihnen anschließend. Eine ganze Reihe Rednerinnen und Redner wollen Ihnen heute mit kurzen Beiträgen für Ihr Engagement in unterschiedlichen Bereichen danken. Es hätten noch wesentlich mehr sein können, aber wir wollten diese Veranstaltung für Sie nicht zu anstrengend werden lassen. Den Anfang macht der Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands und auch Vorsitzender ihrer Bundestagsfraktion, Franz Müntefering. Lieber Franz, sei herzlich begrüßt und bedankt, dass Du es Dir trotz des Wahlkampfs nicht hast nehmen lassen, hier zu sprechen. Zwei Gäste aus dem Ausland werden anschließend das Wort ergreifen, Frau Dr. Rene Saran Branton aus London, die Susanne Miller seit über 7 Jahrzehnten kennt, und Herr Prof. Dr. Feliks Tych, der der Jubilarin als Arbeiterbewegungshistoriker und später als Direktor des Jüdischen Historischen Instituts Warschau seit 4 Jahrzehnten verbunden ist. Auch Ihnen beiden danke ich für Ihre Bereitschaft, hier das Wort zu ergreifen. Unterschiedliche Bereiche des Lebens und Wirkens von Susanne Miller seit der Weimarer Zeit werden hier behandeln Frau Dr. Sabine Lemke-Müller, Herr Prof. Dr. Thomas Meyer und Herr Prof. Dr. Bernd Faulenbach. Auch Ihnen vielen Dank für Ihre Mitwirkung. 7 Zum Schluss wird Herr Dowe neben seinen eigenen Dankesworten auch die vor wenigen Tagen erschienenen Lebenserinnerungen Susanne Millers vorstellen. Nicht zu vergessen seien unsere Musiker. Susanne Miller hat sich ausdrücklich gewünscht, dass die Stipendiaten diese Feier mitgestalten. Ich danke Victoria und Alexander Valerstein, beide ehemalige Stipendiaten, für ihre spontane Bereitschaft mitzuwirken. 9 Franz Müntefering Die SPD – Partei der Freiheit Ich gratuliere Dir, liebe Susi Miller, zu Deinem Geburtstag und überbringe nachträglich die besten Wünsche von 600.000 roten Schwestern und Brüdern! 90 Jahre sind eine lange Zeit und eine ganz ungewöhnlich bewegte Lebensgeschichte mit vielen Neuanfängen. Wir sind dankbar für Deine Treue zur Sozialdemokratie und Deine Arbeit für die Sozialdemokratie, die darin das Kontinuum gewesen sind. In deinem Leben hast du dich wissenschaftlich mit der sozialdemokratischen Idee beschäftigt, du hast aber auch viele Ämter in der Partei innegehabt. Nicht zuletzt die Arbeit der„Historischen Kommission“ hast du über Jahre geprägt. Wenn jemand fundiertes Wissen über die große Tradition der Arbeiterbewegung erwerben will, sollte er deine Bücher zu Rate ziehen. Dass man aus der Geschichte lernen kann, hast du immer bejaht und dass Fortschritt für die Menschen möglich ist, wenn sich viele darum bemühen, ist die Grundlage deines wissenschaftlichen und politischen Lebens. Das macht denen, die heute Politik gestalten wollen, Mut. In d einem Werk nimmt die Auseinandersetzung mit dem Freiheitsbegriff ein breite Bedeutung ein. Das war nicht bloß eine theoretische Auseinandersetzung, denn auch in deiner Lebensführung und deinem politischen Lebenswerk warst du zuerst immer„der Freiheit verpflichtet“: Im Kampf gegen die Nazis zuerst in Österreich und dann im Exil in England; nach dem Zweiten Weltkrieg in vielen Funktionen in der SPD, als Mitarbeiterin im Parteivorstand, in der Friedrich-Ebert-Stiftung und in der politischen Bildung. Was bedeutet die Freiheit des Einzelnen – in Verantwortung vor sich und vor anderen? Freiheit hast du in einem umfassenden Sinne verstanden und immer wieder deutlich gemacht, dass 10 es Freiheit nicht ohne Gerechtigkeit und Solidarität gibt. Nicht nur die eigene Freiheit soll gelebt werden, sondern das wichtigste überhaupt ist, auch Verantwortung für andere zu übernehmen. Danach hast du gelebt und für eine solche zutiefst humanistische Lebenshaltung hast du zeitlebens geworben. Aufgewachsen bist du in Wien in einem eher konservativen jüdischen Elternhaus. Eine sozialdemokratische Zukunft war dir also nicht gerade in die Wiege gelegt. Die Folgen des Ersten Weltkrieges waren in deiner Kindheit und Jugend noch überall sichtbar und die Menschen litten darunter. Als junge Erwachsene hast du den Aufstand der österreichischen Arbeiterschaft gegen den aufkommenden Nationalsozialismus in Wien 1934 miterlebt und wie Otto Bauer später bedauert, dass er nicht gut genug organisiert war, um die Feinde der Freiheit und Demokratie wirklich aufhalten zu können. Für die Opfer des Aufstandes hast du dich dann eingesetzt und ihnen geholfen, soweit das damals eben möglich war. Dein politisches Bewusstsein war erwacht und dein Weg führte dich zum ethischen Sozialismus eines Leonard Nelson und seinem Internationalen Sozialistischen Kampfbund. Bereits 1934 warst du nach London emigriert. Leonard Nelson lehnte die materialistische Weltanschauung ab, ebenso wie er eine Geschichtsphilosophie verwarf, in der nicht die freie Entscheidung des einzelnen den Gang der Geschichte bestimmt, sondern mächtige Prozesse in der Wirtschaft und in der Gesellschaft. Gedanken von erstaunlicher Aktualität. Biographische Erfahrung war also der Ausgangspunkt und die Motivation für deine Beschäftigung mit dem Freiheitsbegriff in der Geschichte der Arbeiterbewegung. Die Gegenwart hast du nach deiner Rückkehr nach Deutschland zusammen mit Willi Eichler in Köln gestaltet. Du bist zum Erstaunen vieler freiwillig in das zerstörte Nachkriegsdeutschland zurückgekehrt, um anzupacken, mitzuhelfen und mitzugestalten. In der SPD Mittelrhein und später als Schriftführerin bei 11 der Erstellung des„Godesberger Programms“ hast du das fortgesetzt. 1959/60, als die Arbeit als Sekretärin der Programmkommission abgeschlossen war, nahmst du dein unterbrochenes Studium wieder auf und promoviertest – über die Frühgeschichte der Partei mit einer Arbeit unter dem Titel„Das Problem der Freiheit im Sozialismus“. Das ist eine bis heute spannend zu lesende, grundlegende Arbeit. Die Diskussion über das Godesberger Programm hatte dich dazu angeregt, den Freiheitsbegriff in frühen SPD-Programmen zu untersuchen. Auch aus heutiger Sicht eine wichtige und interessante Fragestellung. Du analysiertest, welcher Freiheitsbegriff in den Programmen verwendet wurde und wie diese Freiheit realisiert werden sollte. Dabei bezogst du auch die politische Praxis ein und fragtest nach dem konkreten Verhalten der Sozialdemokratie zum Staat und zum Parlamentarismus, zur Verteidigung nach außen, auch zur Eigentumsfrage und zu Religion und Kirche. Die Arbeit war ein Blick zurück. Hier ging es um die Fundamente der Sozialdemokratie. Die Arbeit eröffnet auch den Blick auf Widersprüche zwischen Programmen und politischer Praxis, die es ja in der Sozialdemokratie bis 1959 auch gab. Die alte Sozialdemokratie sah in ihren Programmen die vollständige Freiheit des Einzelnen immer erst in einem fiktiven Endzustand, dem„Sozialismus“, verwirklicht. Zugleich aber arbeiteten Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten in der praktischen Politik, in Parlamenten und Regierungen, für mehr Freiheit des Einzelnen unter den konkreten Bedingungen der jeweiligen Zeit. Sie wollten jetzt mehr Freiheit und Demokratie verwirklichen, nicht am St. Nimmerleinstag. Denn Sozialdemokraten waren in der Regel keine Träumer, die auf den irgendwann kommenden besseren Menschen warteten. Sie merkten schnell, dass die Menschen sich nicht so einfach zu besseren Menschen umerziehen ließen. Den Zwang, der dazu nötig gewesen wäre, lehnten Sozialdemokraten immer ab. Sie 12 setzten sich mit den Lebensbedingungen auseinander, die sie vorfanden, und suchten sie zu verbessern. So war die SPD politisch von Beginn an eine Freiheitsbewegung, die viel zur Emanzipation beigetragen hat. Gleichzeitig hatte sie aber in der theoretischen Programmarbeit die Auseinandersetzung mit dem Freiheitsbegriff gegenüber dem Gleichheitsbegriff – Gerechtigkeit würden wir heute sagen – vernachlässigt. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass zusammen mit vielen anderen auch Susi Miller das Godesberger Programm von 1959 als großen Fortschritt begriffen hat: Damals habe sich die SPD endlich zu dem bekannt, was sie in Wirklichkeit immer schon gewesen sei:„eine demokratische soziale Reformpartei, die in Konkurrenz oder in Zusammenarbeit mit anderen Parteien, Staat und Gesellschaft gestalten will“. Das Godesberger Programm hatte das Problem der Freiheit durch das Bekenntnis zur Freiheit des Individuums und seiner Verantwortung vor sich und vor der Gesellschaft überzeugend gelöst. Das neue Grundsatzprogramm hatte einen weiteren wichtigen Schritt getan: politische Macht zu bejahen, um das, was im Programm festgehalten wurde, auch zu verwirklichen. Diese fast ein halbes Jahrhundert alten Überlegungen führen mitten in unsere heutige Programmdiskussion hinein. Wir sprechen heute über die Bedeutung unserer Grundwerte im vollen Bewusstsein der großen Tradition, in der wir stehen und an die wir anknüpfen können. Wir sehen die Verpflichtung, ihre Verwirklichung den heutigen Gegebenheiten anzupassen, nicht sie aufzugeben. Daraus schöpfen wir Kraft und Identität. Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten kämpfen seit 142 Jahren für Emanzipation und Befähigung zur Freiheit. Marx zu lesen, zu verstehen und zu deuten war einmal sehr wichtig. Wichtiger aber war der emanzipatorische Impuls der Arbeiterbildungsvereine: Der unbedingte Wille zur Freiheit und zur Selbstbestimmung. Das Streben nach und die Verwirklichung von Respekt und Anerkennung in der Gesellschaft für 13 jeden und jede. Niemand sollte länger Herr und niemand sollte mehr Knecht sein. Hier hat der Begriff der Teilhabe, der politischen Partizipation, seine Wurzeln. Das steckt ganz tief in der Sozialdemokratie. Daran knüpfen wir an – programmatisch und praktisch-politisch. Wir wollen eine Gesellschaft, in der Menschen frei sind und unter gerechten Bedingungen solidarisch miteinander leben. Aber wir warten nicht auf den besseren Menschen oder die bessere Welt. Wir machen uns keine Illusionen. Beides gibt es nicht. Wir nehmen die Welt, wie sie ist, und gestalten sie zum Besseren. Und ich denke, dass wir da ein gutes Stück vorangekommen sind und viel erreicht haben. Auch das neue Grundsatzprogramm wird sich auf die sozialdemokratischen Grundwerte gründen. Sozialdemokratische Programmatik im 21. Jahrhundert muss zeigen, dass Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität angesichts von Globalisierung und demographischem Wandel, angesichts des rasanten Wandels von der Industrie- in die Wissensgesellschaft nicht nur aktuell bleiben, sondern sich neu bewähren. Wir bestehen auf der Alternative zu denjenigen, die unter mehr Freiheit immer nur mehr Freiheit des Marktes verstehen. Dies wird auch im neuen Grundsatzprogramm ein zentraler Punkt sein. Mehr Freiheit heißt für uns mehr Möglichkeiten zur Selbstbestimmung und mehr Möglichkeiten zum Selbst-Gestalten. Wir bestehen auf dem Primat der Politik vor den Kräften des Marktes und den Kräften des freien Geldmarktes. Geld regiert die Welt – damit können Sozialdemokraten sich nicht abfinden. Früher bedeutete mehr Freiheit zunächst mehr Freiheit vom Staat und Schutz vor Willkür. Heute heißt es zunehmend auch: mehr Freiheit vom Markt und Schutz vor einer in alle Lebensbereiche eindringenden Ökonomisierung. Schutz vor den Übergriffen wirtschaftlicher 14 Logik auf Bereiche, in denen es nicht darauf ankommt, ein gutes Geschäft zu machen. Im Godesberger Programm hat sich die Sozialdemokratie noch damit beschäftigt, wo man Markt zulässt und wie viel Staat auf dem Markt nötig und möglich ist. Heute ist der Markt selbstverständlich und allgegenwärtig. Vielleicht manchmal zu selbstverständlich und zu allgegenwärtig. Heute geht es darum, Bereiche vor zu viel Markt zu schützen, weil sie demokratisch gestaltet werden müssen. Es geht darum, Rechte der Menschen gegenüber ökonomischer Macht durchzusetzen. Kündigungsschutz und Mitbestimmung der Arbeitnehmer sind auch deshalb so wichtig. Marion Gräfin Dönhoff hat in einem ihrer letzten Artikel gefordert, dass wir den„Kapitalismus zähmen“ müssten – um der menschlichen Freiheit willen. Ich stimme ihr zu: Die Rechte der Menschen sind gegenüber allen Zwängen zu behaupten, auch gegenüber dem vermeintlichen Diktat der Börsenkurse. Deswegen wollen wir die soziale Marktwirtschaft bewahren, erneuern und – wo nötig – auch neu durchsetzen. Sie ist das Ordnungsmodell, das sich in Deutschland bewährt hat und das wir in Europa brauchen, wenn wir wirtschaftlichen Erfolg und Wohlstand für alle auf möglichst hohem Niveau auch in Zukunft wollen. Wir wollen die Freiheit vor den sich selbst so bezeichnenden „Liberalen“ in Schutz nehmen. Eine Sozialdemokratie, die sich als Kraft der Freiheit versteht, muss dem entgegentreten.Wir verteidigen den Primat der Politik, um mehr Freiheit zu ermöglichen. Wir wollen mehr Gestaltungsmacht, um die Verhältnisse zum Besseren zu verändern. Freie Menschen brauchen die Freiheit, Mensch sein zu können. 15 Unsere Politik soll Menschen mehr Lebenschancen durch bessere Bildung geben. Unsere Politik fördert Familien und stärkt sie in ihrem Erziehungsauftrag. Unsere Politik sorgt für gleiche Augenhöhe im Betrieb durch Arbeitnehmerrechte und Mitbestimmung. Unsere Politik fördert das Wachstum, das wir brauchen, um neue Arbeitsplätze entstehen zu lassen. Wir können die Jobs mit der Politik nicht schaffen, aber wir wollen den Rahmen so gestalten, dass die Wirtschaft es kann. Unsere Politik stärkt die Chancen zur Teilhabe an Gesellschaft für alle. Unsere Politik ist sozial und demokratisch. Du, liebe Susi, hast dir die Freiheit und das Wissen um ihre fundamentale Bedeutung immer bewahrt. Du hast in deinem Leben die Bedeutung von Freiheit, aber auch von Unfreiheit, ganz elementar erfahren. Deshalb hast du die Erinnerung an Diktatur und Terror wach gehalten. Dafür hast du in der Historischen Kommission der Partei gearbeitet und später in der Arbeitsgemeinschaft ehemals verfolgter Sozialdemokraten. Mit dieser Erinnerungsarbeit hast du das geschichtliche Bewusstsein der Sozialdemokratie wesentlich geprägt und gestärkt. Du hast gezeigt, dass wir stolz auf unsere Geschichte sein können. Viele hast du ermutigt, sich für mehr Demokratie und Freiheit einzusetzen und Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Du hast deinem Leben einen Sinn gegeben, dabeiwie es deiner ethischen Grundhaltung entspricht – nicht nur an Selbstverwirklichung gedacht, sondern viel für die Gemeinschaft und unsere Partei getan. Nur wenn wir wissen, woher wir kommen, können wir den Weg in die Zukunft verantwortlich gehen. Und wir wissen heute, dass nichts von dem, was unsere Altvorderen erstritten und erkämpft haben, selbstverständlich ist. Es ist die Aufgabe der Älteren daran immer wieder zu erinnern. So, wie es Susi ein Leben lang getan hat. 16 Ich danke dir für alles, was du in unserer Partei bewegt hast: Es ist nicht wenig gewesen. Vieles davon bleibt und hat Bestand über diesen Tag hinaus. 17 Rene Saran Branton Friendship from youth My dear Susi, dear friends of Susi, I feel privileged to speak at this celebration of Susi’s 90 th birthday. I doubt whether anyone here today has known Susi for longer than I. Our English friend Nora, one year older than Susi, has also been Susi’s friend for a long time. She has come with me from London to join in this celebration of our dear Susi. Friends of the other side of the Channel have asked me to convey their warmest greetings to Susi. Susi and I met in Berlin when she was 16 and I was 10, shortly before Hitler came to power. So we’ve known each other for over 70 years. Both of us became refugees in England, but we’ve not always lived near each other as Susi – although Jewish – left England after the war to return to Germany. Yet the friendship between us endured, indeed deepened, over time. And this despite the fact that when Susi came to England and, like many political refugees from fascism, needed British nationality in order to work and earn a living, she married my boy friend and became Susi Miller. In other circumstances perhaps I would have become a Miller! In no way did I think that Susi had taken my boy friend from me! This acceptance had to do with our commitment to common aims and values, which stretched far beyond the preoccupations of individual persons. Susi, Nora and I lived in a house near London for five years until the end of the war in 1945. In the sharing of the house, we developed our own form of community life. Although we each led our independent life and went out to work, we shared our main meal and I remember many lively political discussions over supper. This particular war-time community included, over time, Grete Henry-Hermann, Minna Specht and Willi Eichler. Living in a community is probably the most important thought that comes to mind when thinking about our friendship. In con- 18 trast to the usual family setting in which people grow up, Susi and many other friends grew up during our impressionable years in a socialist community. We shared political commitments to fight for a better, more just society. Living in this way we had a better life with the little money we earned – and some to spare for the shared political work. Our values were not materialistic, indeed in some ways life was Spartan – in the early days in England we hung our clothes on a nail on the wall. Yet we had an enormously rich life, our community houses often including people of many different nationalities. Our loyalty to each other has in most cases been life-long, be they friends from Germany, England or other countries. When Susi came to England as a refugee she quickly came to appreciate the ordinary people of London. She joined a Methodist Church settlement in the East End of London as a social worker and later worked for several years in the kitchen of a vegetarian restaurant, the profits of which supported illegal fighters against Hitler in Germany. Susi said in a public conversation with Pat Shipley in 2002 at our International Conference in Birmingham, England’s second largest city: So, I also learnt to understand Cockney and saw the life of ordinary people, of very poor people… I also joined the British Labour Party, spoke at women’s meetings[including meetings of the co-operative women’s movement] about events on the Continent. Nora tells me that in these speeches Susi frequently spoke in favour of a future federal Europe. Susi herself added that her stay in England was an important phase of learning for me. It was not just about learning the language. Yet Pat Shipley, this relatively new English friend of a mere ten years standing, told me of Susi’s fantastic grasp of idiomatic English. For Susi’s appreciation of English humour, Pat deems 19 Susi as an Honorary English Woman. One example of Susi’s appreciation of English humour was the saying she cited in the above conversation: If I open the window it’s fresh air. If you open it, it’s a draught! Susi heard this joke from workmen travelling on the early morning trains into London. Pat found she could laugh with Susi, talk with her about politics and culture in English, with an easy play of the English language. Perhaps Susi liked the English not only for their sense of humour. Susi’s general approach is a pragmatic one, she’s no great admirer of theory divorced from reality. Of course she has deeply held ideas, but she will feel in tune with English people’s approach to life in terms of what is practical, what works. She kept her feet firmly on the ground. I have always admired how Susi dealt with adversity, especially since she became blind. Because of her capacity for friendship she has been and is able to draw on a large circle of friends for support. This has helped her to keep alive her many interests and for some years it has amazed me how she continued to make significant, thoughtful speeches on various occasions without a single note. Last year Susi stayed with me as we celebrated Nora’s 90 th birthday at my home. She had travelled from Bonn, shared in the festivities, made a speech, talked with friends. All in one day. Yet at 1 am when everyone else had gone home, she was still sufficiently lively and awake to have a searching conversation with me around the kitchen table over the English cups of tea which Susi loves. The conversation was not just anecdotal. It was about empirical research methodology and the assumptions made about human nature arising in the study of psychology. Susi often commented in earlier years to my husband Paul Branton, a psychologist, that he was too optimistic regarding human capacity to control life through the exercise of one’s will. Susi summarised: you can’t prove or disprove the existence of free will empirically. 20 Susi’s friendship extended to my husband and, of course, to my mother Mary Saran, also a refugee from Naziism. Before the war in the 1930s, Susi had lived in a London community flat with my mother, in England’s Lane. Luckily my mother had the presence of mind to prevent Susi from burning badly. Her skirt had gone up in flames because she’d stood too close to the famous English open coal fire. My mother grabbed a blanket, rolled Susi in it on the floor. Susi greatly admired my mother, and her much later tribute to her was that she translated into German Mary’s autobiography Never Give Up(Gib niemals auf). Thank you for that, for your friendship, and for much else. No wonder we all love you. 21 Thomas Meyer Leonard Nelson und der Internationale Sozialistische Kampfbund Liebe Susi, verehrte Anwesende! Ich traf Susi zum ersten Mal 1968 auf einer Pfingsttagung von „Geist und Tat“ und konnte nicht ahnen, dass meine eigene links-kantianische Denkweise, die ich meinem Vortrag zugrunde legte, mich unmittelbar ins Zentrum des Denkens und der Herzen der dort Anwesenden führte. Willi Eichler, der die Diskussion leitete, war erstaunt und erfreut. Eine rasch intensiver und vertrauter werdende Beziehung zu ihm begann und viel mehr noch zu Susanne Miller. Sie leitete auf dieser Tagung eine der Arbeitsgruppen, und mir wird in der Rückbesinnung noch deutlicher, dass sich mir schon bei dieser Gelegenheit etwas Wesentliches über sie offenbarte. Der erste Eindruck schien der einer gewissen Unscheinbarkeit im Auftreten und anscheinend zunächst auch in der Diktion der Gesprächsführung. Je länger aber das Gespräch währte, um so eindeutiger zeigte sich ihre Bestimmtheit, Festigkeit und vor allem auch ihre sehr eigensinnige und produktive Art, oberflächliche oder vorgefasste Vorstellungen durch scheinbar kleine Bemerkungen aus der Erfahrungswelt ins Wanken zu bringen und auf diese Weise dem Gespräch einen neuen Impuls zu geben. Niemand, der beide ein wenig kennt, kann bezweifeln, dass das Denken und Handeln, die ganze Persönlichkeit von Susanne Miller durch und durch vom Geist des ISK geprägt sind, auch wenn sie kaum je Begriffsapparate oder Zitate Leonard Nelsons bemüht. Mit dessen rigorosem ethischen Sozialismus und seinen unbedingten Forderungen an die Menschen, die sich in seinen Dienst stellen wollten, ist Susi schon in ihrer Schulzeit in Sofia 22 als Siebzehnjährige in Kontakt gekommen. Ihr dortiger Lehrer für Philosophie und Logik, Prof. Zeko Torbov, der Übersetzer der drei kantischen Vernunftkritiken ins Bulgarische, erzählte den besonders Interessierten seiner Schülerinnen vom linkskantianischen Sozialismusverständnis Leonard Nelsons und dem Wirken des ISK- nicht im Unterricht, sondern in Gesprächsrunden außerhalb der Schule. Das entflammte Susis schon vorher erwachtes Interesse an sozialen und politischen Fragen vollends. Unmittelbar nach bestandenem Abitur konnte sie eine Reise nach Berlin zu den Aktivisten dieser Gruppe unternehmen, die Geist und Tat auf so erstaunlich konsequente Weise in Einklang brachten. Sie begegnete Willi Eichler, dem späteren Vater des Godesberger Programms, und Hellmut von Rauschenplatt, der unter dem Namen Fritz Eberhardt zum Mitverfasser des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland werden sollte. Obwohl die erste Aufnahme durch diesen Kreis alles andere als warmherzig war, war für Susi klar, dass sie dazugehören wollte. Ich kann und möchte nun nicht im einzelnen nachzeichnen, wie sich diese Kontakte vertieften und Susi dann im Londoner Exil und nach ihrer Rückkehr 1946 in Deutschland zu einem aktiven Teil des geistig-politischen Wirkens der LinksKantianer in der Sozialdemokratischen Partei wurde. Ihr Wirken als Sekretärin der Godesberger Programmkommission, als langjährige Vorsitzende der Historischen Kommission der SPD und als Vorsitzende der Philosophisch-Politischen Akademie sind ja hinlänglich dokumentiert und bekannt. Erstaunlich und eindrucksvoll, so denke ich, ist bis heute die Tatsache, dass es Leonard Nelson gelang, allein auf der Basis des kategorischen Imperativs und des unbedingten Ernstnehmens dessen, was er für das gesellschaftliche Zusammenleben und die soziale Ordnung bedeuten muss, dreihundert junge Menschen, darunter anfänglich überwiegend junge Frauen, zu veranlassen, ihr Handeln, ihr ganzes Leben in den Dienst einer moralischen Idee zu stellen, nämlich der Idee einer gerechten Gesellschaft, in der jedem Menschen die gleiche Berücksichti- 23 gung seiner Interessen und die gleiche Förderung seiner Persönlichkeit, also die gleichen Lebenschancen gewährt werden. Dass eine solche Gesellschaft nicht nur den Rechtsstaat voraussetzt, sondern auch die soziale Demokratie und dass ihre Herbeiführung eine moralische Pflicht sei, der sich keiner entziehen dürfe, war die besondere Konsequenz, die Leonard Nelson in seinen klar, streng und schön formulierten philosophischen Hauptwerken gezogen hatte. Nelson hatte dem Neu-Kantianismus zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts eine linke Wendung gegeben, ähnlich wie vor ihm Hermann Cohen und Karl Vorländer, aber auf anderen erkenntnistheoretischen Grundlagen, mit einer anderen gesellschaftstheoretischen Argumentation und mit einer sehr viel fundierteren wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Grundlegung. Im Selbstvertrauen der Vernunft in ihre eigene Erkenntnisfähigkeit erweist sich die Geltung des allgemeinen Sittengesetzes: „Handle jederzeit so, dass Du die Interessen aller von Deinem Handeln Betroffenen als in Deiner eigenen Person vereinigt denken kannst.“ Diese Abwägungsregel, schon in der Konzeption empirie-näher als die kantische Vorläufer-Variante, konnte nun, Nelson zufolge, nicht auf den individuellen Handlungskreis beschränkt bleiben, wenn sie wirkliche Geltung erlangen sollte. Sie musste zum Rechtsgrundsatz für die Organisation des ganzen staatlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens werden und verpflichtete den einzelnen Menschen, der das erkannt hatte, in diesem Sinne zu handeln. Für die Wirtschaftsverfassung bedeutet diese gesellschaftliche Konsequenz der Moral u.a. eine Einschränkung der Handlungsfreiheit des Privateigentums auf die Bedingung der Freiheit aller davon Betroffenen, eine soziale und bildungspolitische Gesetzgebung, die jedem die Chance der freien Ausbildung seiner Persönlichkeit und die Voraussetzungen für ein selbstbestimmtes Leben gewährleistet, also Grundrechte der gesellschaftlichen Teilhabe und der sozialen Sicherung. 24 Nelson selbst hat für dieses Programm die scheinbar paradoxe Formulierung eines revolutionären Revisionismus gefunden, weil es die marxismuskritische Grundlegung mit einer radikalen gesellschaftsverändernden Perspektive verband. Das war der Geist des ISK. Der Kern einer ethisch fundierten Macht zur Erreichung dieser Ziele sollten entschlossene Menschen sein, die sich aus ethischer Entscheidung und geistiger Überzeugung ganz in den Dienst dieser Sache stellen. Die etwa 300 jungen Menschen, die es seit der Gründung des Internationalen Jugendbundes 1917 für wert fanden, ihr ganzes Leben in den Dienst dieser Sache zu stellen, sind dann auch 1933 geschlossen in den Widerstand gegen den Nationalsozialismus eingetreten, teils in der Illegalität in Deutschland, teils im Exil. Susi Miller war eine von ihnen. Ich musste Susi versprechen, mehr über Eichler als über sie selbst zu sprechen. Womit dann freilich auch wieder etwas Wesentliches über sie selbst gesagt ist. Willi Eichler, der schon im Londoner Exil und dann zurück in Deutschland nach Beendigung des Krieges neben Minna Specht und Grete Henry die überragende Persönlichkeit der Nelson-Gruppe war, hat in Susis Leben die Schlüsselrolle gespielt. Die Arbeits- und Lebensgemeinschaft mit ihm, im Londoner Exil und nach der Rückkehr nach Köln 1946 bei der Rheinischen Zeitung, in der SPD und ganz besonders bei der Arbeit am Godesberger Programm hat ihrem Leben Erfüllung gegeben. Eichler hatte schon auf dem ersten Nachkriegsparteitag der SPD in Hannover die Konsequenzen aus der Niederlage der SPD in der Weimarer Republik und aus der Erfahrung mit Faschismus und Kommunismus gezogen, die dann zur Grundlage des Godesberger Programms werden sollten: Die SPD muss zu einer auf ethischen Grundlagen beruhenden Reformpartei werden, wenn sie ihrem historischen Anspruch nach allen Erfahrungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts künftig gerecht werden will. Sie muss die Fesseln des Dogmatismus abstreifen. 25 Interessant am politischen Wirken und Kennzeichen des persönlichen Formats Eichlers ist vor allem, dass er diese Konsequenzen auch für sich selbst zu ziehen verstand und eben nicht den Versuch unternahm, nun etwa einen nelsonianischen Dogmatismus an die Stelle des gescheiterten marxistischen zu setzen. Er führte die äußerst heterogene Gruppe wissenschaftlich und weltanschaulich geprägter Mitglieder der Godesberger Programmkommission, zu denen ja damals neben demokratischen Marxisten, weiteren Nelsonianern, wie Gerhard Weisser, auch empirisch-analytisch orientierte Wissenschaftler wie Stammer gehörten, vielmehr zu einem neuen Konsens und zu einem neuen programmatischen Selbstverständnis zusammen. Das fand in einer berühmten Formel des Godesberger Programms seinen Ausdruck, wonach die letzten Fragen der persönlichen Überzeugungen, seien es weltanschauliche, wissenschaftliche oder religiöse, nicht Gegenstand von Parteientscheidungen sein können, ja nicht sein dürfen. Worum es für das gemeinsame politische Handeln allein gehen kann, ist die Einigung über das Vorletzte, nämlich jene politischen Grundwerte, die für die Gestaltung des gesellschaftlichen und politischen Zusammenlebens der für alle gültige Maßstab sein müssen. Diese Einsicht ist zum Fundament für das Godesberger Programm geworden. Sie hat es möglich gemacht und der Sozialdemokratie die Orientierung und die Kraft verliehen, die ihren Weg in die Regierungsverantwortung ebneten. Der nachmalig viel geschmähte Parteivorsitzende Erich Ollenhauer war es, der das neue Programm von den Anfängen bis zu seiner Verabschiedung energisch gefördert und damit seinen Erfolg erst möglich gemacht hat. Von Eichler zu reden, müsste auch heißen, zu erwähnen, dass er als einer der Allerersten mit dem politisch orientierten interkulturellen Dialog ernst gemacht hat. Nicht in einer flüchtigen Podiumsdebatte, sondern auf einem einwöchigen Seminar der Friedrich-Ebert-Stiftung in Tokio im Jahre 1970 kam er gemeinsam mit Vertretern aller wichtigen in Südost- und Ostasien ver- 26 tretenen Religionsgemeinschaften zu dem Ergebnis, dass sie alle die gleichen sozialen und politischen Grundwerte des Rechtsstaates und der sozialen Demokratie teilen können, wie unterschiedlich auch immer ihre geistigen, religiösen und weltanschaulichen Grundlagen sein mögen. Enden will ich mit der Schilderung einer für Susi Miller, wie ich denke, besonders charakteristischen Begebenheit und einem Dank. Die Begebenheit: Es war 1988. Die Grundwertekommission setzte ihre Gespräche mit den Wissenschaftlern der Akademie für Gesellschaftswissenschaften trotz wachsender Skepsis fort. Als unser Vertrauen darauf, dass unsere Gesprächspartner die Bereitschaft und die Fähigkeit hätten, das mit ihnen erarbeitete Papier„Der Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit“, dem Beispiel Gorbatschows folgend, im Handeln ernst zu nehmen, schwand, drängten wir sie, die nächste Begegnung dem Thema Menschenrechte zu widmen. Beginnen sollte auf unserer Seite Susanne Miller. Es war ihr Vorschlag gewesen, dass jede Seite mit einer offenen Kritik dessen beginnen sollte, was im eigenen Verantwortungsbereich in dieser Hinsicht die größten Defizite seien. Susi legte den Finger auf die empfindlichsten Wunden: sie geißelte vor allem die Verletzung sozialer Grundrechte durch anhaltende Arbeitslosigkeit und den fortwirkend großen Rückstand bei der Verwirklichung der Rechte der Frauen, zumal im beruflichen Leben. Und machte dabei klar, dass wir diese und andere Defizite so kompromisslos brandmarken, weil wir leidenschaftlich Anwälte der Grundrechte sind. Als Max Schmidt für die andere Seite an der Reihe war, wanden sich selbst die übrigen Gesprächspartner auf seiner Seite des Tisches vor Peinlichkeit, weil er nichts anderes als die übliche verlogene Litanei der Selbstpreisung zu bieten hatte. Sie waren entlarvt. Es hatte sich gezeigt, dass die Gespräche ihre Grundlage verloren hatten. Honecker und die Seinen konnten und woll- 27 ten Gorbatschow nicht folgen. Das Alte, wofür sie standen, konnte sie aber erst recht nicht mehr festhalten. Anderthalb Jahre später kam die Stunde der Wahrheit. Enden möchte ich mit einem Dank an Susanne Miller. Dank vor allem für ihre große Fähigkeit zur Freundschaft. Man kann bei ihr lernen, was das heißen kann: ‚Freundschaft’. Dank auch für das Beispiel, das sie uns gibt in ihrem öffentlichen Engagement: präsent, unaufdringlich, klug, kenntnisreich und – trotz, vielleicht wegen der leisen Töne- am Ende oft wirkungsvoller als die Lauten im Lande. Susi, bleib gesund, wir brauchen Dich. 29 Sabine Lemke-Müller Willi Eichler, der„Geist und Tat“-Kreis und die Philosophisch-Politische Akademie Liebe Susi, geehrte Anwesende! Es freut mich, dass ich über einen besonders wichtigen Teil deines Lebens sprechen darf: Über deinen Lebenspartner Willi Eichler, den„Geist und Tat“-Kreis und die PhilosophischPolitische Akademie. Wir haben schon gehört, dass Susi in London in der Küche eines vegetarischen Lokals gearbeitet hat. Wahrscheinlich stammt aus dieser Zeit ihre Kochkunst, mit der sie in den letzten Jahren auch meine Familie und mich verwöhnt hat. Im Jahre 1944 wurde sie von dieser Tätigkeit freigestellt, um als Assistentin Willi Eichlers zu wirken. Diese Zusammenarbeit sollte ihr weiteres Leben prägen. In London redigierte und übersetzte sie seine zahlreichen Manuskripte, die er u. a. in der„Sozialistischen Warte“,„Renaissance“ und„Europe Speaks“ als Bücher oder Broschüren veröffentlichte. Hand in Hand damit ging ihr eigenes Wirken, u. a. durch Vorträge vor allem vor Frauenvereinigungen der Labour Party, in der sie Mitglied war. Willi Eichler war seit Leonard Nelsons Tod 1927 Leiter des ISK, hatte noch 1932 in Berlin den Kraftakt der Herausgabe einer Tageszeitung bewältigt, um dem Nationalsozialismus entgegenzuwirken. Schon 1933 musste er emigrieren, lebte kurze Zeit im Saarland, dann in Paris und gelangte 1938 schließlich nach England. In London beteiligte er sich Ende 1941 an der Gründung der„Union deutscher Sozialistischer Organisationen in Großbritannien“. Eichler wurde nach dem Krieg von in Deutschland lebenden Freunden nach Köln gerufen, um die Leitung der„Rheinischen Zeitung“ zu übernehmen. Er ging Anfang 1946 dorthin, und im April folgte ihm Susi. Willi spielte schon bald eine führende 30 Rolle in der deutschen Sozialdemokratie; er war es, der bereits 1946 auf eine dringend erforderliche„Klärung von Begriffen“ hinwies. Als Beispiel nannte er die zentrale Bedeutung, die Sozialdemokraten damals der Verstaatlichung von Produktionsmitteln für eine gerechte Gesellschaft beimaßen. Durch die Realität in der Sowjetunion sei diese Überzeugung widerlegt worden und die Sozialdemokratie müsse andere Lösungen suchen. Da Eichler als Mitglied des SPD-Parteivorstandes seit 1952 hauptamtlich zuständig war für Kultur und Programmatik, konnte er seinen Einfluss geltend machen. Susi wurde kurz danach seine Sekretärin, also Angestellte des Parteivorstands. Besonders eng arbeitete sie mit ihm in der Kommission zusammen, die das Godesberger Programm der SPD erarbeitete und damit ihren Wandel zur Volkspartei begründete. Sie schrieb die Protokolle der Diskussionen und gab viele wichtige Anregungen. So gelang es, das philosophische und das pädagogische Erbe des ISK in die Sozialdemokratie einzubringen. Das umfangreiche schriftstellerische Werk Eichlers trug entscheidend dazu bei, ein ethisch fundiertes Sozialismusverständnis in der SPD und in Teilen der Sozialistischen Internationale zu verankern. Eines von Susis Aktionsfeldern war die Kölner SPD. Sie wurde schon bald durch ihre Vorträge bekannt, in den Vorstand des Unterbezirks Köln und des Bezirks Mittelrhein gewählt. Als Mitglied der Kommission für Frauenarbeit beim Parteivorstand organisierte sie Frauenkonferenzen auf regionaler und internationaler Ebene. Als sie später in Bonn Politikwissenschaft studierte und 1963 höchst erfolgreich promoviert wurde sah, Willi Eichler darin keinen Anlass für Eifersucht, sondern war froh und stolz über Susis Erfolge. Er selbst hatte nicht studieren können. Wann die beiden geheiratet haben, konnte ich leider nicht erfahren, auch nicht im Gespräch mit Susi. Das sagt nichts über die Bedeutung ihrer Beziehung zu Eichler aus, wohl aber etwas über ihre Distanz zu bürgerlichen Formalitäten. Es hat damit zu 31 tun, dass sie Persönliches unwichtig findet und nicht gerne darüber spricht. So bleibt mir nichts übrig, als aus ihren kürzlich erschienenen Lebenserinnerungen zu zitieren:„Fast 35 Jahre sind seit Willi Eichlers Tod vergangen. Mein bleibendes Gefühl ihm gegenüber ist eine tiefe Dankbarkeit für unsere Gemeinschaft, für seine Großzügigkeit und für die vielfache Ermutigung, die ich durch ihn erhalten habe.So erfüllt war ich vom Leben mit Willi Eichler, dass ich weder während unseres Zusammenseins noch nach seinem Tod jemals das Bedürfnis hatte, mein Leben noch einmal mit einem anderen Menschen zu teilen.“ Eines ihrer gemeinsamen Projekte war die Zeitschrift„Geist und Tat“, eine„Monatsschrift für Recht, Freiheit und Kultur“. Die erste Nummer erschien im Dezember 1946. Inhaltlich konzentrierte sich„Geist und Tat“ vor allem auf die Theoriediskussion im demokratischen Sozialismus. Es gelang, die Zeitschrift trotz gelegentlicher finanzieller Probleme bis zum Tod Willi Eichlers zu erhalten. Dass dies neben den umfangreichen anderen beruflichen und politischen Aktivitäten möglich war, spricht für ein erstaunlich gutes Zeitmanagement der beiden. Sie arbeiteten in ihrer„Freizeit“ an der Zeitschrift. Wie konnten sie das schaffen, neben allem anderen? Typisch für ihre Einstellung ist Eichlers Antwort auf die Frage eine ISK-Mitgliedes im Jahre 1926, wann er sich denn bei all den geforderten politischen und sportlichen Aktivitäten erholen solle:„In der Arbeit“. Dieses Einssein mit dem politischen Tun und Entspannung finden in der Arbeit ist für Willi und Susi gleichermaßen kennzeichnend. Zum„Geist und Tat“-Kreis gehörten auch die Pfingsttagungen, die Susi Miller in der Anfangszeit selbst organisierte. Die erste fand 1951 in der Heimvolkshochschule Springe statt. Ihr Thema lautete„Geistige Grundfragen des Sozialismus“. Ein großer Zulauf von mehr als 150 Personen zu dieser Tagung zeigte, dass die Menschen damals ein dringendes Bedürfnis nach geistiger Auseinandersetzung und Orientierung hatten. Bis 32 1996 wurden die Pfingsttagungen alljährlich durchgeführt und stellten – neben der politischen Diskussion – eine Art Traditionstreffen ehemaliger ISK-Mitglieder, ihrer Angehörigen und zahlreicher Sympathisanten, auch vieler junger Leute, dar. Für ein ehemaliges ISK-Mitglied war es selbstverständlich, in der Philosophisch-Politischen Akademie mitzuwirken. Von 1982 bis 1990 tat Susi Miller das in der Funktion der Vorsitzenden. Sie übernahm das Amt von Erna Blencke, um die Tradition des ISK fortzuführen, das Nelson’sche Erbe zu bewahren und den Zusammenhalt des alten Kreises zu sichern. Den Akademievorsitz gab sie an Thomas Meyer weiter, der ihn auch heute innehat. Schließlich möchte ich eine persönliche Erfahrung mit Susi schildern: Ich war zum Ende meines Politikstudiums durch meine Examensarbeit über das Godesberger Programm auf Willi Eichler gestoßen und hatte Susi über ihn interviewt. Ich fand ihn sehr interessant und kündigte ihr an, dass ich nach dem Studium als Doktorarbeit eine Biographie über Eichler schreiben wollte. Das freute sie natürlich. Leider konnte ich diesen Plan jahrelang nicht umsetzen, weil mich zunächst die Berufstätigkeit voll in Anspruch nahm. Daher hatte ich ein schlechtes Gewissen und ging Susi aus dem Wege. Später fasste ich mir ein Herz und sagte ihr, dass ich die EichlerBiographie vielleicht doch nicht schreiben könnte. Sie reagierte sehr verständnisvoll darauf und meinte, ich solle mich erst einmal beruflich orientieren, das sei wichtiger für mich. Selbst bei diesem Vorhaben, an dem ihr sehr liegen musste, achtete sie die persönlichen Interessen eines anderen! Das hat mich beeindruckt und unsere lange Freundschaft mitbegründet. Als ich dann in einem späteren Lebensabschnitt zumindest den ersten Teil der Biographie doch noch schreiben konnte, half sie mir. Wir entdeckten viele Gemeinsamkeiten: Ich bewundere ihren klaren Schreibstil, der ohne große wissenschaftliche Theorien auskommt und in einfachen, präzisen Sätzen die Dinge klarlegt. 33 Daher freute ich mich über ihre Hilfsbereitschaft. Ich habe ihr in den letzten Jahren viele Aufsätze vorgelesen, die ich publizieren wollte, auch Teile meiner Habilitationsschrift. Sie hat mich konstruktiv kritisiert und ermutigt. Wenn Menschen mich für die verständliche Sprache meiner Schriften loben, wie es gelegentlich geschieht, so kann ich nur sagen, dass sie auch ein Ergebnis unserer Zusammenarbeit ist. Es ist schön und bereichernd, wenn zwei Menschen, die über ähnliche Themen arbeiten, dies in aller Freundschaft tun können. Liebe Susi, nicht nur dafür danke ich Dir! Danken möchten wir dir auch im Namen aller Mitglieder der Philosophisch-Politischen Akademie: für deine zuverlässige Mitarbeit, deine wertvollen Beiträge und deinen klaren Blick für die Bedeutung des Politischen in der Arbeit der Akademie! 35 Bernd Faulenbach Susanne Miller als Vorsitzende der Historischen Kommission beim Parteivorstand der SPS 1981 kam es zur Gründung der Historischen Kommission. Den Vorschlag machte Peter Glotz, Willy Brandt griff ihn auf und ließ die Einrichtung der Kommission durch den Parteivorstand bestätigen. Es ging beiden wohl auf dem Hintergrund einer schwierigen Situation der Partei vorrangig um Bewusstmachung der historischen Identität der Sozialdemokratie. I. Susanne Miller wurde zur Vorsitzenden bestellt. Obgleich sie, folgt man ihren Erinnerungen, wohl Zweifel hatte, ob sie die Richtige für diese Aufgabe sei, war sie dafür in verschiedener Hinsicht prädestiniert: • Sie kannte die Partei, hatte an der Arbeit des Parteivorstandes – insbesondere an der Arbeit der Kommission, die das Godesberger Programm ausarbeitete – teilgenommen, war bei aller intellektuellen Unabhängigkeit in der Partei verwurzelt. • Sie war Historikerin, hatte mit einer Arbeit zur Programmgeschichte promoviert, bedeutende Arbeiten zur Sozialdemokratie im Ersten Weltkrieg und nach der Novemberrevolution geschrieben, hatte in der Kommission zur Geschichte des Parlamentarismus und der Parteien gearbeitet. • Ihr Politik- und Geschichtsverständnis passten zur Sozialdemokratie als einer offenen Partei, die das ältere Geschichtsverständnis aufgegeben hatte. • Sie war schon lange der Ansicht, dass gegen die Defizite historischen Bewusstseins und historischer Kenntnisse in der SPD anzugehen sei. • Sie war soeben in den Ruhestand getreten, war jedoch quicklebendig und lebte in Bonn. 36 • Mit ihrer liebenswürdigen und doch beharrlichen Art und mit ihren Erfahrungen konnte man ihr zutrauen, dass sie die Kommission integrieren werde. Susanne Miller hat die Aufgabe dann sehr engagiert wahrgenommen, ihr gelang es, auch sehr individuelle Historikerpersönlichkeiten zu integrieren, die Kommission sowohl an den Anforderungen der Wissenschaft als auch an denen der Partei auszurichten, d.h. Brücken zu bauen zwischen Wissenschaft und Politik, wenn man so will, zwischen zwei doch recht unterschiedlichen Kulturen, wobei ich freilich nicht weiß, ob sie diese als so unterschiedlich damals wahrgenommen hat wie wir damals Jüngeren. II. Für die Partei wurde die Kommission bald wichtig, weil eine neue Welle historischen Interesses sich in der Gesellschaft der Bundesrepublik herausbildete. Sie ergriff auch die Partei und ihre Umfelder. Die Historische Kommission unterstützte sie, machte sie produktiv für die Partei und die Öffentlichkeit, woran Susi Miller herausragenden Anteil hatte. Die Historische Kommission hat unter ihrer Leitung, unterstützt von tüchtigen Sekretären wie Horst Schmidt und Malte Ristau, die Geschichtsarbeit„vor Ort“ gefördert, z.B. ein größeres Treffen der Geschichtsinitiativen in Oldenburg durchgeführt. In der SPD hat man in dieser Zeit vielerorts begonnen, Geschichte„vor Ort“, auch die Geschichte der Ortsvereine, aufzuarbeiten, Biographien zu rekonstruieren usw. Ein Handbuch zur Geschichtsarbeit wurde im Auftrag der Historischen Kommission erarbeitet. Auch an der Parteispitze fand die Geschichte nun verstärktes Interesse, etwa bei Willy Brandt, der zahlreiche Vorträge zu geschichtlichen Themen hielt, doch auch bei seinem Nachfolger Hans-Jochen Vogel, der anfing, sich„Gegen das Vergessen“ zu engagieren. Das Klima in Partei und Öffentlichkeit entwickelte 37 sich während der 80er Jahre günstig für die Historische Kommission und die Beschäftigung mit Geschichte. III. Die Historische Kommission begann während Susi Millers Amtszeit als Vorsitzende mit den großen Forumsveranstaltungen, die bis heute eines ihrer Kennzeichen sind. Die erste, 1985 in Bonn, hatte den Titel„Geschichte in der demokratischen Gesellschaft“. Auf diesem Forum umriss Susanne Miller das Selbstverständnis der Historischen Kommission, Johannes Rau sprach über Sozialdemokratie und Geschichte, Hans Mommsen diagnostizierte Tendenzen einer Polarisierung des Geschichtsbildes. Außerdem wurde über die Bedeutung von Geschichte für die demokratische Identität diskutiert. Susi Miller grenzte bei dieser Gelegenheit das moderne sozialdemokratische Geschichtsbewusstsein vom älteren sozialdemokratischen Geschichtsglauben ab, schloss ein einheitliches parteioffizielles Geschichtsbild aus, betonte jedoch zugleich, dass Geschichtsbewusstsein und Traditionen zu pflegen,„keineswegs das Privileg konservativer oder gar reaktionärer Kräfte“ sei, wie Gustav Heinemann betont habe.„Für die Erforschung, Darstellung und Vermittlung der Geschichte der Arbeiterbewegung sollen[jedoch] keine anderen Gesichtspunkte gelten als für die Geschichte generell“, heißt einer der Grundsätze zum Selbstverständnis der Historischen Kommission, die Susi Miller 1985 entworfen hat und die von der Kommission diskutiert und gebilligt wurden. 38 IV. Die Historische Kommission erarbeitete in diesen Jahren, unter Beteiligung von Heinrich Potthoff, Helga Grebing, Hans Mommsen, Reinhard Rürup, Klaus Schönhoven u.a., doch stets von Susi Miller geleitet, Materialien zur politischen Bildungsarbeit, insbesondere zur Auseinandersetzung mit der NSMachtübernahme 1933 und mit der Geschichte des Dritten Reiches. Susi Miller entwickelte zudem als Vorsitzende der Historischen Kommission(und auch danach) eine rege Vortragstätigkeit und schrieb zahlreiche publizistische Beiträge – zur Programmgeschichte, zum Verhältnis von Sozialdemokratie und Liberalismus, zur Frauenfrage in der Sozialdemokratie, zur Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus in der Arbeiterbewegung, auch zu Widerstand und Exil – um nur einige Themen zu nennen. Hinzu kommen zahlreiche biographische Skizzen. Wir haben vor 10 Jahren eine Auswahl dieser Beiträge unter dem Titel ‚Susanne Miller: Sozialdemokratie als Lebenssinn‘ publiziert. Häufig ging es ihr um Klärung historischer Tatbestände im Hinblick auf die Gegenwart. Was ihre Vorträge wie ihre publizistischen Beiträge auszeichnet, ist Klarheit der Gedankenführung und Verständlichkeit der Sprache. Einen akademischen, prätentiösen Stil hat Susanne Miller für sich stets abgelehnt. V. Einer der Höhepunkte der Arbeit der Historischen Kommission in den 80er Jahren war das Forum im März 1987, bei dem vor 600 Teilnehmern Historiker aus der Bundesrepublik und der DDR unter dem Titel„Erben deutscher Geschichte – Bundesrepublik und DDR“ über die Themen„Geschichtsinterpretationen und Geschichtsbewusstsein in der DDR und in der Bundesrepublik“,„Reichsgründung – Revolution von oben?“ und„Chancen und Scheitern der Weimarer Republik“ diskutierten. Die Begeg- 39 nung war voller Spannungen, erschien insbesondere den – teilweise ausgesprochen nervösen DDR-Historikern – als großes Risiko. Dass das Forum, das die Streitkultur zwischen der Bundesrepublik und der DDR, zwischen SPD und SED erproben sollte, aufs Ganze gesehen gelang, war nicht zuletzt Susanne Millers Verdienst, die sich mit ihrer natürlichen Menschlichkeit auch um persönliche Probleme der Gäste aus der DDR kümmerte. Es kam dann im Mai 1989 noch zum Gegenbesuch der Historischen Kommission in Ost-Berlin, bei dem die außerordentliche Vorsicht deutlich wurde, mit der die SED diesen Dialog geschehen ließ. Susi Miller war in dieser Zeit auch Mitglied der Grundwertekommission, die mit dem Institut für Gesellschaftswissenschaften das bekannte Streitpapier ausgearbeitet hatte, worüber sie auch in der Historischen Kommission bericht hat. Zweifellos haben derartige Diskussionen nicht die Bundesrepublik, sondern die DDR geschwächt. Die SED begann den Dialog abzublocken, was Erhard Eppler zu seiner Rede am 17. Juni 1989 veranlasste, die eine überaus kluge Diagnose der Situation der DDR und des deutsch-deutschen Verhältnisses enthielt, wie sich rasch zeigen sollte. Hier wie auch später partizipierte die Historische Kommission durchaus an politischen Prozessen; aufs Ganze bewegte sich ihre Arbeit während der 80er Jahre im Spannungsfeld von Politik, politischer Bildungsarbeit und geschichtspolitischer Debatte. Die Bedeutung der Politikberatung sollte nach 1989 wachsen. VI. Susi Miller repräsentierte nicht nur die Historische Kommission, sie war ihre zentrale Gestalt. Willy Brandt sagte bei Susanne Millers 70. Geburtstag im Jahre 1985: „Die Genossinnen und Genossen im Ortsverein kennen sie nicht bloß aus der Zeitung, und die Freunde der Historischen Kommission, denke ich, achten sie auch dafür. Denn das ist ja 40 nicht so häufig: dass jemand mit Verstand und Verständnis Wissenschaft und Politik verbindet; in der Politik nicht nur die sogenannten Großen kennt, sondern auch die sogenannten Kleinen; in der Wissenschaft nicht nur auf Zugewinn an spezieller Erkenntnis aus ist, sondern auch auf das Allgemeinbildende und den interessierten Laien Anregende.“ In der Tat wurden in der Arbeit der Kommission in den 80er Jahren charakteristische Merkmale von Susanne Millers Selbstverständnis und Tun sichtbar: • Sie vermochte in besonderer Weise das Engagement als Sozialdemokratin und die Arbeit als Historikerin zusammenzubringen. Sie befasste sich mit der Sozialdemokratie in prinzipieller Loyalität, die ihr nicht nur die Möglichkeit, sondern geradezu den Auftrag gaben, die Geschichte der Partei eben auch – wo nötig – kritisch zu sehen. • Es ging ihr nicht nur um die Rekonstruktion von Vergangenheit, sondern auch um Orientierung in der Gegenwart. Die Vermittlung historischer Kenntnisse betrachtete sie als eine wesentliche Aufgabe, doch auch als Aufgabe der Historischen Kommission. • Sie beurteilte auch die Schwächen von Menschen und Partei mit einer ausgesprochenen Menschlichkeit und Souveränität zugleich.„Gerechtigkeit“ und„Liebe“ schienen ihr in der fairen historischen Urteilsbildung zusammenzugehören. Sie basierten auf großer Lebenserfahrung und vielfältigen Einblicken in politische Prozesse. Susanne Miller hat die Aufgabe der Historikerin und das Engagement für die Sozialdemokratie nicht als Gegensatz aufgefasst. Im Gegenteil: sie verband beides in einer Weise, dass lebendiges sozialdemokratisches Geschichtsbewusstsein gefördert wurde. Auch nach ihrem Rücktritt als Vorsitzende blieb sie engagiertes Mitglied der Historischen Kommission, übernahm den Vorsitz der AVS. Auch mit dieser Aufgabe hat sich Susi Miller stark identifiziert, allmählich verschoben sich dann ein wenig 41 die Gewichte von der Historikerin, die auch Zeitzeugin war, zur Zeitzeugin, die auch Historikerin war. Liebe Susi, die Historische Kommission, aber auch ich ganz persönlich, danken Dir für Deine Arbeit, gratulieren ganz herzlich und wünschen Dir alles, alles Gute, noch viele gute Jahre und andauernden Lebensmut, der Dich bisher so beeindruckend ausgezeichnet hat. 43 Feliks Tych Meine Begegnungen mit Susi Miller Susanne Miller kenne ich seit 1967. Kennengelernt haben wir uns in Linz, damals dem einzigen Ort, an dem sich eben seit 1967 regelmäßig, immer im September, Historiker der Arbeiterbewegung aus Ost und West trafen und der für uns aus dem Osten sicherlich wichtiger war als für die Historiker aus dem Westen. Zum Glück hatte Bundeskanzler Bruno Kreisky begriffen, dass solch ein Ort nötig war, und auch Unterstützung bei den deutschen Sozialdemokraten gefunden. Der kalte Krieg hatte zwar schon damals seinen Tiefpunkt überwunden, aber die Kuba-Krise lag gerade erst ein paar Jahre zurück. Wie wir alle wissen, war damals um Haaresbreite ein Atomkrieg vermieden worden. Und es war ein Jahr vor dem Prager Frühling, den sowjetische Panzer dann eiskalt unterdrückten. Wer von uns hätte damals gedacht, dass wir, Teilnehmer an den Linzer Treffen – oder doch wenigstens die meisten von ihnen – noch den Tag erleben würden, an dem Deutschland friedlich vereint und Polen ohne Bürgerkrieg oder sowjetische Intervention auf den Weg zur Demokratie gebracht wird und wir uns in einem vereinten Europa mit offenen Grenzen befinden? Dieser Wandel lässt sich in meiner eigenen Biografie nicht von der Geschichte meiner Freundschaft mit Susanne Miller trennen. Beides gehört unauflöslich zusammen. Susi, die genau so wenig wie wir alle nicht das voraussah, was dann Ende der 1980er / Anfang der 1990er Jahre eintrat, verhielt sich uns, ihren Fachkollegen aus dem Osten gegenüber, doch so, als wenn das einmal passieren müsste; auf eine natürliche, nur ihr eigene Weise. Susanne Miller verkörperte für mich die deutsche Sozialdemokratie; nicht die Sozialdemokratie aus den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts oder der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Die kannte ich als Historiker der Arbeiterbewegung gut aus den eigenen Dokumenten der SPD und aus ihrer Presse. Doch von der 44 Nachkriegs-SPD hatte ich nur eine sehr ungefähre Vorstellung. Zu dem, was unsere Hof-Politologen oder Hof-Journalisten schrieben, hielt ich mich auf Distanz, aber eigene Erfahrungen besaß ich nicht. Linz und besonders Susanne Miller wurden für mich die Brücke zur SPD. Hinter meinem grenzenlosen Vertrauen zu Susanne Miller stand vor allem ihre ungewöhnliche Biografie, darunter auch ihre Exiljahre. Für jemanden, der die deutsche Okkupation und ihre Folgen erlebt und überlebt hat, war ein Vertreter Deutschlands, der die Kriegsjahre im Londoner Exil verbracht hatte, – objektiv gesehen – ein idealer Vermittler der Wahrheiten, für die ich offen war. Ich hatte von Beginn unserer Bekanntschaft an einfach das Gefühl, dass ich es mit einer Person zu tun hatte, die moralisch ungewöhnlich integer und offen für Menschen war. So entstand unsere Freundschaft. Ich habe mich viel mit der Frühgeschichte der Arbeiterbewegung beschäftigt. Und plötzlich habe ich in diesem sehr heterogenen – politisch wie auch moralisch – Milieu der Teilnehmer der Linzer Treffen jemanden entdeckt, der bei aller seiner politischen Modernität auch etwas in sich hatte, was mir, als Historiker, nur aus der apostolischen Zeit der Arbeiterbewegung bekannt war. Ihr – Susanne Millers – Idealismus, ihre asketische, bescheidene Lebensweise, verbunden mit der Bereitschaft, den anderen zu helfen, den Menschen zu dienen, erinnerte mich an meine Helden aus dem XIX. Jahrhundert. Ich hatte immer den Eindruck, dass Susanne Miller ihre Aufgabe, die Welt besser zu machen, ganz praktisch anging. Sie hat immer zuerst das getan, womit sie selber helfen konnte, womit sie die Dinge im positiven Sinne beeinflussen konnte. Sie handelte immer aus ihrem ganz eigenen, persönlichen ethischen Impuls heraus. Aber zugleich war sie in der Tat immer ein Teil einer Gemeinschaft, ein Teil ihrer Partei. Ich werde Ihnen ein Beispiel für ihre Haltung und ihre Handlungsweise geben, das für meinen Lebenslauf eine große Bedeutung erlangte. 45 Susanne Miller hat uns, meine Frau und mich, ein paar Mal privat in Warschau besucht. Sie hat mit uns in unserer kleinen Wohnung gewohnt und wir haben mit ihr, besonders am Abend, in der Küche, stundenlange Gespräche geführt. Über alles mögliche: über die Vergangenheit, über die politische Gegenwart und über die Zukunft. Susi war gerade wieder einmal bei uns privat in Warschau zu Gast, als ich – es war im Herbst 1995 – den Vorschlag erhielt, das Direktorenamt des Jüdischen Historischen Instituts in Warschau zu übernehmen. Das Institut befand sich damals in einer tiefen Krise und man suchte verzweifelt nach einem Berufshistoriker, der das Institut aus ihr herausführen könnte. Es war kein Geld vorhanden. Die Sammlungen befanden sich in einem furchtbaren Zustand, das historische Gebäude verlangte dringendst nach einer Generalrenovierung. Der bisherige Direktor wollte nicht länger weiterarbeiten, weil er mit der Situation nicht fertig wurde, und kein neuer Kandidat hatte sich gemeldet. Ich zögerte, ob ich den Vorschlag annehmen sollte, aus vielerlei Gründen. Erstens hatte ich mich bis dahin niemals mit der Geschichte der Juden als Fach beschäftigt. Ich konnte kein Hebräisch, Jiddisch hatte ich fast verlernt und ich wusste nicht recht, woher ich die Mittel nehmen sollte, um das Institut zu retten. Kurz gesagt, ich war der Ansicht, dass ich mich weder für den Posten eignete, noch größere Chancen hätte, die Lage radikal zu ändern. Das Ganze kam mir wie eine Art Kamikaze-Unternehmen vor. Als ich diese Situation mit Susi besprach und ihr die Gründe für mein Zögern nannte – genauer: meine Absicht mitteilte abzusagen –, antwortete Susi kurz:„Polen braucht ein solches Institut. Mach das! Ich helfe dir und ich helfe dir auch, Leute zu finden, die dir dabei helfen.“ Und so war es auch. Auf diese Weise hat Susanne Miller praktisch den sicherlich letzten Abschnitt meiner Biografie gelenkt, der unerwartet für mich selbst wohl zur wichtigsten Mission meines Lebens wurde. Dafür danke ich ihr. Herzliche Grüße, Susi, zu deinem schönen Jubiläum. Bleib uns gesund. 47 Dieter Dowe Begegnungen Liebe Susi, liebe Freundinnen und Freunde von Susanne Miller! „Begegnungen“ haben wir diese Veranstaltung zum 90. Geburtstag von Susi Miller genannt und haben damit – so hoffe ich – einige wichtige Schlaglichter auf ihr Leben und Wirken und vor allem auf ihre Persönlichkeit geworfen. Um das Programm nicht zu überlasten und Deine angegriffene Gesundheit, liebe Susi, zu schonen, haben wir nicht noch weitere Personen und Institutionen zu Wort kommen lassen, für deren Entwicklung Du von großer Bedeutung gewesen bist bzw. noch bist, so etwa die Kommission zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, die Bundeszentrale für politische Bildung, die Universitäten Haifa und Tel Aviv, die Deutsch-Israelische Gesellschaft, die Sozialistische Bildungsgemeinschaft und die AVS, die Arbeitsgemeinschaft ehemals verfolgter Sozialdemokraten, deren Bundesvorsitzende Du seit 1996 bist. Liebe Susi, Du hast in den letzten zwei Jahren in zahlreichen Gesprächen und Interviews mit Antje Dertinger, die auch zugegen ist, Dein wechselvolles Leben Revue passieren lassen. Ihre Tonbänder und Interviews hat Antje Dertinger nun im Verlag J.H.W. Dietz Nachf. in leichter Bearbeitung als Buch veröffentlicht, das vor wenigen Tagen, gerade rechtzeitig zum 90. Geburtstag, ausgeliefert worden ist. Der Titel, beginnend mit einem charakteristischen Zitat unseres Geburtstagskindes, lautet:„So würde ich noch einmal leben“. Erinnerungen von Susanne Miller. 48 Es ist ein schönes Buch geworden, sorgfältig vom Verlag ausgestattet. In ihrer unprätentiösen, dafür um so klareren Sprache erzählt Susi, auf Antje Dertingers Fragen antwortend, von den Höhen und Tiefen ihres Lebens seit dem Ersten Weltkrieg, das im Einklang mit sich selbst stand und steht: von ihrer Jugend in Österreich und Bulgarien, ihrem Exil in London und ihrer Zeit in Köln und Bonn mit Willi Eichler, dem sie am Schluss des Buches ein anrührendes Dankeswort gewidmet hat, sowie schließlich von ihrer politischen und wissenschaftlichen Arbeit in den letzten Jahrzehnten. Diese Erinnerungen bestehen nicht aus abstrakten Analysen über Geschehnisse und Entwicklungen. Das, was sie sagen will, vermittelt Susi vielmehr über ihre Begegnungen und Gespräche mit Menschen, die ihr wichtig waren und sind. Mancher von den Anwesenden wird sich in diesen Lebenserinnerungen wiederfinden. Dabei spart Susi in ihrer„selbstbewussten Bescheidenheit“ – so ein Zitat Wolfgang Thierses – nicht mit Wertungen, die aber in der Regel milde und abwägend ausfallen, nur selten direkt negativ. Wen Susi nicht mag, den übergeht sie einfach oder nennt ihn zumindest nicht mit Namen. Ganz Persönliches versteckt sie oft hinter Informationen, die der Leser daraufhin abklopfen muss. Das Buch ist für uns alle eine Bereicherung. Ich kann es Ihnen nur wärmstens empfehlen. Hilde Holtkamp hält es am Empfang bereit. Vor zehn Jahren haben wir von der Historischen Kommission beim Parteivorstand der SPD eine Sammlung von Susis Aufsätzen herausgegeben mit dem Titel„Sozialdemokratie als Lebenssinn“. Das trifft, glaube ich, voll und ganz zu. Man könnte auch formulieren, dass die Sozialdemokratie die Mitte von Susis Leben ist, ihre Familie, für die sie gelebt hat und lebt und an der sie so manches Mal leidet. Susi gehört einer Generation an, die 49 nicht von der Partei, von der Bewegung gelebt hat, sondern für sie, rückhaltlos und unbedingt. Liebe Susi, uns Historikern der Friedrich-Ebert-Stiftung hast Du allzeit viel gegeben. Zunächst hast Du uns als Mensch vieles vom Leben und Wertehorizont der alten Sozialdemokratie vermittelt, dann als Auskunftsperson und Interviewpartnerin tiefere Einsichten in die Probleme der Emigration und die Nachkriegsentwicklung der Partei geboten, schließlich als Forscherin und Mitarbeiterin der Parlamentarismus-Kommission grundlegende Quelleneditionen und Studien zur Geschichte der deutschen Sozialdemokratie geschaffen. Zahlreichen Veranstaltungen im In- und Ausland, teilweise von Dir mit vorbereitet, hast Du in Deiner Einfachheit schlicht Glanz gegeben, an vielen Publikationen hast Du mitgewirkt. Dafür danken wir Dir. Als ich Dich, liebe Susi, vor ungefähr 35 Jahren als junger FES-Referent kennenlernte, hat Du mich auf Dauer ungemein beeindruckt und geradezu in Bann geschlagen. Nicht nur wegen Deiner profunden Kenntnisse der Geschichte der Arbeiterbewegung, sondern vor allem wegen Deiner schnörkellosen Wahrhaftigkeit und Deiner tiefen Menschlichkeit. Und ich bin stolz, zu Deinen Freunden zählen zu dürfen. Susanne Miller »So würde ich noch einmal leben« Erinnerungen Aufgezeichnet von Antje Dertinger 216 Seiten Klappenbroschur Euro 14,80 ISBN 3-8012-0351-4 Susanne Miller wuchs behütet in einem vermögenden Elternhaus in Sofia und Wien auf. Früh schloss sie sich der Arbeiterbewegung an: Sie beschäftigte sich mit der Philosophie Leonard Nelsons und trat dem von ihm gegründeten Internationalen Sozialistischen Kampfbund bei. Im Londoner Exil lebte und arbeitete sie für den Widerstand politischer Emigranten gegen das NS-Regime. Unter diesen Emigranten: Willi Eichler, dessen Mitarbeiterin und Lebenspartnerin sie wurde. Es folgten wichtige Stationen ihres politischen Lebens: Als Leiterin der SPDFrauenarbeit im Bezirk Mittelrhein veranstaltete sie die ersten internationalen Frauen-Treffen nach dem Krieg. Sie wirkte an der Entwicklung des Godesberger Programms mit. Danach nahm sie ihr in Wien begonnenes Studium der Geschichte wieder auf. Nach weniger als drei Jahren schloss sie es mit einer Promotion ab. Es folgten Jahre erfolgreicher Arbeit als Historikerin und vielfältiger ehrenamtlicher politischer Funktionen. Mit ihren 90 Jahren sagt Susanne Miller heute:»So würde ich noch einmal leben.« Verlag J.H.W. Dietz Nachf. Dreizehnmorgenweg 24 – 53175 Bonn www.dietz-verlag.de – mail to: info@dietz-verlag.de