Interkultureller Dialog A ntisem itism us Tagung der Fried rich-Eb ert-Stiftung in Zusammenarbeit mit dem B eauftragten d er O SZE fü r B ekäm p fung vom A ntisem itism us 14.Juli 2006 in M annheim Dokumentation des Fritz-Erler-Forums Baden-W ürttemberg Landesbüro der Friedrich-Ebert-Stiftung Inhaltsverzeichnis mÉíÉê=táêâåÉêL=bäã~ê=e~ìÖ= Vorwort 2 d Éêí=tÉáë ë âáêÅ Ü Éå= G rußwort 4 bî~=p íêç Ä Éä= G rußwort 7 p íÉé Ü~å=gK=h ê~ãÉê= G rußwort 10 mÉíÉê=h ìêò= G rußwort 14 gìäáìë=p Å Ü ç Éé ë= Vom A ntijudaismus zum A ntisemitismus. Bemerkungen zur Struktur und Wirkung eines Vorurteils 18 h ä~ìë=c~Ä Éê= U nheilige A llianzen. A ntisemitismus im Islam und im europäisch-amerikanischen K ulturkreis 33 j~íÜ á~ë=h ² åíò Éä= A hmadinejads A ntisemitismus und die Politik der EU 50 g ¸ êÖ=r Éäíò Ü ¸ Ñ Ñ Éê= A ntisemitismus und Rassismus im Lichte der Lebensforschung 62 a ÉÄ ç ê~Ü=h® ãé Éê= Sprache und A ntisemitismus 87 gç Ü~ååÉë=eÉáä= Europäischer A ntisemitismus in G eschichte und G egenwart. Die These von der jüdischen Weltverschwörung 101 e~åë J mÉíÉê=o~Ç Ç~íò= Islamischer A ntisemitismus der G egenwart 112 p~Å Ü~=p í~ï ë âá= Das Bild Israels in den K öpfen der Menschen. A ntisemitismus, der N ahostkonflikt und die Medien seit Beginn der A l-A qsa-Intifada 128 A utorenverzeichnis 141 Programm 143 Presseausschnitt„Mannheimer Morgen“ vom 18. Juli 2006 144 1 Vorwort Antisemitismus – ist das überhaupt ein aktuelles gesellschaftliches Thema? Oder konkret: Brauchen wir eine Antisemitismus-Tagung, die Inhalte thematisiert, die im Bewusstsein Mancher eigentlich„abgehakt“ sind oder die einem historischwissenschaftlichen Diskurs zugeordnet werden, der, fernab der Aktualität, bestenfalls Bestandteil einer – wie auch immer gearteten„Erinnerungskultur“ ist? Wir möchten die Notwendigkeit und Aktualität der Antisemitismustagung begründen. Diskriminierung von ethnischen und religiösen Minoritäten, Rechtsextremismus bis hin zu offenem Antisemitismus und Rassismus sind wieder gesamteuropäische politische Phänomene geworden. Das gilt auch für die Bundesrepublik Deutschland. Begnügen wir uns mit nur wenigen, wenn auch alarmierenden Zahlen. Folgt man den einschlägigen Verfassungsschutzberichten(2000-2005) ereignete sich im Jahresdurchschnitt täglich mindestens ein Gewaltdelikt in der Bundesrepublik, das fremdenfeindlich bzw. rassistisch motiviert war. Bedenklich stimmen muss in diesem Zusammenhang auch die Entwicklung der antisemitischen Gewalttaten, denn hier ist die prozentuale Verdoppelung innerhalb dieses relativ kurzen Zeitraums zu verzeichnen. Folgt man den einschlägigen aktuellen Länderberichten zum Beispiel des RAX EN-Information Network oder den Ergebnissen des Europaen Monetoring C entre of Racism and X enophobia, so ergeben sich beunruhigende Befunde. Für eine Vielzahl europäischer Staaten wird das Anwachsen antisemitischer Aktivitäten festgestellt – teilweise mit erheblichen Zuwachsraten. Nach wie vor bedient sich dabei der europäische Antisemitismus seines klassischen Inventars. Nur einige möchten wir hier nennen: das Attackieren und die Verletzung von Juden; Brandanschläge auf jüdisches Eigentum und Einrichtungen; Grabschändungen und antisemitische Graffitis; antisemitische Agitation und Propaganda – insbesondere via Internet und den sog.„Neuen Medien“; die Diskriminierung kultureller und wirtschaftlicher Beiträge des Judentums zur nationalen und gesamteuropäischen Entwicklung und damit verbunden, 2 die Revitalisierung antijüdischer Ressentiments in Form der sog.„Protokolle von Zion“, der Leugnung des H olocaust und das Propagieren der sog.„AuschwitzLüge“; Bemerkenswert erscheint dabei, dass diese eher„tradiert“ anmutenden Erscheinungen des Antisemitismus zunehmend unter dem„Deckmantel“ nahostkritischer und „antizionistischer“ bzw.„anti-israelischer“ Betrachtungsweisen vermittelt werden. Juden respektive Israel sollen dadurch im politischen H andeln in analoger Weise in die Nähe der nazistischen Gewalttäter gerückt und antisemitische Aktivitäten gleichsam als Akte der„Notwehr“ gerecht fertigt und legitimiert werden. Nach diesen Argumentationsmustern gelten Juden als unerwünschte und letztlich gesellschaftlich schädliche Fremdgruppen – mit Konsequenzen, die man sich unschwer vorstellen kann. Die Mannheimer Antisemitismus-Tagung will auf diese Entwicklungen eine breite Ö ffentlichkeit nicht nur aufmerksam machen, sondern sie auch dafür sensibilisieren und engagieren. Nach wie vor gilt der Satz des ersten Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland Theodor H euss, der feststellte:„Wir haben die Aufgabe, eine Gesinnung zu entwickeln, die in Menschen, gleichviel welcher Rasse oder Konfession sie angehören, den Mitmenschen erkennen, bewerten und achten“. Wir danken den Referenten, die diese Tagung durch ihre Beiträge unterstützten und förderten. H errn Ltd. Wissenschaftlichen Direktor Dr. Stegmann von der Fachhochschule des Bundes Fachbereich Arbeit und H errn Ralf H olzwart, Leiter des Bildungsinstituts der Bundesagentur für Arbeit, die diese Tagung in großzügiger Weise unterstützten. Sowie den Teilnehmern für ihr Interesse und ihre Ermutigung. Peter Wirkner Wissenschaftlicher Direktor beim Beauftragten der OSZE für die Bekämpfung von Antisemitismus Elmar H aug Projektleiter Fritz-Erler-Forum Baden-Württemberg Friedrich-Ebert-Stiftung 3 Grußwort von Prof. Dr. Gert Weisskirchen Sehr geehrte Damen und Herren, ich möchte zunächst allen danken, die das Zustandekommen dieser Veranstaltung inhaltlich, finanziell und organisatorisch ermöglicht haben. Besonders danken möchte ich Herrn Elmar Haug von der Friedrich-Ebert-Stiftung. Das Thema lässt uns nicht los – ganz im Gegenteil. Wenn wir uns anschauen, was Richard Stöss bei der Friedrich-Ebert-Stiftung im Hinblick auf die Bundestagswahl zum Thema Rechtsextremismus veröffentlicht hat, so wird man feststellen, dass dieses Thema von brennender Aktualität ist – besonders auch wegen den sozialen Verwerfungen und Konflikten, die von Rechtsextremen in ihre„Argumentationslinien“ übernommen wurden. Man kann daran erkennen, dass der Rechtsextremismus lernt, sich mit neuen Themen zu befassen. Er nimmt neue Inhalte in seinen„Haushalt“ auf. Wir haben es schon lange nicht mehr mit dem alten Rechtsextremismus des westlichen Deutschlands zu tun, sondern mit einer besonderen, neuen Form. Dies können wir übrigens nicht nur in der Bundesrepublik Deutschland, sondern auch im gesamten restlichen europäischen Raum feststellen. Nicht zuletzt durch das Buch von Paul Hainsworth mit dem Untertitel „from the margins to the mainstream“ kann man erkennen, dass wir einem rapiden Wandel unterzogen sind und der rechte Extremismus zu lernen beginnt und dabei zugleich – und das ist das Gefährliche daran – neue Formen der Gewalt einsetzt und für sich selbst nutzt. Dies zeigt sich auch im Verfassungsschutzbericht des Jahres 2005. Es ist ein erschreckendes und gefährliches Bild. Ich möchte darauf verweisen, was die Amadeo Antonio Stiftung für die Jahre 1990 bis heute ermittelt hat: 135 Menschenleben hat die rechtsextremistische Gewalt in Deutschland gefordert – erschlagen, erstochen oder zu Tode getreten. 4 Dabei kann man auch den höheren Anteil von eingesetzter Gewalt erkennen. Das geht sogar so weit, dass in manchen Teilen Ostdeutschlands„No-Go-Areas“ entstanden sind, also solche Regionen, in die man nicht gehen sollte, wenn man nicht„weiß“ ist. Dies hat der ehemalige Sprecher der Bundesregierung Carsten Uwe Heye gesagt. Wie auch immer man das betrachtet, jedenfalls können wir nicht damit aufhören, uns mit dem Thema zu befassen! Der neu entdeckte ideologische Kern des Rechtsextremismus ist der Antisemitismus in seinen unterschiedlichen Formen. Ich möchte hier auf das Buch„Neu-alter Judenhass“ von Klaus Faber und Julius Schoeps verweisen, in dem das Thema in vielen Facetten dargestellt wird. Sie haben das Programm gelesen und ich hoffe sehr, dass wir am Ende dieses Tages etwas dazugelernt haben, insbesondere von denen, die Fachbeiträge halten werden. Zudem hoffe ich, dass wir die Gelegenheit zum Austausch haben werden und nicht nur voneinander erfahren, wie die jüngsten Formen des Rechtsextremismus zu beobachten und zu analysieren sind, sondern vielleicht auch dazu übergehen können so genannte „best practices“ zu diskutieren, also voneinander zu lernen, wie man am Besten gegen die neuen Formen der rechten Extremisten vorgehen kann. Ich freue mich besonders, dass zwei Schulklassen aus der Region unter uns sind. Ich würde mir sehr wünschen, dass Sie sich mit denjenigen, die Sie hier hören, auseinandersetzen, diese befragen oder auch selbst in der Diskussion das Wort ergreifen. Der Kampf gegen den Antisemitismus muss geführt werden! Antisemitismus wird von ganz bestimmten Kreisen geschürt, gelenkt und gesteuert. Das kann man sehr genau prüfen, nachvollziehen, identifizieren und feststellen. Und wenn ich mir nur die Nachrichten von heute vor Augen führe, dann kann man damit rechnen, dass es wieder eine neue„Welle“ geben wird, mit der wir uns auseinandersetzen müssen. Das liegt z.B. daran, dass viele Medien leider nicht präzise darüber berichten, was die Beweggründe sind, warum der Staat Israel jetzt so handelt. Warum wird nie gezeigt, dass dieses Land seit Wochen unter Dauerbeschuss liegt und von Raketenfeuer außerhalb Israels ständig und täglich getroffen wird? Das wird alles ausgeblendet und man kann schon fast ahnen, wohin die Kritik zielen wird: Angeblich sei es so, dass mit unangemessenen Mitteln geantwortet wird. Das wird Nahrung geben für Extremisten. 5 Umso wichtiger ist es, dass von denjenigen, die sich an Israels Seite befinden, diese Haltung unverbrüchlich ist und bleibt und dass Verständnis für diese Haltung geweckt wird. In Israel regiert eine demokratisch gewählte Regierung und natürlich können auch demokratisch gewählte Regierungen kritisiert werden für ihre Handlungen. Denn dort gibt es eine Wache, eine öffentliche Kritik, die schmerzhaft ist! In einer Demokratie gehört das dazu. Aber wir brauchen jedenfalls auch eine, die sich auf die Seite derer zu stellen weiß, die erkennt in welch hochgefährlicher Umwelt die einzige Demokratie in dieser Region leben muss. Und ich kann zumindest für mich sagen, dass jede Demokratie das Recht auf Selbstverteidigung hat, wenn die eigene Existenz bedroht ist. Ich wünsche mir, dass sie offen und nachdrücklich fragen und hoffe sehr, dass dieser Tag etwas dazu beiträgt, dass wir klüger werden und besser handeln können, um unsere Pflichten als Bürgerinnen und Bürger dieses Staates Ernst zu nehmen, um für die Demokratie zu streiten und zu kämpfen, wann immer sie bedroht ist. Ich würde mich freuen, wenn wir diese Tagung zum Themenkreis Zusammenarbeit und Verbesserung von Integrationsprozessen in der Bundesrepublik Deutschland zu einem anderen Zeitpunkt fortsetzen könnten, vielleicht auch hier an dieser Hochschule. 6 Grußwort von Eva Strobel Sehr geehrter Herr Professor Weisskirchen, sehr geehrter Herr Haug, sehr geehrter Herr Kramer, sehr geehrter Herr Kurz, sehr geehrte Referentinnen und Referenten, meine Damen und Herren, eine derart hochkarätige Veranstaltung wie diese Fachtagung des Fritz-Erler-Forums Baden-Württemberg zum Thema„Antisemitismus“ in den Räumen der Fachhochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung begrüßen zu dürfen, ist mir eine besondere Ehre. Ihre Fachtagung heute steht in der Reihe„Herausforderung der Demokratie“ – und Antisemitismus ist eine Herausforderung auch moderner Demokratien wie der in der Bundesrepublik Deutschland. Diese Herausforderung wird zusätzlich noch dadurch verschärft, dass Antisemitismus im 21. Jahrhundert nicht nur eine Erscheinung auf nationaler Ebene ist mit Gewalttaten, die sich gegen jüdisches Leben ebenso richten wie gegen alles Fremde. Antisemitismus ist ein Phänomen, das weltweit auftritt und bei dem sich unheilige Allianzen bilden mit dem einen Ziel, jüdisches Leben verantwortlich zu machen für Missstände, deren eigentliche Ursachen die Handelnden verschleiern wollen. Ihre Fachtagung gastiert in dieser Ausbildungsstätte, die bald Hochschule der Bundesagentur für Arbeit sein wird. Meine Organisation ist sich ihrer Geschichte – auch der dunklen und schmerzhaften Kapitel über die Reichsanstalt – bewusst. In den Seminarräumen und Vorlesungssälen hier in Mannheim gehört die politische Ausbildung zum festen Programm. Unsere jungen Nachwuchskräfte lernen an dieser Stelle auch die Geschichte der Bundesagentur kennen, der früheren Bundesanstalt für Arbeit und natürlich auch der früheren Reichsanstalt. Die immer wiederkehrende starke Betonung der Verpflichtung der Bundesagentur für Arbeit zur politischen Neutralität gehört daher zum Rahmen der Ausbildung und des Studiums dieser Fachhochschule. Die Bundesagentur für Arbeit wirkt auf allen ihren 7 Ebenen rassistischen und fremdenfeindlichen Tendenzen entgegen: Das ist Lehrinhalt der Fachhochschule. Und auch hier tätige Mitarbeiter der Bundesagentur wie Dieter Meier engagieren sich etwa durch die Aufarbeitung der Geschichte der Arbeitsverwaltung gegen diese Tendenzen. Nach dem zweiten Weltkrieg hat die damalige Bundesanstalt aus der Geschichte ihre Folgerungen für eine bessere Zukunft gezogen. Die Reichsanstalt war in der Zeit des Nationalsozialismus ein Werkzeug der Politik. Zwar gab es bis zur Mitte der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts letzte Versuche, einzig und allein dem Auftrag der Arbeitsvermittlung, dem Ausgleich zwischen der Nachfrage nach Arbeitskräften und dem Angebot an Arbeit nachzukommen. Doch hatte sich zu dieser Zeit der Antisemitismus ohnehin schon in den für politischen Druck leichter zugänglichen Feldern durchgesetzt: Juden unterlagen Beschränkungen, die das heute selbstverständliche Recht der freien Wahl des Berufes zu einer Randnotiz machten. Für jüdische Ä rzte, Rechtsanwälte und andere Freiberufler galten Restriktionen ebenso wie für jüdische Geschäfte und Warenhäuser, Handwerksbetriebe und Unternehmen, die dann zwangsenteignet wurden. Ab 1935 galt für die Reichsanstalt nicht mehr der Auftrag, ohne Rücksicht auf Herkunft, Nationalität oder Religion am Arbeitsmarkt auszugleichen und zu vermitteln. Juden wurden gezielt aus dem Arbeitsleben herausgedrängt mit Vorgaben, die die Politik machte und die die damaligen Arbeitsämter zum größten Teil auch vollständig umzusetzen versuchten. Und auch als das Blatt sich noch einmal wandte und die Unterbeschäftigung kriegsbedingt der Ü berbeschäftigung wich, als für den Rüstungsnachschub jede Hand plötzlich benötigt wurde, wurden die dafür in der Produktion benötigten Menschen durch die Reichsanstalt rekrutiert. Und noch bei einer weiteren Wende – der durch die Wannseekonferenz ausgelösten letzten und furchtbarsten – spielte das, was durch die nationalsozialistischen Machthaber noch von der Arbeitsverwaltung belassen worden war, die Rolle des Erfüllungsgehilfen der Politik. Der Antisemitismus gipfelte im Abzug der noch in Deutschland lebenden und arbeitsfähigen jüdischen Bevölkerung aus den kriegswichtigen Betrieben in die Vernichtungslager. 8 Die Bundesagentur für Arbeit heute steht dafür, diesen Teil der Geschichte der Arbeitsverwaltung verstanden zu haben. Neutralität ist Verpflichtung für jeden Mitarbeiter, ob er nun in der Zentrale in Nürnberg arbeitet, in der Mittelinstanz der Regionaldirektion oder direkt in einer Agentur für Arbeit, in denen Menschen aller Rassen, Hautfarben und Religionen gleich behandelt werden. Die Bundesagentur und auch die anderen„Public Employment Services“ in Europa fühlen sich dem Grundsatz verpflichtet, allen Menschen den freien Zugang zu den von ihnen angebotenen sozialen Diensten zu gewähren. Wir haben keine aktuellen Erkenntnisse darüber, dass von dieser Neutralität abgewichen wird. Aus diesem Grund freue ich mich besonders, Sie als Gäste der Bundesagentur für Arbeit in den Räumen der Fachhochschule zu begrüßen und Ihnen auch die herzlichen Grüße des Vorstandsvorsitzenden meiner Organisation, Frank Jürgen Weise, zu überbringen. Ich wünsche Ihnen einen erkenntnisreichen und anregenden Verlauf Ihrer Tagung. 9 Grußwort von Stephan J. Kramer Zitat: „Als Einleitung teile ich Ihnen mit, dass ich Jahrgang 1951 bin. Da wir ja keine Volksdemokratie haben, sondern eine Staatsform, die aufgrund der geschichtlichen Vergangenheit besonders Minderheiten(wie z.B. die Juden) bevorzugt, frage ich Sie, wie viel Millionen Euro Sie diesmal von unserer Regierung erhalten haben, damit erlaubt wird, dass so viele westdeutsche Flaggen zur WM geschwenkt werden durften?“ Diese E-Mail, die beim Zentralrat der Juden einging, ist keine unrühmliche Ausnahme, sie gibt vielmehr den Tenor der Post wieder, die wir täglich erhalten – und das mit vollständigen Adressangaben –, und spiegelt die antisemitischen Klischees und Denkweisen in der Gesellschaft wider. Mit großem Pathos wirft man sich in der Politik nicht selten allzu gern in die Pose des besseren Gutmenschen, der angesichts des nationalsozialistischen blutrünstigen Terrors voller Abscheu und mit tiefster Überzeugung das Wiederkehren der braunen Bestialität für undenkbar hält und sich selbst von jeder Form von Rassismus und Antisemitismus gefeit sieht. Dass die Zeit des braunen Terrors niemals wiederkehren kann, gilt als Gemeinplatz – und häufig genug wendet man sich beim Blick in die Geschichte vor 1933 nicht selten kopfschüttelnd ab – ungläubig, dass man damals die Zeichen der Zeit – das drohende Grauen – nicht habe deuten können. Szenenwechsel: Berliner Sport Forum, Heimspielstätte des BFC:„Drecksjude, gib Gas“ hallt es hasserfüllt durch das Stadion. Gesänge erschallen:„Eine U-Bahn von St. Pauli nach Auschwitz“. In Fankurven in Chemnitz„marschiert der nationale Widerstand“.„Die Juden muss man alle in eine Tüte stecken und in ihre Heimat schicken“ schreit es auch hier von den Rängen. Clubs, die in den 20er Jahren jüdische Mitglieder hatten, z. B. die 10 Charlottenburger„Lila-Weißen“, werden noch heute in deutschen Stadien als „Judenclubs“ tituliert. Es gibt unzählige rassistische Gesänge, die sich gegen schwarze Spieler wenden, die„in den Busch“ zurück sollen, das gegen Türken gerichtete„DönerKebab-Lied“ dürfte einer Vielzahl von Stadienbesuchern bekannt sein. Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Rassismus sind in deutschen Stadien – und nicht nur dort – an der Tagesordnung und bleiben allzu oft unwidersprochen. Die bei Rechtsradikalen beliebte Modemarke„Thor Steinar“ gehört offenbar ebenso zur Etikette wie Shirts mit der Aufschrift„Hooligan“. Die Gegenwart ist alarmierend genug. Ich erinnere nur an die Vorkommnisse in Potsdam, Pretzien und Plötzky. Das Geschwür des Rechtsradikalismus hat sich längst im vorpolitischen Raum breit gemacht und breitet sich weiter aus. Hier sind oftmals die so genannten„Freien Kameradschaften“, rechtsextremen Jugendcliquen und eine Hooligankultur, die rassistisch und rechtsextrem motiviert ist, weitaus gefährlicher als die politischen Parteien wie DVU und NPD. Auch wenn deren Volksfrontstrategie bislang nicht aufgegangen ist, in kleinen Gemeinden wird hierfür weiterhin fleißig geplant. Die Politik wiegt die Öffentlichkeit nur allzu häufig in einer trügerischen Sicherheit, statt endlich den Kampf gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit in der politischen Auseinandersetzung offensiv aufzunehmen, man versteckt sich hinter Justiz und Polizei. Wer die Perspektiven von Kindern und Jugendlichen nicht spürbar verbessert und sie ernst nimmt, darf sich nicht wundern, dass die rechten und linken Scharlatane die Gesellschaft radikalisieren. Kinder werden nicht als Antisemiten geboren, die Gesellschaft macht sie dazu! Dennoch- es gibt viele ermutigende Zeichen im Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus- und noch mehr ungenutzte Möglichkeiten! Übergriffe auf nicht rechts aussehende Jugendliche, Hetzjagden auf Migrantinnen und Migranten finden fast täglich statt, sie gehören neben dem Besuch von Aufmärschen, Konzerten und Kampfsportstudios mittlerweile schon zur Freizeitgestaltung vieler NeoNazis. 11 Neben überzeugten Tätern und Tätergruppen, die zumeist alkoholisiert ihre Opfer finden und, durch eine gefährliche Gruppendynamik geleitet, eher spontan Anschläge auf Gedenkstätten, Friedhöfe oder Kebab-Buden verüben, tritt längst eine organisierte neonazistische Tätergemeinschaft auf, die bewusst plant, sich gezielt vorbereitet und dabei kaltblütig Opfer einkalkuliert. Man führt den„Kampf auf der Straße“, um so den „Kampf um die Köpfe“ zu gewinnen. Einfache Patentrezepte gegen Rechts kann niemand benennen. Wer schnelle Lösungen verkündet, der verschweigt meist deren Begrenztheit. Nur vielfältige Gegenstrategien, die innerhalb der Gesellschaft verankert sind, können eine politische Auseinandersetzung mit Antisemitismus, Rassismus und Neonazismus vorantreiben, wenn sie deren gesellschaftliche Bedingungen nicht ausblenden. Doch Neonazismus ist nicht allein ein juristischer Konflikt. Er ist vor allem ein politisches Problem.„Um tolerant zu sein“, betonte schon Umberto Eco 1993 in der Zeit angesichts der Diskussion um die„Neuen Rechten“, muss man die Grenzen, was nicht tolerierbar ist, festlegen. Diese Grenze sollte nicht erst beim militanten Neonazismus liegen, sondern bei den rechten und linken Ressentiments, dem Abwerten und Ausgrenzen von Flüchtlingen, Behinderten, Homosexuellen, Obdachlosen, Muslimen und Juden beginnen. Durch die gestiegene gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in der Mitte der Gesellschaft fühlen sich die Rechten als die„wahren Volksvertreter“ bestätigt und angespornt, weiter für„Volk und Vaterland“ zu marschieren. Nicht nur moralische Appelle, sondern ständiger Widerspruch gegen rechte Alltäglichkeiten sind notwendig. Gegen diese Ressentiments versuchen diverse Bildungsinitiativen und Gewerkschaften zu sensibilisieren. Doch die unterschiedlichen Träger dieser Aktivitäten, ebenso wie die wenigen Hilfsorganisationen für Opfer rassistischer und neonazistischer Gewalt können kaum eine nachhaltige Wirkung entfalten, da sie stetig um ihre Finanzierung bangen müssen. Eine längerfristige Sicherung dieser Projekte und gravierende Verbesserung der Jugendarbeit wären dringend geboten. 12 Die Bundesregierung muss daher endlich offensiv, nachhaltig und mit überzeugenden und finanziell langfristig abgesicherten Strategien gegen den erstarkenden Extremismus vorzugehen. Es ist wenig überzeugend, einerseits mit Appellen an die Zivilgesellschaft und den Wähler die Rechtsextremisten verhindern zu wollen und andererseits die wichtige Arbeit der zivilgesellschaftlichen Initiativen, wie mobilen Beratungsdiensten und Opferberatungen zu verunmöglichen, indem man deren finanzielle Förderung in Frage stellt und sie damit handlungsunfähig macht. Die Neonazi-Szene muss als das erkannt werden, was sie ist: ein militantes Netzwerk von Gesinnungsgenossen, das aus politischen Motiven nicht vor kriminellen Aktionen zurückschreckt. Doch geht die„zweite Schuld“, wie Ralph Giordano den„großen Frieden mit den Tätern“ nach der„ersten Schuld“ nennt, schon vielerorts in die„dritte Schuld“ über – die gefährliche Verharmlosung militanter rechter Kräfte in unserer Gesellschaft. Darum ist eine Problemanalyse für die Jugend- und Bildungsarbeit unentbehrlich, aus der ein Gesamtkonzept, sozusagen ein Aktionsplan, entstehen muss, an dessen Umsetzung die Beteiligung aller gesellschaftlichen Gruppen gefordert ist. Eine Veränderung ist auch in der Ausbildung der Lehrer vonnöten, die zunehmend mit Jugendlichen rechtsradikaler Ideologie konfrontiert sind und den richtigen Umgang mit ihnen oftmals erst lernen müssen. Meine Damen und Herren, Erinnerung ist keine Last, sondern eine Herausforderung für die Zukunft. Die Nachkriegsgeborenen haben keine Schuld auf sich geladen. Aber aus dem Wissen um die Geschehnisse zwischen 1933-1945 haben wir eine Verantwortung dafür einzutreten, dass sich Gleiches nicht wiederholt. Egal um welche Minderheit es sich auch handelt. In diesem Sinne hoffe ich, dass diese Tagung uns allen neue Anregungen und Ideen liefert, noch entschlossener und gemeinsam gegen die rechten und linken Antidemokraten vorzugehen. 13 Grußwort von Peter Kurz Den Antisemitismus als Herausforderung der Demokratie zu begreifen, lautet die Aufgabe der heutigen Tagung. Antisemitismus zielt in letzter Konsequenz auf die Eliminierung des Judentums, auf die Vertreibung bzw. Auslöschung der Träger jüdischer Kultur. Die von den Nationalsozialisten ausgehende Shoa verwirklichte diese Zielsetzung mit einer mörderischen Konsequenz, die der Politiker Walther Rathenau, der nicht zuletzt wegen seiner jüdischen Abkunft Opfer eines Anschlags der rechtsextremistischen „Organisation Consul“ wurde, noch nicht einmal erahnen konnte. Rathenau glaubte noch an die Notwendigkeit, dass das Judentum bestehen bleiben müsse, ÇÉåå= ÇÉê= Ñ~êÄáÖÉ= oÉáÅÜíìã= ÇÉê= aáåÖÉ=~ìÑ= bêÇÉåI= ÇÉê= ÖÉëÅÜ~ÑÑÉåÉå= ìåÇ= ÉêòÉìÖíÉåI=~ìë=~ääÉå= oÉáÅÜÉå= ìåÇ= w ÉáíÉåI= bäÉãÉåíÉå= ìåÇ= dÉáëíÉêå= áëí= ëç= ÜÉêêäáÅÜ= ìåÇ= ëç= ìåÄÉê ² ÜêÄ~ê= ÜÉáäáÖI= Ç~ëë= âÉáå= ëÅÜ ¸ éÑÉêáëÅÜÉê= dÉÇ~åâÉ= ÑçêÇÉêå= Ç~êÑI= Éáå= l êÖ~åáëÅÜÉëI= q áÉÑÖÉÖê ² åÇÉíÉë= ìã= ÉáåÉë=~åÇÉêÉå=l êÖ~åáëÅÜÉå=ïáääÉå=ÉåÇÖ ² äíáÖ=òì=çéÑÉêåK=^ ääÉ=s Éêë ¸ ÜåìåÖ=áëí=pó åíÜÉëÉK Der Völkermord der Nazis am europäischen Judentum widersprach dieser Erkenntnis mit einer Radikalität, die zunächst weitgehende Sprachlosigkeit hinterlässt. Selbst eine ausgewiesene Kennerin historischer Details wie die Philosophin Hannah Arendt musste in einem Briefwechsel mit Karl Jaspers angesichts der im Auschwitz-Prozess zu Tage kommenden ìåÉêíê®ÖäáÅÜÉå Fakten zugestehen: j~å=ïÉá — =åáÅÜíI=ï~ë=ã~å=ë~ÖÉå=â~ååK Dass diese barbarische politische Entwicklung auch in Mannheim Wirkung zeitigte, entspricht sicher nicht dem historischen Profil dieser Stadt. Ihre Gründung, mehr noch ihre Wiedererrichtung nach dem 30-jährigen Krieg war eng verbunden mit weitgehender Toleranz gegenüber Angehörigen anderer christlicher Konfessionen wie auch gegenüber den ersten nach Mannheim zugezogenen Juden. Die von Kurfürst Karl Ludwig gewährte Konzession aus dem Jahr 1660 enthielt weit reichende Zugeständnisse, die Juden eine Existenzgründung, wirtschaftliche Betätigung sowie freie Ausübung ihres Glaubens ermöglichten. Gleichwohl prägten auch damals nachbarschaftliche Konflikte und Eifersüchteleien das Verhältnis der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen, veränderte sich die Haltung der aufeinander folgenden Fürsten zu den Minderheiten über die Jahrhunderte kurfürstlicher Herrschaft hinweg ständig. Im 14 Gegensatz zu aufkommenden antijüdischen Stimmungen im 18. Jahrhundert scheiterte in Mannheim immerhin das Projekt der Errichtung eines Ghettos für die Juden. Die Aufklärung und der Siegeslauf der Französischen Revolution weckten sodann die emanzipatorischen Kräfte. Ein Zeitalter der Liberalisierung begann. Mannheim wurde im 19. Jahrhundert ein Zentrum des aufgeklärten, liberalen Judentums, eine Entwicklung, die mit dem wirtschaftlichen und sozialen Aufschwung der Stadt einherging. Auf der politischen Ebene wurde dieser Entwicklung durch das im Jahr 1862 verkündete dÉëÉíò= ² ÄÉê=ÇáÉ=Ä ² êÖÉêäáÅÜÉ=däÉáÅÜëíÉääìåÖ=ÇÉê=f ëê~ÉäáíÉå Rechnung getragen. Sein Urheber, der badische Staatsminister August Lamey, war zwar gebürtiger Karlsruher, lebte aber lange Jahre in unserer Stadt und wurde 1866 mit der Ehrenbürgerwürde ausgezeichnet. Sein Denkmal fiel der NS-Barbarei zum Opfer, unter der er als Judenfreund beschimpft wurde. Lamey selbst war nicht jüdischer Abstammung, aber eine ganze Reihe weiterer liberaler Größen der Stadt – Politiker, Wissenschaftler, Ärzte, Erzieher und Unternehmer – entstammte jüdischen Familien und zog daher den Hass der Nazis auf sich, die – einmal an die Macht gekommen – aller Toleranz ein Ende setzten. Altersheime, Krankenhäuser, Fürsorgeanstalten aller Art, durften seit 1933 keine Juden mehr aufnehmen, obwohl sie mit jüdischem Geld geschaffen worden waren. Und nicht wenige Museen, Kunstsammlungen, Konzerthäuser, die vor und nach 1900 in Deutschland errichtet wurden, trugen auf den Tafeln ihrer Gründer und Förderer jüdische Namen. Mit deren Tilgung und mit der Vertreibung und Ermordung der Stifter und ihrer Angehörigen sollte jeder Gedanke an sie ausgelöscht werden. Dies ist den Tätern nicht gelungen; aber mit Blick auf die Chancen einer Stadt, die als Stätte der Toleranz groß geworden war, wo Juden und andere Glaubensflüchtlinge immer willkommen waren, sind doch die Belastungen durch die Ideologie und die Verbrechen der Nazi-Jahre zu bedenken. Denn in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg fanden immer wieder auch in Mannheim Übergriffe gegen jüdische Einrichtungen statt. Verwüstungen auf dem jüdischen Friedhof gab es mehrfach, latenter Antisemitismus war noch lange in den Amtsstuben anzutreffen. Aber es gibt glücklicherweise auch eine gegenläufige Tendenz, der es in den letzten Jahrzehnten gelang, auf die demokratische Entwicklung unserer Stadt prägend einzuwirken. Daher bedeutet es durchaus eine 15 eindeutige Stellungnahme gegen alten wie neuen Antisemitismus, wenn wir heute gemeinsam über dessen Ursachen und Ausformungen nachdenken. Nutzen wir die Chance, die historischen Erfahrungen fruchtbar zu machen im Sinne von Theodor Adorno und Max Horkheimer, die im Vorwort zu einer in Mannheim gedruckten Studie über Antisemitismus die Analyse des Vergangenen – das báåÖÉÇÉåâÉå der ÖÉçéÑÉêíÉå= gìÇÉåI wie sie sagen – als bäÉãÉåí= ëçòá~äÉê= fåíÉÖê~íáçå einfordern. Angesichts eines bis in die Mitte unserer Gesellschaft hinein wirkenden „Geschichtsrevisionismus“ setzt es auch heute durchaus Mut voraus, in den zahlreichen Konflikten um eine Notwendigkeit weiteren Gedenkens an den Holocaust deutlich Position zu beziehen. Anlässlich der Friedhofsschändungen im südfranzösischen Carpentras im Herbst 1990 äußerte sich der damals amtierende erste Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Mannheim Georges Stern in der Berliner q~ÖÉëòÉáíìåÖI er wünsche sich mehr = hçåíáåìáí®í= áå= ÇÉê=^ìÑ~êÄÉáíìåÖ= ÇÉê= dÉëÅÜáÅÜíÉI= ÇáÉ= åáÅÜí= ìåëÉêÉ= à ² ÇáëÅÜÉI= ëçåÇÉêå= ìåëÉêÉ= ÖÉãÉáåë~ãÉ= ÇÉìíëÅÜÉ= dÉëÅÜáÅÜíÉ= umfasst. In diesem Sinne wird es unser Ziel sein müssen, diese gemeinsame Geschichte zu denken, auch und gerade über die von der nationalsozialistischen Terrorherrschaft errichteten historischen Schranken hinweg. Dass wir dazu Bezugspunkte in der Vergangenheit verorten müssen, um nach neuen Erkenntnissen zu suchen, darf uns nicht schrecken, sind wir doch auf einem guten Weg. Mit dem Gedenkkubus in den Planken haben wir einen erneuten Anfang gewagt haben, einen Anfang, der aus dem Anknüpfen an die nur ungenügend geleistete Aufarbeitung historischer Schuld heraus geboren wurde. Der auf den politischen Aspekt beschränkten Wahrnehmung des klassischen Antifaschismus mit seiner„Nie-wieder“-Parole muss eine historisierende Dimension, eine erweiterte Sicht zur Seite gestellt werden, die auch die strukturelle Fernwirkung des Nationalsozialismus auf die Nachkriegsgesellschaft einbezieht. Ein Denkmal für die ermordeten jüdischen Mitbürger musste folgerichtig im Mittelpunkt der Stadt stehen. Gedenkarbeit ist dabei auch als Prävention zu verstehen – báåÖÉÇÉåâÉå , aus dem wir für die Zukunft schöpfen. Ähnliches gilt für die jährlich stattfindende AuschwitzGedenkveranstaltung am 27. Januar, die mittlerweile traditionell von Mannheimer Schülerinnen und Schülern mitgestaltet wird. 16 Schon Norbert Elias stellte in einer frühen Studie über den Antisemitismus fest, Ç~ëë=Éë= ÉáåÉ=ÉåÇÖ ² äíáÖÉ=eÉáäìåÖ=ÇÉë=dÉëÉääëÅÜ~Ñíëâ ¸ êéÉêë=îçå=ÇÉã=§ ÄÉä=ÇÉë=^åíáëÉãáíáëãìë=ÄÉá= ÇÉã=ÜÉìíáÖÉå=wìëí~åÇ=ÇÉê=dÉëÉääëÅÜ~Ñí=åáÅÜí geben könne, und dieses Urteil kann man durchaus aus seinem Entstehungskontext des Jahres 1927 übertragen auf die heutige Zeit. Es deutet hin auf die Gefahr, der man ins Auge sehen muss: Jugendarbeitslosigkeit, Orientierungslosigkeit, weltweite Krisenerscheinungen der Gesellschaft lassen mancherorts die alten Propagandareden wieder attraktiv erscheinen. Sie treffen uns aber nicht unvorbereitet. 17 VOM ANTIJUDAISMUS ZUM ANTISEMTISMUS Bemerkungen zur Struktur und W irkung eines Vorurteils von Julius H. Schoeps Das Verhältnis der Juden zu den Völkern ist heute von dem Trauma Auschwitz her bestimmt. Nicht nur im jüdischen Denken und Fühlen hat der"Holocaust" tiefe Narben hinterlassen. Der Untergang der europäischen Judenheit, der von der Welt geduldete, durch Schweigen und durch mangelnde Hilfsbereitschaft unterstützte Massenmord an den Juden Europas wirkt nach, wird jüdische und nichtjüdische Existenz auch in Zukunft noch beeinflussen. Die Angst vor der Wiederkehr des Grauens, die Angst, dass das Unvorstellbare wieder Wirklichkeit werden könnte, sitzt tief. Verdrängen lässt sich diese Angst nicht, und zwar schon deshalb nicht, weil vieles bis heute ungeklärt blieb. Wie hatte es dazu kommen können, dass eine Kulturnation im Herzen Europas der Barbarei verfiel? War es nur die logische Konsequenz der biologisch begründeten Rassenideologie, die sich zu einer Art Rassenmythologie gesteigert hatte? Oder waren es schlicht die Wahnideen eines Verrückten, der Subalterne aller Ränge und Schichten dazu gebracht hatte, fabrikmäßig zu morden? Fest steht nur, dass seit der Zeit der Zerstörung des Tempels im Jahre 70, seit der Zeit der Verbannung und gewaltsamen Zerstreuung, es das Problem der Juden unter den Völkern gibt, einer Minderheit, deren Angehörige durch Religion, Geschichte und Tradition irgendwie zusammengehalten werden, obwohl sie in Sprache, Sitten und Kultur weitgehend voneinander geschieden und sich an die Bedingungen ihrer jeweiligen Wohnländer angepasst haben. In seiner lesenswerten Untersuchung"Die Judenfrage. Biographie eines Weltproblems" hat Alex Bein die Ansicht vertreten, es seien die Juden wahrscheinlich selbst gewesen, die die Voraussetzungen der so genannten"Judenfrage" geschaffen hätten. Sie seien als Volk nicht untergegangen, wären bei ihrer Identität geblieben und hätten es gewissermaßen abgelehnt, die "Spielregeln" der Völkergeschichte anzuerkennen. Trotz des völligen Zusammenbruchs ihrer staatlichen Existenz und ihres religiösen Zentrums, trotz des so offensichtlich scheinenden Beweises ihrer eigenen Machtlosigkeit und der Machtlosigkeit ihres Gottes, hätten sie an ihrer Religion und der auf ihr beruhenden Lebensweise festgehalten. Aber, 18 so Bein, vermutlich sei es gerade diese Haltung, die auf Unverständnis stößt, mit der sich viele Nichtjuden im Grunde bis heute nicht hätte abfinden können. Gewiss hat es zu allen Zeiten auch Philosemiten gegeben, aber Normalfall ist doch Ablehnung gewesen. Wer sich um eine wirkliche Antwort auf die Frage bemüht, was letztlich hinter der Ablehnung der Völker gegenüber den Juden steckt, muss den Mut haben, Fragen so radikal wie nur möglich zu stellen. Das Phänomen der Judenfeindschaft ist nicht zu begreifen, wenn man es nur von außen analysiert und interpretiert. Die Judenfeindschaft hat immer auch mit einem selbst zu tun, mit dem eigenen"Ich". Es fällt deshalb auch schwer, sich dieser Problematik überhaupt zuzuwenden. Sie ist lästig. Die Ahnung stellt sich ein, wenn man diesen Fragen auf den Grund geht, dass dann die eigene Identität ins Wanken geraten könnte. Und das ist bekanntlich etwas, vor dem die Meisten Angst haben, was die Wenigsten wollen. Zu einer Fehleinschätzung führt es, den Antisemitismus, wie die Judenfeindschaft in ihrer modernen Ausprägung genannt wird, allein und ausschließlich als eine Krisenerscheinung der kapitalistischen Gesellschaft deuten zu wollen. Das ist eine Interpretation, die zwar modern ist, aber letztlich, trotz bestimmter Eichsichten, doch zu kurz greift und dem Phänomen nicht gerecht werden kann. Die Judenfeindschaft hat nämlich- und das ist der Kern der folgenden Überlegungen- ihre Wurzeln in religiösen Überzeugungen, und zwar in der christlich-jüdischen Differenz, genauer in der traditionellen Ablehnung des Judentums durch das Christentum und die christliche Welt. I. Judenhass als Folge christlicher Indoktrination Die Vorstellung, die Juden seien von Gott verflucht und verworfen worden, weil sie Jesus nicht als Messias anerkannt und seine Kreuzigung veranlasst haben, diese Vorstellung hat das christliche Judenbild durch die Jahrhunderte bestimmt- und bestimmt es weitgehend noch. Noch nach 1945 findet sich in dem"Wort zur Judenfrage" des Bruderrats der Evangelischen Kirche Deutschlands(EKD) die Argumentation:"Indem Israel den Messias kreuzigte, hat es seine Erwählung und Bestimmung verworfen". Nicht die soziale Wirklichkeit, sondern die Anschuldigungen der Kirchenväter von Origines über Augustinus und Johannes Chrysostomus bis hin zu Hieronymus schufen 19 das Stereotyp: das von Generation zu Generation weitergegebene Zerrbild des Juden. Als Urtypus des Sünders und Frevlers immer wieder nachgezeichnet und mit neuen Farben ausgemalt, wirkt der Jude als abschreckendes Beispiel. Mit dem Katechismus nimmt es das Kind auf und der Erwachsene in der Kirche durch die Predigt. Jede Skulptur und jedes Gemälde über Kreuzigung und Leiden des Heiland und der Märtyrer, mit dem die Kirchen ausgeschmückt sind, erinnert daran und verdeutlicht es. Im Lied, im Märchen, aber auch im Passionsspiel- überall findet sich dieses Bild, das nicht nur die seit altersher im Umlauf befindlichen antijüdischen Vorurteile bündelt, sondern(und ich bin mir der Brisanz dieser Aussage durchaus bewusst) auch als eine indirekte Aufforderung an den Betrachter verstanden werden kann, sich gegen die Juden abzusetzen und sich ihrer handgreiflich zu erwehren. Der an verschiedenen Stellen des Neuen Testamentes formulierte Gottesmordvorwurf ist über die Jahrhunderte präsent geblieben und hat die Einstellung gegenüber den Juden bestimmt. Es gibt kein antijüdisches Argument,"das länger benutzt, häufiger vorgebracht, hartnäckiger beibehalten und tiefer internalisiert wurde"(Stefan Lehr). Der Vorwurf des Gottesmordes hat Hassgefühle ausgelöst, Vorurteile gezeugt und das Verhältnis zwischen Christen und Juden nachhaltig vergiftet. Durch die Jahrhunderte stereotyp wiederholt hat dieser Vorwurf den Juden im Volksbewusstsein zum Dämon stilisiert und ihn die Gestalt des Ahasver annehmen lassen, des ruhelosen Weltenwanderers. Man sah in ihm den blutsaugenden Vampir, den bocksfüßigen Teufel, den geschwänzten Satan- er wurde die Personifikation allen Unheils, die Inkarnation des Bösen schlechthin. Das von den Kirchenvätern geschaffene Bild vom verworfenen und deshalb verderbten Juden ist Grundlage aller späteren Anfeindungen geworden. Dieses Bild erfuhr seine besondere Ausprägung durch die Fremdheitsgefühle, die die Juden bei den Nicht-Juden bis zum heutigen Tage auslösen. Das hat zweifellos zum einen mit der religiösnationalen Absonderung der Juden zu tun, die seit der Antike unverändert auf Ablehnung und Misstrauen stößt, zum anderen mit dem unbeirrbaren Glauben an die Einzigkeit des unsichtbaren Gottes und insbesondere dem Anspruch auf Auserwählung, der bis heute von der Umwelt als hochmütiger Aberglaube, als Gottlosigkeit, wenn nicht sogar als Betrug angesehen wird. 20 Es gibt für die Ablehnung des Anspruchs der Auserwählung durch die nichtjüdische bzw. christliche Welt eine sehr frühe jüdische Selbsterklärung in einem kalauernden Midrasch, der sich eines Wortspieles bedient: Am Sinai sei die sina auf die Völker der Welt herabgestiegen. Damit ist gemeint, die Auserwählung des Volkes Israel zum Thoraempfang wird mit Neid, Hass und Wut der Völker zusammengesehen, dass sie nicht dazu ausersehen wurden. Zweifellos ist dies ein alter und auch starker Realgrund für die Judenfeindschaft, der bis heute anhält: der Glaube, Gott habe mit Abraham und dessen Nachkommen einen Bund geschlossen, ein Bund der auf dem Sinai durch Moses erneuert worden sei und Israel dadurch das auserwählte Volk Gottes und von Gott als ein Werkzeug zum Segen der Menschheit vorgesehen wurde. Über zweitausend Jahre hat man alles getan,"um das wirkliche Bild des Juden dem von der Kirche geformten möglichst anzugleichen"(Alex Bein). Die christliche Welt empfand die Existenz von Juden und des Judentums als eine Belästigung, als etwas Unerträgliches. Selbst ein so bedeutender protestantischer Theologe wie Karl Barth konnte sich den Gefühlen der Abwehr nicht freimachen."Die Existenz der Synagogen neben den Kirchen", so formulierte er einmal,"ist...so etwas wie eine ontologische Unmöglichkeit, eine Wunde, ja eine Lücke im Leib Christi selber, die schlechterdings unerträglich ist". Letztlich ist es immer das gleiche Bild, das über die Jahrhunderte vermittelt wird- der Jude als"Antichrist", den es- um der eigenen Selbstvergewisserung willen- zu bekämpfen gilt. Die Mittel, die sich Kirchenfürsten und Politiker dazu aussannen, gleichen sich auf eine seltsam fatale Weise. Obgleich Jahrhunderte dazwischen liegen, ähneln zum Beispiel die Bestimmungen des I. Laterankonzils von 1215 den spanischen Gesetzen des 16. Jahrhunderts und den Nürnberger Gesetzen der Nazis(Gesetz"zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" vom 15. September 1935) des 20. Jahrhunderts. Es ist ganz offensichtlich, dass sich bestimmte Vorstellungen, wie man sich von den Juden abgrenzen könne, über die Jahrhunderte gehalten haben. So erfuhr zum Beispiel das Verbot der Eheschließung zwischen Juden und Christen 1935 nur in der Wortwahl eine Abänderung, dass nämlich"Eheschließungen zwischen Juden und Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes verboten sind". Das im Jahre 1215 erlassene Verbot, Dienstboten in jüdischen Häusern zu beschäftigen, lautete in der 21 Version von 1935,"Juden dürfen weibliche Staatsangehörige deutschen oder artverwandten Blutes unter 45 Jahren nicht in ihrem Haushalt beschäftigen". Selbst der gelbe Stern("Judenstern"), der den Juden zum Zwecke der Markierung angeheftet wurde, war nicht eine Erfindung der Nazis, sondern hatte eine uralte kirchliche Tradition. Bereits auf dem Laterankonzil von 1215 war verfügt worden, Juden müssten durch eine besondere Kleidung oder Abzeichen erkennbar sein. Diese Politik der Markierung, die darauf abzielte, die Juden in den christlichen Ländern vom Rest der Bevölkerung zu unterscheiden, ist von den Nazis wieder aufgenommen und sowohl als Mittel der Kennzeichnung als auch der Demütigung benutzt worden. Wie es dazu kam, dass sie die Farbe"gelb" wählten, darüber lässt sich nur mutmaßen. Wahrscheinlich wussten sie- als beflissene deutsche Bildungsbürger vielleicht sogar aus Goethes Farbenlehre?-, dass diese Farbe negativ besetzt ist. Bekannt war ihnen jedenfalls, dass seit altersher die Farbe zur Kennzeichnung aller Geächteten benutzt wird, der Dirnen und Ketzer, der Schänder von Hostien- und eben auch der Juden. II. Säkulare Judenbilder und Bedrohungsängste Mit dem Ende des 18. und mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts begann eine Entwicklung, die für Juden zu einer tödlichen Bedrohung werden sollte. Der Emanzipationsprozess brachte ihnen zwar schrittweise die rechtliche Gleichstellung, nicht aber die ersehnte gesellschaftliche Anerkennung, um die sie mit jeder Faser ihres Seins kämpften. Im Gegenteil: Je mehr Rechte sie erhielten, je mehr sie sich an die Umgebungsgesellschaft in Kleidung, Sprache, Gestik und Verhalten anpassten, desto bösartiger wurde die Ablehnung, auf die sie stießen. Rabiate Antisemiten entwickelten Abgrenzungsstrategien, die nicht nur auf die Rückgängigmachung des Emanzipationsprozesses abgestellt waren, sondern darüber hinaus auch darauf abzielten, den Juden als Juden kenntlich zu machen."Jeder Jude", so heißt es bei Eduard Drumont,"den man sieht, jeder Jude, der sich offen als solcher zeigt, ist verhältnismäßig wenig gefährlich... Der unbestimmbare und nicht deutlich zu erkennende Jude- das ist der gefährliche Jude...". Wie kann man aber jemanden identifizieren, der sich äußerlich nicht mehr von seinem Gegenüber unterscheidet? Gibt es dafür überhaupt Möglichkeiten? Antisemiten haben 22 sich geradezu einen Sport daraus gemacht, über den Namen Juden zu markieren. In der Studie"Der Name als Stigma" des Kölner Linguisten und Kulturwissenschaftlers Dietz Bering kann man nachlesen, mit welcher Raffinesse hier verfahren wurde. Zahllos waren in der Zeit der Weimarer Republik die Witze, Verse und Spottlieder, in denen ein jüdisch klingender Name wie Cohn, Hirsch oder Katz zur Zielscheibe der Verhöhnung und Verachtung gemacht wurde.(Beispiele:"Mit meinem Hund hab ich e Zustand im Geschäft! Zuerst hatt ich einen Komis, der hieß Katz, natürlich hat der Hund den Katz immer gebissen. Dann hab ich den Katz entlassen und einen genommen, der hieß Eckstein, da war's noch schlimmer!" Oder:"Über allen Gipfeln Ozon. Unter allen Wipfeln sitzt Kohn"). Joseph Goebbels, der Propagandaminister der Nazis, hat die Namenswaffe virtuos benutzt, um mit seinen Angriffen auf den Berliner Polizeivizepräsidenten Bernhard Weiß, den er bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit dem Namen"Isidor" titulierte, den Antisemitismus in der Bevölkerung anzufachen. Instinktiv wusste Goebbels, dass er mit seinen Attacken einen Punkt traf, der bei jedem Menschen konstitutiv ist: Der Name hat mit der jeweiligen Identität eines Menschen zu tun, und der gezielte Angriff auf diesen ist der Versuch der Persönlichkeitsdestruktion, die in der Zeit der Weimarer Republik systematisch betrieben wurde, um die Juden zu stigmatisieren und ihre Ausgrenzung aus der Gesellschaft vorzubereiten. Motor und Auslöser der Aus- und Abgrenzungskampagnen seit Beginn des letzten Jahrhunderts waren ganz offensichtlich tiefsitzende Bedrohungsängste, die zu tun hatten mit den einsetzenden Modernisierungsprozessen, die gesellschaftliche Umwälzungen zur Folge hatten- und auch das Individuum betrafen, jeden einzelnen also, ob er wollte oder nicht. Hinzu kam, dass die Kirchen und damit auch die christliche Religion im 19. Jahrhundert zunehmend nicht nur an Boden, sondern auch an Überzeugungskraft verloren. An ihre Stelle traten der Vernunftglaube und die Wissenschaft, die für die Neuerer eine Alternative darstellten. Das traf aber nicht für die Masse der Bevölkerung zu. Sie litt darunter, dass scheinbar fest gefügte Ordnungen nicht mehr galten und jahrhundertealte bis dahin als gültig empfundene Bilder und Vorstellungen als obsolet empfunden wurden. 23 Im Zuge des Übergangs von der ständisch-feudalen zur bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft hatten zunehmend mehr Menschen Schwierigkeiten ihr seelisches Gleichgewicht auszubalancieren. Verantwortlich dafür wurde alles und jedes gemacht. Das traf natürlich auch die Juden, von denen man meinte, sie seien die eigentlichen Drahtzieher, die hinter allen Ungereimtheiten steckten, mit denen man täglich konfrontiert wurde. Die Pogrome des Jahres 1819, die in die Geschichtsschreibung als die so genannten Hep-Hep-Krawalle eingingen, sind nicht plötzlich und unerwartet ausgebrochen. Sie waren in Wort und Schrift vorbereitet worden, und zwar von Intellektuellen wie dem Philosophen Fichte und den heute weitgehend vergessenen, aber damals durchaus einflussreichen Universitätsprofessoren Jakob Friedrich Fries und Christian Friedrich Ruehs, die notorische Judenfeinde waren. Gierig wurden demagogische Parolen aufgegriffen, wie die des Publizisten Hartwig von Hundt-Radowsky. In seinem 1819 in Würzburg erschienenen"Judenspiegel" hatte er angeregt, Jüdinnen ins Bordell zu stecken, die Juden zu kastrieren, sie in Bergwerken nur noch unter Tage arbeiten zu lassen oder sie an die Engländer zu verkaufen, die sie in ihren überseeischen Kolonien als Sklaven vermarkten sollten. Hundt-Radowskys Forderungen, die Juden auszurotten oder sie zumindest aus Deutschland zu vertreiben, war qualitativ eine neu erreichte Stufe der Judenfeindschaft, die als eine Frühform des modernen Vernichtungsantisemitismus gelten kann. Aber kehren wir zurück zu der uns beschäftigenden Ausgangsfrage, ob und inwieweit traditionell christlich-religiöse Überzeugungen bzw. Restbestandteile christlicher Theologie sich im 19. Jahrhundert mit scheinbar nicht-religiösen Phänomenen verbunden haben. Der im Gefolge der Französischen Revolution von 1789 und im Zuge der Befreiungskriege sich entwickelnde deutsche Nationalismus verkörperte in sich zwar die liberale Idee der Selbstbestimmung und auch den demokratischen Gedanken der Volkssouveränität, hatte aber auf der anderen Seite eine versteckte heilsgeschichtliche Dimension, die sich in der in der Überzeugung niederschlug, das Christentum sei eine deutsche Religion. Der zu Beginn des 19. Jahrhunderts aufkommende, auf Herder und Fichte zurückgehende neue romantische Volksbegriff, dazu die patriotischen Predigten von Ernst Moritz Arndt("Einmüthigkeit der Herzen sey eure Kirche, Hass gegen die 24 Franzosen eure Religion, Freyheit und Vaterland seyen die Heiligen, bei welchen ihr anbetet!"), sowie die Vorstellungen, das deutsche Volk sei das ursprüngliche, das unverfälschte, das"heilige Volk"(Turnvater Jahn) lassen in nuce christliches Sendungsbewusstsein und Heilsgewissheit erkennen, jene Strukturelemente also, die seit dem letzten Jahrhundert integrale Bestandteile des deutschen Nationalismus geworden sind. Es war nur noch ein kleiner Schritt die überkommene theologische Antithese JudentumChristentum in die Antithese Judentum-Deutschtum umzudefinieren. Das tradierte Judenbild, das Stereotyp des dämonisch-antichristlichen Juden erfuhr im ausgehenden 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts die entsprechende Umdeutung oder- vielleicht besser- Modernisierung. Der Jude war jetzt nicht mehr der Anti-Christ, der von Gott Verdammte, sondern der Wucherer, der Preistreiber, der Bankrotteur, der Todfeind, eine Gefahr für die wirtschaftliche und politische Existenz Deutschlands und der Deutschen schlechthin. Die christliche Judenfeindschaft war bis zum Beginn der Neuzeit auf Diffamierung, allenfalls auf Ausgrenzung, nicht aber auf Vernichtung abgestellt. Die Juden sah man als von Gott verflucht an, zur Knechtschaft verurteilt und über die Welt verstreut. Sie konnten sich aber jederzeit von dem göttlichen Fluch lösen, wenn sie die Taufe nahmen und zum Christentum übertraten. Die zu Beginn des 19. Jahrhunderts aufkommenden Rassenlehren ließen diesen Ausweg jedoch nicht mehr zu. Die religiöse Verfluchung und die Verwerfung durch Gott wurde durch den Topos des nicht veränderbaren Rassencharakters ersetzt, der im Falle der Juden als minderwertig erklärt wurde. Der Jude war nun nicht mehr eine vage Vorstellung, sondern"körperliche Wirklichkeit, ein feststehender Menschentyp, rassenmäßig bestimmt und in seinen Eigenschaften definierbar..."(A. Bein) Neben deutschtümelnden Patrioten wie dem Turnvater Jahn und dem Schriftsteller Ernst Moritz Arndt hat nicht unerheblich zur Durchsetzung antisemitischer Rassenlehren die so genannte wissenschaftliche Religionskritik beigetragen, die sich zwar in erster Linie gegen das Christentum richtete, aber auch die Juden und das Judentum betraf. Der Linkshegelianer Bauer zum Beispiel war ein ausgemachter Judengegner und entwickelte sich im Verlauf seines Lebens zu einem Doktrinär des deutschen Konservativismus und 25 zu einem Anhänger abstruser Rassenlehren. Bauer war es, der in Deutschland als einer der ersten vom"Racentypus" sprach, der eine"Raceneigentümlichkeit" konstatierte und einen scharfen Trennstrich zwischen Juden und Nicht-Juden gezogen wissen wollte. "Die Taufe", so bemerkte Bruno Bauer einmal,"macht den Juden nicht zum Germanen". Das von den Judenfeinden gezeichnete Bild des Juden war zweifellos das Spiegelbild der Zeit und ihres Bewusstseins. Man attackierte die Juden, ahnte gleichzeitig jedoch, dass es ein Angriff auf das eigene Denken war, ein Angriff auf das Menschsein überhaupt. Zunehmend war erkennbar, dass das Christentum an Einfluss auf das Leben verlor. Andererseits war nicht zu übersehen, dass die Menschen die im Kirchenglauben geboten Erklärungsmodelle beizubehalten gewillt waren und die tradierten Feindbilder ihr Handeln nach wie vor bestimmten. Der Text eines Flugblattes der Wiener 48er Revolution macht deutlich, dass man sich dieser Doppelbödigkeit durchaus bewusst war. Hellsichtig wird in diesem prophezeit, was die Juden in einer ungläubig gewordenen Welt zu erwarten hätten:"Die Christen, die keinen Christenglauben mehr haben, werden die wütendsten Feinde der Juden sein... Wenn das Christenvolk kein Christentum und kein Geld mehr hat... dann, ihr Juden, laßt Euch Eiserne Schädel machen, mit den Beinernen werdet ihr die Geschichte nicht überleben". 26 III. Erlösung und Vernichtung Der Übergang der religiösen Judenfeindschaft zum modernen Antisemitismus lässt sich sehr gut am Fall Richard Wagner exemplifizieren. Wagner, der sein musikalisches und publizistisches Werk als eine Einheit("Gesamtkunstwerk") verstand, war der Typus des Judenhassers, bei dem sich christliches Denken mit rassistisch-völkischen Motiven vermengte. Ihm ging es nicht mehr allein um die Ausgrenzung der Juden, sondern um deren Vernichtung. In seiner 1850 erschienenen Kampfschrift"Das Judentum in der Musik" hatte Wagner dem Juden nicht nur jede Befähigung zu künstlerischer Schöpfung abgesprochen, sondern ihn darüber hinaus als parasitär, dunkel-dämonisch und mit dem ahasverischen Fluch beladen charakteristisiert."Aber bedenkt", so der letzte Satz des Wagnerschen Pamphlets,"dass nur eines eure Erlösung von dem auf euch lastenden Fluche sein kann: die Erlösung Ahasvers- der Untergang!" Mit seinem"Parsifal", der als ein"Bühnenweihfestspiel" konzipiert war, präsentierte Wagner der Welt nicht nur die Idee eines"arischen Christus", sondern auch die düstere Vision der"Weltvernichtung", der"Welt-Aufhebung", die der Wiederkehr Christi vorangehen sollte. Wagner und seine Anhänger waren fest davon überzeugt, dass die Selbst-Vernichtung der Juden dem Erwachen der Deutschen vorangehen müsste. In immer neuen Variationen hat Wagner sich mit diesem Thema befasst, das von manchen Wagnerverehrern verdrängt sondern sogar vielfach überhaupt bestritten wird. Richard Wagners"Heilslehren" haben nicht nur die bürgerliche Kultur des wilhelminischen Deutschland beeinflusst, sondern in erheblichem Maße auch zur Ausbildung der rassistischen"Weltanschauung" beigetragen, die dann letzten Endes in der so genannten"Endlösung der Judenfrage" kulminiert ist. Hartmut Zelinsky hat in zahlreichen Aufsätzen deutlich gemacht, wie Hitler und die Nazis das Werk Wagners und Bayreuth vereinnahmt und zu Propagandazwecken missbraucht haben. Einer der vielen Belege dafür ist eine Äußerung August Kubizeks, dem Jugendfreund Hitlers, der in seinen nach 1945 veröffentlichten Erinnerungen versicherte, dass dieser"in Richard Wagner... viel mehr als nur Vorbild und Beispiel[suchte]. Ich kann nur sagen: er eignete sich die Persönlichkeit Richard Wagners an, ja er erwarb ihn so vollkommen für sich, als könnte dieser ein Teil seines eigenen Wesens werden". 27 Wer sich die Mühe macht, Notizen Hitlers vor dem Münchener Putsch und sein Bekenntnisbuch"Mein Kampf" mit Wagners"Mein Leben" zu vergleichen, dem fällt auf, wie sehr Hitler auf zentrale Wagnersche Begriffe wie Wiedergeburt, Reinheit, Reinerhaltung des Blutes, Blutsvermischung, Göttin der Not, Verfallserscheinungen der Menschheit, weltbewegende Idee, germanische Revolution oder germanischer Staat zurückgegriffen hat. Ganze Passagen über Juden und Antisemitismus, urteilt Hartmut Zelinsky, würden wie Wagner-Paraphrasen wirken und deutlich machen, wie sehr Hitler in Wagner nicht nur ein Genie, sondern den Propheten seiner großgermanischen Träume und antijüdischen Wahnvorstellungen gesehen hat. Das Geheimnis des Erfolges, den Hitler und die Nazis bei den Deutschen hatten, hängt wohl damit zusammen, dass die von ihnen propagierte völkische Ideologie letztlich einen christlichreligiösen Kern hatte. Die Menschen fühlten sich durch die NSPropaganda und die liturgischen Handlungen(Feiern für die Märtyrer der Bewegung, Aufmärsche in Nürnberg, die Schaffung"deutscher Weihestätten") angesprochen. Sie glaubten sich durch Hitler verstanden und im Nationalsozialismus wie in einer Kirche aufgehoben. Die Ansicht beginnt sich deshalb heute auch zunehmend durchzusetzen, dass der Hitlersche Nationalsozialismus eine echte Glaubensbewegung war, eine Bewegung, die sich alle mythologischen Funktionen einer Religion zu Eigen gemacht hatte. Unbedingtes Bekenntnis und totale Unterwerfung waren erforderlich. Von Anfang an stilisierte sich Hitler in der Rolle des"erlösenden Führers"(wahrscheinlich bis er selbst daran glaubte) und genoss es, dass er als"Messias aller Deutschen" gefeiert wurde. Zahlreich finden sich in den Reden und Texten Hitlers und seiner Anhänger Stellen, die gnostischer und apokalyptischer Natur sind. Da ist die Rede von gut und böse, hell und dunkel. Dem jüdischen Dämon steht der arische Lichtmensch gegenüber. Da findet sich der Topos vom"Dritten Reich" und Anspielungen auf die Apokalypse des Johannes. In "Mein Kampf" heißt es:"So glaube ich heute im Sinne des allmächtigen Schöpfers zu handeln: Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn". Deutlicher als mit diesen Worten kann eigentlich nicht belegt werden, wie sehr Christentum und Nationalsozialismus eine quasi symbiotische Beziehung eingegangen sind. Mit der Formulierung,"Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das 28 Werk des Herrn" hat sich Hitler mit der Rolle des Erlösers und Retters identifiziert, desjenigen also, der die Deutschen aus der Not befreien und ans Licht führen will. Auf die Verschmelzung von Politik und Religion im Nationalsozialismus fiel nicht nur ein Großteil der Bevölkerung herein, sondern bezeichnenderweise auch zahlreiche christliche Theologen. Der damals in Bonn lehrende Neutestamentler Ethelbert Stauffer zum Beispiel forderte im Zeichen der Begegnung von Kreuz und Hakenkreuz, jeder gläubige Christ müsse auch ein überzeugter Nationalsozialist sein. Nicht viel anders argumentierte sein Kollege, der Tübinger Neutestamentler Gerhard Kittel. Dieser, einer der Wortführer der"Deutschen Christen", hat wie viele andere namhafte Theologen in den Jahren nach 1933 sowohl die Segregationspolitik der Nazis gerechtfertigt als sich auch voll hinter die NS-Judenpolitik gestellt- und zwar ausgehend von der Überzeugung, das Christentum sei seinem Wesen nach antijüdisch, folglich also ein jeder aufrechte Christenmensch verpflichtet, die NS-Juden-Politik in Wort und Schrift zu unterstützen. Die antijüdischen Stereotype prägten vor und nach 1933 zunehmend auch die Sprache. Ausgehend von der Erkenntnis, dass Sprache Vorstellungen und Gedanken widerspiegelt, dass Sprache das Bewusstsein und die Denkweise einer ganzen Epoche bestimmen kann, ist es in unserem Zusammenhang wichtig, die von Theologen, Politikern, Literaten und Publizisten über die Jahrhunderte auf die Juden angewendeten Worte und Wortbilder zu berücksichtigen. Insbesondere seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat man die Juden als"Schädlinge" bezeichnet, die den"Volkskörper" "zersetzen" und"vergiften". Es ist die Rede von Bazillen","Trichinen", aber auch von "Ratten" und"Schmeißfliegen". In der Zeit des Nationalsozialismus besonders beliebt, und noch heute gerne verwendet, ist das Bild des"Parasiten", das suggeriert, der Jude lebe auf Kosten anderer, erschleiche sich durch Schmeichelei und Unterwürfigkeit Vorteile, ohne wirkliche produktive Arbeit zu leisten. Hitler und seine Anhänger hatten das Bild des"Parasiten" verinnerlicht. In den Juden sahen sie eine parasitäre Rasse, die nur auf Kosten der"Wirte" und nur von der Ausbeutung anderer Völker und Rassen leben kann. Goebbels, Formulierungen Richard Wagners aufnehmend, fasste 1937 auf dem Nürnberger Parteitag die verschiedenartigen ineinander übergehenden Bilder und Vorstellungen vom Juden in folgende Worten zusammen:"Sehet, das ist der Feind der Welt, der Vernichter der 29 Kulturen, der Parasit unter den Völkern, der Sohn des Chaos, die Inkarnation des Bösen, der plastische Dämon des Verfalles der Menschheit". Mit Sicherheit haben die aus dem Arsenal der Biologie stammenden Sprachbilder und Vorstellungen mit dazu beigetragen, die letzten moralischen Hemmungen, den inneren Widerstand gegen Unrecht und Verbrechen bei Millionen von Menschen zu schwächen. Vermutlich hat sogar, wie Alex Bein angenommen hat, das Bild vom Juden in nicht geringem Maße die Methoden des organisierten Judenmordes mitbestimmt. So wie man im Mittelalter in ihnen den Antichrist und Satan erschlug und auf dem Scheiterhaufen verbrannte, so war die Methode des Vergasens in den Mordlagern Hitlers die logische Konsequenz, nachdem sich die Vorstellung von den Juden als Parasiten endgültig durchgesetzt hatte. Waren die Juden tatsächlich Schmarotzer, Bazillen und Ungeziefer, so war nicht nur geboten, sie auszurotten, es lag auch nahe, bei dieser Ausrottung das Mittel anzuwenden, mit dem man Bazillen und Ungeziefer vertilgt- nämlich Giftgas. IV. Antisemitismus ohne Juden Nach 1945 hat man lange Jahre in Deutschland geglaubt, der Antisemitismus sei überwunden. Bis in die frühen siebziger Jahre war man davon überzeugt, das Wissen um den organisierten Massenmord hätte die Deutschen geläutert, hätte quasi eine kathartische Wirkung zur Folge gehabt. Das mag im Einzelfall so gewesen sein. Der eine oder andere hat vielleicht wirklich nichts vom ganzen Ausmaß des Schreckens gewusst. Andererseits lässt sich heute die gebetmühlenartig vorgetragene Behauptung nicht mehr aufrechterhalten, man sei nicht über das informiert gewesen, was mit den Juden geschah. Die Behauptung war und ist eine beliebte, zur Entlastung gerne benutzte Argumentionsfigur, die eigentlich nur den einen Zweck hat, Schuldgefühle und schlechte Gewissen zu kaschieren. Das antisemitische Vorurteil ist nach wie vor vorhanden. Die empirischen Untersuchungen der Sozialforscher belegen, dass in der bundesdeutschen Bevölkerung 15% offen antisemitisch eingestellt und bei weiteren 30% Antisemitismus in Latenz feststellbar ist. Das bemerkenswerte an diesen Zahlen sind aber nicht so sehr die Zahlen als solche, sondern der Sachverhalt, dass der Antisemitismus nicht lebender Juden bedarf, um sich zu artikulieren. Ein rechtsradikaler Skinhead, der"Juden raus" brüllt und 30 Grabsteine auf jüdischen Friedhöfen mit antisemitischen Parolen beschmiert, kennt meist weder einen Juden, noch weiß er etwas vom Judentum. Der Antisemitismus hat ganz offensichtlich eine psycho-soziale Funktion hat. Eine Bevölkerung, konfrontiert mit Problemen irgendwelcher Art, bedarf nach wie vor des Sündenbocks, um sich abzureagieren. Das war früher nicht anders als heute, nur mit dem Unterschied, dass lebende Juden kaum mehr zur Verfügung stehen, an denen sich die aufgestauten Neid-, Hass und Frustrationsgefühle entladen könnten. Begriffe wie "Jude" und"Judentum" haben sich verselbständigt; sie sind gewissermaßen zu Metaphern des Bösen geworden. Pöbelnde Skinheads benutzen sie bewusst oder unbewusst, aber auch durchaus ehrbare Politiker, insbesondere dann, wenn sie in bestimmten Situationen sich hilflos fühlen und überzeugt sind, dass dafür ein Schuldiger gefunden werden müsse. Juden spielen in der deutschen Gesellschaft des Nach-Holocaust-Deutschland zahlenmäßig kaum noch eine Rolle, dennoch ist die Abneigung gegen sie nach wie vor fest verwurzelt. Dafür ist zweifellos das jahrhundertealte gezeichnete Zerrbild verantwortlich, das in das Unterbewusstsein eingebrannt, nicht mehr der realen Erscheinung des Juden bedarf, um Wirkung zu haben. Es führt ein Eigenleben, das unbestimmbar geworden ist. Ludwig Börne meinte bereits 1819, dass die Abneigung gegenüber den Juden"einem dunklen unerklärlichen Grauen" entspringe, das seine Wurzeln in der magisch-mystischen Vorstellungswelt der christlichen Bevölkerung habe. Ähnlich argumentierte der Odessaer Arzt Leon Pinsker sechzig Jahre später, der den Antisemitismus als eine"Gespensterfurcht" ansah, als eine Art erblicher Angstneurose, die er für nicht heilbar hielt. Für uns Heutige stellt sich die Frage, wenn das Bild vom Juden freischwebend ist, das antijüdische Vorurteil sich verselbständigt hat und integraler Bestandteil der deutschen Kultur geworden ist, kann man dann überhaupt noch etwas tun? Es reicht sicher nicht aus, jährlich eine"Woche der Brüderlichkeit" zu veranstalten. Sie ist eine zum Ritual erstarrte Veranstaltung, die der Selbstbeschwichtigung dient und von der die Öffentlichkeit so gut wie keine Notiz mehr nimmt. Auch Filme, Bücher und Theaterstücke, die eher Kultur spiegeln als diese beeinflussen, verändern nicht bestimmte Bewusstseinskonstellationen. Ein eingefleischter Antisemit hört im Übrigen 31 nicht plötzlich auf, ein Antisemit zu sein, wenn man es von ihm fordert. Warum sollte er auch? Jeder Psychoanalytiker kann bestätigen, dass ein Antisemit mit seinem Vorurteil bestens zufrieden ist: Weder wünscht er, davon befreit zu werden, noch ist er diesbezüglichen Aufklärungsbemühungen zugänglich. Mit den üblichen Mitteln des Aufklärens ist dem Antisemitismus nicht beizukommen. Vielleicht ist eine denkbare Möglichkeit, das christlich-jüdische Verhältnis zu retheologisieren. Damit ist gemeint, die Christen sollten fortfahren, verstärkt über ihr Verhältnis zu den Juden nachzudenken. Einiges ist in den letzten Jahren auf diesem Feld geschehen. Es gibt beispielhafte Synodalbeschlüsse und Konzilserklärungen, die Hoffnungen erwecken, gleichzeitig aber auch die Grenzen theologischer Arbeit aufzeigen. Streicht man nämlich den Antijudaismus aus den kirchlichen Dokumenten, verzichtet man auf die Judenmission und gesteht vielleicht sogar die christliche Verantwortung für die Leidensgeschichte der Juden ein, dann könnte es sein, dass es kein Christentum mehr ist, jedenfalls keines, das mit dem ursprünglichen noch etwas tun hat. Nicht wenige Geistliche und Laien fühlen sich deshalb durch theologische Erneuerungsbemühungen in ihrem Glauben und in ihrer Identität bedroht und weigern sich vehement, die vorgeschlagenen Veränderungen im christlich-jüdischen Verhältnis zu akzeptieren. Mag sein, dass die Bekämpfung des Antisemitismus ein aussichtsloses Unterfangen ist. Die gemachten historischen Erfahrungen sind derart, dass man fast daran glauben möchte. Aber auch wenn wir die Aussichtslosigkeit akzeptierten, sollten wir aus der uns auferlegten Verpflichtung zur Humanitas und zur Toleranz uns dennoch bemühen, Vorurteile zu bekämpfen, wo immer wir sie antreffen. Die Einsicht, dass der Bekämpfbarkeit des Antisemitismus Grenzen gesetzt sind, darf uns nicht hindern, das Wort zu erheben, wo Unrecht geschieht und Vorurteile in ihren militanten Ausprägungen das Bewusstsein und das Handeln von Menschen bestimmen. Unabdingbare Voraussetzung für die Bekämpfung von Unrecht und Vorurteilen ist freilich radikale Aufklärungsarbeit und wirkliches Wollen- in der Familie, im Religionsunterricht, in der Schule, in den Hörsälen der Universitäten, aber auch am Arbeitsplatz. Ob damit etwas bewirkt werden kann? Sicher ist das nicht. Aber- wir haben keine andere Wahl. 32 UNHEILIGE ALLIANZEN Antisemitismus im Islam und im europäisch-amerikanischen K ulturkreis von Klaus Faber fëä~ãáëÅÜÉ=oÉéìÄäáâ=fê~å=ìåÇ=Öêç — É=hç~äáíáçå= Nach der Bildung der großen Koalition schienen die Auseinandersetzungen um die Grundorientierung der deutschen Außenpolitik, wozu etwa der Streit über die transatlantischen oder russisch-französischen Achsenbildungen zählte, der Vergangenheit anzugehören. Ähnliches war zunächst für die"eigenen" Wege der deutschen Nahostpolitik in Abgrenzung zu den USA und Großbritannien anzunehmen. Unrecht hatten danach scheinbar auch diejenigen, die schon immer der Auffassung waren, Deutsche einerseits und Amerikaner, Briten, Polen oder Israelis andererseits hätten aus der NS-Zeit und dem 2. Weltkrieg ganz verschiedene Dinge"gelernt", die Deutschen nämlich"Nie wieder Krieg", die anderen dagegen"Nie wieder Hitler". Die von der antisemitischen Islamischen Republik Iran ausgehende Proliferationsgefahr hatte auf der westlichen Seite, so schien es, die alten Rivalitäten und Gegensätze überwunden. Nach einer Rede von Bundeskanzlerin Merkel auf einer internationalen Tagung in München zu Beginn dieses Jahres, auf der sie auf die Iran-Gefahren hinwies und mit Blick auf die 30er Jahre des letzten Jahrhunderts forderte, den Anfängen zu wehren, ist aber manches zwischen SPD und Union doch wieder so, wie es war, als man sich in Regierung und Opposition gegenüberstand. Die erste Reaktion der CDU/CSU auf die aus der SPD zu hörende Kritik, Gewalt sei gegenüber dem Iran ebenso auszuschließen, wie ein Vergleich der Iran-Lage mit der Hitlerzeit auf Bedenken stoßen müsse, fiel übrigens merkwürdig blass aus: Es handele sich dabei, so CDU-Vertreter, um Positionen, die durch den Wahlkampf für die Landtagswahlen im Frühjahr zu erklären seien. Profilbildung ist für jede Partei in nahezu jeder Situation ein legitimes Anliegen, auch oder gerade- in einer großen Koalition. Die Außenpolitik kann von der Profilierung nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden. Langfristig wirkende politische Positionsbindungen sollten allerdings auch langfristig haltbar sein. Für die Politikorientierung gegenüber dem Islam in Nahost und Europa stellen sich insoweit die gleichen Fragen: Wo liegt zwi33 schen Appeasement und Alarmismus das richtige Maß – in der Außenpolitik und in der gesellschaftspolitischen Debatte über"Toleranz","Dialog" und den"Krieg der Kulturen"? Eine Antwort setzt zunächst einmal bestimmte Begriffs- und Sachverhaltsklärungen voraus. Wichtig ist dabei, welche Bedeutung dem Antisemitismus für die Konfliktkonstellation im Nahen Osten und für die Gestaltung der Beziehungen zwischen den verschiedenen religiösen Gemeinschaften in Europa zugemessen wird. Gehört das Thema"Antisemitismus im Islam" z. B. zum islamisch-europäischen Dialog zwischen den Staaten und innerhalb der einzelnen Gesellschaften? råÜÉáäáÖÉ=^ääá~åòÉåW=^åíáëÉãáíáëãìëëíê ¸ ãìåÖÉå=áã=fëä~ã=ìåÇ=áã=tÉëíÉå= Unter den deutschen Diskussionsbedingungen ist die Frage nach dem Gewicht der Antisemitismusströmungen im Verhältnis zwischen Islam und Nicht-Islam erklärungsbedürftig. Noch immer gibt es die alte, weit verbreitete Position, muslimischer Antisemitismus in Nahost, Europa oder Amerika sei, soweit überhaupt vorhanden, im wesentlichen auf den arabisch-israelischen Konflikt zurückzuführen; er werde nach dessen"Lösung", für die vor allem Israel verantwortlich gemacht werden müsse, daher bald wieder verschwinden. Diese bequeme These blendet allerdings große Teile der Wirklichkeit aus. Antisemitismus im islamischen und im christlich-jüdisch-westlichen Kulturkreis sind nicht erst seit der islamischen Einwanderung nach Europa oder Amerika und nicht nur dort unheilige Allianzen eingegangen. Bernard Lewis hat in einem Werk der 70er Jahre als einer der ersten prominenten Islamwissenschaftler den wachsenden Antisemitismus in arabischen sowie in weiteren islamischen Ländern beschrieben. Er hat sich dabei auch mit dem"neuen" Antisemitismus, dem antiisraelischen Antisemitismus, befasst. Der Titel seines Buches"Semiten und Antisemiten" 1 deutet an, dass ein zentraler Punkt seiner Darstellung den arabischislamischen Antisemitismus betrifft, wie er etwa im Entebbe-Terrorakt(1976) sichtbar wurde. Damals hatten arabische und deutsche Terroristen gemeinsam unter den Passagieren eines entführten Flugzeugs jüdische Menschen ausgesondert, die später von israelischen Streitkräften befreit wurden. Ein Todesopfer unter den Passagieren war eine jüdische, nicht-israelische Frau. Der Tod- wohl richtiger: der Terrormord- erfolgte nicht während der israelischen Befreiungsaktion. Die Ausdehnung der Angriffsrichtung von 1 Lewis,Bernard,SemitesandAnti-Semites,New York,London1999(erstePublikation1971). 34 israelischen auf allgemein jüdische Terroropfer enthält eine antisemitische Komponente, was wohl nicht ausgeführt werden muss. "Semiten", also Angehörige einer Gruppe, die eine semitische Sprache, z. B. Arabisch, spricht, können selbstverständlich auch Antisemiten sein, wie das Beispiel zeigt- was jedoch andere vor allem in arabischen Ländern, aber ebenso bei uns, etwa früher Jürgen Möllemann, immer wieder bestreiten bzw. bestritten haben. Denn"Antisemitismus" bedeutet nicht etwa Semitenfeindschaft, sondern"nur" Judenfeindschaft. Das europäische Muster des in Deutschland(von Wilhelm Marr) erfundenen Antisemitismus-Begriffs sollte für die"aufgeklärten" Zeitgenossen im 19. Jahrhundert das religiös definierte Wort"Judenhass" ersetzen. Es sollte mit der"Semiten"-Bezeichnung die Europa angeblich fremde Art und Herkunft der Juden, als"Semiten", deutlich machen- eine Argumentation, die nicht nur mit Blick auf die lange jüdische, arabische oder auch phönizische Präsenz in Europa historisch gesehen merkwürdig erscheint. Das Wort"Europa" geht übrigens auf die gleiche semitische Wurzel wie"Erev","Maariv" oder"Maghreb" zurück- Worte mit dem Bedeutungsgehalt"Abend"/"Westen". Die Europäer bezeichnen sich also selbst, dank der frühen phönizischen Siedlungspräsenz, mit einem Begriff semitischer Herkunft. Man könnte derartige Überlegungen weiterführen. In diesen Zusammenhang gehört z. B. ein Hinweis auf die Sprachverwandtschaft zwischen den indogermanischen(oder: indoeuropäischen) und den semito-hamitischen(neuerdings: afro-asiatischen) Großgruppen sowie darauf, dass die Herkunft der indogermanischen Sprachen in Europa ursprünglich wohl auf eine außereuropäische Einwanderung zurückzuführen ist. Die Begriffe"arabischer Antisemitismus" und"islamischer Antisemitismus" sehen einige als deckungsgleiche Größen – zu Unrecht. Denn zum arabischen Begriffsgebiet gehören auch die arabisch sprechenden Christen. Deren Antisemitismus unterscheidet sich, trotz aller Angleichungsprozesse, von demjenigen der arabischen Muslime, was, umgekehrt, für den Antisemitismus von nicht-arabischen iranischen oder türkischen Muslimen nicht in gleicher Weise zutrifft. Islamischer Antisemitismus kommt zudem nicht nur, wie die genannten Beispiele zeigen, im arabischen Sprachgebiet vor. Manche behaupten, um einen weiteren Streitpunkt aufzugreifen,"islamischen" Antisemitismus gebe es deshalb nicht, weil der Islam als solcher nicht antisemitisch sei. Auch diese, von manchen Muslimen, von einigen deutschen Islamwissenschaftlern und anderen vertretene These hält 35 einer näheren Prüfung nicht stand. Den dem Ursprung nach christlichen, dann säkularisierten Antisemitismus gab es, selbstverständlich, zunächst im Islam nicht- trotz einiger judenfeindlicher Aussagen im Koran, die auch etwas mit den Vernichtungskämpfen Mohammeds gegen die jüdischen Stämme in Arabien zu tun haben und nach denen z. B. Juden wegen religiösen Fehlverhaltens von Gott in Affen und Schweine verwandelt worden sind 2 . Die antisemitischen Karikaturen aus der Christenwelt, aus dem Europa des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts, wurden im Islam zunächst gar nicht verstanden. Das ist heute entschieden anders, wie die vielen unbestreitbar antisemitischen Ausfälle in der modernen islamischen Welt zeigen. Während der Dreyfus-Affäre stand die islamische Publizistik auf der Seite von Alfred Dreyfus, dem zu Unrecht wegen angeblicher Spionage für Deutschland verurteilten französischen Offizier. Das ist jedoch lange her. Am Transfer wichtiger Elemente des europäischen, in der Wurzel christlichen Antisemitismus in den Islam waren zunächst die orientalischen christlichen Minderheiten beteiligt. In den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts spielte, wie das etwa Bernard Lewis, aber auch andere schildern, die erfolgreiche antisemitische Propaganda Hitlerdeutschlands eine maßgebliche Rolle 3 . Hitlerdeutschland hatte sich in der zweiten Hälfte der 30er Jahre, nach einer taktisch begründeten Indifferenzphase unmittelbar nach der "Machtergreifung", in zunehmend enger werdender Kooperation mit dem Mufti von Jerusalem unter Einsatz diplomatischer und nicht-diplomatischer Mittel zu einem entschiedenen Gegner des Plans entwickelt, einen jüdischen Staat zu gründen. Hitler2 Vgl. Carmon, Yigal, W as ist arabischer Antisemitismus, in:Faber, Klaus, Schoeps, Julius H., Stawski, Sacha (Hg.), Neu-alter Judenhass –Antisemitismus, arabisch- israelischer Konflikt und europäische Politik, Berlin, 2006, S. 203 ff., S. 206. 3 Vgl. dazu Lewis, Bernard, s. Anm. 1, S. 140ff., 145ff.;Faber, Klaus, "NachM öllemann:Antizionismus und Antisemitismus in Deutschland. Eine gefährliche Verbindungin M edien und Politik"in:Kaufmann, Tobias und Orlowski, Anja, "Ichwürde michauchwehren..."Antisemitismus und Israelkritik:Bestandsaufnahme nachM öllemann, Potsdam 2002, ders. Die geleugnete Verbindung, in:Berliner Republik, 2/2003, ders., Islamischer Antisemitismus, in:perspektive 21- Brandenburgische Hefte für W issenschaft und Politik, Heft 27 August 2005, S. 71 ff.;s. dazu auchdie Beiträge in Faber, Klaus, Schoeps, Julius H., Stawski, Sacha(Hg.), Neu-alter Judenhass –Antisemitismus, arabisch- israelischer Konflikt und europäische Politik, Berlin, 2006, S. 167 ff., u. a. Foxman, Abraham H., M uslimischer Antisemitismus zwischen Europa und dem Nahen Osten, ebd., S. 171 ff., und von Beck, Eldad, Islam und Antisemitismus, ebd., S. 233 ff.;zu der in diesem Zusammenhang wichtigen allgemeineren Islamentwicklungvgl. Lewis, Bernard, W hat W ent W rong? The Clashbetween Islam and M odernityin the M iddle East, New York 2003; Tibi, Bassam, Die neue W eltunordnung:westliche Dominanzund islamischer Fundamentalismus, Berlin 1999;Faber, Klaus, Der Islam und der W esten, in:perspektiven ds, M arburg, Heft 42001, S.8bis 29, ders., AchtzigJahre aufdem W egnachW esten, in:Berliner Republik, 3/2005. 36 deutschland vermutete in einem neuen jüdischen Staat, auch aus"rassischen" und ideologischen Gründen, einen Feind des Reiches sowie eine weitere Machtposition für das "internationale Judentum". Im 2. Weltkrieg festigte sich übrigens das Bündnis zwischen dem Jerusalemer Mufti Amin al-Husseini und Deutschland. Der Führer der Araber in Palästina unterstützte das 3. Reich z. B. bei dem Versuch, dem antibritischen und prodeutschen Aufstand im Irak zum Durchbruch zu verhelfen. Seine Propagandaaktionen führten zu einer pogromähnlichen Verfolgung der jüdischen Gemeinde in Bagdad. Mit dem Territorialkonflikt in Palästina hatten dabei seine Hasstiraden kaum noch etwas zu tun. Die verbindende Klammer im Verhältnis zu Hitlerdeutschland war in dieser Hinsicht die gemeinsame antisemitische Überzeugung. Die Kooperation umfasste auch Pläne für den Völkermord an den Juden Palästinas, bei dem die palästinensischen Araber eine Rolle spielen sollten. Das Fazit ist klar: Hitlerdeutschland hat im Bündnis mit größeren Teilen der damaligen arabischen Nationalbewegung zur Propagierung seines antisemitischen Weltverständnisses im Islam einen wesentlichen Beitrag geleistet. Heute gibt es eine Art Re-Import: Der deutsche Schuldabwehr-Antisemitismus, der z. B. in der deutschen Mehrheitsmeinung sichtbar wird, Israels Verhalten gegenüber„den Palästinensern“ sei mit Hitlerdeutschlands Verbrechen an den Juden vergleichbar, erhält viele Stichworte aus dem islamischarabischen„Diskurs“ 4 . Seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts waren im Übrigen 4 S. zum"neuen"(Schuldabwehr-)Antisemitismus und zum Zusammenwirken mit dem arabisch-islamischen Antisemitismus s. die Beiträge in Faber, Klaus, Schoeps, Julius H., Stawski, Sacha(Hg.), Neu-alter Judenhass – Antisemitismus, arabisch- israelischer Konflikt und europäische Politik, Berlin, 2006, u. a. von Faber, Klaus, Was ist zu tun?, ebd., S. 331 ff., Rensmann, Lars, Der Nahostkonflikt in der Perzeption des Rechts- und Linksextremismus, ebd., S. 33 ff., von Pallade, Yves, Medialer Sekundärantisemitismus, öffentliche Meinung und das Versagen gesellschaftlicher Eliten als bundesdeutscher Normalfall, ebd., S. 49 ff., von Schapira, Esther und. Hafner, Georg M, EntlastungsAntisemitismus in Deutschland, ebd., S. 67 ff., sowie von Bergmann, Werner und Heitmeyer, Wilhelm in: Heitmeyer, Wilhelm, Deutsche Zustände- Folge 3, Frankfurt am Main 2005, S. 224 ff., zum"Alt"-"Neu"-Verhältnis und anderen Aspekten der Antisemitismus-Varianten vgl. die Beiträge in: Faber, Klaus, Schoeps, Julius H., Stawski, Sacha(Hg.), Neu-alter Judenhass – Antisemitismus, arabisch- israelischer Konflikt und europäische Politik, Berlin, 2006, von Rabinovici, Doron, Altneuhaß- Moderne Varianten des Antisemitismus, ebd., S. 245 ff., zum spezifischen Zustand des deutsch-jüdischen Verhältnisses s. Schoeps, Julius H., Die Schatten der NS-Vergangenheit, ebd., S. 325 ff., Scherer, Klaus-Jürgen, Antisemitische Ressentiments im kulturellen Selbstgespräch der deutschen Öffentlichkeit, ebd., S. 101 ff., zur problematischen Rolle eines Teils der Print-Medien vgl. u. a. Behrens, Rolf, "Sie schießen, um zu töten", ebd., S. 19 ff., Möller, Johann Michael, Medien, Israel und Antisemitismus, ebd., S. 79 ff.; zu Antisemitismustendenzen im europäischen Islam s. auch Özdemir, Cem, Muslimische Migranten und Antisemitismus, ebd., S. 219 ff., 37 auch die stalinistische Führung der Sowjetunion und ebenso die sowjetische Agitation nach 1967 an der Verbreitung problematischer, zum Teil offen antisemitischer Positionen beteiligt. Diese im Westen und in der Dritten Welt in beträchtlichem Umfang erfolgreiche Propaganda hatte einen bedeutenden Anteil an der Verwischung der Grenzen zwischen Antisemitismus und Antizionismus sowie an der Delegitimierung des einzigen jüdischen Staates – dessen Gründung von der Sowjetunion, nicht ohne"antimperialistische" Nebenabsichten, ursprünglich unterstützt worden war. Spätestens seit den 80er Jahren ist zu erkennen(für diejenigen, die es sehen wollen, wozu einige deutsche Instanzen auch im staatlichen Sektor offensichtlich nicht gehören), dass in einer eigenartigen Wirkungsverbindung von hitlerdeutscher und sowjetischer antisemitischer Propaganda mit älteren islamischen und national-arabischen judenfeindlichen Traditionen der arabisch-jüdische Konflikt auf der Seite der arabischen oder auch anderer islamischer Länder, z. B. der Islamischen Republik Iran, antisemitisch grundiert worden ist. Zahlreiche antisemitische Äußerungen belegen diesen Tatbestand. Wir kennen, in unserer Zeit, nicht nur durch memri, honestly-concerned oder Palestinian Media Watch die antijüdische Agitation in den Medien, in religiösen Ansprachen, in den Schulbüchern oder staatlichen Erklärungen aus arabischen und weiteren islamischen Ländern 5 . Zu nennen sind dabei etwa Ägypten, Syrien, Saudi-Arabien, das Gebiet der Palästinensischen Autonomiebehörde, die Islamische Republik Iran oder, als Organisationen, Hisbollah und Hamas. Der Hisbollah-Fernsehsender Al-Manar vermittelt über Satellit die alte antisemitische Ritualmordlegende, die in Europa ohne Probleme empfangen werden kann. Die antisemitischen"Protokolle der Weisen von Zion" werden in arabischer und in anderen Sprachen mit neuen Auflagen in der islamischen Welt verbreitet und nach Europa importiert. Auch die ägyptische, in vielen Ländern ausgestrahlte Fernsehserie"Reiter ohne Pferd" nimmt, unter Berufung auf die Pressefreiheit, dieses Thema auf. Die„Protokolle“ sind eine antisemitische Fälschung aus dem zaristischen Russland, die beweisen soll, dass es eine Verschwörung zur Errichtung einer jüdischen Weltherrsowie Gessler, Philipp, Antisemitismus unter Jugendlichen, ebd., S. 225 ff. 5 Vgl. die Beispiele in honestly-concerned, honestly-concerned, If you believe that today's ARAB ANTISEMITISM is any different from the NAZI GERMANY one, think again, Flugblatt, 2004, sowie Carmon, Yigal, s. Anm. 3, mit weiteren Belegen aus der memri-Sammlung, und sowie Wistrich, Robert S., Muslim Anti-Semitism- A Clear and Present Danger, Broschüre des American Jewish Committee, 2002, u.a. S. 15 ff., zur antiisraelischen Kampagne der palästinensischen Autonomiebehörde vgl. auch die Informationen von Palestinian Media Watch, www.pmw.org.il, sowie Crook, Barbara und Marcus, Itamar, Pedagogy of Hate, in: Jerusalem Post Op-Ed, 4.1.2004. 38 schaft gibt. Es handelt sich dabei also nicht um einen Grenzfall zwischen Antiisraelismus und Antisemitismus, sondern um eine klassische, auch von Adolf Hitler geschätzte antisemitische Hetzschrift – um eine unter vielen anderen. Auch die zahllosen antijüdischen und israelfeindlichen Karikaturen aus der arabischen Presse zeigen häufig das Niveau, die Tendenz und den Stil des NS-Organs"Der Stürmer". 39 y fëä~ãáëíáëÅÜÉê“=çÇÉê= y áëä~ãáëÅÜÉê“=^åíáëÉãáíáëãìë\= Gibt es nur einen„islamistischen“ und keinen„islamischen“ Antisemitismus? Bernard Lewis hat in einem publizistischen Beitrag(ähnlich die Darstellung im Untertitel zu einem Buch 6 ) ein auch hier interessierendes Problem mit der folgenden Frage beschrieben:"Islam: what went wrong?". Etwas lax formuliert könnte man das mit"Was lief schief im Islam?" übersetzen. Auch gegen diesen Islam-Bezug werden sich vielleicht einige wenden. Sollen wir aber in allen derartigen Fällen immer auf das Substantiv"Islam" und auf das Adjektiv"islamisch" verzichten und im hier relevanten Zusammenhang statt dessen etwa nur vom Antisemitismus von"Muslimen", vom"muslimischen" oder, wie erwähnt, vom„islamistischen“ Antisemitismus sprechen? Haben die religiösen Ansprachen, die Schulbücher, Fernsehserien und Medienberichte mit antisemitischer Tendenz nichts mit dem"Islam" zu tun- etwa deshalb, weil es dabei um verhältnismäßig neue, vor allem in der Zeit Hitlerdeutschlands verstärkte Phänomene geht? Was spräche, wenn das zuträfe, z. B. gegen die Forderung, Martin Luther begrifflich aus dem Kreis des "richtigen", nicht-antisemitischen protestantischen Christentums auszuschließen- wegen seiner antijüdischen Hassausbrüche, die Richard Schröder einmal in einer Festrede in Wittenberg mit unserer heutigen Terminologie als"antisemitisch" qualifiziert hat? Eine Lösung kann auch nicht darin gesehen werden, alle muslimischen Antisemiten zu„Islamisten“ zu erklären. Verbirgt sich hinter dem sprachpolitischen Engagement, den"Islam" von allen negativen Aspekten(von der Dschihad-Kriegskonzeption über judenfeindliche Koranstellen bis hin zum"neuen" Antisemitismus) zu trennen, nicht selbst ein Problem? Manche sprechen in diesem Zusammenhang übrigens von"Desinformation". Auch Bassam Tibi, ein deutscher muslimischer Professor syrischer Herkunft, weist in seinen Publikationen immer wieder auf Tendenzen im Westen hin, die Gefahren und Aggressionspotentiale in der Islamentwicklung zu unterschätzen und zu verharmlosen 7 . Wir haben uns, letztlich aus guten Gründen, angewöhnt, vom"christlichen Antisemitismus" zu sprechen, ohne damit behaupten zu wollen, die Christen und das Christentum seien generell antisemitisch. Diese Formel ist auch für die Beschreibung des entsprechenden Tatbestandes im Islam geeignet. Viele muslimische Immigranten in Europa 6 Lewis, Bernard, 2003, s. Anm.3. 40 bringen derartige Auffassungen in ihre neue Heimat mit. Zum Teil werden die entsprechenden antisemitischen Vorurteile auch erst in Europa vermittelt, z. B. durch Fernsehsender wie die schon erwähnte, von Hisbollah mit iranischer Unterstützung betriebene Station Al-Manar. Zwischen den Entsendeländern der muslimischen Immigration und den Einwanderern selbst gibt es auch in dieser Frage einen Kommunikationsprozeß. Die antisemitischen Auffassungen in der Einwanderergruppe und in der Mehrheitsgesellschaft bleiben ebenso weder der einen noch der anderen Seite verborgen. ^åíáëÉãáíáëãìë=ìåÇ=fëê~ÉäâêáíáâW=aÉÑáåáíáçå=ìåÇ=oÉ~äáí®í In diesem Zusammenhang ist die Abgrenzung zwischen Israelkritik und Antisemitismus zu klären. Der dumm-dreiste Satz, man werde doch noch"die Juden" oder Israel"kritisieren" dürfen, zeigt, wahrscheinlich ungewollt, Vorgehensweise und Zielsetzung derjenigen, die, mit Unterstützung vieler ähnlich Denkender in Deutschland und im übrigen Europa, die Aktionsräume gegen"die Juden" und Israel öffnen wollen. Tatsächlich wird jedenfalls Israel in deutschen und anderen europäischen Medien seit Jahren überaus deutlich und in vielen Fällen nicht immer unter Anwendung gerechter Maßstäbe angegriffen. 8 Eine internationale Konferenz jüdischer Gemeinden in Jerusalem 2004, ein darauf beruhender israelischer Debattenbeitrag auf einer OSZE-Konferenz in Berlin(ebenfalls 2004) und andere ähnliche Erklärungen aus dem Folgejahr haben sich mit der hier gestellten Abgrenzungsfrage befasst 9 . Abgesehen von unbedeutenden Unterschieden in den Feinheiten gibt es danach im Grundsatz bei denjenigen, die auf diesem Gebiet überhaupt konsensfähig sind, weitgehend Übereinstimmung. Die Grenze zum("neuen") Antisemitismus ist nach diesen Ansätzen jedenfalls dann überschritten, wenn man Israel mit ungleichen Maßstäben kritisiert, die nur bei ihm und sonst bei keinem anderen Land angelegt werden, wenn man Israel und den Zionismus dämonisiert, etwa im Sinne von Verschwörungstheorien, die Israel und die"Zionisten" für die Terroranschläge vom 11. Sep7 Tibi, Bassam, Islamische Zuwanderung- Die gescheiterte Integration, Stuttgart, München, 2002, S. 20 ff., S. 58 ff. 8 Vgl. insbesondere zur hochproblematischen Spiegelberichterstattung Behrens, Rolf, Anm.4, sowie ders.,"Raketen gegen Steinewerfer". Das Bild Israels im"Spiegel". Eine Inhaltsanalyse der Berichterstattung über Intifada 1987 – 1992 und"Al-Aqsa-Intifada" 2000 – 2002. 9 S. das Zitat aus der Jerusalemer Erklärung in honestly concerned, Aufruf zum Kampf gegen den Antisemitismus- Erklärung einiger Nichtregierungsorganisationen zur OSZE-Konferenz, Flugblatt, Berlin 2004; vgl. zur Debatten- und Medienentwicklung auch den Beitrag von Rensmann, Lars, s. Anm. 4. 41 tember 2001 oder für alle Mißstände in der arabischen und islamischen Welt verantwortlich machen, oder wenn man die Vernichtung Israels fordert. 10 Alle diese Negativkriterien sondern Israel gewissermaßen als – rechtlosen – Juden unter den Staaten aus; man kann sie deshalb auch insgesamt als – antisemitische – Unterfallvarianten des Prinzips der ungerechtfertigten Ungleichbehandlung ansehen. Damit sollen nicht etwa die Besonderheiten des jahrhundertealten, kulturell tief verankerten Verfolgungsphänomens"Antisemitismus" in Frage gestellt werden, die seine allgemeine Einordnung in die angeblich übergreifenden Erscheinungen von Rassismus, Xenophobie oder verschiedenen Formen von Religionsfeindschaft ausschließen- anders als dies etwa OSZE-Konferenzen und weitere Instanzen behaupten. Bei derartigen"Einordnungen" handelt es sich zumeist um den durchsichtigen Versuch, die historisch nur allzu deutlich belegte Gefährlichkeit von Antisemitismus und dessen damit zusammenhängende negative Bedeutung zu relativieren 11 . Ein Blick in UN-Resolutionen und in die sonstige UN-Praxis zeigt übrigens, wie weit die Ungleichbehandlung Israels inzwischen gediehen ist; er zeigt auch, wie wenig konsequent sich etwa westliche Staaten, unter ihnen Deutschland oder insgesamt die EUStaaten, derartigen Tendenzen widersetzen. Selbst in Politik und Praxis der Europäischen Union und ihrer eigenen"Außenpolitik" gibt es dafür viele Beispiele 12 . Eine konkrete Erwägung soll deutlich machen, welchen nur zynisch zu erfassenden Stand an politischer Moral wir in diesem Zusammenhang seit längerer Zeit erreicht haben. Man sollte meinen, dass die(vor welchem Hintergrund auch immer geäußerte) politische Kritik an einem Land auf internationaler Bühne voraussetzt, dass vergleichbare oder schwerer wiegende Kritiktatbestände in anderen Länden nach ihrem jeweiligen Gewicht mindestens ebenso deutlich oder mit schärferem Ton in die internationale Debatte eingebracht werden – etwa von einem Land mit der besonderen Geschichte Deutschlands und mit der daraus abzuleitenden Verpflichtung. Dieser Grundsatz hätte dann schon vor vielen Jahren dazu führen müssen, dass die Massaker(tatsächlich wohl: der Völkermord) im 10 Vgl. zu den Abgrenzungsansätzen auch Faber, Klaus, 2002, 2005 und 2006, s. Anm. 3 und 4. 11 Vgl. zur Aussonderung Israels als Jude unter den Staaten Faber, Klaus, 2005, s. Anm. 3, S. 78; zur Präzedenzlosigkeit der antisemitischen Judenverfolgung und der Schoa vgl. Bauer, Yehuda, Die dunkle Seite der Geschichte, Frankfurt a. M., 2001. 12 S. dazu die von Schröder, Ilka, Liaisons Dangereuses, in: Faber, Klaus, Schoeps, Julius H., Stawski, Sacha(Hg.), Neu-alter Judenhass – Antisemitismus, arabisch- israelischer Konflikt und europäische Politik, Berlin, 2006, S. 279 ff., geschilderten Konstellationen, die auch Fälle unbegreiflicher Parteilichkeit zugunsten der Palästinensischen Autonomiebehörde umfassen; 42 Südsudan(von den Regierungen des arabischen Nordsudans an den nicht-arabischen Völkern des Südsudans begangen) sowie die Massenvertreibungen in diesem Konflikt ganz oben auf der UN- und EU-Agenda stehen – jedenfalls lange vor begründeten oder unbegründeten Vorwürfen gegen Israel. Denn selbst dann, wenn man unüberprüft allen arabischen Anschuldigungen gegen Israel folgen würde(was man natürlich nicht tun sollte), wären die damit erfassten Tatbestände verglichen mit den Verbrechen im Südsudan nahezu bedeutungslos. 13 Ohne eine vorausgehende Thematisierung der Südsudanverbrechen fehlt jeder kritischen UN-Debatte über Israel im Grunde genommen die politisch-moralische Legitimation, mehr noch: sie ist durch den prinzipiellen Mangel der ungerechtfertigten Ungleichbehandlung gekennzeichnet. Wer die Staatenpraxis im UN- oder im EU-Rahmen mit dem eben geschilderten Anforderungsprofil für internationale Kritik-Verfahren vergleicht, wird aus dem Staunen nicht herauskommen: Südsudan-Resolutionen oder gar Sanktionen wird man nicht, entsprechende Diskussionen kaum, gegen Israel gerichtete Debatten, Resolutionen und Sanktionsandrohungen mit geradezu obsessiver Verfolgungsintensität dagegen in Hülle und Fülle finden. dçäá~íÜ=fëê~Éä=ìåÇ=~ê~ÄáëÅÜÉê=a~îáÇ\ Auch auf anderen hier relevanten Feldern sind sonderbare Maßstabsverzerrungen zu beobachten. Eine in Deutschland und im übrigen Europa weit verbreitete Geschichtsinterpretation der(Schein-)Äquidistanz im arabisch-israelischen Streit spricht im Ergebnis die arabische Seite von negativer politischer Verantwortung für den Konflikt mit Israel oft weitgehend frei, belastet aber dennoch die jüdische Seite. Sie findet, wohl repräsentativ für eine Stimmungsmehrheit in den deutschen Medien und in großen Bereichen der deutschen Politik, z. B. in einem 2005 veröffentlichen Artikel von Annette Grossbongardt im"Spiegel" 14 Ausdruck. Auch diese Kritiktendenz muss im hier gegebenen Abgrenzungszusammenhang bewertet werden. Der beschriebenen politischen Botschaft liegt häufig die im Westen und insbesondere in Deutschland gern gehörte These zugrunde, im"asymmetrischen" arabisch-israelischen Streit seien von Anfang an die arabischen Palästinenser die Schwächeren gewesen – 13 zu weiteren hier heranzuziehenden Vergleichsfällen vgl. Faber, Klaus, 2005, s. Anm. 3, S. 77 f. 14 "Spiegel" 41/2005, S. 134 ff.; zu den Hintergründen derartiger 43 eine These, die auch dem Welt-Verständnis von Alt-68ern und ihrer Beziehung zur"Dritten Welt" entgegenkommt. In der Auseinandersetzung mit solchen Positionen ist Differenzierung geboten. Die in diesem Kontext häufiger gestellte Frage, ob die arabische Seite überhaupt Alternativen zum Konflikt und zum Krieg gehabt habe, kann, ernst genommen und konkret beantwortet, nicht ohne weiteres verneint werden(wozu aber viele, auch Annette Grossbongardt 15 , neigen). Die arabischen Palästinenser und insgesamt die arabische Seite hätten 1937 die für sie sehr günstigen Teilungslinien der britischen Peel-Kommission, 1947 den Teilungsplan der Vereinten Nationen und im Jahre 2000 die Clinton-Barak-Vorschläge, die mit einigen Gebietstauschmodifikationen im wesentlichen die Rückkehr zu den Waffenstillstandsgrenzen vor dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 vorsahen, annehmen können. Dass die arabische Seite alle diese Vorschläge abgelehnt hat, kann nicht auf die angeblich starke Position"der Juden" und Israels zurückgeführt werden. Die Ablehnung beruhte vielmehr auf derjenigen Negativfestlegung, die von den meisten Arabern bereits 1919, in den ersten Protestversammlungen nach der britischen Eroberung von"Südsyrien", vertreten wurde 16 . Eine jüdische Staatlichkeit sollte es dort, im späteren Mandatsgebiet"Palästina", nicht geben – oder, so die taktische Variante von 2000, nur vorübergehend unter Bedingungen zugelassen werden, die das Scheitern dieser Staatlichkeit programmieren. Ist das eine Position der"Schwäche"? Geschichtsinterpretationen s. auch Scherer, Klaus-Jürgen, s. Anm. 4, S. 104 ff. 15 Im"Spiegel", ebd.; Annette Grossbongardt zitiert in diesem Zusammenhang ohne Kommentar eine arabisch-palästinensische Stimme:"Aber hätten die Araber überhaupt etwas richtig machen können? Alles sprach einfach gegen uns. Was konnten wir schon gegen den Holocaust ausrichten, der die Juden zum kollektiven schlechten Gewissen Europas erhob?"(ebd., S.138); eine ähnliche Position vertreten offenbar auch die von Matthias Küntzel, Joschka Fischer, die„Road Map“und der Gaza-Abzugsplan, in: Faber, Klaus, Schoeps, Julius H., Stawski, Sacha(Hg.), Neu-alter Judenhass – Antisemitismus, arabisch- israelischer Konflikt und europäische Politik, Berlin, 2006, S. 251 ff., S. 261 f., zitierten Experten, die"Eckpunkte" für die deutsche Nahostpolitik formulieren sollten und in diesem Zusammenhang den erstaunlichen Vorschlag machten, Deutschland solle"Geburtshelfer und Pate des zukünftigen palästinensischen Staates" werden."Deutschland soll deutlich machen, daß es den überwiegend arabischen Charakter des Nahen und Mittleren Ostens erkennt und die Beziehungen zur arabischen Welt nicht vom Erfolg des Friedensprozesses abhängig macht."- so zitiert Matthias Küntzel(ebd., S. 262) die Eckpunkte, die von ihren Autoren(zu Unrecht) als"ausgewogen", aber(zu Recht) als"nicht neutral" bezeichnet werden(s. Matthias Küntzel ebd., S. 261, dort Anm. 476); für die nicht-arabischen Völker des "Nahen und Mittleren Ostens"(!) u. a. iranischer oder türkischer Zuordnung vermitteln die"Eckpunkte" interessante Aufschlüsse über eine mögliche deutsche Position; mit dem eher ungewöhnlichen Vorschlag, die"Beziehungen zur arabischen Welt" nicht vom Erfolg des Friedensprozesses abhängig zu machen, sollen diese Beziehungen offenbar, anders als diejenigen zu Israel, von Bedingungen freigestellt werden, die mit dem"Friedensprozeß" zusammenhängen. 16 "Südsyrien" war die jedenfalls bis 1919 vorherrschende arabische Bezeichnung für dasjenige Gebiet, zu dem auch das"Palästina" der christlichen Tradition gehört, vgl. Segev, Tom, Es war einmal ein Palästina- Juden und Araber vor der Staatsgründung Israels, München 2005, S. 118. 44 Mit Mühe wurde nach dem 2. Weltkrieg die Gründung des jüdischen Staates vorbereitet, vollzogen und verteidigt; ein jüdischer Erfolg war etwa in der Abstimmung der UNVollversammlung zur Palästinamandatsteilung nur mit Hilfe der Sowjetunion und der Stimmen der von ihr kontrollierten Länder möglich. Der neue Staat war in den Anfängen des arabisch-israelischen Krieges von 1948/49 dem militärischen Untergang nahe."Asymmetrisch" waren in dem Konflikt sowohl die Zielsetzungen als auch die Machtmittel - aber nicht im Sinne der in Europa zur Zeit vorherrschenden Meinungen. Die arabische Seite hatte die Verhinderung und später die Vernichtung der israelischen Staatlichkeit zum Ziel. Der"jüdische Sieg" bestand 1948/49 vor allem darin, die proklamierte Staatlichkeit zu schützen. Die erzielten Territorialgewinne gegenüber dem UN-Teilungsplan, dessen komplizierte Linien militärisch nicht zu verteidigen waren 17 und friedliche Verhältnisse voraussetzten, waren vergleichsweise gering. Weit mehr als die Hälfte Israels in den Linien vor 1967 gehörte ursprünglich zu den Steppen- und Wüstenzonen. Am ursprünglich bebauten und besiedelten Land gemessen geht der arabisch-israelische Streit seit bald hundert Jahren also um eine Region von der Größe der Altmark und einiger angrenzender Gebiete. Es kann sich daher von der arabischen Seite aus gesehen im Kern kaum um einen Territorialkonflikt handeln. In verschiedenen Kriegen stand Israel militärischen Gegnerkonstellationen vom Irak bis Marokko gegenüber. Das Bevölkerungsverhältnis zwischen Israel einerseits und den Mitgliedstaaten der Arabischen Liga(einschließlich der mit der Liga informell verbundenen Islamischen Republik Iran) andererseits beträgt etwa 1:60. Bei den Raumrelationen liegt die Distanz bei ungefähr 1:750. Der Abstand zwischen Bevölkerungs- und Raumvergleich (60:750) macht einen weiteren Unterschied deutlich. An Geld fehlt es auf arabischer Seite nicht, um aride Zonen zu kultivieren. Israel hat, einschließlich der nichtentwickelten oder ursprünglich unentwickelten Gebiete, ungefähr den territorialen Umfang Sachsen-Anhalts, mit über 7 Mio. Einwohnern aber eine weit mehr als doppelt so große Bevölkerung. Dass Israel in den arabisch-israelischen Streitrunden nicht unterlag, macht demnach aus ihm keinen Goliath und aus seinen Gegnern keinen David. ^åíáëÉãáíáëãìë=ìåÇ=fëä~ãçéÜçÄáÉ 17 Vgl. Segev, Tom, ebd., S. 546, zur Linienführung des UN- Teilungsvorschlags. 45 In der Debatte über Islam und Antisemitismus spielt in der letzten Zeit häufig das Stichwort„Islamophobie“ eine Rolle.„Islamophobie“ – eine verhältnismäßig neue Wortschöpfung, die auch von konservativen islamischen Formationen gerne verwandt wird – ist, anders als dies politische Erklärungen oder manche Studien mit wissenschaftlichem Anspruch nahelegen, nicht auf die gleiche Bewertungsstufe wie„Antisemitismus“ zu stellen. Schon ein oberflächlicher Vergleich zeigt die Unterschiede: Keines der zahlreichen Herkunftsländer der islamischen Immigration ist von Vernichtung bedroht. Niemand will Muslime in aller Welt diffamieren, bekämpfen und gegebenenfalls ausrotten. Niemand wirft Muslimen vor, sie würden Christen- oder Judenkinder schlachten, um mit ihrem Blut für islamische Feiertage Brot zu backen – wie dies etwa in staatlich kontrollierten Sendern mehrer islamischer Länder eine Fernsehserie umgekehrt über Juden behauptet. Für Antisemitismus gibt es ebenso wenig eine Rechtfertigung wie für Sklaverei oder Terrorismus; auch angenommene oder tatsächliche„Demütigungen“ rechtfertigen Antisemitismus nicht. Für Antisemitismus darf es in gleicher Weise kein – wie auch immer begründetes – Verständnis geben. Kritik an islamischen Positionen – etwa gegenüber traditionellen islamischen Auffassungen zum Geschlechterverhältnis, zu den Menschenrechten, vor allem zur Glaubensfreiheit, zur Nicht-Abgrenzung zwischen„Religion“ und„Politik“ oder insgesamt zur Demokratie – muss demgegenüber nicht nur erlaubt sein, sondern ist in mancher Hinsicht geradezu dringend notwendig. Dies zeigen nicht zuletzt Kemal Atatürks Reformen seit den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts oder, als symptomatisches Einzelbeispiel, der Fall Abd-ul-Rahman in Afghanistan. Die Furcht der nicht-muslimischen Flüchtlinge aus dem Südsudan vor den sie verfolgenden muslimischen Regierungsstreitkräften mag in Teilsektoren in eine allgemeine Abneigung gegenüber Muslimen münden(vergleichbar mit manchen antideutschen Meinungsströmungen nach dem 2. Weltkrieg) – als unverständlich und gänzlich unerlaubt wird man derartige Reaktionen aber kaum bezeichnen können. Eine mit dem antisemitischen Verfolgungswahn zwar nicht gleichzustellende, aber entfernt ähnliche Diskriminierungsposition gegenüber allem Muslimischen und gegenüber dem Islam wäre und ist selbstverständlich ebenso abzulehnen wie der Antisemitismus. Vergleichbares gilt auch für bestimmte Varianten von antimuslimischer Fremdenfeindlichkeit. Derartige Auffassungen sind aber deutlich von anderen, hier in Beispielen ge46 schilderten Formen der Islamkritik abzugrenzen, die ihrer Art nach nichts mit dem Antisemitismus-Verfolgungsmuster zu tun haben. Leider zeigt der Umgang mit dem Begriff „Islamophobie“ häufig, dass auch solche – notwendigen, zulässigen oder zumindest verständlichen – islamkritischen Positionen in den Verbotsbereich der„Islamophobie“ einbezogen werden sollen – was einen derartigen Begriff politisch unbrauchbar und zum Manipulationswerkzeug für fragwürdige Interessen machen müsste. dä~ìÄï ² êÇáÖÉ=mçëáíáçåÉå=å~ÅÜ=áååÉå=ìåÇ=~ì — Éå= Man kann, um auf das zu Beginn angesprochene Thema zurückzukommen, darüber spekulieren, wann die Islamische Republik Iran über Atombomben verfügen wird. Dass die Islamische Republik von Anfang an den Atombombenbau angestrebt hat und weiterhin anstrebt, steht allerdings seit langem fest. Die Behauptung, Israel könne mit einer Atombombe zerstört werden(so übrigens auch die Führung der Islamischen Republik), enthält gewiss eine alarmistische Übertreibung. Dass die Islamische Republik von Anfang an Israel als Zielgebiet für die noch zu bauenden Atombomben im Sinn hatte und hat und dass sie Israel auslöschen will, kann andererseits nicht ernsthaft bezweifelt werden. Man sollte die Verhandlungen mit der Islamischen Republik nicht von vornherein für sinnlos erklären und auch nicht das Szenario eines unmittelbar bevorstehenden atomaren Angriffs auf Israel entwerfen. Ebenso sind auf der anderen Seite die durch die nukleare Proliferation mittelfristig begründeten Gefahren realistisch einzuschätzen. Wer dies nicht tun und zur Gefahrenabwehr keinen relevanten Beitrag leisten will, muss sich den Appeasement-Vorwurf und deshalb auch den Vergleich mit den 30er Jahren gefallen lassen. Ähnliches trifft auf die Auseinandersetzung mit der antisemitischen Grundorientierung der Islamischen Republik Iran und vieler anderer islamischer Staaten sowie insgesamt im Islam zu. Solche Orientierungen sind ein wesentliches Hindernis für eine tragfähige Konfliktlösung im Nahen Osten. In den Staatenbeziehungen sollte das Thema deshalb nicht ausgeklammert, sondern, anders als bisher, auch regelmäßig öffentlich angesprochen werden. Beschwichtigung ist in derartigen Fragen keine adäquate Haltung. Sie unterminiert vielmehr in zentralen Menschenrechts- und Demokratiepositionen die westliche, europäische und deutsche Glaubwürdigkeit. Wenn ein„Dialog der Kulturen“ diesen Sektor aussparen soll, macht er keinen Sinn. 47 Die Teil-„Kulturen“ etwa in der Türkei oder in der Islamischen Republik Iran sind in ihren innen- und außenpolitischen Aspekten selbstverständlich nicht nur durch die verbindende Klammer einer wachsenden Antisemitismusneigung gekennzeichnet. Trotz des zunehmenden Einflusses der türkischen Mehrheitspartei AKP liegen zwischen der kemalistischen Türkischen Republik und der Islamischen Republik Iran immer noch Welten, wenn auch inzwischen vielleicht etwas weniger deutlich in der Antisemitismusfrage. Andererseits muss eine realistische Beurteilung den Zusammenhang zwischen dem Integrationsprozess unserer muslimischen Minderheiten in Europa und der Entwicklung in der islamischen Welt erkennen. Diese Entwicklung ist insgesamt durch eine Modernisierungskrise geprägt, die auch im Anwachsen radikaler antiwestlicher und antisemitischer Strömungen sichtbar wird. Wenn wir in der Integrationspolitik, im Medienbereich und in anderen Sektoren gegen diese Strömungen erfolgreich sein wollen, sind wirksame Maßnahmen erforderlich, die sich nach innen und nach außen an den gleichen Maßstäben orientieren. Sie müssen sich sowohl auf staatliche wie supranationale Instanzen, die nationale Politik und die Zivilgesellschaft als auch auf die pädagogische Ebene beziehen – angefangen von der Vermittlung von Sprachkompetenz über mit unserer Verfassung zu vereinbarende Angebote religiöser Information und Unterweisung bis hin zur Werbung für unsere Verfassungsgrundsätze. Wir stehen nicht, wie Alarmisten behaupten, vor einem„Krieg der Kulturen“ – und wir sollten uns auch im Interesse unserer muslimischen Bürgerinnen und Bürger nicht das Gegenteil aufschwatzen lassen. Die Konfliktlinie verläuft innerhalb der islamischen Gesellschaften und innerhalb der islamischen Minderheiten in Europa. Appeasement ist andererseits für Demokraten weder nach innen noch nach außen eine vertretbare Aktionsmaxime. Es besteht durchaus Anlass zum Handeln gegen den neu-alten Antisemitismus – in ganz Europa, vor allem in Deutschland, und ebenso in Nahost. Zum Handeln gehört in Deutschland auch die politische Forderung, dass die Bundesregierung in Anlehnung an das Vorgehen anderer Staaten einen jährlichen Bericht zur Antisemitismusbekämpfung herausgibt. Der Bericht sollte, unter Beteiligung des Innenministeriums und des Auswärtigen Amtes, über die Verbreitung antisemitischer Strömungen in allen Gesellschaftsteilen und –institutionen einschließlich der Medien Auskunft geben sowie darlegen, welche Gegenmaßnahmen notwendig sind und eingeleitet wurden. Aufgenommen werden muss ebenso die Berichterstattung über die antisemitische Agitation in den Herkunftsländern der muslimischen Einwanderer, die uns, wie geschildert, über viele 48 Wege –über Satelliten, über das Internet, über den Buch- und Zeitschriftenimport oder sogar über Schulen – erreicht, und über die Maßnahmen, die die Bundesregierung dagegen ergreift oder ergreifen wird. Wie wichtig ein derartiger Bericht ist, zeigen übrigens auch die neuen, erschreckenden Untersuchungen der Alice-SalomonFachhochschule über den Antisemitismus im Umfeld Berliner Schulen 18 . Der Kampf gegen den neuen und den alten Antisemitismus, gegen die im Titel angesprochenen„unheiligen Allianzen“, ist ein wichtiger Teil des Kampfes für die Demokratie und für die Menschenrechte. Den Menschenrechtskonventionen der Vereinten Nationen sind fast alle Staaten beigetreten, darunter auch diejenigen, die Antisemitismus nicht nur zulassen, sondern sich selbst antisemitisch betätigen. Der deutsche Staat, unser Staat, sollte die Aufgabe annehmen, im Gegensatz zu früheren Positionen in dieser Frage aktiv Partei zu ergreifen. 18 Vgl. dazu Gessler, Philipp, s. Anm. 4. 49 AHMADINEJADS ANTISEMITISMUS UND DER GEGENWÄRTIGE KRIEG von Matthias Küntzel Als Mahmud Ahmadinejad im Sommer 2005 zum iranischen Präsidenten gewählt wurde, zog sich Israel gerade aus dem Gazastreifen zurück. Damals hofften viele, dass dieses Stück Land fortan als Modellregion palästinensischer Eigenstaatlichkeit aufblühen würde. Doch das Gegenteil trat ein: Binnen kürzester Frist verwandelte sich der Gazastreifen in den vorgelagerten Frontabschnitt eines Krieges gegen Israel: neue Waffenlager und –fabriken schossen wie die Pilze aus dem Boden. Mit Hunderten von Kassam-Raketen nahmen die von Teheran finanzierten Islamisten den jüdischen Staat unter Beschuss. Im südlichen Libanon das gleiche Bild: Die von Israels Streitkräften verlassenen Region wurde zum Aufmarschgebiet: Hier stationierte die Hizbollah mehr als zwölftausend Raketen, die der Iran über Syrien in die Nähe der israelischen Grenze schaffen ließ. 1 Das Land wurde zu einer Angriffsplattform mit ausgeklügelten Festungsanlagen und Tunnelsystemen ausgebaut und am 12. Juli 2006 für den Angriff auf israelische Soldaten genutzt. In Gaza wie im Libanon bestand die Möglichkeit einer Normalisierung der Beziehung mit Israel, in deren Folge auch eine wirtschaftliche Belebung zu erwarten war. Warum orientieren Hamas und Hizbollah nicht auf Frieden und Wohlstand, sondern auf Aufrüstung und Krieg? Warum werden sie hierbei vom Iran unterstützt, ein Land, das weder einen territorialen Streit mit Israel, noch ein palästinensisches Flüchtlingsproblem hat? Ein Land zudem, dass nicht nur auf eine lange Geschichte angespannter Beziehungen mit der arabischen Welt, sondern auf eine noch längeren Geschichte des Zusammenlebens mit Juden zurückblicken kann? Die Antwort findet sich selten in den Massenmedien unserer Tage, um so häufiger jedoch in den Stellungnahmen aus Gaza-Stadt, Beirut und Teheran: Israel ist heute mit der vielleicht massivsten Bedrohung seiner Existenz seit 1948 konfrontiert, weil ein eliminatorischer islamischer Antisemitismus im Zentrum jenes Religionskriegs steht, den der Islamismus gegen den Westen insgesamt führt: Schiitische und sunnitische 1 Kuwaiti Daily: Iran Delivered Missiles to Hizbullah in Lebanon via Syria, in: MEMRI Special Dispatch Series No. 765, August 19, 2004. 50 Islamisten betrachten die Auslöschung Israels und den Kampf gegen die Juden als ihre religiöse Pflicht. Bekanntlich hatten auch die Nazis mit Juden weder ein Grenz-, noch ein Flüchtlingsproblem. Die Geschichte zeigt, dass Antisemitismus von konkretem jüdischen Verhalten völlig abgekoppelt ist – im Nahen Osten ebenso, wie anderswo in der Welt. Zwar mag eine kritikwürdige Politik der israelischen Regierung den Zorn auf diese Regierung steigern – in keinem Fall verschafft sie dem Angriff auf Israels Existenz Plausibilität. Doch eben dies – die Vernichtung Israels – forderte beispielsweise der palästinensische Fernsehprediger Scheich Ibrahim Mudeiris vor gut einem Jahr im öffentlichen Fernsehen der Palästinensischen Autonomiebehörde. Mudeiris:„Mit der Etablierung des Staates Israel war die gesamte islamische Nation verloren, weil Israel ein Krebsgeschwür ist, das sich durch den Körper der islamischen Nation hindurch ausbreitet und weil die Juden ein Virus wie AIDS sind, an dem die ganze Welt leidet.“ Wer einer solchen Wahnvorstellung anheim gefallen ist, will keine Politikänderung, sondern hat Anderes im Sinn. Mudeiris:„Der Tag wird kommen, an dem alles von den Juden befreit sein wird. Hört auf den Propheten Mohammed, der euch von dem bösen Ende erzählt, dass auf Juden wartet. Die Steine und Bäume werden von den Muslimen verlangen, dass jeder Jude ausgeschaltet wird.“ 2 Viele möchten diesen Irrsinn ebenso abtun, wie einst das Geknurre Adolf Hitlers abgetan worden ist –bis dem antisemitischen Wort der Mord und der Dämonisierung der Juden ihre Vernichtung folgte. So wie Hitler seiner antisemitischen Propaganda aufs Worte glaubte und deshalb mit dem millionenfachen Mord an Juden die Menschheit tatsächlich zu„befreien“ suchte, so glauben auch die Islamisten ihrer Hasspropaganda aufs Wort, weshalb sie jeden Mord an x-beliebigen israelischen Zivilisten als„Akt der Befreiung“ bejubeln. Die Tatsache, dass dieser Jubel heute in islamischen Gesellschaften massenhaft zu vernehmen ist, verweist auf eine weitere Ähnlichkeit mit der nationalsozialistischen Zeit, in der Hitlers Judenpolitik ebenfalls auf massenhafte Zustimmung stieß. Ich meine das Moment der antisemitischen Gehirnwäsche, das seit den Zeiten Josef Goebbels stets verfeinert worden ist. Zum Beispiel durch den Satellitensender der Hizbollah, ^äJj~å~ê , der in der arabischislamischen Welt Millionen von Menschen rund um die Uhr erreicht. ^äJj~å~ê ist der 2 Die Filmaufzeichnung dieser Predigt mit englischen Untertiteln findet sich im Internet unter: http://memritv.org/search.asp?ACT=S9&P1=669 51 bislang einzige TV-Sender der Welt, der Objektivität nicht einmal vortäuscht, sondern sich als die globale Plattform eines antisemitischen Islamismus versteht. Er verdankt seine Beliebtheit zahllosen Videoclips, die mit inspirierender Graphik und mitreißender Musik für Selbstmordattentate werben. ^äJj~å~ê machte aus den mêçíçâçääÉå=ÇÉê=tÉáëÉå=îçå= wáçå - Hitlers Leitfaden für den Holocaust – eine pç~é= léÉê~ . Während des Ramadan 2003 wurde dieses berüchtigte Manifest des Antisemitismus als 29-teilige Spielfilmserie in die Wohnzimmer unzähliger muslimischer Familien gebracht und ein Jahr später im iranischen Staatsfernsehen wiederholt. Da taucht zum Beispiel in einer Szene ein Rabbi auf, der einem jüngeren Juden einen Befehl erteilt:„Höre! Wir haben von oben einen Auftrag erhalten. Wir brauchen für das ungesäuerte Brot am Passahfest das Blut eines Christenkindes.“ In der nächsten Szene wird ein verängstigter Junge in einen Kellerraum gezerrt. Dann fährt die Kamera auf das Kind zu, und in Großaufnahme sieht man, wie ihm die Kehle durchgeschnitten wird. Das Blut spitzt aus der Wunde und strömt in ein Metallbecken. Die Suggestivkraft, mit der hier der mittelalterliche Antisemitismus im Massenbewusstsein normaler islamischer Familien verankert wird, kann sich durchaus mit Nazi-Inszenierungen wie dem Film„Jud Süß“ messen. Ein Kind, das diese Schlächterszene gesehen hat, wird für den Rest seines Lebens geschädigt sein. Es werden Generationen vonnöten sein, bevor dieses mentale Gift wieder abgebaut ist. In einer Zeit, wie der gegenwärtigen, in der ein von der Hizbollah provozierter Krieg mit Israel tobt, zahlt sich die jahrelange Investition in den Antisemitismus jedoch aus. Wenn Israels Armee sich wehren muss, ist das Resultat für keine Seite schön. Entscheidend ist, in welchen Kontext man die neuen Fernsehbilder stellt. Wenn bei Zuschauern die emotionale Infrastruktur des Antisemitismus mittels jahrelanger Berieselung bereits fest verankert ist, versteht sich die„Deutung“ jener Fernsehbilder von selbst: Massenweise wird so ein eliminatorischer Hass auf Israel wachgerufen und mobilisiert. Die restliche Welt aber, die von jener islamistischen Gehirnwäsche weder etwas weiß noch etwas wissen will, erkennt lediglich, dass ein massenhaften Aufschrei gegen Israel im Gange ist und interpretiert diesen Aufschrei als den lediglich jüngsten Beweis, dass Israel seine Nachbarn terrorisiert. So wird nicht zuletzt über den Umweg der„arabischen Straße“ nicht die Politik des Angreifers, sondern die des Angegriffenen delegitimiert: Scheich Hassan Nazrallah, der Führer der Hisbollah und Verantwortliche für ^äJj~å~ê , kann zufrieden sein. 52 Er tritt derzeit im eigenen Sender wie ein lieber kluger Onkel mit Turban und mit leiser Stimme auf – eine Inszenierung die sein eigentliches Anliegen verdeckt:„Israel ist ein Krebsgeschwür in dieser Region“, dozierte er, und wenn ein Karzinom entdeckt wird, muss es ausgemerzt werden.“ 3 Die Schwäche der Israelis, so Nasrallah im Mai 2006, sei ihre unbedingte Liebe zum Leben, während die Stärke der Hizbollah„in ihrer Bereitschaft liege, ihr Blut, ihre Seelen, ihre Kinder, Väter und Familien für die Ehre der Nation zu opfern.“ Niemals werde Hizbollah„von ihrer Verpflichtungen zum Heiligen Krieg zurücktreten. 4 Der gegenwärtige Krieg zeigt erneut, welch’ entsetzliche Eskalationen der islamische Judenhass zur Folge hat. Ohne den energischsten Kampf gegen den Antisemitismus in der islamischen Welt wird Frieden im Nahen Osten nicht möglich sein. Während aber die Genese und die Erscheinungsform des arabisch-islamischen Antisemitismus in zahlreichen Studien aufgearbeitet sind, ist der von Ahmadinejad und Nasrallah verbreitete schiitische Antisemitismus bislang nur wenig erforscht. 5 Vielfach wird gar bestritten, dass es einen Antisemitismus im Iran überhaupt gibt. Diesen Zweifel artikuliert beispielsweise Baham Nirumand, der wohl bekannteste und einflussreichste Exiliraner in der Bundesrepublik. 6 Nirumand erwähnt zwar Ahmadinejads Aufruf, Israel auszulöschen sowie dessen Holocaust-Leugnung.„Mit Antisemitismus“, fährt der Autor fort,„haben diese Attacken wenig zu tun. Im Iran gäbe es dafür auch keine Basis, denn seit zweieinhalbtausend Jahren leben die iranischen Juden hier mit anderen Gläubigen zusammen; selbst im islamischen Gottesstaat sind sie als Glaubensgemeinschaft voll akzeptiert und im Parlament durch gewählte Abgeordnete vertreten. Ahmadinedschad hat sich bisher auch noch nie gegen Juden als solche gewandt, sondern vor allem gegen die ,zionistische Besatzungsmacht’Israel.“ 7 Mit dieser beschwichtigenden Position, die den vermutlich wichtigsten Beweggrund des gegenwärtigen Krieges verwischt, steht Nirumand in der deutschen publizistischen 3 Zit. nach Josef Joffe, Der Wahnsinn an der Macht, in: Die Zeit, 20. Juli 2006. 4 MEMRI, Special Dispatch Series, No. 1176, May 26, 2006 sowie MEMRI, Special Dispatch Series, No. 1214, July 27, 2006. 5 Eine Rarität ist deshalb der Aufsatz von Hennig Fürtig, Die Bedeutung der iranischen Revolution von 1979 als Ausgangspunkt für eine antijüdisch orientierte Islamisierung, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung Bd. 12, Berlin(Metropl), 2003, S. 73-98. Über den arabischen Antisemitismus siehe u.a.: Yehoshafat Harkabi, Arab Attitudes To Israel, Jerusalem(Keter), 1972; Robert Wistrich, Der antisemitische Wahn, München(Max Hueber), 1987; Bernard Lewis,„Treibt sie ins Meer!“, Frankfurt a. M.(Ullstein), 1987; Yossef Bodansky, Islamic Anti-Semitism As A Political Instrument, Shaarei Tikva(The Ariel Center for Policy Research), 1999 und Matthias Küntzel, Djihad und Judenhass, Freiburg(Ca Ira) 2002. 6 Nirmuand schreibt regelmäßig in der taz und ist Alleinautor eines von der Heinrich-Böll-Stiftung monatlich verschicken„Iran-Reports“. 7 Baham Nirumand, Der Verrückte aus Teheran, in: Tageszeitung(taz), 23. Juni 2006. 53 Landschaft nicht allein. Wie grundlegend falsch seine Annahmen sind, werden die folgenden Abschnitte zeigen. „Najas“ – das schiitische Dogma von der„Unreinheit“ der Juden Zwar ist es richtig, dass es in der etwa 2700 Jahre alten Geschichte der Juden im Iran keine dem deutschen Antisemitismus vergleichbare Phänomene gegeben hat. Doch kann von einer Gleichberechtigung der Juden unter der im 16. Jahrhundert beginnenden schiitischen Herrschaft keine Rede sein. Im Gegensatz zu den Sunniten etablierten die Schiiten im 16. Jahrhundert ein System„ritueller Reinheit“, das Ähnlichkeiten mit der Haltung der Hindus gegenüber den Parias, den„Unberührbaren“ hat. Danach gilt, wer kein Muslim ist, als„najas“, also unrein. Jede Berührung mit einem„najas“ wird als eine Art Vergiftung angesehen. Die paranoide Furcht vor „Ansteckung“ provozierte periodisch Exzesse und führte zu einem besonderen muslimischen Verhaltenskodex gegenüber Juden, Christen und Bahai. Diese mussten beispielsweise in Ghettos leben und durften bei Regen nicht auf der Straße gehen, um zu verhindern, dass ihre„Unreinheit“ sich ausbreitet. 8 Aus dem gleichen Grund wurde ihnen der Besuch öffentlicher Bäder oder der Kontakt zu Getränken und Speisen der Muslime untersagt. Zwar wurde diese Diskriminierung unter der Herrschaft der Pahlavi-Schahs(1925-1979) abgeschafft – doch kehrte der Gedanke der„Unreinheit“ mit Khomeinis Revolution wieder zurück. Dem Revolutionsführer galt der gesamte Körper eines Nicht-Muslims ist unrein,„sogar sein Haar, seine Nägel und alle Ausdünstungen seines Körpers.“ 9 So wurden unter Khomeini alle(christlich-)armenischen Arbeiter einer Getränkefabrik entlassen, da sie andernfalls mit einem Getränk in Berührung gekommen wären, das für Muslime vorgesehen war. 10 Bezeichnend auch die Antwort, die Ende der 80er Jahre ein Scheich namens Murtesa vom religiösen Zentrum Q um auf die Frage nach den NichtMuslimen gab:„Sie sind in zweierlei Hinsicht unrein. Erstens sind sie physisch unrein, da sie ihren Körper nicht sauber halten.... Zweitens ist auch ihr Atem unrein, weil sie nicht an den Islam glauben.... Wenn ich einem solchen Mann die Hand geben müsste, würde ich hinterher so schnell wie möglich ins Hotel gehen und meinen Körper von Kopf bis 8 Andrew G. Bostom, The Ayatollahs’Final Solution?, in: FrontPageMagazine.com, July 5, 2004. 9 Bat Ye’or, The Dhimmi – Jews and Christians Under Islam, 1985, Cranbury, NJ, S. 396f, zit. nach Bostom, a.a.O., S. 22, FN 52. 10 Bostom a.a.O., S. 8. 54 Fuß unter einer Dusche reinigen.“ 11 Bis heute bekommen die im Iran lebenden Juden die Auswirkungen dieser najas-Doktrin zu spüren. Noch massiver wirken sich allerdings die antisemitischen Kampagnen aus, die Khomeini in den 60er Jahren bekannt machten und 1979 an die Macht brachten. Khomeinis Antisemitismus Ahmadinejads angebetetes Vorbild, Ayatollah Khomeini, war glühender Antisemit. Zwar pflegte er sich nach der Revolution von 1979 staatsmännisch zu präsentieren und versprach, die Loyalitätsbekundungen der im Iran verbliebenen Juden zu honorieren und sie in Ruhe zu lassen. Doch bezeugen seine Texte aus den 60er und 70er Jahren einen tief verwurzelten Antisemitismus, dessen Ursprung vermutlich in den Dreißigerjahren liegt. Damals stand Adolf Hitler im Iran so hoch im Kurs, dass man ihm den Namen„Haider“ („der Tapfere“) gab und sich davon überzeugt zeigte, dass er in Wahrheit ein verkappter Muslim sei. Hitler, so ging die Sage, sei ein Jünger von Ali, dem von den Schiiten besonderes verehrten Ersten Imam, dessen Bild der Führer angeblich stets unter seinem Hemd in Herzensnähe trage. Wenn Khomeini auch kein Anhänger Hitlers war, pflegte er doch regelmäßig den von den Nazis auch in persischer Sprache ausgestrahlten Kurzwellensender aus Zeesen bei Berlin zu hören – ein Sender, der sich auf die wirkungsvolle Verbreitung von antisemitischer Hetze in der islamischen Welt verstand. 12 „Deutschlands Sendungen in persischer Sprache erfreuten sich während des Krieges der größten Beliebtheit im Irak und in Iran“, schreibt Amir Taheri. Als Khomeini im Winter 1938 im Alter von 36 Jahren aus dem Irak in das iranische Qum zurückkehrte,„hatte er einen von der britischen Firma Pye gebauten Radioempfänger dabei, den er von indischen Pilgern gekauft hatte. Dieses Radio erwies sich als eine gute Investition. Denn nun kamen viele Mullahs und Religionsschüler in sein Haus, um allabendlich die Sendungen von Radio Berlin und von der BBC zu hören.“ 13 Zusätzlich pflegte Khomeini mit einem Abgesandten der ägyptischen Muslimbrüder, Mohammad Nawab-Safivi, 11 Tahmoores Sarraf, Cry of a Nation. The Saga of the Iranian Revolution, New York et. al.(Peter Lang), 1990, S. 111f. 12 Amir Taheri, The Spirit of Allah. Khomeini& the Islamic Revolution, Bethesda, Maryland(Adler& Adler), 1986, S. 98f. Siehe über Radio Zeesen: Matthias Küntzel, Von Zeesen bis Beirut. Nationalsozialismus und Antisemitismus in der arabischen Welt, in: D. Rabinovici, U. Speck und N. Sznaider(Hg.), Neuer Antisemitismus? Eine globale Debatte, Frankfurt/M.(Suhrkamp), 2004, S. 271-293. 13 Taheri, a.a.O., S. 100. 55 engen Kontakt und begann die Texte der führenden Muslimbrüder Hassan al-Banna und Sayyid Qutb zu studieren. 14 Die Muslimbruderschaft, die finanzielle Unterstützung von den Nazis erhielt, trat in den Dreißigerjahre mit antisemitischen Kampagnen in Erscheinung. 15 Seit 1963 hatte Khomeini die mobilisierende Bedeutung des Antisemitismus nicht nur erkannt, sondern für sich auch genutzt.„Ich weiß, dass ihr nicht wollt, dass der Iran unter den Stiefeln der Juden liegt“, rief er am 13. April 1963 seinen Anhängern zu. 16 Noch im selben Jahr griff er den Schah persönlich als einen verkappten Juden und Befehlsempfänger Israels an. 17 Die Resonanz war riesig: Khomeini hatte sein Kampagnenthema gefunden.„Jetzt war der Ayatollah davon überzeugt“, schreibt Taheri,„dass das zentrale politische Thema des gegenwärtigen Lebens eine ausgeklügelte und hochkomplexe Verschwörung der Juden sein müsse“, eine Verschwörung, um„den Islam zu entmannen und die Welt mithilfe der natürlichen Reichtümer der Muslime zu kontrollieren“ gedachte. 18 Als sich im Juni 1963 Tausende von Khomeini beeinflusste Religionsstudenten zu einem Protestmarsch nach Teheran aufmachten und von Sicherheitskräften des Schah brutal gestoppt wurden, verkündete Khomeini:„Israel will nicht, dass der Koran in diesem Land überlebt.... Es vernichtet uns. Es vernichtet euch und die Nation. Es möchte die Wirtschaft übernehmen. Es will unseren Handel und die Landwirtschaft zerstören. Es will den Wohlstand des Landes an sich reißen.“ 19 Nach dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 wurde die antisemitische Agitation, die zwischen Juden und Israelis keine Unterschiede machte, verstärkt.„Seid achtsam, sie sind Monster“, schrieb Khomeini 1970 in seinem Hauptwerk fëä~ãáëÅÜÉ= oÉÖáÉêìåÖK= „Die Juden waren es, die als erste mit der anti-islamischen Propaganda und mit geistigen Verschwörungen begannen und das dauert, wie jeder sehen kann, bis zur Gegenwart an.“ 20 „Die Juden“, rief er schließlich im September 1977,„haben sich mit beiden Händen auf die Welt gestürzt und sind dabei, sie mit unersättlichem Appetit zu verschlingen. Sie haben Amerika verschlungen und haben sich als nächstes dem Iran 14 Taheri, a.a.O., S. 98 und 102. 15 Matthias Küntzel, Djihad und Judenhass, a.a.O., S. 28ff. 16 Cheryl Benard und Zalmay Khalilzad, Gott in Teheran. Irans Islamische Republik, Frankfurt a. M. (Suhrkamp), S. 260, Fn. 26. 17 Taheri, a.a.O., S. 131 und 138. 18 Taheri, a.a.O., S. 159. 19 Henner Fürtig, a.a.O., S. 77. 20 Fürtig, a.a.O., S. 79. 56 zugewandt und sind immer noch nicht zufrieden.“ 21 Diese antisemitischen Attacken trafen unter den iranischen Oppositionellen, ob aus der Linken oder aus dem islamistischen Lager, auf positive Resonanz. Sie lagen auf einer Linie mit den mêçíçâçääÉå= ÇÉê= tÉáëÉå= îçå= wáçå , die im Sommer 1978 auf persisch veröffentlicht und als Waffe gegen den Schah, Israel und die Juden verbreitet worden sind. 1984 druckte die von der iranischen Botschaft in London herausgegebene Zeitung fã~ã= Auszüge aus den mêçíçâçääÉå nach. 22 1985 produzierten die staatlichen iranischen Stellen in hoher Auflage eine weitere Ausgabe dieser Schrift. Später wurde dieser Text unter der Überschrift„Der Geruch von Blut. Jüdische Verschwörungen“ von der Zeitschrift bëä~ãá als Serie nachgedruckt. Noch im Jahr 2005 konnte ich am Stand der iranischen Aussteller auf der Frankfurter Buchmesse die von der fëä~ãáÅ=mêçé~Ö~íáçå=lêÖ~åáò~íáçå der fëä~ãáÅ=oÉéìÄäáÅ= fê~å herausgegeben Ausgabe der mêçíçâçääÉ in englischer Sprache problemlos erwerben, neben anderer antisemitischer Literatur wie Henry Fords Traktat qÜÉ= fåíÉêå~íáçå~ä= gÉï , oder das Machwerk q~äÉ=çÑ=íÜÉ=I` ÜçëÉå=mÉçéäÉÛ=~åÇ=íÜÉ=i ÉÖÉåÇ=çÑ=IeáëíçêáÅ~ä=oáÖÜíÛ von Mohammad Taqi Taqipour, das mir schon aufgrund seines grellen Titels ins Auge fiel: Ein roter Davidstern über einem grauen Totenkopf und einer gelben Weltkarte. Wir sehen also, dass die weltweite Verbreitung des Antisemitismus durch den Iran auch nach dem Tode Khomeinis(1989) kein Ende nahm. 23 Wie hat dieses antisemitische Gift die Lebensqualität der Juden im Iran tangiert? Die Juden im Iran Von den etwas 100.000 Juden aus der Zeit des Schahs blieben nach Khomeinis Revolution etwa 25.000 im Iran zurück. Die meisten von ihnen(ca. 15.000) leben in Teheran, die übrigen in Isfahan, Shiraz und Hamedan. Sie stellen damit die weltweit größte jüdische Gemeinde in einem islamischen Land. Seit 1906 ist ihnen ein Platz im iranischen Parlament, dem Majlis, garantiert. Seit Khomeinis Revolution werden sie nach dem traditionellen islamischen Staatsverständnis als Schutzbefohlene(Dhimmis) gemäß 21 The Institute for the Compolation and Publication of the Works of Imam Khomeini, International Affairs Division, Kauthar. Vol. I. An anthology of the speeches of Imam Khomeini(s.a.) 1962-1978, Tehran 1995, S. 370. 22 Robert Wistrich, a.a.O., S. 320f. 23 Über die Bedeutung des Philosophieprofessors und notorischen Judenhassers Ahmad Fardid, der 1991 nach 30-jähriger Professorentätigkeit an der Uni Teheran starb und bis dahin eine ganze Generation iranischer Philosophen und Intellektuelle beeinflusst hatte, berichtet Ali Sadrzadeh. Nach Fardi gibt es nur zwei Weltanschauungen, die den Gang der menschlichen Geschichte bestimmen: die jüdische, die alle sozialen und politischen Katastrophe dieser Erde ausgelöst habe und die nichtjüdische. Vgl. Ali Sadrzadeh, Vorbereitung auf das Übermorgen, in: taz vom 10. Juni 2006. 57 den„Prinzipien islamischer Gerechtigkeit“ behandelt.„Dieses Prinzip“, so Artikel 14 der iranischen Verfassung„findet Anwendung auf alle, die sich nicht an Aktivitäten oder Verschwörungen gegen den Islam und die Islamische Republik Iran beteiligen.“ So wird mit Todesstrafe bedroht, wer in den Verdacht gerät,„Spion“ für Israel zu sein. Man lässt die Juden im Iran darüber hinaus ihren unterlegenen Status deutlich spüren: So dürfen sie Muslimen gegenüber keine höheren Positionen bekleiden und sind zum Beispiel von hohen Funktionen in Politik und Armee ausgeschlossen. Sie dürfen vor Gericht keine Zeugenaussage abgeben, ihre jüdischen Schulen müssen von Muslimen geleitet werden sowie am Schabbat geöffnet sein und Bücher auf Hebräisch sind verboten. Bislang hat das Regime, das immer wieder antisemitische Schriften und Karikaturen veröffentlicht, verhindert, dass diese Anstachelung in Gewalttätigkeit umgeschlagen ist. Man konfrontiert die Juden mit einer Mischung aus Anstiftung und Zurückhaltung, die einen permanenten Status der Unsicherheit nach sich zieht. 24 Seit Ahmadinejadas Wahl hat sich diese Unsicherheit erhöht. Während einerseits der iranische Staatspräsident die schiere Existenz der jüdischen Gemeinde als Beweis seiner Vorurteilslosigkeit medienwirksam instrumentalisiert, lässt er sie zugleich durch einen seiner engsten Berater, Mohmammad Ali Ramin einschüchtern. So spielte Ramin im Juni 2006 mit folgenden Worten auf ihren„najas“-Status an:„Juden sind ein dreckiges Volk, dies ist der Grund, warum man ihnen durch die Geschichte hindurch vorgeworfen hat, für die Verbreitung tödlicher Krankheiten und Plagen verantwortlich zu sein.“ 25 Die jüdische Gemeinde erfüllt im Machtspiel des Ahmadinejad nicht nur eine Alibi- sondern zunehmend auch eine Abschreckungsfunktion: Sie befände sich im Falle eines israelischen Angriffs auf iranische Atomanlagen in einer Art Geiselhaft und könnte Racheakten ausgesetzt sein. Israels Aktionsradius wird hierdurch eingeschränkt. Doch auch unabhängig von dem Raum, den Ahmadinejad den iranischen Juden bis heute gelassen hat, ist seine Rhetorik von einem Antisemitismus durchtränkt, wie er für einen Staatsführer nach dem II. Weltkrieg einzelartig ist. Ahmadinejads Antisemitismus „Warum müssen die Deutschen immer noch die Prügelknaben sein?“, fragte Ahmadinejad am 24. April 2006 aus Anlass einer öffentlichen Kundgebung in Teheran. 24 Wahied Wahdathagh, Fremd in der Heimat, in: Jungle World, 12. Februar 2004; Rachel Silverman, It’s not the best place for Jews, but Iran’s home to a sizeable community, in: Jewish Telegraph Agency(JTA), 5. Juni, 2006. 25 Ynet vom 8. Juni 2006, zit. nach: Newsletter der israelischen Botschaft in Berlin, 8. Juni 2006. 58 „Wir heben große Sympathien für die Deutschen. Doch selbst nach 60 Jahren werden sie immer noch von eben jener Handvoll Menschen in Gefangenschaft gehalten, die all diese Geschehnisse dieser Ära angezettelt hatten.“ Hatte Ahmadinejad, als er diese Rede verfasste, die Ergebnisse der von der Universität Bielefeld unter der Leitung von Prof. Heitmeyer durchgeführten Umfrage aus dem Jahr 2004 gekannt? Ihr zufolge stimmen 68 Prozent der Deutschen folgender Aussage zu:„Ich ärgere mich darüber, dass den Deutschen auch heute noch die Verbrechen an den Juden vorgehalten werden.“ Ein gleich hoher Prozentsatz frönt der NS-vergleichenden Israelkritik und äußerte sich zustimmend zu der Aussage:„Israel führt einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser“. Der zutreffenden Bewertung Ahamadinejads sind somit gerade in Deutschland Grenzen gesetzt. Denn„den Wahn erkennt natürlich niemals, wer ihn selbst noch teilt.“ 26 In seiner ersten Brandrede von Oktober 2005 erklärte Ahmadinejad:„Das Regime, das Jerusalem besetzt hält, muss aus den Geschichtsbüchern eliminiert werden.... Wenn wir die gegenwärtige Phase erfolgreich hinter uns gebracht haben, wird die Eliminierung des zionistischen Regimes glatt und einfach sein.“ 27 Damit ist Irans Regierungschef der erste seit Adolf Hitler, der ein Verbrechen von der Dimension des Holocaust offen angekündigt hat. Feixend bezeichnet er das Land als ein„Krebsgeschwür“ als einen „Schandfleck“ oder als„verfaulten, vertrockneten Baum“ der in Kürze vernichtet, wegoperiert oder ausradiert sein wird. Und so etwas soll kein Antisemitismus sein? Zwei Monate später schlug Ahmadinjead die Umpflanzung Israels nach Europa vor. Damit sprach der die Juden im Jargon eines Gauleiters nicht als Subjekte, sondern als Objekte an, die wie Ghettobewohner beliebig hin- und her zu schieben seien. Sein Bild von Israel als einem Fremdkörper in der Region, der nach Europa gehöre, ignoriert, dass fast die Hälfte der Juden in Israel arabischer Herkunft ist. Seit Dezember 2005 rückte der iranische Präsident die Leugnung des Holocaust in das Zentrum seiner Agitation. Seither ist in den Freitagspredigten, die das iranische Fernsehen überträgt, die„Lüge vom Judenmord“ zu einem prominenten Topos avanciert. In Talkshows belachen„Historiker“ das„Märchen von der Gaskammer“. Die staatliche iranische Presseagentur hat sich als Plattform für Holocaust-Leugner aus aller Welt etabliert. Das religiöse Zentrum von Qom annonciert Forschungsarbeiten unter Überschriften wie„Untersuchung der Begründungen und Rechtfertigungen der 26 Sigmund Freud, Studienausgabe Bd. IX, Fragen der Gesellschaft. Ursprünge der Religion, Frankfurt a. M. (Fischer), S. 213, 27 Zitiert nach: Middle East Media Research Institute(MEMRI), Special Dispatch vom 2.November 2005. 59 Holocaust-Anhänger“ oder„Zusammenfassung englischer und arabischer Werke, die den Holocaust in Zweifel ziehen“. Für Oktober 2006 lädt die iranische Führung zu einer „Holocaust-Konferenz“ ein. Erstmals hat die Regierung eines großen und wichtigen Landes die Leugnung der Shoa zur Staatspolitik und das jüdische Leid im Zweiten Weltkrieg zu einem Hirngespinst erklärt. Die Leugnung des Holocaust ist mit der Absicht, Israel zu vernichten untrennbar verbunden, bauen doch beide„Ideen“ auf ein und demselben Antisemitismus auf. Wer Auschwitz zum„Mythos“ erklärt, zeichnet Juden als einen universellen Feind, der die Menschheit um des schnöden Mammons willen seit 60 Jahren fortlaufend betrügt. Wer vom„so genannten“ Holocaust spricht, unterstellt, dass über 90 Prozent der Lehrstühle und Medien der Welt von Juden kontrolliert und hermetisch gegen die„eigentliche“ Wahrheit abgeschottet werden. Zwar trifft es zu, dass Ahmadinejad nicht von Juden, sondern von„Zionisten“ spricht. Doch verwendet er den Begriff„Zionist“ eben so, wie Hitler das Wort„Jude“ benutzte: als Urgrund alles Bösen auf der Welt.„Die Zionisten“ hätten in den letzten Jahren„alle westlichen Regierungen“ erpresst.„Die Zionisten“ hätten die dänischen Karikaturen fabriziert, um sich am Wahlsieg der Hamas zu rächen.„Die Zionisten“ hätten die schiitische Kuppelmoschee im Irak zerstört. Wer Juden – ob in der Umschreibung„Judas“ oder in der Umschreibung„Zionist“ – für alles Böse in der Welt verantwortlich macht, ist vom Antisemitismus der genozidalen Natur beherrscht. Er ãìëë= den Holocaust leugnen, um ëÉáåÉê Wahrheit den Weg zu bahnen. Dämonisierung der Juden, Leugnung der Holocaust und der Wille, Israel zu liquidieren – dies sind die Seiten eines ideologischen Dreiecks, dass sich nicht hält, wenn auch nur eine der drei Seiten fehlt. Ahmadinejad und seine Freunde von der Hizbollah und der Hamas sind in einer hermetisch abgeriegelten Welt des Wahns eingeschlossen. Beispielhaft ist der Fall eines iranischen Historikers der im staatlichen iranischen Fernsehen mit der„Enthüllung“ aufwartete, dass 1883 französische Juden 150 Christenkinder in den Vororten von Paris ermordet hätten, um deren Blut für das Matzen-Brot beim Pessah-Fest zu verwenden. Die eigentliche Sensation sei aber nicht jener Mord, sondern die Tatsache, dass dieses Verbrechen zwar in der Seele der Europäer seine Spuren hinterlassen habe,„doch wegen des wachsenden Einflusses der zionistischen Lobby in Europa – oder, um präzise zu sein, des Einflusses der Juden, wird dieser Vorfall bedauerlicherweise niemals 60 erwähnt.“ 28 Kann deutlicher zum Ausdruck gebracht werden, wie hilflos dieses Europa den Zionisten und ihre Meinungsmaschine ausgeliefert ist? Derart Zirkelschlüsse sind nicht zu widerlegen. Je lauter die aufgeklärte Welt gegen die Leugnung des Holocaust oder die Absicht, Israel zu vernichten, protestiert, desto eindeutiger ist für die vom Wahn Befallenen der Nachweis zionistischer Vorherrschaft erbracht. Im Gespräch mit der Redaktion des péáÉÖÉä= beantwortete Ahmadinejad, die Bekundung, das der péáÉÖÉä das Existenzrecht Israels nicht in Frage stelle, wie folgt:„Ich freue mich, dass Sie ehrliche Menschen sind und sagen, dass Sie verpflichtet sind, die Zionisten zu unterstützen.“ 29 Nur dann, wenn auch wir endlich begriffen, dass der Holocaust eine jüdische Lüge sei, nur dann, wenn auch wir Israel vernichten wollten, nur dann wäre für Ahmadinejad erwiesen, dass wir wissenschaftlich glaubwürdig seien und politisch frei. Es ist eben dieser Irrsinn, der dem neuesten Krieg gegen Israel seine Gefährlichkeit verleiht. Wenn es stimmt, was Adorno als den neuen kategorischen Imperativ formuliert hat, wenn es stimmt, dass„Hitler... den Menschen im Stande ihrer Unfreiheit einen neuen kategorischen Imperativ aufgezwungen(hat): ihr Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz sich nicht wiederhole, nichts Ähnliches geschehe“, dann ist spätestens mit Ahmadinejad eine neue Dimension der gesellschaftlichen Intervention, das „Einrichten“ also von Handeln gefragt. Dann geht es heute darum, unser aller Denken und Handeln so einzurichten, dass der Antisemitismus rings um Israel energisch bekämpft, das iranischen Atomwaffenprogramm gestoppt und die Speerspitze der iranischen Vernichtungsdrohung im Libanon kampfuntauglich gemacht werden kann. 28 Iranian TV Blood Libel: Jewish Rabbis killed Hundreds of European Children to use Their Blood for Passover Holiday, in: MEMRI, Special Dispatch Series, No. 1053, December 22, 2005. 29 „Wir sind entschlossen“, Spiegel-Interview mit Mahmud Ahmadinedschad, in: Spiegel 22/2006, 29. Mai 2006. 61 ZUR KULTURELLEN SPALTUN DES KONTINENTS Antisemitismus und Rassismus in Europa im Lichte der Milieuforschung von Jörg Ueltzhöffer Es kann – jedenfalls aus Sicht der internationalen empirischen Sozialforschung – kaum bezweifelt werden, dass Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus seit den politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen zu Beginn der 90iger Jahre des zwanzigsten, mit besonderer Dynamik aber in den ersten 5 Jahren dieses Jahrhunderts, ein Bedrohungsszenario darstellen, das inzwischen gar den inneren Zusammenhalt der europäischen Zivilgesellschaften zu gefährden scheint. Die damit verbundenen Herausforderungen erweisen sich als außerordentlich vielfältig. Lassen Sie mich zunächst auf einige der beunruhigenden eingehen: 1. Rassismus, Antisemitismus und ethnische Ausgrenzung, als der Kernbestand dessen, was wir unter den Begriff der Fremdenfeindlichkeit subsumieren, manifestieren sich in europaweit in nahezu allen Bereichen des öffentlichen Lebens, des politischen, sozialen, wirtschaftlichen wie auch kulturellen. OK= Sie zielen unmittelbar auf die Integrität der europäischen Rechtsordnung indem sie Menschen wegen ihrer Hautfarbe, Religion, Abstammung oder ethnischen Zugehörigkeit die Bürger- und Menschenrechte absprechen, oder zumindest einzuschränken trachten. In ihrer Richtlinie vom 29. Juni 2000 haben sich die damals 15 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union auf folgende Definition von Rassismus verständigt: y gÉÇÉ=~ìÑ= ÇÉê= o~ëëÉI= ÇÉê= e~ìíÑ~êÄÉI= ÇÉê=^Äëí~ããìåÖI= ÇÉã= å~íáçå~äÉå= çÇÉê= ÉíÜåáëÅÜÉå= rêëéêìåÖ= ÄÉêìÜÉåÇÉ= råíÉêëÅÜÉáÇìåÖI= ^ìëëÅÜäáÉ — ìåÖI=_ ÉëÅÜê®åâìåÖ= çÇÉê=_ ÉîçêòìÖìåÖI= ÇáÉ= òìã= wáÉä= çÇÉê= òìê= cçäÖÉ= Ü~íI= Ç~ëë= Ç~ÇìêÅÜ= Éáå= ÖäÉáÅÜÄÉêÉÅÜíáÖíÉë=^åÉêâÉååÉåI= t~ÜêåÉÜãÉå= çÇÉê= ^ìë ² ÄÉå= îçå= jÉåëÅÜÉåêÉÅÜíÉå= ìåÇ= dêìåÇÑêÉáÜÉáíÉå= áã= éçäáíáëÅÜÉåI= ïáêíëÅÜ~ÑíäáÅÜÉåI= ëçòá~äÉåI= âìäíìêÉääÉå= çÇÉê= àÉÇÉã= ëçåëíáÖÉå=_ ÉêÉáÅÜ= ÇÉë= ¸ ÑÑÉåíäáÅÜÉå=iÉÄÉåë=îÉêíÉáäí=çÇÉê=ÄÉÉáåíê®ÅÜíáÖí=ïáêÇ“K 1 = 3. Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus entfalten sich in der sozialen Mitte der europäischen Gesellschaften, nicht ausschließlich an ihren 1 Richtlinie 2000/43/EG v. 29.6.2000, zit. nach: Richard Stöss: Rechtsextremismus im Wandel, Berlin 2005, S. 178 62 notorisch bekannten extremistischen, subkulturellen und politkriminellen Rändern.(Letzteres hatten wir, bezogen auf die alte Bundesrepublik, übrigens bereits vor 25 Jahren mit dickem Ausrufezeichen in die SinusRechtsextremismusstudie, wie sie genannt wurde, hineingeschrieben, sehr zum Unwillen eines erheblichen Teils der damaligen politischen Öffentlichkeit.) 2 . 4. Diese Entwicklung vollzieht sich sowohl im Europa der 15, also in den Mitgliedsländern, Mittel-, West-, Süd- und Nordeuropas, Deutschland eingeschlossen, als auch in den neuen EU-Staaten Zentral-Osteuropas. Kultureller Rassismus So ergab eine Eurobarometer-Untersuchung 2003 zur Mentalität ethnischer Ausgrenzung in den heute 25 Ländern der EU das folgende Ergebnis(Grafik 1): Jeder 4. Europäer West beklagt, dass sich die Bevölkerung seines Landes aus unterschiedlichen Rassen, Religionen oder Kulturen zusammensetzt. Dieser Wert, so berichtet EUMC(European Monitoring Center on Racism and Xenophobia), sei über die Befragungswellen der letzten Jahre stabil geblieben. 60% vertreten die altbekannte „Das Boot ist voll“- Hypothese. Rund 40% lehnen es darüber hinaus ab, dass Einwanderer aus nicht EU-Ländern, die dauerhaft in ihrem Land leben, die gleichen Bürgerrechte erhalten wie sie selbst. Und jeder 5. plädiert gar dafür, dass diese Bevölkerungsgruppen trotz Aufenthaltsrechts in ihre Herkunftsländer zurückgeschickt werden. Bemerkenswerter Weise weichen die Befunde für die Befragten in den 10 neuen EU-Ländern kaum von jenen der West-, Süd- und Nordeuropäer ab. 3 2 Vgl. Jörg Ueltzhöffer: Zur Gesinnungslage der Nation – Die Sinus-Studie über rechtsextremistische Einstellungen bei den Bundesbürgern, in: Schriftenreihe der Bundeszentrale für Politische Bildung – Bd. 212, Bonn 1984, S. 80-93 3 Quelle: European Monitoring Center on Racism and Xenophobia: Majorities’ Attitudes Towards Minorities: Key Findings from the Eurobarometer and the European Social Survey, Vienna, March 2005, S. 11f. 63 Interpretiert wird dieses Mentalitätssyndrom nicht selten als Form eines âìäíìêÉääÉå= o~ëëáëãìë , der unterschiedliche nationale Kulturen nicht nur als ungleich sondern als ìåÖäÉáÅÜïÉêíáÖ begreift.„Kulturvermischungen“ werden – wie früher Rassenmischungen – als eine Art geistiger Tod der Menschheit, Untergang und Degeneration nach sich ziehend, vorgestellt. Damit dies nicht missverstanden wird: der biologisch begründete Rassismus ist als Kerninventar rechtsextremen Denkens keineswegs obsolet geworden und wird mit den – übrigens gar nicht so neuen- Formen des kulturellen Rassismus vermengt. Trotz mannigfaltiger Unterschiede im ideologischen Detail, auf die ich hier nicht eingehen will, nutzt sowohl die rechtsextremistische wie auch die rechtspopulistische Propaganda dieses Mentalitätssyndrom in vielen Teilen Europas für ihre Zwecke, nicht selten mit Erfolg. y aáÉ= bìêçé®Éê“ , so der NPD-Fraktionsvorsitzende im sächsischen Landtag, y ã ² ëëÉå= áÜêÉå=~åÖÉëí~ããíÉå= iÉÄÉåëê~ìã= îçääëí®åÇáÖ= òìê ² ÅâÉêçÄÉêåK= a~òì= ÖÉÜ ¸ êíI= Ç~ëë= ÇáÉ= ² ÄÉêäÉÄÉåëïáääáÖÉå= aÉìíëÅÜÉåI=~ÄÉê=~ìÅÜ= ÇáÉ= bìêçé®ÉêI= ÇáÉ= äáÄÉê~äâ~éáí~äáëíáëÅÜÉå=§ÄÉêÑêÉãÇìåÖëêÉÖáãÉ= òìã= qÉìÑÉä= à~ÖÉå= ã ² ëëÉåK= fã=§ÄêáÖÉå= 64 Äê~ìÅÜí= ìåëÉê= sçäâ= âÉáåÉ= wìï~åÇÉêìåÖ= ìåïáääâçããÉåÉê= ê~ìãJ= ìåÇ= âìäíìêÑêÉãÇÉê= ^ìëä®åÇÉêÁ“K Q Die – zumeist- kulturell begründete Fremdenfeindlichkeit eines erheblichen Teils der europäischen Bevölkerung ist die eine Seite der Medaille. Die andere: die nahezu überall in der Europäischen Union zu beklagende Anzahl fremdenfeindlich und rassistisch motivierter Übergriffe, bis hin zum Mord. Besonders besorgniserregend ist diese Entwicklung in Ostdeutschland und in einigen Ländern Osteuropas, z.B. in Polen und Russland. In Russland wurden, wie Galina Kozhevnikova vom Sova-Center für Information und Analyse in Moskau kürzlich berichtete, allein im Jahre 2004 46 Menschen aus rassistischen und fremdenfeindlichen Motiven getötet, 208 zusammengeschlagen. Für das Jahr 2005 wurden 28 Tötungsdelikte und 375 weitere Gewaltdelikte registriert. 5 Man schätzt, dass es in Russland heute rund 50.000 gewaltbereite junge Rechtsextremisten gibt. Antisemitismus Der Virulenz vor allem gegen Migranten aus der Türkei, Südosteuropa, Nord- und Äquatorialafrika gerichteter fremdenfeindlicher Einstellungen in Europa, neuerdings auch durch den islamistischen Fundamentalismus und Terrorismus beeinflusst, entspricht im Europa der 25 ein in nahezu allen Mitgliedsländern vorfindbares Inventar antisemitischer Vorurteile. Ihre Verbreitung und Intensität entspricht jener der festgestellten generalisierten Fremdenfeindlichkeit, ja übersteigt sie noch. Die tradierten Formen des europäischen Antisemitismus werden dabei durch neue Formen ergänzt, die sich vorwiegend aus anti-israelischen Einstellungen speisen, wie die folgenden Befunde einer im Frühjahr 2005 von der Anti-Defamation League in 12 europäischen Ländern durchgeführten Erhebung zeigen: 6 4 „Deutsche Stimme“ Nr. 8/2005, S. 4, zit. nach: Verfassungsschutzbericht 2005 des BMI(Vorabfassung), S. 80 5 Galina Kozhevnikova: Radical nationalism and efforts to oppose it in Russia in 2005, zit. nach: Forschungsstelle Osteuropa der Otto Wolff-Stiftung: Russland-Analysen, Nr. 105 v. 23.06.2006, S. 5 6 Anti-Defamation-League: Attitudes Toward Jews in Twelve European Countries, New York, May 2005 65 43 Prozent der befragten Europäer glauben, dass Juden Israel mehr Loyalität entgegenbringen als ihrem eigenen Land. Besonders ausgeprägt ist diese Meinung in Italien, Polen, Spanien und Deutschland(Grafik 2). Rund 30 Prozent geben darüber hinaus an, dass ihre Einstellung gegenüber Juden von der israelischen Politik beeinflusst sei. In Österreich, Dänemark, Deutschland, der Schweiz und Spanien findet sich dieses Vorurteil besonders häufig(Grafik 3). 66 Zu einer weiteren, besonders abstoßenden Form des neuen Antisemitismus(Grafik 4): 67 Weite Teile der europäischen Öffentlichkeit – über die 12 Länder hinweg: 42%- äußern die Ansicht, dass Juden zu viel über den Holocaust reden. Für Deutschland, wo die Forschung dieses Einstellungssyndrom als y pÅÜìäÇ~ÄïÉÜêJ^åíáëÉãáíáëãìë“ 7 identifizierte, werden auch in diesem Bereich überdurchschnittliche Zustimmungswerte verzeichnet. Dass in Europa darüber hinaus auch die traditionellen antisemitischen Vorurteile noch sehr lebendig sind, zeigt die folgende Grafik 5: Bei, gerade in diesem Bereich besonders stark ausgeprägten innereuropäischen Meinungsschwankungen, zwischen 11% in Dänemark und 55% in Ungarn, glaubt nahezu jeder 3. Angehörige der 12 untersuchten Länder, dass Juden im Geschäftsleben zuviel Einfluss haben. Immerhin: der für Deutschland berichtete Wert liegt mit 20% deutlich unter dem europäischen Durchschnitt. Beruhigen kann dies allerdings kaum. 7 So z.B. Werner Bergmann: Antisemitismus im Rechtsextremismus, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage zur Wochenzeitung“Das Parlament”, 42/2005, 17. Oktober 2005, S. 23-30, S. 30 68 Analysiert man die Entwicklung antisemitischer Vorurteile in Europa über einen längeren Zeitraum, so zeigen sich mehr oder minder starke Schwankungen. Die Anti-Defamation League in New Y ork, wie auch das Stephen Roth Institute for the study of contemporary Antisemitism and Racism der Universität von Tel Aviv und das European Monitoring Center in Wien diagnostizierten für 2005 – verglichen mit dem Vorjahr – einen leichten Rückgang des Antisemitismus in Europa. Zweierlei Gründe werden dafür ins Feld geführt: 1. Der europäische Antisemitismus – insbesondere seine so genannten „sekundären“ oder anti-zionistischen Formen, die, wie wir wissen, auch politische Brückenköpfe zu Linksextremismus und Islamismus bilden- schwankt mit der Intensität des Nahost-Konflikts. 8 Für das laufende Jahr lässt das nichts Gutes vermuten. 2. Die Maßnahmen der Europäischen Union, z.B. die Arbeit des European Monitoring Center und deren Anlaufstellen in den Mitgliedsländern, also des europaweiten Netzwerks zur Beobachtung von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus, wie auch die inzwischen auf Osteuropa ausgedehnten Aktivitäten der OSZE zeigen Wirkung. 9 In 8 von 10 im Jahre 2004 untersuchten europäischen Ländern plädiert eine Mehrheit von durchschnittlich zwei Dritteln der Befragten für eine regelmäßige Beobachtung und Dokumentation fremdenfeindlicher und rassistischer Straftaten durch ihre jeweiligen Regierungen. Bemerkenswert allerdings das Meinungsbild in Dänemark und den Niederlanden. Letzteres verweist möglicherweise auf einen der bedauerlichsten Aspekte der aktuellen Entwicklung europäischer Mentalitäten(Grafik 6)! 8 Vgl. University Tel Aviv – Stephen Roth Institute for the Study of Contemporary Antisemitism and Racism: General Analysis 2005, Tel Aviv, S. 4f. 9 Vgl. European Monitoring Center on Racism and Xenophobia: Antisemitism, Summary overview of the situation in the European Union 2001-2005, Vienna, May 2006, S. 4f. 69 Wissenschaftliche Erklärungsansätze Welches sind nun aber die Ursachen für das Ausmaß an Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus, in Europa und anderswo? Die Rechtsextremismus- und Autoritarismusforschung hat seit den 30iger Jahren des letzten Jahrhunderts, vorwiegend in den historischen, sozialwissenschaftlichen und psychologischen Disziplinen, beeindruckende Erklärungsansätze und Theorien vorgelegt. Sie auch nur annähernd zu resümieren, würde den Rahmen dieser Veranstaltung bei weitem sprengen. Ich möchte mich hier daher auf einen soziologischen Erklärungsansatz beschränken, der seit etwa 15 Jahren die Diskussion prägt: die so genannte jçÇÉêåáëáÉêìåÖëîÉêäáÉêÉêJeóéçíÜÉëÉK N M = Sie behauptet, dass der rasante technische, wirtschaftliche und soziale Modernisierungsprozess der letzten Jahrzehnte, also die Herausbildung von Informations- und Wissensgesellschaften, einen erheblichen Teil der Bevölkerung sozial und wirtschaftlich zurücklässt: die jçÇÉêåáëáÉêìåÖëîÉêäáÉêÉê . Auf Grund ihrer prekären wirtschaftlichen und sozialen Lage, so wird argumentiert, folgen sie in weit überdurchschnittlichem Maße chauvinistischen und rassistischen Heilslehren. 10 Vgl. z.B. Stöss 2005, S. 51 70 Bezogen auf Russland und Osteuropa spricht die Forschung von den Verlierern der postkommunistischen Transformationsgesellschaften. 11 Empirische Befunde scheinen diese Hypothese zu bestätigen. Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, so zeigen nahezu alle Untersuchungen, sind in Bevölkerungsgruppen mit niedriger Formalbildung weiter verbreitet als in anderen. Kommt Arbeitslosigkeit hinzu, steigt die Wahrscheinlichkeit der Übernahme derartiger Einstellungsmuster. So hat Richard Stöss 2003 für Deutschland ein rechtsextremes Einstellungspotential von insgesamt 16% ermittelt(für Ostdeutschland übrigens 23%). Bei Arbeitslosigkeit steigt dieser Wert – bezogen auf die gesamte Bundesrepublik- auf nahezu das Doppelte: 28%. 12 Alles scheint für die Modernisierungsverlierer-Hypothese zu sprechen. Auch das Europaparlament hat sie sich zu Eigen gemacht. Bereits in seiner Entschließung zu „Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus vom 21. April 1993 wurden u.a. die folgenden Ursachenkomplexe benannt: y báåÉ=ëÅÜïáÉêáÖÉ=táêíëÅÜ~Ñíëä~ÖÉ=ìåÇ=ÜçÜÉ=^êÄÉáíëäçëáÖâÉáíI= sÉêëÅÜäÉÅÜíÉêìåÖ=ÇÉê=iÉÄÉåëÄÉÇáåÖìåÖÉåI= b áå= î ÉêÄêÉáíÉíÉë= r åÄÉÜ~ ÖÉå= ÄÉá=_ ² êÖÉêå= ìåÇ= g ìÖÉåÇäáÅÜÉåI= ÇáÉ= ÄÉÑ ² êÅÜíÉåI= ëáÅÜ= åáÅÜí= ÉêÑ ç äÖêÉáÅÜ= áå= ÉáåÉ= áã ã Éê= î áÉäëÅÜáÅÜíáÖÉêÉ= ìåÇ= ï ÉííÄÉï ÉêÄëç êáÉåíáÉêíÉ= d ÉëÉääëÅÜ~ Ñ í=ÉáåÖäáÉÇÉêå=ò ì=â ¸ ååÉåK“ N P == So plausibel all dies zu sein scheint, die Modernisierungsverlierer-Hypothese greift dennoch zu kurz und führt dadurch m öglicherw eise zu w issenschaftlichen w ie auch politischen Fehleinschätzungen. Ich w ill versuchen, m eine These m it Hilfe unserer 14 j áäáÉìÑ ç êëÅÜìåÖ em pirisch zu belegen. 11 Vgl.z.B.Timm Beichelt,M ichaelM inkenberg:Rechtsradikalismus in Transformationsgesellschaften: EntstehungsbedingungenundErklärungsmodell,in:Osteuropa,52.Jg.,Heft3,M ärz2002,S.247-262,S.258f. 12 Stöss2005,S.68 13 EuropäischesParlament:Entschließung A3–0127/93 14 DerursprünglicheAnsatzwieauchdaserste„M odellderSozialenM ilieus“wurde1979/80vonJ.Ueltzhöffer und B.Flaig im Rahmen einesfürprivatwirtschaftlicheAuftraggebererstellten Projektberichtsentworfen(J. Ueltzhöfferzus.mitB.Flaig:Lebensweltanalyse:Explorationenzum AlltagsbewusstseinundAlltagshandeln, masch.Heidelberg/M ünchen 1980)und späterunterdem Namen„Sinus-M ilieumodell“ auch einerbreiteren Fachöffentlichkeitbekannt.SeitAnfang der90igerJahre hatdasSIGM A-Institutdiesen M ilieu-Ansatz auf andereLänderübertragen,zunächstauf(W est)Europa,späterauchaufdieUSA,Zentral-Osteuropa,Russland, Japan,China,Südafrika,Südostasien,Indien,Australienu.a. 71 Die europäische Milieulandschaft Soziale Milieus beschreiben Menschen mit jeweils charakteristischen Einstellungen und Lebensorientierungen. Sie fassen, ganz allgemein gesprochen, soziale G ruppen, also Menschen, zusammen, deren W ertorientierungen, Lebensauffassungen und Lebensweisen ähnlich sind. D ie Milieuanalyse zielt dabei auf den Ö~åòÉå Menschen, versucht also nicht, wie z.B. die K lassenanalyse, ein einziges oder einige wenige çÄà ÉâíáîÉ Merkmale typisierend zu verdichten. U mgekehrt isoliert sie auch nicht ein einziges oder einige wenige ëìÄà ÉâíáîÉ Merkmale des Lebensstils, um die Sozialwelt als strukturlose A gglomeration von Individuen und Subkulturen erscheinen zu lassen. Sie sucht vielmehr alle jene – subjektiven wie objektiven – Merkmale empirischer A nalyse zugänglich zu machen, die die soziokulturelle und sozialästhetische Identität des Einzelnen konstituieren: W ertorientierungen, Lebensziele, A rbeitseinstellungen, Freizeitmotive, unterschiedliche A spekte der Lebensweise, alltagsästhetische N eigungen usw.. D abei zeigen sich – auf jeweils unterschiedlichem Intensitätsniveau- in jedem von uns untersuchten Land starke interne Segregationstendenzen. D iese wirken auf der einen Seite ëçòáç ¸ âçåçãáëÅÜ , im Sinne einer zunehmenden A usgrenzung wirtschaftlich benachteiligter Bevölkerungsgruppen, in stärkerem Maße aber ëçòáçâìäíìêÉää . Beide Prozesse, jener der sozioökonomischen und jener der soziokulturellen Segregation, überlappen einander und können sich gegebenenfalls wechselseitig verstärken. Es überrascht schließlich nicht, dass die jeweiligen soziokulturellen Strukturmuster der europäischen G esellschaften ausgeprägte G emeinsamkeiten aufweisen. D as Strukturmuster der soziokulturellen Segmentierung lässt sich auf transnationaler europäischer Ebene in Form eines zweidimensionalen sozialen Raumes aufspannen. D er in der A lltagswirklichkeit multidimensionale Raum wird hier aus D arstellungsgründen auf die beiden modellkonstitutiven D imensionen der sozialen Lage(vertikal) und der subjektiven W ertorientierungen, die den jeweiligen Stil des Lebens prägen(horizontal), reduziert. W ie die G rafik zeigt, wurden insgesamt 11 transnationale europäische Milieusegmente identifiziert(G rafik 7). 72 So findet man im linken Teil der Grafik die – hinsichtlich Wertorientierungen und Lebensstil- eher traditionell orientierten europäischen Milieusegmente: das Traditionelle Arbeitersegment, d.h. die Lebenswelten der noch industriegesellschaftlich geprägten europäischen„blue collars“, den Traditionellen Mainstream, also die – im Sinne von Wertorientierungen, Lebensstil, Alltagsästhetik usw.-„kleinbürgerlichen“ Milieus, und schließlich – sozialhierarchisch betrachtet – in„oberen“ Bereich des Modells das Gehobene Konservative Segment. Im mittleren Bereich des Modells finden sich das Aufstiegsorientierte Segment und der Moderne Mainstream. Die Milieus des Modernen Mainstream bilden zunehmend das neue soziale Zentrum der großen europäischen Gesellschaften. Eine Milieugruppe, die – unseren Beobachtungen zufolge- seit den neunziger Jahren ebenfalls zahlenmäßig an Bedeutung gewonnen hat, bildet das Unterprivilegierte Segment. Es handelt sich um die Milieus der„alten“ wie auch der„neuen Armut“. Träfe die ModernisierungsverliererHypothese zu, dann müssten sich gerade in diesem Segment die xenophoben Potentiale verdichten. 73 Chauvinismus vs. Akzeptanz von Multikulturalismus: Soziokulturelle Muster 15 SIGMA hat 2004 in den 5 bevölkerungsreichsten Ländern der EU, in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien bevölkerungsrepräsentative Erhebungen zur V erbreitung nationalchauvinistischer Einstellungen durchgeführt, deren Statements den jeweiligen nationalen Sprachgepflogenheiten entsprechend formuliert waren(Grafik 8): ?i~= cê~åÅÉ= ÇD~ÄçêÇ?I=?aÉìíëÅÜä~åÇ= ÇÉå= aÉìíëÅÜÉå?I=?_êáí~áå= Ñáêëí?I=?iD= fí~äá~= áåå~åòáíìííç?I=?iç=Éëé~¥ çäI=äç=é êáãÉêç?>=== Wir sehen, dass im Schnitt jeder 5. Europäer in diesen Ländern den jeweiligen Slogan ohne V orbehalt akzeptiert. In Deutschland auf Grund der rechtsextremen Tonalität von y aÉìíëÅÜä~åÇ= ÇÉå= aÉìíëÅÜÉå“ in etwas geringerem Maße, in Großbritannien y _êáí~áå= Ñáêëí“ in etwas höherem. Spannender als die Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern sind nun aber die Milieuunterschiede. Wir haben sie in Form von Indexwerten in 15 Vgl. dazu auch: J. Ueltzhöffer: Europa auf dem Weg in die Postmoderne. Transnationale soziale Milieus und gesellschaftliche Spannungslinien in der Europäischen Union, in: W. Merkel/A. Busch: Demokratie in Ost und West, suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1425, Frankfurt am Main 1999, S. 624-652 74 die nationalen Milieumodelle eingetragen. Der Indexwert 100 repräsentiert den jeweiligen nationalen Durchschnitt. Zunächst das deutsche Modell(Grafik 9): In der Tat, die unteren sozialen Milieus zeigen weit überdurchschnittliche Akzeptanzwerte, allerdings auch das gut situierte Traditionelle bürgerliche Milieu. In Frankreich verzeichnen wir für die traditionelle bürgerliche Mitte sogar höhere Werte wie für das unterprivilegierte Milieu.„La France d’abord“ ist übrigens der altbekannte Schlachtruf des rechtsextremen Front National Le Pens(Grafik 10)! 75 Ähnliche Befunde zeigen die Modelle der drei übrigen Nationen Grafiken 11-13): 76 77 Auf transnationaler europäischer Ebene zeigt sich für die Kernländer der Europäischen Union somit ein klares Strukturmuster(Grafik 14): Nationalchauvinistische Einstellungen reichen, wie wir konstatieren können, weit über die Segmente der Modernisierungsverlierer hinaus in etablierte bürgerliche Welten. Für einige osteuropäische Länder wie auch für Russland haben wir auf der Grundlage von Mittelschicht-Milieus vergleichbare Befunde erhoben. Der beispielsweise für das Milieu der Mittelschicht-Traditionalisten in Russland 2004 ermittelte Wert nährt den Anfangsverdacht, dass die Transformationsverlierer-Hypothese nicht unbesehen gilt. Für gesicherte Annahmen ist es hier allerdings noch zu früh(Grafik 15). 78 79 Als inhaltlichen Gegentrend zum Chauvinismus haben wir mit Hilfe des folgenden Statements die Akzeptanz von Multikulturalismus in Europa gemessen(Grafik 16): y táê= cê~åòçëÉåL= aÉìíëÅÜÉL=_êáíÉåL= fí~äáÉåÉêL= pé~åáÉêL= mçäÉåL= oìëëÉå= â ¸ ååÉå= îáÉä= îçå= ~åÇÉêÉå=i® åÇÉêå=ìåÇ=h ìäíìêÉå=äÉêåÉå?K 80 Die europäischen Mentalitäten zeigen sich nun gleichsam seitenverkehrt. Weit ìåíÉêÇìêÅÜëÅÜåáííäáÅÜÉ Akzeptanz von Multikulturalismus in den unteren sozialen Milieus (dies war zu erwarten), aber auch in der gesellschaftlichen Mitte(Grafik 17). Deutschland belegt in dieser Frage unter den untersuchten Nationen einen unrühmlichen letzten Platz(vgl. Grafik 16), was zweifelsfrei an der weit unterdurchschnittlichen Akzeptanz von Multikulturalismus im Traditionellen Arbeitermilieu wie auch im Traditionellen(klein)bürgerlichen Milieu liegt, also in der traditionell orientierten Mitte der deutschen Gegenwartsgesellschaft, und nicht ausschließlich an ihren sozialen Rändern(Grafik 18). 81 Die Befunde unserer Milieuforschung legen jedenfalls den Schluss nahe, dass Fremdenfeindlichkeit und Rassismus in Europa über die feststellbare Dynamik sozialer Benachteiligung hinaus – insofern treffen die vom Europäischen Parlament benannten Ursachenmuster zu – als Elemente einer tiefer gehenden âìäíìêÉääÉå= pé~äíìåÖ des Kontinents zu deuten sind, einer Spaltung, die Gegner und Befürworter der ÖÉëÉääëÅÜ~ÑíäáÅÜÉå= mçëíãçÇÉêåáëáÉêìåÖ zunehmend auseinander treibt, also eines Prozesses der nationale, ethnische, kulturelle, ja religiöse Grenzen zu überwinden trachtet. Diese neuartige Spaltung folgt nicht in erster Linie schichtspezifischen Grenzen sondern weit komplexeren Mustern soziokultureller Identität(Grafik 20). Es gibt Anhaltungspunkte dafür, dass diese Dynamik ihre Wirkungsmacht in Zukunft auch in O steuropa entfalten wird. 82 Fremdenfeindlichkeit ohne Fremde – Antisemitismus ohne Juden Auf dem Hintergrund dieser Analyse lassen sich auch Ergebnisse der Forschung besser deuten, die uns, bisher jedenfalls, scheinbar Rätsel aufgeben. So beispielsweise das Auftreten von Fremdenfeindlichkeit ohne Fremde oder eines Antisemitismus ohne Juden. Dazu abschließend zwei Beispiele: 1. Unter 30 untersuchten europäischen Ländern und nationalen Gebieten zeigt Ostdeutschland nach Malta die höchste Zustimmung für die Forderung, Migranten, die sich rechtmäßig im jeweiligen Land aufhalten, in ihre Herkunftsländer zurückzuschicken, obwohl es in Ostdeutschland kaum Ausländer gibt(Grafik 20). 2. In Polen wohnen heute, Angaben des Stephen Roth Institutes in Tel Aviv zufolge, nur noch 5.000 – 10.000 Juden. Dennoch sind traditionelle antijüdische Einstellungen in der polnischen Gegenwartsgesellschaft augenscheinlich weit verbreitet. 16 16 University Tel Aviv – Stephen Roth Institute for the Study of Contemporary Antisemitism and Racism: Annual Reports/ Country Reports, Poland 2004, Tel Aviv, S. 1 83 84 Die Ansicht, dass„ ÇáÉ=gìÇÉå=Ñ ² ê=` Üêáëíá=q çÇ=îÉê~åíïçêíäáÅÜ=ëáåÇ“ wird im heutigen Polen von rund 40% der Bevölkerung geteilt(Grafik 21). Dieser Anteil ist in Polen doppelt so hoch wie in den anderen untersuchten europäischen Nationen. Einer sorgfältigen historischen Analyse der Osteuropa-Forscherin Katharina Stankiewicz zufolge, hat dies weniger mit den wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen der gesellschaftlichen Transformation nach 1989 zu tun, als vielmehr mit der unkritischen Wiederaufnahme nationalchauvinistischer und antisemitischer Ideologien der Zwischenkriegszeit durch relevante Teile des gegenwärtigen politischen Systems in Polen, z.B. die europafeindlichen iáÖ~= ÇÉê= mçäåáëÅÜÉå= c~ãáäáÉå= E imoF I und durch jene Bevölkerungsgruppen, die ihnen folgen. y ^ ìÅÜ=áã=ÜÉìíáÖÉå=mçäÉå“ , schreibt Stankiewicz unumwunden, y â~åå=^ åíáëÉãáíáëãìë=ÉáåÉê=éçäáíáëÅÜÉå=h~êêáÉêÉ=ëÉÜê=ÇáÉåäáÅÜ=ëÉáå“ . 17 Wir sollten es Menschenfeindlichkeit nennen Auch hierzulande werden immer unverhüllter und aggressiver antisemitische Parolen verbreitet, am abstoßendsten in der rechten Skin-Rock-Szene. So heißt es in dem Song y h~ãÉê~ÇÉå= ëíÉÜí=~ìÑ“ der Skinhead-Band y jìêÇÉê= pè ì~Ç“ , der vom jüngsten Verfassungsschutzbericht zitiert wird: 18 y jáí= m~åòÉêå= ìåÇ= dê~å~íÉå= ìåÇ= ëÅÜïÉêÉã= jdI= ãáí= j ¸ êëÉêåI= o~âÉíÉå= ìåÇ= q k q I= ÇáÉ= q ÉêêçêïÉääÉI=ëáÉ=ëÅÜï~ééí= ² ÄÉêÛ ë=i~åÇI=ïáê=ëíÉÅâÉå=ÇÉå=w Éåíê~äê~í=ÇÉê=gìÇÉå=áå=_ê~åÇK“= Auf der gleichen CD W= y aáÉ= aÉìíëÅÜÉå= âçããÉåI= áÜê= gìÇÉå= Ü~Äí=^ ÅÜíI= ÇÉåå= bìêÉ= sÉêåáÅÜíìåÖ=ïáêÇ=òìã=w áÉä=ìåë=ÖÉã~ÅÜíÁ=aÉìíëÅÜÉ=m~åòÉê=áã=pçååÉåÄê~åÇ=ëíÉÜÉå=òìê= pÅÜä~ÅÜí=ÖÉÖÉå=w áçåë=i~åÇ“K== Ich hatte im Februar 1993 die Gelegenheit und Aufgabe, dem Ausschuss für Bürgerliche Freiheiten und Innere Angelegenheiten des Europäischen Parlaments die damalige Entwicklung von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus für die deutsche Seite zu erläutern. Abschließend schlug ich vor:„Wir sollten in Zukunft nicht länger von Fremdenfeindlichkeit reden sondern von jÉåëÅÜÉåÑÉáåÇäáÅÜâÉáíK Denn dies ist der eigentliche Charakter derartiger Texte und Taten.“ 19 17 Katharina Stankiewicz: Die„neuen Dmowskis“ – eine alte Ideologie im neuen Gewand?– in: Osteuropa, 52. Jg., Heft 3, März 2002, S. 263-279, S. 271. 18 Zit. nach: Verfassungsschutzbericht 2005 des BMI(Vorabfassung), S. 114 19 Jörg Ueltzhöffer: Right-wing extremism and xenophobia in Germany, European Parliament, Committee on Civil Liberties and Internal Affairs, DOC_EN/CM/219/219914, PE 203.654, Brüssel 1993 85 Lassen Sie mich meine Stellungnahme daher abschließen, mit einem Satz, den Jean-Paul Sartre 1945 über den Antisemitismus schrieb: ?aÉê= p~íòW= DfÅÜ= Ü~ëëÉ= ÇáÉ= gìÇÉåD= ÖÉÜ ¸ êí= òì= ÇÉåÉåI= ÇáÉ= ã~å= áå= ÉáåÉê= dêìééÉ=~ìëëéêáÅÜíK= fåÇÉã=ã~å=Ç~ë=íìíI=ëÅÜäáÉ — í=ã~å=ëáÅÜ=ÉáåÉê=qê~Çáíáçå=ìåÇ=ÉáåÉê=dÉãÉáåëÅÜ~Ñí=~åW=ÇÉåÉå= ÇÉê= jáííÉäã® — áÖÉåK= dÉïá — I=~ääÉ= cÉáåÇÉ= ÇÉë= gìÇÉå= îÉêä~åÖÉå= åáÅÜí= ëÉáåÉå= jçêÇ=~ã= ÜÉääáÅÜíÉå= q~ÖI=~ÄÉê= ÇáÉ= îçå= áÜåÉå= îçêÖÉëÅÜä~ÖÉåÉå= j~ — å~ÜãÉåI= ÇáÉ=~ääÉ= ëÉáåÉ= bêåáÉÇêáÖìåÖI= ëÉáåÉ= båíÉÜêìåÖI= ëÉáåÉ= sÉêÄ~ååìåÖ= ÄÉòïÉÅâÉåI= ëáåÇ= Éáå= bêë~íò= Ñ ² ê= ÇÉå= jçêÇI= ² ÄÉê= ÇÉå= ëáÉ= áå= áÜêÉã= fååÉêÉå= å~ÅÜëáååÉåW= Éë= ëáåÇ= ëó ãÄçäáëÅÜÉ= jçêÇÉ>= aÉê= ^åíáëÉãáí= ïáää= ìåÄ~êãÜÉêòáÖÉê= cÉäë= ëÉáåI= êÉá — ÉåÇÉê= píêçãI= îÉêåáÅÜíÉåÇÉê=_äáíòW=~ääÉëI= åìê= åáÅÜí=j ensch!" 86 SPRACHE UND ANTISEMITISMUS von Deborah Kämper V orb emerkung Was seind aber die Jüden? in warheit keine Bekenner/ sondern Lästerer vnd schänder Gottes vnd Christi Am Anfang war der Gottesmord – es folgt das Repertoire, das wir kennen: Seind sie auch hochschädliche Leuth/ in dem sie müssige Wucherer seind. Sie seind müssige Faullentzer/ haben weder Aecker noch Wiesen/ können keine Handwercker treiben/auch sonst kein Hand= Arbeit/sondern gehen müssig/lassen vns arbeiten vnd im sauren Schweiß vnsere Nahrung gewinnen/ sie vnter dessen nehren sich alle auß der armen Christen Schweiß vnd Blut/ vnd leben wohl von dem/ so sie durch Wucher vnd Betrug denselben abschinden(Balthasar Friedrich Saltzmann: Jüdische Brüderschafft, 1661, Predigt, gehalten anlässlich der Taufe eines Juden;zit. nach Hortzitz 2005, S. 66f.) Meine Damen und Herren, dieser Text kann als prototypisch judenfeindlich gelten: Er isoliert Juden als Gruppe, grenzt sie von einer zweiten Gruppe, der der Christen, ab, und versieht die Gruppe der Christen mit gut, die der Juden mit schlecht bewerteten Eigenschaften. Diese schlecht bewerteten Eigenschaften sind Zuschreibungen, die sich aus Vorurteilen rekrutieren – ich bin bei meinem Thema und formuliere als ersten Leitgedanken: Antisemitismus wird erzeugt und am Leben gehalten durch den sprachlichen Ausdruck von Vorurteilen. Der zitierte Text stammt aus dem Jahr 1661 und ist Ausschnitt einer Predigt, die ihr Verfasser anlässlich der Taufe eines Juden gehalten hat. Woraus wir erkennen können: Die öffentliche Äußerung antisemitischer Vorurteile war nicht tabubehaftet, das ist heute anders – ich formuliere als zweiten Leitgedanken: Antisemitismus ist historisch an unterschiedliche Kommunikationsformen gebunden. 87 Das Thema ‚Sprache und Antisemitismus’ soll im Folgenden im Hinblick auf diese zwei Perspektiven dargestellt werden: zum einen im Hinblick auf Zuschreibungen vermeintlichen jüdischen Wesens, in ihren historisch unterschiedlichen Erscheinungsformen; zum andern im Hinblick auf die Art und Weise, in der über Juden geredet wird, ‚antisemitische Kommunikation’ nenne ich sie. Beide Perspektiven sprachlichen Antisemitismus sind natürlich bedingt durch die historischen gesellschaftlichen antisemitischen Ausprägungen. Diese sind vielfach klassifiziert und kategorisiert worden – jede Version begründet und plausibel. Ich unterscheide vier Grundformen, aus denen sich jeweils historisch bedingte Varianten von Antisemitismus entwickeln: Antijudaismus mit gesellschaftlich-ökonomischem Antisemitismus Rassenantisemitismus mit nationalem Antisemitismus Faschistischer Antisemitismus Postfaschistischer Antisemitismus mit neonazistischem, latentem und populistischem Antifaschismus Zum einen die des religiös motivierten Antijudaismus mit gesellschaftlich-ökonomischem Antisemitismus, zum andern die des rassistischen Antisemitismus, mit nationalem Antisemitismus. Die dritte Grundform ist die des faschistischen Antisemitismus, die hinsichtlich ihrer exterminatorischen Erscheinungsformen beispiellose Version. Die vierte Grundform ist mit der Zäsur im Jahr 1945 anzusetzen – Antisemitismus nach der Schoa hat eine grundsätzlich andere Dimension als jegliche präfaschistische und faschistische Form von Judenhass. Auch der postfaschistische Antisemitismus hat unterschiedliche Erscheinungsformen. Es werden im Allgemeinen zwei Formen unterschieden, die des neonazistischen und die des latenten Antisemitismus. Ich führe eine dritte Version ein, die des populistischen Antisemitismus. Diese Reihe gibt nicht eine strenge chronologische Folge wieder und die Kategorien sind nicht unbedingt trennscharf voneinander abzugrenzen: Der mittelalterliche Antijudaismus z.B. ist nicht gänzlich verschwunden, der Rassenantisemitismus ist nicht erst ein Phänomen der Vererbungslehre des 19. Jahrhunderts. 88 Worum soll es nun also im Folgenden gehen? Geschichte der antisemitischen Zuschreibungen Antijudaismus – gesellschaftlich-ökonomischer Antisemitismus Rassenantisemitismus – nationaler Antisemitismus Faschistischer Antisemitismus Postfaschistischer Antisemitismus Zuschreibungen – Vorurteile – Stereotype Antisemitismus als Kommunikationsform Latenter Antisemitismus Populistischer Antisemitismus Schluss Ich skizziere zunächst die Geschichte der antisemitischen Zuschreibungen – sie stellen sozusagen die inhaltliche Ausstattung des sprachlich vermittelten Antisemitismus dar. Diese Zuschreibungen werden in dem anschließenden Abschnitt im Hinblick auf den Gegenstand'Sprache und Antisemitismus' eingeordnet. Danach stelle ich das Thema ‚Sprache und Antisemitismus’ unter das Zeichen antisemitischer Kommunikation – diese Perspektive soll als neues antisemitisches Phänomen des Postfaschismus dargestellt werden. Der Vortrag schließt mit der Formulierung gesellschaftlicher Aufgaben. Zunächst also einige Bemerkungen zur Geschichte der antisemitischen Zuschreibungen Ich wähle aus dem weiten Feld des sprachlichen Antisemitismus die Zuschreibungen von Eigenschaften aus. Ich begründe diese Perspektive damit, dass es die sprachlich ausgedrückten Vorstellungen vermeintlicher kollektiver jüdischer Wesenszüge, mentaler Dispositionen und Verhaltensweisen sind, auf denen Antisemitismus gründet und die ihn am Leben halten: Ohne die Zuschreibung des gotteslästerlichen, des geldgierigen, des faulen Juden gäbe es keinen Antisemitismus. 89 Die Geschichte des sprachlichen Antisemitismus ist inhaltlich hinsichtlich der Grundmuster ihrer Ausdrucksformen relativ schnell erzählt, und zumal es sich in diesem Kreis um Bekanntes handelt, kann ich mich kurz fassen und auf wenige Beispiele beschränken. Der Antijudaismus , der religiöse Antisemitismus, ist die antisemitische Urform. Religiöser Antisemitismus ist bis ins 19. Jahrhundert dominierend, und Juden als Gottes-, als Christusmörder 1 ist der 2000 Jahre alte Grund-Topos. Zuschreibungen wie ìåÖä®ìÄáÖ , áêêÖä®ìÄáÖ , Öçííäçë , ^ÄÖ ¸ ííÉêÉá , hÉíòÉêÉá , ^ÄÉêÖä~ìÄÉ realisieren ihn. Dieses Grundmuster wird je nach historischer gesellschaftlicher Konstellation variiert, die berühmtesten und resistentesten Versionen in der Geschichte des Antisemitismus sind wohl die Zuschreibung des oáíì~äãçêÇë 2 – konstruiert zur Zeit der Kreuzzüge, und die des _êìååÉåîÉêÖáÑíÉêë – konstruiert zur Zeit der großen Pestepidemie Mitte des 14. Jahrhunderts. Bereits im Mittelalter entwickeln sich, neben dem religiös motivierten Antijudaismus, Formen des gesellschaftlich-ö konomischen Antisemitismus , resultierend aus der Tatsache, dass Juden gezwungen waren, bestimmte Berufe auszuüben, wie z.B. den Beruf des Geldverleihers – die Ausübung anderer, handwerklicher Berufe und der Erwerb von Grundbesitz war ihnen bekanntlich untersagt. Die Zuschreibungen des ÖÉäÇÖáÉêáÖÉå , ÄÉíê ² ÖÉêáëÅÜÉå , Ñ~äëÅÜÉå , ä ² ÖåÉêáëÅÜÉå , ïìÅÜÉêáëÅÜÉå , =~êÄÉáíëëÅÜÉìÉå= gìÇÉå stammen aus dieser Zeit, ebenso wie die abfällig gebrauchten Personenbezeichnungen pÅÜ~ÅÜÉêÉê , tÉÅÜëäÉê , tìÅÜÉêÉê . Diesen Zuschreibungen gemeinsam ist das bis heute bekannte Motiv des Sozialneids und Konkurrenzdenkens. Seit Ende des 18. Jahrhunderts entwickelt sich die neue Spielart des Rassenantisemitismus – mit Vorläufern allerdings müssen wir bereits in der frühen Neuzeit rechnen. 3 Rassenantisemitismus stellt Angehörige des Judentums vor nicht als religiös, sondern als konstitutionell anders. Vor allem nimmt die biologisch1 Abt Hieronymus von Bethlehem, 347-420. 2 William von Norwich, 1144. 3 Dass der Rassenantisemitismus nicht erst in den Kontext der Vererbungslehre zählt, belegt zum Beispiel folgender Text:„In den Satzungen des Römischen Reichs ist zwar verboten bey Leib=vnd Lebens=Straffe/ daß Jüden Christliche Weiber nicht schänden sollen/ weil aber solche gedrewete Straffe nicht wird vollzogen/ treiben die Jüden solches ohne Schew.“(Johann Müller: Judaismus oder Jüdenthumb, 1644;zit. nach Hortzitz 2005, S. 53) Unverkennbar ist der Topos der sog.„Rassenschande“ hier bereits angelegt. 90 pathologische Metaphorik zu. Zuschreibungen der Ungeziefer-Metaphorik erscheinen: o~ííÉå , m~ê~ëáíÉå , pÅÜã~êçíòÉê , ^ÄëÅÜ~ìã , Éåí~êíÉí , hêÉÄë , pÅÜ®ÇäáåÖ . In ihrer deontischen Bedeutung ist enthalten: ‚gehört zu vernichten’ – das Grundelement des Rassenantisemitismus. Juden als konstitutionell anders ist Teil dieser Logik: Die ‚Lösung der Judenfrage’ ist in dieser Logik Vertreibung und Vernichtung. Rassenantisemitismus wird begleitet von Formen des politischen, des nationalen Antisemitismus , der aus den politisch-gesellschaftlichen Konstellationen dieser Epoche des Nationalismus und Imperialismus resultiert. ‚Nationaler Antisemitismus’ ist„die Form der Judenfeindschaft, in der das ‚nationale’ Selbstverständnis wesentlich durch die Abgrenzung von denen, die als Juden vorgestellt werden“, 4 Profil erhält. Nationaler Antisemitismus ist für den modernen Antisemitismus konstitutiv – seit der Reichsgründung, verstärkt seit der Industriekrise von 1873 und der Agrarkrise von 1876. Die sprachlichen Elemente, die diesen nationalen Antisemitismus ausdrücken, sind von hoher sprachgeschichtlicher Relevanz im Rahmen der Entwicklung politischen Sprachgebrauchs. 5 Zuschreibungen wie ÑÉáåÇäáÅÜ , ÑêÉãÇ , åáÅÜíJ ÇÉìíëÅÜ , ~åÇÉêë , ÉáåÖÉÇêìåÖÉå , der Topos der machtbesessenen, nach Weltherrschaft strebenden Juden repräsentieren ihn. Meine Damen und Herren, das Repertoire antisemitischer Zuschreibungen entwickelt sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts und ist mit der Erscheinung des antisemitischen rassistischen Nationalismus voll entfaltet. Zwar sind die Antisemitismen gebunden an die historisch unterschiedlichen Formen von Judenfeindschaft und Judenhass. Das Inventar der geäußerten Vorurteile, von denen ich Ihnen nur einen Ausschnitt demonstrieren kann, ist jedoch gleich bleibend. Ab jetzt haben wir es mit Wiederaufnahmen zu tun, mit Reproduktionen: Auch der faschistische Antisemitismus , der hinsichtlich seiner exterminatorischen Dimension eine unsagbare, das Zivilisationsniveau der Aufklärung zerstörende Ausdrucksform erreicht hat, findet keine neuen Zuschreibungen, sondern stellt ein Gemenge dar aus Antijudaismus und Rassenantisemitismus, aus deutschnationalem, ökonomischem und 4 Holz 2001, 16. 5 v. Polenz 1999, 542. 91 gesellschaftlichem Antisemitismus. 6 Was sich verändert, ist die Aggression, die zunimmt, ist die staatliche Verordnung von Antisemitismus, deren Nichtbefolgung Sanktionen nach sich zogen: Wer Juden nicht verfolgte und dem Henker auslieferte, setzte sich u.U. Repressionen aus. Auch nach 1945 in dieser Hinsicht nichts Neues: Im postfaschistischen Antisemitismus – gleich welcher Spielart – setzen sich die seit dem Mittelalter bekannten Zuschreibungen fort. Bei Wolfgang Benz sind all’ die Spielarten heutigen antisemitischen Redens, auf die ich hier nicht eingehen kann, dokumentiert. 7 Diese Spielarten sind, wie gesagt, zurückführbar auf die antisemitischen Standardstereotype, von denen allerdings das Stereotyp des geldgierigen und das des machtbesessenen Juden sich als besonders hartnäckig erweist. Sie werden an die Gegebenheiten der modernen Gegenwartsgesellschaft angepasst. So erscheint z.B. das Stereotyp des machtbesessenen Juden als der Topos überdurchschnittlich hoher Medienpräsenz. Neu ist jedoch der Bezug zur Schoa: Der Gebrauch antisemitischer Stereotype nach 1945 ist ein Aspekt nachkriegsdeutscher Vergangenheitsbearbeitung. Dazu dient etwa das Vorurteil des geldgierigen Juden – nach 1945, angepasst an die Schoa, begegnet es in dem Topos gìÇÉå= ÄÉêÉáÅÜÉêå= ëáÅÜ=~ã= eçäçÅ~ìëí> Man nimmt den Juden Auschwitz übel, und Entschädigungsleistungen und Wiedergutmachungszahlungen sind häufig Redegegenstand eines solchen Antisemitismus, der sich in dem Topos des betrügerischen, geizigen und in Gelddingen skrupellosen Juden äußert. Ich breche an dieser Stelle die Demonstrierung der Zuschreibungen, aus denen sich der historische und gegenwärtige Antisemitismus bedient, ab. Zuschreibungen – Vorurteile – Stereotype ‚Zuschreibungen’ – das ist sozusagen der allgemeinste und vor allem wertneutrale Ausdruck zur Bezeichnung einer sprachlichen Strategie, die Behauptungen macht über bestimmte Eigenschaften von Menschen. Eine Zuschreibung ist die Belegung einer Person oder Personengruppe mit bestimmten Eigenschaften. Wenn diese Zuschreibung eine verallgemeinernde und eine negative Aussage ist, handelt es sich um ein Vorurteil. 6 „antikapitalistische, antibürgerliche, zivilisationspessimistische Frustrationen, mit ‚Sündenbock-Vorstellungen’ als Antisemitismus kanalisiert“.(v. Polenz 1999, 35) 7 Benz hat Briefe ausgewertet, die an jüdische Institutionen gerichtet waren. 92 Ein Vorurteil, ich zitiere den Klassiker Gordon Allport, ist„eine Antipathie, die sich auf eine fehlerhafte und starre Verallgemeinerung gründet.“(Natur des Vorurteils, 1971, S. 23) Wenn Vorurteile sprachlich dargestellt und beschrieben werden sollen, spricht man von Stereotypen. Ein Stereotyp ist die sprachliche Kristallisation eines Vorurteils und hat, als Äußerung, die Grundstruktur Alle X sind p. P sind soziokulturell tradierte verallgemeinernde und habitualisierte Denk-, Emotions- und Verhaltensmuster. Sie haben eine reduzierte und verfestigte sprachliche Form. Sie können versatzstückhaft ohne Erklärung benutzt werden und ordnen Personen, denen sie zugeschrieben werden, einer Fremdgruppe zu. 8 Diese allgemeine Bestimmung übertragen auf unseren Gegenstand bedeutet: - Ein antisemitisches Stereotyp ist die sprachliche Form eines Vorurteils, das ein negativ bewertetes Klischee über Juden zum Ausdruck bringt. Es kann zu antisemitischen diskriminierenden Zwecken gebraucht werden. - Kontinuierliche kollektive Wiederverwendung eines bestimmten, festen und seit langem tradierten Sets antisemitischer Stereotype, mit denen vermeintliche Eigenschaften von Juden bezeichnet werden, führt dazu, dass der Ausdruck gìÇÉ nicht mehr ethnische, kulturelle bzw. religiöse Herkunftsbezeichnung ist, sondern zum Begriff wird. Die Bedeutung des Begriffs gìÇÉ setzt sich aus dem Set dieser stereotypen, seit der Antike tradierten Kategorien zusammen. - Der Begriff gìÇÉ verfestigt sich in diesem Sinn zu einem mental gespeicherten kollektiven Konzept. Das antisemitische Stereotyp ist die sprachliche Urform von Antisemitismus. Der ÖçííäçëÉ und ~ÄÉêÖä®ìÄáëÅÜÉ= gìÇÉ , der âáåÇÉêãçêÇÉåÇÉ und ÄêìååÉåîÉêÖáÑíÉåÇÉ= gìÇÉ , der 8 Insofern können wir sagen: Ein Stereotyp, also die sprachliche Erscheinungsform eines Vorurteils, drückt eine Überzeugung aus. Diese Überzeugung bezieht sich auf Eigenschaften oder Verhaltensweisen einer sozialen Gruppe bzw. auf einzelne Personen als ihre Mitglieder. Ein Stereotyp ist ungerechtfertigt, vereinfachend und generalisierend sowie emotional-wertend.(Quasthoff 1973, 28) Stereotype haben eine lange Geschichte und sie sind kulturell geprägt. Als kollektives Phänomen sind Stereotype kognitiv, also mental gespeichert und daher fest im kollektiven Denken, Fühlen und Wollen verankert. Stereotype zeichnen sich deshalb durch Langlebigkeit und unveränderliche Starrheit aus. Stereotype sind verwertbar als aggressives Argument und transportieren in der Regel ein positives Selbst- und ein negatives Fremdbild. 93 ïìÅÜÉêáëÅÜÉ und ÖÉáòáÖÉ= gìÇÉ , der å~ÅÜ= tÉäíÜÉêêëÅÜ~Ñí= ëíêÉÄÉåÇÉ= gìÇÉ – diese Stereotype bilden den Ursprung und das Fundament des Antisemitismus. Ohne die dauernde kollektive Wiederverwendung dieser Stereotype gäbe es keinen Antisemitismus. Vorbereitet im antiken Antijudaismus, fortgeführt im mittelalterlichen ökonomisch-gesellschaftlichen Antisemitismus, im nationalen und im Rassenantisemitismus des 18. und 19. Jahrhunderts – der Vernichtungsantisemitismus des Nationalsozialismus kann nur im Zusammenhang mit der permanenten Reproduktion der kollektiven, mental verfestigten antisemitischen Stereotype gedacht werden. Es waren diese antisemitischen Stereotype, die den Antisemitismus begründeten, die 1933ff. Aufklärung und Zivilisation außer Kraft gesetzt haben und die den Antisemitismus bis heute tragen. Ich möchte an diese Ü berlegungen zur sprachlichen Form antisemitischer Vorurteile nun anschließen und fragen: Wo ist der historische Ort antisemitischen Redens? Es geht um Antisemitismus als Kommunikationsform um'antisemitische Kommunikation'. Wir können uns wieder an der Chronologie orientieren, beginnend mit dem Antijudaismus. Sein Ort ist natürlich die öffentliche Predigt, das religionspropagandistische Pamphlet, die pastorale Schmähschrift. Der Grad der Ö ffentlichkeit war groß und das antisemitische Stereotyp konnte ungebremst den Weg von kirchlichen bzw. religiösen Autoritäten in die Köpfe des unaufgeklärten Volkes nehmen. Diese Ö ffentlichkeit ist bis 1945 der Ort des Antisemitismus überhaupt: in den pseudowissenschaftlichen Rassenschmähschriften ebenso wie in akademischen antisemitischen Schriften. Betrachten wir kurz und exemplarisch das in dieser Hinsicht besonders ‚ausdrucksfreudige’ 19. Jahrhundert: Achim von Arnim 9 , Johann Gottlieb Fichte, Heinrich von Treitschke 10 , Eugen Dühring 11 , Hofprediger Stöcker, Richard Wagner, Paul de Lagarde – Antisemitismus in der nationalen Version des 19. Jahrhunderts war nicht nur gesellschaftsfähig, sondern offenbar gleichsam ein Deutungsmuster, über welches sich die Intellektuellen verständigten, Einverständnis zeigten. Diese 9 ‚Über die Kennzeichnung des Judentums’. 10 mit seiner weithin gehörten und nachhaltigen, als Volkesstimme scheinlegitimierte Botschaft:„Die Juden sind unser Unglück“(‚Unsere Aussichten’). 11 ‚Die Judenfrage als Racen-, Sitten und Culturfrage’(1881). 94 Gesellschaftsfähigkeit des Antisemitismus drückt sich aus in dessen Institutionalisierung: Bildungsbürger und Akademiker organisieren Antisemitismus, veranstalten Tagungen, gründen Vereine, Parteien, Verbindungen, in deren Satzungen die Aufnahme von Juden ausdrücklich untersagt wird und die zum Teil bereits in ihrem Namen Judenfeindlichkeit zum Ausdruck bringen: 1879 – Antisemiten-Liga(Wilhelm Marr, 600 Mitglieder) 1882 – Erster Antijüdischer Kongress(300 bis 400 Teilnehmer) 1883 – Allgemeiner Verein zur Bekämpfung des Judentums 1884 – Deutscher Antisemitenbund 1886 – Deutsche Antisemitische Vereinigung Der anschließende faschistische Antisemitismus ist auch auf dieser Ebene antisemitischer Kommunikation bestens vorbereitet, und über den hohen Öffentlichkeitsgrad antisemitischen Redens im Nationalsozialismus muss ich nichts sagen: Er war total. 1945 schließlich – die Zäsur. Sie besteht in einer grundlegenden Änderung der kommunikativen Bedingungen, unter denen sich Antisemitismus sprachlich manifestiert. Dabei möchte ich absehen von der neonazistischen Fortschreibung des rabiaten, aggressiven und groben NS-Antisemitismus. Dieser manifeste Antisemitismus ist leicht erkennbar und wird sprachlich repräsentiert als Propaganda und Volksverhetzung, als Beleidigung und Schmähung. Die jüngste Geschichte wird entsorgt und entkriminalisiert – Auschwitz zu relativieren oder zu leugnen ist ein antisemitisches Privileg des Neonazismus. 12 Nein, problematisieren möchte ich den nicht-neonazistischen Antisemitismus nach 1945 und folge dabei der Einschätzung Theodor W. Adornos:„Das Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie[ist] potentiell bedrohlicher denn das Nachleben 12 Ein Beispiel sei, widerstrebend, zitiert:„Ehrlich arbeiten kennt er nicht, er mißbraucht die ganze Welt. Und er will nur das eine und das ist unser Geld. Er sitzt in der Wallstreet, das Kapital in der Hand und die Palästinenser schmeißt er aus ihrem Land... Ihm gehört ganz Hollywood und schöne Filme macht er auch. Dabei hetzte er gegen Deutschland. Das ist beim Jud so Brauch. Schindlers Liste war sein Meisterstück, so soll das Deutschland sein. Jeder Deutsche ein Verbrecher und ein Nazischwein.“(Zillertaler Türkenjäger, ‚So ist er’. www.schulreferat-online.de/urmusik1.htm) 95 faschistischer Tendenzen gegen die Demokratie.“ 13 Dieses Diktum Adornos lässt sich ohne weiteres auf unseren Gegenstand übertragen: Das ‚Nachleben des Antisemitismus in der Demokratie ist bedrohlicher als das Nachleben des Antisemitismus gegen die Demokratie’ – das sich im neofaschistischen Antisemitismus ausdrückt. Zur Vorgeschichte: Die Befreiung der Konzentrationslager und das Offenbarwerden der nationalsozialistischen Verbrechen an den Juden führt gesamtgesellschaftlich und öffentlich zu einer Überprüfung der Stereotype, zur Reflexion der Vorurteile. Der bürgerlich-aufgeklärte, öffentliche demokratische Diskurs nach 1945 betreibt Vorurteilsmanagement, indem er sich gegen antisemitische Vorurteilsäußerungen immunisiert, den Vorurteilsdiskurs kriminalisiert, die Äußerung antisemitischer Vorurteile skandalisiert. Denn„mit der Niederlage des Nazismus hörte der Antisemitismus auf, Ideologie zu sein", ohne aber, das müssen wir betonen,"als Vorurteil zu verschwinden“. 14 Soll heißen: Judenfeindliche Vorurteile und Stereotype sind nicht abgelöst. Zwar ist öffentlichem antisemitischem Reden die gesellschaftliche und staatliche Legitimation entzogen, Antisemitismus aber existiert fort – der Antisemitismus geht in den Untergrund. 15 Er wird m.a.W.„kommunikationslatent“ und ist nicht mehr auf Diskursebene repräsentiert(Q uasthoff 1973), ohne aber auf der Kognitionsebene verschwunden zu sein. Fragen wir genauer nach den Erscheinungsformen antisemitischer Kommunikation unter den Bedingungen des Postfaschismus. Der postfaschistische Antisemitismus ist ein Ergebnis des nationalsozialistischen exterminatorischen Antisemitismus. Unter dieser Grundbedingung postfaschistischen antisemitischen Redens unterscheide ich den latenten und den populistischen Antisemitismus. Latenter Antisemitismus 13 Theodor W. Adorno: Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit? In: Eingriffe 1968, 126. 14 Marin 2000, 151. 15 Der österreichische Antisemitismus-Forscher Marin spricht von der„’(Re)privatisierung’ des Antisemitismus“ und meint damit sein„öffentliches Verschwinden ohne Auflösung“. 15 Wir können ihn kennzeichnen als Schizophrenisierung der Antisemiten – Moral nach außen, Amoral nach innen, soll heißen: Die öffentliche Sanktionierung und Tabuisierung antisemitischen Redens verweist dieses in die Privatheit und Vertrautheit. 96 Der latente, Wolfgang Benz nennt ihn ‚sekundären Antisemitismus’, mit dem wir uns in unserer Gegenwart auseinanderzusetzen haben, ist in kommunikativ-funktionaler Hinsicht wiederum zu unterscheiden: 1. nach der Wiederverwendung antisemitischer Stereotype, ohne in strengem Sinn antisemitische Absichten – Antisemitismus ohne Antisemiten, um den Titel der prominenten Studie Bernd Marins zu zitieren, 2. nach einer von Judenhass – sei er begründet in Sozialneid, in Konkurrenzdenken oder in Xenophobie – geprägten antisemitischen Kommunikation. Ad 1) Diejenigen, die antisemitische Stereotype reproduzieren ohne antisemitische Absicht reden z.B. in wohlmeinenden Briefen an den Zentralrat vom Antisemitismus, den sie verabscheuen und den sie den Neonazis und den Unverbesserlichen zuschreiben, machen die Bekanntschaft bzw. Freundschaft mit Juden geltend, gegen die man persönlich gar nichts haben könne. Diese Form antisemitischer Kommunikation äußert sich im Gewand der Sympathie mit Juden, der besten Absicht, der Objektivität, der Sorge um die politische Kultur. 16 Das antisemitische Potenzial dieser Kommunikationsform besteht in der Tatsache, dass diskriminierende Vorurteile bzw. Stereotype in der Kommunikation real und damit verbreitet werden – unabhängig von der kommunikativen Absicht derjenigen, die so reden. Ein Beispiel: =xfÅÜ= Ñ ² êÅÜíÉ= ÉáåÉz= Ä ¸ ëÉ= ëáÅÜ=~åÄ~ÜåÉåÇÉ= båíïáÅâäìåÖ= KK= xaáÉz= ÇìêÅÜ= fÜê= ìåâçåíêçääáÉêíÉë=^ìÑíêÉíÉå= îÉêëÅÜäáããÉêíÉ= páíì~íáçå= xëíáããí= ãáÅÜ= íê~ìêáÖz= KK= xaáÉz= ãáí= gìÇÉå= ÄÉÑêÉìåÇÉíÉå= ìåÇ= ëóãé~íÜáëáÉêÉåÇÉå= ìåÇ= ÇáÉ= áå=~ääÉå= ã ¸ ÖäáÅÜÉå= _ÉÖÉÖåìåÖÉå=~âíáîÉå=åáÅÜíà ² ÇáëÅÜÉå=_ ² êÖÉê=xëáåÇ=áêêáíáÉêíI=ÇáÉz=åÉìíê~äÉå=íçäÉê~åíÉå= _ ² êÖÉê= ïÉåÇÉå= ëáÅÜ=~ÄI= ìåÇ= ÇáÉ=^åíáëÉãáíÉå=®ì — Éêå= ëáÅÜ= ìåÖÉåáÉêíÉêK (promovierter Jurist, zit. nach Benz 2004, 30) Ad 2) Der postfaschistische Judenhass, der nicht neonazistisch ist, hat seinen kommunikativen Platz in anonymen Meinungsumfragen, am sog. Stammtisch von Gleichgesinnten, gelegentlich in Leserbriefen – dort wird er sprachlich manifest, „gepflegt als stiller Vorbehalt, als gerauntes Vorurteil und als Feindbild in schweigendem Einvernehmen“. 17 Das diskriminierende Reden über Juden wird als tabubehaftet, der Bruch des Tabus aus vermeintlich berechtigten Gründen wird als Befreiung empfunden („Man wird doch wohl sagen dürfen...“). 16 Bei Wolfgang Benz(2004, 27-82) sind hinlänglich Beispiele dokumentiert. 17 Benz 2004, 20. 97 Von der latenten Form des postfaschistischen Antisemitismus unterscheide ich grundsätzlich eine Version, die ich Populistischer Antisemitismus nenne. Wie entsteht er? Das diskriminierende Reden über Juden ist ein gesellschaftliches Tabu, und ein Merkmal der Tabuisierung ist der gelegentliche eruptive Ausbruch, der sich aus dem Tabu nährt. Im Zuge dieses Ausbruchs dient die Reproduktion antisemitischer Stereotype populistischen Zwecken – populistisch, denn man weiß, dass man damit die heimlichen Antisemiten anspricht und sich an die Seite zieht. In dieser Weise haben sich Hohmann, Walser, Möllemann geäußert. Der absichtliche Tausch von Tätern und Opfern Hohmanns, der sprechende Name des kindertötenden ‚Erlkönigs’, den Walser in seinem Roman'Tod eines Kritikers' gebraucht und der an den Mythos des jüdischen rituellen Kindermords anspielt, die Zuschreibungen Möllemanns,„arrogant“ und „besserwisserisch“, mit denen er Michael Friedman kritisierte, können nicht anders als dem populistischen Antisemitismus zugeschrieben werden. Der zu populistischen Zwecken sich manifestierende Anti-Israelismus gehört wesentlich in diesen Kontext. Er ist ein postfaschistisches Phänomen und antisemitisches Moment ist die israelische Palästinenserpolitik. Diese Form des Antisemitismus, die nichts mit politisch motivierter Kritik zu tun hat, äußert sich darin, dass sie„für viele zum Ventil[wird], mit dem – ohne Sanktionen befürchten zu müssen – antijüdische Emotionen artikuliert werden.“ 18 Diese Ventilfunktion offenbart sich im Gebrauch von Nazivokabeln ( ÜÉããìåÖëäçëÉê=sÉêåáÅÜíìåÖëâêáÉÖ ) und NS-Vergleichen( k~òáãÉíÜçÇÉå , ppJjÉíÜçÇÉå ). Wenn Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen – Politiker oder Schriftsteller – sich in dieser Weise äußern, dann handelt es sich um kalkulierte Demonstrationen, um die bewusste Kolportierung antijüdischer Klischees zu persönlichen populistischen Zwecken. Man redet antisemitisch über Juden, wissend, dass man ein Tabu bricht. Schlussw ort MDuH, ich bin ziemlich am Ende meines Beitrags und möchte ein Fazit ziehen. 18 Benz 2004, 24. 98 Setzen wir prinzipiell voraus: Es gibt keine Sprache des Vorurteils, sondern nur vorurteilsbehafteten Sprachgebrauch. Unter dieser Voraussetzung stellt sich als gesellschaftliche Aufgabe dar den antisemitischen Sprachgebrauch aufzudecken und zu bearbeiten. Die Frage ‚Wann sprechen wir von Antisemitismus, wer ist ein Antisemit?’ lässt sich dabei in die sprachliche Perspektive rücken als die Frage ‚Wie lässt sich der Gebrauch judenfeindlicher Stereotype verhindern?’ Diese Frage ist ein genuin sprachliches Problem, und es ist wiederum gesellschaftlich weniger erheblich danach zu fragen, mit welcher Bewirkungsabsicht antisemitische Stereotype benutzt werden. „Antisemitismus ist das Gerücht vom Juden“ – dieses bekannte Diktum Theodor Adornos nennt die Aufgabe. Diese Aufgabe hat zwei Aspekte: 1. die durch Reproduktion antisemitischer Stereotype – und was sind sie anderes als ‚Gerüchte’? – vollzogene antisemitische Diskriminierung zu beseitigen: durch Aufklärung über die irrationale, emotionale, unbegründete und gegenstandslose Aussage des Gerüchts. Die Aufgabe heißt also, das kulturell verfestigte und mental kollektiv gespeicherte Konzept gìÇÉ aufzulösen, also die Stereotype aufzulösen, die dieses Konzept nähren."Das, worüber man sich einig ist, verfestigt sich zu Normen, Vorurteilen und Klischees" – der Philosoph Helmuth Plessner, der wissen musste, worüber er sprach – es gilt also, Uneinigkeit zu stiften; 2. aber – und das ist vielleicht unsere Hauptaufgabe – jegliche Form von Ausgrenzung, auch die nicht-antisemitische, und auch die philosemitische, zu verhindern. Philosemitismus ist Antisemitismus mit umgekehrten Vorzeichen. Philosemitismus grenzt, wie Antisemitismus, Juden aus der Gesellschaft aus. Philosemitismus macht, wie Antisemitismus, Juden sichtbar auf eine Art und Weise, die sie zu Fremden, zu Außenseitern macht. Ziel muss es also sein, jegliche Formen zu bekämpfen, die Juden in der Gesellschaft als ‚anders’, als ‚fremd’ sichtbar machen, zu erreichen, dass man nicht mehr über Juden als ‚Andersartige’ spricht, dass Juden kein besonderer Faktor in unserem sozialen und politischen Alltag mehr sind. Diese Aufgabe steht im Kontext mit einer kommunikativen Grundfigur, die unsere Gesellschaft polarisiert. Diese Grundfigur heißt ‚das Eigene und das Fremde’. Sie kommt besonders dann zum Zuge, wenn es um das Verhältnis einer Mehrheit zu einer Minderheit geht. Und sie kommt besonders deshalb 99 zum Zuge, weil eine Mehrheit nach Identität sucht. Die Geschichte des Antisemitismus ist die Geschichte des Umgangs einer Mehrheit mit einer Minderheit, ist die Geschichte von Ausgrenzung in zahlreichen Versionen. Die Ausgrenzung von Juden als Fremde, als Andersartige ist das Grundelement von Antisemitismus, und da spielt es keine Rolle, ob es sich um religiösen oder rassistischen Antisemitismus handelt. 19 Was also Spracharbeit im Kampf gegen den Antisemitismus erreichen muss, ist das gesamtgesellschaftlich vorurteilsfreie Reden über Menschen jüdischen Glaubens(wie überhaupt über Menschen). Dem Kampf gegen Vorurteile hat sich bereits die Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts verschrieben. Den Antisemitismus hat die Aufklärung nicht erreicht, und er ist Zeichen dafür, dass sie unvollkommen blieb. Die Aufklärung ist zu Ende zu bringen. 19 Antisemitismus ist insofern ein Aspekt der Identitätsfindung/-festigung der Deutschen resp. Nichtjuden, nicht aber eine Identitätszuschreibung der Juden.„Im Antisemitismus dient das Judenbild dazu, eine Wir-Gruppe semantisch zu formieren. Das Judenbild kann nur als Gegenbild analysiert werden, durch das sich eine WirGruppe ein Bild von sich macht.“(Holz 2001, 540) Das entspricht der Funktion von Vorurteilen: Sie dienen zur Gruppenstabilisierung, zur Festigung der sozialen Identität. Wenn also Antisemitismus Ausdruck eines Problems kollektiver Identität ist, dann heißt die gesellschaftliche Aufgabe: Selbstgewissheit herstellen, das Kollektiv unabhängig machen... 100 EUROPÄISCHER ANTISEMITISMUS IN GESCHICHTE UND GEGENWART Die These von der Jüdischen Weltverschwörung von Johannes Heil Auf dem Jüdischen Friedhof in Prag treffen sich einmal in hundert Jahren zu einer ausgemachten Stunde die Vertreter der zwölf Stämme Israels und beraten über das mittelfristige Vorgehen auf dem Weg zur gänzlichen Beherrschung der Welt. Dieses Mal rechnen sie das Kapital zusammen, über das Israel in London, Paris, Amsterdam und Frankfurt verfügt; sie besprechen, was zu Verarmung von Handwerk und Bauern, was zur Herabsetzung des Militärs und was zur weiteren Spaltung der Kirchen und zur Entfaltung des zersetzenden liberalen Geistes zu tun sei.„Achtzehn Jahrhunderte haben unseren Feinden gehört- das neue Jahrhundert gehört Israel“- heißt es im Verlauf der Besprechung. 1 Das hier ist einige Jahre älter als die sog.„Protokolle der Weisen von Zion“, an die man zuerst beim Stichwort Weltverschwörung denken mag. Diese Protokolle eines angeblich stattgehabten Treffens stehen im Hintergrund meines Vortrags. Ich will aber zeigen, dass das Motiv wesentlich älter ist, Hinweise auf sein Funktionieren geben und auch erklären, warum die mittlerweile selbst vergilbten Protokolle als Textur heute noch immer funktionieren, in allerlei Übersetzungen, unter Ladentheken und im Internet. Natürlich ist der Text, den ich eingangs vorgetragen habe, eine Fiktion, und der Verfasser hat das auch gar nicht verbergen wollen. Die Szene„Auf dem Judenkirchhof in Prag“ ist Teil eines mehrbändigen und heute kaum mehr bekannten Romans mit dem Titel„Biarritz“, den Herrmann Goedsche= Sir John Retcliff 1886 veröffentlichte. Die böse Szene war deutlich als Fiktion gekennzeichnet, aber war sie deswegen irreal? Merkwürdig stimmt, daß ihr ein Interesse zuteil wurde, das Romanen sonst selten widerfährt. Der Text kursierte bald als Separatdruck und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Offenbar korrespondierte Goedsches Fiktion mit einem Wissen von der Realität, in der der Roman zur Realmetapher werden konnte und als erfundener Stoff etwas über Wirklichkeit erzählte. 1 Vgl. SIR JOHN Retcliffe[alias Hermann Goedsche], Biarritz.. Historisch-politischer Roman in acht Bänden, Bd. 1, Berlin 1905, S. 130ff. 101 Um solch imaginierte Wirklichkeit soll es im folgenden gehen. Wir können mit gutem Recht solche Vorstellungen als Phantasmen abtun; das hilft aber wenig, wenn man sie verstehen will. Für die, die sie denken, sind sie Wirklichkeit, ganz gleich, ob sie als Roman, als„Protokolle“ oder als Nachrichtenmeldung daherkommen. Zum Verständnis will ich einen Sprung um mehrere Jahrhunderte zurück unternehmen, ins England des 12. Jahrhunderts. Nach Thomas von Monmouth berichtete ein Jude, der sich bekehrt hatte und in den Mönchsstand eingetreten war, von jährlichen Treffen der“Fürsten und Rabbiner” der Juden aus Spanien in Narbonne, der Stadt,“wo ihr königlicher Same und ihr Ruhm am meisten gelten.” Ziel des Treffens sei“wie von alters her bestimmt die Verhöhnung und Schmähung Christi.” Und weil sie“ohne menschliches Blut weder Freiheit erlangen noch dereinst in das Land ihrer Väter zurückkehren können”, bestimmen sie bei ihrem Konzil in Narbonne das Ritualmordopfer des kommenden Jahres, indem“sie jede Landschaft, in der Juden leben, auf einem Los notieren” und dann das Los über die Region bestimmen lassen, aus der das jeweilige Opfer kommen sollte. 2 Tatsächlich handelt es sich hier um die Vorstellung von einer weltweiten, jedes Jahr eine andere Region betreffenden Verschwörung. Damit ähnelt, was der fromme Kirchenmann des 12. Jahrhunderts wußte, der Fiktion in Goedsches 600 Jahre jüngeren Roman. Goedsche bereitet also nur altes Wissen neu auf, und dabei ist es sogar einerlei, ob er sich dessen bewußt war: Ob er(was zu bezweifeln ist) Texte nach Art des englischen Thomas kannte oder ob er seinen Entwurf tatsächlich für originell hielt. Die Gemeinsamkeiten zwischen beiden Texten sind auffällig, ebenso, wenn man genauer hinschaut, auch die Differenzen. Thomas von Monmouth’s Text zeigt, daß die mittelalterliche Version der Weltverschwörung über Legenden vom rituellen Mord(Passions- Imitation), von der Hostienschändung und vom Giftanschlag transportiert wurde. Bei Goedsche geht es nicht mehr um Heiliges und auch nicht um Gift, sondern um Einfluß und Geld. Beiden geht es aber um Macht und ihre Gewinnung – an diesem Punkt wird die Kontinuität zwischen altem und neuem Verschwörungsdenken fassbar, und eben auch das Alter dieser Vorstellung. 2 THOMAS VON MONMOUTH, The Life and Miracles of St. William of Norwich, hg. Augustus Jessopp, Cambridge 1896), II.11, S. 93f. 102 Das nämlich scheinen mir die jene, die sich mit Verschwörungsvorstellungen im 20. und 21. Jahrhundert befassen, zu wenig zu beachten. Die sog.„Protokolle der Weisen von Zion“ ziehen alle Aufmerksamkeit der Forschung auf sich, weil sie, wiewohl selbst längst Geschichte geworden und als ziemlich plumpe Fälschung entlarvt, auch heute gelesen und geglaubt werden. Und sie werden, mit neuen Eckdaten versehen, fortgeschrieben. Das heißt dann „Zionismus“ oder auch„Globalisierung“. Die dahinterstehende Vorstellung ist mit den „Protokollen“ aber nicht erst geboren worden, und die vermeintliche„Idealform“ moderner Judenfeindschaft ist tatsächlich ein alter Hut. Betrachten wir, um das Funktionieren von Verschwörungsvorstellungen und ihre Attraktivität zu verstehen, zunächst aber weiter die„Protokolle“, ursprünglich ein Produkt der zaristischen Geheimpolizei, und das Umfeld, in dem sie in Deutschland rezipiert wurden. Die Niederlage Deutschlands von 1918 provozierte bekanntermaßen Fragen nach Verantwortlichkeiten und Schuldigen. Man meinte, daß„etwas“ nicht mit rechten Dingen zugegangen sei. Dieses»Etwas« galt es einzugrenzen. Die Aussage„im Felde ungeschlagen“ provozierte im nächsten Schritt die Frage, wer dem Heer den entscheidenden Schlag versetzt habe. War es nicht der Gegner im offenen Kampf, dann blieb nur der unsichtbare, innere Gegner übrig. Die in Bromberg erscheinende völkische„Ostdeutsche Rundschau“ analysierte am 25. Juni 1919 geradezu archetypisch:„Die Juden haben unseren Siegeslauf gehemmt und uns um die Früchte unserer Siege betrogen. Die Juden haben die Axt an die Throne gelegt und die monarchische Verfassung in Stücke geschlagen. Die Juden haben die innere Front und dadurch auch die äußere zermürbt. Die Juden haben unseren Mittelstand zermürbt, den Wucher wie eine Pest verbreitet, die Städte gegen das Land, die Arbeiter gegen den Staat und[das] Vaterland aufgehetzt. Die Juden haben uns die Revolution gebracht, und wenn wir jetzt nach dem verlorenen Krieg auch noch den Frieden verlieren, so hat Juda sein gerüttelt Maß von Schuld.“ Die„Protokolle“, eben in diesen Jahren in deutscher Übersetzung erschienen, fielen also auf einen schon vorbereiteten Boden. Woher aber wußte die Bromberger Zeitung, was sie wußte? Anders gefragt: Warum kam man, als in England 1144 eine Kinderleiche gefunden wurde, auf die Idee, daß das etwas mit einem Treffen von Juden in Narbonne zu tun haben müßte? Beiden Narrativen ist 103 gemeinsam, daß sie in erklärungsbedürftigen Situationen Erklärungen anboten, die die Ursache des zu Erklärenden nach außen verlegten. Die Verschwörungsvorstellung dient also der Füllung von Wissens- und Erklärungslücken. Eigentlich Unzusammenhängendes oder Unerklärliches wird durch sie zu einem sinnvollen Ganzen zusammengefügt. Die irritierende Perfektion des Anschlags auf das WTC im September 2001 gibt dann den Hinweis auf die eigentlichen Hintermänner, den israelischen Mossad, der doch alleine in der Lage ist, solch komplizierte Aktionen auszuführen. Damit ist eine wesentliche Bedingung der Verschwörungsvorstellung beschrieben: sie darf nicht phantastisch, sondern muß plausibel sein; sie hebt Widersprüche auf, die andere Erklärungen nicht ausräumen können. Sie erscheint also herkömmlichen Erklärungen in ihrer Stringenz überlegen. Zu den Erfolgsbedingungen der Verschwörungsthese zählt weiters, daß sie hinsichtlich ihrer Zielbeschreibung stimmig und erkenntnismehrend sein muß. Die Geschichte von der Rabbinerversammlung in Narbonne kann nur überzeugen, wenn sie mit einem plausiblen Ziel ausgestattet wird; hier ist es der Bedarf der Juden an christlichem Blut als Voraussetzung zur Heimkehr in ihr Land(das klingt phantastisch, ist aber im Zeithorizont betrachtet plausibel). Die Mossad-Variante zur WTC-Attacke überzeugt, weil sich ein plausibles Ziel erkennen läßt: Die Juden haben die angeblichen arabischen Täter entführt, um die arabische Welt mit der angeblichen Tat zu diskreditieren und weiter zu demütigen. So verhielt es sich auch mit dem Ausbruch der Vogelgrippe in Anatolien im vergangenen Winter. Sie sollte ein europäisch-amerikanischer Sabotageakt gewesen sein, um das Engagement der Türkei im Nahen Osten zu behindern und die Öffentlichkeit auf innere Angelegenheiten zu lenken(FAZ 16.1. 06). Und auch der jugoslawische Volksheld Slobodan Milosevic ist in Den Haag ermordet wurden – so wenigstens weiß es Jürgen Elsässer, der für die„Junge Welt“ arbeitet(Der Spiegel, 10. 7. 06). Die Weltverschwörungsvorstellung von 1919 überzeugte, weil damit das Geschehen in einen größeren, geradezu kosmischen Zusammenhang eingeordnet werden konnte: Die Niederlage Deutschlands erschien so gerade einmal als ein Element unter vielen anderen; die jüdische Weltverschwörung war die Klammer zwischen eigentlich unvereinbaren, aber gleichzeitigen 104 Phänomenen: dem Sturz der Monarchien, dem Erstarken der Arbeiterbewegung, der Ausbreitung des Kapitalismus, etc. Bis hier habe ich an alten und neuen Beispielen etwas über das Funktionieren der Verschwörungserzählung gesagt; nun will ich mich mit ihrer Entstehung befassen. Dazu gehe ich zeitlich wieder ein großes Stück zurück. Der Chronist Ademar von Chabannes liefert den Bericht von einem Karfreitag um das Jahr 1018: Nach der Kreuzverehrung, also zum Höhepunkt der Karfreitagsliturgie, erbebte in Rom die Erde und erhob sich ein kräftiger Sturm, denn die Juden verspotteten zur selben Stunde in ihrer Synagoge die”Figur des Gekreuzigten.” Der Papst, Benedikt VIII., schritt unverzüglich ein und ließ die Schuldigen enthaupten, woraufhin der Sturm sich legte. 3 Daß das Geschehen in seinem geschilderten Ablauf kaum Zeit hatte, sich abzuspielen, muß hier nicht interessieren. In erzählerischer Hinsicht berichtet Ademar den Verlauf eines angeblichen Geschehens, der Form nach bietet er eine Mirakelerzählung: das römische Karfreitagsgeschehen sollte als typisches Geschehen erscheinen, das die gegebene Heilskonkurrenz abbildete und die Überlegenheit der christlichen Seite in Szene setzte. Effektsteigernd erscheint die Wahl des Zeitpunkts, der Karfreitag, der als Moment besonders drastischer Aktualisierung jüdischer Christenfeindlichkeit auch in den(allerdings erst einige Jahrzehnte später aufkommenden) Erzählungen vom jüdischen Ritualmord wieder begegnet. Das Handeln der Juden zielt mit dem Angriff auf das Kreuz ganz direkt in das Zentrum der sakralen Sphäre des Christentums. Dabei schrieb Ademar dem Handeln der Juden eine ausgesprochen hohe Wirksamkeit und eine gefährliche, jedoch nicht diesseitige, sondern übernatürliche und dämonengleiche Kraft zu: auf ihr Handeln hin erbebte die Erde, der Dramatik nach eine Antwort Gottes auf die Verhöhnung des Kreuzes, der Sache nach eine kosmische Reaktion auf menschliches Handeln in der Welt. 3 ADEMAR VON CHABANNES, Chronicon, hg. P. Bourgain,= Ademari Cabannensis opera omnia, Bd. 1(Corpus Christianorum Cont. Med.; 129), Turnhout 1999, S. 171; vgl. Richard LANDES, Relics, Apocalypse, and the Deceits of History: Ademar of Chabannes(Harvard Hist. Studies; 117), Cambridge/Mass. 1995. 105 Die Tat der Juden gehörte für Ademar demnach in einen weiteren, höheren und letztlich transzendenten Zusammenhang, in dem die Juden als Mächte gleichsam”nicht von dieser Welt” auftraten. Sie wurden nicht als soziale Gruppe, sondern als gewichtige(negative) heilsgeschichtliche Größe wahrgenommen. Wird schließlich- und hier erweist sich der grausame Bericht geradezu als Parabel- die Ursache des Geschehens abgestellt, so legen sich folgerichtig Sturm und Erdbeben wieder. Das Geschehen in Ademars Version ist noch ganz am Himmel aufgehängt, aber – und dies ist bemerkenswert – es wird durch das Handeln in der Welt aufgehalten. Es handelt sich hier aber nicht um ein Geschehen in der Welt, bei dem die Juden, wie später auf dem Prager Friedhof oder anläßlich der protokollierten Versammlung der Weisen von Zion, auf eigene Fast und Rechnung agieren. Die Juden sind hier teil eines gottbe- stimmten, heilsgeschichtlichen Geschehens; dort freilich spielen sie eine wenigstens für moderne Ohren erschreckend negativ gezeichnete Rolle. Das war aber(fast) der Normalfall. Was in den biblischen Schriften nur bedingt angelegt war (Dan., 2. Thess, 2. Joh., Apk), wurde seit dem 7. Jahrhundert von griechischen und lateinischen Autoren zu einem Gesamtbild zusammengefügt: Zu einer„Vita Antichristi“, der sich im Tempel niederlassen und beschneiden lassen würde und dem die Juden als vermeintlichem Messias zuströmen würden. 4 Die danach vielfältig belegte Zuordnung der Juden zum endzeitlichen Geschehen und zum Wirken des Antichristen kann als Verschwörungsszenarium par excellence, zumal von kosmischer Dimension, verstanden werden. Das erinnert in manchem an moderne Vorstellungen, nur bezeichnen Endzeit und Antichrist hier eine kosmisch-sakrale Komponente, die in modernen Versionen weitgehend verloren gegangen ist. Man sollte dann annehmen, dieses Charakteristikum sei mit der allmählichen Entzauberung der Welt in der Moderne verloren gegangen. Denn Endzeit- und Antichristangst haben sich ja irgendwo auf dem langen Weg in die Moderne erledigt. Die Gruppen, die sich ihnen noch heute hingegeben, weisen schon mit ihren Namen auf Randständigkeit hin. 4 Vgl. AndrewColinGOW, The Red Jews. Antisemitism in an Apocalyptic Age 1200-1600(Studies in Medieval and Reformation Thought; 55), Leiden/New York/Köln 1995. 106 Dann hätte sich auch die mittelalterliche Verschwörungsversion erledigt haben müssen. Das aber hat sie nicht, wie das Vorkommen der Juden in fast allen modernen Versionen von der Weltverschwörung belegt. Tatsächlich begegnen die Archetypen der modernen Verschwörungsvorstellung besonders in den uns so fernen und so erbarmungslos mittelalterlichen Geschichten. Nicht nur bei Ademar, sondern in vielfach kopierten und adaptierten Geschichten wie jenen vom rituellen Mord(zur Imitation der Passion Christi) oder der Schändung der Hostie(zur Prüfung bzw. Tötung des sakramentalen Körpers). Die Legende vom Ritualmord trat als geschlossenes Narrativ zum ersten Mal in der Vita des Hl. Wilhelm von Norwich in Erscheinung, die Thomas von Monmouth bald nach dem fraglichen Ereignis(1144) verfaßte, und verbreitete sich danach rasch, wenngleich als zunächst dünne Spur, von England aus über den Kontinent. Der Überlieferung nach wurde der Leichnam des Norwicher Jungen am Karfreitag des Jahres 1144 in einem Wald nahe der Stadt entdeckt, für seinen Tod wurden die Juden vor Ort verantwortlich gemacht, die ihn nämlich, wie von langer Hand geplant, zur Verspottung Christi gekreuzigt haben sollen. 5 Die Hostienschändungsfabel trat in antijüdischer Form erstmals in Frankreich 1290 auf, sie hat sich dann geradezu epidemisch verbreitet und schon in den Jahren 1298 ff. im Süden und Südwesten Deutschlands zu einer Pogromwelle, bis ins Elsaß hinein geführt. 6 1348/49, als die Pest sich über fast ganz Europa ausbreitete, trat dann die Legende vergifteter Brunnen hinzu(die Chronisten und andere Beobachter nicht glaubten, dafür aber die handelnden Behörden vor Ort). Diese Geschichten sind danach immer wieder erzählt worden, mit Konjunkturen im späten 13. und 14. Jahrhundert, dann wieder während der Reformationszeit. Im Zeitalter der Glaubensspaltung wurden sie zu einem Instrument wechselseitiger Inkriminierung – da sollte die jeweils andere Seite ein Werkzeug der Juden oder gar nicht schlimmer als diese sein. Der Skandal der„Protokolle“ und des Glaubens an ihre Echtheit reicht also wenigstens ins hohe Mittelalter zurück. Dabei wird allerdings übersehen, dass die Erzähltypen, die die Idee von der Verschwörung transportierten, im Ursprung gar nicht mit Juden zu tun hatten. 5 Vgl. Rainer ERB(Hg.), Die Legende vom Ritualmord. Zur Geschichte der Blutbeschuldigung gegen Juden (Dokumente, Texte, Materialien; 6), Berlin 1993. 6 Miri RUBIN, Gentile Tales. The Narrative Assault on Late Medieval Jews, New Haven/London 1999. 107 Die Verwendung des Pulvers aus den Körpern getöteter Knaben zu magisch-rituellen, d.h. aber auch eucharistieähnlichen Zwecken, spielte schon in den frühesten Darstellungen von angeblichen Praktiken der Häretiker eine Rolle. Nach Guibert von Nogent(gest.~1124) warf die Häretiker-Gemeinde durch das Feuer„einen Knaben von Hand zu Hand, bis er getötet war. Darauf machte man[seinen Köper] zu Asche und bereitete daraus Brote, wovon ein jeder dann seinen Anteil zur Eucharistie erhielt,[und worauf] nach dem Verzehr kaum einmal einer aus dieser Häresie wieder zur Besinnung kam.“ 7 Das gilt auch von den gegenüber den ersten antijüdischen Hostienfrevellegenden (1213/1290) älteren Beispiele wie Augsburg(1199/1200), Doberan(1201) und Schwerin (1222). Die ersten„Hostienschänder“ der Vorstellungswelt waren Christen, nicht Juden. Das „Mirakel von dem heiligen Blute zu Doberan“ handelt von einem Hirten, der 1201(?) die Hostie unterschlug und sie in„einfältiglicher Gebärde“ seinem Hirtenstab zur Abwendung von Schaden an seiner Herde inserierte(Ernst von Kirchberg). 8 Und auch das Gift, mit dem die Juden in den Pestjahren 1348/49 umgegangen sein sollen, kommt zunächst abseits antijüdischer Vorstellungen vor, nämlich wenige Jahre zuvor, 1321, als die Leprakranken sich mit dem Gift zur Ermordung der Gesunden aufgemacht haben sollen. 9 Nicht nur hinsichtlich der metaphysisch-sakralen Komponente, sondern auch, was ihr Herkommen angeht, hat sich die Legende von der Weltverschwörung über die Jahrhunderte hinweg also weit stärker gewandelt, als es der anfänglich gebotene Vergleich zwischen Goedsches Roman und Thomas von Monmouth auf den ersten Blick erkennen läßt. Die moderne Vorstellung von jüdischer Weltverschwörung kennt keinen Antichristen und auch keinen ihn bremsenden Gott mehr, dort sind die Juden selbst Herren des Geschehens und bestimmen ihre Ziele selbst. Wir haben es hier mit einem Prozeß von Säkularisierung zu tun, bei dem die metaphysischen Figuren allmählich verschwinden und ihre Stelle die Kommunistische Internationale, die Börse, die UNO, die Weltbank oder der Mossad treten. 7 Vgl. GUIBERT DE NOGENT, De vita sua, III.17, in: Migne, Patrologia Latina, Bd. 156, cols. 951B-D. 8 ERNST VON KIRCHBERG, Mecklenburgische Reimchronik, i.A. der Historischen Kommission für Mecklenburg und in Verbindung mit dem Mecklenburgischen Landeshauptarchiv Schwerin hg. Christa Cordshagen et al., Köln etc.1997. 9 František GRAUS, Pest- Geissler- Judenmorde. Das 14. Jahrhundert als Krisenzeit(Veröffentlichungen des MaxPlanck-Instituts für Geschichte; 86), Göttingen 1987. 108 Genau dieser Wandel allerdings hat eine lange Vorgeschichte. Sie beginnt nicht erst da, wo wir die Säkularisierungsprozesse für gewöhnlich ansiedeln, im 17. und 18. Jahrhundert, und auch nicht erst mit der Reformation. Letztere hat jenen Prozeß befördert, denn in der Polemik zwischen den Konfessionen nutzten sich die zunehmend zum Instrument der gesetzten Polemik verkommenen mittelalterlichen Deutungsmuster rasch ab. Im 17. Jahrhundert waren Teufel und Antichrist zu publizistisch-literarischen Stilfiguren geworden, die den Romantikern noch einen schönen Schauer, aber keine existentielle Sorge mehr bereiteten. Es waren aber nicht die sonst so gerne zitierten Aufklärer, die die Figur des Antichristen ideell demontierten. Um wieviel früher jener Säkularisierungsprozeß ansetzte, will ich an einem letzten Beispiel illustrieren; es ist ein Ausschnitt aus einem städtischen Untersuchungsprotokoll während er Pestwelle und-hysterie von 1348. Als man nahe Freiburg die Juden zum Bekenntnis brachte, daß sie”hätten vergiftet all die Brunnen, die zu Kenzingen sind”, kam gleich ein ganzes Bündel von Vergehen ans Tageslicht. Da wird vom Geständnis des Juden Jacob berichtet: dieser habe in früheren Jahren zwei christliche Jungen ”geschächtet”, einen in Tübingen und einen in München. Ein anderer sollte in Straßburg ein Kind von einem Jahr”verderbet” haben. Das war keineswegs alles: auch das Sauerkraut sollen die Juden damals vergiftet, den Wein in der Kelter”beschissen” und dergleichen mit dem Graben gemacht haben, so daß schließlich auch die Fische und Frösche eingingen. Hier erschien die Behauptung des Ritualmords gerade einmal als ein Element unter vielen und wohl als Spiegel dessen, was Untersuchungsbehörden erwarteten, wenn sie verdächtige Juden vor sich hatten. Man könnte den Kenzinger Untersuchungsbericht nach im traditionellen Rahmen lesen: die Juden, so ließe sich folgern, vergehen sich an Mensch und Tier, an der ganzen Schöpfung also; das Gift erschien dabei nicht mehr nur als Instrument in ihren Händen, sondern als Ausfluß ihres Wesens. 10 10 Vgl. URKUNDEN und Akten der Stadt STRASSBURG, hg. mit Unterstützung der Landes- und Stadtverwaltung, 1. Abt.: Urkundenbuch der Stadt Strassburg, Bde. 5, Straßburg 1896, Nr. 188, S. 177. 109 Gerade in der weiten, umfassenden Erstreckung der Taten mag man noch das traditionelle Motiv der jüdischen Rebellion gegen Gott gezeichnet erkennen. Gleichwohl: ein Gott kommt im Kenzinger Protokoll nicht vor. Er ist hier und in anderen Quellen nach dem vielen Wiedererzählen der immerselben alten Geschichten einfach verloren gegangen; die Geschichten haben sich durch stete Repetition und immer stärkere Verkürzung aus sich heraus säkularisiert. So blieb die Gegnerschaft der Juden in Kenzingen ganz auf die Welt bezogen; in ihr wollten die Juden nach dem Befund der Ermittler jeden Schaden anrichten, der sich nur irgend vollbringen ließ. Kommen wir zur Moderne zurück: Im Unterschied zum planmäßigen Ende der Geschichte, wie es das Mittelalter vorsah und wo selbst der tumultarische Ablauf noch Gottes Plan und Ordnung folgte, erwarten neuzeitliche Phantasmen von jüdischer Weltverschwörung und – beherrschung einen dauernden Triumph der Juden und die ewige Verknechtung der überwundenen Gesellschaften. Die Juden, als Feinde nun weitgehend alleine auftretend und um so wirkmächtiger agierend, bindet kein Antichrist mehr, dessen Rolle per se auf den eigenen Untergang und das Mitreißen seiner Helfer ausgelegt wäre. Das Handeln der Juden birgt also nichts mehr, was den Nichtjuden in letzter Konsequenz zu Vorteil, Heil und Vollendung gereichen könnte. Jüdisches Handeln ist auch im Ergebnis ganz auf den eigenen Vorteil und tatsächlich zum Schaden aller anderen ausgelegt. Es hat auch nichts Irrtümliches mehr, dessen Erkenntnis die Juden zur Umkehr bewegen könnte; sie werden – um an die Prager Friedhofsszene vom Eingang anzuknüpfen und – die Herrschaft tatsächlich übernehmen. Das moderne Verschwörungsdenken ist deshalb strukturell nicht einfach un-apokalyptisch. Es verlangt, gerade nachdem der Antichrist ausgefallen und seine Rolle gestrichen ist, um so dringender nach der Figur des Salvators. Sie ist zwar nicht mehr religiös konzipiert, wird aber faktisch um so entscheidender: Der Anbruch der himmel- und höllenlosen Endzeit, der nun dauerhafte Zustand der Verknechtung(dem Wesen nach eine säkularisierte Hölle), läßt sich in der Vorstellung jener, die die Verschwörung entdeckt haben, nun tatsächlich aufhalten, sofern der oder die Erlöser unmittelbar und nachhaltig in die Entwicklung eingreifen. Geschieht dies nicht, ist das Ende zwangsläufig und vor allem wesentlich irreversibel. Dem säkularisierten Verschwörungsdenken fehlt jede tröstende Hoffnung auf die Remedur des 110 Himmels. Die Juden spielen im Weltverständnis der modernen Judenfeinde nicht mehr die für das mittelalterliche Verständnis so typische Rolle eines notwendigen heilsgeschichtlichen Widerparts, sondern treten als unbedingte Feinde in Erscheinung. Sie sind nicht mehr Statisten, sondern die Hauptakteure und Regisseure des Dramas zugleich. 11 Was vormoderne und moderne Verschwörungsvorstellungen verbindet, sind die äußeren Strukturen des Denkens, die ich abschließend knapp skizzieren will. a) die Vorstellung von Geheimnissen, die die Juden untereinander hegen(Sprache, Codes) b) die Angst vor jüdischer Kommunikation und Organisation c) das Wirken einer wissenden, planenden Elite d) die Vorstellung von feindseliger Versammlung(Synode, Börse, Uno...) e) die Annahme von Partnern/Agenten der Juden im konspirativen Handeln zur Beschaffung von Körpern, Gift und Hostien). Dieses Moment ist im modernen Verschwörungsdenken allerdings auf ein Minimum reduziert(jüdisch-freimaurerische oder die jüdischbolschewistische, jüdisch-amerikanische®»Juden«=»Freimaurer«=»Bolschewisten« =„Westen“=„der Islam“.... 11 Vgl. zum Thema insg. Johannes HEIL, Gottesfeinde- Menschenfeinde. Die Vorstellung von jüdischer Weltverschwörung(13.-16. Jh.). Herkommen- Kontext- Funktion – Wirkung(Antisemitismus: Geschichte und Strukturen; Bd. 3), Essen 2006. 111 ANTISEMITISMUS IM(GEGENWARTS-) ISLAM Europa im Konflikt zwischen Toleranz und Ideologie von Hans-Peter Raddatz 1. B edingungen muslimischer Existenz Der Islam ist nicht nur eine politische Religion, die Glaube und Staat zusammenfasst. Unser Thema muss ebenso der Tatsache Rechnung tragen, dass diese Religion auch ein zeitübergreifendes Phänomen ist, das sich aus weit zurückliegenden und zugleich aktuell bewussten Ursprüngen speist. Koran und Tradition sind heute ähnlich lebendig wie zu Zeiten ihres Stifters Muhammad und des frühen Islam, dessen überliefertes Vorbild von den Theologen ständig aufgegriffen und als verbindliche Glaubenslinie weiterentwickelt wurde. Indem die Religion Mensch, Familie, Gesellschaft und Staat umgreift, liefert sie auch ein Erklärungsmodell für den Islamismus, in dem sich heute die Vormoderne konserviert und die große Mehrheit der Muslime in zunehmende, politisch-rechtliche Konflikte mit der Gegenwart bringt. Im Zeitalter der islamischen Migration und ihrer interkulturellen Konfrontation mit dem Nichtislam wäre allerdings die Annahme fatal, der Westen könnte diese fundamentalen Unterschiede negieren und sich die muslimische Diaspora in einer Spielart der"splendid isolation" authentisch einverleiben. Weder lässt sich gegenwärtiger Islam ohne sein prophetisches Urmodell denken, noch kann ein„Dialog“ seine teilweise, insbesondere im rechtlich-politischen Bereich kontroversen Grundlagen außer Acht lassen. Die universale und zeitlose Struktur dieser Politreligion verpflichtet ihre Anhänger, ihre Traditionen und Verhaltensweisen unverändert zu bewahren und, wann immer möglich, auch einer nichtislamischen Umgebung zu oktroyieren. Die Leser/Innen sollten also nicht erstaunt sein, wenn ihnen nachfolgend Sachverhalte vorgetragen werden, die nicht unmittelbar mit der islamischen Gegenwart verbunden zu sein scheinen. 112 Indem sie in ihrer Mehrheit nach wie vor Religion und Politik und damit auch ihre gesamte Existenz mit der Wahrheit selbst gleichsetzen, gehört zu den wichtigsten Dogmen der Muslime ihre Selbstdefinition aus dem Gegensatz zu den nichtislamischen Religionen und Staatssystemen, die sie historisch überwunden haben. Wenn sich diese Expansion heute in der modernen Migration fortsetzt, so bedeutet dies somit nicht, dass sie auch die Methoden der liberalen Akkulturation übernommen hätten. Geschichte und Gegenwart zeigen vielmehr, dass man sich in der interkulturellen Begegnung von einem historisch gewachsenen, aggressiv abgrenzenden Regelwerk leiten lässt, das den eigenen Bestand zur obersten Priorität macht. Unter dem Begriff der Scharia (arab.: Weg) ist es seit nunmehr einem halben Jahrtausend offizieller und zugleich unveränderbarer Inhalt der islamischen Theologie. Es ist integrale Basis der muslimischen Existenz, Gläubigkeit und Politik und laut der Kairoer Kommission für eine umfassende Edition der Muhammad-Tradition der„… von Allah gespendete Königsweg …, der alle Angelegenheiten des Lebens einschließt“. 1 Da man im westlichen Pluralismus diesen ganzheitlichen Kontext oft nicht würdigt, entgeht ihm eine wichtige Spezialität der islamischen Wahrnehmung: Hier ist es integraler Bestandteil der péáêáíì~äáí®í , den Nichtislam éçäáíáëÅÜ abzuwehren bzw. zu überwinden. 2. Djihad gegen Juden, Christen und Frauen Da man die Juden und Christen als koranisch verankerte„Schriftverfälscher“ und heute als wesentliche Urheber der Moderne betrachtet, spielen sie – zusammen mit den Frauen – eine traditionelle Feindbildrolle in der islamischen Ideologie. Sie vertreten und verkörpern Denkprinzipien, die den Bestand des Islam in Frage stellen können- die Ethik der Juden und Christen auf geistiger, die Selbständigkeit der Frauen auf biologischer Basis. Da es innerislamisch keinen freien Diskurs über die ethische Selbstfindung der Juden im Dekalog, noch die – theoretische- Selbstbeschränkung der Christen im Machtverzicht, noch die sexuelle bzw. geistige Selbstbestimmung der Frauen gibt, wurden und werden sie strenger Kontrolle unterzogen. 113 Diese Kontrolle erfolgt unter den Regeln der Scharia, deren konformierende Wirkung wiederum eine"charismatische Konkurrenz" um ihre beste Erfüllung erzeugt. Wie alle Ideologien, die das Bewusstsein vereinnahmen, spendet sie Macht und hat daher auch ihre Wirkung auf die westlichen Eliten nicht verfehlt. Hier ist die Neigung entstanden, Islamismus vom Islam zu trennen, wodurch ihnen die Scharia zunehmend als Mittel der Stellvertreterpolitik zuwächst. Zugleich lassen sich über den Hebel der„Toleranz“, ob absichtlich oder nicht, die gewachsenen Rechte der Basisbevölkerung beschneiden. Da es außerhalb des Islam kein Sein und damit auch keine Wahlfreiheit gibt, bildet die Ablehnung des Nichtislam nicht nur Teil der muslimischen Existenz, sondern deren unverzichtbaren Lebenskern. Besonders überzeugend bekunden also diejenigen ihren Glauben, die sich Konzepten wie der jüdisch-christlichen Zivilisation und/oder der selbst bestimmten Frau entgegenstellen. Im Rahmen der Stellvertreterpolitik hat sich diese Sicht auch der westliche„Dialog mit dem Islam“ zueigen gemacht, dessen interkulturelle Diskursführung sich zunehmend im Sinne islamischer Interessenwahrung gestaltet. Die islamische Dynamik, der alternative Weltbilder nur sehr bedingt akzeptabel erscheinen, ist auch einer breiteren Öffentlichkeit inzwischen als"Djihad" bekannt. Der Begriff umfasst Bedeutungsformen der"Anstrengung", die in einem breiten Spektrum die"charismatische Konkurrenz" aktiviert und dem Einzelnen ermöglicht, sich als nützlicher Teil der islamischen Gemeinschaft zu verwirklichen. Indem sie Islam und Islamismus verbindet, spannt sich diese Anstrengung von der geistigen Bemühung um den Glauben über die Kontrolle der Frau bis hin zur äußersten Anstrengung um die physische Vernichtung des politischen Gegners, die den Selbstmord einschließt. In dieser Seinsform erlangt die oft zitierte Formel, nach der es"keinen Zwang im Glauben" gibt(2/256), ihre eigentliche Bedeutung. Sie umschreibt die islamische Freiheit, die keine Beschränkungen kennt, wenn es um den Bestand und die Ausdehnung der"Umma", der muslimischen Einheit und Gemeinschaft geht. Sie wird als"beste aller jemals entstandenen Gemeinschaften"(3/106) verstanden und schließt zu ihrem Schutz auch die Gewalt ein. In einem somit auf den Islam begrenzten Weltbild muss auch das Tötungsverbot auf Muslime begrenzt sein. In Bezug auf Nichtmuslime oder ungehorsame Frauen ist dieses Verbot 114 hingegen nicht nur aufgehoben, sondern wandelt sich zu einem Tötungsgebot, das in Koran und Tradition vielfältig verankert ist. Seine Verbindlichkeit unterliegt wiederum den jeweiligen Begleitumständen der"charismatischen Konkurrenz" in der konkreten Praxis. In Bezug auf den Unglauben drückt sie sich in der Propaganda gegen Juden und im Kampf gegen Israel, in Bezug auf die Frauen in den Rechten auf Züchtigung, Vergewaltigung und "Ehrenmord" aus. 3. Euro-islamischer Kampf gegen die Juden Daraus ergibt sich, dass je konkreter die praktischen Vorteile werden, die sich aus der „charismatischen Konkurrenz“ um die übergeordneten, islamischen Verdienste ergeben, desto näher auch die Legitimation der Gewalt rückt. Das muslimische Sein versteht sich nicht nur als allen anderen Alternativen überlegen, sondern grenzt sich auch in durchaus plastischer, darwinistisch abwertender Weise ab. So werden Juden mit Affen, Christen mit Schweinen und Frauen mit Hunden verglichen und damit so abgewertet, dass die Theologie die rigorose Beschränkung ihrer Lebensbedingungen, ihre permanente Kontrolle und gelegentliche Vernichtung zu„natürlichen“ Pflichten machte. Somit erscheint es jedem gläubigen Muslim, noch dazu den führenden Kräften des Weltislam, als absurd, diese Lebensformen, die außerhalb des Islam stehen bzw. seinen Bestand latent bedrohen, anzuerkennen, geschweige denn zu ihren Gunsten die Leitsätze des eigenen Herrschaftsanspruchs außer Kraft zu setzen. Islamische Ethik richtet sich daher zunächst auf die Wahrung dieses Anspruchs, dessen Lebensmitte wiederum in der Dominanz des islamischen Rechts, der Scharia Allahs, besteht. In diesem Rahmen bildet einen der formativen Bezugspunkte der Kampf gegen die Juden, der noch vom Verkünder selbst auf den Weg gebracht worden war, indem er einen der Judenstämme Medinas ausrotten ließ. Diese Maßnahme hat eine geradezu metaphysische Bedeutung erlangt, die weit über die politische Ebene hinausragt. Nur so lässt sich die über ein Jahrtausend währende Kontinuität des islamischen Drucks auf die jüdische Diaspora erklären, der sich bis in unsere Tage im Kampf gegen Israel fortsetzt. 115 Die übergeordnete Rolle dieses Ziels fordert die Autoritäten des Islam immer wieder zu seiner öffentlichen Wiederholung und Bestätigung auf. Für Muhammad Tantawi, Großmufti von Ägypten und Azhar-Scheich, besteht kein Zweifel daran,"dass man zu den Lehren des Islam zurückkehren müsse, um den Feind Allahs zu bekämpfen und die heilige Erde von den Juden zu reinigen". 2 Er gab ein Rechtsgutachten(Fatwa) heraus, dem zufolge Attentäter gerade dann auch als Märtyrer zu gelten haben, wenn bei ihren Anschlägen jüdische Frauen und Kinder- und damit die Zukunft Israels- in den Tod gerissen werden. 3 Als seinen Vorläufer und Gewährsmann zitiert er keinen Geringeren als Adolf Hitler, der sich seinerseits auf eine Gewalt vermittelnde Gottheit bezog:"Indem ich mich der Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn". 4 Dieser"Herr" bringt sich ganz ähnlich auch im Koran zu Wort."Und weil sie ihre Verpflichtung brachen, haben wir sie verflucht... Und du bekommst immer wieder Falschheit von ihnen zu sehen"(5/13)-"Und du wirst sicher finden, dass diejenigen Menschen, die sich den Gläubigen am meisten feindlich zeigen, die Juden und Heiden sind"(2/96)-"(Und dies ist zur Strafe dafür), dass sie nicht an die Zeichen Allahs glaubten und ungerechterweise die Propheten töteten"(3/112) – O die ihr glaubt, bewahrt euch selbst und eure Angehörigen vor einem Feuer, dessen Brennstoff Menschen und Steine sind …(66/6) So erstaunt die Fülle von Hinweisen in der arabischen Literatur nicht, die auf eine repressive Praxis der Dhimma hindeuten, des"Schutzvertrages", der den Umgang mit den "Schriftbesitzern" – Juden und Christen- regelt. Wenngleich ihnen koranisch eine Sonderbehandlung zugesichert wird, so wurde indes der Bruch dieser Vorschrift zum regelhaften Brauch. Es besteht kein Mangel an Berichten, aus denen die unterdrückte Lebensweise der Juden, ob im Jemen oder in Ägypten, in Syrien, Irak oder Nordafrika, gleichermaßen hervorgeht: 5 „Auf lange Sicht hatte sie zur Konsequenz, dass die ansässige bäuerliche Bevölkerung jüdischen und christlichen Glaubens verschwand“. 6 Im Kolonialismus machte sich die säkularisierte Form des Antisemitismus geltend. Sie setzte die Tradition der kirchlichen Judenfeindschaft fort, an der weder Reformation noch Aufklärung wesentliche Veränderungen bewirkten. Indem sich die Juden ihrerseits im 116 Zionismus abgrenzten, trugen sie unfreiwillig dazu bei, dass europäische Antisemiten und islamische Judenfeinde zusammenrückten. Muster der Diffamierung wie der Ritualmord an Kindern und die"jüdische Weltverschwörung", die in den"Protokollen der Weisen von Zion" herbeigeredet wurden und werden, halfen wesentlich dabei, die Muslime in ihrer antijüdischen Tradition zu bestärken und die Juden zum universalen Sündenbock für die Kränkungen der Kolonialbesatzung zu machen. So scheint es kein Zufall, dass dieselben großen Geister, die als Vorreiter einer vom Orient hergeleiteten Toleranz auftreten, teilweise auch große Antisemiten waren. Neben Voltaire, der in den Juden eine"verkommene und minderwertige Rasse" sah, hielt Kant sie für völlig unfähig, dem sozialen Zusammenleben zu nützen:"Es wird nichts daraus kommen, solange sie Juden sind...Jetzt sind sie Vampyre der Gesellschaft". 7 Dieser Ansicht stand Johann Gottlieb Fichte nahe, der eine selektive Toleranz für bestimmte Religionen vertrat. Er verhöhnte die Versuche Lessings zur Emanzipation der Juden, deren Integration ihm als"Staat im Staate" unmöglich schien:"Aber ihnen Bürgerrechte zu geben, dazu sehe ich wenigstens kein Mittel als das, in einer Nacht ihnen allen die Köpfe abzuschneiden und andere aufzusetzen, in denen auch nicht eine jüdische Idee sey. Um uns vor ihnen zu schützen, dazu sehe ich wieder kein anderes Mittel, als ihnen ihr gelobtes Land zu erobern, und sie alle dahin zu schicken". 8 Fichte schwebte ein gnostisches, sich selbst vergottendes Bewusstsein vor, ein„deutsches Urvolk“ in einem einheitlichen Nationalstaat, das zu einem wichtigen Grundstein für den modernen Antisemitismus deutscher Prägung wurde. Nach ihm hatten Christen- und Judentum als letztlich"asiatische" und damit"blindgläubige" Konzepte in Europa nichts zu suchen, es sei denn, sie ließen sich nach seiner Vision durch den"Geist der germanischen Stämme" inspirieren. Als Vorläufer der Ideologien des unkritischen Islamdialogs und New Age, die den Islam authentisch, d.h. als homogene Rechtseinheit vertreten, wollte Friedrich Schleiermacher den deutschen„Nationalorganismus“ vor der Integration des deutschen Judentums als 117 rassenhomogene Einheit verschonen. Es sollte sich mit ihm arrangieren, um nicht das Risiko der Entmenschlichung zu laufen und, wie er meinte,"ausgeworfen" zu werden. Es erschien ihm als eine defekte Hülle des Christentums, der auch ein Platz in der deutschen Nation zuzubilligen sei, allerdings beschränkt auf seine Elite. Hegel schließlich sah das Christentum als Aufforderung zur Weltabkehr, die nach den Einflüssen durch jüdische Unmoral und römischen Synkretismus fast nur noch eine Sklavenmentalität ohne Geschichtsbezug offen ließ. Dennoch wunderte er sich über den mysteriösen Ausweg, den die Verbindung aus Lehre und Person Christi aus diesem Dilemma zu öffnen schien. Widerwillig gab er zu, dass es trotz klerikaler Verfremdung zu einer eigentümlichen Wahlfreiheit gekommen sei, die individuelle Emanzipation, Wissenschaft und Säkularisierung ermöglicht habe. Um sie nachhaltig zu sichern, forderte er jedoch die völlige Lösung vom Judentum, das ihm als Negativfolie für mechanisiertes Verhalten und als Risiko in der aufgeklärten Gesellschaft erschien. Diese Sicht eines Christentums, das sich jeder Macht unterwirft und dabei vom Judentum distanziert, weist nicht nur auffällige Parallelen zur bis heute gültigen Dhimmi-Ideologie des orthodoxen Islam auf. Diese stimmt ihrerseits ebenso auffällig mit der marxistischen Lehre überein, nach der jede menschliche Erlösung scheitern muss, solange noch das Judentum existiert. 9 Wer den weltlichen, insbesondere finanziellen Fortschritt will, muss sich daher von der christlich-jüdischen Zivilisation lösen. Hier entsteht eine wichtige Schnittstelle zur Politstrategie des Weltislam, besonders der Islamic Conference, die eine„Miteignerschaft Europas“ anstrebt und zu einer Spaltung der EU beiträgt. Immerhin besteht neben einem Büro zur Kontrolle antisemitischer Aktivitäten in Europa die Parliamentary Association For European-Arab Cooperation(PAFEAC), die sich immer offener gegen die Interessen Israels einsetzt. 10 Indem sich europäische Verfassung und islamisches Scharia-Recht ganz allmählich angleichen, können sich die Europäer auch dem islamistischen Gegenentwurf nähern und zu Konkurrenten Amerikas machen. Historisch stehen sie in der Tradition ihrer großen Vordenker wie Kant, Fichte, Hegel und Marx, deren Ideen auch die Mythen vom 118 islamischen Frieden und von Palästina als arabischer Heimat und, wie Schleiermacher es nannte, das„Auswerfen“ der jüdisch-christlichen Zivilisation vorbereitet haben. 4. Bärendienst des„Dialogs“ am Judentum Am Umgang mit der Judenfrage im Islam lässt sich die Vehemenz aufzeigen, mit der man sich in Europa über alle ideologischen Bedenken und deren historische Belege hinwegsetzt. Inzwischen machen sich fast alle Repräsentanten der wesentlichen Institutionen eine ambivalente und unkritische Interpretation der muslimischen Weltsicht zueigen. Stellvertretend für viele andere ist der Soziologe Bassam Tibi zu nennen, der sich der historisch nicht belegbaren These des Historikers Bernard Lewis anschließt. Danach haben "weder Judenhass noch Antisemitismus irgendwelche Wurzeln in der islamischen Geschichte". 11 Gleichzeitig offenbart Tibi das objektive Dilemma dieser Auffassung, indem er einräumt, dass es diesen Judenhass auch ohne die Staatsgründung Israels dennoch gibt. 12 Eine Weltsicht, die Gewalt, nicht nur muslimische, legitimieren will, wird sich zuverlässig durchsetzen, wenn sie diese Fakten unterdrückt und durch Fiktionen ersetzt. Tibi liefert Material, mit dem er den laufenden Strukturwandel anschaulich belegt. Einerseits kritisiert er das islambezogene Wunschdenken der Europäer, andererseits vertritt er eine islamische Friedensvision, die ein Gegengewicht zur Wahrheit des Islamismus bilden soll. Immerhin erwähnt er beiläufig auch, dass die europäischen Eliten im Rahmen dieses Wandels gegen demokratische Pflichten verstoßen. Tibis widersprüchliche Wunschversion beruht wesentlich auf drei Fiktionen. Zum einen bedeute, wie er meint, die islamische Expansion der Spätantike einen Segen für Europa, weil sie den Kontinent vom Orient abgeschnitten und zur Konzentration auf das eigene Gebiet und geistige Potential gezwungen habe. 13 Worin diese Aktivität konkret bestand, bleibt unerklärt, während der Orient zum Passepartout wird, das- verbunden oder getrennt – eine universale Quelle der Kultur bildet. Seine schlichte Existenz – z.B. im bekannten Mythos von Cordoba – wird zur Bedingung für ein kultiviertes Abendland. 119 Daraus folgt zum zweiten, dass muslimische Migranten die Rolle des europäischen Citoyen, des Idealbürgers der Französischen Revolution, übernehmen und zu so genannten„EuroMuslimen“ werden. Anders als Islamisten sollen Muslime dies bewerkstelligen können, obwohl sie das islamische Kollektiv bilden und eine individuelle Akkulturation nicht kennen. Tibi verhehlt nicht, dass ihm auch dieses Dilemma geläufig ist, indem er vor der Einbürgerung in Deutschland warnt. Aus seiner Sicht fußt man hier auf einem "rassistischen, vormodernen, ethnisch fundierten Recht", dessen Annahme durch Muslime "äußerst problematisch" wäre. 14 Das Orient-Passepartout bedingt einen strikten Positiv-Filter, der vor gegenläufigen Analysen schützt. So sind die Kreuzzüge vor der Folie abendländischer Gewalt und die AntiKreuzzüge Saladins, des Toleranzidols Lessings, vor der islamischen Friedensfolie als "Ansätze heutiger, völkerrechtlicher Vorschriften" zu sehen. 15 Für unser Thema erschließt sich daraus als dritte Fiktion, dass es eine universale, wie Tibi von Lewis übernimmt, "jüdisch-islamische Symbiose" gegeben haben soll, die erst durch den Islamismus der Muslimbruderschaft und den von ihr importierten Antisemitismus des Westens beendet wurde. 16 Uns wird eine andere Auffassung seines Gewährsmannes Lewis vorenthalten, der dies Geschehen alternativ auch als„historische, vielleicht irrationale Reaktion eines alten Rivalen auf unser jüdisch-christliches Erbe, unsere laizistische Gegenwart und die weltweite Expansion von beidem“ sieht. Lewis baut ethische Hemmschwellen ab und macht sich die elitäre Strategie zueigen, in der Gewalt eine skrupelfreie Rationalität und Legitimität erlangen kann. Danach provozierte der jüdische Anspruch auf Lebensrecht seine Vernichtung selbst, indem„Unterdrückung durch einen muslimischen Mob oder Staat der Preis für illoyales Verhalten unterworfener Gruppen ist“. 17 4. Islamischer Antisemitismus und Palästina-Mythos Ebenso wie Tibi zitieren zahlreiche ambivalente Gratwanderer des„Dialogs“ als Autorität für die angebliche, interkulturelle Harmonie ausgerechnet Maimonides, den größten Juden des islamischen Mittelalters. Gerade er kommt jedoch dafür als harter Kritiker der 120 islamischen Zwangsherrschaft kaum in Frage:"Kein Volk hat jemals Israel mehr Leid zugefügt. Keines hat es ihm je gleichgetan, uns zu erniedrigen und zu demütigen. Keines hat es je vermocht uns zu unterjochen, wie sie es getan haben". 18 Diesem und anderen Zeitzeugnissen zum Trotz sollen die Muslime den universalen Orientfrieden begründet und über viele Jahrhunderte mit den Juden eine Symbiose gepflegt haben, die erst durch die Gewalt des europäischen Antisemitismus beendet wurde. Die Vertreter dieser These stehen vor einem doppelten Dilemma: Zum einen ist ihnen jeder Kommentar zum Koran als antijüdischer Ideologiequelle verwehrt, zum anderen beschwören sie einen fiktiven Friedensislam, für dessen Realisierung sie die Konzepte schuldig bleiben. Denn historische Daten, die ihrer Sicht nicht entsprechen, lassen sie nicht zu. Als Konsequenz ergibt sich ein quasi-islamisches Verhalten, das westliche Konzepte ablehnt und auch wieder den Antisemitismus hoffähig macht. Ob bewusst oder nicht, werden sie zu Helfern der radikalen Islampropaganda, welche den Judenstaat als Speerspitze einer doppelten Herausforderung darstellt. In den Zumutungen, denen die islamische Kultur mit westlicher Wirtschaftsmacht, Liberalität, Bilderwelt, Frauenrolle, Musik, Pornographie etc. ausgesetzt ist, bilden das„Weltjudentum“ und Israel die ultimativen Kränkungen. Während die Christen der Region seit Jahren nahezu geräuschlos dezimiert werden und dem Anspruch Allahs nicht entgegenstehen, wird dessen Einheit von einem Israel gespalten, das seinerseits einen historisch gewachsenen Anspruch auf die Existenz im Lande seiner Väter erhebt. In den semi-totalitären Systemen des Islamgebiets hat man in den Moscheen und Medien ein untrennbares Kartell der antijüdischen Indoktrination aufgebaut. Unentwegt fordert AlAkhbar, die größte Zeitung Ägyptens, die Ausrottung des„Fluchs der Juden“, der auf dieser Welt lastet.„Ich will dich tot, das nenne ich Frieden“, fügt Al-Ahram hinzu, Sprachrohr der ägyptischen Regierung, in das auch„Akil“, Organ der türkischen Islamistenpartei, ähnlich tönte.„Wenn jeder Araber einen Juden tötet, bleibt kein Jude übrig“, ist ein zentrales Leitmotiv für Druck- und Bildmedien. Ebenso ziehen sich durch zahllose Blätter, insbesondere in Saudi-Arabien, die Greuelmuster vom jüdischen Ritualmord, die den Judenmord der Nazis rechtfertigen sollen. Deren Verbindungen zur 121 Muslimbruderschaft gelten als Beweis, und Hitlers Aussage,„als Mohammedaner den Krieg gewinnen zu können“, suggeriert den Arabern seither den Holocaust als Pflicht, nunmehr spektakulär erneuert durch den iranischen Präsidenten. Längst haben sich der vermeintliche„Friedensprozess“ in Israel und islamischer Antisemitismus zu einem Katalog der Gewaltpropaganda verbunden. Journalisten, die zur Mäßigung gegenüber den Juden aufrufen, werden zu„westlichen Agenten“, die mit Foltergefängnis oder dem Verlust des Lebens bedroht sind. Ungebrochen beherrscht der radikale Mainstream den Kreislauf der Subversion, Gewalt und Selbstmordattentate. Da man dies auch in den – teilweise westlich finanzierten – Schulbüchern rechtfertigt, ist kaum erkennbar, ob überhaupt eine seriöse Friedensbereitschaft besteht und wo sie ansetzen soll, wenn nicht bei der Jugend. Seit dem 11. September lernen Attentatsanwärter, dass ihre Detonation den Zugang zum „Paradies“ garantiert. Moscheen, Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen betreiben endlose Intensiv-Werbung mit„Rechtsgutachten“ für den verdienstvollen Selbstmord:„Selbst in vollständig zerrissenem Zustand, als Ansammlungen über und über verstreuter Organteile“, so ist zu lesen und zu hören,„werden die Märtyrer und ihre Loyalität von Allah in Ehren angenommen. Denn es ist Allah selbst, der sie für den Krieg gegen die Juden auswählt, und aus ihrem Opfer unseren Sieg macht.“ Unschwer erkennbar hat dieser Typus von Judenfeindschaft wenig mit dem des europäischen Antisemitismus zu tun. Die arabische, eher metaphysische Variante ist ebenso frei von säkularen Elementen, wie der Islam selbst sich der Modernisierung widersetzt. Und sie macht etwas anderes deutlich, das im pluralistischen Westen oft auf Unverständnis stößt: die islamische Gewalt als Funktion des Opfers. Da die islamische Theologie die Prinzipien der freien Willensentscheidung und damit auch der Schuld nicht kennt, gibt es auch keine gedanklichen Grundlagen, auf denen eine Sublimierung von Gewalt, geschweige denn eine„Erlösung“ entwickelt werden könnte. So wird die Ablehnung der westlichen Freiheit und die Begeisterung palästinensischer Mädchen verständlich, die sich lieber heute als morgen in die Luft sprengen, während 122 solche Todessehnsucht der jüdisch-christlichen Zivilisation eher fremd ist 19 Das Opfer bleibt somit zunächst das nichtislamische Andere, auf das man alles Negative projiziert- ein feindbildbelasteter Kreislauf, der dem Islam erschwert, eine„abrahamitische“ Religion zu werden, weil der Gott der Juden das Menschenopfer beendete. Solange man auch die Modernisierung ablehnt, bleiben Privatisierung des Glaubens und Sublimierung des Opfers eher Theorie, die der blutigen Praxis Vorschub leistet.. Da auch die doppelte Kränkung durch Israel fortdauert, noch dazu von den USA gestützt, haben inzwischen die Islamisten den metaphysischen Machtanspruch des Islam politisch besetzt. Von Muslimbruderschaft bis Djihad Islami, von Hamas bis Hizbollah erstreckt sich die innerislamische Deutungshoheit über die antiwestliche Strategie, die nicht nur Druck auf den liberalen Teil der islamischen Eliten ausübt, sondern auch Europa erfasst hat. Wie radikal sich diese Organisationen allerdings auch geben mögen, den europäischen Eliten erscheinen sie so"gemäßigt", dass man sie seit geraumer Zeit sowohl propagandistisch als auch finanziell fördert. Arafat war nicht nur Terrorist und Friedensnobelpreisträger, sondern auch ein langjähriger Nutznießer dieser Kollaboration, in der Europa allmähliche Konturen als"charismatischer Konkurrent" Amerikas im Kampf um islamisches Wohlwollen annimmt. Wie gesehen, ist diese Entwicklung ihrerseits nicht vom Himmel gefallen, sondern hat ihre Wurzeln in der Tat zwar nicht nur, aber auch in der jüngeren europäischen Geschichte. Entsprechend der„doppelten Kränkung“ des Islam leistet Europa seinen Tribut in Form eines Doppelmythos. Als eine Seite der Medaille pflegte man den Mythos vom Islam als Modell des Friedens, dem man im 20. Jahrhundert die andere Seite hinzufügte: den Mythos von Palästina als verlorener Heimat. Ihm zufolge waren die Araber aus blühenden Landschaften vertrieben worden, als Opfer eines perfiden, vor allem amerikanischen Neokolonialismus. Wer in die Quellen schaut, die man verständlicherweise weder im Islam noch im„Dialog“ mit ihm schätzt, wird in Bezug auf das palästinensische Ideal ebenso leicht fündig wie im Falle der"jüdisch-islamischen Symbiose". Palästina spielt weder im Alten, noch im Neuen Testament, geschweige denn im Islam irgendeine Rolle. Der Name ist eine römische 123 Wortschöpfung, die im Zuge des Judenaufstands, der Tempelzerstörung von 70 n. Chr. sowie der folgenden"Befriedung" die alte Bezeichnung"Judäa" ersetzte. Weder war dieses Gebiet eine territoriale Einheit, noch haben die Araber in ihrer Geschichte jemals einen Anspruch darauf erhoben. Entgegen dem heute so unentwegt wie belegfrei wiederholten Mythos handelt es sich um eine Region, die weit über ein Jahrtausend lang von wechselnden Klanfürsten, oft auch türkischer Herkunft, beherrscht, ausgebeutet und verwüstet wurde. Die unerträglichen Lebensbedingungen vertrieben die Menschen und machten Palästina zu einem nahezu leeren, ruinierten Land als konsequentem Ergebnis des islamischen Systems. Denn dieses Land konnte von Arabern, zumindest muslimischen Arabern, letztlich nicht kultiviert worden sein, weil nicht die Landwirtschaft selbst, sondern nur ihre steuerliche Nutzung zu den Prioritäten des Islam gehört. So schildern denn auch die zahlreichen Reiseberichte der Neuzeit über Palästina die Umstände der Dhimmi-Existenz, d.h. die Bestellung des kargen Landes sowie die Ausübung kleiner Gewerbe durch Juden und Christen und ihre Ausbeutung durch lokale Potentaten. 20 Oft genug wiederholt, ist der Mythos zu akzeptierter Geschichte geworden, nach der man "Millionen von Arabern" aus Palästina vertrieben hat, jenem Land, das seit Jahrtausenden, wie es offiziell heißt,"seit unvordenklicher Zeit" ihre Heimat war. Diese Sicht fand ihre konsequente Fortsetzung in der anschließenden Flüchtlingspolitik. Gestützt von England, entfaltete sich schon während des Zweiten Weltkriegs eine illegale, allerdings offiziell geduldete Einwanderung von Arabern, während man mit allen Mitteln die Immigration von Juden zu verhindern suchte, die man oft an den Grenzen aufhielt und teilweise sogar nach Europa zurückschickte, wo sie in den Gaskammern der Nazis umkamen. 5. Westlich-islamische Antisemiten-Allianz Nach Gründung Israels und dem verlorenen Krieg der Araber 1948 konservierte man die Flüchtlingslager zu Mahnmalen des Menschenrechts, die den arabischen Anspruch auf Palästina festschrieben, indem man sich jeder konstruktiven Lösung verweigerte. Die 124 Begründung des seinerzeitigen, britischen Außenministers E. Bevin, warum man daran von Anbeginn nicht interessiert war, gilt im Grunde noch heute:"Der Preis für die Freundschaft Israels wäre zu hoch, nämlich die Gefährdung des Verhältnisses zu den Arabern, sei es die Basis in Ägypten oder das nahöstliche Öl". 21 Im Rahmen der heutigen Konstellationen mit neuen Mitspielern im Balkan, Kaukasus und Iran sowie mit den Terrorgruppen der Hamas, Al Qa'ida und anderen wird auch eine Friedenslösung unwahrscheinlicher denn je. Sie würde schlicht den Einfluss der alten "Schutzmächte", vor allem Amerikas und Großbritanniens, schwächen, und dem stetig erstarkenden Machtanspruch des Islam zuwiderlaufen, mit dessen Erfüllung die Europäer glauben, eine eigenständige Position gegenüber Amerika zu entwickeln. Damit erscheint der Antisemitismus der islamischen Region nicht nur als originäres Eigengewächs, sondern auch als Funktion einer europäischen Radikalisierung. Seit vielen Jahren unterstützt die EU einen massiven Moscheebau und erschwert zugleich die Integration der zuwandernden Muslime. Parallel zu einer wachsenden Ameriko- und Judophobie setzt sich bei den Eurokraten die Auffassung durch, dass der Islam„Teil des westlichen Wertesystems“ ist und somit, wie es heißt,"Anspruch auf die Miteignerschaft Europas" hat. 22 Wie erwähnt, tritt sie ebenso als Finanzier der Islamisten auf, die der Motor der judenfeindlichen Propaganda im Islam sind. Über diesen Hebel hat sich in Europa ein neuer, islaminduzierter Antisemitismus entwickelt, der beide Seiten, die extreme Linke inklusive, verbindet und auf dem Wege scheint, sich dem„alten“ Judenhass der faschistischen Art anzuschließen. Wenn wir also über Antisemitismus im(Gegenwarts-) Islam sprechen, ist es im globalen Kontext schwierig, die Wirtschaftsinteressen Europas von den ideologischen Blockaden im "Dialog mit dem Islam" zu trennen, ebenso wie sich die Weltmachtkonkurrenz innerhalb des Westens mit den expansiven Interessen der Muslime verbindet. Erneut greift hier die "charismatische Konkurrenz", die allerdings im Kampf um wirtschaftliche und ideologische Marktanteile zu Lasten Israels gehen muss. Denn wenn es zutrifft, dass die Geschichte von Siegern geschrieben wird, und dabei die Eliten, wie M. Foucault einst formulierte,„neue Wahrheiten gegen die alten durchsetzen“, dann kann man dem Doppelmythos vom 125 Frieden des Islam und seinem Anspruch auf Palästina auch weiterhin eine günstige Prognose stellen. Somit lassen nicht nur wirtschaftliche Motive der Rohstoff- und Exportpolitik, sondern insbesondere auch Ideologien, die in gemeinsamer, historischer Judenfeindschaft gewachsen sind, die westlichen und islamischen Partner noch enger zusammenrücken. Gerade im globalen Kontext wird sich das uralte Problem des Antisemitismus kaum isolieren lassen, weil es nicht zuletzt auch ein Phänomen totaler Macht ist. 23 . Nicht wenige Vertreter des"Dialogs mit dem Islam" haben bereits begonnen, die Skrupel des ShoahGedächtnisses abzuschwächen und die Judenfeindschaft der Muslime in Europa hoffähig zu machen, indem sie deren„Provokation durch Israel“ unterstellen. Schon 1974 sprach die UNO vom Führer der PLO als„Oberhaupt der palästinensischen Nation“, und Papst Johannes Paul II. empfing ihn öfter als jedes andere weltliche „Oberhaupt“. Seit der UN-Konferenz in Durban redet man vom„Terrorstaat Israel“ und rückt dessen Existenzkampf in die Nähe des Holocaust. Unter den Eindruck des in Frankreich besonders ausgeprägten Antisemitismus sah der frühere Ministerpräsident Rocard die Gründung des Judenstaats als„historischen Fehler“. Unverkennbar ziehen Islamisten und westliche Sympathisanten am gleichen Strang. Unter der alten Rubrik des„Dialogs“ und der neueren der PAFEAC firmiert eine EU-weite Lobby, die proislamische Meinungen nicht nur bildet, sondern zunehmend erzwingt. Die Soziologen nennen solche postdemokratischen Strukturen„Neo-Institutionen“, weil sie die alten Institutionen in Staat und Gesellschaft übergreifend, vorliegend proislamisch, konformieren. Als Konsequenz ergibt sich, dass wichtige Zukunftsfragen in Politik und Recht immer offener zuungunsten der Mehrheit ausgelegt werden, die sich ihrerseits immer weniger demokratisch artikulieren kann. Manche der Vertreter in Ministerien, Parteien, Justiz, Stiftungen etc. halten es daher für legitim, mit Terroristen der Hamas und Hizbollah zu konferieren und ihren antisemitischen Demonstrationen Nachdruck zu verleihen. Den Islamisten erteilt diese Lobby früher oder später die Gütesiegel der„gemäßigten Islamisten“ bzw.„werdenden Demokraten“. dass die Verfassungsschützer sie zugleich als 126 staatsfeindliche Sicherheitsrisiken einstufen, verdeutlicht die Umbruchsituationen, in denen sich die Verfassungen der EU-Staaten und das Weltbild ihrer Gesellschaften befinden. Der sicherste Indikator für die Fortsetzung der Entdemokratisierung Europas ist jedoch das Ausmaß, in dem es zukünftig auch seine Tendenz zum Antisemitismus verstärken könnte. Dem scheint wiederum Papst Benedikt XVI. entgegenwirken zu wollen. Nicht nur im Gegensatz zu seinem Vorgänger, sondern auch mit Blick auf Polen, das katholischste und zugleich antisemitischste Land der EU, plädiert er für die Integration der Juden in den Dialog der Zukunft. 1 Nagel,IslamischesRecht,3 2 Tantawi,DasVolkIsraelsinKoranundSunna,Kairo1966. 3 HannoverscheAllgemeine18.4.2002 4 Jochmann,AdolfHitler-Monologeim Hauptquartier,301f. 5 Peters,From TimeImmemorial,33-73 6 BatYe’or,Niedergang,73 7 Brumlik,DeutscherGeistundJudenhass,35 8 Ebd.,90 9 Brumlik,286 10 BatYe’or,Eurabia,141 11 Schoepsu.a.,Judenhass,179 12 Ebd.,182 13 Tibi,KreuzzugundDjihad,93f. 14 Tibi,SchattenAllahs,309f. 15 Ebd.,125 16 Schoepsu.a.,Judenhass,187 17 Kieser,DerverpassteFriede,17. 18 Lewis,DieJuden,97 19 Israelheute6/2006 20 Peters,From Time,145f. 21 Ebd.,357 22 BatYeor,Eurabia,141 23 Grunberger/Dessuant,Narzissmus,Christentum,Antisemitismus,360f. 127 Das Bild Israels in den Köpfen der Menschen… A ntisem itism u s, der N aho stk o nflik t, Medienb erichterstattu ng u nd Medienk ritik seit Beg inn der „ A l-A q sa-Intifada“ Das Bild Israels in den Köpfen der Menschen könnte nicht unterschiedlicher sein. Wer Israel kennt, der weiß, daß es sich um ein junges und ausgesprochen schönes und vielfältiges Land, mit einem hohen Lebensstandard und lebensfrohen Einwohnern handelt. Israel ist die einzige Demokratie im Nahen Osten und hat, trotzständiger Bedrohungen an seinen Grenzen, ein stetiges Wirtschaftswachstum. Von den hier täglich in der Presse berichteten Kämpfen spürt man im Alltagerst dann wieder etwas, wenn die Bushaltestelle, das Cafe, oder die Tochter der Nachbarn von nebenan von Terroristen in die Luft gesprengt wurden. Das Gefühl, das ein Moderator des ZDF Morgenmagazins bei der Berichterstattungaus dem Hafen 1 von Haifa hatte, anläßlich des Besuches des deutsche Segelschulschiffes„Gorch Fock“, als er über Kanonenrohrschüsse in nicht all zu weiter Entfernungberichtete, magzwar mit dem üblichen Bild der Medien von Israel von einem Kriegs-und Krisenherd übereinstimmen, hat aber nichts mit den Realitäten vor Ort zu tun. Gleichwohl ist es eine mögliche Erklärung, warum eine Umfrage des DailyTelegraph 2 in England zu dem Ergebnis kam, daß Israel unhöflich, unsicher, undemokratisch, häßlich, usw. wäre. Genausokann man davon ausgehen, daß die Berichterstattungder Medien eine nicht unerheblich Rolle bei der Aussage von 59% der Europäern 3 gespielt hat, als sie angaben, daß „Israel eine Gefahr für den W eltfrieden darstellt“ .(Auf Platzzwei folgten mit 53% die USA, Nordkorea und Iran). Ähnlich verhält es sich mit Ergebnissen einer Umfrage von Prof. Heitmeyer 4 vom Institut für interdisziplinäre Konflikt-und Gewaltforschungder Universität Bielefeld 5 wonach 68,3% der Befragten meinten, daß „Israel einen V ernic htu ng sk rieg g eg en die P alä stinenser führt“. 51,2% glaubten, „w as der S taat Israel heu te m it den P alä stinensern m ac ht, ist im P rinz ip au c h nic hts anderes ist als das, w as die N az is im D ritten R eic h m it den J u den g em ac ht hab en“ . 1 Mai 2005 2 The DailyTelegraph, 03.01.2005 3 Studie der EU-Kommission, November 2003. Befragungvon 7500Europäern in 15 EU-Mitgliedsstaaten. 4 http://www.honestly-concerned.org/Heitmeyer.htm 5 Universität Bielefeld /Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer, Umfrage 2004:„Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ 128 Die Ergebnisse sind erschreckend und doch verdeutlichen sie was im Kopf des Durchschnittsbürgers vor sich geht. Sie entwickeln auch Verständnis für notwendige Maßnahmen offizieller Stellen, um Ansatzpunkte für den Kampf gegen Antisemitismus im eigenen Land zu entwickeln. Entscheidend ist eine klare Definition des Problems – eine unmißverständliche Richtlinie, um den Unterschied zwischen legitimer Kritik an der Politik Israels und Antisemitismus darzustellen. In diesem Zusammenhang ist eine im Jahr 2005 in Umlauf gebrachte Arbeitsdefinition der EUMC 6 besonders begrüßenswert. Sie definiert Antisemitismus wie folgt: • Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die man als Judenhass bezeichnen kann. Rhetorische und physische Manifestationen von Antisemitismus sind gegen jüdische oder nicht-jüdische Individuen und/oder gegen ihr Eigentum, gegen Institutionen der jüdischen Gemeinden und gegen religiöse Einrichtungen gerichtet.“ • Außerdem können solche Manifestationen gegen den Staat Israel angesehen als jüdische G emeinschaft gerichtet sein. • Zeitgenössische Beispiele für Antisemitismus: • Den Aufruf, die Unterstützung oder die Rechtfertigung, Juden zu töten oder zu schädigen, im Namen einer radikalen Ideologie oder einer extremistischen religiösen Sicht. • Das Äußern verlogener, entmenschlichender, dämonisierender oder stereotyper Behauptungen über Juden als solche oder über die kollektive Macht von Juden, etwa besonders, aber nicht begrenzt auf, den Mythos einer jüdischen Weltverschwörung oder die jüdische Kontrolle der Medien, der Wirtschaft, der Regierung oder anderer gesellschaftlicher Einrichtungen. • Die Beschuldigung, daß Juden als Volk Verantwortung trügen für reale oder vermeintliche Vergehen einzelner Juden oder einer Gruppe von Juden oder selbst für solche Handlungen, die von Nicht-Juden begangen wurden. • Die Leugnung der Tatsache, des Umfangs, der Mechanismen(z.B. der Gaskammern) oder der Absicht des Völkermordes am jüdischen Volk seitens des nationalsozialistischen Deutschlands, seiner Unterstützer und Komplizen während des Zweiten Weltkrieges(Holocaust). • Die Beschuldigung der Juden als Volk oder des Staates Israel, den Holocaust erfunden oder dramatisiert zu haben. • Die Beschuldigung, Staatsbürger jüdischer Herkunft seien loyaler eingestellt gegenüber Israel oder vermeintlichen jüdischen Prioritäten weltweit als gegenüber den Interessen ihrer eigenen Staaten. • Beispiele dafür, wie sich Antisemitismus gegenüber dem Staat Israel in seinem umfassenden K o ntex t manifestiert, umfassen: • Die Ablehnung des Selbstbestimmungsrechts des jüdischen V olkes, z.B. durch die Behauptung, der Staat Israel sei ein rassistisches P rojekt. • Die Anw endung doppelter Standards, indem an Israel Verhaltensansprüche gestellt werden, die von keiner anderen demokratischen Nation erwartet oder gefordert werden. • Die Anw endung klassisch-antisemitischer Sy mbole und Bilder(z.B. der V orw urf, daß J uden J esus töteten, oder die Behauptung v on Blutopfern) für die C harakterisierung Israels oder der Israelis. • Der V ergleich der aktuellen P olitik Israels mit der der Naz is • Die Behauptung einer Kollektiv v erantw ortung der J uden gegenüber der P olitik des Staates Israel. • Allerdings kann Kritik an Israel dann nicht als antisemitisch eingestuft w erden, w enn sie in ä hnlicher W eise auch gegenüber anderen L ä ndern geä ußert w ird. Eine ergänzende, bzw. Alternativdefinition von Antisemitismus stammt von Nathan Scharansky 7 . Dieser sagt: 6 EUMC Englischer Originaltext: http://eumc.eu.int/eumc/material/pub/AS/AS-WorkingDefinition-draft.pdf 7 WELT –29.04.2004-"Der Feind unterscheidet nicht zwischen Israelis und Juden"- Natan Scharansky zu Vorurteilen und Stereotypen 129 „…Der Kampf gegen Antisemitismus ist keine genaue Wissenschaft. Letztlich aber geht es darum, daß der Westen seine eigenen Werte bewahrt. Dazu müssen klare Kriterien entwikkelt werden. Ich schlage dazu die" 3-D"-Kriterien vor: Der Antisemitismus war immer an der D-ämonisierung von Juden zu erkennen, dem D-oppelstandard, mit dem Juden gemessen wurden, und der D-elegitimierung von Juden. Tritt der Antisemitismus heute im Deckmäntelchen antiisraelischer Kritik auf, lässt er sich mit Hilfe dieser"3-D"-Kriterien von legitimer Israel-Kritik klar unterscheiden. Wird Israel dämonisiert, mit doppeltem Maßstab gemessen oder stereotyp delegitimiert? Dann ist es keine politische Kritik, sondern Antisemitismus, der sich"political correct" gebärden will…“ Deutlich wird hier, daß es nicht darum geht, Israelkritik mundtot zu machen, sondern daß es lediglich darauf ankommt, wie diese Kritik formuliert wird und was sie bezwecken soll! Es ist ein realitätsfernes Ammenmärchen zu glauben, daß man Israel nicht kritisieren„dürfe“, bzw. daß man Israel nicht kritisieren„würde“, wie z.B. in einer Kolumne 8 der Financial Times Deutschland behauptet wurde: "... Der Respekt vor den Opfern des Holocaust hat es uns verboten, Israels Regierungen mit denselben M aß stä ben z u messen wie andere westliche Regierungen. P olitische oder ö konomische Sanktionen gegen Israel waren deswegen tabu. Do ch der H o lo caust, der die E x istenz des jüdischen Staates für alle Zeiten legitimiert hat, war ein deutsches und euro päisches Verbrechen, und die P alä stinenser, die heute unter seinen F olgen leiden, sind daran unschuldig. W ir haben die Siedlungs- und Besatz ungspolitik der israelischen Regierungen toleriert und die P alä stinenser den P reis dafür z ahlen lassen. D as hat in der arabischen und muslimischen W elt einen Hass groß werden lassen, der am 1 1. September 2 0 0 1 und am 1 1. M ä rz 2 0 0 3 auf uns z urückgeschlagen ist...." 9 .... Genauso ist es unwahr zu behaupten, daß sich Medienkritische Organisationen dafür einsetzen würden, daß alle Israelkritik mit Antisemitismus gleichgestellt werden soll 10 , oder daß diejenigen die sich für eine „wahrhaftige Berichterstattung“ einsetzen, immer wieder die so genannte„ Antisemitismuskeule “ schwingen, um jedwede Israelkritik mundtot zu machen. Im Gegenteil, Jüdische wie israelische Sprecher wiederholen immer wieder, daß Israel-Kritik völlig legitim ist. Die Behauptung, daß Kritik an Israel„verboten“ sei, stammt gewiß nicht aus Israel, der Botschaft oder jüdischen Kreisen. Auch die Behauptung eines „Tabus“ ist absurd, denn deutsche Medien sind voll mit Berichten über Sabra und Schattilah, Scharons Vergangenheit, die Behandlung der Palästinenser, Wehrdienstverweigerer in Israel, Zaun/Mauer, Verwüstung in Palästinensergebieten, Liquidierungen usw. Man sollte vielmehr prüfen, wer eigentlich behauptet, daß es solche Verbote oder Tabus gebe. Es dürfte sich schnell herausstellen, daß es zumeist ausgerechnet jene sind, die am eifrigsten Diffamierungen gegen Israel oder Juden in der Welt ausstoßen… Sicherlich tragen zahlreiche Faktoren dazu bei, daß viele Menschen, i.B. auch in Deutschland, eine sehr negative Meinung von Israel haben. Schuldkompensation durch eine Gleichstellung von Israel mit NaziDeutschland(„They‘re as bad as us“) mag ebenso ein Faktor sein, wie das„David und Goliath“ Syndrom (Sympathien für denjenigen, der als der Schwächere empfunden wird – in diesem Fall die Palästinenser). Ein größerer und häufiger vorkommender Faktor scheinen aber Unwissenheit und(oft unbewußte) stereotypische Vorurteile zu sei. In diesem Zusammenhang muß wieder an die Verantwortung der Medien erinnert werden, die nicht nur verantwortlich sind für das, was sie schreiben, sondern auch für das Ergebnis, das beim Leser/Betrachter ankommt! 8 FTD(26.03.2004)- Kolumne: Kampf um die Sympathisanten 9 Anmerkung: Dieses Stück enthält mehrere ungeheuerliche Behauptungen: 1.) Daß Deutschland, Europa oder die FTD niemals die Besatzungspolitik Israels kritisiert hätten;2.) Daß man bewußt„die Palästinenser dafür zahlen ließ“;3.) Daß der 11.9. usw. die Antwort auf angebliches Schweigen zu Israels Politik wegen des Respekts für den Holocaust sei. 10 Dortmunder Erklärung: http://www.arendt-art.de/deutsch/palestina/texte/dortmunder_erklaerung.htm 130 Es gibt sicherlich weniger eindeutige Beispiele, als das nachfolgende Beispiel aus der„Kleinen Zeitung“ 11 aus Österreich: Dafür gibt es um so mehr zweideutige Beispiele, wie z.B. die Karikatur aus der Süddeutschen Zeitung 12 , in der ein deutlich gekennzeichneter Jude durch ein Cafe stürmt, alles um sich wirft und sich wundert warum er keine Sympathie verspürt.(Die Süddeutsche Zeitung hat sich für diese Karikatur entschuldigt. Wäre der dargestellte Jude von vorne, mit den Zügen des Ariel Scharon abgebildet worden, hätte wohl niemand diese Karikatur als antisemitisch„mißverstanden“) Die Printmedien gehen meistens wesentlich subtiler vor. Oft wiederkehrende Darstellungen Israels spielen dabei eine besondere Rolle. Israel ist die„Besatzungsmacht“ 13 … 11 Kleine Zeitung(Österreich), 19.05.2004 12 Süddeutsche Zeitung, 21.07.2004 13 Handelsblatt, 15.11.2003 131 Israel und i.B. Sharon ist der„brutale Besatzer“ 14 … Israel ist die bewaffnete Bedrohung(selbst dann wenn Israel den Rückzug vorbereitet) 15 … Israel ist die Gewaltmacht, die Panzer 16 gegen Kinder einsetzt 17 … 14 Stern 14/2002 15 Berliner Morgenpost, 16.03.2003 16 Aachener Zeitung, 09.03.2002 17 Neue Zürcher Zeitung, 06.05.2004 132 Israel„mauert“ 18 ... Israel eskaliert 19 ... Israel„provoziert weltweit“ 20 … 18 Neue Presse, 23.10.2003 19 Die Welt, 06.10.2003 20 Rheinische Post, 23.3.2004 133 Israel ist der brutale„Aggressor“, der jeden Frieden„planiert“ 21 ... Vor allem, spielt aber auch die optische Begleitung, die Bildauswahl zu Artikeln eine wichtige Rolle in der Wahrnehmung der Menschen; die Bildauswahl hat inhaltlich oft nichts mit dem Artikel zu tun hat und steht sogar in direktem Widerspruch dazu. Arafat attackiert, aber Sharon scheint derjenige zu sein, der Waffen gegen Palästinensische Jugendliche einsetzt 22 : Während Ashkelon beschossen wird und Hamas eine Waffenruhe ablehnt, demonstrieren Palästinensische Frauen für„Dignity“ 23 : 21 SZ, 19.05.2004 22 Westfälische Nachrichten, 17.12.2001 23 SZ, 29.08.2003 134 Zur gleichen Zeit findet dann z.T. noch eine Idealisierung und Romantisierung statt. So werden z.B. Fabeln über die als Terrororganisation anerkannte Hamas als Tagesnachrichten abgedruckt, ohne ein Wort über die terroristischen Ideale der Organisation zu verlieren 24 …. …während Gewaltakte von Terroristen der Fatah Organisation als„Demonstrationen von ArafatAnhängern“ 25 dargestellt werden: 24 Rheinische Post, 23.3.2004 25 Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.09.2003 135 Ein weiteres Phänomen, das vom Durchschnittsleser nur im Unbewußtsein wahrgenommen wird, hängt mit einer Gleichstellung von Opfern und Tätern zusammen, im nachfolgenden Beispiel 26 links die Mutter eines Terroristen, der einen Selbstmordanschlag verübt hat, rechts ein Angehöriger von jemandem, der von diesem gleichen Sohn umgebracht wurde… Nicht zuletzt ist nicht nur das Zusammenspiel von Bildern und begleitenden Texten wichtig, sondern auch die Kombinationen von Titelzeilen und tatsächlichen Fakten. Während Leser in den Überschriften in Großbuchstaben und Fettschrift über die Gewaltakte mordender Israelischer Soldaten informiert werden, erfährt man oft erst im zweiten, oder dritten Absatz, daß die erschossenen Palästinenser schwer bewaffnete Terroristen waren(sofern überhaupt) 27 . Titel vs. Fakten FR 25.06.2003 26 WELT, 11.09.2003 27 Beispiel: Frankfurter Rundschau 25.06.2003,„Israelische Soldaten töten vier Palästinenser“ 136 Ein weiterer Faktor hängt mit antisemitischen Ideologemen zusammen, so ist das biblische Racheprinzip 28 ein ständig vorkommendes Konzept 29 … In deutschen Medien steht„Auge um Auge“ für ein vermeintlich archaisches Racheprinzip, dessen israelische Variante, wie z.B. im„Spiegel“, den griffigen Zusatz erhält: „ Auge um Auge, Wahn um Wahn “ 3 0 . In ähnlicher Art und Weise wird Lesern ein realitätsfernes Bild von einem typischen„Juden“, und erst Recht von dem„typischen Israeli“ vermittelt. Für diejenigen, die es nicht besser wissen, muß jeder Israeli einen langen Bart haben, schwarzen Hut tragen und schwarz gekleidet sein, am besten noch von einem langen, dunklen Schatten gefolgt 31 … 28 Der Spiegel, 41/2001 29 Stern 15/2002 30 Spiegel 43/2000 –„Die Gegenseite Auge um Auge, Wahn um Wahn - reagierte prompt“; Spiegel 48/2000 –„Doch die Vergeltungspolitik Auge um Auge, Wahn um Wahn - fällt immer deutlicher auf Israel selbst zurück“; Spiegel 15/2002 –„…geradezu biblische Vergeltungspolitik Scharons Auge um Auge, Wahn um Wahn …“ 31 Tagesspiegel, 27.01.2003 137 Das beste Beispiel zu diesem Thema stammt aus dem Spiegel, der in einem Artikel mit dem Titel„Zuflucht in Deutschland“ 32 über eine steigende Zahl von Israelis berichtete, die einen Deutschen Paß beantragten. Interessanterweise wurde der Artikel von einem Photo frommer Juden begleitet, die an der Klagemauer in Jerusalem beten. Daß gerade diese strenggläubigen Juden, gestärkt von ihren religiösen Idealen, die Letzten sind, die Israel verlassen würden, ist wohl nur dem„Experten“ bekannt. Zu guter letzt muß noch das alte Konzept der“Jewish world conspiracy”, der„Jüdischen Weltverschwörung“, erwähnt werden. Nicht nur in den Arabischen Medien 33 wird immer wieder suggeriert, daß Juden in alles Übel der Welt verstrickt sind und die amerikanischen Medien kontrollieren 34 . Auch die Nazis verbreiteten ähnliche Verschwörungstheorien 35 , wie auch, daß Juden den Weltmächten Gift einflößen 36 . 32 Der Spiegel 25/2002, 15.06.2002 33 http://www.honestly-concerned.org/Infomaterial/ARAB_CARTOONS_BRANDNEW.pdf 34 Beispiele: links: Al-Watan(Katar), 28.07.2002; rechts: Ar-Riyad(Saudi Arabien), 20.05.2005 35 http://www.honestly-concerned.org/Infomaterial/Conspiracy.pdf 36 Beispiele: links: Der Stürmer, 1943, rechts: Brennessel, 02.01.1934 –„Bilderbuch der guten alten Zeit“ 138 Auch in Deutschland sind ähnliche Assoziationen aus gewissen medienwirksamen Bildern ableitbar 37 . Warum sonst würde man ein über ein Jahr altes Bild zu einem aktuellen Artikel über den Nahostkonflikt abdrucken 38 …?!? Text unter Bild: „INNIGES VERHÄLTNIS: Präsident George W. Bush bei einem Treffen mit orthodoxen Rabbinern vor einem Jahr.“ Es ist zu bezweifeln, daß es sich bei den gezeigten Rabbinern um das Beraterteam von Präsident Bush handelt. Zusammenfassend bleibt festzuhalten, daß die Deutschen Medien, sofern man diese über„einen Kamm scheren“ kann, sicherlich nicht antisemitisch sind. Gleichwohl gibt es Tendenzen in der Berichterstattung, die dazu führen, daß bei Lesern gewisse Klischees bestätigt werden. Weder kann man diesen Vorwurf gezielt an nur ein oder zwei Zeitungen oder Redaktionen festmachen(wie an den hier gezeigten Beispielen deutlich wird), noch an einzelnen Korrespondenten. Es ist ein durchweg wiederkehrendes Problem, daß Bilder nicht zum Text passen; daß gewisse Bilder überhaupt nicht gezeigt werden; daß Bilder gezeigt werden, bei denen eine Gleichsetzung von Terroropfern und Tätern stattfindet; daß Kinder-Bilder strategisch geschickt plaziert werden; daß Bilder gemäß dem„David& Goliath“ Prinzip eingesetzt werden; daß Karikaturen mit Motiven aus dem Repertoire des Stürmers übernommen werden, usw. Genauso ist es ein Fakt, daß bei Texten mehr auf reißende Schlagzeilen geachtet wird, als auf die möglicherweise verheerende Wirkung auf die Leser, etwa wenn mit„Auge um Auge“ oder„israelischer Rache“ subtil der von Martin Luther propagierte„Rachegott der Juden“ heraufbeschworen wird. Hier sollten sich die Redaktionen immer wieder vor die Frage stellen, ob ihre Headlines wirklich die Geschehnisse vor Ort sachgemäß wiedergeben; ob man subtil ein Vokabular der NS Zeit oder des klassischen Antisemitismus einfließen läßt, oder etwa indirekte Vergleiche zwischen dem heutigen Israel und Nazideutschland aufstellt. Die Übersetzung ausländischer Begriffe bei Agenturberichten, wie„Reaktion“ oder„Answer“ können einwandfrei als„Reaktion“ oder„Antwort“ übersetzt werden, anstatt fast automatisch mit„Vergeltung“. Bei der Auswahl von Interviewpartnern wie bei der Verleihung„Friedenspreisen“ lassen sich in Deutschland klare Tendenzen erkennen. Manche unbewiesene Behauptung wird sorglos veröffentlicht, ohne die Fakten verifiziert zu haben, so zum Beispiel der Mythos des angeblichen„Jenin Massakers“ 39 , bei dem nicht „Hunderte“ oder laut Arafat gar„Tausende“ Palästinenser„massakriert“ wurden, sondern„nur“ 52, von denen mehr als die Hälfte bewaffnet waren, in schweren Kämpfen, bei denen auch 23 Israelis getötet wurden. 37 http://www.honestly-concerned.org/Infomaterial/WESTERN-CARTOONS_A4_NEU.pdf 38 Tagesspiegel, 04.06.2003 39 http://www.honestly-concerned.org/other/Jenin-Sonderausgabe.htm 139 Der Nahostkonflikt dauert seit über hundert Jahren an. Er ist vielschichtig, hat zahlreiche Ursachen und enthält religiöse, territoriale, nationale, politische, kolonialistische und zahlreiche andere Elemente. Die Medien sollten soviel Verantwortung aufbringen, daß sie diesen komplizierten Konflikt nicht auf griffige Schlagworte und Parolen reduzieren oder den Eindruck erwecken, als seien alle Probleme gelöst, wenn Scharon verschwunden, die Siedlungen aufgelöst, der Rückzug vollbracht oder die(israelsche) Besatzung beendet wären. Terror, Krieg, Konflikt gab es in Nahost lange bevor Scharon geboren war, lange bevor Israels„Besatzung" die jordanische und ägyptische ablöste und lange bevor Israel die besetzten Gebiete eroberte, usw., um so mehr sollte jeder einzelne immer wieder an das Verantwortungsbewußtsein der Medien appellieren und sich nicht mit dem Status-quo zufrieden geben. Es gibt Organisationen, die sich für eine wahrhaftige Berichterstattung einsetzen, aber letztendlich liegt es an jedem Redakteur, Journalisten und Leserbriefschreiber einen eigenen Beitrag zur Besserung beizutragen. Sacha Stawski 4 0 ist Immobilienkaufmann im Bereich Verwaltung- und Weiterentwicklung von größ tenteils gewerblichen Immobilien im ganzen Bundesgebiet Er hat ein„BA“(Bachelor of Arts) in Economics von C lark U niversity und ein„M BA“(M aster of Business Aministration) der U niversity of C hicago. Darüber hinaus ist er Gründer und C hefredakteur der Initiative Honestly C oncerned e.V. 4 1 , sie sich seit M ai 2 002 gegen Antisemitismus und für eine wahrhaftige Berichterstattung einsetzt und täglich, wie auch wöchentlich Pressespiegel zum Thema Innenpolitik und Nahost versendet. 40 Jüdisches Europa- Interview mit Sacha Stawski über Honestly-Concerned- http://www.honestlyconcerned.org/Temporary/Juedisches-Europa_Interview-Stawski.pdf 41 http://www.honestly-concerened.org 140 Autorenverzeichnis Prof. D r. G ert W eisskirchen , MdB, seit 2005 persönlicher Beauftragter des OSZEV orsitzenden zur Bekäm pfung des A ntisem itism us, seit Oktober 1999 außenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion. 1976 bis 1980 Professor für Sozialpädagogik, Fachhochschule W iesbaden(seither beurlaubt), seit 1995 ehrenam tlicher H onorarprofessor für angew andte K ulturw issenschaften, Fachhochschule Potsdam (Fachbereich K ultureller und Sozialer W andel). Eva Strob el , V orsitzende der G eschäftsführung der Regionaldirektion BadenW ürttem berg der Bundesagentur für A rbeit. Step han J. K ram er , seit A pril 2004 G eneralsekretär des Zentralrates der Juden in D eutschland und Büroleiter des European Jew ish C ongress(EJC) in Berlin. Zuvor w ar er persönlicher Referent von Ignatz Bubis, dem Präsidenten des Zentralrates von 1992 bis 1999, und u.a.A ssistent des D irektors für Europa der Jew ish C laim s C onference. D r. Peter K urz , seit 1999 Bürgerm eister für Bildung, K ultur und Sport der Stadt Mannheim, seit 1995 Mitglied SPD-Landesvorstandes, 1994-1999 Richter am V erw altungsgericht K arlsruhe. Prof. D r. Julius H. Schoep s , seit 1991 Professor für N euere G eschichte und D irektor des Moses Mendelssohn Zentrum s für europäisch-jüdische Studien an der U niversität Potsdam, Mitglied des P.E.N.-Zentrum s. Zahlreiche V eröffentlichungen u.a. zum deutsch-jüdischenV erhältnis und zur G eschichte der Juden in Europa. K laus Fab er , Staatssekretär a.D., G eschäftsführender V orsitzender des W issenschaftsforum s der Sozialdem okratie in Berlin, Brandenburg und MecklenburgV orpom m ern.Zahlreiche Publikationen zu N ahost-, Islam- und A ntisem itism usfragen. D r. M atthias K ü ntzel , seit 1992 als Politiklehrer an einer H am burger G ew erbeschule teilzeitbeschäftigt. Zahlreiche V eröffentlichungen u.a. zum A ntisem itism us, A ntisem itism us im Islam, Islam ism us, Islam ism us und N ationalsozialism us. Jö rg U eltzhö ffer , seit 1990 G eschäftsführender G esellschafter des von ihm zusam m en C arsten A schberg gegründeten SIG MA-Instituts. Zahlreiche Studien auf der Basis des Milieu-A nsatzes u.a.zu rassistischen und chauvinistischen Tendenzen in der EU. PD D r. H eid run D eb orah K äm p er , seit 2003 w issenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für D eutsche Sprache in Mannheim, u.a. Leiterin von Forschungsprojekten zum N achkriegsdeutsch. Zahlreiche Publikationen zur Entw icklung der deutschen Sprache nach 1945. Prof.D r.Johannes H eil , Seit A pril 2005 Inhaber der Ignatz Bubis-Stiftungsprofessur für G eschichte, Religion und K ultur des europäischen Judentum s an der H ochschule für Jüdische Studien, H eidelberg. Forschungsschw erpunkt u.a. politische, kulturelle und religiöse A spekte der jüdisch-christlichen Beziehungen. 141 Dr. Hans-Peter Raddatz , Orientalist und Volkswirt, Experte für Islam- und Wirtschaftsfragen. Zahlreiche kritische Veröffentlichungen zum Islam. Sascha Staw ski , Gründer und Chefredakteur der Initiative Honestly Cncernes e.V., die sich gegen Antisemitismus und für eine wahrhaftige Berichterstattung einsetzt. 142 Das Fritz-Erler-Forum Baden-Württemberg Landesbüro der Friedrich-Ebert-Stiftung veranstaltet in Zusammenarbeit mit dem Beauftragten der O SZE für die Bekämpfung von Antisemitismus am Freitag,14. Juli 2006 in der Fachhochschule des Bundes für öffentliche V erwaltung Seckenheimer Landstr. 16 68163 Mannheim Nr. 1635 2802 eine Fachtagung in der Reihe Forum Herausforderungen der Demokratie = Antisemitismus Fremdenfeindliche Gewalttaten, rechtsextremistische Agitation bis hin zu offenem Antisemitismus und Rassismus sind leider aktuelle gesellschaftliche Erscheinungen. Sie stellen nicht nur eine Herausforderung für die politische Kultur und Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland dar, sondern auch für alle anderen europäischen Staaten. Obwohl schon einiges an Forschung über diese komplexen Phänomene vorliegt, weiß man dennoch immer noch zu wenig über Inhalte, Strukturen, Hintergründe und Motivationen dieser menschenfeindlichen Phänomene. Durch Beiträge namhafter Experten will diese„Fachtagung“ nicht nur einen Beitrag zur Schärfung des öffentlichen Problembewusstseins leisten, sondern auch Möglichkeiten der Prävention thematisieren. PRO GRAMM 09:00 – 9:30 Begrüßung/Grußworte Prof. Gert Weisskirchen , MdB OSZE-Beauftragter für die Antisemitismusbekämpfung Elmar Haug Friedrich-Ebert-Stiftung Eva Strobel, Fachhochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung Stephan J. Kramer , Berlin Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland Peter Kurz Bürgermeister der Stadt Mannheim 9:30 – 10:00 „Flucht in den Hass:V om Antijudaismus zum Antisemitismus“ Prof. Dr. Julius Schoeps Universität Potsdam/Moses Mendelsohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien, Berlin 10:00 – 10:30 „Unheilige Allianzen:Antisemitismus im Islam und im europäisch amerikanischen Kulturkreis“ Klaus Faber, Staatssekretär a.D. Wissenschaftsforum Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern 10:30- 11.30 Aussprache/Diskussion 11:30- 12.15 Mittagspause 12:15 – 12:45 „Ahmadinedschads Antisemitismus und die Politik der EU“ Dr. Mathias Küntzel Politikwissenschaftler/Publizist, Hamburg 12:45 – 13:15 „ Antisemitismus und Rassismus in Europa im Lichte der Lebensweltforschung“ Jörg Ueltzhöffer SIGMA-Institut, Mannheim 13:15 – 13:45 „Sprache und Antisemitismus“ Dr. Deborah Kämper, Privatdozentin Institut für Deutsche Sprache, Mannheim 13:45 – 14:15 „Europäischer Antisemitismus in Geschichte und Gegenwart – Die These von der Jüdischen Weltverschwörung“ Prof. Dr. Johannes Heil Hochschule für jüdische Studien, Heidelberg 14:15 – 15:15 Aussprache/Diskussion 15:15 – 15:45 Kaffeepause 15:45 – 16:15 „Islamischer Antisemitismus der Gegenwart“ Dr. Hans-Peter Raddatz Orientalist 16:15 –16:45 „Das Bild Israels in den Köpfen der Menschen – Antisemitismus, der N ahostkonflikt und die Medienseit Beginn der Al-Aq sa-Intifada“ Sacha Stawski Chefredakteur Honestly Concerned e.V. 16:45 – 17:30 Aussprache/Diskussion 17:30 – 17:45 Summary – V erabschiedung Prof. Gert Weisskirchen, MdB Tagungsleitung: Prof. Gert Weisskirchen, MdB WDir Peter Wirkner, FH des Bundes für öffentliche Verwaltung Elmar Haug, Friedrich Ebert Stiftung Die Teilnahme ist gebührenfrei. Die Anzahl der Plätze ist begrenzt;Anmeldungen werden in der Reihenfolge des Eingangs berücksichtigt. Nur wenn Ihre Teilnahme nicht möglich ist, erhalten Sie eine Nachricht. N achrichtlich:ab 18:00 Uhr N GO- Koordinationstreffen Presseausschnitt Mannheimer Morgen, 18. Juli 2006 144