Gesprächskreis Geschichte Heft 79 Friedhelm Boll(Hrsg.) Polnische und deutsche Erinnerungsdiskurse nach Auschwitz Beiträge anlässlich der Finissage einer Ausstellung zum 20jährigen Bestehen der Internationalen Begegnungsstätte O ś wi ę cim/Auschwitz am 13. September 2007 in Bonn Friedrich-Ebert-Stiftung Historisches Forschungszentrum Herausgegeben von Dieter Dowe Historisches Forschungszentrum der Friedrich-Ebert-Stiftung Kostenloser Bezug beim Historischen Forschungszentrum der Friedrich-Ebert-Stiftung Godesberger Allee 149, D-53175 Bonn Tel. 0228-883473 E-mail: Doris.Fassbender@fes.de http://library.fes.de/history/pub-history.html © 2007 by Friedrich-Ebert-Stiftung Bonn(-Bad Godesberg) Titelfoto: Internationale Jugendbegegnungsstätte Auschwitz Fotos: Archiv der sozialen Dremokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung Umschlag: Pellens Kommunikationsdesign GmbH, Bonn Druck: bub- Bonner Universitäts-Buchdruckerei, Bonn Alle Rechte vorbehalten Printed in Germany 2007 ISBN 978-3-89892-840-3 ISSN 0941-6862 3 4 V.l.n.r.: Dr. Marek Prawda, Prof. Dr. Peter Brandt, Prof. Dr. Friedhelm Boll, Leszek Szuster 5 Inhalt Prof. Dr. Peter Brandt Begrüßung................................................................................. 7 Prof. Dr. Friedhelm Boll „Heilmittel für die Wunden der Vergangenheit.“ KZ-Überlebende und junge Menschen im Dialog.................. 11 Dr. Marek Prawda Erinnerung und Erinnerungspolitik im deutsch-polnischen Verhältnis................................................ 31 Leszek Szuster „Die andere Seite der Welt“ Eine Ausstellung zum 20jährigen Bestehen der Internationalen Jugendbegegnungsstätte O ś wi ę cim/Auschwitz...... 44 6 Prof. Dr. Peter Brandt, Mitglied des Vorstandes der Friedrich-Ebert-Stiftung 7 Prof. Dr. Peter Brandt Begrüßung Sehr geehrter Herr Botschafter Dr. Prawda, verehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde! Dies ist nicht die erste Ausstellung zum Thema Auschwitz, die in den Räumen der Friedrich-Ebert-Stiftung stattfindet. Vor einigen Jahren konnten wir hier die Ausstellung„Schweigendes Grauen“ zeigen, in der Fotos von den Überresten der NaziVerbrechen in Auschwitz dargeboten wurden. Der damalige Direktor des Museums Auschwitz, Kasimir Smolen, war zur Eröffnung gekommen, unser Freund Prof. Dr. Feliks Tych, der Direktor des Historischen Jüdischen Instituts in Warschau, hielt den einleitenden Vortrag. Auch damals hatten sich unserer Initiative die Regionalgruppe des Vereins„Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V.“ sowie die Deutsch-Polnische Gesellschaft Köln-Bonn angeschlossen. In der Tradition dieser uns sehr willkommenen Kooperation begrüße ich daher die Mitglieder und Interessenten der genannten Vereinigungen wie auch die des Gesprächskreises Geschichte der Friedrich-Ebert-Stiftung sehr herzlich. Ganz besonders möchte ich Frau Anneliese Brost danken. Durch ihre finanzielle Unterstützung konnte diese Ausstellung der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Auschwitz erarbeitet und kann letztlich auch in Bonn gezeigt werden. Lieber Herr Prawda! Den polnischen Botschafter in den Räumen der Friedrich-EbertStiftung zu begrüßen, ist uns immer eine ganz besondere Freude. Als parteinahe Stiftung war die Friedrich-Ebert-Stiftung die erste, die bereits im Jahre 1971 im Zuge der von Willy Brandt eingeleiteten Neuen Ostpolitik Kontakte nach Polen aufnahm 8 und auf vielfältige Weise entwickelte. Inzwischen ist diese Zeit Geschichte geworden, so dass wir bereits vor einiger Zeit daran gehen konnten, die während der Zeit der Entspannungspolitik entwickelten Kontakte und gemeinsamen Projekte geschichtswissenschaftlich aufzuarbeiten. In unserem Jahrbuch„Archiv für Sozialgeschichte“ wie auch in der jüngsten Veröffentlichung zur Geschichte der internationalen Arbeit der Friedrich-EbertStiftung sind die Arbeit unserer Stiftung in Polen wie auch die polnisch-deutschen Beziehungen überhaupt mehrfach bearbeitet und gewürdigt worden. Wenn ich ein Motto angeben sollte, unter dem diese Polenarbeit stand und noch immer steht, so könnte ich wohl kein besseres als das Wort Willy Brandts finden, der seine Polenpolitik mehrfach mit dem Titel versehen hat:„Nie mehr eine Politik über Polen hinweg!“ Diese partnerschaftliche Idee hat uns auch vor drei Jahren motiviert, das noch immer konfliktreiche Thema der Vertreibungen nicht national einseitig, sondern im gemeinsamen europäischen Geist zu bearbeiten und historisch aufzuarbeiten. In der Auslage finden Sie dazu unsere neueste Veröffentlichung unter dem Titel:„Vertreibung gesamteuropäisch erinnern. Gemeinsam – nicht getrennt!“. Wir haben die Hoffnung, dass das hier im Hause gegründete„Europäische Netzwerk“, das sich den Vorgängen der Zwangsmigration und Vertreibung im 20. Jahrhundert widmet und inzwischen in Warschau Sitz genommen hat, bald möglichst seine Arbeit ausbauen und intensivieren kann. Wenn ich die internationale Arbeit der Friedrich-Ebert-Stiftung überblicke, so muss ich feststellen, dass wir wohl mit keinem europäischen Nachbarland so viele und intensive historische Veranstaltungen durchführen wie mit Polen. Dies auszuführen fehlt hier die Zeit. Für den Bonner Raum kann ich jedoch fest- 9 stellen, dass die heutigen Mitveranstalter, die Deutsch-Polnische Gesellschaft wie auch der Verein„Gegen Vergessen – Für Demokratie“ und damit auch die in diesen Vereinen aktiven Vertreter der Konrad-Adenauer-Stfitung, die ich hiermit ausdrücklich begrüße, verlässliche Partner waren. Vielen Dank, dass Sie auch dieses Mal zu dieser gemeinsamen Veranstaltung beigetragen haben. Das große Interesse an Ihrem Vortrag, sehr geehrter Herr Botschafter, dürfte vermutlich nicht zuletzt dem Umstand zuzuschreiben sein, dass die polnisch-deutschen Beziehungen derzeit nicht die allerbesten sind. Besonders schwer wirken sich historischen Belastungen aus, die nicht zuletzt auch mit Auschwitz zu tun haben. Aber wir sollten nicht nur an die gegenseitigen Verletzungen, an die ungeheuren Verbrechen des nationalistischen Deutschland erinnern. Wichtig ist auch, die Gemeinsamkeiten unserer beiden Völker bewusst zu machen, sollten dies die jahrhundertlange Kooperation, die Polenbegeisterung der Jahre 1830-1832 sein, der wir unsere letzte Polenausstellung gewidmet hatten, oder die gegenseitige Befruchtung, die polnische und deutsche Oppositionsbewegungen stärkten und zum Sturz des Ostblocks führten. Hierbei, das möchte ich abschließend ausdrücklich betonen, kam Polen das ganz hervorragende Verdienst zu, einen entscheidenden Anteil am Zusammenbruch der kommunistischen Diktatur zu haben und damit auch zum Sturz des DDR-Regimes beigetragen zu haben. Wir hoffen daher, dass die jahrelange Zusammenarbeit unserer Völker inzwischen so stark verwurzelt ist, dass die aktuellen Differenzen bald beigelegt sein und die europäischen Gemeinsamkeiten deutlicher hervortreten werden. 10 Prof. Dr. Friedhelm Boll, Historisches Forschungszentrum der Friedrich-Ebert-Stiftung 11 Prof. Dr. Friedhelm Boll „Heilmittel für die Wunden der Vergangenheit.“ KZ-Überlebende und junge Menschen im Dialog Die Ausstellung der Internationalen Jugendbegegnungsstätte ist nicht die erste Ausstellung zum Thema Auschwitz, die in der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn gezeigt wird. Vor Jahren war hier die Ausstellung„Schweigendes Grauen“ des bekannten Fotografen Axel Thünker zu sehen, zu deren Eröffnung der damalige Direktor des Museums Auschwitz, Kazimirz Smole ń , und ein Holocaust-Überlebender, unser Freund Prof. Dr. Feliks Tych, angereist waren. In der Ausstellung wurden Überreste der Lager und der zurück gelassenen Asservaten der Häftlinge gezeigt. Die Zimmer voll Schuhe, Brillen, Koffer, Babykleidung, Krücken, Zahnbürsten etc. vermittelten zwar keine präzisen Kenntnisse, wohl aber eine Ahnung von den dort von Deutschen begangenen Verbrechen. Die Begrenzung der AusstellungsThematik auf die Überreste passt zu der seit langem von Forschern und Museumsleuten geteilten Überzeugung, dass Auschwitz nicht„ausgestellt“ werden kann. Viele Spezialisten der nationalsozialistischen Massenverbrechen sagen, Auschwitz kann nicht einmal – auch nicht von den Überlebenden – hinreichend erzählt werden. 1 Die massenhafte, industriell betriebene Menschenvernichtung entzieht sich in einem tieferen Sinne der menschlichen Kommunikation, weil die dortigen Vorgänge allen denkbaren Regeln des menschlichen Zusammenlebens fundamental widersprechen. Volles Verstehen oder Erzählen sind daher nicht oder doch nur sehr eingeschränkt möglich. 2 Nicht zu 1 Siehe Elie Wiesel, Die Nacht. Erinnerung und Zeugnis, Freiburg 1996. 2 Ausführlicher dazu: Friedhelm Boll, Sprechen als Last und Befreiung. Holocaust-Überlebende und politisch Verfolgte zweier Diktatu- 12 Unrecht wird daher sehr oft an den Satz des italienischen Auschwitz-Überlebenden Primo Levi erinnert, der sagte: dass die wirklichen Zeugen die„Muselmänner und die Untergegangenen“ sind, d.h. diejenigen,„die den tiefsten Punkt des Abgrunds berührt haben“ und nicht mehr zurückkehrten oder die – wenn sie zurückkamen – stumm geworden sind. 3 Nun soll keineswegs gesagt sein, dass es keinen Sinn macht, denen zuzuhören, die überlebt haben. Sie sind es vor allen anderen, die uns das fundamentale Wissen über das vermittelten, was in Auschwitz vor sich ging. Aber: Es wird immer ein begrenztes Wissen bleiben, das wir von diesem Ort der Hölle haben werden. Begrenzt bleibt unser Wissen schon auf Grund der kleinen Zahl derjenigen, die überhaupt überlebt haben. Rudimentär und eingeschränkt bleibt jedoch unser Wissen darüber hinaus, weil nur eine kleine Zahl der Überlebenden den Weg fanden, über ihre Erfahrungen zu berichten. Die heutige Ausstellung zeigt einen völlig anderen Aspekt von Auschwitz, einen überraschenden, neuen, unerwarteten: Sie zeigt, dass Auschwitz inzwischen auch eine neue Bedeutung bekommen hat, die, wenn auch eher klein und zurückhaltend, aber doch wichtig ist: Auschwitz als Ort der Begegnung, Begegnung von Überlebenden und von jungen Menschen aus verschiedenen Ländern. Auschwitz als Ort auch der Reflektion, des ren. Ein Beitrag zur deutsch-deutschen Erinnerungskultur, Bonn 2. Auflage 2003, S. 135 ff. 3 Levi, Die Untergegangenen, zitiert nach Kaminer, Isidor(1997 2 ): On razors edge“ – Vom Weiterleben nach dem Überleben, in: Fritz Bauer Institut(Hrsg.), Auschwitz. Geschichte, Rezeption und Wirkung. Jahrbuch des Fritz Bauer Institut, Frankfurt 1996, S. 139-160, hier S. 143. 13 Gedankenaustauschs, des Nachdenkens über das, was den Kern des Menschseins ausmacht. Auch in dieser Ausstellung sehen wir nicht das, was sich damals abspielte. Aber wir sehen Menschen, die nicht stumm geworden sind, die – auf welchem beschwerlichen Weg auch immer – eine Möglichkeit fanden, ihre damaligen Erfahrungen in Worte zu fassen und an junge Menschen weiterzugeben. Der Weg von den damaligen Erfahrungen über die immer wieder aufbrechenden traumatischen Erinnerungen zur Verbalisierung und zur individuellen Rekonstruktion der Erinnerung, d.h. zur persönlichen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, ist für die meisten der hier dargestellten Personen ein langer, vielfach schmerzlicher und äußerst belastender Weg gewesen. Bei diesem gedanklichen Weg aus der Hölle von Auschwitz zurück in die menschliche Gesellschaft spielten auch Zuhörer, nicht selten gerade deutsche Zuhörer, eine Rolle. Dies möchte ich an ein paar Beispielen erläutern. Anknüpfen möchte ich an den Umstand, dass die von Leszek Szuster und Christoph Heubner konzipierte Ausstellung zum Thema Auschwitz hier erstmals, wie mir scheint, nicht nur Fotos von Überlebenden, sondern in Verbindung damit auch Fotos von jungen Menschen zeigt. Warum? Tut man damit den jungen Menschen nicht zuviel Ehre an, sie neben die Porträts von Auschwitz-Überlebenden zu stellen? Haben sie denn etwas geleistet, was diese Ehre verdient? Nun, jeder der hier Porträtierten wird wissen, dass er stellvertretend für viele andere steht: Die Einen stehen stellvertretend für die Überlebenden, die anderen stellvertretend für die große Anzahl der Hörer und Leser der Zeugnisse der Überlebenden. Diejenigen, die sich der Last des Erzählens oder Schreibens, die sich der Pein unterzogen, ihre 14 Ängste und Erinnerungen an mannigfache Erniedrigung und Entmenschlichung, an Dreck, Elend, Hunger und unmenschliche Angst noch einmal zu erleben, um sie sprachlich zu gestalten und zu verarbeiten, hofften auf Zuhörer und Leser. Und sie haben diese Hörer und Leser gefunden! Und sie haben neben der Last der Erinnerung auch die befreiende Erfahrung des DarüberErzählen-Könnens gemacht. Und sie haben junge Menschen gefunden, die Ihre Botschaft des Nie-wieder!, ihre Botschaft der Menschlichkeit, aufnehmen und weitertragen. Viele haben dies als Genugtuung, als Befreiung von ihrem Hass oder gar als Linderung ihrer Ängste erlebt. Wenn ich diesen Aspekt der Begegnung, der inzwischen auch mit Auschwitz verbunden ist, hier hervorhebe, dann nicht nur, weil er mir von den Ausstellungsmachern vorgegeben wurde. Der tiefere Grund liegt in der Bedeutung, den die Zuhörer für die Überlebenden selbst bilden: Das Erzählen und das Zuhören bilden nämlich ein dialogisches Verhältnis. Dieses besteht nicht nur einseitig in der Rekonstruktion der erdrückenden und beschämenden Erinnerungen auf der Seite der Zeitzeugen, sondern auch im aktiven Aufnehmen und Aushalten dieser Berichte auf der Seite der jungen Menschen. Sie, die Zuhörer, geben den Überlebenden etwas zurück. Sie sind nicht nur inaktive oder stumme Rezipienten einer schier unglaublichen Botschaft. Mit ihrer Empathie bringen sie den ehemals Verfolgten ein Stück Menschlichkeit zurück, das die Nazis Ihnen geraubt haben. Sie helfen, den unendlichen Hass zu besiegen, der sich in den Seelen der Überlebenden eingefressen hat, den Hass auf alles Deutsche, auf die deutsche Sprache, die Lieder, die Arroganz des deutschen Herrenmenschentums. 15 Viele, ja fast alle Überlebenden haben einmal geschworen, nie mehr deutschen Boden zu betreten. Weil sie Freunde in Deutschland gefunden haben, haben sie diesen Schwur gebrochen. Eine der bekanntesten ist Anita Lasker-Wallfisch, die 40 Jahre lang sogar dann die Reise nach Deutschland absagte, wenn sie diese aus beruflichen Gründen(als Musikerin) hätte wahrnehmen müssen. Erst als die Gedenkstätte Bergen-Belsen sie einlud, konnte sie sich überwinden, wieder deutschen Boden zu betreten. Ihr Hass und die Überwindung des Hasses auf Grund der deutschen Erinnerungskultur ist eines ihrer wichtigsten Themen. So zitiert sie in Ihren Erinnerung an Auschwitz aus einem Brief, den sie kurz nach der Befreiung in Bergen-Belsen an ihre Schwester nach London schrieb. „So wie ich das deutsche Volk hasse, ja AUSNAHMSLOS hasse, wenn Ihr nur irgend begreifen könnt, was hassen heißt. Es geht so weit, dass ich(und in meiner Eigenschaft als Dolmetscher passiert mir das öfter), wenn ich mit ihnen zu sprechen habe, mich umdrehen muss, um ihnen nicht ins Gesicht zu schlagen. Jedem einzelnen, auch die mir persönlich nichts getan haben und die von dem Gräuel der Konzentrationslager nichts gewusst haben.“ 4 Und nun kommt sie ganz regelmäßig nach Deutschland, weil sie neben ihren beiden Berufen als Musikerin und Großmutter auch noch der Berufund als Zeitzeugin nachgeht. Im Übrigen, so meint sie heute, seien ihre Besuche in Deutschland besser und wichtiger, als draußen zu bleiben und zu hassen. 4 Anita Lasker-Wallfisch, Ihr sollt die Wahrheit erben. Breslau Auschwitz- Bergen-Belsen. Mit einem Vorwort von Klaus Harpprecht, Bonn 1997 und Reinbek 2000, S. 157(Hervorhebung im Original). 16 Aktives Zuhören und persönliches Interesse helfen bei der sprachlichen Bewältigung der Erinnerungen und bringen die Hochachtung vor der psychischen Leistung der Überlebenden zum Ausdruck. Die Bedeutung der Empathie der Zuhörer lässt sich besonders gut an der Tatsache ablesen, dass selbst bekannte Holocaust – Autoren wie Imre Kertécz und Primo Levi eindringlich betonen, dass sie lange Zeit keinen Weg gefunden haben, in adäquater Weise von ihren Erfahrungen zu berichten. Man habe sie einfach nicht verstehen wollen. Das Beispiel eines vergeblichen Versuchs, die Hölle der Lager Auschwitz und BergenBelsen anzusprechen erzählte Antia Lasker-Wallfisch in einem Interview vom 2.10.1999. Auf die Frage, wann sie zum ersten Mal die Gelegenheit gehabt habe, über die Verfolgung zu reden, schilderte Anita LaskerWallfisch ein geradezu klassisches Missverständnis, das ihr lange Zeit den Mut geraubt hatte, vom KZ zu erzählen. Kurz nach der Befreiung hatte in Bergen-Belsen ein Konzert stattgefunden, das Musikgeschichte gemacht hat. Der Solist dieser Veranstaltung, Jehudi Menuhin, hat in seinen Memoiren über dieses Konzert berichtet und es als Meilenstein seiner persönlichen Entwicklung und seines Verständnisses des Holocaust bezeichnet. Auch für Anita Lasker-Wallfisch bedeutete dieses Konzert, an dem sie als Zuhörerin teilnahm, außerordentlich viel. In einem Brief vom 30. Juli 1945 schrieb sie davon.„Etwas Wunderbareres“ als den Klavierbegleiter von Menuhin hätte sie sich kaum vorstellen können. 5 Erst Jahre später erfuhr sie, dass es sich bei diesem Begleiter um Benjamin Britten gehandelt hatte. Nachdem sie zusammen mit 5 Lasker-Wallfisch, Ihr sollt die Wahrheit erben, S. 172, Abdruck des Briefes. 17 einigen anderen Musikern das London Chamber Orchestra gegründet hatte, ergab es sich, dass sie mehrmals mit Menuhin und Britten Konzerte gab. Bei einem dieser Zusammentreffen geschah folgendes: „Ich werde Ihnen etwas sagen, was mir die Sprache verschlagen hat. Das war kurz nachdem ich nach England gekommen bin. Ich habe angefangen, etwas zu erzählen, ja. Ich habe Jehudi Menuhin getroffen, der in Bergen-Belsen nach der Befreiung ein Konzert gegeben hat mit Benjamin Britten. Ich habe danach diesen Brief geschrieben. 6 Einige Jahre danach habe ich in diesem Orchester gespielt und Menuhin war der Solist. Da habe ich mir gedacht, ich werde ihm mal sagen, dass ich bei diesem Konzert war. Das ist doch interessant. Ich bin doch über eine Mauer gesprungen. Damals war ich auf der anderen Seite der Gleichung.“ Ihre Formulierung, sie sei über eine Mauer gesprungen, lässt sich ohne weiteres in doppeltem Sinne verstehen: Einerseits fasste sie sich ein Herz, Menuhin auf das KZ-Bergen-Belsen anzusprechen, andererseits will die Erzählerin sagen, dass sie damals nicht als Musikerin, sondern als Zuhörerin(als ehemaliger KZ-Häftling) dabei war. „In der Pause ging ich zu ihm und sagte:‘Ich war bei diesem Konzert in Bergen-Belsen, das Sie mit Benjamin Britten gegeben haben.’ Und ich habe wahrscheinlich eine Reaktion erwartet – man darf ja nie etwas erwarten –, hab’ gemeint, der Mann wird sagen:‘Wirklich? Ach ja!? Was ist passiert? Wie sind sie 6 Siehe ebd. 18 jetzt in dieses Orchester gekommen?’ Nichts hat er gesagt:‘Ach ja?’ und hat sich sofort an andere Leute gewandt. Ich war vollkommen deflated, wie man sagt. Ja, ich war irgendwie... gedemütigt. Plötzlich hatte das überhaupt kein Interesse mehr für den Mann. Und ich glaube, an diesem Tage habe ich mich entschieden, auch niemals mehr den Mund aufzumachen und mich solchen Situationen auszusetzen, in denen überhaupt kein Interesse besteht.“ Obwohl sie in den folgenden Jahren häufig mit Menuhin aufgetreten ist, hat sie ihn niemals wieder auf diese Geschichte angesprochen. Einschränkend erläutert sie, dass sie vielleicht einen unglücklichen Zeitpunkt(während der Pause eines Konzerts!) gewählt habe oder Menuhin vielleicht aufgeregt oder mit anderen Gedanken beschäftigt gewesen sei, um auf ein so schwieriges Thema adäquat einzugehen. Dennoch, so betonte sie, habe sie diese Reaktion seitens des weltbekannten Geigers doch enttäuscht, zumal er später in seinen Memoiren seinen damaligen Besuch in Bergen-Belsen als ein für ihn außerordentlich wichtiges Ereignis hervorgehoben habe. 7 Wie lange dieses Schweigen anhielt, war nicht genau zu eruieren. Sie berichtete jedoch, dass sie zu Britten nicht zuletzt aufgrund des Briefes von 1945 ein weit besseres Verhältnis bekam und mit ihm auch über Bergen-Belsen sprechen konnte. Die außerordentliche Empathie gerade junger Menschen zeigt sich auch am Umfeld mancher, der in der Ausstellung porträtier7 Als Menuhin 1979 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, galt dies nicht nur dem Musiker, sondern gerade auch dem Humanisten. 19 ten Überlebenden. Dort haben sich nicht selten kleine Vereine oder Freundeskreise gebildet, die dabei helfen, Interviews in Bücher zu verwandeln, Zeitzeugengespräche zu vermitteln, Besuchsreisen zu organisieren. Allein aus dem Raum Kassel sind mir vier Kreise bekannt, die sich um polnische oder polnischjüdische KZ-Überlebende gebildet haben. Einer davon, der um den langjährigen Auschwitz-Häftling Stanis ł aw Hantz aus Zgorzelec, ist auch in dieser Ausstellung vertreten. 8 Ähnlich sieht es bei Henryk Mandelbaum aus, über den seine Freunde eine eigene Fotoausstellung zusammengestellt haben. 9 Die zwischen KZ-Überlebenden und den vielfältigen Initiativen der deutschen Erinnerungskultur im Laufe der letzten dreißig Jahre entwickelten Initiativen lassen sich quantitativ gar nicht abschätzen. Auf eine Initiative aber möchte ich besonders hinweisen, auf das katholische Maximilian-Kolbe-Werk. Im Anschluss an den Frankfurter Auschwitzprozess hatte sich Mitte der 1960er Jahre auf Initiative der katholischen Pax-ChristiBewegung ein Kreis von Katholiken gebildet, der polnische Prozess-Zeugen betreute. Daraus war die Idee entstanden, dass möglichst alle noch lebenden polnische KZ-Häftlinge wenigstens einmal in ihrem Leben mit Deutschen zusammentreffen sollten, die keine Nazis waren. Briefwechsel, Hausbesuche, Finanzierung von Krankenhausaufenthalten in Polen, Bildung von Gesprächskreisen und schließlich auch Gruppenbesuche und 8 Hier sei auf das Bildungswerk Stanis ł aw Hantz besonders hingewiesen: http://www.bildungswerk-ks.de/das-bildungswerk-stanislaw-hantz. Siehe auch: Karin Graf, Zitronen aus Kanada. Das Leben mit Auschwitz des Hantz. Biografische Erzählungen, O ś wi ę cim 1998. 9 Nur die Sterne waren wie gestern. Ausstellung über den ehemaligen Sonderkommando-Häftling Henryk Mandelbaum, in: analyse+kritik Nr. 506/ 19.5.2006. 20 Kuraufenthalte in Deutschland sowie Begegnungen in Schulen kamen hinzu. 10 Als diese Idee in den 1970er Jahren organisatorisch verwirklicht wurde, konnte sie sehr viel Gutes bewirken, auch wenn dies nur in der Stille geschah. Zwar wurde in Deutschland oft und intensiv über die aus diesen Kontakten entstandenen Partnerschaften, z.B. mit deutschen Schulen, oder über Kuraufenthalte und Zeitzeugengespräche von KZÜberlebenden berichtet, im kommunistisch regierten Polen jedoch blieb das Thema tabu. Deutschland sollte kein positives Image erhalten, weil es dann als Feindbild ausscheiden und zur Stabilisierung des Regimes nicht mehr taugen werde. Jahrelang war es nur über den Umweg österreichischer Freunde aus dem Kreis von Kardinal König möglich, Geld- und Hilfeleistungen nach Polen zu bringen. Dass die Versöhnungsgesten von Deutschen kamen, ist daher in der polnischen Öffentlichkeit lange Zeit nicht bekannt geworden. Zum Abschluss möchte ich Ihnen einige der Zuschriften vorlesen, die im Archiv des MaximilianKolbe-Werkes vorliegen und die den lindernden, heilenden, fast therapeutischen Stellenwert dieser Begegnungen beschreiben: In einem Brief von 16 Überlebenden der Warschauer Vereinigung der„Kinder des Holocaust“ ist von den gemischten Gefühlen die Rede, mit denen die Gruppe die Einladung zu einem Erholungsurlaub in Deutschland aufgenommen hat. 11 Als versteck10 Grundlegend jetzt: Arkadiusz Stempin, Das Maximilian-KolbeWerk. Brückenbauer zwischen den deutsch-polnischen Fronten in den Jahren der Entspannungspolitik, in: Archiv für Sozialgeschichte 45 (2005), S. 215-236. 11 Diese wie die folgenden Beispiele sind, falls nichts anderes angegeben wurde, einer Broschüre entnommen: Maximilian-Kolbe-Werk (Hrsg.), Fragt uns, wir sind die letzten... Zeugnisse von Überlebenden der nationalsozialistischen Konzentrationslager und Gettos, Redaktio- 21 te Kinder hatten sie„in diesem Meer des Hasses, von dem unser Volk umgeben war“, überlebt. Vor sich selbst und vor der polnischen Öffentlichkeit suchten sie zu rechtfertigen, dass sie die Einladung nach Deutschland annahmen. Dazu hieß es: „Die Entscheidung auf Einladung des Maximilian-Kolbe-Werks nach Deutschland zu fahren, trafen wir mit gemischten Gefühlen.[...] In jener Zeit[des Weltkriegs] fanden sich Menschen, die uns in diesem Meer des Hasses, von dem unser Volk umgeben war, ihre helfende Hand entgegenstreckten und uns, unter Gefährdung des eigenen Lebens, halfen zu überleben. Es waren wenige. Darum ist auch jetzt die Zahl der ‚Kinder des Holocaust’ so verschwindend gering im Angesicht jener sechs Millionen... Es ist nötig, den Teufelskreis des Hasses zu durchbrechen. Wir kamen zu der Überzeugung, dass wir die uns entgegengestreckten Freundschaftshände nicht zurückweisen dürften, Hände die zu Vertretern des Volkes gehörten, das einst[...] Darum ergreifen wir Ihre Hand und nehmen Ihre Bitte um Versöhnung an. [...] Dank der Atmosphäre, die Sie geschaffen haben, war es vielen von uns möglich, sich zu öffnen und vielleicht zum ersten Mal im Leben über das Geschehene zu sprechen. Das hat uns sehr geholfen.“ Immer wieder wird der Gedanke betont, dass die Begegnung mit anderen, nicht nationalsozialistisch gesinnten Deutschen und die Möglichkeit, die traumatischen Erfahrungen auszusprechen, sehr geholfen haben. Manchmal wird dann auch direkt die Hilfe nelle Bearbeitung Elisabeth Erb/Werner Müller, Ettenheim 2000, S. 62 ff. 22 bei der Überwindung des„krankmachenden Hasses“ erwähnt. Wies ł awa Skibi ń ska-Skutecka schreibt: „Durch persönliche Kontakte konnte das Bild der Deutschen, wie ich es aus dem Lager kannte, ausgelöscht werden. Später sind viele Mitarbeiter des Maximilian-Kolbe-Werkes in unser Haus gekommen. Das waren Menschen, die Sympathie geweckt haben und Anerkennung für ihre Arbeit verdienen. Ich kann als Beispiel dienen für alle, die früher voll Hass gegen Deutsche waren. Einen solchen Hass, wie ich ihn hatte, kann man sich bei einem 12jährigen Mädchen nur schwer vorstellen. Jetzt fahre ich nach Deutschland, denn ich habe dort Freunde.“ Vielfach wird auch betont, dass es weniger die materielle, als die moralische Hilfe sei, die„als Heilmittel für die Wunden der Vergangenheit“ bezeichnet wird. Eine Gruppe von 33 Auschwitz-Überlebenden telegrafierte an Heiligabend 1979 u.a.:„Indem wir Liebe säen, überwinden wir den Hass.“ Im Anschluss an den Besuch von Bundeskanzler Helmut Schmidt im KZ Auschwitz im Jahre 1977 schreibt eine Warschauerin, die Rede des Bundeskanzlers sei für sie sehr hilfreich gewesen, da er ihrem in Auschwitz ermordeten Vater Ehre erwiesen habe. Jetzt sei sie„von der schweren Bürde des Hasses befreit“, könne „zwischen Deutschen und Deutschen unterscheiden“ und habe beschlossen, Deutsch zu lernen,„noch vor kurzem eine abscheuliche Sprache“. In einem späteren Brief schrieb sie an den Gründer des Maximilian-Kolbe-Werks:„[...] ich kann gar nicht sagen, wie oft ich Ihren Brief gelesen habe. Ihre Worte sind wie Balsam, der in meiner Seele Heilung bewirkt.“ Interessant ist auch das Beispiel Wanda Switkowskas, die zunächst auf Polnisch um intensivere Kontakte bittet: 23 „Könnten Sie mir helfen[...] und einfach schreiben, einen Brief. Vielleicht würde es mir helfen, den lodernden Hass aus meinem Herzen zu verbannen. Ich wünsche mir so sehr die Versöhnung zwischen Polen und Deutschen, diese möchte ich auch an meiner Person erfahren.“ Auf einen Antwortbrief von Elisabeth Erb, der Leiterin des Maximilian-Kolbe-Werks, schrieb sie dann in deutscher Sprache, dass sie bisher wegen des Todes ihres geliebten Vaters im KZ„in Feindschaft gegenüber den Deutschen verharrte.“„Sie haben mich von der quälenden Last des Kriegsgespensts befreit.[...] Wunder, einfach Wunder[...] ich fühle mich so wohl und frei.“ Von besonderer Bedeutung ist in unserem Zusammenhang das Zeugnis von Stanis ł awa Rachwa ł owa, die nach der KZ-Haft in einem polnischen Nachkriegsgefängnis saß. Sie hatte gegen das kommunistische Regime gearbeitet. “Jeder Häftling träumte im Lager davon, seine Verfolger verhaftet und entwürdigt zu sehen. Er stellte sich dann vor, daß er selbst die Freiheit genießen würde, aber seine Verfolger auf ihre verdiente Strafe warten und dabei Angst und Verzweiflung erleben. Das Schicksal erfüllte mir diesen Traum ganz unerwartet. Nach meiner Befreiung aus dem Konzentrationslager wurde ich 1946 als Feind des kommunistischen Staates durch ein polnisches Militärgericht zum Tode verurteilt und wartete im MontelupichGefängnis in Kraków auf die Vollstreckung des Urteils. Hier begegnete ich der SS-Oberaufseherin Maria Mandel, der Leiterin des Frauenlagers Auschwitz-Birkenau. 24 Es war eine große Genugtuung für mich, als ich die Mandel auf den Knien die Korridore putzen sah. Bei einer zweiten Begegnung ging sie mit anderen ehemaligen KZ-Aufseherinnen verlegen und erschrocken an mir vorbei. Sie erkannte mich gleich, denn wegen meiner Arbeit im Lager war ich oft mit ihr zusammengekommen. Ich erinnerte mich, wie ich einmal in der Kirche Kartoffeln und Kraut ‚organisierte’. Hinter der Baracke kochten wir dann Suppe, als plötzlich Mandel erschien und uns verprügelte, mit Füßen stieß, mit dem Gürtel auf uns einschlug, auf Kopf und Augen wie eine Furie. Eine Spezialität der Mandel waren gezielte Fußtritte in den Unterleib. Als geübte Boxerin verfügte sie über eine Reihe von Techniken, mit denen sie ohne große Anstrengungen den Häftlingen schwerste Verletzungen zufügen konnte. Wie in einem ablaufenden Film sah ich mich als Lagerhäftling – schmutzig, verlaust. Einmal wurde ich von der Gefängnisleitung aufgefordert, als Dolmetscherin den ehemaligen KZAufseherinnen Befehle zu erteilen, wie sie im Lager den Häftlingen erteilt hatten: laut schreiend, brutal. Die Zelle wurde aufgeschlossen, und die Deutschen saßen ruhig da. Sie schauten frech auf die Aufseherin und auf mich. Vor Zorn wurde mir schwarz vor Augen, und ich schrie aus voller Kehle: ‚Achtung’! Sofort standen sie auf und reihten sich in Habachtstellung nebeneinander. Wie eine Lawine stürzten die Wörter aus mir heraus, wie man sie uns im Lager 25 entgegengeschleudert hatte. Ich spürte, dass keine Sekunde mehr vergehen würde, bis ich anfing, unsere Verfolgerinnen und Mörderinnen zu schlagen, in ihre Gesichter, ohne Erbarmen. Doch plötzlich sah ich entsetzte Augen und Gesichter, erstarrt, bewegungslos, die mit verhaltenem Atem auf Schläge warteten. Ich habe nicht auf sie eingeschlagen. Mir wurde bewusst, daß sie Häftlinge waren, daß es eine üble Vergeltung wäre, einen Häftling zu schlagen. Ich wurde von normalem, menschlichem Schamgefühl erfasst, ging in meine Zelle, warf mich auf meinen Strohsack und fing bitterlich an zu weinen. Das war es nicht, was ich mir vorgestellt hatte. Ich erkannte, daß in der menschlichen Seele eine Bestie schlummert, die nur auf eine passende Gelegenheit lauert. Zugleich wurde mir bewusst, daß ich diese Bestie nicht loslassen durfte, daß ich anderen Gesetzen verpflichtet war.“ Die Aufarbeitung der NS-Geschichte hat in Deutschland nach langen Phasen des Verschweigens und Verdrängens einen wichtigen Platz im Geschichtsbewusstsein, in den Schulbüchern, im Unterricht und in der deutschen Literatur erlangt. Parallel zur Einbindung Deutschlands in den europäischen Kontext wurde mit dem Ausbau der Gedenkstätten eine neue Phase der Internationalisierung der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit erreicht. An vielen Stellen hat sich eine grenzüberschreitende Erinnerungskultur entwickelt, die insbesondere an den großen Gedenkstätten in Auschwitz genauso wie in Dachau oder Sachsenhausen angesiedelt ist. Jährlich ca. zwei Millionen Besucher allein 26 in den fünf großen NS-Gedenkstätten des Landes und noch mal so viele in den Gedenkstätten Berlins legen davon Zeugnis ab. Das Zuhören und Aufnehmen der Lebensgeschichten der NSVerfolgten hat dazu beigetragen, dass die Gespenster der Vergangenheit vertrieben werden und Vertrauen, ja Freundschaft gerade auch grenzüberschreitend entstehen konnte. Allerdings steckt ein wirklich europäisches Geschichtsbewusstsein noch in den Anfängen. Historische Erinnerungspolitik führt nicht automatisch zum Abbau von Hass und zur Freundschaft über den Gräbern, wie wir dies bei Begegnungen mit KZÜberlebenden, in der Arbeit des Maximilian-Kolbe-Werks oder bei der Arbeit des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge beobachten können. Erinnerungspolitik kann auch neue Gräben aufreißen, wie uns das ominöse Projekt des„Zentrums gegen Vertreibungen“ lehrt. Mit Blick auf das Vertreibungsthema hat die Friedrich-EbertStiftung die Meinung vertreten, dass diese vielschichtige Problematik der Vertreibungen und Zwangsumsiedlungen nur grenzüberschreitend und gemeinsam aufgearbeitet werden kann. 12 Nationale Alleingänge tendieren stets dazu, einseitige Schuldzuweisungen zu produzieren. Wer – wie der Bund der Vertriebenen im Jahre 2000 – ein Museum zur Vertreibungsgeschichte verlangt und gleichzeitig von Polen und Tschechien offizielle Entschuldigungen und – unter der Hand – sogar Entschädigun12 Historisches Forschungszentrum der Friedrich-Ebert-StiftungStiftung(Hrsg.), Vertreibung gesamteuropäisch erinnern. Gemeinsam – nicht getrennt!, Bonn 2007(Texte: Friedhelm Boll/Brita Lenz); vgl auch: Anja Kruke(Hrsg.), Zwangsmigration und Vertreibung – Europa im 20. Jahrhundert, Bonn 2006, wo ausführlich grenzüberschreitende Erinnerungsprojekte zum Thema Vertreibung dargestellt werden. 27 gen fordert, weckt Aggressionen. Wir haben daher im Jahre 2004 mit dem in Bonn gegründeten„Europäischen Netzwerk Zwangsmigrationen und Vertreibungen im 20. Jahrhundert“ eine organisatorische Alternative entwickelt, der sich auch die die polnische Regierung im Frühjahr 2005(also die Vorgänger der Regierung von Jaros ł aw Kaczynski) angeschlossen hatte. Leider liegt dieser in europäischem Geist verfasste Ansatz des sogennanten„Netzwerks Erinnerung und Solidarität“ weitgehend auf Eis; jede polnische Regierung ist jedoch eingeladen, sich ebenfalls daran zu beteiligen. Abschließend möchte ich auf einen Versuch zur Aufarbeitung der Weltkriegsgeschichte zu sprechen kommen, der, auch noch recht jung, vor wenigen Jahren in Frankreich realisiert wurde und trotz problematischer Einzelheiten einen interessanten Neuansatz in der Darstellung vergangener Kriege bildet. Wer dort die große repräsentative Erinnerungsstätte zur Geschichte des 2. Weltkriegs in Caen besucht – sie befindet sich in der Normandie, wo amerikanische, kanadische, britische, französische und eine große polnische Militäreinheit bei der Landung der Alliierten begannen, Europa vom Nationalsozialismus zu befreien –, wer also diesen berühmten europäischen Erinnerungsort besucht, wird nicht nur mit einer ausführlichen Geschichte des 2. Weltkriegs konfrontiert, sondern erfährt grundlegende Informationen über den deutschen Widerstand, die europäische Einigung und die Entwicklung der deutschfranzösischen Freundschaft. 13 Dadurch gelingt es, die Muse13 Friedhelm Boll,„Vous n’avez pas honte de venir ici? Widersprüche in der Erinnerungskultur der Normandie, in: Pierre Béhar, Françoise Lartillot, Uwe Puschner, Médiation et Conviction. Mélanges offerts à Michel Grunewald, Paris 2007, S. 139-157. 28 umsbesucher nicht im geistigen und emotionalen Horizont der militärischen Konfrontation von 1943/44 zu belassen, sondern sie auch auf das hinzuweisen, was folgte: Was Politiker(z.B. bei der europäischen Einigung) und gesellschaftliche Gruppen(z.B. bei Städte- und Schulpartnerschaften, Aktion Sühnezeichen, Kriegsgräberfürsorge) aus der Katastrophe von 1933-1945 lernten und was sie grenzüberschreitend daraus machten. Angesichts der vielen bereits bestehenden polnisch-deutschen Kontakte und Initiativen zur gemeinsamen Aufarbeitung von Geschichte(Vereinigung Borussia, Maximilian-Kolbe-Werk, Städtepartnerschaften u.ä.) könnte überlegt werden, ob auch im Kontext des Museums des Warschauer Aufstands, des Symbols der deutschen Kriegsgräuel gegen die polnische Zivilbevölkerung, eine kognitive wie emotionale Brücke in die Zeit von heute, die Zeit des Ausgleichs, der Verständigung und der europäischen Einigung geboten werden könnte. Die intensive Beschäftigung mit der Geschichte des Zweiten Weltkriegs kann bei einem möglicherweise aufrüttelnden Museumsbesuch, z.B. in Auschwitz oder im Museum des Warschauer Aufstands, bei jungen Besuchern Emotionen wecken. Dass dadurch bei polnischen(und übrigens auch bei deutschen) Besuchern Gefühle des Hasses und der Scham entstehen, steht ebenfalls zu erwarten. Die Variante, die das Mémorial de Caen in der Normandie gefunden hat, bietet hier ein Angebot, wie die Perspektive des Hasses aufgefangen und im Sinne einer multiperspektivischen Museumsarbeit auf Themen der Versöhnung und der Überwindung des Hasses gelenkt werden können. Damit werden auch Hinweise einer zukunftsweisenden Handlungsorientierung gegeben. 29 Auch wenn ich für die deutsche Seite mit dem Blick auf eine differenzierte und vielfältige NS-bezogene Erinnerungslandschaft eine insgesamt positive Bilanz ziehe, dürfen doch gravierende Defizite nicht übersehen werden: Polen als erstes Opfer der NS-Aggression ist in der Bundesrepublik nicht so repräsentiert, wie es wünschenswert wäre. In diesem Zusammenhang müsste auch einer breiten Öffentlichkeit deutlich werden, dass Polen mit der Vernichtung seiner Intellektuellen, seiner Priester, seines Judentums, seiner staatlichen und kulturellen Existenz in unvergleichbarer Weise getroffen wurde. Hier sollte – möglichst gemeinsam mit Polen und mit den deutsch-polnischen Gesellschaften – viel mehr geschehen. Außerdem haben wir es auch in Deutschland mit Fremdenfeindlichkeit, Hass und Antisemitismus zu tun, die es politisch konsequent zu bekämpfen gilt. Das Beispiel der IJBS Auschwitz zeigt, dass die Verständigung über die Wunden der Vergangenheit grenzüberschreitend möglich ist, dass dies durchaus ein verbindendes Element sein und zu Verständigung und Freundschaft führen kann. Die konkrete Arbeit der IJBS wirkt einer„selbst-zentrierten“ NS-Aufarbeitung, wie Marek Prawda dies nannte, entgegen und weckt die Neugier auf das heutige Polen und andere ostmitteleuropäische Länder. Daran sollte weitergebaut werden. 30 Dr. Marek Prawda, Botschafter der Republik Polen in Berlin 31 Dr. Marek Prawda Erinnerung und Erinnerungspolitik im deutsch-polnischen Verhältnis Dass ich heute auf der Finissage der Ausstellung über die 20jährige Arbeit der Jugendbegegnungsstätte O ś wi ę cim sprechen darf, betrachte ich als ein besonderes Privileg. Es ist eine gute Gelegenheit, der IJBS zu ihrem 20-jährigen Jubiläum zu gratulieren, aber auch die über 50-jährige Tätigkeit der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste(ASF) zu würdigen. Meinen Glückwünschen schließe ich Dank und Respekt an. Die Aktion Sühnezeichen ist eine unverzichtbare deutschpolnische Erfahrung der Nachkriegszeit. Sie versteht es seit über 50 Jahren, mit viel Feingefühl den deutsch-polnischen Dialog zu fördern. Für mich und für meine Generation steht sie für ein moralisches Mandat, das sie weder gewollt noch angestrebt hat. Dieses Mandat ist ihr aber mit aller Selbstverständlichkeit zuteil geworden. Die ASF steht für eine Sprache und für Begriffe, die wir im deutsch-polnischen Verhältnis, aber auch in der europäischen Debatte nach wie vor brauchen. Es wäre wohl schwierig, eine gemeinsame europäische Erinnerung auszubilden: Die Völker haben zu viele unterschiedliche Erfahrungen. Wir können aber die Erfahrung des Völkermordes „europäisieren“, indem wir sie als ständige Warnung betrachten - und wenn wir daraus den Mut schöpfen, sich möglichen Katastrophen entgegenzustellen. Die Erfahrung von Auschwitz zu „europäisieren“ heißt auch, einen antitotalitären Konsens zu fördern. Zwei Totalitarismen und der Völkermord sind für uns die zentralen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts. Das heißt folglich, dass man viele andere tragische Prozesse und Ereignisse (wie z.B. kriegsbedingte Fluchtbewegungen, Zwangsumsiedlun- 32 gen und Vertreibungen) in einer unmissverständlichen Relation dazu ansehen sollte. So könnte man manche Unklarheiten in der geschichtspolitischen Diskussion vermeiden. Robert Musil hat gesagt:„Es gibt nichts auf der Welt, das unsichtbarer ist als ein Denkmal“. Er äußerte damit die Befürchtung, dass ein Mahnmal dem Menschen seine Verantwortung für die Vergangenheit abnehmen kann. Wir kennen diese Kontroversen sehr gut. Ihre Ausstellung in Bonn erzählt von einer aktiven Form der Aufarbeitung der Geschichte, von Kommunikation, von Menschen. Und diese sehr häufig jungen Menschen – mit ihren Erfahrungen aus O ś wi ę cim und mit ihren Ideen – sind das wahre„Denkmal“ und das beste Gutachten für die Tätigkeit der ASF und der Begegnungsstätte. Im Katalog der Ausstellung fand ich eine Notiz zu Robert Thalheim, einem deutschen Regisseur, der seinen freiwilligen Dienst in O ś wi ę cim in den Jahren 1996-97 absolviert hat. Wir trafen uns unlängst in Berlin bei einer öffentlichen Diskussion anlässlich eines Workshops deutscher und polnischer Filmleute. Mit seinem Film„Am Ende kommen Touristen“ hat Robert Thalheim viel Aufsehen erregt. Er schöpfte darin aus eigenen Erfahrungen in der Begegnungsstätte, ohne eine direkte didaktische Absicht zu verfolgen. Es ist einfach ein guter Film über ein schwieriges Thema. Ein Film darüber, wie die Kriegsgeschichte einen modernen Ort und seine Einwohner prägt. Dieses Beispiel ist noch aus einem anderen Grund interessant. Ein Erinnerungsort soll auch Begegnungsort sein. Wir hatten manchmal den Eindruck, dass Polen für viele Deutsche auf das Ziel einer Nostalgiereise oder einer selbst-zentrierten Geschichtsaufarbeitung reduziert wird. Als wenn man – um mit Thalheim zu sprechen- eine Versöhnungsmaske aufgezogen 33 hätte, die eine wirkliche Neugier ersetzt. Robert Thalheim wurde aber auf Polen neugierig. Dasselbe gilt auch für die Generationen, die in den vergangenen 50 Jahren im Rahmen der Aktion Sühnezeichen nach Polen kamen. Ich begegne in Berlin und Brandenburg vielen solchen Menschen, die bis heute im deutsch-polnischen Kontext aktiv sind. Das war mein erster Punkt, mit dem ich auf einen spezifischen Beitrag der Begegnungsstätte in O ś wi ę cim zur deutschpolnischen Erinnerungspolitik hinweisen wollte. Der folgende Aspekt ist ein universeller: Die Übung im Perspektivenwechsel. Dies wird oft als eines der Grundziele der IJBS erwähnt, was mich nun zu einer wesentlichen polnischen Erfahrung nach 1989 bringt. Wir sind in Polen immer noch auf der Suche nach der eigenen Rolle und Identität. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass man dabei die Nachbarn nicht vergessen darf, dass man sie in diese spezifische Aufgabe – die Beschäftigung mit sich selbst- von Anfang an einbeziehen sollte. Ich denke hier vor allem an unsere östlichen Nachbarn, die wir nun neu entdeckt und schätzen gelernt haben. Denn erst dann, im Gespräch mit ihnen und gelegentlich auch durch ihre Augen, können wir zu uns selbst finden. Das ist vielleicht eine unserer prägendsten Erfahrungen nach dem Umbruch von 1989. Das erinnert an den Journalisten und Schriftsteller Ryszard Kapu ś ci ń ski, der uns mit seinen literarischen Reportagen über afrikanische und asiatische Gesellschaften genau das beibringen wollte: Man muss den anderen verstehen lernen, um sich selber zu verstehen. Sein gesamtes Werk gleicht dem geduldigen Aufstellen kultureller Spiegel der anderen. In diesen Spiegeln sollen wir uns selbst, ungeschminkt, betrachten. Diese spezifische 34 Neugier auf den Nachbarn entdecke ich auch in den Programmen der IJBS. Drittens kann die Erinnerung im deutsch-polnischen Verhältnis nicht unabhängig vom europäischen Kontext betrachtet werden. Und hier erwarten wir, dass historische Erfahrungen des Ostens stärkere Berücksichtigung finden. Unsere 50 Jahre unter der Besatzung zweier totalitärer Regime ist ebenso Teil der europäischen Geschichte. Die westliche Sicht wurde aber nur unzureichend um das Narrativ des Ostens ergänzt. Die EU-Erweiterung bedeutet ja mehr als lediglich einen Anschlussprozess an den westlichen Teil der Gemeinschaft. Europa braucht vielmehr ein neues Gemeinschaftsgefühl. Volker Schlöndorff hat in diesem Jahr in seinem Film über die Streiks in der Danziger Werft gezeigt, wo die Wurzeln dieses neuen Gemeinschaftsgefühls auch zu finden sind: in Danzig, Prag, Ostberlin. Für uns ist diese Vergangenheit nicht„wegen der Vergangenheit“ wichtig, sondern wegen der Zukunft. Damit wir, die neuen EU-Mitglieder, nicht nur als Quelle von Sorgen, sondern als Quelle positiver politischer Energie angesehen werden. Wenn man uns nämlich in diesem Sinne akzeptiert, wenn man uns den„positiven“ Beitrag für Europa attestiert, mag es einfacher sein, auch manche Ideen, die von uns kommen, zu akzeptieren und sie nicht von vorne herein als Hirngespinste neurotischer Mitteleuropäer abzutun. Es ist nicht die historische Paranoia, die wir nun in die Gemeinschaft einbringen, sondern z.B. einen Beitrag zur friedlichen Lösung der Krise in der Ukraine. Es gibt eine gewisse Tendenz, zu oft und zu viele polnische Probleme nur mit unseren„historischen Traumata“ erklären zu wollen. Von der Diagnose des Ostens hängt direkt das Rezept 35 ab. Wenn der Nachbar gelegentlich als Objekt„pädagogischer Sorge“ behandelt wird, werden auch die Rezepte dementsprechend formuliert:„Wir müssen die Flut der Arbeitnehmer aus Polen stoppen“;„Es ist besser, Stabilität zu exportieren als Instabilität zu importieren“ etc. Diese Vorschläge mögen vielleicht verständlich sein, sind jedoch eher untypisch für eine wirklich partnerschaftliche Beziehung. Wir sagen manchmal, dass das erweiterte Europa endlich mit zwei Lungen atmen kann. Das frühere Europa mit einer„amputierten Lunge“ ist keine Lieblingserinnerung der Polen. Deshalb freuen wir uns so über das Zusammenwachsen beider Teile des Kontinents. Und ganz besonders freuen wir uns darüber, dass sich nun Ost und West ihre Geschichten erzählen können. Nur so können wir uns einem neuen europäischen Selbstverständnis nähern. Zwei Lungen und aufmerksames Zuhören scheinen auch notwendige Voraussetzungen dafür zu sein, dass der andere kein - schwer zu fassender, mysteriöser – Fremder bleibt. Und darauf kommt es ja schließlich an, dass das Anderssein nicht automatisch Fremdheit bedeutet. Und wenn es uns gelingt, diese Barriere zu überwinden, stärken wir zugleich unsere Immunsysteme gegen schlechtere Zeiten, so dass wir bei manchen politischen Schwierigkeiten nicht automatisch in die Denkmuster von vorgestern zurückfallen. Ich komme zum vierten Punkt, der eng mit der Tradition von Aktion Sühnezeichen verbunden ist. Das ist die Rolle der Kirchen, die den deutsch-polnischen Dialog sehr früh in die Wege leiteten. Es war die polnische katholische Kirche, die den Mut hatte, im Jahre 1965 ein Versöhnungsangebot an die Deutschen zu richten. Es gibt kein anderes Ereignis in der Nachkriegsge- 36 schichte Polens, das so viel Nachdenken über das Verhältnis zu unseren Nachbarn ausgelöst hätte. Und es waren katholische Publizisten, die in den 70er Jahren eine Debatte über einen einsamen, tragischen Helden, de evangelischen Pfarrer Dietrich Bonhoeffer, und seinen Widerstand im Dritten Reich initiierten. Bonhoeffer faszinierte die Polen, zumindest eine intellektuelle Elite. Wir folgten seiner Frage, wie sich ein Bürger und Christ in einer aggressiven Diktatur zu verhalten hat. Bonhoeffer verkörperte eine neue Art von Heldentum, weil er sich auf keine kollektiven Autoritäten stützen konnte. Bereits in den Jahren 1932-33 nahm er seinen Kampf auf und verzichtete auf jedwede Form von bequemer skeptischer Distanz zum Bösen. Er wählte eine tragische Freiheit und eine heroische Verantwortung, die zur Grundlage seiner Ethik wurden. Vor dem polnischen Hintergrund gelesen, warfen Bonhoeffers Texte grundsätzliche Fragen auf. Tadeusz Mazowiecki, Publizist und späterer Ministerpräsident, fragte damals, in den 70er Jahren, nach der Rolle der Kirche im Kommunismus: Genügt eigentlich skeptische Distanz? Im Namen welcher Werte sollte man den Konformismus aufgeben? Müssten nicht die Werte viel stärker als Grundlage politischen Handelns angesehen werden? Wenn ja, dann sollte die Opposition, die keine Machtübernahme anstrebte, ein alternatives Konzept der Politik entwickeln. So nährten Bonhoeffers Schriften, direkt oder auch indirekt, die Debatten über„unpolitische Politik“ bzw.„Antipolitik“, über die Notwendigkeit einer Selbstbeschränkung und über die polnische Variante einer Bürgergesellschaft. Die unerwartete Popularität von Bonhoeffer lässt sich vielleicht damit erklären, dass die christliche Seelsorge im kommunistischen Polen zum Ersatz für eine staatsbürgerliche Erziehung 37 wurde. Für viele war das der natürliche geistige Raum, in dem sie über solche Begriffe wie Freiheit, Würde, Menschenrechte gesprochen und gelernt haben. Kein Wunder, dass später, in der Solidarno ść -Zeit, die religiöse Symbolik zu einer im polnischen Kontext verständlichen und wirksamen Sprache des gewaltfreien Protests wurde. Für manche westliche Beobachter blieben dennoch diese religiösen Elemente nur befremdliche Zutaten. Die Lektüre Bonhoeffers wurde noch aus einem anderen Grunde wichtig. In seinen späten Gefängnisbriefen entwickelte er das Konzept eines„religionslosen Christentums“, in dem er die Regeln des Handelns des Menschen in einer„mündig gewordenen“ Welt ausführte. Es gibt Situationen, wo nicht die Autorität Gottes, sondern der andere Mensch, seine Menschenwürde zum Fundament der Ethik wird. Interessant ist, dass dies als begrifflicher Raum genutzt wurde, in dem sich die Katholiken mit der sogenannten laikalen Linken trafen. Und der gemeinsame geistige Boden für die Haltung gegenüber einer Diktatur war die entscheidende Voraussetzung für die Konsolidierung verschiedener Flügel der künftigen demokratischen Opposition. Mit Hilfe von Bonhoeffer ließ sich einfacher – über weltanschauliche und konfessionelle Grenzen hinweg – zueinander finden. Für viele Oppositionellen, wie z.B. Adam Michnik oder Stanis ł aw Bara ń czak, Dichter und Übersetzer, stellte die polnische Bonhoeffer-Debatte eine wichtige Anregung für die Arbeit an den konzeptionellen Grundlagen der Solidarno ćś -Bewegung dar. Die Begegnung mit Dietrich Bonhoeffer wurde schließlich auch zu einer Begegnung mit dem privaten Schicksal eines Deutschen. Dies war nicht ganz unbedeutend für das damals sehr belastete deutsch-polnische Verhältnis. Es war auch kein Zufall, dass die Gründer eines unabhängigen Zirkels um Günter Sär- 38 chen, der sich in der ehem. DDR den deutsch-polnischen Beziehungen widmete, den Namen„Anna-Morawska-Seminar“ für sich wählten. Anna Morawska war die Autorin des ersten, 1970 in Polen veröffentlichten Buches über Bonhoeffer. Vor dem geschilderten Hintergrund erscheint es nun fast selbstverständlich, dass viele Mitglieder dieser Gruppe(wie z.B. Ludwig Mehlhorn, heute in der Evangelischen Akademie Berlin) zu den Förderern und Aktivisten der Aktion Sühnezeichen gehörten. Nicht ganz unwichtig war auch, dass mit der BonhoefferRezeption ein neuer, unaufgeregter Blick auf Deutschland geworfen wurde, auf das„andre Deutschland“ des Widerstands, auf das aktuelle Deutschland, das sich seiner Widerständler erinnert und seine NS-Vergangenheit aufarbeitet. Zum Schluss möchte ich auf das Problem der Ungleichzeitigkeit in den Erinnerungsdebatten in Polen und in Deutschland hinweisen. Manche Missverständnisse in den letzten Jahrzehnten lassen sich, wie ich meine, zumindest teilweise auf diese Ungleichzeitigkeit zurückführen. Nach der Wende 1989 wurde Deutschland zum zentralen Bezugspunkt vieler Debatten in Polen. Deutschland stand im Mittelpunkt unserer Selbstfindungsprozesse und unserer Aufarbeitung der Vergangenheit. Wir sprachen z.B. darüber, wie man im Kommunismus antideutsche Ressentiments instrumentalisierte. Eine rücksichtslose Abrechnung mit dieser Zeit und ihre Überwindung sollten zum Erkennungszeichen eines freien und geistig souveränen Polen werden. Daran wollten wir beinahe alle Fortschritte in der Entwicklung der politischen Kultur messen. Eine veränderte Sicht in Bezug auf Deutschland war darüber hinaus für die neue Ausrichtung der Außenpolitik von Bedeutung. Nun sollte sich Deutschland, im Rahmen einer eben ver- 39 kündeten Interessengemeinschaft, in unseren engen Alliierten verwandeln. All das verlieh den deutsch-polnischen Beziehungen einen ganz besonderen Stellenwert. Und erhöhte die Erwartungen. Diese Erwartungen konnten wahrscheinlich objektiv nicht erfüllt werden. Denn eine vergleichbare Debatte zur Komplexität der deutsch-polnischen Beziehungen hat in Deutschland nach 1989 nicht(oder – blickt man auf das rapide Ansteigen der Städteund Schulpartnerschaften in den 1990er Jahren – eher am Rande) stattgefunden. Unsere Nachbarn sahen wohl keinen Grund dafür, zumal die historischen Debatten bei Ihnen längst geführt wurden. Man übersah allerdings, dass in diesen Nachkriegsdebatten in der Regel der Holocaust im Mittelpunkt gestanden hatte. Auf der politischen Ebene wurde die Unterstützung Polens auf dem Weg in die NATO und EU zum festen Element der traditionellen deutschen Außenpolitik. Davon hat Polen natürlich enorm profitiert. Trotzdem mehrten sich Missverständnisse und Kommunikationsstörungen, vor allem im Kontext der historischen Debatten. Naturgemäß kam es im Deutschland der 90er Jahre zu einer Phase der individualisierten Erinnerung, in der die Generation der Opfer der Zwangsaussiedlungen der Nachkriegszeit in den Mittelpunkt rückte. Aus der polnischen Sicht wurden Töne hörbar, die an die Sprache und Begrifflichkeit der Nachkriegsjahre erinnerten. Damals bestand der deutsch-polnische Dialog aus zwei Monologen, wobei man sich für die Sicht der anderen Seite nicht sonderlich interessierte. Wenn es in Deutschland jemals möglich war, das Opfersyndrom zu statuieren, dann geschah es in der Nachkriegszeit und mit einem klaren Polen-Bezug. Polen erschien beinahe als Nutznießer des Krieges, an dem sich am 40 einfachsten die Kriegsfrustrationen ablassen ließen. Das wurde zum einen durch die sensible Natur der Grenzfrage und zum anderen durch die kommunistische Geschichtspolitik verstärkt. Und es spielte dabei keine Rolle, dass die propagandistische Version der deutsch-polnischen Vergangenheit nur ein Teil der allgemeinen Geschichtsfälschung der kommunistischen Politik war. Und heute, nachdem die Opfer-Debatte in Deutschland aktualisiert wurde, vernimmt man in Polen Signale, die konfus anmuten. Sie klingen für die Polen manchmal wie Zitate aus der Rhetorik der Nachkriegszeit, was an das damalige Verständnis und die Auslegung des Problems erinnert. Es ist für uns sehr wichtig, wie und welche Geschichte der Opfer des Zweiten Weltkrieges erzählt wird. Und nicht zuletzt – von wem.„Erinnerung an jemanden darf nicht die Erinnerung gegen jemanden anderen sein“, wie es einmal der Filmregisseur Andrzej Wajda formulierte. In Deutschland versteht man dagegen überhaupt nicht, worum es den vermeintlich notorisch übersensiblen Polen noch gehen mag. Ich habe nicht die Absicht, Vorwürfe zu erheben. Für mich ist das vielmehr ein weiteres Beispiel für die Ungleichzeitigkeit der historischen Debatten. Hätten wir Anfang der 90er Jahre unsere Vergangenheitsdebatte zu Ende geführt und diese wirklich auf beiden Seiten ernst genommen, so hätten wir uns später vielleicht manchen Streit und manches Kopfschütteln erspart. Noch in den 90er Jahren fiel uns immer wieder auf, dass der Warschauer Aufstand von 1944, immerhin die größte Erhebung des Zweiten Weltkrieges, in Deutschland ein eher wenig bekanntes Ereignis war und meistens mit dem Aufstand im Ghetto verwechselt wurde. Und wenn wir das richtig stellen wollten, 41 wurden wir häufig einer obsessiv rückwärtsgewandten Haltung bezichtigt. Der britische Historiker Norman Davies schreibt:„Die beinahe völlige Zerstörung einer uralten europäischen Hauptstadt, die mit dem Tod bzw. der Deportation ihrer Einwohner endete, kann wohl nicht so ohne weiteres vergessen oder an den Rand der Geschichte verdrängt werden. Doch genau dieses Schicksal traf Warschau, die Hauptstadt Polens.“ Um dem doch noch entgegenzuwirken, wurde – allerdings erst im Jahre 2004 – ein Museum des Warschauer Aufstands eröffnet. Das ist nicht der einzige„deutsch-polnische Erinnerungsort“ in unserer Hauptstadt. Zu den Warschauer Erinnerungsorten, die den deutsch-polnischen Beziehungen in einer zukunftsweisenden Absicht verpflichtet sind, gehört vor allem das im Jahr 2000 errichtete Denkmal für Willy Brandt. Die Ungleichzeitigkeit historischer Aufarbeitungsprozesse in Deutschland und in Polen wurde darüber hinaus in der Diskussion um das Zentrum gegen Vertreibungen deutlich. Dieses Projekt traf uns in einer Phase selbstkritischer Debatten über die dunklen Seiten unserer eigenen Nachkriegsgeschichte. Umso weniger verstanden wir, dass man uns gerade zu jenem Zeitpunkt so kategorisch dazu aufrief, unsere Vergangenheit aufzuarbeiten und„endlich Abschied von unseren Tabus“ zu nehmen. Wir dachten, seit einigen Jahren gerade dabei zu sein- so intensiv wie nie zuvor. Warum wollte man in Deutschland nicht sehen, dass wir das aus eigener Initiative tun? Handelte es sich wirklich um eine Frage der Empathie für die Opfer oder war das vielleicht eher eine politische Manifestation? Vor diesem Hintergrund betrachteten manche in Polen das besagte Projekt sogar als einen Versuch, den Versöhnungsprozess aufzukündigen, der 42 von den Bischöfen in ihrer Botschaft von 1965-„Wir vergeben und bitten um Vergebung“- initiiert worden war. Im Ergebnis hatten wir nur Kopfschütteln auf beiden Seiten. Aus der Sicht der Deutschen hafteten die„übersensiblen“ Polen an ihrem Mythos der unschuldigen Opfer und waren deshalb nicht in der Lage zu akzeptieren, dass auch andere ihrer Opfer gedenken. Wir Polen fühlten uns unverstanden, weil wir aus einem ganz anderen Grund so sensibel reagierten. Wir hatten gerade eine schwierige öffentliche Debatte hinter uns – eine Debatte über unsere eigenen Verdrängungsvarianten und über die Notwendigkeit, uns den Perspektiven und Sensibilitäten der Nachbarn zu öffnen. Und wir wollten das Erreichte erhalten. Die Debatte um die Zentrum gegen Vertreibungen hat uns aber leider von diesem Ziel entfernt. Die nicht stattgefundenen, verspäteten oder zeitlich nicht aufeinander abgestimmten deutsch-polnischen Debatten haben ihren Anteil daran, dass wir aneinander vorbei reden und uns zu oft und zu schnell in alte Zeiten und Denkmuster versetzt fühlen. Was können wir tun, damit unsere Immunsysteme auch in etwas schwierigeren Zeiten wirken? Wir fragten einmal den ukrainischen Schriftsteller Juri Andruchowycz:„Was können wir für euch Ukrainer tun?“ Er antwortete:„Nur Eines. Sagt denen im Westen, dass es uns auch gibt.“ Es gibt nämlich Schlimmeres als ein schlechtes Bild voneinander. Das sind: Gleichgültigkeit und bequemes Unwissen. Möge die Aktivität der Jugendbegegnungsstätte in O ś wi ę cim weiterhin dazu beitragen, dass es so nicht ist und dass wir wirklich neugierig aufeinander werden. 43 Leszek Szuster, Direktor der Internationalen Jugendbegegnungsstätte O ś wi ę cim/Auschwitz 44 Leszek Szuster „Die andere Seite der Welt“ Eine Ausstellung zum 20jährigen Bestehen der Internationalen Jugendbegegnungsstätte O ś wi ę cim/Auschwitz „Die andere Seite der Welt“ – mit diesen Worten beschrieb Baron Maurice Goldstein die Internationale Jugendbegegnungsstätte in O ś wi ę cim/Auschwitz am 7. Dezember 1986, dem Tag ihrer Eröffnung.„Die andere Seite der Welt“ – so ist auch die Ausstellung betitelt, die die 20-jährige Arbeit der IJBS zusammenfügt. Die Ausstellung versteht sich als ein Versuch, die Arbeit des Hauses und sein pädagogisches Konzept von„Auschwitz als Lernort“ festzuhalten. Dieses Konzept bietet ein beinahe unendliches Kontinuum von Seminaren, Studienreisen, Ausstellungen, Konzerten und Begegnungen sowie Reflexionen und Emotionen, die diese Veranstaltungen begleiten. Sie setzt sich mit der Frage auseinander, wie diese ,andere Seite der Welt` heute aussieht. Im Zentrum bleibt nach wie vor die Begegnung zwischen Zeitzeugen und Jugendlichen. Die Vermittlung der Wahrheit über Auschwitz ist der wichtigste Bestandteil des hier geführten Dialogs. Zitate aus dem Gästebuch des Hauses„begleiten“ diese Gespräche. Unsere Ausstellung lädt Sie zur Teilnahme an diesen Begegnungen ein. Das angeführte Textstück stammt aus der Einführung in die Ausstellung, die die vergangenen 20 Jahre der Tätigkeit der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in O ś wi ę cim/Auschwitz dokumentiert, die am 7. Dezember 2006 ihr 20-jähriges Bestehen feierte. Genau 16 Jahre nach dem symbolischen Kniefall von Bundeskanzler Willy Brandt vor dem Ehrenmal des Warschauer Ghettos und der Unterzeichnung des Vertrags zwischen der Bundes- 45 republik Deutschland und der Volksrepublik Polen über die Grundlagen der Normalisierung ihrer gegenseitigen Beziehungen, am 7. Dezember 1986 wurde die Internationale Begegnungsstätte in O ś wi ę cim/Auschwitz als eine gemeinsame Initiative der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste und der Stadt O ś wi ę cim eröffnet. Nach den Vorstellungen seiner Gründer sollte das Haus ein Ort sein, an dem junge Menschen aus Polen und Deutschland sich unter einem Dach mit der schmerzvollen Geschichte in einer zukunftsweisenden Perspektive auseinandersetzen. Die Geschichte und deren unverfälschte Vermittlung sollte als Ausgangspunkt für Diskussionen über alle Themen dienen, die mit dem Begriff„Auschwitz” verbunden werden. Deswegen bilden solche Themenfelder wie Menschenrechte, Toleranz, Totalitarismus und die Gefahren des Rechtsextremismus den Kernpunkt der in der IJBS realisierten Maßnahmen. Das Haus wäre in dieser Form sicherlich nicht entstanden, hätte es die moralische Unterstützung der Überlebenden des KZ Auschwitz-Birkenau nicht gegeben. Sie sind es gewesen, die in der entscheidenden Phase der Verhandlungen über den Bau der IJBS entschieden haben, indem sie kraft ihrer Autorität die Überzeugung durchsetzten, es sei nicht möglich, über die deutschpolnische Versöhnung"an Auschwitz vorbei" zu sprechen. Das von der IJBS umgesetzte pädagogische Konzept von „Auschwitz als Lernort“ basiert auf drei Grundvoraussetzungen: Auschwitz war für jeden einzelnen Menschen sowie für die gesamte Menschheit eine viel zu schmerzhafte Lektion, als dass es in Vergessenheit geraten dürfte; Geschichte kann man lernen, aus der Geschichte kann man Konsequenzen für die Zukunft ziehen; Unwissenheit und mangelnde 46 gegenseitige Kenntnis sind ein Nährboden für Ängste, Vorurteile und Feindschaft zwischen Menschen. Durch die Einbettung dieser Grundannahmen in die tägliche pädagogische Arbeit wurde das Haus zu einem Ort, an dem die Überwindung von Barrieren, Reflexion und Dialog praktiziert werden. In ihrer pädagogischen Tätigkeit konzentriert sich die Einrichtung auf Arbeitsformen und Veranstaltungsmodelle wie Studienreisen, internationale Fachseminare, Fortbildungsseminare für LehrerInnen, Workshops und internationale Jugendbegegnungen. Das 20-jährige Bestehen einer Einrichtung mit einem ausgeprägten pädagogischen Konzept bietet den Anlass, die bisherigen Ergebnisse ihrer Tätigkeit im Rückblick zu betrachten, eine Zukunftsperspektive zu skizzieren, aber auch sich mit der Frage nach dem eigenen Stellenwert im Stadtbild dieses von der Geschichte so schmerzhaft gezeichneten Ortes auseinanderzusetzen. Wir hoffen, dass es uns innerhalb der 20 Jahre gelungen ist, unseren Platz innerhalb des deutsch-polnischen Versöhnungsprozesses zu markieren und als wichtiges Forum des internationalen und interkulturellen Dialogs wahrgenommen werden. Der Erarbeitung des Ausstellungskonzeptes ging eine fundierte Analyse der bisherigen Erfahrungen des Hauses voraus. Die außerordentlich große Zahl der organisierten Veranstaltungen sowie die Vielfalt der dabei praktizierten Arbeitsformen(Seminare, Workshops, wissenschaftliche Tagungen, Ausstellungen, Konzerte, Performances) hat die Wahl der repräsentativen Beispiele paradoxerweise keineswegs erleichtert. Der ursprüngliche Vorschlag, die Arbeit des Hauses in chronologischer Reihenfolge darzustellen, klang durchaus verlockend. Abgelöst wurde dieses Konzept von der Idee, die wichtigsten Ereignisse der ver- 47 gangenen 20 Jahre im Überblick zu zeigen, von den„Europäischen Gesprächen“ über die spektakulären„Festivals der Kulturen“ sowie internationale Tagungen und Seminare, bis hin zu den prestigeträchtigen Ausstellungen in Brüssel und New York. Es war jedoch erst die Antwort auf die Frage danach, was das grundlegendste Element des pädagogischen Konzeptes des Hauses ausmacht, die uns in die richtigen Bahnen lenkte. Es sind doch die Zeitzeugengespräche mit den Überlebenden des KZ Auschwitz-Birkenau, die hin und wieder als der absolute Höhepunkt fast einer jeden Gedenkstättenfahrt oder eines Fachseminars beschrieben werden. Sowohl während der üblichen Auswertungsrunden zum Abschluss der Begegnung, als auch in den späteren Seminarberichten kam dies immer wieder zur Sprache. Die hier stattfindenden Treffen stellen die Quintessenz der Mission unseres Hauses dar. Die von den Gründern beschriebene Mission wird bis heute von den Mitarbeitern der IJBS verwirklicht. Uns, den Organisatoren dieser Treffen, sind die herzlichen Freundschaften zwischen den Zeugen der Geschichte und den Jugendlichen, die hier ihren Anfang nahmen, bekannt. Sie stellt für viele einen Wendepunk bei der Betrachtung der Geschichte, der gegenwärtigen Welt und den zwischenmenschlichen Beziehungen dar. Für viele junge Besucher ist der beim Anblick der vor ihnen stehenden älteren Menschen aufkommende Gedanke, dass ihre heutigen Gesprächspartner ungefähr in ihrem Alter waren, als sie auf eine unvorstellbar unmenschliche Art und Weise behandelt wurden, ein unvergessliches und prägendes Erlebnis. Den Veranstaltern dieser Begegnungen sind zahlreiche Fälle bekannt, in denen die Gespräche von Menschen aus zwei Genera- 48 tionen zu langjährigen, festen Freundschaften führten und für ihre Protagonisten nicht selten einen Wendepunkt in ihrer Wahrnehmung der Geschichte, der modernen Welt und der zwischenmenschlichen Beziehungen markierten. Die Zeitzeugengespräche sind es, die so manchen Besucher dazu veranlassen, Worte wie diese in das Gästebuch des Hauses einzutragen:”Ich verlasse diesen Ort als ein anderer Mensch”. Deshalb zitieren wir mit Stolz die Aussagen der ehemaligen Häftlinge über unser Haus und unsere Arbeit; Henryk Mandelbaum hat über die IJBS gesagt –„mein zweites Zuhause“ und Tadeusz Szyma ń ski –„das was ihr tut, wirkt wie Balsam auf meinen Wunden“. Ich denke sehr treffend beschrieb die IJBS Christian Buchholz als ein,„heilsames Haus”, da sie für viele unserer jungen Gäste eine„Heimat auf Zeit” ist. Eine ergreifende Darstellung der Begegnungen von jungen Menschen mit den Zeitzeugen gibt Ma ł gorzata Gwó ź d ź in ihrem Text„Was lässt sich aus einem Gästebuch herauslesen?“, der in der Jubiläumspublikation„Die andere Seite der Welt. Von Angesicht zu Angesicht- Begegnungen” veröffentlicht wurde: „Ihre Schicksalsberichte sind unterschiedlich. Manchmal erinnern sie an einen spannenden Abenteuerroman, so dass die Jugendlichen mindestens zwei Stunden lang vertieft ins Zuhören sind. Viele der Zeitzeugen haben darüber Bücher geschrieben, in denen sie über die abenteuerlichen Erlebnisse eines noch jungen Menschen berichten- aus schwerer Zeit, an traurigem Ort, im Schatten der Welt, inmitten der Hölle. Einziger Antrieb zum Durchhalten sind der Überlebenswille und die Hoffnung, womit 49 sie quasi wie Auserwählte reichlich beschenkt waren. Manchmal ist es auch eher eine durchdachte, beinahe theatralische Vorstellung, darauf angelegt, bei den Zuhörern Emotionen zu wecken, um sie zum Nachdenken zu bringen. Nur ,beinahe`, denn das Szenario beruht auf dem eigenen Trauma. Aber immer geschieht dies auf eine verantwortungsvolle Art und Weise, nämlich im Namen derer, deren Asche diese Erde ,fruchtbar macht’, ,weil man darüber doch nicht‚ einfach so ,sprechen kann’. Oft ,hören’ sie dann nur Stille und das ,Vertieftsein’ ihrer jungen Zuhörerschaft. Sie spüren den Druck ihrer Aufmerksamkeit, ihrer Erwartungen und ihrer Energie, die während solcher Begegnungen in beide Richtungen fließt. Und sie haben Angst davor, denn außer ihren eigenen Erinnerungen durchleben sie ungewollt auch die Empfindungen dieser jugendlichen, ihnen gebannt lauschenden Menschen. Doch dieser poetischmenschliche Imperativ – ,dass sie, die zur Schlachtbank geführt worden waren, nicht deshalb überlebten, um zu leben, sondern um das Zeugnis der Wahrheit abzulegen’ – dieser Imperativ erlaubt ihnen, ihre Angst zu überwinden und zu erfahren, dass das ihnen ,geschenkte’ Leben sie zu einer Art Mission für Frieden, Toleranz und Dialog verpflichtet. Sie fühlen sich nützlich und gebraucht. Treu leisten sie den Dienst im Sinne dieser Berufung. Heute, im fortgeschrittenen Alter, vergleichen sie sich vielleicht manchmal scherzhaft mit Museumsexponaten. Insgeheim beneiden die Hauptfiguren der Begegnungen vielleicht diese Jugendlichen um deren Leben, eben heute und unter anderen Bedingungen. Die heutige Jugend muss nämlich nicht mit so vielen Widrigkeiten und Gefahren fertig werden wie die ,Kriegsgeneration’. Dann freuen sie sich, dass diese jungen 50 Menschen, die zu den Treffen mit ihnen kommen, nicht mit dem Hass auf andere Menschen vergiftet sind. Sie lehren sie, dass sie gegenüber Worten wie ,Konzentrationslager’ und ,Freiheit’ nicht gleichgültig sein dürfen. Sie sind ihnen ein Beispiel dafür, dass man sogar mit dem psychiatrischen KL-Syndrom zurechtkommen kann: ,In meiner Jugend hat man mir das edelste Gefühl genommen. Ich habe mich innerlich verbunden – mit Hilfe verschiedenster menschlicher Haltungen. Ich habe mir ein Beispiel an denen genommen, die klüger und besser als ich waren. (…) Nur mit Liebe und Freude kann ich mich heilen… ganz zur Normalität zurückkehren.’(Tadeusz Sobolewicz,„Mie ć kogo ś “, Pozna ń , 2001) In ihren faltigen Gesichtern, und besonders in ihren Augen, sehen wir dennoch oft nicht das ,schmelzende Glas – angesichts des schmerzhaften Bildes jener Tage’. Sie strahlen Wärme, Freude, Wohlwollen aus, und das, obwohl sie sich dessen bewusst sind, dass sie nach ihren Lagererfahrungen alles andere als Menschen sind, mit denen es sich problemlos zusammenleben ließe. Ihre Schilderungen, so voller grausamer Bilder, enden stets und paradoxerweise mit der Botschaft„Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“. Ihre Biografien sind ein unumstößliches Argument dafür, wie viel man tun muss, um zu leben.“ Der Untertitel der Ausstellung(„Von Angesicht zu Angesicht Begegnungen“) gibt ihren Charakter mit aller Deutlichkeit wieder. 30 großformatige Banner mit Porträts von Überlebenden und Jugendlichen, jeweils zu Paaren zusammengefügt, unterstreichen den individuellen und beinahe intimen Charakter der hier geführten Gespräche. Von den Augen und Gesichtsfalten der ehemaligen Häftlinge lässt sich Weisheit und innere Ruhe ablesen. Diese sehr ausdrucksstarken Gesichter geben den 51 Charakter und die Persönlichkeit der abgebildeten Menschen wieder. Die Jugendlichen schauen wiederum auf ihre Gesprächspartner mit funkelnden Augen, mit Offenheit und einem aufrichtigen Lächeln im Gesicht, wie es für ihr Alter charakteristisch ist. ,Man sagt, es gibt nichts, was über die zwischenmenschliche Beziehung mehr aussagen würde, als die Art, einander anzuschauen’(Gästebuch der IJBS, anonymer Eintrag). Diese in bildhafter Form dargestellten ,Begegnungen’ werden von Zitaten aus dem Gästebuch der IJBS begleitet, mit tiefgreifenden Gedanken und aufgezeichneten Erlebnissen und Emotionen, die sowohl von Jugendlichen, als auch von Zeitzeugen, Künstlern und anderen Besuchern verfasst wurden. Sie beschlossen, mit ihren Einträgen eine Spur zu hinterlassen. Die Ausstellung, wenngleich asketisch in ihrer Formensprache, knüpft durch ihre Direktheit unmittelbar an Emotionen an. Und es sind hauptsächlich die Emotionen, die durch diese Ausstellung die Frage zu beantworten versuchen, wie die Internationale Jugendbegegnungsstätte,„die andere Seite der Welt“, sich im Jahre 2006 präsentiert. Die Ausstellung versteht sich auch als Dank an die Überlebenden, die das Haus mit ihrer unbezweifelter Autorität unterstützen. Diese Botschaft korrespondiert mit dem auf dem Einband der Jubiläumspublikation abgedruckten Motto von Albert Schweitzer:„Es gibt Menschen, deren Leben ein Geschenk ist, welches nicht ihnen selbst, sondern uns – der Menschheit geschenkt worden ist.“ An dieser Stelle möchte ich der Friedrich-Ebert-Stiftung für ihre Hilfe und Unterstützung bei der Organisation dieser Ausstellung danken. Ich danke Herrn Direktor Peter Hengstenberg für sein 52 Wohlwollen und sein Verständnis für dieses Projekt und ich danke Frau Marta Koszutska für die enge Zusammenarbeit. Ich bin sehr glücklich, dass sich heute so zahlreiche Gäste zur Finissage versammelt haben. Das bestätigt meine Überzeugung, über die Aktualität der vom Auschwitz ausgehende Lehre und die sie begleitende Reflexion. Das ist für uns alle, die wir in der IJBS arbeiten, eine wichtige Motivation für unsere weitere Arbeit und unser hartes Ringen mit dieser nicht einfachen Thematik. Herzlich danke ich Ihnen Herr Prof. Friedhelm Boll für Ihren bewegenden Vortrag und Herrn Botschafter Dr. Marek Prawda für seine wichtigen Worte. Ich bin sehr dankbar für die Möglichkeit unsere Ausstellung in der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn präsentieren zu können – eine seit Jahren so wichtige Institution im europäischen und polnisch-deutschen Kontext. Dies ist für uns eine außergewöhnliche Auszeichnung. Ich hoffe, dass unsere Ausstellung Ihr Interesse wecken wird.