Dezember 2007 direkt Analysen und Konzepte zur Wirtschafts- und Sozialpolitik Taschengeld für Mutter oder Krippenplatz fürs Kind? Eine Genderanalyse zum Betreuungsgeld Barbara Stiegler/ Katharina Oerder 1 Auf einen Blick An dem von der CSU vorgeschlagenen Betreuungsgeld scheiden sich die Geister. Doch was wirklich besser ist für die kleinen Kinder und wie es mit der vielbeschworenen Wahlfreiheit bestellt ist, zeigt eine Genderanalyse: Krippenplätze sichern die Geschlechtergerechtigkeit, die finanzielle Sicherheit der Familien und das Wohl der Kinder eher als das ohnehin magere Betreuungsgeld. Deutschlands frühkindliche Betreuung soll verbessert werden. Zur Verbesserung jedoch möchte jede Partei auf ihre eigene Weise beitragen. Die SPD fordert schon seit längerem Objektförderung: Steuergelder sollen in bessere, mehr und kostenfreie Kinderbetreuung ab dem Kleinstkindalter investiert werden. Väter und Mütter sind weiterhin erwerbstätig. Die CSU propagiert hingegen einen anderen Weg: Die Kleinen sollen in den ersten Jahren zu Hause betreut werden, ein kleines Taschengeld(Subjektförderung) wird dafür aus Steuermitteln zur Verfügung gestellt. Zunächst waren es vor allem Männer in der CSU, die das Betreuungsgeld auch gegen den eigenen Frauenverband durchsetzten wollten. Nach kontroverser Debatte hat auch die CDU das Betreuungsgeld Anfang Dezember 2007 in ihr Grundsatzprogramm aufgenommen. Der Koalitionsausschuss hatte sich bereits im Oktober geeinigt. Bis zum Jahre 2013 soll für jedes dritte Kind in Deutschland ein Krippenplatz zur Verfügung stehen. Dies bedeutet einen Ausbau der Plätze, vor allem im Westen, um zwei Drittel: von jetzt 250.000 auf 750.000 Krippenplätze. 2 Die Koalitionsvereinbarung enthält auch einen Rechtsanspruch auf Krippenbetreuung ab 2013. Und sie lässt einen Spielraum für ein Betreuungsgeld. Über die Einzel- WISO direkt Dezember 2007 Friedrich-Ebert-Stiftung heiten dieser„monatlichen Zahlung“ ist noch man lebt, noch vom Wohnort, dem Geldbeutel nicht entschieden, allgemein wird aber über eine oder von Hilfe durch Verwandte abhängen. Höhe von 150€ pro Monat gesprochen. Diese Das Betreuungsgeld soll die Attraktivität der Summe soll dann gezahlt werden, wenn auf den privaten Fürsorgearbeit erhöhen und diese LeisRechtsanspruch auf außerhäusliche Betreuung tung„anerkennen“. Dabei wird nicht beachtet, verzichtet und stattdessen das Kind zu Hause be- dass der Staat diese Arbeit bereits durch Ehetreut wird. gattensplitting und kostenlose Mitversicherung Das Betreuungsgeld ist eine radikal abge- des Ehepartners mit Milliardenbeträgen unterspeckte Variante des Erziehungsgehalts, das von stützt. An Mitteln fehlt es also nicht in der AufTeilen der Grünen und der Linken gefordert wertung der privaten Betreuung, sondern vielwurde und wird(vgl. Stiegler 1999). mehr in der finanziellen Ausgestaltung der Im Folgenden wird das zentrale Argument außerhäuslichen Betreuung. Diese Form der Kinfür das Betreuungsgeld, die Wahlfreiheit zwi- derbetreuung ist bislang quantitativ und qualischen Krippenplatz und Betreuung zu Hause, un- tativ viel zu kurz gekommen und stellt bisher ter der Geschlechterperspektive analysiert. keine wirkliche Alternative für alle Eltern dar. Des Weiteren lässt sich von Wahlfreiheit nur Wahlfreiheit – ein schöner Schein sprechen, wenn beide zu wählende Alternativen auch tatsächlich dieselben Auswirkungen haben und sich für alle Beteiligten positive und negaIm Zuge der Debatte um Krippenausbau und tive Folgen in etwa die Waage halten. Dies soll Betreuungsgeld wird die Wahlfreiheit gerade von nun bezogen auf Mütter, Väter und Kinder hin CDU/CSU als Hauptargument des Themas voruntersucht werden. gebracht. Familien – dahinter verbirgt sich aber in der Realität vor allem die Mutter – sollten die „Wahlfreiheit“ haben, ihr Kind in die Krippe zu Mütter: geben oder es zu Hause zu betreuen. Diese Wahlfreiheit solle der Staat gewährleisten, in dem er Durch das Betreuungsgeld wird für junge Mütter zusätzlich zum Krippenausbau auch ein Betreuein weiterer Anreiz gesetzt, zu Hause zu bleiben, ungsgeld einführt. anstatt – nach dem Elternurlaub – wieder in den Eine echte Wahlfreiheit hat zwei VoraussetBeruf zurückzukehren. Damit unterstützt das Bezungen: Zum einen müssen die zu wählenden treuungsgeld tradierte Rollenbilder und das AlAlternativen in gleichem Maße verfügbar sein leinverdienermodell. Ein Betreuungsgeld ist überund zum anderen müssen die positiven und nehaupt nur für die Mütter attraktiv, die entweder gativen Folgewirkungen der Alternativen in einer keine Erwerbsarbeit finden und mit staatlichen gewissen Balance stehen. Sozialleistungen leben oder Mütter, die gar nicht Die erste Voraussetzung ist bezüglich der auf ihren eigenen Verdienst angewiesen sind, frühkindlichen Kinderbetreuung nicht gegeben. weil der Vater des Kindes für die Absicherung Nur für 7,8% aller Kinder im Westen, 39% im sorgt. Die Folgen dieser Entscheidung für die zu Osten, steht eine Betreuungsmöglichkeit zur VerHause betreuenden Mütter sind dennoch negafügung – die Wartelisten sind lang. Selbst mit tiv: geringere finanzielle Spielräume, die Abdem Ausbau der Krippenplätze, den die Bundeshängigkeit vom Unterhalt, den der Vater des Kinregierung für 2013 geplant hat, wird laut Vereindes zu zahlen hat, und die drohende Armut bei barung höchstens für ein Drittel aller Kinder ein Scheidung oder im Alter. außerhäuslicher Betreuungsplatz zur Verfügung Die Erweiterung der Krippenplätze hingegen stehen. Eine junge Mutter oder ein junger Vater schafft einen Anreiz, wieder einer Erwerbstätigkönnen sich aber nur dann wirklich entscheiden, keit nachzugehen, und zwar für alle Mütter, unweiterhin berufstätig zu sein, wenn ein adäquater abhängig von dem Einkommen, das der Vater Betreuungsplatz vorhanden ist. Echte Wahlfreiheit erzielt. International zeigen sich überall dieselgibt es also erst dann, wenn die Betreuungsalterben Effekte: Wird der Krippenplatz- und Kindernativen für das Kind weder von der Region, in der gartenausbau verstärkt vorangetrieben, erhöht 2 Wirtschafts- und Sozialpolitik WISO direkt Dezember 2007 sich die Anzahl erwerbstätiger Frauen mit KinMit der Entscheidung für die außerhäusliche dern. Die Entscheidung für eine Erwerbstätigkeit Betreuung des Kleinkindes mindert sich für Väter bringt für die Mütter eine eigene, bessere finandie patriachale Dividende, dafür können sie aber zielle Absicherung und eine Chance zur Selbstmit einem größeren finanziellen Spielraum rechverwirklichung. Es ist bekannt, dass eine Erwerbsnen und sind von der Unterhaltspflicht gegenarbeit sowohl zu sozialer Integration führt als über der Mutter entlastet. auch die Anzahl sozialer Beziehungen eines Menschen erhöht(Roßbach 2000). Darüber hinaus vermindert die eigene Erwerbsarbeit die ArKinder: mutsrisiken nach Scheidung und im Alter. Kinder können in Kinderkrippen optimal gefördert werden. Bildungsangebote in der VorschulVäter: zeit entscheiden weitgehend über den späteren Schulabschluss eines jungen Menschen, sie sind Die Wahlfreiheit zwischen Krippenbetreuung sogar wichtiger als klassische Einflussfaktoren und häuslicher Betreuung wird im Bezug auf Väwie das Einkommen der Eltern oder der Bildungster selten diskutiert. Schon hier zeigt sich die abschluss des Vaters(Büchel 1997). Förderung ist Norm traditioneller Arbeitsteilung, die dem Konbesonders für Kinder aus bildungsfernen Schichzept des Betreuungsgeldes zugrunde liegt. Im ten und für Kinder mit Migrationshintergrund Prinzip haben jedoch auch Väter mehrere Mögwichtig. Bei ihnen gibt es den größten Zusamlichkeiten: Sie können selbst ihr kleines Kind zu menhang zwischen Frühförderung und späterer Hause betreuen und ein Betreuungsgeld in AnSchullaufbahn(Becker 2006). spruch nehmen, sie können es der Mutter des Auch die finanzielle Lage von Kindern ist Kindes überlassen oder sie können es in eine von Bedeutung. Kinder sind vor allem dann arm, Krippe geben. Entscheidet sich der Mann dafür, wenn sie mit einer alleinerziehenden Mutter zusein Kind zu Hause von der Mutter betreuen zu sammenleben. Das Betreuungsgeld erhöht die lassen, hat dies einige Vorteile für ihn. Die Hausfinanziellen Mittel, es ist allerdings nicht sicher, frau und Mutter wird ganz selbstverständlich nedass sie auch für die Kinder ausgegeben werden. ben den notwendigen Versorgungsarbeiten für Wenn, wie beim Betreuungsgeld, die Gewährung das Kind, auch die Arbeiten, die durch den Mann dieser Mittel aber auch noch voraussetzt, dass die im Haushalt verursacht werden, mit übernehKinder zu Hause bleiben, schlägt diese„Wohltat“ men. Damit vermehrt sich die sogenannte„patriins Gegenteil um: Die Kinder bleiben immer noch archale Dividende“(Connell 1999), d.h. der Vorrelativ arm und ihnen wird die mögliche Förteil, den Männer aufgrund der Tatsache, dass sie derung vorenthalten. Männer sind, in vielen Bereichen im Vergleich zu Finanzielle Sicherheit von Vater und Mutter Frauen immer noch haben. Ein weiterer Nutzen kommt dem Kind in doppelter Hinsicht zugute: dieser Entscheidung für den Vater liegt darin, Die materiellen Bedürfnisse des Kindes sind besdass das Betreuungsgeld seine Unterhaltspflicht ser abgesichert und seine emotionalen Bedürffür die Mutter seines Kindes und das Kind selbst nisse können von entspannten Eltern besser verringert. wahrgenommen werden. Die Bindung zur MutDie Betreuung des Kleinkindes selbst zu ter oder zum Vater wird durch den Besuch einer übernehmen und die Erwerbsarbeit zu unterbreKinderkrippe nicht entscheidend beeinträchtigt. chen, ist für Väter nur in den seltensten Fällen Zwar ist es wichtig, dass diese Bindung stabil ist, eine wirkliche Option gewesen. Zu groß sind die dies muss aber nicht über permanentes BeisamNachteile, denn neben denen, die auch die Mütmensein geschehen. Wichtiger ist die so genannter in Kauf nehmen müssen, kommt bei Vätern te„Quality-time“, Zeit also, in der sich Eltern in der Regel noch der Verlust des im Verhältnis und Kinder nicht nur an einem Ort aufhalten, zur Mutter größeren Einkommens hinzu: Die sondern sich tatsächlich miteinander beschäfti150€ Betreuungsgeld fallen demgegenüber übergen(Roßbach 2000). Und auch andere Binhaupt nicht ins Gewicht. dungen werden schon im frühsten Kindesalter 3 WISO direkt Dezember 2007 Friedrich-Ebert-Stiftung wichtig. So zeigen Kleinkinder schon mit wenigen Monaten das Bedürfnis nach sozialen Kontakten, gerade auch zu anderen Kindern. In einer Krippe kann diese soziale Kompetenz gefördert und gestaltet werden. Ausblick Private und öffentliche Betreuung von Kleinkindern sind keine echten Alternativen, weder für Mütter, noch für Väter oder Kinder. Ein vorsorgender Sozialstaat hat demnach eher die Aufgabe, bislang private Arbeit umzustrukturieren, anstatt sie zu alimentieren. Zu einer solchen Umstrukturierung gehört, dass die staatlichen Mittel in die Objektförderung fließen: beitragsfreie Kindergartenplätze, Ausbau der Kindertagesstätten, Ganztagsschulen. Diese Umstrukturierung wird mit der Stärkung der sozialen Rechte verbunden: einem gesetzlichen Anspruch auf einen Kinderbetreuungsplatz. Konzepte wie das Erziehungsgehalt oder das Betreuungsgeld alimentieren oder finanzieren die heutigen Formen der frühkindlichen Betreuung im Privaten. Das Betreuungsgeld, auch wenn es nur als eine Alternative zum Recht auf einen Krippenplatz und zum Ausbau der Betreuungsplätze gedacht ist, ist ein Schritt in die Retraditionalisierung der Geschlechterverhältnisse. Es ist keine Bezahlung der Arbeit, denn sie wird weder geregelt noch gemessen. Die vermeintliche Aufwertung der privaten Betreuungsarbeit durch ein Taschengeld von 150€ für einen Arbeitstag mit nicht selten 20 Stunden kehrt sich eher in eine Abwertung dieser Arbeit um. Über die Finanzierung eines Erziehungsgehaltes, das die private Arbeit mit einer Erwerbsarbeit gleichstellen will, gibt es keine realistischen Vorschläge. Aber selbst, wenn die hohen Summen staatlich aufgebracht würden, würde weder die Privatheit noch die geschlechtsspezifische Zuweisung dieser Arbeit aufgehobenen. Jede Form der staatlichen Finanzierung privater Arbeit verhindert die Chancengleichheit der Geschlechter. Gewisse Teile der Hausarbeit werden und sollen allerdings auch in Zukunft im privaten Raum verbleiben. Sie sind aber weder geschlechtsspezifisch zuzuweisen noch als solche zu bezahlen. Vielmehr müssen, damit dieser verbleibende Teil geleistet werden kann, die Regelungen in der Erwerbsarbeit verändert werden. Mittels Arbeitszeitverkürzungen für die Fürsorgearbeit im Privaten, Flexibilisierung der Arbeitszeit nach diesen Bedürfnissen und mit einem Männerbild, das Fürsorgearbeit einschließt, könnten Väter und Mütter die Möglichkeit bekommen, sich im Beruf zu verwirklichen, ihren Kindern und sich selbst finanzielle Sicherheit zu schaffen und dennoch genügend Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Literatur Becker, R., Trempel, P.(2006): Auswirkungen vorschulischer Kinderbetreuung auf die Bildungschancen von Migrantenkindern. In: Soziale Welt, Band 57, H. 4, S. 397–418. Büchel, F., Spieß, K., Wagner, G.(1997): Bildungseffekte Vorschulischer Kinderbetreuung. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Jg. 49, Heft 3, S. 528–539. Connell, R.(1999): Der gemachte Mann. Opladen: Leske und Buderich. Roßbach, Hans-Günther(2000): Entwicklungen im Kindergarten und in der Grundschule. In: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft 3, S. 21–34. Stiegler, B.(1999): Mutter, Kind und Vater Staat – Geschlechterpolitische Aspekte des Erziehungsgehalts. Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn. 1 Dr. Barbara Stiegler ist Leiterin des Arbeitsbereiches Frauen- und Geschlechterpolitik in der Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung. Katharina Oerder studiert Psychologie an der Universität Bonn und ist Praktikantin der Friedrich-Ebert-Stiftung im Arbeitsbereich Frauenund Geschlechterpolitik 2 Selbst mit dieser Zielmarge verfehlt Deutschland immer noch die EU-Vorgaben. Staats- und Regierungschefs der EU-Länder hatten sich 2003 darauf geeinigt, dass im Jahr 2010 für 33% der Kinder unter 3 Jahren Betreuungsplätze zur Verfügung stehen sollen. 4 Impressum:© Friedrich-Ebert-Stiftung Herausgeber: Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung Godesberger Allee 149 53175 Bonn Fax 0228 883 398 www.fes.de/wiso ISBN: 978-3-89892-848-9