Gesprächskreis Politik und Geschichte im Karl-Marx-Haus Heft 12 Beatrix Bouvier(Hrsg.) „Hier waren wir. Spuren jüdischen Lebens in Polen und der Ukraine“ 9. November 2007 Dokumentation der Ausstellungseröffnung im Studienzentrum Karl-Marx-Haus, Trier Friedrich-Ebert-Stiftung ISSN 1860-8280 ISBN 13: 978-3-89892-841-0 Herausgegeben von Beatrix Bouvier Studienzentrum Karl-Marx-Haus der Friedrich-Ebert-Stiftung, Trier Kostenloser Bezug im Studienzentrum Karl-Marx-Haus der Friedrich-Ebert-Stiftung Johannisstr. 28, 54290 Trier (Tel. 0651-97068-0) E-mail: elke.becker@fes.de © 2008 by Friedrich-Ebert-Stiftung Trier Umschlag: Pellens Kommunikationsdesign GmbH, Bonn Druck: Bonner Universitäts-Buchdruckerei, Bonn Alle Rechte vorbehalten Printed in Germany 2008 Vorbemerkung der Herausgeberin Seit vielen Jahren bereist der Altmeister der polnischen Fotografie, der über die polnischen Grenzen weit hinaus arbeitende und deshalb auch im Westen bekannte Fotograf Tadeusz Rolke Polen und die Ukraine, um das festzuhalten, was von den berühmten jüdischen Schtetl übrig geblieben ist. Die ausgestellten Fotogra fien zeigen das künstlerische Schaffen von Tadeusz Rolke und dieses ist zugleich eine fotografische Dokumentation von den Überresten jüdischen religiösen und kulturellen Lebens. Es sind Reste von Synagogen, Gebets- und Zaddikimhäusern. Manch einer wird damit zunächst nichts anfangen können und sich fragen, welch seltsame Häuser, verfallene Synagogen, Holzgebilde und Ruinen da gezeigt werden. Und Menschen kommen nicht vor. Eine sehr eigene und eigentümliche Spannung erhalten die Bilder und die Ausstellung durch die Idee von Tadeusz Rolke, den Fotos Lebensweisheiten der Chassidim zuzuordnen. Die universellen chassidischen Weisheiten, die auch angesichts des Todes manchmal heiter wirken, stehen neben diesen Bildern des Verlustes. Tadeusz Rolke ist auch ein Zeuge der Geschichte. Ohne Menschen zu zeigen gelten seine Fotografien den polnischen Juden, jenem Teil der Bevölkerung Polens also, der um die Mitte des 20. Jahrhunderts so gut wie völlig verschwand. Wie Prof. Dr. Feliks Tych, langjähriger Direktor des Jüdischen Historischen Instituts in Warschau, in seiner Einführung darlegte, sind seine Fotogra fien auch der Versuch, die Leere zu zeigen, welche die polnischen Juden hinterließen, als sie hauptsächlich zwischen 1941 und 1943 als Ergebnis des Holocaust aus der polnischen Landschaft„ver schwanden“. Der Holocaust bedeutete nicht allein, dass Men schen vernichtet wurden, sondern auch die materiellen und sym bolischen Spuren ihrer Anwesenheit. von links: Tadeusz Rolke, Beatrix Bouvier Die fotografische Kunst Tadeusz Rolkes zeigt konkrete Orte, aber auch langfristig wirkende und dauerhafte Folgeerscheinungen ei ner existentiellen und zivilisatorischen Katastrophe, die nicht die Natur, sondern die Menschen verursachten. Und sie berührte nicht nur den einen Ort, dem das konkrete Foto gelten mag, sondern weite Teile Ost- und Mitteleuropas. Und damit auch die ge samte europäische Zivilisation. Vor der Einführung von Prof. Dr. Feliks Tych in die Ausstellung stellte Anton W. Wyrobisch, Vorsitzender der mitveranstaltenden Deutsch-Polnischen Gesellschaft Trier e. V., in seinem Grußwort die Eröffnung in den Kontext des nicht zufälligen Datums, des 9. November, des Novemberpogroms. Trier, im November 2007 Prof. Dr. Beatrix Bouvier Leiterin des Museums/Studienzentrums Karl-Marx-Haus der Friedrich-Ebert-Stiftung Grußwort Anton Viktor Wyrobisch Deutsch-Polnische-Gesellschaft Trier Sehr geehrte Frau Bouvier, sehr geehrter Herr Rolke, sehr geehrter Herr Tych, sehr geehrte Damen und Herren. Uns Deutsche verbindet ein besonders geartetes Verhältnis zu Ju den und Polen. Am heutigen Tag, genau vor 69 Jahren, nur weni ge Schritte von hier entfernt, organisierten fanatische Nationalsozialisten einen barbarischen Überfall auf die Trierer Synagoge in der Zuckerbergstraße. Sie richteten erheblichen Schaden an, verwüsteten die Synagogeneinrichtung, warfen Gebetbücher und li turgische Gegenstände auf die Straße. Jüdische Geschäfte wur den geplündert, Wohnungen demoliert, jüdische Frauen und Männer gedemütigt. An vielen Orten im damaligen Deutschen Reich geschah Ähnliches. Unzählige Bürger des Deutschen Rei ches erwiesen sich als schlechte Nachbarn gegenüber den Deut schen jüdischen Glaubens. Weil der Protest ausblieb, war dies nur der Auftakt. Jüdische Fa milien, die seit tausend Jahren in Deutschland zu Hause waren, wurden verhaftet, in Waggons verladen, in Konzentrationslager gebracht, wo ihnen jedes Recht und jede Würde genommen wur de. Der brutale Überfall des Deutschen Reiches auf das Nachbarland Polen gab dem jüdischen Leiden eine weitere bisher nie gekannte Dimension. 1940 wurde im besetzten Polen das deutsche Ver nichtungslager Auschwitz errichtet, 1942 die so genannte„End lösung des jüdischen Problems“ beschlossen, d.h. die fabrikmä ßige Ermordung von Menschen jüdischen Glaubens in ganz Eur opa. Es begann der Massenmord. In insgesamt 395 Männer- und 17 Frauenlagern wurden Menschen jüdischen Glaubens aus allen europäischen Ländern zu Tode gequält, brutal hingerichtet und in Gaskammern vergiftet. Der größte Teil davon waren polnische Juden. Diese Fakten und Koordinaten bestimmten die schlimmsten und beschämendsten Kapitel der deutschen Geschichte. Die sichtbaren Spuren und Zeugnisse der Verbrechen, die in der hebrä ischen Sprache mit Shoa und in der griechisch-englischen Tradition mit Holocaust bezeichnet werden, erfüllen jeden mit großem Schmerz und tiefer Trauer. Die Kultur und Zivilisation der Juden ist an vielen Orten in Deutschland, Polen und der Ukraine in deutschem Namen vernichtet worden. Auschwitz ist zum Symbol des größten Verbrechens gegen die Menschheit und gegen die Menschlichkeit geworden. Deshalb ist es sehr wichtig, dass die Friedrich-Ebert-Stiftung in Verbindung mit der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Trier den heutigen Tag zum Anlass nimmt, die Ausstellung zu eröffnen, in der„Spuren jüdischen Lebens in Polen und der Ukraine“ gezeigt werden. Der bekannte und geschätzte Künstler der Fotografie, Herr Tadeusz Rolke aus Warschau, macht in seiner kunstvollen Dokumentation die Fundamente transparent, auf dem das Judentum steht, nämlich der Tora, der Gottesdienst und die Liebes werke. Sie füllen jüdisches Leben mit Inhalt und Sinn. Die Deutsch-Polnische Gesellschaft Trier dankt allen, die diese Ausstellung in Trier möglich gemacht haben. Ein besonderer Dank geht an Frau Bouvier und Herrn Rolke. von links: Anton Viktor Wyrobisch, Feliks Tych, Beatrix Bouvier Verehrte Damen und Herren, in den vergangenen 20 Jahren haben über 500 Schülerinnen und Schüler des Trierer Auguste-Viktoria-Gymnasiums im Rahmen deutsch-polnischer Schülerbegegnungen den Süden Polens be sucht. Bei jedem dieser Besuche waren Exkursionen zu jüdischen Stätten besondere Programmpunkte. Zum einen Auschwitz, der größte Friedhof der Welt, ein Ort, der uns an die unbarmherzige und gnadenlose Gewalt des Bösen mahnt, zum anderen Kzimierz, das alte jüdische Viertel von Krakau, in dem das jüdische Erbe wieder lebendig wird. In den Synagogen versammeln sich die Gläubigen, in der Ulica Szeroka tanzen junge Leute zu jiddischer Musik, jiddische Literatur findet interessierte Leser, in den jid dischen Cafés und Restaurants wird über Gott und die Welt dis kutiert. Einmal im Jahr, für ein paar Tage während des Jiddischen Kulturfestivals lebt das Schtetl wieder auf. Das sind Hoffnungs zeichen. Sehr geehrte Damen und Herren, in der dritten Generation nach den schrecklichen Ereignissen müssen wir weiterhin wachsam sein, um der Banalität des Bösen Widerstand zu leisten. Wir dürfen die Geschichte und die Ursa chen des Bösen nicht vergessen. Die Spuren jüdischen Lebens mahnen uns mit den Worten„Wer nichts aus der Geschichte ge lernt hat, ist in der Gefahr sie zu wiederholen“. Seien wir also achtsam in Bezug auf Intoleranz, Verblendung, Hass, Ausgrenzung, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus. Setzen wir alles daran, die jungen Mitbürgerinnen und Mitbürger immun zu machen gegen die Menschen verachtende Gesinnung des Nationalsozialismus. Möge die heutige Abendveranstaltung und diese Ausstellung uns und alle Besucher ermutigen, für Werte einzutreten wie Leben, Menschenwürde, Frieden, Gerechtigkeit, Solidarität! Hoffen wir, dass die Geschichte uns allen eine gute Lehrmeisterin ist,, denn „Vergessenwollen verlängert die Schuld. Das Geheimnis der Ver söhnung heißt Erinnerung“. Einführung Feliks Tych Spuren jüdischen Lebens in Polen und der Ukraine Meine Damen und Herren, in einigen Minuten werden Sie großer Kunst und Meisterschaft begegnen – den Fotografien von Tadeusz Rolke. Das Werk des Altmeisters der polnischen Kunstfotografie ist mehrdimensional und doch leicht erkennbar, wie sie gleich feststellen werden. Sei ne Arbeiten wurden schon in vielen Ausstellungen in Polen und im Ausland gezeigt. Es freut mich, dass sie nun auch hier zu sehen sind. Die Eröffnung der Ausstellung„Spuren jüdischen Lebens in Po len und der Ukraine“ findet nicht zufällig gerade heute am Jahres tag des Novemberpogroms statt, der Reichskristallnacht, wie ohn mächtige Zeitzeugen dieses Menetekel zunächst sarkastisch nannten, was die Täter dann bald zynisch umdeuteten. Sie werden sich fragen, wo ich den Zusammenhang mit diesen Vorkommnissen vor 69 Jahren sehe, die sich ja nicht in Polen oder der Ukraine abspielten, sondern auf dem Boden des Dritten Reiches. Dieser Zusammenhang besteht darin, dass Tadeusz Rolkes Fotografien von den zivilisatorischen Folgen des Holocaust berichten. Denn was war das Novemberpogrom? Im Grunde genommen war es nichts anderes als ein„Warmlaufen“ vor dem Judenmord. Es war das erste akute Signal, dass der Nazismus einen brutalen Eingriff in das seit Jahrhunderten bestehende, zumindest seit der Neuzeit friedliche, Zusammenleben der jüdischen Minderheitsmit der Mehrheitsgesellschaft, unter denen sie lebte, mit sich brachte. Wir wissen, dass dies nicht immer eine Idylle war, hatte es für Juden kein existentiell unsicheres Schicksal gegeben. 10 Feliks Tych Mit der Machtübergabe an Hitler zeigte sich jedoch, dass ein gro ßer Teil der Bevölkerung in einem der kulturell und ökonomisch höchstentwickelten Länder sich Schritt für Schritt von einer rassi stischen Obsession auf den Weg des Völkermordes drängen ließ; eines Mordes, der im Namen des deutschen Staates an einer ganzen Bevölkerungsgruppe begangen werden sollte, die über ein irrationales Rassenkriterium aus dem eigenen Volk selektiert wur de. Das Novemberpogrom war der erste Vorbote. Nicht ganz drei Jahre später gab es bereits den Plan für eine totale industrielle Er mordung der ganzen jüdischen Bevölkerung in Europa – vom Greis bis zum Säugling. Dieser Plan wurde in den Jahren 1941 – 1945 fast perfekt verwirklicht, und damit hatte Adolf Hitler im Grunde genommen das einzige Ziel in seinem Krieg erreicht, der in allen Bereichen verloren ging und der von der Mehrheit der deutschen Bevölkerung bis zuletzt unterstützt wurde. 11 Auf die Nürnberger Gesetze folgte der Novemberpogrom als ein weiterer Akt des Szenarios, dessen Schlussakt der Holocaust sein sollte, in dem Hitler und seine Prätorianer an die Verwirklichung ihres Vorhabens gingen, das sie selbst bereits früher vieldeutig „die Endlösung der jüdischen Frage“ genannt hatten. Hierzu wur den im Dienst des deutsch-österreichischen Nazismus nicht nur Hunderttausende Deutsche und Österreicher als Täter oder Mittäter hinzugezogen, sondern auch weite Teile anderer Völker in Europa: Ukrainer, Litauer, Letten, Ungarn, Rumänen, Slowaken, Kroaten, und – allerdings in wesentlich geringerem Ausmaß – auch ein gewisser Teil meiner eigenen Landsleute. Die Fotografien von Tadeusz Rolke zeigen weder eine Mordsze ne noch die Mörder, noch ihr Handwerkszeug. Sie zeigen nur die materiellen Spuren-Symbole dieses Rückfalls in die Barberei: Ruinen von Synagogen, von Gebetshäusern und Sitzen berühmter Zaddikim in Polen und der Ukraine. Es sind jedoch keine romantischen Ruinen. Auf jedem der hier gezeigten Fotos erhebt sich das historische Drama des Mordes an den Juden. Alle Bauten unterliegen bekanntlich der Verwitterung. Das ma chen Sonne, Wasser, Wind und verschiedene Katastrophen. Auch der Mensch ist daran nicht unbeteiligt. Aber besonders schnell verfallen Gebäude, deren sich niemand mehr annimmt. In Polen und der Ukraine gibt es nur wenige, die sich um diese materiellen Spuren der Anwesenheit von Juden kümmern. In Polen und der Ukraine lebten vor dem Holocaust über fünf Millionen Juden. Al lein die polnische Judenheit zählte vor dem deutschen Überfall im September 1939 etwa dreieinhalb Millionen Menschen, nur in den USA gab es mehr. Heute zählen alle jüdischen Gemeinden in Polen zusammen genommen knapp sechstausend Mitglieder. Im Vorkriegspolen machte die jüdische Bevölkerung zehn Pro zent der Gesamtbevölkerung und rund 40 Prozent der Stadtbe- 12 völkerung aus. Dies waren sehr oft orthodoxe Juden, die noch traditionelle Tracht trugen und in der Regel jiddisch sprachen, und es waren auch vollständig assimilierte Juden, die sich im täg lichen Leben untereinander wie auch mit anderen auf Polnisch verständigten. Unter ihnen gab es gläubige Juden und solche, die der jüdischen Religion ferner standen. Es waren Arme und Rei che, in ganz Polen bekannte Dichter, Schriftsteller und Künstler, aber auch einfache Lastenträger, Schuster, Schneider, Ladenbe sitzer und Straßenhändler. Herr Rolke gehört wie ich zu der Generation, die sich noch erin nern kann, wie die polnischen Städte und Kleinstädte vor dem Krieg aussahen, als die Juden ein organischer Bestandteil des dortigen Lebens waren. Wenn ich einen gemeinsamen Nenner für das Thema suchen müsste, das Tadeusz Rolke für seine heutige Ausstellung vorgeschlagen hat, würde ich sagen, dass es der Ver such ist, die Leere zu zeigen, welche die polnischen Juden hin terließen, als sie hauptsächlich zwischen 1941 und 1943 als Er gebnis des Holocaust aus der polnischen und ukrainischen Land schaft verschwanden. Diejenigen, die es hören wollen, werden es hören. Einst drängten sich die Menschen um die Lehre Rabbis von Opatów zu hören: „Drängt euch nicht“ rief er. Wer es hören will, wird es auch aus der Ferne hören, und wer es nicht hören will, wird es auch aus der Nähe nicht hören. Der Holocaust kostete drei Millionen polnischer Juden und Jü dinnen das Leben. Etwa ein Drittel davon hatte in den Gebieten gelebt, die nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst an die Sowjet union gefallen waren und später zur Ukraine, zu Belarus und zu Litauen kamen. Die weitaus meisten polnischen Juden wurden in den vier Ver nichtungszentren Kulmhof, Sobibór, Belżec und Treblinka ver- 13 OPATÓW, Wohnhaus gast, welche die SS im besetzten Polen ausschließlich zu ihrer sofortigen Ermordung hatte bauen lassen – mitunter waren auch Sinti und Roma die Opfer. Daneben gab es noch zwei Lager, wel che die Funktionen von KZ und industrieller Mordeinrichtung miteinander verbanden: Auschwitz-Birkenau, die größte Todes fabrik im Dritten Reich, und Majdanek bei Lublin. Die wenigen polnischen Juden und Jüdinnen(etwa 9%), die den Holocaust in einem Versteck, in Konzentrationslagern, in Zwangsarbeitslagern oder bei Partisanen überlebt hatten, verlie ßen Polen in den ersten vier Jahren nach Kriegsende; größtenteils deswegen, weil sie sich dort nicht sicher fühlten, insbesondere nach der mörderischen Pogromwelle und den Meuchelmorden in den Jahren 1945 und 1946. Auf den Aufnahmen von Tadeusz Rolke sieht man keine Menschen, und nur sehr selten erscheint einer als Schatten, obwohl 14 gerade die Menschen in dieser Botschaft das Wichtigste sind. Sonst sieht man nur Gebäude oder das, was von ihnen geblieben ist. Und trotzdem handeln auch sie von Menschen. Wenn diese Fotografien auch eine dokumentarische Dimension haben, so ist für mich – ich gestehe es – dennoch die in ihnen ent haltene geistige Botschaft am wichtigsten. Sie macht zur Reflexi on über die Shoa eher geneigt als die drastischen Ereignisse auf Schnappschüssen am Tatort zur Tatzeit; und zwar deshalb, weil sie nicht allein von der Shoa selbst berichten, sondern auch darüber, wie sich die Bevölkerung, die sich nach dem Krieg in den Gebie ten befand, wo die fotografierten Objekte stehen, ihr und den Ju den gegenüber verhielt. Kürzer gesagt: Die Fotografien sprechen auch vom Nichtgedenken und vom Nichterinnern an etwas, das im Interesse der Menschheit nicht vergessen werden sollte. Der Holocaust bedeutet nicht allein, dass Menschen, sondern auch die materiellen und symbolischen Spuren ihrer Anwesen heit vernichtet wurden. Die weitaus meisten Synagogen wurden abgerissen oder anderweitig zerstört. Die örtliche Bevölkerung eignete sich – schon bereits während des Krieges – nunmehr her renlose jüdische Grabsteine an, um sie nach deutschem Vorbild als Baumaterial zu verwenden oder damit Höfe und Plätze zu pflastern. Auch die kommunistischen Behörden kümmerten sich selten um Synagogen oder Friedhöfe. Einige Synagogen wurden noch in den 1970er Jahren abgetragen. Erst in letzter Zeit melden sich neben Bauern manchmal auch Pfarrer aus eigenem Antrieb mit Mazzewen(Grabschäden), mit denen einmal der Hof des Pfarrhauses oder der Sakristei gepflastert war. Somit ist Tadeusz Rolke – ohne selbst einen jüdischen Hintergrund zu haben – durch sein künstlerisches Schaffen zum Wächter des Gedenkens an die ermordeten Juden geworden: vor allem durch die unwie derholbare Art und Weise, wie er die schöne Kunst seiner Foto grafie ausübt. Andererseits hat sie eine unerhört wichtige doku- 15 mentarische Dimension; sie lehrt Geschichte und das in dem höchst sensiblen Bereich der zivilisatorischen Folgen des Holo caust. Die Fotografien gelten keinen einmaligen Tagesereignissen, son dern sie beziehen sich auf langfristig wirkende, dauerhafte Fol geerscheinungen einer existentiellen und zivilisatorischen Katastrophe, die nicht nur den einen Ort berührte, dem die konkrete Fotografie gewidmet ist, sondern weite Bereiche Ost- und Mit teleuropas und in diesem Sinne auch die gesamte europäische Kultur und Zivilisation. Sie beziehen sich auf eine Katastrophe, die zur Ausrottung einer ganzen Kultur samt ihrer Sprache führte. Metaphorisch gibt die Dimension dieser Katastrophe das Schicksal des Jiddischen wider, das bis zum Holocaust zehn Millionen Menschen sprachen und das – abgesehen von einigen Enklaven – innerhalb von drei Jahren vor den Augen einer Generation zur toten Sprache wurde, wie das Latein. Das Schicksal des Jid dischen, das nach der klassischen Tradition hauptsächlich auf einen west-mitteldeutschen Dialekt zurückgeht, wurde demnach von Menschen aus dem Land besiegelt, aus dem es stammte. In eben jenen Gegenden, in denen die Fotografien entstanden, war die jiddische Sprache das Verständigungsmittel der meisten dort lebenden Juden. Anders als beim Lateinischen war das Verschwinden des Jid dischen als eines Massenverständigungsmittels – vor 1939 erschienen in Polen etwa 420 Periodika in dieser Sprache – nicht das Ergebnis eines langsamen und schrittweise sich vollzie henden zivilisatorischen Wandels. Das Latein ist bekanntlich nicht gänzlich verschwunden; nicht nur, weil es bis vor kurzem noch die liturgische Sprache der römisch-katholischen Kirche war, sondern auch und vor allem deswegen, weil sich mindestens 16 fünf große europäische respektive südamerikanische Sprachen von ihm ableiten. Nein, das Jiddische verschwand nicht auf evo lutionärem Weg, es erlosch innerhalb von zwei Jahren in Folge eines Völkermords. Ich messe dem Umstand großes Gewicht bei, dass die Ausstel lung in Deutschland gezeigt wird. Ich denke hier vor allem an das emotionale und Erkenntnis fördernde Potential, das die Foto grafien für das Ausformen einer Erinnerungskultur in sich tragen. Ich meine hier nicht so sehr die Erinnerung an den Holocaust überhaupt; denn darauf kommen wir so oder so in unseren histo rischen und moralischen Diskursen zurück. Doch wir wissen, dass Informationen verschiedene Träger haben können: solche, die man aus Gründen der psychischen Hygiene vergessen will, wenngleich man das nicht sollte; und solche, die uns wegen des Tadeusz Rolke 17 ästhetischen Codes, den sie enthalten, den Weg zu dieser Erinne rung bahnen. Tadeusz Rolke präsentiert als Objekt seiner Fotokunst auf dieser Ausstellung Spuren in der Architektur und in der Landschaft, die von etwas Unwiederkehrbarem zeugen. Es sind dies Spuren der materiellen und geistigen Anwesenheit einer Bevölkerung, die binnen kurzer Zeit zwischen Sommer 1941 und Sommer 1943 ermordet wurde; in der Mehrheit geschah dies sogar nur zwi schen Sommer 1941 und Herbst 1942. Der Künstler zeigt vor allem Objekte in Zentral- und Südpolen sowie in einem Teil der Ukraine. Vor den Teilungen Polens, am Ende des 18. Jahrhunderts, als die jüdische Kultur die für diesen Teil Europas charakteristischen Züge annahm, lagen diese Ge biete innerhalb der Grenzen von Polen-Litauen. Dann, nach den Teilungen wurde ein Teil davon dem so genannten Ansiedlungs rayon einverleibt, mit anderen Worten, dem größten Ghetto in der Welt, das der Staat der russischen Zaren eingerichtet hatte und das erst durch die russische Februarrevolution von 1917 abgeschafft wurde. In der polnischen Adelsrepublik lebten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts etwa 80 Prozent aller Juden auf der damaligen Welt. Sie waren aus anderen Ländern Europas, vor allem aus Deutschland – Ashkenas – vor den Morden zur Zeit der ersten Kreuzzüge im 11. Jahrhundert hierher geflüchtet. Ende des 13. Jahrhunderts waren die Juden aus England und am Ende des 15. Jahrhunderts aus Spanien und Portugal vertrieben worden. Zur Zeit der Inquisition dehnten sich die Verfolgungen auf andere Länder Europas aus. In Polen genossen sie zwar keinen vollstän digen Schutz vor Verfolgungen, aber sie wurden hier doch weni ger belästigt als anderswo in Europa. Dieses änderte sich, als 1648/49 an der Ostgrenze des damaligen polnischen Staates der 18 Aufstand des ukrainischen Hetmans Bohdan Chmielnicki aus brach. Er hatte sich gegen die polnische Schlachta erhoben und ermordete bei dieser Gelegenheit Zehntausende der dort ansässigen Juden, die er in der Folge ihrer zumeist ökonomischen Ver mittlerrolle als„Verbündete“ des polnischen Adels ansah und dementsprechend grausam behandelte. Ich denke, dass die ukrainischen und ostgalizischen Gebiete den polnischen Meisterfotografen aber vor allem deshalb interessiert haben, weil hier die großen jüdischen religiösen messianistischen Bewegungen in der Mitte des 18. Jahrhunderts ihren Anfang und Ausgang nahmen. Sie führten zwar zu keiner Modernisierung des Judaismus im Sinne der späteren Reformen in Westeuropa, für die Moses Mendelssohn als Symbol steht. Auf jeden Fall ent standen aber hierdurch mehrere wichtige religiöse Strömungen im askenasischen Judentum. In dieser Gegend formierten sich im 18. Jahrhundert die Bewe gungen der jüdischen Häretiker, der Frankisten und der Sabba tisten. Letztlich traten die meisten Frankisten zum Christentum über; doch wie auch immer man die Angelegenheit sieht, so war dies doch damals ein erster Versuch, eine Brücke zwischen christ licher und jüdischer Religion zu schlagen. Und in diesen Gebieten bildeten sich auch die meisten der großen chassidischen Gemeinschaften, Gruppen frommer Juden um den Hof des einen oder anderen Zaddik. Ein Zaddik war eine Art Weiser, von dem man annahm, dass er engere Beziehungen zum Herrgott hatte als der Rest der Sterblichen. Die Bauten, die Tadeusz Rolke – zumeist nur in Spuren – auf seinen Bildern zeigt, waren oft die Sitze jener Zaddikim; mitunter auch die Synagogen der Städte, in denen sie Hof hielten; insgesamt also Symbole ei ner jüdischen Anwesenheit, welcher der Holocaust ein Ende setzte. 19 Es ist somit kein Zufall, dass Tadeusz Rolke sich für diese Objekte entschied; denn sie symbolisieren das Ende einer Epoche in diesen Gebieten oder eigentlich das Ende einer Epoche überhaupt. Sicherlich gibt es auch heute noch, insbesondere in Israel und den USA, Anhänger einzelner großer Zaddikim aus jenen polnischen und ukrainischen Gebieten. In den meisten Fällen entstanden diese Höfe der Zaddikim im 18. oder in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Am bekanntesten und zahlreichsten sind wohl die Anhänger des Rabbi von Lubawicze, genauer ihrer Dynastie, der Schneurons, welche die chassidische Chabad-Bewegung schufen. Bis heute gibt es auch noch Anhänger des Zaddik von Bobowa, des Rabbis aus Belz und des Rabbis aus Czortków, des Zaddik Eli Melech aus Leżajsk und des Zaddik Izach Maier aus Góra Kalwaria, den die Juden den Ger nennen. Am Todestag oder Ge burtstag des Gründers einer solchen Dynastie oder des letzten Zaddik versammeln sich ihre Anhänger an den Gräbern, um zu beten. Sehr oft sind es junge Leute, in deren Familien die religi öse Zugehörigkeit vererbt wird. In einigen Gebieten wurden sol che Besuche erst nach dem Zerfall der Sowjetunion möglich, woraus u.a. auch Tadeusz Rolke Nutzen zog. Ich sehe in Tadeusz Rolkes Fotografien wesentlich mehr als die für die Historiker und Wächter der Erinnerung an die Verbrechen des 20. Jahrhunderts notwendige künstlerisch sublimierte wert volle Dokumentation dessen, was beständig einem weiteren Ver fall unterliegt – auch wenn wir positive Beispiele anführen kön nen wie den Fall der in der Ausstellung gezeigten Ruine der Sy nagoge von Rymanów, die vor Kurzem restauriert wurde. Für mich enthalten seine Fotografien eine Mission und zugleich ein riesiges Potential, um darüber aufzuklären, was der Holocaust 20 war und wie tiefe Spuren er hinterlassen hat, u.a. im Verhältnis der Bewohner dieser Gebiete, in denen einst Juden als Nachbarn lebten, zum jüdischen Erbe, zum Erbe ihrer ehemaligen Nach barn und Mitbürger. Tadeusz Rolkes Fotografien zwingen – ich möchte es wiederholen – mehr zum Nachdenken über diese im Völkermord erloschene Kultur als noch so drastische Ereignisse, die fotografiert wurden, als sie passierten. Primo Levi schrieb von der moralischen Pflicht zu bezeugen, was den Juden in den Jahren des Zweiten Weltkriegs zustieß. Genau dieses tut Tadeusz Rolke in der Sprache des Künstlers. 22 Reihe Politik und Geschichte im Karl-Marx-Haus Heft 1: Stephan Malinowski, Vom König zum Führer, Zum Verhältnis von Adel und Nationalsozialismus, Trier 2004(23 S.) Heft 2: Karl Marx – Neue Perspektiven auf sein Werk, Trier 2005,(64 S.) Heft 3: Rainer Hudemann, Mariannes und Michels Erbfreundschaft? Deutschland und Frankreich seit 1945, Trier 2005(32 S.) Heft 4: Neueröffnung des Karl-Marx-Hauses Trier, 9. Juni 2005, Viehmarktthermen Trier, Trier 2005(40 S.) Heft 5: Christoph Henning, Narrative der Globalisierung. Zur Marxrenaissance in Globalismus und Globalisierungskritik, Trier 2006,(44 S.) Heft 6: Matthias Küntzel, Islamismus und Nationalsozialismus. Gibt es einen Zusammenhang?, Trier 2006(23 S.) Heft 7: Hartmut Soell, Herbert Wehner – Ein Leben in den Krisen des 20. Jahrhunderts, Trier 2006(36 S.) Heft 8: Beatrix Bouvier, Zur Sozial- und Kulturgeschichte des Fußballs, Trier 2006(200 S.) Heft 9: Jan-Christoph Hauschild,„Das Wunder Heine“, Trier 2007(31 S.) Heft 10: Frank Bajohr,„Unser Hotel ist judenfrei“. Alltagsantisemitismus in Bade- und Kurorten im 19. und 20. Jahrhundert, Trier 2007(27 S.) 23 Heft 11: Adolf Kimmel, Frankreich nach den Wahlen, Welcher Wandel? Welcher Aufbruch?, Trier 2007(36 S.) Alle Hefte sind im Volltext im Internet abrufbar unter http://library.fes.de/history/gpg-kmh.htm l