Gisela Notz(Hrsg.) Als die Frauenbewegung noch Courage hatte Die„Berliner Frauenzeitung Courage“ und die autonomen Frauenbewegungen der 1970er und 1980er Jahre Reihe Gesprächskreis Geschichte Heft 73 Gesprächskreis Geschichte Heft 73 Gisela Notz(Hrsg.) Als die Frauenbewegung noch Courage hatte Die„Berliner Frauenzeitung Courage“ und die autonomen Frauenbewegungen der 1970er und 1980er Jahre Dokumentation einer Veranstaltung am 17. Juni 2006 in der Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin Friedrich-Ebert-Stiftung Historisches Forschungszentrum Herausgegeben von Dieter Dowe Historisches Forschungszentrum der Friedrich-Ebert-Stiftung Kostenloser Bezug beim Historischen Forschungszentrum der Friedrich-Ebert-Stiftung Godesberger Allee 149, D-53175 Bonn (Tel. 0228- 883-473) E-mail: Doris.Fassbender@fes.de http://library.fes.de/history/pub-history.html © 2007 by Friedrich-Ebert-Stiftung Bonn(-Bad Godesberg) Herstellung Alle Rechte vorbehalten Printed in Germany 2007 ISBN 978-3-89892-766-6 ISSN 0941-6862 Inhalt 5 Wie die Frauenbewegung zu Courage kam. Eine 7 Courage – Wie es begann, was daraus wurde und was geblieben 23 Konkurrenz von außen und Konflikte innerhalb des 44 Die Courage war Sprachrohr der 57 Die Courage hat mein Feminismusverständnis eindeutig beeinflusst 62 Das Veränderungspotenzial war die treibende 68 Was kann Courage für die Zukunft 70 74 Gisela Notz: 78 Referentinnen und 80 Vorwort Genau 30 Jahre nach der Gründung der Courage trafen sich ungefähr 25 ehemalige Mitarbeiterinnen und zahlreiche Autorinnen der Courage, um unter dem vielschichtigen Motto„Als die Frauenbewegung noch Courage hatte“ mit ca. 200 jungen und älteren Menschen noch einmal über Courage und die autonomen Frauenbewegungen nachzudenken und zu diskutieren. Es war sehr schwer, zum Teil erforderte es detektivische Qualifikationen, die Adressen der Gründerinnen und der zahlreichen Mitarbeiterinnen ausfindig zu machen. Viele kamen ohne Einladung, denn die alten Netzwerke funktionieren teilweise noch heute. Die Veranstaltung war offen für alle konzipiert. Einige, die nicht kommen konnten, haben bedauernde Briefe geschrieben, die auf einer Pinnwand im Vorraum ausgehängt wurden. Die Veranstaltung, die gemeinsam von Gisela Notz und Sibylle Plogstedt, (Mit-)Gründerin der Courage, konzipiert worden war, fand in Berlin statt. Schließlich war die Courage, eine Berliner Frauenzeitung, auch wenn sie bald bundesweit erschien. Nach einem Einführungsvortrag diskutierten ehemalige Courage- Frauen auf zwei Podien über„Mut zum Denken und Aufbauen: Inhalte, die es noch nicht gab“ und„Über Chancen und Grenzen der Arbeit im Kollektiv“. Auf einem dritten Podium wurde die Innensicht der Courage-Arbeit nach außen in die Frauenbewegung und Frauenforschung geöffnet. Diese Podiumsteilnehmerinnen sollten über den Einfluss der Courage auf ihr wissenschaftliches und künstlerisches Wirken berichten. Gisela Notz Ursula Nienhaus Feministisches Frauenbildungs- und Beratungszentrum, Berlin Wie die Frauenbewegung zu Courage kam. Eine Chronologie Bereits vor der Gründung der„Courage“ hatten couragierte Frauen Einiges getan: 1968 gründeten ost- und westdeutsch sozialisierte Mütter auf Initiative von Marianne Herzog und Helke Sander in Berlin den„Aktionsrat zur Befreiung der Frauen“. Anders als später behauptet, entstand die Frauenbewegung also durchaus nicht als ein„stiefschwesterliches Verhältnis“(Margit Denn neben Marianne Herzog waren auch Dorothea Ridder und Birgit Strothmann vom„Aktionsrat“ in der DDR aufgewachsen. Zumindest Marianne Herzog hat ihre DDR-Geschichte selber ausführlich beschrieben, ohne dass bisher jemand diesen Hintergrund ihres Engagements näher beleuchtet Und Helke Sander erlebte Berlin, wo sie 1937 geboren wurde, noch als ungeteilte Stadt unter nationalsozialistischer Herrschaft. Der Aktionsrat thematisierte die gewaltförmigen Geschlechterverhältnisse und die Notwendigkeit von deren Aufhebung mehr als sogenannte Frauenprobleme. Das betone ich vor allem für die jüngeren Generationen, die nun häufig meinen, dass die Ge schlechterforschung, die gender studies, zwar aus der Frauenbewegung hervorgegangen ist, diese aber theoretisch und kritisch weit überholt haben. Der Aktionsrat klagte„ein neues Verständnis des Politischen“ ein und formulierte auch nicht salopp, wie später Nach dem späteren Titel des Buches von Katrin Rohnstock. Marianne Herzog: Suche. Darmstadt 1988; Herzog, 1939 in Breslau geboren, aufgewachsen in Mecklenburg, kam 1957 zum ersten Mal in die BRD, kehrte dann in die DDR zurück und floh 1961 erneut, um seit 1964 in Westberlin zu leben. häufig verkürzt unterstellt: das Private sei politisch.„Es gilt, Pri vatleben qualitativ zu verändern und diese Veränderung als revolutionären Akt zu verstehen“, schrieb er ganz im Sinne der internationalen Neuen Linken und ihrer Reflexion auf den Zusammen hang von sogenannter öffentlicher Politik und sogenannter privater Familie – einem mit der modernen bürgerlichen Gesellschaft als deren Charakteristikum etwa seit dem 18. Jahrhundert entstandenen falschen Stereotyp. Und weiter:„Dieser kulturrevolutionäre Akt ist ein Teil des Klassenkampfes. Daraus ergibt sich, dass die Revolution als Ziel des Klassenkampfes weniger eine Frage der Machtübernahme ist als eine Frage der Verwirklichung dessen, was sich in der bestehenden schlechten Gesellschaft antizipatorisch als Gegengesellschaft abzeichnet.“ Das zitiere ich nicht so sehr, um den damaligen Sprachgebrauch ins Gedächtnis zu rufen, sondern um darauf hinzuweisen, dass es diesen Frauen um„Macht“ ging – auch etwas, was bereits bald vergessen wurde – dass sie aber„Macht“ durchaus ähnlich wie Hannah Arendt positiv von Gewalt,„der bestehenden schlechten Gesellschaft“, absetzten und nicht primär als ein individuelles sondern als ein gesellschaftliches Verhältnis verstanden. Aus diesem Programm folgte für den Aktionsrat:„Die Klassenorganisation der Frauen temporär isoliert von den Männern(…) ist eine Kampfansage an die Gesellschaft, die nicht ohne die Ausbeutung der Männer bestehen kann, die aber erst recht nicht existenzfähig ist, ohne die masochistische Hin­ nahme der doppelten Ausbeutung der Frauen, die den Männern ihre Versklavung erleichtern, ja verschleiern helfen.“ Regina Becker-Schmidt sprach später in einem mit Gudrun Axeli Knapp herausgegebenen Buch von der„doppelten VergeHannah Ahrendt: Macht und Gewalt. München 1970. Regina Becker-Schmidt/Gudrun Axeli Knapp(Hg.): Das Geschlechterver hältnis als Gegenstand der Sozialwisssenschaften. Frankfurt/New York 1995, besonders S. 11 und 18. sellschaftung“ der weiblichen anders als der männlichen GenusGruppe. Sie betonte ähnlich wie es bereits Texte des Aktionsrates versuchten, Geschlecht als ein soziale Ungleichheit markierendes Schichtungskriterium:„Die Benachteiligung von Frauen kann eine doppelte oder dreifache werden, wenn ihre Geschlechtszugehörigkeit mit anderen Schichtungskriterien wie Ethnie oder sozialer Herkunft zusammenfällt. Geschlechterverhältnisse in diesem systematischen Sinn sind Herrschafts- und Machtzusammenhänge, in denen die gesellschaftliche Stellung der Genus-Gruppen institutionell verankert und verstetigt wird. In historischer Perspektive ist zu fragen, über welche Mechanismen sich Über- und Unterordnungsverhältnisse reproduzieren und wo es Bruchstellen und Verschiebungen gibt, an denen sich Tendenzen zur Veränderung abzeichnen.“ Der Aktionsrat setzte utopische Hoffnungen in einen solchen Bruch und unternahm es selber, eine Verschiebung zu bewerkstelligen:„Der Aufstand der Frauen gegen ihre Unterdrückung(…) trägt in sich die Utopie der sexuellen Emanzipati on, einer herrschaftsfreien Beziehung der Geschlechter zueinander, die Überwindung repressiver Strukturen des Zusammenlebens,.(…) den Entwurf neuer Formen kollektiven Zusammenlebens und(…) die Abschaffung der Herrschaftsverhältnisse zwischen Eltern und Kindern“, formulierte er. Ich zitiere diese Sätze, um zu fragen, warum sich diese utopische Hoffnung heute so sehr verflüchtigt hat; auch, um daran zu erinnern, dass die Kinderläden vom Aktionsrat, nicht aber zuerst von SDS-Männern, initiiert wurden, wie in späteren Veröffentlichungen oft ohne Verweis auf die wirklichen Initiatorinnen behauptet wurde. Die Initiatorinnen des Aktionsrates waren studierende und zugleich notgedrungen ihres Alters und der damaligen Regelungen der Studienförderung wegen erwerbstätige Mütter. Im September 68 folgte auf Sanders Rede vor dem Delegiertenrat des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes(SDS) in Frankfurt am Main 10 der berühmte Tomatenwurf der hochschwangeren Germanistikstudentin Sigrid Rüger. Den kommentierte Ulrike Meinhof in„Konkret“ Nr. 12 klug„in eigener Sache“. Die Nullnummer der„Courage“ druckte diesen Text später wieder ab , und ich möchte ihn Euch heute noch einmal zur Lektüre empfehlen. Denn darin hieß es: „Dass Tomaten und Eier sehr gut geeignet sind, Öffentlichkeit herzustellen, wo andernfalls die Sache totgeschwiegen worden wäre, ist seit dem Schahbesuch sattsam bekannt. Als Verstärker von Argumenten haben sie sich schon mehrfach als nützlich erwiesen. Aber die Studenten, die da den Schah besudelten, handelten doch nicht in eigener Sache, eher stellvertretend für die persischen Bauern, die sich zur Zeit nicht wehren können, und die Tomaten konnten nur Symbole sein für bessere Wurfgeschosse.... Die Tomaten, die auf der Frankfurter Delegiertenkonferenz des SDS geflogen sind, hatten keinen Symbolcharakter. Die Männer, deren Anzüge (die Frauen wieder reinigen werden) bekleckert wurden, sollten gezwungen werden, über Sachen nachzudenken, über die sie noch nicht nachgedacht haben. Nicht ein Spektakel für eine alles verschweigende Presse sollte veranstaltet werden, sondern die waren gemeint, die sie an den Kopf gekriegt haben. Und die Frau, die die Tomaten warf, und die, die die Begründung dazu geliefert hatten, die redeten nicht aufgrund entlehnter, mühsam vermittelter Erfahrung, die sprachen und handelten indem sie für unzählige Frauen sprachen, für sich selbst. Und es scherte sie einen Käse, ob das, was sie zu sagen hatten, das ganz große theoretische Niveau hatte, das sonst im SDS anzutreffen ist, und ob das alles haargenau hinhaut und ob auch der Spiegel ihnen zustimmen würde, wären sie doch erstickt, wenn sie nicht geplatzt wären. Ersticken doch täglich Millionen von Frauen an dem, was sie alles herunterschlucken, und essen Pillen dagegen – Contergan, wenn sie Pech haben.(...)“. Konkret H. 12/1968, S. 86. Berliner frauenzeitung Courage Nr. 0/1976, S. 23 f. 11 1969/70/71 entstand aus der Gruppe„wider das alte für das neue“-(wahrlich: ein sprechender, tastender Name!)- die Gruppe„ brot& rosen- Frauen gemeinsam sind stark“ parallel mit dem Sozialistischen Frauenbund in Berlin und dem Weiberrat in Frankfurt/M. mit dem Slogan:„Frauen und Männer gemeinsam sind stärker“. Der Slogan, dass Frauen gemeinsam stark sein können, war im Übrigen weniger eine Tatsachenfeststellung als der hoffnungsvolle, beschwörende Aufruf, die unendlich vielen Differenzen unter Frauen„temporär“ zugunsten einer strategischen Einigung zu überwinden. Daran erinnere ich, weil der damals allen Aktiven absolut deutliche Sinn der Beschwörung heute oft als völlig missverstandene Aussage eines angeblich essentialistischen Weiblichkeitsverständnisses beschrieben wird, das die Differenzen zwischen Frauen geleugnet habe. Ich will und kann hier aber nicht die ausstehende Geschichte der Neuen Frauenbewegung schreiben und werde daher im Folgenden wichtige Themen nur noch anreißen und damit hoffentlich zur weiteren Bearbeitung anreizen. Die weitere Entwicklung der Bewegung und die Schaffung neuer Medien Im April 1971, also lange vor Erscheinen der ersten„Courage“, veröffentlichte der Nouvel Observateur das Manifest von 343 Französinnen, die sich selbst bezichtigten, abgetrieben zu haben. Am 6. Juni 1971 bekannten auf Initiative von Alice Schwarzer 28 Frauen im„Stern“ ebenfalls:„Wir haben abgetrieben“, und insgesamt 374 Frauen unterschrieben den Appell für Wunschkinder gegen den§ 218 StGB. Anders als der notwendig kurze aber missverständlich Besitz bekundende DemonstrationsAlice Schwarzer: Mit Leidenschaft. Texte 1968-1982, Reinbek 1982, S. 17f. 12 Slogan„Mein Bauch gehört mir“ verdient der Appell für die Wunschkinder besondere Beachtung. Denn ein Besitzverhältnis an Kindern aus dem eigenen Leib wollten die frühen Aktivistinnen ja gerade nicht, obgleich der Slogan das nahe legen konnte. Die berühmte erste Veröffentlichung von„brot& rosen“, das Frauenhandbuch Nr. 1, beschäftigte sich dementsprechend auch mit Verhütungsmitteln und nicht nur mit Schwangerschaftsabbruch und war eine Anleitung zur Selbsthilfe: Frauen sollten ihren Körper besser kennen lernen und verstehen. Ein Flugblatt der Gruppe„brot& rosen“ thematisierte gleichzeitig die großen politischen, die sozialpolitischen Probleme unter der Überschrift: „Wer trägt die Last der Preise?“ 1972 entstand die Homosexuelle Aktion Westberlin(HAW) und die Homosexuelle Aktion in Berlin(HIB) im Ostteil der Stadt, auch ein Thema für eine – endlich – gemeinsame Betrachtung. Die Volkskammer der DDR verabschiedete 1972 die Fristenlösung für Schwangerschaftsabbrüche und drückte damit aus, welchen Einfluss die Frauenbewegung auch zwischen den Blöcken im Kalten Krieg erreichte. Im Dezember gewann die SPD die Bundestagswahlen mit Frauenstimmen nach einer breiten Kampagne gegen die Wahl konservativer Parteien, die gegen die Liberalisierung des Abtreibungsverbots argumentierten. Weiter links stehende Parteien spielten damals keine Rolle. Die Wahl mit dem sogenannten„gender gap“ war eine Überraschung. Denn zu diesem Zeitpunkt galten Frauen – oft ohne entsprechende Untersuchungen als Wählerinnen der Konservativen; noch Mitte der 1970er Jahre behauptete der amerikanische HistoDer Begriff„gender gap“ bezeichnet die Kluft zwischen der Wahlentscheidung von Frauen und Männern. Diese Kluft basiert auf unterschiedlichen politischen Prioritäten, die sich im Wahlverhalten spiegeln. Spätestens seit dem US-Präsidentschaftswahlkampf 1984, bei dem erstmals eine Frau für das Amt der Vizepräsidentin kandidierte, hat dieser Terminus in der Wahlforschung Einzug gehalten. 14 riker Richard Evans fälschlicherweise, Frauen hätten Hitler durch ihr Wahlverhalten an die Macht gebracht. Aber heute, mit einer Bundeskanzlerin von der CDU, müssen wir alle diese Einschätzungen wohl noch einmal neu reflektieren. Im Januar 1973 eröffnete in der Berliner Hornstrasse das erste deutsche Frauenzentrum nach dänischem Vorbild, denn die neue Frauenbewegung begann wahrlich international. Initiiert wurde es von„brot& rosen“ und von Frauen der HAW. Es begannen die Selbsterfahrungsgruppen nach chinesisch/vietnamesisch/us-ameri­ kanischem Vorbild, hervorgegangen aus der asiatischen Erfahrung„to speak bitterness“, d.h. bittere Erlebnisse miteinander reflektiert austauschen. Von den USA kam die Anregung über die Tübinger Psychologin Angelika Wagner nach Deutschland. Wichtig daran war die Betonung, dass keine Frau anderen Ratschläge oder Hilfe erteilen könne. Vielmehr sollte jede ihre Probleme, Wünsche usw. für sich aussprechen, anderen dabei gut zuhören, und dabei lernen, dass nicht alle als persönliche Probleme empfundene Sachen wirklich individuell waren. Das selber Sprechen sollte die eigene mögliche Aktivität betonen, sollte der erste Schritt sein, für ein hoffentlich daraus folgendes Handeln nach demokratischen Prinzipien ohne Bevormundung. Wie Saskia Poldervaart im Januar dieses Jahres an der Amsterdamer Universität ausgeführt hat, wird eine solche Strategie, die nicht auf Identität, sondern auf Affinität zielt, auch heute noch in femi nistischen Gruppen angewendet, um Kooperation von Verschiedenen zu erzeugen. Im Mai 1973 veröffentlichte die Sozialistische Fraueninitiative(SOFA) in Köln die Zeitung efa. Seit Oktober erschien die Frauenzeitung„Frauen gemeinsam sind stark“, Dazu Annemarie Tröger: Die Dolchstoßlegende der Linken:„Frauen haben Hitler an die Macht gebracht“, in: Frauen und Wissenschaft. Beiträge zur Berliner Sommeruniversität für Frauen Juli 1976, Berlin 1977, S. 324-355. 16 die jeweils in einer anderen Stadt hergestellt wurde und auch dadurch zum Ausdruck bringen sollte, dass nicht ein„Zentrum“ für alle Frauen sprechen konnte. Ich weise ausdrücklich darauf hin, dass ihr auf der Zeitung das durchbrochene Frauenzeichen seht, weil die Faust es gesprengt hat. Da ich aus verschiedenen Erfahrungen mit Archivnutzerinnen weiß, dass heute kaum eine den Unterschied auch nur bemerkt, geschweige denn versteht, will ich ausdrücklich betonen, dass der Venusspiegel, das biologische Emblem von Weiblichkeit, natürlich gesprengt werden musste, weil die frühe Frauenbewegung biologistisches Verständnis kritisierte und nicht etwa übernahm! Das betone ich deshalb, weil heute im Zeichen von„gender studies“ aber zu kurzem geschichtlichen Gedächtnis das geschlossene Frauenzeichen ganz unkritisch für etwas scheinbar sehr Kritisches verwendet wird. Im November 1973 fand im Arsenal, einem Berliner Kino, das 1. Internationale Frauenfilm-Seminar statt, das ich erwähne, um zu betonen, dass Presseerzeugnisse nicht die einzigen neuen Medien waren, mit denen experimentiert wurde; auch, weil für ein Großteil der interessantesten abstrakteren feministischen Theorien dort der Grund gelegt wurden. Und diejenigen die experi mentierten, mussten nicht im herkömmlichen Sinne professionelle„Experten“, beispielsweise Berufsjournalistinnen oder Fil memacherinnen sein. Das verdeutlichte von nun an auch die Frauen-Gesundheitszeitschrift CLIO, die vom ersten Feministischen Frauen-Gesundheitszentrum(nach kalifornischem Vorbild) veröffentlicht wurde(und bis heute noch wird). Im April 1974 gab es das erste Frauenseminar an der Freien Universität; es entstand die Unizeitschrift„Nebenwiderspruch“ der neuen Blaustrümpfe. 10 Der Name polemisierte gegen die sozialis10 Im 19. Jahrhundert war die Bezeichnung„Blaustrumpf“ eine abwertende Be- 17 tische Theorie seit August Bebel, wonach Frauenprobleme als purer Nebenwiderspruch zur Klassenspaltung zu verstehen waren, und er knüpfte außerdem an die Beschimpfung intellektueller Frauen seit dem 18. Jahrhundert an. Im Mai 1974 stellte sich auf dem nationalen Frauenkongress in Heidelberg die Initiative für einen feministischen Verlag vor; und ich zähle das auf, um die Vielfalt der Aktivitäten an vielen Orten hervorzuheben und daran zu erinnern, dass der damalige Buchmarkt wenig Veröffentlichungen zu Frauen, kaum Veröffentlichungen der Frauenbewegungen, wohl aber viel zeichnung für Frauen der Frauenbewegung, ähnlich wie seit den 1970er Jahren der Begriff„Emanze“. Vorher verspottete man damit Gerichtsdiener, die blaue Strümpfe trugen. Als Elisabeth Robin Montague um 1750 in London ihren Salon für literarische Themenabende und Diskussionen eröffnete, nahm daran auch der Botaniker Benjamin Stillingfleet teil, der blaue Garnstrümpfe getragen haben soll. Daraus wurde zur Skandalisierung der intellektuellen Frauen und der in ihren Salons verkehrenden Gäste allgemein die Verspottung als„Blaustrümpfe“, wie auch ein Gedicht von Oscar Blumenthal 1887 ähnlich wie Karikaturen von Honoré Daumier seit Mitte des 19. Jahrhunderts belegen. 18 Kritisches über Frauen aufwies. Im Juni 1974 trat die vom Deutschen Bundestag verabschiedete Fristenlösung, die einen Schwangerschaftsabbruch innerhalb der ersten drei Monate nach der Empfängnis straffrei ließ, in Kraft. Die Fristenlösung galt nur bis zum 21. Juni 1974, denn die CDU/CSU hatte das Bundesverfassungsgericht angerufen, das die Grundgesetz­verletzung der Fristenregelung bestätigte. Im Juli 1974 publizierte der Merve-Verlag„Die Macht der Frauen und der Umsturz der Gesellschaft“ von Selma James und Mariarosa dalla Costa; die Lohn für/gegen Hausarbeits-Kampagne breitete sich aus und legte eine über die Kritik des Sozialismus hinausgehende Analyse der Wertschöpfung im Kapitalismus vor. Die unbezahlte sogenannte Reproduktionsarbeit von Frauen, vorgeblich im Haus, wurde als Kern der fehlerhaften Analyse der politischen Ökonomie bestimmt. 11 Zu erinnern ist, dass die Kampagne als Reflexion zur Lage mexikanischer und süditalienischer Wanderarbeiterinnen entstand zu einem Zeitpunkt, als über„Globalisierung“ der Weltwirtschaft noch nicht gesprochen wurde. Ab dem Sommer 1974 erschien die Zeitschrift„Frauen und Film“, und die erste Langspielplatte„Von heute an, gibt´s mein Programm“, also: ein weiteres neues Medium, in den Demonstrationen der Frauenbewegung entstandene alte, aber neu entdeckte Lieder und neue Kompositionen waren darauf vereint. Die Übersetzung von Erin Pizzeys Buch:„Schrei leise. Misshandlungen in 11 Dazu Gisela Bock/Barbara Duden: Arbeit aus Liebe – Liebe als Arbeit. Zur Entstehung der Hausarbeit im Kapitalismus, in: Frauen und Wissenschaft. Beiträge zur Berliner Sommeruniversität für Frauen Juli 1976. Berlin 1977, S. 118-199; die Texte verschiedener Autorinnen in: Frauen als bezahlte und unbe zahlte Arbeitskräfte. Beiträge zur 2. Berliner Sommeruniversität für Frauen. Oktober 1977. Berlin 1978, S. 108-118, 129-140,168-242; Gudrun Wedel: Autobiografien zur langen Vorgeschichte der Internationalen Lohn für Hausar beits-Kampagne, in: Frauenforschungs-,-bildungs- und-informations­zentrum (Hg.): In Bewegung: Frauen Geschlecht Welt im 20. und 21. Jahrhundert. Dokumentation der gleichnamigen Tagung. Berlin 2003, S. 17-26. 19 der Familie“ 12 erschien, aber auch die rote Platte der Flying Lesbians, die„Kult“ wurde. 13 Im Berliner Frauenzentrum bildete sich 1974 die Gruppe„Gewalt gegen Frauen“, die den Internationalen Frauenkongress in Frankfurt/M. im November vorbereitete und die feministische Kritik am offiziellen„Jahr der Frau“ 1975 for mulierte und schließlich mit einer Kochtopf- und Deckel-Demo vor der Beethovenhalle in Bonn zum lautstarken(hausarbeitsbezogenen) Ausdruck brachte. Denn schon seit 1945 hatten die Vereinten Nationen bzw. deren Unterkommission für die Rechtsstellung der Frau beim Wirtschafts- und Sozialrat die Gleichberechtigung der Frau zwar in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (von 1948) verankert. Besonders in der Bundesrepublik hatte dies jedoch nur zu wenig praktischer Verbesserung geführt. Und da die Feministinnen argumentierten, dass die Analyse der Unterdrückung der Menschen weiblichen Geschlechts nur unvollkommen geleistet worden sei, erwarteten sie offiziell von Seiten des Staates aus nur wenig positive Veränderung. Im Dezember 1974 erschien der 1. Frauenkalender, herausgegeben von Renate Bookhagen, Ursula Scheu, Hilke Schläger. Alice Schwarzer und Sabine Zurmühl, um den es später heftige Auseinandersetzungen gab. Mir scheint, dass die Archivalien des Feministischen Forschungs- und Bildungszentrums(FFBIZ) dazu aussagen, dass etliche Berlinerinnen sich äußerst unsachlich besonders gegenüber Alice Schwarzer verhielten; und ich rate an, auch das doch einmal(vielleicht als wissenschaftliche Hausarbeit) genauer zu studieren. Seit Februar 1975 folgte in Berlin auf„Die Partnerin“„Unsere kleine Zeitung“, ukz, der Gruppe Lesbos 74, die bis 2000 existierte und gerade Thema an der Potsdamer Fachhochschule wurde. Kurz darauf entstand die„Lesbenpresse“ des aus der HAW hervorge12 Erin Pizzey: Schrei leise. Misshandlungen in der Familie. Stuttgart 1974. 13 Die Platte wurde durch den Berliner Frauenbuchvertrieb gehandelt. 20 gangenen Lesbischen Aktionszentrums, LAZ. Nahe dem Buchladen Labrys eröffnete in Kreuzberg die in der Presse massiv kommentierte Blocksberg-Kneipe(von Lesben für Frauen). Es war die Zeit der Projektegründungen, die erste Institutionalisierungsphase der deutschen Frauenbewegung, unübersehbar geworden. 14 Während sich die Frauenbewegung weiter stark ausbreitete, behauptete„Der Spiegel“ 1975 dennoch einen Trend„zurück zur Weiblichkeit“ und beschwor den„biologischen Unterschied“. Alice Schwarzer thematisierte dagegen die großen Folgen des kleinen Unterschieds. 15 1976 entstand in Berlin der Frauenbuchvertrieb FBV und der „Amazonen“-Frauenverlag, neulich Thema einer Anfrage aus Österreich an das FFBIZ, wohl weil sich dort jemand mit der Untersuchung beschäftigt. Im Februar verabschiedete der Bundestag den neuen§ 218 StGB mit erweitertem Indikationsmodell. Neben der medizinischen, der kriminologischen und der eugenischen Indikation blieb eine Abtreibung innerhalb der ersten zwölf Monate nun auch bei sozialer Indikation straffrei, wenn sich die Mutter auf eine entsprechende Notlage bezog. Bedingung wurde nun, dass sich die Schwangere durch einen Arzt beraten ließ. Im Juni 1992 – nach der Wiedervereinigung – wurde daraus die Fristenlösung mit Beratungspflicht, und im Mai 1993 erklärte das Karlsruher Verfassungsgericht das Fristenmodell für verfassungswidrig. Als Übergangsregelung sollte eine Abtreibung aber straffrei sein, wenn sich die Schwangere mindestens drei Tage vor dem Abbruch von einer anerkannten Stelle beraten 14 Einige der Projekte werden von Sybille Plogstedt in ihrem letzten Buch ausführlich thematisiert: Frauenbetriebe. Vom Kollektiv zur Einzelunternehmerin. Königstein/Taunus 2006. 15 Alice Schwarzer: Der kleine Unterschied und seine großen Folgen. Frankfurt 1975. 21 ließ. Seit Oktober 1995 gilt eine Abtreibung nach Zwangsberatung innerhalb der ersten zwölf Wochen als straffrei, wiewohl immer noch gesetzeswidrig. Im März 1976 fand in Brüssel das Internationale Tribunal „Verbrechen an Frauen“ unter der Schirmfrauschaft von Simone 22 de Beauvoir statt. Einen Monat vor der ersten Sommeruniversität der Frauen und ein halbes Jahr vor Eröffnung des ersten Frauenhauses kam im Juni 1976 die Nullnummer der Courage heraus; ab Juli plante Alice Schwarzer mit Journalistinnen die Gründung einer überregionalen, professionell gemachten Frauenzeitschrift. Im September erschien Courage Nr. 1. Im Februar 1977 folgte die erste Nummer der Emma. Und: wer erinnert sich: am 24. März 1981 wurden beide: Courage und Emma, Thema der Sendung zu„Frauenstudien“ im WDR 3. Ich erneuere mein Plädoyer, heute erst recht die Zeitschriften, aber auch die Vielzahl sonstiger Archivalien für kritische Studien zu nutzen. Hilfreich dafür wäre es, die Courage im Internet verfügbar zu machen. 16 16 Zur Zeit der Drucklegung hat sich die Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung entschlossen, die komplette Courage zu digitalisieren und im Internet weltweit verfügbar zu machen. 23 Gisela Notz Courage – Wie es begann, was daraus wurde und was geblieben ist Die Idee für die autonome links-feministische Zeitung von Frauen für Frauen kam von einer kleinen Gruppe von Frauen, die so unterschiedlich waren, wie Frauen zu allen Zeiten gewesen sind. Die meisten waren junge, zum Teil erwerbslose Akademikerinnen und Studentinnen, die in der autonomen Frauenbewegung aktiv waren. Sie kannten sich aus dem Frauenzentrum in der Kreuzberger Hornstrasse und kamen alle mit ihrer eigenen Geschichte in die Bleibtreustrasse 48, wo Courage ihren Sitz hatte. „Von Emma war damals noch keine Rede, aber so ein Projekt lag einfach in der Luft“, wie Sibylle Plogstedt sich erinnerte: „Es gibt das einprägsame Bild aus dem Film Madame X von Ulrike Ottinger. 17 Da brechen alle Frauen gleichzeitig auf, jede aus einem anderen Ort und treffen sich auf einem Boot, mit dem sie in See stechen. So, als hätte Madame X sie gerufen. So oder ähnlich kann man sich auch den Aufbruch der Courage- Frauen vorstellen.“ Einig waren sich die Frauen darin:„Wir brauchen eine Zeitung, die Frauen darin unterstützt, politische Verantwortung zu übernehmen, und sie ermutigt, Privilegien und Macht zu beanspruchen.“ Das schrieben sie in einem grünen Faltblatt, das sie aus dem Stipendium von Ele Schöfthaler bezahlt hatten und über17 Madam X: Eine absolute Herrscherin. Ein Film von Ulrike Ottinger, Deutschland 1977, 16 mm, Farbe, 141 Minuten, Ulrike Otttinger Filmproduktion, Berlin, in Kooperation mit ZDF. Siehe auch: Gesine Strempel: Nicht einfach nur klauen mit einem Tonband und einem Foto. Gespräch mit der Filmemacherin Ulrike Ottinger, in: Courage 3/1979, H. 3, S. 40 – 45. 25 all verteilten und das in der Zwischenzeit vergilbt ist. 18 Auch ein Zeichen, dass die Geschichte der„neuen Frauenbewegung“, also auch ‚unsere’ Geschichte, in der Zwischenzeit ein historisches Thema geworden ist. Das ist für die ehemaligen Aktivistinnen kaum fassbar. Eine Courage-Frau brachte es auf den Punkt, als sie eine junge Frau, die sie interviewen wollte, fragte:„Jetzt kommen wir schon ins Museum, sind wir denn schon so antiquiert?“ 19 Mit den bestehenden Verhältnissen nicht zufrieden Christel Dormagen, eine der Courage- Redakteurinnen, schrieb später über die Gründungsmotivation:„Damit die aufrührerischen Gedanken zirkulieren und wir weitere Anhängerinnen gewinnen konnten, bedurfte es einer größeren Öffentlichkeit als die überall entstehenden Frauen-Gruppen und-Zirkel. Bücher und Zeitungen wurden gebraucht“. 20 Politisch unzufriedene Frauen, die die herrschende Gesellschaft, die auf der Unterdrückung der Frauen basiert, in Frage stellten und die auch Perspektiven zur Veränderung einläuten wollten, sollten mit der noch zu schaffenden Zeitung angesprochen werden. Staatliche Institutionen wie Parlamente oder Gerichte sollten einer radikalen Kritik unterzogen werden, wenn sie frauenfeindliche Politik betrieben. Mit Institutionen, die wie Kir18 Berliner Frauenzeitung Courage, Faltblatt, o.J., Archiv der sozialen Demokratie(AdsD), Depositum Sibylle Plogstedt. 19 Beate Schneegass: Feminismus im Brennpunkt. Die Frauenzeitung COURAGE und ihre Mütter. Geschichte Entwicklung Wirkung, in: Angelika Oettinger/ Beate Schneegass(Hrsg.), Gebraucht. Gebremst...Gefördert. Frauen und Politik in Charlottenburg nach 1945, Berlin 1993, S. 74 – 107; hier: S. 75. 20 Christel Dormagen: Geld Macht Liebe. Frauen: Neue Unabhängigkeit, alte Gefühle, Hamburg 1992, S. 23. 26 che oder Familie die Frauen direkt in den Fesseln moralischer „Werte“ halten, wollte man/frau ebenso verfahren. Schonungslos berichtet werden sollte über die Geschichte der Frauen, über die Situation am Arbeitsplatz, über Weiterbildung, Psychologie, Sexualität, Medizin, Frauenbewegung, Justiz und über Kultur. Die Frauen wollten keine Zeitung machen, die nur innerhalb der Bewegung interessant war. Frauen jeden Alters und jeder Berufsgruppe sollten erreicht werden, auch solche, die nicht in der Frauenbewegung aktiv waren, wollte man anstecken. Natürlich auch die Hausfrau im Märkischen Viertel oder in der Gropiusstadt oder in vergleichbaren„Wohnghettos“. 21 21 Zitiert nach dem Faltblatt. 27 Der Vorschlag, die Zeitschrift Courage zu nennen, kam von Monika Schmid. Mutter Courage, die Marketenderin von Bertolt Brecht, war auf dem Titelbild des grünen Faltblattes abgebildet. Die Anregung, Courage, die selbstständig handelnde Frau, die Landstörzerin Courage von Grimmelshausen 22 , als Sinnbild der kämpferischen, selbstständig handelnden Frauen zu wählen, kam von Barbara Duden. Mit der Mutter Courage von Bertolt Brecht hat sie wenig, fast gar nichts gemein. Sie hat keine Kinder und steht allein:„Lust und Witz prägen ihren Lebenskampf. Ihre Neugierde ist unendlich, hält sie am Leben. Ihr Blick macht Kleinigkeiten groß, Nebensächliches zur Hauptsache. Ihre Freiheit verteidigt sie mit allen Mitteln. Courage – die selbstständig handelnde Frau. Nicht als ungebrochenes Idealbild, wohl aber: sich nicht mit bestehenden Verhältnissen zufrieden geben. Alternativen denken und leben. Dafür mag Courage stehen. Nicht mehr und nicht weniger.“ 23 Und so geschah es dann auch: Die Frauen ließen es nicht beim Theoretisieren. Sie druckten die Null-Nummer, obwohl sie kein Geld hatten. Sie schlugen die warnenden Stimmen von FreundInnen, Eltern und sonstigen Menschen, die immer ihr Bestes gewollt haben, in den Wind und luden am 17. Juni 1976 zu einem Frauenfest mit Musik und Tanz in das Berliner Lokal„Wintergarten“ ein. Das wurde ein voller Erfolg. Die Frauen kamen in Scharen. Das hatte schon mal geklappt. Aus den Eintrittsgeldern und dem Verkauf der Null-Nummer(Auflage 5000 Stück) konnte die erste DruckereiRechnung für die Probenummer, als die die Null-Nummer auch gedacht war, gezahlt werden. Die Null-Nummer war schnell ausverkauft. Die Frauen hatten sich selbst ermächtigt, arbeiteten zunächst „ehrenamtlich“ und bestimmten von nun an ihr Programm selbst. 22 Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Lebensbeschreibung der Erzbetrügerin und Landstörzerin Courage, Reprint der Erstausgabe von 1670, München o.J. 23 Barbara Duden: In eigener Sache, in: Courage, Heft 1/1976, S. 1. 28 Bereits im Sommer 1976 hatte die Zeitungsgruppe das Gerücht erreicht, dass Alice Schwarzer eine Zeitung plant:„Eine mit professionellen Journalistinnen. Das war ein anderes Konzept, aber eine Konkurrenz“(Sibylle Plogstedt).„Konkurrenz belebt das Geschäft,“ schrieb Alice Schwarzer an die Gruppe, als diese sie aufforderte, sich zusammenzuschließen und ein gemeinsames Blatt auf den Markt zu bringen. Ganz unfroh war die Gruppe über die Absage nicht. Sie beschleunigten den Gründungsprozess und kamen im September 1976 – vier Monate vor der ersten Emma- mit der Courage Nr. 1 auf den Markt. Als Emma, die von Anfang an von Alice Schwarzer als Chefin abhängig war, im Februar 1977 erstmals erschien, war Courage bereits bundesweit in den Kiosken zu kaufen. Sie hatte bald die Auflagenhöhe von 20.000(Nr. 3) erreicht. Im Februar 1977, 14 Tage nach dem Erscheinen der Emma(Auflagenhöhe 20.000), betrug die Auflage der Courage 35.000 Exemplare. In den späten 1970er Jah ren hatte die Zeitung eine Auflage von 70.000 Exemplaren. Auch die unregelmäßig erscheinenden Sonderhefte liefen(zunächst) gut. Das politische Konzept der Courage „Meine Haltung war, dass wir keine Zeitung machen sollten, die nur nach innen wirkt. Wir waren ja selber nur ein paar hundert Frauen.“ Sibylle Plogstedt meinte die paar hundert Frauen, die sich zur Frauenbewegung zählten. Dennoch schossen zu dieser Zeit Frauenprojekte wie Pilze aus dem Boden. Sie zeichneten sich durch die Kreativität basisdemokratischer Kollektive aus. Triebfeder für das Engagement war der Wunsch zur gemeinschaftlichen Arbeit, die möglichst in einer Gruppe im Konsens, ohne Hierarchien und bei gleichem finanziellen Risiko geleistet werden sollte. Das galt auch für die Courage- Frauen. 30 Fortan informierte die Courage schonungslos über Ereignisse, deckte Missstände auf, prangerte sie an und griff dabei bisher tabuisierte Themen auf, wie z. B. Gewalt gegen Frauen und Kinder, sexuellen Missbrauch, Frauenmedizin,§218, Verhütung und Geburt, Gynäkologiekritik, Körperselbsterfahrung, Sexualität, Frauenkunst und Literatur, Diskriminierung der Frauen am Arbeitsplatz, Lohn oder nicht Lohn für Hausarbeit, Frauen, Militär und Krieg. Die Zeitung thematisierte in Heft 11/1980 als erste das Problem der „Eß- und Magersucht“ 24 und widmete sich als eine der ersten Umweltproblemen. 25 Forschungen über die damals noch relativ„unentdeckte“ Geschichte der Frauenbewegung im 19. und frühen 20. Jahrhundert fanden ihren Publikationsraum, das betraf auch ‚Konservatismen‘ der sogenannten gemäßigten Frauenbewegung, die man versuchte„aus ihrer Zeit heraus und vor dem Hintergrund aktueller politischer Erfahrungen zu verstehen“(Irene Stoehr). Auch international relevante Themen wurden diskutiert wie zum Beispiel die Frauenopposition in Osteuropa, Klitorisbeschneidung in Afrika. Courage wurde zur Tabubrecherin und wurde als solche schnell bekannt.„Wir wollten die radikale Sicht, wir fanden, dass Frauen Expertinnen ihrer eigenen Sache waren“. Die Maxime der Courage-Frauen war:„Das, was uns interessiert, ist auch für andere interessant; das, worüber wir streiten, regt auch andere auf“(Sibylle Plogstedt). Die Courage wurde„eine Art Ordnungsmacht, die den wirren Meinungs- und Theoriestrom kanalisierte.“ 26 Bald diente sie als Informations-, Kommunikations- und Diskussionsforum für Kleingruppen, Netzwerke und Projekte der autonomen Frauenbewegungen – gewissermaßen als„Sprachrohr.“ Es schien zu gelingen, die Frauenbewegung in die hintersten Winkel der Republik zu tragen. 24 Eß- und Magersucht, verschiedene Artikel, in: Courage 5/1980, H. 11, S. 15–31. 25 Vgl. Bürgerinnen-Initiation, verschiedene Artikel Courage 2/1977, H. 2, S. 6–20 . 26 Dormagen 1992, S. 23. 31 Mut zum Denken und Aufbauen: Inhalte, die es noch nicht gab Viele Frauen haben sich die Hefte vor der Veranstaltung noch einmal angesehen. Sie sind also aufgehoben worden, die„alten Hefte.“ Die auf den Podien diskutierenden Frauen hatten fast alle in den Jahrgängen der Courage geblättert, soweit sie die Hefte noch besaßen oder in der Universitätsbibliothek ausleihen konnten. Einige hatten dies offensichtlich lange nicht getan. Auch„als zeitgeschichtliche Zeugnisse“ wurden sie neu entdeckt. Barbara Duden schlug vor, Courage„doppelgesichtig“ zu betrachten: „Die eine Seite ist, was die Courage zum zeitgeschichtlichen Umbruch beitrug, der in dieser Zeit begann und das können wir in der Rückschau deutlicher sehen als vor dreißig Jahren; eine andere Seite ist, was es für jede damals bedeutete“. 32 Bei der Sichtung der Hefte überrascht, wie„modern“ und aktuell die damals aufgegriffenen Themen heute noch sind. Das stellten auch einige der Teilnehmenden fest. Gefragt danach, welche Artikel die ehemaligen„Macherinnen“ als besonders provokativ und innovativ in Erinnerung hätten, war es für Christel Dormagen ein Artikel von Pieke Biermann 27 , in dem sie Prostitution als selbstbestimmten autarken Beruf beschrieb, aus dem die Frauen nicht etwa zu befreien, sondern in ihrer Entscheidung, diesen Beruf auszuüben, zu unterstützen seien. Das kollidierte mit ihrer bürgerlichen Erziehung und brachte sie„aus dem Häuschen“. Für Barbara Duden, die sich ebenfalls als„bürgerliche Tochter“ bezeichnete, war es ein Titelbild auf dem Monika Schmid – im Tiergarten aufgenommen- durch ein Spekulum guckte. 28 Ihre „beherzte, aber auch relativ strenge und konventionelle Mutter, die in ihrem Leben nie ein Spekulum in der Hand hielt“, war entsetzt. Das Medienereignis führte zum Zerwürfnis zwischen Mutter und Tochter, das nie„wirklich in Worte gefasst werden konnte“. Für die Mutter war es„eine schamlose Veröffentlichung der gynäkologischen Perspektive auf sich selbst.“ Heute sieht Barbara Duden, dass der damalige Aufbruch viel Unnennbares barg, es gibt„unzählige Geschichten über Grenzverschiebungen und Tabuverletzungen“.„Die Mitarbeit an der Courage war voll von explosivem Zündstoff, bei jeder anders.“ Dreißig Jahre später muss sie sich eingestehen, „dass dieses Titelbild einen höchst zwieschlächtigen Vorgang veranschaulicht: Das Spekulum war das Symbol für den Angriff auf die Ärzte, es war aber auch ein tech27 Pieke Biermann/Gudula Lorez: Sie hätten’s wohl gerne so, in: Courage, 5/1980, H. 1/1980, S. 42 f. Siehe auch: Marina Cattaruzza: Prostituierte wie andere auch, in: Courage, 6/1981, H. 2, S. 44 – 47. 28 Courage, 2/1977, H. 11, Titelbild. 33 nisches Mittel, das einen medikalisierten Blick der Frauen auf sich selbst einüben konnte. Damit war es ein Vorzeichen für die Transformation des Selbsterlebnisses auf dem Weg zur informierten Klientin eines Gesundheitssystems, das seine Zwänge so gestaltet, dass die Konsumentin selbst verantwortlich entscheiden muss, was sie sich antun lässt. Der gynäkologische Blick wurde zur Perspektive auf sich selbst. In der Zeitgeschichte des erlebten Frauenkörpers also des Umbruchs im Selbstbezug- steht die Courage mit ihrer Gynäkologenkritik am Beginn jener Verinnerlichung eines kontrollbedürftigen und konsumabhängigen Frauenkörpers. Ein Stück mehr Freiheit und Mut, aber auch Ansatz für die ‚informationelle Selbstbestimmung’, wie man das später nannte.“ Wichtiger als das Aufgreifen„neuer Inhalte“ war es für sie, dass mit den Heften eine Haltung transportiert wurde, eine Art des„denkbaren Selbstbewusstseins, Inhalte, das ist nochmals eine andere Sache“. Die Berichte der Frauen, die in Osteuropa in der Opposition waren 29 , waren für Sibylle Plogstedt, die selbst einige Zeit ihres Lebens in Prag im Gefängnis verbrachte, besonders wichtig. Ebenso erinnerte sie sich an Artikel über die Frauenfriedensbewegung in Ostberlin 30 , an die Berichte der Frauen, die in Russ29 z. B. die Artikel: Meral/Ellen Diederich: In der Türkei würde ich auch nicht mehr klar kommen. Bericht der Arbeiterin Meral, in: Courage 10/1979, S. 12 – 39; Almanach„Frauen und Russland“, verschiedene Artikel, in: Courage, 5/1980, H. 3, S. 12 – 41; Ob sie wollten oder nicht, sie mussten mir zuhören. Polen, in Courage 6/1981, H. 4, S. 17- 19. 30 Eva Maria Epple: Ostkrieg Westkrieg DDR-Friedensfrauen, in: courage, 8/1983, H. 8, S. 22 – 39; Eva Maria Epple: Ost West sorge(n). DDR-Frauen stören den Frieden, Teil 2, in: courage, 8/1983, S. 53 – 61. Ersehnter Austausch. DDR-Friedensgottesdienst, in: courage, 8/1983, H. 11, S. 24 f.; Eva Maria Epple: Männergipfel soll Frauengespräche erübrigen, in Courage, 34 land das„Almanach Maria“ 31 , eine Untergrundzeitschrift herausbrachten und an die Frauen aus der„Charta 77“ 32 , die Texte über die tschechischen Emigration verfasst hatten. Courage konnte auf diese Weise aufzeigen, dass es nicht nur im Westen eine Frauenbewegung gab, sondern auch in der DDR und in Osteuropa. Im Gegensatz zur bundesrepublikanischen Frauenbewegung arbeitete sie im Untergrund und ihre Zeitungen berichtete über die Probleme im„sogenannten Sozialismus“, das waren die Bedingungen, unter denen Schwangerschaftsabbrüche stattfanden, die fehlende Religionsfreiheit, das Berufsverbot und die Haftbedingungen für Oppositionelle. „Paradoxerweise verhielten sich die Frauenbewegung im Osten und die im Westen inhaltlich umgekehrt proportional, denn sie standen ja zu unterschiedlichen Systemen in Opposition. Wir im Kapitalismus suchten unsere Positionen eher in antikapitalistischen und nichtchristlichen Standpunkten. Die im Osten orientierten sich in Opposition ebenfalls negativ an ihrem Staat und waren entweder prokapitalistisch, prochristlich oder aber linkskommunistisch orientiert“, erinnerte sich Sibylle Plogstedt. Für Irene Stoehr war„die Frauenbewegung selbst ein Reflexionszusammenhang, in dem Zeit schriften – und besonders die Courage – eine entsprechend bedeutsame Rolle spielten.“ Sie empfand, dass es weniger die Er6/1984, H. 2, S. 10 – 12. 31 Tanja Antalovsky: Russische Dissidentinnen.„Bei den Frauen setzt die Rpression sofort ein,“ in: Courage, 5/1980, H. 9, S. 9 –11; Tatjana Mamonova: Frauen in Russland, in: Courage, 5/1980, H. 12, S. 16; Vosnesenskaja musste emigrieren. Gespräch mit Julja Vosnesenskaja. Auszüge aus einer Sendung des ORF, in: Courage, 5/1980, H. 8, S. 6 – 8. 32 Tschechische Frauen: Geehrte Delegiertinnen des Frauenweltkongresses!, in: Courage, 7/1982, H. 2, S. 23 f. 35 findung„neuer“ Themen bzw. neuer Inhalte, als vielmehr die Sichtweise auf die Themen der Frauenbewegung war, die das Besondere der Courage ausmachten. Zur Auseinandersetzung mit dem§ 218 und der„Kinderfrage“, zu Gewalt gegen Frauen und zu weiblicher Sexualität gab es bereits Diskussionsforen vor Bestehen der Courage. Auch die Probleme von Frauen in den Wissenschaften waren schon thematisiert worden;„von der Situation der Studentinnen bis hin zu ersten Ansätzen feministischer Wissenschaftskritik.“ In den 1970er und frühen 1980er Jahren waren„Theorie“ und„Praxis“ der Frauenbewegung noch keine Gegensätze. Durch die Artikel in der Courage wurden scheinbare „feministische Gewissheiten“ infrage gestellt; Minderheitenpositionen innerhalb der Frauenbewegung kamen ebenso wie kritische Einschätzungen zu bestimmten Themen zu Wort, auch wenn die„feministische Emanzipationslogik“ ins Wanken gebracht wurde. Beispielhaft hierfür nannte sie einen Artikel von Hanne Birkenbach vom Februar 1982. 33 Unter dem Eindruck des Militärputsches in Polen(gegen Solidarnóc) argumentierte sie ziemlich differenziert gegen die Rekrutierung von Frauen ins Militär, weil diese den Frauen eine besondere Chance nehmen könnte, kritisch auf das Militär zu sehen. Nach Ansicht von Irene Stoehr glitt sie dabei nicht ins Biologistische ab, sondern die Argumentation ging von der„gegebenen institutionellen Distanz der Frauen zum Militär aus, machte also sozusagen aus der Not der Zugangsverweigerung die Tugend der Möglichkeit, sich kritisch auf Militär und Krieg zu beziehen.“ Heute betrachtet Irene Stoehr„eine Ablehnung der Zulassung in allen Funktionen z. B. der Bundeswehr als„Antiquiertheit der 33 Hanne Birkenbach: Arbeitsteilung in Unfrieden: Betrachtungen über Kriegspolitik, Sanitäterinnen und Fraktionen unter den Gererälen, in: Courage, 7/1982, H. 2, S. 14 – 22. 36 Courage.“ Schließlich sei sie in der Zwischenzeit bereits vom Gesetzgeber überholt. Damals entzündeten sich die Auseinandersetzungen um die unterschiedlichen Auffassungen von Feminismus zwischen Emma und Courage besonders deutlich in der Diskussion um eine Wehrpflicht für Frauen. Alice Schwarzer plä dierte für die Gleichstellung von Frauen in allen Bereichen, während das Courage- Kollektiv den Kriegsdienst generell hinterfragte und ablehnte. So generell konnte es Irene Stoehr im Nachhinein nicht mehr sehen. Sabine Zurmühl konnte sich gar nicht entscheiden, welche Artikel sie nach nochmaliger Durchsicht besonders begeistert haben, sie hätte viele nennen können. Schließlich entschied sie sich für einen Bericht von Barbara Duden über eine China-Reise. 34 „Das ist wunderbar gewesen, diese große Fülle und der große Reichtum der Beschreibung das war eine Art von Reiseberichterstattung, wo sich mir aber ganz viel Anderes mit vermittelt hat an Offenheit, an Neugierde auf andere, auf ein Sich-selbst-Organisieren, auf ein Angenommenwerden mit dieser langen Reise in der Transsibirischen Eisenbahn vorher(…)“. Für sie war die Leidenschaft wichtig, mit der Neues probiert und Altes in Frage gestellt wurde, gegen den Strom geschwommen wurde, Denkprozesse in Gang gesetzt wurden, man sich nicht nur gegenseitig bestätigen, sondern auch von und miteinander lernen wollte. Sabine Zurmühl erinnerte sich, dass Frauen, die die Courage bildeten, erarbeiteten und nach außen repräsentierten, 34 Barbara Duden: Transsibirische Reise, in: Courage, 2/1977, H. 12, S. 14 – 19; dies.: Willkommen die lieben Tanten: Transsibirische Reise nach China (II), Courage, 3/1978, H. 2, S. 35 – 37: dies.: Chinareise(III): Zwischen den vier Bergen, Courage, 3/1978, H. 3, S. 34 – 39; dies.: China(Schluß): Kinder sind wie Sonnenblumen, in: Courage, 3/1978, H. 4, S. 35- 39. 37 getrieben waren von der Leidenschaft. Sie räumte aber auch„eine bestimmte Selbstverliebtheit“ ein, die sie aus dem„Glauben an die eigene Kraft und an die eigenen Fähigkeiten“ ableitete. Viele Debatten, die in der Courage geführt worden sind, werden auch heute noch geführt; viele Themen sind heute noch so aktuell wie damals und manche werden noch ebenso kontrovers diskutiert. Oft prallten in den Redaktionssitzungen verschiedene Meinungen aufeinander und die Gruppendynamik zwischen Lesben und„Heterofrauen“, aber auch zwischen Superaktiven und Zurückgenommenen, zwischen Linken und eher astrologisch orientierten Frauen, zwischen solchen, die für, und solchen, die gegen den Hausfrauenlohn argumentierten, war erstaunlich. Kontroversen gab es unter anderem auch über den Stellenwert der historischen Frauenforschung. Sollte man die Geschichte sozialistischer Frauen, verfolgter Frauen, von Jüdinnen erforschen oder ‚durfte’ auch über konservative Frauen und deren Verbände berichtet werden? Hatte die„Mütterfrage“ mit der Frauenbewegung zu tun und welche Bedeutung hatten die eigenen Mütter der Courage-Frauen. Andere Streitpunkte, die genannt wurden, waren der Umgang mit misshandelten Frauen. Sollten sie im Frauenhaus zur Selbstständigkeit und zur Unabhängigkeit gegenüber Männern„erzogen“ werden oder müsse man sich damit abfinden, dass sie zu ihren Peinigern zurückkehrten? Und die Frage, ob der „Gebärstreik“ ein geeignetes Instrument sei, Kriege und atomare Gefahren abzuwenden oder zumindest auf deren vernichtende Wirkungen aufmerksam zu machen. Jedenfalls bot Courage ein Forum für freies Denken und freies Arbeiten innerhalb der Frauenbewegungen. Kraft und Leidenschaft, wie sie damals die Frauenbewegung zusammenhielten, prägten auch den Gruppenzusammenhalt innerhalb der Courage. 38 Die Courage als lernende Organisation Die Redaktion der Courage war eine„lernende Organisation,“ eine autonome freilich. Morgens um 10 Uhr begann die Arbeit. Die Frauen hatten wenig praktische Vorkenntnisse und noch weniger Geldmittel, waren aber voller Idealismus, Selbstbewusstsein und Leidenschaft. Die Gründerinnen schufen sich ihre Arbeitsplätze selbst, erfanden neue Arbeitsstrukturen und modifi zierten sie mehrfach. Sie erfanden ihr Lohnsystem selbst und modifizierten es so lange, bis sie wieder, wie am Anfang, gratis arbeiteten. Unterordnungsverhältnisse, wie sie im Patriarchat üblich sind, sollten auf keinen Fall aufgebaut werden. Die Courage- Frauen hatten nicht nur den Anspruch, ohne Chefin und ohne formale Hierarchien zu arbeiten, sie verfochten auch eine„ganzheitlichen Arbeitsgestaltung“. Ein radikaler Gleichheitsanspruch sollte in die Wirklichkeit umgesetzt werden und alle Frauen sollten an allen Arbeiten beteiligt sein, die alle als gleich wertvoll betrachtet wurden. Von der Idee bis zum fertigen Produkt und zu dessen Verkauf waren alle Sinne an einem kollektiven Prozess beteiligt. Erwartungen und Anspruch waren groß, vielleicht zu groß, denn sie waren mit zu hohen gegenseitigen Erwartungen verbunden. Der Anspruch „Du kannst das“ konnte leicht zu Überforderung führen, die jede Einzelne für sich zu tragen hatte. Das traf besonders die neu Hinzugekommenen, die ins„kalte Wasser“ springen mussten(Doris Fürstenberg). Schon der Anspruch an die Qualität der Artikel entzweite die Frauen. Einige sagten ganz klar:„Was da steht, muss auch Verstand und Qualität zeigen“, während andere meinten:„Wir können alle schreiben“(Christel Dormagen) oder„Jede Frau kann schreiben. Sie muss nur wissen, was es an Informationen gibt“ 39 (Sabine Zurmühl). Manche waren der Ansicht, die schreibenden Frauen könnten die anderen anleiten, selbst zu schreiben, denn „damals galt das Gebot, möglichst ‚authentisch’ zu sprechen und zu schreiben“(Barbara Duden). Sibylle Plogstedt nannte es„den Weg der authentischen Berichterstattung durch Betroffene.“ Was heute als„Bürgerjounalismus“ gerade neu in Mode komme, habe Courage damals bereits als journalistischen Weg entdeckt: „Plötzlich gab es Frauen, die selber aufschrieben, dass sie missbraucht wurden oder vergewaltigt worden waren. Nur sie konnten das richtig beschreiben.“ Weniger positiv sah das Irene Stoehr. Für sie waren die Grenzen zwischen professioneller und nichtprofessioneller Schreiberei fließend. Sie nannte das kontroverse Qualität. Die weitaus meisten Redakteurinnen waren ohnehin keine ausgebildeten Journalistinnen, aber in den vielen Redaktionskonferenzen wurden immer wieder Qualitätsstandards erarbeitet. Am ehesten wurde das Problem der Qualität an der Flut der Gedichte deutlich, die täglich in die Redaktion flatterten. Oft war es schwierig, die„mit Herzblut“ beschriebenen Blätter zurückzuschicken, ohne überheblich zu wirken. Dennoch – die Diskrepanz zwischen Wollen und Können war oft groß und so mussten die hauptberuflichen Redakteurinnen Empörung und Verletztheit der„Lyrikerinnen“ ertragen. Den Qualitätsstandards fielen allerdings nicht nur viele Gedichte zum Opfer. „Nicht professionell und unmittelbar aus der Praxis der ‚Bewegung’ kamen Berichte aus Frauenprojekten oder von einzelnen Frauen aus verschiedenen Städten der Bundesrepublik, die von uns, den Redakteurinnen, natürlich mit redaktioneller Bearbeitung und Kürzungen, übernommen und in der ziemlich umfangreichen Rubrik ‚Nachrichten aus der Frauenbewegung’ veröffentlicht wurden. Das waren nicht 40 nur Informationen, sondern auch Pamphlete, Aufrufe oder Anklagen gegen institutionelle Mysogynien, Formen von Frauenverachtung und Geschlechterasymmetrien verschiedenster Art oder auch Stellungnahmen zu Konflikten in der Frauenbewegung, oft als längere Texte“(Irene Stoehr). Alle Artikel wurden von allen gelesen und gemeinsam diskutiert. Wenn alle Frauen des Kollektivs einverstanden waren, wurden die Artikel bearbeitet. Das aufwändige Verfahren hatte den Vorteil, dass sich alle Frauen mit ihrem Produkt identifizieren konnten. Heute sieht Sibylle Plogstedt, dass sie die„zeitraubende Praxis, alle beteiligen zu wollen, indem sie sich im Kollektiv die Texte laut vorlasen, um über sie zu entscheiden,“ zu lange beibe hielten. Nach den Erfahrungen bezeichnet sie die Arbeitsweise gar als„vorsintflutlich.“ In der Tatsache, dass sogar die einge hende Post vor Beginn der ‚eigentlichen Arbeit’, in der täglich stattfindenden Kollektivsitzung, an der alle teilnahmen, vorgele sen wurde, sah Doris Fürstenberg heute ebenfalls einen„völlig unökonomischen Vorgang.“ Chancen und Grenzen der Arbeit im Kollektiv Die Frauen schätzten die schwesterliche Arbeit im Kollektiv, sie hatten viele Beziehungen untereinander. Sie fühlten sich ge­tragen von der Frauenbewegung, waren von der Wichtigkeit ihrer Mission überzeugt. Sie waren jung und schön und hatten etwas zu sagen. Sie wurden und bekamen Unterstützung von vielen Seiten, auch von Männern. Das Projekt war ihr Leben. Oft waren die Räume erfüllt von guter Stimmung und guter Laune. „Es war ein ungeheurer Stolz, bei dieser Zeitung zu arbeiten, eine Courage-Frau zu sein bedeutete etwas“(Doris Fürstenberg). 41 Nach einer Anlaufzeit von zwei Jahren konnten die Frauen von dem Einheitslohn ganz gut leben. Der Verdienst der Frauen war damals für die Arbeit in einem selbstverwalteten Betrieb relativ hoch. Jede Frau, die eine ganze Stelle inne hatte, bekam 1000,-- DM und die mit einer halben Stelle 500,– DM Grundgehalt. Da die Frauen jeweils unterschiedliche Kosten für Wohnung und Auto zu bezahlen hatten, waren die Gehälter schließlich unterschiedlich. Freilich war das Kollektivleben auch mit Stress verbunden. Die Fluktuation war hoch. Die Layouterinnen hatten ohnehin viel Nachtarbeit. Nächtelanges Kleben, Verpackungs- und Verschickungsaktionen kennzeichneten ihre Arbeitszeit. An feste Arbeitszeiten konnten sie sich nicht erinnern. Sie waren frei in der Aufteilung ihrer Arbeitszeit. Stechuhren gab es nicht und keine hat auf die Uhr gesehen, wann jemand gekommen oder gegangen ist. Acht Stunden arbeiteten die Vollbeschäftigten und auch sie zählten die Mehrarbeit nicht. Während der Layout-Woche wurden zwölf Stunden gearbeitet, dafür konnten sie sich in den anderen Wochen freie Tage nehmen. Auch im Rückblick schätzten sie die Selbstbestimmung in der Zeitaufteilung. Die Arbeitsorganisation wurde bald modifiziert. Ressorts und Hefteinteilung nach festen Seiten wurden schon früh festgelegt und später an einigen Punkten erweitert. Jedes Heft hatte ein Schwerpunktthema. Es war nicht nur eine arbeitsame Zeit, die oft bis in die späten Nachtstunden dauerte, es war auch eine leidenschaftliche Zeit. Die Courage bildete gewissermaßen ein Kollektiv nach innen, aber auch nach außen. „Es gehörte praktisch ein großer Teil der Frauenbewegung dazu. Es gab einen Anspruch, der von außen nach innen ging, also an die Zeitung selbst, aber es gab auch von 42 uns aus den Anspruch, uns nach außen zu öffnen.“(Doris Fürstenberg). Dass die Arbeitsweise durchaus nicht immer herrschaftsfrei verlief, wie es der Kollektivanspruch verlangte, zeigt ein Erfahrungsbericht von Irene Stoehr: „Ungewöhnlich und vielen Frauen unverständlich war, dass Courage Kontroversen nicht zuletzt ‚innen’ suchte, d. h. sie richtete sich nicht nur nach außen gegen das Patriarchat, gegen die Männer, sondern vertrat und unterstützte in der Frauenbewegung eigenständige Positionen, oft in Opposition zum feministischen Mainstream.(…) Das lief auch innerhalb der Courage selbst nicht ohne Konflikte ab.“ Denn es gab natürlich auch in der Courage unterschiedliche Positionen. Als Beispiel diente ihr ein Artikel aus der letzten monatlichen Ausgabe: „Im März 1984 gab es noch einmal den Schwerpunkt§ 218, und dafür hatte u.a. Eva-Maria Epple einen Dialog zweier Frauen über deren Trauer im Anschluss an ihre Abtreibungen aus einer kanadischen Frauenzeitschrift übersetzt.(…) Ein Artikel über Abtreibungstrauer(…) gefährdete scheinbar die eindeutige Position gegen das Abtreibungsverbot. Die Redaktion drückte in diesem Fall ihre Ambivalenz mit dem Titel aus: ‚Abtreibungstrauer – die gibt’s auch’. Oder anders: Nur mit dieser Relativierung konnte diese Perspektive zugelassen werden.“ Tatsächlich war der„ganzheitliche“ Kollektivanspruch nicht lange durchzuhalten und bald wurde von den tägliche zu wöchentlichen Arbeitssitzungen übergegangen und eine ‚Finanzgruppe’, eine Geschäftsführung und eine Abonnentenverwaltung gebildet. Auch wurde bald zwischen den„Redaktionsfrauen“ und den„Layoutfrauen“ differenziert. Die Kooperation lief nicht im- 43 mer einfach. Die Bebilderung der Texte führte zu einem dau ernden Kampf gegen die Redakteurinnen, schließlich sollte die Courage nicht als„Bleiwüste“ erscheinen. Die Konkurrenz auf dem Zeitschriftenmarkt war nicht zu übersehen und Courage sollte auch an den Kiosken auffallen. Der Spielraum für die Layouterinnen erweiterte sich zwar im Laufe der Zeit, dem Bild wurde mehr Raum gegeben. Der Raum war aber immer noch begrenzt, weil viele Artikel von der Redaktion kamen, die unbedingt in den jeweiligen Heften untergebracht werden mussten. Wenn viele Texte kamen, waren die Texte im mer wichtiger als die Illustrationen. Im Laufe der Auseinandersetzung einigte man sich auf einen Bildanteil von 30% gegenüber einem Textanteil von 70%. Die Titelseiten wurden stets im gesamten Kollektiv begutachtet und ausgewählt, was dazu führte, dass oft verändert, mitunter auch ganz neu überlegt werden musste. Sie wurden an eine Wand gehängt, alle Frauen des Kollektivs kamen ins Layout-Zimmer und diskutierten. Das war jedes Mal wie eine Prüfung, die es in ähnlicher Form für andere Arbeitsbereiche nicht gab. An den Titelbild-Diskussionen wurden die Grenzen und Chancen der Kollektivarbeit besonders deutlich. Schließlich hatten die Layouterinnen mit„einem gewissen Herzblut und Kunstverständnis ausgewählt“ und mussten sich dann dem Gesamturteil fügen. Das konnte dann zum„Kippen“ der Entscheidung der Layouterinnen führen, auch wenn diese„wie eine Frau“ hinter ihrem Entwurf standen. Genau diese Schwierigkeiten haben die später hinzugekommenen Frauen nicht mehr erlebt, sie haben offensichtlich nicht nur professioneller gearbeitet, sondern sich einen Spielraum geschaffen und sie konnten das Redaktionsteam besser einschätzen. Für die Layouterinnen waren damals„Schere, Fixo-Gum und Letra-Set“ und ganz offensichtlich das Durchsetzungsvermögen 44 die wichtigsten Produktionsmittel.„Wir haben alles geschnitten, geklebt und mit Fotokopien gearbeitet.“ Aus Kostengründen mussten sie sich auf ein bis zwei Farben begrenzen. Heute bezeichnet Paula Schmid-Dudek die Arbeitsweise, die man sich heute kaum mehr vorstellen könne, als„furchtbar vorsintflut lich“. Dennoch habe die zeitaufwändige„totale Hand-Arbeit“ auch Spass gemacht. Immerhin wurde während der„Blütezeit“ der Courage, ungefähr 1979, der erste Computer gekauft; zu einer Zeit, zu der Computerarbeit noch völlig ungewöhnlich war. Ganz außerordentlich wirken auch heute noch die Titelseiten, die Werke von bekannten Künstlerinnen wie zum Beispiel von Sarah Schumann zeigen. So etwas wäre heute nicht mehr bezahlbar. Allen in Erinnerung ist das Menstruationsheft mit der roten Hand, einem Kunstwerk von Sarah Schumann, 35 das manche Vertreter von Bahnhofsbuchhandlungen nicht aushängen wollten. Das Heft erreichte gerade deshalb Aufsehen, weil Aufmachung und Inhalt einen Tabubruch darstellten. Konkurrenz von außen und Konflikte innerhalb des Kollektivs Der überwältigende Anfangserfolg konnte sich nicht halten. In den folgenden Jahren wurde oft nur noch die Hälfte der gedruckten Zeitungen verkauft. Emma hingegen konnte nach ihren eigenen Angaben ihre Auflage bis heute auf mehr als 100.000 erhö hen. Spätestens mit dem Erscheinen der Emma 1977 entzündeten sich erbitterte Auseinandersetzungen innerhalb der Frauenbewegungen, die in den Heften der Courage breiten Raum einnahmen. Immer wieder wurde Kritik an der Alleinherrschaft von Alice 35 Courage, Sonderheft 1/1979: Menstruation: Die Kulturgeschichte eines Tabus. 45 Schwarzer in der Redaktion geübt. Emma hatte von Anbeginn an Strukturen, wie man sie aus der ‚normalen Wirtschaftswelt’ kennt und die waren in den Frauenbewegungen verpönt. Courage war bald Anfeindungen von zwei Seiten ausgesetzt: von der Männerpresse und von ‚Emma’. Dazu kamen finanzielle Probleme und„furchtbare Konflikte innerhalb der Redaktion, die ganz stark mit dem Kollektiv-Anspruch zusammenhingen“(Olga Maria Wernet). Nachdem sich die Krise abzuzeichnen begonnen hatte, wussten die Kollektivistinnen nichts besseres, als noch mehr zu arbeiten. Mit einigen Sonderheften hatten die Frauen bereits„ein dickes Minus“ gemacht. Nun gaben sie ein Frauenadressbuch heraus und meinten mit diesem ersten Courage-Buch zusätzlich Geld verdienen zu können. Doris Fürstenberg formuliert das heute als„Managementfehler.“ Die Auflagenhöhe war viel zu hoch und sie hätten wissen müssen,„dass Adressen ziemlich kurzlebig sind,“ und innerhalb von 14 Tagen bereits überholt sein können. Außerdem stellten die Frauen, anstatt das monatliche Blatt zu sanieren, auf eine wöchentlich erscheinende Zeitung um – in billigerer Aufmachung. Ein schwerer Fehler, wie sich bald herausstellte. „Die wöchentliche Courage funktionierte nicht, sie war nicht gut, da wir weder in der Recherche, noch im Schreiben in der Lage waren, ein aktuelles Blatt zu machen.(…) Die Zahl der Abo-Kündigungen vervielfachte sich. Die Rechnungen konnten nicht mehr bezahlt werden“(Sibylle Plogstedt). Um sich das für sie vorhersehbare„böse“ Ende zu ersparen, stiegen 1981 sechs Frauen kollektiv aus der Redaktion aus. Die Umstellung auf das wöchentliche Erscheinen wurde zur enormen Arbeitsbelastung. Das größte Problem bereitete die ständig sinkende Auflage. 46 Bald wurde unter den Frauen auch über Verlust des eingebrachten Geldes und Gefährdung der ökonomischen Substanz der Zeitung heftig diskutiert. Die Frauen gerieten in„eine Dynamik von Konflikt und Überbelastung“(Sibylle Plogstedt). Courage war permanent unterfinanziert, die Schulden eskalierten und es wurde an die Leserinnen appelliert, für den Erhalt der Zeitung zu spenden. „Unendlich viele Briefe wurden geschrieben an mehr oder weniger prominente Frauen, von denen man annahm, dass sie vielleicht ein bisschen mehr Geld hatten.(…)Wir haben ein oder anderthalb Jahre vor Ende Anteilscheine eingeführt(…), mit„stillen Gesellschafterinnen“, und es waren eine ganze Reihe Frauen, die sehr viel Geld an die Courage gegeben haben, das sie zum Schluss nicht zurückbekamen. Von Seiten der Courage gab es den Anspruch,„wir machen etwas für euch und wir erwarten etwas von euch. Wir erwarten, dass ihr die Zeitung mit finanziert“(Doris Fürstenberg). Als es Konflikte im Kollektiv gab und das Geld immer knap per wurde, wurde darüber nachgedacht, die Gehälter zu kürzen. Das traf die Teilzeitarbeitenden härter als diejenigen, die eine volle Stelle inne hatten. Bald konnten die Gehälter„nur noch häppchenweise“ gezahlt werden. Einige sollten wieder unentgeltlich arbeiten und ihren Lebensunterhalt durch andere Arbeiten bestreiten. Zunächst waren die meisten mit den Kürzungen einverstanden, weil sie sich schließlich als„Teil von einem großen Ganzen“ sahen; sie konnten nicht ausscheren und sie wollten es auch gar nicht, weil sie sich mit dem Kollektiv identifizierten und es weiter tragen wollten. Schließlich hatten sie gemeinsam„ganz wunderbare Zeiten“ erlebt. Erst als zunächst die Gehälter halbiert, dann gedrittelt wurden und zum Schluss das Geld ganz wegblieb, kam es zu echten Problemen im Kollektiv. Einige traf es härter als Andere:„Furchtbar war es, wenn die Frauen ihre Notlage schilderten und das Geld dringend brauchten“(Doris Fürstenberg). Sie dachten aber auch über Auswege nach: 47 „Sabine Zurmühl und ich verhandelten mit einer Erbin eines Druckerei- und Zeitungsunternehmens und sie sagte zu, Druck und Papier unbegrenzt zu bezahlen. Zusätzlich war der Verleger der„Titanic“ bereit, für die Courage Leserinnentests durchzuführen, damit wir unser Konzept überarbeiten konnten. Obwohl wir eine externe Lösung hatten, haben wir versucht, die Krise selber zu lösen. Das war der Fehler. Wir hatten offenbar das Gefühl, wir müssten alles selber schaffen. Außerdem vertrauten wir uns aufgrund eines weiteren Kollektiv-Konflikts nicht voll: Es ging darum, wer die Bankbürgschaft hält. Ich hatte sie jahrelang allein und wollte sie endlich auf alle verteilen. Das löste dann den totalen Konflikt aus“(Sibylle Plogstedt). Zweieinhalb Monate erschien die Courage als Wochenzeitung, dann war sie weg vom Fenster und das einstmals so euphorische Kollektiv war nun endgültig zerstritten. Im Mai 1984 beschloss die Gesellschafterinnen-Versammlung mehrheitlich, dass der Konkurs angemeldet werden müsse. Doris Fürstenberg hat ihn am 2. Juni 1984 angemeldet. Sie erinnert sich gut an den Tag: „Es war ein trauriger Tag – eine äußerst interessante und turbulente Zeit ging zu Ende, und als ich den Brief beim Amtsgericht Charlottenburg einwarf, war mir bewusst, dass es sich um einen historischen Moment für die Frauenbewegung handelte.“ Nun ging es darum, die schlimmsten finanziellen Härten zu vermeiden: „Am Schluss habe ich mich nur noch darum gekümmert, dass diejenigen, die eine Bürgschaft bei der Bank übernommen hatten, nichts oder nur wenig zahlen mussten. Das heißt, ich bin zum Frauenbuchvertrieb gegangen und habe Schulden eingetrieben und das Geld direkt zur Bank ge- 48 bracht. Das hat bewirkt, dass jede am Ende statt 6.000,-DM nur noch etwa 350,-- DM an die Bank zahlen musste. Auf diese Weise sind wir zumindest finanziell einigerma ßen glimpflich aus dem Konkurs heraus gekommen. Aber die Chance, die wir uns bereits erarbeitet hatten, konnten wir nicht mehr nutzen. Wir sind im Strudel von Konflikten und Existenzängsten untergegangen“(Sibylle Plogstedt). Die letzte Nummer erschien im Mai 1984. Jede der verbliebenen Frauen schrieb noch einen Artikel darin. Ein Traum war zu Ende. Doris Fürstenbergs letzter Courage-Artikel trug die Überschrift:„Mutter Courage frisst ihre Kinder.“ 36 Bereits in der Nr. 1 der Courage hieß es prophetisch über die Namensgeberin(nach der Brechtschen Version der Mutter Courage):„Die Marketenderin hat offene Augen und sieht nicht. Hat Sinn fürs Geschäft und kommt nicht zur Besinnung. Nach dem Tod ihres letzten Kindes spannt sie sich vor den Krämerkarren, ruft den aufbrechenden Soldaten zu:’Ich muss wieder in den Handel kommen. Nehmt’s mich mit.’“ Die Courage kam nicht mehr in den Handel. Weil Konkurrenz auf dem Frauenblättermarkt, besonders durch Emma, aber auch andere neu hinzugekommene Blätter, eine wirtschaftliche Krise und Kollektivkonflikte zeitgleich auftraten, konnte sie nicht gerettet werden. Seit dem fehlt der Frauenbewegung ein wichtiges Sprachrohr. Das Ende der Courage reflektierte das Auseinanderdriften der nur scheinbar einheitlichen Frauenbewegung. Betrachtet man die Courage als„Geschichtsträgerin“ wie Irene Stoehr das tat, so wird das deutlich: 36 Doris Fürstenberg: Mutter Courage frisst ihre Kinder, in: Courage, 9/1984, H. 21, S. 6. 49 „Nimmt man die Courage als Geschichtsträgerin, dann steht sie nicht zuletzt dafür, dass die Frauenbewegung alles andere als ein monolithischer Block war, sondern sich aus unterschiedlichen Politiken, Individuen, Netzwerken, Utopien, Herrschaftsverhältnissen, Freundschafts- und Streitkulturen zusammensetzte bzw. auseinander fiel.“ Acht Jahrgänge umfangreicher Hefte und zehn Sonderhefte der Courage sind in die Archive gewandert. Sie haben Spuren hinterlassen, nicht nur in den Köpfen der insgesamt 70 bis 80 festen Mitarbeiterinnen, die im Laufe der Jahre in der Redaktion gearbeitet haben. Etliche der Kollektivmitglieder sind auch heute noch journalistisch tätig. Leicht hatten sie es in neuen Tätigkeiten nicht immer. Ele Schöfthaler z. B. ging ein halbes Jahr nach dem“Zusammenbruch“ zum ‚Boten für die evangelische Frau’ nach Düsseldorf und bekam u.a. Probleme mit der Kleiderordnung der Frauenhilfe. 37 Sibylle Plogstedt wechselte etwas später für einige Zeit zum sozialdemokratischen ‚Vorwärts’ nach Bonn. Der Verlust von Gewissheiten Im Projekt Courage wurden, wie in vielen anderen Frauenprojekten der 1970er Jahre auch, feministische Utopien der selbstbestimmten Zusammenarbeit erprobt. Das Kollektiv bestimmte über Organisation und Ziele des Projektes wie auch über den Inhalt und die Form der Produkte selbst. Die Redaktionsräume waren Orte voller Leben und Phantasie, wo es vor neuen Ideen nur so sprühte. Die agierenden Frauen haben sich mit diesem Medi37 Vgl. Frauen unterwegs. Zeitschrift für Frauen und Kirche, H. 1+ 2/2004. 50 enprojekt Freiräume geschaffen, die einen herrschaftsfreien Diskurs und die Entfaltung bisher oft verschütteter Potenziale garantierten. Die Notwendigkeit solcher’Frauenecken’ wurde nicht nur von den Courage- Frauen selbst oft in Frage gestellt. Schließlich ist es eine Paradoxie feministischer Politik, dass sie sich aus grenzen muss, um Ausgrenzungen zu überwinden. Dennoch entschieden sich die Frauen dafür, sich den alltäglichen Spannungen, die sie aus ‚gemischten’ Veranstaltungen kannten, zu entziehen. Bewusst wollten sie sich von den herrschenden, entfremdeten Arbeitsstrukturen und Produktionsbedingungen absetzen. Freilich gab es auch innerhalb des autonomen Projektes informelle Hierarchien und unterschiedliche Verantwortlichkeiten, die zu nicht selten zerstörerischen und lähmenden personalen Konflikt situationen führten, in denen sich einzelne Frauen als durchsetzungsfähiger erwiesen als andere. Die Idee vom autonomen Projekt als herrschaftsfreiem Raum, quasi in exterritorialem Verhält nis zum Patriarchat stehend, erwies sich bereits mittelfristig als überaus problematisch. Schließlich mussten die Mitglieder des Kollektivs feststellen, dass sie – auch wenn sie nach Autonomie strebten – an Konkurrenz und Profitzwang nicht vorbeikamen. Nicht nur finanzielle Zwänge, auch subtile Machtkämpfe sprengten das Kollektiv. Und dies, obwohl mit der„Schwesterlichkeit“ immer der Anspruch verbunden war, dass alle gleiche Rechte und Pflichten hatten. Geradezu erschreckend wird an den Beispielen der Courage deutlich, wie unfähig Frauenstrukturen zu sein scheinen, wenn es darum geht, konstruktiv mit Konflikten umzugehen. Courage scheiterte – unter anderen Schwierigkeiten – an dieser Unfähigkeit. Indem Frauen Autoritäten negieren wollten, haben sie sich vor allem an ihnen abgearbeitet. Die Hoffnung, dass Frauen, weil sie Frauen sind, weniger elitär, weniger konkurrenzorientiert und mehr 51 an zwischenmenschlichen und sozialen Beziehungen interessiert seien, musste zu Enttäuschungen führen. Viele Frauen haben jahrelang nicht miteinander gesprochen. Sie waren gekränkt, weil sie viel erwartet und dann viel verloren hatten. Christel Dormagen schrieb später, dass sie zum ersten Mal begriffen habe, wie Macht auch unter Frauen erscheinen kann.„Und das in unserer abgeschotteten gutwilligen Frauenwelt, die Bedingungen wie in einem sauberen Laborexperiment bot.“ 38 Pragmatischer sah es Sibylle Plogstedt im Rückblick bei der Veranstaltung:„Die Harmonie hielt die Frauen zusammen, und die gab es nur auf Zeit.“ Warum das so sein musste, blieb eine offene Frage, die sich auch Barbara Duden stellte: „Die Frage ist, warum diese im Bauch sitzende Gewissheit vertrauender Gemeinsamkeit so weg ist. In einzelnen Begegnungen gewiss nicht, aber doch als kollektives Erlebnis. Zeitgeschichtlich war in unsere Bewegung ein Widerspruch eingelagert, unsere bewegte ‚Subjektivierung’, wenn ich es mit Foucault einmal so nenne, hatte eine Kehrseite, die wir dann erkennen können, wenn wir sie als Vorschein der Jetzt-Zeit betrachten.“ Das Echo auf das Ende des wichtigen Frauenprojekts war gemischt. Die großen Medien nahmen es kaum zur Kenntnis, der Berliner„Tagesspiegel“ brachte eine kurze Notiz. Längere „Nachrufe“ brachten lediglich die Tageszeitung TAZ und das SFB-Magazin„Zeitpunkte.“ Beide Nachrufe waren von ehemaligen Courage- Frauen geschrieben worden. Im WDR berichtete Ute Remus, die zu den Unterstützerinnen der Courage zählte. In der Frauenbewegung wurde viel„echtes Bedauern“ geäußert, 38 Dormagen 1992, S. 25. 52 aber einen öffentlichen Aufschrei gab es nicht. 39 Eine der Courage- Frauen selbst bedauerte neun Jahre später:„Statt einer bewussten Würdigung des Endes haben wir es nur erlitten.“ 40 Heute wäre die Courage wichtiger denn je Sibylle Plogstedt verwies darauf, dass sich viele Fragen, die die Courage damals beschäftigten, auch nach 30 Jahren nicht erledigt haben: „Das Bild der Politik hat sich verändert. Aber vieles von dem, was wir damals gefordert haben, bleibt immer noch zu tun. Als ich heute(…) die Zeitung gelesen habe, war sofort klar, was offen geblieben ist: das Ehegattensplitting, die Ganztagsschulen und die fehlenden Kindergärten. Nicht zu vergessen die Jahrhundertforderung vom gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit. Gefordert haben wir ihn damals, aber noch immer verdienen Frauen deutlich weniger als Männer.“ Forderungen von damals sind durch andere Institutionen aufgenommen worden. Die äußere Welt hat sich verändert(Wegfall des Ost-West-Gegensatzes, Große Koalition, CDU-Kanzlerin). Die sozialen Probleme erscheinen dennoch deutlicher als damals. Barbara Duden dachte darüber nach, was bleibt und was sich verändert hat. Sie plädierte zudem dafür, den Zusammenhang zwischen Bewegungsgeschichte und Zeitgeschichte näher zu untersuchen: „Was mich daran seit einer Weile beschäftigt, ist die unheimliche Kongruenz, die Passförmigkeit, von neuen Formen der Sozialsteuerung, die wir heute analysieren können, und 39 Vgl. Schneegass 1993, S. 103. 40 Eva-Maria Epple, in: Ebd., S. 102. 53 den Forderungen der Frauenbewegung damals. Dadurch wurde es möglich, dass die damaligen Forderungen von Frauen nun als Forderungen an Frauen gestellt werden: Autonomie, Selbstverantwortung, Selbst-Schöpfung, Wahl und Entscheidungsfindung. Die ‚Selbstbestimmung’ war die wohl wichtigste Forderung der Frauen damals, in Bezug auf den Schwangerschaftsabbruch, die Empfängnisverhütung, den Lebensplan, so vieles. Heute passt Selbstbestimmung, wie Silja Samerski in einem wichtigen Aufsatz zeigt, haarscharf in die Rationalität neoliberaler Sozial-Technologien, die die Menschen frei setzt und berechenbar macht. 41 Silja Samerski macht plausibel, dass Selbstbestimmung heute einem neuen Menschentyp entspricht, dem decision-maker. Selbstbestimmung, so sagt sie, führt in die Entscheidungsfalle, in der die Freiheit darin besteht, nach Kenntnisnahme zwischen jenen Optionen zu wählen, die sozial und technisch bereits gestellt werden. Denken Sie nur an die Umformung des somatischen Erlebens im Schwangergehen und Gebären, beim Älterwerden, bei der ersten Blutung, bei den meisten Erlebnissen im Frauenleben. All dies steht heute im Rahmen von Risiko-Management und Selbststeuerung, die Frauen optimal selbst gestalten. Eine andere Facette wäre die Verwissenschaftlichung der Frauen als Subjekte. Ich würde gerne genauer verstehen, in welcher Weise unsere Generation für die Verwissenschaftlichung des Selbstgefühls mitverantwortlich ist, die beispiellos ist in der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Eine besondere Form der Gleichschaltung des Bewusstseins, des Wollens und Wünschens. Der Beitrag der Frauenstudien zur Entstehung und Entwicklung ‚der Frau’ als wissen41 Silja Samerski: Die verrechnete Hoffnung. Von der selbstbestimmten Entscheidung durch genetische Beratung, Münster 2002. 54 schaftlicher Tatsache ist noch nicht untersucht. Ich meine aber schon, dass wir, die Akademikerinnen, dazu beitrugen, der nächsten Generation ein Selbstverständnis anzudienen, das konform ging mit dem epochalen Umbau des Industrie- und Verwaltungssystem seit den 1960er und 1970er Jahren. Um nur ein Beispiel zu nennen: die Wende vom fordistischen Versorgermodell des Familienernährers zum ‚one-adult-worker-Model’ des neoliberalen Systems vollzog sich gleichzeitig mit der Forderung der Frauen auf ein ‚Stück eigenes Leben’, das alle in die Konkurrenz um knappe Erwerbsarbeitsplätze schickte. Alleinerziehende Mütter haben heute weniger soziales Gewicht, ihre unbezahlte Hausarbeit in Forderungen an den Staat einzuklagen, als damals. Niemand hier im Saal wird daran zweifeln, dass wir zeitgeschichtlich über eine Wasserscheide gerutscht sind, dass die Welt, in der wir uns wiederfinden, eine andere ist als die, in der wir in den 1970er Jahren bewegt aufbrachen. Die Modernisierung der Frauen, mitsamt der Abwertung ihres eigenen Tuns, der Abwertung nicht professionalisierter, nicht pädagogisierter Mutterschaft, nicht-warenförmigen Konsums, war objektiv betrachtet Bestandteil unserer Forderungen, die uns damals nicht bewusst war. Dieser Zusammenhang zwischen Bewegungsgeschichte und Zeitgeschichte müsste untersucht werden.“ In der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Situation wäre Courage heute wichtiger denn je. Courage war ein Sprachrohr der Frauenbewegung. Was fehlt, ist die Bewegung. Christel Dormagen, eine der„Macherinnen“, schrieb bereits einige Jahre nach dem „Zusammenbruch“ der Courage:„Die Bewegung brauchte sie nicht mehr. Oder genauer: Es gab die Bewegung, die sie gebraucht hätte, nicht mehr.“ 42 42 Christel Dormagen: Geld Macht Liebe Frauen: Neue Unabhängigkeit, alte Gefühle, Reinbek 1992, S. 26. 55 Die Themen der Neuen Frauenbewegungen haben sich keinesfalls erledigt; auch wenn Probleme wie ökonomische Abhängigkeit von Frauen,§ 218, der noch immer nicht aus dem Strafgesetzbuch gestrichen ist und durch neue Zwangsberatungen verschärft werden soll, Sexualität und Fortpflanzung oder Gewalt gegen Frauen und Kinder zur Zeit offenbar keinen Anlass für Proteste bieten. Die Ziele der Neuen Frauenbewegungen dürfen jedenfalls nicht aufgegeben werden, auch wenn sie unter den herrschenden Bedingungen(zum Beispiel die hohe Erwerbslosenrate, Hartz IV) und angesichts starker Gegner(zum Beispiel der international organisierten„Lebensschützer“) nicht durchzusetzen sind. Um ihnen näher zu kommen, braucht es Räume und Medien zur Vernetzung für und von Feministinnen. Dabei kann es nicht um unverbindliche Netzwerke von Ähnlichgesinnten gehen, die sich über größere Regionen verteilen und auf einzelne Facetten des Lebens beschränken. Davon gibt es genug. Es sind die konkreten Projektorte, in denen die Beteiligten in räumlicher 56 Nähe leben und überwiegend gemeinsam tätig sind, die der Frauenbewegung – soweit sie noch existiert – abhanden gekommen sind. Es bräuchte aber auch Zielvorstellungen und Theorien über die Funktionen von Bewegungen in diesem Kontext, damit die alten Fehler nicht wiederholt werden. Kein Wunder, dass die Zeit vor 30 Jahren als„die kraftvollste und leidenschaftlichste Zeit“ erlebt wurde und die CourageFrauen sich selbst ein wenig feierten: Für Christel Dormagen war das„das Gegenteil von Klassentreffen: Auf einem Klassentreffen muss man immer schwer angeben, was man geworden ist. Hier ist es so, man suhlt sich ein bisschen in der Wonne der Vergangenheit.“ Viele hatten sich jahrzehntelang nicht gesehen und nun waren sie stolz auf das, was sie gemacht haben. Schließlich war es„ja doch ein historisches Ereignis“(Magdalena Kemper). 57 Christina Thürmer-Rohr Die Courage war Sprachrohr der Frauenbewegung Der Studienschwerpunkt„Frauenforschung“ war anfangs mehr ein Frauenbewegungsprojekt als ein„Uni-Projekt“, d.h. die Gründung 1976 war eine politische Entscheidung, viel weniger eine inneruniversitäre, akademische, wissenschaftliche. Die Impulse kamen aus der Frauenbewegung, nicht aus der Wissenschaft. Die Maßstäbe waren keine wissenschaftlichen Maßstäbe, sondern kamen aus dem Veränderungsklima in der Gesellschaft. Dabei war vor allem am Anfang die Courage äußerst wichtig, wahrscheinlich unentbehrlich. Sie war Sprachrohr der Frauenbewegung, Orientierungshilfe, Informationsquelle, Rückenstärkung, auch eine Art Heimat, ein Ort, zu dem man sich zugehörig fühlte. Der feministische Studienschwerpunkt ist zustande gekommen, weil es Mitte der siebziger Jahre so viele Studentinnen gab, die das wollten. Sie wollten feministische Seminare, Projekte, Debatten, sie wollten keine Männer in den Veranstaltungen, sie wollten feministische Prüfungsthemen und Frauen als Prüferinnen. Und ich war damals so verrückt, mich 1976 freiwillig von drei männlichen Assistenten zu trennen, die meiner Professorinnen-Stelle, die ich ja schon hatte, zugeordnet waren. Ich habe also mangels feministischer Kolleginnen die Arbeit anfangs völlig alleine gemacht, was natürlich eine absolute Überforderung war, aber auch ungeahnte Unabhängigkeit mit sich brachte. Es ging ums Neuanfangen, um anderes Wissen, um selber denken, selber machen, selber schreiben, anders lernen, anders arbeiten, zusammenarbeiten – überhaupt ums Leben-neu-Anfangen. Dafür gab es keine festgeschriebenen Kriterien, keine Standards und Regeln. Und wenn man das Glück hatte wie ich, nämlich im Fachbereich Erziehungswissenschaften zu arbeiten, wo die Kollegen relativ basisorientiert und unorthodox dachten und einen 58 weitgehend in Ruhe ließen, höchstens angesichts ihrer leeren Seminare mit Neid auf die Aktivitäten der Frauen guckten, dann war es nicht so schwer, das Neue durchzusetzen. Wir haben es einfach gemacht. Die Masse der Frauen sprach für sich. Insofern habe ich die institutionellen Kämpfe und antifeministischen Widerstände in der Universität während dieser Zeit kaum erfahren. Die wesentlichen Probleme waren interne Probleme. Vorhin auf dem ersten Podium war im Zusammenhang mit dem Gedichteschreiben von der Diskrepanz zwischen Wollen und Können die Rede. Das war am Anfang der Frauenforschung ähnlich. Man unterstützte und würdigte erst einmal das Wollen, die Absicht, die Ansätze, das Bemühen. Und wenn man sich die Arbeiten, die damals entstanden sind, ansieht, dann spürt man sicher das Wollen oft mehr als das Können. Es war die bewusste Entscheidung, nach einer anderen Qualität zu suchen, nach so etwas wie Authentizität, nach einer individuellen Sprache, nach eigenen Wegen und Worten, um etwas herauszufinden, was es noch nicht gab. Es gehörte zum feministischen Programm, genau das zu fördern, das Anfangen, auch das Ungekonnte, und das konnte natürlich auch schrecklich danebengehen. Um nicht nur in Lobhudelei oder Nostalgie zu verfallen- wir wissen ja alle, wie begeistert wir damals waren und wie sehr uns die Zeit des Aufbruchs inspiriert hat –, will ich noch etwas Kritisches sagen. Es gab einige schwerwiegende Diskrepanzen – auch zur Courage –, die allerdings nicht gleich, sondern erst in den 1980er Jahren deutlich wurden. Ein Problem lag z.B. in dem Konzept, das von der Courage damals vertreten wurde, nämlich für alle Frauen sprechen zu wollen. Der feministische Konsens gebot es, die Einheit aller Frauen zu proklamieren, ein Bewusstsein für diese Einheit zu schaffen, nicht zu spalten. Das Neue der Frauenbewegung lag gerade in dieser Sicht auf alle Frauen – als Unterdrückte, Leidtragende oder„revolutionäres Subjekt“. Diese 59 Einheit„Frauen“ ist natürlich kein Spiegel der Realität, sondern eine Deutung der Realität. Eine bewusste Abstraktion vom weiten Spektrum der sozialen, kulturellen, ideologischen etc. Unterschiede. Das führte sehr schnell zu Konflikten, die sich auch in der Courage niederschlugen. Zum Beispiel anlässlich der ersten Frauenkunst-Ausstellung 1977 in Berlin. Die Initiatorinnengruppe lehnte bestimmte Künstlerinnen mit der Begründung„unweiblich“ ab. Daraufhin zogen andere ihre Bilder zurück mit dem Argument, es dürften keine Frauen ausgeschlossen werden, die Frauenbewegung müsse für alle Frauen offen sein. Einerseits ging es also um„alle Frauen“, andererseits um„richtige“ und „falsche“ Frauen,„richtige“ und„falsche“ Identitäten. Das ergibt einen doppelten Standard –„Alle“ sagen, aber Bestimmte meinen. Natürlich kann man Alle im Ernst gar nicht meinen, wenn man eine Ausstellung oder Ähnliches plant. Alle geht eben nicht. Aber nach welchen Kriterien auswählen? Die Widersprüche zu den eigenen Postulaten wurden nicht wirklich thematisiert und ernst genommen. Diese Lawine wollte niemand lostreten. 1983 gab es einen ähnlichen Konflikt über das Buch„Schwe sternstreit“, in dem Unterschiede und Ausgrenzungen unter Frauen beklagt wurden. Die Courage forderte zwar, dass die Frauen sich Rechenschaft darüber ablegen sollten, was die Differenzen bedeuteten, und dass sie das Zukleistern mit Klischees beendeten. Aber zu einer offensiven Selbstkritik kam es nicht. Dafür gab es keine Kultur, und das ist am Anfang einer Bewegung vielleicht auch kaum zu erwarten. Jedenfalls, aus dem Faktum, dass Frauen verschieden sind, konnte oder durfte noch keine politische und theoretische Konsequenz gezogen werden. Ein zweites Problem betrifft den Umgang mit der deutschen Vergangenheit. Seit Anfang der 1980er Jahre war ich zunehmend der Meinung, dass Patriarchatskritik die Frauen als Subjekt und 60 Objekt der Kritik einbeziehen müsse, d.h. dass die Mittäterschaft von Frauen zu einem Untersuchungsfeld des Feminismus zu machen sei, dass wir uns mit der Mittäterschaft von Frauen systematisch befassen müssten. Die Courage war, glaube ich, daran nicht sonderlich interessiert. Sie hatte ein anderes Konzept, in das diese Fragen nicht passte. Die Perspektive der Courage war eine Parteilichkeit, die Frauen schützte und schonte. Ich habe damals vermisst, dass die Courage kein Forum für diese beginnenden, hitzigen Debatten wurde und dass die deutsche NS-Vergangenheit nur sehr einseitig zur Sprache kam. Es gab in der Courage zwar ausführliche Texte, zum Beispiel von Gisela Bock zur NS-Sterilisationspolitik 43 oder von Irene Stoehr zur ersten Frauenbewegung 44 und zum Politikverständnis von Gertrud Bäumer ab 1933 45 oder von Ingrid Schmidt-Harzbach zu den Überlebenskämpfen der Frauen im Nachkriegs-Deutschland 46 . Obwohl das gute und wichtige Texte waren, war ich unbefriedigt. Die hei klen Fragen blieben ausgespart, der Nationalsozialismus galt als das Extrem eines faschistischen Patriarchats, für das deutsche Frauen nicht verantwortlich waren, sie blieben unbehelligt. Dabei waren die Diskrepanzen doch offensichtlich. Meine Generation, die während des Nationalsozialismus geboren ist und manche eigene Erinnerungen besitzt, wusste oder ahnte zumindest einiges. Mich machte diese Abblende, dieses Gutreden misstrauisch, dieser Konsens und diese Eindeutigkeit, wie man über „Frauen“ reden und denken oder nicht reden und denken sollte. 43 Gisela Bock: Keine Kinder um jeden Preis: Rassismus, Zwangssterilisation und Mutterschaft, in: Courage, 8/1883, H. 3, S. 38 – 45. 44 Irene Stoehr: Opfer oder Täter: Frauen im 1. Weltkrieg(1), in: Courage, 7/1982, H. 11, S. 43 – 50; Detel Aurand/Irene Stoehr: Frauen im 1. Weltkrieg (2), in: Courage, 7/1982, H. 12, S. 44 – 50. 45 Irene Stoehr: Klatsch und Tratsch um Getrud Bäumer, Courage 9/1984, H. 3, S. 51 – 53. 46 Ingrid Schmidt-Harzbach: Serie Nachkrieg II: Nun geht mal beiseite, ihr Frauen!, in: Courage, 7/1982, H. 7, S. 47 – 54. 61 Für mich war der Nationalsozialismus ein- damals noch unausgesprochener – Hintergrund im Kopf, ein Subtext auch für ge genwärtige Fragen nach der Funktion von Frauen im Patriarchat. Und dafür gab es in der Frauenbewegung und auch in der Courage noch wenig Unterstützung. Das war eine Enttäuschung. Die Denkverbote lockerten sich erst Mitte der 1980er Jahre, da gab es mehr Stimmen und mehr Forschung, vor allem neue Untersuchungen von Historikerinnen zu Frauen im Nationalsozialismus. Sie halfen uns Nicht-Historikerinnen, die anfangs noch etwas diffusen Vermutungen zu konkretisieren und für die feministische Theorie nutzbar zu machen. Jedenfalls, es war manchmal auch ganz schön hart in der Zeit. 62 Christa Wichterich Die Courage hat mein Feminismusverständnis eindeutig beeinflusst Der Mut der Courage hat mir – wie vielen anderen – Mut gemacht und sowohl mein Feminismusverständnis als auch meinen Wunsch, das Schreiben zum Beruf zu machen, beeinflusst. Mei ne Courage-Sicht war eine Sicht von außen, weil ich in der Hauptproduktionsphase der Courage nicht in Deutschland gelebt habe, sondern in verschiedenen Ländern Asiens. Jedes Mal, wenn ich zurückkam, kaufte ich die Courage – und nicht die Emma. Denn die Courage habe ich als ein linkes feministisches Bewegungsprojekt wahrgenommen, das Kritik patriarchaler Konzepte von„Weiblichkeit“ und Kritik von Geschlechterverhältnissen als Machtverhältnisse verband mit Gesellschafts- und Herrschaftskritik. Für mich als von außen Kommende war sie eine Fundgrube, eine Informationsquelle über damals aktuelle Debatten feministischer Praxis, in denen ich nicht drinsteckte, über die Selbstre flexion der Bewegung, über sich abzeichnende Kontroversen und die Differenzierungen, die jede Bewegung vollzieht. Sie half mir, mein unterentwickelte Feminismusverständnis eindeutiger zu definieren und Feminismus als Systemkritik und etwas völlig an deres als ein simples Gleichstellungs- oder Gleichberechtigungskonzept zu verstehen. Das Faszinosum der Courage bestand aus meiner Sicht in der Doppelfunktion, dass sie ein Stück feministischer Bewegungsgeschichte in der BRD beschrieben und selbst geschrieben hat. Sie war gleichzeitig Organ und Spiegel der Bewegung und ihrer inneren Bewegtheit, indem sie öffentliche Sichtbarkeit für femini- 63 stische Themen schuf und gleichzeitig ein Forum für Beteiligung und Diskussionen bot. Es wurden – wie eben schon gesagt wurde – Themen erfunden und damit die Reise der feministischen Bewegung von der Selbsterfahrung zur Selbstverständigung fortgesetzt, um das Private öffentlich und damit politisch zu machen. Allerdings muss ich – durchaus amüsiert über mich selbst –zugeben, dass ich nicht die Courage-Hefte mit den richtungs- und bewegungsweisenden Debatten aufgehoben habe, sondern die Tabubrüche wie z.B. das Sonderheft zu Menstruation. 47 Die Hefte also, die am härtesten mit dem Konzept der bürgerlichen, männlich dominierten Öffentlichkeit gebrochen und ein Gegenkonzept von feministischer Öffentlichkeit in Schrift und Bild umgesetzt haben. Diese Tabubrüche waren ein Konstituens der Zeitschrift und genau in der Form, in der sie vollzogen wurden, gewiss ein historischer Durchbruch für eine feministische Öffentlichkeit, der Wahrnehmungen und Denken veränderte. Es war damals und ist heute beim Lesen noch die Radikalität spürbar, die solche Tabuund Strukturbrüche möglich macht und die sich aus der Power, der Empörung und der Unbedingtheit der Aufbruchsphase einer Bewegung nährt. Tabubrüche skandalisieren, inspirieren, sind Mobilisierungshebel für eine Bewegung. Dadurch haben sie bleibenden Wert. Doch Tabubrüche verschleißen sich und sind deshalb kein dauerhaftes Konzept für eine Zeitschrift. Im Rückblick erscheint auch ein anderes Konstituens der Courage, nämlich der kollektive Produktionsprozess, in einem anderen Licht. Mit dem eben erwähnten Spruch, dass jede Frau Ex pertin, nämlich Expertin des Lebens, des Alltags und ihrer Erfah rungen ist, sollte zum einen die Kluft zwischen Produktion und 47 Courage, Sonderheft 1/1979: Menstruation: Die Kulturgeschichte eines Tabus. 64 Konsum überwunden werden, zum anderen wurden eigene Wissenssysteme konstruiert und Erfahrungswissen aufgewertet. Indem Raum angeboten wurde, wo jede Alltagsexpertin ihre„pri vaten“ Erfahrungen öffentlich machen konnte, wurde die Zeitschrift zum Experimentierfeld und Mittel, um die Trennung von Privatem und Öffentlichem zu überwinden. Ich wollte dabei sein bei diesem Produktionsprozess feministischer Öffentlichkeit und bin deshalb, als ich aus dem Ausland zurückkam, in ein anderes feministisches Medienprojekt gegangen, nämlich in die„beiträge zur feministischen theorie und praxis“, 48 wo ähnliche Arbeitsprinzipien galten wie in der Courage. Dazu und dass ich gleichzeitig versuchte, als Journalistin mit feministischen Inhalten und Positionen einen Fuß in die Mainstream-Medien zu bekommen, hat mich die Courage ermutigt oder – wie es in der internationalen Frauenbewegung der 1980er Jahre hieß –„empowert“. Wir schwammen auf einer Welle von Selbstvertrauen und ich habe immer gedacht: Was die können, kann ich auch. Die Courage war eins der Labore, von denen ich gelernt habe. Solche unorganisierten kollektiven Produktionsprozesse und Beteiligungsverfahren sind jedoch hochgradig zeitaufwändig, kräfteverschleissend und energiefressend. Sie konnten und können wahrscheinlich nur mit der Leidenschaft, wie Sabine Zurmühl eben sagte, des Aufbruchs einer Bewegung geschehen und sind nicht auf Dauer leistbar. Als Produktionsmethode einer Zeitschrift sind sie genauso hochtourig und gefährlich wie die Motorradfahrten von James Dean – mit dem bekannten Ende. Deshalb finde ich den Vergleich sehr treffend. Und deshalb mussten 48 1978 brachte der Verein Sozialwissenschaftliche Forschung und Praxis für Frauen e.V. die erste Nummer der Zeitschrift beiträge zur feministischen theorie und praxis heraus. Die beiträge bestehen noch heute. Sie erscheinen ca. dreimal im Jahr und bezeichnen sich selbst als„die älteste und größte Zeitschrift der autonomen Frauenbewegung“. 65 sich diese Verfahren ändern, wenn das Zeitschriftenprojekt überleben wollte – eine Erfahrung, die wir bei den„beiträgen“ später dann auch gemacht haben. Selbstverständlich sind solche Kollektivverfahren unprofessionell und ineffizient genauso wie die Unterstellung, dass jede Courage-Mitarbeiterin alle Schritte im Produktionsprozess beherrschen müsste. Aus der heutigen Sicht von Prozessoptimierung, Effizienzsteigerung und Change Management wirken diese Annahmen mindestens naiv und übersteigert selbstbewusst, wenn nicht gar hilflos und lächerlich. Die Normsetzungen von heute stammen jedoch allesamt aus den Markt- und Verwertungszusammenhängen. Die Konzepte der Courage stammten aber aus den Bewegungszusammenhängen. Auch wenn wir heute um das Scheitern wissen, macht sie das nicht nur als autonomes Projekt sympathisch, sondern zeichnet sie auch als„ganzheitliches“ (auch ein Wort aus einer anderen Zeit, das mir heute nur noch schwer über die Lippen kommt) Gegenmodell gegen die Taylorisierung in der Medienproduktion und die Spezialisierung und Expertokratie in der Wissensproduktion aus. Die Emma setzte sich ja bereits damals mit dem Mainstream-Anspruch davon ab, professionell journalistisch gemacht zu sein. Natürlich musste sich also die Unprofessionalität der Courage ändern. Trotzdem hatte der Dilettantismus von damals nicht nur Charme, sondern auch eine historische basisdemokratische und bewegungspolitische Bedeutung. Mit der Professionalisierung mag Reibungslosigkeit und Marktfähigkeit gewonnen werden, aber es geht auch vieles verloren, die Radikalität, die Empörung, die Leidenschaftlichkeit. Damals habe ich die Courage nur als autonomes feministisches Projekt gesehen. Entsprechend habe ich mir immer vor- 66 gestellt, dass die Mitarbeiterinnen un- oder unterbezahlt arbeiten würden, und war eben überrascht zu hören, dass sie relativ gut verdient haben – trotz der selbstausbeuterischen Aspekte. Auch die„beiträge“ habe ich jahrelang überhaupt nicht als kommerzielles Projekt gesehen, nur als politisches, obwohl auch dort immer existentieller spürbar wurde, dass auch ein feministisches Medienprojekt im Markt und unter Marktbedingungen agiert. Jetzt ist offensichtlich, dass viele Frauenprojekte sich diesen Bedingungen nicht anpassen wollten oder konnten und dass der Spagat zwischen politischem und kommerziellem Projekt ein Grund für ihr Scheitern war. Ich möchte den Punkt der kollektiven Identitätsbildung„aller Frauen“, den Christina Thürmer-Rohr eben angesprochen hat, aufgreifen. Gewiss hat die Courage zur strategischen Verschwisterung in der westdeutschen Frauenbewegung und zur„Wir Frauen“-Identität beigetragen. Eine solche kollektive Identitätsbildung ist m.E. am Anfang eine Art Fundament für jede Bewegung und Voraussetzung dafür, dass sie soziale Gegenmacht in einer Gesellschaft aufbauen kann und soziale Veränderungen anstoßen kann. Gleichzeitig sehe ich eine kollektive Identität aber auch als Rahmen, in dem Räume für eine innere Differenzierung und ein demokratisches Aushandeln von Pluralität entstehen. Erst eine solche strategische Identität als gemeinsame Handlungsgrundlage macht eine soziale Bewegung politisch handlungsfähig in der Gesellschaft. Diese Prozesse waren für mich gerade im Kontext internatio naler Frauenbewegungen sehr wichtig. Denn in Indien erlebte und lernte ich zeitgleich, dass es sehr unterschiedliche Formen von Partriarchat, von Frauenunterdrückung und Frauenbefreiung gibt und dass ich mit universalistischen Vorstellungen von Patriarchat und weiblicher Opferrolle und auch mit universalistischen 67 Konzepten von Emanzipation nicht weit kam. In unterschiedlichen Kontexten – lokalen, nationalen oder internationalen – müssen Bewegungen ihre jeweiligen strategischen Identitäten bilden und eigene Medien spielen dabei eine wichtige Verständigungsfunktion. Deswegen habe ich diese„Wir-Frauen“-Identität damals bewegungsstrategisch sehr positiv gesehen, obwohl mir gerade auf dem internationalistischen Hintergrund Differenzen und auch Kontroversen zwischen Frauen höchst bewusst waren. 68 Marianne Pitzen Das Veränderungspotenzial war die treibende Kraft Kunst braucht natürlich Debatte, Auseinandersetzung und die Kunst der Frauen brauchte eigentlich auch eine neue Sprache. Ich hoffte ganz klar, dass es über die Courage eine Möglichkeit gebe, dass man über Kunst auf eine andere Art spricht- und alles, was da mitschwingt und-klingt-, als das üblich ist. Das war für mich eine große Hoffnung und die wurde zunächst auch nicht enttäuscht. Natürlich betraf diese Hoffnung nicht nur die Courage, sondern auch andere Kunstereignisse. Ich wollte, dass die Kunst sich aus diesem typisch engen Rahmen löst und dann gesellschaftlich viel mehr in die Gesamtheit hinein wirkt. Es ist durchaus unser Anspruch, dass die Kunst auf die Gesellschaft wirkt und nicht in ihrem Elfenbeinturm bleibt und dass wir, die Frauen, wirklich einiges dazu tun, die verschiedenen Fach-, Sachund wissenschaftlichen Bereiche zu verknüpfen. Der Anspruch geht natürlich immer mit dem überein, was in der Frauenbewegung die klassischen Vorlieben waren und sind, dass das interdisziplinäre Vorgehen wichtig ist, dass wir alles verknüpfen, was uns wichtig ist, und dass wir daraus neue Erkenntnisse gewinnen und tatsächlich dann die Wirklichkeit verändern. Das Veränderungspotenzial war wirklich die treibende Kraft. Das geht nicht ohne ein Medium und das geht nicht ohne Publikationen. Und es geht nicht ohne eine Debatte. Ich hätte mir natürlich noch mehr gewünscht. Vor allen Dingen, dass muss ich einmal sagen, war ich richtig entrüstet, als die Courage aufhörte, weil es meiner Meinung nach nicht sein kann, dass Frauenprojekte einfach aufhören. Das war die Schreckenserfahrung dieser Jahre, dass so viele Frauenprojekte aufgaben, so weit, dass wir heute fast gar keine mehr haben. Wo sind z. B. die Buchläden? Die waren wiederum die Orte, an denen wir uns trafen. In jeder Stadt hatte man 69 Anlaufstellen und fand Frauen, mit denen man über die Dinge reden konnte. Wenn das weg ist, wo bleibt dann unsere Debatte und die Weiterentwicklung? 70 Doris Janshen Was kann Courage für die Zukunft sein? Es war damals leicht, die Erste zu sein, ohne besonders originell zu sein. Wir waren auch originell, aber gegenüber der heutigen jungen Generation ist es wichtig, das zu betonen, weil wir das Glück hatten, in eine Bewegungs- und Umbruchszeit der Gesellschaft in der aktiven Zeit unseres Lebens hinein geboren zu sein: Ich war zeitweilig auch Journalistin. Im Sender Freies Berlin war ich die allererste, die einen Frauenartikel platziert hat. Da liefen sie alle zusammen, die Cutterinnen und Redakteure, weil es ein Skandal war, über Frauen in der Wissenschaft zu schreiben. Es war unerhört, im wahrsten Sinne des Wortes. So war ich schließlich 1979 an der Technischen Universität Berlin für Deutschland die erste, die eine Assistentinnen-Stelle für Frauenforschung innehatte. Natürlich machten das andere Frauen auch schon, aber meine Stelle war als erste so deklariert. Das war es mir auch Wert, vom Wissenschaftszentrum Berlin wegzugehen und auf eine Gehaltsstufe zu verzichten. Das war für mich damals kein Problem. Wieder und wieder hatte ich die Chance, die Erste zu sein. Es gibt viele Heldinnen der 1. Stunde in der Frauenforschung und manches mehr. Für uns selber haben wir auch intensiv erlebt, dass Feminismus eine Existenzweise ist. Und da war die Avantgarde rund um die Courage natürlich auch für mich sehr prägend. Die Themen des jeweils neuen Heftes beschäftigten uns bis in die Nischen der neuen Bewegung hinein. Wir waren viele und wir waren ein„Wir“. Gerade für den Ort Berlin darf nicht unterschlagen werden, dass dabei die Lesben eine nicht zu unterschätzende Rolle gespielt haben und mehr mit den„Heteros“ kooperierten als in anderen Städten. 71 Unvorstellbar war damals für mich, dass es viele Orte in Deutschland gab, in denen diese Erfahrungen nicht gemacht werden konnten. Nicht ohne Schmerz musste ich das zur Kenntnis nehmen, als ich 1990 nach Essen wechselte. Feminismus als Existenzweise hatte dort nie stattgefunden. Der Feminismus war an dieser Universität spröde vorbeigehuscht. Das zwang mich früher als andere dazu, zurückzulassen und wiederum zu überdenken, welches Erbe ich anzutreten habe. Den großen Unterschied zu Berlin erlebte ich beim Aufbau des Essener Kollegs für Geschlechterforschung, das ohne die enge Kooperation mit Männern nicht hätte entstehen können. Entsprechend früh integrierte ich Männerforschung. An einem wunderschönen Tag wie heute, an dem ich so viele Frauen wieder treffe, auf die ich mich wahrhaft freue, bin ich auch ein bisschen beunruhigt. Die meisten von uns verkörpern das Klischee Oma so wenig, wie wir uns früher in ein Klischee haben pressen lassen. Aber wer sind wir jetzt? Sind wir jetzt nur Veteraninnen des ruhmreichen Projektes Courage? Bezogen auf die Courage meine ich, dass sie für uns ein Zukunftsprojekt bleiben muss. Auch die Zukünfte der Gegenwart verlangen Mut. Ich möchte die Courage daher nicht als zu archivierendes Dokument oder Denkmal sehen. Ich frage mich: Was kann die Courage für die Zukunft sein? Von Sartre gibt es die nette Bemerkung: Die Jugend hat Heimweh nach der Zukunft. Über diesen Satz habe ich – älter werdend – in der letzten Zeit des Öfteren nachgedacht. Was ist anders heute und was heißt das für die Frauenpolitik? Wir Älteren tendieren zu Bemerkungen über die jüngeren Frauen wie: Die sind alle anders als wir, die sind nicht mehr so leidenschaftlich, die haben keinen Feminismus vom 72 Bauch her, sondern eher vom Kopf und die jungen Frauen sind so entsetzlich uninformiert und und und …“. Solche und ähnliche Bemerkungen verschleiern die Notwendigkeit, die Zukunftsstrategien für junge Frauen zu respektieren. Wir wollten, dass sie erfolgreich sind, und viele dieser jüngeren Generation sind daran interessiert. Sie übernehmen den gegenwärtigen materiellen und immateriellen Reichtum dieser Gesellschaft mit den vielen, vielen Risiken. Ihre Konsumwünsche sind Ausdruck des Wohlstandes, den wir für sie wollten, und nachdem wir unsere eigenen Fesseln gesprengt haben, übergeben wir Ihnen die Aufgabe, die Freiheiten, die wir erkämpft haben, für die Zukunft zu erhalten. Die von uns erlebten sozialen Bewegungen waren eine Entfesselung und das war ebenso lustvoll wie schmerzhaft. Die jungen Frauen dagegen sind konfrontiert mit einer immer weiter und vielfältiger werdenden Welt und sie sind den Problemen ausgesetzt: Wo und wie finde ich eine Stabilität in dieser Vielfalt der Möglichkeiten. Daher ist ihr Impuls zur inneren Bewegung weniger eine Orientierung auf das Wir, sondern vielmehr auf das Ich. Dies indiziert nicht eine egozentrische Haltung, sondern gibt der Politisierung eine neue Qualität. Ich denke, wir brauchen eine Politisierung des Ich in der gegenwärtigen Gesellschaft, ein Ich, das so stark ist, dass es an seinen vielen kleinen und großen Fronten die Siege der Vergangenheit verteidigen kann. Während unsere Generation auf den Wogen des Wir sich zeitweilig auch in Allmachtsphantasien aufblähte, muss die jüngere Generation sich mit den Tücken der alltäglichen Realität auseinandersetzen. Beschwingt durch die Bewegungen, konnten viele von uns Älteren die Schwächen des eigenen Ichs lange übersehen – bis wir uns der Psychoanalyse anbequemen mussten. Diese unsere Schwäche tragen die jungen Frauen in ihre Lebensorientierung für Stabilität und Erhalt des Errungenen. 73 Die Dualismen der politischen Fronten sind multiplen Konfliktlagen gewichen. Mit wem sollen wir uns streiten, wenn nicht nur die verdreckte Luft globalisiert ist, sondern auch der politische Konflikt. Die daraus resultierende Hilflosigkeit von politischen Grup pen und Individuen, die verstärkt wurde durch die Bagatellisierung der sozialen Bewegung mit der Wende, hat in Deutschland – im Vergleich zu anderen modernen Gesellschaften- eine ganz besondere Flaute des Feminismus herbeigeführt. Die seit den 90er Jahren in der öffentlichen Wahrnehmung wieder relevanten Kriege dämpften die Befreiungslüste der Frauen, ganz ähnlich, wie es für die Frauenbewegung im Ersten Weltkrieg dokumentiert ist. Kriege führen zur Remaskulinisierung der Gesellschaft mit alten Männertraditionen. Neue Männer sind da nicht gefragt. „Ich habe die Welt nicht verändert“, hat Marie Jahoda weise ihre Autobiographie betitelt. Auch sie war in der Weimarer Zeit von politischen Allmachtsphantasien beseelt und musste hinnehmen, wie wenig sie hatte bewirken können. Aus dieser Haltung heraus sollten wir Älteren die jungen Frauen eher mitnehmen als aus der Arroganz der ewig Bewegten. Mut im Sinne der Courage heißt immer, Mut für die Gegenwart. 74 Gisela Notz Schlussdiskussionen Soziale Bewegungen beginnen mit ungeheuren Energien, mit denen soziale Veränderungen durchgesetzt werden sollen. Mit der Frauenbewegung haben sich die Frauen selbst verändert, sie suchten sich neue Rollen, Positionen und auch Existenzmöglich keiten. Die Arbeitsfelder weiteten sich auf eine faszinierende Weise aus, es wurde immer wieder Neues erfunden, Räume und ganze Städte, Wissenschaft und Kunst wurden umgebaut, andere Töne und eine andere Sprache erfunden. Der Courage kam eine inspirierende Funktion zu, sie setzte Fantasien frei, wirkte ansteckend und trug die Erkenntnisse der Frauenbewegung in weite Kreise. Die nachfolgende Generation kann diese Euphorie des Anfangs nicht mehr nachvollziehen. Für viele junge Frauen ist Feminismus als Erklärungsmodell nicht mehr attraktiv. Andererseits werden sie„ziemlich kratzbürstig“, wenn sie merken, dass sie nicht mehr das dürfen, was ihnen einmal versprochen worden ist. Mit einer Vervielfältigung der Probleme und der Orte der Auseinandersetzung bei gleichzeitiger Pluralisierung der Lebensformen scheinen junge wie ältere Frauen zunehmend ausgelastet oder gar überfordert. Denn vermisst wird nicht nur das immer wieder beklagte mangelnde politische Engagement der Jüngeren, sondern die Altersradikalität, die die 1968er Generation dereinst von sich selbst erwartete, ebenso. Die Resignation vieler einstiger Aktivistinnen ist ebenso zu bedauern. Die Älteren könnten Unterstützung für die Jüngeren sein, indem sie ihnen nicht erlauben, Vergangenheiten auszublenden und sie ermuntern, sich Raum zu nehmen. Sie werden Anderes machen, denn es gibt keinen Grund, uns zu wiederholen. Problematisch erscheint das Konzept der 75 Genderpolitik und des Gender Mainstreaming, das„Integration der Gleichstellung von Mann und Frau in alle(Politik)Bereiche“ verspricht, Differenzen unter Frauen, die sich durch nationale Zugehörigkeit, Ethnizität, Klasse und Religion ergeben und die entscheidende Marken für die soziale Positionierung der Subjekte sind, jedoch ausklammert. Das bedeutet ein Zurück hinter die bereits in den 1980er Jahren in der Courage veröffentlichten Positionen zu Antisemitismus, Rassismus und sozialer Ungleichheit und deren Auswirkungen auf Frauen. Nur durch Differenzierungen und Berücksichtigung spezieller Lebens- und Diskriminierungsformen kann vermieden werden, dass nicht alleine hochqualifizierte Frauen der Ersten Welt Nutznießerinnen des „Mainstreaming“ sind. In der Praxis werden Frauenförderung, Quoten und Gender Mainstreaming oft gegeneinander ausgespielt. Und dass Frauen- und Mädchenprojekte mit dem Hinweis auf „Gender Mainstreaming“ nicht mehr befürwortet und gefördert werden, ist gängige Praxis. Es gilt, nicht auf jeden Wagen aufzu springen, und zu meinen, dass uns das in eine geschlechterlose Gesellschaft bringen könnte. Frauenbewegungen können nicht alleine als Erfolgsgeschichte angesehen werden, es gibt sowohl positive als auch negative Seiten dieser Bewegung; Gewinnerinnen und Verliererinnen, auch Verluste von Frauen, die den Dogmatismus der Frauenbewegung oder die Radikalität der Veränderung des eigenen Lebens seelisch und körperlich nicht überstanden haben. Andere haben bürgerliche Karrierewege verlassen, aber die„neuen Wege“ in einer enger werdenden Gesellschaft nicht aushalten können. Offensichtlich war die Bewegung nicht stark genug, sie auffangen zu können. Heute leben viele Frauen aus der Frauenbewegung in prekären Arbeits- und Lebensverhältnissen. Ganz offensichtlich war die erhoffte und zum Teil gelebte Autonomie eine Illusion. 76 Das notwendig abstrakte„Wir“, das innerhalb der Frauenbewegung eindeutig schien, kann kaum ein sinnvoller Politik-Begriff sein. Einerseits war es die emotionale Qualität des„Wir-Gefühls“ das auch die Institutionen tanzen ließ und dazu geführt hat, dass Frauenthemen heute fast überall diskutiert werden.„Wir“ wollten uns verwirklichen, uns befreien, und wenn„wir“ dann befreit sind, sind wir alle gleich und solidarisch sowieso.„Wir“ gehörte zu der Leidenschaft, von der auch die Courage-Frauen gesprochen hatten: „Wir waren das Leben.“ Andererseits wirkte es auch exklusiv, für diejenigen, die nicht direkt dazu gehörten, zum Beispiel Migrantinnen, die dieses Defizit der normsetzenden weißen Frauenbewe gung immer wieder einbrachten. Hilfreicher erscheint der Begriff der„strategischen Identitätsbildung“, wie er in der internationalen Frauenbewegung üblich ist. Er bedeutet, gemeinsam politische Gegenmacht zu bilden und auf dieser Grundlage zu differenzieren. Die strategischen Koalitionen können durchaus temporär und auf einzelne Anlässe bezogen sein. Viele der damaligen Akteurinnen haben„eine Menge Qualitäten“ in dieser Zeit entwickelt, die auch nachhaltig wirken können. Andererseits war das„Wir-Gefühl“ in der Frauenbewegung durch unterschiedliche Meinungen und Konzepte, die ebenfalls ihren Niederschlag in den Courage-Artikeln fanden, ohnehin reduziert. Da tobten die Auseinandersetzungen um Lohn oder Nichtlohn für Hausarbeit ebenso wie zwischen Lesben, „Heteras“, Müttern und Nichtmüttern. Richtungskämpfe waren trotz der Parole dieser Jahre, dass alle Frauen Schwestern seien, nicht zu verhindern. Der Wiederauflage der Diskussion des„WirGefühls“ wurde bei der Veranstaltung der Wunsch nach einer neuen Qualität der Politisierung in Form einer„Politisierung des Ichs“ (Doris Janshen) entgegengehalten. Die doch recht kleine Elite der damaligen Frauenbewegung, die die Gesellschaft geprägt hat, obwohl sie eine Minderheit war, konnte die Schwächen des eigenen Ichs gar nicht zur Kenntnis nehmen. Die sich mit dem ersten Golfkrieg formierende globale Kriegslandschaft und der politische 77 Bruch, den die Wende mit sich brachte, reduzierte die„politischen Allmachtphantasien“ verschiedener Bewegungen ohnehin. In diesem Spannungsfeld spielte die Courage eine wichtige Rolle, weil sie immer wieder verschiedene Strömungen der„alten“ Frauenbewegungen aufzeigte und damit verdeutlichte, dass es nie die eine Frauenbewegung gab. Die Inhalte der Courage wurden auch von institutionalisierten Frauenorganisationen und Frauen in politischen Zusammenhängen aufgenommen und haben in den 1980er Jahren Eingang in politische Forderungen und Strategien gefunden. Heute ist es viel selbstverständlicher, Frauenprojekte und Frauenseminare durchzuführen, auch das ist ein Ergebnis dieses Einflusses. Dennoch sind die Institutionalisierungserfolge der Frauenbewegung auch kritisch zu bewerten, schließlich bedeuten sie eine Aufkündigung, ja auch freiwillige Aufgabe vorher vorhandener Autonomie. Die Hoffnung auf die mit Institutionalisierung und Professionalisierung verbundenen positiven Sanktionen(für einzelne oder für Gruppen von Frauen) führten zur Kanalisierung oder zum Verlust von Empathie und Leidenschaft. Ohne Empathie und Leidenschaft gibt es aber keine Bewegung. Und die ist immer noch notwendig. Ebenso wie die Radikalität, denn an Feindbildern fehlt es nicht. Die politischen, sozialen und ökonomischen Rückschritte, verbunden mit konservativer Frauen- und Familienpolitik, die heute auf der nationalen und auf der internationalen Ebene stattfinden und Frauen überproportional betreffen, konnten sich viele Frauen vor 30 Jahren gar nicht ausmalen. Die aktuelle Schließung von damals erkämpften Frauenhäusern und das Zudrehen des Geldhahns für Projekte von Frauen, Jugendlichen und Migrantinnen und Migranten ebenso wenig. 78 Gisela Notz: Ausblick Woraus speiste sich das große Interesse, das die Projektefrauen und ca. 200 Frauen aus ihrem Umfeld dazu bewogen hat, sich noch einmal zu versammeln? Sicher war es kein Klassentreffen. Die Courage war eine enge Gemeinschaft, die Produktivität entfaltet hat und nach außen gewirkt hat. So wurde es in der Rückschau gesehen. Sie wurde auch als Schutzraum verstanden. Dass es den Schutz der Courage nicht mehr gab, weil es die Courage nicht mehr gab(Irene Stoehr), wurde von vielen zu spät erkannt. Auch im Rahmen des Rückblicks waren einige der ehemaligen Aktivistinnen der Meinung, dass – wäre das Projekt nicht zu Ende gewesen – eine Reflexionsphase hätte einsetzen müssen, sowohl inhaltlich als auch in Bezug auf die Arbeitsstruktur. Dazu kam es nicht mehr.„Vom Kollektiv zur Einzelunternehmerin“ hat Sibylle Plogstedt, einstmals(Mit-)Gründerin der Courage ihr Buch über Frauenbetriebe bezeichnenderweise genannt. 49 Im Rahmen einer qualitativen Studie hat sie festgestellt, dass einstige Kollektivfrauen die Arbeit als Einzelunternehmerinnen vorziehen, weil sie sich nicht wieder in zu heißen Kämpfen verschleißen wollen. Sie arbeitet, ebenso wie einige andere ehemalige Courage-Frauen, heute freiberuflich, blieb aber dem Journalistinnenberuf treu. Leider gibt es ein solches Debattenforum, wie es die Courage für die Frauenbewegung darstellte, heute nicht mehr. Das liegt vor allem daran, dass es„die Frauenbewegung“ von damals nicht mehr gibt. Die Courage war eines von vielen Frauenprojekten, 49 Sibylle Plogstedt: Frauenbetriebe. Vom Kollektiv zur Einzelunternehmerin, Königstein/Taunus 2006. 79 die Mitte der 1970er Jahre entstanden, allerdings ein sehr wichtiges. Einig waren sich die Frauen, dass die Courage Spuren hinterlassen hat. Die Themen, die sie aufgegriffen hat, sind in verschiedenen Facetten weitergetragen worden. Auch wenn sich einige nicht mehr die Flügel in kollektiven Strukturen verbrennen wollen, so wurde doch die Tatsache bedauert, dass es keine heftigen und leidenschaftlichen Kontroversen mehr gibt. Alle Themen scheinen heute in einen gesellschaftlichen Konsens integrierbar. Viele emanzipatorische Ideen der Frauenbewegung, nicht nur das Vokabular, sind durch konservative und neoliberale Kräfte kooptiert worden. Die beabsichtigten gesellschaftlichen Veränderungen sind jedoch in weite Ferne gerückt. Wichtige offene Fragen blieben auch weiterhin offen: Was ist übertragbar, übersetzbar, was ist erhalten geblieben und wie kann es historisiert werden, damit es nicht vergessen wird? Das kann nicht nur eine Aufgabe der Historikerinnen sein, denn noch sind die Zeitzeuginnen unter uns. Gerade ihre unterschiedliche Sicht der Dinge gälte es zu erforschen. 80 Referentinnen und Moderatorinnen Arnholdt-Esche, Monika: Courage, dann Öffentlichkeitsarbeit für den Senat von Berlin für die„Kulturstadt Europas“ und die 750-Jahr-Feier, danach gründete sie eine Agentur für UmweltPR und arbeitet jetzt in der Fraktion von Bündnis 90/DIE GRÜNEN im Deutschen Bundestag. Frei, Frederike: Courage, Dichterin und Schriftstellerin in Potsdam. Fürstenberg, Doris: Courage, Historikerin, Buchautorin, leitet das Kulturhaus Schwarzsche Villa und den Arbeitkreis Nationalsozialismus in Berlin-Steglitz. Dormagen, Christel: Courage, nachdem sie ihr StudienrätinnenLeben mit Pensionsanspruch„geschmissen“ hatte. Sie arbeitet jetzt als Journalistin und Übersetzerin literarischer Texte in Berlin. Duden, Barbara: Prof. Dr., Courage. Jetzt Professorin am Institut für Soziologie und Sozialpsychologie an der Universität in Hannover. Janshen, Doris: Prof. Dr., Soziologin, Universität Duisburg/Essen, Campus Essen und Direktorin des Essener Kollegs für Geschlechterforschung. Gastprofessuren in Kassel, Zürich und Wien. Kemper, Magdalena: Redakteurin beim SFB, später RBB, Berlin. Nienhaus, Ursula: Prof. Dr., Feministisches Forschungs- und Bildungszentrum(FFBIZ), Dozentin an der Freien Universität Berlin, Historikerin und Archivarin, Berlin. 81 Notz, Gisela: Dr., Sozialwissenschaftlerin, Autorin, 1985 bis 1997 Redakteurin der Zeitschrift„beiträge zur feministischen theorie und praxis“, 1979 bis 2007 Historisches Forschungs zentrum der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn. Pitzen, Marianne: Künstlerlin, Gruppe ‚Zart und Zackig’, 1981 Gründung des ersten Frauenmuseums weltweit, seitdem Direktorin des Museums in Bonn. Plogstedt, Sibylle: Dr., Courage, Soziologin, heute lebt sie als Autorin, freie Journalistin und Filmemacherin in Bonn. Remus, Ute: Bis vor drei Jahren Redakteurin beim Westdeutschen Rundfunk(WDR), Frauenmagazin Abwasch, lebt in Brühl bei Köln. Schmid-Dudek, Paula: Courage, lebt heute als freischaffende Malerin mit Ausflügen in die Grafik und betreibt eine Kinder malschule in Berlin. Stoehr, Irene: Dr., Courage, Soziologin, Autorin, Dozentin an der Freien Universität und Technischen Universität in Berlin. Thürmer-Rohr, Christina: Prof. Dr., Philosophin und Psychologin, Fachbereich Erziehungswissenschaften an der Technischen Universität Berlin. 2003 Gründung von Akazie 3, Forum zu politischem und musikalischem Denken. Wernet, Olga M.: Courage, dann zunächst Arbeit in einem Berliner Frauenhaus, danach in einem Naturkostladenkollektiv und jetzt in einem Geburtshausladen, wo sie Naturtextilien ver treibt. 82 Wichterich, Christa: Dr., freiberufliche Soziologin und Journali stin, Autorin, 1983 bis 1996 Redakteurin der Zeitschrift„beiträge zur feministischen theorie und praxis“, Beraterin in Ent wicklungszusammenarbeit, Bonn. Zurmühl, Sabine: Courage, Germanistin, heute freie FernsehJournalistin, Mediatorin und Autorin in Berlin.