Jena 2007 Friedrich-Schiller-Universität Jena Altersstudie Thüringen Einstellungen und Erwartungen älterer Menschen Michael Edinger  Andreas Hallermann Eine Studie im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung Inhaltsverzeichnis Abbildungsverzeichnis 2 Tabellenverzeichnis 3 Vorwort 4 1. Lebensphase(n) Alter: Zur Relevanz des Themas 6 2. Die Lebenslagen der Älteren in der Selbstwahrnehmung 13 2.1. Materielle Lage 13 2.2. Wohnsituation 16 2.3. Lebenszufriedenheit 21 3. Generationenbeziehungen 28 3.1. Die soziale Integration älterer Menschen 29 3.2. Die wechselseitige Wahrnehmung der Generationen 32 4. Einstellungen zu Gesellschaft und Politik 35 4.1. Wahrnehmung der Politik 35 4.2. Positionen zur Seniorenpolitik 38 5. Partizipation 42 5.1. Politische Beteiligung 42 5.2. Ehrenamtliches Engagement 45 6. Fazit 51 Literatur 55 Abbildungsverzeichnis Abb. 1: Entwicklung der Altersstruktur der Thüringer Bevölkerung 10 Abb. 2: Haushaltsgröße bei den Älteren nach Geschlecht und Alter 11 Abb. 3: Angst vor unzureichender Rente – Ältere im Vergleich zu Jüngeren sowie nach finanzieller Lage und Neigung zu Sorgen 15 Abb. 4: Wohnformen bei Unmöglichkeit der Selbstversorgung – gewünschte Wohnform der Älteren für sich selbst und der Befragten unter 60 Jahren für ihre Familienangehörigen 20 Abb. 5: Lebenszufriedenheit der Älteren – nach tatsächlichem und gefühltem Alter 23 Abb. 6: Entwicklung der Lebenszufriedenheit im Vergleich zu vor 10 Jahren auf einer Skala von-10 bis+10 24 Abb. 7: Wahrnehmung sozialer Desintegration bei Älteren und bei Befragten unter 60 Jahren 31 Abb. 8: Wahrnehmung der Generationenbeziehungen aus der Sicht der Älteren und der Befragten unter 60 Jahren 33 Abb. 9: Bewertung der Gesellschaft und des eigenen Anteils – Ältere und Befragte unter 60 Jahren im Vergleich 36 Abb. 10: Gewinner und Verlierer sozialer Reformen – Allgemeine Einschätzung nach eigener Lage 37 Abb. 11: Partei, die sich am stärksten für die Älteren einsetzt – nach eigener Parteineigung 39 Abb. 12: Politische Partizipation der Älteren 43 Abb. 13: Vereinsmitgliedschaft nach Alter 45 Abb. 14: Aktuelle und frühere Ehrenämter nach Alter 46 Abb. 15: Mitgliedschaft nach Art des Vereins – Ältere und Befragte unter 60 Jahren im Vergleich 47 Abb. 16: Erwartungen an das Ehrenamt 48 Abb. 17: Hinderungsgründe für die Übernahme eines Ehrenamts 50 2 Tabellenverzeichnis Tab. 1: Tab. 2: Tab. 3: Tab. 4: Haushaltsnettoeinkommen bei Älteren – insgesamt und nach Haushaltsgröße 14 Infrastrukturelle Versorgung des Wohnumfelds(Index) aus der Sicht der Älteren 18 Kontakthäufigkeit Älterer mit ihren Kindern nach räumlicher Entfernung zum am nächsten wohnenden Kind 30 Verbesserungsmöglichkeiten und-wünsche für bzw. von Älteren 40 3 Vorwort Mit der Altersstudie Thüringen liegt für den Freistaat erstmalig eine repräsentative Untersuchung zu altersbezogenen und gesellschaftlichen Einstellungen und Erwartungen älterer Menschen vor. Es ist die Hoffnung der Autoren, mit diesem Bericht, der im Auftrag des Landesbüros Thüringen der Friedrich-Ebert-Stiftung erstellt worden ist, einen Beitrag zum besseren Verständnis der Erfahrungen, Bedürfnisse und Anliegen älterer Menschen leisten zu können. Den im Weiteren vorgenommenen Analysen liegt eine repräsentative Telefonbefragung von insgesamt 1.037 volljährigen Thüringern zugrunde, darunter 638 Ältere(Befragte ab 60 Jahren) und 399 Befragte aus jüngeren Altersgruppen. Die durchschnittliche Interviewdauer belief sich bei den Älteren auf gut 29 Minuten, bei den jüngeren Befragten fiel sie wegen des Wegfalls einiger seniorenspezifischer Fragen mit 21 Minuten deutlich kürzer aus. Die Interviews wurden durch„aproxima. Agentur für Markt- und Sozialforschung Weimar“ in der Zeit zwischen dem 25. Juni und 11. Juli 2007 durchgeführt. Der eigentlichen Befragung ging ein Pretest voraus, dessen Ergebnisse bei der Gestaltung des endgültigen Fragebogens Berücksichtigung gefunden haben. Die Befragung ist für die älteren Befragten repräsentativ. Die Fehlertoleranz für die gewichtete Stichprobe der Befragten ab 60 Jahre beträgt maximal 3,3 Prozent bei einer Verteilung in der Stichprobe von 10 Prozent zu 90 Prozent. Gegenstand der Altersstudie Thüringen sind die spezifischen Einstellungen, Einschätzungen, Bedürfnisse und Wünsche der älteren Menschen in Thüringen. Dieser Fokus ergibt sich aus der Überlegung, dass die Realität des Älterseins und Älterwerdens nicht allein durch„objektive“ Umweltbedingungen(wie den demografischen Wandel, die wirtschaftliche Lage, die Infrastruktur und die Veränderung der sozialen Sicherungssysteme) bestimmt ist. Vielmehr kommt den subjektiven Wahrnehmungen, Deutungen und Erwartungen der Betroffenen eine ganz entscheidende Bedeutung zu. Ein wissenschaftlicher Ertrag ist von einer solchen Untersuchung aber nur dann zu erwarten, wenn die spezifischen Wahrnehmungen der Älteren auch systematisch mit denen der jüngeren Geburtskohorten verglichen werden. Aus diesem Grund sind auf der Basis der mehr als 1.000 Interviews für beide Altersgruppen getrennte und entsprechend gewichtete Stichproben gebildet worden. 4 Über den erhofften wissenschaftlichen Ertrag hinaus verbindet sich damit die Hoffnung, dass Dokumentation und Analysen der Altersstudie Thüringen zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit für die Belange und etwaigen spezifischen Problemlagen der Älteren beizutragen vermögen. Einige der ermittelten Befunde mögen darüber hinaus der Politik, aber auch den um die Belange der Älteren bemühten Einrichtungen(wie Wohlfahrtsverbänden, Seniorenvereinen oder den zuständigen Behörden) Handlungsbedarf anzeigen und entsprechende Anhaltspunkte für Schwerpunktsetzungen bieten. Die im Text getroffenen Aussagen und die vorgenommenen Analysen und Interpretationen fallen ausschließlich in die Verantwortung der Autoren und stellen keine Meinungsäußerung der Friedrich-Ebert-Stiftung dar. Für Prozentangaben in Text und Grafiken gilt, dass es sich um gültige Prozente handelt, wenn nichts anderes angegeben oder ersichtlich ist. Die Autoren danken„aproxima. Agentur für Markt- und Sozialforschung Weimar“ und im Besonderen Frau Selina Recke und Herrn Sebastian Götte für die gute Zusammenarbeit und die professionelle Dokumentation der Datenerhebung. Gedankt sei darüber hinaus Frau Katja Salomo für die Unterstützung bei der Datenbereinigung und Datenaufbereitung. Michael Edinger und Andreas Hallermann 5 1. Lebensphase(n) Alter: Zur Relevanz des Themas Eine massive Veränderung der demografischen Verhältnisse in Thüringen, Gesamtdeutschland und überhaupt in den westlichen Industrienationen, verschiedentlich auch als„demographische Revolution“(Backes/Clemens 1998: 31) charakterisiert, hat ein Thema in die gesellschaftlichen Debatten, in die Medien und auf die politische Agenda befördert, das lange Zeit ein Schattendasein fristete und als kollektives soziales Phänomen relativ neuen Ursprungs ist: das Alter. Als eine eigene, abgrenzbare Lebensphase – oder gar mehrere Lebensphasen, wie die neuere Forschung und die Rede vom so genannten vierten Alter nahe legen –, die zudem durch das Ausscheiden aus dem Berufsleben charakterisiert ist, hat„Alter“ bis weit ins 19. Jahrhundert hinein nicht existiert und blieb danach zunächst eine individuelle und keine Kohortenerfahrung(Backes/Clemens 2000: 7-9). Erst mit der erheblich gestiegenen Lebenserwartung und nicht zuletzt als Konsequenz wohlfahrtsstaatlicher Arrangements, konkret der Einführung einer Alterssicherung, ist Alter zu einem Massenphänomen geworden. Dass dieses Phänomen und seine gesellschaftlichen Implikationen und Folgen erst spät Eingang in das öffentliche Bewusstsein gefunden haben, steht auch damit in Verbindung, dass die steigende Zahl älterer Menschen wegen der geburtenstarken Jahrgänge zunächst noch keine deutliche Verschiebung in der Altersstruktur der Bevölkerung bedingt hat. Erst im Zusammenhang mit der gesunkenen und zuletzt auf niedrigem Niveau stabilen Fertilität hat sich das Verhältnis der älteren Kohorten im Vergleich zu den jüngeren deutlich gewandelt. Im Ergebnis sind eine erhebliche Alterung der deutschen Gesellschaft allgemein und der thüringischen im Besonderen sowie ein immer höherer Anteil älterer Menschen an der Bevölkerung zu konstatieren. Die Wirkungen, die diese Bevölkerungsentwicklung insbesondere auf die Tragfähigkeit der sozialen Sicherungssysteme, aber auch auf die regionalen Entwicklungspotenziale oder etwa den Bedarf an Facharbeitskräften hat, ist in den vergangenen Jahren intensiv diskutiert worden. Vor allem die Debatte um den Umbau des deutschen Sozialstaats ist von der gewandelten und sich in Zukunft noch stärker verändernden Alterstruktur maßgeblich geprägt worden. Eine zusehends ungünstigere Relation zwischen Erwerbstätigen und Rentenbeziehern stellt dabei vor allem ein erwerbsarbeitszentriertes wohlfahrtsstaatliches Modell wie das deutsche vor gewaltige Herausforderungen. 6 Es wäre jedoch eine unzulässige Verkürzung, wollte man den demografischen Wandel ausschließlich unter dem Gesichtspunkt seiner Implikationen auf die sozialen Sicherungssysteme analysieren. Die Alterung der Gesellschaft hat weit über die engeren sozialstaatlichen Strukturen hinaus gehende Implikationen, die nahezu jegliches gesellschaftliche Teilsystem direkt betreffen. Beispielhaft seien hier anstehende Veränderungen in der Arbeitswelt(längere Lebensarbeitszeiten, Ausbau geringfügiger Beschäftigungsverhältnisse usw.), in der Struktur des Dienstleistungssektors(z.B. wachsende Zahl von altenspezifischen Versorgungs- und Hilfsdiensten) und im Freizeitangebot(zunehmendes Angebot an seniorenspezifischen Angeboten usw.) genannt(essayistisch dazu Schirrmacher 2004). Eine Engführung der Perspektive würde aber vor allem den Blick auf diejenigen verstellen, um die es bei der Auseinandersetzung mit der/den Lebensphase(n)(im) Alter in erster Linie geht: die älteren Menschen. Für sie bedeutet das Erreichen des siebten oder auch jedes weiteren Lebensjahrzehnts besondere Anforderungen an die, aber auch Chancen der Lebensgestaltung. Die Bedingungen des Alterns haben sich dabei im Verlauf der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland erheblich verbessert. Maßgeblich dafür sind neben dem medizinischen Fortschritt erhebliche Wohlstandsgewinne, von denen auch die Älteren profitiert haben, sowie der Aufbau eines sozialen Sicherungssystems mit der Alterssicherung als einer seiner zentralen Säulen(Boeckh/Huster/Benz 2004). Im Ergebnis sind die heutigen Rentnerkohorten im Schnitt materiell besser gestellt und sie verfügen bei Eintritt in den Ruhestand über eine höhere Lebenserwartung als jede vorausgegangene Generation. Für die Älteren von heute ist das„dritte Lebensalter“ damit in einem historisch präzedenzlosen Vorgang planbar geworden. Hinter diesen„Megatrends“ verbirgt sich freilich eine Vielfalt höchst unterschiedlicher Lebensbedingungen, Lebenslagen und daraus resultierender Bedürfnisse älterer Menschen, wobei im Alter teils bereits bestehende soziale vertikale wie horizontale Ungleichheiten(Hradil 2005) reproduziert, womöglich sogar noch verstärkt werden. Parallel zur Vereinheitlichung der Lebenslagen im Alter(vorwiegend durch das Ausscheiden aus dem Berufsleben, mit fortschreitendem Alter aber auch durch den Tod von Angehörigen oder die Abhängigkeit von Hilfsleistungen) vollzieht sich somit eine Pluralisierung. Letztlich verliert das biologische Alter immer mehr an Bedeutung zugunsten eines sozial definierten Alters, das sich vorwiegend nach den Möglichkeiten der körperlichen, geistigen und sozialen Teilhabe bestimmt. Die viel zitierten„jungen Alten“ etwa verkörpern dabei den Prototyp des gesunden, engagierten und dynamischen Menschen, der 7 zwar nach Kalenderjahren das sechste Lebensjahrzehnt hinter sich gelassen hat, dessen Charakterisierung als„Ruheständler“ die Betroffenen aber wohl als höhnisch empfänden. Zeitlich wird das Alter als Teil des gesamten Lebenszyklus zudem oftmals in mehrere Entwicklungsphasen untergliedert. Dabei werden erst mit dem„vierten“ oder auch„fünften“ Alter intra-generationale Unterschiede nivelliert, sei es infolge von(den Alltag wie den Wahrnehmungshorizont prägenden) Erkrankungen, von Pflegebedürftigkeit oder von anders bedingten Einschränkungen der persönlichen Gestaltungsmöglichkeiten. Neben der unabweisbaren Differenzierung der Lebenslagen und Lebensphasen auch im Alter hat die moderne, durch ein hohes Maß an Interdisziplinarität charakterisierte Altersforschung einen Strukturwandel des Alters ausgemacht(Negele/Tews 1993). Dieser zeichnet sich zunächst durch einen immer früheren Ausstieg aus dem Erwerbsleben aus, der in den neuen Ländern mit der einsetzenden Massenarbeitslosigkeit besonders forciert worden ist. Mittlerweile endet die Erwerbstätigkeit faktisch – und vielfach gegen den Willen der Beschäftigten – vor dem Ende des 60. Lebensjahrs und damit mehr als fünf Jahre vor dem Erreichen des gesetzlichen Rentenalters, das nunmehr stufenweise auf 67 Jahre erhöht wird. Daneben vollziehen sich Prozesse der Singualisierung – im Familienstatus und in den Wohnverhältnissen – sowie der Feminisierung des Alters, wobei der Anteil der Frauen den der Männer vor allem unter den Hochaltrigen gewaltig übersteigt. Kenntnisse der demografischen und der gesellschaftlichen Veränderungen allgemein, vom Strukturwandel des Alters und der statistisch dokumentierten Lebensbedingungen älterer Menschen sind unverzichtbar für das Verständnis ihrer Lebenslagen. Als objektive Strukturdaten sind sie jedoch notwendigerweise unvollständig. Im Bemühen um ein vollständigeres Bild der Lebenswirklichkeit alter Menschen hat die Altersforschung daher verstärkt die spezifischen Wahrnehmungen der Älteren, ihre subjektiven Einstellungen und Bewertungen, ihre Erwartungen und Bedürfnisse untersucht. Mit der Zusammenführung der Analyse von objektiven Entwicklungen und subjektiven Orientierungen hat sie wesentlich zu einem besseren und differenzierteren Bild des Alters in modernen Gesellschaften beigetragen. Für Deutschland ist dabei mit dem Alterssurvey, einer als Panelstudie angelegten Repräsentativbefragung von Menschen in der zweiten Lebenshälfte, Pionierarbeit geleistet worden(Kohli/Künemund 2005, Tesch-Römer u.a. 2002, Tesch-Römer/Engstler/Wurm 2006). Befunde des Alterssurveys haben gezeigt, dass in manchen Bereichen die Lebenslagen der Älteren innerhalb Deutschlands und vor allem im Ost-West-Vergleich weiterhin deutlich variieren. Die spezifischen Verhältnisse in Thüringen 8 lassen sich gerade hinsichtlich der in dieser Studie interessierenden Wahrnehmungen, Einstellungen und Erwartungen älterer Menschen aus den bundesweiten Analysen nicht ableiten. Gerade für eine Transformationsgesellschaft wie die Thüringens erscheint jedoch eine systematische Dokumentation und Analyse der Sichtweisen älterer Menschen von Gewinn, hat das Land doch nicht nur einen„Demografie-Schock“ in Gestalt des Einbruchs der Geburtenraten und massiver Abwanderung in den frühen 1990er-Jahren erlebt, sondern auch eine umfassende Neugestaltung seiner politischen, wirtschaftlichen und sozialen Ordnung erfahren. Es scheint daher angebracht, zunächst wesentliche demografische Entwicklungen und ausgewählte Aspekte des Strukturwandels des Alters im Freistaat zu dokumentieren. Aus Platzgründen und wegen der Fokussierung der Altersstudie Thüringen auf die subjektive Dimension des Alterns und die seniorenspezifischen Einstellungen konzentriert sich diese Darstellung auf eine knappe Skizze von insgesamt fünf einschlägigen Entwicklungen: die zahlenmäßige Entwicklung der Wohnbevölkerung Thüringens, die Veränderung ihrer Altersstruktur, den Wandel der Haushaltsgrößen sowie die Feminisierung und Entberuflichung des Alters. Seit dem Fall der Mauer ist die Einwohnerzahl Thüringens um weit mehr als 350.000 Menschen auf den bisherigen Tiefstand von etwa 2,3 Millionen gesunken. Der Bevölkerungsrückgang hat zwei Quellen: die natürliche Bevölkerungsentwicklung, also das Verhältnis von Geburten und Sterbefällen, sowie die Wanderungsbewegungen. Von beiden Entwicklungen ist Thüringen wie die übrigen ostdeutschen Länder im Gefolge der deutschen Vereinigung besonders stark betroffen gewesen. So ist es Anfang/Mitte der 1990er Jahre zu einem historisch beinahe präzedenzlosen Geburtenknick gekommen ist und die Geburtenraten haben sich danach auf niedrigem Niveau stabilisiert. Zudem ist schwerpunktmäßig in den frühen 1990er Jahren eine massive Abwanderung insbesondere jüngerer Kohorten erfolgt. Für das Thema dieser Studie ist jedoch vor allem die Entwicklung der Altersstruktur in Thüringen relevant. Parallel zum generellen Rückgang der Bevölkerung hat sich seit 1991 nicht nur der relative Anteil der Älteren ab 60 Jahren an der Thüringer Bevölkerung erhöht, sondern auch ihre absolute Zahl. Allein bis 2004 hat sie um annähernd 180.000 zugenommen, während im selben Zeitraum die Zahl der Thüringer unter 60 Jahren um fast 400.000 zurückgegangen ist. Wie aus Abbildung 1 ersichtlich ist, haben sich die Proportionen zwischen beiden Gruppen bereits in dem kurzen Zeitraum seit der deutschen Vereinigung beträchtlich verschoben. 9 Abb. 1: 3.000.000 Entwicklung der Altersstruktur der Thüringer Bevölkerung(absolute Zahlen) 2.500.000 2.000.000 1.500.000 1.000.000 500.000 0 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 unter 60 Jahre 60-79 Jahre Hochaltrige Quelle: eigene Berechnungen nach Daten des Thüringer Landesamts für Statistik Aussagekräftiger aber sind noch die relativen Anteile der Älteren und der Hochaltrigen. Dafür werden üblicherweise der Altenquotient und der Hochbetagtenquotient berechnet. Ersterer gibt den Anteil von Personen über 60 Jahre an allen 20- bis 59-Jährigen an, letzterer den Anteil aller Hochaltriger ab 80 Jahre an den 20- bis 79-Jährigen. In Thüringen ist der Altenquotient seit 1989 von 33 auf annähernd 48 Prozent angestiegen. Kamen also im Jahr des Mauerfalls noch auf jeden Älteren drei Personen unter 60 Jahren, so sind es inzwischen nur noch zwei. Der Anteil der Hochaltrigen ist im gleichen Zeitraum nicht ganz so deutlich gestiegen (von 4,3 auf 5,5%), aber auch diese Gruppe wird angesichts der hohen Lebenserwartung weiter wachsen. Die bis 2050 reichenden Bevölkerungsprognosen lassen keinen Zweifel daran, dass sich die Alterung der Thüringer Bevölkerung bei generell abnehmender Einwohnerzahl weiter fortsetzt(Thüringer Ministerium für Bau und Verkehr 2006). Charakteristisch für die Alterung der Thüringer Gesellschaft ist zugleich ihre Feminisierung, mithin der immer höhere Anteil von Frauen unter den Älteren. Während dieser Frauenüberschuss für einige wenige Geburtskohorten noch mit einem kriegsbedingten Mangel an Männern in Verbindung gebracht werden kann, liegt der Hauptgrund doch in der weiterhin höheren Lebenserwartung von Frauen. Unter den 65-jährigen Thüringern stellen die Frauen nur eine knappe Mehrheit, bei den 70jährigen sind es bereits 60 Prozent, bei den 75-jährigen 70 Prozent; schließlich sind drei von vier 80-Jährigen weiblichen Geschlechts. 10 Der in der Regel frühere Tod der Männer führt zu deutlichen Unterschieden in den Haushaltsgrößen zwischen älteren Männern und Frauen. Wie Abbildung 2 veranschaulicht, sind die Unterschiede in der ersten Hälfte des siebten Lebensjahrzehnts noch relativ gering. Mit der immer größeren Wahrscheinlichkeit der Verwitwung steigt spätestens zu Beginn des achten Lebensjahrzehnts der Anteil der allein lebenden Frauen deutlich an. Von den Frauen zwischen 70 und 74 Jahren lebt bereits fast die Hälfte in einem Einpersonenhaushalt, während mehr als 80 Prozent der Männer in einem Mehrpersonenhaushalt leben, zumeist mit ihrer Lebenspartnerin. Die höhere Mortalität unter den Männern macht die Unterbringung in einem Pflegeheim unwahrscheinlich, da oftmals noch die Partnerinnen zur heimischen Betreuung in der Lage sind. Die hochaltrigen Frauen hingegen leben weit überwiegend – und haben eine weit höhere Wahrscheinlichkeit, die allerletzte Phase ihres Lebens in einem Alten- oder Pflegeheim zu verbringen. Abb. 2: Haushaltsgröße bei den Älteren nach Geschlecht und Alter(in Prozent) 100 12 9 11 6 7 8 8 90 21 80 27 70 50 60 64 67 68 80 50 78 67 40 30 65 20 44 10 21 27 24 12 11 13 0 Frauen Männer Frauen Männer Frauen Männer Frauen Männer 60-64 Jahre 65-69 Jahre 70-74 Jahre 75+ Jahre Einpersonenhaushalte Zweipersonenhaushalte Drei- oder Mehrpersonenhaushalte Quelle: eigene Berechnungen nach Daten des Thüringer Landesamts für Statistik Schließlich lässt sich neben der Singularisierung und der Verweiblichung des Alterns auch die Entberuflichung dieser Lebensphase anschaulich illustrieren. So sind von den Thüringern ab 65 Jahren nicht einmal zwei Prozent erwerbstätig. Unter den 60- bis 64-jährigen, die noch nicht das gesetzliche Rentenalter erreicht haben, waren im Jahresdurchschnitt 2005 gerade einmal 21 Prozent erwerbstätig. Mithin kann für die übergroße 11 Mehrheit der Thüringer ab 60 Jahren davon ausgegangen werden, dass sie bereits aus dem Berufsleben ausgeschieden sind. Die amtliche Statistik lässt keinen Zweifel daran, dass sich die finanziellen Verhältnisse der Älteren deutschlandweit im historischen Vergleich ausgesprochen positiv darstellen. Kaum jemals zuvor dürfte eine Rentnergeneration über vergleichbare ökonomische Spielräume verfügt haben. Für Thüringen wie für die übrigen ostdeutschen Länder gilt dabei, dass die Rentner, zu denen fast alle Befragten über 60 Jahren gehören, wegen der zu DDR-Zeiten hohen Erwerbsquoten von Männern und Frauen sowie aufgrund eines durchweg langen, kontinuierlichen Arbeitslebens vom aus der alten Bundesrepublik übertragenen Rentensystem profitieren. Dabei bestehen in Abhängigkeit von den Lebensumständen und auch je nach der beruflichen Situation seit der deutschen Vereinigung mutmaßlich erhebliche individuelle Unterschiede. Der hier vorgenommene grobe Überblick über ausgewählte, für das Verständnis der Lebenssituation älterer Menschen in Thüringen zentrale demografische Entwicklungen verfolgt das Anliegen, die Einordnung der im Weiteren präsentierten Auswertungen der Befragungen zu erleichtern. Die Altersstudie Thüringen gliedert sich in insgesamt vier thematische Kapitel zu Lebens- und Einstellungsbereichen, die nach der bisherigen Forschung zur Lebensphase Alter aus Sicht der Betroffenen wichtig und/oder gesellschaftlich relevant sind. Den Schwerpunkt der Analyse bilden einerseits die Beziehungen zwischen den Generationen(Kap. 3), andererseits das gesellschaftliche Engagement der Älteren(Kap. 5). Letzteres wird nicht nur nach Art und Umfang dokumentiert, sondern darüber hinaus wird den Beweggründen der Partizipation und den damit verknüpften Erwartungen nachgegangen bzw. werden die Zugangsbarrieren ermittelt. Diese Analyse knüpft an die Untersuchung der gesellschaftsbezogenen und politischen Einstellungen älterer Menschen an (Kap. 4). Am Anfang des empirischen Teils der Studie stehen die Perzeptionen und Einstellungen, die sich auf die unmittelbare persönliche Lebenssituation der Älteren in Thüringen beziehen, im Einzelnen auf die materielle Lage, die Wohnverhältnisse und die Lebenszufriedenheit(Kap. 2). 12 2. Die Lebenslagen der Älteren in der Selbstwahrnehmung 2.1. Materielle Lage Die Angaben der im Rahmen der Altersstudie befragten Thüringer über 60 Jahren zu ihrem Haushaltsnettoeinkommen bestätigen zunächst im Wesentlichen die Angaben der amtlichen Statistiken. Zwar stellt sich die Einkommenssituation der Haushalte älterer Menschen insgesamt schlechter dar als die der Haushalte von jüngeren Befragten, diese Unterschiede werden jedoch durch die unterschiedlichen Haushaltsgrößen relativiert. Etwa ein Drittel der Älteren – im Vergleich zu nur jedem vierten jüngeren Befragten – beziffert das Nettoeinkommen des eigenen Haushalts auf weniger als 1.000€(vgl. Tab. 1). 1 Am anderen Ende des Einkommensspektrums findet sich nur eine kleine Minderheit der Älteren(3%), deren Haushaltseinkommen über 3.000€ liegt, unter den Jüngeren gilt dies immerhin für fast jeden Fünften. Die genauere Untersuchung zeigt, dass die Nettoeinkommen unter 1.000€ bei drei Vierteln der Älteren einem bzw. einer Einzelnen zur Verfügung stehen. Der Anteil der Zwei- oder Mehrpersonenhaushalte, die mit weniger als 1.000€ auskommen müssen, liegt jeweils bei 12 Prozent. Fast zwei Drittel der Zweipersonenhaushalte verfügen über ein Nettoeinkommen zwischen 1.000 und 2.000€, etwa einem Viertel stehen größere Summen zur Verfügung. Die Tatsache, dass mit fortschreitendem Alter die Wahrscheinlichkeit steigt, alleine im Haushalt zu leben, erklärt zu einem erheblichen Teil auch die niedrigeren Haushalts nettoeinkommen der Hochaltrigen ab 80 Jahren. Hinzu kommt, dass in dieser Gruppe die Frauen, die während des Berufslebens im Schnitt geringere Einkommen erzielt haben, erheblich überrepräsentiert sind. Ganz generell erzielen ältere Frauen deutlich niedrigere Nettoeinkommen als die Männer über 60 Jahren. Betrachtet man die Einpersonenhaushalte der Älteren im Geschlechtervergleich, so verfügt mehr als die Hälfte der(vergleichsweise wenigen) allein lebenden Männer über mehr als 1.000€ im Monat, bei den Frauen sind es nicht einmal 30 Prozent. 1 Wegen der erfahrungsgemäß hohen Verweigerungsquoten bei Fragen zum genauen Haushaltseinkommen sind bei der Altersstudie Thüringer lediglich Einkommensspannen (unter 500€, 501-1.000€, danach in Tausender-Schritten bis 5.000€; mehr als 5.001€) erfasst worden. 13 Tab. 1: Haushaltsnettoeinkommen bei Älteren – insgesamt und nach Haushaltsgröße(in Euro) Insgesamt Einpersonenhaushalte Zweipersonenhaushalte Haushalte mit 3+ Personen bis 1.000 33 66 12 12 1.001 – 2.000€ 48 32 61 43 2.001 – 3.000€ 16 2 24 27 über 3.000€ 3 0 3 18 100 100 100 100 Erwartungsgemäß beeinflusst das Haushaltseinkommen wesentlich die subjektive Wahrnehmung der eigenen materiellen Lage. Allerdings ist dieser Zusammenhang bei den Älteren weit geringer als in der übrigen Bevölkerung. Die Befragten ab 60 Jahren zeigen sich mit ihrer finanziellen Situation bei weitem zufriedener als die Jüngeren, was mutmaßlich auch mit ihren niedrigeren bzw. gegenüber früheren Lebensphasen reduzierten Ansprüchen und einem gegenüber jüngeren Altersgruppen veränderten Konsumverhalten zusammenhängt. Innerhalb der Älteren sind es wiederum die Hochaltrigen, deren Urteile über die eigene finanzielle Lage besonders positiv ausfallen: Drei von vier Befragten ab 80 Jahren bezeichnen sie als gut oder sehr gut. Während die Selbsteinschätzung der finanziellen Situation in keinem Zusammenhang mit dem Geschlecht steht, fällt sie mit steigendem formalen Bildungsniveau zusehends positiver aus. Die übrigen 25 Prozent der Älteren, die in einer finanziell schwierigen Lage sind, versuchen diese mit größerer Wahrscheinlichkeit durch eine Nebenerwerbstätigkeit aufzubessern. Die prekäre eigene wirtschaftliche Lage bereitet etwa vier von fünf der betroffenen Älteren auch finanzielle Sorgen. Insgesamt wird ein Viertel dieser Altersgruppe von entsprechenden Sorgen geplagt – und damit ein erheblich geringerer Anteil als unter den Befragten bis 59 Jahre(39%). Noch deutlicher unterscheiden sich die Älteren aber von den Jüngeren hinsichtlich der Befürchtung, dass zukünftig bzw. im Alter die eigene Rente nicht zum Leben ausreicht. Diese Einschätzung teilt fast die Hälfte der derzeitigen Rentner, während es unter den Jüngeren, die erst in der Zukunft Renten beziehen werden, sogar bemerkenswerte 70 Prozent sind (vgl. Abb. 3). 14 Abb. 3: Angst vor unzureichender Rente – Ältere im Vergleich zu Jüngeren sowie nach finanzieller Lage und Neigung zu Sorgen(„stimme voll und ganz zu“ und„stimme eher zu“ zusammen; in Prozent) 90 80 70 70 78 66 60 50 48 52 46 40 34 33 30 20 10 0 Ältere Befragte(sehr) gut weniger schlecht gering mittel groß unter 60 gut Alter Ältere: finanzielle Lage Ältere: Besorgtheit Wiederum sind es die finanziell schlechter Gestellten, die im besonderen Maße um die Zukunft ihrer Renten besorgt sind. Allerdings hat die Selbsteinschätzung der eigenen materiellen Lage nur bei den Älteren einen starken Effekt auf die„Rentenangst“. Unter den Befragten ab 60 Jahren mit(sehr) guter finanzieller Lage ist sie nur halb so verbreitet wie bei denjenigen in weniger guter Lage(vgl. Abb. 3). Hingegen treibt von den Jüngeren selbst annähernd zwei Drittel der gut Situierten die Befürchtung vor einer den Lebensunterhalt(bzw. den Lebensstandard) nicht sichernden Rente um. Um zu kontrollieren, ob die„Rentenangst“ nicht vorwiegend Effekt einer generellen Neigung zu Sorgen ist und somit in Persönlichkeitsmerkmalen begründet liegt, wurden die Befragten nach dem Grad ihrer generellen Besorgtheit in drei Gruppen eingeteilt. 2 Wie Abbildung 3 illustriert, hat dieser Persönlichkeitsfaktor Bedeutung für die „Rentenangst“; allerdings scheint seine Wirkung(in der bivariaten Betrachtung) begrenzter als die der eigenen finanziellen Lage. Festzuhalten bleibt, dass unbeschadet der tatsächlichen Einkommensund Vermögensverhältnisse die finanzielle Lage der Älteren in der Selbstwahrnehmung besser ausfällt als die der Jüngeren. Nur für eine, aller2 Die Einteilung erfolgt anhand der auf einer Skala von 1(volle Ablehnung) bis 7(volle Zustimmung) abgestuften Positionierung zu der Aussage„Ich bin eine Person, die sich oft Sorgen macht“. 15 dings nicht zu vernachlässigende Minderheit unter ihnen gibt sie Anlass zur Besorgnis. Entsprechend ist die„Rentenangst“ unter den gegenwärtigen Beziehern von Renten bei weitem schwächer ausgeprägt als bei den Jüngeren. Im Wissen um die demografischen Veränderungen sehen vor allem die Befragten unter 60 Jahren ihre materielle Sicherung im (Renten-)Alter gefährdet. Insofern eine Reihe sozialstaatlichen Reformen gerade bei der Säule der Rentenversicherung ansetzen, wie etwa die schrittweise Erhöhung des Rentenalters und die staatliche Förderung einer privaten Absicherung(Stichwort Riester-Rente), ist es nur konsequent, dass sich die Jüngeren selbst auch weit mehr als die Älteren zu den Verlierern beim Umbau des Sozialstaats rechnen(61% im Vergleich zu 43% bei den Älteren – vgl. auch Kap. 4.1). 2.2. Wohnsituation Angesichts der im Schnitt positiven Einschätzung der eigenen finanziellen Lage seitens der Älteren vermag die positive Würdigung der eigenen Wohnverhältnisse durch die Befragten allenfalls in ihrer Deutlichkeit zu überraschen. Fast die Hälfte der Älteren bewertet die eigene Wohnsituation als sehr gut, weitere etwa 40 Prozent als gut; gerade einmal einer unter 250 Befragten ab 60 Jahren charakterisiert sie als schlecht. Damit liegt die Wohnzufriedenheit in dieser Altersgruppe noch höher als unter den Jüngeren. Die hohen Zufriedenheitswerte dürften zu einem Teil darauf zurückzuführen sein, dass die aktuelle Wohnsituation mit einer früheren, bei chronisch Kranken und Hochaltrigen womöglich auch mit einer etwaigen Heimunterbringung verglichen werden. Sie reflektieren aber auch die deutlich verbesserte Wohnsituation auch der älteren Menschen in Ostdeutschland seit der Vereinigung, etwa hinsichtlich des verfügbaren Wohnraums, der sanitären Einrichtungen und der Versorgung mit Zentralheizungen. Die subjektive Einschätzung der Wohnsituation ist bei den älteren Menschen selbst bei möglichen objektiven Mängeln des Wohnraums besonders hoch zu gewichten, da sie sich wegen des beendeten Erwerbslebens und mit steigendem Alter auch angesichts eingeschränkter Mobilität vorwiegend, mitunter sogar ganztätig in der Wohnung aufhalten. Mit anderen Worten: Die eigenen vier Wände gewinnen – ungeachtet der tatsächlichen Eigentumsverhältnisse – im Alter an Bedeutung. Dieser hohe Stellenwert des Wohnraums findet auch in dem starken Zusammenhang der Wohnzufriedenheit mit der Lebenszufriedenheit seinen Ausdruck. 16 Neben dem Wohnraum im engeren Sinne ist aber auch ein altersgerechtes Wohnumfeld für die Befragten ab 60 Jahren wichtig. In der Altersstudie ist die Einschätzung des Wohnumfelds in Anlehnung an Fragen aus dem bundesweiten Alters-Survey anhand von fünf Aussagen erhoben worden. Diese erfassen die Verbundenheit mit der Wohngegend, die wahrgenommene Sicherheit sowie für Ältere zentrale Aspekte der Infrastruktureinrichtungen, nämlich Einkaufsmöglichkeiten, die Erreichbarkeit von Ärzten und Apotheken sowie die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr. Auffällig ist zunächst die hohe Verbundenheit mit der Wohngegend, die zweifellos in der zumeist langen Wohndauer am Ort liegt und als Ausdruck der Vertrautheit mit den räumlichen und sozialen Verhältnissen interpretiert werden kann. Sie wird von weit über 90 Prozent der Befragten zum Ausdruck gebracht und liegt damit deutlich über dem bundesweiten Schnitt. Auch hinsichtlich der Versorgung mit Infrastruktureinrichtungen fällt die Wahrnehmung des Wohnumfelds insgesamt positiv aus. Nur ein knappes Viertel der Älteren klagt über unzureichende Einkaufsmöglichkeiten. Jeweils etwa jeder Fünfte sieht Probleme mit der Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr und moniert das Fehlen von Ärzten und Apotheken in der Wohngegend. Dabei variieren die Einschätzungen zwischen den Geschlechtern und nach dem Lebensalter kaum. Der Gesundheitszustand hingegen spielt eine Rolle, wenn es um die Bewertung der Erreichbarkeit von Ärzten und Apotheken geht: Die Befragten mit einem (sehr) schlechten Gesundheitszustand, die besonders häufig Ärzte aufsuchen müssen, urteilen deutlich negativer als die Gesünderen. Besonders deutliche Zusammenhänge ergeben sich jedoch mit der Größe des Wohnorts. Wie auch bundesweit(Motel-Klingebiel/Künemund/Bode 2005: 138) gilt, dass die Infrastrukturausstattung mit sinkender Einwohnerzahl abnimmt. Entsprechend stellt sich die Situation für die ältere Landbevölkerung deutlich schlechter dar als für die Städter. Die Älteren, die in Gemeinden mit weniger als 5.000 Einwohnern leben, beurteilen vor allem die Anbindung an den Nahverkehr, aber auch die Einkaufsmöglichkeiten überdurchschnittlich kritisch, wenngleich auch unter ihnen die positiven Bewertungen deutlich überwiegen. Je schlechter die infrastrukturelle Ausstattung wahrgenommen wird, desto weniger sind die Befragten zu(noch) längeren Behördenwegen bereit, selbst wenn dadurch Verwaltungskosten eingespart werden. Während die infrastrukturelle Versorgung von den Älteren insgesamt positiv beurteilt wird, so treten in manchen Gruppen, wie etwa im ländlichen Raum, die Probleme geballt auf. Berichten die Befragten über ein Problem, so steigt die Wahrscheinlichkeit erheblich, dass auch ein zweites Problem gesehen wird. Bildet man einen Index der infrastrukturellen 17 Versorgung im Wohnumfeld, so lassen sich die Befragten in sehr gut versorgten Gebieten(keine Infrastrukturprobleme) von solchen unterscheiden, die ihre Wohngegend in einem, zwei oder allen drei Bereichen als unterversorgt betrachten. Eine deutliche Mehrheit attestiert dem Wohnumfeld eine sehr gute Versorgung, während eine schlechte Versorgung(zwei oder drei Defizitbereiche) nur von etwa jedem Sechsten gesehen wird. Wie allerdings Tabelle 2 illustriert, sind die älteren Menschen in kleinen Gemeinden weit überproportional von infrastrukturellen Engpässen betroffen. Es steht angesichts der demografischen Entwicklung zudem zu erwarten, dass sich die Infrastrukturversorgung im ländlichen Raum weiter verschlechtert. Tab. 2: Infrastrukturelle Versorgung des Wohnumfelds(Index) aus der Sicht der Älteren(in Klammern: Zahl der Bereiche mit berichteter Unterversorgung) bis 5.000 Einwohner 5.001 bis 20.000 Einwohner 20.001 bis 50.000 Einwohner über 50.000 Einwohner sehr gut(0) 40 60 65 70 eher gut(1) 37 22 27 22 eher schlecht(2) 20 14 5 6 schlecht(3) 3 4 2 2 In keinem Zusammenhang mit der Bewertung der Infrastruktureinrichtungen steht die Einschätzung der Sicherheit. Immerhin ein gutes Drittel der Älteren fühlt sich nach Einbruch der Dunkelheit im Wohnumfeld unsicher – das sind mehr als doppelt so viele wie in den jüngeren Geburtskohorten. Diese versteckte Kriminalitätsfurcht ist allerdings aus kriminalsoziologischer Sicht nicht notwendig ein Hinweis auf eine realiter hohe Kriminalitätsbelastung. So nimmt etwa unter den Befragten ab 60 Jahren das Unsicherheitsempfinden mit dem Alter drastisch zu(mehr als die Hälfte der Hochaltrigen hält das eigene Wohnumfeld des Nachts für unsicher), obwohl die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um eigene Erfahrungen handelt, zugleich abnimmt. Mit der Ortsgrößenklasse ergibt sich ein umgekehrter Zusammenhang wie bei der infrastrukturellen Versorgung: Je größer der Wohnort, desto größer die Kriminalitätsfurcht – ein Spiegelbild der höheren Kriminalitätsbelastung größerer Städte. Erweitert man den Index der infrastrukturellen Versorgung um die empfundene Sicherheit im Wohngebiet zu einem Index der Qualität des Wohnumfelds, so gibt eine relative Mehrheit der Älteren eine hohe Quali18 tät der Wohnumgebung an. Lediglich etwa 20 Prozent zeigen sich rundum zufrieden, während knapp 12 Prozent eine niedrige bzw. sehr niedrige Qualität des Wohnumfelds berichten. Bei den Befragten unter 60 Jahren sind die Relationen fast genau umgekehrt, das heißt sie bewerten das Wohnumfeld erkennbar schlechter. Die Einschätzung des Wohnumfelds steht bei beiden Gruppen in keinem Zusammenhang mit der Wohnzufriedenheit. Unabhängig von der aktuellen Wohnsituation stellt sich mit zunehmendem Lebensalter die Frage, welche Wohnform bevorzugt wird, wenn einmal ein selbstständiges Leben in den eigenen vier Wänden nicht mehr möglich sein sollte. Den Älteren wurden dabei sechs verschiedene Wohnformen von der Betreuung durch einen Familienangehörigen bis hin zur Unterbringung in einem Pflegeheim angeboten mit der Bitte anzugeben, welche davon für sie wünschenswert wären, welche akzeptabel und welche nicht in Frage kämen. Spiegelbildlich wurden die Befragten unter 60 Jahren gefragt, welche dieser Wohnformen sie sich für ihre älteren Familienangehörigen wünschen würden. Vergleicht man die Präferenzen der Älteren mit den für ihre Familienangehörigen gewünschten Wohnformen der Jüngeren, so fallen drei Befunde ins Auge. Erstens gilt für jede der genannten Wohnformen, dass sie von den Befragten unter 60 Jahren häufiger für wünschenswert gehalten wird als von den Älteren(vgl Abb. 4). Zweitens sind die Unterschiede zwischen beiden Altersgruppen durchweg gering, und auch die Rangfolge der häufigsten Nennungen stimmt überein. Drittens jedoch driften die Einschätzungen bezüglich der Seniorenwohn- bzw.-hausgemeinschaft deutlich auseinander: Während die Befragten unter 60 Jahren deutliche Sympathie für diese neuere Wohnform aufbringen, ist unter den Älteren der Anteil derjenigen, der diese Wohnform für wünschenswert hält nicht einmal halb so groß. Mehr als die Hälfte der Älteren schließt sogar eine solche Wohnform für sich explizit aus. Die von Älteren und Befragten unter 60 Jahren gleichermaßen bevorzugte Wohnform für den Fall, dass eine Selbstversorgung nicht mehr möglich sein sollte, ist die Betreuung durch Familienangehörige in der eigenen Wohnung. Auch wenn es sich dabei nur um einen Wunsch handelt, ist er doch Ausdruck starker familiärer Bande und der Bereitschaft zur innerfamiliären Solidarität und Fürsorge. Wenn gleichwohl ein Viertel der Älteren eine Betreuung durch Familienangehörige ausschließt, dann dürfte dies vor allem aus Rücksichtnahme gegenüber den eigenen Familienmitgliedern und aus Angst vor deren Überforderung geschehen. Wie die Betreuung durch Familienangehörige geht auch die am zweithäufigsten gewünschte Wohnform, die Betreuung durch einen ambulanten Pflegedienst, vom Verbleib der Betroffenen in der gewohnten Wohn19 umgebung aus. Genau dies scheint primäres Anliegen der Älteren, aber auch der jüngeren Geburtskohorten mit Blick auf ihre Familienangehörigen zu sein. Abb. 4: Wohnformen bei Unmöglichkeit der Selbstversorgung – gewünschte Wohnform der Älteren für sich selbst und der Befragten unter 60 Jahren für ihre Familienangehörigen(Mehrfachnennungen; in Prozent) Betreuung durch Familienangehörigen Betreuung durch ambulanten Pflegedienst betreutes Wohnen Mehrgenerationenhäuser Seniorenwohngemeinschaft Pflegeheim 0 48 53 37 41 34 39 31 38 17 35 6 8 10 20 30 40 50 60 Befragte unter 60(für Familienangehörige) Ältere(für sich) Relativ starke Zustimmung findet in beiden Altersgruppen eine ausgesprochen junge und noch kaum verbreitete Wohnform: die Mehrgenerationenhäuser. Hier leben mehrere, familiär nicht verbundene Generationen in einem idealiter engen Kommunikationszusammenhang unter einem Dach und erbringen wechselseitig Betreuungsleistungen. Immerhin ein knappes Drittel der Älteren hält eine solche Wohnform für wünschenswert, ein weiteres Drittel für akzeptabel; die Werte bei den Befragten unter 60 Jahren liegen jeweils noch höher. Hingegen stößt die Unterbringung in einem Pflegeheim auf nachhaltige Ablehnung. Sie ist die einzige Wohnform, die auch von den Befragten unter 60 Jahren mehrheitlich, von den Älteren sogar zu zwei Dritteln ausgeschlossen wird – wohl nicht zuletzt deshalb, weil sie direkt mit der eigenen Pflegebedürftigkeit assoziiert wird. Untereinander stehen die Bewertungen der einzelnen Wohnformen nur vereinzelt in einem starken Zusammenhang. Dies gilt etwa für das betreute Wohnen und die Betreuung durch einen ambulanten Pflegedienst. Auch für die vergleichsweise jungen Wohnformen der Mehrgene20 rationenhäuser und der Seniorenwohngemeinschaften gilt, dass je mehr eine der beiden befürwortet wird, desto stärker auch die andere an Unterstützung erfährt. Die Seniorenwohngemeinschaften stoßen allerdings mit steigendem Alter auf immer deutlichere Ablehnung. Ansonsten lassen sich keine systematischen Effekte sozialstruktureller Merkmale nachweisen. Wie die einzelnen Wohnformen bewertet werden, ist auch unabhängig von der finanziellen Lage der Befragten, ihrem Gesundheitszustand und ihrer Wohnsituation. Insgesamt findet sich für das Wohnen der schon für die materielle Ausstattung ermittelte Befund bestätigt: Eine deutliche Mehrheit ist mit den eigenen Wohnverhältnissen wie auch mit dem Wohnumfeld zufrieden. So wichtig Aspekte der materiellen Versorgung und des Wohnens für das Wohlbefinden älterer Menschen(und nicht nur dieser Alterskohorte) sind, so wenig bestimmt sich die Lebensqualität allein danach. Um ein aussagekräftiges Bild davon zu erhalten, wie die Älteren ihre Lebensumstände und-bedingungen einschätzen und bewerten, sind darüber hinaus eine Reihe weiterer Faktoren einzubeziehen, darunter etwa die Einschätzung der Lebensbedingungen in Thüringen, das gesundheitliche Wohlbefinden, das„gefühlte Alter“ und insbesondere die allgemeine Lebenszufriedenheit. 2.3. Lebenszufriedenheit Fragt man nach den Lebensbedingungen in Thüringen speziell für ältere Menschen, so äußern sich die Befragten ab 60 Jahren überwiegend zufrieden: Etwa 80 Prozent stufen sie als gut oder sehr gut ein. Die Bewertung ist dabei weitgehend unabhängig von sozialstrukturellen Faktoren wie Bildung, Geschlecht und Alter. Aussagekräftiger für das subjektive Wohlbefinden dürfte aber das gefühlte Alter der Befragten sein. Dies gilt ungeachtet dessen, dass in der Gesellschaft fortbestehende negative Assoziationen mit dem Alter im Sinne der sozialen Erwünschtheit Anreize bieten können, das gefühlte Alter niedriger anzusetzen als das Lebensalter. In der Altersforschung ist in diesem Zusammenhang wiederholt eine„Verjüngung“ des Alters auch im Bewusstsein älterer Menschen konstatiert worden(Backes/Clemens 1998:23). Dieser Befund lässt sich auch für Thüringen bestätigen: Im Schnitt schätzen sich die Älteren um fast ein ganzes Jahrzehnt jünger ein, als sie tatsächlich sind. Mehr als 40 Prozent beziffern die Differenz auf mehr als zehn Jahre, immerhin noch 18 Prozent auf mehr als 15 Jahre. Umgekehrt fühlen sich lediglich acht Prozent der Befragten so alt, wie sie nach ihrem Geburtsjahr sind, und nur sechs Prozent fühlen sich älter. Bei Männern 21 weicht das gefühlte vom realen Alter noch deutlicher ab als bei den Frauen. Erwartungsgemäß hängen das gefühlte Alter und die entsprechende Differenz zum realen Alter eng mit dem Gesundheitszustand der Befragten zusammen. Eine relative Mehrheit der Älteren(45%) schätzt diesen für sich als mittelmäßig ein, ein gutes Drittel befindet ihn für gut, weitere sieben Prozent sogar für sehr gut. Sogar unter den Hochaltrigen sind diejenigen mit einem(sehr) guten Gesundheitszustand zahlreicher als diejenigen, denen es nach eigener Einschätzung(sehr) schlecht geht. Selbst wenn man in Rechnung stellt, dass sich die Maßstäbe für die Beurteilung mit steigendem Alter verschieben und dass aus erhebungstechnischen Gründen stark Pflegebedürftige in der Stichprobe kaum vertreten sein dürften, beeindruckt doch die jedenfalls dem eigenen Empfinden nach gute Gesundheit der Älteren. Den besten Aufschluss über die von den Älteren wahrgenommene bzw. erlebte Lebensqualität gibt jedoch die allgemeine Lebenszufriedenheit. In diese Einschätzung fließen die Bewertungen der einzelnen aus der Sicht der Befragten relevanten Lebensbereiche ein; sie kann gewissermaßen als ein Saldo der bereichsspezifischen Bilanzen gelten. Nach den bisherigen Ausführungen vermag kaum zu überraschen, dass die meisten älteren Menschen in Thüringen mit ihrem Leben alles in allem zufrieden sind. Auf einer Skala von 0(„sehr unzufrieden“) bis 10(„sehr zufrieden“) Punkten erreichen sie im Schnitt knapp sieben Punkte und damit nicht nur einen Wert deutlich oberhalb des technischen Skalenmittelpunkts, sondern auch einen geringfügig höheren als die jüngeren Alterskohorten. Teilt man die Befragten je nach ihrer Punktzahl in vier Gruppen ein – solche mit sehr hoher(9-10 Punkte auf der Skala), hoher(7-8), mittlerer (5-6) und geringer Zufriedenheit(0-4 Punkte) –, so stellen die Hochzufriedenen die mit Abstand stärkste Gruppe, gefolgt von den Befragten mit mittlerer Zufriedenheit. Diese Abstufung und auch der Anteil der Älteren mit geringer Lebenszufriedenheit variieren kaum nach dem tatsächlichen Alter(vgl. Abb. 5). Folglich liegt selbst unter Hochaltrigen der Anteil Hoch- und Höchstzufriedener nicht nennenswert unter dem Durchschnitt. 22 Abb. 5: Lebenszufriedenheit der Älteren – nach tatsächlichem und gefühltem Alter(in Prozent) 100 90 17 80 70 60 48 50 40 30 20 27 10 9 0 Ältere insgesamt 15 47 29 9 60-69 16 52 22 9 70-79 21 20 12 10 13 16 45 45 41 50 50 31 33 36 23 22 8 7 9 10 80+ viel jünger etwas so alt wie älter jünger man ist tatsächliches Alter gefühltes Alter gering mittel hoch sehr hoch Abweichungen von 100 Prozent sind rundungsbedingt Ein ganz anderes Bild ergibt sich für das gefühlte Alter: Je jünger sich die Befragten bezogen auf ihr Lebensalter fühlen, desto zufriedener sind sie. Beträgt die Differenz zum realen Alter mehr als zehn Jahre, so geben 70 Prozent der Betreffenden eine hohe oder sehr hohe Zufriedenheit an. Unter denjenigen, die sich älter fühlen, als sie nach Kalenderjahren sind, ist es nicht einmal jeder Dritte. Neben der aktuellen Lebenszufriedenheit ist auch die Entwicklung von Interesse, wie sie sich den Befragten im Vergleich zu vor zehn Jahren darstellt. Da dazu keine Befragungsdaten aus dem Jahr 1997 zur Verfügung stehen, ist hierfür die Rückerinnerung der Befragten herangezogen worden. Anders als bei den jüngeren Kohorten ist die durchschnittliche Lebenszufriedenheit im Vergleich zu der Zeit vor zehn Jahren in der Selbstwahrnehmung der Älteren nur unmerklich gesunken. Das Altern in den zurückliegenden zehn Jahren ist von den aktuell mindestens 60Jährigen folglich nicht als eine Einbuße an Lebensqualität erfahren worden. Im Vergleich fällt lediglich eine stärkere Homogenisierung auf: die Extreme, also einerseits eine sehr hohe und andererseits eine dezidiert geringe Lebenszufriedenheit, sind zum Zeitpunkt der Befragung 2007 seltener, als dies nach der Erinnerung der Befragten zehn Jahre zuvor der Fall gewesen ist. Allerdings verdeckt die scheinbare Kontinuität bei der Betrachtung aller Befragten(Aggregatebene) durchaus beträchtliche Entwicklungen auf der Individualebene. 23 Untersucht man die individuellen Veränderungen, ergibt sich nur für jeden dritten Älteren eine Stabilität der Lebenszufriedenheit(vgl. Abb. 6). Bei den übrigen zwei Dritteln hat es mehr oder minder deutliche Veränderungen in den vergangenen zehn Jahren gegeben. Wie Abbildung 6 veranschaulicht, stehen Verbesserungen bei 29 Prozent Verschlechterungen bei 38 Prozent der Älteren gegenüber. Bei 26 Prozent sind deutliche Veränderungen zu verzeichnen, wobei sie für die eine Hälfte der Betroffenen positiv ausgefallen sind, für die andere Hälfte negativ. Eine solch ausgeglichene Bilanz findet sich in der Vergleichsgruppe der Jüngeren nicht. Hier ist der Anteil derjenigen, die eine deutlich geringere Lebenszufriedenheit als zehn Jahre zuvor angaben, mit 22 Prozent annähernd doppelt so hoch wie der derjenigen mit einer deutlich höheren Zufriedenheit im Zeitverlauf. Abb. 6: 35 Entwicklung der Lebenszufriedenheit im Vergleich zu vor 10 Jahren auf einer Skala von-10 bis+10(in Prozent) 30 Verschlechterung Verbesserung 25 deutlich etwas etwas deutlich 20 60+: 13% 60+: 25% 60+: 16% 60+: 13% <60: 22% <60: 26% <60: 16% <60: 12% 15 10 5 0 -10-9-8-7-6-5-4-3-2-1 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Ältere Befragte unter 60 Jahren Eine solche ausgeglichene Bilanz findet sich in der Vergleichsgruppe der Jüngeren nicht. Hier ist der Anteil derjenigen, die eine Verschlechterung wahrnehmen, fast doppelt so groß wie der Anteil derer, die eine Verbesserung empfinden. In den jüngeren Geburtskohorten ist zugleich nur bei einem Viertel die Lebenszufriedenheit konstant geblieben. Einen zentralen Einschnitt im Lebensverlauf mit möglicherweise deutlichen Effekten auch auf die Lebenszufriedenheit stellt das Ausscheiden aus dem Berufsleben dar. Daher sind die Rentner im Rahmen der Altersstudie Thüringen auch danach gefragt worden, ob es ihnen im 24 Vergleich zu der Zeit ihrer Berufstätigkeit besser oder schlechter geht. Eine knappe relative Mehrheit sieht keinen Unterschied zwischen dem eigenen Befinden vor und nach dem Ruhestand. Immerhin 37 Prozent geben eine Verbesserung an. Bei dem knappen Viertel der Älteren, denen es aktuell schlechter geht als während des Berufslebens, sind sowohl finanziell schlechter Gestellte überrepräsentiert als auch Befragte mit angeschlagener Gesundheit. Wie der Vergleich mit der Zeit vor dem Ruhestand ausfällt, beeinflusst in der erwarteten Weise die Lebenszufriedenheit: je positiver die Zeit der Berufstätigkeit, desto geringer die Zufriedenheit. Bislang sind schon einige Faktoren genannt worden, die eng mit der Lebenszufriedenheit zusammenhängen und womöglich zu ihren Determinanten gehören: die eigene finanzielle Lage, der Gesundheitszustand, das tatsächliche und das gefühlte Alter sowie zuletzt der Vergleich mit der Zeit vor dem Ruhestand. Im Folgenden wird den Merkmalen bzw. Determinanten der Lebenszufriedenheit älterer Menschen genauer nachgegangen, erscheint es doch von elementarer Bedeutung, wie und weshalb ältere Menschen mit ihrem Leben zufrieden sind. Damit auch die Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Einflussfaktoren berücksichtigt werden können, erfolgt hier eine multivariate statistische Analyse. Damit verbindet sich nicht der Anspruch einer genuinen Erklärung der Lebenszufriedenheit älterer Menschen in Thüringen. Vielmehr geht es darum, den relativen Einfluss einzelner Faktoren auf die Lebenszufriedenheit zu bestimmen. In die hier vorgenommene Regressionsanalyse sind neben den üblichen sozialstrukturellen Faktoren wie Alter, Geschlecht, Bildung und Wohnortgröße Variablen verwendet worden, die sich vier Gruppen zuordnen lassen: der ökonomischen Lage bzw. ihrer Wahrnehmung durch die Befragten, den persönlichkeitsbezogenen Faktoren, den gesellschaftlichen und politischen Wahrnehmungen 3 und der persönlichen Lebenssituation. Im Einzelnen sind für die genannten Einflussfaktorenbündel die folgenden Variablen verwendet worden: • Materielle Lage: Haushaltsnettoeinkommen, eigenen finanzielle Lage, finanzielle Sorgen, Angst um Rente, sozioökonomische Benachteiligung. • Persönlichkeitsbezogene Faktoren: Neigung zur Besorgnis, Offenheit für neue Erfahrungen(Index), Gewissenhaftigkeit(Index). 3 Diese Wahrnehmungen werden in Kapitel 4 genauer analysiert. 25 • Gesellschaftliche und politische Wahrnehmungen: gerechte Gesellschaft, Zufriedenheit mit Seniorenpolitik, Vertrauen in Landespolitik für Ältere, Beurteilung der Lebensbedingungen in Thüringen. • Persönliche Lebenssituation: Gesundheitszustand, Wohnzufriedenheit, Einsamkeit, Vertrauen auf Fürsorge von Angehörigen, Wissen um soziale Integration, gefühltes Alter(Differenz zum Lebensalter), Vergleich mit Zeit der Berufstätigkeit. Legt man hohe statistische Anforderungen fest, 4 ergeben sich aus der multivariaten Analyse insgesamt sechs Faktoren, die maßgeblichen Einfluss auf die Lebenszufriedenheit älterer Menschen haben. Die stärkste Erklärungskraft hat – wenig überraschend – der eigene Gesundheitszustand bzw. seine subjektive Wahrnehmung durch die Betroffenen. Bereits an zweiter Stelle steht als einziger den politischen Perzeptionen zuzurechnender Faktor die Zufriedenheit mit der Politik gegenüber den Älteren. An dritter Position folgen die finanziellen Sorgen und somit eine sozioökonomische Determinante. Wie der Gesundheitszustand sind die übrigen drei Faktoren, das Vertrauen auf die Fürsorge der Angehörigen, die Wohnzufriedenheit und der Vergleich mit dem Befinden während der Berufstätigkeit, Facetten der persönlichen Lebenssituation der Betroffenen. Um im Alter eine hohe Lebenszufriedenheit zu erreichen, müssen vor allem die persönlichen Lebensverhältnisse„stimmen“: Gesundheit ist dafür eine zentrale Voraussetzung, aber auch die Wohnverhältnisse, die familiäre Anbindung und natürlich die finanziellen Spielräume sind bedeutsam. Im Prinzip sind die genannten Faktoren relevant für Männer wie Frauen, höher wie niedriger Gebildete, frisch aus dem Beruf Ausgeschiedene wie Hochaltrige – und zwar weitgehend unabhängig von ihrer jeweiligen Persönlichkeit. Sieht man von den finanziellen Spielräumen ab, so lassen sie sich durch die Politik nur schwer(etwa über ein funktionstüchtiges Gesundheitswesen) oder gar nicht beeinflussen. Dennoch zeigt die multivariate Analyse, dass der Politik eine wichtige Rolle für das Wohlbefinden Älterer zukommt. Ihre Aufgabe besteht darin, den älteren Menschen auf symbolischer Ebene wie auch durch konkrete Maßnahmen das Gefühl zu vermitteln, dass sie mit ihren Anliegen ernst genommen werden. Abschließend ist anzumerken, dass die persönliche Lebenszufriedenheit auch bestimmt, mit welchen Erwartungen in die Zukunft geblickt wird. Für fast die Hälfte der Älter gilt, dass sie ihre Zukunft positiv oder sehr 4 Berücksichtigt wurden lediglich solche Faktoren, die das höchste Signifikanzniveau (p<0.001) aufwiesen und einen beta-Wert von über.10 erreichten. 26 positiv wahrnimmt. Lediglich eine kleine Minderheit sieht die eigene Zukunft in dunklen Tönen. Je zufriedener die Befragten mit ihrem jetzigen Leben sind, desto mehr erwarten sie sich von der Zukunft. 27 3. Generationenbeziehungen Das Zusammenleben in einer Gesellschaft wird ganz wesentlich von den Beziehungen zwischen den Generationen geprägt. Dies gilt zunächst in dem profanen Sinne, dass zahlreiche elementare Sozialisations- und Fürsorgeleistungen in intergenerationalen Beziehungen erbracht werden. Teils sind diese Beziehungen gar gesetzlich geregelt und verbindlich, wie etwa der so genannte Generationenvertrag in der gesetzlichen Rentenversicherung. Zentraler sozialer Ort des intergenerationalen Zusammenlebens und Austauschs ist dabei die Familie. Insofern überrascht es nicht, dass die Altersforschung die Generationenbeziehungen vorzugsweise etwa anhand der familiären Einbindung älterer Menschen und der innerfamiliär erbrachten Fürsorge- und materiellen Leistungen untersucht hat (Hoff 2006; Kohli u.a. 2005). Diese bieten zweifellos ganz entscheidende Anhaltspunkte für Ausmaß und Qualität des Generationenverhältnisses in einer modernen Gesellschaft. Dies gilt umso mehr in Thüringen, als sich im Zuge der gesellschaftlichen Transformation seit 1989/90 gravierende Veränderungen nicht nur in der politischen und wirtschaftlichen Ordnung, sondern auch im Sozialgefüge ergeben haben. Neben dem innerfamiliären Verhältnis der Generationen sind aber auch die kollektiven Beziehungen zwischen den Generationen von großer gesellschaftlicher Relevanz. Die wechselseitige Akzeptanz der Generationen – auch jenseits der engen familiären Bindungen – kann etwa nachhaltig den Zusammenhalt in einer Gesellschaft fördern. Umgekehrt können die kollektiven Interaktionen(und die sie begleitenden Wahrnehmungen) auch konfliktträchtig sein(plastisch Gronemeyer 2004). Ein möglicher Konfliktgegenstand hat sich mit der Neugestaltung der sozialen Sicherungssysteme aufgetan. Als eines ihrer zentralen Architekturmerkmale ist lange Zeit der solidarische kollektive Ausgleich zwischen den Generationen(Generationenvertrag) proklamiert worden. Im Zuge der demografischen Veränderungen und immer neu aufflammenden Sozialstaatsdebatten sind verschiedentlich massive Interessengegensätze zwischen den Generationen, vornehmlich zwischen den Rentnern und den im Erwerbsleben Stehenden, konstatiert worden(differenziert dazu Motel-Klingebiel 2000). Vor diesem Hintergrund erscheint es über die Untersuchung der sozialen Integration älterer Menschen in Thüringen (Kap. 3.1) hinaus wichtig, die wechselseitigen Wahrnehmungen der Generationen und die Beurteilung des Generationenverhältnisses jenseits der familiären Beziehungen in den Blick zu nehmen(Kap. 3.2). 28 3.1. Die soziale Integration älterer Menschen Der für ältere Menschen bei weitem wichtigere Aspekt der Intergenerationenbeziehungen ist die Einbindung in familiäre Zusammenhänge. Zumal im hohen Alter und nach dem Tod des Lebenspartners sind die sozialen Kontakte zur eigenen Familie für die Älteren oftmals wesentlich für die gesellschaftliche Einbindung. Verschiedene Untersuchungen haben gezeigt, dass sich die innerfamiliären Beziehungen zwischen den Generationen auch in Zeiten der gesellschaftlichen Transformation und steigender beruflicher Mobilität der Erwerbstätigen als durchaus beständig erwiesen haben(Kohli u.a. 2005: 205 f.). Für die Hypothese einer starken Vereinzelung und Vereinsamung gerade der Verwitweten ab 60 Jahren fanden sich bislang insgesamt kaum empirische Belege. In der Altersstudie Thüringen ist zur Untersuchung der familiären Integration nach der Häufigkeit des Kontakts mit den eigenen Kindern gefragt worden, wobei zwischen dem persönlichen Kontakt(Besuche der Kinder) und dem telefonischen Kontakt unterschieden wurde. Dabei ist in Rechnung zu stellen, dass etwa jeder neunte Befragte über 60 Jahren keine Kinder hat und familiäre Beziehungen daher nur zu anderen Angehörigen bestehen können. Die Ergebnisse lassen eine in der Regel hohe Kontaktdichte zwischen den Älteren und ihren Kindern erkennen. Etwa ein Viertel dieser Altersgruppe hat täglich persönlichen Kontakt zu den eigenen Kindern, weitere 30 Prozent sehen sie mehrmals pro Woche. Noch dichter ist der telefonische Kontakt: mehr als drei Viertel der Befragten über 60 Jahren telefoniert mindestens mehrmals pro Woche mit dem eigenen Nachwuchs. Umgekehrt sieht lediglich jeder Zwanzigste die eigenen Kinder weniger als mehrmals pro Jahr oder nie; nur jeder Zehnte hat seltener als mehrmals pro Monat telefonischen Kontakt mit ihnen. Während der telefonische Kontakt nur schwach mit der räumlichen Distanz zu den Kindern, hier konkret zum am nächsten wohnenden Kind zusammenhängt, erweist sich die Entfernung erwartungsgemäß als der zentrale Bestimmungsfaktor der Kontaktfrequenz. Besuch vom eigenen Nachwuchs erhalten die Älteren dann oft oder sogar sehr oft, wenn die Kinder oder das am nächsten wohnende Kind am gleichen Ort oder gar im gleichen Haus wohnt(vgl. Tab. 3). Wohnt es an einem anderen Ort in weniger als 50 Kilometer Entfernung, nimmt die Besuchsfrequenz bereits deutlich ab, aber immerhin noch mehr als 40 Prozent der Älteren erhalten auch dann noch mehrmals pro Woche Besuch. Erst ab einer größeren räumlichen Distanz wird der Kontakt seltener. Interessanterweise wird die geringere Besuchsfrequenz aber nicht durch eine regere telefonische Kommunikation kompensiert. Vielmehr begünstigt der regelmäßige Kontakt auch die Frequenz der Telefongespräche. 29 Tab. 3: Kontakthäufigkeit Älterer mit ihren Kindern nach räumlicher Entfernung zum am nächsten wohnenden Kind(in Prozent; Basis: Befragte mit Kindern) Entfernung Ð Persönlicher Kontakt (Besuch) selten mittel oft Telefonischer Kontakt selten mittel oft gleiches Haus 4 (24%) 7 89 18 9 73 gleicher Ort 12 18 70 (34%) 9 10 81 max. 50 km 17 42 41 (19%) 3 12 85 51-200 km 68 22 10 (10%) 4 24 72 >200 km. 84 13 3 7 26 67 (13%) selten: höchstens mehrmals pro Jahr; mittel: mehrmals pro Monat; oft: mindestens mehrmals pro Woche Die räumliche Nähe begünstigt aber nicht nur den persönlichen Kontakt mit den Kindern, sondern auch den zu anderen Familienangehörigen. Die Entfernung macht sich dabei nicht ganz so deutlich bemerkbar, hat aber immer noch eine beträchtliche Wirkung. Der persönliche Kontakt mit dem eigenen Nachwuchs hängt mit dem Kontakt zu anderen Familienangehörigen deutlich positiv zusammen. Mithin haben diejenigen, die häufig Besuch von ihren Kindern erhalten, auch regen Kontakt mit anderen Familienangehörigen, vermutlich vor allem deswegen, weil die einen wie die anderen nicht weit entfernt wohnen. Am anderen Ende des Spektrums der Kontakthäufigkeit finden sich nur wenige Ältere(etwa 2%), die familiär isoliert sind, also sowohl zum eigenen Nachwuchs wie zu anderen Angehörigen weniger als mehrmals im Jahr Kontakt haben. Erwartungsgemäß wird ein reger persönlicher Kontakt mit der Familie durch eine geringe Wohnortgröße(leicht) begünstigt. Welche Bedeutung hat nun die familiäre Einbindung für das Empfinden älterer Menschen, sozial integriert zu sein? Verhindern rege innerfamiliäre Kontakte das Aufkommen von Einsamkeitsgefühlen? Mindern sie das Bedürfnis, vorwiegend mit Vertretern der eigenen Altersgruppe Umgang zu pflegen? Um diesen Einflüssen nachzugehen, sind in der Altersstudie Thüringen mehrere Fragen speziell zur sozialen Integration gestellt worden. Wie sich an Abbildung 7 ablesen lässt, fühlen sich die Älteren 30 nicht wesentlich weniger integriert als die Befragten unter 60 Jahren. Einzig Einsamkeitsgefühle sind bei ihnen wesentlich häufiger als bei den jüngeren Kohorten. Empfindungen von Einsamkeit und Alleinsein speisen sich bei ihnen zu einem erheblichen Teil aus der Sehnsucht nach einer engen Partnerschaft und aus einem als zu begrenzt empfundenen Freundes- und Bekanntenkreis. Abb. 7: 30 Wahrnehmung sozialer Desintegration bei Älteren und bei Befragten unter 60 Jahren(„stimme voll und ganz zu“ und„stimme eher zu“ zusammen; in Prozent) 22 20 15 25 21 18 16 17 14 10 0 Gefühl der Einsamkeit/ des Alleinseins Freundes-/Bekanntenkreis zu klein Vermissen enger Partnerschaft Ältere Befragte unter 60 Jahren zu wenig Helfer bei Problemen Zwischen einigen der in Abbildung 7 dokumentierten Aussagen und der innerfamiliären Kontakthäufigkeit lassen sich signifikante Zusammenhänge nachweisen, die aber zumeist eher schwach sind. Entscheidend dürfte für das Einsamkeitsempfinden im Alter letztlich die Integration in das unmittelbare soziale Umfeld sein. Die eigenen Kinder und sonstigen Angehörigen sind dabei nur ein Bezugspunkt neben der Partnerschaft und dem Freundeskreis. In einem wesentlichen Punkt aber ist der enge Kontakt zu Kindern und anderen Angehörigen von großer Bedeutung: Er gibt den Betroffenen Zukunftssicherheit in dem Sinne, dass sie darauf vertrauen, auch im höheren Alter von ihren Kindern oder sonstigen Verwandten betreut zu werden. 31 3.2. Die wechselseitige Wahrnehmung der Generationen Abseits der – ausweislich der oben präsentierten Befunde – bemerkenswert engen innerfamiliären Beziehungen ist das Verhältnis der Generationen im Zuge der Sozialstaatsdebatten der vergangenen Jahre wiederholt problematisiert und vereinzelt auch skandalisiert worden. Diese Art der Thematisierung vollzog sich vor dem Hintergrund einer sinkenden Zahl von Erwerbstätigen, aus deren Beitragsleistungen die Renten der altersbedingt aus dem Berufsleben Ausgeschiedenen finanziert werden müssen. Diese Verschiebung stellt das vorwiegend aus Versicherungsbeiträgen finanzierte und entsprechend auf die Erwerbseinkommen bezogene deutsche Modell des Wohlfahrtsstaats auf eine schwere Belastungsprobe. Angesichts der durchaus unterschiedlichen Interessenlagen der Generationen im derzeitigen deutschen Sozialstaat ist die Vermutung plausibel, dass sich diese auch in den wechselseitigen Wahrnehmungen spiegeln – und mithin in der Öffentlichkeit ein Generationenkonflikt wahrgenommen wird. Dies gilt umso mehr, als auch in der politischen Auseinandersetzung vereinzelt Positionen formuliert worden sind, die von einem solchen Konflikt ausgehen, wie etwa die vom Vorsitzenden einer politischen Jugendorganisation ventilierte Forderung, Hochaltrigen keine Hüftgelenke mehr zu bewilligen. 5 Im Rahmen der Altersstudie Thüringen sind die intergenerationalen Beziehungen auf der überindividuellen Ebene hauptsächlich durch Fragen zum Verhältnis der Generationen allgemein und zur Generationenpolitik erhoben worden. Maßgebliche Anhaltspunkte für das Vorliegen eines Generationenkonflikts sind ausgeprägte Unterschiede zwischen den älteren Befragten und den jüngeren Alterskohorten. Bereits ein schneller Blick auf die Verteilung der Antworten illustriert, dass sich die älteren und die jüngeren Thüringer in ihren Ansichten zum Generationenverhältnis nicht grundlegend unterscheiden(vgl. Abb. 8). Übereinstimmend werden etwa die Lebensleistungen der Älteren als etwas gewürdigt, wovon die jüngere Generation heute zehren kann. Konsequent vertritt auch jeweils nur eine Minderheit in beiden Altersgruppen die Auffassung, die Älteren würden sich zu wenig um die Zukunft der Jüngeren kümmern: etwa jeder fünfte ältere Thüringer und jeder dritte Befragte unter 60 Jahren. Noch geringer ist die Zustimmung zur Aussage, dass sich die Politik zu sehr an den Bedürfnissen der Älteren orientiert. Zwar wird sie von einem doppelt so hohen Anteil Jüngerer unterstützt wie Älterer, doch fällt die Ablehnung auch in dieser Gruppe mit 80 Prozent überwältigend aus. Zusammengenommen deuten alle diese Ergeb5 Interview mit Philipp Mißfelder in: Der Tagesspiegel, Nr. 18198 vom 03.08.2003, S. 8. 32 nisse auf ein ausgesprochen freundliches, verständnisvolles und von Respekt getragenes Verhältnis zwischen den Generationen hin. Abb. 8: Wahrnehmung der Generationenbeziehungen aus der Sicht der Älteren und der Befragten unter 60 Jahren („stimme voll und ganz zu“ und„stimme eher zu“ zusammen; in Prozent) Jüngere kümmern sich zu wenig um Ältere Ältere haben aufgebaut, wovon Jüngere heute zehren Ältere kümmern sich zu wenig um Jüngere Politik zu sehr an Bedürfnissen Älterer orientiert Ältere sollten Arbeitsplätze für Jüngere frei machen Jüngere werden finanz. Last der Älteren nicht tragen wollen 0 53 21 35 10 21 58 44 10 20 30 40 50 60 Befragte unter 60 Jahren Ältere 66 84 80 68 72 70 80 90 Dieses positive Bild erfährt allerdings eine gewisse Relativierung, wenn weitere der in Abbildung 8 dokumentierten Aussagen einbezogen werden. So moniert eine knappe Mehrheit der Befragten ab 60 Jahren, dass sich die Jüngeren unzureichend um die Bedürfnisse der Älteren kümmern. Anscheinend besteht bei einem Teil der Älteren ein zumindest schwaches Gefühl der kollektiven Vernachlässigung durch die nachfolgende(n) Generation(en). Wirklich bemerkenswert ist jedoch, dass die Jüngeren dieser Aussage noch häufiger zustimmen. Auffälliger noch: Der Anteil der Jüngeren, der eine solche Vernachlässigung der Älteren konstatiert, ist annähernd doppelt so hoch wie der Anteil derjenigen, die die Jüngeren durch die Älteren vernachlässigt sieht. Die Befragten unter 60 Jahren sorgen sich also weit mehr um das Verhalten der Jüngeren gegenüber den Älteren als umgekehrt. Mithin besteht in der wechselseitigen Wahrnehmung der Generationen keine Reziprozität. Die Älteren äußern sich deutlich negativer über die Jüngeren und zugleich positiver über die eigene Gruppe, als dies umgekehrt bei den Jüngeren der Fall ist. Zugleich sind die Älteren aber auch weit mehr bereit, den Jüngeren entgegenzukommen, als es von diesen 33 erwartet wird. Dies gilt etwa hinsichtlich der Frage, ob Ältere ihren Arbeitsplatz zugunsten Jüngerer frei machen sollten: Eine Mehrheit der Älteren stimmt dieser Aussage zu, aber nur 44 Prozent der Befragten unter 60 Jahren(vgl. Abb. 8). Während für die Gegenwart trotz mancher Einschränkungen und der konstatierten Asymmetrie in der Wahrnehmung einzelner Themen der Eindruck eines entspannten Verhältnisses zwischen den Generationen dominiert, fallen die Zukunftserwartungen bei Älteren wie Jüngeren ungleich pessimistischer aus. Wie Abbildung 8 ausweist, gehen jeweils gut zwei Drittel beider Altersgruppen davon aus, dass die Jüngeren perspektivisch nicht mehr bereit sein werden, die finanzielle Last der Älteren zu schultern. Mithin wird ein Prozess der Entsolidarisierung zwischen den Generationen vorhergesehen. Offenbar gelten nicht die aktuellen Generationenbeziehungen als problematisch, sondern ein Generationenkonflikt wird erst für die Zukunft antizipiert. Diese skeptischen Zukunftserwartungen hängen zwar signifikant mit einer kritischen Wahrnehmung der aktuellen Generationenbeziehungen zusammen, der Zusammenhang ist aber schwach. Folglich sind die Erwartungen zukünftiger Entwicklungen des intergenerationalen Verhältnisses von der Bewertung des Status quo weitgehend entkoppelt. Ebenso wenig spielen die eigene finanzielle Lage, die Sorge um die Zukunft der Rente und die Einschätzung der eigenen Zukunft eine Rolle. Die Befürchtungen bezüglich des zukünftigen Generationenverhältnisses sind offenbar nicht nur weit verbreitet, sondern auch generalisiert in dem Sinne, dass sie nicht auf einzelne, in besonderem Maße betroffene Gruppen beschränkt sind. Allerdings bezieht sich die Aussage nicht auf das Generationenverhältnis allgemein, sondern speziell auf die intergenerationalen materiellen Leistungen, wie sie im Rahmen der bestehenden sozialen Sicherungssysteme erbracht werden. 34 4. Einstellungen zu Gesellschaft und Politik Mit dem Anteil der Älteren an der Thüringer Bevölkerung steigt auch deren Einfluss auf die Gestaltung von Politik und Gesellschaft. Das ist Grund genug, sich mit den politischen Einstellungen und der politischen Beteiligung der älteren Generation zu beschäftigen. Wie nehmen die Senioren die Politik und die Gesellschaft wahr, auf welchen Wegen nehmen sie am gesellschaftlichen Leben teil und interessieren sie sich eigentlich für Politik? 4.1. Wahrnehmung der Politik Das Interesse an Politik ist bei den Senioren in Thüringen stark ausgeprägt. Etwa die Hälfte aller Befragten gibt sehr starkes oder starkes politisches Interesse zu Protokoll, ein Drittel stuft es als mittel ein und nicht einmal jeder Fünfte hat wenig oder gar kein politisches Interesse. Damit ist das Interesse bei den Senioren signifikant höher als bei den Befragten unter 60 Jahren, von denen nur ein gutes Drittel sehr starkes oder starkes Interesse bekundet. Ein Viertel der Befragten unter 60 hat wenig oder gar kein Interesse an Politik. 6 Noch stärker als in der übrigen Bevölkerung ist bei den Senioren der Unterschied nach Geschlecht und Bildung: Männer und Befragte mit höherer formaler Bildung sind sehr viel stärker an Politik interessiert als andere. Die Senioren sind insgesamt mit ihrem Leben sehr zufrieden, mit der Gesellschaft, in der sie leben aber nicht. Fast drei Viertel von ihnen finden, dass es in der Gesellschaft ungerecht zugeht, bei Senioren mit schlechter finanzieller Lage sogar fast 90 Prozent(vgl. Abb. 9). Zwar haben gerade die Rentner von den Entwicklungen der deutschen Einheit besonders profitiert, 7 sie sind aber dennoch mit der Gesellschaft unzufriedener als die Jüngeren: Von den Befragten unter 60 Jahren empfinden„nur“ knapp zwei Drittel die Gesellschaft als ungerecht. Das Gerechtigkeitsempfinden der Senioren hängt eng mit der Beurteilung der Lebensbe6 Das politische Interesse der unter 60-Jährigen entspricht in etwa dem Durchschnitt der Ostdeutschen, während das der Senioren deutlich überdurchschnittlich ist, vgl. Statistisches Bundesamt 2006: 636. 7 Vgl. etwa Geißler 2006: 87; ebenso die relativen Einkommenspositionen der Älteren in Ostdeutschland im Vergleich von 1991 zu 2004 auf der Basis des Sozioökonomischen Panels(SOEP), vgl. Statistisches Bundesamt 2006: 555. 35 dingungen für ältere Menschen in Thüringen zusammen: Je besser diese Lebensbedingungen eingeschätzt werden, desto gerechter erscheint die Gesellschaft. Abb. 9: Bewertung der Gesellschaft und des eigenen Anteils – Ältere und Befragte unter 60 Jahren im Vergleich(in Prozent) Gesellschaft ist ungerecht/ Eigener Anteil ist zu gering Alle 67/60 Befragte unter 60 65/60 Ältere 73/60 Eigene wirtsch. Lage gut 56/46 Eigene wirtsch. Lage schlecht 75/73 Eigene wirtsch. Lage gut 64/46 Eigene wirtsch. Lage schlecht 87/82 Lesehilfe für das grau hinterlegte Kästchen: Von allen Befragten unter 60 Jahren mit guter wirtschaftlicher Lage denken 56%, dass die Gesellschaft ungerecht ist und 46%, dass sie weniger als den ihnen zustehenden Anteil erhalten. Die Einschätzung der allgemeinen Lebensbedingungen und der Gesellschaft werden generell anhand der eigenen Erfahrungen vorgenommen: Der Maßstab hierfür ist das eigene Portemonnaie und der Vergleich zu anderen. Eine gute finanzielle Lage und der Eindruck, einen gerechten Anteil zu bekommen, sind maßgeblich für einen positiven Blick auf das Leben für Senioren in Thüringen und führen zu einer besseren Einschätzung der Gesellschaft; objektive(finanzielle) und subjektive Benachteiligung bewirken das Gegenteil. 8 Die bessere Beurteilung der Gesellschaft und des eigenen Anteils mit steigendem politischen Interesse liegt an der dann ebenfalls höheren Bildung. Bei der Gerechtigkeit der Gesellschaft spielt der Umbau der sozialen Sicherungssysteme eine wichtige Rolle, der letztlich direkte Auswirkungen auf die finanzielle Lage der Betroffenen hat. Bei der Frage danach, wer denn von den Reformen profitiert, sind die Senioren insgesamt unent8 Ähnliche Ergebnisse für Thüringen finden sich regelmäßig im T HÜRINGEN -M ONITOR , vgl. etwa Edinger/ Hallermann/ Schmitt 2006: 17. 36 schlossen: Jeweils etwa ein Drittel glaubt, dass die Älteren, die Jüngeren oder beide bzw. keine von beiden Gruppen profitiert. Eine relative Mehrheit von 43 Prozent der Älteren sieht sich selbst jedenfalls eher als Verlierer, nur ein gutes Viertel von ihnen(26 Prozent) halten sich selbst für Gewinner beim Umbau der sozialen Sicherungssysteme. Von dieser Selbsteinschätzung schließen die Befragten dann auch auf die Allgemeinheit, wie der deutliche Zusammenhang belegt(vgl. Abb. 10): Von den Senioren, die sich selbst als Gewinner sehen, glauben 62 Prozent, dass die Senioren generell die Gewinner der Reformen sind; nur 21 Prozent sind dieser Ansicht bei denjenigen Senioren, die sich selbst eher als Verlierer sehen. Fast spiegelbildlich ist der Zusammenhang bei den Jüngeren. Abb. 10: Gewinner und Verlierer sozialer Reformen – Allgemeine Einschätzung nach eigener Lage(in Prozent) 100 21 80 32 62 60 39 27 43 51 15 44 40 16 20 22 24 0 Selbst Gewinner Weder noch Ältere 40 Selbst Verlierer 28 23 58 29 26 Selbst Gewinner Weder noch Selbst Verlierer Befragte unter 60 Jüngere Keiner/Beide Ältere Ein deutlicheres Urteil über den Umbau fällen die Jüngeren: Eine relative Mehrheit von ihnen(45 Prozent) sieht die Älteren als Gewinner der Reformen, ein knappes Drittel glaubt, dass die Jüngeren profitieren und ein knappes Viertel ist unentschlossen. Deutlich klarer ist aber die Beurteilung der eigenen Lage bei den Jüngeren: 61 Prozent von ihnen sehen sich als Verlierer, nur jeder Sechste hält sich für einen Gewinner. Ebenso wie die Älteren nehmen die Jüngeren die eigene Lage als Maßstab für die Bewertung der allgemeinen Situation. Als Verlierer sehen sich in der gesamten Bevölkerung eher diejenigen, deren individuelle wirtschaftliche Lage prekär ist, die häufig finanzielle Sorgen haben und die befürchten, in Zukunft von ihrer Rente nicht leben 37 zu können. Diese„selbsternannten“ Verlierer sind weniger zufrieden mit ihrem jetzigen Leben und beurteilen die Lebensbedingungen in Thüringen für ältere Menschen schlechter. Bei den Jüngeren sehen sich Befragte mit geringerer formaler Bildung eher als Verlierer, während dieser Faktor bei den Senioren keine Rolle spielt. Die jüngeren Frauen beurteilen ihre Lage etwas besser als die jüngeren Männer, bei den Älteren ist das Verhältnis der Geschlechter umgekehrt. Die politischen Konsequenzen aus dieser Entwicklung sind bei den Senioren noch etwas ausgeprägter als in der gesamten Bevölkerung: Selbsternannte Gewinner neigen stärker als selbsternannte Verlierer sowohl der CDU als auch der SPD zu und sind der Linken etwas weniger zugeneigt. Außerdem sind Gewinner bei den Senioren häufiger einer Partei zugeneigt; sie zeigen auch etwas mehr politisches Interesse. In der Gunst der Wähler sind die drei im Thüringer Landtag vertretenen Parteien bei den Jüngeren beinahe gleichauf, bei den Älteren führt die SPD mit leichtem Vorsprung vor der CDU, die wiederum deutlich vor der Linken liegt. 9 Kleinere Parteien spielen bei keiner Bevölkerungsgruppe eine Rolle. Bemerkenswerter als diese Unterschiede sind aber die Anteile derjenigen, die keiner Partei zuneigen: 61 Prozent der Befragten unter 60 Jahre und 46 Prozent der befragten Senioren. Für diese könnte der Grund dafür in Unzufriedenheit mit der Seniorenpolitik liegen, was im Folgenden überprüft wird. 4.2. Positionen zur Seniorenpolitik Alles in allem sind die Thüringer mit der Seniorenpolitik im Land eher unzufrieden: 71 Prozent der Senioren glauben nicht, dass die Landespolitik genug für die Senioren tut. Der eigentlich interessante Befund ist aber die Tatsache, dass es bei der Bevölkerung unter 60 Jahre ebenso viele sind, die diese Ansicht vertreten: Beschwerden über mangelnde Zuwendung zu Senioren von Seiten der Politik kommen aus allen Altersgruppen. Die Anhänger der CDU halten die Seniorenpolitik im Land für deutlich besser als die Anhänger der übrigen Parteien. Beinahe die gleichen Anteile Zufriedener und Unzufriedener ergeben sich, wenn man nach der Zufriedenheit mit der Seniorenpolitik allgemein, also nicht landesbezogen, fragt: Zwei Drittel der Senioren sind nicht zufrieden damit, wie sich die Politik um die Anliegen älterer Menschen kümmert. In diesem allgemeinen Fall neigen die Zufriedenen überdurchschnittlich der CDU und der 9 Von der hier untersuchten Parteineigung kann aber nicht direkt auf ein mögliches Wahlergebnis geschlossen werden. 38 SPD zu, die Unzufriedenen der Linken. Der Blick auf die Seniorenpolitik wird also durch die Parteineigung gefärbt. Abb. 11: 70 60 55 50 Partei, die sich am stärksten für die Älteren einsetzt – nach eigener Parteineigung(in Prozent) 59 54 50 40 31 30 26 28 20 17 15 10 9 68 9 5 0 Neige zu keiner Partei Neige zur CDU Neige zur SPD keine Partei CDU SPD Linke Anmerkung: Fehlende Prozente zu 100: kleinere/ andere Parteien 55 Neige zur Linken Folgerichtig glaubt jeweils etwa die Hälfte der Anhänger von CDU, SPD und Linkspartei, dass sich ihre Partei am stärksten für die Belange der Senioren einsetzt. Nur wenige Befragte mit Parteineigung geben eine andere Partei als ihre eigene an, aber bei allen drei Parteien wird jeweils von einem guten Viertel der Anhänger gesagt, dass sich keine Partei besonders für die Senioren stark macht. Fast die Hälfte der Senioren in Thüringen hat aber gar keine Parteineigung. Von diesen traut der größte Teil auch keiner Partei den besonderen Einsatz für Senioren zu; wenn aber eine Partei genannt wird, so führt die SPD knapp vor der Linkspartei und der CDU(vgl. Abb. 11). Insgesamt hat knapp die Hälfte aller Parteianhänger auch bei ihrer eigenen Partei deutliche Zweifel, ob sie sich für die Belange der Senioren einsetzt. Pauschale Kritik am Einsatz der Parteien für die Senioren ist schnell geäußert, zumal dann, wenn es nicht um Konkurrenz zu anderen Politikfeldern oder um knappe Ressourcen geht. Konstruktive Kritik und Verbesserungsvorschläge sind hingegen ein schwierigeres Unterfangen. Aber gerade solche Vorschläge von„Betroffenen“ können der Politik wichtige Hinweise geben, in welche Richtung sich die Seniorenpolitik entwickeln sollte. Eine offene Frage danach, welche besonderen Angebote oder Hilfsdienste die älteren Menschen sich für ihre Gegend wünschen, in der 39 sie wohnen, erbringt dabei ein erstaunliches Ergebnis: 78 Prozent aller befragten Senioren sagen explizit, dass in ihrer Gegend alles in Ordnung sei und sie keine besonderen Wünsche hätten. Das gilt unabhängig davon, ob die Befragten mit dem Engagement der Politik allgemein und der Landespolitik in Thüringen für die älteren Menschen zufrieden sind oder nicht. Im Allgemeinen kümmert sich die Politik also viel zu wenig um die Senioren, faktisch ist vor Ort aber alles in Ordnung. Die allgemeine Unzufriedenheit mit der Seniorenpolitik könnte sich auf Themen wie die Rentenhöhe beziehen, die aber von der Landespolitik nicht zu beeinflussen sind. Diese pauschale Unzufriedenheit ist vermutlich eine Folge davon, dass die Politik weniger an den Realitäten als vielmehr an Idealen gemessen wird. Aus den übrigen Antworten auf die offene Frage lassen sich wenige konkrete Hinweise darauf ableiten, was tatsächlich noch besser sein könnte(vgl. Tab. 4) Tab. 4: Verbesserungsmöglichkeiten und-wünsche für bzw. von Älteren(Mehrfachnennungen möglich) Verbesserungsmöglichkeit /-wunsch Nennungen in Prozent Alles in Ordnung, keine besonderen Wünsche 78 Bessere Einkaufs- und Freizeitgestaltungs15 möglichkeiten Mehr Seniorenbegegnungsstätten 8 Altersgerechtes Wohnen 6 Bessere Gesundheitsversorgung 5 Mehr Alters- und Pflegeheime, betreutes Wohnen 3 Mehr finanzielle Unterstützung 2 Ausweitung der Seniorenermäßigungen 2 Je kleiner der eigene Wohnort ist, desto häufiger bekunden die Befragten, dass alles in Ordnung sei und sie keine besonderen Wünsche hätten. Die soziale Integration, die möglicherweise in kleineren Ortschaften größer ist, hat ebenfalls einen gewissen Einfluss: Je häufiger jemand Besuch von Angehörigen bekommt bzw. Menschen in der Nähe hat, die ihm bei Problemen helfen können, desto häufiger findet er die aktuelle Situation in Ordnung. Die daraus ableitbare Zufriedenheit mit den Verhältnissen gibt wenig Anlass, sich für Veränderungen einzusetzen. Daher ist zu erwarten, dass 40 insbesondere bei den politischen Partizipationsformen, die Protest zum Ausdruck bringen sollen, die Seniorenbeteiligung gering ist. Möglicherweise ziehen die Senioren die politische oder gesellschaftliche Partizipation gar nicht in Betracht. 41 5. Partizipation 5.1. Politische Beteiligung Mit dem Übergang in den Ruhestand kann man ganz verschiedene Erwartungen und Zukunftspläne verbinden: Um die freie Zeit sinnvoll zu verbringen, bietet sich etwa gesellschaftliches oder politisches Engagement an. 87 Prozent der Thüringer Senioren denken, dass man sich gesellschaftlich nützlich machen sollte, auch wenn man im Ruhestand ist. Damit sind die Senioren weit weniger egozentrisch, als es die Gesellschaft ihnen zugestehen würde: Von den Befragten unter 60 Jahren denkt nur gut die Hälfte so, vierzig Prozent lehnen dieses Nützlichkeitspostulat ab. Die Älteren sehen sich also selbst stärker in der Pflicht als die Jüngeren, aber handeln sie auch entsprechend, engagieren sie sich gesellschaftlich und politisch? Unter den politischen Beteiligungsformen steht die Wahl an erster Stelle: Nur zehn Prozent der Senioren würde sich nicht an Wahlen beteiligen, mehr als drei Viertel von ihnen haben in den letzten fünf Jahren an einer Wahl teilgenommen, etwa an der letzten Bundestagswahl oder der letzten Thüringer Landtagswahl(vgl. Abb. 12). Im Vergleich mit den Befragten unter 60 Jahren ist die tatsächliche Wahlbeteiligung bei den Senioren etwas höher, was die Erkenntnis der Wahlsoziologie bestätigt, wonach die Wahlbeteiligung mit steigendem Alter zunimmt(vgl. etwa Bürklin/Klein 1998: 167). Die Häufigkeit tatsächlicher politischer Beteiligung in den letzten fünf Jahren ist aber gering, wenn man von der Stimmabgabe einmal absieht. Nur etwa jeder zehnte Befragte über 60 hat sich direkt mit einem Anliegen an einen Politiker gewandt, in einer Bürgerinitiative mitgearbeitet oder auch nur aus Protest einmal eine andere Partei gewählt als sonst. Immerhin fast die Hälfte der Senioren schließt solches Engagement sogar gänzlich aus; die Protestwahl kommt gar für zwei Drittel nicht in Frage. Die Jüngeren schließen Protestwahl, Bürgerinitiative und Politikerkontakt seltener generell aus, haben aber auch keine höheren tatsächlichen Beteiligungsraten aufzuweisen. 42 Abb. 12: Politische Partizipation der Älteren(in Prozent) 100 10 13 80 43 43 53 67 60 77 83 93 94 40 77 44 45 35 20 23 15 10 13 12 12 10 8 7 6 6 0 1 0 Wählen An Politiker wenden Bürgerinitiative Demonstration Protestwahl ProtestNichtwahl Parteiarbeit illegale Demonstration Gewalt habe ich in den letzten 5 Jahren getan würde ich tun würde ich nicht tun Die Mitarbeit in einer politischen Partei kommt nur für eine kleine Minderheit der gesamten Bevölkerung in Frage: Mit sieben Prozent der Senioren und etwa fünf Prozent der Jüngeren liegen diese Zahlen schon deutlich über dem Anteil der Parteimitglieder in Thüringen, der klar unter zwei Prozent liegt(vgl. Niedermayer 2006: 380). Mitarbeit in einer Partei muss aber nicht unbedingt an die formale Mitgliedschaft gekoppelt sein. Nur zehn Prozent der Senioren, aber immerhin 19 Prozent der Jüngeren können sich eine solche Mitarbeit vorstellen; hier eröffnet sich für die Parteien ein großes Potential. Der Unterschied zwischen Senioren und Befragten unter 60 Jahren ist bei den Demonstrationen am größten. Die Senioren stehen dieser Beteiligungsform etwas reserviert gegenüber(vgl. Abb. 12), bei den Jüngeren erfreut sie sich hingegen größerer Beliebtheit: 21 Prozent von ihnen haben in den letzten fünf Jahren an einer genehmigten Demonstration teilgenommen, weitere 45 Prozent können sich das für die Zukunft vorstellen. Auch die nicht genehmigten Demonstration sind bei den Jüngeren weniger verpönt: Drei Prozent der Jüngeren haben bereits an einer solchen Veranstaltung teilgenommen, und jeder Fünfte von ihnen kann sich das immerhin vorstellen. Bei der Gewalt als Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele besteht kein Altersunterschied in Thüringen: Nur etwa jeder zwanzigste Befragte – bei den Senioren wie bei den Jüngeren – kann sich das vorstellen, wobei es aber bisher nicht dazu kam. 43 Besondere Formen der politischen Beteiligung sind die Protestwahl bzw. die Protest-Nichtwahl: Sie hängen mit den übrigen Partizipationsformen nicht oder negativ zusammen, d.h. sie werden selten gemeinsam mit den anderen Formen ausgeübt bzw. im Falle der Protest-Nichtwahl gerade dann getan, wenn die anderen Formen nicht ausgeübt werden. Diese Proteste sind Missfallensäußerungen gegenüber dem politischen System oder seiner Teile, denn sie hängen nicht mit der Teilnahme an legalen Demonstrationen zusammen, wohl aber mit der Teilnahme an illegalen Demonstrationen und ein wenig auch mit der Neigung zur Gewalt. Entsprechend sind hier auch andere Ursachen zu finden als bei den eher konventionellen Formen politischer Partizipation, etwa ein stärkeres Benachteiligungsgefühl oder eine prekäre eigene wirtschaftliche Lage. Die Bereitschaft zur politischen Beteiligung steigt mit dem Lebensalter zunächst an, erreicht zwischen 50 und 65 Jahren dann ihren Höhepunkt und sinkt danach wiederum deutlich ab. Ältere sind bei allen legalen Partizipationsformen etwas weniger aktiv als Jüngere, wobei innerhalb der Gruppe der Senioren die Aktivität mit zunehmendem Alter deutlich nachlässt. Bei den Senioren wie bei den Jüngeren steigt die Partizipationsbereitschaft mit dem Grad der formalen Bildung und mit dem – damit zusammenhängenden – politischen Interesse; außerdem sind in beiden Bevölkerungsgruppen die Männer etwas aktiver als die Frauen. Die allgemeine Lebenszufriedenheit hat keine Auswirkungen auf die Partizipationshäufigkeit, wohl aber die Einschätzung der eigenen Gesundheit: Je besser sie empfunden wird, desto stärker ist auch die Beteiligung und die Bereitschaft dazu. Da die Beurteilung der Gesundheit mit dem Alter schlechter wird, erklärt dies maßgeblich den erwähnten Zusammenhang von Partizipation und Alter. Je stärker die Senioren es als„Pflicht“ verinnerlicht haben, sich auch im Alter gesellschaftlich zu engagieren, desto höher ist auch ihre Partizipationsbereitschaft. Dennoch scheint beim Blick auf die Zahlen das tatsächliche Engagement hinter dem eigenen Anspruch zurückzubleiben: Immerhin vertreten fast 90 Prozent der Senioren die Ansicht, dass man sich auch im Ruhestand gesellschaftlich nützlich machen müsse. Allerdings ist politische Beteiligung nur eine von vielen Möglichkeiten, sich in der Gesellschaft zu engagieren. Einen sehr großen Stellenwert besitzen daneben das ehrenamtliche Engagement und die Mitgliedschaft in Vereinen oder Verbänden. 44 5.2. Ehrenamtliches Engagement Etwa die Hälfte aller Thüringer ist in mindestens einem Verein Mitglied, fast ein Viertel von ihnen sogar in zwei oder mehr Vereinen. Bei den Senioren sind diese Anteile ähnlich hoch, allerdings geht der Anteil bei den Ältesten über 80 Jahre leicht zurück(vgl. Abb. 13). Abb. 13: 60 Vereinsmitgliedschaft nach Alter(in Prozent) 50 12 15 40 10 9 13 7 16 30 16 14 11 10 11 20 10 22 24 21 21 22 23 0 18-29 Jahre 30-45 Jahre 46-59 Jahre 60-69 Jahre 70-79 Jahre 1 Verein 2 Vereine 3 u.mehr Vereine 80 Jahre u.älter Vor allem kleinere Vereine können ohne ehrenamtliche Vorsitzende, Trainer oder Leiter nicht bestehen. Die Verteilung insbesondere der aktuellen Ehrenämter in den verschiedenen Altersgruppen zeigt klar, dass ein Großteil der Vereinsarbeit in Thüringen auf den Schultern der Senioren lastet. Jeder Fünfte zwischen 60 und 69 Jahren und immerhin noch jeder Siebte zwischen 70 und 79 Jahren bekleidet momentan ein Ehrenamt. Bei den Hochaltrigen ab 80 Jahren sind die Anteile verständlicherweise geringer(vgl. Abb. 13). Für Vereinsmitgliedschaften und Ehrenämter können sich gut gebildete Senioren häufiger begeistern als weniger gut gebildete, Männer etwas stärker als Frauen. Weniger stark als bei der politischen Partizipation, aber dennoch deutlich und statistisch signifikant wirkt das politische Interesse: Je stärker die Senioren sich für Politik interessieren, desto stärker engagieren sie sich auch gesellschaftlich in Vereinen. Politikinteresse fördert demnach den Gemeinsinn. 45 Abb. 14: Aktuelle und frühere Ehrenämter nach Alter(in Prozent) 35 30 25 20 19 15 32 28 25 24 23 20 19 18 14 10 7 7 5 0 18-29 Jahre 30-45 Jahre 46-59 Jahre 60-69 Jahre 70-79 Jahre 80 Jahre u.älter Ehrenamt insgesamt(aktuell o. früher) min. ein Ehrenamt aktuell Insgesamt haben sich 27 Prozent aller Senioren aktuell oder früher ehrenamtlich betätigt. Verglichen mit den 87 Prozent, die sich selbst in der „Pflicht“ für gesellschaftliches Engagement sehen, ist diese Quote aber immer noch gering: Von diesen ist die Hälfte in keinem einzigen Verein Mitglied und mehr als zwei Drittel haben kein Ehrenamt und hatten auch noch nie eines inne. Politische Beteiligung, Vereinsmitgliedschaft und ehrenamtliche Betätigung hängen stark untereinander zusammen: Wer das eine tut, der macht mit großer Wahrscheinlichkeit auch das andere. Gesellschaftliches Engagement kann sich aber natürlich auch noch auf anderen Ebenen abspielen als in der Politik oder im vereinsgebundenen ehrenamtlichen Bereich. Tatsächlich ist ehrenamtliches Engagement außerhalb der Strukturen von Vereinen oder Verbänden aber doch die Ausnahme. Von den befragten Senioren, die in keinem Verein sind, geben auch mehr als zwei Drittel an, sich nie ehrenamtlich zu engagieren, nur jeder Sechste von diesen engagiert sich regelmäßig mindestens einmal im Monat. Vereine sind demnach das Rückgrat der gesellschaftlichen Beteiligung. Daher lohnt sich der Blick auf die verschiedenen Vereine, in denen die Senioren in Thüringen Mitglied sind(vgl. Abb. 15). 46 Abb. 15: Mitgliedschaft nach Art des Vereins – Ältere und Befragte unter 60 Jahren im Vergleich(nur Befragte mit min. einer Vereinsmitgliedschaft, in Prozent) 0 Sportverein 10 20 30 40 50 46 Wohlfahrtsverband Seniorenverband Kirchl. Gruppe Gewerkschaft Berufsverband Bürgerinitiative Umweltverband Freiw. Feuerwehr Betriebsrat 21 6 20 2 17 14 15 18 9 19 8 7 7 4 3 14 1 10 andere Vereine 37 30 60 70 66 Ältere Befragte unter 60 Jahren Bereits auf den ersten Blick zeigt sich, dass die Senioren andere Vereine bzw. Verbände bevorzugen als die Befragten unter 60. Allerdings führen bei beiden Gruppen die Sport- und Freizeitvereine klar die Rangliste an: Fast die Hälfte der Senioren und zwei Drittel der Jüngeren, die in einem Verein Mitglied sind, gehören einem Sportverein an. Mitgliedschaft in einem Wohlfahrtsverband bzw. einem Seniorenverband ist bei den Senioren erwartungsgemäß häufiger, die in Berufsverbänden und Betriebsräten aufgrund des Ausscheidens aus dem Beruf dagegen seltener. Für aktuelle 47 bzw. frühere Ehrenämter der Senioren sind bzw. waren besonders die Freiwillige Feuerwehr, Berufsverbände, Gewerkschaften und Sportvereine beliebt: Jeweils über die Hälfte der Mitglieder dieser Vereine haben oder hatten ein Ehrenamt inne. Die Senioren in Thüringen sehen sich selbst gegenüber der Gesellschaft in der Pflicht, aber dennoch scheint es Hindernisse zu geben, die sie von ehrenamtlichem Engagement abhalten. Möglicherweise fehlen auf der anderen Seite auch Anreize zur Beteiligung. Zunächst soll hier ein Blick auf die Erwartungen geworfen werden, die die Senioren mit einem Ehrenamt verbinden bzw. auf die Motivationen derjenigen, die ein Ehrenamt ausüben. Abb. 16: Erwartungen an das Ehrenamt(nur Befragte mit Ehrenamt, in Prozent) 0 20 40 60 80 100 Anderen Menschen 97 helfen Spaß bei der Tätigkeit 94 Sympathische Menschen treffen Kenntnisse und Erfahrungen erweitern 94 91 Eigene Probleme lösen 63 Anerkennung finden Eigene Interessen vertreten 54 42 Bei den Erwartungen an ein Ehrenamt kann man zwei Motive voneinander unterscheiden: Zum einen geht es um Sozialkontakte, Spaß und den Einsatz für andere, zum anderen um Einsatz für sich selbst, darum eigene Interesse zu vertreten oder Probleme zu lösen. 10 Bei den Thüringer Senioren steht ersteres, die altruistische/ gesellige Motivation, klar im Vorder10 Das statistische Verfahren der Faktorenanalyse bestätigt diesen Befund der Zweiteilung: Die ersten vier Motive(dunkelblaue Säulen) bilden den ersten Faktor, die letzten drei (orange) den zweiten. Die Motive eines Faktors hängen untereinander stärker zusammen, d.h. werden von den Befragten häufiger in Kombination genannt, als zwei Motive aus jeweils unterschiedlichen Faktoren. 48 grund, jeweils deutlich über 90 Prozent aller Senioren mit Ehrenamt nennen diese Motive bzw. Erwartungen sehr wichtig oder wichtig bei ihrem Ehrenamt. Stärker egozentrische Motivation rangiert deutlich dahinter. 11 Sozialstrukturelle Unterschiede sind kaum vorhanden, einzig Männer nennen häufiger die eigenen Interessen, Frauen häufiger die Sozialkontakte; Ledige, Verwitwete und Senioren ohne Partner nennen die Kontakte und den Spaß seltener. Sehr ähnlich sieht auch die generelle Verteilung der Motivationen bei den jüngeren Thüringern aus, die ein Ehrenamt innehaben. Allerdings werden hier die Sozialkontakte nicht so wichtig genommen, die Vertretung eigener Interessen dafür etwas wichtiger. Dennoch bleibt festzuhalten, dass sich knapp drei Viertel sowohl der Thüringer Senioren als auch der Jüngeren weder durch altruistische noch durch egozentrische Motive zum ehrenamtlichen Engagement bewegen lassen. Bei der Suche nach Hinderungsgründen zeigen sich deutlichere Unterschiede zwischen den Senioren und den Befragten unter 60 Jahren. Für die Senioren sind vor allem die verkrusteten Organisationsstrukturen problematisch. An zweiter Stelle rangiert die Vermutung, dass man nur die Arbeit und möglicherweise noch Ärger hat, das Ehrenamt einem selbst aber nichts bringt. Das eigene Alter wird von den Senioren verständlicherweise häufiger als Grund genannt als von den Jüngeren. 11 Zu ähnlichen Ergebnissen für die Thüringer Bevölkerung kommt der Thüringer Ehrenamtsbericht, vgl. Schmitt/ Lembcke 2002: 247f. 49 Abb. 17: Hinderungsgründe für die Übernahme eines Ehrenamts (nur Befragte ohne Ehrenamt, in Prozent) 0 20 40 60 80 Verkrustete Organisationsstrukturen 62 67 Bringt einem 44 selbst nichts 45 Nichts für Leute in meinem Alter 44 19 Nicht das Richtige gefunden Kann ich mir finanziell nicht leisten Fehlende Informationen 40 58 39 50 33 45 Keine Zeit 33 72 Senioren Befragte unter 60 Jahren Alle anderen Gründe auf der Liste werden von den Befragten unter 60 Jahren häufiger genannt. Fehlende Zeit ist in dieser Gruppe der wichtigste Hinderungsgrund, da die meisten einer Erwerbstätigkeit nachgehen. 12 Die häufigen Nennungen fehlender Informationen und die Bekundung, noch nicht das Richtige gefunden zu haben, deuten auf ein großes Potential an Ehrenamtlichen hin, das nur ausgeschöpft werden muss. Möglicherweise sind manche auch zur Mitarbeit in einer Partei zu bewegen, wenn man ihnen vermittelt, dass man dabei sympathische Menschen treffen kann, Spaß haben kann und vor allem, dass die Organisationsstrukturen nicht so verkrustet sind wie allgemein angenommen. 12 Das war auch beim Thüringer Ehrenamtsbericht 2002 der wichtigste Hinderungsgrund, alle anderen Gründe wurden dort allerdings seltener genannt als in dieser Untersuchung, vgl. Schmitt/ Lembcke 2002: 98. 50 6. Fazit Wenn es stimmt, dass man immer so alt ist, wie man sich fühlt, dann sind die Senioren in Thüringen mit dem Begriff„junge Alte“ gut umschrieben: Im Durchschnitt fühlen sie sich zehn Jahre jünger als sie tatsächlich sind. Die bei dieser Feststellung mitschwingende positive Grundhaltung ist auch in weiten Teilen der hier untersuchten Erwartungen und Einstellungen der Älteren in Thüringen zu konstatieren: Zufriedenheit ist das Wort, dass bei dieser Beschreibung am häufigsten gebraucht werden kann. Diese positive Grundeinstellung der(meisten) Älteren in Thüringen erstreckt sich auch auf eine große Bandbreite von Lebensbereichen: die materielle Lage, die Wohnsituation, die Gesundheit, die infrastrukturelle Versorgung und schließlich die Lebenszufriedenheit in toto. Mit ihrer eigenen finanziellen Situation zeigen sich die Älteren in Thüringen im Schnitt deutlich zufriedener als die Bevölkerung unter 60 Jahren. Ihre eigentlich geringeren Haushaltseinkommen werden häufig durch geringere Haushaltsgrößen relativiert. Ihre Wohnsituation und ihr Wohnumfeld bewerten sie sehr positiv und letzteres im bundesweiten Vergleich deutlich überdurchschnittlich. Die Versorgung mit Infrastruktureinrichtungen wird zwar auf dem Land schlechter eingeschätzt als in der Stadt, aber auch hier überwiegen die positiven Bewertungen deutlich. Insgesamt bewerten vier von fünf Älteren die Lebensbedingungen für Senioren in Thüringen als gut oder sehr gut. Es sind diese positiven Wahrnehmungen, vor allem aber der von der überwiegenden Mehrheit der Befragten ab 60 Jahren für gut befundene Gesundheitszustand, die auch im fortgeschrittenen Alter zu einer hohen Lebenszufriedenheit führen. Diese hat sich in der retrospektiven Einschätzung der Älteren auch während der vergangenen zehn Jahre kaum verschlechtert. Zwar behauptet jeder dritte Senior im Hinblick auf die allgemeine Lebenszufriedenheit,„dass früher alles besser war“, aber unter den Jüngeren sagt das fast jeder Zweite. Die hohe Zufriedenheit der Älteren wird nicht zuletzt durch relativ enge innerfamiliäre Beziehungen zwischen den Generationen begünstigt. Die meisten Älteren stehen mit ihren Kindern in engem Kontakt, wobei die Kontaktdichte entscheidend von der räumlichen Entfernung der Wohnorte bestimmt ist. Aber auch über den Kreis der Familie hinaus sieht sich eine Mehrheit sozial gut integriert. Im Verhältnis der Generationen ergibt sich aus den Befunden der Altersstudie Thüringen ein ambivalentes Bild. Einerseits äußern sich die Älte51 ren bei Fragen nach dem Verhältnis der Generationen zwar etwas skeptischer gegenüber den Jüngeren als umgekehrt, einen wirklichen Generationenkonflikt kann man aber nicht ausmachen. Es überwiegt der Eindruck wechselseitiger Anerkennung und zumindest eines soliden Verständnisses für die jeweils andere Seite. Möglicherweise ist aber andererseits der Generationenkonflikt auch nur aufgeschoben, denn für die Zukunft prognostizieren zwei Drittel aller Thüringer, ob jung oder alt, dass die Jüngeren nicht mehr bereit sein werden, die finanziellen Belastungen aus dem Generationenvertrag zu schultern. Damit korrespondiert, dass beide Altersgruppen jeweils die eigene Gruppe auf der Verliererseite beim Umbau des Sozialstaats sieht. Von den Befragten unter 60 Jahren halten deutlich mehr(45 Prozent) die Älteren für Gewinner, als im umgekehrten Fall von den Senioren die Jüngeren(33 Prozent): Hier deuten sich gleichwohl Interessenkonflikte an, die zukünftig in einen Generationenkonflikt münden könnten. Hinsichtlich der politischen Einstellungen der älteren Thüringer ergibt sich ein Bild, das auffällig mit der Zufriedenheit in anderen Lebensbereichen kontrastiert: So zufrieden die Befragten ab 60 Jahren mit den meisten Lebensbereichen sind, so dezidiert kritisch äußern sie sich über die Politik: 70 Prozent denken, dass die Politik nicht genug für die Senioren tut. Die Negativurteile richten sich dabei nicht an einen bestimmten Adressaten, sondern an Landes- und Bundespolitik gleichermaßen; in der Kritik steht die Politik insgesamt. Es ist auch nicht ersichtlich, dass ganz speziell die Seniorenpolitik für verfehlt erachtet wird. Zwar wurde eine Frage danach, ob die Politik genug für Familien oder Arbeitslose leistet, nicht gestellt, es drängt sich aber der Eindruck auf, dass die Antworten kaum anders ausgesehen hätten. Politik und Parteien, so scheint es, können nie genug leisten und den – oftmals unspezifischen – Ansprüchen kaum jemals Genüge tun. Wird etwa nach der konkreten Verbesserungsmöglichkeiten vor Ort gefragt, zeigt sich das altbekannte Bild: weitgehende Zufriedenheit. So äußern beispielsweise 78 Prozent der Senioren explizit, dass in ihrem unmittelbaren Wohnumfeld alles in Ordnung sei. Hinsichtlich der ehrenamtlichen Tätigkeiten gilt, dass die Senioren ihrem hohen eigenen Anspruch nicht wirklich gerecht werden. Die meisten Älteren denken zwar, dass man sich auch im Ruhestand engagieren sollte, aber die wenigsten tun das auch tatsächlich. Politisches Engagement ist ebenso wenig wie ehrenamtliches Engagement oder die Mitgliedschaft in Vereinen erste Wahl, wenn es um die Verteilung der freien Zeit geht. Ein Blick auf die Hinderungsgründe zeigt aber, dass gerade in dieser Altersgruppe ein großes Potential an möglichen Mitgliedern für Vereine, Verbände und auch Parteien in Thüringen besteht. Selbst wenn die häufig als Hinderungsgrund genannten verkrusteten Organisationsstrukturen von den Befragten gar nicht selbst erlebt worden 52 sind, sondern nur vermutet werden, wird hier doch Handlungsbedarf für die Vereine und Verbände deutlich. Die in dieser Studie dokumentierte weit reichende Zufriedenheit der Älteren entspricht in weiten Teilen den objektiven Lebenslagen, wie sie sich der amtlichen Statistik entnehmen lassen: Die Älteren haben in besonderer Weise von der deutschen Einheit profitiert und sind somit die Gewinner der Entwicklungen in Thüringen in den letzten zwanzig Jahren. Zwar hat fast jeder Zweite der Senioren in Thüringen Angst davor, dass seine Rente in Zukunft nicht ausreichen könnte, unter den Jüngeren sind es aber 70 Prozent; davon bleiben sogar die eigentlich gut Situierten nicht verschont. Möglicherweise spielt bei der Zufriedenheit der Älteren auch eine gewisse Planbarkeit der Zukunft eine Rolle, die nicht nur durch gestiegene Lebenserwartung ermöglicht und notwendig wird, sondern auch durch finanzielle Sicherheit und Regelmäßigkeit begünstigt wird. Allerdings darf nicht vergessen werden, dass ein nicht unerheblicher Anteil von Senioren in Thüringen in schlechten finanziellen Verhältnissen lebt. Zudem kommt es zumal im sehr hohen Alter mitunter zu einer Häufung von Problemen: ein schlechter Gesundheitszustand geht dann mit einer angespannten finanziellen Lage, unbefriedigenden Wohnverhältnissen, einer unzureichenden Infrastruktur usw. einher. Insgesamt führen die Ergebnisse der Altersstudie Thüringen eines deutlich vor Augen: Die heutige Rentnergeneration ist sowohl von ihren Ressourcen(hinsichtlich Bildung, finanzieller Möglichkeiten, Gesundheit usw.) her als auch nach der subjektiven Wahrnehmung ihrer Lebensumstände und ohnehin nach dem eigenen Selbstverständnis nach ein aktiver Teil der thüringischen Gesellschaft. Auch wenn es für Gesellschaft und Politik noch manche Ressourcen der Älteren zu mobilisieren gäbe, in ihren Einstellungen und in ihrem Handeln zeigt sich diese Gruppe insgesamt gut integriert – und hat sich keinesfalls in den„Ruhestand“ begeben. Eine wesentliche Aufgabe von Politik und Gesellschaft wird darin zu bestehen haben, auch denjenigen älteren Menschen mit schlechteren Ressourcen Möglichkeiten der Teilhabe anzubieten. Womöglich liegen die zentralen Herausforderungen aber auch gar nicht bei der heutigen Rentnergeneration. Die Furcht vor niedrigen Renten ist bei den zukünftigen Rentnern weit größer und ihre materielle Ausstattung wird aller Voraussicht nach – bei gewaltigen Unterschieden zwischen einzelnen Gruppen – tendenziell ungünstiger sein, als es die der derzeitigen Rentenbezieher ist. Ein Blick auf die Gruppe der 50-59Jährigen zeigt, dass sie ihre eigene finanzielle Lage deutlich schlechter einschätzen als die jüngeren Kohorten und überdurchschnittlich häufig meinen, nicht den ihnen zustehenden Anteil am gesellschaftlichen Wohlstand zu erhalten. Ihre Lebenszufriedenheit ist sehr viel niedriger als 53 in anderen Altersgruppen und sie sehen der Zukunft vergleichsweise skeptisch entgegen. Diese Kohorte ist seinerzeit vom Systemumbruch in Thüringen und seinen Folgen am stärksten betroffen gewesen. Die Veränderungen, die sich nach diesen Befunden für die subjektiven Lebenslagen der zukünftigen Rentner andeuten, treten nicht plötzlich auf, sondern sie ergeben sich sukzessive über einen längeren Zeitraum – und sind insofern absehbar. Eine moderne, zukunftsfähige„Seniorenpolitik“ müsste daher diese Gruppe(n) ebenso im Blick haben wie die Menschen, die bereits das siebte, achte oder neunte Lebensjahrzehnt erreicht haben. 54 Literatur Backes, Gertrud M./ Clemens, Wolfgang(1998): Lebensphase Alter. Eine Einführung in die sozialwissenschaftliche Alternsforschung, München. Backes, Gertrud M./ Clemens, Wolfgang(2000): Lebenslagen im Alter – Erscheinungsformen und Entwicklungstendenzen, in: dies.(Hrsg.): Lebenslagen im Alter. Gesellschaftliche Bedingungen und Grenzen, Opladen, S. 7-27. Boeckh, Jürgen/ Huster, Ernst-Ulrich/ Benz, Benjamin(2004): Sozialpolitik in Deutschland. Eine systematische Einführung, Wiesbaden. Bürklin, Wilhelm/ Klein, Markus(1998): Wahlen und Wählerverhalten. Eine Einführung, Opladen. Edinger, Michael/ Hallermann, Andreas/ Schmitt, Karl(2004): Gerechtigkeit und Eigenverantwortung. Einstellungen zur Reform des Sozialstaates. Ergebnisse des Thüringen-Monitors 2006, Erfurt. Edinger, Michael/ Hallermann, Andreas/ Schmitt, Karl(2006): Thüringens Zukunft aus Bürgersicht: Erwartungen, Herausforderungen, Gestaltungsmöglichkeiten. Ergebnisse des Thüringen-Monitors 2006, Erfurt. Geißler, Rainer(2006): Die Sozialstruktur Deutschlands. Zur gesellschaftlichen Entwicklung mit einer Bilanz zur Vereinigung, 4. überarb. und akt. Aufl., Bonn. Gronemeyer, Reimer(2004): Kampf der Generationen. Die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts im Konflikt zwischen Jung und Alt, Darmstadt. Hoff, Andreas(2006): Intergenerationale Familienbeziehungen im Wandel, in: Tesch-Römer, Clemens/ Engstler, Heribert/ Wurm, Susanne (Hrsg.): Altwerden in Deutschland. Sozialer Wandel und individuelle Entwicklung in der zweiten Lebenshälfte, Wiesbaden, S. 231-287. Hradil, Stefan(2005): Soziale Ungleichheit in Deutschland, Wiesbaden, 8. Aufl. Kohli, Martin u.a.(2005): Generationenbeziehungen, in: ders./ Künemund, Harald(Hrsg.): Die zweite Lebenshälfte. Gesellschaftliche Lage und Partizipation im Spiegel des Alters-Survey, Wiesbaden, 2., erw. Aufl., S. 176-211. 55 Kohli, Martin/ Künemund, Harald(Hrsg.)(2005): Die zweite Lebenshälfte. Gesellschaftliche Lage und Partizipation im Spiegel des Alters-Survey, Wiesbaden, 2., erw. Aufl. Motel-Klingebiel, Andreas(2000): Alter und Generationenvertrag im Wandel des Sozialstaats. Alterssicherung und private Generationenbeziehungen in der zweiten Lebenshälfte, Berlin. Motel-Klingebiel, Andreas /Künemund, Harald/ Bode, Christina(2005): Generationenbeziehungen, in: Kohli, Martin/ Künemund, Harald (Hrsg.)(2005): Die zweite Lebenshälfte. Gesellschaftliche Lage und Partizipation im Spiegel des Alters-Survey, Wiesbaden, 2., erw. Aufl., S. 176-211. Naegele, Gerhard/ Tews, Hans-Peter(Hrsg.)(1993): Lebenslagen im Strukturwandel des Alters. Alternde Gesellschaft – Folgen für die Politik, Opladen. Niedermayer, Oskar(2006): Parteimitgliedschaften im Jahre 2005, in: Zeitschrift für Parlamentsfragen 37, S. 376-383. Schirrmacher, Frank(2004): Das Methusalem-Komplott, München, 12. Aufl. Schmitt, Karl/ Lembcke, Oliver(2002): Ehrenamtliches Engagement im Freistaat Thüringen, Jena(Ms.). Statistisches Bundesamt(2006): Datenreport 2006, Bonn. Tesch-Römer, Clemens u.a.(2002): Alterssozialberichterstattung im Längsschnitt: Die zweite Welle des Alterssurveys, in: MotelKlingebiel, Andreas/ Kelle, Udo(Hrsg.): Perspektiven der empirischen Alter(n)ssoziologie, Opladen, S. 155-190. Tesch-Römer, Clemens/ Engstler, Heribert/ Wurm, Susanne(Hrsg.) (2006): Altwerden in Deutschland. Sozialer Wandel und individuelle Entwicklung in der zweiten Lebenshälfte, Wiesbaden. Thüringer Ministerium für Bau und Verkehr(2006): Demographiebericht Thüringen,[Erfurt]. 56