Ingeborg Zaunitzer-Haase Rettende Augenblicke Überleben im Nazi-KZ Reihe Gesprächskreis Geschichte Heft 78 Gesprächskreis Geschichte Heft 78 Ingeborg Zaunitzer-Haase Rettende Augenblicke Überleben im Nazi-KZ Friedrich-Ebert-Stiftung Historisches Forschungszentrum Herausgegeben von Dieter Dowe Historisches Forschungszentrum der Friedrich-Ebert-Stiftung Godesberger Allee 149, D-53175 Bonn Kostenloser Bezug beim Historischen Forschungszentrum der Friedrich-Ebert-Stiftung E-mail: Doris.Fassbender@fes.de http://library.fes.de/history/pub-history.html © 2007 by Friedrich-Ebert-Stiftung Bonn(-Bad Godesberg) Umschlag: Pellens Kommunikationsdesign GmbH, Bonn Druck: bub- Bonner Universitäts-Buchdruckerei, Bonn Alle Rechte vorbehalten Printed in Germany 2007 ISBN 978-3-89892-829-8 ISSN 0941-6862 3 Inhalt Vorweg-Überlegungen: Hierarchien im Nazi-KZ........................................ 5 Brot und Suppe............................................................................................. 7 Heimat verbindet......................................................................................... 12 Ein Junge aus Krakau................................................................................. 15 Rätselhafte Vorfälle.................................................................................... 18 Glück und eigene Initiative......................................................................... 21 Zwei Brüder................................................................................................ 24 Die rosa Wolljacke...................................................................................... 28 Fredi- ein Heldenlied................................................................................. 31 Die kleine Bibelforscherin.......................................................................... 33 Zigeunerjungen........................................................................................... 37 Zwei Ohrfeigen........................................................................................... 42 Instinkte...................................................................................................... 45 Politisches Interesse.................................................................................... 48 Überlebensmomente.................................................................................... 52 Anhang: Quellenhinweise........................................................................... 58 4 5 Vorweg-Überlegungen: Hierarchien im Nazi-KZ Es gibt Gebilde menschlichen Zusammenlebens ohne die geringste Spur von Menschenrechten, jedoch mit funktionierenden Hierarchien. Wenn es im ‚Parade’-KZ der Nazis, in Auschwitz-Birkenau, möglich war, dass mal irgendsoein SS-Bewacher einen freien Tag erhielt, falls er jemanden, den er bewachen sollte- etwa einen jüdischen Gefangenen- einfach erschoss, wurde ihm diese „Belohnung“ von einem Vorgesetzten zugesprochen. Der bewilligte den freien Tag aus eigener Machtvollkommenheit und hierarchischer Kompetenz, jedoch wissend, dass die Abwesenheit irgendwelchen Rechts oder gar Menschenrechts seine Handlungen deckte. Wer Hunderter-Gruppen jüdischer Mitbürger vom KZEingang nach der„Selektion“ in die Gaskammern dirigierte, tat das als Mitglied einer Verbrechertruppe, jedoch mit Deckung durch eine hierarchisch angehauchte Obrigkeit. Wer als Gefangener diese und die vielen anderen, permanenten Willkürakte erlebte, war zwar dem sofortigen Tod entgangen, befand sich aber in ständiger, pausenloser, jede Sekunde überdeckender Todesangst. Verlaust, von Typhus bedroht, in hygienischem Niemandsland, gezwungen zu sinnloser Schwerstarbeit, stundenlangem Zählappellstehen, auf dreckigen Pritschen kaum mal schlafend, mit dünnen Süppchen gerade mal am Leben erhalten, verschwand nach und nach jegliche Lebenskraft. Dennoch gab es Überlebende dieser total lebensfeindlichen Daseinsform. Wie das? Der Mensch ist ein angepasstes Wesen. Zeitgeist führt zu Gruppenzwang. 6 Gruppenzwang bedeutet gleichförmiges Verhalten- im Gleichklang mit der jeweiligen Gruppe. Sich bewusst aus dem Gruppenzwang zu lösen, setzt Geistesgröße und eine überaus starke Willenskraft voraus. Sich allein schon gedanklich von einer mächtigen Gruppe loszusagen und dann auch noch„lossagende“ Handlungen zu vollbringen, setzt so starke innere Kräfte voraus, dass hier in die Raritätenkammer der Geschichte geschaut werden muss. So ist es ja- ein hierhin passendes Beispiel- unter Historikern unumstritten, dass mehrere der Anti-Hitler-Verschwörer des 20. Juli 1944 zuvor selber tief in die politischen und militärischen Geschehnisse der NaziHerrschaft verstrickt waren. Nein, von irgendwelchen Formen bewussten Widerstands gegen die Zustände in den Konzentrationslagern wird im Folgenden nicht die Rede sein. Niemand unter den männlichen und weiblichen KZBewachern sagte sich los vom nationalsozialistischen Verbrecherstaat. Sie alle lebten von, mit und durch ihre kriminellen Schandtaten. Auch unterhalb der Hierarchie der bewaffneten SS-Schergen mit Dauerlizenz zu sinnlosem Töten und Quälen gab es Verbrecher und Verbrecherinnen jeglichen Kalibers. Denn die Bewacher hatten„Unter-Bewacher“, ausgestattet mit Peitschen und Hunden, und die hatten sich in täglichen Übungen die Klaviatur mörderischen Herrschaftsgebarens zu eigen gemacht. Die Mitglieder dieser Verbrecher-Hierarchie stießen nun auf die riesengroße Gruppe der rechtlosen Verbannten, die pausenlos in Todesangst schwebten und die körperlich gar nicht in der Lage waren, sich in irgendeiner Form zur Wehr zu setzen. Sich zu wehren, hätte auch- davon musste jeder ausgehen- den sofortigen Tod bedeutet. Jeder war sich selbst der Nächste. Jeder 7 lebte aber auch in einer Gruppe- einem Raum, einer Baracke, einer Arbeitseinheit- und war durchaus den Gruppenzwängen und ihren unausweichlichen Anpassungsritualen ausgeliefert. So stießen also im Nazi-KZ zwei Hauptgruppen mit ihren jeweils starken eigenen Zwängen aufeinander: die Mächtigen und die Ohnmächtigen. Die Verbrecher und ihre Opfer. Es gab ein ständiges Aufeinanderprallen. Meistens mit Todesfolge oder totaler, lebensfeindlicher Entwürdigung. Manchmal aber ereignete sich beim unvermeidlichen Aufeinanderprallen von Angehörigen der beiden Gruppen ein Moment, der zum Überleben eines Opfers führte. Wo große Menschengruppen beisammen sind, ist auch ein Sammelsurium unterschiedlicher Charaktere beisammen. So kann es geschehen, dass beim total lebensfeindlichen Aufeinandertreffen zweier Charaktere eine Konstellation entsteht, die nicht den sofortigen Tod, sondern Lebens-Elemente enthält. Willkürlich? Unwillkürlich? Bewusst? Unbewusst? Oder gar beiderseitig zweckgerichtet? Im Folgenden soll davon die Rede sein, wie es dazu kommen konnte, dass Menschen die Hölle überlebten. Brot und Suppe „Der SS-Mann hat mich beim Klauen erwischt“, erzählte Rita (*1). Eigentlich war ihr speiübel gewesen. Denn sie hatte kurz zuvor die„tierische Freude“ zweier SS-Aufseherinnen beobachten müssen, die ein paar magere, apathische jüdische Gefangene 8 dazu gezwungen hatten, mit Zahnbürsten den Hof hinter einer der KZ-Baracken zu säubern. So groß aber war der Hunger, so groß die Hoffnung auf das zu erwartende Wassersüppchen, in dem irgendwelche Kartoffelund Gemüseabfälle schwimmen würden, dass sie- Rita- es wagte, sich ein paar Schritte in Richtung Küche zu bewegen. Es war Winter. Da lag im Hof ein Haufen gefrorenen Kohls. Sie nahm einen Kohlkopf an sich, wollte ihn unter ihrem Kittel verstecken. Aber da war plötzlich dieser SS-Mann. „Er brüllte mich an wie verrückt. Machte mir die schlimmsten Vorwürfe. Bedrohte mich mit Strafen. Riss mir den Kohlkopf weg. Ich stand da, zitternd, brachte nur ein einziges Wort heraus: Hunger. Dann ging ich zurück in die Baracke. Dieser SS-Mann brachte mir dann nachmittags ein Stück Brot.“ Frau S. und ihr späterer Mann, zwei Auschwitz-Überlebende, (*2)„Alles drehte sich ums Essen.“ Sie:„Man musste sich dauernd etwas organisieren, das heißt stehlen, sonst konnte man nicht überleben.“ Er:„Ich musste mal in einem Außenlager von Auschwitz arbeiten, in einer kleinen Gruppe. Da war einer dabei, der kannte einen Kapo, einen sogenannten politischen Gefangenen.“ (Anm.: Kapos, selber Gefangene, oftmals nicht jüdisch, waren in den KZ's mit Aufsichtsfunktionen betraut.) Herr S. weiter:„Dieser Kapo war in der Küche beschäftigt. Er brachte die Suppe raus. Und weil also einer aus meiner Gruppe diesen Kapo kannte, ging er bei uns mit seiner Kelle schon mal tiefer in den Topf und fischte die etwas festeren Stücke Kartoffelstücke- für uns heraus.“ 9 Sie:„Man musste Leute kennen, um auch mal irgendwie organisieren und tauschen zu können.“ Da war es gut, zu einer Gruppe zu gehören. Oft war es aber auch besser, war es günstiger, auf eigene Faust etwas zu tun. Die Gefangene Ilona. K.(*3):„Ich arbeitete mal in Auschwitz in der sogenannten Kleiderkammer, wo die Kleidung landete, die den Hereinkommenden abgenommen worden war. Da konnte man mal Kleidung mitgehen lassen. Ich hatte mir mal einen Pelzkragen an Land gezogen. Und den konnte ich dann tatsächlich gegen ein Stück Brot tauschen.“ Es gab auch den umgekehrten Weg. E.B.(*4), zum Beispiel, hungerte mal eine ganze Woche lang, um Brot aufzusparen, das sie dann gegen einen Pullover eintauschte.„Nicht zu frieren, war mir zu der Zeit wichtiger als nicht zu hungern.“ Meistens heißt es:„Wir haben untereinander nur übers Essen gesprochen.“ I.K. sagt aber:„Wenn wir gefangenen Frauen mal miteinander sprachen, ging es niemals ums Essen Wir stellten uns vor, mal ins Theater, in ein Konzert zu gehen, oder was wir sonst später mal machen wollten. Wir haben es total vermieden, übers Essen zu sprechen.“ Auch Marianne(*5) hatte Brot aus einer Nebenbaracke geklaut. Ein SS-Mann erwischte sie dabei.„Er brüllte fürchterlich rum. Ich sei wohl total verrückt geworden, Brot zu stehlen, wohl wahnsinnig geworden und müsse das Brot jetzt sofort auf der Stelle zurück bringen. Ich war gerade dabei, das zu tun. Da brüllte mich jemand anders an, ein Kapo. Ich sei wohl wahnsinnig, das Brot, das ich mit meinen schmutzigen Fingern angefasst hätte, zurückzulegen. Ich solle sofort verschwinden. Ich war starr vor Angst. Denn der SS-Mann, der mich zuerst angebrüllt hatte, stand ja mit seiner 10 Pistole hinter mir. Ich hörte Schritte und drehte mich um. Da war der SS-Mann verschwunden. Ich konnte das Brot behalten.“ Lina(*6) wurde eines Tages- völlig geschwächt von der täglichen Wassersuppe- in die nahe gelegene Munitionsfabrik beordert zur Arbeit am Fließband.„Da haben mich die Blockältesten- so hießen die Frauen, die da was zu sagen hatten- zum Stubendienst ausgesucht. Das war meine Lebensrettung. Die hatten mich wohl deshalb ausgesucht, weil ich- wie die- aus Frankfurt kam.“ Stubendienst als Lebensrettung:„Da machte ich die Betten und hielt die Zimmer sauber, das war natürlich besser als das Fließband in der Munitionsfabrik. Ja, und da habe ich dann manchmal, mit viel Angst und Herzklopfen, etwas zum Essen geklaut. Ein Stück Brot oder so. Oder mal eine Kartoffel. Eine Kartoffel war damals so viel wert wie heute die feinste Schokolade.“ Helen(*7) kam aus der Hölle, wie sie selber sagt. Sie war mit einigen anderen Frauen in Auschwitz schon„zum Vergasen geführt“ worden.„War wohl ein Irrtum. Wir standen schon vor der Tür zur Gaskammer. Wurden zurückgerufen, irgendwas war mit der Buchführung los. Das ist einfach nicht zu erzählen. Ich war nur noch ein Automat.“ Was nun tun mit den dem Gas entkommenen Frauen? In diesem mörderischen Auschwitz-Birkenau? Da kommt nochmal der„Stubendienst“ ins Spiel. Helen:„Ich begegnete da zufällig einer'Blockowa', einer Blockältesten. Die hatte etwas mit einem SS-Mann, der in der Küche tätig war. Der hatte ihr drei Brote gegeben, und die konnte sie nicht auf einmal tragen. Da gab sie mir eines dieser Brote zum Tragen. Und ich habe ihr dann dieses Brot zurückgegeben. Das hat sie sehr gewundert, dass ich das Brot zurück gab, dass 11 ich also ehrlich war. Da hat sie mich in ihren Block mitgenommen und zum Stubendienst eingeteilt. Die anderen Frauen mussten dann auf dem Bau arbeiten.“ Stündlicher, tagelanger, oft jahrelanger Überlebenskampf der KZ-Gefangenen. Meistens endete dieser Kampf tödlich. Viele Menschen verloren schon vor ihrem endgültigen Ende alle körperlichen und geistigen Lebenskräfte. Sie waren eine matte Beute der total verhaltensgestörten, verbrecherischen Bewacher. Das Überleben zu schaffen, setzt also voraus, dass- noch genügend Kraft vorhanden ist, wirklich überleben zu wollen und sozusagen darauf hin zu„arbeiten“. Gab es psychische Kräfte? Bewusste oder unbewusste „Tricks“, bewusste oder unbewusste Versuche, die totale Verhaltensstörung der Bewacher zu durchdringen? Was bewog jenen SS-Mann, der Gefangenen, die den Kohlkopf gestohlen hatte, wenig später ein Stück Brot zu bringen? Sie berichtet, dieser SS-Mann sei auch später immer mal wieder mit einem Stückchen Brot bei ihr erschienen. Oder jener Wüterich, der Marina den Befehl gab, das gestohlene Brot zurückzubringen: Wieso verschwand er von der Bildfläche, als er sich gegen einen- ihm immerhin untergeordneten Kapo leicht hätte durchsetzen können? Spuren einer sonst vom KZ-Machtrausch völlig verschütteten Normalität im Umgang mit Mitmenschen? Helen durfte Stubendienst verrichten, statt auf dem Bau arbeiten zu müssen, weil sie das Brot, das sie tragen sollte, ohne Bitten und Betteln und ohne wegzulaufen, zurückgegeben hatte. Ihre Ehrlichkeit half ihr beim Überleben- eine Ehrlichkeit, an die diese Blockälteste angesichts der von Angst und Hungersnot erfüllten Gefangenen gewiss nicht mehr geglaubt hatte. Stubendienst zu verrichten, setzt aber eine gute Portion Ehrlichkeit 12 voraus- selbst im KZ. Helen stellt dennoch fest:„Auch beim Stubendienst- die Angst war die gleiche wie überall.“ Etwas anders liegt der„Fall“ Lina. Sie war in dieser Munitionsfabrik gelandet und musste Fließbandarbeit verrichten, die weit über ihre Kräfte hinaus ging. Dann wurde sie von der dortigen Blockältesten zum Stubendienst ausgesucht. Wieso? Warum? Diese Blockältesten waren ja selber gefangene junge Mädchen- allerdings keine Jüdinnen. Lina führt ihre„Bestellung“ zum Stubendienst im Wesentlichen darauf zurück, dass sie- wie diese Mädchen-„aus Frankfurt kam“. Die gemeinsame Heimat half beim Überleben. Heimat verbindet Heinz(*8), der Auschwitz überlebte, berichtet von einem SSMann, bei dem„man deutlich merkte, dass man im Grunde nur dazu da war, eines Tages umgebracht zu werden.“ Dieser SSMann, jedenfalls,„hat Leute umgelegt, ohne mit der Wimper zu zucken.“ „Jede Sekunde“, sagt Heinz,„gab es Schikanen mit Mord und Totschlag.“ Was es bisher an Büchern und Filmen über Auschwitz gebe, sei„zwar schlimm genug, aber nichts im Vergleich zur Wirklichkeit.“ Am 10. Januar 1943 sei er in Auschwitz mit etwa 2.500 Menschen angekommen- Frauen, Männern, Kindern.„2.390 davon wurden in der zweiten Nacht vergast. Blieben 110, die arbeiten konnten. Davon sind später 5 übrig geblieben.“ Heinz war einer davon:„Es ging immer darum, sich irgendwie extra Essen zu beschaffen.“ 13 Und nun dieser SS-Mann, der die Menschen schikanierte und abknallte. Heinz:„Dieser Mann war mir gegenüber sehr anständig.“ Warum?" Weil er wusste, dass ich- so wie er- aus Hamburg war.“ Eine eigenartige„Erklärung“ von etwas Unerklär- und Unbeschreibbaren. Offenbar gehörte ein solches Verhalten zu einem Phänomen, das von KZ-Überlebenden immer wieder„diese totale Unberechenbarkeit“ genannt wird. Esther(*9) hatte Glück und Verstand und musikalisches Talent. Fast wäre sie- wie so viele- der„Vernichtung durch Arbeit“- sinnloses Hin- und Herschleppen von Steinen- zum Opfer gefallen. Weil sie singen und Akkordeon spielen konnte, wurde sie schließlich Mitglied jenes Orchesters des KZ Auschwitz, dessen Aufgabe darin bestand, ankommende Transporte mit Musik zu begrüßen. Die Ankömmlinge, die aus den Viehwaggons herausquollen, sollten mit der relativ munteren Musik etwas hoffnungsfroh eingestimmt werden, damit sie ohne Widerstand den Marsch zur Gaskammer antraten. Dieses Auschwitz-Orchester rettete Esther das Leben, rettete sie aber nicht vor schlimmen Erlebnissen.„Da waren SSFrauen, die waren noch brutaler als die Männer.“ Sie prügelten mit Peitschen und brüllten unentwegt die Häftlinge an.„Sie wollten uns zeigen, dass wir keine Menschen seien“, sagt Esther. Aber sie fügt hinzu:“Eine dieser SS-Aufseherinnen war nett. Sie fing zwar an, entsetzlich laut rumzubrüllen, wenn die Oberaufseherin kam. Aber hinterher entschuldigte sie sich bei uns.“ Dann war da noch, berichtet Esther, ein sogenannter Arbeitsführer namens Moll.„Eine Bestie.“ Der sei der„ekelhafteste Mensch“ gewesen, den man sich vorstellen könnte.„Total pervers“. Sie habe mit eigenen Augen gesehen, wie er seine vier 14 Schäferhunde auf schwache Frauen gehetzt habe, um sie zu zerreißen. „Ausgerechnet dieses fürchterliche Schwein hat mir das Leben gerettet.“ Esther war todkrank geworden. Sie wurde in das jüdische Krankenrevier eingeliefert. Dort gab es keinerlei Medikamente. Esther sollte schon in die„Todeszelle“ gebracht werden. Da trat dieser Moll in Erscheinung.„Der war ein Musikliebhaber und brauchte mich für das Orchester.“ Er ließ Esther vom jüdischen in das christliche Krankenrevier bringen.„Dort gab es einige Medikamente, und der Moll bedrohte die Ärztin mit dem Tod, wenn sie mich nicht heilen würde.“ So wurde sie tatsächlich wieder auf die Beine gebracht. Esther hatte sich gemerkt, dass die Orchesteraufseherin eine SS-Frau aus Saarbrücken war. Bei passender Gelegenheit sagte sie ihr, dass sie auch aus Saarbrücken komme.„Das führte dazu, dass diese Frau dann ganz besonders nett zu mir war.“ Erinnerungen an die Heimat? Katharina(*10), die aus einer kleinen Stadt in der damaligen Tschechoslowakei stammte, hatte längst„keine Überlebenshoffnung“ mehr. Täglich gab es„Aussortierungen“, und wer aussortiert wurde, kam sofort ins Gas. Die hygienischen Zustände waren katastrophal, und so brach eine Flecktyphusepidemie aus, die schließlich auch die SS-Bewacher nicht verschonte. Das führte dann zu„riesigen Entlausungen“ mit einer Chemikalie, die Katharina„Blaugas“ nennt. Jedenfalls war sie am Ende. Sie konnte sich kaum bewegen. Aber dann„hatte ich etwas Glück“. Im KZ Auschwitz-Birkenau gab es sogenannte Läuferinnen Häftlinge, die irgendwelche Informationsaufgaben zwischen einzelnen Lagereinheiten zu übernehmen hatten.„Da kam eine 15 Läuferin, die suchte eine Kunstgewerblerin. Dieses Mädchen kam aus meiner Heimatstadt in der Tschechoslowakei. Ich gab ihr meine Gefangenen-Nummer“. So landete Katharina eines Tages in der sogenannten Kunstgewerbeabteilung. Hier hatte sie sich mit Teppichknüpfen und anderen Handarbeiten zu beschäftigen.„Das Essen war das gleiche wie draußen, aber man musste sich nicht mehr so drängeln.“ Katharina ist sich sicher:„Das war mein Überleben.“ Auch in der Überlebensgeschichte von Sigmund(*11) spielte seine Herkunft eine wichtige Rolle. Er kam aus Krakau. Ein Junge aus Krakau Sigmund untertreibt wohl ein wenig, wenn er sagt, er habe„äußerst unangenehme Erinnerungen“ an die Zeit, als es auch in Krakau mit der Judenverfolgung ernst wurde. Als er mit seinen Eltern in ein Ghetto ziehen, als er den Davidstern tragen musste und keine Schule mehr besuchen durfte. Als er und seine Eltern immer enger in die Zange genommen, als„die Schraube immer stärker zugedrückt“ wurde. Als dann erst der Vater, anschließend die Mutter„abtransportiert“ wurden und auch er selber schließlich im KZ landete. Das war dann, im Mai 1943, Auschwitz-Birkenau. Dort gab es gleich nach der Ankunft zwei Wege: einer direkt in die Gaskammern. Der zweite Weg galt Menschen, die nicht sofort umgebracht, sondern die- da einigermaßen kräftig und gesund aussehend- erstmal arbeiten sollten. Kinder kamen ins Gas. Sigmund war 14 Jahre alt. Bei der„Selektion“ in Auschwitz rief er so laut er konnte:„18, Schlosser“. Zwar war er weder 18 noch Schlosser, aber er kam dorthin,„nach links statt nach rechts“, wo er am Leben bleiben durfte.- Quarantäne. Tätowierung. 16 Kopf geschoren. Kleidung gegen KZ-Zeug getauscht.„Klocks“ statt normaler Schuhe. Ein auch nur halbwegs zivilisiertes Leben sei völlig unmöglich gewesen, sagt Sigmund.„Es herrschte totale Barbarei.“ Die meisten hätten schon die Quarantäne nicht überlebt. Wer einen Unfall hatte, nicht mitkam, krank oder sonst wie schwach war,„ging durch den Kamin“. Einmal habe er, weil es nicht mehr anders ging, an einer Stelle„gepinkelt“, wo er es nicht hätte tun dürfen. Ein Kapo, Hände in den Taschen, habe ihn daraufhin mit den Ellenbogen fürchterlich verprügelt. Abends sei der dann gekommen, habe ihm den Kopf in den Ofen gesteckt und ihn dabei durch und durch verhauen. Und dann diese Paradoxie:„Dauernd Vergasungen, aber für SS-Leute und ein paar sogenannte prominente Häftlinge gab es ein Lager-Theater. Ich musste mal auf irgendwas warten und habe bei der Gelegenheit zufällig ein paar Sketche gesehen.“ Ein SS-Arzt suchte Leute für„Buna“. Das war eine Fabrik „kriegswichtig“-, da wurde eine Art Kunstgummi hergestellt. Diese Firma gehörte zum Gesamtkomplex Auschwitz. Sigmund kam tatsächlich nach Buna.„Glück gehabt. Da konnte man arbeiten, und man bekam auch mal ein sogenanntes Buna-Süppchen zusätzlich. Das war wenigstens warm.“ Man konnte in Baracken schlafen und hatte sogar eine eigene Matratze pro Person.„Ich bekam dann etwas Unglaubliches: eine Zahnbürste. Das war eine Besonderheit und eine unfassbare Wohltat und stärkte mein Selbstwertgefühl.“ Er habe sich endlich einmal wieder als Mensch gefühlt. In Buna begann eine Zeitspanne, die letztlich Sigmunds Überleben bewirkte. 17 Es geschah, dass ein-„wohl etwas prominenterer“- Häftling, der aus Sachsenhausen kam, gemeinsam mit einem Freund jemanden suchte, den sie bei sich aufnehmen konnten, weil in ihrer Stube noch ein Platz frei war. „Die suchten einen Jungen aus Krakau, weil sie selbst daher kamen.“ Heimateffekt. Diese beiden Männer, Janek und Nathan, nahmen den Jungen unter ihre Fittiche.„Sie veranlassten, dass ich samstags nachmittags irgendwohin gehen konnte, wo ich etwas Unterricht bekam in Sprache, Schrift, Orthografie.“ Sigmund hatte einen Unfall, eine Verletzung am Bein. Janek und Nathan sorgten dafür, dass er ins Krankenrevier kam.„Dort mussten die Ärzte ohne Narkose operieren, und die Verbände und Binden bestanden aus Papier.“ Sigmund war dann in diesem Krankenbau eine Zeitlang als Aushilfspfleger tätig. Übrigens habe es auch dort„mehrere Selektionen auf Leben und Tod“ gegeben. Später erhielt Sigmund- wie er es selbst nennt-„eine bessere Arbeit“. Er wurde Schreiber im Büro. Das war ganz bedeutsam: „Ich begriff und durchschaute schließlich die Hierarchie von Buna und des gesamten KZ-Komplexes.“ Janek und Nathan, die dafür gesorgt hatten, dass Sigmund überleben konnte, überlebten selber nicht. Sie hatten ihre Flucht geplant. Der Fluchtweg setzte voraus, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt das Licht ausging. Ein Elektriker habe die Fluchtpläne dieser beiden Männer verraten, berichtet Sigmund.„Sie wurden beide auf dem Appellplatz erhängt. Sie starben wie Helden. Zu mir sagten sie noch'Kopf hoch'. Wenn ich von Auschwitz rede, muss ich über diese beiden Menschen sprechen.“ 18 Nach der Befreiung holte Sigmund sein Abitur nach und wurde später Arzt. Rätselhafte Vorfälle „Wer über die Vergasungen Bescheid wusste, der verrohte“, sagt Heinz(*12). Das galt auch häufig für sogenannte Blockälteste, die mit den Häftlingen, die ihrem„Block“ zugeordnet waren, Schicksal spielen konnten. Es war nicht Heinz allein, der diese Verrohung feststellte, der darunter litt und später sogar darüber sprechen konnte. Heinz erlebte aber auch völlig Unerklärliches. Einer dieser total verrohten Typen habe ihm plötzlich einmal- ihm persönlich- Suppe gegeben, als er gar nicht damit hatte rechnen können.„Keine Ahnung, warum“. Oder dieser Kapo, den Malka(*13) in Auschwitz traf. Als sie mit Mutter, Vater, Schwester dort eingeliefert worden war, sah es so aus, als sei nun ihr Leben vorbei.„Mutter, Vater, Schwester wurden sofort vergast.“ Sie aber wurde„aussortiert“, kam erst zum Bau, musste Klos putzen und wurde dann der Schneiderei zugeteilt.„Da war eine SS-Frau. Die hatte einen riesengroßen Hund.“ Den ließ sie, einfach so,„aus Sport“, auf die Leute los.„Mir hat er das Fleisch aufgerissen“, sagt Malka. Dann wurde sie als einziges Mädchen ihrer Gruppe in die dortige, kleine Tischlerei versetzt, obgleich sie von Tischlerarbeit nichts verstand.„In dieser Tischlerei“, berichtet sie,„war ein Kapo, der brüllte dauernd in der Gegend rum. Permanent war der beim Schimpfen. Aber wenn gerade mal keiner hinguckte, half er mir, wenn ich bei dieser Arbeit Fehler machte. Er 19 schimpfte, aber er half mir.“ Und sie fügt hinzu:„Das war mein Glück. Er war ein guter Kapo.“ Charlotte(*14) kann von einer ähnlichen Erfahrung berichten. Sie musste in einer Munitionsfabrik- bei Auschwitz- arbeiten, war aber so schwach und halb verhungert, dass sie einige Male ohnmächtig wurde.„Einmal“, erzählt sie,„bin ich direkt an dieser Maschine, an der ich arbeiten musste, umgekippt und habe dabei einen großen Schaden angerichtet.“ Leute, die versagten, ohne weiteres Federlesen zu erschießen, war zu jener Zeit an der Tagesordnung. Charlotte erwartete also das Schlimmste. Da aber geschah etwas Unvorhersehbares. Es gab da jemanden- Charlotte nennt ihn„einen Handwerker“-, der offenbar für den Produktionsablauf zuständig war, der aber in den Umgang der SS-Bewacherinnen mit den weiblichen Häftlingen nicht eingreifen durfte.„Zu dem hatte ich mal auf deutsch'danke' gesagt, was ihn sehr erfreute und überraschte. Ich wusste, dass der ein begeisterter Prager war und hatte ihm gesagt, dass ich in Prag gelebt hatte.“ Als nun Charlotte aus ihrer Ohnmacht erwacht war und vor Schreck über den angerichteten Schaden nicht mehr aus noch ein wusste,„da kam dieser Handwerker. Er guckte dauernd mit einem Auge auf die Aufseherinnen und brachte es tatsächlich fertig, das Produktionsband, das ich kaputt gemacht hatte, zu reparieren. Hätte er das nicht gemacht, wäre sonst was passiert. Ich hätte wahrscheinlich nicht überlebt.“ Überraschend war auch das Verhalten eines Meisters in einer Patronenfabrik, dem die ihm zugeordneten Frauen völlig ausgeliefert waren. Diese Frauen gehörten zu einer Gruppe, die aus Auschwitz kam und dort als Arbeitskräfte angefordert worden waren. Zu dieser Gruppe gehörten Anna(*15) und ihre Mutter. 20 Dass sie überhaupt mit ihrer Mutter zusammen war, war eine Besonderheit und eine Seltenheit. Anna war, als sie mit ihrer Mutter nach Auschwitz kam, gerade 14 Jahre alt.„Aber meine Mutter machte mich älter, als ich war.“ Und so durften Mutter und Tochter zusammen und am Leben bleiben. Kahl geschoren. Die Häftlingsnummer tätowiert. Sackkleider.„Meine Mutter liess meine Hand nicht mehr los. Sie hatte viel mehr Lebenskraft als ich.“ Als Anna diese Vergasungen mitbekam, wollte sie nicht weiter leben.„Aber meine Mutter ließ mich nicht einmal allein auf die Toilette.“ Arbeiten mussten sie in einer Ziegelei. Anna:„Die lag in der Nähe der Küche, und da hat mir tatsächlich mal einer ein Butterbrot in die Hand gegeben.“ Nach Auschwitz- berichtet Anna - seien des öfteren Delegationen aus Firmen gekommen, die Ausschau nach brauchbaren Arbeitskräften hielten.„Degussa, Siemens, Krupp, AEG: Alle suchten in Auschwitz billige Arbeitskräfte.“ Anna und ihre Mutter kamen also in eine Patronenfabrik. „Wir mussten Faustpatronen beschriften.“ Dann aber zog sie sich eine Blutvergiftung zu, und die Mutter eine böse Verwundung am Fuß. Sie wurden zur Küchenarbeit abkommandiert. Anna musste nachts arbeiten, die Mutter tagsüber.„Ich sah meine Mutter nicht mehr.“ Anna hielt das nicht aus. Sie ging eines Tages zu dem zuständigen Meister und bat ihn flehentlich, sie tagsüber arbeiten zu lassen.„Dieser Meister brüllte mich fürchterlich an und schickte mich weg.“ Anna ohne Hoffnung. Dann aber geschah es:„Er hat es gemacht, worum ich ihn gebeten hatte. Ich brauchte dann nur noch tagsüber zu arbeiten“. 21 Anna war wieder mit ihrer Mutter zusammen.„Unfassbar. Er hat es gemacht.“ Glück und eigene Initiative. Im Gegensatz zu Anna verlor Adele(*16) ihre Mutter gleich nach der Ankunft in Auschwitz.„Meine Mutter war völlig gesund, 56 Jahre alt, aber sie wurde'nach rechts' auf einen Wagen kommandiert. Ich habe sie niemals wieder gesehen.“ Das wusste Adele allerdings noch nicht, als sie nach links dirigiert worden war. Bevor sie aus dem Ghetto, in dem sie zunächst mit ihrer Mutter gelebt hatte, in die Viehwaggons nach Auschwitz steigen mussten, hätten sie beide erst einmal„Glück gehabt“, erzählt Adele.„Da war eine Hebamme, die musste alle Frauen daraufhin untersuchen, ob sie vielleicht Schmuck oder andere Wertsachen in ihrer Gebärmutter versteckt hatten.“ Adele und ihre Mutter gerieten, sagt sie,„an eine nette Hebamme“. Die sagte uns mit Blick auf die draußen wartenden SS-Leute, wir sollten uns jetzt 5 Minuten lang ganz ruhig bei ihr aufhalten, dann könnten wir gehen. Es war Anfang Juni 1944. In Auschwitz, wo sie ihre Mutter verlor, war alles überfüllt. Sie brauchte dort nur wenige Tage lang zu bleiben und kam dann in ein Konzentrationslager nach Krakau. Mit 1.500 Leuten sei sie in die sogenannte ungarische Baracke eingeliefert worden.„Ein riesiges KL stand dick auf unseren Rücken. Damit waren wir als Konzentrationslager-Häftlinge gekennzeichnet.“ Ständig verfolgt von der SS mit ihren Hunden, musste sie schwere Steine schleppen.„Ich beschloss dann, das nicht mehr zu tun.“ Am nächsten Tag schloss sie sich einer anderen Gruppe an, bei der sie nicht Steine schleppen musste.„Abends ging ich 22 dann natürlich, schon wegen der ständigen Zählappelle, zu meiner alten Gruppe zurück.“ Eines Tages wurde sie„zum Putzen“ kommandiert, musste irgendwelche Böden schrubben.„Du hast noch nie geputzt“, brüllte die Aufseherin sie an.„Ist egal“, habe Adele daraufhin gesagt,„ich putze gern“. Diese Aufseherin habe dann zu ihr gesagt, du putzt nicht mehr, du passt nur noch auf, und so habe sie die Aufsicht über die Putzmädchen bekommen. Dann erschien eine andere Aufseherin auf der Bildfläche. „Die war selber eine Gefangene, hatte aber eine Riesenpeitsche“, berichtet Adele. Diese Frau sei unglaublich brutal gewesen. Sie habe die Leute im Laufschritt völlig sinnlos hin und her gehetzt und mit der Peitsche geschlagen. Adele habe sie dann einfach mal gefragt, weshalb sie„so brutal“ sei. Da habe diese Aufseherin rumgetobt:„Ich bin kein Mensch mehr, ich bin ein wildes Tier!“ Adele gab aber keine Ruhe, bevor diese Frau ihr erzählte, was sie alles in ihrem Leben mitgemacht habe.„Und immer wieder: ich bin ein wildes Tier.“ Adele erzählt, sie habe dann trotzdem bei jeder Gelegenheit versucht, mit dieser Aufseherin zu diskutieren.„Die hat dann schließlich nie mehr die Peitsche benutzt.“ Im August 1944 zurück nach Auschwitz. Die Tätowierungen. Die dünne Suppe. Die minimale Ernährung. Die dauernden Zählappelle.„Einmal mussten wir, 1.500 Frauen, 24 Stunden lang, Tag und Nacht stehen, ohne Essen, ohne Trinken. Weil eine fehlte.“ Morgens um 3 Uhr wurden sie immer geweckt.„Ich zwang mich dann jeden Tag dazu, gleich als erste loszurennen auf die 23 Toilette, weil ich dann duschen konnte, was sonst nie zu schaffen gewesen wäre.“ Im September wurden sie nach Bunzlau bei Leipzig verfrachtet.„500 Frauen waren wir da noch.“ Alle ohne Haare, die waren ja in Auschwitz abgeschoren worden.„Der dortige Lagerleiter war sehr streng und ließ uns hart arbeiten. Aber vorher besorgte er uns 500 kleine Kopftücher und auch etwas bessere Kleidung, und einen Tag lang bekamen wir besseres Essen, um uns nach Auschwitz ein bisschen zu kräftigen.“ Während und nach der Arbeit kamen die Mädchen mit Loren regelmäßig an einem Feld vorbei.„Darauf“, erzählt Adele,„gab es irgendwelche essbaren Stengel.“ Aber wer es wagte, während der Fahrt runterzuspringen, um etwas vom Feld zu holen, wurde von Hunden verfolgt. Einmal wurde eine erwischt, und als wir zum Lager zurück kamen, war das Tor geschlossen. Der Lagerleiter kam und verlangte:„Wer auf dem Feld war, soll sich melden.“ Adele schildert, wie die Frauen untereinander beratschlagten und vereinbarten, dass keine sich melden solle. Sie hätten zwar alle fürchterliche Angst gehabt, aber alle hätten dicht gehalten. Vor dem verschlossenen Lagertor. Ohne Essen und Trinken. Schließlich habe dieser Lagerleiter gerufen:„Also gut, weil ihr so schön zusammen haltet, kommt ihr jetzt rein.“ Die Kameradschaft habe ihm gefallen, sagte er.„Aber als wir dann drinnen waren, wurden wir doch empfindlich bestraft. Der Blockälteste, selber gut gekleidet und mit Handschuhen ausgestattet, nahm uns die Mäntel ab.“ Es war kalt. Die Mädchen mussten frieren. Adele berichtet, sie habe dann mit Blick auf diesen Blockältesten laut gerufen:„Sieh mal an, sobald jemand eine Position hat, vergisst er, dass er selber ein Gefangener ist.“ 24 Später sei Adele dann zum Lagerführer gerufen worden. Eine Aufseherin habe sie wegen dieser Bemerkung angezeigt. Sie sollte zur Strafe in den Keller gehen. Da habe sie gesagt:„Ja, ich gehe, aber erst morgen, heute nicht mehr.“ Zuguterletzt sei es ihr gelungen, sich gegenüber dem Lagerleiter durchzusetzen. Der Aufseherin, die sie verpetzt hatte, habe sie dann später noch kräftig ihre Meinung gesagt. Zwei Brüder Sie hießen Jakubovitz, David und Andrej. Der Teil der Slowakei, woher sie stammten, wurde 1938 ungarisch. Weil sie sprachbegabt waren, wuchsen die Brüder mehrsprachig auf. Ohne Probleme verstanden sie Tschechisch, Ungarisch, Polnisch, Jiddisch und ganz gut Deutsch. Ihr Vater war Sprachlehrer und lehrte Hebräisch. Aber es waren nicht ihre Sprachkenntnisse, die sie Auschwitz und andere Konzentrationslager überleben ließen. Es gab Ereignisse anderer Art. Im April 1944 marschierte die deutsche Wehrmacht in ihr Städtchen ein. Andrej ist heute noch erstaunt darüber, wie schnell danach alles ging.„Sofort am Tag nach dem Einmarsch“, sagt er,„wurden sämtliche Juden abtransportiert.“ Auf dem Umweg über ein ungarisches Ghetto wurde die ganze Familie Jakubovitz zusammen mit Tausenden weiterer jüdischer Menschen in Viehwaggons nach Auschwitz gebracht. David, der ältere der beiden Brüder, wurde bei der„Selektion“ nach links dirigiert, wo man zunächst leben bleiben durfte. Die Alten und die Kinder kamen„nach rechts“. Andrej:„Natürlich wussten wir damals nicht, dass wir sie alle nie wiedersehen würden.“ 25 Andrej, zu jener Zeit 15 Jahre alt, wollte unbedingt bei seinem Bruder David bleiben. Er reckte und streckte sich, gab sich größer und stärker, als er wirklich war- und durfte„nach links“. Kleidung und eventuell noch verbliebenes Hab und Gut wurden konfisziert. Es gab blau gestreifte Gefangenenkleidung. Die Haare wurden abrasiert. Dann ging es in ein Arbeits-Außenlager namens Wüstegiersdorf, wo die Brüder zum Bau einer Eisenbahnstrecke eingesetzt wurden.„Wahnsinnig harte Arbeit, unglaublich wenig und schlechte Ernährung.“ Wer nicht durchhielt, Schwäche zeigte, wurde verprügelt.„Manche“, sagt Andrej, wurden so schlimm zugerichtet, dass sie mit Tragbahren von der Baustelle abtransportiert werden mussten. Die verschwanden für immer, wurden nie wieder gesehen.“ Dann geschah es, dass ein- wie Andrej meint- polnischer Kapo seinen Bruder David absichtlich mit einer Lokomotive anfuhr und schwer verletzte. David wurde in den rückwärtigen Teil des Lagers gebracht und wäre dort„normalerweise“ verloren gewesen. Es habe zahlreiche Fälle gegeben, dass schwer Verwundete einfach liegen gelassen wurden und starben. Davids ganz großes Glück war es, dass der Lagerleiter- Andrej nennt ihn„SS-Camp-Führer“- ihn dort entdeckte und dafür sorgte, dass er in ein größeres Lager gebracht wurde, wo er medizinisch behandelt werden konnte. Andrej weiß und hat sich für immer gemerkt, dass dieser Lagerleiter„Herr Kupferroth“ hieß. „Dieser SS-Offizier hat meinem Bruder das Leben gerettet.“ Wenig später wurde dieser Lagerleiter Kupferroth versetzt, und zwar genau in jenes größere Camp, wohin er zuvor David hatte transportieren lassen. Der war jedoch inzwischen halbwegs wieder hergestellt und wurde in sein altes Lager, an die ursprüngliche Arbeitsstelle, zurück gebracht. 26 „Und nun“, erzählt Andrej wörtlich,„erlebte David etwas Unglaubliches, das ich nicht als Wunder bezeichnen kann, weil ich nicht an Wunder glaube.“ Jedenfalls wurde das kleinere Lager, zu dem David gehörte, geschlossen und sämtliche Insassen wurden in jenes Camp gebracht, das unter der Leitung des SSOffiziers Kupferroth stand. Dass ausgerechnet jener Kupferroth der Lagerchef war, wusste David allerdings zunächst nicht. Er wurde abkommandiert zum Ausheben von Wassergräben, obgleich seine labile Konstitution nach dem gerade überstandenen, schweren Unfall es ihm völlig unmöglich machte, eine solche Arbeit zu verrichten. Beim morgendlichen Appell merkte David allerdings, dass der Lagerleiter exakt jener SS-Offizier war, der ihm zuvor das Leben gerettet hatte. Und nun wagte er etwas, das für einen Gefangenen lebensgefährlich war: Ohne zu bedenken, dass er ohne Weiteres sofort hätte erschossen werden können, trat er aus der appellstehenden Formation heraus und bat den Lagerführer, ihm eine physisch weniger aufreibende Tätigkeit zu übertragen. Der Lagerleiter habe David sofort wiedererkannt, erzählt Andrej, und sich freundlich nach seinem Befinden erkundigt. David erklärte ihm, dass er nicht in der Lage sei, wieder Gräben auszuheben, woraufhin Kupferroth ihn fragte, ob er irgendwelche Fähigkeiten oder Ausbildungen besitze, die hier eventuell gebraucht würden. David erklärte wahrheitsgemäß, dass er ausgebildeter Schneider sei. Daraufhin wurde er in die Schneiderwerkstatt versetzt- allerdings erst, nachdem der Lagerleiter ihn dringend ermahnt hatte, unbedingt die Wahrheit zu sagen und ihm keinen Ärger zu machen. Andrej merkt an:„Und wieder rettete Herr Kupferroth meinem Bruder das Leben.“ 27 Andrej erfuhr dieses alles, was seinem Bruder passierte, erst viel später, obgleich er zu jener Zeit nicht einmal sehr weit entfernt war. Er arbeitete nämlich im selben ziemlich großen Arbeitslager, allerdings in einer anderen Gegend. Er war nicht mit dem Ausheben von Wassergräben befasst, sondern hatte im Schienenpark zu arbeiten. So kam es, dass die Brüder schließlich getrennt im Februar 1945, als das Lager geschlossen wurde, den langen Fußmarsch, den Todesmarsch, in Richtung Westen antraten. Wer diesen Marsch nicht durchhielt, wessen Kräfte irgendwann während des tage- und nächtelangen Marschierens- durch Schnee und Kälte und ohne zu essen- versagten, wurde sofort erschossen. Während dieses Marsches geschah etwas, das Andrej gewiss wiederum nicht ein Wunder nennen will- einfach weil er nicht an Wunder glaubt. Als nämlich die Menschen erschöpft und müde und am Rande des Zusammenbruchs waren, tauchte einmal ein ziemlich großer LKW auf. Die Aufseher- darunter inzwischen auch Angehörige der deutschen Wehrmacht- verkündeten: Wer müde sei, solle auf diesen Wagen steigen, er werde dann gefahren und brauche nicht mehr zu laufen. Andrej, völlig erschöpft, wollte gerade aufsteigen. Da sagte einer der sie bewachenden Soldaten zu ihm:„Junge, tu das nicht. Steig' nicht auf diesen Wagen.“ Daraufhin ging Andrej zu Fuß weiter. Alle, die den Wagen bestiegen hatten, seien kurz darauf erschossen worden, sagt Andrej. Er wäre ohne jeden Zweifel heute nicht mehr am Leben, wenn dieser Soldat ihn nicht gerettet hätte.„Ich höre heute noch ganz deutlich diese Worte'Junge, tu das nicht'. Diesem Menschen, den ich überhaupt nicht kenne, verdanke ich mein Leben.“ 28 Die Brüder David und Andrej trafen sich erst viele Monate später- als der Krieg zuende war und sie alle sich irgendwie durchschlagen mussten- in ihrem Heimatort wieder. David hielt sich als Schneider, Andrej als Elektriker mühsam über Wasser. Es war die Zwischenstation einer sehr langen, abenteuerlichen Wanderschaft. Nach Jahren in Israel landete Andrej schließlich als Emigrant in den USA, wo er auch David wieder traf. Beide versuchten, den ehemaligen SS-Offizier, Herrn Kupferroth, zu finden, um sich bei ihm für die Lebensrettung zu bedanken. Die Suche blieb erfolglos. Lebte er nicht mehr? fragten sich die Brüder. Andere meinen, selbst wenn er damals noch gelebt und von der Suche erfahren hätte, hätte er sich möglicherweise absichtlich nicht gemeldet. Mag sein, dass seine Verstrickung in den Nazi- und SS-Apparat letztlich sein Gewissen doch so stark belastete, dass er glaubte, es nicht wagen zu können, sich bei David zu melden. Die rosa Wolljacke Als Gerda(*17) im August 1944 mit ihren Eltern aus dem Ghetto Litzmannstadt(Lodz) nach Auschwitz-Birkenau transportiert wurde, war sie 18 Jahre alt. Obgleich von Natur aus mit einem wie sie selber sagt-„eher positiven Blick auf das Leben“ ausgestattet, war ihr letztendliches Überleben alles andere als vorhersehbar. Es führte über fürchterliche Erkrankungen und Phasen totaler Lebensschwäche, Lebensunlust, Todesbereitschaft. Sie selber sagt, sie habe ihr Überleben ihrer Mutter zu verdanken; und in der Tat war es wohl ihr allergrößtes Glück, dass es Mutter und Tochter gelang, zusammenzubleiben. 29 Bei genauerem Hinsehen gab es aber unvorhersehbare und nicht wirklich erklärbare, eher unscheinbare Ereignisse, die obgleich äußerlicher Art- innere Kraft gaben. Die Familie war so lange wie irgend möglich in Litzmannstadt geblieben. Klugerweise hatten Vater, Mutter, Tochter sich nicht wie Tausende anderer Ghettobewohner mehr oder weniger danach gedrängt,„ausgesiedelt“ zu werden. Viele erhofften sich dadurch bessere Lebensumstände. Gerda und ihre Eltern gingen jedoch- richtigerweise- davon aus, dass es besser sei, so lange wie möglich im Ghetto zu bleiben. Im August 1944 wurde Litzmannstadt jedoch total liquidiert. In Auschwitz-Birkenau gab es erst einmal diese Wahnsinnsprozedur mit Selektionen nach rechts und links. Den Vater, der nach rechts musste, hat sie nie wieder gesehen. Sie und ihre Mutter erhielten statt Gas eine Wasserdusche. Nackt vor der SS. Haare geschoren. Stundenlanges nächtliches sogenanntes Appellstehen. Total erschöpft, verlaust, mutlos und schwach schließlich der Transport von Auschwitz nach Stutthof. Wenig Wasser. Wenig Brot. Mutlosigkeit. Kraftlosigkeit. Und in dieser Situation geschah es, dass eine Frau, die zur Lagerleitung gehörte-„es war eine Deutsche“, sagt Gerda- ,ihr etwas zum Anziehen brachte. Eine rosa Wolljacke.„Das werde ich niemals vergessen“, sagt Gerda.„Diese rosa Wolljacke habe ich angezogen und nicht mehr ausgezogen.“ Ein Glücksfall. „Der einzige Lichtblick in dieser Zeit.“ Denn es war kalt in Stutthof. Frühmorgens dieses ewige Appellstehen, bis in den März 1945 hinein. Dass ausgerechnet sie diese rosa Wolljacke bekam-„wieso gerade ich?“-, wird niemals zu klären sein. Gewiss war das junge Mädchen am Ende ihrer Kraft. Aber galt das nicht auch für hunderte, tausende andere Gefangene? 30 Es kam dann so, wie es zu jener Zeit wohl hatte kommen müssen:„Jemand hat mir später diese Jacke gestohlen.“ Beim Appellstehen brach Gerda zusammen. Mama half ihr, sich mal hinzuhocken. Das durfte niemand vom Wachpersonal sehen, sonst wäre man sofort erschossen worden.„Wenn jemand kam- und es kam oft jemand-, hat Mama mich dann schnell hochgehoben.“ Es half alles nichts: Gerda erkrankte schwer, wurde in die Krankenbaracke gebracht, wo sie lange, lange blieb.„Dann wurde diese Krankenbaracke bombardiert.“ Hunderte kamen um. Gerda befand sich zufällig in einem Teil der Baracke, der nicht einstürzte. Es folgte der lange Marsch westwärts. Gerda war immer noch schwer krank. Die rosa Jacke war längst nicht mehr da. Fürchterlicher Husten. Aber ihre Mutter war da. Gerda berichtet von einem deutschen Soldaten.„Ein junger Mensch.“ Der habe ihre Mama angespuckt, dann aber gesagt, es tue leid. Und er habe der Mutter Brot gegeben(„Nein, nicht gegeben, sondern hingelegt“). Er habe gehört, habe er ihrer Mutter erzählt, wie sie, Gerda, gesagt habe, sie wolle nicht mehr weiter. Sie wolle sitzen bleiben und nicht mehr weiter gehen. Und da sei dann das Brot da gewesen. Ein Kleidungsstück war es auch, dessen sich Hein(siehe *12) mit großer Dankbarkeit erinnert. Nachdem die Häftlinge in Auschwitz ihrer Kleidung beraubt, geschoren, tätowiert und schließlich zur Ausgabe von Häftlingskleidung kommandiert worden waren,„hatte ich ein bisschen Glück“, sagt Heinz. Da sei ein Kapo gewesen, der diese Kleidung verteilte. Der warf allerlei Kleidungsstücke den Männern zu. Meistens seien das„irgendwelche Trenchcoats“ gewesen. 31 Schließlich habe sehr harte Arbeit bevor gestanden.„Und dieser Kapo“, schwärmt Heinz,„der warf mir so einen wattierten Bauernrock zu, eine wattierte Jacke, so eine Langjacke. Die hat er mir, speziell mir, zugeworfen.“ Eine solche Jacke war damals ein Vermögen. Eine an Lebensrettung grenzende Tat dieses Kapo. Wieso bekam ausgerechnet Hans dieses wertvolle Kleidungsstück? Weder Hans noch sonst wer kann das genau sagen. Vielleicht weiß es nicht einmal dieser Kapo selber genau. Jedenfalls ist das Überleben dieses jüdischen Menschen namens Hans mit Hilfe der wattierten Jacke zumindest eine zeitlang wesentlich erleichtert worden. Erst die Begegnung mit einem weiteren Lagerinsassen sollte aber wirklich entscheidend sein. Dieser Mensch hieß Fredi. Fredi- ein Heldenlied Es habe da einen jüdischen Gefangenen gegeben, einen unglaublich mutigen, intelligenten, einfallsreichen Menschen. Fredi Hirsch habe er geheißen, sagt Heinz(siehe*12), und er fügt hinzu:„Dieser Mensch war wohl irgendwie genial.“ Dieser Fredi brachte es fertig, in Auschwitz eine Art Jugendfürsorge aufzubauen. Er kümmerte sich um„noch nicht vergaste“ Kinder. Er betreute sie, versuchte, für sie Tagesprogramme zu organisieren, ihnen den scheußlichen Alltag irgendwie erträglich zu gestalten. Heinz erzählt, eine„SS-Frau aus dem Frauenlager“ habe sich in diesen Fredi verliebt. Sie habe es dann fertig gebracht, sogenannte„nicht zustellbare“ Plakate an Fredi weiter zu leiten. Es 32 geschah ja immer wieder, dass Angehörige, Freunde und Bekannte Pakete an KZ-Insassen schickten in der Hoffnung, ihnen damit etwas Gutes tun zu können. Solche Pakete kamen zwar in den KZ's an, wurden aber kaum jemals an die Adressaten weiter geleitet. Diese SS-Frau verstand es nun, immer mal wieder das eine oder andere dieser Pakete an Fredi Hirsch weiter zu geben. Der verteilte dann den Inhalt an seine Schützlinge- was in Auschwitz mit lebensgefährdenden Risiken verbunden, für die Kinder aber ein Lichtschimmer war. Heinz:„Diesen Fredi kannte ich zufällig von früher.“ Offenbar hatte Fredi Vertrauen zu ihm.„Jedenfalls hat er mich als Jugendbetreuer eingestellt.“ Damit war Heinz in den Augen seiner Bewacher wohl für Betreuungsaufgaben qualifiziert. Er berichtet, dass er später in Auschwitz hin und wieder ähnliche Jobs bekommen habe. „So habe ich mich in Auschwitz- dank Fredi Hirsch- einigermaßen über Wasser halten können. Dieser Mann war ein Held.“ Das weitere Schicksal Fredis liegt weitgehend im Dunklen. Dass sein Leben tragisch endete, ist aber leider sicher. Gewiss hat er entsetzlich darunter gelitten, dass er die Kinder nicht vor dem Gas retten konnte. Heinz meint, er habe später wohl einen Aufstand geplant. Als dieser Plan aufflog, habe sich Fredi dann „angeblich“ selber umgebracht. Oder:„Vielleicht hat ihn auch jemand umgebracht.“ Eine KZ-Überlebende, die Fredi Hirsch gekannt hat, berichtete der Autorin:„Wir wussten, dass Fredi in den Zaun gegangen ist.“ Sie meinte damit den tödlich aufgeladenen Elektrozaun. 33 Heinz selber entging dem damals- wie er sagt-„letzten Transport, der ins Gas geführt hätte“. Schon zuvor war es ihm hin und wieder geglückt, sich vor völlig sinnlosen Märschen zu sinnlosen Arbeitseinsätzen(„Steine hin und her schleppen“) und vor stundenlangen Appellen zu drücken. Er brachte es fertig, sich in den„obersten Kabinetts“, den Schlafkojen, zu verstecken, indem er sich quer legte, so dass er dort nicht gefunden wurde. Einmal durfte er eine Postkarte nach Hause schreiben. Darauf habe er unter anderem geschrieben:„Onkel Maved ist auch hier“. Das war eine geschickte Verschlüsselung. Denn Maved sei ein hebräisches Wort und bedeute Tod. Diese Karte kam letztendlich tatsächlich bei seiner Mutter an, die in der Schweiz lebte. Sie habe sie an eine jüdische Organisation weiter geleitet. Nachdem es ihm gelungen war, dem letzten Transport ins Gas zu entgehen, wurde er schließlich in ein Außenlager des KZ Sachsenhausen gebracht.„Ich war in einem total geschwächten Zustand und musste unbedingt irgendetwas tun, um wieder einigermaßen auf die Beine zu kommen.“ Heinz gelang es dann, eine Zeit lang in der Küche arbeiten zu dürfen.„So war ich schließlich etwas gestärkt.“ Er überstand den Todesmarsch. Aber er ist sicher, dass er sein Überleben im Grunde niemand anderem als Fredi Hirsch zu verdanken hat. Die kleine Bibelforscherin Die Zeugen Jehovas waren- als einzige religiöse Gemeinschaft - von Beginn an eindeutig und total gegen den Nationalsozialismus. Diese Haltung war bekanntermaßen so klar und kompromisslos, dass es für die Nazis keine Frage gab: Die Zeugen 34 Jehovas gehörten in die Konzentrationslager. In Auschwitz wurden sie vergast. Martha(*18), eine Zeugin Jehovas, die Auschwitz überlebte, hält es für wichtig zu erwähnen, dass die Zeugen Jehovas sich dort„geweigert haben, ihr eigenes Grab zu graben“. Als der Krieg unter dem Jubel vieler Menschen begann, habe sie beschlossen,„kein Schwert in die Hand zu nehmen“. Und so begann für Martha der lange Weg nach Auschwitz. Schon frühzeitig habe sie sich für Geschichte interessiert und unter der Erkenntnis gelitten,„dass die Menschen so gehässig sind“. Zwei Zeugen Jehovas besuchten regelmäßig ihre Eltern. Es ergab sich, dass sie nach ihrem Volksschulabschluss gelegentlich die Familie dieser Leute besuchte. Die hatten keine Kinder. So konnte Martha sich in deren Landwirtschaft nützlich machen. Gemeinsam wurden Bibelstudien betrieben. Martha wurde eine überzeugte Zeugin Jehovas. Als dann klar wurde, dass bei dieser Familie der Nationalsozialismus abgelehnt und dass aus dieser Haltung auch kein Hehl gemacht wurde, erschien die Gestapo. Vergeblich versuchte die Jehova-Familie nun, die„zwei Gestapo-Leute“ in Gesprächen über die Bibel von dem positiven Sinn ihrer Haltung zu überzeugen. Sie erreichten das Gegenteil: Sie sollten unterschreiben, sich nicht mehr als Nazi-Gegner zu bekennen. Als sie das ablehnten, landeten sie im Gefängnis in Lodz. Von dort wurden sie nach 6 Monaten, im November 1941, nach Auschwitz transportiert. Das Ehepaar wurde dort sofort getrennt. Martha blieb mit der Pflegemutter zusammen, aber vom Schicksal des Mannes erfuhren sie nichts. 35 Das wollte Martha nicht wahr haben. Sie erzählt, sie habe so lange geweint, gebettelt, gebeten, gebetet, bis sie tatsächlich zusammen mit ihrer Pflegemutter einmal heimlich ins Männerlager gehen und mit dem Pflegevater sprechen durfte. Danach gab es die endgültige Trennung. Nach der dort üblichen Prozedur- Enthaarung, Entlausung, Entkleidung- musste sie in Sträflingskleidung für die SS-Frauen arbeiten: den Speisesaal putzen, das Geschirr spülen. Sogar zur Verteilung von Essen wurde sie eingesetzt. Das ging jedoch nicht lange gut. Sie bekam Typhus, wurde schwer krank. Lag monatelang in einer Scheune. Konnte nichts essen. Trotz riesigen Durstes gab es nur einen halben Liter Wasser täglich. Martha sagt:„Ich war auf den Tod vorbereitet.“ Es gab mal irgendwelche Tabletten.„Ich konnte die nicht schlucken.“ Die SS-Frauen, bei denen sie gearbeitet hatte, kamen schließlich mal und fragten:„Wo ist die kleine Bibelforscherin?“ Sie erhielt dann„probeweise“, wie sie sagt, irgendeine Spritze, aber zunächst sei das Fieber geblieben. Sie erzählt, sie habe zu Gott gebetet,„zu Gott geschrieen“, habe ihn um ein Zeichen gebeten, und irgendwann sei tatsächlich das Fieber heruntergegangen. Martha wurde zwar entlassen, konnte aber nicht mehr gehen. „Schrittchen für Schrittchen musste ich laufen üben.“ Was nun? Es sieht so aus, als habe sie die Fähigkeit gehabt, gelegentlich mit Bitten und Betteln, mit Weinen, Flehen und Beten in der mörderischen Lagerwelt einigermaßen sinnvolle Betätigungen durchzusetzen.„Ganze Haufen Toter“ habe sie damals gesehen.„Erst vergast, dann verbrannt- und immer dieser Gestank.“ 36 Wenn sie versuchte, mit irgendwem über ihren Glauben zu sprechen, habe sie immer wieder gehört:„Es gibt keinen Gott.“ Ganz heimlich sei dann doch mal in der Bibel gelesen worden. Einmal habe sie Mut gefasst und einen brüllenden SS-Mann selber angebrüllt, weil er Brot habe verschimmeln lassen, statt es den Häftlingen zu geben. Martha bekam schließlich einen besonderen Arbeitsplatz: Ein SS-Mann hatte geheiratet, wohnte mit seiner Frau, einem Kind und einem Hund zusammen. Martha kochte für diese Leute, habe aber selber kaum etwas zu essen bekommen. Sie musste auch Einkäufe erledigen, und zwar in einem speziell für die Bewachungsmannschaften eingerichteten Geschäft. Dort wurden alle Waren gegen Marken verkauft, die dann auf große Bogen geklebt werden mussten. In diesem Laden betätigte Martha sich dann tagsüber als Verkäuferin.„Für die SS-Frauen musste immer ganz genau abgewogen werden.“ Sie erhielt einen Ausweis, damit sie sich im Lager bewegen konnte. Sie war noch sehr schwach und traf eine SS-Frau, die „wirklich sehr, sehr lieb war“. Martha durfte sich, wenn sie zusammen durchs Lager gingen, an ihrem Fahrrad abstützen. Aber sonst?„Es gab nur ganz, ganz wenige SS-Leute mit Gefühlen“, sagt sie. Die Frau, an deren Fahrrad sie sich abstützen durfte, ermöglichte es ihr dann auch, einige andere Zeuginnen Jehovas zu finden. Dort richtete sie sich später ihren Schlafplatz ein und überlebte die Jahre in Auschwitz. „Wenn alle so gewesen wären wie diese SS-Frau, hätte es keinen Krieg gegeben.“ Es könne auch sein, dass sie ohne diese Frau Auschwitz nicht überlebt hätte. 37 Zigeunerjungen Karl meint, es sei im Jahr 1938 gewesen, als„aus Berlin“ der Befehl gekommen sei,„alle Zigeuner und Zigeunerarten“ müssten aus dem Straßenbild verschwinden. Die meisten Sinti und Roma(*19) wurden zunächst in Lager getrieben, die von SS-Leuten bewacht wurden. Andere Familien besorgten ihr Von-der-Straße-Verschwinden erst einmal selber. Karl berichtet, sein Vater habe ihre Pferde, mit denen sie handelten und umher reisten, alle verkauft. Dann habe er ein Holzhaus gebaut, in das die Familie einzog.„So waren wir von der Straße.“ Karl sagt, er habe sogar vorerst noch die Schule besuchen können. Letztendlich gab es aber kein Entrinnen vor dem Konzentrationslager. Karl landete mit einigen Mitgliedern seiner Familie, wie er berichtet, am 31. März 1943 auf der Selektionsrampe in Auschwitz-Birkenau. Zuvor seien allerdings in dem Viehwaggon, mit dem sie nach Auschwitz transportiert worden seien, etwa 30 Menschen gestorben. Für Sinti und Roma gab es zu jener Zeit in Auschwitz sogenannte Familienlager. Karl, Jahrgang 1931, war damals noch ein Kind- ebenso wie sein Bruder Johann und die anderen Geschwister. Die Mutter war dabei. Der Vater natürlich nicht: „Schon lange, bevor wir nach Auschwitz kamen, war er abgeholt worden. Wir haben sogar noch die Urne mit seiner Asche bekommen.“ „Auschwitz war die Hölle“, sagt Johann,„man war jede Sekunde in Lebensgefahr.“ Tritte, Peitschenhiebe, Misshandlungen auch der Kinder waren an der Tagesordnung. Johann:„Da fehlte mal ein Stück Seife. Dafür hat ein SS-Scharführer uns alle aus- 38 gepeitscht.“ Ein kleiner Bruder bekam Bauchtyphus und starb. Die Mutter und zwei Schwestern überlebten- nachdem sie später allerdings von den Jungen getrennt und nach Buchenwald gebracht worden waren. Trotz des ekelhaften schwarzen Rauchs, der Tag und Nacht aus den Krematorien stieg, in denen die vergasten Menschen verbrannt wurden, vergaßen die Brüder niemals einen Ausspruch ihres Vaters. Der hatte ihnen eingeprägt:„Es gibt immer einen Ausweg.“ Gab es so etwas wie einen Ausweg in Auschwitz? Karl, jedenfalls, machte sich so oft wie möglich irgendwie in der Nähe der Kantine zu schaffen.„So lange, bis mich schließlich jemand reinnahm.“ Und es dauerte nicht lange,„da war ich der Piepel“. So nannte man wohl größere Kinder, die sich in der Kantine in irgendeiner Weise nützlich machten. In dieser Kantine, berichtet Karl, sei regelmäßig auch„dieser Doktor Mengele“ erschienen. Das war einer der größten Verbrecher der gesamten Nazizeit, der mit seinen sogenannten medizinischen Experimenten auf total unmenschliche Art nach Lust und Laune zahllose Menschen qualvoll umbrachte. Seine„Spezialität“ waren Kinder, vor allem Zwillinge. „Dieser Mengele kam fast jeden Tag in die Kantine manchmal auch mit seinen Zwillingen. Auch ich musste ihn regelmäßig bedienen.“ Was die Besucher der Kantine nicht aufgegessen hatten, hätten die immer- erzählt Karl-„runter geschmissen“. Auf den Fußboden. Das„Runtergeschmissene“ habe er dann seiner Familie gebracht.„Die haben damit alle überlebt.“ Diese Zeit in der Kantine von Auschwitz, sagt Karl, habe eineinhalb Jahre gedauert. 39 Auch der zwei Jahre ältere Bruder Johann erinnert sich an Mengele.„Der fuhr immer ins Lager mit seinem offenen Mercedes.“ Einige der Zigeunerkinder hätten ihn, sagt er,„umtanzt“. Diese Kinder wussten wohl kaum, welch' gefährliches Untier da in dem von ihnen bewunderten Auto saß. Sie wurden damals alle„Zigeuner“ genannt, und sie nannten sich auch selber so. Dabei waren zum Beispiel Karl und Johann Roma, und dann waren da noch Franz und Walter. Die waren Sinti. Im„Zigeunerlager“ in Auschwitz spielte das keine Rolle. Jeder war nur damit beschäftigt, um's Überleben zu kämpfen. Auch Walter hatte die überlebenswichtige Bedeutung der Ernährungsquelle begriffen. Zufällig kannte er von früher, wie er erzählt, den Küchenchef, einen, so wörtlich,„SS-Soldaten“. Der habe für diese Zigeunerfamilie in Auschwitz„viel riskiert“. Einmal habe er sogar einen Brief von Walter mit rausgenommen, was überaus gefährlich war. Er habe auch mal Post und sogar Pakete mitgebracht. Walter sagt:„Der war ein guter Mensch.“ Dieses Zigeunerlager war allerdings- schon von seiner Lage her- aufs äußerste bedroht. Das Krematorium, in dem die vergasten Juden verbrannt wurden, habe direkt gegenüber gelegen. Sie hätten auch gesehen, wie SS-Leute um sich geschossen hätten. Erschießungen von Juden, die angeblich hätten fliehen wollen, seien immer wieder vorgekommen. Einmal, als er zugeguckt hatte, habe ihm einer dieser SS-Männer seine Pistole an den Kopf gesetzt. Er habe ihn dann aber„laufen lassen“. Jedenfalls hätten sie ununterbrochen in Angst und Schrecken gelebt. „Wir erwarteten jeden Moment, ins Gas geschickt zu werden“, sagt Walter,„man stand pausenlos unter schwerstem Druck.“ Eines Tages begegnete Walter einem SS-Mann, den er von früher kannte. Den fragte er:„Wann sind wir dran?“ Dieser SSMann habe dann zu ihm gesagt:„Also, wenn ich Dir eines Ta- 40 ges sage, hau' ab, lauf' weg, dann ist es so weit. Dann haust Du am besten sofort ab...“ Er, Walter, habe sich dann innerlich darauf vorbereitet, plötzlich„abhauen“ zu müssen, doch er ergriff auch ganz praktische Vorbereitungsmaßnahmen.„Ich brauchte dringend Stiefel. Die habe ich dann Jemandem, der kurz danach ins Gas kam, abgetauscht.“ Franz, der Sinti, berichtet von Stubenältesten, selber Häftlinge, die sich ein Vergnügen daraus machten, die Zigeuner immer wieder mit Stockschlägen zu traktieren.„Wir hatten immer den Tod vor Augen“, sagt er.„Aber wir waren junge Leute, 16 oder 17 Jahre alt damals, und wir hatten den festen Willen, da rauszukommen.“ Hunger, Durst, Schläge, ringsum Vergasungen: Wie wird man damit fertig?„Ich habe dann in einem innerlichen Gleichklang gelebt“, sagt Franz,„aber ganz tief in mir habe ich immer gewusst, dass ich unbedingt rauskommen wollte.“ Manchmal, wenn es einen besonders brutalen„Höllenausbruch“ gegeben habe, hätten dann einige von ihnen so laut wie möglich gesungen:„Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh'n...“ Darauf hofften sie alle, diese Zigeunerjungen. Für Johann und Kalle ging es gegen Kriegsende erst einmal von Auschwitz-Birkenau nach Buchenwald. Dort hätten dann „81 Buben“ eines Tages antreten und zum Appellplatz marschieren müssen. Sein Bruder Karl,„der Kalle“, sei dabei gewesen, erzählt Johann, er selber aber nicht. Ihn habe man schlicht und einfach vergessen. Was tat Johann? Er lief den 81 Jungen hinterher,„Gott sei Dank unbemerkt“. Denn nun geschah etwas, das letztendlich zum Überleben der Brüder führte. 41 Johann wusste ja nun, dass Kalle bei dieser Gruppe von 81 Jungen war. Als diese 81 zum Appellplatz marschierten, bemerkte ein schon länger im Lager Buchenwald lebender Gefangener, auch ein Zigeuner, sogar ein entfernter Verwandter von Johann und Karl, diese Situation: Kalle dort, Johann hier. Da bat dieser„alte Insasse“, wie Johann ihn nennt, einen SSScharführer inständig, er möge doch den Kalle aus der Gruppe der 81 Jungen herauslassen, damit er zu seinem Bruder Johann kam. Schließlich und endlich habe Kalli dann tatsächlich zurück ins Lager kommen dürfen.„Kalli blieb bei uns.“ Die Jungengruppe sei dann auf„einen furchtbaren Todesmarsch“ in Richtung Flossenbürg geschickt worden. Johann berichtet, das sei„eine der furchtbarsten aller Tragödien“ gewesen. Während die Befreier, die Amerikaner, schon näher rückten, seien diese Jungen ohne Wasser, ohne jede Nahrung tagelang vorangetrieben worden. Wer umfiel, sei sofort erschossen worden.„Die waren alle verloren. Von dieser Gruppe der 81 Jungen hat niemand jemals wieder etwas gehört.“ Karl und Johann waren also dieser Gruppe der 81 Jungen entkommen. Sie machten sich mit den übrigen BuchenwaldInsassen auf den mörderischen Weg nach Flossenbürg.„Da fanden sich zwei Juden“, erzählt Johann,„die nahmen uns beide in die Mitte und passten auf uns auf. Sie schirmten uns Zigeunerjungen ab, weil wir die Jüngsten waren.“ „Da kamen dann auch die Amerikaner und befreiten uns. So haben wir überlebt.“ 42 Zwei Ohrfeigen Diese ewige Menschen-Verschlepperei! Edith und ihre Familie(*20) lebten in der Tschechoslowakei. Erst war es der Bruder, der vor den Nazis hatte fliehen wollen. Er wurde nach Treblinka gebracht und dort-„angeblich“, sagt Edith- gleich am ersten Tag per Genickschuss ermordet. 1942 wurden auch die übrigen Familienmitglieder abtransportiert. Sie selbst fand sich auf dem Umweg über ein Sammellager in Bratislawa schließlich in Auschwitz wieder: tätowiert, geschoren, von Läusen zerfressen, mit schmutzigen Lumpen bekleidet. Was ihr beim Überleben half, war wohl ihre charakterliche Grundausstattung mit der Fähigkeit, in schwierigen Situationen mutig zu bleiben. So berichtet sie über die Zeit vor den Deportationen: Sie habe sehr wohl einen„Judenstern“ bekommen und ihn eigentlich ständig tragen müssen.„Aber wenn man ihn nicht trug, passierte nichts.“ Sie hat es also gewagt, das Nichttragen auszuprobieren. Nach der Einlieferung in Auschwitz hatte sie eine Karteikarte auszufüllen. Darin mussten unter anderem auch die Ausbildung und individuelle Fähigkeiten angegeben werden. Sie hatte Pädagogik studiert. Beim Ausfüllen der Karte sei sie in allen Punkten bei der Wahrheit geblieben. Das habe sich später als überaus wichtig erwiesen. Zunächst wurde Edith zur Arbeit in der sogenannten Kleiderkammer eingeteilt.„Da war man ein bisschen geschützter“, stellt sie fest. Wäsche und Kleidung kamen von den„Zugängen“ im KZ. Sie musste Wäsche stapeln und erinnert sich daran, dass„Holländerinnen und Belgierinnen die schönste Wäsche gehabt ha- 43 ben“. Froh war sie darüber, dass sie in der Kleiderkammer auch mal ihre eigene Wäsche wechseln konnte. Aber dann erlebte sie den Anblick unglaublich dünner, kranker Mädchen-„einmal, weiß ich, kamen sie aus Saloniki“-, die sofort in die Gaskammern geschickt wurden.„Manche Kranke hätte bestimmt geheilt werden können“, merkt sie an. Nach dem Einsatz in der Kleiderkammer ging es körperlich immer weiter bergab. Schließlich hatte sie„einen total ausgemergelten, von Läusen zerbissenen Körper“. Edith wurde krank: Durchfall, Fieber, keine Chance, Essen oder Wasser bei sich zu behalten. Die Toilette sei ein Brett gewesen. Und immer wieder habe man tote Menschen sehen müssen. Total entkräftet, wollte Edith aufgeben. Bei der nächsten Selektion, als wieder Menschen für die Gaskammern ausgesondert wurden, war sie fest entschlossen, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Sie ging auf die Seite, wo die„Ausgesonderten“ waren. Da geschah es, dass eine Aufseherin ihr eine sehr kräftige Ohrfeige gab und damit verhinderte, dass sie auf die Seite der für die Gaskammer bestimmten Menschen ging.„Ich durfte nicht Schluss machen.“ Und nun? „Was mich dann gerettet hat, war meine Karteikarte“, berichtet Edith. Ein SS-Sturmbannführer, Dr. Cäsar, sei dem Fronteinsatz entgangen, weil er sich im Bereich des KZ Auschwitz mit einer als kriegswichtig eingestuften Pflanzenforschung befasste. Es handelte sich offenbar darum, eine Pflanzenart zu züchten, aus der man Kautschuk machen konnte. Für sein„Kommando Pflanzenzucht“ suchte dieser Dr. Cäsar geeignete Mitarbeiterinnen. So stieß er auf Ediths Karteikarte. 44 Nun war Edith allerdings in einer völlig desolaten körperlichen Verfassung. Dennoch befragte dieser Dr. Cäsar sie über verschiedene Angaben auf ihrer Karte. Edith erinnert sich daran, dass sie mit letzter Kraft die Namen einiger tschechischer Autoren habe nennen können, die sie auch in der Karteikarte angegeben hatte. „Der Dr. Cäsar konnte meinen Geist nicht mit meinem Aussehen in Übereinstimmung bringen“, sagt sie. Er schickte sie wegen Krankheit und körperlicher Schwäche erst einmal in Quarantäne.„Das war für mich wie ein Sanatorium.“ Danach arbeitete sie dann in dieser wissenschaftlichen Pflanzenforschungsabteilung. Dort habe es keine Selektionen mehr gegeben.„Dieser Dr. Cäsar, der sehr viel Gutes für die Menschen dort tat, hat auch dafür gesorgt, dass wir relativ gut ausgestattet waren.“ Es war nämlich inzwischen Januar 1945 geworden. Edith meint, wer es bis dahin geschafft habe zu überleben, habe sich auch schon ein paar Sachen zum Anziehen irgendwie besorgt. Denn nun stand der Todesmarsch bevor.„Wir mussten uns den SS-Leuten fügen. Da war übrigens auch normale Wehrmacht dabei. Die waren nicht besser als die SS, sie hatten nur ein besseres Image. Wer unterwegs versuchte, sich zum Beispiel mal eine Kartoffel von einem Feld zu holen, wurde sofort erschossen.“ Während eines Aufenthaltes„irgendwo nicht weit von Leipzig, wir sahen von weitem die Bombardierung“, sah sie plötzlich ihre Mutter.„Normalerweise“, sagt Edith,„freut man sich über eine solche Begegnung. Ich aber war total verzweifelt.“ Denn ihre Mutter musste irgendwo„Kies schaufeln“. Man hatte sie aus Bratislawa abtransportiert.„Ich konnte ihr ein ganz kleines Päckchen mit Zucker geben. Aber sie durfte nicht bleiben.“ 45 Auch Edith sollte weiter marschieren, der Todesmarsch war ja noch nicht zuende.„Ich wollte aber nicht mit meiner Gruppe, sondern ich wollte mit meiner Mutter gehen.“ Da geschah es wieder, dass sie eine lebensrettende Ohrfeige erhielt. Diesmal von einem der Marschbegleiter. Sie durfte nicht mit ihrer Mutter gehen.„Ich habe sie nie wieder gesehen.“ Edith wanderte also weiter. Halb verhungert, sei es ihr und einigen anderen dann gelungen, sich zu verstecken.„Ich glaube, die SS-Leute hatten uns zum Schluss gar nicht mehr finden wollen.“ Der Krieg war zuende. Instinkte Horst(*21) ist felsenfest davon überzeugt, dass es- um NaziKZ's zu überleben- ganz wesentlich auf den eigenen Instinkt ankam.„Überlebensinstinkt“ nennt er das, was ihn am Leben erhielt. Und„dieser Instinkt war schon als Kind bei mir stärker ausgeprägt als bei meiner Mutter.“ Horst, Jahrgang 1929, war 1941 in das Ghetto von Lodz Litzmannstadt- transportiert worden, zusammen mit seinen Eltern. Der Vater, der übrigens im 1. Weltkrieg deutscher Soldat war und deshalb, wie so viele andere jüdische Bürger, nicht geglaubt hatte, dass die Nazis ihn verfolgen würden, starb dann in Lodz.„Dort“, berichtet Horst,„erkannte ich bereits, dass jemand, der wirklich überleben wollte, nur an sich selbst denken kann.“ Vieles habe er gemacht, um zu überleben. Zum Beispiel habe er immer mal wieder„Essen geklaut“. Dann wurden eines Tages im Ghetto Lodz Kindertransporte zusammengestellt. Es hieß, diese Kinder sollten in Sicherheit gebracht werden. Horst, der mit zahlreichen Kindern abtransportiert werden sollte, wartete„einen günstigen Augenblick“ ab 46 und rannte über die Sperre, die das Kinderlager umgab, hinweg, zurück zu seinen Eltern. „Ich weiß bis heute nicht, warum ich das getan habe. Es war reiner Instinkt.“ Er sei heute„zu 99%“ sicher, dass alle diese Kinder in ein KZ gebracht oder schon gleich unterwegs erschossen worden seien. Gerettet worden seien sie sicher nicht. Noch heute ist Horst innerlich aufgewühlt, wenn er an das Schicksal dieser Kinder denkt. 1943 landete Horst schließlich doch in Auschwitz. Schon in Lodz habe man gerüchteweise über Vergasungen und Erschießungen in Auschwitz sprechen hören. Horst, der sich dort bei der Ankunft älter gemacht hatte, als er wirklich war, musste die Kleidung der vergasten Menschen sortieren. Aber sonst? Aus Gründen des Selbstschutzes(„self protection“) habe er die Einzelheiten verdrängt. Nicht einmal mit seinen eigenen Kindern habe er darüber gesprochen. Die Erinnerung setzt dann später wieder ein. Als„die Russen näher rückten“, wurden die Gefangenen erst nach Mauthausen gebracht und dann- teils zu Fuß, teils per Viehwaggon- nach Oranienburg(bei Sachsenhausen) gebracht. Dort, sagt Horst, sei er schwer erkrankt. Es sei wohl Typhus gewesen. Jedenfalls sei er von zwei norwegischen Ärzten gerettet worden, die dort Mitgefangene waren. Als sie dann- gegen Kriegsende- in Richtung Westen, Richtung Lübeck, weiter transportiert wurden, trat wieder einmal Horsts„Instinkt“, wie er es selber nennt, in Erscheinung. „Wir saßen auf Trucks. Die wurden aus Flugzeugen heraus beschossen. Unsere Bewacher sagten, wir sollten unbedingt auf den Wagen sitzen bleiben.“ Sie selber jedoch, die Bewacher, seien abgestiegen und hätten sich in Sicherheit gebracht. Selbst auf die Gefahr hin, erschossen zu werden, seien sie dann aber 47 („wir waren ja noch Kinder“) trotz des Befehls, oben zu bleiben, runter gesprungen. Instinkt allein kann es nicht immer gewesen sein, der das Überleben bewirkte. Dem Instinkt mussten Handlungen folgen. Esther Bauer, zum Beispiel, brachte etwas sehr Seltenes fertig: In Theresienstadt heiratete sie. In Theresienstadt war sie in der sogenannten Judenfürsorge tätig, was nur möglich war, weil sie es gelernt hatte, tschechisch zu sprechen. Dort hatte sie mit tschechischen Gefangenen zu tun, mit denen man als Deutsche sonst kaum in Berührung kam. Einer davon, ein tschechischer Koch, verliebte sich prompt unsterblich in Esther- und umgekehrt. Sie brachten es fertig zu heiraten- aber die„Ehe“ dauerte praktisch nur wenige Tage lang.„Mein Mann wurde nach drei Tagen weggeschickt. Es wurde den Frauen dieser Männer gesagt, dass sie ihren Männern freiwillig nachgehen können. Natürlich ging ich, obwohl meine Mutter mir sagte: geh' nicht. Ich ging, allerdings landete ich in Auschwitz und nicht in Dresden, was uns vorher gesagt worden war.“ Esther spricht dann von ihrem„Glück im Unglück“, das ihr dort wieder einmal geschehen sei.„Wir wurden nach 10 oder 12 Tagen von Auschwitz nach Freiberg in Sachsen geschickt, wo ich Flugzeuge baute, und zwar in dem dortigen FlugzeugbauUnternehmen Freia.“ Esther weiß zu berichten, dass ihr dort, in Freiberg, einer der Bewacher, ein Vorarbeiter,„öfter mal diskret etwas zum Essen“ zugesteckt habe. Esther selbst bezeichnet den Urgrund ihres Überlebens als „Instinkt“. Andere, die Esther etwas besser kennen gelernt haben, sagen übereinstimmend:„Sie hat das Glück gehabt, sich auch in den schwierigsten und gefährlichsten Situationen mit 48 Menschen ihrer Umgebung befreunden zu können. Auf diese Weise fand sie immer wieder Unterstützung.“ Inzwischen akzeptiert Esther, was ihr ein amerikanischer Psychiater später einmal zu erklären versuchte. Sie habe damals, in den KZ's,„in einer Schale gelebt“. So sei es wohl gewesen, sagt Esther heute,„ich habe das Allerschlimmste einfach nicht an mich heran gelassen.“ Politisches Interesse Sie hieß später Frau S.(*22).„Damals, in Auschwitz“- erzählt sie-„war es für mich ganz gewiss lebensrettend, dass ich schon von frühester Jugend an politisch interessiert war.“ Was hat es in Auschwitz genutzt, politisch interessiert zu sein? „Ich wusste“, sagt sie,„dass ich unbedingt wissen musste, was sich draußen abspielte. Gerüchte oder auch nicht: Man musste irgend etwas wissen, das einem Mut machte“. So wollte sie unbedingt darüber informiert sein,„was da draußen für Schlachten geschlagen wurden. Wann und wo wurde gekämpft?“ Ihr Mann, der zu jener Zeit gleichfalls in Auschwitz war, allerdings bevor sie sich kennen lernten, gibt ein Beispiel aus dem Jahr 1944.„Da hatte man irgendwie erfahren, dass amerikanische Truppen in der Normandie gelandet waren. Da hieß es bei uns im Lager, sie seien bereits in Paris. Sie waren aber immer noch tief in der Normandie.“ Oder über die Russen:„Man hörte bei uns, die Russen seien bereits in Warschau. Zu der Zeit waren sie aber immer noch irgendwo in Russland.“ 49 Frau S. erinnert sich daran, dass„irgendetwas immer durchsickerte“. Es habe ja in Auschwitz auch nichtjüdische, politische Gefangene gegeben. Unter denen hätten durchaus„irgendwelche Untergrundaktivitäten“ stattgefunden. Die hätten auch- natürlich völlig illegal- irgend welche kleine Radios gehabt. Wenn sie im Büro arbeitete, habe es hin und wieder mal die Möglichkeit gegeben,„einen kurzen Blick in eine Zeitung zu werfen, wenn die SS-Leute gerade mal rausgegangen waren.“ Diese SS-Leute hätten ja Zeitungen bekommen.„Man wusste zwar, dass das meiste, das in diesen Zeitungen stand, Blödsinn war. Aber immerhin habe man sich geographisch ein bisschen orientieren können.„Und das hat uns irgendwie aufgeputscht“. Da hatte man wohl so etwas wie einen Hoffnungsschimmer auf ein absehbares Ende der Nazi-Zeit. Es gab auch unter den Auschwitz-Gefangenen so etwas wie eine Hierarchie, berichtet Frau S. „Ganz oben standen die ältesten Kommunisten.“ Unter denen seien welche aus Deutschland, aber auch aus Polen und aus Frankreich gewesen.„Ich war ganz gut befreundet mit einer Gruppe Französinnen. Das waren politische Gefangene. Und die bekamen hin und wieder Nachrichten aus dem Männerlager.“ So habe sie immer einigermaßen gewusst,„was draußen los war“. Rudolf(*23), dessen Mutter Zigeunerin, dessen Vater Jude war, sagt von sich, er sei Kommunist gewesen.„Die Nazis haben mich zum Kommunisten gemacht.“ Er war zunächst in Auschwitz gelandet. Da„nur Halbjude“, wurde er- obgleich mit 12, 13 Jahren noch ein Kind- nicht vergast, sondern er wurde in einen Kindertransport gesteckt und fand sich in Buchenwald- bei Weimar- wieder. 50 „Da gab es einen Holzplatz, wo ich für die SS Holz hacken musste.“ Erbärmliches Essen: mittags etwas Kohlrübensuppe, sonst ein wenig Brot und schwarzen Kaffee. Obgleich das Essen nicht hin und nicht her reichte, musste Rudolf schließlich in einem Steinbruch arbeiten. Er litt sehr darunter,„dass ich nichts lernen konnte, nicht einmal Lesen und Schreiben“. Sogar nachts kam man nicht zum Lernen,„man musste ja dauernd Appellstehen“. Rudolf erwähnt jedoch, dass„die Solidarität“ in diesem Lager sehr gut gewesen sei. Sie hätten da in Buchenwald„einen Schwarzsender“ gehabt und es auf diese Weise geschafft, sich über die militärische und politische Lage außerhalb des Lagers zu informieren.„Meine Kameraden und ich, wir wussten immer, wo die Russen gerade waren.“ Dieses Wissen half schließlich beim Überleben. Otakar(*24) kam aus Prag. Während der Nazizeit geriet er erst nach Theresienstadt, dann nach Auschwitz und von dort in das Lager der nahe gelegenen Buna-Fabrik. Otakar gehörte zur Gruppe der politischen Gefangenen. Er war ein begeisterter- wie er es selber nennt- Radio-Bastler. Das setzte in der damaligen Zeit eine besondere Begabung, auch eine starke Leidenschaft voraus. Bei Otakar kam politisches Interesse hinzu, und so kam es dazu, dass er während der Nazizeit- lange vor seiner Verhaftung- etwas streng Verbotenes tat: Er hörte ausländische Sender, zum Beispiel BBC. Damit nicht genug: Als die Nazis in der Tschechoslowakei am Ruder waren, baute er dort für eine Untergrundorganisation einen Sender in einen Koffer ein. Diese Organisation, die mit Hilfe dieser speziellen Rundfunkinformationen Zeitungen herstellte, flog schließlich auf. Und so wurde Otakar zum politischen KZ-Insassen. 51 In Auschwitz, so berichtet er, sei er mit ziemlich komplizierten Elektroarbeiten beauftragt worden- immer mit dem Zusatz: „Wenn du das und das nicht in der und der Zeit schaffst, wirst du erschossen.“ Daraufhin habe er sich zunächst mal zwei jüdische Gefangene als Helfer erbeten.„Wir bekamen dann sogar schon einmal „eine SS-Suppe mit richtigen Kartoffeln drin.“ Auch in der Kunstgummifabrik Buna habe er sich mit Elektroarbeiten einigermaßen gut über Wasser halten können. Buna wurde dann aber schwer bombardiert. So kam Otakar nach Buchenwald, wo auch er in den Steinbruch geschickt wurde. Er wurde dann allerdings von dort in das etwas weiter nördlich gelegene Lager Dora versetzt. Dort beschäftigte man ihn zunächst in einem E-Werk. Dort waren spezielle Aufgaben zu erledigen. So sollten die Gefangenen z.B. mal beweisen, dass sie die Funktionen bestimmter italienischer Rechenmaschinen beherrschten. Sie wurden sogar einer Prüfung unterzogen.„Hundert Deutsche bestanden diese Prüfung, aber nur zwei Tschechen.„Ich war einer davon“, berichtet Otakar. Zur Belohnung habe es neue Häftlingskleidung gegeben. Der Krieg und damit das Naziregime neigten sich inzwischen ihrem Ende zu. Gemeinsam mit den anderen Häftlingen wurde auch Otakar nochmals in Viehwaggons, zehn Tage lang ohne Essen, abtransportiert: diesmal nach Ravensbrück. Er wusste, dass es nun, zuguterletzt, darum ging, sich vor den alliierten Luftangriffen zu schützen.„Da verschafften wir uns knallbunte Klamotten, so viele wir nur irgend kriegen konnten. Zogen sie an oder wedelten damit herum. Die Flieger sollten erkennen, dass wir keine Soldaten waren.“ 52 Überlebensmomente Einige KZ-Überlebende erinnern sich innerhalb ihrer eigenen Geschichte mit einem kurzen Seitenblick an Beobachtungen bei bekannten oder unbekannten Mitgefangenen. Das gab es auch: Ein damals noch sehr junger Jude berichtet, er sei längere Zeit in einem südpolnischen Außenlager inhaftiert gewesen, bevor er nach Auschwitz kam. In diesem Lager habe er zufällig miterlebt, wie eine sehr hübsche deutsche Jüdin sich einem SS-Mann- mit Erfolg- angeboten habe. Dieser SS-Mann habe sie zu sich genommen, und zwar mit ihrem Kind- was die Frau zur Bedingung gemacht hatte. Auf diese Weise hätten beide überlebt. Das habe er anfangs selbst beobachten können. Später habe er von Bekannten erfahren, dass nach der Befreiung tatsächlich Mutter und Kind heil in ihre Heimat nach Deutschland zurückgekehrt seien. Eine sehr knapp dem Gas entgangene Gefangene sagt:„Da war eine Mitgefangene, die war körperlich sehr schwach, und eigentlich hätte sie nur geringe Überlebenschancen gehabt. Aber diese junge Frau hatte- im Gegensatz zu uns anderen, total ausgemergelten Typen- offenbar von Natur aus ein richtig rundliches Gesicht. Das führte dazu, dass sie bei den immer wieder stattfindenden Selektionen nie in die Gaskammern dirigiert wurde. Die SS-Typen, die für die'Aussortierung' zuständig waren, hielten sie für kräftiger, als sie wirklich war. So konnte sie am Leben bleiben.“ Der fürchterliche KZ-Arzt Mengele, der Massenmörder, der seine Opfer zu Tode quälte, hieß auch„der Todesengel von 53 Auschwitz“. Viele Gefangene sind ihm gleich nach ihrer Ankunft begegnet. Er war der Herr über Leben und Tod. Mit einer Handbewegung entschied er darüber, ob jemand sofort in die Gaskammer kam oder als Arbeitskraft wenigstens vorläufig am Leben bleiben durfte.„Da war der Mengele“- diese Bemerkung kommt öfter in den Berichten Überlebender vor. Einer, ein Zigeuner- wie man damals noch sagte-, teilt kurz und immer noch tief erschrocken mit, er habe dem Mengele gelegentlich die Stiefel putzen müssen.„Da konnte ich alles sehen, was der so rumstehen hatte und woran er arbeitete. Mit mir hat er dabei nie auch nur ein Wort gesprochen. Aber ich habe gesehen, was er da in Gläsern konservierte: Organe seiner kranken Menschen. In Gläsern.“ Dieser Mengele hat nach dem beinahe unglaublichen Bericht einer Inhaftierten einmal einen Moment lang ein im Effekt lebensrettendes Verhalten an den Tag gelegt. Er hatte diese Frau, eine deutsche Jüdin, in den Strom jener„nach rechts“ dirigiert, die geradewegs in die Gaskammern geleitet wurden. Diese Frau nun ging mit der Gruppe in die angegebene Richtung. Doch nach wenigen Metern tat sie etwas, das offenbar total ungewöhnlich und gewiss äußerst gefährlich war: Sie drehte sich um und schaute zu Mengele zurück. Dem fiel dieses ungewöhnliche Verhalten auf. Jedenfalls habe er sie zurückgewinkt, und er habe wissen wollen, weshalb sie sich umgedreht habe. Da habe sie wiederum, weil ihr einfach nichts anderes eingefallen sei, etwas Ungewöhnliches getan. Sie habe nämlich gesagt, sie sei ganz fasziniert von Mengele. Einen so hübschen Mann habe sie noch nie zuvor gesehen. Sie habe so getan, als wolle sie ihn„anhimmeln“. Daraufhin habe Mengele ihr einen sehr kräftigen Tritt gegeben, und so sei sie auf der anderen Seite gelandet- bei denen, die nicht auf den Weg zur Gaskammer geschickt wurden. 54 „Wahrscheinlich“, erklärte sie später einmal,„hat dieser Mengele gedacht, wer sich so verhalte, wie ich es da getan habe, könne noch arbeiten und müsse noch nicht ins Gas.“ In Theresienstadt, so wird berichtet, habe es eine ganz besonders interessante Werkstatt gegeben. Dort hätten künstlerisch hoch talentierte Gefangene Kopien bedeutender klassischer, weltberühmter Gemälde angefertigt. Das seien erstklassige, hervorragende Kopien gewesen, die man von den Originalen kaum oder gar nicht habe unterscheiden können. Ein anderer, ein Kunstprofessor aus Wien, habe künstlerisch hochwertige Miniaturen angefertigt. Wiederum andere hätten die Rahmen der Bilder, auf alt getrimmt, hergestellt. Diese Künstler hätten erklärt, in nüchternem Zustand nicht arbeiten zu können. Sie bräuchten- sozusagen- künstlerische Impulse. Diese Künstler seien von der SS reichlich mit Champagner, mit Kaviar und gutem Essen ausgestattet worden. So wichtig und wertvoll seien diese Künstler für die Nazis gewesen. Aber der Alltag in Theresienstadt sah natürlich ganz anders aus. Viele der älteren Gefangenen seien gestorben, obgleich sie wahrscheinlich normalerweise noch gar nicht hätten sterben müssen.„Andere hingegen“, erzählt eine Frau, die das Lager überlebte,„hatten den Kopf, um überleben zu können. Sie sind nicht durchgedreht- wie so viele andere-, einfach, weil ihr Kopf mitgemacht hat.“ In Theresienstadt konnte es passieren, dass mal Besuch von Delegationen kam- etwa aus Schweden, aus Dänemark, sogar aus der Schweiz. Eine sprachgewandte gefangene Jüdin wurde dann gelegentlich- unter schärfster Kontrolle durch die Bewacher- als Dolmetscherin eingesetzt. Unter dieser strengen Kon- 55 trolle habe sie sogar Fragen aus dem Besucherkreis beantworten dürfen. Die Besucher hätten ja wissen wollen, wie es den Gefangenen in Theresienstadt erging. Die jüdische Dolmetscherin habe selbstverständlich unter den Augen der Bewacher nur sehr positiv antworten dürfen, etwa nach dem Motto:„Sie sehen ja, wie gut es uns geht.“ Dabei habe sie, die Dolmetscherin, ihr Gesicht aber den Fragenden zugewendet. Ihren Gesichtsausdruck, mit dem sie oft das, was sie sagte, Lügen strafte, hätten die Bewacher allerdings nicht sehen können. Kurze Beobachtungen:„In einer dieser Fabriken in der Umgebung von Auschwitz, wo man am Fließband arbeitete, ist mal hin und wieder eine Vorarbeiterin aufgetaucht. Die musste wohl irgendwelche Produktionskontrollen machen. Jedenfalls provozierte die uns bis zur Weißglut, indem sie vor unseren Augen genüsslich irgendwelches Obst aß. Sie aß das Obst, sie biss zum Beispiel kräftig und hörbar in einen Apfel. Uns wurde schlecht vor Hunger. Und dann schaffte sie es, sehr geschickt- so dass die Aufseher es nicht merkten- eine Tafel Schokolade an uns zu verteilen. In Auschwitz war einer Gefangenen mal ein kleiner Verbandskasten zugesteckt worden-„von einem Vetter, der war Zahnarzt“. Diesen Kasten, ein kleines Vermögen, musste sie natürlich gut verstecken, was ungeheuer schwierig war. Zu der Zeit gab es einen sehr großen Wassermangel.„Da sprach ich einen Aufseher an, das war in diesem Fall ein einfacher SSMann, kein Offizier. Dem gab ich meinen Verbandskasten, das heißt, ich bat ihn, mir dafür- im Tausch- öfter mal ein bisschen Trinkwasser zu bringen.“ Und das Unerwartete geschah: Dieser SS-Mann, der ihr ohne weiteres und ohne Erklärung oder Ge- 56 genleistung den Kasten hätte abnehmen können, brachte ihr einige Tage lang jeweils eine kleine Wasserportion. Eine blonde, blauäugige Jüdin landete im Alter von 18 Jahren in Auschwitz. Heute lebt sie in Kalifornien. Wie es kam, dass sie überlebte? Sehr kurzes Nachdenken:„Es gibt keine speziellen Gründe. Ich führe mein Überleben auf meine optimistische Grundhaltung, also auf eine Charaktereigenschaft, zurück. Ich war während der ganzen KZ-Zeit fest davon überzeugt, dass alles, was da so um mich herum geschah- obgleich es ja zum Teil auch mir persönlich zustieß-, dass alles das eigentlich gar nicht mir gegolten habe. Dass alles das Schlimme, das da passierte, absolut nicht allgemeingültig war. Diese ganzen Unwahrscheinlichkeiten, so habe ich immer fest geglaubt, passierten hier eigentlich nur zufällig. So etwas- dachte ich- sei nicht üblich. Sei eine Ausnahme. Dieser Optimismus hat mit Sicherheit bewirkt, dass ich überleben konnte.“ Eine jüdische Gefangene sagt, sie habe zwar überlebt, sei aber seelisch schwer verwundet.„Ich überlebte aus drei Gründen. Erstens: ich hatte Bürokenntnisse, war eine gelernte Bürokraft. Zweitens: ich hatte gute Nerven. Das wurde von mir von Anfang an verlangt: Haben Sie gute Nerven? Diese Frage wurde mir mehrmals, sehr intensiv, gestellt. Ich habe immer wieder Ja gesagt. Drittens: ich wurde dringend gebraucht, denn ich kam schließlich zum Einsatz in der sogenannten politischen Abteilung. Dort wurden die Listen der Menschen geführt, die in den Krematorien verbrannt worden waren. Ich war Zeugin- hundertfach-, wie man sich da irgendwelche Todesursachen ausdachte: erfundene Krankheiten aller Art. Die musste ich eintragen und hörte dabei, wie draußen die Menschen geschrieen haben.“ Dass 57 man mich für diese bürokratische Arbeit eingeteilt hat, muss ich natürlich nachträglich als Glück betrachten. Das gilt auch für den höchst geheimen Einsatz im„RSHA“. Das war das Reichssicherheitshauptamt, jenes Amt, wo die Befehle Adolf Eichmanns, des organisatorisch verantwortlichen Massenmörders, eingingen und in Taten umgesetzt wurden. Eine Geheimabteilung in Auschwitz. Ein jüdischer Gefangener, den es dorthin verschlug und der- wie er meint- wohl deshalb überlebte:„RSHA- das war total geheim, durfte man nicht einmal erwähnen. Wir mussten bei allem, was die anderen taten, mitmachen. Vor allem mussten wir immer unbedingt bei diesen dauernden Zählappellen dabei sein. Wir durften nicht einmal andeuten, wo wir wirklich arbeiteten. Alles war geheim. Man durfte nicht einmal andeuten, dass man überhaupt irgendetwas wusste.“ „Dem Wachpersonal mal kleine Gefallen tun“, das sei sehr wichtig gewesen.„Ich habe mal einem SS-Mann einen Knopf angenäht. Der hat mich dann nicht mehr gepeitscht.“ Peitschenhiebe zu vermeiden, war überlebenswichtig.„Man musste unbedingt versuchen, möglichst unauffällig zu sein. Wer Verwundungen durch Schläge erlitt, war auffällig. Das war schlecht. Durchschlängeln, das war die Devise. Solange es irgend ging. Dann konnte man es auch schon mal schaffen zu vermeiden, dass irgendsoein SS-Mann einen immer mal wieder im Blickfeld hatte. Der guckte dann, wenn man sich unauffällig verhielt, auch schon einmal an einem vorbei. Absichtlich oder nicht: Man wusste es nicht. Man war aber froh, wenn man jemanden so weit hatte, dass er an einem einfach nur vorbei guckte.“ 58 Anhang: Quellenhinweise Legende: FZH/WdE= Forschungsstelle für Zeitgeschichte/Werkstatt der Erinnerung, Hamburg(dazu jeweils die Kartei-Nr. sowie Kennzeichnung der Interviewten. Vornamen im Text verändert) SVHF= Interviews der Survivors of the Shoa Visual History Foundation, Berlin(jeweils mit Kartei-Nr., Kennzeichnung des Interviewten sowie Ort der Aufnahme des Interviews) (*1) FZH/WdE 177, Interview mit R.A. (*2) FZH/WdE 154, Interview mit N.S., S.x. (*3) SVHF 6466, Ilona K., Frankfurt/M.(D) (*4) FZH/Wde 744, Interview mit E.B. (*5) FZH/WdE 743, Interview mit M.F. (*6) SVHF 35787, Lina H., Gründau/Hessen(D) (*7) SVHF 20973, Helen L., Hamburg(D) (*8)- siehe(*2) (*9) FZH/WdE(wie*4) sowie SVHF 18155 Esther B., Hamburg(D) (*10) SVHF 8300, Katarina P., Frankfurt/M.(D) (*11) SVHF 48911, Sigmund K., Frankfurt/M.(D) (*12) FZH/WdE 863, Interview mit H.G. (*13) SVHF 36992, Malka Charlotte L., Jerusalem/Israel (*14) SVHF 40618, Charlotte B., Wien(Ö) (*15) SVHF 11409 Anna B., Köln(D) (*16) SVHF 10430, Adele W., Frankfurt/M.(D) (*17) FZH/WdE 496, Interview mit G.F. 59 (*18) SVHF 50687, Martha C., Gütersloh(D) (*19) SVHF 49167 Franz R., Bayreuth(D) 16486 Stanoski Walter W., Hamburg(D) 41680 Johann S., Wien(Ö) 43504 Karl S., Wien(Ö) (*20) SVHF 15427 Edith A., Frankfurt/M.(D) (*21) FZH/WdE 860, Interview mit C.S. (*22) siehe(*2) (*23) SVHF 10235, Rudolf M., Schmalkalden/Thür.(D) (*24) SVHF 47741, Otakar L., Nordhausen/Thür.(D) sowie- ungekennzeichnet- zusätzliche Recherchen, Informationen, Interviews Anmerkung: Nicht alle Zitate sind wörtlich. Es geht um die Schilderung der jeweiligen Situation, nicht um die manchmal eher zufällige Wortwahl der Befragten. ISSN 0941-6862 ISBN 978-3-89892-829-8