Oliver Decker, Katharina Rothe, Marliese Weissmann, Norman Geißler, Elmar Brähler Unter Mitarbeit von Franziska Göpner und Kathleen Pöge Ein Blick in die Mitte Zur Entstehung rechtsextremer und demokratischer Einstellungen in Deutschland Forum Berlin Ein Blick in die Mitte Zur Entstehung rechtsextremer und demokratischer Einstellungen Oliver Decker, Katharina Rothe, Marliese Weißmann, Norman Geißler und Elmar Brähler Unter Mitarbeit von: Franziska Göpner und Kathleen Pöge Im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung, Forum Berlin Mai 2008 1 Herausgegeben von der Friedrich-Ebert-Stiftung, Forum Berlin Redaktionelle Bearbeitung: Dr. Dietmar Molthagen Copyright 2008 by Friedrich-Ebert-Stiftung, Forum Berlin Hiroshimastr. 17, 10785 Berlin Umschlaggestaltung: Pellens Kommunikationsdesign, Bonn Satz und Druck: Wagemann Medien GmbH ISBN: 978-3-89892-920-2 2 Inhalt 1 Einleitung:„Vom Rand zur Mitte“ – Fragestellungen nach einer Repräsentativerhebung..........9 1.1 Ergebnisse aus der Studie„Vom Rand zur Mitte“....................10 1.1.1 Häufigkeit rechtsextremer Einstellung in der Studie „Vom Rand zur Mitte“..............................................................10 1.1.2 Ursachen rechtsextremer Einstellung in der Studie „Vom Rand zur Mitte“..............................................................13 1.2 Fragestellungen der vorliegenden Studie.................................15 1.3 Hinweise zur Lektüre...............................................................17 2 Theorie und Methode.............................................................23 2.1 Geschichte der Gruppendiskussion als Methode der empirischen Sozialforschung....................................................23 2.2 Methodische und theoretische Eckpfeiler der vorliegenden Studie............................................................26 2.2.1 Rekonstruktive Sozialforschung...............................................32 2.2.2 Psychoanalytische Sozialforschung..........................................33 2.2.3 Themenzentrierte Gruppendiskussion......................................38 2.2.4 Gütekriterien qualitativer Forschung........................................40 2.2.5 Analyseebenen..........................................................................42 3 3 Die vorliegende Untersuchung..............................................45 3.1 Rekrutierung und Durchführung der Gruppendiskussionen.....45 3.2 Überblick über die realisierte Untersuchungsgruppe im Vergleich zur Repräsentativbefragung „Vom Rand zur Mitte“..............................................................47 3.3 Entwicklung des Interviewleitfadens, Aufbereitung der Gruppendiskussionen...............................................................51 3.4 Auswertung...............................................................................53 4 Die Gruppendiskussionen......................................................59 4.1 Berlin-Mitte..............................................................................60 4.2 Dortmund(Nordrhein-Westfalen)............................................66 4.3 Gießen(Hessen).......................................................................70 4.4 Niedernhausen(Hessen)...........................................................75 4.5 Herdecke(Nordrhein-Westfalen).............................................80 4.6 Renningen(Baden-Württemberg)............................................86 4.7 Neuss(Nordrhein-Westfalen)...................................................91 4.8 Dresden-Johannstadt(Sachsen)................................................95 4.9 Eutin(Schleswig-Holstein)....................................................100 4.10 Berlin-Hohenschönhausen......................................................106 4.11 Dresden-Neustadt(Sachsen)..................................................113 4.12 Berlin-Bohnsdorf....................................................................117 4 5 Auswertung der Gruppendiskussionen..............................125 5.1 5.1.1 5.1.1.1 5.1.1.2 5.1.1.3 Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus und Chauvinismus..126 Abweichung und Fremdheit...................................................130 Eigene Erfahrungen der Abweichung und Angst vor Sanktion..........................................................131 Statusdifferenzen und Abstiegserfahrungen in den Diskussionen................................................................155 Ressentiments gegen vermutete Abweichung........................167 Zwischenresümee.................................................................................179 5.1.2 5.1.2.1 5.1.2.2 5.1.2.3 Ausländerfeindlichkeit...........................................................184 Reflektierte Vorurteile und Migrant/innen..............................185 Kulturalistische Argumentation..............................................197 Migrant/innen und Ressentiments..........................................214 Zwischenresümee.................................................................................246 5.1.3 Antisemitismus.......................................................................250 Zwischenresümee.................................................................................263 5.1.4 Chauvinismus.........................................................................268 Zwischenresümee.................................................................................272 5.2 Diktatorische, sozialdarwinistische und demokratische Einstellungen..........................................................................274 5.2.1 Ärger über Politik, Dreck und schlechte Erziehung...............282 Zwischenresümee.................................................................................297 5.2.2 Wunsch nach Härte, Wut auf Schwäche.................................299 Zwischenresümee.................................................................................305 5 5.2.3„Erleiden“ der Politik.............................................................306 Zwischenresümee.................................................................................315 5.2.4 Autoritäre Forderungen und erlebte autoritäre Erziehung......316 Zwischenresümee.................................................................................329 5.2.5 Autoritäre, antiautoritäre Erziehung und Politik im Gespräch zwischen den Generationen....................................332 Zwischenresümee.................................................................................340 5.2.6„Die da oben“: Alltagstheorien zur sozialen Ungleichheit und Verschwörungstheorien..............................342 Zwischenresümee.................................................................................361 5.2.7 Diktatur als Apokalypse- und Rettungsfantasie.....................363 5.2.8 Vom Autoritären zum Postautoritär-Destruktiven..................370 Zwischenresümee.................................................................................373 5.3 Die Gegenwart der nationalsozialistischen Vergangenheit.....375 5.3.1 Die intergenerationelle Bedeutung der NS-Vergangenheit und des Zweiten Weltkriegs....................................................377 Zwischenresümee.................................................................................389 5.3.2 Wohlstand als narzisstische Plombe.......................................392 Zwischenresümee.................................................................................412 5.3.3 Unfähigkeit zu Trauern heute: Vertreibung als Täter/OpferUmkehr und„Sühne“.............................................................417 Zwischenresümee.................................................................................435 6 6 Diskussion der Untersuchungsergebnisse und möglicher Konsequenzen..............................................439 6.1 Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Chauvinismus........439 6.2 Diktatorische, sozialdarwinistische und demokratische Einstellungen..........................................................................450 6.3 Zur Gegenwart der nationalsozialistischen Vergangenheit.....455 6.4 Konsequenzen.........................................................................462 Anhang................................................................................................481 Häufigkeit und Verteilung rechtsextremer Einstellung nach Dimensionen............................................................481 Transkriptionsregeln............................................................................483 Literatur..............................................................................................485 7 8 1 Einleitung: „Vom Rand zur Mitte“ – Fragestellungen nach einer Repräsentativerhebung Im Jahre 2006 führten wir im Auftrag des Forum Berlin der FriedrichEbert-Stiftung eine Repräsentativerhebung zur Verbreitung der rechtsextremen Einstellungen in Deutschland durch. Neben der Frage nach der Ausprägung rechtsextremer Einstellung in der Deutschen Bevölkerung, war auch die Frage nach den Einflussfaktoren, die zu einer rechtsextremen Einstellung führen, im Fokus unseres Interesses. Der Fragebogen, mittels dessen wir die Verbreitung rechtsextremer Einstellung beschrieben haben, erfasste sechs Dimensionen: Befürwortung einer rechtsgerichteten Diktatur, Chauvinismus, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Sozialdarwinismus und Verharmlosung des Nationalsozialismus. Die Ergebnisse unserer Untersuchung wurden im selben Jahr veröffentlicht(Decker, Brähler& Geißler 2006). Wir konnten zeigen, dass Bestandteile rechtsextremer Einstellungen in weiten Teilen der Bevölkerung zustimmungsfähig waren, weshalb wir uns entschieden, der Studie, in Anlehnung an die Untersuchung von Lipset den Titel„Vom Rand zur Mitte“ zu geben: Wenn der rechtsextremen Einstellung als einer zutiefst antidemokratischen Haltung wirksam begegnet werden soll, muss das Augenmerk auch auf die Mitte der Gesellschaft gelenkt werden, in der die rechtsextremen Einstellungsmuster anzutreffen sind. Wir konnten neben der Verbreitung der rechtsextremen Einstellung auch Einflussfaktoren beschreiben, die zur Einstellung führen und damit eine Reihe von Fragen beantworten. Gleichzeitig stellten sich aber 9 durch die Ergebnisse der Repräsentativerhebung neue Fragen. Die hier vorliegende Untersuchung„Ein Blick in die Mitte“ ist eine anschließende Nachfolgestudie zu„Vom Rand zur Mitte“ und wird diese neuen Fragen erörtern. Das Ziel ist dabei wiederum, das Verständnis für das Zustandekommen einer demokratischen oder rechtsextremen Einstellung zu erweitern. Dabei schlossen wir sowohl methodisch als auch inhaltlich aufbauend auf der Studie„Vom Rand zur Mitte“ an. Einleitend sollen daher zunächst die Ergebnisse der Repräsentativerhebung vorgestellt und damit im nächsten Schritt die Fragestellung der vorliegenden Studie skizziert werden. Ebenso sollen einige Hinweise zur Lektüre dieses Buchs gegeben werden. 1.1 Ergebnisse aus der Studie„Vom Rand zur Mitte“ Die beiden Schwerpunkte der Studie„Vom Rand zur Mitte“, Verbreitung und Ursachen rechtsextremer Einstellung, werden im Folgenden getrennt wiedergegeben. Wichtig ist es an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass es eben um rechtsextreme Einstellungen und nicht um entsprechend motivierte Handlungen, wie etwa Gewalttaten oder Wahlverhalten, geht. Zwischen Einstellung und Handlung besteht ein Zusammenhang, der aber auf keinen Fall deterministisch ist. Im Gegenteil zeigten sich die Einstellung verbreiteter, als es die Handlungen, etwa die Wahl rechtsextremer Parteien, vermuten ließ. 1.1.1 Häufigkeit rechtsextremer Einstellung in der Studie„Vom Rand zur Mitte“ Wir fanden rechtsextreme Einstellungen in allen gesellschaftlichen Gruppen und in allen Bundesländern vertreten. Zwar zeigten sich durch10 aus verschiedene Ausprägungen bezogen auf die sechs Dimensionen rechtsextremen Denkens, aber es fand sich keine Bevölkerungsgruppe oder Region, in der nicht Bestandteile rechtsextremen Denkens geäußert wurden. Deshalb haben wir konstatiert, dass der Begriff„Rechtsextremismus“ irreführend ist, weil er das Problem als ein Randphänomen beschreibt. Vielmehr handelt es sich bei Rechtsextremismus um ein politisches Problem in der Mitte der Gesellschaft. Dies spiegelt sich sehr deutlich in den Zustimmungswerten zu einzelnen Aussagen wider, bei denen teilweise über 40% der Befragten zustimmen konnten(vgl. Tabelle im Anhang). Insgesamt fanden die Aussagen zu den Dimensionen Ausländerfeindlichkeit und Chauvinismus des Rechtsextremismus die höchsten Zustimmungswerte(vgl. Tabelle 1.1). Dies galt sowohl für die Gesamtbevölkerung als auch für relevante Untergruppen, die wir differenziert betrachteten. Es folgte der Antisemitismus als ein sehr bedeutsames Merkmal rechtsextremer Einstellung, das immerhin von fast jedem elften Deutschen geteilt wurde. So verwunderte es nicht, dass sich Menschen mit rechtsextremen Einstellungen bei allen erfragten Gruppen(Parteienanhänger, Gewerkschaftsmitglieder und Kirchen) wiederfinden ließen. Tabelle 1.1- Rechtsextreme Einstellungen in West- und Ostdeutschland, Herbst 2006(in Prozent; aus„Vom Rand zur Mitte“, S. 43) Gesamt West Ost Befürwortung Diktatur 4,8 4,4 6,5 Chauvinismus 19,3 20,1 16,1 Ausländerfeindlichkeit 26,7 25,7 30,6 Antisemitismus 8,4 9,5 4,2 Sozialdarwinismus 4,5 4,0 6,2 Verharmlosung Nationalsozialismus 4,1 4,6 2,0 11 Hinsichtlich der Bildung und auch des Geschlechts ließen sich jedoch Unterschiede ausmachen. So stimmten Befragte mit hohem Bildungsabschluss den rechtsextremen Aussagen in der Regel seltener zu, wie auch Frauen seltener als Männer rechtsextremen Aussagen zustimmten. Der Studie„Vom Rand zur Mitte“ gingen Repräsentativerhebungen mit dem gleichen Fragebogen in den Jahren 2002 und 2004 voraus, so dass wir im Jahr 2006 außerdem einen Vergleich über die Zeit vornehmen konnten. Die Betrachtung der Zustimmungswerte im Zeitverlauf konnte sichtbar machen, wie stabil die Zustimmung zu rechtsextremen Aussagen ist. Es ließ sich zwar einerseits eine insgesamt abnehmende Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur feststellen. Aber schon beim Thema Chauvinismus sah es anders aus; hier konnten wir einen leichten Anstieg der Zustimmung feststellen. Dabei wurde die Zunahme der Werte im Zeitverlauf gleichermaßen durch Ost- und Westdeutsche, Frauen und Männer und alle Bildungsschichten getragen, was von einem gesamtdeutschen Trend zeugt. Die Zustimmung in der Dimension Ausländerfeindlichkeit wiesen im Zeitverlauf kleinere Schwankungen auf, die aber vor dem Hintergrund des hohen Sockelwertes 25-30% kaum ins Gewicht fallen. Ausländerfeindlichkeit scheint für weite Teile der Bevölkerung, unabhängig von Geschlecht, Bildungsgrad oder Parteienpräferenz, konsensfähig zu sein. Neben der Zustimmung zu rechtsextremen Aussagen mussten wir, gewissermaßen als negativ, feststellen, dass die Zustimmung gegenüber der Demokratie in ihrer aktuellen Praxis in Deutschland gering war. Auch die hohe Erfahrung politischer Deprivation stach ins Auge: So sahen sich viele Deutsche weder in der Demokratie, wie sie in der Bundesrepublik praktiziert wird, aufgehoben, noch sahen sie es als sinnvoll an, sich politisch zu engagieren. 12 1.1.2 Ursachen rechtsextremer Einstellung in der Studie„Vom Rand zur Mitte“ In unserer Untersuchung aus 2006 ließen sich Menschen mit rechtsextremer Einstellung hinsichtlich verschiedener sozialer und psychischer Eigenschaften differenziert beschreiben. Rechtsextrem orientierte Menschen fühlen sich weniger akzeptiert sowie in ihrer Umgebung weniger wohl und sicher. Des Weiteren schätzen sie ihre eigene subjektive wirtschaftliche Situation und auch die aktuelle wirtschaftliche Situation in Deutschland schlechter ein. Uns fiel zudem auf, dass sich die von Rechtsextremen beschriebene frühe Sozialisationserfahrung markant von der Erfahrung anderer Befragter unterschied. Das elterliche Erziehungsverhalten wurde von rechtsextrem orientierten Menschen häufiger mit Ablehnung und Strafe, insbesondere durch den Vater, erinnert. Gleichzeitig war die erfahrene emotionale Wärme durch den Vater niedriger. Hinsichtlich des erinnerten Erziehungsverhaltens durch die Mutter sind bei Menschen mit ausgeprägter rechtsextremer Einstellung sowohl die negativen Aspekte wie Ablehnung und Überforderung, aber interessanterweise auch der positive Aspekt der emotionalen Wärme höher ausgeprägt. Menschen mit rechtsextremer Einstellung sind nach dem von uns 2006 eingesetzten Persönlichkeitstest zudem dominanter, verschlossener, misstrauischer sowie ängstlicher und depressiver als Probanden ohne rechtsextreme Einstellung. Als eine sehr bedeutsame Größe für die Ausbildung einer rechtsextremen Einstellung zeigte sich das Gefühl politischer Einflusslosigkeit. Außerdem konnten Hinweise dafür gefunden werden, dass bei der Ausbildung einer rechtsextremen Einstellung psychische Einflussfaktoren, wie etwa ein geringer Selbstwert, sowie mangelnde Resilienz (Fähigkeit, mit belastenden Lebensereignissen umzugehen), höhere Depression und Ängstlichkeit relevant sind. Des Weiteren kommen rechtsextreme Einstellungen in der Gesamtstichprobe eher bei miss13 trauischen, verschlossenen sowie wenig zur Selbstreflexion neigenden Personen vor. Die beschriebenen Einflussgrößen fassten wir im Jahr 2006 in ein Modell der Einflussfaktoren auf die Entstehung einer rechtsextremen Einstellung zusammen, wie in der Grafik 1.1 abgebildet. Entlang dieses Modells wird die Bedeutung der Sozialisation ersichtlich, in der wir eine wichtige Rolle beim Zustandekommen einer rechtsextremen Einstellung erkannten. Die statistischen Zusammenhänge ließen allerdings weitgehend offen, wie gesellschaftliche Erfahrungen und Persönlichkeitsstruktur bei der Herausbildung rechtsextremer Einstellungen zusammenwirken. Angesichts dessen war von uns von besonderem Interesse, mehr über die Einstellungen der zahlreichen Befragten zu erfahren, die im Rechtsextremismusfragebogen häufig die Antwortmöglichkeit„teils/teils“ gewählt haben. Die darin zum Ausdruck kommende teilweise Zustimmung bzw. Ablehnung(vgl. Tabelle im Anhang) ist interpretativ schwer zu erschließenden, umso dringender stellt sich die Frage nach der Interpretation der konkreten Zusammenhänge bestimmter Einflussfaktoren für demokratische und rechtsextreme Einstellungen. Sozialisation Protektive Faktoren Persönlichkeit Bewertung der sozialen Situation Rechtsextreme Einstellung Grafik 1.1 – Zusammenhang von Sozialisation, psychischen und Umweltfaktoren und Rechtsextremismus 14 1.2 Fragestellungen der vorliegenden Studie Unser Interesse an der Aufklärung sowohl über die Zusammenhänge der beschriebenen Einflussfaktoren für rechtsextreme Einstellungen als auch über die Hintergründe der teils/teils-Antworten, führte zur Entscheidung für die vorliegende Nachfolgestudie. Im Anschluss und aufbauend auf den Ergebnissen der repräsentativen Querschnittsstudie zu Determinanten rechtsextremer Einstellungen in Deutschland 2006 wurde ein vertiefendes Forschungsprojekt auf Grundlage von Gruppendiskussionen durchgeführt. Gruppendiskussionen stellen eine Methode der empirischen Sozialforschung dar, mit der qualitative Daten erhoben werden. Qualitative Daten bedeuten, dass weniger die Häufigkeit einer Einstellung im Vordergrund steht, also die Erklärung deren quantitativer Verteilung. Stattdessen geht es vielmehr um die vertiefte Rekonstruktion der Bedingungen, unter der politische Einstellungen ausgebildet werden – also deren qualitative Faktoren(zur Methode der Gruppendiskussionen vgl. genauer Kapitel 2). Bei der Durchführung der Studie„Ein Blick in die Mitte“ lag das Erkenntnisinteresse auf weiterer Aufklärung über unsere Befunde im Jahr 2006 und zudem auf der Frage nach den familiären Traditionslinien einer politischen Einstellung. Ausgehend von der Annahme eines„Geschichtsmilieus“, das als„schwer entwirrbares Geflecht von familiären, örtlichen, politischen und auch intellektuellen Überlieferungen“(Habermas 1987, 140) bezeichnet wurde, sollte die Tradierung von demokratischer und rechtsextremer Einstellung untersucht werden. Zum einen sollte das Zusammenwirken der Faktoren, die wir in der Studie„Vom Rand zur Mitte“ erfasst haben, näher beleuchtet werden. Dabei wurden die Fragen nach dem Stellenwert von Sozialisationserfahrungen und insbesondere der intergenerationellen Weitergabe mit aufgenommen. Zum anderen galt der Dimension Ausländerfeindlichkeit, die wir 2006 als„Einstiegsdroge“ in den Rechtsextremismus bezeichneten, besonderes 15 Interesse. Wie kommen ausländerfeindliche Einstellungen zustande, in welche Erfahrungen sind sie eingebettet? Mithilfe des Gruppendiskussionsverfahrens, das sich alltäglichen sozialen Kommunikationssituationen annähert, kann außerdem rekonstruiert werden, wie fremdenfeindliche Positionen von anderen aufgenommen werden. Unsere oben dargestellten Befunde, der von großen Teilen der Bevölkerung und über viele gesellschaftlichen Gruppen hinweg geteilten Zustimmung zu rechtsextremen Aussagen und der Kritik an der Demokratie, waren die Gründe, von einem Problem der Mitte zu sprechen. Mit diesem gewählten Begriff schlossen wir an eine lange Tradition der Forschung zum Rechtsextremismus und dabei insbesondere an die Untersuchung des Wahlverhaltens und der Wählerbewegungen am Ende der Weimarer Republik durch den Soziologen Seymour Martin Lipset an. Dieser stellte fest, dass die Wähler der NSDAP aus den Parteien der Mitte zur NSDAP abgewandert waren. Er gab diesem Befund den Namen„Extremismus der Mitte“(Lipset 1958). In Deutschland fand dieses Konzept Aufmerksamkeit durch Ralf Dahrendorf, der im Anschluss an Lipset feststellte: „Die Zerstörung der Demokratie ist ein Werk des Mittelstandes“(zit. n. Kraushaar 1994, 34). Auch fand es in der weiteren Forschung empirische Bestätigung(Falter 1981, 1991) und ist bis heute Ausgangspunkt für die wissenschaftliche Forschung(Butterwegge 2002). Obwohl die Befunde von Lipset im Kern Bestätigung fanden und in der Wissenschaft aufgenommen wurden, löste„bereits eine bloße Erwähnung[der Theorie Lipsets][...] in vielen Fällen massive Gegenreaktionen aus. Offensichtlich wird mit der These vom Extremismus der Mitte ein neuralgischer Punkt getroffen. Schon der abstrakte Gedanke, daß auch die Mittelschichten der Bundesrepublik ein antidemokratisches Potential in sich bergen könnten, wird als Zumutung, ja als Provokation verstanden“(Kraushaar 1994, 49). Dass die nun vorliegende Studie„Ein Blick in die Mitte“ heißt, hängt wesentlich mit dem Rückbezug auf die Studie„Vom Rand zur Mitte“ 16 zusammen. Wir haben über die Befragten der Repräsentativerhebung die Teilnehmenden für unsere Gruppendiskussion gewonnen. Während wir bei der Repräsentativerhebung bereits methodisch sichergestellt hatten, tatsächlich eine statistisch repräsentative, das heißt über Verteilungen aussagekräftige Stichprobe der deutschen Bevölkerung gewinnen zu können, ist dies bei Gruppendiskussionen weder möglich noch das Ziel. Da wir in der vorliegenden Studie vielmehr auch Antworten auf Fragen wollten, die wir nicht gestellt haben, wählten wir eine nicht repräsentative, jedoch offene Methode, die es den Befragten ermöglichte, für sie bedeutsame Erlebnisse und Erfahrungen frei zu erzählen und in eigene, für sie bedeutsame Sinnzusammenhänge zu stellen(vgl. Kapitel 2 und 3). Da erstens die Gesellschaft aus vielen Individuen besteht und zweitens in jedem Einzelfall immer auch prägendes kollektives Bewusstsein vorhanden ist, lassen sich auch mit einer kleinen und nicht repräsentativen Stichprobe Ergebnisse erzielen, die über den Kreis der befragten Personen hinausweisen. 1.3 Hinweise zur Lektüre Zu Beginn dieses Buchs möchten wir allen Teilnehmenden an den Gruppendiskussionen unseren großen Dank aussprechen. Ohne sie hätte diese Studie nicht durchgeführt werden können und wäre diese Publikation undenkbar. Um die Gruppendiskussionen ergebnisoffen durchführen zu können, war die Eingangsfrage sehr offen formuliert und gab die Fragestellung der Studie – Einflussfaktoren auf die politische Einstellung – nicht zu erkennen. Wir sind daher den Teilnehmenden sehr zu Dank verpflichtet, dass sie sich auf diese offene Situation eingelassen haben. Uns ist es sehr wichtig, für die Lektüre der Zitate und unserer Interpretation beständig in Erinnerung zu rufen, dass wir hier nicht einzelne Menschen untersuchen, 17 sondern biografische Strukturen, unter denen sich eine politische Einstellung ausbildet. Diese Strukturen werden von einer Generation, einem Kulturkreis, einer Schicht oder ähnlichem geteilt. Als Träger solcher sozialen Milieus wurden die Teilnehmenden von uns interviewt und als solche kommen sie hier zur Sprache. Sie stehen hier also nicht als Personen zur Disposition, sondern ihre Erfahrungen und Berichte gestatten einen Blick auf die Gesellschaft, wie sie sich den Individuen vermittelt. Selbstverständlich sind alle genannten Namen vollständig anonymisiert. Die wörtliche Rede der Teilnehmenden ist wegen der Bedeutung der„Privatsprache“ für das Sinnverstehen mit den Merkmalen des Dialekts genauso transkribiert worden, wie eben der Satzbau der freien Rede sich nicht immer an den Regeln der Grammatik orientiert. Uns ist es ebenfalls sehr wichtig zu betonen, dass dies nicht die Teilnehmenden bloßstellen soll. Vielleicht empfiehlt es sich, vor der Lektüre probehalber das Gespräch mit einer/einem Freund/Freundin aufzuzeichnen, um einen Eindruck davon zu erhalten, wie wenig das gesprochene Wort der grammatikalischen Struktur folgt – und wie wichtig genau die Hervorbringung des Gedankens im Prozess des Sprechens für die Kommunikation ist. Aus diesem Grund haben wir auch Sonderzeichen für parasprachliche Interaktionen eingefügt, deren Bedeutung im Anhang aufgeführt ist(vgl. Transkriptionsregeln im Anhang). Außerdem soll auf einen weiteren zu berücksichtigenden Aspekt zur Auswertung der Gruppendiskussionen hingewiesen werden: Wenn bei der Ergebnisdarstellung eine Gruppendiskussion häufiger zur Darstellung des Befundes herangezogen wird als eine andere, so bedeutet das nicht, dass die Ergebnisse nur auf den zur Illustration ausgewählten Gruppendiskussionen basieren. In der Sozialforschung wird in Anlehnung an Max Weber vom„Idealtyp“ gesprochen, der im Rahmen empirischer Untersuchungen herangezogen wird: Die Darstellung des Befundes am Material, in dem das beobachtete Phänomen am deutlichsten zutage tritt. Auch hier gilt wieder: Nicht die Teilnehmenden, die im Text zitiert werden, 18 stehen als Individuen infrage, sondern die sich in ihrer Biografie verdichtende und in der politischen Einstellung gerinnende Erfahrung von Gesellschaft. Wichtig ist uns auch, Ihnen als Leserin/Leser einige Hinweise für die Lektüre mit auf den Weg durch die Studie zu geben. Zunächst zur Struktur des vorliegenden Buchs: In Kapitel 2 stellen wir den theoretischen und methodischen Rahmen der Studie vor, hieran schließt dann in Kapitel 3 die Beschreibung der Umsetzung unserer Studie an. In Kapitel 4 werden die Gruppen der Studienteilnehmer/innen kurz vorgestellt und mit der Sequenzierung der Gruppendiskussionen bereits erste Ergebnisse vorgestellt. Bei den dann im folgenden Kapitel 5 vorgestellten Analyse des Materials handelt es sich anders als bei der Fragebogenuntersuchung nicht mehr um die Frage nach der Verbreitung von rechtsextremen Einstellungen, sondern der untersuchte Gegenstand hat sich von der Einstellung selbst zu den Bedingungen ihrer Entstehung verschoben. Dies hat zur Folge, dass sich der Aufbau der Analyse in Kapitel 5 an den Dimensionen rechtsextremer Einstellung aus der Studie„Vom Rand zur Mitte“ orientiert. Das vorliegende Buch kann demnach in Ausschnitten und in eigener Auswahl bzw. in Abhängigkeit des Interesses kapitelweise gelesen werden. Dennoch gibt es einen„roten Faden“, der das Kapitel 5 durchzieht. Zunächst(Kapitel 5.1) wird nach den allgemeinen gesellschaftlichen Bedingungen gefragt, unter denen sich ausländerfeindliche, antisemitische und chauvinistische Einstellungen herausbilden und zeigen. Die Antwort auf die Frage nach dem Allgemeinen führt vor Augen, dass die genannten Dimensionen der rechtsextremen Einstellung selbst das Besondere eines gesellschaftlich-allgemeinen Gewaltverhältnisses sind. Hierbei lassen sich durchaus individuell unterschiedliche Umgangsweisen mit diesem Gewaltverhältnis finden, die neben der gesellschaftlichen Bedingtheit der 19 politischen Einstellung auch auf die psychischen Faktoren der Einstellung hinweisen. An die damit in diesem Abschnitt freigelegten sozialisatorischen Bedingungen wird dann im folgenden Kapitel 5.2 angeschlossen. Anhand der rechtsextremen Einstellungsdimensionen„Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur“ und„Sozialdarwinismus“ können wir die hohe Bedeutung sozialisatorischer Faktoren für die Entstehung dieser Einstellungen aufzeigen. Es zeigt sich zudem eine Nähe von antidemokratischer Einstellung, Wut auf Schwächere und dem antidemokratischen Erziehungsstil. Hieran schließt das Kapitel 5.3 an, das sich, angelehnt an die Dimension„Verharmlosung des Nationalsozialismus“, mit der Gegenwart der deutschen Vergangenheit befasst und damit transgenerationelle Einflussfaktoren auf die Ausbildung politischer Einstellungen untersucht. Den Abschluss bildet Kapitel 6, in dem wir die Ergebnisse der vorliegenden Studie zusammenfassen, diskutieren und aus ihnen abzuleitende politische Konsequenzen vorschlagen. Bei der Lektüre wird auffallen, dass sich die Ergebnisdarstellung von der Darstellung in der Vorgängerstudie„Vom Rand zur Mitte“ unterscheidet. Für qualitative Untersuchungen gilt, was der Gründervater der modernen Soziologie als Arbeitsweise des Sozialforschers beschrieb: Das Ergebnis des Forschungsprozesses„muß aus seinen einzelnen der geschichtlichen Wirklichkeit zu entnehmenden Bestandteilen komponiert werden“. Für die qualitative Forschung gilt dies deswegen in einem besonderen Maße, weil sie anders als die quantitative Forschung, ihren Begriff vom Untersuchungsgegenstand nicht von vornherein an denselben anlegt, sondern ihn im Prozess der Forschung erst gewinnen muss: Qualitative Forschung muss sich, bildhaft gesprochen, an ihren Untersuchungsgegenstand anschmiegen(Adorno 1969). Das bedeutet nicht, dass sich qualitative Forschung ohne Theorie ihrem Gegenstand nähert oder keine Idee davon hat, womit sie es zu tun hat. 20 Aber im qualitativen Forschungsprozess werden die eingangs verwendeten Begriffe nicht von vornherein festgelegt, wie etwa bei quantitativen Untersuchungen. Wir wollen an dieser Stelle noch einmal den Nestor der Soziologie – Max Weber – zu Wort kommen lassen:„Die endgültige begriffliche Erfassung kann nicht am Anfang, sondern nur am Schluß der Untersuchung stehen: es wird sich mit anderen Worten erst im Lauf der Erörterung und als deren wesentliches Ergebnis zu zeigen haben, wie das […] für die uns hier interessierenden Gesichtspunkte adäquatesten zu formulieren sei“(Weber 1904/1905, 11). Dies zu berücksichtigen, hat Konsequenzen für die Darstellung: Es begründet die hier gewählte ausführliche und textbasierte Ergebnisdarstellung. Während bei der Fragebogenuntersuchung die Ergebnisse in Tabellen aufbereitet werden können, ist das Ergebnis einer Gruppendiskussionsstudie nur als Prozess und dann in der Regel auch nur als Fließtext darstellbar. Wir sind uns bewusst, dass wir große Geduld von unseren Leser/innen verlangen. Wir hoffen aber, dass die Ergebnisse unserer Arbeit diese Geduld rechtfertigen und für die ausführliche Darstellung eines „Blicks in die Mitte“ zur Herausbildung demokratischer und rechtsextremer Einstellungen entschädigen. Als Letztes wollen wir besonderen Dank an die Privatdozentin Frau Dr. Aglaja Przyborski sowie Frau Professorin Elfriede Löchel richten, die uns im Rahmen von Supervisionen große Hilfestellungen in und bei der Realisation dieser Studie leisteten. 21 22 2 Theorie und Methode 2.1 Geschichte der Gruppendiskussion als Methode der empirischen Sozialforschung Gruppendiskussionen werden seit den 1930er Jahren in der empirischen Sozialforschung eingesetzt und insbesondere durch Kurt Lewin und seine Schüler bei sozialpsychologischen Untersuchungen in den USA als Ergänzung von quantitativen Erhebungen durchgeführt. Auch die Soziologen Lazarsfeld& Merton(1984) setzten zu explorativen Zwecken Gruppeninterviews ein. Nachdem vor allem in der Marktforschung das Konzept der„focus groups“ als eine Verschmelzung der Konzepte des„focussed interviews“ und des„group interview“(vgl. Merton 1987) eingesetzt wurde, begann die Sozialforschung erst wieder ab den 1970er und 1980er Jahren sich stärker dem Gruppendiskussionsverfahren zuzuwenden(Morgan 2001, Wolff& Puchta 2007). Vor allem in der angloamerikanischen Forschung werden Gruppendiskussionen eingesetzt, wenn auch zumeist kaum methodologisch begründet(Bohnsack 2003a) und eher als angewandte Technik. Die qualitative Untersuchung von rechtsextremen Einstellungen in Deutschland mit dieser Methode hatte ihre Anfänge in den von Friedrich Pollock herausgegebenen„Gruppenexperimenten“ des Frankfurter Instituts für Sozialforschung 1950/51. Diese Untersuchung hatte das Ziel, wichtige„Aspekte der deutschen öffentlichen Meinung zu ermitteln, das, was auf dem Gebiet der politischen Ideologie in der Luft liegt, die 23 ‚transsubjektiven‘ Faktoren zu studieren und insbesondere verstehen zu lernen, auf welche Weise und in welchem Umfang sie sich dem Einzelnen gegenüber durchsetzen“(Pollock 1955, 34). Im Vordergrund standen also die Erfassung der öffentlichen Meinung und die Bedingungen ihres Zustandekommens. Pollock entschied sich für die Methode des Gruppendiskussionsverfahrens aufgrund seiner Kritik an der Methode der rein quantitativen Umfragen zur Ermittlung der öffentlichen Meinung. Denn nach Pollock„entstehen und wirken Einstellungen nicht isoliert, sondern in ständiger Wechselbeziehung zwischen dem Einzelnen und der unmittelbar und mittelbar auf ihn einwirkenden Gesellschaft. Sie sind oft nicht sonderlich dezidiert, sondern stellen eher ein vages und diffuses Potential dar. Dem Einzelnen werden sie häufig erst während der Auseinandersetzung mit anderen Menschen deutlich“(Pollock 1955, 32). Ein Zugang zu diesen individuellen Meinungen sollte durch Annäherung an alltägliche Kommunikationssituationen, wie zum Beispiel mit einer Begegnung unter Fremden im Eisenbahnabteil umschrieben, ermöglicht werden. Der erste Hinweis darauf, dass sich in einer Gruppendiskussion nicht alleine der Meinungsbildungsprozess in einer Gruppe untersuchen lässt, sondern auch die sozialisatorisch von den Gruppenmitgliedern geteilten Bedingungen untersucht werden können, stammt von Werner Mangold. Er verschob das Erkenntnisinteresse von der individuellen Ebene auf die Erfassung informeller Gruppenmeinungen(Mangold 1960), wobei er in den informellen Gruppenmeinungen kein Produkt der Erhebungssituation selbst sah. Diese konstituieren sich nach Mangold vielmehr in bestimmten Kollektiven in der(gesellschaftlichen) Realität und werden in Gruppendiskussionen lediglich aktualisiert(Bohnsack 2007, 107). Seit den 1970er Jahren wurde im Sinne dieser Forschungstradition das Instrument der Gruppendiskussion um Thomas Leithäuser& Birgit Volmerg(1977) weiterentwickelt. Dabei verschob sich jedoch durch eine stärker psychoanalytische Orientierung der Fokus der Methode auf das Individuum. Allerdings wurde im Sinne der Kritischen Theorie das Verhält24 nis von Individuum und Gesellschaft, vom Besonderen und Allgemeinen reflektiert, das Individuum also nicht vereinzelt betrachtet. Im Gegenteil wurde die Gesellschaft in dem Selbstverständnis der Forschungsgruppe um Leithäuser und Volmerg gewissermaßen von„ihrem Ende“ her betrachtet. So galt das Interesse den psychischen Vermittlungsprozessen, die Gesellschaftliches im Einzelnen begründen und durchsetzen. An die frühen Arbeiten von Mangold(1960, 1973) schlossen in den letzten Jahren zahlreiche Untersuchungen an. Bohnsack unternahm, zunächst auch in Zusammenarbeit mit Mangold, eine methodologische Weiterführung des Mangold’schen Konzepts; aus dem Ansatz der informellen Gruppenmeinungen wurde ein„Modell kollektiver Orientierungsmuster“ (Bohnsack 1997, 495). Hierbei ist vor allem die theoretische Fundierung des schon von Mangold angelegten Kollektivbegriffs entscheidend, den er mithilfe des Konzepts des„konjunktiven Erfahrungsraums“(Mannheim 1922-1925) unterlegt. Konjunktive Erfahrungsräume meinen Milieus, deren Träger durch gemeinsame Erfahrungen, Erlebnisse miteinander verbunden sind. Dabei muss es sich nicht um Realgruppen, das heißt tatsächlich in der Realität existierende Gruppen handeln, sondern es sind auch übergreifende Zusammenhänge wie Generationen-, Bildungs- oder Regionenmilieus im Sinne von„Makromilieus“(Hradil 1989) eingeschlossen. In dem wissenssoziologischen Ansatz Bohnsacks werden zwei Aspekte der Gesellschaftlichkeit aufgenommen: So werden einerseits auf dem Wege der Interaktion gleichartige Bedeutungshorizonte der beteiligten Menschen in den Gesprächssituationen sichtbar, und andererseits liegt Gesellschaftlichkeit durch bestimmte Gemeinsamkeiten der biografischen Geschichte vor. Dem gemeinsamen Leben wird somit das konjunktive Handeln und Erleben gegenübergestellt; hinter individuell-prozesshaften Sinnzuschreibungen sollen kollektiv-strukturelle Sinnmuster erkennbar werden. Das Verfahren der Gruppendiskussion kam in jüngerer Zeit in Zusammenhang mit Fragestellungen zum Rechtsextremismus in verschiedenen 25 Studien zum Einsatz(Behrensen 2006, Dürsch 2005, Volmerg 1997, Loos 1998, Rothe 2006). Mit Blick auf die vorliegende Studie ist vor allem die Untersuchung von Krüger& Pfaff(2006) wegen vergleichbarer methodischer Triangulierung interessant. Sie untersuchten zunächst mit einem Survey(Fragebogenuntersuchung) Schüler/innen in Sachsen-Anhalt und gewannen aus der Gesamtstichprobe Gruppen mit rechtsextremer und demokratischer Einstellung, die sie zur Gruppendiskussion einluden. Die Kontrastierung der dokumentierten Interviews und die Rückführung der Daten auf die quantitative Erhebung gestattete einen besonderen Zugang zur Analyse der politischen Einstellung. Die Verbindung der in der Repräsentativerhebung gewonnenen Daten mit dem qualitativen Zugang einer Gruppendiskussion eröffnet methodisch ein weitergehendes Verständnis politischer Einstellungsbildung. So ist es im Kontext einer Gruppendiskussion etwa möglich, die Bedeutung der Generationalität bei der Ausbildung einer demokratischen oder rechtsextremen Einstellung zu untersuchen und damit an bestehende Erkenntnisse anzuknüpfen(Spangenberg 1997, Behrensen 2006, Welzer, Möller& Tschuggnall 2002, Rosenthal 1997). 2.2 Methodische und theoretische Eckpfeiler der vorliegenden Studie Wie bereits angedeutet, hat sich ausgehend vom Forschungsprogramm der Kritischen Theorie die Methode der Gruppendiskussion im Laufe der Jahre als Forschungsinstrument ausdifferenziert. Je nach Traditionslinie, die aufgegriffen worden ist, lag das Erkenntnisinteresse entweder auf der Verfasstheit sowie dem Zustandekommen von Meinungen und Einstellungen im Gruppenprozess oder auf kollektiven Orientierungen. 26 Der Anspruch der vorliegenden Studie ist es keinesfalls, die beiden Traditionslinien wieder zusammenzuführen. Wohl aber soll versucht werden, durch eine Berücksichtigung beider Zugänge einen mehrperspektivischen Blick auf die Gruppendiskussionen zu gewinnen und somit die große Informationsdichte dieser Erhebungsform auf einer breiteren Basis fassen zu können. Die traditionellen Zugänge, psychoanalytisch und(wissens-)soziologisch, sollen im Folgenden einführend dargestellt werden. Um die folgenden Ausführungen einzubetten, möchten wir eingangs etwas weiter ausholen: Wie verstehen Menschen andere Menschen überhaupt? Wir sind es gewohnt, in Alltagssituationen verschiedene Informationsquellen zum Verstehen unserer Gesprächspartner/innen zu nutzen. Wir würden uns schlecht verstanden fühlen und es würde auch kein Gespräch zustande kommen, wenn sich ein/e Gesprächspartner/in oder im schlimmsten Fall beide Gesprächspartner/innen nur auf das gesprochene Wort, den manifesten Text verlassen würden, um zu verstehen, was ein Gegenüber möchte. So hängt das Verstehen des/der anderen nicht nur vom gesprochenen Wort ab, sondern vom Kontext, in dem das Gespräch stattfindet, und auch von nicht-sprachlichen, also nonverbalen oder paraverbalen Bestandteilen des Gesprächs. Bedeutsam ist für das Sinnverstehen auch, in welcher Beziehung die Gesprächspartner/innen zueinander stehen. Auch hier gibt es eine manifeste Ebene, etwa der freundschaftlichen Verbundenheit, und eine latente, die auch nicht ausgesprochene Erwartungen beinhaltet. Diese nicht ausgesprochenen Erwartungen und Zuschreibungen an den anderen/die andere müssen den Menschen nicht einmal immer selbst bewusst sein, es ist eine latente Ebene. Aber ohne diese Beziehungsebene würden wir auch unser Gegenüber nicht verstehen. Möchte ein/e Beobachter/in nun ein Gespräch, dass er/sie zufällig verfolgt hat, verstehen, dann wird er/ sie intuitiv versuchen, alle Ebenen und Elemente mit in seinen Verste27 hensprozess einzubeziehen. Da für ihn/sie manche Informationen nicht zugänglich sind, wird er/sie sich mit Brücken, Hypothesen und auch mit Einfühlung behelfen. Das in dieser Studie angewandte interpretativ-hermeneutische Forschungsparadigma ist der Versuch, dieses Sinnverstehen zu systematisieren und damit in ein wissenschaftliches Vorgehen zu überführen. Dabei werden die unterschiedlichen Informationen, die wir von einem Menschen in einem Interview oder in einer Gruppendiskussion bekommen, zunächst getrennt betrachtet und dann wieder zusammengeführt. Hierzu gehört natürlich an erster Stelle das gesprochene Wort: Was hat der/die Gruppendiskussionsteilnehmer/in gesagt? Dazu gehören weiterhin die Bedingungen, unter denen er/sie etwas gesagt hat, und zudem dann die Art und Weise, wie er/sie es gesagt hat. Und dazu gehört, dass wir unsere eigene Person, die Beziehung, in der wir uns zum anderen erleben, mit in das Verständnis einbeziehen. Über die im Verstehensprozess gebildeten Interpretationen sollen möglichst umfassend unterschiedliche Perspektiven auf das Erleben der Menschen gewonnen werden. Das bedeutet für den Forschungsprozess, möglichst viele verschiedene Interpretationen zu sammeln und zu diskutieren, etwa durch gemeinsame Interpretation einer Gruppendiskussion durch verschiedene Auswertende(Steinert 1998). Unterschiedliche Perspektiven sollen allerdings nicht als konkurrierende Theorien aufgefasst werden. Wichtig ist vielmehr die Perspektive auszuwählen, die dem/der Interviewten so selbstverständlich ist, dass er sie zur Charakterisierung seiner Situation gerade nicht mitteilt. Bedeutsam ist entsprechend nicht nur das, was mitgeteilt wird, sondern auch das, worüber geschwiegen wird.„Wenn derselbe Stein von verschiedenen Personen als ‚bizarr zerklüftet‘, ‚massiv und schwer‘ und ‚zu 28 groß‘ bezeichnet wird, dann hat es wenig Sinn, herausfinden zu wollen, was davon er ‚wirklich‘ ist, denn all das und noch einiges mehr ist er ‚wirklich‘ aus einer bestimmten Perspektive. Wir müssen vielmehr die nicht mitgeteilte, weil der Person selbstverständliche Perspektive herausfinden, in der die jeweilige Charakterisierung sinnvoll ist. Zum Beispiel könnten unsere drei Interpreten an vom Fluss glatt geschliffene Steine als interessant und schön, an Steine als Wurfgeschosse und an die Verwendung von Steinen beim Hausbau denken und daraus jene Beschreibung ableiten. Die gesellschaftliche Bedeutung des Steins läge in diesen verschiedenen Kontexten, in die er gebracht wird. Unsere Aufgabe als Interpreten besteht in der Rekonstruktion dieser möglichen Kontexte, also des nicht Ausgesprochenen“(Steinert 1998, 63H.i.O.). So haben wir uns entschieden, die sozialen Bedingungen beim Zustandekommen politischer Einstellungen zu untersuchen und dabei auch individuelle, lebensgeschichtliche Aspekte zu berücksichtigen mit dem Ziel, die Perspektive der Gruppendiskussionsteilnehmenden zu verstehen. So werden wir sowohl die von den Teilnehmenden in der Diskussion berichteten Lebensumstände und-verläufe in die Analyse einbeziehen, als auch die geschilderten familiären Aspekte sowie intergenerationelle Einflussfaktoren auf politische Einstellungen. Um auch lebensgeschichtliche Aspekte würdigen zu können, ist für diese Untersuchung ein psychoanalytisch orientierter Zugang gewählt worden. Der psychoanalytische Forschungsansatz schließt jene Ebenen in den Verstehensprozess mit ein, die den Interviewten möglicherweise selbst im Moment der Gruppendiskussion nicht bewusst gewesen sind. Um dies zu ermöglichen, wird der Stellenwert der Subjektivität betont. Mit der Betonung der„Subjektivität“ sollen gleichermaßen zwei Zugänge im Forschungsprozess eröffnet werden. Einmal wird damit der Gegenstand der Forschung beschrieben: Hier der Weltbezug, der im Hintergrund der politischen Einstellung des einzelnen Teilnehmenden an den 29 Gruppendiskussionen steht, und die Begründung dieses Weltbezugs, also die individuelle Sinngebung. Zum anderen wird mit Subjektivität auch die individuelle Wahrnehmung der Forschenden bezeichnet, die notwendige Voraussetzung für das Sinnverstehen ist(Devereux 1967). Diesen Stellenwert der Subjektivität teilt dieser psychoanalytische Forschungsansatz mit anderen interpretativ-hermeneutischen Ansätzen, und er unterscheidet ihn von sogenannter quantitativer Forschung. In der messenden und Hypothesen überprüfenden Forschung ist das klassische Kriterium für die Güte der Forschung die Betonung der Objektivität der gewonnenen Daten. Dabei ist in der Regel gemeint, dass die Ergebnisse des Forschungsprozesses unabhängig sind von der Subjektivität des/der Forscher/in und des Beforschten, damit ein objektives Geschehen erfasst werden kann. Dies wird etwa sichergestellt, wenn in einer Fragebogenerhebung, wie in der vorausgehenden Studie(Decker, Brähler& Geißler 2006) ein standardisierter Fragebogen mit einheitlichen Fragen und einem einheitlichen Auswertungsschema verwendet wird. Durch den Zugang mittels Fragebogen wird die Objektivität der Forschung gesichert, diese Objektivität ist aber eine Verfahrensobjektivität. Sichergestellt wird im Verfahren ausschließlich, dass weder Befragte noch Befrager/in systematisch die Ergebnisse verzerren. Es bedeutet aber eben nicht, dass im Alltagsverständnis mehr oder weniger Objektivität erfasst wird. Der erfasste Gegenstand bleibt trotzdem die Sicht des/der einzelnen Befragten auf seine/ihre Welt – und diese Subjektivität ist es ja auch, die uns interessiert. Methodisch wird es aber in der Gruppendiskussion darüber hinaus möglich, den individuellen Sinnzusammenhang und damit die Entstehung dieser Wahrnehmung, dieser Subjektivität zu erfassen. Dies kann mit einer Fragebogenerhebung nicht gelingen, da die Fragen vorgegeben sind. Kurz gesagt: Wir bekommen in einer Gruppendiskussion auch Antworten auf Fragen, die wir nicht gestellt haben. 30 Um abzusichern, dass mit dem interpretativ-hermeneutischen Vorgehen nicht ausschließlich Subjektives erfasst wird, müssen die Prozesse, die in alltäglichen Gesprächssituationen ohne weitere Rechenschaft ablaufen, ausgewiesen werden. Es gibt daher Regeln der Interpretation, die eingehalten werden. In einer klassischen Fragebogenerhebung wird ja nicht per se Objektivität erfasst, sondern der Blick des/der Einzelnen auf seine Welt. Wird also hier wie dort Subjektivität erfasst, dann besteht die Fokusverschiebung nicht in der Frage, ob Subjektivität erfasst wird. Der Unterschied besteht vielmehr in der Verschiebung des Interesses auf den Sinngehalt; das heißt, die Rekonstruktion des Sinngehalts des Gesagten steht im Mittelpunkt unseres qualitativen Zugangs, nicht mehr nur die Dokumentation des Gesagten. Dabei geht es auch bei einem solcherart interpretativen Zugang um Objektivität, was sich aus dem oben beschriebenen Verhältnis vom Einzelnen zur Gesellschaft ergibt: Die Subjektivität des Einzelnen ist nicht bloß subjektiv, sondern steht in einem unmittelbaren und auch mittelbaren Zusammenhang zur Gesellschaft. Gesellschaft aber ist der objektive Bezugsrahmen jedes Menschen. Diesen Zusammenhang zwischen der gesellschaftlichen Verankerung und der erfassten Weltsicht zu rekonstruieren, ist das Ziel der Interpretation. In Konsequenz wird damit im interpretativ-hermeneutischen Ansatz die Wahrnehmung des Forschenden explizit Werkzeug des verstehenden Zugangs. Führen wir uns noch einmal vor Augen, dass das Verstehen meines Lebenspartners, meiner Lebenspartnerin, Freund/in oder Kolleg/in immer meine eigene Beteiligung voraussetzt, so ist es nachvollziehbar, dass der interpretative Zugang ohne die Subjektivität der Forschenden nicht auskommen kann. Ausgehend von der Erkenntnis, dass es nicht-wertende wissenschaftliche Aussagen nicht gibt(Popper 1969), kennzeichnet qualitative Forschung also, dass sie die Subjektivität der Untersuchenden explizit in den Erkenntnisprozess einbezieht und diese nicht versucht zu eliminieren. Allerdings muss auch hier die Wissenschaftlichkeit der Ergebnisse methodisch gesichert werden. Hierauf werden wir später zurückkommen. Im 31 Folgenden soll zunächst eine jüngere Traditionslinie der Gruppendiskussion vorgestellt werden, an die wir auch anschließen, bevor dann der gewählte Zugang für unsere Studie dargestellt wird: Gruppendiskussionen als Methode der psychoanalytischen Sozialforschung. 2.2.1 Rekonstruktive Sozialforschung Bohnsack bezieht kollektive Orientierungsmuster hauptsächlich auf den Milieubegriff, den er ausdifferenziert in Generations-, Geschlechts-, Bildungs- und sozialräumliche Milieus. Die Milieuanalyse bedeutet nach Bohnsack auch Biografieforschung, da individuelle biografische Erlebnisse und Erfahrungen immer durch milieuspezifische Kontexte geprägt werden. Bohnsack sieht hier daher ein bedeutendes Anwendungsfeld für Gruppendiskussionen: Die„unterschiedlichen milieuspezifischen Wirklichkeiten, an denen das Individuum teil hat und die es immer erst retrospektiv und aspekthaft verinnerlicht, sind aber auf dem Wege des Gruppendiskussionsverfahrens einer direkten empirischen Analyse zugänglich“(Bohnsack 1997, 498). So begreift er die Gruppe als„ein Epiphänomen, an dem sich die eigentlichen Phänomene, die kollektiven Erfahrungen, dokumentieren“(ebd., 497). In Folge kann eine gemeinsame „Erfahrungsgeschichte“(Bohnsack 2003b) mit einer Gruppendiskussion empirisch untersucht werden. In diesem Modell stehen daher die Strukturen im Mittelpunkt, die kollektive Orientierungsmuster bedingen: gemeinsame milieuspezifische, biografische Erfahrungen. Diesem Ansatz von Bohnsack folgen auch neuere Arbeiten wie zum Beispiel Loos& Schäffer(2001). Die Autoren betonen, dass die in der Gruppendiskussion beobachtbaren Muster„[…] auf kollektiv geteilte ,existentielle Hintergründe‘ der Gruppen, also gemeinsame biographische und kollektivbiographische Erfahrungen[verweisen], die sich u. a. in milieu-, geschlechts- und generationsspezifischen 32 Gemeinsamkeiten niederschlagen und in einer Gruppendiskussion in Form ,kollektiver Orientierungsmuster‘(Bohnsack 1997) zur Artikulation kommen“(ebd., 27). Das Gruppendiskussionsverfahren zeichnet sich nach Loos& Schäffer(2001) dadurch aus, dass hier meist Realgruppen(natürliche Gruppen, die auch außerhalb der Diskussionssituation existieren) bzw. strukturidentische Gruppen zu einer extern initiierten und unter einer spezifischen Themenvorgabe der Diskussionsleitung stattfindenden Diskussion zusammenkommen. Das Ziel besteht nicht in einer möglichst effektiven Abfrage von individuellen Meinungen, sondern in der Beobachtung eines sich selbstläufig in der Gruppe konstituierenden Meinungsaustauschs. Daher definieren Loos& Schäffer das Gruppendiskussionsverfahren als „ein Verfahren[…], in dem in einer Gruppe fremdinitiiert Kommunikationsprozesse angestoßen werden, die sich in ihrem Verlauf und der Struktur zumindest phasenweise einem ‚normalen‘ Gespräch annähern“ (ebd., 13). Das Gruppendiskussionsverfahren bietet die Chance, kollektive Orientierungen bzw. den kollektiven Umgang mit individuellen Orientierungen„in statu nascendi“ herauszuarbeiten. Mit der Gruppendiskussion soll, nach Loos& Schäffer,„das Kollektive auch kollektiv“ auf zwei Ebenen erfasst werden: So wird sowohl der Forschungsgegenstand analysiert(durch die Rekonstruktion der Diskursorganisation) als auch der Forschungsprozess selber, indem die Standortgebundenheit der Interpret/innen mit berücksichtigt wird. Ein solcher Zugang fordert eine Analyse(auch) der(eigenen) Subjektivität, wie sie methodisch vor allem in der psychoanalytischen Sozialforschung entwickelt wurde. 2.2.2 Psychoanalytische Sozialforschung Unsere Untersuchung ist bei der Erhebung und Auswertung an einer psychoanalytischen Sozialforschung orientiert. Der Psychoanalyse kommt 33 im Forschungsgeschehen eine hervorgehobene Bedeutung zu, da sie eine ausgereifte Technik des individuellen Sinnverstehens ist. Zur Erläuterung des Stellenwerts der Psychoanalyse in der qualitativen Sozialforschung soll hier auch dieser Forschungsansatz skizziert werden. Der Gegenstand psychoanalytischer Sozialforschung wird in Abgrenzung zum Gegenstand der klinischen Psychoanalyse entwickelt. Bei beiden geht es um die Psychodynamik, das heißt„das Verhältnis von Thematisierung und Abwehr von Konflikten“(Löchel 1997, 64), doch zielt die sozialpsychologische Untersuchung im Gegensatz zur klinischen Psychoanalyse nicht in erster Linie auf eine je individuelle, frühkindliche Bedeutung dieser Konflikte. Zwar kommen die frühkindlichen Beziehungsmuster immer auch zum Ausdruck, doch ist die fundierte Analyse ihrer lebensgeschichtlichen Bedeutung an Bedingungen geknüpft, die in der Forschung nicht einzuhalten sind. Während es im psychoanalytischen Therapieprozess um individuelle Lebensgeschichte geht, so ist der Gegenstand einer psychoanalytisch orientierten Sozialforschung, wie sich individuelle Erlebnisweisen auf gesellschaftlich Allgemeines zurückführen lassen. Einen Zugang zu diesen stellt das szenische Verstehen dar, wie es im Folgenden kurz skizziert werden soll. Nach dem szenischen Verstehen, wie es Lorenzer(1973) zunächst für die psychoanalytische Behandlung entwickelt hat, lässt sich auch eine Erhebungssituation als Ensemble von Szenen begreifen, in die sich die Teilnehmenden gemeinsam mit den Forschenden involvieren und die auch von unbewussten Konflikt- und Abwehrformen motiviert sind, die sich in der Situation(re)inszenieren. Selbstverständlich verzichtet die psychoanalytische Interpretation nicht auf das„logische Verstehen“(Lorenzer 1973, 138), das auf ein Verständnis des Sinnzusammenhangs des Gesprochenen abzielt, und das„psychologische Verstehen“, das sich auf den Nachvollzug der Gefühle des Sprechers(ebd., 140) bezieht. 34 Doch enthält der„so erschließbare Bedeutungshorizont[…] notwendig auch ‚blinde Flecken‘, Selbsttäuschungen, unbewusste Bedeutungen, die sich entgegen der Intention der Sprechenden dort zeigen, wo die subjektive Sinnkonstruktion nicht(ganz) gelingt. Auf diese Bedeutungen richtet sich nun das szenische Verstehen. Es soll Aufschluss über den Bedeutungsüberschuss geben.“(Löchel 1997, 67). Nach Lorenzer(1973) befasst sich das szenische Verstehen mit den „Vorstellungen des Subjektes und zwar so, dass es die Vorstellung als Realisierung von Beziehungen, als Inszenierung der Interaktionsmuster ansieht“(ebd., 142). In der psychoanalytischen Behandlung ist die Übertragungsbeziehung„Mittel“ zum Verständnis der konflikthaften Beziehungsmuster des/der Patient/in, durch die der/die Analytiker/in die Möglichkeit besitzt, an der jeweiligen„Lebenspraxis“(Lorenzer 1973, 197) teilzunehmen. 1 In der Geschichte der psychoanalytischen Behandlung lässt sich das Arbeiten mit dem Phänomen einer solchen Wiederholung auf die von Freud entdeckte Übertragung zurückführen. Betrachtete er diese zunächst noch als Hindernis, so erhob er sie schließlich„zum besten Werkzeug“(Freud 1916/17, 427) der psychoanalytischen Kur. In einem Transfer der psychoanalytischen Methode auf die Sozialforschung lässt sich das Phänomen der Übertragung/Gegenübertragung ebenfalls als„Werkzeug“ zur Analyse individueller Bedeutungen anwenden. In Anlehnung an Devereux(1967), der die Analyse der Gegenübertragung für die psychoanalytische Forschung fruchtbar machte, arbeiten wir mit diesem Phänomen, um die Beziehungen in der Erhebungssitua1 Der/die Analytiker/Analytikerin folgt im Sinne der gleichschwebenden Aufmerksamkeit dem Sprechen des Patienten und verknüpft schließlich die Fülle der sich vor ihm ausbreitenden Szenen, indem er eine gemeinsame, konflikthafte, frühkindliche Situation dahinter erkennt. Das Evidenzerlebnis, das sich bei diesem Verstehen einstellt, beschreibt Lorenzer mit dem der Gestaltpsychologie entliehenen Begriff der„prägnanten Gestalt“, zu der sich im Laufe der Analysestunden das Material zunehmend verdichte (Lorenzer 1973). 35 tion(zwischen den Forschenden und den Teilnehmenden und zwischen den Teilnehmenden) zu fassen. So lässt sich auch eine Erhebungssituation wie die Gruppendiskussion als Ensemble von Szenen begreifen, in die sich die Teilnehmer gemeinsam mit den Forschenden befinden. Diese Szenen sind immer auch von lebensgeschichtlich bedeutsamen Beziehungserfahrungen motiviert, die in der aktuellen Situation mobilisiert werden und sich(re)inszenieren. Mit dem Phänomen der(Re)Inszenierung von bedeutsamen Beziehungen und den mit diesen zusammenhängenden Konflikten und ihrer Abwehr wird seit langem in der psychoanalytischen Praxis gearbeitet. So geht der Gedanke des unbewussten Wiederholens, Agierens von Konflikthaftem auf Freud(1914) zurück. Nach Löchel bezeichnet es eine„Wiederholung unbewusster Beziehungsmuster in sozialen Räumen“(Löchel 1998). Einen Zugang zu den(unbewussten) Konflikt- und Abwehrformen, die sich während der Erhebungssituation(re)inszenieren, erhält man über Irritationen in Bezug auf das Erhebungsmaterial 2 über die eigenen Affekte und Assoziationen. Der Orientierung dienen dabei Brüche und Widersprüche im(Transkript-)Text der Gruppendiskussionen, das heißt der verschriftlichten Tonbandaufzeichnungen. Denn, so Löchel: „Das Sprechen ‚weiß‘ und vermittelt mehr als das bewusste Erleben und mehr als die bewussten Intentionen des Sprechers. Für den Sprecher aber folgt gerade auch aus dieser Erfahrung der Fragmentierung und Dezentrierung, die das Sprechen mit sich bringt, die Notwendigkeit, daraus ‚Sinn‘ zu machen. Der Sinn, den die Beteiligten für sich bilden, dient immer auch dazu, Konflikte und Widersprüche zu binden und zu bewältigen. Der subjektive Sinn ist demnach ein Produkt des Ich – das nach Freuds Formulierung nicht Herr im eigenen Hause ist. Zum Sprechen gehören 2 Vgl. auch Leithäuser& Volmerg(1988) sowie König(König 1996), der ein solches Vorgehen für eine tiefenhermeneutische Literaturanalyse empfiehlt. 36 immer auch Versprecher, in denen etwas den Sinn der Rede Störendes, Entstellendes sich zu Wort meldet. Solche häufig auch für den Interaktionspartner irritierende, unverständliche, brüchige oder widersprüchliche Stellen sind der ‚Königsweg‘ der Interpretation. Von ihnen ausgehend, kann man auf eine andere Rede stoßen. Das Sprechen aber umfasst in einer Doppelstruktur beides, die an das Ich gebundene Binnenperspektive ebenso wie das ‚andere‘. Unbewusstes ist nie etwas an sich selbst. Sein nie zu identifizierender Ort ist der verdichtend-verschiebende Prozess, in dem ein Subjekt sich ausdrückt.“(Löchel 1997, 51). Die Psychoanalyse zielt mit ihrem Gegenstand des Unbewussten also auf etwas, das sich permanent entzieht und sich doch unablässig Ausdruck verschafft, der nur vermittelt über die Beziehungsgestaltung und das Sprechen dingfest zu machen ist. So setzt die Interpretation an den Textstellen an, deren Sinn sich(zunächst) nicht erschließt – doch lässt sich nach der Freudschen Analyse der beiden zentralen Funktionsweisen des Unbewussten, der Verdichtung und Verschiebung, 3 fassen, dass es dabei nicht um„das Fehlen einer Bedeutung“ geht, sondern vielmehr um „deren unaufhörliches Gleiten“(Laplanche& Pontalis 1973, 397). „Alles intentionale Sprechen knüpft demnach auch an nichtintendierte primär prozesshafte sprachliche Verdichtungen und Verschiebungen an, in denen sich Triebkonflikte und Verdrängtes auch unter der Kontrolle des Bewusstseins und der Zensur in Vorstellungen Ausdruck zu verschaffen 3 Freud entwickelt die zentralen Begriffe der Verdichtung und Verschiebung in der Traumdeutung(Freud 1900).„Die wirksamen Mechanismen[des Primärvorgangs] sind einerseits die Verschiebung, durch die einer scheinbar oft unbedeutenden Vorstellung der ganze psychische Wert, die Bedeutung, die Intensität, die ursprünglich zu einer anderen Vorstellung gehörten, zugeschrieben wird, andererseits die Verdichtung – in einer einzigen Vorstellung können alle Bedeutungen zusammenfließen, die durch die sich dort kreuzenden Assoziationsketten herangetragen werden.“(Laplanche& Pontalis 1973, 397). 37 suchen. Die situative Manifestation unbewusster Konfliktkonfigurationen lässt sich als Produkt unbewusster Anspielungs-, Verdichtungs- und Verschiebungsprozesse betrachten, die beim Sprechen sich mitteilen, vermitteln. Eine Interpretation, die der Dynamik des Gesagten folgt und szenisches Verstehen mit einbezieht, folgt den Verdichtungen und Verschiebungen im Sprechen. Sie trägt der Tatsache Rechnung, dass sich jegliches Sprechen immer auch am sozialen Interaktionspartner vorbei an einen imaginären Anderen wendet.“(Löchel 1997, 50). Es gilt also, bei der psychoanalytischen Interpretation in einer sozialwissenschaftlichen Untersuchung intensive Textarbeit zu leisten über die Assoziationen zum Gesagten und die Orientierung an Irritationen, Brüchen, Widersprüchen. Um sich auch dem zu nähern, was zunächst scheinbar irrational ist, setzt die psychoanalytische Methode dabei auch auf die Analyse der(eigenen) Affekte, die in der Auseinandersetzung mit dem Material aufkommen. Schließlich gilt es, die Interpretationen immer wieder auf die Forschungsfrage rückzubeziehen, in unserem Fall: Was könnte dies hinsichtlich der Entstehung von politischer Einstellung bedeuten? 2.2.3 Themenzentrierte Gruppendiskussion In der psychoanalytisch orientierten Sozialforschung haben Leithäuser& Volmerg(1988) das Verfahren der themenzentrierten Gruppendiskussion entwickelt. Dieses ermöglicht in besonderer Weise eine psychoanalytisch orientierte Interpretation des Erhebungsmaterials. Zunächst einmal unterscheidet sich das in einer Gruppe produzierte Material vom individuellen Sprechen: „In jeder Gruppe entstehen Konstellationen, die als sich entfaltende Inszenierungen zu verstehen sind, die eine gemeinsame Neuschöpfung der 38 Gruppe darstellen. In diesem gemeinsamen, kreativen Gestaltungsprozess entsteht über Resonanz und Kompromissbildungen etwas kollektiv Gemeinsames, das mit keiner individuellen Szene identisch ist, sondern über diese hinausweist.“(Morgenroth 2001, 215). Dies ist – nach einem psychoanalytischen Verständnis – eine andere Formulierung dessen, was auch Bohnsack mit dem Begriff des„Kollektiven“ zu fassen sucht. Die Methode der themenzentrierten Gruppendiskussion wurde von Leithäuser und Volmerg(1988) in Verknüpfung des Gruppendiskussionsverfahrens des Frankfurter Instituts für Sozialforschung(Mangold 1960) mit der themenzentrierten Interaktion nach Ruth Cohn(1976) entwickelt. Leithäuser unterscheidet strukturell zwischen der Erhebungssituation und der Auswertungssituation und begründet dies folgendermaßen: Während der Erhebung sind die Forscher/innen eingebunden in eine alltagsnahe Kommunikationsform in der Gruppe oder im Gespräch mit dem/der Interviewten. Dabei sind sie angehalten, den Regeln des Sprachspiels (Wittgenstein 1945-49) der Gruppe zu folgen und sich auf die(Übertragungs-) Beziehungen einzulassen. In der Auswertungssituation dagegen sind die Untersuchenden von den„unmittelbaren Handlungs- und Verständigungszwängen entlastet“(Löchel 1997, 53). „Das[…] themenzentrierte Verfahren richtet sich auf die von den Sprechenden vorgenommenen ‚Thematisierungen‘ und fördert solche subjektiven Thematisierungen, indem die Diskussionsleiter eine ‚dynamische Balance‘ zwischen dem Einzelnen, der Gruppe und einem explizit formulierten Thema anstreben. Dadurch werden die subjektiv relevanten Bezüge zum Thema sowohl in ihrer Ausdrucks- als auch in ihrer Abwehrform deutlich.“(Löchel 1997, 56). 39 Die Konzeption der Gruppendiskussion unserer vorliegenden Studie zu Entstehungsbedingungen rechtsextremer und demokratischer Einstellungen gründet nun zum einen auf der psychoanalytischen Sozialforschung, zum anderen ist das Verständnis gemeinsamer Erfahrungsräume nach Bohnsack eingeflossen, die sich in der Gesprächssituation aktualisieren. In Kapitel 3 werden wir unsere konkrete Umsetzung im Einzelnen darstellen. 2.2.4 Gütekriterien qualitativer Forschung Spätestens mit dem Verweis auf unbewusste Inhalte von Gruppenprozessen stellt sich die Frage nach der Güte und vor allem der Validität, das heißt der Gültigkeit der in einem interpretativ-hermeneutischen Forschungsprozess gewonnenen Aussagen. Da sogenannte qualitative Methoden in den akademischen Sozialwissenschaften in Abgrenzung von und Auseinandersetzung mit den quantitativen entwickelt wurden, werden häufig auch deren Gütekriterien – Repräsentativität, Objektivität, Reliabilität, Validität – als Ausgangspunkt diskutiert und neu formuliert, um sie auf qualitative Forschung anzuwenden(Flick 1998). Löchel(1997) hebt allerdings hervor, dass dem qualitativ-interpretativen Forschungsparadigma bereits andere erkenntnistheoretische Voraussetzungen zugrunde liegen, also eine„Neukonstruktion von Gütekriterien“(Löchel 1997, 68) notwendig war, die bereits ausführlich geleistet wurde(vgl. z. B. Leithäuser& Volmerg 1977). Für die vorliegende wie für die meisten qualitativen Studien entfällt der Anspruch der Repräsentativität 4 – stattdessen geht es hier darum, ge4„Vielmehr werden Personen, Gruppen etc. nach ihrem(zu erwartenden) Gehalt an Neuem für die zu entwickelnde Theorie aufgrund des bisherigen Standes der Theorieentwicklung in die Untersuchung einbezogen.“(Flick 1998, 82). 40 rade anhand der detaillierten Analyse des Besonderen das Allgemeine darin aufzuspüren. Es ist in der Einzelfallforschung nicht beabsichtigt, eine Aussage über die Auftretenshäufigkeiten eines Phänomens zu treffen, weshalb auf die Angabe von Hypothesen und Irrtumswahrscheinlichkeiten verzichtet wird. Als ein Ziel qualitativer Forschung ist demgegenüber oben bereits die Rekonstruktion der individuellen Sinngebung benannt worden. Dabei würden wir mit Markard(1993) jedes Erleben als verallgemeinerbar annehmen: Das Erkenntnisinteresse richtet sich auf das, was die Bedingungen ausmacht, die zu der Sinngebung bezüglich eines Erlebens führten. Generalisierung ist zwar nicht im repräsentativen Sinne möglich, jedoch kann eine komparative fallinterne(innerhalb einer Gruppendiskussion) sowie fallübergreifende Analyse der Gruppendiskussionen zu einem über die einzelne Gruppendiskussion hinausgehendes Verständnis für die Bedingungen des Zustandekommens einer politischen Einstellung führen. Diese ist im Sinne von Weber dem erklärenden Verstehen von sozialem Handeln verpflichtet, indem sie sowohl verstehende als auch erklärende Aspekte berücksichtigt(Bohnsack, Przyborski& Schäffer 2006, 232). Glaser und Strauss(1967) ersetzen folglich das Kriterium der Repräsentativität mit der Gegenstandsbezogenheit. In qualitativer Forschung wird die Güte der Forschung zudem mit dem Begriff einer„prozeduralen Reliabilität“ eingeführt, um Maßnahmen zu bezeichnen, die das Verfahren nachvollziehbar machen(z. B. indem bestimmten Konventionen in der Dokumentation gefolgt wird, die die Vergleichbarkeit von Material ermöglichen sollen(vgl. Flick 1995, 241). In dieser Untersuchung sind dies sämtliche Dokumentationen des Forschungsprozesses: So werden die auf Tonband aufgezeichneten Gruppendiskussionen in Transkripten verschriftlicht(Transkriptionsregeln s. Anhang). Darüber hinaus haben wir nach jeder Kontaktaufnahme mit den Teilnehmenden Telefonprotokolle, nach jeder Erhebung Gedächtnisprotokolle verfasst und sämtliche Interpretationen dokumentiert. 41 Die Validität schließlich kann nur gegenstandsbezogen und theoretisch begründet werden. 5 Als eine Möglichkeit der Validierung wird von Lamnek(1987) die Triangulierung in der Auswertung vorgeschlagen. Damit bezeichnet er den Versuch, mit mehreren Methoden die im Einzelfall gewonnene Aussage zu überprüfen(Deneke, Stuhr& Lamparter 2003). Anzumerken bleibt, dass mit Geertz(1983) eine„gute Interpretation von was auch immer – einem Gedicht, einer Person, einer Geschichte, einer Institution, einer Gesellschaft –[…] uns mitten hinein in das, was interpretiert wird[versetzt]“(ebd., 26). Sie muss herausfinden helfen,„worum es bei dem ganzen hin und her[…] geht“(ebd.). Dabei bleibt die Frage, ob eine gute auch eine gültige Interpretation ist, im Forschungsprozess schwierig zu beantworten. Steinerts Erkenntnisziel ist der Versuch, Bedeutungen einer Handlung, eines Textes oder von kulturellen Erzeugnissen durch das nicht Gesagte, durch die Auslassungen des Selbstverständlichen zu erschließen. Das hat zur Konsequenz, dass der gesamte Forschungsprozess von der Begriffsbildung bis zur empirischen Erfassung dokumentiert werden muss, damit er Schritt für Schritt kritisierbar bleibt und ebenfalls hinsichtlich der spezifischen Perspektive eingeordnet werden kann. Dieser Anspruch wird von der vorliegenden Studie erfüllt. 2.2.5 Analyseebenen Die Ebenen der Analyse lassen sich in eine vertikale und eine horizontale einteilen, wobei die vertikale Ebene die ausführliche Analyse eines 5 Was die„lebensweltliche[…] Validität“(Lamnek 1993, zit. aus Löchel 1997, 68) angeht, ist somit die qualitative Forschung gegenüber der quantitativen„im Vorteil“, denn ihre Erhebungsmethoden zeichnen sich durch Alltagsnähe aus. Im Vergleich zum qualitativen Zugang stellt es ein größeres Problem dar zu argumentieren, warum z. B. in einer Experimentalsituation Erzeugtes auf einen sozialen Kontext übertragbar sein solle. Stattdessen liegt dort die Frage nahe, ob nicht die alltagsferne Situation etwas Spezifisches produziert, das nicht mit dem Forschungsgegenstand in Beziehung steht. 42 gesamten Textabschnitts einer Gruppendiskussion beinhaltet. Die horizontale Ebene dagegen bezieht sich auf die„Breitendimension“ bzw. eine Ebene der Verallgemeinerung. Angewandt auf eine Gruppendiskussion bedeutet dies das Herauskristallisieren von Themen über den gesamten Text, angewandt auf die gesamte Untersuchung über die verschiedenen Erhebungen hinweg. Gerade die Kontrastierung der kommunikativen sowie metakommunikativen Abhandlung bedeutsamer Themen zwischen verschiedenen Gruppendiskussionen bietet dabei Vergleichshorizonte der Interpretation. So kommt dem systematischen Vergleich zwischen einzelnen Erhebungen, Sequenzen und herausgearbeiteten Zwischenergebnissen eine zentrale Funktion im Interpretationsprozess zu(Flick 1998, 254f.; Leithäuser& Volmerg 1988, 241f.). Forschungspraktisch empfiehlt es sich, das Material explizit auf Kontraste zur minimalen und maximalen Kontrastierung von Einzelfällen zu prüfen(vgl. Schütze 1983). Eine solche komparativ-kontrastierende Analyse dient sowohl der Ergebnisfindung im bereits vorliegenden Material als auch der Planung und Auswahl weiteren Erhebungsmaterials. Des Weiteren lassen sich die Analyseebenen der Sequenzanalyse und der Kernsatzanalyse(Volmerg 1988, 238-245) unterscheiden. Ähnlich einer formulierenden Interpretation ist das Ziel einer Sequenzanalyse die ausführliche(Satz-für-Satz-)Interpretation ausgewählter Textpassagen (vertikale Ebene). Ausgewählt werden Sequenzen – der oben skizzierten psychoanalytisch orientierten Methode entsprechend – entlang der durch den Text hervorgerufenen Irritationen, den Brüchen und Widersprüchen im Text. Ziel einer Kernsatzanalyse ist dann eine Verdichtung des Materials in Sätze, die dem Erhebungsmaterial entnommen sind. Volmerg beschreibt Kernsätze als „Topoi im Verständigungsprozeß, in denen sich die ausgetauschten Erfahrungen gleichsam in einer lebens- und praxisnahen Begrifflichkeit 43 verdichten[…]. Es sind die Erfahrungs- und Konfliktanalysen der Beteiligten selbst, die in den Topoi bzw. den Kernsätzen formuliert werden“ (Volmerg 1988,. 245). Nach Löchel liegt die Kernsatzanalyse„im Schnittpunkt der beiden Interpretationsachsen“(Löchel 1997, 66) vertikal und horizontal, denn sie kann zum einen die Satz-für-Satz-Interpretation oder die Einzelfallanalyse strukturieren, indem die Sequenzanalyse anhand der Kernsätze durchgeführt wird, anhand derer sich das Material in„dynamische Sequenzen“(ebd., 65) einteilen lässt. Zum anderen kann die Kernsatzanalyse als Material für eine Verallgemeinerung und Abstraktion dienen(ebd.). So haben wir Kernsätze zum Teil über die Abschnitte einzelner Interpretationen gestellt, die damit bereits in verdichteter Form einen Einblick in das Thema des Abschnitts geben(vgl. Kapitel 5). 44 3 Die vorliegende Untersuchung 3.1 Rekrutierung und Durchführung der Gruppendiskussionen In dieser Studie war zunächst vorgesehen, aus den in der Repräsentativerhebung 2006 befragten Personen statistisch homogene Gruppen zu bilden. So sollten drei Gruppentypen gebildet werden, die jeweils aus dem Antwortverhalten im Rechtsextremismusfragebogen identifiziert werden sollten. Entlang zweier Cut-Off-Werte wurden Personen mit nicht-rechtsextremer Einstellung(Personen, die den rechtsextremen Aussagen im Durchschnitt ablehnend gegenüberstanden; Werte von 18 bis 36), unentschiedene Befragte(Personen, die den Aussagen teilweise zustimmten und sie teilweise ablehnten; Werte von 37 bis 63) und Personen mit rechtsextremer Einstellung(Personen, die den Aussagen durchschnittlich zustimmten; Werte 63 bis 90) unterschieden. Es war geplant, jeweils fünf Gruppendiskussionen zu führen. Auf Grundlage des Datenschutzes lagen die Adressen der in der Studie „Vom Rand zur Mitte“ befragten Probanden/Probandinnen nur dem mit der Erhebung beauftragten Meinungsforschungsinstitut USUMA(Berlin) vor. Insgesamt hatten wir das Einverständnis von 2 100 Probanden/Probandinnen, an weiteren Untersuchungen teilzunehmen. In unserem Auftrag wurden die Probanden/Probandinnen im April 2007 mit einem durch uns verfassten Anschreiben mit dem Briefkopf der Universität Leipzig angeschrieben. Insgesamt erklärten sich 120 Probanden/Probandinnen zur Teilnahme an der Untersuchung bereit. 45 Die ursprüngliche Absicht, die zur Gruppendiskussion eingeladenen Probanden/Probandinnen zusätzlich hinsichtlich gemeinsamer Merkmale zu homogenisieren(bspw. Erziehungsverhalten der Eltern, Persönlichkeit, Einkommen, Bildung, reale oder befürchtete Deprivationserfahrung) konnte aufgrund des geringen Rücklaufs nicht realisiert werden. Wir entschieden uns, die Teilnehmer hinsichtlich des regionalen Milieus, das heißt nach Städten oder Regionen, und nach Rechtsextremismuswerten zusammenzustellen. Darüber hinaus boten wir den angeschriebenen Teilnehmenden in Einzelfällen an, Freund/innen zum vereinbarten Termin mitzubringen. Wir orientierten uns dabei an der Möglichkeit, Gruppen für Gruppendiskussionen aus verschiedenen Stichproben zusammenzusetzen:„The creative use of focus groups could include developing […] hybrids of the various group types on offer and using focus groups in multi-method studies as well as refining stand-alone group methods to adress a wider range of issues“(Barbour& Kitzinger 1999, 5). Grundlegend dabei war die Annahme, dass sich auf diesem Weg auch eine Homogenität der Gruppen gewährleisten lässt, die politische Einstellung der Proband/innen sich ähneln würden. Diese Annnahme hat sich bei der Durchführung der Studie bestätigt. Ein besonderes Problem stellte sich bei den Proband/innen, die aufgrund ihrer Antworten im Rechtsextremismusfragebogen als diejenigen mit einer rechtsextremen Einstellung qualifiziert worden sind. Hier war der Rücklauf sehr gering; insbesondere in den neuen Bundesländern lag die Bereitschaft zur Teilnahme unter unseren Erwartungen. Aus unserem zentralen Forschungsinteresse heraus, gerade die Genese rechtsextremer Einstellungen mittels des Einsatzes von Gruppendiskussionsverfahren zu untersuchen, sind wir im Laufe der Projektdurchführung dazu übergegangen, direkt als rechtsextrem einzustufende Gruppen in Ostdeutschland anzusprechen, um sie zur Teilnahme an der Gruppendiskussion zu gewinnen. 46 Im Zeitraum vom Mai 2007 bis zum Januar 2008 wurden zwölf Gruppendiskussionen durchgeführt, vier davon in Ostdeutschland, acht in Westdeutschland(zur genauen Beschreibung der Gruppen vgl. Kapitel 4): – eine Gruppendiskussion in Westberlin, zwei Diskussionen in Ostberlin, – zwei Diskussionen in Sachsen, – eine Gruppendiskussion in Nord-Hessen, eine in Süd-Hessen, – eine Diskussion in Baden-Württemberg, – drei in Nordrhein-Westfahlen, – eine in Schleswig-Holstein. 3.2 Überblick über die realisierte Untersuchungsgruppe im Vergleich zur Repräsentativbefragung„Vom Rand zur Mitte“ Tabelle 3.4.1: Soziodemografische Merkmale der Untersuchungsgruppe der Repräsentativerhebung„Vom Rand zur Mitte“(VRzM) Merkmalsverteilun g in VRzM Alter M(Mittelwert) SD(Standardabweichung) Spanne Alters g ruppen Geschlecht bis 24 Jahre 25-34 Jahre 35-44 Jahre 45-54 Jahre 55-64 Jahre 65-74 Jahre ab 75 Jahre Männlich Weiblich Gesamt g ruppe (n= 4872) 48,7 18,0 14-92 Westdeutsche (n= 3876) 48,4 17,8 14-92 Ostdeutsche (n= 996) 49,8 18,6 14-87 absolut in% absolut in% absolut in% 535 11,0 421 10,9 114 11,5 638 13,1 509 13,1 129 13,0 928 19,1 773 19,9 155 15,6 833 17,1 662 17,1 171 17,1 789 16,2 625 16,1 164 16,5 776 15,9 606 15,6 170 17,1 373 7,7 280 7,2 93 9,3 2252 46,2 1789 46,2 463 46,5 2620 53,8 2087 53,8 533 53,5 47 Familienstand Verheiratet/zusammenlebend 2604 53,5 2109 54,4 495 49,7 Verheiratet/getrennt lebend 59 1,2 48 1,2 11 1,1 Ledig 1174 24,1 929 24,0 245 24,6 Geschieden 465 9,5 347 9,0 118 11,9 Verwitwet 570 11,7 443 11,4 127 12,8 Partnerschaft ja(leben mit Partner) 2908 59,7 2302 59,4 606 60,8 nein(leben ohne Partner) 1964 40,3 1574 40,6 390 39,2 Schulabschluss ohne Abschluss 52 1,1 41 1,1 11 1,1 Hauptschule/8. Klasse 2126 43,6 1847 47,7 279 28,0 mittlere Reife/Realschule 1346 27,6 1188 30,7 158 15,9 POS 10. Klasse 350 7,2 53 1,4 297 29,8 Fachschule 143 2,9 91 2,4 52 5,2 Abitur/o. abgeschl. Studium 371 7,6 300 7,7 71 7,1 abgeschl. Hoch-/FH-Studium 316 6,5 215 5,6 101 10,1 anderer Abschluss 168 3,5 141 3,6 27 2,7 Berufstäti g keit Vollzeit mit> 35 h/Woche 1742 35,8 1444 37,3 298 29,9 Teilzeit mit 15-35 h/Woche 414 8,5 352 9,1 62 6,2 Teilzeit mit< 15 h/Woche 92 1,9 77 2,0 15 1,5 Wehr-/Zivildienst oder 45 0,9 33 0,9 12 1,2 Mutterschutz-/Erziehungsurlaub Arbeitslos/Kurzarbeit-0270 5,5 142 3,7 128 12,9 Rentner/Vorruhestand 1498 30,8 1130 29,2 368 37,0 Nicht berufstätig 397 8,2 371 9,6 26 2,6 in Berufsausbildung 64 1,3 50 1,3 14 1,4 in Schulausbildung 350 7,2 277 7,2 73 7,3 Haushaltseinkommen weniger als 750 € /Monat 189 4,1 108 2,9 81 8,6 750 bis< 1250 € /Monat 849 18,4 600 16,3 249 26,4 1250 bis< 2000 € /Monat 1661 35,9 1256 34,1 405 42,9 Ab 2000 /Monat 1926 41,6 1717 46,6 209 22,1 Kirchenzu g ehöri g keit Schichtzu g ehöri g keit Nein Ja Oberschicht Mittelschicht Unterschicht 1160 23,9 454 11,7 706 71,2 3702 76,1 3416 88,3 286 28,8 658 15,2 551 15,9 284 32,6 2400 55,4 1921 55,5 479 55,1 1275 29,4 990 28,6 107 12,3 48 Tabelle 3.4.2: Soziodemografische Merkmale der realisierten Stichprobe Merkmalsverteilun g in der realisierten Stichprobe Gesamt g ruppe (n= 55) Westdeutsche (n= 36) Ostdeutsche (n= 19) Alter M SD Spanne 50,7 18,2 1888 53,2 16,6 1988 45,5 20,7 1878 absolut in% absolut in% absolut in% Alters g ruppen bis 24 Jahre 25-34 Jahre 35-44 Jahre 45-54 Jahre 55-64 Jahre 65-74 Jahre ab 75 Jahre 7 12,7 2 5,6 5 26,3 4 7,3 3 8,3 1 5,3 7 12,7 6 16,7 1 5,3 9 16,4 6 16,7 3 15,8 14 25,5 9 25,0 5 26,3 6 10,9 6 16,7---8 14,5 4 11,1 4 21,1 Geschlecht Männlich Weiblich 22 40,0 14 38,9 8 42,1 33 60,0 22 61,1 11 57,9 Familienstand Verheiratet/zusammenlebend 24 44,4 19 52,8 5 27,8 Verheiratet/getrennt lebend-----------Ledig 14 25,9 8 22,2 6 33,3 Geschieden 10 18,5 5 13,9 5 27,8 Verwitwet 6 11,1 4 11,1 2 11,1 Partnerschaft ja(leben mit Partner) nein(leben ohne Partner) 31 57,4 21 58,3 10 55,6 23 42,6 15 41,7 8 44,4 Schulabschluss ohne Abschluss 3 5,7 3 8,3---Hauptschule/8. Klasse 10 18,9 6 16,7 4 23,5 mittlere Reife/Realschule 13 24,5 11 30,6 2 11,8 POS 10. Klasse 7 13,2 1 2,8 6 35,3 Fachschule-----------Abitur/o. abgeschl. Studium 10 18,9 6 16,7 4 23,5 abgeschl. Hoch-/FH-Studium 10 18,9 9 25,0 1 5,9 anderer Abschluss-----------Berufstäti g keit Vollzeit mit> 35 h/Woche 11 Teilzeit mit 15,35 h/Woche 7 Teilzeit mit< 15 h/Woche 3 Wehr-/Zivildienst oder -Mutterschutz-/Erziehungsurlaub Arbeitslos/Kurzarbeit0 6 Rentner/ Vorruhestand 16 Nicht berufstätig 3 20,8 9 13,2 6 5,7 1 ---11,3 3 30,2 10 5,7 3 25,7 2 17,1 1 2,9 2 ---8,6 3 28,6 6 8,6-11,1 5,6 11,1 -16,7 33,3 -49 in Berufsausbildung in Schulausbildung 1 1,9 1 6 11,3 2 2,9---5,7 4 22,2 Haushaltseinkommen weniger als 750 € /Monat 6 12,2 3 8,8 3 20,0 750 bis< 1250 € /Monat 9 18,4 6 17,6 3 20,0 1250 bis< 2000 € /Monat 14 28,6 7 20,6 7 46,7 Ab 2000 /Monat 20 40,8 18 52,9 2 13,3 Kirchenzu g ehöri g keit Nein 12 37,5 3 13,0 9 100 Ja 20 62,5 20 87,0---Schichtzu g ehöri g keit Oberschicht Mittelschicht Unterschicht 12 26,1 12 38,7---26 56,5 14 45,2 12 80,0 8 17,4 5 16,1 3 20,0 Aus den Übersichten wird deutlich, dass gegenüber der Repräsentativerhebung„Vom Rand zur Mitte“ die realisierte Stichprobe der vorliegenden Untersuchung keine Verallgemeinerungen im statistischen Sinne zulässt. Trotz einer hohen Konvergenz der Daten unterscheidet sich die Zusammensetzung der Probanden/Probandinnen hinsichtlich soziodemografischer und ökonomischer Merkmale. Die Verteilung der Parameter variiert aufgrund der unterschiedlichen Erreichbarkeit bestimmter Bevölkerungssegmente. Gegenüber der Repräsentativbefragung sind in der hier vorliegenden Stichprobe mehr jüngere(bis 24 Jahre) sowie ältere(ab 55 Jahre) Personen vertreten im Gegensatz zu den mittleren Altersgruppen, die geringfügig weniger repräsentiert sind. Weiterhin ist mit 60 Prozent ein leicht erhöhter Frauenanteil in der realisierten Stichprobe zu verzeichnen. Auffällig ist der hohe Bildungsgrad der Teilnehmenden an den Gruppendiskussionen. So wurden von uns deutlich weniger Probanden/ Probandinnen mit einem Hauptschulabschluss/8.Klasse erreicht. In der Studie„Vom Rand zur Mitte“ liegt dieser Anteil bei 43,6 Prozent, in der vorliegenden Untersuchung sind sie mit lediglich 18,9 Prozent vertreten. Demgegenüber ist im Vergleich zur Fragebogenuntersuchung der Anteil von Personen mit Abitur und Personen mit abgeschlossenem Hochschulstudium bzw. Fachhochschulstudium insgesamt doppelt so hoch. In den 50 neuen Bundesländern ist der Anteil der in der Schulausbildung befindlichen Probanden/Probandinnen stark erhöht. Die Erreichbarkeit und Bereitschaft, an Gruppendiskussionen teilzunehmen, sind bei Vollzeitarbeitenden(mit mehr als 35 Stunden/Woche) deutlich geringer, so dass der Anteil der Teilzeitarbeitenden bzw. Arbeitslosen in der vorliegenden Untersuchung höher ausfiel als in der Fragebogenstudie. Dementsprechend sind gering Verdienende(unter 750€/Monat Haushaltseinkommen) überrepräsentiert. Ab einem Haushaltseinkommen von 2000€/Monat sind gegenläufige Tendenzen zwischen den alten und neuen Bundesländern zu beobachten. Für die alten Bundesländer sind Einkommen ab 2000€ überrepräsentiert, wohingegen diese für die neuen Bundesländer unterrepräsentiert sind. Daraus folgt eine verzerrte Verteilung in Bezug auf Schichtzugehörigkeiten. Für die Schichteinteilungen wurde ein Index aus den je siebenstufigen Parametern Bildung, Haushaltseinkommen und Beruf gebildet. Sobald eine Dimension der Schichtzugehörigkeit entfiel(wie z. B. bei Studierenden ohne Beruf), konnte keine Zuordnung getroffen werden, so dass es zu Ausfällen kam. So sind trotz der fehlenden statistischen Angaben in der vorliegenden Studie auch Probanden/Probandinnen aus den neuen Bundesländern der Oberschicht zuzurechnen. 3.3 Entwicklung des Interviewleitfadens, Aufbereitung der Gruppendiskussionen In der ersten Phase der Organisation und Rekrutierung der Teilnehmenden wurden eb enfalls eine Initialfrage für die Gruppendiskussionen sowie ein thematischer L eitfaden erstellt. Dieser sollte es gestatten, die Teilnehme n den z ur Diskussion über als relevant eingeschät z te Erfahrungen beim Zustandekommen einer politischen E instellung an z uregen. Aufgrund der E rgebnisse in der Repräsentativbefragung„Vom Rand z ur 51 Mitte“ wurden dafür die Themen Generationalität, Klima in der Herkunftsfamilie, E influss der wirtschaftlichen Lage und Schut z faktoren gegenüber rechtsextremen E instellungen ausgewählt. Zur E ntwicklung der Initialfrage und z ur Schulung der Interviewer/innen wurde vor Beginn der Gruppendiskussionen unter der Leitung von F rau PD Dr. Aglaja Pr z yborski(Universität Wien) eine F orschungssupervision durchgeführt. Bei der Erstellung des Leitfadens orientierten wir uns an den theoretischen Überlegungen des psychoanalytischen sowie des rekonstruktiven Ansatzes: Löchel(1997) empfiehlt, für themenzentrierte Erhebungen keinen Leitfaden im engeren Sinne zu erstellen. Zwar gelte es, zuvor Themenfelder zu eruieren, doch seien – angelehnt an die psychoanalytische Methode des freien Assoziierens 6 – vielmehr die spontanen Einfälle der Teilnehmenden und ebenso die Auslassungen von Interesse. Auch laut Bohnsack ist in Anlehnung an die Konversationsanalyse nach Sacks(1995) die Selbstläufigkeit des Gesprächs von hoher Bedeutung. 7 So ist„ein Gespräch als sich selbst steuerndes System zu verstehen“ und „auch Voraussetzung[…], zu jenen Sinnschichten vorzudringen, die im Gespräch unabhängig von den Intentionen der einzelnen Individuen repräsentiert werden“(Bohnsack 2007, 120f). Nach beiden Ansätzen werden die Diskussionen durch die Moderator/innen mit einer einfachen und allgemeinen Frage eingeleitet. Daraufhin gilt es, sich auf die spontanen(Re)aktionen der jeweiligen Teilnehmenden einzulassen. Unsere Eingangsfrage bei allen Gruppendiskussion bezog sich auf die Gemeinsamkeit des Wohnortes bzw. der Region in der Gruppe und lautete:„Wie ist es denn, in dieser Stadt/Region zu leben? Wir können es uns ja nicht richtig vorstellen, da wir nicht von hier sind. 6 Die psychoanalytische Grundregel des freien Assoziierens geht auf Freud zurück (Freud 1900, 1895) und beschreibt die Aufforderung,„ohne Aussonderung alles zu sagen, was einem einfällt“(Laplanche& Pontalis 1973, 397). 7 Auch für die Gruppendiskussion stellen führende amerikanische Forscher den idealen Verlauf des Fokusgruppeninterviews als selbstläufiges Gespräch dar(Morgan 2001). 52 Können Sie mal erzählen, beschreiben, wie es ist, hier zu leben?“ Erst nachdem sich eine selbstläufige Diskussion zwischen den Teilnehmenden entwickelt hat, wurden von den Interviewenden Nachfragen gestellt. Bei allen Gruppendiskussionen wurde die Eingangsphase also möglichst gleich gestaltet: Die Moderator/innen erläuterten nach der Begrüßung der Teilnehmenden das Verfahren der Gruppendiskussion. Hierbei stellten sie die Selbstläufigkeit der Diskussion in den Vordergrund, betonten also die Bedeutung des Gesprächs unter den Teilnehmenden. Die Moderator/innen hielten sich dagegen zurück und hörten vor allem zu. Auch wurde erklärt, dass es zu Nachfragen kommen könne oder Themen eingebracht werden würden. Sie merkten auch an, dass es in dieser Untersuchung kein„falsch“ oder„richtig“ gäbe, sondern alle Themen, die angesprochen würden, interessant seien. Diesen ersten Teil der Einführung übernahm jeweils der/die Moderator/in, der/die bereits den telefonischen Kontakt mit den Teilnehmenden zur Terminfindung aufgenommen hatte. Die Einstiegsfrage, wie es sei, in dieser Region zu leben, und damit die eigentliche Anregung zur Diskussion, wurde daraufhin jeweils von dem/der zweiten Diskussionsleiter/in gestellt. Ziel der von uns gewählten Eingangsfrage war, die Teilnehmenden über ihre Gemeinsamkeit, nämlich die regionale Herkunft, ins Gespräch kommen zu lassen. Die einleitende Frage als„Wie-Frage“ sowie die Hinweise auf Beschreibungen von Erfahrungen regten dabei erfolgreich zur Bildhhaftigkeit der Erzählungen an. Jede Gruppendiskussion wurde von einer Interviewerin und einem Interviewer durchgeführt. 3.4 Auswertung Die Dauer der Diskussionen, die den Teilnehmenden auch zuvor angekündigt wurde, betrug zumeist anderthalb bis zwei Stunden. Die Gruppendiskussionen wurden je auf digitalem Tonband aufgezeichnet und 53 innerhalb der nächsten Tage transkribiert, so dass ein Text für die Auswertung vorlag. Die Transkriptionsregeln lehnten sich an die Vorschläge Bohnsacks an. 8 Der Praxis in der qualitativen Forschung entsprechend begann die Auswertung bereits während der Erhebungsphase. Neben den Transkripten gingen die Gedächtnisprotokolle, die zu den Telefonaten und je nach der Diskussion notiert wurden, in die szenische Interpretation ein. In diesen Protokollen wurden die ersten Eindrücke in Bezug auf die Teilnehmenden, das Setting und den Verlauf festgehalten, inklusive der damit einhergehenden Fantasien, Gefühlshaltungen und Affekten. Bei der Interpretation des Textmaterials wurde dieses immer wieder mit dem Inhalt der Protokolle in Beziehung gesetzt und auf mögliche Bedeutungen(hinsichtlich des Forschungsgegenstandes) analysiert. Für die Gruppendiskussionen wurde je der thematische Verlauf anhand einer Sequenzierung erstellt. Daraufhin kam es zur weitergehenden Analyse der für die Untersuchungsfrage relevanten Sequenzen, wobei sich ein besonderes Augenmerk auf interaktiv dichte Passagen, in denen sich wesentliche Konflikte zeigten, richtete. Die Auswertung solcher bedeutsamen Passagen erfolgte nach Loos& Schäffer(2001) mit den Arbeitsschritten der formulierenden Interpretation(zur Erfassung des immanenten, das heißt wörtlichen Sinngehalts, was dem logischen Verstehen der psychoanalytischen Sozialforschung entspricht) und der reflektierenden Interpretation, das heißt der Analyse des Sinngehalts. Bei dieser Sinnanalyse wird gefragt,„was sich in dem, wie etwas gesagt wird, über[…] die kollektive Handlungspraxis, dokumentiert“(ebd., 63). Diese Arbeitsschritte beinhalten die grundlegende methodologische Differenz zwischen dem kommunikativ allgemein verfügbaren, immanenten Sinngehalt im Zuge der formulierenden Interpretation(Frage nach dem Was) einerseits und dem„konjunktiven, metaphorischem oder eben do8 Für die Transkriptionsregeln s. Anhang. 54 kumentarischem Sinngehalt“ im Rahmen der reflektierenden Interpretation(Frage nach dem Wie) andererseits(Bohnsack 2001, 14). Entlang der Berichte der Teilnehmenden zeichnen sich alltagsrelevante Orientierungen und Erfahrungsräume ab, die vor allem anhand des weiteren Arbeitsschritts, der Diskursbeschreibung, rekonstruiert werden. Diese bezieht sowohl die Darstellung zentraler Orientierungen als auch der Diskursorganisation mit ein. Dabei steht im Vordergrund, wie Teilnehmende aufeinander Bezug nehmen und ob ein behandeltes Thema abschließend durch eine reale oder auch nur scheinbare Einigung, sogenannte rituelle Konklusion abgeschlossen wird. Die Gesprächsdramatik wird also auf kommunikativer und metakommunikativer Ebene nachgezeichnet. In zweierlei Hinsicht unterscheidet sich unsere Interpretation vom Ansatz rekonstruktiver Sozialforschung nach Bohnsack: Zum einen haben wir die Gruppen nicht nach dem Kriterium möglichst größter„Homogenität“ zusammengestellt(wie Generationen-, Geschlechter- oder Bildungsmilieus). Stattdessen war neben dem Wert im Rechtsextremismusfragebogen – zumindest derjenigen, die bereits zuvor an der Fragebogenerhebung teilgenommen hatten – lediglich die Region der gemeinsame Bezugspunkt in allen Diskussionen. Zwar ließen sich in einigen Diskussionen auch weitere Gemeinsamkeiten vor allem hinsichtlich Alter und Bildungsgrad und somit geteilte Erfahrungsräume herausarbeiten. Doch ging unsere Interpretation über das Herauskristallisieren solcher gemeinsamer Erfahrungsräume hinaus. Vielmehr erwiesen sich oft große Altersunterschiede zwischen den Teilnehmenden als besonders fruchtbar, um die Beziehungen zwischen den Generationen in ihrer Relevanz für die Entstehung politischer Einstellungen zu untersuchen. Weiterhin überschreitet der psychoanalytisch orientierte Zugang mit dem oben ausführlich dargestellten szenischen Verstehen(vgl. Kapitel 2) die Ebenen des logischen und auch des psychologischen Verstehens. Mit dem szenischen Verstehen stoßen wir neben der manifesten Rede, dem, was bewusst gesagt wird, auf eine weitere, latente Ebene. Uns geht es 55 dabei auch um die Frage, welche möglicherweise unbewussten Konfliktund Abwehrformen im Zusammenhang mit der Entstehung von rechtsextremen oder aber demokratischen Einstellungen stehen. Die Interpretationen erfolgten vorwiegend in Teilgruppen des Forschungsteams verschiedener Zusammensetzung. Darüber hinaus wurde das Material selbstverständlich in anonymisierter Form interpretiert. Das Setting einer Gruppe eignet sich besonders gut für die szenische Analyse, da sich hier auch verschiedene(für den Forschungsgegenstand relevante) Konflikt- und Abwehrmomente(re)inszenieren und der systematischen Analyse zugänglich gemacht werden können. Zugleich bietet eine Gruppe die Möglichkeit der intersubjektiven Validierung, indem eigene blinde Flecken in der Interpretation durch die Subjektivität anderer erkennbar werden können. Eine solche Intersubjektivität ist aber nicht zu verwechseln mit der Vorstellung, je größer eine solche Gruppe wäre, umso mehr könne man sich ‚der Wahrheit’ annähern; denn dies würde bedeuten, dem Trugschluss aufzusitzen, Wahrheit verberge sich hinter der Subjektivität, die es also zu korrigieren, zu minimieren und letztlich zu eliminieren gelte. Vielmehr kann auch eine gesamte Gruppe in Prozesse kollektiven Missverstehens verstrickt sein. Um diese Interpretation gewährleisten zu können, wurde eine psychoanalytische Forschungssupervision durchgeführt(Prof. Dr. Elfriede Löchel, Bremen). Schließlich wurden mit der beschriebenen fallinternen und der fallexternen komparativen Analyse bestimmte Orientierungen und Erfahrungshintergründe der Teilnehmenden miteinander in Bezug gesetzt und hinsichtlich der Forschungsfrage analysiert. Dazu wurden auch vorliegende theoretische Arbeiten herangezogen und im Hinblick auf unsere Interpretationen diskutiert. Im Folgenden werden wir zur Darstellung der Gruppendiskussionen kommen. Im Kapitel 4 werden zunächst die Gruppen und die Diskus56 sionsverläufe beschrieben. Darauf aufbauend folgt die Darstellung der Auswertungsergebnisse der Gruppendiskussionen im Kapitel 5. Die dortige Gliederung erfolgt aus dem Material der Gruppendiskussionen und orientiert sich an den sechs Dimensionen rechtsextremer Einstellungen der Vorgängerstudie„Vom Rand zur Mitte“. Darüber hinaus ist die Dokumentation der Auswertung in drei große Abschnitte unterteilt, in denen jeweils verschiedene Entstehungszusammenhänge politischer Einstellungen anhand des Erhebungsmaterials entwickelt werden. 57 58 4 Die Gruppendiskussionen Bevor die inhaltsanalytischen Auswertungen der Gruppendiskussionen in Kapitel 5 erfolgen, sollen in diesem Kapitel als erster Schritt der Auswertung die Darstellung der Teilnehmenden und die thematischen Verläufe der zwölf Gruppendiskussionen vorgestellt werden. Für jede Gruppendiskussion wird zunächst das Setting beschrieben sowie die soziodemografischen und ökonomischen Daten der Teilnehmenden vorgestellt, die in der ersten Fragebogenerhebung ermittelt wurden. Auch die Daten zur Einschätzung der individuellen wirtschaftlichen Lage sowie der wirtschaftlichen Lage Deutschlands fließen mit ein, da diese sich sowohl in der ersten Studie„Vom Rand zur Mitte“ als auch in den Auswertungen der Gruppendiskussionen als relevante Größen erwiesen(vgl. Kapitel 5). Des Weiteren werden die Zustimmungswerte zu den sechs Dimensionen des Rechtsextremismusfragebogens(Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur, Chauvinismus, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Sozialdarwinismus und Verharmlosung des Nationalsozialismus) aufgezeigt. Niedrige Werte von 3 bis 7 bedeuten dabei eine ablehnende Einstellung, Werte von 7 bis 11 stehen für eine teilweise zustimmende bzw. ablehnende Position und eine starke Zustimmung manifestiert sich in Zustimmungswerten von 12 bis 15. Während die Darstellungen zur Soziodemografie sowie der Rechtsextremismuswerte es ermöglichen, einen ersten Eindruck von den Teilnehmenden zu gewinnen, soll außerdem ein Einblick in die Gespräche selbst 59 gegeben werden. Hierfür wird entlang der Darstellung des thematischen Gesprächsverlaufs ein Überblick zu den Passagen der Diskussionen gegeben. Dabei dokumentieren die Zeilennummerierungen, abgekürzt mit „Z“, die Positionen im Originaltranskript. Die weiter unten erfolgenden Auswertungen in Kapitel 5 können durch die Dokumentation der Zeilen in die verschiedenen Passagen eingeordnet und nachvollzogen werden. Die Vorstellung der einzelnen Gruppendiskussionen orientiert sich an der chronologischen Reihenfolge der Durchführung. 4.1 Berlin-Mitte Beschreibung des Settings und der Teilnehmenden Die Gruppendiskussion in Berlin findet im Mai 2007 in einem Raum der Humboldt-Universität statt. Es erscheinen drei Personen, ein Mann (Herr Pietz) und zwei Frauen(Frau Heckel und Frau Post), die bereits an der Fragebogenuntersuchung teilgenommen hatten, sowie zwei weitere, miteinander bekannte Frauen(Frau Heubach und Frau Rudolf). Die Studentin Frau Heckel(21 Jahre alt) hat, wie zuvor angekündigt, ihren wenige Wochen alten Sohn mitgebracht, den sie während der Diskussion im Arm hält. Ebenso nehmen zwei weitere Studentinnen – Frau Rudolf und Frau Heubach – teil. Frau Post ist mit 42 Jahren die älteste weibliche Teilnehmerin in der Diskussion. Der Rentner, Herr Pietz, ist mit 63 Jahren der älteste und gleichzeitig der einzige Mann in der Runde. Das Einkommen der Studentinnen ist gering. Die anderen beiden Teilnehmenden verfügen über geringe bis mittlere Einkommen. Die Einschätzungen der individuellen wirtschaftlichen Lage wird von den Teilnehmenden zumeist als gut oder teils/ teils bewertet. Die wirtschaftliche Situation Deutschlands dagegen wird lediglich von Frau Heubach als gut aufgefasst. Die anderen 60 Teilnehmenden finden sie mittelmäßig oder schlecht, wobei eine Teilnehmerin mit„weiß nicht“ antwortet. Frau Vera Heckel Frau Jutta Post Herr Wolfgang Pietz Frau Sandra Heubach Frau Marie Rudolf Alter 21 42 63 22 26 Bildung HS-reife 1 /Abitur ohne abgeschl. Studium abgeschl.Uni-/HSbzw. FHS-Studium 1 Haupt-/Volksschulabschluss HS-reife 1 /Abitur ohne abgeschl. Studium HS-reife 1 /Abitur ohne abgeschl. Studium Einkommen 500-649 € 1250-1499 € 1000-1149 € 649-999 € 500-649 € Einschätzung der individuellen wirtschaftlichen Situation Gut (2) Einschätzung der wirtschaftlichen Situation Deutschlands Schlecht (4) Teils/Teils (3) Teils/Teils (3) Gut Teils/Teils (2)(3) Gut Gut (2)(2) Teils/Teils (3) Weiß nicht Tabelle 4.1.1: Soziodemografische und ökonomische Merkmale der Teilnehmenden der Gruppendiskussion Berlin-Mitte 1 HS= Hochschule, FHS= Fachochschulstudium In dieser Gruppendiskussion zeichnen sich alle Teilnehmenden durch eine starke Ablehnung der Aussagen zu den einzelnen Rechtsextremismusdimensionen aus. Nur bei Herrn Pietz sticht auf der Dimension Chauvinismus eine teilweise Zustimmung bzw. Ablehnung ins Auge. 61 Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur Chauvinismus Ausländerfeindlichkeit Antisemitismus Sozialdarwinismus Verharmlosung des Nationalsozialismus Frau Vera Heckel Ablehnung (6) Ablehnung (6) Ablehnung (3) Ablehnung (3) Ablehnung (4) Ablehnung (3) Frau Jutta Post Ablehnung (3) Herr Wolfgang Pietz Ablehnung (5) Frau Sandra Heubach Ablehnung (3) Ablehnung (3) Teils/Teils (11) Ablehnung (3) Ablehnung (3) Ablehnung (5) Ablehnung (3) Ablehnung (3) Ablehnung (6) Ablehnung (3) Ablehnung (3) Ablehnung (4) Ablehnung (3) Ablehnung (3) Ablehnung (5) Ablehnung (3) Frau Marie Rudolf Ablehnung (5) Ablehnung (3) Ablehnung (3) Ablehnung (3) Ablehnung (3) Ablehnung (3) Tabelle 4.1.2: Rechtsextremismuswerte der Teilnehmenden auf allen sechs Dimensionen Thematischer Verlauf Die Gruppendiskussion, die insgesamt 1 Stunde und 30 Minuten dauert, zeichnet sich einerseits dadurch aus, dass Angehörige verschiedener Generationen vertreten sind. Die Teilnehmenden treten in einen intergenerationalen Dialog, wobei zum Teil auch Konflikte zwischen dem ältesten Teilnehmer, Herrn Pietz, und den jüngeren Teilnehmerinnen, insbesondere Frau Heubach und Frau Rudolf, ausgetragen werden. Andererseits werden inhaltlich das Verhältnis der Teilnehmenden zu ihren Eltern oder Großeltern, anhand zahlreicher persönlicher Beispiele illustriert, besprochen. 62 1. Vor- und Nachteile der Großstadt(Z27-408 9 ): Herr Pietz nimmt als erster die Einstiegsfrage auf. Er berichtet, aus einem Dorf stammend, seit 1970 in Berlin zu leben und dass er sich nicht vorstellen könne, anderswo zu leben. Im Anschluss setzt Frau Heckel ihr Leben in Berlin in Kontrast zum Dorf, aus dem sie kommt. Frau Post ergreift das Wort und berichtet von ihrem Umzug nach Berlin als„katholisches Mädchen vom Lande“. Es sei eine Flucht gewesen, die sie zum Studium nach Berlin geführt habe. Frau Heubach schließt hieran an. Sie stammt aus dem„Speckgürtel“ von Berlin und würde auf keinen Fall wieder dorthin zurückkehren. In diesen Konsens, keine kleinere Stadt als Lebensmittelpunkt zu wählen, stimmt Frau Rudolf ein. 2.„Deutschland und die Welt“(Z422-775): Über den Bruder von Frau Rudolf, der in China arbeitet, greift Herr Pietz das Thema Auslandsaufenthalte auf. Für sich selbst schließt er diese aus. Es kommt an dieser Stelle zu einer konfrontativen Nachfrage von Frau Heubach. Es stellt sich aber heraus, dass auch er lange Zeit im Ausland gelebt hat. Das Thema kommt zunächst wieder auf das unmittelbare aktuelle Lebensumfeld und Herr Pietz erzählt von seinem Viertel. Er berichtet über Erfahrungen mit„Migrantenkindern“ bzw.„südländischen Typen“, die von ihm als bedrohlich wahrgenommen werden. Insbesondere Frau Heckel und Frau Rudolf berichten von ihrem Leben in der Stadt. Frau Post ergreift das Wort und spricht von ihrem Erstaunen, wenn sie die Kinder von Verwandten auf dem Land mit ihren eigenen vergleicht. 3. Generationalität und NS-Vergangenheit(Z776-970): Die Assoziationsketten zum wiederholt aufgegriffenen Einstiegsthema, dem Stadt-LandKontrast, leiten die dritte Sequenz ein, in der sich selbstläufig die Themen der Generationalität und der je persönlichen biografischen Erfahrungen 9 Wie bereits weiter oben einleitend erläutert, steht„Z“ für Zeile. Die Angaben der Zeilen im Folgenden beziehen sich auf die Originaltranskripte. 63 im Zusammenhang mit der NS-Vergangenheit in der Familie entfalten. In dieser Sequenz kommen Herr Pietz, Frau Post, Frau Heckel und Frau Heubach auf biografische Erfahrungen mit ihren Großeltern und Eltern und die familiäre Verstrickung im Nationalsozialismus zu sprechen. Nachdem Herr Pietz seine eigene Recherche über die NS-Vergangenheit seines Vaters thematisiert, schließt Frau Heckel mit einer Erzählung über die Entdeckung der NS-Biografie ihres Großvaters an. Frau Post thematisiert ihre Mutter dagegen als Opfer der Nazis und auch Frau Heubach schließt mit einer Erzählung über eine ihrer Großmütter an, die selbst in Arbeitslagern gewesen sei und ihren Vater in Auschwitz verloren habe. Diese Sequenz ist sehr dicht an familiären Erzählungen von allen Teilnehmenden. Es haben sich alle mit der Familiengeschichte in Nazideutschland beschäftigt. 4. Die heutige Bedeutung der NS-Vergangenheit(Z981-1128): Herr Pietz fragt dann nach, ob noch ein Interesse an der NS-Vergangenheit bei der jüngeren Generation bestehe. Ohne für ihre Altersgruppe insgesamt zu sprechen, bejaht Frau Heubach dies für sich persönlich. Frau Heckel thematisiert daraufhin Schuldgefühle als Deutsche. Sie spricht von ihrem eigenen„Schuldbewusstsein“(Z1003) und dem Gefühl der Verantwortlichkeit, das sie als Angehörige der heutigen jungen Generation als Bürde empfinde. Es wird dann die Schwierigkeit des Umgangs mit der deutschen Geschichte besprochen. Dabei entstehen durchaus Kontroversen über die Relevanz des zeitlichen Abstands zur NS-Zeit und ihrer Bedeutung für jüngere Deutsche. Auch diese Sequenz ist sehr dicht an Berichten persönlicher Erfahrungen und familiärer Verstrickungen in die NS-Vergangenheit. 5. Vorurteile im Allgemeinen(Z1129-1445): Frau Heubach geht im Fortlauf erneut auf Vorurteile im Allgemeinen ein und kritisiert, dass diese meist nicht als Problem wahrgenommen würden. In einem längeren 64 Beitrag schildert Frau Heckel ihre Erfahrung mit einem Amerikaner in Deutschland im Rahmen eines Tandemprogramms zum gegenseitigen Sprachunterricht. Dabei sei sie sich sowohl ihrer eigenen Vorurteile als auch der Vorurteile des Amerikaners bewusst geworden, doch hätten sich diese dabei nicht nur abgebaut, sondern teilweise auch verfestigt. Insgesamt bewertet sie diese Erfahrung als Bereicherung. In Reaktion auf die Äußerung von Herrn Pietz, im Allgemeinen erwarteten Amerikaner, dass mit ihnen Englisch geredet würde, entspinnt sich ein Dialog zwischen Frau Heckel, Herrn Pietz und Frau Post, Frau Heubach greift dabei das Thema der englischen Sprache auf und hebt deren besondere Bedeutung als Weltsprache hervor. 6. Vorurteile in der Familie(Z1446-1532): Frau Post und Frau Heckel fallen gleichermaßen der Spruch„Nehmt die Wäsche von der Leine – die Zigeuner kommen“ ein. Obwohl Frau Post ihr Elternhaus als„moderat“ beschreibt, ist das der Spruch, der ihr einfällt, wenn sie einen„Haufen Wohnwagen“ auf der Straße„auf den Dörfern“ sieht. Herr Pietz gibt einen Polenwitz in die Runde, der von Frau Heckel und Frau Post auch mit Lachen quittiert wird. Es stellt sich an dieser Stelle eine Einstimmigkeit zwischen diesen dreien ein. Frau Rudolf berichtet hingegen eher nachdenklich über ihr Erschrecken, das sie empfand, als sie die sich entwickelnde Ausländerfeindlichkeit ihres Vaters bemerkte. 7. Erziehung(Z1534-1686): An die berichtete Veränderung im Leben des Vaters von Frau Rudolf schließt Herr Pietz mit einer Erinnerung an seinen Vater an. Allerdings schildert Herr Pietz dabei stärker den Erziehungsstil seiner Eltern. Dieser hatte in seiner Erinnerung ein stark autoritäres Gepräge. Er kontrastiert das mit der Freiheit, die er bei seinem Sohn wahrnimmt, Wünsche formulieren zu können. Eine Interviewerin schließt hieran mit der Frage an, welche Erziehungsziele die Teilnehmenden haben. Frau Rudolf und Frau Heubach machen deutlich, dass sie keine Kinder 65 wollen. In der Gruppe hat sich daraufhin ein Einvernehmen eingestellt, so dass gemeinsam Witze über diese Ablehnung gemacht werden. Frau Heckel nennt als Erziehungsziele Offenheit gegenüber Fremden und anderen Kulturen, Ernährung, aber auch Kenntnis der Natur. Herr Pietz wirft Selbständigkeit als Erziehungsziel ein. Auch diese Sequenz ist interaktiv sehr dicht, insgesamt hat sich die Stimmung in der Gruppe zum Ende gelöst und die Teilnehmende können sich auch persönlichere Dinge berichten. 4.2 Dortmund(Nordrhein-Westfalen) Beschreibung des Settings und der Teilnehmenden Die Gruppendiskussion findet im Mai 2007 in einem Raum der Universität Dortmund mit vier Teilnehmenden statt, die aus der Großstadt bzw. deren Umgebung stammen. Sie haben alle an der Repräsentativbefragung im Jahr 2006 partizipiert. Bis auf die Teilnehmerin Frau Wagner sind alle Probanden/Probandinnen Mitte 60. Während Frau Wagner und Herr Wernecke ein Hochschul- bzw. Fachhochschulstudium absolviert haben, verfügen die anderen beiden Teilnehmenden über einen Hauptbzw. Volksschulabschluss. Die Einkommen liegen weit auseinander. Das Einkommen von Herrn Wernecke, der auch nach seiner Pensionierung weiterhin in seiner alten Tätigkeit aktiv ist, ist sehr hoch. Frau Meier und Herr Winkler verfügen jeweils über ein Einkommen, das über 1000€ liegt; Frau Wagner hat dagegen einen sehr geringen Verdienst. Die Bewertung der individuellen wirtschaftlichen Lage differiert zwischen schlecht und gut, wobei interessant ist, dass Frau Wagner mit dem niedrigsten Einkommen ihre ökonomische Lage als gut charakterisiert. Dies bezieht sich wohl auf das(hier nicht abgebildete) Haushaltseinkommen, das deutlich höher ist. Die gesamtwirtschaftliche Lage Deutschlands wird einheitlich als mittelmäßig bzw. schlecht beurteilt. 66 Herr Jürgen Winkler Frau Hannelore Meier Herr Anton Wernecke Frau Friedericke Wagner Alter 64 64 66 46 Bildung Haupt-/Volksschulabschluss Haupt-/Volksschulabschluss abgeschl. Uni-/HSbzw. FHS-Studium 1 abgeschl.Uni-/HSbzw. FHS-Studium 1 Einkommen 1000-1149 € 1150-1249 € 3500-4999 € 650-749 € Einschätzung der individuellen wirtschaftlichen Situation Teils/Teils (3) Schlecht (4) Gut (2) Gut (2) Einschätzung der wirtschaftlichen Situation Deutschlands Schlecht (4) Schlecht (4) Teils/Teils (3) Schlecht (4) Tabelle 4.2.1: Soziodemografische und ökonomische Merkmale der Teilnehmenden der Gruppendiskussion Dortmund 1 HS= Hochschule, FHS= Fachhochschulstudium Alle Teilnehmenden lehnen die Aussagen des Rechtsextremismusfragebogens überwiegend ab. Auffällig ist die Zustimmung zur Kategorie Chauvinismus von Frau Meier sowie die hohen Zustimmungswerte auf der Dimension Ausländerfeindlichkeit bei Frau Wagner. Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur Chauvinismus Herr Jürgen Winkler Frau Hannelore Meier Herr Anton Wernecke Frau Friedericke Wagner Ablehnung (3) Ablehnung (3) Ablehnung (3) Ablehnung (6) Teils/Teils (9) Zustimmung (12) Ablehnung (6) Ablehnung (3) Ausländerfeindlichkeit Teils/Teils (9) Ablehnung (3) Ablehnung (5) Teils/Teils (11) Antisemitismus Ablehnung (3) Ablehnung (3) Ablehnung (3) Ablehnung (3) Sozialdarwinismus Teils/Teils (5) Ablehnung (3) Ablehnung (3) Ablehnung (3) Verharmlosung des Nationalsozialismus Ablehnung (3) Ablehnung (3) Ablehnung (4) Teils/Teils (7) Tabelle 4.2.2: Rechtsextremismuswerte der Teilnehmenden auf allen sechs Dimensionen 67 Thematischer Verlauf Das Gespräch dauert etwa 1 Stunde und 45 Minuten. Nach Frau Meiers Einstieg in die Diskussion mit einer unvermittelten Erzählung über ihre Vertreibung sowie türkenfeindliche Äußerungen sorgt sie anfänglich für irritiertes Schweigen in der Gruppe. Die Teilnehmenden suchen Hilfe bei den Interviewenden, worauf diese erneut das Verfahren der Gruppendiskussion erläutern. Die Diskussion verläuft dann selbstläufig, die Moderatoren intervenieren selten. Das Thema„Ausländer“ durchzieht die ganze Gruppendiskussion, in der sich des Weiteren deutlich Schicht- und Bildungsunterschiede bzw. die Verhandlung von sozialem Status manifestieren. 1. Vorstellungsrunde; Beschreibung der Umgebung, Lebenslauf(Z50195): Neben der Schönheit der Umgebung in der Region werden von einigen Teilnehmenden das kulturelle Angebot der Stadt herausgestellt. Frau Wagner betont, dass sie noch nie in einer anderen Stadt als ihrer Heimatstadt gelebt habe. Herr Wernecke dagegen berichtet von zahlreichen Ortswechseln, er lebte auch für eine Weile in der Schweiz. Es folgt eine ausführliche Vorstellung von Frau Meier, die ihre Erfahrungen als Vertriebene aus Breslau sowie ihren weiteren Lebenslauf beschreibt. Sie spricht die Arbeitslosigkeit an ihrem Wohnort an und thematisiert in diesem Zusammenhang die„Türken“(Z180), die immer mehr zunehmen würden, und kritisiert deren Abschottung in„Ghettos“(Z191). 2. Ortschaften in der Region(Z223-428): Nach der erneuten Erläuterung der Methode der Gruppendiskussion unterhalten sich die Teilnehmer/innen über Orte der Region, an denen sie gewohnt haben. Dabei werden Themen wie Stadtentwicklung und Eingemeindung und erneut das kulturelle Angebot der Region angesprochen. 68 3. Verarmung(Z443-845): Über die Frage nach der Berufstätigkeit der Teilnehmer/innen geht die Diskussion über zum Thema Verarmung. Die steigenden Lebenshaltungskosten und abnehmender Wohlstand werden in der Gruppe anhand zahlreicher Beispiele diskutiert. So wird insbesondere von Frau Wagner die größer werdende Schere zwischen Arm und Reich beklagt. Auch Kinderarmut beschäftigt die Teilnehmenden. Über die Aspekte Arbeitslosigkeit und billige Arbeitskräfte aus Osteuropa gelangt das Gespräch erneut zum Thema„Ausländer“, die von„dubiosen Geschäften“(Z783) leben würden. 4. Alter und Beruf, Gesundheit(Z846-937): Im Kontext der Diskussion von Arbeit und Beschäftigung zeigt sich, dass Frau Wagner als einzige in der Gruppendiskussion berufstätig ist. Es werden auch große Unterschiede innerhalb der Berufsbiografien deutlich, die die Differenzen der Schichtzugehörigkeit widerspiegeln. Die Diskussion geht über zum Thema Gesundheit, wo weitere Unterschiede offensichtlich werden. Die drei älteren Teilnehmenden berichten von verschiedenen Krankheitserfahrungen. 5. Eigene Kindheit, heutige Kindheit und Erziehung(Z939-1526): Die Ausführungen zur Kindheit werden durch die Moderator/innen mehrfach angeregt. Herr Winkler berichtet von seiner Kindheit, wobei das Busunternehmen seiner Eltern großen Raum einnimmt. Er spricht von Gewalterfahrungen durch den Vater und Lehrende an der Schule. Auch Frau Meier und Herr Wernecke berichten ähnliche Erfahrungen. Über Gewalt in der Erziehung(z. B. Ohrfeigen) herrscht innerhalb der Gruppe keine Einigkeit: Während Frau Meier und Herr Wernecke eine derartige Erziehung gutheißen, spricht sich Frau Wagner gegen Gewalt an Kindern aus. Dennoch betont sie, von ihrem Vater geschlagen worden zu sein, was ihr nicht geschadet hätte(Z1231). In Frau Meiers Erzählungen ist wiederum die Vertreibungserfahrung dominant. Sie schildert ihre Kindheit während 69 des„Aufbaus“ nach dem Zweiten Weltkrieg. Ihr Vater war sehr dominant und entschied über ihren späteren Berufsweg, so musste sie Verkäuferin lernen. Es folgen generelle Aussagen über die Schwierigkeiten von Erziehung heute, über neue Herausforderungen angesichts größerer sozialer Unterschiede im Vergleich zu den Problemen der erlebten Nachkriegszeit. 6. Definition des Fremden(Z1527-1752): Nach der Erzählung negativer beruflicher Erfahrungen mit Kindern aus Migrantenfamilien von Frau Wagner verhandeln die Teilnehmer/innen, wer als fremd zu betrachten sei. Ausgehend von kulturellen Unterschieden zwischen verschiedenen Migrantengruppen werden von Frau Wagner und Herrn Wernecke Muslime als Fremde im Unterschied zu Italienern oder Griechen kategorisiert. Frau Meier und Herr Winkler hingegen teilen eine solche Unterscheidung nicht. Einigen kann sich die Gruppe auf den Vorwurf der bewussten Abschottung seitens der Migranten als auch auf ein zunehmendes Fremdheitsgefühl im eigenen Land angesichts vermeintlich zu vieler Ausländer. 4.3 Gießen(Hessen) Beschreibung des Settings und der Teilnehmenden Die Gruppendiskussion in Gießen, einer mittelgroßen Stadt in Hessen, findet im Juni 2007 in einem Raum der Universität statt. Vier Teilnehmende haben bereits an der Fragebogenuntersuchung teilgenommen und leben in Gießen bzw. der ländlichen Umgebung. Eine Teilnehmerin bringt zusätzlich ihre Freundin mit zur Diskussion. Die Diskussion ist gekennzeichnet durch eine große Selbstläufigkeit und dauert 1 Stunde und 20 Minuten. 70 Die Altersspanne der Teilnehmenden ist recht groß und reicht von 33 Jahren(Frau Kreuz) bis zu 80 Jahren(Herr Schreiber). Die Teilnehmenden zeichnen sich durch niedrige bis mittlere Bildungsabschlüsse und mittlere Einkommen aus, mit Ausnahme von Herrn Brenner, der ein Hochschulstudium absolviert hat und dessen Einkommen höher liegt. Die Einschätzung der eigenen finanziellen Lage differiert ebenfalls zwischen schlecht(Frau Kreuz) bis hin zu gut(Herr Schreiber und Herr Brenner). Die gesamtwirtschaftliche Situation Deutschlands hingegen wird als mittelmäßig bis schlecht eingeschätzt. Frau Hanna Kreuz Herr Joachim Schreiber Herr Wilfried Brenner Frau Bettina Ried Frau Karin Lück Alter 33 80 36 60 44 Bildung Abschluss der POS (10. Klasse) Haupt-/Volksschulabschluss abgeschl. Uni-/HSbzw. FHS-studium 1 Mittlere Reife/ Realschule Mittlere Reife/ Realschule Einkommen 1000-1149 € 1000-1149 € 2500-3499 € 1000-1149 € 650-749 € Einschätzung der individuellen wirtschaftlichen Situation Schlecht (4) Gut (2) Gut (2) Teils/Teils (3) Teils/Teils (3) Einschätzung der wirtschaftlichen Situation Deutschlands Schlecht (4) Teils/Teils (3) Teils/Teils (3) Teils/Teils (3) Teils/Teils (3) Tabelle 4.3.1: Soziodemografische und ökonomische Merkmale der Teilnehmenden der Gruppendiskussion Gießen 1 HS= Hochschule, FHS= Fachhochschulstudium Die Teilnehmenden stimmen den Aussagen des Rechtsextremismusfragebogens teilweise zu, lehnen einige Aussagen jedoch auch ab. Sie weisen damit insgesamt einen mittleren Rechtsextremismuswert auf. Auffällig dabei ist die Zustimmung zur Dimension Ausländerfeindlichkeit durch Frau Lück, einer Dimension, der die anderen Teilnehmenden nur teilweise zustimmen. 71 Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur Chauvinismus Ausländerfeindlichkeit Antisemitismus Sozialdarwinismus Verharmlosung des Nationalsozialismus Frau Hanna Kreuz Ablehnung (6) Herr Joachim Schreiber Herr Wilfried Brenner Frau Bettina Ried Teils/Teils (10) Teils/Teils (10) Ablehnung (4) Teils/Teils (11) Teils/Teils (10) Teils/Teils (10) Teils/Teils (10) Teils/Teils (9) Teils/Teils (9) Teils/Teils (9) Teils/Teils (7) Ablehnung (4) Teils/Teils (9) Teils/Teils (7) Ablehnung (6) Ablehnung (6) Teils/Teils (9) Teils/Teils (11) Ablehnung (5) Ablehnung (6) Teils/Teils (9) Teils/Teils (8) Ablehnung (4) Frau Karin Lück Teils/Teils (11) keine Angabe Zustimmung (14) Teils/Teils (11) Teils/Teils (9) Ablehnung (6) Tabelle 4.3.2: Rechtsextremismuswerte der Teilnehmenden auf allen sechs Dimensionen Thematischer Verlauf In der Gruppendiskussion Gießen kommen die Teilnehmenden sehr schnell ins Gespräch. Die Gruppe findet gleich zu Beginn durch verbindende Erfahrungen von Fremdheit bedingt durch Wohnortwechsel zueinander. Das Thema Fremdheit durchzieht die gesamte Gruppendiskussion, in der sich vor allem Frau Kreuz und Herr Brenner stark einbringen. 1.„Fremde Heimat“(Z47-974): Zu Beginn wird über Fremdheitserfahrungen gesprochen. Es fallen die Begriffe„Heimat“(Z149) und auch „Ursprung“(Z276), die als verloren dargestellt werden. Sprache, Dialekte und auch Hochdeutsch werden als zentrale Elemente benannt, über die sich Fremdheitserfahrungen konstituieren. Es wird in der Gruppe 72 die Anforderung formuliert, dass man sich als Zugezogener anpassen müsse, das heißt, Integration wird als aktive Leistung von den Zugezogenen erwartet. Frau Ried erwähnt in diesem Zusammenhang ihren familiären Hintergrund, ihre Eltern seien Vertriebene und stammten aus Schlesien. 2. Stadt und Anonymität(Z1028-1197): An dieser Stelle werden die Vorteile der Stadt gegenüber dem Dorf diskutiert,„man is anonymer“ (Z1036). Gleichzeitig wird diese Anonymität aber auch als Nachteil erlebt, Dörfer hätten den Vorteil eines sozialen Zusammenhalts. Ein Extrembeispiel von Ausgrenzung in dörflichen Strukturen schildert Frau Kreuz, wobei das Fremdsein einer Person und deren fehlende Anpassung fast in Gewalt und Tod geendet hätten. 3. Zweiter Weltkrieg: Kriegserfahrungen, und-folgen( Z1205-1497): Herr Schreiber berichtet von seinen Erfahrungen in französischer Kriegsgefangenschaft während des Zweiten Weltkriegs, die er als schöne Erinnerung beschreibt. Die Gruppe kommt auf die Folgen des Zweiten Weltkriegs zu sprechen. In diesem Zusammenhang werden die Flucht- und Vertreibungserfahrungen der Familie von Frau Lück aufgegriffen. Die ökonomischen Leistungen der Vertriebenen werden betont. Sie werden in der Diskussion als„Ur-Deutsche“ bezeichnet(Z1389). Es schließt sich eine Diskussion über die DDR an, den Osten, den man nicht als„Deutschland erkennen würde“(Z1486), da„is tote Hose“(Z1480). Als Grund dafür wird der Zweite Weltkrieg benannt. 4. Ballungsgebiete und verfehlte Politik(Z1506-1629): Überleitend vom Osten Deutschlands werden die großen infrastrukturellen Differenzen zwischen Stadt und Land kritisiert. Hierfür wird die Politik verantwortlich gemacht, Investitionen würden sich nur auf die großen Ballungszentren konzentrieren. 73 5. Ausgrenzung, Deutsch als Sprache und Ausländer(Z1642-1824): Über die eigene Erfahrung der Ausgrenzung in dörflichen Strukturen kommt die Gruppe auf„Ausländer“ zu sprechen. Zunächst werden Beispiele einer gelungenen Integration benannt, später kommt das Gespräch auf die„Ausländerproblematik“(Z1726), die vor allem als ein Problem„türkischer“ Jugendlicher gesehen wird. In der Diskussion wird zwischen „guten“ Ausländern unterschieden, die etwas leisten würden, im Gegensatz zu„schlechten Ausländern“, die„schmarotzen“(Z1726). Insbesondere Russlanddeutsche werden von Frau Kreuz in letztere Kategorisierung eingeordnet. 6. Mafia und Politik(Z1825-2004): Nachdem über Russlanddeutsche gesprochen wurde, geht es im Weiteren um mafiöse Strukturen. Hierzu fällt Frau Kreuz der ehemalige Bundeskanzler Kohl ein. Am Beispiel Kohls wird zur Politik allgemein übergeleitet und Kritik geübt. Frau Kreuz bemängelt beispielsweise, dass„die da oben noch aus dicken Pötten leben“ würden(Z1957). 7. Krieg und Kriegserfahrung(Z2005-2224): Kurz vor Ende der Gruppendiskussion spricht Herr Brenner noch einmal das Thema„Kriegsgeschichten“ an(Z2013). Es entspinnt sich daraufhin ein Dialog zwischen Herrn Schreiber und Frau Kreuz mit einem anfänglichen Missverständnis, welche Seite – die Deutschen oder die Russen – von der anderen Seite gequält worden sei. Herr Brenner schaltet sich ein und meint in Bezug auf die Wehrmacht, dass„die Ersten, die da hinkamen,[…] haben alles(.) oder vieles zerstört, aber die ham die Leute in Ruhe gelassen“(Z2024). Damit relativiert er die Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmachtssoldaten im Zweiten Weltkrieg. Es folgt ein Vergleich mit anderen Kriegen, zum Beispiel im Jugoslawienkrieg, und den Zusammenhalt zwischen Soldaten. Am Ende der Diskussion gehen die Teilnehmenden außerdem auf politische Zustände im Iran und die Politik des amerikanischen Präsidenten ein. 74 4.4 Niedernhausen(Hessen) Beschreibung des Settings und der Teilnehmenden Die Gruppendiskussion Niedernhausen(Kleinstadt in Hessen) findet im Juli 2007 im zentral gelegenen Gemeindezentrum statt. Der Raum ist nüchtern und zweckmäßig eingerichtet, allerdings etwas unterkühlt. Insgesamt erscheinen drei Teilnehmende. Zwei stammen aus der Repräsentativerhebung. Eine Teilnehmerin, Frau Röbel, bringt eine Bekannte, Frau Seifert, mit. Im Vorfeld der Gruppendiskussion gestaltete sich die Kontaktaufnahme mit Teilnehmer/innen zur Gruppendiskussion in Niedernhausen schwierig. So waren viele mögliche Teilnehmer, wahrscheinlich aufgrund von Sommerurlauben, nicht zu erreichen, so dass die Gruppendiskussion mit drei Teilnehmer/innen geführt werden muss. Herr Stramer ist mit 80 Jahren der älteste Teilnehmer in der Runde. Die beiden anderen Frauen sind hingegen Ende 60 und haben im Unterschied zu Herrn Stramer beide niedrige bis mittlere Einkommen. Alle drei Teilnehmenden haben in der Fragebogenerhebung angegeben, niedrige bis mittlere Bildungsabschlüsse erworben zu haben. Jedoch berichtet Herr Stramer in der Gruppendiskussion davon, dass er vor seinem Weggang aus der DDR noch ein Ingenieurstudium absolviert hat. Was die Einschätzung der individuellen wirtschaftlichen Lage betrifft, zeigt sich, dass die Teilnehmenden diese überwiegend als teilweise gut bzw. teilweise schlecht beurteilen. Die Einschätzung der wirtschaftlichen Situation Deutschlands wird nicht besser als teilweise gut bewertet. 75 Frau Hilde Röbel Herr Hans Stramer Frau Monika Seifert Alter 67 80 66 Bildung Mittlere Reife/ Realschule Haupt-/Volksschulabschluss Mittlere Reife/ Realschule Einkommen 900-999 € 2000-2499 € bis 500 € Einschätzung der individuellen wirtschaftlichen Situation Teils/Teils (3) Teils/Teils (3) Gut (2) Einschätzung der wirtschaftlichen Situation Deutschlands Schlecht (4) Teils/Teils (3) Teils/Teils (3) Tabelle 4.4.1: Soziodemografische und ökonomische Merkmale der Teilnehmenden der Gruppendiskussion Niedernhausen Herr Stramer hat bereits während der Telefonate sehr viel aus seiner Biografie erzählt. Exemplarisch soll ein Erlebnis wiedergegeben werden. Mit 19 Jahren sei er im Zweiten Weltkrieg zum Leutnant befördert worden. Ein Umstand, auf den er noch heute sehr stolz zu sein scheint, betont er doch, dass die Altersgrenze für diesen Dienstrang bei zwanzig Jahren gelegen habe. Insgesamt scheint ihm dieser Lebensabschnitt sehr gegenwärtig und bedeutsam zu sein. So berichtet er, dass er zuletzt mit einer Kalaschnikow gekämpft hätte, da es keinen Munitionsnachschub für die Wehrmachtswaffen mehr gegeben habe. Er sei an einer Abwehrschlacht gegen die auf Berlin vorrückenden„Russen“ beteiligt gewesen. „Den Russen“ hätten sie damals zurückgedrängt, wenn„der Amerikaner“ denen nicht beständig Waffen geliefert hätte. Am eigenen Kampfeswillen hätte es nicht gelegen, dass Deutschland am Ende den Krieg verloren hat. Nach dem Krieg sei er zunächst Polizeioffizier der kasernierten Volkspolizei gewesen, bevor er wegen seiner politischen Gesinnung in die BRD ausgebürgert wurde. Nach diesem kurzen Exkurs sollen die Rechtsextremismuswerte der Teilnehmenden in den Blick genommen werden. Es zeigen sich für alle Teilnehmenden relativ hohe Zustimmungswerte auf den Dimensionen 76 Chauvinismus, Ausländerfeindlichkeit sowie Antisemitismus. Die Befürwortung einer rechtsgerichteten Diktatur wird dagegen teils abgelehnt oder zum Teil stark zugestimmt(Herr Stramer). Auf den weiteren Dimensionen Sozialdarwinismus sowie Verharmlosung des Nationalsozialismus weisen die Teilnehmenden die geringsten Zustimmungswerte auf. Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur Chauvinismus Ausländerfeindlichkeit Antisemitismus Sozialdarwinismus Frau Hilde Röbel Teils/Teils (11) Zustimmung (13) Zustimmung (14) Zustimmung (12) Teils/Teils (9) Verharmlosung des Nationalsozialismus Ablehnung (6) Herr Hans Stramer Frau Monika Seifert Zustimmung (12) Ablehnung (5) Zustimmung (14) Zustimmung (12) Zustimmung (12) Teils/Teils (9) Zustimmung (12) Zustimmung (12) Teils/Teils (10) Teils/Teils (7) Ablehnung (6) Teils/Teils (9) Tabelle 4.4.2: Rechtsextremismuswerte der Teilnehmenden auf allen sechs Dimensionen Thematischer Verlauf Obwohl die Teilnehmenden der Gruppendiskussion sehr flüssig miteinander ins Gespräch kommen, also ein selbstläufiger Gesprächsverlauf eintritt, gibt es während des Gesprächs kommunikative Brüche. Frau Röbel verhält sich eher dominant, wohingegen Herr Stramer etwas reservierter ist. Frau Seifert hat in verschiedenen Gesprächssituation Schwierigkeiten, sich gegenüber Frau Röbel Redeanteil zu verschaffen. Die Diskussion dauert etwa 1 Stunde und 50 Minuten. 1. Herkunft, Ordnung und Politik(Z158-410): Frau Röbel beginnt mit dem Hinweis auf ein neues Einkaufszentrum, das gebaut werde. Herr 77 Stramer bemerkt dazu, dass er nur darauf warte, dass„die ersten Messerschlitzereien losgehen. Bis die ersten Farbstifte an den Betonwänden ausprobiert werden[…]. Wenn hier nicht mehr Ordnung reinkommt, wird das immer wieder im Dreck versinken“(Z164). Ohne weiter auf Herrn Stramers Äußerung einzugehen, berichtet Frau Röbel vom glücklichen Umzug nach Niedernhausen in den sechziger Jahren. Frau Seifert versucht ebenfalls ihren Zuzug aus einem nahe gelegenen Ort zu schildern, allerdings fährt Frau Röbel mit ihrer Schilderung fort. Von Herrn Stramer werden die aktuellen Bürgermeisterwahlen angesprochen. Der alte Bürgermeister wäre nicht aus dem Ort gekommen, und er hätte vor seiner Wahl Zusagen gemacht, die er nicht gehalten habe. 2. Ordnung und Erziehung(Z411-686): Herr Stramer wechselt das Thema und kommt auf Kinder zu sprechen, die„ein bisschen frech sind“ (Z415). Dabei läge es an den Erwachsenen, sie zu Ordnung zu erziehen. Dieses Thema wird dann weiter verhandelt. Frau Seifert weist darauf hin, dass es Ordnung schon seit Jahren nicht mehr gäbe:„da kam die antiautoritäre Erziehung dazu, Erziehungszeit der 68er dazu“(Z465). Herr Stramer schildert, wie er gegen einen Lehrer seines Sohnes, der mit Erziehungsidealen von Adorno(Z474) angefangen habe, vorgegangen sei. Heute würde er Lehrer und Polizisten bedauern:„Die können nichts mehr dagegen machen“(Z521). 3. Familiäre Verbindungen in ganz Deutschland(Z687-763): Frau Röbel berichtet von einem Besuch bei ihrer Tochter in Berlin, anschließend werden die familiären Verbindungen in ganz Deutschland zum Thema. 4. Eigene Erziehung(Z765-1313): Herr Stramer spricht ein aus seiner Sicht großes Manko der Schule an: Geschichte würde falsch vermittelt, nur Zahlen, nicht der Sinn der Geschichte. Die Frage von Frau Röbel, „haben wir aus der Geschichte jemals etwas gelernt?“(Z784), beantwor78 tet sie selbst mit der Aussage:„Wenig. Ja wir Deutschen vielleicht aber sonst wenn Sie in die Welt gucken“(Z791). Relativ unverbunden kommt Herr Stramer an dieser Stelle auf seine Schulzeit zu sprechen und bemerkt, dass aus seiner Schulklasse niemand straffällig geworden sei. Als Grund nimmt er an, dass dafür eine Erziehung mit Prügel geholfen habe. Daraufhin gehen die Teilnehmer/innen auf ihre jeweils erfahrene Erziehung ein. Die Familie von Frau Seifert habe Dresden 1941 verlassen, weil ihr Vater„nicht so richtig zurecht kam mit dem Regime“(Z1036) „und wie dann die ganzen Wehen vorbei waren“(Z1049), sind sie nach Frankfurt gezogen. Herr Stramer erinnert sich an seine Kindheit, wobei er einzelne Erziehungsepisoden schildert. 5.„Ausländer“ und„Multikulti“(Z1314-1418): Frau Seifert kommt auf „Einstellung allgemein“ zu sprechen. Frau Röbel greift dies auf mit dem Verweis auf„Ausländer“ und„Multikulti“: Viele„Ausländer“ sprächen kein Deutsch(Z1317). Frau Röbel betont in diesem Kontext, dass man für eine vernünftige Ausbildung viel Geld zahlen müsse. Frau Seifert berichtet, dass ihre Tochter einen Argentinier geheiratet und sich mittlerweile wieder getrennt habe. Ihre Tochter lebe mit ihren Kindern in Berlin und diese besuchten dort eine internationale Schule, um die spanische Sprache zu erlernen(Z1366). 6. Nachkriegszeit(Z1481-1600): Frau Röbel berichtet, dass sie ihren Vater erst mit sieben Jahren kennen gelernt habe. Während sie von ihrer Mutter mit dem„Rohrstöckchen“ erzogen worden wäre, habe sie von ihrem Vater nie ein böses Wort und nie Schläge bekommen(Z1511). Sie schildert die Zeit nach dem Krieg, als in ihrem Ort Flüchtlinge einquartiert wurden und sie extra Rationen erhalten hätte, weil sie so dünn war. Hier schließt Frau Röbel mit einem Bericht der gemeinsamen Wohnungssuche mit ihrem Mann an und den Erfahrungen, die sie in Nachkriegsdeutschland gemacht hätten. 79 7. Kindererziehung und Frauenbild(Z1601-1779): Über die alleinerziehenden Töchter kommt das Gespräch auf das Frauenbild und außerfamiliäre Kinderbetreuung. Herr Stramer spricht sich gegen fremde Obhut aus, denn die Mutter sei der Mittelpunkt der Familie. Frau Röbel und Frau Seifert insistieren dagegen, dass die Uhr nicht mehr zurückzudrehen sei. 8. Eigene Erziehungserfahrung und Erziehung der Kinder(Z1860-2028): Frau Seifert beschreibt ihre Eltern als sehr tolerant. Die Strenge der Erziehung wird darüber erneut Thema. Frau Röbel und Frau Seifert tauschen sich im Folgenden über die Erfahrungen ihrer Töchter mit ihren Lehrerinnen aus. Frau Röbel berichtet, dass ihre Tochter nach einem Wohnortwechsel von einer Lehrerin einen„Knacks“(Z1994) bekommen habe. Weil ihre Tochter Linkshänderin ist, sei ihr die Lehrerin mit Vorurteilen begegnet(Z1999). 9. Berufseinsteiger(Z2061-2322): Daraufhin wird in der Gruppe über Berufseinsteiger und deren Ansprüche gesprochen. Die Berufseinsteiger hätten heute zu hohe Ansprüche an das Gehalt:„Die haben ihr Diplomexamen in der Tasche und wollen nu Geld verdienen“(Herr Stamer, Z2063). 4.5 Herdecke(Nordrhein-Westfalen) Beschreibung des Settings und der Teilnehmenden Für die Gruppendiskussion in Herdecke, einer nordrhein-westfälischen Kleinstadt, hatten wir aufgrund der Fragebogendaten mit zwei Teilnehmenden gerechnet, die eine rechtsextreme Einstellung vertreten und diese gebeten, noch weitere Personen aus ihrem Umfeld mitzubringen. Die Teilnehmerin Frau Kim bringt zwei Freundinnen, Frau Taler und 80 Frau Fischer, sowie zwei Freunde, Herr Laubner und Herr Rahde, mit. Während Herr Laubner und Frau Kim zum Zeitpunkt der Gruppendiskussion 26 bzw. 27 Jahre alt sind, schätzen wir das Alter der anderen drei Bekannten von Frau Kim auf Anfang 20. Der ältere Teilnehmer, Herr Müller (53 Jahre), bringt eine Bekannte, Frau Fehser(52 Jahre), mit. Die Diskussion findet in einem Raum der örtlichen Volkshochschule statt und dauert etwas über zwei Stunden, inklusive Nachfragen der Teilnehmenden etwa 2 Stunden und 15 Minuten. Die Teilnehmenden stammen größtenteils aus der Kleinstadt und wohnen dort; nur Herr Rahde ist in eine nahe gelegene Großstadt umgezogen. Frau Kim, Herr Rahde und Frau Taler tragen ihre langen Haare in sogenannten„Dreadlocks – ein Erscheinungsbild, das vor allem in„linken“ und„alternativen“ Kreisen sowie Jugendgruppen verbreitet ist. Dies wird auch in der inhaltlichen Diskussion bestätigt. Es liegen Fragebogendaten von Frau Kim, Herrn Müller, Frau Fehser und Herrn Laubner vor, doch stimmen viele von Frau Kim angegebenen Daten(wie Bildung) nicht mit Erzählungen aus der Gruppendiskussion überein. Alle Teilnehmenden haben mindestens mittleres Bildungsniveau, die Einkommen liegen, bis auf Herrn Laubner, der noch Student ist, über 1000€. Während Frau Kim, Frau Fehser und Herr Laubner die individuelle wirtschaftliche Lage als teilweise gut und teilweise schlecht empfinden, schätzt Herr Müller seine ökonomische Situation als gut ein. Für die Einschätzung der wirtschaftlichen Situation Deutschlands zeigt sich, dass die älteren zwei Teilnehmenden die Lage als schlecht bis sehr schlecht einstufen, wohingegen die jüngeren Teilnehmenden die Lage beide als gut einstufen. 81 Frau Hana Kim Herr Rainer Müller Frau Marianne Fehser Herr Sebastian Laubner Alter 26 53 52 27 Bildung Haupt-/Volksschulabschluss 1 Mittlere Reife/ Realschule Mittlere Reife/ Realschule HS-reife 2 /Abitur ohne abgeschl. Studium Einkommen 1150-1249 € 2500-3499 € 1250-1499 € 650-749 € Einschätzung der individuellen wirtschaftlichen Situation Teils/Teils (3) Gut (2) Teils/Teils (3) Teils/Teils (3) Einschätzung der wirtschaftlichen Situation Deutschlands Gut (2) Schlecht (4) Sehr schlecht (5) Gut (2) Tabelle 4.5.1: Soziodemografische und ökonomische Merkmale der Teilnehmenden der Gruppendiskussion Herdecke 1 Diese Angabe stimmt nicht mit den Erzählungen aus der Gruppendiskussion überein. 2 HS= Hochschule In der unten abgebildeten Tabelle 4.5.2 wird ersichtlich, dass die beiden Teilnehmenden Frau Kim und Herr Müller hohe Zustimmungen und zumeist auch hohe Teils/Teils-Werte(11) auf den Dimensionen des Rechtsextremismusfragebogens aufweisen. Die beiden anderen Teilnehmenden lehnen hingegen alle Aussagen der sechs Dimensionen ab, lediglich auf der Dimension Chauvinismus zeigt Herr Laubner eine teilweise Zustimmung bzw. Ablehnung. 82 Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur Chauvinismus Ausländerfeindlichkeit Antisemitismus Sozialdarwinismus Verharmlosung des Nationalsozialismus Frau Hana Kim Teils/Teils (7) Zustimmung (14) Zustimmung (14) Teils/Teils (11) Teils/Teils (10) Teils/Teils (11) Herr Rainer Zustimmung Müller(12) Zustimmung (12) Zustimmung (13) Zustimmung (13) Zustimmung (13) Frau Marianne Fehser Herr Sebastian Laubner Ablehnung (4) Ablehnung (4) Ablehnung (5) Teils/Teils (7) Ablehnung (5) Ablehnung (4) Ablehnung (4) Ablehnung (3) Ablehnung (3) Ablehnung (3) Teils/Teils (11) Ablehnung (4) Ablehnung (3) Tabelle 4.5.2: Rechtsextremismuswerte der Teilnehmenden auf allen sechs Dimensionen Thematischer Verlauf Die Herdecker Diskussion wird zunächst durch eine Erzählung von Frau Fehser in der zweiten Sequenz geprägt, die davon berichtet, wie ihr Sohn in der Nacht zuvor am örtlichen See von„Rechtsradikalen“ überfallen worden sei(Z157). Die vorwiegend jüngeren Teilnehmer/innen treten daraufhin in einen intergenerationellen Dialog mit Frau Fehser. Schließlich entspinnt sich ein zunehmend politisches Streitgespräch, vor allem zwischen Frau Taler, Frau Fischer und Herrn Laubner. Insgesamt lassen sich die Beiträge der Teilnehmenden, inklusive derer von Frau Kim, nicht einem manifest rechtsextremen Weltbild zuordnen – im Gegenteil: Ausgelöst durch die Erzählung über den Neonaziüberfall prägen manifest politisch„linke“ und„liberale“ Positionierungen die Diskussion. Während sich Herr Müller zunächst wenig und schließlich gar nicht mehr beteiligt, dominieren Herr Laubner und die Frauen, zum Ende hin 83 vor allem Frau Fischer und Frau Taler, die Diskussion. Es entwickelt sich ein zunehmend hitziges Streitgespräch, das die Atmosphäre stark prägt. 1. Möglichkeiten für junge Leute in Herdecke(Z1-141): Nachdem Frau Kim und Herr Laubner auf unsere Einstiegsfrage Nachfragen zur Auswertung und Forschungsrichtung gestellt haben, die die Interviewer kurz beantworten, wendet sich Frau Fehser direkt an die jüngeren Teilnehmenden, die im Alter ihres Sohnes seien, so dass intergenerationelle Beziehungen die Diskussion thematisch bereits von Beginn an(mit)bestimmen. Die Jüngeren tauschen sich einerseits über mangelnde Angebote für Jugendliche in der Kleinstadt aus und stellen dies der Großstadt gegenüber; andererseits heben sie den dort mangelnden Platz für Kinder(Z70) hervor und setzen dies in Kontrast zur„Idyll[e]“(Z137) auf dem Land. 2. Angriff durch Neonazis(Z142-473): Frau Fehser zweifelt daraufhin diese Idylle an und berichtet von einem Neonaziüberfall auf ihren Sohn und dessen Freunde – ein Thema, von dem die Teilnehmenden schnell zurückkommen auf das mangelnde Angebot für Jugendliche im Ort. Nach einigen Minuten greift Herr Laubner den„Naziüberfall“(Z240) wieder auf und wertet diesen mit Bezug auf eigene Gruppenkämpfe in seiner Jugend nicht als negativ. Erst als Frau Taler Herrn Laubner widerspricht, schildert Frau Fehser den Überfall ausführlicher und betont die„Todesängste“(Z281) der Jungen. 3. Bedeutung von Normen 1: Das Symbol der Frisur(Z474-914): Im Mittelpunkt der weiteren Diskussion stehen zunächst„diskriminierend[e]“ (Z533) Erfahrungen durch die Polizei von Herrn Rahde und Frau Kim, die sie auf ihr Äußeres zurückführen. Auf eine Nachfrage von Frau Fehser berichtet Frau Kim von Erfahrungen mit Mitgliedern der älteren Generation, sowohl im öffentlichen Leben als auch der eigenen Familie. Als Herr Laubner im weiteren Verlauf anführt, mit nonkonformem äußeren 84 Erscheinungsbild sei eine Provokation intendiert, erntet er regen Widerspruch von Frau Fischer und Frau Taler. 4. Verhältnis zu(Groß-)Eltern(Z915-1068): Auf die Frage des Interviewers zum Verhältnis zu Angehörigen älterer Generationen sowie zu den eigenen Eltern und Großeltern, schildert Herr Rahde ein schwieriges Verhältnis zu seinem Vater und wird von Frau Kim und Frau Fischer dahingehend unterstützt, dieser bringe kein Verständnis für seinen Sohn auf. Frau Fischer führt ein Gegenbeispiel an, indem sie ihre Eltern als„vielleicht[…] zu locker“(Z1041) beschreibt. 5. Bedeutung von Normen 2: Das Symbol des Duzens und Siezens (Z1069-1466): Eine Veränderung im Verhältnis zur älteren Generation geht für Herrn Laubner mit dem eigenen Erwachsenwerden einher, was er am Symbol eines zunehmenden Duzens festmacht. Frau Kim führt den Aspekt kultureller Differenz an, indem sie auf ihre Familie in Korea verweist, wo das Siezen auch in der eigenen Familie üblich sei. Schließlich entwickelt sich eine längere Diskussion um die Bedeutung des Duzens und des Siezens, im Laufe derer vor allem Frau Fischer, Frau Taler, Frau Fehser und schließlich auch Herr Müller eine Position gegen Herrn Laubner beziehen. 6. Vom Wettkampf zur Diskussion des Kapitalismus und der Globalisierung(Z1467-1967): Herr Laubner greift daraufhin das Thema der Abgrenzungen zwischen Gruppen erneut auf, die ermöglichten, die eigene Identität zu finden. Mit einer Kritik an solchen Prozessen durch Frau Fischer beginnt eine erhitzte politische Diskussion zwischen Frau Fehser, Frau Taler, Frau Fischer und Herrn Laubner. Während Letzterer sowohl positive Aspekte von Auseinandersetzung und Wettkampf hervorhebt als auch weitere positive menschliche Eigenschaften betont, führen die drei Frauen negative Beispiele aus der weltweiten Wirtschaft an. Sie äußern 85 die Sehnsucht nach einem„[K]ollektiv“(Z1618, Frau Fischer), einem „Zusammenhalt“(Z1621) zwischen allen Menschen und empören sich zunehmend über den Optimismus von Herrn Laubner. Frau Kim nimmt dabei eine Vermittlerposition ein. 7. Diskussion um Ein- und Ausschlussprozesse, Rassismus(Z1968-2560): Nach der Frage des Moderators zur Bedeutung der Nationalität setzt sich die politische Diskussion fort. Verneinen Frau Fischer und Frau Taler die Bedeutung von Nationalitäten, betont Herr Laubner positive Aspekte von kultureller Vielfalt und(s)einer Identifizierung mit der deutschen Nation. Im weiteren Verlauf geht es vorwiegend um Ein- und Ausschlussprozesse sowie Rassismus, vor allem in Europa und den USA; schließlich wird die Frage nach politischem und ökonomischem Einfluss diskutiert. Laut Frau Fehser, Frau Taler und Frau Fischer werde„die ganze Welt[…] von ein paar Menschen geleitet“(Z2393f.) gegen„die graue[…] Masse“(Z2394). Herr Laubner sieht hingegen Möglichkeiten des politischen und ökonomischen Engagements und Einflusses. Die Diskussion endet mit einem Streitgespräch um die Bedingungen und Auswirkungen kapitalistischen Welthandels insbesondere zwischen Frau Fischer und Herrn Laubner. 4.6 Renningen(Baden-Württemberg) Beschreibung des Settings und der Teilnehmenden Die Gruppendiskussion in Renningen, einer Kleinstadt in Baden-Württemberg, findet im August 2007 in einem der großen Säle des örtlichen Bürgerhauses statt, einem sehr gepflegten, innen modern ausgestatteten Gebäude. Mit seinen großen Fenstern, die die gesamte Breite ausfüllen, wirkt der Raum hell und freundlich. 86 Alle vier Teilnehmenden, ein Mann und drei Frauen, haben bereits an der Fragebogenuntersuchung teilgenommen. Der männliche Teilnehmer, Herr Seidel, ist zugleich der älteste in der Gruppe. Die Altersspanne der anderen Teilnehmerinnen liegt zwischen 42 und 57 Jahren. Beim Bildungsniveau unterscheiden sich die Teilnehmenden jedoch kaum, sie verfügen alle über eine hohe Bildung, hingegen über geringe bis hohe Einkommen. Bis auf Frau Jahn schätzen alle die individuelle wirtschaftliche Situation als gut ein. Die Einschätzung der gesamtdeutschen wirtschaftlichen Situation wird dagegen nur von Herrn Seidel als gut bewertet, die anderen Teilnehmerinnen bewerten sie als teilweise gut bzw. teilweise schlecht. Herr Heinrich Seidel Frau Hilde Jahn Frau Christa Schmied Frau Sabine Berger Alter 61 48 42 57 Bildung Einkommen abgeschl.Uni-/ HS- bzw. FHSStudium 1 HS-reife/Abitur ohne abgeschl. Studium 1 abgeschl.Uni-/ HS- bzw. FHSStudium 1 abgeschl.Uni-/ HS- bzw. FHSStudium 1 3500-4999 € 2000-2499 € 900-999 € 1000-1149 € Einschätzung der individuellen wirtschaftlichen Situation Gut (2) Einschätzung der wirtschaftlichen Situation Deutschlands Gut (2) Gut Teils/Teils (2)(3) Schlecht (4) Teils/Teils (3) Gut Teils/Teils (2)(3) Tabelle 4.6.1: Soziodemografische und ökonomische Merkmale der Teilnehmenden der Gruppendiskussion Renningen 1 HS= Hochschule, FHS= Fachhochschule 87 Alle Teilnehmenden sind in der ersten Erhebung als nichtrechtsextrem eingestuft. Lediglich Frau Schmied und Herr Seidel zeigen auf einigen Dimensionen durchschnittlich teilweise Zustimmung bzw. Ablehnung. Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur Chauvinismus Ausländerfeindlichkeit Antisemitismus Sozialdarwinismus Verharmlosung des Nationalsozialismus Herr Heinrich Seidel Ablehnung (4) Teils/Teils (7) Ablehnung (5) Ablehnung (4) Ablehnung (3) Ablehnung (3) Frau Hilde Jahn Ablehnung (3) Ablehnung (4) Ablehnung (3) Ablehnung (3) Ablehnung (3) Ablehnung (3) Frau Christa Schmied Teils/Teils (7) Teils/Teils (7) Ablehnung (4) Teils/Teils (7) Ablehnung (3) Teils/Teils (8) Frau Sabine Berger Ablehnung (3) Ablehnung (3) Ablehnung (3) Ablehnung (3) Ablehnung (3) Ablehnung (3) Tabelle 4.6.2: Rechtsextremismuswerte der Teilnehmenden auf allen sechs Dimensionen Thematischer Verlauf Es entwickelt sich ein selbstläufiges Gespräch zwischen allen Teilnehmenden, wobei Herr Seidel häufig mit längeren biografischen Beiträgen den Verlauf bestimmt. Im Mittelpunkt der Diskussion stehen Erfahrungen von regionaler Zugehörigkeit und Integration auf der einen, Erfahrungen von Fremdheit und Ausschluss auf der anderen Seite. 88 1. Herkunft – wie lebt es sich in Schwaben?(Z1-111): Nach unserer Einstiegsfrage stellt sich Herr Seidel vor, woraufhin sich alle Teilnehmenden gegenseitig vorstellen und über ihre Herkunft sprechen. Herr Seidel erzählt von seiner Herkunft aus Pommern, dem Aufwachsen im Süddeutschen und wie er schließlich aufgrund der Arbeitsmöglichkeiten in einer großen Firma in einen Nachbarort von Renningen zog. Frau Jahn und Frau Schmied kommen beide aus der Region, sind dort geblieben und beschreiben ein positives Zugehörigkeitsgefühl. Frau Berger stammt aus Rheinland-Pfalz, wohnt seit ihrem Studium in der Region und empfindet die kleinen Orte als„sehr kleinkariert“(Z88). 2. Bedeutung von Arbeit und Wohlstand, Integration(Z112-219): Das Gespräch über die Region wird vertieft, indem vor allem über den Wohlstand am Beispiel der Arbeitsplätze gesprochen wird sowie über das Vereinsleben als„Integrationsfaktor“(Z187). 3. Regionale Identität(Z220-301): Eine Bemerkung von Frau Schmied über das Verhältnis von„Badenern“ und„Schwaben“ leitet über zum Thema regionale Identität(en). Zeigt sich Frau Berger verwundert über deren Bedeutung, so betonen Herr Seidel und Frau Schmied die historische und noch heute fortwirkende Trennung der Badener und Württemberger. Frau Jahn führt zudem die Bedeutung einer Ortsidentität ein, die aufgrund von Eingemeindungen in ihren Augen verloren gehe(Z283). 4. Industrie- und Wohngebiet Renningen(Z302-546): Die Assoziationsketten führen weiter zur Besiedlung in der Region. Einer positiven Bedeutung der Industrie durch Ansehen, Wohlstand und Mobilität wird ein möglicher Verlust des Traditionellen(wie der Ortsgebundenheit) gegenübergestellt. 89 5. Natur und Umgebung; Besiedlung und Landwirtschaft(Z547-759): Die Teilnehmenden sprechen über Natur, die Umgebung und das Freizeitangebot, wobei die Schönheit der Gegend mit negativen Auswirkungen der Landwirtschaft(Gestank) und der dichten Besiedlung kontrastiert wird. 6. Zusammenleben mit nichtdeutschen Zugezogenen, Integrations- versus Ausschlussprozesse(Z760-995): Nach ca. 45 Minuten greift die Moderatorin das Thema des Zusammenlebens von Einheimischen und Zugezogenen wieder auf und fragt nach Erfahrungen mit nichtdeutschen Zugezogenen. Alle vier Diskutierenden schildern Erfahrungen mit„Fremden“ und reflektieren dies teils auch im Zusammenhang mit eigenen„Fremdheitserfahrungen“. Sie bringen aus ihrer Sicht einerseits gelungene und misslungene Integrationsbeispiele und thematisieren ebenso bestehende Diskriminierungen von„Ausländern“. Andererseits werden diejenigen kritisiert, die sich nicht selbst um Integration bemühen. 7. Erfahrungen mit Fremdheit in der Kindheit und heute(Z996-1686): Auf die Frage des Moderators nach dem Umgang der Eltern in der Kindheit in Bezug auf Fremdheitserfahrungen beschreiben Frau Schmied und Frau Berger Elternhäuser, in denen keine Ausländerfeindlichkeit geherrscht habe. Herr Seidel berichtet eine eigene Diskriminierungserfahrung als Flüchtlingskind, setzt diese in Beziehung zu seinem Verständnis für die Einwohner und führt dies letztlich auf unsere„animalische[n] Vorfahren“ (Z1135) zurück. Frau Jahn artikuliert hierauf eigene Bedrohungserlebnisse durch„Fremde“, bevor Frau Schmied das Thema im Hinblick auf Gemeinschaftsbildungsprozesse im Allgemeinen erneut ausweitet. Das Beispiel der Abgrenzung einer christlich-freikirchlichen Gemeinschaft wird der gelungenen Integration von„Ausländern“ gegenübergestellt und in Beziehung zum wirtschaftlichen Wohlstand gesetzt. Die Diskussion endet mit einem Gespräch über die deutsche Sprache und Dialekte. 90 4.7 Neuss(Nordrhein-Westfalen) Beschreibung des Settings und der Teilnehmenden Die Gruppendiskussion in der Großstadt Neuss(Nordrhein-Westfalen) findet an einer öffentlichen Forschungseinrichtung im September 2007 statt. Entgegen unseren Erwartungen treffen nur drei Teilnehmende ein, Herr Sievers, der seine Tochter Frau Sievers mitbringt, sowie Frau Barr. Weitere Teilnehmende waren verhindert. Die Altersspanne innerhalb der Gruppendiskussion ist sehr groß, Frau Barr und Herr Sievers sind 60 Jahre bzw. 69 Jahre alt, Frau Sievers ist mit 19 Jahren wesentlich jünger. Die älteren Teilnehmenden haben mittlere bzw. höhere Bildungsabschlüsse und Einkommen, wohingegen Frau Sievers noch im Haus ihrer Eltern lebt und über kein eigenes Einkommen verfügt. Die Einschätzungen der individuellen wirtschaftlichen Lage variieren zwischen teils/teils und gut; die Bewertungen der gesamtwirtschaftlichen Situation Deutschlands schwankt zwischen gut und schlecht. Frau Hildegard Barr Alter 60 Bildung Mittlere Reife/ Realschule Einkommen 1250-1499 € 2 Einschätzung der individuellen wirtschaftlichen Situation Teils/Teils (3) Einschätzung der wirtschaftlichen Situation Deutschlands Schlecht (4) Herr Karl abgeschl. Uni-/ 69 HS- bzw. FHS2000-2499 € Gut Sievers Studium 1 (2) HS-reife/ Frau Nadine 19 Abitur ohne --Gut Sievers abgeschl. (2) Studium 1 Gut (2) Teils/Teils (3) Tabelle 4.7.1: Soziodemografische und ökonomische Merkmale der Teilnehmenden der Gruppendiskussion Neuss 1 HS= Hochschule, FHS= Fachhochschulstudium 2 Zum Zeitpunkt der Gruppendiskussion ist das Einkommen von Frau Barr als Bezieherin von Leistungen nach SGB II(„Hartz-IV“) geringer. 91 Herr Sievers und Frau Barr weisen beide einen mittleren Rechtsextremismuswert auf, das heißt, sie stimmen den Aussagen des Rechtsextremismusfragebogens teilweise zu, lehnen einige Aussagen jedoch auch ab. Auffällig ist dabei die Zustimmung von Frau Barr zum Antisemitismus, dem Herr Sievers teilweise zustimmt. Frau Sievers weicht von den Werten der anderen Teilnehmenden ab, so lehnt sie alle Aussagen des Rechtsextremismusfragebogens ab. Frau Hildegard Barr Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur Ablehnung (3) Chauvinismus Teils/Teils (9) Ausländerfeindlichkeit Antisemitismus Sozialdarwinismus Teils/Teils (11) Zustimmung (13) Ablehnung (3) Verharmlosung des Nationalsozialismus Teils/Teils (7) Herr Karl Sievers Ablehnung (5) Teils/Teils (8) Teils/Teils (9) Teils/Teils (8) Ablehnung (4) Ablehnung (4) Frau Nadine Sievers Ablehnung (3) Ablehnung (5) Ablehnung (5) Ablehnung (3) Ablehnung (4) Ablehnung (4) Tabelle 4.7.2: Rechtsextremismuswerte der Teilnehmenden auf allen sechs Dimensionen Thematischer Verlauf Das Gespräch entwickelt sich selbstläufig, an einigen Stellen erfolgt eine Rückfrage an die Interviewer/innen nach weiteren wichtigen Themen. Das Gespräch wird im Wesentlichen zwischen Frau Barr und Herrn Sievers geführt und dauert insgesamt ca. 2 Stunden. Herr Sievers beginnt das Gespräch mit Schilderungen aus seiner Kindheit, ohne auf die Einstiegsfrage nach dem Leben in der Region einzugehen. 92 1. Kindheit, Jugend, Ausbildung und Beruf(Z34-433): Herr Sievers berichtet von seiner Kindheit während des Zweiten Weltkriegs, erwähnt indirekt den Tod seines Vaters, beschreibt die Zeit jedoch rückblickend als positiv für ihn als Kind. Er leitet über zu seiner beruflichen Laufbahn, er habe Bergbau studiert und während seines Beruflebens in„60 bis 70 Ländern“(Z167) gearbeitet. Frau Barr, unmittelbar nach dem Krieg geboren, hat selber keine Kriegserlebnisse, berichtet aber von der Kriegsgefangenschaft ihres Vaters. Nach einer abgebrochenen Lehre sei sie später sehr erfolgreich in der Werbebranche für Öffentlichkeitsarbeit von großen Unternehmen zuständig gewesen. Sie habe ihren Beruf aufgeben müssen, nun arbeite sie für„einen Euro“(Z283) in einer Schule. Frau Sievers beschreibt nur kurz, dass sie gerade Abitur mache und noch keine genaueren Vorstellungen habe, wie es danach weitergehe. 2. Ordnung, Transparenz und behinderte Kinder in der Nazizeit(Z434544): Herr Sievers kommt auf seine Berufstätigkeit zurück und schließt einen langen Monolog an, in dem er assoziativ eine Reihe von Themen anspricht. Er leitet zu einem Computer-Kalkulationsprogramm über, das Transparenz und Ordnung seiner beruflichen Projekte garantiere. Diese mathematischen Prinzipien von Effektivität entwickeln sich im Verlauf seines Monologs zu allgemeineren, gesellschaftlichen Regeln. Herr Sievers kommt auch auf„zurückgebliebene“ Kinder zu sprechen. Die Diskriminierung dieser Kinder sei heute noch so groß wie zu Zeiten Nazideutschlands. Im Vergleich zum Holocaust würde diesem Thema viel zu wenig Beachtung zukommen, obwohl es viel„transparenter sei als die Judenverfolgung“(Z535). 3. Schule und Erziehung(Z544-670): Frau Barr greift dieses Thema auf und leitet zum Thema Schule und Integration von Migrant/innen über. Der Unterschied zwischen Arm und Reich wird thematisiert. Frau Barr kritisiert außerdem die mangelnde Ordnung in der Schule, was den Schü93 ler/innen beigebracht werden müsse. Frau Sievers unterstützt dies, Lehrer müssten eine gewisse Autorität besitzen, um ernst genommen zu werden. 4. Kindheit, Verhältnis zu Eltern, Großeltern, Kinderträume(Z695-877): Der Interviewer bringt die Frage der Erziehung ins Gespräch ein. Frau Barr berichtet von einer strengen Erziehung, die Mutter sei arbeitstätig, der Vater einige Jahre im Irak gewesen. Deswegen hätten die Kinder schon früh viel Verantwortung übernehmen müssen. Herr Sievers berichtet, dass seine Mutter für sechs Kinder da gewesen sei. Sein Vater sei während des Zweiten Weltkriegs im Lazarett gestorben, er betont jedoch erneut, dass die Zeit des Krieges für ihn als Kind eine„heile Welt“(Z734) gewesen sei. Frau Sievers berichtet, ihren Vater nicht so häufig gesehen zu haben. Ihre Mutter stamme aus Südamerika, sie sei lange Hausfrau gewesen, doch hätte später ein Studium begonnen. Sie berichtet von einem „recht unbeschwerte[n] Leben als Kind“(Z787). 5. Unterschiede innerhalb von Deutschland, Unterschiede Ausland – Deutschland(Z884-1000): Mit dem Verweis, das Herr Sievers bereits von seinen Auslandserfahrungen berichtete, bringen die Interviewer/innen das Thema„Ausland“ ein. Frau Sievers geht kurz auf verschiedene Konzepte von Höflichkeit in Bezug auf den Vergleich Deutschland und Brasilien ein. Herr Sievers leitet über zu seinen Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem in Brasilien. Frau Barr steigt in dieses Thema mit einem Verweis auf die Ungleichbehandlung von Privat- und Kassenpatient/innen in Deutschland ein. 7. Erfahrungen: im Ausland, Juden, Ausländer(Z1088-1408): Nach einem kurzen Exkurs zum Thema Nachbarschaft kommen die Teilnehmenden noch einmal auf ihre Erfahrungen im Ausland zu sprechen. Frau Barr und Frau Sievers berichten über einige Erfahrungen, die sie wäh94 rend ihrer Urlaubsreisen gemacht haben, dann kommt Herr Sievers auf das Thema Fernsehwerbung zu sprechen. Er beschreibt auf sehr emotionale Art und Weise, wie Filme durch Werbesequenzen unterbrochen und gestört würden. Er verwendet dabei Begriffe, die für Erfahrungen von Gewalt stehen, beispielsweise„Attacken“(Z1205). Er führt den hohen Anteil an Werbung in Deutschland auf negative Einflüsse aus den USA zurück. Zusätzlich sei der immer größer werdende Einfluss der englischen Sprache in Deutschland eine Belastung für die„Einwohner der Bundesrepublik“(Z1290). Relativ unvermittelt kommt er danach auf das Thema Juden zu sprechen, die in Israel„wie du und ich“(Z1296) seien, sich in Deutschland jedoch abgrenzten. Daraufhin erzählt Frau Barr von ihren Erfahrungen mit Migrantinnen. Übereinstimmend mit Herrn Sievers beklagt sie, dass die„Ausländer“, insbesondere die„Türken“, sich „abkapseln“(Z1334) würden. 4.8 Dresden-Johannstadt(Sachsen) Beschreibung des Settings und der Teilnehmenden Die Gruppendiskussion findet im September 2007 in einem Raum einer öffentlichen Forschungseinrichtung in Dresden statt. Wir erwarten vier Teilnehmende aus der Großstadt und der sächsischen Umgebung, die bereits an der Fragebogenuntersuchung teilnahmen. Ein Teilnehmer, Herr Rösner, bringt seine Ehefrau mit, die sich auf unsere Bitte hin bereit erklärt mitzumachen. Daraufhin bietet Frau Lange an, ihren im Auto wartenden Ehemann zu holen, der sich ebenfalls bereitwillig beteiligt. Die Teilnehmenden sind zwischen 53 und 78 Jahre alt und zeichnen sich bis auf Herrn Lange, der über ein abgeschlossenes Hochschul- bzw. Fachhochschulstudium verfügt, durch geringe bis mittlere Bildungsabschlüsse und Einkommen aus. Während die Teilnehmenden 95 die wirtschaftliche Lage Deutschlands bis auf Frau Rösner eher schlecht einschätzen, variieren die Einschätzungen zur individuellen wirtschaftlichen Situation zwischen guter und schlechter Bewertung. Frau Dagmar Lange Frau Elke Schumann Herr Herbert Rösner Frau Erika Reiß Herr Volker Lange Frau Johanna Rösner Alter 61 53 76 61 63 78 Bildung Abschluss der POS (10. Klasse) Abschluss der POS (10. Klasse) Abschluss der POS (10. Klasse) Haupt-/Volksschulabschluss abgeschl. Uni-/HSbzw. FHS-Studium 1 Abschluss der POS (10. Klasse) Einkommen 650-749 € 650-749 € 1500-1999 € 650-749 € 1150-1249 € 1500-1999 € Einschätzung der individuellen wirtschaftlichen Situation Einschätzung der wirtschaftlichen Situation Deutschlands Schlecht (4) Schlecht (4) Schlecht (4) Schlecht (4) Gut Schlecht (2)(4) Gut Teils/Teils (2)(3) Schlecht (4) Schlecht (4) Gut Gut (2)(2) Tabelle 4.8.1: Soziodemografische und ökonomische Merkmale der Teilnehmenden der Gruppendiskussion Dresden-Johannstadt 1 HS= Hochschule FHS= Fachhochschulstudium Die meisten Teilnehmenden haben insgesamt einen mittleren Rechtsextremismuswert, das heißt, sie stimmen den Aussagen des Rechtsextremismusfragebogens teilweise zu bzw. lehnen sie teilweise ab. Dies gilt auch für die Dimension Ausländerfeindlichkeit, wobei hier auch eine ablehnende Haltung(Frau Reiß) und eine zustimmende Position vorliegen (Herr Lange). 96 Frau Dagmar Lange Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur Teils/Teils (8) Chauvinismus Teils/Teils (11) Frau Elke Schumann Teils/Teils (10) Zustimmung (12) Herr Herbert Rösner Ablehnung (5) Teils/Teils (10) Frau Erika Reiß Teils/Teils (10) Teils/Teils (10) Ausländerfeindlichkeit Teils/Teils (10) Teils/Teils (11) Teils/Teils (10) Ablehnung (5) Antisemitismus Teils/Teils (9) Ablehnung (6) Ablehnung (5) Teils/Teils (10) Sozialdarwinismus Ablehnung (5) Teils/Teils (10) Teils/Teils (7) Teils/Teils (7) Verharmlosung des Nationalsozialismus Teils/Teils (8) Teils/Teils (8) Ablehnung (3) Ablehnung (5) Herr Volker Lange Teils/Teils (10) Frau Johanna Rösner Ablehnung (5) Teils/Teils (10) Zustimmung (14) Teils/Teils (10) Ablehnung (6) Teils/Teils (7) Ablehnung (5) Teils/Teils (9) Ablehnung (6) Ablehnung (5) Ablehnung (3) Tabelle 4.8.2: Rechtsextremismuswerte der Teilnehmenden auf allen sechs Dimensionen Thematischer Verlauf Auf unsere Einstiegsfrage hin entwickelt sich schnell ein selbstläufiges Gespräch zwischen den Teilnehmenden, das insgesamt 1 Stunde und 50 Minuten dauert. Wenngleich Frau und Herr Rösner die Diskussion mit ersten Beiträgen zu ihrer Wohnsituation beginnen, verstummen beide zunehmend im weiteren Verlauf der Gruppendiskussion. Dieser wird vor allem durch die anderen Teilnehmerinnen geprägt: Zunächst durch Beiträge von Frau Reiß, schließlich, in der zweiten Hälfte der Diskussion, zunehmend durch Frau Schumann, die über ihre familiäre Situation 97 spricht. Auch Frau Lange beteiligt sich mit einigen Erzählungen an der Diskussion, wohingegen ihr Ehemann(wie der andere Teilnehmer) sehr zurückhaltend auftritt. 1. Aktuelle Wohnsituation, Umgebung(Z1-187): Die Diskussion beginnt mit Schilderungen der aktuellen Wohnsituation durch Frau und Herrn Rösner in der sächsischen Großstadt; Frau Lange schließt mit Erzählungen über lebensgeschichtliche Etappen und Umzüge bis zum Hausbau in einem sächsischen Dorf an. Auch Frau Reiß erzählt einige Abschnitte ihrer Lebensgeschichte und thematisiert schließlich die Veränderungen durch die„Wende“ im Jahr 1989. 2. Politik, Dreck und schlechte Erziehung heute(Z188-470): Frau Reiß echauffiert sich stark affektiv bezüglich Politiker, denen sie Inkompetenz vorwirft(„System Rathaus“[Z189]). Auch der„Dreck“ in der Stadt, insbesondere in Form von Hundehaufen, wird diskutiert. Sie erhält Unterstützung durch Frau Schumann und fordert zur Lösung etwas„Radikales“ (Z305). Weiter schimpft sie über die Erziehung der heutigen Jugend, woran sich ebenfalls Frau Schumann anschließt. In der DDR dagegen sei die Jugend noch„zur Ordnung erzogen“(Z342f.) worden. Sie fordert stärkere und direkte Unterstützung von Kindern sowie eine stärkere Kontrolle von Familien, worin ihr Frau Lange zustimmt. Frau Reiß beschwert sich weiter über die jungen Arbeitslosen, die nicht mehr arbeiten wollten, während sie früher hart arbeiten habe müssen. Sie fordert, die Arbeitslosen sollten„aufgestellt“(Z456) werden, um die Straße zu kehren. 3. Thema Erziehung, stärker biografisch(Z471-582): Auf diesen Ärger über die Arbeitslosen reagiert Frau Schumann mit einer persönlichen Erzählung über ihren erwachsenen Sohn, der mit ihr zusammenlebe und arbeitslos sei. Die gesamte Passage ist durch Rechtfertigungen der Situation des Sohnes, der beispielsweise von seinem letzten Arbeitgeber 98 keinen Lohn gezahlt bekommen habe, gekennzeichnet. Doch bringt Frau Schumann auch zum Ausdruck, den Sohn zum Arbeiten bewegen zu wollen, was sie nicht schaffe. Frau Reiß äußert, sie hätte in einer solchen Situation ihren Sohn aus dem Hause gejagt und wendet sich nun in ihrem Ärger direkt gegen Frau Schumann und deren Sohn. Frau Lange dagegen bringt Verständnis für Frau Schumann auf und erzählt von einem ähnlichen Beispiel in ihrer Nachbarschaft. 4. Ausländer, Kinderarmut und-vernachlässigung(Z583-823): Frau Reiß äußert Ärger über die gesellschaftlichen Zustände in Deutschland, wo sie „über ein Drittel Ausländer“(Z585) vermutet. Auch Kindervernachlässigung in Familien ständen für diese negativen Zustände. In diesem Kontext erzählt Frau Lange von Russen, die dem Alkohol verfallen seien und kein Deutsch lernen wollten, um dann erneut Kindervernachlässigung in deutschen Familien zu thematisieren. Frau Schumann hakt nun bei Frau Lange nach, wie deren Nachbarin ihren Sohn zum Arbeiten bringe, um nach der Antwort weiter ihre schwierige Situation mit dem eigenen Sohn sowie ihre eigene familiäre Situation als Kind mit ihren Eltern und Großeltern zu schildern. Frau Lange spricht sich daraufhin für eine strenge Erziehung aus, während Frau Schumann eine liebevolle verteidigt. 5. Kontraste: Stadt versus Land, früher versus heute(Z824-1017): Auch die weitere Diskussion, in der über Kontraste zwischen Stadt und Land sowie zwischen früher und heute gesprochen wird, ist stark durch die Erzählungen von Frau Schumann über ihr Landhaus und ihre familiären Verhältnisse geprägt. Sie verteidigt sich weiterhin gegenüber Frau Reiß, die sich erneut über den Dreck und die Unordnung in der Stadt aufregt und stellt dem das ländliche Leben gegenüber. 6. Aufwachsen im Elternhaus: glückliche Kindheiten(Z1018-1701): Auf die Frage der Moderatorin nach dem Aufwachsen im Elternhaus schil99 dern Frau Schumann und Frau Lange ausführlich ihre Erfahrungen im Elternhaus als glückliche Kindheiten, während Frau Reiß und Herr Lange ihre im Krieg gefallenen Väter erwähnen und auf eine nicht einfache Zeit verweisen. Frau Schumann schließt mit der Erzählung über einen Autounfall als junge Erwachsene an, seitdem sie schwerbehindert sei. Im Weiteren erzählt sie erneut ausführlich von ihrem Haus auf dem Lande, der Familiengeschichte und der aktuellen Wohnsituation, um schließlich ihre – positiv empfundene – Arbeitszeit in der DDR mit der heutigen „Ellenbogengesellschaft“(Z1368) zu kontrastieren. Frau Lange schließt mit einem bestätigenden Beispiel aus dem heutigen Geschäftsleben an, das durch Angst vor Mobbing geprägt sei. Sie stellt diesem Beispiel eine Kindheitserinnerung gegenüber, die – wenngleich eine unangenehme – dennoch für eine schöne Kindheit stehe. 7. Gespräche mit Eltern: Die gute alte Zeit(Z1702-1949): Die Frage des Moderators nach Gesprächen mit den Eltern über die Vergangenheit wird einvernehmlich bejaht. Es folgen Erzählungen – vor allem von Frau Lange, Frau Reiß und Frau Schumann –, in denen erneut vorwiegend die Erinnerung an eine„gute alte Zeit“ aufscheint. 4.9 Eutin(Schleswig-Holstein) Beschreibung des Settings und der Teilnehmenden Die Gruppendiskussion in der Kleinstadt Eutin findet im September 2007 in einem hellen und freundlichen Raum einer öffentlichen Einrichtung statt. An der Gruppendiskussion nehmen drei Frauen aus der Stichprobe der Studie„Vom Rand zur Mitte“ teil. Nachdem wir alle Teilnehmenden telefonisch gebeten hatten, Freunde oder Bekannte mitzubrin100 gen, bringt die Teilnehmerin Frau Rief drei Bekannte – Frau Berg, Frau Kaufmann und Frau Budrich – zur Gruppendiskussion mit. Der Großteil der Teilnehmerinnen stammt aus der Kleinstadt und wohnt dort. Lediglich Frau Brost ist aufgrund eines Arbeitsplatzwechsels aus den neuen Bundesländern nach Eutin gezogen; Frau Rief ist in Berlin geboren und aufgewachsen. Während die jüngste Teilnehmerin, Frau Brost, 43 Jahre alt ist, ist die älteste Teilnehmerin fast 90 Jahre alt. Alle Teilnehmerinnen haben mindestens mittlere Reife, und, bis auf Frau Berg, verfügen sie über ein Monatseinkommen von mehr als 900€. Die Einschätzungen der individuellen sowie deutschlandweiten wirtschaftlichen Situation variieren in der Bewertung, wobei die Teilnehmerin mit dem geringsten Einkommen sowohl ihre eigene als auch die gesamtdeutsche wirtschaftliche Lage positiv wahrnimmt. Alter Bildung Einkommen Einschätzung der individuellen wirtschaftlichen Situation Einschätzung der wirtschaftlichen Situation Deutschlands Frau Heide Osbeck 46 Mittlere Reife/ 900-999 € Realschule Teils/Teils (3) Schlecht (4) Frau Katja Brost Frau Anneliese Rief Frau Rosa Berg Frau Beate Kaufmann 42 Mittlere Reife/ 1250-1499 € Realschule Schlecht (4) HS-reife/ 88 Abitur ohne 1500-1999 € Gut abgeschl. (2) Studium 1 HS-reife/ 62 Abitur ohne bis 500 € Gut abgeschl. (2) Studium 1 65 Mittlere Reife/ 900-999 € Realschule Teils/Teils (3) Schlecht (4) Schlecht (4) Gut (2) Teils/Teils (3) Frau Maria 68 Mittlere Reife/ 1150-1249 € Teils/Teils Gut Budrich Realschule(3)(2) Tabelle 4.9.1: Soziodemografische und ökonomische Merkmale der Teilnehmenden der Gruppendiskussion Eutin 1 HS= Hochschule 101 Die Aussagen des Rechtsextremismusbogens bewerten die Teilnehmerinnen mehrheitlich mit einer teilweisen Zustimmung bzw. Ablehnung. Die höchsten Zustimmungswerte erfahren vor allem die Dimensionen Chauvinismus und Ausländerfeindlichkeit. Die älteste Teilnehmerin, Frau Rief, stimmt vor allem Aussagen zu, die den Nationalsozialismus verharmlosen, Frau Kaufmann lehnt mit einer Ausnahme alle Dimensionen rechtsextremer Einstellungen ab. Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur Chauvinismus Frau Heide Osbeck Ablehnung (6) Teils/Teils (10) Frau Katja Brost Frau Anneliese Rief Frau Rosa Berg Teils/Teils (9) Teils/Teils (9) Ablehnung (4) Teils/Teils (8) Teils/Teils (11) Teils/Teils (9) Frau Beate Kaufmann Ablehnung (3) Teils/Teils (7) Frau Maria Budrich Teils/Teils (7) Zustimmung (14) Ausländerfeindlichkeit Teils/Teils (10) Teils/Teils (11) Teils/Teils (11) Teils /Teils (8) Ablehnung (6) Zustimmung (14) Antisemitismus Teils/Teils (9) Ablehnung (3) Teils/Teils (8) Ablehnung (4) Ablehnung (4) Teils/Teils (8) Sozialdarwinismus Ablehnung (5) Ablehnung (4) Teils/Teils (9) Ablehnung (3) Ablehnung (3) Teils/Teils (9) Verharmlosung des Nationalsozialismus Teils/Teils (8) Ablehnung (4) Zustimmung (13) Ablehnung (5) Ablehnung (3) Ablehnung (4) Tabelle 4.9.2: Rechtsextremismuswerte der Teilnehmenden auf allen sechs Dimensionen Thematischer Verlauf Diese Gruppendiskussion ist gekennzeichnet durch eine hohe interaktive Dichte. So diskutieren die Teilnehmerinnen zwei Stunden mit seltener Intervention der Interviewer/innen. Die Stimmung am Anfang ist leicht angespannt, da Frau Osbeck etwas zu spät kommt. Auch gegenü102 ber den Moderator/innen herrscht Misstrauen, da Frau Rief, die über Berufserfahrungen aus der Marktforschung verfügt, bereits im Vorfeld der Diskussion telefonisch versuchte, mehr über die Hintergründe der Studie zu erfahren, worauf ihr jedoch nur die Standardinformationen gegeben wurden. In den ersten Beiträgen bestimmen Frau Rief und ihre Bekannten die Diskussion, dann beteiligen sich auch die jüngeren Teilnehmerinnen Frau Osbeck und insbesondere Frau Brost. Zwischen letzterer und der ältesten Teilnehmerin, Frau Rief, herrscht oft eine große Übereinstimmung, insbesondere bei Erziehungsvorstellungen. 1. Kennzeichen und Veränderungen in der Stadt Eutin(Z1-284): Zunächst werden von Frau Rief und ihren Bekannten die Kennzeichen der Stadt besprochen. Gerade aus dem von der ostdeutschen Teilnehmerin Frau Brost geäußerten Interesse an der Stadtgeschichte entspinnt sich ein Gespräch über diese sowie über Transformationen der Stadt wie die Verdrängung von Traditionsgeschäften durch sogenannte Einkaufsketten. 2. Leben in Eutin(Z285-956): Frau Brost erzählt im Folgenden über ihre Biografie, die ebenso durch Veränderungen geprägt sei. Erst seit einigen Jahren lebe sie als alleinerziehende berufstätige Mutter in Eutin, fühle sich aber in ihrer neuen Umgebung sehr wohl, was mit Freude bei den„Alteingesessenen“ aufgenommen wird. Auch das Klima gefalle ihr und verhelfe ihrem Sohn zu einer besseren Gesundheit. Es werden ebenso kulturelle Einrichtungen und der touristische Wert der Stadt Eutin sowie Gemeinsamkeiten und Unterschiede zum Wohnort von Frau Osbeck verhandelt. 3. Erziehung(Z957-1636): Über die Diskussion zu kulturellen Einrichtungen kommen die Teilnehmerinnen auf das Thema Jugendliche und Kinder zu sprechen. Während einige Teilnehmerinnen eine strenge Erziehung heute befürworten, gibt es ebenso gegenteilige Positionen, worüber kontrovers und anhand einiger Beispiele diskutiert wird. Insbesondere beklagen 103 hierbei Frau Rief und Frau Brost den fehlenden Respekt und Anstand der Kinder und Ernsthaftigkeit der Eltern bei Wertevermittlung und Erziehung. Einige Teilnehmerinnen berichten auch von selbst erfahrener Gewalt durch die Eltern. Eingeschränkte Freizeitmöglichkeiten, die Relevanz von Sport sowie die schwierige Situation in Schulen werden ebenso thematisiert. 4. Der Zuzug von Fremden, insbesondere Russlanddeutschen(Z16371994): Die Veränderungen am Ort durch den Zuzug insbesondere von Russlanddeutschen wird diskutiert. Dabei werden auch Vorurteile und Stereotype(wie Aggressivität) zu verschiedenen Fremdgruppen kontrovers verhandelt. Ebenso werden Positivbeispiele der Integration und von einigen die Unterstützung von Fremden betont. 5. Erfahrungen der Bedrohung, Gewalt(Z1995-2329): Hier werden biografische Erfahrungen erlebter Bedrohungssituationen als Frau erzählt und selbst verwendete Selbstschutzstrategien von den Teilnehmerinnen diskutiert. Selbstverteidigungskurse, vor allem für Mädchen, werden dabei als wertvoll erachtet. Im Kontext der Erzählungen zu Veränderungen des Aggressionspotenzials zu verschiedenen Zeitpunkten wird in der Geschichte von Frau Rief„en passant“ auch die Zeit des Nationalsozialismus thematisiert. 6. Kinderbetreuung und Gesundheit(Z2330-2902): In dieser Gesprächssequenz wird die Krippe zu DDR-Zeiten, das„Abgeben“ der Kinder an staatliche Institutionen, sehr intensiv diskutiert. Dabei spielen insbesondere das Trockenlegen von Kindern und eigene diesbezügliche Erfahrungen eine große Rolle. Nach Frau Rief sind Familie und Beruf auch ohne staatliche Hilfe vereinbar. Einvernehmlich wird auch die Zunahme schädlicher Umwelteinflüsse auf die Gesundheit der Kinder und traditionelle sowie moderne Heilmethoden diskutiert. Bei Frau Rief zeigt sich Stolz auf ihre robuste Gesundheit in hohem Alter. 104 7. Erziehung, stärker biografisch(Z2903-3328): Auf die Nachfrage des Moderators nach selbst erfahrener Erziehung im Elternhaus geht zunächst Frau Rief ein und fordert, dass Eltern„mehr auf ihre Kinder einwirken“ (Z2917). Daraufhin werden Erziehungsmethoden, vor allem autoritäre Erziehung, an biografischen Erfahrungen zum Thema in der Gruppe gemacht. Frau Rief kritisiert hierbei stark ihre eigene Mutter, die sie in ihrer Kindheit und Jugend nicht zum Klavierspielen gezwungen habe und fordert eine autoritäre Erziehung. Es wird von anderen Teilnehmerinnen, gerade in Abgrenzung zu Frau Rief, betont, dass auch die finanzielle Ausstattung der Familie eine Rolle bei der Erziehung spiele. So könnten sich nicht alle Eltern Klavierunterricht für ihre Kinder leisten. Dennoch wird herausgestellt, dass Geld nicht der entscheidende Faktor sei und die Eltern unabhängig von der ökonomischen Situation viel vermitteln könnten. Übereinstimmend wird in der Gruppe mangelndes Engagement heutiger Eltern sowie fehlender Respekt und unzureichendes Wissen bezüglich Tischsitten angeprangert. Insbesondere Frau Brost betont in vielen Erzählungen, dass sie ihren Kindern dies im Unterschied zu vielen anderen Familien aber vermitteln würde bzw. vermitteln wolle. 8. Das Eintrittsalter in die Mutterschaft(Z3329-3460): Frau Rief kreidet das hohe Eintrittsalter in die Mutterschaft an, was auf Zustimmung bei den älteren Teilnehmerinnen stößt. Als Frau Osbeck betont, dass das Augenmerk auch auf die Männer gerichtet werden sollte, die heutzutage keine Kinder wollten, äußert Frau Rief:„Na die sind ja heute alle schwul“ (Z3342). Im allgemeinen Gelächter der Gruppe geht es noch weiter um Kinderwünsche bei Männern und Frauen. Frau Osbeck betont in diesem Zusammenhang, dass sie ihrer Tochter explizit rate, erst spät Kinder zu bekommen. Frau Brost erzählt daraufhin von der frühen Mutterschaft in der DDR – so sei sie selbst mit 21 Jahren zum ersten Mal Mutter geworden– und gesellschaftspolitischen Bedingungen für Familien. 105 9. Schichtunterschiede(Z3461-3680): Während einige Teilnehmerinnen die Unterstützung sozial benachteiligter Personen durch den deutschen Staat negativ bewerten und Zustände wie in der DDR befürchten, betont Frau Budrich die Bedeutung dieser für eine bestimmte„Gesellschaftsschicht“(Z3461). Sie meint Sozialhilfeempfänger, die seit Generationen in der Armutsfalle stecken würden. Mit Berichten von eigenen Kontakten zu Sozialhilfeempfängern illustriert sie, dass diese Personen hilflos seien und deshalb die Gesellschaft einspringen müsse. Dies stößt auf Widerspruch in der Gruppe. Gerade Frau Osbeck und Frau Rief betonen, dass diese Personen die soziale Hängematte genießen würden und arbeiten gehen müssten, was sie auch aus eigener Kraft leisten könnten. Die Gruppendiskussion kommt zum Ende, ohne dass in dieser Kontroverse eine Einigung erzielt worden wäre. 4.10 Berlin-Hohenschönhausen Beschreibung des Settings und der Teilnehmenden An der Gruppendiskussion Berlin-Hohenschönhausen, die im Oktober 2007 stattfindet, nehmen insgesamt neun Personen, darunter sechs Frauen und drei Männer, teil. Es handelt sich um eine Gruppe rechtsextremer Jugendlicher des Stadtteils Berlin-Höhenschönhausen, die für die vorliegende Studie neu rekrutiert wurden. Der Kontakt zu den Teilnehmenden wurde durch einen Berliner Sozialarbeiter ermöglicht. Die Diskussion findet in einem Raum eines sozialen Vereins in Hohenschönhausen statt, der den Teilnehmenden bekannt ist. Es liegen nur für fünf der neun Teilnehmenden Fragebogendaten vor, wobei manche Angaben wie zu Einkommen oder Bildung nicht mit den Erzählungen aus der Gruppendiskussion übereinstimmen. Von den drei weiblichen Teilnehmerinnen haben zwei den Fragebogen im Nachhinein 106 ausgefüllt. Sie verfügen über geringe Einkommen und haben mittleres bis hohes Bildungsniveau. Frau Darmann ist die Höchstgebildete in der gesamten Gruppe, was auch gleich zu Beginn der Diskussion von dem Wortführer der Gruppe(Herr Ronny Müller) deutlich gemacht wird. Herr Ronny Müller, dessen Alter wir auf Anfang 20 schätzen, ist der Bruder von Frau Jacqueline Müller und hat den Fragebogen nicht ausgefüllt. Er war bereits für mehrere Jahre im Gefängnis, wie er in der Gruppendiskussion berichtet. Es nehmen auch drei weitere jüngere Geschwister von ihm (eine Schwester und zwei Brüder) sowie drei weitere männliche Jugendliche teil. Die Einkommen der Teilnehmenden sind gering oder liegen im mittleren Bereich, was die Teilnehmenden zum größtenteils als sehr schlecht bewerten. Auch die wirtschaftliche Situation Deutschlands wird mehrheitlich als sehr schlecht bewertet. Herr Marco Weber Herr Nils Horten Frau Jaqueline Müller Frau Andrea Darmann Herr Marcel Müller Alter 19 19 18 Bildung Einkommen Haupt-/Volksschulabschluss HS-reife/Abitur ohne abgeschl. Studium 1 Mittlere Reife/ Realschule HS-reife/Abitur ohne abgeschl. Studium 1 Haupt-/Volksschulabschluss 900-999 € 3500-4999 € 2 650-749 € bis 500 € bis 500 € Einschätzung der individuellen wirtschaftlichen Situation Teils/Teils (3) Einschätzung der wirtschaftlichen Situation Deutschlands Schlecht (4) Sehr gut (1) Teils/Teils (3) Sehr schlecht (5) Sehr schlecht (5) Sehr schlecht (5) Sehr schlecht (5) Sehr schlecht (5) Sehr schlecht (5) Tabelle 4.10.1: Soziodemografische und ökonomische Merkmale der Teilnehmenden der Gruppendiskussion Berlin(Hohenschönhausen) 1 HS= Hochschule, FHS= Fachhochschulstudium 2 Diese Angabe stimmt nicht mit den Erzählungen aus der Gruppendiskussion überein. 107 Den Aussagen des Rechtsextremismusfragebogens stimmen die Teilnehmenden zumeist stark oder teilweise zu. Allerdings lehnt Herr Horten ausländerfeindliche Aussagen ab. Auch Frau Darmann weist zum Teil niedrigere Zustimmungswerte auf. Die niedrigen Zustimmungswerte stimmen jedoch kaum mit den Äußerungen in den Gruppendiskussionen überein, in denen sich alle Teilnehmenden als rechtsextrem – nicht nur auf der Ebene der Einstellung – zeigen. Dies gilt auch für den Antisemitismus, bei der kein Teilnehmender im Fragenbogen volle Zustimmung zeigt, der aber in der Gruppendiskussion erkennbar wird(vgl. Kapitel 5.1.3). Herr Marco Weber Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur Teils/Teils (10) Chauvinismus Teils/Teils (10) Herr Nils Horten Frau Jaqueline Müller Frau Andrea Darmann Herr Marcel Müller Teils/Teils (9) Zustimmung (14) Teils/Teils (9) Zustimmung (14) Teils/Teils (9) Zustimmung (12) Ablehnung (5) Zustimmung (12) Ausländerfeindlichkeit Zustimmung (15) Ablehnung (6) Zustimmung (15) Teils/Teils (11) Zustimmung (15) Antisemitismus Teils/Teils (9) Teils/Teils (8) Teils/Teils (7) Ablehnung (3) Teils/Teils (7) Sozialdarwinismus Zustimmung (12) Teils/Teils (8) Zustimmung (13) Ablehnung (5) Zustimmung (13) Verharmlosung des Nationalsozialismus Teils/Teils (11) Teils/Teils (7) Zustimmung (14) Teils/Teils (7) Zustimmung (14) Tabelle 4.10.2: Rechtsextremismuswerte der Teilnehmenden auf allen sechs Dimensionen Thematischer Verlauf Die Gruppendiskussion verläuft sehr assoziativ. Die Teilnehmenden reden oft durcheinander und können kaum bei einem Thema bleiben, so wechseln sie häufig ganz abrupt das Thema. Lediglich bei den Fragen zur erlebten Erziehung und was ihnen wichtig ist im Leben, verweilen 108 sie länger. Sie unterbrechen sich gegenseitig scharf und verhalten sich aggressiv untereinander sowie gegenüber den Interviewenden. Diese greifen im Unterschied zu allen anderen durchgeführten Gruppendiskussionen am stärksten in das Gespräch ein, da die Schwierigkeit besteht, die Teilnehmer/innen in ein selbstläufiges Gespräch zu verwickeln und sie außerdem kaum bei einem Thema bleiben. Zudem fordern die Teilnehmenden die Interviewenden zu Positionierungen auf, wobei diese versuchen, sich soweit wie möglich zurückzuhalten und vor allem Fragen an die Teilnehmenden zu richten. Die Diskussion wird durchzogen von Gewaltandrohungen, der Verwendung von vulgären Schimpfwörtern und abwertenden Äußerungen einerseits untereinander und andererseits gegenüber„Ausländern“, Juden, Frauen und Homosexuellen. Zumeist lachen die Gesprächsteilnehmenden über den aggressiven Umgang mit den Gruppenmitgliedern und die abwertenden Witze, was ihre Gruppenidentität zu prägen scheint. Zu Beginn kommt ein Teilnehmer zu spät; nach ca. 45 Minuten muss eine Pause gemacht werden, da die Konzentration der Jugendlichen nachlässt. Insgesamt dauert die Diskussion ca. 1 Stunde 50 Minuten. Herr Ronny Müller bestimmt den Verlauf der gesamten Gruppendiskussion sehr stark, gerade am Anfang mimt er den Interviewer. Als weiblichen Gegenpart zu Herrn Ronny Müller genießt seine Schwester Frau Nadine Müller einen hohen Status in der Gruppe und beteiligt sich in der Diskussion stark durch eigene Erzählungen. Ebenso fordert sie andere Teilnehmende zum Sprechen auf und mahnt Konzentration bzw. Ruhe während der Diskussion an. Manche Teilnehmer/innen äußern sich kaum in der Diskussion, dies gilt besonders für Herrn Horten, der in der Gruppe regelmäßig sehr stark verbal angegriffen wird, wenn seine Herkunft aus Ungarn thematisiert wird und sich die Gruppe über ihn lustig macht. Herr Weber versucht sich häufig durch Erzählungen von Gewalttaten in der Gruppe zu profilieren, wobei er zumeist ironische und abwertende Reaktionen erhält. 109 1. Leben und Zusammenhalt im„Ghetto“(Z1-496): Herr Ronny Müller will nach einer unruhigen Anfangsphase von den Interviewer/innen den Grund für die Gruppendiskussion erfahren, woraufhin dies kurz erläutert wird. Im Anschluss reden die Teilnehmenden unstrukturiert über die eigene Person und teilweise übereinander sowie die Region. Es wird über die Herkunft von Herrn Horten,„dem Ungar“, gespottet. In Abgrenzung zum Stadtteil Prenzlauer Berg, dass schmutzig und verkommen sei, sei das Leben in ihrem„Ghetto“ sehr viel ruhiger. Die Leute würden dort wie in einem„Dorf“(u.a. Z165) zusammenhalten, worüber sich die Teilnehmenden einig sind. Sobald Unruhe herrsche, werde von ihrer Seite aus gewaltsam Ordnung geschaffen:„Wir ham unsere Ruhe hier. Und wenn wir keene ham, machen wir uns die“(Z167f.), so Herr Ronny Müller. Auf Nachfrage der Interviewerin wird der Alltag beschrieben. So trifft sich die Gruppe täglich nach der Schule oder Arbeit in„ihrem“ Park im Bezirk, wo vor allem gemeinsamer Alkoholkonsum im Vordergrund stehe. Es wird auch die Unterstützung durch die Sozialarbeiter betont sowie die gemeinsamen Aktivitäten herausgestrichen. 2. Gewalt: Konfrontation mit der Polizei und Migranten(Z497-805): Nach einem aggressiven Austausch vor allem zwischen Herrn Horten und Herrn Ronny Müller werden Gewalttaten und Konfrontationen mit der Polizei und Migranten erzählt. Erneut wird dabei über die Herkunft von Herrn Horten gespottet. Ausländerfeindliche und antisemitische Äußerungen prägen ebenso diese Sequenz. 3. Über Familienverhältnisse(Z806-1097): Während die Mütter und Großmütter vor allem von Herrn Ronny Müller und seinen Geschwistern als streng und fürsorglich beschrieben werden, erscheinen Väter und deren Teil der Verwandtschaft dagegen in einem negativen Licht und werden als abstoßend geschildert. Auch wird Interesse an den Eltern der Interwievenden durch Herrn Ronny Müller bekundet. 110 4. Der Alltag: Gewalt(Z1098-1431): In dieser Sequenz geht es um die Herkunft der Teilnehmenden, wobei Herr Horten stark beschimpft wird. In Beschreibungen der Jugendlichen zu ihrem Alltag wird deutlich, dass dieser durch Alkoholkonsum und Gewalt geprägt ist. Es werden neben Alkoholexzessen auch von Gewalt- bzw. Straftaten erzählt, so zum Beispiel von Herrn Ronny Müller:„Mal mit nem Stuhl mal een of den Kopf schlagen oder so ja“(Z1301). Dieser betont jedoch gleichzeitig:„Also mit Messer und Kanonen machen wir nie“(Z1302). 5. Über Ausländer(Z1432-1568): Auf Nachfrage des Interviewers, wie es mit„Ausländern“ im Bezirk sei, wird zunächst von Herrn Fend geantwortet:„Ah die boxen wir alle um Junge, die Säue“(Z1433f.).„ Ausländer“ werden als„minderwertiges Volk” bezeichnet(Z1455) und von der Gruppe aus dem Viertel vertrieben. Um zu veranschaulichen, dass Ausländer „so dreist“(Z1480, Frau Jaqueline Müller) seien, erzählen Frau Nadine Müller und Frau Jacqueline Müller von eigenen Erfahrungen, dass sie als Mädchen von„Ausländern“ angemacht würden. In diesem Kontext prahlt vor allem Herr Ronny Müller mit von ihm begangenen Gewalttaten. 6. Über die Eltern der Teilnehmenden(Z1569-1726): Auf die Nachfrage des Moderators in Bezug auf das Verhältnis zu den Eltern werden Mütter erneut positiv und Väter negativ dargestellt. Es fallen sexistische Bemerkungen von den männlichen Teilnehmenden, wie„Kriegen wir Deine Mutter umsonst?“(Z1590), die bei zwei Teilnehmerinnen auf Widerspruch stoßen. Auch werden in dieser Sequenz kurz das„Honorar” für die Teilnahme an der Gruppendiskussion sowie die eigenen geringen Einkünfte thematisiert. 7. Reiseziele, Träume und Wünsche(Z1670-2242): Es werden kurz mögliche Reiseziele diskutiert und dabei unvermittelt Bemerkungen zu den Vernichtungsstätten Auschwitz und Buchenwald gemacht. Auf Nachfra111 ge der Interviewer/innen nach eigenen Träumen und Wünschen werden die Familie und materielle Sicherheit(Ausbildung, Job), Statussymbole (Autos) sowie Freundschaft betont. Ebenso wird die Bedeutung der Gemeinschaft in der Gruppe unterstrichen. Dieses Thema besprechen die Teilnehmenden lange selbstläufig, also ohne Eingriff der Interviewenden. 8. Erziehung der eigenen Kinder(Z2243-2475): Der Umgang mit den eigenen Kindern(ein Teilnehmer ist bereits Vater) soll nach einhelliger Gruppenmeinung an die selbst erfahrene Erziehung angelehnt werden, jedoch nicht so streng. Gleichzeitig wird Gewalt in der Erziehung – auch die selbst erfahrene – von Herrn Ronny Müller gepriesen. Die Männer in der Gruppe betonen erneut die Bedeutung des Geldes sowie des sozioökonomischen Status und äußern sexistische Inhalte gegenüber Frauen. Auch zeigt sich unter den Männern Schadenfreude über schlechte Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht. 9. Ein- und Ausschluss in der Gruppe(Z2476-2631): Menschen, die als störend oder nicht passend zur Gruppe empfunden werden, werden sowohl verbal als auch mittels Gewalt„weggeekelt“. Hierüber besteht Konsens, und es werden Beispiele genannt. 10. Zukunft der Gruppe/ Identität(Z2632-2881): Es wird überwiegend, auf Nachfrage des Interviewers, davon ausgegangen, dass die Gruppe in fünf Jahren noch zusammen als Clique bestehen würde. Alle wollen in Berlin und ihrem„Ghetto“ bleiben. Es erfolgt eine Abgrenzung zum „Westen“ aber auch anderen Gegenden im„Osten“. Wiederholt prägen antisemitische Äußerungen das sehr unstrukturierte und laute Gespräch. 112 4.11 Dresden-Neustadt(Sachsen) Beschreibung des Settings und der Teilnehmenden Die Gruppendiskussion Dresden-Neustadt findet im November 2007 im Raum einer öffentlichen Forschungseinrichtung statt. Es nehmen vier Personen teil, darunter Frau Kurat und Herr Dreyer aus der Fragebogenerhebung sowie der Lebenspartner und eine Bekannte von Frau Kurat. Alle Teilnehmenden sind in den neuen Bundesländern aufgewachsen. Zum Zeitpunkt der Gruppendiskussion sind die Teilnehmenden zwischen 43 und 58 Jahre alt. Herr Dreyer bezieht Erwerbsminderungsrente und auch Frau Kurat steht kurz vor der Rente. Die Teilnehmenden haben niedrige bis mittlere Bildungsabschlüsse. Die zwei männlichen Teilnehmer geben geringe Einkommen an, Frau Fuch hingegen macht keine Angabe und Frau Kurat gibt ein hohes Einkommen an, was jedoch nicht mit ihren Äußerungen aus der Gruppendiskussion übereinstimmt. Alle Teilnehmenden schätzen sowohl ihre eigene wirtschaftliche Situation als auch die gesamtdeutsche wirtschaftliche Lage als bestenfalls teils/teils ein. Insbesondere bei Frau Kurat zeigt sich eine sehr negative Bewertung. Herr Max Semmler Frau Sigrid Fuch Herr Jürgen Dreyer Frau Johanna Kurat Alter 43 51 58 57 Bildung Einkommen Mittlere Reife/Realschule 650-749 € Haupt-/Volksschulabschluss Abschluss der POS (10. Klasse) Abschluss der POS (10. Klasse) 900-999 € 2000-2499 € 1 Einschätzung der individuellen wirtschaftlichen Situation Teils/Teils (3) Sehr schlecht (5) Teils/Teils (3) Sehr schlecht (5) Einschätzung der wirtschaftlichen Situation Deutschlands Teils/Teils (3) Teils/Teils (3) Sehr schlecht (5) Sehr schlecht (5) Tabelle 4.11.1: Soziodemographische und ökonomische Merkmale der Teilnehmenden der Gruppendiskussion Dresden-Neustadt 1 Diese Angabe stimmt nicht mit Erzählungen aus der Gruppendiskussion überein. 113 Die Rechtsextremismuswerte auf den einzelnen Dimensionen sind bei Herrn Semmler, Herrn Dreyer und Frau Kurat niedrig. Frau Fuch stimmt jedoch allen Aussagen des Fragebogens durchschnittlich zu, mit Ausnahme der Dimension Verharmlosung des Nationalsozialismus, wo sie alle Aussagen ablehnt. Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur Chauvinismus Herr Max Semmler Ablehnung (5) Ablehnung (3) Ausländerfeindlichkeit Antisemitismus Sozialdarwinismus Ablehnung (3) Ablehnung (3) Ablehnung (3) Verharmlosung des Nationalsozialismus Ablehnung (3) Frau Sigrid Fuch Zustimmung (12) Zustimmung (12) Zustimmung (13) Zustimmung (12) Zustimmung (13) Ablehnung (6) Herr Jürgen Dreyer Ablehnung (5) Frau Johanna Kurat Teils/Teils (7) Teils/Teils (7) Ablehnung (3) Ablehnung (5) Teils/Teils (9) Ablehnung (3) Teils/Teils (8) Ablehnung (3) Ablehnung (3) Ablehnung (3) Ablehnung (5) Tabelle 4.11.2: Rechtsextremismuswerte der Teilnehmenden auf allen sechs Dimensionen Thematischer Überblick Diese Gruppendiskussion dauert insgesamt nur 50 Minuten und stellt somit die Kürzeste von allen zwölf durchgeführten Interviews dar. Dies ist dem Umstand der sehr starken Verspätung von einer Stunde von Frau Kurat und ihren Bekannten geschuldet. Zudem verließ der rechtzeitig anwesende Herr Dreyer bereits nach einer Viertelstunde die Diskussion. Während Herr Dreyer auf die fehlenden Teilnehmenden in dem für die Gruppendiskussion vorgesehenen Raum wartet, beginnt der Interviewer 114 ein Gespräch mit ihm, in dem Herr Dreyer aus seiner Biografie erzählt, was auch aufgezeichnet wird. An dieser Stelle soll jedoch der Verlauf der Gruppendiskussion im Vordergrund stehen. Diese verläuft eher unruhig, da Frau Kurat und ihre Bekannten immer wieder von ihrer Odysee erzählen, ebenso klingelt mehrmals das Handy von Frau Fuch. Inhaltlich steht vor allem die Bedeutung von Arbeit und Erfahrungen auf dem Arbeitsmarkt im Vordergrund der Diskussion. 1. Vorstellungsrunde und Austausch über den Wohnort(Z658-710): Frau Kurat und Frau Fuch stellen sich als Hartz-IV-Empfängerinnen vor, wobei Frau Kurat die Brüche ihrer Berufsbiografie nach der„Wende“ nach 30-jähriger Festanstellung umreißt. Herr Dreyer bezieht eine Erwerbsminderungsrente, und Herr Semmler hat seit einigen Monaten eine Zeitarbeitsstelle. Es erfolgt ein kurzer Austausch der Teilnehmenden über die Wohnorte im Umland von Dresden. 2. Politiker, Verschuldung(Z711-776): Im Zuge des Anreißens der Veränderungen der Umweltbedingungen nach dem Mauerfall gibt Herr Semmler seiner Frustration Ausdruck, dass die Politiker immer nur„große, große Sprüche machen würden“(Z732), jedoch nichts dahinter stehe. Herr Dreyer nennt Verschuldung als möglichen Grund für die Handlungsunfähigkeit der Politiker, worüber sich alle einig sind. 3. Arbeitslose, Ein-Euro-Jobber und Bedingungen am Arbeitsmarkt (Z712-950): In der nächsten Sequenz sprechen die Teilnehmenden arbeitssuchende Menschen als Teil des Problems leerer öffentlicher Kassen an. Herr Semmler und Frau Fuch erzählen von ihren Erfahrungen mit Ein-Euro-Jobs. Als Herr Semmler seiner Freude Ausdruck verleiht, wieder eine Beschäftigung zu haben, reagieren die anderen mit Empörung: Ein-Euro-Jobs seien„Ausbeutung der Arbeitskräfte”(Z790f., Herr Dreyer), wozu dann auch Herr Semmler zustimmt. Niedrige Löh115 ne und Kündigung durch den Arbeitgeber im Krankheitsfall werden anhand eigener oder im näheren Umkreis erlebter Erfahrungen diskutiert. Ebenso wird die öffentliche Subventionierung von Firmen kritisiert, die Langzeitarbeitslose einstellten. Diese Praxis bewirke, dass systematisch Langzeitarbeitslose befristetet eingestellt würden, anstatt feste Stellen zu schaffen. 4. Herkunft(Z951-1036): Nachdem Herr Dreyer sich nach einer Viertelstunde gemeinsamer Diskussion verabschiedet, wird kurz die Herkunft der Teilnehmenden angesprochen. 5. Biografie(Z1037-1132): Nach einer Nachfrage der Interviewerin zur Kindheit der Teilnehmenden, berichtet Herr Semmler von seiner Kindheit in seiner Geburtsstadt Chemnitz. Frau Kurat wurde in Schlesien geboren, ihre Mutter sei 1951 nach Chemnitz gezogen, da sie nicht die deutsche Staatsbürgerschaft verlieren wollte. Sie selbst hat zwei Kinder, so auch Herr Semmler. Nachdem Herr Semmler seine Fahrerlaubnis verloren hat und nicht mehr als Berufskraftfahrer arbeiten kann, hofft er, seine Zeitarbeitsstelle behalten zu können. 6. Die Odyssee der Teilnehmenden(Z1133-1239): In dieser Sequenz sprechen die Teilnehmenden mit den Interviewer/innen über ihre Suche nach dem Ort der Gruppendiskussion. Diesem thematischen Wechsel geht ein Handyanruf bei Frau Fuch voran, der Unruhe in die Diskussion bringt. 7. Leben in Dresden(Z1240-1357): Die Teilnehmenden tauschen sich über Kriminalität, Begrünung sowie Wohnlagen in ihrem Wohnort aus. 8. Herkunft(Z1358-1458): Der Interviewer bringt das Gespräch erneut auf die Herkunft der Teilnehmenden. Frau Kurat erzählt daraufhin eingehender aus ihrer Biografie. Dabei führt sie aus, sich darüber zu freuen, 116 dass ihre Mutter Tschechien verlassen habe, denn sie„will ne Deutsche bleiben“(Z1404f.). 9. Bedeutung von Arbeit(Z1459-1587): Herr Semmler bringt das Gespräch zurück zum Thema Arbeit, deren große Bedeutung für alle Teilnehmenden deutlich wird:„Hauptsache Arbeit. Das ist das Wichtigste“ (Z1587, Herr Semmler). Es werden auch geringe Löhne problematisiert und Vergleiche zur DDR-Zeit gezogen, in der es„sichere Arbeitsplätze“ gegeben habe. 10. Kindheit(Z1460-1538): Der Interviewer fragt erneut nach der Kindheit der Teilnehmenden. Herr Semmler erzählt, dass er starke Gewalt in seiner Erziehung erfahren habe, Frau Fuch möchte sich dazu nicht weiter äußern. 4.12 Berlin-Bohnsdorf Beschreibung des Settings und der Teilnehmenden An der Gruppendiskussion Berlin-Bohnsdorf, durchgeführt im Januar 2008, nehmen sechs Personen teil, die sich bereits vorher kannten. Herr Randstedt hat ein Hochschulstudium abgeschlossen, während die anderen Teilnehmenden im Fragebogen angeben, über keinen Schulabschluss zu verfügen. In der Gruppendiskussion gibt Herr Mischke aber an, ein Fachabitur erworben zu haben. Ähnlich heterogen wie die Bildungsgrade ist die Altersstruktur der Teilnehmenden, der jüngste ist 23(Herr Toben) und der älteste Teilnehmer 58 Jahre(Herr Randstedt). Verbindendes Element der Gruppe ist ihre sozioökonomische Lage, die durch Arbeitslosigkeit und den Empfang von Sozialleistungen geprägt ist. Mit wenigen Ausnahmen wird sowohl die 117 persönliche als auch die gesamtwitschaftliche Lage als sehr schlecht eingeschätzt. Die Teilnehmenden wohnen alle im Berliner Stadtteil Bohnsdorf in unmittelbarer Umgebung des Jugendheims, in dem die Gruppendiskussion stattfindet. Die Gruppendiskussion kann in einem Raum, der normalerweise als Computerraum genutzt wird, stattfinden. Herr Thomas Frank Frau Michaela Ronert Frau Dagmar Reinert Herr Rudolf Mischke Herr Andreas Toben Herr Horst Randstedt Alter 47 41 46 23 58 Bildung Einkommen bis 500 € Ohne Haupt-/Volksschulabschluss Ohne Haupt-/Volksschulabschluss Ohne Haupt-/Volksschulabschluss abgeschl. Uni-/HSbzw. FHS-Studium 1 bis 500 € 500-649 € Einschätzung der individuellen wirtschaftlichen Situation Sehr schlecht (5) Einschätzung der wirtschaftlichen Situation Deutschlands Sehr schlecht (5) Sehr schlecht (5) Sehr schlecht (5) Sehr schlecht (5) Sehr schlecht (5) Sehr schlecht (5) Sehr schlecht (5) Teils/Teils (3) Sehr schlecht (5) Sehr schlecht (5) Schlecht (4) Tabelle 4.12.1: Soziodemografische und ökonomische Merkmale der Teilnehmenden der Gruppendiskussion Berlin-Bohnsdorf 1 HS= Hochschule, FHS= Fachhochschule Den Aussagen des Rechtsextremismusfragebogens stimmen Herr Frank und Frau Ronert teilweise zu oder lehnen sie ab. Frau Reinert weist zum einen hohe Zustimmungswerte, insbesondere bei der Ausländerfeindlichkeit auf. Demgegenüber lehnt sie antisemitische und sozialdarwinistische Aussagen stark ab und stimmt den Aussagen zur Verharmlosung des Nationalsozialismus zum Teil zu. Die drei weiteren männlichen Teilnehmer Herr Mischke, Herr Toben und Herr Randstedt stimmen auf allen Dimensionen stark zu bzw. äußern sich unentschieden. 118 Herr Thomas Frank Frau Michaela Ronert Frau Dagmar Reinert Herr Rudolf Mischke Herr Andreas Toben Herr Horst Randstedt Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur Ablehnung (3) Ablehnung (3) Zustimmung (12) Zustimmung (12) Zustimmung (15) Zustimmung (12) Chauvinismus Ablehnung (3) Ablehnung (3) Zustimmung (13) Zustimmung (15) Zustimmung (15) Zustimmung (13) Ausländerfeindlichkeit Teils/Teils (7) Teils/Teils (11) Zustimmung (15) Zustimmung (15) Zustimmung (13) Zustimmung (13) Antisemitismus Ablehnung (3) Ablehnung (3) Teils/Teils (7) Teils/Teils (11) Teils/Teils (10) Teils/Teils (11) Sozialdarwinismus Teils/Teils (7) Ablehnung (3) Ablehnung (5) Zustimmung (13) Teils/Teils (7) Teils/Teils (11) Verharmlosung des Nationalsozialismus Ablehnung (3) Teils/Teils (7) Teils/Teils (8) Zustimmung (13) Teils/Teils (10) Zustimmung (13) Tabelle 4.12.2: Rechtsextremismuswerte der Teilnehmenden auf allen sechs Dimensionen Thematischer Verlauf Die Gruppendiskussion ist durch eine hohe interaktive Dichte gekennzeichnet. Sie dauert ca. 1 Stunde und 40 Minuten. Die Teilnehmenden sprechen oft durcheinander, aber eher in einem sich ergänzenden Sinne. Zeitweise kommt es aber auch zu Randgesprächen und der Bezug aufeinander nimmt deutlich ab. Häufig kann eine ähnliche Figur in der Gruppendynamik beschrieben werden: Vertiefende Gespräche über emotional bedeutsame Themen werden öfter durch verbales Geplänkel der teilnehmenden Männer abgewehrt. Zulässig sind dagegen aggressive Affektdurchbrüche gegenüber äußeren Objekten, die als Feinde wahrgenommen werden, in erster Linie sind dies Ausländer und Politiker. Die Atmosphäre ist freundlich, im Verlauf der Gruppendiskussion beginnt der Interviewer die Teilnehmenden zu duzen. Dies geschieht, da die Teilneh119 menden die Interviewer/innen duzen und der Interviewer das Gefühl hat, mit weiterem Siezen der Teilnehmenden die ihm zugewandte Stimmung zu zerstören. Während der Gruppendiskussion verlässt Herr Frank einmal den Raum mit der Begründung, auf die Toilette gehen zu wollen, offensichtlich aber, um zu rauchen und möglicherweise auch, um Alkohol zu trinken. Während der Gruppendiskussion ist der Sozialarbeiter anwesend, der den Kontakt hergestellt hat. Hin und wieder wird er von den Teilnehmenden angesprochen, hält sich aber mit Beiträgen und Antworten zurück. 1. Leben im„Ghetto“(Z1-309): Auf die Einstiegsfrage reagieren die Teilnehmenden prompt:„Im Ghetto sind die Mieten günstig“(Z55, Herr Mischke), mehr zahle das Arbeitsamt nicht. Sie bezeichnen die Siedlung, in der sie in Bohnsdorf leben, selbst als Ghetto. Nachdem das aggressive Verhalten von„Bullen“ bei einer Party angesprochen wurde, kommt die Gruppe auf ein Asylbewerberheim zu sprechen, das anstelle des Seniorenheims ins Viertel kommen soll. Die Teilnehmenden sind sich darüber einig, dass die Ansiedlung dieses Heims die Schaffung einer Polizeistation notwendig mache, weil„Mord und Totschlag“(Z299) im„Ghetto“ daraus resultieren werde. 2. Berichte über das Ghetto(Z311-461): Die Gruppe diskutiert daran anschließend die mediale Berichterstattung über ihr„Ghetto“. Sie beklagen dabei, dass die Medien immer verfälschend aus dem sozialen Brennpunkt berichten würden. 3. Die Wege ins Ghetto und die Ausländer I(Z463-612): Die Gruppe kommt auf den Berliner Bezirk Neukölln und die dort lebenden Migranten zu sprechen, da einige Teilnehmende früher in diesem Viertel gewohnt haben. Ausländerfeindliche Einstellungen werden deutlich, so wird ihnen zum Beispiel pauschal Aggressivität unterstellt. Die Aggres120 sionen der„Ausländer“ sei deren hervorstechendes Merkmal:„hier die türkische Mafia na hallo die stecken sogar noch die Chinesen noch in ne Tasche, weil die rabiat eiskalt sind, die sind eiskalt Kehle durchschneiden“(Z598). Andererseits hätten„Ausländer“ auch etwas, was die Gruppe vermisst:„Die haben Zusammenhalt und der Deutsche hat keenen“ (Z565). 4. Andere im Ghetto(Z613-772): Das Gespräch verlässt nun das Thema „Ausländer“. In einer Reihe von Sequenzen macht sich die Gruppe über andere Menschen lustig. Gegenstand der herabsetzenden Witze werden vor allem Personen, die ein ähnliches Leben wie die Gruppenmitglieder zu führen scheinen. Zwei Bekannte von ihnen, die versuchen, ihren eigenen Wert zu behaupten oder gegen Widerstände in Behörden zu kämpfen, werden zum Objekt ihres Spotts. 5. Die Wege ins Ghetto und die Ausländer II(Z773-890): Bei der Schilderung des Umzugs ins„Ghetto“ wird deutlich, dass die Teilnehmenden gegenüber Personen mit Migrationshintergrund gewalttätig waren. Es werden aus der Zeit vor dem Umzug körperliche Gewalttaten geschildert, die von Seiten der Teilnehmenden gegenüber den„Ausländern“ oder „Asylanten“ begangen wurden. 6. Alltagsthemen: Alkohol, fragile Freundschaften und Krankheit(Z9051213): Wie in der 4. Sequenz machen sich die Teilnehmenden über einen anderen Menschen lustig, der scheinbar Gewalt durch die Gruppe erfahren hat. Ein persönliches Thema, das Ende der Beziehung eines Teilnehmers vor einigen Monaten, war den teilnehmenden Männern nicht bekannt. Offensichtlich ist der Austausch über diese intimen Dinge zwischen den Männern nicht üblich, während die Frauen um das Ende der Beziehung wussten. 121 7. Ost- und Westberlin(Z1238-1436): Die Teilnehmenden erzählen, dass sie sowohl aus West-, als auch aus Ostberlin stammen. Sie tauschen sich über ihren Lebensweg aus, der für die meisten auch eng mit dem Mauerbau verbunden ist. Alle haben„Grenzerfahrungen“ als Kind gemacht. Der jüngste Teilnehmende, Herr Toben, berichtet, dass er, bevor er nach Bohnsdorf kam, mit seiner Mutter in einem Frauenhaus gelebt habe. 8. Das neue Gesetz und die Politiker(Z1450-1574): Über die Schwierigkeit für Herrn Toben, eine eigene Wohnung zu bekommen, kommt die Gruppe auf das„neue Gesetz“,„Hartz IV“ bzw.„ALG 2“ zu sprechen. Alle berichten über die Abhängigkeit von und die erlebte Willkür durch Behörden. Die Frauen beteiligen sich in dieser Sequenz stärker am Gespräch und geben zu erkennen, dass sie sich mit den gesetzlichen Regelungen intensiver befasst haben. Hierbei wird geäußert, dass die HartzIV-Gesetze für Migrant/innen angemessen seien, aber nicht auf Deutsche angewendet werden sollten. 9. Kriminelle Vergangenheit(Z1688-1718): Herr Mischke offenbart seine kriminelle Vergangenheit in Neukölln:„Also ick hab schon kriminelle Vergangenheit“(Z1719). Die Gewalterfahrungen in Neukölln, die die Gruppe in Sequenz 3 als von„den Ausländern“ ausgehend beschrieb, gingen erkennbar von den Männern der Gruppe selbst aus. Das Bild vom allgegenwärtigen und aggressiven„Ausländer“ bleibt innerhalb der Gruppe jedoch bestehen. 10. Gewalt in der Erziehung(Z1722-1822): In dieser Sequenz erzählen die Teilnehmenden von ihrer Kindheit. Harte körperliche Strafen waren die Regel:„da hab ick erst mal nen roten Arsch gekriegt und dann bin ick den nächsten Tag rumgelaufen wie ein Pavian“(Z1768). Ein anderer berichtet:„aber ick glaube mein Vater hätte mir die Eier abgeschnitten da“ (Z1855-1856). Andere wurden vom Stiefbruder„mit’m Gürtel verprü122 gelt“(Z1875). Die Erfahrung von Gewalt ist drastisch, aber die Berichte werden affektfrei erzählt, sie scheinen der eigenen Gewalterfahrung gleichgültig gegenüberzustehen, auch wird die Gewalt nicht legitimiert: „Aber is auch egal wa? Schnulli“(Z1882). 11. Abstiegserfahrung, Zeitarbeit(Z1884-1959): Frau Ronert berichtet von ihrer Berufsbiografie. Während sie früher eine feste Stelle in einem Krankenhaus hatte, befindet sie sich nun in Zeitarbeit. Ihre Stimmung ist sehr resignativ, sie erwartet nicht mehr wie früher,„gutes Geld[zu] verdienen“:„Ja, also ich weiß(.) aber na ja[was] willste machen“(Z1913). Auf einen ausländerfeindlichen Einwurf eines Teilnehmers(Z1928) geht die Gruppe aber nicht ein. Stattdessen stehen die geringe Bezahlung und die hohen Arbeitsanforderungen, insbesondere bei Zeitarbeitsfirmen, im Vordergrund. 12. Kritik an der Politik, Diäten und Aussichtslosigkeit(Z1962-2256): Politiker werden stark für die schlechten Lebenslagen der Teilnehmenden verantwortlich gemacht:„dit ganze politische Gesoxe dit is allet Dreck“ (Z1997). Kritisiert wird, dass Politiker/innen nur ihre Diäten im Kopf hätten und sich nicht genügend um die Schaffung von Arbeitsplätzen kümmerten. Gerade die in der Gruppe geteilten eigenen Abstiegserfahrungen und die Aussichtslosigkeit einer festen Arbeitsstelle verstärken die Wut auf Politiker. Die zunehmende Kriminalität der Jugend, die aufgrund erhöhter Lebenshaltungskosten sowie niedrigerer Löhne vermutet wird, scheint in dem Gespräch geradezu apokalyptisch wie eine Strafe für„die da oben“, die es nicht besser verdient hätten, weil sie ebenfalls über kriminelle Energie verfügten. Die Desillusionierung in der Gruppe wird auch am Ende der Sequenz deutlich. So vermutet Herr Toben:„In zehn Jahren sind wir alle in ner Irrenanstalt“(Z2237). Auch Herr Mischke schließt sich an und erwartet Mord und Totschlag im Viertel. 123 13. Herr Frank, die Stasi und die westdeutsche Politik(Z2257-2486): Herr Frank verweist als Kontrast zu den in der 12. Sequenz diskutierten Abstiegserfahrungen auf die DDR:„Ach wir hatten die DDR. Ich war so zufrieden da“(Z2257), wobei das offen ironisch gemeint ist, denn er erzählt, wie er„in der Stasizentrale“(Z2315) mit regelmäßigen Prügeln gefoltert wurde. Die angebliche Kriminalität westdeutscher Politiker wird anschließend wiederholt angesprochen. 14. Nazideutschland(Z2475-2713): Die Erzählung von Herrn Toben, dass sein Opa ein Nazi gewesen sei, führt die Gruppe zu dem Thema NS-Vergangenheit. Herr Frank reagiert mit dem Hinweis, dass nicht alle Kommunisten gewesen sein könnten, sonst wäre„Adolf Nazi“ ja auch nicht an die Macht gekommen. Darauf fragt Herr Randstedt:„na ja, wie man dazu kommt is ein anderes Thema“ und erntet Zustimmung der Gruppe(Z2555). Die damalige Situation unterscheide sich aus Sicht der Teilnehmenden nicht von der heutigen. Allerdings gäbe es heute keine neue„Göbbelschnauze“(Z2557), weil das Ausland dies blockiere. Herr Mischke vermutet jedoch, dass ein Führer bald notwendig sei:„Wir sind ja bald wieder soweit, wir schreien ja nach jemanden, der hilft. Is ja klar“ (Z2563). 124 5 Auswertung der Gruppendiskussionen In diesem Kapitel werden die Ergebnisse der inhaltsanalytischen Auswertung vorgestellt. Das in Kapitel zwei vorgestellte Vorgehen bei der Auswertung der Gruppendiskussionen, die Einzelschritte aus Dokumentation der Kontakte, eigene Reaktion auf die Teilnehmenden, Sequenzierung und Kontrastierung der Gruppendiskussionen und die Auswertung in Interpretationsgruppen werden dabei mit Rücksicht auf die Darstellbarkeit der Ergebnisse nur in Ausnahmefällen dargestellt. Die Kapitelstruktur orientiert sich an den Dimensionen der rechtsextremen Einstellung, wie wir sie in der Studie„Vom Rand zur Mitte“ erfasst haben. Das Ziel der Gruppendiskussion war es, Auskunft über die Einstellung und ihre individuell unterschiedliche Ausprägung hinaus Auskunft über das Zustandekommen derselben zu erhalten. Dabei brachte es der Zugang über Gruppendiskussionen mit sich, dass wir neue Einblicke in die Dynamik der Entstehung einer rechtsextremen und demokratischen Einstellung gewinnen konnten. Diese Einblicke wirken sich nicht nur auf die inhaltliche Darstellung aus, sondern begründen auch die Zusammenfassung der Dimensionen zu dann drei Abschnitten, in denen die Ergebnisse vorgestellt werden. Die Argumente für die Zusammenfassung von Dimensionen der rechtsextremen Einstellung finden sich in der Einleitung der jeweiligen Abschnitte. Wir haben dann entlang der Befunde aus den Gruppendiskussionen die weitere Gliederung der Darstellung vorgenommen. Zur Ergebnissicherung werden jeweils kurz Zwischenresümees eingefügt, auf die wir dann bei der abschließenden Diskussion in Kapitel 6 zurückkommen werden. 125 5.1 Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus und Chauvinismus In der Studie„Vom Rand zur Mitte“ haben wir die Ausländerfeindlichkeit als„Einstiegsdroge“ in den Rechtsextremismus bezeichnet(Decker, Brähler& Geißler 2006, 167). Die in allen Bevölkerungsgruppen vorhandenen und über die Zeit auch stabilen Zustimmungswerte zu ausländerfeindlichen Aussagen zeigten und zeigen einen hohen politischen Handlungsbedarf an. Diese Zustimmungswerte rücken die Ausländerfeindlichkeit zudem in das Zentrum der Diskussion über mögliche Ursachen des Rechtsextremismus. Aber auch beim Antisemitismus und beim Chauvinismus, beides Dimensionen rechtsextremer Einstellung mit ebenfalls hohen Zustimmungswerten in unserer Studie von 2006, gibt es Aufklärungsbedarf hinsichtlich Funktionsweise und Bedeutung dieser Einstellung. Dabei weisen diese drei Dimensionen der rechtsextremen Einstellung eine Gemeinsamkeit auf, die es für die vorliegende Studie angezeigt sein lässt, sie in der Analyse in einem Kapitel zu behandeln. Während beim Chauvinismus eine Unterscheidung von Fremd/Eigen hinsichtlich nationaler oder völkischer Kategorien und damit nach Außen vollzogen wird („Volk als Schicksalsgemeinschaft“), steht bei der Ausländerfeindlichkeit die Abgrenzung in einem Binnenverhältnis im Vordergrund. Der Antisemitismus lässt sich hier nicht so deutlich abgrenzen, weil die projektiv hoch aufgeladene Gestalt„des Juden“ als„Fremden“ schlechthin sowohl im Binnenverhältnis als auch als Bedrohung von Außen wahrgenommen werden kann. In jedem Fall scheint den drei Dimensionen ein gemeinsamer Kern zuzukommen: Wie bei der Ausländerfeindlichkeit steht beim Antisemitismus und beim Chauvinismus eine wertende Fremd/Eigen-Beschreibung im Hintergrund. In diesem Kapitel werden die Ergebnisse zur Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus und zum Chauvinismus dargestellt. Vor der Beschreibung 126 der entsprechenden Einstellungen und der Analyse möglicher Ursachen soll kursorisch eine Begriffsklärung vorgenommen werden. Die Auseinandersetzung mit Ausländerfeindlichkeit ist eng verbunden mit dem Begriff des Rassismus. Im Anschluss an unsere Studie(Decker, Brähler& Geißler 2006) behalten wir den Begriff der Ausländerfeindlichkeit und des Antisemitismus bei. Der Begriff Rassismus hat eine lange, unselige Geschichte und scheint mit der Moderne untergründig verbunden zu sein, wie der im Begriff enthaltene Verweis auf„Rasse“ als biologistische Modelle zu erkennen gibt(Claussen 1994, Fredrickson 2004). Zugunsten einer stringenteren Ergebnisdarstellung soll auch die Beziehung der Begriffe zueinander hier nicht erschöpfend geklärt werden, sondern auf die entsprechende Literatur verwiesen werden. Wichtig für den Gang der Darstellung ist aber, Rassismus und Ausländerfeindlichkeit als zwei Elemente eines Formenkreises zu verstehen. Rassismus ist eine mögliche Rationalisierung der Ausländerfeindlichkeit, das erstere – der Rassismus – die ideologische Erklärung des letzteren – der Ausländerfeindlichkeit. Das ist deshalb relevant, weil mit Rassismus neuere Forschungsergebnisse zum Rechtsextremismus verbunden sind. Während„klassische“ Diskriminierungen mit einer konstitutionellen, da„rassischen Minderwertigkeit“ der jeweiligen Gruppe(Migrant/innen, Juden und Jüdinnen) begründet werden, stehen in der„modernen“ Begründung Normen im Vordergrund, die von Seiten einer Gemeinschaft(In-Group) aufgestellt und an andere Gruppen(Out-Group) angelegt werden. Die dann festgestellte Normabweichung ist die Begründung der Ablehnung und Diskriminierung der Mitglieder der„Out-Group“. Dem/der Einzelnen begegnet diese Abweichung als Eigenschaftszuschreibung, kurz als Vorurteil. Die Diskriminierung wird, wenn sie sich gegen Minderheiten, etwa Migrant/ innen oder Religionsgemeischaften, etwa Juden und Jüdinnen, richtet, als „moderner“(Pettigrew& Meertens 1995) bzw.„symbolischer“ Rassismus(Kinder& Sears 1983), die dahinterstehende Argumentationsstra127 tegie als„Kulturalismus“(Hall 2000) bezeichnet. Dieser moderne Rassismus zeichnet sich durch„subtile Vorurteile“ aus. Sie sind in der Beschreibung von Pettigrew und Meertens durch drei Merkmale zu fassen (Pettigrew& Meertens 1995, 58ff): – Zum einen wird das Verhalten der„Out-Group“ als ungenügende Anpassung beschrieben und die eingeschränkte Teilhabe am sozialen Leben mit diesem Verhalten begründet. – Die sozialen Probleme der„Out-Group“ werden nun nicht mehr wie im„klassischen Rassismus“ als„natürlicher“ Ausdruck biologisch bestimmter, etwa genetischer Unterschiede beschrieben. Dieser Biologismus als Ursachezuschreibung für das abweichende Verhalten der„Out-Group“ wird zugunsten einer anderen Erklärung aufgegeben, die aber ebenfalls der Vorurteilsstruktur folgt: Bestehende kulturelle Unterschiede werden zu Eigenschaften einzelner Menschen und so weit überzeichnet, dass die Mitglieder der „Out-Group“ nur als das„Fremde“ schlechthin angesehen werden. – Anstatt allgemein gegen„Fremde“ zu sein, wird vor dem Hintergrund der eigenen Norm die„Out-Group“ als negativ bewertet und mit negativen Emotionen belegt und die eigene Gruppe als positiv hervorgehoben. Bei der Auswertung der Gruppendiskussionen steht das Vorkommen von sowohl„klassisch-rassistischen“ als auch von„subtil-rassistischen“ Vorurteilen zur Legitimation der Ausländerfeindlichkeit im Fokus des Interesses. Uns interessieren dabei entsprechend auch ausländerfeindliche Inhalte, die in einer„Kommunikationslatenz“ in der Gruppe verhandelt werden(Bergmann& Erb 1986). Wenn nach den Ursachen dieser Diskriminierung gefragt wird, soll nicht vergessen werden, dass Ausländerfeindlichkeit oder Antisemitismus 128 nicht isoliert stehen. Eine Diskriminierung kann sich nicht nur gegenüber Migrant/innen äußern, sondern gegenüber jeder Gruppe, die scheinbar oder tatsächlich nicht den Normen und Werten dieser Gemeinschaft entspricht – und dadurch als nicht dazu gehörig, als„fremd“ erscheint. Zur Vorbereitung des Kapitelaufbaus soll eingangs bereits ein Ergebnis der Auswertung erwähnt werden. Zum einen wird Fremdheitserfahrung nicht nur von Migrant/innen gemacht, sondern auch von Gruppendiskussionsteilnehmenden berichtet, die keinen Migrationshintergund haben. Zum anderen – und dieser Punkt soll betont werden – steht die Angst vor Fremdheitserfahrung in den Gruppendiskussionen häufig im Vordergrund und diese Angst kennt zwei Richtungen. Zwei Richtungen, weil sie einmal vor der Erfahrung des Fremden, das andere Mal vor der Erfahrung eigener Fremdheit besteht. Die Präsenz dieser Fremdheitserfahrungen und die allgemeine gesellschaftliche Bedeutung dieser Erfahrungen muss zunächst verstanden werden. Nicht dazuzugehören ist ein Zustand, der in einigen Gruppendiskussionen als eigene Erfahrung berichtet und dabei als bedrohlich beschrieben wird. Der Gegenpart dieser berichteten Bedrohung sind aggressive Ressentiments, die in vielen Gruppendiskussionen mit unterschiedlichen Begründungen gegenüber denjenigen geäußert werden, die nicht dazugehören. Jedes Mitglied der Gesellschaft kann zum/zur Träger/in eines Stigmas werden, gezeichnet sein und damit aus der Gruppe fallen(Goffman 1963). Auch wenn im Folgenden nicht, wie bei Goffman, die Bewältigung der Stigmatisierung, sondern deren Zustandekommen untersucht wird, soll der Begriff hier Verwendung finden. Dieses Ergebnis der Auswertung schlägt sich bereits in der Struktur dieses Kapitels nieder. Denn die Relation aus„Dazugehören/Nicht-dazugehören“ oder„Fremd/Eigen“ wird nicht nur Thema in Zusammenhang mit anderen Nationen, Migrant/innen oder Juden und Jüdinnen, sondern es zeigte sich und wird im Folgenden herauszuarbeiten sein, dass die 129 Erfahrung von oder die Angst vor Stigmatisierung eine Allgemeine ist: Selbstläufig wird der Normierungsdruck einer Gemeinschaft(dörflich, kleinstädtisch o. ä.) gegenüber Einzelnen in zahlreichen Gruppendiskussionen angesprochen oder kann beobachtet werden. Diese Erfahrung wird von vielen geteilt und es werden von den Gruppendiskussionsteilnehmenden unterschiedliche Ausgrenzungen berichtet. Dabei wird ein Grundmotiv deutlich, das hinsichtlich der Ausländer und Juden ebenfalls anzutreffen ist: der Anpassungsdruck. Es wurde in den Gruppendiskussionen eine paradoxe Reaktion sichtbar, wenn diesem Anpassungsdruck nicht entsprochen wird. Diese paradoxe Reaktion wird im Folgenden aus dem Material entwickelt werden. Es zeigt sich, dass die Folgen der Diskriminierung mit dem Begriff der Desintegration nur unzureichend beschrieben sind, weshalb wir hier weitestmöglich auf ihn verzichtet haben, um den Blick auf das Phänomen nicht zu verstellen. Warum es eine paradoxe Wirkung gibt, ist entlang der Berichte aus den Gruppendiskussionen zunächst zu entwickeln(5.1.1). Denn es stellt sich so dar, dass über die Erfahrung der Sanktionen wegen tatsächlicher oder vermuteter Abweichung unabhängig etwa vom Migrationshintergrund aufgrund verschiedener Merkmale in den Gruppendiskussionen berichtet wurde oder in den Gruppendiskussionen gefordert wurde, Abweichung zu sanktionieren. Beides hatte eine hohe Präsenz. Dies soll zunächst vorgestellt und interpretiert werden. Im Anschluss werden ausländerfeindliche und antisemitische Aussagen getrennt dargestellt, zum Abschluss dieses Kapitels werden chauvinistische Inhalte aus den Gruppendiskussionen ausgewertet. 5.1.1 Abweichung und Fremdheit In den Gruppendiskussionen gerät neben der Ausländerfeindlichkeit, dem Antisemitismus und dem Chauvinismus der allgemeine Anpassungs130 zwang an eine Gruppennorm, bzw. umgekehrt formuliert, die Freiheitsgrade, die eine Gesellschaft ihren Mitgliedern gestattet, in den Blick: Um Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus in ihrer Entstehung zu rekonstruieren, kann dieser Aspekt nicht ausgelassen werden: Wie begegnet die Gesellschaft dem/der Einzelnen? Zum besseren Verständnis werden die selbstläufig erzählten Erfahrungen von Stigmatisierung, die Angst vor einer Stigmatisierung wie auch die Sanktionen gegenüber wahrgenommener Abweichung im Folgenden vorgestellt. Dabei lassen sich zwei Themenblöcke beschreiben: Die eigene Erfahrung von Abweichung und die hintergründige Sorge abzuweichen sollen eingangs dargestellt werden. Danach wird als Kontrast aus den Gruppendiskussionen berichtet, in denen Ressentiments gegen wahrgenommene Abweichungen manifest genannt werden. 5.1.1.1 Eigene Erfahrungen der Abweichung und Angst vor Sanktion In drei Gruppendiskussionen wird Stigmatisierung bzw. die Angst vor Stigmatisierung thematisiert. Zusätzlich kann noch eine Gruppendiskussion herangezogen werden, in der die biografische Entscheidung zum Wohnortwechsel mit der Angst vor Stigmatisierung begründet wird. Herdecke In Herdecke wird der Druck geschildert, der auf Menschen lastet, die als abweichend von einer Norm wahrgenommen werden. Die Gefahr, die sich aus einem abweichenden Verhalten oder Auftreten ergibt, steht während der Diskussion sehr im Vordergrund. Dies wurde durch die eingangs angeführte, sehr frische Erfahrung eines Überfalls von„Rechtsradikalen“ 131 (Z157) 10 auf den Sohn einer Teilnehmerin ausgelöst, aber auch andere Teilnehmende bringen im Verlauf der Diskussion ähnliche Erfahrungen ein. Dabei ist in der Gruppe eine Dynamik aus Verleugnung der Gewalt und der Erfahrung eigener Hilflosigkeit gegenüber dieser Gewalt zu beobachten. Ein Endpunkt dieser Dynamik ist bei einem Teilnehmer die Relativierung der Gewalt. Die Diskrimierungs- und Gewalterfahrungen, denen die Gruppendiskussionsteilnehmenden ausgesetzt sind, werden Thema. Hier sind zwei Sequenzen besonders interessant, die inhaltlich miteinander verbunden sind. Es geht in beiden Fällen um die Erfahrung der Diskriminierung bzw. Gewalterfahrung, die für den Aggressor durch die Haarfrisur, also ein äußeres Merkmal, begründet scheint. „Das gibt’s aber überall, überall“ Die erste Sequenz, in der sich die Gruppe mit der Gewalt beschäftigt, die normabweichendes Verhalten zur Folge hat, wird von Frau Fehser vorbereitet. Frau Fehser ergänzt die Eingangsfrage der Interviewer(„Wie ist es, hier in der Region zu leben?“), indem sie, an die jüngeren Teilnehmenden der Gruppendiskussion gerichtet, die Frage zuspitzt:„Ja, dann hab ich schon mal ne Frage zu, zum Beispiel hab ich auch zwei Kinder in Eurem Alter und da würd ich schon mal gern wissen, wie Ihr Eure Freizeitaktivitäten, ob Ihr hier überhaupt was findet“(Z44-46). Diese Ergänzung zur Eingangsfrage durch Frau Fehser hat einen ganz konkreten Hintergrund, den sie aber erst später anspricht. Zunächst beantworten die jüngeren Teilnehmenden ihre Frage, indem sie von ihren Schwierigkeiten erzählen, in Herdecke einen Ort zu finden, an dem sie 10 Die Zitate werden jeweils mit den Zeilenangaben des Transkripts wiedergegeben. 132 als Jugendliche aktiv sein könnten. Als Frau Fischer anspricht, dass es in Herdecke„idyllisch“(Z137) sei und Herrn Laubner die„heile“ Welt Herdeckes bestätigt(Z141), hakt Frau Fehser nach. Im Kontrast zum Bild der Idylle schildert sie, wie ihr Sohn in der letzten Nacht von„Rechtsradikalen“ überfallen worden sei. Frau Fehser: Herr Rahde: Frau Fehser: „Ähm, ich muss dazu sagen, wir hatten gestern Nacht so’n schreckliches Erlebnis, wenn Du ähnelst, darf ich Du sagen? Ja, klar. Äh, mein Name ist übrigens Marianne. Ähm[Tasse klirrt] mein Sohn ist so, Deine Statur, auch Deine Größe, auch lange Haare, lockig u::nd das Problem is. Er(...) macht mit Leidenschaft Musik, wird das auch studieren und er kann sich hier nicht entfalten. Er weiß nicht wohin er geht und hab manchmal, in seinem Zimmer sitzen 15, 20 Jugendliche, die spielen und manchmal wollen die aber auch raus ein bisschen Bier trinken, n bisschen den Kopf drehen lassen und dann einfach nur diskutieren und Musik spielen und waren gestern am See an der Grillhütte und sind(...) dann:: überfallen worden von Rechtsradikalen mit reichlich Polizeiaufgebot und so(...). Da sind wir um vier Uhr oder um fünf ins Bett gekommen. Und ja der stellte, der(...) wollte nämlich heute eigentlich auch mitkommen und schläft jetzt aber seinen(...) Schock aus. Und da frag ich, deswegen hab ich vorhin gefragt, was macht ihr,[Husten im Hintergrund] wo geht ihr hin?“(Z142163). Diese Sequenz ist emotional sehr durch die frischen Eindrücke und die Spuren der Nacht bei Frau Fehser geprägt. Die anderen Teilnehmenden scheinen aber trotz der inneren Beteiligung von Frau Fehser eher auszuweichen. So reagiert etwa Frau Taler spontan abwiegelnd:„Das gibt’s aber überall, überall“(Z164) ist die erste Reaktion aus der Gruppe, nachdem Frau Fehser ihre Schilderung beendet. Dann diskutiert die Gruppe, 133 wie vor dem Bericht, abstrakt die Möglichkeiten von Jugendlichen, etwas in Herdecke zu unternehmen. Herr Laubner ist dann der Einzige, der das Thema direkt wieder aufgreift, dabei wirkt seine Anknüpfung an das Thema aber auch distanzierend bis relativierend. Er bringt eine eigene Deutung des Geschehens an. Die Konfrontation mit den„Rechtsradikalen“ sei auch der alltagskulturellen Abgrenzung durch Frau Fehsers Sohn, etwa die langen Haare und das Musische, bestimmt: Herr Laubner:„Ja, aber ich mein, das hat, weißt du, das ha-, hat ja auch Gruppen dann zusammengeführt und hat ähm Ideo-, Ideologien für sich selbst ähm gestärkt, ja denen man dann ähm (...) folgen konnte. Ja, man hatte ähm, ich meine, das macht f-, es ist für die Menschen ja immer viel einfacher äh vieles einfacher, wenn man seine ähm Gegner kennt ja, wenn man Gegner hat. Dann is, hat man wenigstens Kontur. Man entwickelt selber eine Kultur für sich selbst“(Z247-254). Obwohl Herr Laubner den„Nazi-Überfall“ als einziger direkt anspricht, scheint er, wie der Rest der Gruppe, dem Bericht von Frau Fehser den Stachel nehmen zu wollen. Es bleibt zunächst unklar, warum die Gruppe den gewalttätigen„Rechtsradikalen“-Überfall auf den Sohn von Frau Fehser in der Diskussion zunächst zum Verschwinden bringt und dann relativiert. Ein erstes Verständnis gewinnen wir durch eine Interpretation der Aussage von Herrn Laubner, denn sie beinhaltet zweierlei: Einmal positioniert sich Herr Laubner, indem er die Auseinandersetzung, in diesem Fall mit„Rechtsradikalen“, weniger in einen politischen Kontext als in einen individuellen Sinnzusammenhang stellt. In diesem Sinnzusammenhang erreichen„Rechtsradikale“ und die angegriffene Gruppe um den Sohn von Frau Fehser gleichermaßen„Kontur“, indem sie den jeweiligen Gegner haben. Herr Laubner nimmt damit dem Ereignis das Bedrohliche, indem es zu einer Entwicklungsaufgabe in der Adoleszenz wird. 134 Zum anderen spiegelt Herr Laubners Erklärung etwas von seiner persönlichen Biografie wider. Er wird von den anderen Diskussionteilnehmenden auf seine eigene Konfrontation mit„Nazis“ in der Vergangenheit hingewiesen und der Moment leitet zum zweiten Sinngehalt seiner Aussage über: Auf seine eigene Konfrontation mit„Rechtsradikalen“ in der Vergangenheit angesprochen, gibt er diesen ebenfalls den Sinn, seine „Kontur“ zu schärfen und scheint damit die Ausbildung einer Identität zu meinen. Es ist eine Selbstauskunft, die er gibt, als er als einziger aus der Gruppe das Thema von Frau Fehser aufgreift und relativiert. Wir haben hier zwei Aspekte, die es lohnt, für die Beantwortung der Fragen heranzuziehen: Wie kommt es in der Gruppe zur Relativierung der Gewalt eines„Rechtsradikalen-Überfalls“? Und welche Bedeutung hat es, wenn abweichendes Verhalten auch von den Betroffenen selbst der darauf folgenden Gewalt gleichgestellt wird? Eigene Diskriminierungserfahrung Diese beiden Bedeutungen sollen hier exemplarisch diskutiert werden. Die Suche nach der Motivation, mit der die anderen Diskussionsteilnehmenden die Gewalt relativieren, der Frau Fehsers Sohn ausgesetzt war, wird leichter, wenn die Stigmatisierung anderer Gruppenmitglieder berücksichtigt wird. So berichtet etwa Herr Rahde von ständigen Kontrollen(folgende Zitate stammen aus einem Abschnitt Z467-612): Herr Rahde: Frau Fischer: Herr Rahde: Frau Kim: „In Bochum, wenn ich nach 11 Uhr am Bahnhof bin, werde ich generell jedes Mal kontrolliert. Jo. Von Kopf bis Fuß. Ich werd hier in Herdecke, ne, wenn ich abends mit dem Auto unterwegs bin, ne, am Wochenende, jedes Mal werde ich angehalten. Das ist unglaublich. Die fahren ja aber auch wirklich den ganzen Tag die Kopenhagener Straße hoch und 135 runter, ne.[Frau Taler, Herr Laubner: J (.) J ] Und es ist immer das gleiche. Haben Sie Alkohol getrunken, nei::n.[…]. Aber es ist echt, vor allen Dingen bin ich genau die Falsche jedes Mal. Ich trink ja, ich trink halt gar kein Alkohol, ne, aber wenn man halt solche Haare hat, ne, muss man ja Drogen genommen haben.[…] Immer das Gleiche. Ich glaub auch, es ist jedes Mal der gleiche Polizist auch.“ Frau Fischer und Frau Kim können sich sofort Herrn Rahde anschließen und bestätigen dessen Erfahrung. Auch Frau Kim berichtet kein singuläres Erlebnis, es sei nicht nur„jedes Mal der gleiche Polizist“, der Frau Kim besonders kontrolliere. Von Herrn Laubner wird sie aufgefordert, ein weiteres Erlebnis aus Berlin zu schildern, was ihm offensichtlich bekannt ist. Frau Kim:„Ach so, ja ok, das ja ok. Das könnte vielleicht auch noch J interessant sein. J Bin ich also dann angehalten worden und ich saß hinten im Wagen und vorne ähm ist meine Freundin gefahren, daneben saß der Freund von ihr und ähm sie hat halt geraucht, telefoniert und ist 60 in ner 30 Zone gefahren. Und ähm daraufhin hat uns der Zivilpolizist[…], der hinter uns hergefahren ist die ganze Zeit, angehalten, hat uns angehalten, überholt und angehalten, guckte so ins Fenster rein. Ja ähm ne, dass sie ja zu schnell gefahren sei und sie dürfe auch nicht telefonieren beim Fahren und so und ähm daraufhin is sie natürlich eingelenkt und meinte so, ja tut mir leid, ne. Er so, ja ok eine mündliche Verwarnung würde ja wohl ausreichen und dann guckte er so nach hinten und sagt, aber Sie steigen jetzt mal bitte aus, Ihren Ausweis bekomme ich. Und dann gucke ich sie an äh so ich so ähm wieso, was hab ich denn gemacht? Sie sind nicht angeschnallt, ich so, oh ja tut mir leid ne habe ich jetzt irgendwie ist mir jetzt untergegangen ne und ähm und dabei hat er trotzdem darauf beharrt, dass ich 30 Euro zahlen musste während sie mit ner mündlichen Verwarnung davongekommen ist. Und dann hab ich ihn halt auch ähm darauf angesprochen, wie, wie, dass das jetzt total nur Willkür sei ne, weil ihm jetzt irgendwie 136 Frau Taler: Frau Kim: Frau Fischer: Frau Kim: Frau Fischer: Frau Kim: Herr Laubner: meine Ma-, Nase nicht passt oder sonst irgendwie was und ähm hab ich also aber relativ(2) besänftigend noch eigentlich mit ihm geredet und dann war ich natürlich diese 30 Euro nicht zahlen wollte. Aber er hat da auch wirklich, er ist mir da kein Stück entgegengekommen, ne, und ähm, das denk-, also da denk ich zum Beispiel, das war wirklich diskriminierend, L wirklich. Also, vor allem ich hab L Ja, finde ich auch. mich auch sofort entschuldigt und meinte so, oh tut mir leid, ne und auf einmal is es so es wär ihm egal. Ich musste jetzt zahlen und i-, dann habe ich natürlich auch gefragt, warum denn jetzt meine Freundin nicht zahlen musste. Und da meinte er, das dürfe er wohl selber entscheiden. Das geht mich nichts an. J (.) J ui ui J (.) J Ja solche Dinge gibt’s halt dann auch immer wieder, ne °und° Was soll man dazu sagen? Ja, da gibt’s halt nicht viel zu zu sagen, ja. J (.) J Das ist nicht gut“(Z505-537). Die Beschreibung der Szene durch Frau Kim, die Erfahrung der Hilflosigkeit gegenüber einer Diskriminierung durch einen Polizisten, wird von den anderen bestätigt, aber auch mit Lachen quittiert. Trotzdem ist klar, dass die zu Beginn der Gruppendiskussion in Anspruch genommene „Idylle“ weder in Herdecke noch auf Frau Kims Reise in Berlin existiert. Zumindest nicht für alle: Herr Laubner: Frau Kim: „[…] mir, ich schein ja immer noch in so ner(.) Idylle zu leben, weil solche Sachen passieren mir nicht. Ich wurd nicht ähm durch irgendwelche Idioten traumatisiert oder so. L (Vielleicht wurde nichts) L Vielleicht liegt das auch an der(Neutralität) Deiner Person, verstehste? So jetzt ma, jetzt mal(.) es ist, jetzt vielleicht eher so oberflächlich[…] gesehen, man kennt Dich ja nicht, aber ne(.), so rein vom Äußerlichen gesehen, würde ich sagen ähm(.) bist Du da eher wirklich sehr neutral irgendwie. 137 Herr Laubner: Herr Rahde: Frau Kim: Herr Rahde: Frau Taler: Herr Rahde: Frau Fehser: (.) Und ähm Also können wir festhalten, damit fährt man besser scheinbar, ja. Wird man in Ruhe gelassen(2) von sehr vielen, denke ich. Ja, das stimmt. Weil ich mein ähm,(.) man ist ja automatisch schon durch sein Auftreten, wahrscheinlich auch Ihr Sohn und so weiter, Dein Sohn, sehr provokant was da halt jetzt zum Beispiel Nazis betrifft oder so weiter. L Ja, wenn er so friedliebend ist, dann(.) also das is L Man zeigt’s immer eine Art, sei es nur ein Aufnäher oder irgendwas, denke ich mal. Nein, gar nicht, aber ich denke, er hat die Aufmerksamkeit durch die Haare, ne,[…]“(Z467-612). Die Abweichung von der alltagskulturellen Norm, etwa durch die Frisur, trifft bei vielen Teilnehmenden dieser Gruppendiskussion zu. Wie eingangs zur Sprache kam, haben die Diskutierenden in früheren Jugendjahren eher„noch mehr Unterschiede dokumentiert“ und mussten deshalb auch regelmäßig Sanktionen aus dem Umfeld, auch aus der Familie ertragen. Die Formulierung des Andersseins befördert Frau Kim wie auch den Sohn von Frau Fehser in eine aktive Rolle an ihrer eigenen Stigmatisierung. Frau Kim, deren Migrationshintergrund anhand äußerer Merkmale erkennbar ist, begegnet dieser Stigmatisierung durch die Reaktion des Umfelds als Normabweichung. So erlebt sie den aus der Abweichung entstehenden Druck auch heute noch. Wir können an dieser Stelle eine Hypothese aufstellen: Die von Herrn Laubner geäußerte Bagatellisierung und auch die Vermeidung des Themas„Rechtsradikalen“-Überfall durch die anderen Gruppenmitglieder scheint dem Wunsch entsprungen, die eigene Stigmatisierung zu relativieren. Auf jeden Fall scheint die Stigmatisierung, die in Gewalt umschlägt, wie bei Frau Fehsers Sohn, wegen der eigenen Betroffenheit von der Gruppe zunächst nicht zur Kenntnis genommen worden zu sein. Denn 138 dem eigenen Lebensstil nach wären viele Teilnehmende der Diskussion in Herdecke von dieser Gewalt, die mit dem Bericht plötzlich in die Gruppe einbrach, ebenso betroffen. Der Stachel, der nach Frau Fehsers Bericht vom„Rechtsradikalen-Überfall“ die Gruppenmitglieder lockte, war die Erinnerung an die eigene Bedrohung. Abweichung als Gewinn an„Kontur“ Der zweite Teil der Aussage von Herrn Laubner, mit der Stigmatisierung gewinne man Kontur, steht noch in Frage. Zum Verständnis ist in Erinnerung zu rufen, dass Herr Laubner früher selbst in Auseinandersetzungen mit Nazis verstrickt war. Wenn er nun diese auch auf die eigene Biografie beziehbare Erfahrung zu einer üblichen Entwicklungsaufgabe macht,„Kontur und sich selbst gewinnt man durch Reibung“, dann holt Herr Laubner seine Biografie und seine jugendliche Abweichung in den gesellschaftlichen Kanon zurück. Die„Kontur“, die man als Jugendlicher gewinnen möchte, ist individuell unterschiedlich – ob Nazi oder Linksalternativ –, aber der Akt als solcher(gesellschaftliche) Normalität. Der Sinn des Einwands besteht darin, so kann als Hypothese formuliert werden, dass mit ihm rückwirkend der eigene jugendliche Lebensstil in Deckung mit einer allgemeinen gesellschaftlichen Norm gebracht wird. Von Interesse ist vor diesem Hintergrund die Gruppendynamik in Herdecke, da sie auch als Bestätigung der Hypothese dienen kann. Herr Laubner nimmt während der Diskussion häufig die Position des„Agent provocateur“ ein. Erstaunlicherweise aber provoziert er weniger mit inhaltlichen Positionen, die aus dem allgemeinen gesellschaftlichen Konsens herausfallen, als mit dem Gegenteil: Er versucht, von anderen kritisierte gesellschaftliche Zustände, etwa die„Globalisierung“, als vernünftig zu verteidigen. Wenn Frau Fehser in Übereinstimmung mit Frau 139 Fischer problematisiert, dass überall auf der Welt Menschen wegen ihrer Andersartigkeit verfolgt werden, widerspricht Herr Laubner: Herr Laubner: Frau Fehser: Herr Laubner: Frau Fehser: Herr Laubner: Frau Fehser: Herr Laubner: Frau Fischer: Herr Laubner: „Ja, man kann jetzt sehr viele negative Beispiele, soll ich jetzt mal ganz viele positive Beispiele geben? Ja da bin ich ja mal gespannt J (.) J . Deutschland zum Beispiel, ja seiner Zeit ein territorialer Flächenteppich so wie es mein Geschichtslehrer seiner Zeit. L Ja also wir hatten Bayern, wir hatten die Mühlenberger L Ja. wir hatten was auch immer, dass wir ja mittlerweile oder seit letzten Jahr sind wir[…] doch wieder Deutschland[Knallen] ja L (2) L Wo? bei der WM(2) ja zum Beispiel, L das is ein Beispiel, ich meine von L Das is ein Zusammenwachsen, ja von Zusammengehörigkeitsgefühl“ (Z2062-2083). Herr Laubner betont die Integrationsleistung in Deutschland gerade auch gegen den Rest der Welt und versucht den„negativen Beispielen“ „positive Beispiele“ entgegenzusetzen. Er wird damit zum Repräsentanten einer außerhalb der Gruppe stehenden allgemeinen Norm. In der Gruppe formuliert er diese im Widerspruch, setzt sich also gegen die internen Gruppennormen. Im Verlauf der Gruppendiskussion wiederholt sich diese Interaktionsfigur, wie er auch Bestätigung etwa durch nonverbalen Kontakt zu den Interviewenden sucht. Diese werden dadurch als Repräsentant/ innen einer Norm angesprochen, die außerhalb der Gruppe steht. Wenn etwa die Vertriebswege„genmanipulierter Samen“ durch„multinationale Konzerne“ von einigen Teilnehmenden kritisiert werden, dann werden diese von Herr Laubner verteidigt. Fast hat es den Anschein, als könnte er durch seine Interaktion mit der Gruppe gleichermaßen das von ihm eingangs formulierte Ziel,„Kontur“ und sich„Selbst“ in einer Pro140 vokation zu gewinnen und sich im Einklang mit der gesellschaftlichen Norm zu fühlen, erreichen. Er verstößt gegen die Gruppenorm, was dazu führt, dass er von den anderen Teilnehmenden offen angegangen wird. Aber Regelverstoß und Regelüberwachung fallen so in einer Person zusammen, die sich auf diesem Weg zwar dem Gruppendruck aussetzen muss, aber durch die Norm der Gesellschaft geschützt ist. Durch die Kritik aus der Gruppe bekommt Herr Laubner seine Übereinstimmung mit der Norm außerhalb der Gruppe bestätigt. Während seine Diskussionspartnerinnen immer erregter werden, bleibt er relativ gelassen, was vor diesem Hintergrund verständlich wird. In der Beziehungsgestaltung verhält sich Herr Laubner nicht anders als der eigenen Beschreibung nach noch vor einigen Jahren, als er mit dem Haarschnitt provoziert hat. Nur dass seine Provokation heute nicht mehr in der Ablehnung der gesellschaftlichen Norm, sondern im Gegenteil in deren Übernahme und Vertretung in der Gruppe besteht. Renningen In Renningen werden der Anpassungsdruck und die Stigmatisierung seltener direkt angesprochen als in Herdecke. Sie stehen jedoch, wie sich herausstellt, als gemeinsame biografische Erfahrung der Gruppendiskussionsteilnehmenden im Hintergrund. Herr Seidel beginnt die Gruppendiskussion, indem er die Frage der Interviewenden, wie es ist, in der Region um Renningen zu wohnen, aufgreift: Er sei eigentlich aus Pommern, als Kleinkind mit den Eltern über die Ostsee gekommen„und bin dann acht- 69, Anfang 69 hierher gekommen, arbeite jetzt bei der Firma Daimler, wollte da schon ein paar Mal weg, dann ham se mich immer wieder eingefangen. Jetzt bleib ich auch ne“(Z48). In seiner ersten Reaktion, in der Formulierung,„eingefangen“ worden zu sein, scheint sich eine Distanz zu seinem Lebensmittelpunkt 141 zu äußern. Eigentlich wollte er schon weg sein. Da er nun an diesem Ort geblieben ist, hat er auch versucht, Fuß zu fassen: Herr Seidel:„Hat sich also alles n bisschen hier so so angesammelt und und nach etwa zehn Jahren hab ich dann angefangen mich in (.) bei den Vereinen mit zu(.) integrieren, weil meine Kinder auch mit in Vereinen waren, und ich wollte halt einfach nicht, dass die(.) dass ich se abgebe ne, sondern wollte einfach das die da, dass ich das sehe, was da getrieben wird, he. Kommt man dann so langsam mit rein, und dann trifft man andere und ja. Plötzlich ist man dann(.) dann äh mittendrin“ (Z149-153). Das Ankommen am Ort wurde von ihm als aktives Engagement betrieben. Ein wichtiges Instrument war hierfür, sich im Verein zu engagieren und so berichtet er von seinen Positionen im Vereinsleben. Der Stellenwert der Vereine in dieser Region wird durch die Einleitung von Herrn Seidel zum Gesprächsthema der Teilnehmenden. So gibt Frau Schmied den Hinweis, dass das Vereinsleben in dieser Gegend groß geschrieben werde(Z181). Im Kontrast zu Herrn Seidel berichtet Frau Jahn: F rau Jahn:„Ich wurde hierher geboren, ich kann da nix dafür, dass ich in der Region bin. Ich hab nen Beruf, den man überall ausüben könnte, ich bin Krankenschwester, aber ich muss hier gar net weg(3). Ich hab dann au das Problem, dass ich kein Hochdeutsch kann und deshalb sind die Regionen, wo ich hin kann relativ eingeschränkt“(Z62-70). Obwohl sich eine Distanz zur Region zu äußern scheint,„ich kann nix dafür“, gibt sich Frau Jahn als sehr ortsverbunden zu erkennen. Gerade die Sprache wird als ausschlaggebend angegeben. Selbst wenn sie wollte, könne sie nicht weg, da sie an anderen Orten, so scheint es, nicht verstanden würde. Dem schließt sich Frau Schmied an: 142 Frau Schmied:„Wir hatten einmal die Möglichkeit nach Niedersachsen zu ziehen, grad aus beruflichen Gründen, ähm(2) wir haben uns sehr überlegt, es hätte finanzielle Verbesserung gebracht, ham’s uns aber schlussendlich entschlossen doch hier zu bleiben, weil wir uns einfach nicht vorstellen konnten was anderes wie Schwäbisch zu hören, zu sprechen“(Z104106). Die Sprache wird bereits eingangs als ein wichtiges Merkmal geschildert, ob man an einen Ort gehört oder nicht. Weder kann man sich an andere Sprachen anpassen, wie Frau Jahn, noch will man sie hören, wie Frau Schmied. Die Sprache und ihre Einfärbung durch Dialekte werden zur Fremdheits- bzw. Zugehörigkeitserfahrung. Den Stellenwert der Sprache betont Frau Berger dann im Folgenden, auch und gerade dadurch, dass sie dabei eine Erfahrung berichtet, die von Frau Schmied und Frau Jahn vermieden wurden: Frau Berger:„Es is n sehr ländlicher Bereich, und ich hab mich sehr sehr schwer getan hier. Ich habe die Sprache nicht verstanden, ich habe die Menschen nicht verstanden“(Z81/82). „Ich bin hier in nem Verein gebunden, fühle mich eigentlich da auch ganz wohl und fühle mich da auch sehr angenommen“ (Z91/92). Allerdings hat Frau Berger trotz der sprachlichen Probleme Fuß gefasst und das gelang ihr ebenso wie Herrn Seidel, dessen Erfahrungen sie aufgreift:„Ich denke das is aber au n ganz wichtiger Integrationsfaktor, also für mich war eigentlich das Eintreten in den Verein irgendwo auch Fuß fassen“(Z186-188). Die Gruppendiskussion dreht sich im Folgenden oft um Erfahrungen aus dem Vereinsleben. Dieses wird von den Teilnehmenden als sehr ausgeprägt geschildert. Dabei wird auch betont, dass Vereine sich sehr stark aus Zugezogenen zusammensetzen(Frau Berger, Z205/206), was ihren Stellenwert bei der Integration in die dörfliche oder kleinstädtische Ge143 meinschaft betont.„Vereine“ werden in der Schilderung der Gruppe zu einem Ort, an dem die Fremdheitserfahrungen und die Angst vor den Folgen derselben vermieden werden. Die Gruppe macht auch die Schwierigkeiten der Integration von Migrant/innen zum Thema. Die Darstellung und Auswertung dieser Passage soll aber im Wesentlichen im späteren Abschnitt zur Ausländerfeindlichkeit behandelt werden(5.1.2). An dieser Stelle soll nur soviel wiedergegeben werden, dass der ebenfalls bestehende Integrationsdruck auf die Mitglieder der Gruppendiskussion verstanden werden kann. Von den Diskussionsteilnehmenden wird die Anpassung an die Umgebung als eine Leistung angesehen, die von den Zugezogenen im Vorgriff zu vollziehen ist. Hierfür bestünden ja, wie eingangs in der Gruppendiskussion angesprochen wurde, nicht zuletzt die Vereine(Z808-814). Was Herr Seidel erwartet, schildert er am Beispiel eines Kollegen, der in seine Firma kam, einem international tätigen Unternehmen(Z824-831) und der sich selbst aktiv integriert habe. Durch zwei Teilnehmerinnen, Frau Berger und Frau Schmied, wird die Schwierigkeit der Integration angesprochen, die durch die Ressentiments der Einheimischen bestünden, gerade für Menschen mit Migrationshintergrund: Auf diesen laste ein starker Druck. Frau Berger berichtet von einem Erlebnis mit einem Mädchen aus Sri Lanka, das eine Freundin adoptiert hat. Das Kind habe große Schwierigkeiten wegen der Hautfarbe gehabt und sei auch zum Psychologen gegangen(Z1067):„Jetze hat se’s akzeptiert,[…](.) ähm die Abstoßung eigentlich nett(nicht) mehr empfunden“(Z1070). Dieses Zitat soll an dieser Stelle wiedergegeben werden, weil es einerseits deutlich macht, dass es sich bei der Integration für Frau Berger um ein individuelles und nicht um ein gesellschaftliches Problem handelt. Zum anderen ist die von Frau Berger verwendete Metapher aussagekräftig. Gegenüber einer an144 deren Hautfarbe käme es, ähnlich einer Immunreaktion, so die Wortwahl von Frau Berger, zu einer Abstoßungsreaktion. Hier taucht ein Motiv der Biologie auf, um soziale Prozesse zu beschreiben. Herr Seidel beginnt nun, die bereits zu Anfang der Gruppendiskussion angedeutete Vertreibungsgeschichte seiner Familie entlang seiner Biografie zu beschreiben. 1947 sei er als Kleinkind mit seinen Eltern aus „dem Lager“ in eine Kleinstadt gekommen.„Die hatten alle nichts zu beißen“(Z1078). Der Vater sei während des ersten Jahres in Kriegsgefangenschaft gewesen, er habe bei Mutter und Großmutter gelebt. Er erzählt zwei Episoden aus seiner Kindheit, die Erfahrungen der Ausgrenzung wiedergeben, die er als Flüchtlingskind gemacht habe. Zum einen habe er mitbekommen, wie der Großvater eines Freundes diesem verboten habe, mit ihm zu spielen. Zum anderen habe er Diskriminierung erfahren, als er in der Schule einen Preis erhalten habe. Gleichzeitig äußert er für diese Reaktionen seines kindlichen Umfelds Verständnis: Herr Seidel:„ne, also es gab da schon durch dieses Hineindrängen von so vielen Leuten auf einen Schlag gab’s da schon äh Anpassungsschwierigkeiten, ja“(Z1098-1100). Diese Erfahrung überträgt er auf die heutige Situation: Herr Seidel:„Aber, es war also es war schon, am Anfang war natürlich schon nen bisschen Unterschiede, und deswegen hab ich auch gewisses Verständnis dafür, wenn jetzt plötzlich(.) ne so Leute, die man gar nicht kennt Massen in einen Ort reinkommen, dass das is dann äh beider Bedarf, damit es einfach sich so(.)[haut auf den Tisch] auflöst, ja“(Z1104-1108). Die Reaktionen der Leute, wenn plötzlich„50 Leute oder mehr in den Ort reinkommen“, seien nachvollziehbar. Herr Seidel:„Das is, das hat mit mit Ausländerfeindlichkeit oder so was gar nix zu tun, sondern das is ja vielleicht sind das unsere 145 animalischen Vorfahren ne, die wissen das sieht man in de Filme ne. Wenn dann der neue Löwe kommt ne, dann wern die Kleinen, die Kleinen von denen, die da noch die sich nicht wehren können, die wern erst mal tot gebissen, damit er der Herr ist, ne. So solche solche Sachen müssen da bei uns noch irgendwo drin sein, ne das das läuft automatisch“ (Z1131-1137). Die eher implizite, aber schon deutliche Biologisierung des Sozialen durch das Bild der„Abstoßungsreaktion“ gegenüber einer anderen Hautfarbe wird von ihm aufgegriffen und in einen überzeitlichen Rahmen gestellt. Laut Herrn Seidel gehört es zu den Grundkonstanten nicht nur des menschlichen Zusammenlebens, dass Fremde in einer bestehenden Gemeinschaft zu Konflikten führen. Der Bezug zur Tierwelt macht aus einem gesellschaftlichen ein Naturphänomen. Diese Integration als aktive Leistung der Zuziehenden war schon bei den Eltern von Herrn Seidel wichtig. Sie hätten sich nicht etwa im schlesischen Heimatverein engagiert, sondern ihrem Sohn mit auf den Weg gegeben:„Wir müssen hier aktiv sein.“ Diese aktive Bereitschaft zur Integration in die bestehende dörfliche Gemeinschaft müsse von den Zugezogenen ausgehen. Das Gegenteil, die Abgrenzungen von den sozialen Normen des Umfelds, werde in der Gruppe mit Erstaunen und Unverständnis zur Kenntnis genommen, wie etwa die Angehörigen einer christlichen sektenähnlichen Gemeinschaft, von deren Abkapselung Frau Berger berichtet(Z1165). Relativ unvermittelt betont Herr Seidel dann im selben Atemzug wiederum die Naturwüchsigkeit dieser Phänomene: Herr Seidel:„Also aus’m Schwarzwald(.) hat mir ein Be- Freund gesagt, da(.) dass war so, also von einem Dorf zum andern Dorf und dann da sind die nur immer in(.) großer Stärke ins andere Dorf zum Tanzen gegangen. Wenn mer da, wenn einer alleine gegangen ist, der hat äh wurde dann sofort aus’m Dorf vertrieben, als(.) Jugendlicher, also.(Sehen) das hat also mit Ausländern gar nix(.), diese Idee hat mit Ausländern gar nix 146 zu tun. Sondern das war das Anderssein, das Fremdsein. Das war, die ham die gleiche, fast die fast die gleiche Sprache gesprochen weil in in diesen Dörfern war ja immer von Ort zu Ort der Dialekt ein bisschen anders“(Z1270-1278). Insgesamt konstituiert sich in der Diskussion eine Gruppennorm, deren Exponent Herr Seidel zu sein scheint, indem er Bezug nimmt auf den gemeinsamen Erfahrungshintergrund der aktiven Integration durch Vereinsarbeit in den Orten, an die es sie verschlagen hat. Die Forderung, Integrationsangebote zu bieten, wird verbunden mit der Aufforderung an Zuziehende, sich aktiv in die bestehenden Strukturen und Normen zu integrieren. Wer nicht integrierbar ist, wer wodurch auch immer auffällt, auch durch andere deutsche Dialekte, wird vertrieben bzw. ist bedroht. Die Verrechnungskosten einer nicht gelungenen Integration sind zwar individuell, aber nichtsdestotrotz bedrohlich. Frau Jahn, die bis zu diesem Zeitpunkt als einzige die Erfahrung der Fremdheit in ihrer Biografie nicht gemacht zu haben scheint, wird nun vom Interviewer direkt angesprochen, da sie nonverbal den Eindruck einer innerlichen Beteiligung zu machen scheint. Erst an dieser Stelle und erst auf Nachfrage durch einen Interviewenden gibt Frau Jahn an, dass ihre Mutter ein Flüchtling war, die sozial weit unter ihrem Vater gestanden hätte. Frau Jahn:„mein Vater war ein echter Buggenhofener[…] und nicht unvermögend, und er hat trotzdem einen Flüchtling genommen. Und des war für(.) also da hat die Familie lange drunter gelitten“(Z1295-1297). Die Mutter von Frau Jahn ist ein„Flüchtling“, ihr Vater hat sie trotzdem geheiratet. Etwas von dem Unverständnis des damaligen Umfelds schimmert in dieser Darstellung noch durch. Die Präsenz dieser Außenseiterrolle der Mutter wird auch heute noch deutlich, wenn Frau Jahn ihre Schilderung fortsetzt. Die Schwester von Frau Jahn kam dann ebenfalls immer mal mit„Ausländern“ nach Hause, was beim Vater die Reaktion provozierte: 147 Frau Jahn:„Ja hätt halt i kein Flüchtling genomme, dann wären meine Kinder vielleicht au anders“(Z1303-1304). Frau Jahns Einlassung zu Anfang der Diskussion steht nun in einem anderen Licht:„nix dafür zu können“, hier geboren worden zu sein, zeigte bereits eine Fremdheit an. Die humorvoll vorgetragene Sentenz von der Reaktion des Vaters macht aber sichtbar, dass die Erfahrung, nicht ganz dazuzugehören, tatsächlich von allen Gruppenmitgliedern unmittelbar bzw. im Falle von Frau Jahn mittelbar durch die Familie gemacht worden ist. Gießen Werden in Renningen bereits die Forderung der Integration als einseitige Leistung der Hinzukommenden formuliert und Ärger über diejenigen geäußert, die sich nicht engagieren, so werden dennoch immer wieder verallgemeinernde negative Äußerungen über„die Fremden“ mit eigenen Erfahrungen kontrastiert und der Reflexion zugänglich gemacht. Dass die Gemeinschaft auch Angebote machen müsse, damit man sich der Norm anpassen könne, ist in Renningen Konsens. Demgegenüber wird in der Gießener Gruppendiskussion eine deutliche Forderung nach einseitiger Anpassung formuliert. Bereits in der ersten Sequenz wird der Anpassungsdruck thematisiert, indem sich die Gruppe entlang der eigenen Erfahrungen von Fremdheit zusammenfindet und ins Gespräch kommt. Vor allem Frau Lück, Frau Kreuz, Herr Brenner und Herr Schreiber finden über den gemeinsamen Erfahrungsraum von Wohnortswechseln zueinander. Auf die Frage von Herrn Brenner an Frau Ried, ob diese aus Gießen komme, berichtet sie, aus Fulda zu stammen und auch heute dort zu leben(Z168f.). Sie habe insgesamt lediglich für vier Jahre an anderen Orten gelebt(Z229). Wichtige Diskussionen zwischen den Teilnehmenden handeln von Erfah148 rungen„fremder Heimat“, verlorener Heimat, die nicht wiedergewonnen werden kann, auch wenn man zurückkehrt(vgl. hierzu auch Chauvinismus, Kapitel 5.1.4). Während des ersten Abschnitts zeichnet sich ab, dass auch in der Gießener Gruppe Fremdheits- und Ausschlusserfahrungen präsent sind. Dabei wird auch deutlich, dass anders als in Herdecke und Gießen die Erfahrung weniger reflektiert wird. Stattdessen wird als Reaktion auf die Fremdheitserfahrung ein Ursprungsort fantasiert, an dem absolute Vertrautheit herrscht. Was bleibt, sind fortgesetzte Erfahrungen der Fremdheit, die sich insbesondere im Alltag an der Sprache, an den Einfärbungen des Dialekts manifestieren. So werden die eigenen Fremdheitserfahrungen vor allem an den Dialekt geknüpft. Frau Kreuz berichtet, wie sie bei ihren Wohnortswechseln sogar jeweils Elemente des Dialektes gelernt habe. Dies sei soweit gegangen, dass sie auch unwillkürlich die Sprechweise der jeweiligen Region angenommen habe –„[d]as geht ja irgendwann so ins Blut über, dann spricht man’s nur noch“(Z432) – so dass sie Freunde aus dem norddeutschen Raum aufgefordert hätten, Hochdeutsch(Z428) zu sprechen. Herr Schreiber schließt sich an, indem er erzählt, sich in einem Verein für Mundart zu engagieren. Er berichtet auch, sieben Mal die Volksschule gewechselt zu haben(Z635) und jedes Mal den neuen Dialekt gelernt zu haben, um dazuzugehören(Z651). Später fügt er noch hinzu, auch im Dorf, in dem er bereits seit den 1960er Jahren lebe, erst nach etwa 20 Jahren„aufgenommen worden“(Z934) zu sein. „Alles was anders is wird irgendwie äh ganz genau beäugt ja“ Wenn es im weiteren Verlauf fortgesetzt um Fremdheitserfahrungen, etwa zwischen katholischen und protestantischen Gläubigen in dörflichen Strukturen geht, so erscheinen diese doch harmlos. So berichtet 149 Frau Ried aus ihrer Kindheit, welch starke Bedeutung der konfessionellen Differenz auf dem Lande zukam, vor allem gepaart mit dem Status als Flüchtling: Frau Ried: Frau Lück: Frau Kreuz: Frau Ried: „Meine Tante, die hatte ne Kneipe(.) an der Nidda. Also so’n richtige Dorfkneipe, und gut ich war da, was weiß ich, wie alt werd ich da gewesen sein, sag mal zwischen acht und zehn. Und dann hatte die nachher jemanden, der immer geholfen hat und das war’n Flüchtling und die war’n katholisch, ach du großer Gott das war ja schon fast n Weltwunder L J (2) J . L So was weiß ich, die kamen L Mhm L J (.) J dann aus’m Sudetenland oder so(2). Das(2), das war unfassbar für die(.) Urbevölkerung da“(Z823-831). Frau Kreuz sei zwar froh, über ihre Großeltern dörfliche Strukturen kennen gelernt zu haben, beklagt aber – gemeinsam mit Herrn Brenner – ebenfalls die mangelnde„Offenheit“(Z886) von Dorfbewohner/innen gegenüber nicht Einheimischen, vor allem gegenüber Städtern. Langsam nimmt Gestalt an, dass die Erfahrung der Teilnehmenden drückend gewesen sein müssen: Frau Kreuz: Herr Brenner: Frau Kreuz: „meine Großeltern ham auch auf’m Dorf, also mein Onkel die wohn alle noch auf’m Dorf. Und da kennt jeder jeden, das ist einfach so und wenn da Neue dazukommen, dann wird so erst mal beäugt geguckt L und so weiter, L Mhm passen se nich wer’n se raus geekelt“(Z847-851). Aus der Perspektive eines„Landbewohner[s]“ setzt Herr Brenner dessen„soziale[…] Verhältnisse“ als das„Normale“ und verallgemeinert die Schwierigkeiten, denen Zugezogene ausgesetzt seien; sich„einzugliedern“(Z910) sei immer schwierig. Damit wird zugleich eine Forderung nach Anpassung formuliert, die – ähnlich wie in Renningen(s. o.) – am 150 Beispiel des Engagments in einem örtlichen Verein festgemacht wird: Herr Brenner: Frau Lück: Herr Brenner: „Und ja er m-(.) er muss da schon ganz stark so’n Vorlassen gehen, musst sich da irgendwie aktiv aktiv sein und sich da irgendwo’n Verein zu zu L einzugliedern oder irgendwo L mit zu kommen also er wird nich L Genau L Ja auf keinen Fall, merk ich hier auf’m Land. Wenn man sich da net selber drum kümmert, dass mer irgendwo in ne Gemeinschaft kommt, da is erst mal ne Wand da. Da wird da passiert gar nichts, man wird da auch ganz schnell ausgegrenzt, muss mer muss mer wirklich selber aktiv werden(.). Und dann merk ich aber schon, dass auch Leute, egal wo sie herkommen, wenn die aktiv sind und wenn sie sich dann irgendwo in in Verein aktivieren,(.) sich in der Gemeinde engagieren, dann schon auch äh aufgenommen werden und dann integriert werden. Aber da gehört schon auch n bissel (.) eigene so Courage dazu“(Z907-918). Andere schließen sich dieser Ansicht an, dass die Integrationsleistung von den Zugezogenen ausgehen müsse und verknüpfen dies, wie Herr Seidel in Renningen, mit dem eigenen Erfahrungshintergrund. So Herr Schreiber: Herr Schreiber: Herr Brenner: Herr Schreiber: „Ich hab mindestens 20 Jahre gebraucht, bis ich da richtig(.) aufgenommen worden bin, da bei denen L bei den andern Leuten L , man hat auch immer gespürt L Mhm L Mhm n Fremder gell(.). Ich, das hab ich zu spüren gekricht.“ (Z934-937). Auch ergänzt Herr Schreiber, er habe sich„ja immer versucht anzupassen“(Z955), was ihm nun„scheinbar[…] gelungen“(Z956) sei und bekräftig damit zugleich diese von Herrn Brenner und Frau Kreuz formulierte Anforderung. 151 Frau Lück ergänzt daraufhin ihren familiären Hintergrund der Fremdheitserfahrung, wenn sie erzählt, dass„meine Eltern, die sind damals aus Schlesien gekommen“(Z983). Auch Frau Ried bestätigt kurz vor Beginn der zweiten Sequenz, dass die Eingliederung lange dauere:„Drei Generationen ham’se mir gesagt, bis dann eingemeindet is“(Z1027). An dieser Stelle wird der Vorteil einer Stadt eingebracht, in der es viel einfacher sei,„man is anonymer(Z1036, Frau Kreuz). Das wird gleichzeitig aber auch als Nachteil erlebt. Im Dorf„koche zwar auch die Gerüchteküche“(Z1054, dies.), aber man„spüre auch einen gewissen Zusammenhalt“(Z1067). Die Erfahrung einer Großstadt hält Frau Kreuz für etwas Wichtiges:„Wo ich auch meine Kinder das später schon beibringen will“(Z1122). „… dass von außen[…] einer kommt, sich schon alles kaputt macht von vornherein, dann noch’n Fehler macht“ Auch in der dritten Sequenz bestimmt der Themenkomplex um Dorf, Fremdheit und Anpassungsdruck gleichsam als„roter Faden“ die weitere Diskussion. Hier erreicht die Anpassungsforderung an Zugezogene, der die Teilnehmenden auch selbst nachkommen, einen Höhepunkt, indem anhand eines Beispiels veranschaulicht wird, was jenen droht, die diese Leistung nicht erbringen. Auf die Frage einer Moderatorin nach einer„typische[n] Situation“(Z1155) beim Aufwachsen im Elternhaus oder im Freundeskreis, berichtet Frau Kreuz ein Erlebnis aus der Freiwilligen Feuerwehr im Dorf ihrer Großeltern. Dort sei ein auswärtiger Feuerwehrhauptmann hingekommen, der„nachher rausgeekelt“(Z1163) worden sei, was aber„seinen Grund“(Z1164) gehabt habe. Nicht nur sei er„arrogant“(Z1164) gewesen, auch sei der Onkel von Frau Kreuz bei einem Einsatz gestorben und den hätte der Feuerwehrhauptmann„anders 152 verantworten müssen“(Z1167f.). Bei der Beisetzung ihres Onkels habe er dann geschützt werden müssen, um„Lynchjustiz“(Z1166) zu verhindern: Frau Kreuz: Herr Brenner: Frau Kreuz: „Also die mussten ihn mit zwei Mann zusätzlich raus bringen,°sonst hätten die ihn° gleich gepackt ja also da hat man so richtig gemerkt L wie es ist, dass von außen L Mhm einer kommt, sich schon alles kaputt macht von vornherein, dann noch’n Fehler macht(.). Und dann muss er noch rauseskortiert werden, damit er überhaupt lebendig da raus kommt. Ja, also das is so das was ich so als krasseste erlebt habe da(.), was was da eigentlich so gemacht wurde“ (Z1177-1184). Zwar wird das Verhalten der Dorfgemeinschaft, die beinahe lyncht, als das„Krasseste“(Z1183) kritisiert, doch gleichzeitig die Forderung bestätigt, sich anzupassen, zu engagieren,„einzugliedern“(Z910). Wenn jemand dieser Pflicht(„man muss auf die Leute zugehen, man muss was tun, is richtig“, Z1034, Frau Ried) nicht nachkommt, folgt eine heftige Strafe, die bis zum Tode führen kann. So bekräftigt das Fazit von Frau Kreuz sehr eindrücklich noch einmal den Mut, den Zugezogene aufbringen müssten, wenn sie in neue Strukturen kommen, was Herr Brenner mehrfach betont hatte(Z912, Z923). Hier wird auch deutlich, dass die Folgen einer nicht gelungenen Anpassung mit dem Begriff der Desintegration nicht zutreffend beschrieben sind. Die Konsequenz ist eher paradox, denn die Gemeinschaft kann den Einzelnen voll erfassen – und vernichten –, wenn er aus dem„Zusammenhalt“ herausfällt, das heißt zum„Fremden“ wird. Berlin-Mitte Nach Aufforderung der Interviewenden nimmt Herr Pietz als erster die Einstiegsfrage auf(Z27-39). Er berichtet, aus einem Dorf kommend, 153 seit 1970 in Berlin zu leben und dass er sich nicht vorstellen könne, anderswo zu leben. Auch Frau Heckel setzt ihr Leben in Berlin in Kontrast zum Dorf, aus dem sie kommt(Z50-72). Berlin scheint mit dem Kulturangebot der Inbegriff der„großen weiten Welt“ zu sein. Frau Post greift das Thema wieder auf(Z132-150) und berichtet von ihrem Umzug nach Berlin als„katholisches Mädchen vom Lande“. Mit dem Hinweis,„es ist eine Flucht gewesen“, die sie zum Studium nach Berlin geführt habe, eröffnet sie mit der Wortwahl„Flucht“ auch den Rahmen für etwas Bedrohliches, was jenseits„der großen weiten Welt“ existiere. Frau Heubach schließt hieran an(Z155-161). Sie stammt aus dem„Speckgürtel“ von Berlin, würde aber auf keinen Fall wieder zurückziehen wollen. In diesen Konsens, keine kleinere Stadt als Lebensmittelpunkt zu wählen, stimmt Frau Rudolf ein(Z163-174). Sie stammt aus Berlin und hat auch einige Jahre in größeren, ausländischen Städten verbracht. Herr Pietz setzt zu der in der Gruppe und auch von ihm geäußerten Präferenz von Berlin als Wohnort einen Kontrapunkt(Z176-179): Er hebt hervor, dass die Nachbarschaftshilfe auf dem Land besser sei als in der Stadt. Diese Aussage provoziert in der Gruppe Widerspruch, Frau Rudolf meldet sich mit ihrer gegenteiligen Erfahrung zu Wort und berichtet mit Verweis auf ihre ostdeutsche Kindheitserfahrung von guter Nachbarschaftshilfe. In dem Haus, in dem sie derzeit wohne, sei es nun auch so. Im Dialog mit Frau Rudolf berichtet Herr Pietz dann auch die Erfahrung seiner Tochter, die in Berlin-Kreuzberg sehr wohl die Erfahrung guter Nachbarschaft mache. Seine eigenen Erfahrungen, in einem Hochhaus in Lichterfelde unterscheiden sich aber davon, Kontakt zu den Nachbarn sei sehr selten. Frau Heubach schaltet sich in das Gespräch ein und gibt damit den Themen Flucht und Nachbarschaftshilfe, von der Frau Post sprach, einen konkreten Hintergrund: 154 Frau Heubach:„Man kann, wenn man möchte, auf ne Nachbarschaftshilfe oder Ähnliches zurückgreifen. Man is aber selber nicht verdammt es zu machen. Was ich so an den Dörfer gerade so problematisch finde, also, egal was man da tut, das komplette Dorf weiß zwei Tage später spätestens darüber Bescheid.(.) Also, das is ähm, es entwickelt sich einfach so eine gewisse Eigendynamik. Man, keine Ahnung, hat irgendwie ne Kleinigkeit falsch gemacht und der Dorfmob lyncht einen dafür“ (Z239-249). Dass diese Einschätzung, in kleinen Gemeinschaften für Fehler gelyncht zu werden, nicht nur eine Metapher ist, macht die oben zitierte Erzählung von Frau Kreuz aus Gießen deutlich. Ins Auge springt, dass in der Berliner Gruppendiskussion die Teilnehmenden für sich die Lösung gewählt haben, die„Flucht“ zu ergreifen, um dem Anpassungsdruck zu entgehen. Als Herr Pietz entgegen seiner eigenen Einlassung zu Beginn der Diskussion eine Lanze für das Landleben bricht, bekommt er deutlichen Widerspruch. Es findet sich demgegenüber niemand in der Gruppe, der die„Lynchstimmung“ legitimiert. 5.1.1.2 Statusdifferenzen und Abstiegserfahrungen in den Diskussionen In manchen Gruppendiskussionen fanden sich Gruppeninteraktionen, die sich um befürchtete oder reale Stigmatisierungen drehten. Daher ist auch die nicht ausgesprochene Herstellung von Gruppennormen oder die Verhandlung über Zugehörigkeit von Interesse. In zwei Gruppendiskussionen lösten soziale Statusunterschiede entsprechende Gruppeninteraktionen aus. Die Orientierung an den sozial höheren Schichtangehörigen in der Gruppendiskussion führt dazu, dass diejenigen, die sich als sozial niedriger stehend erleben, selbst den höheren Sozialstatus als Norm akzeptieren und sogar herausstellen sowie sich bemühen, dieser Norm zu entsprechen. 155 Dortmund In der Gruppendiskussion in Dortmund waren je zwei Teilnehmende mit hohem Bildungsabschluss und durch Habitus auch dokumentierter hoher beruflicher Position. Die Statusdifferenzen mündeten in einer subtilen Ausgrenzung bzw. gleichzeitig darin, dass die beiden Teilnehmenden mit niedriger Schicht ihre Zugehörigkeit zur höheren dokumentierten. Herr Winkler: Frau Meier: Herr Winkler: „Äh, mal sehen. Mein Opa is gestorben, da war ich ungefähr fünf, sechs Jahre alt. Jetzt is mein Opa gestorben L und danach hat mein Vater das weiter geführt, also rein und hat L Ja 40er Jahre denn(.) aufgebaut; es fing mit einem Bus, erst mal Mietwagen und dann hat er nachher noch Busse dazu gekauft(.). Wir hatten drei Busse[räuspern], wurde jetzt, mein Vater is ja schon mit 46 gestorben an Lungenkrebs(.). J (.) J Der hat vom Krieg her noch Granatsplitter in der Lunge und dann hat er viel geraucht noch dabei. Ja und meine Mutter und ich wir haben dann zusammen das Geschäft noch ungefähr zehn Jahre weitergeführt, und da wurd’s nachher zuviel mit den ganzen Fahrern und so was Vernünftiges zu kriegen, einen neuen Bus hatten wir. Der Fahrer musste Kinder abholen in der Eifel(.). Und das war im Winter(2), und äh da is er wohl irgendwo ins Schleudern gekommen und dann noch mit dem flammenneuen Bus voll in de Sparkasse rein J (2) J . Dann in der Sparkasse, die ham gedacht, hier hat einer ne Bombe gelegt J (.) J . Und dann ham wir gesagt nee, also das Theater mit dem Rumärgern mit den Fahrern und dann, wenn die dann nich ehrlich sind noch und das(.), hab ich gesagt nee, Schluss aus. Haben wir alles verkauft, die ganzen Busse alles verkauft. In Hörde hatten wir noch n Grundstück, und es is klar wenn viel kaputt gefahren wird, nimmt dich dann ja keine Versicherung mehr auf und so weiter, also nee komm. So ham wer wenigstens das Haus ham wir noch und ähm(.) alles andere weg, meine Mutter is ja noch nen paar Jahre(.) so im Büro arbeiten gegangen(3). Und ja ich hab dann bei der LTU lange äh gearbeitet(2). Ja und jetzt bin ich in Rente 156 und jetzt(.) macht man halt noch so’n bisschen was nebenbei(3),°damit man sich ab und zu mal nen besseren Urlaub leisten kann°“(Z948-983). Herr Winkler war früher selbstständiger Unternehmer, die Firma hat er von seinem Vater übernommen, konnte sie aber aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten nicht weiterführen und begann selbst als Fahrer zu arbeiten. Der Unfall markiert einen Einschnitt, dem ein sozialer Abstieg folgte. Dies gilt nicht nur dem Verlust des Status’ als Unternehmer, sondern wirkt sich auch ganz konkret auf seine wirtschaftliche Lage aus, so dass er auch heute noch Taxi fahren muss. Von ihrer ähnlichen Biografie berichtet Frau Meier: Frau Meier:„Und äh dann hab ich meinen Mann kennen gelernt(.), und nach zwei, drei Jahren haben wir dann geheiratet. Dann kam der erste Sohn(.), und nach vier Jahren kam dann der zweite, ham wir uns dann selbstständig gemacht mein Mann der war Dekorateur und Polsterer, und wir hatten auch eigentlich n sehr gutes Geschäft.[…] Klappte auch prima, sehr viel zu tun, nur der Hauseigentümer, wo wir den Laden hatten(.), der hatte nämlich an und was gegen Kinder, Kleinkinder jetzt. Da war’n großer Hof, aber die durften nich da drauf spielen, dann hat er immer rumgemeckert und gezickt und gemacht und dann wollte er auf einmal mehr Miete haben und da ham wir gesagt nee also, wenn dat so weitergeht die Kinder dürfen nichts und jetzt auf einmal noch mehr Miete haben. Und dann ham wir den Laden dran gegeben und ham das privat weiter gemacht.[…] Dann hat mein Mann auf’m Hüttenberg als Fahrer, Herrenfahrer angefangen und ich hab dann das Geschäft, weil wir ja auch viele Kunden noch hatten, die hab ich dann weitergemacht. Hab dann Gardinen aufgehängt, die ham wir dann erst mal hat mein Mann, der konnte ja jetzt auch nähen, dann ham wir das zusammen die Gardinen genäht dann hab ich se teilweise selbst aufgehängt (.). Nur als mein Mann nachher starb, mit den Gardinen Leisten oder Brettern, wie das ja früher war, gab’s die modernen 157 die die Tek- ja noch nich wie heute. Das wurde mir nachher zuviel, immer diese Bretter drunter bohren und dergleichen und dann hab ich denn nur noch zurückgestellt, und hab äh bei den Kunden die Gardinen abgenommen, gewaschen und auch wieder aufgehängt. Und da hab ich heute sogar noch (.) zwei Kunden, wo ich das hin und wieder mal mach(.)“ (Z1002-1025). Beide haben die Erfahrung eines berufsbiografischen Bruchs gemacht. Dieser liegt schon länger zurück, er wird aber in dieser Runde berichtet. Dass Frau Meier und Herr Wagner dabei auf einen vergangenen, aber höheren Status verweisen, kann auch als Botschaft an die anderen beiden Teilnehmenden verstanden werden: Zwar zeigen beide bereits durch ihren Habitus einen niedrigen sozioökonomischen Status, in der Vergangenheit haben aber auch sie„dazugehört“. Die Auseinandersetzung über mangelnde Kaufkraft(vgl. Kapitel 5.4) und die in der Gruppe gemeinsam beklagte Teuerungsrate bot auch die Möglichkeit, dass zur Verfügung stehende Einkommen zu dokumentieren: Frau Wagner: Herr Winkler: Frau Wagner: Frau Meier: Frau Wagner: „Und wenn ich mir überlege früher, wir also ich hab drei Kinder[…] die sind alle inzwischen erwachsen, ausstudiert. Und wenn wir früher mit unsern drei Kindern ne Flugreise gemacht haben, dann brauchten wir(.) vielleicht 6000 Mark oder 7000 Mark drei Wochen Spanien, Kanarische Inseln, Ibiza das reichte. L Drei Wochen L °Naja° mit drei Kindern. L Dann haben wir vielleicht ne Appartementanlage L Mhm gehabt hatten dann aber auch vielleicht Halbpension dabei, wir konnten den Kindern Eintritte ermöglichen in irgendwelche diversen Freizeitparks. Heute braucht man dafür vielleicht 6000 Euro“(Z562-573). Frau Wagner berichtet im Überschwang und empört, dass man für den 158 gleichen Betrag in Euro heute die Leistung bekäme, die früher in DM zu haben gewesen sei. Dass sowohl Höhe des Betrags als auch Dauer des Urlaubs bereits eine Distinktion beinhalten, scheint ihr nicht bewusst zu sein. Die verhaltene Reaktion von Frau Meier und Herrn Winkler machen aber deutlich, dass sie derartige Preise nicht bezahlen konnten. Kurz nach dieser Einlassung von Frau Wagner schließt sich ein Dialog an, der das Bemühen von Herrn Winkler noch einmal dokumentiert, an den Status von Frau Wagner anzuschließen. Das gemeinsame Thema ist immer noch die Teuerungsrate: Frau Wagner: Herr Winkler: Frau Meier: Herr Winkler: Frau Wagner: Herr Winkler: Frau Wagner: „Früher kostete nen Beitrag Kindergartenbeitrag 30, 60, 90 DM. Und heute(.), der untere Beitrag irgendwo 200 Euro J 300 Euro oder 400 Euro J . Aber nur die Qualität der Erzieherinnen is nich so L ,dass das hohe, dass der hohe Beitrag das auch rechtfertigt. L Mhm Eben(.) ich weiß ich hab für L für meine Kinder zehn Mark damals bezahlt für den Kindergarten L Das sind noch ja meistens noch nicht mal studierte Leute. Bitte? Das sind ja auch wahrscheinlich auch keine studierten L Leute(das sind einfache), könnte jeder machen. L Ach Erzieherinnen, (3) Hauptschule ham die teilweise Leute, die komm ja aus andern Ländern(.) können nicht richtig deutsch“(Z668680). Herr Winkler greift das Thema auf und fügt zusätzlich einen weiteren Aspekt hinzu: Kindergärtnerinnen hätten nicht studiert. Diese disqualifizierende Bemerkung ist hier deshalb auch erstaunlich, weil zwar Frau Wagner ein Studium abgeschlossen hat, Herr Winkler aber nicht. Er verfügt über einen Volksschulabschluss. Er orientiert sich nicht nur am Habitus von Frau Wagner, sondern scheint auch die mögliche Geltung seiner Herabsetzung für ihn selbst nicht wahrzunehmen. 159 Neuss In der Neusser Gruppendiskussion ist ein Statusverlust zu beobachten, der auch durch das Bemühen, nicht durch Armut oder Arbeitslosigkeit stigmatisiert zu werden, zu erkennen ist. Eingangs deuten die Informationen von Frau Barr darauf hin, dass sie als Lehrerin in einem Gymnasium beschäftigt ist. Frau Barr: Frau Sievers: Frau Barr: „Ja weil das ist interessant, ich hab dieses Jahr die äh Abi Beaufsichtigung mit gemacht. Das war schon interessant, wie manche zitterten, die also den zweiten Durchlauf ne. Und dann die Nachp- in die Nachprüfungen mussten.(3) Mhm äh ja so’n bisschen seelsorgerische J Betreuung war da schon gefragt(2) J Ja die mündliche Prüfung fand ich am L Schlimmsten. L Mhm, also viele die (.) die also n die Wiederholung genutzt haben, um ihre Noten zu verbessern“(Z121-126). Im Gespräch mit einer anderen Teilnehmerin, die noch vor den Abiturprüfung steht, gibt sie zu erkennen, dass sie ebenfalls an einem Gymnasium arbeitet. Bei den Interviewenden und bei den anderen Gruppenmitgliedern entsteht durch diese und andere Äußerungen der Eindruck, dass sie als Lehrerin arbeitet. Tatsächlich ist Frau Barr zum Zeitpunkt der Diskussion arbeitslos. Sie hat einen sogenannten„Ein-Euro-Job“ in einer Schule und berichtet auch häufig von dieser Tätigkeit. Auch in der persönlichen Biografie kann man eine sinnstiftende Kontinuität feststellen. Frau Barr berichtet später von ihrer Berufsbiografie, die von einer Erfolgsgeschichte in die Arbeitslosigkeit führte: Frau Barr:„Und äh, ich habe mit 14 Jahren bis meine Mutter ihre Rente kriegte, das dauerte ja ewige Zeiten, hab ich mir ein Job gesucht für eine Mark damals.(3) Äh, da war ich ja reich, war ich ja Kind damals,[allgemeines Gelächter] mit 14 Jah160 ren, so. Natürlich ließen meine schulischen Leistungen etwas nach, und ich hab jeden Tag fünf Stunden gearbeitet, es waren jeden Tag fünf Mark. Und das war nen Haufen Geld“ (Z181-185). Sie schildert dann einen sehr wechselvollen, aber auch sehr erfolgreichen Weg von einer Sekretariatstätigkeit, über journalistische Arbeiten für eine Tageszeitung bis hin zu Position einer Gruppenleiterin in einer Werbeagentur. Frau Barr:„Dann hat(2) ein Unternehmensberater mich angerufen, Ende der 80er Jahre war das.(.) Und suchte, der wusste ganz genau, obwohl keiner ja wusste, ne was der andere verdient. Die wussten ganz genau was ich verdiente, und ham mir einen Job angeboten, der in Frankfurt, der 30 bis 50000 Mark höher lag, als das was ich verdiente. Ja paar Mal da gewesen, mit denen geredet.(.) Und unser(.) Inhaber, der kriegte wohl irgendwas mit, dann ham wir plötzlich alle(.) erheblich mehr gekriegt J (2) J , so dass also der Wunsch nach Mainz zu ziehen, Mainz ist ja auch teurer wie Neuss nicht mehr so bestand. Mhm(.) Ja, so dann die Agentur war als ich anfing, 1978 waren wir elf Leute, und als sie verkauft wurde waren wir 196. Und waren wir Gruppenleiter wir verdienten natürlich entsprechend, elf Jahre war ich dabei. Die neuen Inhaber, die fingen dann an zu sägen, wir waren ja sehr teuer“ (Z248-258). An dieser Stelle befindet sich ein im Rückblick erkennbarer Bruch in der Berufsbiografie, Frau Barr hat den Wohnort nach der Entlassung jedoch nicht gewechselt, da sie ihre Mutter, die pflegebedürftig wurde, nicht alleine lassen wollte. Frau Barr:„Dann hab ich gedacht, mein Bruder hatte ne gut gehende Versicherungsagentur, dann hab ich gesagt ob ich Text, ne Kampagne verkaufe oder Versicherungen(2) mhm. Dann hab ich das gemacht, ging nen paar Jahre gut, bis Internet 161 kam.(2) Und dann is die Branche zusammengebrochen, und ich auch.(2) In meinem alten Beruf fand ich nichts mehr, die Agenturen sind heute klein, es gibt nicht mehr diese großen Agenturen.(2) Ja und die Leute sind alle so 25, 35, und dann in meinem Alter war nichts zu machen.(2) Ja heute bin ich Hartz 4 Empfänger, arbeite für einen Euro an der Schule, mir macht das viel Spaß, ich mach die Lehrmittelherstellung, die Pressearbeit, Veranstaltungen(.) und(.) Schulaufsicht, Klassenaufsicht(.) ich soll eingestellt werden, nur das liegt an Herrn Schmidt( Name des obersten Dienstherrn, die Autor/innen) J (.) J “(Z277-286). Diesen beruflichen Bruch scheint Frau Barr sinnstiftend einordnen zu können. Wie ihre Berufsbiografie als junges Mädchen mit dem Reichtum einer DM begann, so ist möglicherweise auch der„Ein-Euro-Job“ der Beginn einer weiteren Erfolgsgeschichte. Vielleicht auch wegen ihres dargestellten eigenen Engagements erfährt Frau Barr in der Gruppendiskussion keine Stigmatisierung. Im Gegenteil spricht sie Herr Sievers unmittelbar auf ihre Flexibilität an(Z288), die sie nun an die„jüngere Generation“ vermitteln könne. Später erwähnt er, dass es ihm fast ähnlich ergangen ist, da mit der Umstellung auf EDV jüngere Kollegen bessere Karten gehabt hätten(Z433), auch er war flexibel genug, um dem sozialen Abstieg zu entgehen. Zugespitzt formuliert bildet sich die Gruppe über das Ideal„jeder sei seines Glückes Schmied“. Berlin-Bohnsdorf Auf die Einstiegsfrage(„Wie ist das, hier zu leben?“) reagieren die Teilnehmenden prompt:„Im Ghetto sind die Mieten günstig“(Z55, Herr Mischke), mehr zahle das Arbeitsamt nicht. Alle Teilnehmenden der Gruppendiskussion sind nach Berlin-Bohnsdorf gezogen, weil in den ehemals als Arbeiterviertel geprägten und zentral gelegenen Berliner Stadtteilen, in denen sie vorher wohnten, die Mieten höher sind, als das Arbeitsamt 162 bezahlt. Die jetzigen Vermieter werden harsch kritisiert, offene Konflikte werden aber aus Angst vor einer Mietkündigung vermieden. Ein Wegzug kommt aus finanziellen Gründen nicht in Frage, bei einigen fehlt auch die Kraft dazu(Z153, Herr Randstedt). Die Teilnehmenden der Gruppendiskussion sind mit der Situation konfrontiert, tatsächlich aus der Gesellschaft herausgefallen und gleichzeitig dieser ausgeliefert zu sein. Sozialer Abstieg Alle Teilnehmenden sind arbeitslos, mit Ausnahme von Frau Ronert. Aber selbst ihre Berufstätigkeit verstärkt eher noch den Eindruck ihres Abstiegs. Über weite Strecken der Diskussion sind es nur die Männer, die sich am Gespräch beteiligen. Als die Frauen der Gruppe von der Interviewerin direkt mit der Formulierung„Wie war das bei Ihnen so?“ (Z1884) angesprochen werden, reagiert Frau Ronert. Durch einen Einschub von Herrn Toben(„Die kriminelle Karriere von Dir“, Z1887), berichtet Frau Ronert:„Tja(stöhnt) ich bin am Ostbahnhof groß geworden, und ähm ja denn sind wa Eberswalderstraße gezogen, ja n’ paar Dinger habe ich auch kieken lassen, davon abgesehen aber mhm, dann hab ick Bäcker gelernt“(Z1888-1895). Währenddessen redet Herr Frank parallel:„Bei mir war schlimm, wenn ick dit allet durchlesen würde, wenn ich alle Akten hätte, könnte ick lesen, wo ick war“(Z1889-1892). Ebenfalls während der von Frau Ronert fortgesetzten Erzählungen überlegen Herr Mischke und Herr Toben, ob sie den Raum verlassen. Trotzdem setzt Frau Ronert den Bericht fort:„und habe immer nen festen Job gehabt zuletzt, äh als Stationshilfe, aber durch Umstruktierung hab ick dann den Job auch verloren, hab dann allet möglich gemacht“ (Z1909-1911). Herr Frank bemerkt:„Da haste aber gut Geld verdient“ (Z1912), woraufhin Frau Ronert sehr resigniert feststellt:„Ja, also ich weiß(.) aber na ja, willste machen“(Z1913) und fährt fort: 163 Frau Ronert: Herr Frank: Frau Ronert: Herr Frank: Frau Ronert: „Und äh habe jetzte von ner Zeitarbeitsfirma nen vier Stundenjob. Fange um halb viere an, hab um halb achte Feierabend für fünf Euro, nee für sieben Euro 56 Nur Nachmittag. Aber zwei Stationen muss ich machen als Stationshilfe und äh ick muss sagen(.) bis zur Rente wird ick dit wohl nich schaffen.(.) Also(.) jeden Tag mit Schmerzen und wat wees ick und denn diese Hektik und denn Gerontopsychiatrie[Frau Meinert hustet] und dit is ja auch nicht möglich, man kann ja Bewerbungen schreiben und. Du hast nicht so’n wunderbaren Lebenslauf, aber eigentlich interessiert dit gar keenen.(2) Du bist eigentlich gezwungen auch äh ja Dich zu verkaufen auf Deutsch gesagt. Billig zu verkaufen, L sagen wat so. L Ja“(Z1915-1925). In dieser ersten längeren Beteiligung von Frau Ronert kommt es zur Unterstützung der Erzählung durch Herrn Frank, obwohl er eingangs mit einem eigenen Thema ins Wort fällt. Herr Randstedt wirft dann ein: „Wenn Du nicht willst, dann ruft der an und hat nach zwee Tagen nen Polen oder nen Russen oder irgendwat“(Z1928). Doch während die Ressentiments gegen Migrant/innen in dieser Gruppendiskussion sehr ausgeprägt sind(vgl. Kapitel 5.1.2.3), geht dieses Mal die Gruppe nicht auf das angebotene Thema„Ausländer“ ein. Die Diskussion kreist stattdessen um die geringe Bezahlung und die hohen Arbeitsanforderungen, insbesondere bei Zeitarbeitsfirmen(Z1935-1959). Zusammenhalt Migrant/innen erhalten neben Ressentiments(vgl. Kapitel 5.1.2.3) auch Anerkennung. Diese Anerkennung scheint die Erfahrung der Ohnmacht, die durch das„Ghetto“ sichtbar wurde, noch einmal zu unterstreichen: 164 Herr Randstedt: Herr Mischke: Herr Randstedt: „Hey Du, weest nich worauf ick hinaus will. Die haben Zusammenhalt L und der L Ick wees Deutsche hat keenen. Der Deutsche hat keenen Zusammenhalt“(Z571-573). Die anderen Teilnehmer machen nun Witze über das Aussehen von Herrn Frank:„siehst aus wie’n türkischer Bauernkollege“(Z618). Dies ist die Überleitung, die die Gruppe zu einer Reihe von Sequenzen führt, in denen sie sich über andere Menschen lustig macht. Ähnlich wie bei den Witzen über das Aussehen von Herrn Frank, die ein Mitglied der Gruppe herabsetzen, haben die folgenden Beschreibungen vor allem Personen zum Gegenstand, die ein ähnliches Leben zu führen scheinen, wie die Gruppenmitglieder. Zunächst richtet sich der Spott auf einen„Rechtsanwaltskochgehilfen“(Z625, Herr Frank), der mal als Rechtsanwaltsgehilfe und mal als Kochgehilfe gearbeitet hat: Herr Randstedt: Herr Frank: „Der immer sagt, er ist Rechtsanwalt. Rechtsanwaltsgehilfe. Und dann hat er gesagt, er war im Altersheim Koch J und da war er auch bloß Gehilfe J “(Z631633). Ähnlich unterhält sich die Gruppe in dieser Sequenz auch über„Hardi“, der„einfliegen musste“(Z702, Herr Frank), also ins Gefängnis kam: „der Idiot hat mit’m Messer zum Arbeitsamt“(Z704, Herr Frank). Die damaligen Ereignisse werden von den Männern witzelnd geschildert, wobei der„Hardi“ insgesamt sehr herabsetzend beschrieben wird. Er habe zwar kein Geld vom Arbeitsamt bekommen, aber sei daran auch selbst schuld, weil seine Anträge nicht vorhanden gewesen seien. Die Sequenz endet mit gegenseitigem Aufziehen der Teilnehmer/innen. Auffallend ist, dass die Versuche des Rechtsanwaltsgehilfen und„Hardi“, ihrer Ohnmacht zu entfliehen, indem sie entweder ihren beruflichen Status übertreiben oder in blinder Gewaltbereitschaft gegen eine anonyme 165 Behörde anstürmen, zum bloßen Objekt des Spotts in der Gruppe werden. Dabei haben diese zwei Menschen ähnliche Ohnmachtserfahrungen gemacht, wie die Teilnehmenden selbst. Entgegen dem eingeforderten Zusammenhalt wird auch in der Gruppe ein„Schwächerer“ zum Gespött. Ein folgender Abschnitt ist zunächst inhaltlich relativ schwer verständlich, gibt aber auch Auskunft, wie die Gruppenmitglieder miteinander umgehen. Die Gruppe unterhält sich über einen„Sturmbannführer Schmidt“(Z907, Herr Frank) der in einem „Spiel“„Schellen“„von vier Jungen“ bekommen und nachher„so eine Schwarte“ hatte:„ick hab so gelacht“(Z914/915, Herr Toben). Herr Mischke stimmt zu:„Bei dem Backpfeiffengesicht muss man“(Z921). Während sich die Gruppe weiter über den abwesenden Schmidt unterhält, sich weiter über ihn lustig macht und ihn herabsetzt, wird deutlich, dass er eigentlich zu der Gruppe gehört. Eigentlich hätte er sogar auch zur Gruppendiskussion kommen sollen(„Warum is Schmidt eigentlich nich gekommen?“ Z959, Herr Mischke). Doch während er nicht da ist, wird er von den anderen Gruppenmitgliedern herabgesetzt. Zum Abschluss spricht Herr Frank den Interviewer direkt nach dem Eindruck an, den er von der Gruppe hat. Er fragt nach, ob sich der Zusammenhalt vermittelt habe, den es hier gibt. I1: Herr Frank: I1: Herr Toben: Herr Randstedt: Herr Frank: Herr Toben: „Aber das mit dem Zusammenhalt war Dir wichtig oder also Du hattest es noch mal gesagt, L dass äh wir das mitbekommen haben. Ja, warum äh? L Nee das das war mir, naja, weil mir gar nicht übrig bleibt. Ja.[Herr Frank: Weeste] Das, was Sie auch eben schon mal sagten. Mhm L Aber das is nicht bei allen so. L Weil, weil der eene hatte mal keenen Geld und der kommt dann, haste mal Zigaretten? Ok dann machste dit. Nächste Mal geht’s Du L äh gibt aus nen Bier L Aber die Scheiße is halt 166 Herr Frank: Herr Toben: Frau Meinert: Herr Randstedt: oder irgend wees ick nicht irgendwat. man kann sich nicht immer drauf verlassen, ne. Nee. Dit is aber nicht überall so“(Z2750-2763). Die Erfahrung, dass sozialer Abstieg mit einer Armutsstigmatisierung einhergeht, haben alle Teilnehmenden der Gruppendiskussion gemacht. Dass dieser Abstieg vor allen Dingen mit einem Verlust der Kontrolle über wichtige Lebensentscheidungen versehen ist, sehen wir in dieser Gruppe deutlich. In diesem Fall ist beispielsweise die Wahl des Wohnorts an eine anonyme und nicht zu fassende gesellschaftliche Institution übergegangen. Außer von Herrn Randstedt scheinen aber Migrant/innen nicht dafür verantwortlich gemacht zu werden, obwohl sonst ein manifestes Ressentiment in der Gruppe gegenüber diesen besteht und auch geäußert wird(vgl. Kapitel 5.1.2.3).„Ausländer“ werden aber auch als Kontrapunkt sichtbar, sie haben einen„Zusammenhalt“, der vor der Ohnmachtserfahrung schützt und über den sie nicht mehr verfügen, auch nicht in der Binnenstruktur der Gruppe. Obwohl der Wusch nach einem geschützten Raum besteht, scheinen die nicht-Anwesenden selbst Ziel des Spotts und der Deklassierung werden zu können. 5.1.1.3 Ressentiments gegen vermutete Abweichung In Renningen und in Herdecke ist die Forderung nach Anpassung nicht von deutlichen Ressentiments gegen diejenigen begleitet, die sich nicht anpassen. Das ist in anderen Gruppendiskussionen anders: Es wird gegen abweichendes Verhalten polemisiert und es können auch in der Gruppendynamik Prozesse der Stigmatisierung und Ausgrenzung beobachtet werden. Interessant ist, dass in dem Moment, in dem sich die Anpassungsforderung in der Gruppe nicht an einer eigenen erfahrenen Stigmatisierung 167 der Teilnehmenden bricht, diese in der Gruppendiskussion auch weniger reflektiert wird. Die Stigmatisierung vollzieht sich im Gruppenkonsens, etwa gegen Menschen in Armut oder Arbeitslose(in Dresden-Johannstadt) oder auch gegen Migrant/innen oder Juden und Jüdinnen (vgl. Kapitel 5.1.2). Ein gesondertes Phänomen ist die Re-Inszenierung von Ausschluss- und Stigmatisierungsprozessen in der Gruppe. Dieser „sprachlosen“, also von der Gruppe nicht thematisierte, aber in der Gruppe zu beobachtenden Stigmatisierung gilt ebenfalls die Aufmerksamkeit (Berlin Hohenschönhausen). Dresden-Johannstadt In der Gruppendiskussion Dresden und Umgebung, an der insgesamt sechs Personen teilnehmen, wird Integration in der Schule, der Jugend im Allgemeinen, als auch Anpassung in ein gesellschaftliches System sowie die Ausgrenzung von Ausländern diskutiert. Die Idealvorstellungen einer Gesellschaft werden von Frau Schumann an verklärenden Beispielen aus der DDR verdeutlicht. Die DDR gerät dabei in der Gruppendiskussion gerade wegen ihrer autoritären Strukturen zum Ideal. Frau Schumann betont zwar die Ablehnung der Partei(SED) unter Verweis auf eine Warnung des Vaters, der dies auf seine Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus bezog, aber hebt den Anstand und die Hilfsbereitschaft der„Pioniere“ insbesondere gegenüber der älteren Generation hervor: Frau Schumann:„Die haben,(.) die haben gestern Abend grade äh(.) spät war das schon, ne Sendung im Fernsehen gebracht, das hieß damals äh„Wie die Pioniere“. Die Pioniere, äh ich bin(.) ich bin nicht in der Partei gewesen, ich war überhaupt nicht, (.) äh mein Vater hat mich so erzogen, der hat immer gesagt: Partei ist Mord. Also(.) er hat das erlebt mit Hitler und alles und er hat gesagt: Nein Elke, Partei Finger von! Aber(.) die Jugendlichen, die wurden doch äh m äh zu Respekt erzogen, 168 zu Ordnung erzogen, zu- äh(.) zum Flaschensammeln, zum Papiersammeln, und was hat’s denn da alles gegeben? Das hat doch im Grunde genommen mit-mit äh mit Partei überhaupt nichts zu tun gehabt, aber auch(.) haben sie dann auch im Fernsehen gezeigt, dass sie den alten Leuten noch den Kohleneimer hoch getragen und so was, aber-aber(.) aber die-die(.) die Jugend von heute(.) ich weiß nicht.(1) Keinen Respekt mehr und keinen Respekt mehr vorm Alter und gar nichts mehr“(Z338-347). Es wird deutlich, dass sie eine Unterordnung der Jugend befürwortet, sowie Gehorsam und Pflichterfüllung. In der Gruppendiskussion spielen aber auch Aspekte der Generationalität eine große Rolle. Weiterhin wird bei Frau Schumann die versuchte Abgrenzung zur SED deutlich, aber auch die Zustimmung einer Disziplinierung der Abweichung. Denn diese Zugehörigkeit zur Gemeinschaft muss erworben werden, durch Anpassung und Arbeit, da ansonsten Sanktionen erfolgen sollen. Welche Folgen diejenigen zu erwarten haben, die dieser Norm nicht entsprechen, wird in einem Dialog von Frau Reiß und Frau Schumann deutlich: Frau Reiß: Frau Schumann: Frau Reiß: Frau Schumann: „Ich kann doch nicht immer nur die Arbeitslosen in Schutz nehmen! Die müssen mal aufgestellt werden und da sind so viel junge Leute, die auch was machen könnten! Die grade (.) die Straße mit kehren könnten, da machen die sich nicht tot! Aber äh Das kann ich überhaupt nicht verstehen, dass so was laufend wieder durchgeht, denn die ham, ich wohn jetzt acht Jahre dort und acht Jahre sind die arbeitslos oder Sozialhilfe jetzt, die(.) die stehen nur dort(an einem Kiosk, d. A.). Die bewegen sich nicht fort! Bloß, dass diese Truppe noch gewaschen da sitzt, also an den Bänken steht. Das muss ich sagen, die haben ordentliche Hosen an und sind auch gewaschen und rasiert, aber alles andere! Die haben überhaupt kein Verhältnis mehr(.) L zum Leben L Zur Arbeit 169 Frau Reiß: Und zur Arbeit. Und dann, und die werden immer vom Staat gefördert, denn wenn die in Rente kriegen, kriegen die och die Mindestrente und da haben die och wieder alles frei. Und haben sich nicht 41 oder 42 Jahre den Buckel krumm gemacht!(1) so sehe ich das! Und so ist das in vielen, vielen Fällen“(Z455-470). Die im Raum stehende Drohung gegenüber Arbeitslosen ist mit dem Begriff der Desintegration nur unzureichend beschrieben. Frau Reiß bringt die Forderung,„Arbeitslose“ sollten unabhängig von deren Willen zur Straßenreinigung eingesetzt werden, vor. Die Arbeitslosen sollen, so fordert es Frau Reiß, dem totalen Zugriff der Gemeinschaft ausgesetzt werden. Dass es hier um Leben und Tod geht(„da machen die sich nicht tot“), wird nicht nur durch den Kommentar deutlich. Bedeutsam sind auch der sehr aggressive Ton und die Körpersprache von Frau Reiß. Dieser Affekt wird sicherlich auch durch die Vermutung von Frau Reiß gesteigert, dass die Arbeitslosen mehr Geld haben als sie und das wohlgemerkt ohne zu arbeiten, während sie sich den„Buckel krumm gemacht hat“(Z469). Diese Aggressivität behält sie während der gesamten Gruppendiskussion bei und steigert diese noch gegenüber ihrer Mitdiskutantin Frau Schumann, wenn die Diskussion um das Thema Arbeitslose kreist. Spannend ist hierbei, dass der Sohn von Frau Schumann selbst nicht arbeiten geht, was ihr auch vorgeworfen wird und ein strengeres Vorgehen ihm gegenüber insbesondere von Frau Reiß eingefordert wird. Dies nimmt einen großen Anteil in der Gruppendiskussion ein, da auch Frau Schumann sich wiederholt mit diesem Thema an die anderen Teilnehmer/innen wendet. Hierbei versucht sie einerseits, ihren Sohn zu verteidigen aufgrund der Schwierigkeiten am Arbeitsmarkt, seine eigenen Bemühungen etc., drückt aber auch ihre Hilflosigkeit aus, ihn nicht stärker zur Arbeit zwingen zu können – damit er sich entsprechend ihrer Vorstellungen in die Gesellschaft integriert. Hier zeigt sich, dass nicht nur vom Individuum eine Integration durch Anpassung, sondern dass auch die Durchsetzung der„Regeln“ gegenüber der eigenen 170 Familie erwartet wird. Die Interaktion in der Gruppe ist sehr geprägt davon, dass Frau Reiß Normen vertritt, die offensichtlich auch unabhängig von ihr für die anderen Gültigkeit haben. In der Binnengruppe wird Frau Reiß zur Kontrolleurin und, wenn sie einen Normbruch feststellt, zur Verfolgerin. Die folgende Passage gibt dies beispielhaft wieder. Frau Schumann berichtet deprimiert von den Arbeitsstellen, die ihr Sohn bisher hatte. Als die alten Arbeitgeber insolvent wurden, standen noch Monate Lohn aus. Seit der letzten Beschäftigung vor drei Jahren sei ihr Sohn nun arbeitslos. Frau Schumann: Frau Reiß: Frau Schumann: Frau Reiß: Frau Schumann: Frau Reiß: Frau Schumann: Frau Reiß: Frau Schumann: Frau Reiß: „A::ber, äh(1) wie gesagt, ich wohne jetzt mit meinem Sohn alleine in den neun Zimmern, äh(1) aber wie gesagt, ich kriege ihn nicht, meinen Sohn, nicht im Guten zum Arbeiten, ich krieg ihn meinen Sohn nicht im Bösen zum Arbeiten(1) ich- mhm Ja(.) das sind natürlich auch, solche Fälle da, das ist nu och bissl in der Familie sich aber, dass man dann nun gar nicht mehr durchkommt. Also ich hab auch einen Sohn, der ist 39 und der hätte sich das auch nicht gewagt. Das muss ich Ihnen sagen. Der hätte von mir nicht ne Mark gekriegt. L Nischt! Nischt! Und den hätt ich L Kriegt er, kriegt er ja auch nicht. Er(.) er naus gejagt. Eskriegt doch sein Geld und er zahlt Miete und er zahlt auch ähm Verpflegungsgeld. Ich meine, man ist ein junger Mensch, wer ist denn da nicht früher gerne arbeiten gegangen, man wollte sich doch auch was schaffen! Natürlich! Und dass das jetzt eine korrupte Gesellschaft ist, ja das haben wir an und für sich alle gewusst, wo die Wende kam. L Und wir wussten ja wie’s im Westen ist. Arbeiten, L Und er ist ein guter Elektriker! arbeiten, natürlich auch gut Geld verdienen, aber man muss was für sein Geld tun. L Und heute ist das alles so ein Blabla, L wir werden uns noch umkucken, was hier 171 Frau Schumann: Frau Reiß: L Wissen Snoch auf uns zukommt!“(Z436-453). L N-(.) nee, nee! Tatsächlich entsteht der Eindruck, dass Frau Reiß auf Frau Schumann und deren Resignation und die ihres Sohnes nicht eingeht. Stattdessen treibt Frau Reiß ihre Mitdiskutantin förmlich vor sich her und bringt sie in einen sichtbaren Rechtfertigungsdruck. Bemerkenswert ist, dass sie sich dabei sowohl im Inhalt – Arbeitslose gehören angetrieben – als auch in der Form – der anklagenden Rede – sicher sein kann: Es kommt von Frau Schumann kein Verweis, sondern sie übernimmt die Rolle, sich zu verteidigen. Hier kommt zum Ausdruck, dass das Ressentiment gegen Arbeitslose ein Allgemeines ist, dass Frau Reiß nur ansprechen muss, aber nicht zu legitimieren braucht. Die Schwäche von Frau Schumann scheint Frau Reiß eher noch zu provozieren. Frau Schumann versucht dem zu begegnen, indem sie wie zur Besänftigung versucht, einen gemeinsamen positiven Bezugspunkt mit Frau Reiß zu finden. Neben den Klagen über die Zustände in der heutigen Gesellschaft hofft sie, diesen auch im Wunsch nach einer überschaubaren Gemeinschaft zu finden. Wenn Frau Schumann den Umgangston in ihrer Binnengruppe beschreibt, bei dem ein„Du“ sowie ein respektvolles „Tante“ bzw.„Onkel“ für eine illusionierte familiäre Gemeinschaft zu stehen scheinen, so wirkt dies fast wie ein Gegenentwurf zur Binnenstruktur der Gruppe mit Frau Reiß: Frau Schumann: Frau Lange: Frau Schumann: „Wissen Sie was, wie das bei uns noch is in Harsleben heute noch so. Wie früher. Da sacht keiner zu keinem„Sie“. Wir duzen uns alle. Ha-a. Und da hörst du immer„Tante“ und„Onkel“. Und wenn da mal n Fremder kommt und sacht(.) Tante, Onkel.[Frau Lange lacht] Äh und die älteren Leute, die äh fühlen sich beleidigt, wenn sie mit„Sie“ angesprochen werden“(Z1508-13). 172 Im Bild dieser familiären Gesellschaft aus„Onkeln“ und„Tanten“ kommt der Wunsch nach einer möglichst homogenen Gemeinschaft zum Ausdruck, die keine Abweichung von einer Gruppennorm kennt, aber eben auch in der Binnengruppe keine aggressive Sanktionierung. Dass diese homogene Gemeischaft rückblickend in der DDR ausgemacht wird, knüpft auch deutlich an die DDR-Nostalgie an, die von Frau Reiß häufig geäußert worden ist(vgl. auch 5.2). Berlin-Hohenschönhausen An der Gruppendiskussion in Berlin-Hohenschönhausen haben insgesamt neun Personen teilgenommen. Da es sich hierbei um eine feste Jugendgruppe handelt, wird die Zugehörigkeit zu oder eben auch der Ausschluss aus der Gruppe angesprochen. Das Verhältnis zum Umfeld, etwa zum Kiez, wird bei der Gruppenkonstitution ebenso Thema, wie auch der Benefit durch die Gruppenmitgliedschaft eine große Rolle spielt. In der Gruppendiskussion in Berlin-Hohenschönhausen kann damit auch die Funktionsweise des Gruppendrucks beobachtet werden. Integration in der Gruppe Die Gruppe wird von Herrn R. Müller vorgestellt, der sich damit bereits in seiner Führungsposition für die Gruppe präsentiert. Dabei behauptet er die heterogene Zusammensetzung der Gruppe. Mit dieser Positionierung als Wortführer der Gruppe zeigt er auch, dass es Aufgabe des Gruppenführers ist, die Positionen der Gruppenmitglieder zu bestimmen: Herr R. Müller:„Also bei uns sind verschiedene Gruppen. Er hasst seine Mutter, wir den[allgemeines Lachen]. Sie ist hier die Gebildete, er macht Ausbildung. Sie hat Kneipe früher besessen. [Frau Jaqueline Müller lacht, Andrea Darmann auch]. Er ist nen, er ist Familienvater[ey], er ist nen Landstreicher.[La173 chen…durcheinander](4) Er geht in die Schule, sie geht in die Schule[Zustimmung]. Bei uns ist alles vertreten. Und das Gemischte passt eben auch mal miteinander“(Z179-184). In der Positionierung durch Herrn R. Müller wird sehr deutlich, dass nicht alle denselben Status haben. Wenn mit der Zuweisung des Status’ etwa als„Landstreicher“ die Gruppe diese Positionierung mit Lachen quittiert, bestätigt sie Herrn R. Müllers Rolle als Wortführer. Innerhalb der Gruppe entscheidet Herr R. Müller darüber hinaus klar über die Integration und den Status des/der Einzelnen, der gegebenenfalls auch mit Gewalt durchgesetzt wird: Herr M. Müller: Herr R. Müller: „Bin ich Dir ins Wort gefallen? Mach noch mal, dann hau ick Dir eine rin“(Z1200-1204). Diese exemplarische Interaktion zwischen Herrn R. Müller und Herrn M. Müller gibt eine autoritär strukturierte Gruppe zu erkennen. Autoritäre Gruppen zeichnen sich unter anderem durch einen sehr begrenzten Pluralismus bzw. durch eine antidemokratische Gruppenstruktur aus(vgl. auch Kapitel 5.2). Die Gewalt bzw. deren Androhung als Bestrafung für mangelnde Akzeptanz der Gruppennorm zeigt sich immer wieder im Verlauf der Gruppendiskussion. Die Nähe zu„herkömmlichen“ autoritären Anpassungsvorstellungen wie beispielsweise in der Gruppendiskussion Dresden-Johannstadt zeigt sich bei der Herausstellung der Arbeitstätigkeit als Integrationsvoraussetzung: Herr R. Müller:„Ach ja(ja du) muss ooch arbeiten, wir sind ja keene Assis oder so wat. Das das schon mal ganz klar is.[Mhm]“(Z215216). Herr R. Müller definiert hier als Voraussetzung der Integration in die Gruppe, kein„Assi“ zu sein. Eine Binnenstruktur, die teilweise vor den diskriminierenden Normen der Umwelt schützt, wie etwa in Herdecke, 174 ist in der Gruppe von Berlin-Hohenschönhausen nicht gegeben. Wer nach herrschenden Vorstellungen nicht zählt(„Assi“), hat auch in der Gruppe nichts verloren. I1: Herr H. Fend: Herr M. Müller: Herr R. Müller: Frau N. Müller: Herr M. Müller: Herr H. Fend: Frau N. Müller: „Und äh also es sind auch Leute schon rausgeflogen, die denn aus Eurer L Gruppe die L Ach(.) hat er uns herjelockt? Ja was heißt rausgeflogen? L Rausgeflogen die beleidigt sind gegangen. L Ne rausgeflogen gibt’s(akzeptiert werden). Dit kann man, dit kann man nich sagen, dass se rausgeflogen wern. Die sind freiwillig jegangen. Dit jibt, generell jibt et Leute im Leben, denen du begegnest, entweder ja passen se dir und die sind dir auf Anhieb sympathisch oder nich. Und wenn mir jemand auf Anhieb nich sympathisch is, dann hat er ooch janz(schlechte) Karten bei mir. Also dit is nich das Aussehen sondern dit is einfach nee L , nee dit is nich dit Aussehen, sondern dit is dit“(Z25312555). Die Kriterien für Zugehörigkeit bleiben dunkel, es entsteht eher der Eindruck, dass es eine für die Betroffenen selbst nicht zu fassende, aber sehr eindeutig von der Gruppe und vor allem von Ronny Müller definierte Größe ist, die über Zugehörigkeit oder Rauswurf entscheidet. Damit wird auch die Gefahr, aus der Gruppe ausgegrenzt zu werden, präsenter. Dabei kann dieser Gefahr aber auch nicht begegnet werden, da die Normen vorsprachlich, sympathisch oder nicht, als reine Idiosynkrasien wirken. Wer nicht passt, wird hinausgeworfen – aktiv und auch gewalttätig. Dies wird in der Gruppendiskussion mehrfach betont, im Folgenden ein sehr prägnantes Beispiel: Herr R. Müller:„Na ja und die andern sind halt alle dazugekommen.(.) L Und die wir nicht leiden konnten, die ham wir wieder rausgeschmissen. 175 Herr H. Fend: Frau N. Müller: Herr A. Müller: L Dazugestoßen. (Jeekelt) ach Rausgeekelt besser gesagt[durcheinander, unverständlich]“ (Z311-316). „Benefits“ der Gruppenmitgliedschaft Der„Benefit“ der Gruppenmitgliedschaft besteht auch in der gewalttätigen Verteidigung des einzelnen Gruppenmitglieds gegenüber der jeweils definierten Outgroup. Auf der Handlungsebene spielt Gewalt eine verbindende Rolle. Während die Ursache für die Aggression häufig nach außen gelegt wird, kommen sich die Gruppenmitglieder bei den dann als Verteidigung empfundenen Angriffen gegenseitig zur Hilfe. Ronny Müller schildert eine entsprechende Situation. Er bekommt auf sein Mobilfunktelefon eine Nachricht, dass etwas passiert sei und geht an den angegebenen Ort: Herr R. Müller: Frau N. Müller: „Na ja und es hat jar nich lange gedauert, schwups die wups waren die Keulen und die Baseballschläger weg und ik seh nur alle rennen.[Nadine Müller lacht] So schnell konnt ik meine Hose jar nich anziehen,[Nadine Müller lacht] weil ich einfach beschäftigt war. Seht ihr, is oh ja ni peinlich, interessiert mich gar nicht. Na ja und die sagen wie es is, und eigentlich gehen die immer zum Italiener, und ik bin zum Italiener gerannt mit‘m Schlagstock. Na und die alle sind zum Bahnhof. Und bin zurückgeloofen, da standen se alle an der Wand. Se ik schön wie die Chaoten mit de Keulen in de Bullenmasse ringerannt.[Mhm Jaqueline Müller] Aber ejal, coolet Bild, L auf jeden Fall. Hätt ik jerne mal jesehen, jerne mal jefilmt. L Aber wat man noch sagen muss.(.) Also wat richtig geil ist, wenn richtig Kacke am dampfen is, ejal bei wem es ist, wir sind immer da. Also wir halten noch richtig zusammen, also dit find ik so cool, in manchen Situationen 176 Herr H. Fend: Herr A. Darmann: Frau N. Müller: I2: Herr R. Müller: Herr M. Weber: I2: Herr R. Müller: Alter muss ik schon sagen is schon()[Andrea Darmann: Dit stimmt]. Also es jibt Situationen, wie die grade hier erzählt wurde mit den Schlagstöckern und so is nich so die feine englische. Erzähl doch dit von Ivo, mit diesen Scheiß Rasten. Ey ey. Aber so, halten wir schon zusammen,[Zustimmung Jaqueline Müller], das is schon richtig geil. °Mit dem Marcel? Wat is? Wie eine große Familie. Mit Marcel? Das is nen Kanakenschwein“(Z1513-41). Als Herr R. Müller an den Ort einer Schlägerei kommt, sieht er, dass die Mitglieder seiner Gruppe von Polizeibeamten kontrolliert werden. Dass die vorher postulierte Solidarität jedoch brüchig ist, zeigt sich hier in der Schadenfreude, die sich entgegen der Behauptung von Frau N. Müller auch gegen individuelle Schwächen und Schwierigkeiten richten kann. Die nach Außen gerichtete Gewalt kann sich im selben Moment auch gegen die Mitglieder der Gruppe richten, hier etwa gegen Marcel. Abgrenzung nach Außen Es wird eine klare Überlegenheit im Kiez formuliert, in der sich alle anderen unterzuordnen haben. Hierüber besteht Konsens und durch diesen Konsens wird die individuelle Integration in die Clique gestärkt: I1: Herr R. Müller: Herr M. Weber: „Und gibt’s andere, wo ihr L (Bezirk) mit dem man da Stress habt, oder? L Welche denn?(So was ne Oma als die Junge). Nee L die die ham sich alle L schon ufjelöst, bevor sie sich jebildet haben. 177 Herr H. Fend: Herr R. Müller: Herr M. Müller: Frau J. Müller: Herr R. Müller: Frau N. Müller: Herr M. Weber: Herr R. Müller: L Wat hab ikke? L Du hast deine Oma immer(). [Jaqueline Müller, Andrea Darmann lachen laut(4)] Ha ik grad schon wieder nich jeschnitten, wat war die Frage? J Aber jut. Er hat jefragt, ob noch ne anderen Gruppen hier sind. Da sagt er die ham sich ufjelöst, bevor se sich jebildet ham. J Na wieso eene Gruppe gibt’s ja noch, die Spasten die immer an de Schule sind, die au nich(verkeilt). °Das is ja keene Gruppe°. Ja die können wir oo noch nich verkeilen, solange er da (). Ach solange dit Verfahren noch looft, wa? Können wir noch nix machen. Ah jo.[Marcel Müller, Jaqueline Müller lachen]“(Z671-741). Neben der Herausstellung des Kiezes und der eigenen Zugehörigkeit werden auch mehrfach klare Abgrenzungen gegenüber der Umwelt gezogen. Ronny Müller:„Wir ham alle keen Bock auf andere Wichser, das is alles Alter. Die können schon zu uns kommen und aufs Maul kriegen, aber wir nich zu denen. Mehr is dat ni. So seh ik ditte“ (Z1194-1196). Zusammengefasst handelt es sich um eine autoritär strukturierte Gruppe, bei der sowohl Integration als auch Ausgrenzung stark mit Gewalt umgesetzt werden. Die Ablehnung von„Anderen“ stärkt die individuelle Integration in die Gruppe. Es wird ein großer Zusammenhalt behauptet, der aber als„Preis“ für die Unterordnung und gewalttätige Verteidigung der Gruppe als Ganzes sowie der einzelnen Mitglieder einfordert. 178 Was sich in dieser Jugendgruppe aus Berlin-Hohenschönhausen zeigt, ist vor dem Hintergrund der in den anderen Gruppendiskussionen zu beobachtenden Erfahrungen aber mehr als nur eine gewalttätige Jugendgruppe. Die drohende Erfahrung von Ausgrenzung und Gewalt bei Abweichung ist in den Gruppendiskussionen allgemein zu beobachten. In der Gruppe aus Berlin-Hohenschönhausen wie auch in der Diskussion in Dresden-Johannstadt ist das Besondere einmal die Verdoppelung der Gewalt nach Innen, jeder kann Täter und Opfer werden. Zum anderen fällt die unverblümte Legitimation der Gewalt gegenüber Abweichung der anderen ins Auge. Zwischenresümee Die Erfahrung, dass einzelnen Menschen bei Abweichung Stigmatisierung droht, fanden wir in den Gruppendiskussionen häufig. Das betraf nicht nur die im Folgenden noch darzustellende Stigmatisierung von Randgruppen, sondern war eine Erfahrung, mit der sich viele Teilnehmende konfrontiert sahen und die sie auch befürchteten. Es gab neben den„äußeren Fremden“(Migrant/innen, Nationen) auch„innere Fremde“(Erdheim 1987, 263), die stigmatisiert wurden. Über die Wirkung der Stigmatisierung„äußerer“ und„innerer Fremder“ kann auf ein gemeinsames Motiv im Hintergrund geschlossen werden. Dabei ist es die zu beobachtende paradoxe Wirkung des Stigmas, die Beachtung verdient: Die Stigmatisierung wird von Seiten der Ausgegrenzten nicht befürchtet, weil sie Desintegration zur Folge hätte. Im Gegenteil lässt sich zugespitzt formulieren, dass ein Stigma erst Recht dem vollen Zugriff der Gemeinschaft ausliefert. Dieser Zugriff ist gewaltvoll und kann bis hin zur körperlichen Schädigung oder Vernichtung reichen. Damit wurde auch deutlich, dass der Begriff der Desintegration nur einen Teil des Prozesses korrekt beschreibt und zwar gerade nicht den 179 sozialen Aspekt: Goffman und auch Pettigrew und Meertens beschrieben zwar den Ausschluss aus einer„In-Group“ als sozialen Prozess und die Desintegrationsforschung schließt beim Versuch, rechtsextreme Einstellung mit solcher befürchteter Desintegration zu begründen, an solche Überlegungen an(Heitmeyer& Mansel 2008). Da aber dieser Prozess mit einer Aggression auf den Ausgeschlossenen und einem immer möglichen und daher totalen Zugriff einhergeht, bedeutet er im sozialen Sinne keinen Ausschluss und kann auf diesem Weg nicht verstanden werden. Es ist eher ein weit reichender Einschluss: Die Stigmatisierung geht mit konkreter oder„symbolischer Gewalt“(Bourdieu 1987) einher, der sich der/die Betreffende durch den Verlust von Schutzrechten nicht oder nur sehr schwer entziehen kann. Betrachten wir das soziale Geschehen, ist treffender von einem Einschluss der Stigmatisierten zu reden. Im sozialen Raum gibt es kein Drinnen und Draußen, daher kann es im Sinne des Wortes keinen Ausschluss geben:„alles ist drin im Raum“(Waldenfels 1990, 29). Das vorherrschende Gefühl, das mit diesem befürchteten Stigma einhergeht, ist eine Aggression. Das lässt sich den Berichten derjenigen mit Stigmatisierungerfahrungen genauso entnehmen wie den Gruppendiskussionen, in denen„Fremde“ stigmatisiert werden. Diese Aggression eröffnet für die Analyse des Phänomens eine weitere Ebene. Wenn es sich auch korrekt formuliert nicht um einen sozialen Ausschluss handelt, so kann es sehr wohl um einen psychischen Ausschluss gehen. Psychoanalytisch kann von einem Ausschluss aus dem„GruppenWir“ gesprochen werden: Gruppen allgemein, aber auch unsere Gruppendiskussionen konstituieren sich als Gruppe erst über die Identifikation mit einem gemeinsamen Ideal. Dabei werden zugunsten dieses Gruppenideals Identifikationen, die die einzelnen Mitglieder oder Teilnehmende als Individuum auszeichnen, zurückgenommen. Es kommt zu einer Gruppenkohäsion, bei der abweichende individuelle Aspekte verleugnet werden, zugespitzt formuliert wird Individualität zugunsten einer Gruppen180 norm aufgegeben. Wenn nun von einer Desintegration zu reden ist, dann in Bezug auf ein psychisches Geschehen: Dieser Prozess besteht darin, dass diejenigen, die nicht mit dem gemeinsamen Ideal der Gruppe identifiziert werden, tatsächlich sichtbar aus der Gruppe ausgeschlossen werden. Dabei ist es unerheblich, ob tatsächlich eine Abweichung vorliegt oder nur fantasiert wird. Die ökonomische Desintegrationserfahrung wird so als Armutsstigma zu einem Sonderfall der allgemeinen Drohung, aus der Gemeinschaft und Gesellschaft als„Fremd“ ausgeschlossen zu werden. Dieser psychische Ausschluss kann als Spaltung verstanden werden. Welche Inhalte warum abgespalten werden, gilt es zu verstehen. Betrachten wir die Beschreibungen dieser Erfahrungen aus den Gruppendiskussionen, dann lässt sich das folgendermaßen zusammenfassen: Der Anpassungsdruck und die Bereitschaft zur Stigmatisierung anderer scheinen ein allgemeines Phänomen zu sein, dass sich, wie oben gezeigt, einmal in der eigenen Erfahrung der Teilnehmenden als Opfer der Stigmatisierung zeigen kann. Es tritt aber auch im Versuch zutage, der Stigmatisierung durch Anpassung an Gruppennormen zu begegnen, sowohl in unseren Gruppendiskussionen als auch in Berichten über das Umfeld der Teilnehmenden. Weiterhin zeigt sich dieser allgemeine Anpassungsdruck in der spontanen Bereitschaft, abweichendes Verhalten auszumachen und zu verfolgen. Unabhängig von ausländerdfeindlichen und antisemitischen Einstellungen ist in vielen Gruppen dieses Phänomen zu beobachten. Mit dem Ausschluss wird für den/die Betroffene(n) auch ein Prozess ausgelöst, der gleichermaßen die Individualisierung und die Entindividualisierung mit sich bringt, was im Weiteren zu beachten ist. Was durch die beschriebenen Erfahrungen des Ausgeschlossenseins in den Gruppendiskussionen zu beobachten ist, ist einerseits eine Prüfung der Personen, ob sie mit der umgebenden Norm in Deckung sind. Sind sie es nicht, so vollzieht sich von außen eine eigentümliche Betonung ihrer Individualität – eigentümlich, da sie durch das Stigma als Person hervorgehoben werden, aber als Person nur noch Stigma sind – eine Persona non grata. 181 Reduziert auf das Stigma, wird die durch das Merkmal gleichermaßen individualisierte und entindividualisierte Person zum Objekt der Aggression. Auch dieser Prozess muss verstanden werden. Der Konflikt von Allgemeinem, den Interessen an der Organisation der Gesellschaft, und dem Besonderen, dem einzelnen Menschen, wird zuungunsten des letzteren gelöst. Bemerkenswert ist die Legitimation des Normierungsdrucks und auch der Gewalt bei Verstoß gegen die Norm bei allen Beteiligten – auch dann noch, wenn sie selbst Opfer dieser Gewalt geworden sind. Dass durch eine Normverletzung nicht etwa droht, aus der Gemeinschaft herauszufallen, sondern die totale Auslieferung an die Gemeinschaft stattfindet, kann nicht nur in dörflichen Gemeinschaften beobachtet werden, sondern lässt sich auch auf größere Kollektive übertragen. Armutsstigmatisierung etwa führt nicht etwa dazu, dass die Personen aus der Gesellschaft herausfallen, sondern dem Zugriff gesellschaftlicher Institution total ausgesetzt werden. Die von Frau Reiß formulierte Forderung wurde selbst von Frau Schumann, deren Sohn Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt hat, geteilt und findet auch eine gesellschaftliche Entsprechung im öffentlichen Diskurs, in dem sich das Bild vom„Lebenskünstler“ zum„Sozialschmarotzer“ gewandelt hat. Die Gesellschaft wird dann zum ungebändigten Leviathan, der den Einzelnen durch ihre Institutionen in allen Lebensbereichen erfassen und verobjektivieren kann. Diese Form der wirtschaftlichen Stigmatisierung als Desintegration zu bezeichnen bedeutet, eine relevante Dimension auszublenden, nämlich den Verlust an Schutzrechten, der dem Zugriff erst recht aussetzt. Kann in den Gruppendiskussionen das Bemühen beobachtet werden, an eine Binnengruppennorm Anschluss zu finden, dann steht im Hintergrund häufig die Befürchtung eines Armutsstigmas. So geht die Bemühung in Richtung einer Aufwertung(Up-Grade) des eigenen Status’, indem der eigene Statusverlust verleugnet wird. Die Verleugnung vollzieht sich sichtbar, indem von den Betroffenen selbst aktiv an der Errich182 tung einer„höheren“ Gruppenbinnennorm(Einkommen und Bildung als Status) mitgearbeitet wird, obwohl sie selbst diesen Status nicht erfüllen können. Die Konstruktion einer biografischen Logik, wie sie in der 1-€/DM-Kontinuität in Neuss zum Ausdruck kommt, zeigt ebenfalls den gesellschaftlichen Druck an, der auf den vom Stigma Bedrohten lastet (Wohlrab-Sahr 1994). Dieser Ausschluss durch eine Gruppe oder Gemeinschaft lässt sich als ein Schicksal beschreiben, das allgemein droht und das die Teilnehmenden auch berichten. Die Ursachen gilt es nun im Besonderen zu untersuchen. Zu Verstehen ist, welche Mechanismen im Hintergrund dieses Anpassungsdrucks wirksam sind. Das aggressive Ressentiment ist sichtbar geworden, aber in seiner Aufladung noch nicht verstanden. Die Beschäftigung mit der Abweichung in den Gruppendiskussionen zeigt eine doppelte Bewegung: Die Abweichung wird verfolgt, aber eben auch gesucht. Die Beschäftigung mit der Abweichung hat ein Movens, einen Antrieb. Im Hintergrund der Stigmatisierung anderer wird ein projektives Moment immer deutlicher. Mit Projektion wird die Wahrnehmung einer Eigenschaft beim anderen beschrieben, die tatsächlich beim Beobachter liegt. Die Wahrnehmung etwa des langhaarigen Sohns von Frau Fehser oder der Arbeitslosen durch Frau Reiß als provozierend, verschleiert, dass diese Objekte nicht Subjekte der Aggression sind, sie werden als projektiv aber zu denjenigen, die aggressiv sind. Die eigene Aggression, ob in Form der Ausgrenzung, Disziplinierung oder körperlichen Gewalt, wird immer schon durch die eine scheinbare Aggression des Opfers begründet, was einer Umkehrung der Realität gleichkommt. Die in Dresden-Johannstadt und Berlin-Hohenschönhausen zu beobachtende Stigmatisierung orientiert sich am Motiv des„Assis“, also eines „Asozialen“, der nichts für die Gemeinschaft leiste. Die ebenfalls anzutreffende DDR-Nostalgie weist auf eine Wurzel hin. Das DDR-Strafrecht kannte den Asozialen. Diese Bezeichnung steht nicht ohne Tradition, da auch die Verfolgung von sogenannten Arbeitsscheuen im Nationalsozi183 alismus systematisch betrieben wurde(vgl. auch Sozialdarwinismus in Kapitel 5.3). Im Nationalsozialismus führte diese Stigmatisierung zur absoluten Rechtlosigkeit des/der Einzelnen, zu einer Preisgabe des Individuums gegenüber der Willkür der Gesellschaft. Die Kontinuität der Diskriminierung als„faul“,„arbeitsscheu“ oder„Assi“, die den Hintergrund dieser Begriffsverwendung ausmacht, wie auch die Wut, die bei diesem Thema freigesetzt wird, kommt in der Diskriminierung als arbeitsscheu zum Ausdruck. Welche Wurzeln diese Wut nähren, bleibt noch zu klären (vgl. Sozialdarwinismus und narzisstische Plombe), aber das Motiv für das Ressentiment verweist auf die autoritäre Aggression im Nationalsozialismus, das auch in der DDR überdauert hat. In der Auswertung der ausländerfeindlichen und antisemitischen Einstellungen aus den Gruppendiskussionen soll versucht werden, den allgemeinen Normierungsdruck und die allgemeine Gewaltandrohung als Hintergrund der rechtsextremen Einstellung zu berücksichtigen. Hierbei liegt das Augenmerk auf sozialen und psychischen Prozessen, die wir beschreiben können. 5.1.2 Ausländerfeindlichkeit Ausländerfeindlichkeit war in den meisten Gruppendiskussionen Thema(vgl. auch Kapitel 4). Das ist insofern bemerkenswert, als dass sich nur wenige Unterschiede zwischen den Gruppen mit hohen und niedrigen Werten bei der Ausländerfeindlichkeit in der Fragebogenuntersuchung „Vom Rand zur Mitte“ gezeigt haben. In manchen Gruppen wurde die Ausländerfeindlichkeit als Diskriminierungserfahrung angesprochen, in der Regel wurden aber neben ausländerfeindlichen Stereotypen auch Vorurteile und Ressentiments geäußert. Diese Ausländerfeindlichkeit konnte in fast allen Gruppen beobachtet werden, auch wenn in den Fragebögen Ablehnung oder Teils/Teils-Zustimmung zu den entsprechenden Aussagen angegeben worden ist. 184 In Bezug sowohl auf die eigene und andere Nationen, wie auch auf Migrant/innen sowie auf Juden und Jüdinnen können Stereotype(verallgemeinernde Zuschreibung von angeblich kollektiven Eigenschaften) von Vorurteilen(Stereotype mit negativer, affektiver Einfärbung) und deutliche Ressentiments(ablehnende Äußerungen mit starker affektiver Beteiligung) abgegrenzt werden. Während Stereotype als kognitives Element der Einstellung begriffen wird, sind Vorurteile und Ressentiments ebenfalls Varianten der Einstellung, aber mit affektiver bzw. starker affektiver Aufladung(Allport 1958). Neben dem Vorkommen entsprechender Äußerungen in den Gruppendiskussionen ist im Folgenden entsprechend der Untersuchungsfrage vor allen Dingen interessant, welche Bedeutungen der Stereotype, Vorurteile und Ressentiments sich erfassen lassen und zum anderen, wie diese in den Gruppendiskussionen behandelt werden. Dabei zeigt sich ressentimentgeladene Ausländerfeindlichkeit in den Gruppendiskussionen nicht nur durch die Häufigkeit als die bedeutsamste Dimensionen des Rechtsextremismus, auch die Konsensfindung über fremdenfeindliche Vorurteile und Ressentiments in der Gruppe macht die Zentralität der Ausländerfeindlichkeit deutlich. 5.1.2.1 Reflektierte Vorurteile und Migrant/innen Berlin-Mitte In zwei Gruppendiskussionen wurden die Erfahrungen mit Migrant/innen und auch mit Fremd- und Autostereotypen Thema, ohne dass Ressentiments auftraten. In der Gruppendiskussion Berlin-Mitte wurden die Stereotype selbst Gegenstand der Reflexion. 185 Deutsche Lebensart In der Gruppe verbindet alle Teilnehmenden gleichermaßen, dass sie wenige Kontakte zu früheren Freunden haben. Nachdem die einzelnen Teilnehmenden nach Berlin gezogen sind(vgl. Kapitel 5.1.1.1), bestehen nur wenige Kontakte zu Freundschaften aus der Kinder- und Jugendzeit. Wenn Kontakte vorhanden sind, dann zu Menschen, die den Herkunftsort ebenfalls verlassen haben, wie Frau Rudolf, die Kontakt zu ihrem Bruder in China hält. Sie leitet zu einer Sequenz über, in der es um Auto- und Fremdstereotype geht, denn Herr Pietz greift das Thema Auslandsaufenthalte auf und schließt das für sich selbst aus: Herr Pietz: Frau Heubach: Herr Pietz: Frau Post: Herr Pietz: „Aber das is natürlich auch wieder ne Sache des Alters.(2) Also, ich könnt mir für mich nicht mehr vorstellen, sagen wir mal, jetzt nach Paris zu ziehen oder London oder so. Ich könnt mir vorstellen äh nach München, ja. Das hat natürlich wieder mit einer sogenannten deutschen Lebensart zu tun,(.) ja. Während, sagen wir mal, meine Tochter zum Beispiel, die wär also in der Beziehung auch viel flexibler, ne. Ich muss sagen, was meinen Sie mit deutscher Lebensart? Na ja, überhaupt, die deutsche Lebensart, ne. Nen Amerikaner sagt, der Deutsche is gemütlich, ja. Oder Viele sagen auch: wenn ein Deutscher nicht meckert, is es keen Deutscher, Das hab ich noch nie-. oder eben nölt, ja, dann wär’s kein Deutscher. Das is wieder ne negative Lebensart, ne“(Z448-462). Die Formulierung„Deutsche Lebensart“ provoziert die anderen Teilnehmenden. Herr Pietz eröffnet seine Rede mit einer Selbstoffenbarung, wegen des Alters nicht mehr flexibel genug zu sein, ins Ausland zu gehen. Als er von einer„deutschen Lebensart“ spricht, kommt es zu einer konfrontativen Nachfrage von Frau Heubach, was Herr Pietz mit diesem Begriff meint. Das Autostereotyp des„Deutschen“ als gemütlich und nör186 gelnd scheint Frau Heubach zu befrieden. Welches Wort die Nachfrage von Frau Heubach auslöste, das„deutsche“ oder die„Lebensart“, lässt sich nur aus der Besänftigung erschließen, wenn die Eigenschaftszuschreibung negativ ausfällt. Herr Pietz führt weiter aus, dass er vor allem an sein Alter gedacht habe. Er habe nicht mehr die Lebenserwartung, sich im Ausland noch einmal einzuleben. Frau Rudolf schließt mit der Bemerkung an, dass es „heute“ erwartet würde, ins Ausland zu gehen. Vermutlich durch die noch frische Konfrontation mit Frau Heubach, scheint Herr Pietz diesen Einwurf als Fortsetzung des Widerspruchs gegen sich wahrzunehmen und betont, nun selbst konfrontativ, noch einmal sein Alter und führt dann aus: Herr Pietz: Frau Heubach: Herr Pietz: Frau Heubach: Herr Pietz: „Ich meine mit deutscher Lebensart. Ich will mal Folgendes dazu sagen: ich war mal zwei Jahre im Ausland, in Afghanistan. Der Orientale lebt ganz anderes wie ein Deutscher, ja. Wenn der sein äh, sein Geschäft aufmacht und hat um zehn Uhr vormittags sein Geld verdient, dann hört er auf zu arbeiten. Dann sagt er: warum soll ich weiterarbeiten? Ich hab doch für heute mein Geld verdient. Is doch idiotisch jetzt bis abends zu arbeiten, ne. Das würde n Deutscher nie machen.(2) Der würde Vorsorge treiben, immer.(2) Der würde nie auf die Idee kommen: ich hab jetzt mein Geld für heute verdient, ja, und höre jetzt auf für den Tag.(3) Das is jetzt natürlich auch wieder eine negative Sache, eine Lebensart der Deutschen, ne.(4) Aber ich wollt auch damit sagen, früher hat mir das gar nichts ausgemacht, heute würde ich da nicht mehr hinziehen. Gut, abgesehen von den politischen Verhältnissen, ne.(2) Aber heut würd ich’s nich mehr machen. Was haben Sie die zwei Jahre da gemacht? Bitte? Was haben Sie die zwei Jahre dort gemacht? Entwicklungshelfer“(Z488-506). 187 An diesem Punkt kommt Herr Pietz auf die Formulierung„deutsche Lebensart“ zurück und begründet noch einmal, diesmal ausführlicher. Die vorwurfsvolle Nachfrage von Frau Heubach scheint durch das Missverständnis zwischen Herrn Pietz und Frau Rudolf aktualisiert worden zu sein oder vielleicht auch Herrn Pietz’ Sensibilität gegenüber Frau Rudolfs Ergänzung zu seinen Ausführungen ausgelöst zu haben. In jedem Fall beginnt Herr Pietz eine Begründung seiner Formulierung von der„deutschen Lebensart“(Z488-498). Er kontrastiert zunächst Deutsche mit Orientalen, konkret Afghanen, da er in Afghanistan einige Zeit zugebracht hat. Der Deutsche treibe Vorsorge, der Orientale lebe stärker im Hier und Jetzt. Zu bemerken ist, dass der Auslandsaufenthalt von Herrn Pietz erst an dieser Stelle zum Tragen kommt und zwar als Legitimation seiner Aussage zur„Deutschen Lebensart“. Offensichtlich kann Herr Pietz zur Diskussion um Auslandsaufenthalte nicht mit eigener Erfahrung beisteuern, obwohl er diese hat. Hier wird deutlich, dass er, als das Thema aufkam, zunächst in der Verneinung reagiert hat. Trotzdem findet nun diese Lebenserfahrung bei den Mitdiskutantinnen Resonanz, nicht seine Ausführung zur„Deutschen Lebensart“ oder das Stereotyp zu„Orientalen“: Frau Heubach fragt nach, was Herr Pietz denn in Afghanistan gemacht habe. Diese nun freundliche Nachfrage verwirrt Herrn Pietz zunächst, doch er antwortet dann. Trotz des Altersunterschiedes scheint Herr Pietz in der Gruppendiskussion mit den Jüngeren einen Erfahrungshintergrund zu haben, den er mit ihnen teilt. Durch eine Nachfrage einer Interviewerin wird das Thema zunächst wieder auf das unmittelbare aktuelle Lebensumfeld gelenkt und Herr Pietz erzählt von seinem Viertel. Er wohne so, dass er mit dem Fahrrad ins Grüne rausfahren könne, habe aber den Nachteil, dass es einige Jugendgangs und Kriminalität gäbe, die er aber nur vom Hörensagen kennt. Er berichtet über Erfahrungen mit„Migrantenkindern“ bzw.„südländischen Typen“, die von ihm als bedrohlich wahrgenommen werden(Z551-562). 188 Obwohl Herr Pietz hier Fremdstereotype präsentiert, wird er auch hier von den Teilnehmenden nicht hinterfragt. Das Gespräch geht weiter und kurze Zeit später wirft Herr Pietz ein weiteres Autostereotyp ein, wenn er„die Deutschen“ als„sehr spendierfreudig“ bezeichnet(Z631), auch beschreibt er Deutsche als Menschen, die gerne vergleichen anstatt auch Sachen gut sein zu lassen(Z654-662). Frau Heubach fragt an Herr Pietz gerichtet nach, warum man nicht vergleichen sollte. Herr Pietz relativiert etwas und beschreibt vor allem eine Tendenz„der Deutschen“ im Vergleich zu anderen Nationalitäten, beständig zu vergleichen. Auch diese Autostereotype wird von Frau Rudolf und Frau Heubach mehr skeptisch als kritisch angesprochen. Dies ändert sich, als Herr Pietz in einer folgenden Sequenz, in der die Teilnehmenden über den Holocaust sprechen, folgende Bemerkung macht: Herr Pietz: Frau Heubach: Herr Pietz: Frau Heubach: Herr Pietz: Frau Heubach: Herr Pietz: Frau Heubach: Herr Pietz: Frau Heubach: Herr Pietz: Frau Heubach: Herr Pietz: „Is das vielleicht auch ein typisch deutsches Problem?(2) Ich sag mal so, denn meine, ein Amerikaner macht sich zum Beispiel(.) nicht so viele Gedanken.(2) ° J (.) J ° Oder?(2) Oder is das verkehrt? L Darf ich Ihnen mal eine Frage stellen? Sie haben doch eben gesagt, sie warn(.) L Bitte? Darf ich mal-, Sie haben doch vorhin gesagt, Sie waren noch nie in Amerika, oder? Nein. J (.) J Aber ich hab Verwandte da. Ach so, weil Sie so immer die Vergleiche anstellen, wo ich dann so denke: mhm Nein. Ich will keine Vergleiche anstellen. Ja, aber Sie kommen aber immer mit den Amerikanern.[andere Person: J (.) J ] J Das hat mich jetzt so’n bisschen gewundert J . Ok, nee.(.) Das wollte ich nur gerne wissen. Das hat mich jetzt so’n bisschen so(.) irritiert. Mhm“(Z1063-1095). 189 Frau Heubach führt Herrn Pietz förmlich vor, indem sie ihm deutlich macht, dass er nur mit Stereotypen argumentiert und dabei auch noch seine eigene Stellungnahme, man solle nicht vergleichen, bricht. Das interessante an dieser Interaktion ist, dass Herr Pietz nicht aggressiv auf das Verhalten der jungen Frau reagiert, sondern die Kritik eher zu akzeptieren scheint. „Nehmt die Wäsche von der Leine“ Indem Frau Heubach erneut auf Vorurteile im Allgemeinen, negative wie auch positive, abhebt und kritisiert, dass dies meist nicht als Problem wahrgenommen werde, scheint sie einen Gruppenkonsens zu formulieren, der einen weiteren Austausch über eigene Vorurteile gestattet. In einem längeren Beitrag schildert Frau Heckel ihre Erfahrung mit einem Amerikaner in Deutschland im Rahmen eines sogenannten Tandemprogramms zum gegenseitigen Fremdsprachenunterricht. Dabei sei sie sich sowohl ihrer eigenen Vorurteile als auch der Vorurteile des Amerikaners bewusst geworden, doch hätten sich diese dabei nicht nur abgebaut, sondern teilweise auch verfestigt. In Reaktion auf die Äußerung von Herrn Pietz, im Allgemeinen erwarteten Amerikaner, dass mit ihnen Englisch geredet würde, entspinnt sich ein Dialog zwischen Frau Heckel, Herrn Pietz und Frau Post, in dessen Verlauf sie sich mit Beispielen über Amerikaner, die nicht über andere Länder informiert seien, gegenseitig ergänzen und bestätigen. Frau Heubach positioniert sich in der Folge gegen dieses Einverständnis. Sie greift dabei das Thema der englischen Sprache auf und hebt deren besondere Bedeutung als Weltsprache hervor. Frau Post greift erneut die Alltäglichkeit und Nähe von Vorurteilen auf, indem sie auf Vorurteile gegenüber Berliner/innen oder gar gegenüber Bewohner/innen bestimmter Stadtteile verweist. 190 In der Gruppe entsteht in der kritischen Auseinandersetzung mit eigenen Stereotypen und mit Vorurteilen eine gemeinsame Leitfigur: Stereotype und Vorurteile seien nicht zu vermeiden, aber es gelte, diese zu reflektieren und damit flexibel zu bleiben. Dass sich dabei tatsächlich eine Gruppe konstituiert, wird deutlich, wenn das Gespräch auf Vorurteile in den Herkunftsfamilien kommt. Frau Post und Frau Heckel fällt gleichermaßen der Spruch„Nehmt die Wäsche von der Leine – die Zigeuner kommen ein“(Z1455). Obwohl Frau Post ihr Elternhaus als„moderat“(Z1473) beschreibt, ist das der Spruch, der ihr einfällt, wenn sie einen„Haufen Wohnwagen“ auf der Straße„auf den Dörfern“(Z1479) sieht. Herr Pietz gibt einen Polenwitz in die Runde(Z1473), der von Frau Heckel und Frau Post auch mit Lachen quittiert wird. Es stellt sich an dieser Stelle ein eher spielerischer Umgang mit Stereotypen zwischen diesen dreien ein. Frau Rudolf lenkt eher nachdenklich auf ihr Erschrecken über, das sie empfand, als sie die sich entwickelnde Ausländerfeindlichkeit ihres Vaters bemerkte. Er nähme sich in ihrer Gegenwart zusammen, aber gerade wegen ihres Studienfachs Sinologie gebe es„ein grundsätzliches Problem“. Es bleibt in der Situation unklar, wie sich das Problem gestaltet. Es scheint, als gäbe es häufiger Auseinandersetzungen deswegen, wenn sie beschreibt, dass„wir es nicht so recht gebacken bekommen“. Ihr Bemühen, die Motive des Vaters zu verstehen, wird deutlicher, wenn sie sich fragt, worin seine Aversion begründet liegt(Z1486-1496). Frau Heubach macht ihr ein Angebot, die Ausländerfeindlichkeit des Vaters als Reaktion auf die„Globalisierung“(Z1511) zu verstehen und die von ihr in diesem Kontext angenommene Zunahme von Migrant/innen im Alltag. Damit einhergehe eine„Angst vor dem Fremden“(Z1513). Frau Rudolf greift dieses Angebot eher ablehnend auf, wenn sie in ihrer weiteren Ausführung von„solche[n] einfachen Erklärungen“(Z1518) spricht, die sich 191 auch ihr Vater zurechtlege. Trotz des Unverständnisses ist es ihr wichtig, ihren Vater zu schützen und sie betont, dass er kein„Rassist“(Z1523) sei. Diese Erklärung löst bei Herr Pietz und ihr selbst Heiterkeit aus. Renningen Die Teilnehmenden in der Gruppendiskussion in Renningen zeichnet eine gemeinsame, biografisch verankerte fundamentale Fremdheitserfahrung aufgrund des Zuzugs nach Renningen aus. Infolge hat sich in der Gruppe relativ schnell eine Leitfigur gebildet, nach der sie von Zugezogenen ein aktives Bemühen um die Eingliederung erwartet, aber im Gegenzug auch Leistungen der Gemeinschaft, die die Anpassung an die Erwartungen des neuen Umfelds ermöglichen(vgl. Kapitel 5.1.1.1). „Plötzlich waren die weg“ Die Bedeutung der Vereine für die eigene Integration in das neue Umfeld scheint auch dazu geführt zu haben, dass sich Herr Seidel selbst in der Vereinsarbeit sehr engagiert. Hieran schließt ein Erlebnis mit türkischen Jugendlichen in einem Handballverein an, die Herrn Seidels Erwartungen an Migrant/innen deutlich macht: Herr Seidel:„Hatten Sie also dann sich irgendwelche, hat man denen irgendwelche türkische Mädchen ausgesucht. Und die waren für uns, also wir ham, wir ham mit, meine Kinder sind mit denen gut ausgekommen und so, aber(.) wir ham da praktisch keiner, also keinerlei An- ziehungspunkte gehabt, äh wir hal- hätten also hät mir da, dass dann da da ab und zu mal was kommt, aber die äh das is schwierig also. Die äh, man muss ja gegenseitig aufeinander, aufeinander zukommen ne. Und äh ich seh, ich seh so, dadurch dass ich jetzt hier reinge192 kommen bin, wenn ich Anschluss haben will, muss ich muss ich auf die Leute in irgendeiner Form zugehen, ja. Wenn ich, aber sagen wir als Einheimischer auf die Leute zugehe ne, dann äh wird das auch manchmal, hab ich so den Eindruck falsch verstanden, so als beinahe als Einmischung ge, alles nich ganz“(Z802-814). Die Integration in die Umgebung ist eine Leistung, die von den Zugezogenen erwartet wird. Hierfür bestanden ja, wie eingangs in der Gruppendiskussion angesprochen wurde, nicht zuletzt die Vereine. Was Herr Seidel erwartet, schildert er an einem weiteren Beispiel eines Kollegen, der in seine Firma kam, einem international tätigen Unternehmen: Herr Seidel:„z.B. ham mal so’n so’n Jobrotation, da is also n Amerikaner hierher gekommen, ein Deutscher nach Amerika ne. Der Mann hat gesagt ok, ich will mich integrieren, der spielt jetzt bei uns im Musikverein(.) die Posaune, ja. Und läuft da beim Schäferlauf da bei als beim Umzug is der da mit voller Stolz mitgelaufen, gell. Durfte am Anfang sofort mitspielen, äh wird überall in Veranstaltungen mitgenommen ne, weil er er is halt seine Frau is drüben ne. Und äh der hat gesagt, ich ich äh integriere mich hier. Er lernt deutsch und äh es is ein ein zweiseitige eine zweiseitige Sache, ja“ (Z824-831). Frau Jahn und Frau Berger widersprechen Herrn Seidel an dieser Stelle, denn sie berichten von Diskriminierungen, die sie erlebt hätten: Etwa häufige Kontrollen von Menschen, die nichtdeutsch aussähen(Z839851). Sie betonen zunächst, dass den Migrant/innen gegenüber ein Unterschied gemacht wird: Amerikaner hätten es leichter, sich zu integrieren, bei Südländern würde die Ausgrenzung aktiv von außen kommen. Dieser Widerspruch bleibt allerdings als Argumentation im Folgenden nicht konsistent. Im Gegenteil wird eine Argumentationskette aufgemacht, deren Weg zu folgen sich lohnt, da das spannungsvolle Verhältnis von Integrationsforderung und Ausschluss in der Gruppe verhandelt 193 wird. Hier zeigt sich eine Wellenbewegung von Legitimation der ausländerfeindlichen Einstellung und der Identifikation mit dem„Fremden“. Frau Berger berichtet von eigenen Erfahrungen, dass auch deutsche Staatsbürger mit Migrationshintergrund(Siebenbürger u. a.) sich abgrenzen würden. Demgegenüber würden Kontaktbemühungen etwa vom türkischen Kulturverein von Einheimischen nicht angenommen:„Mhm und also Integration is glaub ich net so arg, in Bezug auf Ausländer hier“(Z 879/880). Frau Schmied berichtet von der Erfahrung einer Freundin, die als Perserin ihr Kind in Deutschland bekommen und auch die deutsche Staatsbürgerschaft habe, das Kind aber von den Lehrern nie als Deutsches akzeptiert werde(Z900-904). In Abgrenzung hierzu betont Herr Seidel noch einmal, dass die Bemühungen von den Migrant/innen ausgehen müssten und schildert als Beispiel ein Erlebnis mit zwei türkischen Kindern im Musikverein. Diese seien sehr integriert:„Ja und äh(.) da funktioniert das, aber das funktioniert halt dort, weil die die Eltern von denen sich auch auf die Leute zubewegen“(Z909/910). Frau Schmied relativiert daraufhin ihre Position, indem sie ein Erlebnis vom Hörensagen berichtet: In einem türkischen Kulturverein hätte ein Lehrer mitbekommen, dass alle älteren Türken auf Deutschland schimpfen würden. Einen anwesenden Schüler habe er gefragt, ob es ihm ähnlich gehe, er ähnlich negative Erfahrungen gemacht habe, dieser habe verneint und gesagt, dass die Schimpferei nicht stimme. Vermittelnd betont Frau Schmied:„Also ich denk es kommt wirklich auf die Einstellung des Einzelnen an“(Z940). Frau Jahn schließt sich ebenfalls Herrn Seidel an: Frau Jahn:„Also das erleb ich ja jeden Tag im Krankenhaus, bei uns is ja ein großer Teil der Patienten is nicht deutsch sprechend, und wenn se 30 Jahre schon hier wohnen. Und wenn mich dann jemand wirklich dumm anmacht aus’m Bett raus, weil net klar rüber zu bringen is um was es geht, da krieg ich dann aber auch net unbedingt de beste Einstellung. Weil wenn ich nach 194 Frankreich geh, nehm ich au mein Wörterbuch mit und versuch mich zu verständigen. Mir bemühn uns[Frau Schmied stimmt zu] und äh, also ich denk die Leute sind schon au zum Teil selbst schuld, wenn ich nach 30 Jahren immer noch nicht einen ganzen Satz kann, oder wenn sie sich immer noch inner- äh untereinander nur in ihrer Sprache unterhalten, das is da wird’s au nie anders“(Z959-967). Mit letzteren greift sie das Motiv von Frau Schmied auf und verfremdet es zugleich: Die fehlenden Integrationsbemühungen von Seiten der Migrant/innen, möglicherweise noch Beschwerden, führen nicht zur „besten Einstellung“ bei den Eingesessenen. An dieser Stelle wird die Wellenbewegung aus Identifikation mit den„Fremden“ und Legitimation des Anpassungsdrucks auch durch ein Ressentiment bei Frau Jahn aufgeladen. Frau Berger kommt auf die Schwierigkeiten des Spracherwerbs für Migrant/innen zu sprechen. Ein Freund mit Migrationshintergrund ihres Sohnes hätte sie einmal umgangssprachlich angesprochen(„haben Sie gepennt?“ Z1029). Im weiteren Verlauf kommt sie auf ihre Tochter zu sprechen, die während ihres Auslandsaufenthalts Katalanisch und Spanisch gelernt habe(Z1044). Das Verhalten der eigenen Tochter steht, zumal vor dem Hintergrund der vorangegangenen Diskussion, im Kontrast zum Verhalten der Migrant/innen in Deutschland, die ihre mangelnde Integrationsbereitschaft auch mit schlechten oder gar keinen Deutschkenntnissen dokumentieren würden. Da der Freund von Frau Bergers Tochter Spanier ist, kommt sie auf die Frage zu sprechen, wie es wohl wäre, wenn er auch eine andere Hautfarbe hätte. Dies wäre vielleicht eher ein Problem. Frau Jahn fügt ergänzend hinzu, dass es wohl vor allem für eine Mutter ein Problem sei, da sie sehen würde, welches„Problem“ sich die Tochter„auflädt“(Z1062). Frau Berger bestätigt, dass ihr das auch durch den Kopf gehe und berichtet von einer Freundin, die zwei Kinder aus Sri Lanka adoptiert hätte. Ein Kind leide unter großen Schwierigkeiten wegen der eigenen Hautfarbe und sei 195 deshalb auch zum Psychologen gegangen(Z1067). Sie führt weiter aus: „Jetze hat se’s akzeptiert,[…](.) ähm die Abstoßung eigentlich nett empfunde“(Z1070). Durch die beiden Teilnehmerinnen wird die Schwierigkeit der Integration angesprochen, die durch die Ressentiments der Einheimischen bestünden. Wenn sie das Thema als„Mutter“ ansprechen, stärker aber noch in der Beschreibung der Situation des Mädchens aus Sri Lanka, wird deutlich, dass es sich um vermeintlich individuelle Probleme handelt. Ähnlich einer Immunreaktion könne es dann, so die Wortwahl von Frau Berger, zu einer Abstoßungsreaktion kommen. Hier taucht ein Motiv der Biologie auf, um soziale Prozesse zu beschreiben, an das Herr Seidel mit dem Beispiel des Löwenrudels anschließt(vgl. Kapitel 5.1.1.1). Anscheinend hat sich in der Gruppe nun bereits ein Gruppenkonsens hinsichtlich der Migrant/innen gebildet, der zwar von einer allgemeinen Akzeptanz gegenüber Migrant/innen ausgeht, aber auch Ressentiments für gerechtfertigt hält. Letztere sind daran zu erkennen, dass Frau Jahn an die Ausführung von Herrn Seidel mit einem intimeren Bericht anschließt, in dem sie ihr Bedrohungsgefühl durch die Russen und Südländer beschreibt(Z1148). Das Schwanken zwischen Integrationsforderung an Zugezogene und aktiver Integration durch die bereits vor Ort Lebenden wird auch wieder deutlich, wenn Herr Seidel auf den Förderunterricht zum Spracherwerb hinweist, der aufgrund einer privaten Initiative seit einigen Jahren Schüler/innen mit Migrationshintergrund angeboten und nun auch von der Gemeinde finanziert wird:„Gut Renningen hat genügend Geld bei, die können sich, wie gesagt, die können sich so was, so was leisten ne. Also überhaupt kein(.) kein Thema“(Z1256). In der Gruppendiskussion in Renningen stehen Stereotype gegenüber „Ausländern, die sich nicht integrieren wollen“ relativ unvermittelt neben sehr großem Engagement für Migrant/innen und auch einer Offenheit, 196 diese etwa als Familienmitglieder willkommen zu heißen. Die Positionierung von Herrn Seidel und Frau Berger kann vor dem Hintergrund der eigenen(Binnen-)Migrationserfahrung auch als Schwanken zwischen einer Identifikation mit den Migrant/innen, die wie sie selbst zugezogen sind, und einer Identifikation mit dem Umfeld, in das sie sich integrieren mussten, verstanden werden. 5.1.2.2 Kulturalistische Argumentation In der Gruppendiskussion in Renningen wird die Abschottung der „In-Group“ zweiseitig reflektiert. In der Gruppendiskussion in Neuss dagegen wird anhand der Integration in der Schule auch die Integration von Türk/innen generell(Erfahrung von Parallelgesellschaften, Abschottung) diskutiert. Wie in der Gruppendiskussion in Dortmund wird eine empfundene Abschottung der Türk/innen auf kulturelle Unterschiede in Mentalität und Religion zurückgeführt; die Wahrnehmung von Parallelgesellschaften spiegelt sich auch in dieser Gruppendiskussion wider. Die Erklärung von Problemen zwischen der deutschen Mehrheitsgesellschaft und Migrant/innen mit kulturellen Differenzen bezeichnet man als kulturalistische Argumentation, mit der Ausländerfeindlichkeit begründet wird. Neuss Andere Mentalitäten – Die Abschottungsmentalität von Türk/innen in Deutschland Neben der Abschottung von Juden und Jüdinnen(vgl. Kapitel 5.1.3), die er in der Nachbarschaft erlebe, zeichneten sich nach Herrn Sievers ebenso Türk/innen durch eine„Abkapselungsmentalität“ aus. Am Bei197 spiel einer selbst erfahrenen Ablehnung durch Türk/innen veranschaulicht er dies. So habe er versucht, einen Ferienjob für seinen Sohn in einem von Türken geführten Gemüseladen zu organisieren, was aber gescheitert wäre. Die Tatsache, dass sein Sohn ebenfalls einen Migrationshintergrund habe(die Mutter ist Brasilianerin, der Vater Deutscher), hätte dabei ebenso wenig zum Erfolg geführt. Ein Deutscher in einem türkischen Laden sei nicht erwünscht gewesen. Seine negativen Erfahrungen mit Türk/innen lassen ihn zu dem Schluss kommen, dass die Abgrenzung mindestens so stark von„den Türken“ selbst käme wie von„unserer Seite.“(Z1322). Hierbei wird deutlich, dass Herr Sievers Ein- und Ausschlussprozesse nicht nur auf Seiten der Minderheit, sondern auch der Mehrheit registriert. Die Abgrenzung geht jedoch für ihn von der Minderheit der Türk/ innen aus. Was die Abgrenzungsprozesse genauer beinhalten, nämlich religiöse Aspekte, wird kurze Zeit später in der Diskussion klarer(vgl. weiter unten). Daraufhin fragt eine Interviewerin nach ähnlichen oder anderen Erfahrungen bei den anderen Teilnehmenden. I2: Frau Barr: Herr Sievers: Frau Barr: Frau Sievers: Herr Sievers: Frau Barr: Herr Sievers: „Ham Sie da vielleicht ähnliche Erfahrungen gemacht oder ganz andere Erfahrungen? Also äh gut jetzt in in der Schule wie gesagt, da äh da äh merkt man das nicht. L (.) äh: L Die Kinder, ne. Kinder, aber(.) ähm ich muss sagen, ich wohne in ner Gegend, also in Norf,(.) da gibt es unwahrscheinlich viele Türken, inzwischen sehr viele Schwarze, Russen und Polen, ja. So wenn ich morgens früh mit der Straßenbahn fahre, ich zähl immer die Deutschen Mhm wird kein Deutsch mhm L Straßenbahn L (Es war nur eine da)? Mhm, das wirklich. Es ist manchmal(.) da kommt man sich wirklich allein gelassen vor, ne.(.) Und die die die Türken, die kapseln sich ganz ab, L ne L Ja ja, das is klar“(Z1322-1341). 198 Auf die Nachfrage einer Moderatorin bringt Frau Barr erneut die Schule ins Gespräch, in der die Abschottung nicht sichtbar werden würde. Herr Sievers ergänzende Bestätigung zeugt von der Übereinkunft zwischen den beiden, dass die Integration von Kindern verschiedener kultureller Herkunft nicht das Problem sei. Vielmehr, so führt Frau Barr weiter aus, sei eine Überfremdung in ihrem Wohngebiet spürbar, die sie auch regelmäßig in der Straßenbahn feststelle, wenn sie dort die Deutschen zähle. Frau Sievers junior weiß wohl um die Thematik, da sie bemerkt, dass dort nicht die deutsche Sprache gesprochen würde. Auch Herr Sievers bestätigt Frau Barr, indem er fragend die geringe Anzahl von Deutschen in der Straßenbahn unterstreicht. Frau Barr resümiert, dass sie sich wirklich fremd fühlen würde. Dem Fremdheitsgefühl bei den Diskussionsteilnehmenden, insbesondere von Frau Barr, folgt erneut eine negative Einschätzung der„Türken, die sich abschotten“ würden(Z1312). Frau Barr greift somit thematisch Herrn Sievers Äußerungen auf, der ihr an dieser Stelle sogleich auch zustimmt. Während Herr Sievers jedoch seine Ansicht mit eigenen Erfahrungen der Abschottung von Türk/innen unterlegt und dann verallgemeinert, wirft Frau Barr ihnen Abschottung ohne jegliches persönliches Beispiel vor. Frau Barr erzählt im Anschluss noch weiteres zur Integration in ihrem Wohnviertel und dem Haus, in dem sie lebt. Die Unterscheidung zwischen„guten“ Migrant/innen, die so integriert seien, dass sie nicht mehr auffallen und verschwinden würden, werden„Türken“ gegenübergestellt, die sich in Ghettos abgrenzten. Sie bringt lachend zum Ausdruck, dass Türken nicht in ihrem Haus wohnen dürften, was sie wohl begrüßt. Hier wird die soziale Distanz zu Minderheiten als Merkmal von Ausländerfeindlichkeit deutlich. Frau Barr:„Wir haben beispielsweise bei uns im Haus wohnt ne zwei Russinnen, die sind, die sind aber noch ganz nett. Die sieht man nicht, die hört man nicht. Und in den anderen Häusern, 199 da(.) da sind rein nur noch Türken zum Teil. Das sind so so vom vom Eisenbahner Bauverein[klopft auf den Tisch, mehrmals], mhm sind das Wohnungen und die für die Vermietung früher zuständig war, da wohnten die Eltern bei in dem Haus, wo ich jetzt wohne. Und die hat keine Tür J (ken genommen)(2) J “(Z1336-1341). Darauf folgt der letzte Beitrag vor Ende der Gruppendiskussion, in dem Herr Sievers ausführlich seine vorherigen Einschätzungen der Mentalitätsunterschiede zwischen Personen als Minderheiten im Ausland und als Personen in ihrem Herkunftsland unterstreicht(Z1343-1399). Herr Sievers„Aber da muss man ja auch wieder sagen, ich war auch in der Türkei, das is so ähnlich, nich. In der Türkei war ich in Ankara und das sind wir mit dem mit dem Auto die ganze äh Achse nach Osten bis zum Iran da unterwegs gewesen. In(2) Ankara war(.) ein ganz anderer Menschenschlag als äh[klopft auf den Tisch], das waren ja ganz andere Türken, ja, das waren Menschen wie du und ich. Während hier diese Kaste, die ja auch aus bestimmten äh Arbeiterkreisen und ärm- ärmst- ärmlichen Verhältnissen aus aus Dörfern kommen, ist natürlich eine ganz andere Basis, als wenn Sie da nach Ankara gehen und Sie sehen da Geschäftsleute äh Unternehmer und und und normale Straßen- und ich hab ja auf den äh wir ham da an einer Straße gesessen, dass muss man noch mal sich vor Augen führen.(2) Wo wo wir ungefähr ein zwei Stunden die Passanten gesehen haben. Und ich habe nicht eine einzige Frau mit einem Kopftuch gesehen in der Türkei, in äh nicht in der Türkei, in Ankara. Auf den Dörfern hatten sie alle Kopftücher auf, auf den Dörfern haben die Frauen hier früher auch Kopftücher gehabt. Ich kann mich erinnern [Zustimmung Frau Barr], wenn die auf dem Feld gearbeitet haben, ham die alle Kopftücher, das is ja auch ganz was anderes. Wenn das Kopftuch allerdings dann dazu genutzt wird um zu zeigen, ich hab ne bessere Religion und das ist die einzig Wahre und so weiter, dann wird es ja unangenehm, ja. Dann muss man es auch abstellen.(.) Denn eins kann man ja äh vielleicht an dieser Stelle noch sagen. Es gibt doch nichts 200 Schlimmeres wenn, es gibt nichts Schöneres[klopft auf den Tisch] als wenn einer eine Religion hat und glaubt. Aber es gibt nichts Schlimmeres als wenn er den anderen überzeugen will, dass er äh den richtigen Glauben hat, und der andere hat den falschen. Und dann sehen wir das, was heute los ist. Dann werden die Leute da umgebracht, weil sie nicht den richtigen Glauben haben. Also das ist schon ein Hammer, nicht, wie schön das auch äh ist mit der Religion, aber den anderen davon äh überzeugen wollen, das der den falschen Gott hat. Wie viel Götter gibt’s denn? Drei? Ham die oben ne Trennlinie,[Frau Barr lacht kurz], hier sitzt der von den Mohammedanern, da von den Juden, da und noch nen paar andere da äh was weiß ich. Ham die da oben auch Mauern da äh und man kommt, wenn man in den Himmel kommt jetzt zu dem, dem und dem? Da sieht man doch schon wie unsinnig das ist, sich einzubilden, man hätte den. Man soll glauben, was man(.) für Empfindungen hat und wenn man das Bedürfnis hat, aber nicht andere äh zwingen, dasselbe zu tun. Und da ist der Islam natürlich, das kommt eben in Deutschland immer unangenehmer zum Tragen. Da gibt es Leute, die meinen wir wären die Ungläubigen und das sind die Gläubigen. Das ist schlimm, ja. Das is sehr sehr äh äh: unangenehm nicht nur, sondern es ist schon gefährlich.(2) Und insofern äh wie gesagt, ich sehe die Kopftücher in der in in der Türkei, wenn die da durch gehen, hab ich überhaupt nicht das Empfinden, dass die irgendwas mit ihrem Kopftuch wollen, außer vielleicht Sto- äh Staub abhalten und was weiß ich auf den Feldern. Wie meine Tante, die seh ich auch immer mit Kopftuch noch. Und hier hat das Kopftuch plötzlich eine bestimmte äh Bedeutung. Und ich war in diesem Laden, wo ich den Sohn unterbringen wollte. Ham wir vier, fünf Jahre Gemüse gekauft. Die Frauen liefen alle ohne Kopftuch(.) und von einem Tag [schlägt laut auf den Tisch] zum andern haben sie(.) von ihrem Mann gezwungen, unterstell ich mal, äh äh plötzlich nur noch Kopftuch getragen, obwohl sie vorher viel besser aussahen, ja also angenehmer. Denn die diese Kopftücher, die sie hatten sind noch nicht mal die die sie besonders attraktiv machen, und das muss(.) muss der, wenn ich den 201 Mann mir angucke, kann ich mir ungefähr stellen, der hat das äh von denen verlangt, ja. Insofern, dann(.) fängt die Trennung deshalb(schon nicht mehr an). Da fängt das, was hat bedeutet das ne, da fängt ja eine Trennung an statt zu finden. Fünf Jahre lang ohne Kopftuch, das Kopftuch, jetzt ist die Mauer aufgebaut, die kleine und wird immer größer. Das is schon äh nicht zu übersehen, ja.(.) Wobei äh äh es gibt ja auch junge Frauen, die Kopftücher tragen äh Türkinnen, und die sind so hübsch ja J (.) J die ham nichts da mit dieser J (.) J Demonstration da zu tun, sondern das ist Mode, ja. Modekopftücher sicher, aber wenn es das nicht ist, ist es schlecht. Wenn es ein ein Demonstration äh sein soll, ich hab den besseren Gott oder den richtigen, und ihr habt ihr seid Ungläubige ja, das ist ja wohl, das ist ja wohl das äh (.) was man nicht akzeptieren kann.(.) Also da diese diese Trennungslinie zu den äh(.) zu den die hier inzwischen eingedeutscht sein könnten, aber nicht sind, ne.[Zustimmung Frau Barr]“(Z1343-1399). In diesem langen Wortbeitrag von Herrn Sievers wird ein abwertendes, generalisierendes Bild türkischer Migrant/innen in Deutschland als Menschen einer niederen„Kaste“ gezeichnet(Z1347), die aus Arbeiterund Bauernfamilien stammen würden. Im Gegensatz zu diesen stünden Türk/innen in der Türkei, die so normal seien„wie du und ich“(Z1347). Auch die Rolle der Religion in Abschottungsprozessen wird am Symbol des Kopftuchs von ihm herausgestellt. Das Kopftuch habe in der Türkei nach seinen eigenen Erfahrungen aus Reisen einen anderen Stellenwert als in Deutschland. Während für dessen Verwendung in der Türkei nützliche Funktionen wie Staubschutz auf dem Feld angenommen werden und in Ankara überhaupt keine Frauen mit Kopftuch zu sehen seien, habe es in Deutschland vor allem die Bedeutung der sichtbaren religiösen Abgrenzung. Das Kopftuch als Manifestation dafür, dass nur ein einziger Glaube der wahre sei, hält er für gefährlich; eine islamophobe Position wird erkennbar. Anhand eigener Beobachtung der türkischen Gemüsehändlerfamilie rekonstruiert er, dass moslemische Frauen erst seit kurzer 202 Zeit in Deutschland Kopftücher trügen. Dies führt Herr Sievers auf den Druck der türkischen Männer zurück, was diese in einem frauenfeindlichen, patriarchalischen Licht erscheinen lässt. Abgrenzungsprozesse als religiöse Absonderung habe eine Mauer zwischen Deutschen und türkischen Migrant/innen entstehen lassen, die inzwischen„eingedeutscht“ sein könnten. In Deutschland würden diese Gräben nach Einschätzung von Herrn Sievers immer größer, was auch Frau Barr bestätigt. Die Abgrenzungsprozesse sind nach Herrn Sievers vor allem Prozesse, die von der Minderheit ausgehen. Die Türken wollten sich – wenn auch nicht durchgehend für alle geltend gemacht – ostentativ zum Beispiel durch Tragen religiöser Symbole wie des Kopftuchs von anderen abheben. Die bewusst vorgenommene Abschottung führt nach seiner Einschätzung dann zum Rückzug der Menschen der aufnehmenden Gesellschaft und ist für ihn nicht hinnehmbar. Dortmund Während in der Gruppendiskussion in Renningen bereits Elemente einer kulturalistischen Argumentation zu erkennen sind und damit auch die Legitimation einer ausländerfeindlichen Einstellung, sind diese in Dortmund deutlich ausgeprägt. Dabei können in Dortmund Prozesse beobachtet werden, wie ausländerfeindliche Einstellungen in der Gruppe Anschluss finden, obwohl die Teilnehmenden im Fragebogen den ausländerfeindlichen Aussagen nicht zugestimmt haben. In der Gruppendiskussion in Dortmund durchzieht das Thema„Ausländer“ die gesamte Diskussion. Bereits im ersten Beitrag von Frau Meier als Antwort auf die offene Einstiegsfrage wird deren türkenfeindliche Haltung deutlich. Nach Beschreibungen der Arbeitsmarktsituation vor Ort, bei der„viele[…] auf der Strecke geblieben(Z178)“ seien und der abschließenden Bemerkung,„irgendwie läuft es da verkehrt(Z180)“, kommt sie auf die Türken zu sprechen. Ihr Gefühl der zu hohen Zahl 203 ausländischer Mitbürger/innen thematisiert sie am Beispiel der Ghettoisierung und der„den Türken“ zugeschriebenen Kriminalität. Frau Meier:„Jetzt ham wir sehr viel Türken in Dortmund, ich hab nichts gegen Ausländer, is egal wo die herkommen schwarz oder weiß. Aber die nehm sich bei uns Sachen rauf raus, was wir nicht dürfen. Die parken mitten[schlägt leicht auf den Tisch] auf der Straße, die quaken auf der Ecke[schlägt erneut auf den Tisch], die bleiben stehn, die unterhalten sich, wenn man dann hupt, dann wern se noch frech! Wenn die Polizei kommt oder gerufen wird un die sehn die Türken, dann haun die gleich ab[schlägt erneut auf den Tisch]. Un es is ganz schlimm bei uns in Dortmund, die nehm Überhand, die kaufen jedes Geschäft auf, die kaufen jedes Haus, was leer wird, auf, also ich würde sagen wir ham bald zu 80 Prozent nur noch Türken.(.) Ich mein, es gibt unter den Türken genauso, oder unter den Deutschen genauso welche wie ne, also man soll se nich alle unter einen Kamm scheren, aber äh des is nich mehr schön. Da sin so richtige äh Ghettos wo die dann wohnen un die meinen überall ham se Rechte und äh sie dürften sich eben alles erlauben. Wollen wir da ins Land fahren, wir müssen uns danach richten, denn wenn wir das machen würden was die sich hier leisten, J ich glaub wir kämen dann gleich in’n Bau J . Und die gehen ja dann immer gleich mit Messer un alles auf die Leute zu(2) ne. Na ja und (.) na ja heute sind wir hier(7)“(Z180-195). Festzuhalten ist, dass Frau Meier die Aggressivität auf Seiten der Migrant/innen ausmacht,(„gleich mit dem Messer“), selbst aber in hohem Maße einen aggressiven Affekt äußert. Kulturalistische Sichtweisen – Abschottung der Muslime In einer Passage am Ende der Gruppendiskussion werden kulturalistische Sichtweisen zur Integration in Deutschland deutlich. Im Kontext 204 der regen und emotional geführten Diskussion um die Lage der heutigen Gesellschaft im Vergleich zu früher und der von Frau Wagner vertretenen Ansichten, dass die Schere zwischen arm und reich größer geworden sei, Spracharmut infolge von Arbeitslosigkeit, Unzufriedenheit in Familien herrschen würde, bringt Frau Wagner an, dass in ihrer Arbeit als Kindersprachtherapeutin oftmals der Migrationshintergrund der Kinder eine Rolle spielen würde. Dies greift Herr Wernecke auf, indem er auf Unterschiede zwischen verschiedenen Gruppen von Migrant/innen aufmerksam macht. In der Gruppe wird dies daraufhin zunächst in einem Dialog zwischen Herr Wernecke und Frau Wagner aufgegriffen und weiter diskutiert. Interaktionelle Prozesse, in denen Stereotype(Herr Wernecke) zu Vorurteilen im Diskurs umgeformt werden, macht die folgende Passage sichtbar. Herr Wernecke: Frau Wagner: Herr Wernecke: Frau Wagner: Herr Wernecke: Frau Wagner: Herr Wernecke: „Das stimmt, eine Sache ist interessant, äh Migrationshintergrund ist natürlich dazu gekommen, aber(.) zu Migrationshintergrund gibt’s natürlich auch wieder ein ganz breites Spektrum(.).[räuspern] Ich kenn Leute, die kommen aus Spanien sind jetzt 25 Jahre in Deutschland oder 30,(.) der Mann war Arbeiter(.) bei Henk L in Dortmund(.). L Mhm beide Kinder haben studiert(.), und beide Kinder haben sofort nach ihrem Studium nen Job bekommen(.). Die Eltern sagen ok L , jetzt wo die L Aha Kinder hier in Deutschland, äh heimisch geworden sind und sesshaft geworden sind jetzt können wir wieder zurück nach (). Recht ham se Ja. Aber. es is ja es er erstaunlich, also dass die Unterschiede beim bei Immi- bei Migranten, die sind so groß, ich behaupte einfach äh damals, als die Migration aus Europa heraus statt fand, im Wesentlichen von Südeuropa nach nach Deutschland oder oder nach Nordeuropa. Es waren einfach andere Verhältnisse als äh später als dann noch aus’m ill- äh aus’m weiter weiter weg gelegenen Raum aus der Türkei oder auch 205 Frau Wagner: Herr Wernecke: Frau Wagner: Herr Wernecke: Frau Wagner: Herr Wernecke: Frau Wagner: Herr Wernecke: Frau Wagner: Herr Wernecke: Frau Wagner: Herr Wernecke: Frau Wagner: Herr Wernecke: Frau Wagner: Herr Wernecke: Frau Wagner: Herr Wernecke: Frau Wagner: aus auch aus Ex-Jugoslawien vielleicht schon, dass da doch (.) das kulturelle Gefälle noch nen anderes is als zwischen den(.) Mitteleuropäern, die gekommen sind und äh die dann im Grunde genommen in der zweiten Generation akkli- äh ähm ähm L äh inte-integriert waren. L Mhm. und die in der dritten o-oder in der dritten Generation letztlich zur gehobenen Schicht gehört. Ich finde man muss aber immer berücksichtigen, auch wie Sie’s grad schon ansprachen aus welchem Land die Migration L statt gefunden hat. Griechen Italiener L Jaja das versuch versucht ich gerad zu sItaliener, L (.) mhm L Spanier L Portugiesen das sind L Spanier oder auch auch die ganzen, die die China Restaurants haben L das sind schon heutzutage L Mhm. gar keine mehr L mit Migrationshintergrund. Meistens steckt hinter L Ja ja.(.) Stimmt. Migrationshintergrund immer der muslimische Glaube![schlägt leise auf den Tisch]. Aus(.) Afghanistan L aus L Ja. Marokko, aus Tunesien Türkei aus Arabien, Lybien, Sudan, a-aus diesen Ländern. Da spricht man aktuell von Kindern mit Migrationshintergrund L , L Mhm. wenn ich in meiner Sprachtherapie Kinder bekomme, sind es meistens Kinder aus diesen Ländern. Es kommen wenig spanische Kinder, L wenig italienische oder japanische oder weiß ich nicht französische Kinder L Mhm: die ham auch alle sicherlich mit Migrationshintergrund L , zu tun, aber die kommen aus L °Richtig° anderen kulturellen Umfeldern und die Eltern dieser Kinder, die werden anders geprägt oder die prägen ihre Kinder 206 Herr Wernecke: Frau Wagner: anders als die Kopftuch(.)träger[vorsichtig langsam artikuliert]. Obwohl man da natürlich auch differenzieren muss, nicht alle sind so aber ich finde das hat auch sehr viel was mit dem Glauben(.) zu tun bei der Migration. Wo man herkommt. L Die einen wollen sich L °Ja ja° integrieren, und die andern wollen sich bewusst auch sprachlich abheben. Schap zum Beispiel ich hab’n Kind das sagt schap Kirmes gestern(.). Ja toll, was’n das für’n Satz, die andern sagen vielleicht ich war gestern auf der Kirmes, und die sind stolz da drauf, schap Kirmes gestern.[Herr Wernecke lacht] Und die wollen auch diese eigene Sprachkultur beibehalten“(Z1527-1579). Herr Wernecke macht auf Differenzen zwischen verschiedenen Gruppen von Migrant/innen aufmerksam, was er mithilfe einer kulturalistischen Argumentation zu begründen versucht. Nach der Erläuterung des Beispiels der gut integrierten Nachkommen spanischer Bekannter in Deutschland verweist er auf größere kulturelle Differenzen zwischen Deutschen und Migrant/innen, die nicht mehr innerhalb Mitteleuropas, sondern aus anderen Ländern wie der Türkei oder auch aus Ex-Jugoslawien einwandern würden. Wobei die falsche geografische Einordnung von Spanien nach Mitteleuropa ebenfalls darauf verweist, dass kulturelle Gründe für die Unterteilung in positiv bzw. negativ bewertete Migrant/ innen ausschlagebend sind. Zur Unterscheidung verschiedener Gruppen will er anscheinend zunächst das Wort illegal verwenden, was er jedoch abbricht. Das kann als Ausweichbewegung verstanden werden, illegal Eingereiste direkt früheren Gastarbeiter/innen gegenüberzustellen. Diese Meinungsäußerung Herrn Werneckes bleibt trotz der kulturalistischen Begründung zunächst frei von Vorurteilen. Allerdings wird eine gewisse Dynamik freigegeben, da Frau Wagner, angeregt durch Herrn Wernecke, dessen Meinung zu einer Klassifikation von Migrant/innen ausbaut. Für sie ist ebenso das Herkunftsland von Bedeutung, Südeuropäer sowie selbst Chinesen mit Chinarestaurant stellten heute keine eigentlichen 207 Migrant/innen mehr dar. Herr Wernecke stimmt ihr zu. Frau Wagner, bestärkt durch seine bestätigenden Worte, schließt sodann inhaltlich an Herrn Wernecke mit einer eigenen Position an, nach der der muslimische Glaube das distinktive Moment für die Definition von Migrant/innen sei, was sogleich durch Herrn Wernecke bestätigt wird. Frau Wagner präzisiert ihre Position mit der Nennung verschiedener muslimischer Länder und dann anhand eigener Erfahrungen aus ihrer Berufstätigkeit. Nicht Kinder aus Südeuropa oder asiatische Kinder seien Problemfälle in der Sprachtherapie, sondern Kinder, deren Eltern„Kopftuch(.)träger“ seien, diese würden anders geprägt als Kinder aus Europa oder Asien. Die stark negativ konnotierte Bezeichnung„Kopftuch(.)träger(Z1572)“ ruft in der Gruppe keine negative Reaktion hervor. Selbst Frau Wagners reflektierend-differenzierende Einschränkung im Nachgang tut den negativen Bewertungen keinen Abbruch. Im Gegenteil, die Unterscheidung wird von Frau Wagner noch weiter ausgebaut, indem sie unterstellt, dass sich eine Gruppe integrieren möchte, gemeint sind höchstwahrscheinlich Menschen christlichen Glaubens bzw. mit einer christlich-abendländischen Kultur, wohingegen andere Migrant/innen dies nicht tun wollten und stattdessen durch sprachliche Abgrenzung auf sich aufmerksam machen würden. Illustriert wird diese These wiederum durch eine persönliche Erfahrung mit dem Stolz eines Kindes auf die eigene Sprachkultur. Daraufhin schaltet sich Herr Winkler und später Frau Meier wieder in die Unterhaltung ein. Herr Winkler Herr Wernecke: Frau Wagner: „[Eine] Cousine, die war mit nem Schotten verheiratet, die ham auch erst ham se in Schottland gewohnt, dann ham se über 30 Jahre hier gewohnt.[räuspern] Er konnte alles lesen und schreiben in Deutsch, wunderbar, aber sobald der den Mund aufmachte du hörtest immer einen Engländer raus immer. J (.) J . Ja aber Engländer sind für mich jetzt auch keine Migranten oder Iren oder Schweden oder Schotten oder weiß ich L nicht 208 Herr Wernecke: Herr Winkler Frau Wagner: Frau Meier: Herr Winkler Frau Wagner: Herr Winkler Frau Wagner: Herr Wernecke: Frau Wagner: Frau Meier: Herr Winkler: Frau Meier: Herr Winkler: Frau Wagner: Herr Winkler: Frau Meier: Frau Wagner: Herr Winkler wo die herkommen L Das sind zu zu zugegeben man hörte immer des diesen englischen Dialekt raus obwohl er alles hundert Prozent in Deutsch lesen und schreiben konnte. Ja aber das ist ja auch unser L Kulturkreis ne L Etwas hört man ja immer raus L is egal wo man herkommt L ° Das hört man.° Ja aber das war jetzt auch gar nicht das, was ich eigentlich ansprechen wollte, dass man das hört. Das is einfach ne andere Sprachkultur, und diese Sprachkultur zeigt eigentlich den Stand dieser Gesellschaftsschicht oder dieser Migrationsschicht(.) von den andern Ländern, L die wollen sich abgrenzen L Die wollen die wollen nicht ja ja. Wogegen die andern die Griechen, die gekommen sind, die Italiener, die gekommen sind, um hier Arbeitskräfte zu sein in Deutschland, die wollten sich integrieren, sie wollten irgendwann so sein wie die Deutschen, wogegen die andern zwar in Deutschland leben L wollen aber sich bewusst abgrenzen wollen L durch ihre eigene Kultur durch L (°Ich stell das mal hier hin°) L Jaja. ihren eigenen Sprachstil. Mhm. Also wieviel L von den Synagogen oder so was die hier alle in Deutschland bauen L Wir hatten den L das is ja L Moscheen. Moscheen ja nicht Synagogen Dit sollten wir mal, L wir sollten in der L Türkei mal ne evangelische oder katholische L Synagogen? L Moscheen ja Moscheen(wollt ich gleich sagen) 209 Frau Meier: Frau Wagner: Frau Meier: Herr Winkler Frau Wagner: Frau Meier: Frau Wagner: Herr Winkler Frau Wagner: Herr Winkler: Frau Wagner: Herr Winkler: Frau Wagner: Frau Meier: Frau Wagner: Herr Wernecke: Frau Meier: Herr Winkler Frau Meier: Kirche hinsetzen ich glaub da geht das aber los bei denen. Doch das gibt’s aber auch, auch in muslimischen Ländern sind Kir- christliche Häuser zu finden[belehrend, lächelnd]. Ja? Ja doch L viel. L Mhm. Ich hab immer gedacht L da wären die L strikt dagegen L Ja gibt es L Aber nicht in dieser Anzahl sag mal wie’s L hier in Deutschland L Nee nich in dieser Anzahl, aber das liegt ja auch daran dass nicht in dieser Anzahl Leute in den andern Ländern sind. Wir waren letztes Jahr in Vietnam, da sind auch christliche Häuser zu finden mit Kreuzen L und nem Hahn drauf oder so. L Mhm. Aber natürlich muss man auch berücksichtigen, wie ist unsere Anzahl wie sind die Christen vertreten in den andern L Ländern weltweit L Jaja. und wie sehr sind die Muslime hier vertreten ne L , ich mein ich kann ja jetzt nicht für einen Prozent ähh unzählige Gotteshäuser L Ja hier sehr dat is es ja. bauen, das muss ja dann auch im prozentualen Verhältnis zu den(.) äh Personen stehen die auch wirklich im Land leben. (.) °Mhm.° Ja dat sind, das is alles immer so’n so’n Thema, da kann man sich ja stundenlang drüber unterhalten ne. Und dann man kommt immer wieder weiter damit und(.) manchmal denk ich immer wo lebst du eigentlich?(3) Weiß nicht. Das dat alles so(.) äh äh sag mal weil sich das jetzt alles bei uns abspielt.(.) Man kommt ja in die weiten Länder kommt man nach China oder(.) wat weiß ich, aber kommt man ja 210 (.) kaum(.). Oder war ich jedenfalls noch nicht. Aber äh ich nehme jetzt immer nur hier sag ich mal so wie die Türken sind für mich die schlimmsten(.) Umgangsleute für mich jetzt persönlich. Ich hab nichts gegen die, wenn die sich vernünftig(.) benehmen, is dat alles ok, aber wenn die außer der Art(.) gehen, dann äh dann seh ich dat nicht mehr für normal“(Z1581-1649). Herr Winklers Beitrag kann als Relativierung verstanden werden, dass bei Fremden selbst bei perfekter Schreib- und Lesekompetenz die Sprache die Herkunft offenbart. In Abgrenzung zu Herrn Winkler gewinnt die Einstellung Frau Wagners stärkere Kontur: Das Beispiel des Engländers hinkt allerdings für sie, da nach ihrer kulturalistischen Definition diese keine Migrant/innen seien. Herr Wernecke lässt auf Zustimmung zu dieser Einschätzung schließen, die eine klare Unterscheidung zwischen dem„eigenen“ und dem„fremden“ Kulturkreis beinhaltet. Für Frau Meier ist eine Integration dann gelungen, wenn die Migrant/innen so sind wie Deutsche, also absolut assimiliert sind. Während Frau Meier und Herr Winkler sich gegenseitig verstehen und bestärken in ihrer Definition des Fremden, der aufgrund sprachlicher Akzente immer Fremder bleiben wird, macht Frau Wagner deutlich, dass ihr Argument anders gelagert war, da sie Abschottung mit einer abgrenzenden Sprachkultur verbindet. Herr Winkler nimmt diesen Gedanken auf und bestätigt, dass ein Abgrenzungswille vorhanden sei. Frau Wagner betont mehrfach diese bewusste Abgrenzung und stellt als positives Beispiel die Gruppen der Italiener sowie der Griechen gegenüber. Diese wollten sich integrieren, was nach ihrer Auffassung eine Übernahme der„deutschen Kultur“ bedeutet. Integration wird von ihr also eher als einseitige Anpassungsleistung beziehungsweise Assimilation gedacht. Vollzieht sich diese nicht, wirkt das als Provokation, die bei Frau Meier Aggressionen auslöst. Frau Meiers Reaktion lässt im Unklaren, ob sie Frau Wagner tatsächlich zustimmt oder nicht. Herr Winkler hingegen bringt ein Beispiel für 211 bewusste Abgrenzung, dass wohl als eine Bestätigung von Frau Wagners Ansicht gemeint ist. Er bezieht sich auf den Bau von Synagogen und ähnlichem in Deutschland, woraufhin er gleich durch Frau Wagner korrigiert wird. Moscheen, nicht Synagogen sind gemeint. Während Herr Winkler sich von Frau Wagner belehren lässt, wirft Frau Meier lautstark ein, dass der Bau einer christlichen Kirche in der Türkei nicht einfach möglich sei, worauf auch sie durch Frau Wagner korrigiert wird, dass es durchaus christliche Gotteshäuser in muslimischen Ländern gäbe. Herr Winkler bestätigt dies, Frau Meier dagegen ist überrascht. Herr Winkler versucht zu beschwichtigen, indem er die Quantität der Gotteshäuser anführt. Eine Einigung zwischen Frau Wagner, Frau Meier, Herrn Winkler und Herrn Wernecke wird dann dahingehend hergestellt, dass die Anzahl der Gotteshäuser am Anteil der muslimischen Gläubigen in der Gesamtbevölkerung gemessen werden sollte. Für die Muslime in Deutschland, laut Frau Wagner eine Minderheit von einem Prozent, könne man nicht„unzählige Gotteshäuser“ bauen. Dies impliziert erneut einen Abgrenzungswillen der Muslime und eine zu starke Macht dieser Gläubigen in Deutschland. Frau Meier stimmt mit Frau Wagner überein, den Kommentaren Herrn Werneckes sowie Herrn Winklers ist dies nicht sicher zu entnehmen. Frau Meier beendet diesen Abschnitt damit, dass„die Türken“ ihre schlimmsten Feinde seien. Wenn sie auch wieder zwischen den Ordentlichen und denen, die„außer der Art(.) gehen(Z1651)“, differenziert, scheint ihre stark-affektive Türkenfeindlichkeit gerade bei den zuletzt verwendeten Worten, durch. Dieser besprochene Abschnitt verweist auf die Bedeutsamkeit der Klassifikation von guten versus schlechten Migrant/innen(für Frau Wagner und Herrn Wernecke). Südeuropäer/innen oder Europäer/innen generell stehen als Etablierte muslimischen Migrant/innen als Außenseiter gegenüber. Die Bedeutung von Essen als Integrationsmerkmal beziehungsweise als Akzeptanzgröße zeigt sich an ihrer Aussage zu den Chinarestaurants, Chinesen hätten etwas mitgebracht und könnten ebenfalls 212 nicht als Migrant/innen betrachtet werden. 11 Kulturalistische Argumente, fußend auf religiösen Differenzen zum Islam, zeugen von Vorurteilen gegenüber muslimischen Migrant/innen. Zu viele Gotteshäuser für eine Minderheit scheinen unangemessen beziehungsweise befremdend und nehmen einen bedrohlichen Charakter an. Dieses Bild wird vor allem von Frau Wagner gezeichnet, was aber bei den anderen durchaus Anklang findet. Diese Betonung kultureller Eigenheiten und Unterschiede zwischen „Kopftuchträgern“ und anderen Migrant/innen entspricht den subtilen Vorurteilen. Frau Meiers Äußerungen zu Türk/innen am Ende lässt wiederum an die erste Säule der subtilen Vorurteile denken: Die Türk/innen erfüllen nicht die Anforderungen der deutschen Gesellschaft und benehmen sich nicht angemessen. Ein weiterer interessanter Aspekt ist, dass kulturalistischen Sichtweisen durch Herrn Wernecke Raum gegeben wurden. Seine zunächst vorurteilsfreie Meinung über die vorhandenen kulturellen Unterschiede zwischen verschiedenen Migrant/innengruppen führt in der Diskussion zur Herausbildung von Vorurteilen, an denen sich auch Herr Wernecke, wenn auch eher in Form einer Zustimmung, mitwirkt. Diese werden von Frau Meier sehr emotional vorgebracht. Während thematisch zwischen guten und schlechten Migrant/innen unterschieden sowie von Ein- und Ausschlussprozessen gesprochen wird, spiegelt sich dies auch szenisch in der Gruppenkommunikation wider. Frau Wagner grenzt sich von der bildungs- beziehungsweise statusniedrigeren Frau Meier und Herrn Winkler ab und sucht Anknüpfung an Herrn Wernecke. 11 Auch in anderen Gruppendiskussionen(siehe weiter unten) kommt der Esskultur eine große Bedeutung zu, so wird beispielsweise Integration mithilfe der Anzahl der Restaurants der jeweiligen Gruppe im Ort definiert(Gruppendiskussion Eutin). 213 5.1.2.3 Migrant/innen und Ressentiments In der Gruppendiskussion in Dortmund sind bei einer Teilnehmerin bereits deutliche Ressentiments sichtbar geworden, die eine eigene Qualität und Funktion des Vorurteils anzeigen. Während in der kulturalistischen Argumentation in der Regel versucht wird, eine relative affektive Neutralität zu zeigen, was nicht immer gelingt, treten in anderen Gruppendiskussionen die Ressentiments in der gesamten Gruppe deutlicher zutage. Gießen Wie oben bereits dargelegt, konstituiert sich die Gießener Gruppe über die Erfahrungen von Fremdheit und Integration, die sowohl in der Gruppe selbst hergestellt als auch massiv von anderen gefordert wird. Die Themen der Fremdheitserfahrungen sowie Ein- und Ausschlussprozesse, die mit eigenen oder familiären Erfahrungen unterlegt werden, durchziehen die gesamte Diskussion. Hierüber kommen die Teilnehmenden schließlich auch auf die Integration von„ausländischen“ Migrant/innen zu sprechen. Bei den Bestimmungen dessen, was von den Teilnehmenden als Eigenes oder Fremdes gefasst wird, soll im Folgenden vor allem den Bildern von Ausländern nachgegangen werden. „Und das sind für mich die ausländischen Sachen wo ich sage, die leben hier die arbeiten hier das sind, da mach ich nix ja“ Zu Beginn der sechsten Sequenz berichtet Herr Brenner zunächst vom Kontaktverlust seiner Eltern auf dem Dorf, nachdem sie die Partei gewechselt haben(Z1642), was Frau Kreuz zu einem Plädoyer für gegenseitige Toleranz führt. In Bezug auf Freundschaften assoziiert sie dabei 214 Unterschiede über die von Herrn Brenner angesprochene politische Positionierung hinaus: Frau Kreuz: Frau Ried: Frau Kreuz: Herr Brenner: Frau Kreuz: Herr Brenner: Frau Kreuz: „Ja Freunde lassen sich durch nichts eigentlich gute L Freunde sag ich mal durch nichts beeinflussen, ob’s die L Ja rassi- die Rasse is, ob’s die politische Meinung is, ob’s der Glaube is oder sonst etwas L °ja°. Also das ist ähm eigentlich, L Mhm ich hatte ja früher auch Kollegen ja, die die mit denen ich sehr gut konnte ja und da konnte man sagen man befreundet sich auch langsam. Ja da war einer schwarz, der andere war Moslem ja, der Dritte war das und der vierte hatte J die Neigung J und der der hatte das, das hat interessiert doch gar nicht. Das is doch völlig uninteressant L jeder sollte das lassen was er is, sollte keinen von seiner andern L Mhm Sache überzeugen wollen. Und dementsprechend kommt man auch miteinander klar[…]“(Z1660-73). Frau Kreuz bringt als erstes Attribut, das in Freundschaften keine Rolle spielen sollte,„die Rasse“(Z1663) vor. Obwohl als biologisches Konzept in Bezug auf den Menschen widerlegt, gibt es für Frau Kreuz offenbar verschiedene menschliche„Rassen“. Auch„der Glaube“(Z1663), also die Bedeutung der Religion oder„Neigung[en]“(Z1668) werden für sie als mögliche bedeutsame Unterschiede zwischen Menschen aufgeführt. An dieser Stelle jedoch betont sie, solche Unterschiede sollten in Freundschaften keine Rolle spielen, vorausgesetzt, keiner versuche von„seiner andern Sache“(Z1670) zu überzeugen. Diesem Plädoyer für gegenseitige Toleranz ist also die Betonung, das Eigene gegenüber dem Anderen zu wahren, implizit. Herr Brenner assoziiert weiter zur Erfahrung seiner Eltern auf dem Dorf und kommt über diesen Assoziationsraum nun auf die Integration von Ausländern zu sprechen. In Bezug auf seine Eltern berichtet er, dass 215 „Holländer ins Dorf kamen und ham sich n Haus gekauft und mit denen kam sie eigentlich ganz gut aus“(Z1680). Insgesamt kämen Holländer hier gut zurecht und würden„ganz gut aufgenommen“(Z1685), was durch Frau Kreuz bestätigt wird. In der folgenden Passage, die vor allem durch Frau Kreuz und Herrn Brenner geprägt wird, werden im gegenseitigen Einverständnis nun diesen„gut integrierten“ Ausländern, die„Gutes“ brächten, solche gegenübergestellt, die der Forderung nach Anpassungsleistung nicht nachkämen, die„schmarotzen“ und„Verbrecher“ seien(Z1753). Die dabei erneut aufgegriffene(s. o.) und nun eindeutige Forderung der„Integration” als einseitige Leistung beziehungsweise der Assimilation steht im Widerspruch zum vorherigen Plädoyer für Toleranz. Zunächst assoziiert Frau Kreuz„die Russen“, die als„Kapitalisten“ (Z1694) in Russland Schwierigkeiten hätten und deshalb ihr Geld zum Beispiel in Villen investierten. Diese Russen kämen hierher, um sich vor „der Mafia“(Z1699) in Russland oder politischen Schwierigkeiten zu schützen und werden von Frau Kreuz zugleich den Russlanddeutschen gegenübergestellt: Frau Kreuz: Herr Brenner: Frau Kreuz: „Ja das sin ganz normale russische Leute, die nicht jetzt wie ich sag ma so Russlanddeutsche, die hier alles abdrücken vom Staat, sondern die wirklich Geld haben die da leben die da ganz normal das machen L da gibt es(.) russische Läden L Mhm und so weiter, ganz normale Leute wie se Deutschen auch leben ja. Wenn ich das bedenke, mein Schuster is Italiener, unser ähm(.) Schneider is Grieche, ja sind’s beide schon gute, der eine is’n super Freund von mir, der hat auch hier Mist gebaut in Deutschland, das kenn ich seine Lebensgeschichte und is seit Jahren mein einer meiner besten Freunde ja. Und das sind für mich die ausländischen Sachen wo ich sage, die leben hier die arbeiten hier das sind, da mach ich nix ja(.)“ (Z1711-1721) 216 Das„Normale“ ist(wie)„das Deutsche“ und kann akzeptiert werden; sogar Freundschaften können entstehen, obwohl – so lässt sich die Wendung überspitzt interpretieren – der Ausländer„hier Mist gebaut“ hat. Als Kontrast zu den„ganz normale[n][…] Leute[n]“(Z1711) dienen „die Russlanddeutschen“, in deren Beschreibung das Bild des sogenannten Schmarotzers von Sozialleistungen bereits anklingt, das Frau Kreuz kurz darauf auch wörtlich einführt(s. u.). Die Akzeptanz der„normalen“ oder„guten“ Ausländer mündet dagegen in die Aussage,„da[…] nix“ (Z1721) zu machen, also nicht gegen diese zu handeln – eine Option, die somit in Bezug auf die Nicht-Akzeptierten damit zugleich aufscheint. Damit klingt sogar die Möglichkeit rechtsextremer Handelns an. Herr Brenner unterbricht und schließt direkt an diese Gegenüberstellung an, indem er die„Ausländer, die Restaurants“ und„Dienstleistungen“ anböten, also„Gutes“ und„Nützliches“ leisten würden, auf der einen Seite hervorhebt und auf der anderen ein„Ausländerproblem“(Z1726) ausmacht, das jedoch vor allem„bei den Jugendlichen“, speziell bei den „türkische[n] Jugendliche[n]“(Z1721) liege. Es liege nicht an den Eltern, „die hier hergekommen sind und hier Arbeit gesucht haben“(Z1731); vielmehr würden die Kinder„eben in deren Kultur“(Z1728f.) erzogen, „der Junge“ sei„der Pascha“(Z1722) und würde deshalb hier anecken: Herr Brenner:„Bei den bei den Türken hab ich’s ganz klar erlebt, also der der Kauz, klar arbeitslos, dann(.) fällt nur überall rum und äh zwar immer fein und schick gekleidet, aber(2) nicht nicht so un(.) ganz anders wie die Eltern ja, die eigentlich hierher gekommen sind um zu arbeiten und äh sich auch’n n Freundeskreis gesucht hat die bleiben dann auch eher unter sich, auch die auch die Jugendlichen“(Z1727-1733). Herr Brenner versucht, die Generation der sogenannten Gastarbeiter, die Eltern heutiger türkischer Jugendlicher, vom„Ausländerproblem“ (Z1726) auszunehmen; doch widerspricht dies der Begründung, die Ju217 gendlichen eckten aufgrund der Erziehung in der„anderen Kultur“ an, die doch von den Eltern ausgeht. Passt die Betonung der Leistung der Eltern, Arbeit gesucht zu haben, zur Forderung des Engagements, das Zugezogene zu erbringen haben, so steht eine solche kulturalistische Argumentation, nach der kulturelle Differenzen als starr und unüberbrückbar gefasst werden, im Widerspruch zum Problem, das lediglich an den Jugendlichen festgemacht wird. Frau Kreuz bleibt, an Herrn Brenner anschließend, ihrerseits bei der Unterscheidung in„gute“ und„schlechte“ Ausländer, doch geht sie nicht auf die türkischen Jugendlichen ein. Vielmehr führt sie nun ihre bereits zuvor formulierte Unterscheidung von„Schmarotzern“ sowie„Verbrechern“ einerseits und„den guten Ausländern“, die hier etwas leisten, andererseits weiter aus: Frau Kreuz: Herr Brenner: Frau Kreuz: „Ja man muss aber auch bedenken, unter welchen Voraussetzungen hierher gekommen sind, also ich kenn Ausländer, die kommen hierher weil se ich sag’s jetzt mal in Anführungszeichen schmarotzen, und es gi weil sie auch Verbrecher drüben im Land waren L sag ich mal, L Ja ja das sind die Wirtschaftsasylanten. Und es gibt welche, die wirklich hierher kommen, weil sie nichts hatten weil sie verfolgt sind und wirklich hier was aufbauen ja“(Z17411748). Die Verfolgten, wenngleich kurz erwähnt, werden nicht weiter diskutiert. Stattdessen führt Frau Kreuz am Beispiel einer ehemaligen Kollegin aus, wie sie„Ausländer“ akzeptieren könne. Obwohl„[u]rstämmig Türkin“(Z1748), sei diese„als Deutsche geboren“(Z1749) und spreche„einwandfreies Deutsch“(Z1760). Hier kommt wiederum die Bedeutsamkeit der deutschen Sprache ins Spiel, die bereits in den ersten Sequenzen eine tragende Rolle in der Diskussion um Heimat und Fremde innehatte. Auch in anderen Gruppendiskussionen wird häufig das Symbol der Sprache als 218 affektiv hoch besetztes Anpassungsmerkmal und als Anpassungsforderung formuliert. Stand die Fantasie eines„Ursprungs“ zuvor für eine Sehnsucht, an den eigenen Herkunftsort zurückzukehren, so wird die Vokabel nun im Gegenteil verwandt, um zu demonstrieren, wie stark die deutsche Identität auch bei„urstämmigen“ Ausländern herausgebildet werden kann. Einmal scheint die eigene Sehnsucht auf, das schon immer Verlorene wiederzufinden: Frau Kreuz: Frau Ried: Frau Kreuz: Herr Brenner: Frau Kreuz: „Die Frage is aber L genau das, dass fällt mir ja auch auf, dass viele in den Ursprung L Ja, da is was Wahres dran. L zurück also wieder zum Ursprung, wo se herkommen L , ja das passiert mir L Mhm L Ja immer mit den Allergien, je mehr ich in den Süden komm, desto schlimmer werden meine Allergien“(Z280-286). An dieser Stelle wird also darüber, dass man„es“ – den fantasierten Ursprungszustand – selbst verloren habe und sich immer wieder überall neu anpassen müsse, die allgemeine Forderung nach Normierung und Anpassung formuliert. „Und äh n Ausländer, der hier reinkommt, der muss sich auch engagieren und muss sehen, dass er irgendwo auf’m und das fängt an der Sprache lernen, ja“ Einigten sich die Teilnehmenden zuvor darauf, dass die eigene Anpassung bei Wohnortswechseln innerhalb Deutschlands über den Dialekt laufe, so wird in einem weiteren Beispiel bekräftigt, wie„einwandfrei“ Anpassung funktionieren könne, wenn„ursprüngliche Ausländer“ gar den jeweiligen Dialekt der„fremden Heimat“ annehmen, so eine Freundin,„ursprünglich 219 aus Mazedonien“, die„wie aus’m Stehgreif“(Z1763) Badisch spreche. Dass bei diesen Beispielen„auch die die Strukturen innerhalb dieses dieses Landes eingegangen“(Z1764) seien, wird als positive„Integrationsleistung“ im Folgenden wiederum„den Anderen“ gegenübergestellt: Frau Kreuz: Frau Ried: Frau Kreuz: Herr Brenner: Frau Kreuz: Frau Ried: Herr Brenner: Frau Ried: Frau Kreuz: Herr Brenner: Frau Kreuz: Herr Brenner: Frau Kreuz: Herr Brenner: „äh da sind wirklich auch die die Strukturen innerhalb dieses dieses Landes eingegangen ja. Aber welche die dann nur russisch sprechen und wenn wir dann so irgendwelche Sprüche von irgendwelchen polnischen Präsidenten kriegen, ja wenn die Deutschen die polnischen Leute hier nicht verstehen, dann solln se polnisch lernen, ja dann könnt ich mir meine Faust ballen und könnte L sagen also irgendwo hört’s auf, L Mhm J (.) J wenn ich in ein fremdes Land komme, muss ich auch die Sprache beherrschen. Wenn ich se nich kann muss ich se lernen L . Ich muss auch wenn ich nach L Mhm Amerika gehe Englisch L lernen, Punkt. L Ja Ja klar eben L (.) L Das L sollte Voraussetzung sein. L (Oder eben nach China). So und wenn dann so so einer kommt, ja dann dann pf ballt sich mir die Faust ja, weil ich sage dass kann’s nicht sein L ja oder hier stellen sich sogar L Mhm Russen hin und sagen lernt Russisch(.). Ja, obwohl se dann sagen, ich bin aber Russland(.)deutscher ja(.), oder Deutschrusse, wie se sich bezeichnen wollen°auch immer°. Da hört’s dann auf ja L (.), und da da denk ich ma da dass artet ma in Probleme. L Ja aber wir,(.) wir hatt wir hatten’s vorhin von Integration im Dorf ja L wo ma sich engagieren muss und sehen muss dass ma irgendwo L Mhm aufgenommen wird, dass is bei von von Fremdländer, der hierher kommt nicht anders, der muss sich engagieren L , dass wer aufgenommen wird. 220 Frau Kreuz: Herr Brenner: L Richtig Wenn ich irgendwo hinkomm in n Dorf und will dort aufgenommen werden, hier innerhalb von Deutschland, da muss ich mich engagieren, sonst äh werd ich ausgegrenzt, sonst sonst passiert gar nichts. Und äh n Ausländer der hier reinkommt, der muss sich auch engagieren und muss sehen, dass er irgendwo auf’m und das fängt an der Sprache lernen, ja“ (Z1771-1804). In der zuletzt zitierten Passage erreicht das Ressentiment gegen„die Fremden“, die sich nicht„bemühen“ – im Gegensatz zu„uns“(vgl. auch die Passage in Renningen, in der von Frau Jahn ebenfalls affektgeladen formuliert wird:„mir bemühn uns“, Z964) – seinen affektiven Höhepunkt. Frau Kreuz schildert eindrücklich ihren Ärger(„ja dann dann pf ballt sich mir die Faust“) über eine Anpassungsforderung, der sie selbst nachkomme, die jedoch von„polnischen Leute[n]“ und„Russen“ oder „Russlanddeutschen“ nicht erfüllt werde. Im Gegenteil, diese werden als Aggressoren wahrgenommen, die zu unrecht von„uns“ forderten, Polnisch oder Russisch zu lernen. Dass dies in Probleme„artet“(Z1791), kann durch die Wortwahl der „Art“ einen Assoziationsraum eröffnen, der durch die im Nationalsozialismus virulenten und rassistischen Vorstellungen der„Art“ geprägt ist, demgegenüber das„Artfremde“ konstruiert wurde. Dieser Eindruck wird dadurch verstärkt, dass Frau Kreuz offenbar die Präposition„aus“ (von„ausarten“) weglässt, so dass das Wort nun in einer alltagssprachlich nicht üblichen Wendung allein steht. In einem ähnlichen Zusammenhang – in der Diskussion über„die Türken“ in Dortmund verwendet auch Frau Meier diesen Begriff, wenn sie davon spricht, wenn„die außer der Art gehen“(Z1648ff.). Worte wie„Rasse“(Z1663) und„Art“ sind im Sprechen von Frau Kreuz selbstverständliche Bezugspunkte, ebenso wie das „Ur-Deutsche“(Z1395) oder die„Ostgebiete“(Z717). Der Assoziationsraum der„Art“ erscheint im Kontext der vorausgehenden Beiträge auch verknüpft mit dem„Ursprünglichen“, Eigenen, das es zu bewahren gelte. 221 So hatte Frau Kreuz zuvor die Akzeptanz des Anderen daran geknüpft, dass das Eigene ebenso bestehen bleibt(s. o.:„jeder sollte das lassen was er is, sollte keine von seiner andern[…] Sache überzeugen wollen“ [Z1670ff.]). Dies steht einerseits manifest im Widerspruch zur vehement formulierten Forderung nach Engagement, Anpassung, letztlich Angleichung„der Fremden“, die nach Deutschland kommen. Andererseits weist gerade dieser manifeste Widerspruch auf eine weitere Ebene, auf eine der möglichen Quellen des Ressentiments hin: Der starke Integrations- oder Anpassungsdruck, der von den Teilnehmenden in Gießen selbst empfunden wird, ist offenbar leidvoll, die Leistung wird zwar erbracht und von anderen gefordert, ist aber zugleich mit der Sehnsucht nach dem„Ursprung“ verknüpft. So wird einmal der eigene„Ursprung“ sehnsuchtsvoll gefasst oder das Wahren„des Eigenen“ bei Akzeptanz„des Anderen“ betont. Dies„Eigene“ erscheint aber gleichzeitig als bedroht oder bereits verloren; der Anpassungsdruck erzeugt Frustration und Aggression, die auf zuvor kategorisierte Gruppen von„Ausländern“ verschoben wird. Tradierte Stereotype und Feindbilder wie das biologistische Bild des „Schmarotzers“, der auf Kosten anderer lebt, werden unter anderem aufgegriffen, um die eigene Aggression aufgrund des gesellschaftlichen Anpassungs- und Normierungsdrucks zu kanalisieren. Die Einteilung„der Ausländer“ in„die Guten“, die etwas leisten, nützen, Gutes bringen und demgegenüber die Fantasie„der Schlechten“, die die(Anpassungs-)Leistung nicht erbringen, ermöglicht zugleich, die Aggression auf Letztere zu projizieren: wenn diese„schmarotzen“(Z1753) oder„Verbrecher“ (Z1753) sind und von„uns“ fordern, sich an sie anzupassen(z. B. Russisch zu lernen, s. o.). Herr Brenner bringt nun das Beispiel eines Amerikaners, der – obwohl er hier geheiratet habe – nicht„eingesehen“(Z1811) habe, Deutsch zu lernen.„[…] dann dann(.) kann er aber auch nich erwarten, dass er dann irgendwo integriert wird ja“(Z1811f.). Dieses Beispiel liest sich wie das Gegenstück/Spiegelbild zum positiven Integrationsbeispiel von 222 Herrn Seidel in Renningen, der von einem Amerikaner berichtet, der sich von Beginn an engagiert, die Sprache lernt und im Verein die Posaune spielt(s. o.). Frau Kreuz schließt wiederum mit einem Positiv-Beispiel einer Kollegin an, die„innerhalb von vier Jahren perfektes Deutsch gelernt“ habe und deren Herkunft aus der Ukraine man nicht mehr heraushören könne. Ein Movens für Ausländerfeindlichkeit ist ihre Projektionsfläche für eine Reihe von Wünschen und Konflikten der„In-Group“. Ausländerfeindlichkeit geht hierin aber nicht auf, denn die Aggression richtet sich gegen bestimmte Gruppen, die Projektionsobjekte sind nicht zufällig. Die gesellschaftliche Tradierung von Stereotypen und Feindbildern zeigt sich in der Wahl des„Russen“, aber auch Verschiebungen aufgrund von gesellschaftlichen Veränderungen;„die Russen“ sind ein„altes“ Feindbild,„die Russlanddeutschen“ scheinen von dieser Projektionsfigur Motive geerbt zu haben. Dies bedeutet auch, dass sich die Begründung ausländerfeindlicher Einstellung nicht mehr primär„rassischer“ Motive bedient, sonst wären die„Russlanddeutschen“ als„Deutsche“ zum Objekt der Projektion geworden. Vorherrschend sind kulturalistische Argumente, aber auch Leistungskriterien. Dabei scheint es auch relevant, welche Gruppen in der (medialen) Öffentlichkeit als Projektionsflächen aufgegriffen werden. Eutin In Eutin kann wie in Gießen ein Beispiel für das Dominieren des Ressentiments gefunden werden. Allerdings wird dieses zum Teil durch Bemerkungen von Frau Berg und Frau Kaufmann durchbrochen. In diesem Punkt ähnelt die Gruppendynamik der Diskussion in Renningen, allerdings sind die Ressentiments stärker aufgeladen. Gemeinsamkeiten lassen sich aber vor allem hinsichtlich der Einteilung in„die Guten“ und 223 „die Schlechten“, hier: die„Unauffälligen“ und„gut Integrierten“ im Gegensatz zu den„Auffälligen“, schlecht Integrierten finden. „Aber auffällig find ich sind jetzt einfach die Russlanddeutschen“ „Ja aber ich finde das gemischt gar nicht verkehrt“ In einem Abschnitt kommen die Teilnehmenden selbstläufig auf das Thema des Zuzugs von Migrant/innen zu sprechen: Frau Budrich: Frau Rief: Frau Berg: Frau Kaufmann: Frau Budrich: „Hier ist in nach dem Zweiten Weltkrieg sind hier sehr viel Ostseebewohner eingezogen. Ob das so Ostpreußen waren oder Pommern waren oder auch Mecklenburger. Dann ham wir die ersten Italiener hier gehabt in den 60er Jahren, dann sind die Türken nachgezogen. Die sind eigentlich mehr oder weniger(2) ja 40 Jahre hier, das ist die zweite Generation, sie sie tauchen so deutlich eigentlich im Stadtbild nicht auf. Wir kennen alle äh L (.) ganz viele die L man also L (.) das sind L Ja also ich L Ganz normale Leute L Die integriert sind Eutiner, die gehören da gar nicht mehr zu. Auffällig finde ich jetzt sehr viel Russlanddeutsche oder noch davor kamen dann doch ja auch nen paar Polen, dann kamen ja viele(.)“ (Z1640-1651). Wie in der Gruppendiskussion in Gießen wird auch in dieser Passage bereits eine Unterscheidung zwischen Gruppen von Migrant/innen aufgemacht: Frau Budrich beginnt von denjenigen zu sprechen, die im„Stadtbild“ nicht mehr auffallen und erhält Unterstützung von Frau Rief und Frau Berg. Als„[g]anz normale Leute“,„[d]ie integriert sind“ werden sie schließlich von Frau Budrich in einen Gegensatz zu„den Russlanddeut224 schen“ gestellt, die„auffällig“ seien – einen Begriff, den sie im Folgenden noch häufig wiederholen wird. So führt sie weiter über Menschen aus der ehemaligen DDR, die nach der Wende zugezogen wären und ebenfalls nicht auffallen würden, aus, dass sie„im Stadtbild“„verschwinden“, da sie eine„ziemlich ähnliche[…] Lebensweise“ hätten. Während Frau Berg darauf als positiv hervorhebt,„dass hier gemischt is“, so betont Frau Budrich zugleich mehrfach, dass sie„die Russlanddeutschen“„auffällig“ findet, ein Wort, das sie allein in dieser Passage dreimal wiederholt, woraufhin Frau Berg noch einmal das Positive an der „Mischung“ hervorhebt. Frau Berg: Frau Burderich: Frau Berg: Frau Budrich: Frau Berg: Frau Osbeck: Frau Budrich: Frau Budrich: „Aber eigentlich ist das ne ganz gute Sache gewesen, L das hier gemischt is ne. L Aber auffällig(.) ja aber L auffällig ist jetzt L Das war hier sehr viel Degeneration, weil das so’n kleines schmales Land ist und(.) Aber auffällig find ich sind jetzt einfach die Russlanddeutschen. Ja aber L ich finde das gemischt gar L nicht verkehrt. L die sind ja L Also Ich finde es auch nicht falsch, ich will nur sagen, dass sich damit eben auch hier sehr viel verändert hat“(Z1660-1669). Obwohl Frau Berg Frau Budrich widerspricht und sich positiv auf Unterschiede und das Thema Integration bezieht, so weist die Vorstellung der Mischung auf eine weitere Ebene: Wenn etwas gemischt sein kann, wird impliziert, dass es auch in„reiner“ Form, ungemischt sein könne. Entgegen der Intention von Frau Berg vermittelt sich hier möglicherweise dennoch etwas von der Vorstellung von„Ethnien“, die in sich gleich seien, die sich aber mit„den/m Anderen“ vermischen könnten. Das wirft die Frage auf: Was mischt sich da? Einen Hinweis finden wir, wenn Frau Berg von Degeneration spricht. Menschen aus verschiedenen Herkunfts225 gegenden, unabhängig von sogenannten„Ethnien“,„frischen“ sich gegenseitig auf. Die Veränderung im Ort macht Frau Budrich in der weiteren Argumentation daran fest, dass sich„durch den Zuzug[…] so vieler Fremder“ (Z1678f.) die frühere„Verzahnung“(Z1679) ortsansässiger Familienverbände aufgelöst habe. Auf die Nachfrage von Frau Osbeck, ob sie dies auf„die Russlanddeutschen“ zurückführe, verneint sie dies zwar – der „Zuzug überhaupt“(Z1692) habe dazu geführt – um jedoch daraufhin die„andere Mentalität“„der Russlanddeutschen“ ins Feld zu führen, die schließlich die„Integration ganz schwierig“(Z1706) mache: Frau Budrich: Frau Berg: Frau Osbeck: Frau Budrich: Frau Budrich: Frau Osbeck: Frau Budrich: Frau Berg: „Aber ich finde die die Russlanddeutschen, die jetzt drauf kommen, ähm die eine andere Mentalität haben, die bringen aber(.) äh. Die ersten Türken haben nicht diese fe- äh starren Familienverbände gehabt, das was jetzt nachzieht hat solche Familienverbände. Aber bei den Russlanddeutschen ist es eben so, dass die L ihre eigenen Familienstrukturen eben L mitbringen L Ja die die ganzen Familien(.) sind ja mitgekommen L Naja die ham da ja uch wahrscheinlich überlebt in diesem L Familienverband ne ähm. L Ja Und sie bringen sie jetzt hierher, und da L denk ich wird ne Integration ganz schwierig L Kirchlich gesehen und alles ne mhm sein. Also ich finde es sehr auffällig. L In Ahrensburg gibt es eine Wohngebiet(.) L Is auch schwer“ (Z1697-1709). Als Weiterführung der obigen Argumentation verstanden, erscheinen nun die„starren Familienverbände“„der Russlanddeutschen“ als verantwortlich für die„Auflösung“ der zuvor von Frau Budrich beschriebenen 226 „Verzahnungen“„einheimischer“ Familien. Galten letztere als positiv, wirkt dagegen die„Starrheit“ der russlanddeutschen Familien sowohl negativ konnotiert als auch machtvoll und aggressiv, denn sie werden im Gegensatz zu den„einheimischen“ aufrechterhalten. Ein solcher„Familienverband“ wird zugleich als Begründung dafür herangezogen, dass „ne Integration ganz schwierig“ sei. So lebten die Familien auch in ganz bestimmten Wohngebieten. Auch gegen Argumente vor allem von Frau Kaufmann,„das“ habe sich aber„schon aufgelöst“, bleibt Frau Budrich bei ihrer Betonung der„Auffälligkeit” der Russlanddeutschen. Frau Kaufmann: Frau Budrich: Frau Rief: „ L Das ist aber auch schon aufgelöst[Zustimmung Frau Berg, Frau Osbeck] L Aber das vermischt sich, aber trotzdem finde ich fallen sie noch immer eigentlich mehr auf. Na also ich hab ja nun einen einen den den Vladimir der hilft im Garten bei mir. Äh also der ist derart unauffällig(.)“ (Z1727-1739). Widerspricht auch Frau Rief hier der„allgemeinen Auffälligkeit“, indem sie als Argument„ihren unauffälligen“ Vladimir anführt, so wird doch der Kategorisierung selbst nicht widersprochen. Möglicherweise ist dies hier die weit verbreitete Strategie der Ausnahmen(vgl. Allport 1954, Adorno et al. 1951), die ermöglicht, das Vorurteil aufrechtzuerhalten. Oder intendiert Frau Rief mit dem Hinweis auf„ihren“ Vladimir einen „echten“ Widerspruch zum verallgemeinerten Bild„der Russlanddeutschen“, der Stereotypisierung überhaupt? Insgesamt eröffnet und verteidigt Frau Budrich über die Sequenz hinweg die Differenz der gut Integrierten,„Normalen“,„Unauffälligen“ gegenüber den„Auffälligen“. Erhält sie dabei zwar Widerspruch durch die anderen Diskutantinnen, so wird doch die Kategorisierung selbst nicht in Frage gestellt. So ist auch der Verlauf der weiteren Diskussion dadurch gekennzeichnet, dass sich die Teilnehmerinnen häufig gegenseitig wider227 sprechen und dabei durcheinanderreden, um sich doch auf eine mögliche Konstruktion der„Fremden“ zu einigen. Schließlich wird die Suche und – wenngleich widersprüchliche – Bestimmung„der Guten“ und„der Schlechten“ immer deutlicher. „Deshalb sag ich ja, die sind nicht integrationsfähig“ So führt auch kurz darauf Frau Budrich erneut die Diskussion über„die Russlanddeutschen“ an, indem sie aufgrund ihrer beruflichen Erfahrung die Schwierigkeiten, die diese Migrant/innen hier hätten, betont. Darin wird sie nun unterstützt von Frau Osbeck: Frau Osbeck: Frau Budrich: Frau Berg: Frau Rief: Frau Berg: Frau Kaufmann: Frau Budrich: Frau Osbeck: Frau Berg: Frau Budrich: Frau Osbeck: Frau Rief: Frau Budrich: Frau Osbeck: Frau Budrich: „Die ham’s schwieriger glaub ich auch Und die haben auch große Probleme mit den Behörden, weil mhm(2), ja obwohl sie teilwei-(.) und Aber nicht die in Eutin Nee nee L nee nee L Nicht die in Eutin Vorallem weil sie kein Deutsch sprechen, das ist das Problem Nein das ist nicht richtig, L sie sprechen Deutsch L Die sind ja da Deutsch auch aufdas war ja diese Minderheit L Nee das ist(.) sie sprechen Deutsch Das ist nicht korrekt, L also sie sprechen schon Deutsch. L Das ist, ja ja die sprechen Sie sprechen der äh der also der die(.) Sie haben nur Probleme die ihre Eltern vielleicht gar nicht gehabt haben, aber sie haben jetzt mit Behörden also mit Beamten oder mit einer Institution die Macht hat, echte Probleme. Und das sind keine Ich glaub bei denen ist es auch oftmals ne Glaubensache auch ne. L Die ham auch einen ganz(.)(festen) Glauben L Ja sie haben einfach äh die Erfahrung, die die El228 Frau Rief: Frau Budrich: Frau Rief: Frau Osbeck: Frau Rief: Frau Budrich: Frau Rief: Frau Osbeck: Frau Budrich: Frau Rief: Frau Osbeck: Frau Rief: tern oder Großeltern gemacht haben kommt bei Ihnen großteils jetzt zum Tragen. Also es ist einfach auffällig, L dass immer L Sie meinen jetzt sprechen Sie von den Russen? Ja ich sprech von den L Deutsch-Russen L Na also da die, L sie sind ja, die sind ja, also ich weiß es ja von äh vom L Von den RusslandDeutschen erzählen jetzt her, und ich hab bin ja auch selber. Die sind von der die ganz der die gen- der ganze Ort ist hierher. Mit Kind, Kegel mit den ganzen Familien, L die sind alles also es sind alle an die ham einen Clan. L Deshalb sag ich ja, die sind nicht integrationsfähig. Ja die sind Und hier sind sie weiter ein Clan, L bloß im anderen Land J (2) J L Genau Ja ja das ist L das sind da das ist praktisch hier ham se so das Ding das ham se L Oder? jetzt genommen und das ist jetzt hierher gezogen“(Z17781815). Zunächst sind sich die Diskutantinnen nicht einig über die spezifischen Schwierigkeiten„der Russlanddeutschen“; so bringt Frau Kaufmann Sprachschwierigkeiten vor, denen sogleich widersprochen wird. Schließlich setzt sich jedoch zunehmend als gemeinsame Orientierung(von Frau Rief, Frau Budrich und Frau Osbeck) ein Bild„der Russlanddeutschen“ durch, die mit ihren„Clans“„anders“ seien und deshalb schließlich„nicht integrationsfähig“. Im nächsten Abschnitt allerdings wird von Frau Rief eine neue Unterscheidung eingeführt, die dem von Frau Budrich aufgemachten Bild 229 von den„unauffälligen Türken“ gegenüber den„auffälligen Russlanddeutschen“ entgegengesetzt ist. Für Frau Rief sind es nun„die Türken“, die aufgrund„ihrer Religion“ im Gegensatz zu den Russlanddeutschen als„schlecht integriert“ erscheinen. Frau Rief: Frau Osbeck: Frau Budrich: Frau Rief: Frau Osbeck: Frau Osbeck: Frau Rief: Frau Osbeck: Frau Rief: „Es ist so, se die sind, also ich muss sagen die halten äh zusammen ja schon. Aber es ist äh es ist nicht so wie bei den äh T- äh Türken gewesen ja. Also nicht so wie so äh so gravierend, nicht also ich finde, die die ham ihr Geschäft hier, die holen da auch ein, ich kauf auch da öfter mal ein und horch mal rum wie das so ist. Und sie ham jetzt ich glaube Fuß gefasst, arbeiten dort und dort und dort. Und äh sie sind ja auch vor allen Dingen haben sie ja eine Religion. Sie sind ja äh evangelisch. Sie sind Frei evangelisch glaub ich sogar ne L , frei evangelisch ne L Frei evangelisch, freikirchlich Ja sie sind evangelisch, L während die die die unsere die Türken die sind wer-(.) mhm. L Is sehr Naja ich finde(.) L soll man seine Religion soll man ihnen lassen. L Das das da da wird das ja von der von der Religion de- diktiert ne. Wenn sie damit umgehen normal, L find ich immer alles ok. L Ja na gut“(Z18201834). Frau Rief stellt„die Türken“„den Russlanddeutschen“ gegenüber; Letztere hätten hier„Fuß gefasst“, was Frau Rief mit der„eine[n] Religion“ begründet, denn sie seien(auch, wie die Mehrheit der„Einheimischen“ in Schleswig-Holstein) evangelisch. Widerspricht diese Einteilung zwar der von Frau Budrich vertretenen, so bleibt aber die Aufteilung selbst in das„Unauffällige“,„Normale“,„dem Einheimischen“ Ähnliche gegenüber„dem Anderen“,„Fremden“ bestehen. 230 Positiv formuliert, ist laut Frau Rief die Integration, das heißt in diesem Fall die Anpassung, Angleichung an das Einheimische, leichter, da sie „uns“ ähnlicher seien. Für die Russlanddeutschen formuliert sie positiv, sie hätten„ja eine Religion“, die evangelische. Als„gravierend“ erscheint dagegen die Situation mit„den Türken“, deren Religiosität negativ konnotiert ist –„da wird das ja von der von der Religion de- diktiert“(Z1832) – und der Abgrenzung vom und Abwertung„des Anderen“ dient. Zunächst setzt Frau Budrich in der nächsten Passage erneut an, um auf die großen Veränderungen der Kleinstadt einzugehen, die sich durch Migration im Allgemeinen in den letzten Jahrzehnten hergestellt hätten und beginnt mit„den Italienern“. Frau Kaufmann fällt ihr sogleich ins Wort, um die Unauffälligkeit dieser Gruppe zu betonen und wird von Frau Berg bestätigt: Frau Budrich: Frau Osbeck: Frau Budrich: Frau Berg: „Aber ich finde, es zeigt eben wie sich in den letzten 40 Jahren so eine kleine Stadt verändert hat durch den Zuzug nicht nur aus der eigenen Bevölkerungsgruppe und aus den neuen Bundesländern, sondern eben auch(.). Als die ersten äh Italiener hierher kamen L (2) da(.) ja es liegt es näher aber damals L Die merkt man gar nicht, Italiener sind äh die größten Ausländer in Deutschland, wusst ich auch nicht von der Masse her, die merkt man gar nicht, also die Sie äh, L da gab es in hier in Eutin nur Spaghetti und Nudeln. Und sonst nichts L Sind ruhig“(Z1848-1852). Im Weiteren schließt sich nun auch Frau Budrich der Sichtweise an, „die Italiener“ seien integriert, um nun, zunächst scherzhaft, zu konstatieren, dies sei erfolgreich geschehen, wenn„eine Volksgruppe[…] mehr als zwei Lokale“ im Ort hat. 231 Frau Budrich: Frau Osbeck: Frau Budrich: Frau Rief: Frau Budrich: Frau Berg: „Nich also L dieses Wort Spagettifresser würde heute gar nicht mehr wirklich entstehen L Es ist bekannt dass die so sind und so(.) ja. weil wir alle selber Spaghetti essen inzwischen in vielen Formen. Und ich finde eine Volksgruppe ist integriert, wenn sie mehr als zwei Lokale(.) J landestypische J L in ihrem Ort hat. L () ja Dann finde ich hat das sind sie irgendwie drin in diesem Verbund. Ham wir aber alles“(Z1865-1872). Hier erscheint nun zunächst das Gegenstück zur oben diskutierten Forderung der Integration als einseitige Leistung, die von„den Fremden“ auszugehen habe, die„unauffällig“ werden, sich dem„Normalen“ angleichen sollen:„Wir“ essen inzwischen selber Spaghetti, haben also etwas von den Migrant/innen angenommen. Wenngleich lachend vorgetragen, so erweist sich das Beispiel vom landestypischen Essen, dass die Migrant/innen also etwas„Gutes“ in den neuen Ort hineintragen, auch im weiteren Verlauf als bedeutsam. Denn einer solchen gelungenen Integration werden in Folge wiederum„die Russlanddeutschen“ gegenübergestellt. Wiederum widersprechen sich dabei die Teilnehmerinnen bei der„Bestimmung“ dessen, wie diese Gruppe denn nun sei, um sich dennoch zunächst darauf zu einigen, dass sie – im Gegensatz zu„den Italienern“ und„den Türken“ –„nichts Eigenes“ mitbringen würden. Wie in der Gruppendiskussion in Gießen werden die, die etwas„Gutes“ bringen, denen, die„nur was mitnehmen“ wollen(in Gießen war explizit vom „Schmarotzen“ gesprochen worden, s. o.) gegenübergestellt: Frau Kaufmann: Frau Budrich: Frau Rief: „Und die Russlanddeutschen, das sind halt die letzten die jetzt auch gekommen sind,(.) und die ham natürlich auch die Schwierigkeit Ja die sind die letzten die jetzt L gekommen sind L Die sind(die) 232 Frau Kaufmann: Frau Osbeck: Frau Kaufmann: Frau Budrich: Frau Berg: Frau Osbeck: Frau Kaufmann: Frau Osbeck: Frau Brost: Frau Kaufmann: Frau Rief: Frau Kaufmann: Frau Budrich: Frau Brost: Frau Kaufmann: Frau Brost: Frau Kaufmann: Frau Kaufmann: Frau Rief: Frau Brost: Frau Kaufmann: Frau Osbeck: Frau Brost: Frau Kaufmann: die sind ja sehr sag mal so in sich gekehrt, die Russlanddeutschen. Ah sind auch sehr aggressiv(.) L teilweise L Sehr dezent L sehr zurückhaltend L Ja Die sind sehr aggressiv Ja Ja L und ab- und wenn se dann mal äh(.) mal irgendwie L die Gelegenheit haben L Ja, die Männer also das L Aber ich mal ne bisschen(.) aus sich raus dann schlägt es sofort(.) in auf L die in die andere Seite um. L Aus sich raus zu gehen, ja Aber ich denk bei den Russlanddeutschen ist es vielleicht auch so, dass die eigentlich gar nichts Eigenes, keine Kultur mitbringen L so, ne. L Das ist, kommt auch noch. Italiener haben L ihre Eiscafes, ihre Spaghettis, L die Türken ham ihrs L genau so. L Und die Türken ham ihre Kultur, genau ja. Ja das ist aber bei den Russlanddeutschen weiß man nicht so richtig, L was was bringen die mit, was was machen die. L Die ham gar nichts, was sie mitbringen. Die wollen nur was mitnehmen denk ich L () L Ja ne so das is auch so’n bisschen, deswegen ham’s sie’s vielleicht auch besonders schwer. Ja deswegen ham sie ja“(Z1873-1907). 233 Wie in anderen Gruppendiskussionen entsteht hier das ressentimentgeladene Bild des„Schmarotzers“, desjenigen, der nichts Eigenes leistet, nichts Gutes bringt, dagegen„uns“ ausnutzt,„was mitnimmt“, wie Frau Osbeck das Bild vervollständigt. Dieses negative Bild„der Russlanddeutschen“, die keine eigene Kultur hätten, steht im Gegensatz zu„den Türken“ und„den Italienern“, die etwas eingebracht haben. Interessanterweise entwirft die Gruppe dagegen kurz darauf ein gemeinsames, positives Bild von Russlanddeutschen(v. a. Berg, Kaufmann, Osbeck, auch Budrich). Dieses Oszillieren erinnert an die Wellenbewegung in Renningen. An die Schwierigkeiten„der Russlanddeutschen“ anknüpfend, wird von Frau Berg ein positives Integrationsbeispiel eingebracht, das dem Bild„des Schmarotzers“ entgegensteht. Gemeinsam mit Frau Kaufmann und Frau Osbeck entwirft sie nun ein positives Bild von„den Russlanddeutschen”, die sich bemühten und vor allem„fleißig“ seien: Frau Berg: Frau Osbeck: Frau Budrich: Frau Berg: Frau Brost: Frau Kaufmann: Frau Osbeck: Frau Berg: Frau Kaufmann: Frau Berg: „Also ich hab hier einen Kollegen gehabt, 20 Jahre hab ich hier gearbeitet. Und die mit’m Deu- mit’m Russisch-Deutsch Buch sind wir hier angefangen, damit sie das lernen können. Ja Mhm Is jetzt noch hier, die arbeitet noch hier. Die Kinder haben alle Arbeit, überall woanders, die Angeheirateten haben überall Arbeit. Sie selber ist sehr fleißig, also die ham sich gut einge(.) L mischt, und die L wissen auch L überall L Ja ja L Ja L Ja mit den Behörden bescheid. L Allerdings ist es äh ist es sehr wichtig, dass sie so’n ne L Und sie sind sehr auch zurückhaltend. Starthilfe bekommen. 234 Frau Osbeck: Frau Kaufmann: Frau Berg: Frau Osbeck: Frau Osbeck: Frau Berg: Frau Budrich: Frau Berg: Frau Brost: Frau Berg: Frau Rief: Frau Berg: Frau Osbeck: Frau Berg: Ja, aber die wollen L das aber auch ne. L Wollen angenommen werden L auch von den Bürgern L Ja die nehmen das an, L also ich bin mit der rumgefahren L in die Ämter L Genau L Dann find ich das auch schön. Und wenn sie das dann einmal alles so wissen, dann ham die keine Probleme, ne. Die ham echt Start- äh Probleme gehabt. Aber sie sind auch bereit L die Sprache zu lernen[Zustimmung Frau Rief], dass ist. L Aber sie sind fleißig, L sie sind bereit die Sprache und sie sind sehr fleißig L und wollen auch sehr gerne L Mhm das machen nicht viele. L äh anerkannt werden und sie ham zwar nen festen Familienclan, sie treffen sich L Ja immer und da gibt’s dann auch Tanten und Onkels und die treffen sich auch, aber sie ham auch Lust mal hier Eutiner als Freunde zu haben L und nen andern Kreis zu haben, ja. L Ja, das ist das schön ja ja. Also ich hab’s hier in der Familie zumindestens kennen gelernt“(Z1908-1940). Im Gegensatz zu den vorher dominierenden Vorstellungen„der Russlanddeutschen“ als„auffällig“,„nicht integrationsfähig“ wird nun ein positives Beispiel für gelungene Integration entworfen, in dem – wie in Renningen und Gießen – das aktive Bemühen der Migrant/innen im Mittelpunkt steht. Im Einklang mit dem zuerst entworfenen Bild einer „gelungenen Integration“, wenn„Unauffälligkeit“ und Angleichung an das„Normale“„Einheimische“ erreicht ist, scheint auch die besondere Betonung der sogenannten„deutschen Tugend“ des Fleißes. Nun folgt 235 auch eine Diskussion um die Bedeutung der deutschen Sprache, indem Frau Kaufmann von einer Russlanddeutschen spricht, die„sehr zurückhaltend“ und„fleißig“ sei, doch„Schwierigkeiten mit der Sprache“ habe. Frau Rief korrigiert nun, dass sie dann„keine Deutsch-Russin, sondern eine Russin“ sein müsse. Nun werden erneut positive Beispiele von Deutsch-Russen gebracht, die die Sprache beherrschen und als gut integriert erscheinen: Frau Rief: Frau Kaufmann: Frau Berg: Frau Rief: Frau Rief: Frau Kaufmann: Frau Berg: Frau Budrich: „Na dann dann is sie is sie keine Deutsch- Russin, L sondern eine Russin ja. L Nein nein sie ist Russin, sie ist richtige Russin und ihr Mann der ist Deutsch-Russe, perfekt Deutsch, L perfekt. L Naja L Ja Ja meiner auch, L der spricht perfekt Deutsch und() L Und die Kinder, L (2) und die Kinder sprechen auch perfekt Deutsch. L Kommt ja drauf an, wie zuhause(.) mal auch vielleicht auch gesprochen worden ist in der Familie ne, also. Die ham sich ja auch alle se- äh sehr gut hier etabliert hier. Und äh sie also seine ganz Familie, dass sind die Ju-()“ (Z1948-1959). Diese positive Beschreibung überrascht, da zwei Einstellungen einander gegenüberstehen:„die Russlanddeutschen“ haben nichts„Eigenes“. Dann sollen sie sich ja auch hier angleichen, assimilieren, bemühen sich, „so wie wir“ zu werden und werden im Zuge dessen mit positiven Attributen ausgestattet, etwa„fleißig“. Im letzten Abschnitt der Sequenz über„die Migrantengruppen“ geht vor allem Frau Kaufmann erneut empathisch auf die Schwierigkeiten der Migrant/innen ein. Frau Kaufmann:„Aber d-was sie schon richtig sagen, das Problem ist bei den 236 Frau Berg: Frau Kaufmann: Frau Berg: Frau Kaufmann: Frau Rief: Frau Kaufmann: Frau Berg: Frau Rief: Frau Berg: Frau Kaufmann: Frau Osbeck: Frau Kaufmann: Frau Berg: Frau Kaufmann: Frau Berg: Frau Kaufmann: Frau Berg: Menschen halt, wenn die hierher kommen in so ne Kleinstadt.(.) Erst mal ist für die das sowieso alles Neuland, und die denken hier ist das Paradies. Die kommen aus einer Stadt, dass hat sie mir das hat er mir erzählt, also der Mann von meiner Haushaltshilfe, als er das erste mal hier hier ankam, hat er gedacht, also hier ist wirklich das Paradies auf Erden. L Die kommen aus dem Os-, aus(Tomsk), aus dem L Ja so kennen die das nicht. hintersten Sibirien L und da bin ich mal gewesen auch als Tourist, es ist wirklich L Ja() grauenvoll wie’s da aussieht, und wenn man da leben muss, zwangsweise als junger Mensch, damit kommen die nicht klar. Und dann komm, haben sie plötzlich die Chancen hierher zu kommen, selbst in einer Kleinstadt. Es ist wirklich es ist das Paradies auf Erden. Ja das ist es. Das ist das Paradies L auf Erden,(nur hier) L Aber ich finde auch, L wir hier müssen den ne bisschen Starthilfe geben. L Aber äh(.) aber die Andern L Die brauchen jemanden, das ist sehr wichtig. L Nur sie ham natürlich das Problem jetzt plötzlich mit dem Paradies klar zu kommen. Ja natürlich Und wenn dann da Menschen sind und sagen oh du bist irgendso’ n Kanaker, du L sprichst doch kein Deutsch und so weiter, dann ham die ja erst richtige Probleme L Nee das find ich nicht in Ordnung, ja das(is nicht in Ordnung) und deswegen find ich das schon in Ordnung, dass den Menschen dann auch geholfen wird, über Institutionen oder wie gesagt L hier Krankenhaus und so weiter. L Ja L Das alle() L Auch wenn wir jeder irgendjemanden vor nimmt und jemandem hilft, dann ist das alles ok. Aber wenn alle sagen, nee damit will ich nichts zu tun ham, ich hab auch noch 237 nen Senior, der trinkt, den ich betreue, dem ich immer ne Wohnung verschaffe, wenn einer sich das die eine Wohnung wieder verekelt hat. Und jetzt hab ich gesagt, wenn du jetzt nicht endlich schaffst da Ordnung und sauber zu machen, dann(.) also von mir kriegst du keine Hilfe mehr. Ich hab dir jetzt zweimal geholfen, das muss jetzt gut sein. Und jetzt kriegt er das auch hin. Manche brauchen nen bisschen länger“(Z1960-1995). In diesem Abschnitt wird erstmals in der Eutiner Diskussion – wie in Renningen mehrfach – die Diskriminierung von Migrant/innen thematisiert. Indem Frau Berg schließlich eine Hilfe einfordert, die auch das Engagement von„uns“ betont, scheint einerseits die einseitige Forderung der Anpassung aufgehoben. Andererseits ist die Position der Hilfe eine überlegene, die schon durch die mehrfache Betonung, hier in Deutschland sei„das Paradies auf Erden“ anklingt und die durch das Beispiel des „Senior[s], der trinkt“ und mehrfach die Wohnung„verekelt“, vervollständigt wird. Zwar wird nicht deutlich, ob dieser Mann, dem Frau Berg hilft, Migrant ist oder nicht. In jedem Fall aber steht die hilfsbedürftige Person, die erst nach mehrfachem Appell und der Drohung, die Hilfe zu unterbinden, bereit ist,„Ordnung[…] zu machen“, am Ende der Assoziationsketten zu Migration und Integration. So kann der Beitrag – neben dem Plädoyer für ein gegenseitiges Engagement – ebenfalls als Bekräftigung der Anpassungs-/Normierungsforderung verstanden werden. Dresden-Johannstadt In der Gruppendiskussion Dresden-Johannstadt und Umgebung, an der insgesamt sechs Personen teilnehmen, wird Rassismus nur am Rande thematisiert, da andere Themen im Vordergrund stehen. 238 Abgrenzung der Gemeinschaft gegenüber„Ausländern“ Verhältnismäßig am Anfang der Gruppendiskussion wird nach vorheriger Diskussion der Probleme von Frau Schumann mit ihrem arbeitslosen Sohn und dem Kommentar von Frau Reiß:„Ja bloß, was soll denn aus der Gesellschaft Deutschland werden?“(Z582) in einem sehr aggressiven Tonfall von Frau Reiß die nicht realitätsadäquate Behauptung aufgestellt:„Wir sind ja schon gar nicht mehr richtig Deutschland, wir haben ja schon über ein Drittel Ausländer!“(Z584-585). Dies sei bedrohlich und werde immer noch mehr. Sie betont aber hierbei immer wieder, dass sie sich für die Schwächsten der Gesellschaft, in ihrer Wahrnehmung Frauen und Kinder, einsetze und aus dieser Position argumentiere. Hieran schließt sich auch Frau Lange an, die erst die Kinderarmut allgemein und dann die Schwierigkeiten ihrer Enkelin aufgrund der vielen Russen in der Klasse schildert: Frau Lange: Frau Schumann: Frau Lange: „Meine Enkelin geht jetzt in die zweite Klasse, also unsere Enkelin, und da ist die Kinderarmut schon derart groß, dL Es ist so schlimm. Jetzt sind wir laut- in-in so ner L Die Unterschiede sind schlimm! Klasse, da sind lauter Russen drinne. Na ja. Jetzt wern wir mal sehen, was das wird.[seufzt] Das ist nicht so einfach“ (Z587-592). Das Thema Schule und das„Leiden der Kinder unter den Ausländern“ aufgrund der Verantwortung„der Ausländer“ für eine schlechtere Schulqualität wird auch in anderen Gruppendiskussionen wie zum Beispiel in Niedernhausen diskutiert. Differenzierungen zwischen„guten“ und„schlechten“ Migrant/innen Frau Lange differenziert jedoch ihrer Meinung nach rückständige und eher integrierte Russen, die auch ihre Kinder lieben. 239 Frau Lange:„Es gibt einige, die n bissl besser schon(.) dastehen und erzogen sind, aber andere, und die wollen auch gar kein Deutsch lernen, oder was! Die Kinder vielleicht schon, aber die Eltern überhaupt nicht. Die wollen einfach kein Deutsch lernen, die erzählen, ich sage, wenn die Deutsche sein wollen, müssen die Deutsch sprechen. Ich meine, wenn die zu Hause unter sich nur Russisch, ist doch“(Z599-603). Außerdem hebt sie hervor, dass es bei einigen Deutschen deutlich schlimmere Zustände geben würde: Frau Lange:„[…] aber die müssen doch endlich mal lernen Deutsch zu sprechen. Das machen die nicht! Die sitzen abends da und haben ihren Vodka und dann geht das los und-und die Kinder, na ja ich meine, die Kinder(.) ich- kinderlieb sind sie ja, das-da das muss man schon sagen, die lieben ihre Kinder, wenn sie nicht grad besoffen sind, aber(1) da gibt’s in, grade in dieser Klasse noch andere mit deutschen Familien, den Kindern geht es viel schlechter. Die werden früh rausgesperrt. Unsere Bürgermeisterin war nu grade mal im Nachbarort und dann sah sie grade wie so n kleener Junge in der Ecke da auf n Rasen groß gemacht hat. Na, sagt sie: Na, sage mal, was machst denn du hier? Ja, sacht er, ich kann doch nicht dafür.[spricht mit Kinderstimme] Und da sagten die anderen, der kann wirklich nichts dafür, der wird früh um sechse rausgeschmissen dort und die ist ja noch besoffen, der Mann auch und-und abends um sieme darf der wieder rein, der Kleene. Was soll denn der machen den ganzen Tag?“ (Z604-616). Zusammengefasst wird ein sehr deutlicher, vom Gefühl der Bedrohung gespeister offener Rassismus insbesondere von Frau Reiß geäußert. Es wird auch die Bedrohung der„eigenen Kinder“ durch„die Russen“ dargestellt, wenngleich dort auch zwischen besser und schlechter integrierten Russen differenziert wird. 240 Berlin-Hohenschönhausen Die Stigmatisierung von Migrant/innen ist in der autoritär geführten Gruppe durch den Wortführer Herr R. Müller und die anderen Teilnehmenden präsent. Stigmatisiert wird ein Gruppenmitglied, dessen Vater aus Ungarn stammt. Die kulturelle Minderwertigkeit steht in dieser Stigmatisierung im Vordergrund: Herr H. Fend: Herr R. Müller: FrauN. Müller: Herr H. Fend: Herr A. Müller: Herr A. Darmann: Herr R. Müller: Herr M. Müller: Frau J. Müller: Herr A. Müller: Frau J. Müller: Frau N. Müller: Frau R. Müller: Frau J. Müller: Herr H. Fend: Frau A. Darmann: „Unser Heimatland, Junge Junge Na außer er. Er ist in Ungarn J (.) J Ungarn-Schwein Junge I in- äh Was is schon wieder mit Ungarn? Wat bist du(nen Ungar)? Ik hatte nie wat gegen Ungarn, L weil ik den kenne. L Ne Lehmhütte In ner J Lehmhütte J J (.) J In ner Mooshütte. Lehmhütte mit Strohfenster Junge.[allgemeines Lachen] Knast J (.) J Und die Sonne als Licht Junge. Ach hört uf jetzt, Wichser“(Z1142-1158). Rassistische Kriterien der Integration Tatsächlich werden neben diesen kulturalistischen Begründungen der Stigmatisierung auch rassistische Kriterien für die auch körperlich gewalttätige Verfolgung von anderen genannt. Ronny Müller:„Na ick sag mal so, wenn die(Schwarzken) bei uns ruff kommen, gibt’s in die Fresse. Wenn wir zu denen kommen 241 gibt’s in de Fresse, sind schon is schon mal een Unterschied. Und bei uns is wesentlich ruhiger und sauberer als bei den Pissern.[Affengeräusch] Keene Frage“(Z155-158). Das dies sich auch in Handlungen äußert, wird an mehreren erzählten Beispielen deutlich. Die Gruppe versteht sich auch als Kämpfer gegen Migrant/innen und allem, was sie als nicht zugehörig definieren. Berlin-Bohnsdorf Der eigene Wunsch nach Zusammenhalt und Rückhalt als Reaktion auf das erfahrene Armutsstigma ist für die Gruppe in Berlin-Bohnsdorf schon beschrieben worden(vgl. Kapitel 5.1.1.2). Bereits dort wurde kurz Thema, dass Migrant/innen diesen Zusammenhalt hätten. Die Aggression gegen Migrant/innen ist aber in der Gruppe immer präsent, dass wird eingangs deutlich, wenn die Gewaltbereitschaft gegenüber einem möglichen Wohnheim für Asylsuchende in Bohnsdorf zur Sprache kommt. Frau Meinert fragt nach einer kurzen Beschreibung des„Ghettos“, in dem sie leben, ob es eigentlich stimmt, dass ein Asylantenheim anstelle des Seniorenheims im Viertel kommen soll(Z280). Herr Mischke bemerkt:„Ja denn müssen se daneben gleich ne Polizeistation machen“ (Z283). Auch Herr Toben stellt fest:„Aber dann is das nur noch Mord und Totschlag hier“(Z299). Interessant ist, dass das Gespräch zwischen den Teilnehmer/innen gleichermaßen durch Fassungslosigkeit geprägt ist, dass bei so offensichtlicher Gewaltbereitschaft im Viertel diese Planung existiert, gleichzeitig präsentieren sie sich selbst als diejenigen, die diese Gewalt ausüben würden(Kalaschnikow, Z309, Frau Ronert). 242 Ausländer sind aggressiv, aber halten zusammen Die Migrant/innen werden aber von der Gruppe selbst als die Aggressoren wahrgenommen, so dass die eigene Aggression als Reaktion erscheint: Herr Frank: Herr Randstedt: Herr Frank: Herr Randstedt: Herr Frank: Herr Randstedt: Herr Mischke: Herr Toben: Herr Frank: Herr Randstedt: Herr Mischke: Herr Toben: Frau Meinert: Herr Toben: „Ick hab, ich hab ja nischt gegen Ausländer weeste, aber die sind sowat von aggressiv wees ick nee L also L Also ick hab och nischt gegen Ausländer, aber gerade wieder bei diesem Thema denn. Aber ick habe wat dagegen, dass in Deutschland mehr rinkommen als man, als man gebrauchen kann als man, als man verkraften kann hier in Deutschland L und denn benehmen se sich auch nich dit Rattenviehzeug. Die L Naja, dit is der Familienkram bei denen(.) ach benehmen sich überhaupt nicht. Da wird Streit gesucht, da wird, da wi- äh alles immer nur auf(Brass) is doch keen Wunder, dass man denn sauer is. Naja. Na dann steht irgendwo alle Kanaken raus. Na der dit geschrieben hat, den, dem kam dit wahrscheinlich aus’m Herzen. Is ja auch so. L Glaub ich irgendwie() kannste auch nen Fidschi nehmen L Wenn jetzte der Ausländer sagt, scheiß Deutscher wollen se glei abschieben hab ick gesehen in den Nachrichten und so(2) rischtig so L Na L Nein Scheiß Deutscher Na Umgekehrt wird’n Schuh drauß. L J (3) J L J (2) J “(Z535-555). Offensichtlich haben alle drei Männer Erfahrungen und können sich auch gut auf das nun aufkommende Thema„Ausländer“ einlassen. Dabei werden die Migrant/innen als Aggressoren beschrieben. Der Forderung, 243 dass solche Migrant/innen abgeschoben werden müssten, die aggressiv gegenüber Deutschen seien, können sich alle Diskussionsteilnehmer/innen anschließen. Herr Frank schildert in Fortsetzung des Themas und anknüpfend an Herr Mischke und Herrn Randstedt die„Ausländer“ als die Aggressiven:„[…] ey da hol ich meinen Bruder, der haut Dich auf die Glatze, da guckst Du“(Z557ff.). Herr Randstedt beginnt mit einem neuen Aspekt, wenn er betont„man wundert sich immer darüber die Türken haben’s auf eine Art besser wie wir und die Araber och.[…] Die haben Zusammenhalt und der Deutsche hat keenen“(Z565f.). Die Differenzierung zwischen Türken und Arabern fällt auf, aber wesentlicher Inhalt dieser Einlassung von Herrn Randstedt ist, dass die Ausländer zusammenhalten und einander helfen, wenn sie angegriffen werden(Z576),„haben auch ne andere Familienstruktur“ (Z580) und die, die arbeiten, unterstützen den Rest der Familie(Z581). Hier erscheint bereits ein Wunsch nach Zugehörigkeit und Gemeinschaft, der in verschiedenen Variationen während der Gruppendiskussion bedeutsam bleibt. Herr Frank ist während dieser Erläuterungen von Herrn Randstedt im engen und zustimmenden Rapport, dann greift er das Thema auf und erweitert es auf seine Erfahrungen in der DDR:„Ja, aber ick muss hier mal sagen zu Ostzeiten war dit hier genau so“(Z583). Herr Randstedt verallgemeinert die Erfahrung:„Ja dit waren so alle, die im Boot saßen und weol dit die Not heraus machte hier mussteste zusammenhalten sonst konnst nich überleben. Die Türken müssen auch zusammenhalten, sonst können se auch nich überleben“(Z587ff.). Herr Frank bringt die Unterhaltung wieder auf die von den„Ausländern“ ausgehende Bedrohung und deren Aggressionen:„hier die türkische Mafia na hallo die stecken sogar noch die Chinesen noch in ne Tasche, weil die rabiat eiskalt sind, die sind eiskalt Kehle durchschneiden[…]“ (Z598). Es geht um das Überleben, die Migrant/innen haben den Deut244 schen gegenüber den Vorteil, dass sie aus Sicht der Diskutanten sowohl aggressiver sind als auch einen Zusammenhalt zeigen, um zu überleben. Aggressionen und Migrant/innen Herr Randstedt greift das Thema etwas später wieder auf, wenn er die im Vergleich zu Neukölln relative Ruhe von Bohnsdorf betont(Z773). Nun beschreiben Herr Mischke und Frau Meinert, warum sie nach Bohnsdorf gezogen sind:„wegen Mutti“(Z779). Herr Frank steigt hier ein: Er musste umziehen, weil er„so’n Türkenkollegen[…] nen Kasten Bier vor die Fresse gehauen“ habe(Z793ff.).„Und musste ick ganz schnell weg“(Z798). Dann habe er seine Frau kennen gelernt und dort eine Zeit lang gelebt. Ironisch fügt er an, dass es da sehr perfekt gewesen wäre: Sie hätten genau in den„Ausländerwohnungen“(Z803) gewohnt, „jenau neben Asylantenwohnheim“(Z825),„und denn kiekt ma der mit dem Schäferhund da haben se mich mit Steine beworfen und und allet sowat und ach, dit war och schlimm, dit war furchtbar und ich hab noch nich mal was jemacht“(Z827).„Dir reicht schon, weil is ja deutscher Schäferhund“(Z833). Frau Ronert unterstützt seine Erlebnisse als Opfer deutschenfeindlich motivierter Gewalt, indem sie hinzufügt, wie sie von den Ausländern angemacht worden sei:„Vor allen Dingen in den Straßenbahnen haben die auch schon angefangen rumzubaggern“(Z830). Nun wird auch deutlich, wie es zu der zunächst relativ unvermittelten Aggression gekommen sein könnte, die Herr Frank beschreibt. Als sie ihn holte, um die Ausländer im Wohnheim zur Rede zu stellen, sei er vom dortigen deutschen Pförtner als„Nazi“ beschimpft worden. Daraufhin„hab ich ihm gleich eine reingeschenkt“(Z849),„man musste sich doch wehren“ (Z856). 245 Zwischenresümee Auffällig ist, dass wir entgegen der Ergebnisse der Fragebogenerhebung auch bei Teilnehmenden ausländerfeindliche Einstellungen antrafen, die dieser Dimension im Fragebogen nicht oder nur teilweise zugestimmt hatten. Insbesondere vor dem Hintergrund der Teils/Teils-Antworten sollten die Gruppendiskussionen Aufklärung über die ausländerfeindliche Einstellung dieser Befragten liefern. Wir konnten feststellen, dass die Ausländerfeindlichkeit in der Fragebogenerhebung noch unterschätzt worden ist, obwohl diese Dimension der rechtsextremen Einstellung bereits die höchsten Zustimmungswerte erreichte. Neben Antwortverhalten im Sinne der sozialen Erwünschtheit scheint auch eine Unterscheidung zwischen verschiedenen Migrant/innengruppen eine Ursache dafür zu sein: Durch die kulturalistische Argumentation werden Migrant/innen, denen eine kulturelle Nähe zugeschrieben wird, von denen unterschieden, die nicht zur herrschenden gesellschaftichen Norm passen. Viele Teilnehmende, die im Fragebogen niedrige oder Teils/ Teils-Werte erreichten, konnten sich in der Gruppendiskussion ausländerfeindlichen Einstellungen anschließen oder brachten sie mit hervor. Wir konnten in den Gruppendiskussionen Auto- und Fremdstereotype finden. Dabei war in der Gruppe in Berlin-Mitte neben den Stereotypen auch deren Reflexion Thema. In Renningen war dagegen eine Wellenbewegung auszumachen, die Stereotype sind nicht reflektiert worden, sondern wurden mit einer„animalistischen“ Erklärung legitimiert(„Wie in der Natur“). Dies galt sowohl für die Ausgrenzung von„inneren Fremden“ als auch für die„äußerer Fremder“, wobei ein ausländerfeindlicher Hintergrund für die Ablehnung von Fremdgruppen auch explizit geleugnet wurde. Bei der Beschäftigung mit Migrant/innen wurden in einer Art Wellenbewegung einerseits die Schwierigkeit der Integration durch Ausländerfeindlichkeit thematisiert, andererseits wurden bereits kulturalistische Argumentationen herangezogen, um die Schwierigkeiten der In246 tegration durch mangelnde Integrationsbereitschaft aufgrund großer kultureller Differenzen zu erklären. Der Notwenigkeit zur Integration blieb in der Diskussion unbestritten. Dabei kam es in manchen Momenten auch zu ressentimentgeladenen Äußerungen gegenüber Migrant/innen. Im Gegensatz dazu waren die Gruppendiskussionen in Neuss und Dortmund wesentlich von einer kulturalistischen Argumentation geprägt und in den Gruppen war zu beobachten, wie sich aufgrund dieser kulturalistischen Argumentation Vorurteile als eine gemeinsame Leitfigur der Teilnehmenden konstituierten. Dabei waren affektgeladene Ressentiments wichtiger Bestandteil zur Herstellung eines Gruppenkonsenses über Migrant/innen. In Gießen und Eutin verbanden sich die Ressentiments und die kulturalistische Argumentation noch mit dem Motiv, es gäbe„gute Ausländer“, die etwas Neues einbrachten und damit nützlich seien. In Neuss wurde eine besondere Form der Argumentation sichtbar: Die Vorstellung, dass die„äußeren Fremden“ in ihrer Heimatkultur„normale Menschen“ seien und erst durch die Wanderungsbewegung bestimmter Schichten nach Deutschland ein als„Entfremdung“ zu fassendes Phänomen aufgrund großer kultureller Differenzen würden. Ein überall auftretendes Motiv, an dem sich Fremdheitserfahrung festmacht, ist die Sprache. Dies wurde in Renningen, Herdecke, Neuss, Gießen, Dresden-Johannstadt und Dortmund gleichermaßen als Gradmesser für eine Integration bzw. für einen Hinweis auf mangelnde Integrationsbereitschaft ausgemacht. In den Diskussionen wurde die Forderung erhoben, Migrant/innen sollten Deutsch lernen. Dieser Imperativ verband sich unmittelbar mit kulturalistischen Argumentationen der Ablehnung von Migrant/innen, die diesem nicht folgen. Dabei wurde auch deutlich, dass die Sprache in den Gruppendiskussionen in ihrer Bedeutung emotional stark aufgeladen war. In ausgeprägtester Form war dies in Gießen zu beobachten, wo es häufig zur Benennung eines„Ursprungs“ kam, der 247 sich auch mit der gemeinsamen Sprache verband. Sprache wurde zum Medium der Erfahrung von Fremdheit bzw. Verbundenheit mit dem Ursprung. Das Phantasma eines Ursprungs verbindet sich sowohl mit der Sprache als Nachweis einer ursprünglichen Zugehörigkeit als auch durch Formulierungen wie„Ur-Türkin“, also der Idee eines Ursprungs, dass Migrant/innen eine„Heimat“ haben bzw. hatten. Das Motiv von Heimat und Ursprünglichkeit verbindet sich an dieser Stelle, und das interessanterweise gerade in den Gruppen, die selbst Wanderungsbewegungen in der Binnenmigration oder durch Vertreibung in der vorhergehenden Generation ausgesetzt gewesen sind. Auffallend ist aber auch, was in den Gruppendiskussionen nicht zu finden war. Die Aggression gegen Migrant/innen war in keiner Gruppendiskussion mit dem Vorurteil verbunden, dass diese„den Deutschen die Arbeitsplätze wegnehmen“. Es wurden sehr wohl Neid-Aspekte sichtbar, bei denen aber nicht der Verlust des Arbeitsplatzes durch Migrant/innen eine Rolle spielte, sondern deren Unangepasstheit an die Kultur der„InGroup“ sowie die Wahrnehmung, es könnte entweder Migrant/innen oder anderen stigmatisierten Gruppen besser gehen als einem selbst. Dieses letztere Motiv ist häufig bei Teilnehmenden festzustellen, die selbst ein geringes Einkommen und einen bedrohten Status haben. Dies kann als Hinweis auf die in der Literatur auch diskutierte These dienen, dass erlebte oder drohende Deprivationserfahrung mit rechtsextremer Einstellung einhergeht. Eine besondere Vulnerabilität von Statusinkonstituenten gegenüber der rechtsextremen Einstellung konnte auch in den Gruppendiskussionen beobachtet werden. Allerdings schien hier eher ein Neid-Affekt eine Rolle zu spielen, der sich gegen alle„inneren“ und„äußeren Fremden“ richten kann, die es vermeintlich besser haben. Aggressionen wurden auch in Bezug auf die„äußeren Fremden“ sichtbar, mit Ausnahme der Diskussion in Berlin-Mitte tatsächlich bei al248 len Gruppendiskussionen. Selbst wenn wie in Renningen einerseits eine Identifikation mit den Migrant/innen erkennbar war, zeigten sich auch dort im Verlauf der Diskussion nicht nur Stereotype über, sondern auch Ressentiments gegen Migrant/innen. Die Aggression gegenüber der Abweichung, die Migrant/innen angeblich zeigen, war ein eindrücklicher Befund, der sich in den Gruppen auch bei denjenigen Teilnehmenden einstellte, die in der Fragebogenuntersuchung niedrige Werte der Ausländerfeindlichkeit zeigten. Dies ist ein Beleg dafür, dass Ausländerfeindlichkeit bis in die Mitte der Gesellschaft hineinreicht. Die Ablehnung von angeblich nicht integrierten und unnützen Ausländern ist zu einer weitgehenden Selbstverständlichkeit im gesellschaftlichen Diskurs geworden. Dies stützt schon die in der quantitativen Studie„Vom Rand zur Mitte“ erhobene Folgerung, dass die aktuell größte Bedeutung im Zusammenhang mit Rechtsextremismus die Auseinandersetzung mit der Ausländerfeindlichkeit einnehmen muss. Auffallend ist, dass es in den meisten Gruppendiskussionen heftige aggressive Affekte gegen Migrant/innen gab. Diese wurden als Reaktion auf die Aggressivität der Migrant/innen begründet, wobei ins Auge sticht, dass hier die Objekte der Aggression, die Migrant/innen, zu Subjekten der Aggression gemacht wurden. Die Aggression konnte exemplarisch an der Interaktion von Frau Reiß und Frau Schumann in Dresden-Johannstadt beobachtet werden. Die Orientierung an konventionellen Werten, die Bereitschaft, sich mit der herrschenden Ordnung zu identifizieren, und die Bereitschaft, diese Ordnung gegenüber als schwächer Wahrgenommene aggressiv durchzusetzen, wird klassischerweise als Autoritarismus bezeichnet. Wir wollen diesen Hinweis festhalten. Hierzu passt auch, dass in der Konzeption der„Authoritarian Personality“ Antisemitismus oder Fremdenfeindlichkeit nicht allein im Vordergrund standen, sondern, worauf Max Horkheimer in seinem Vorwort hinwies, soziale Diskriminierung allgemein. 249 Der Kontrast zu den Teilnehmenden der Gruppendiskussion in Berlin-Mitte und zum Teil auch in Renningen machte deutlich, worin auf einer beschreibenden Ebene die Unterschiede in der Umgangsweise mit „Fremdheit“ bestehen: Empathiefähigkeit. Dieser Kontrast und das autoritäre Verhalten von Frau Reiß deuten auf eine sozialisatorisch erworbene Determinante der rechtextremen Einstellung hin. Thematisch standen die in der Gruppendiskussion geäußerten Einstellungen im Kontext öffentlicher Debatten(Waterton& Wynne 1999). Die Diskussion zwischen Frau Wagner und Herr Wernecke spiegelte öffentliche Debatten wider, etwa die kulturelle Ferne der Türkei zu Europa als Argument gegen den EU-Beitritt, wie auch den mangelnden Integrationswillen, der häufig mit dem Szenario des Entstehens von Parallelgesellschaften verbunden war. Es wurde deutlich, dass sich die Konstruktion von Fremdheit stark an der Religion, konkret dem muslimischen Glauben festmachte. Die Möglichkeit, in den Gruppendiskussionen neben den im Fragebogen der Studie genannten Aussagen auch eigene kulturalistische Sichtweisen hinzuzufügen, führte dazu, dass auch bei Teilnehmenden mit niedrigen Werten im Fragebogen durch kulturalistische Argumentationen, aber auch durch Ressentiments deutlich ausländerfeindliche Vorurteile sichtbar wurden. 5.1.3 Antisemitismus Im Vergleich zur Ausländerfeindlichkeit ist der Antisemitismus in den Gruppendiskussionen kaum erkennbar. Der Holocaust wird ebenfalls fast nicht thematisiert, wenn doch, dann in einem antisemitischen Kontext(Berlin-Hohenschönhausen, Neuss; Ausnahme Berlin-Mitte). Auf die Bedeutung eines solchen Umgehens(mit) der NS-Vergangenheit 250 werden wir in Kapitel 5.3 zurückkommen. In unserer Studie von 2006 (Decker et al. 2006) wurden Aussagen eingesetzt, mit denen nur der sogenannte„klassische“ oder„primäre“ Antisemitismus erfasst wurde. Der sogenannte„sekundäre Antisemitismus“(Bergmann& Erb 1991), nach einem psychoanalytischen Verständnis auch„Schuldabwehrantisemitismus“(Bodek 1991, 335) genannt, wurde nicht abgefragt. Dieser Antisemitismus ist im Kontext der Abwehr von Schuld und Scham aufgrund der nationalsozialistischen Judenvernichtung zu verstehen und seine(offene) Zustimmung wird in quantitativen Untersuchungen in der Regel weit höher eingeschätzt als die offene Zustimmung zum„klassischen“ Antisemitismus(vgl. Heyder, A., J. Iser& P. Schmidt 2005). Selbstläufig wird Antisemitisches nur selten geäußert. Nur in Neuss, in Berlin-Hohenschönhausen sowie in Herdecke kommt es zu antisemitischen Beiträgen oder Kommentaren, auf die wir im Folgenden genauer eingehen werden. Darüber hinaus wird in Dortmund eine Assoziation zu Synagogen hergestellt, die im Kontext der Thematisierung von„Fremden“ und religiösen sowie kulturellen Differenzen steht. Diese Sequenz aus Dortmund wird vorangestellt, da sich eine bestimmte, dem Judentum und dem Islam gegenüber gleichförmige Einstellung ableiten lässt. So werden einmal in der Diskussion Moscheen mit Synagogen verwechselt: Herr Winkler spricht davon, dass hier überall Synagogen gebaut würden und wird von Frau Wagner verbessert, da gerade über die Verbreitung des Islam in Deutschland gesprochen wurde: Herr Winkler: Frau Meier: Frau Wagner: Herr Winkler: Frau Meier: Frau Wagner: Herr Winkler: Also wieviel L von den Synagogen oder so was die hier alle in Deutschland bauen L Wir hatten den Moscheen Moscheen ja nicht Synagogen Dit sollten wir mal, L wir sollten in der L Türkei mal ne evangelische oder katholische L Synagogen? L Moscheen ja 251 Frau Meier: Frau Wagner: Frau Meier: Herr Winkler: Moscheen(wollt ich gleich sagen) Kirche hinsetzen ich glaub da geht das aber los bei denen Doch das gibt’s aber auch, auch in muslimischen Ländern sind Kir-, christliche Häuser zu finden. Ja? Ja doch viel(Z1608-1621). Assoziativ stehen sowohl Muslime und Musliminnen als auch Juden und Jüdinnen hier für„das Fremde“, die Gotteshäuser als Symbole „fremder“ Religionen, deren Verbreitung in Deutschland als„störend“ empfunden wird. Im Folgenden sollen die antisemitischen Äußerungen in drei weiteren Gruppendiskussionen zunächst dargestellt und interpretiert werden, um sie abschließend vergleichend zu diskutieren. Neuss In Neuss wurde der Antisemitismus am deutlichsten sichtbar. Antisemitische Beiträge wurden von einer Person geäußert und stießen in der Gruppe zwar auf schweigende Akzeptanz, allerdings wurde das Thema nicht aufgegriffen. „Man muss nicht immer von Juden und Holocaust sprechen, man kann von den eigenen, von von solchen Sachen sprechen, die das viel transparenter machen“ In der Neusser Gruppendiskussion kommt Herr Sievers zweimal auf das Thema„Juden“ zu sprechen; einmal explizit im Kontext der Erinnerung an den Holocaust, beim zweiten Mal implizit. Der erste Beitrag folgt auf eine Kritik am deutschen System der Vermö252 gens- und Erbschaftssteuer, die Herr Sievers mit den Worten:„das ist bei uns komisch ja“(Z519) beendet. Offenbar weiterhin im Kontext dessen, was„bei uns“ in Deutschland„komisch“ sei bzw. einer Kritik daran, kommt er über diese Feststellung auf„die zurückgebliebenen Kinder“(Z526) zu sprechen, die im deutschen Schulsystem nach wie vor diskriminiert würden. Dieses Beispiel zeige eindrücklich die Kontinuität der Bundesrepublik zur Wilhelminischen Zeit wie auch zum Nationalsozialismus. Dabei steht dieses Thema von Beginn an im Zusammenhang mit dem Holocaust: Herr Sievers:„Etwas anderes, weil wir von den Kriegszeit sprachen, muss ich noch sagen, wenn das hier äh(.). Ich hab und Sie jetzt von der Schule gesprochen haben. Ich habe ja, äh mich hat ja äh(.) also jeden erschüttert, Holocaust und was alles ich mein is. Aber ich habe ne ganz andere äh äh:(.) nen ganz anderen Fall, wo viel transparenter wird, dass unsere Bundesrepublik sich von der Geschichte der Nazizeit und der Wilhelminischen Zeit nicht(.) wirklich getrennt hat. Und das ist wenn die zurückgebliebenen Kinder bei uns abgetrennt werden(.) in einer Sonderschule,(.) und in Berlin weniger als hier in Nordrhein-Westfalen. Statt die also zu integrieren, statt den gesunden Kindern die die Möglichkeit zu geben, dass als normale Menschen von vorn von Kindheit an kennen zu lernen. Die lernen besser, das ist alles gut. Dann sag ich wie kommt das, dass dass bei uns im Gegensatz zu de, Nor- zu den Ländern skandinavischen Ländern, wo glaub ich fast 95% in normalen Schulen sind, der Kinder die zudie nicht weit genug entwickelt sind, dass die normal mit können. Dann frag ich mich, wie ist das möglich? Das ist ein ganz deutliches Abbild dessen, dass wir uns von dieser Geschichte nicht gelöst haben. Man muss nicht immer von Juden und Holocaust sprechen, man kann von den eigenen von von solchen Sachen sprechen, die das viel transparenter machen. Das ist nicht in Ordnung(.), dass wir uns so verhalten immer noch, obwohl wir diese diese Geschichte da im äh in äh der Nazi- und Vornazizeit, war’s ja vielleicht schon manches auch schon ähnlich. Also dass äh wenn wir von Schule sprachen, würde ich also äh, da war ich sehr äh 253 äh bedrückt, als ich das im Fern- ein ein ein ein ein(.) ein in einem Programmpunkt, das diskussions(.)mäßig und äh auch äh es äh es war in einem Film, wo das gezeigt wurde wie die Kinder sich äh(.) wie schön es ist, wenn die in der Schule äh eingebunden sind, mit andern zusammen“(Z519-563). Auf die Kriegszeit und die Schule assoziiert Herr Sievers die nach wie vor bestehende Diskriminierung von„zurückgebliebenen“ Kindern in Deutschland. Doch noch bevor er auf seine Kritik zu sprechen kommt, äußert er zunächst die Abgrenzung zum Thema„Juden und Holocaust“. Gleichsam als müsse er etwas Störendes aus dem Weg räumen, bevor er zu seinem, dem„eigenen“ Thema kommen kann. Wie eine rhetorische Figur erscheint das„jeden erschüttert Holocaust[…][a]ber“. Die Bedeutung des Holocaust bzw. die Erinnerung daran soll verschwinden, doch liegt sie zunächst auf der Zunge, Herr Sievers kommt nicht daran vorbei, muss sie gleichsam erst einmal argumentativ„beiseite räumen“. Er kann seine Kritik an der Kontinuität aus der NS-Zeit offenbar nicht äußern, ohne zuvor das Störende, das Hindernis aus dem Weg geräumt zu haben: „Man muss nicht immer von Juden und Holocaust sprechen, man kann von den eigenen[…] Sachen sprechen, die das viel transparenter machen“(Z534-536). Was bedeutet im Zusammenhang dieses Beitrags, dass beim Umgang mit den„zurückgebliebenen“ Kindern die Kontinuität aus der NS-Zeit „viel transparenter“(Z523, Z536) wird?„Transparenz“ war zuvor ein für Herrn Sievers begeistert vorgebrachtes Merkmal, das er vor allem in Bezug auf die„Tabellenkalkulation“(Z451) mit einem Computerprogramm im Kontext seiner beruflichen Tätigkeit anwendete:„Das heißt also äh diese Möglichkeiten, die eine Tabellenkalkulation hinsichtlich Genauigkeit, Schnelligkeit und Transparenz bietet[…](Z451f.).„Juden und Holocaust“ sind für Herrn Sievers nicht transparent(im Gegensatz zu„den eigenen[…] Sachen“), also intransparent, undurchsichtig, unklar, nicht durchschaubar. Vielleicht spricht aus diesen Worten aber auch der 254 Wunsch,„Juden“ und„Holocaust“ mögen(ihm) nicht klar werden, mögen undurchsichtig bleiben, da das Ausmaß der Verbrechen unermesslich ist. Schließlich erscheinen„die Juden“ im zitierten Beitrag dem„Eigenen“,„dem Deutschen“ gegenübergestellt, wie der Kontext der Kritik am deutschen Schulsystem und der deutschen Geschichte nahelegt. Indem dabei eben jene Gegenüberstellung„der Juden“ als„die Anderen“ gegenüber„dem Eigenen“ wieder aufscheint, die auch in der NS-Zeit virulent war, stellt Herr Sievers auf einer anderen Ebene her, was er kritisiert: eine Kontinuität aus der Wilhelminischen und der NS-Zeit. „Juden in in Israel[…] und hier, ist äh sind gar nicht vergleichbar, sind völlig andere andere äh äh(.) Mentalitäten. Viel äh, viel normaler, ja. Hier sind sie irgendwie,[…] sehr äh äh ab(.) abschottend ja. Wie die Türken auch“ In der siebten Sequenz kommt Herr Sievers erneut auf Juden zu sprechen. Dieser Beitrag steht assoziativ im Kontext auf die Nachfrage einer Moderatorin zu den Erfahrungen im Ausland. Herr Sievers äußert mit starkem affektiven Engagement Kritik an der Unterbrechung von Spielfilmen durch Werbeblöcke, die aus den USA käme und die er als gewaltvoll erlebt. Auch kritisiert er die Verbreitung der englischen bzw. amerikanischen Sprache in deutschen Firmen, um hierüber zur„Herzlichkeit“ (Z1292) der Menschen in anderen Ländern und im Vergleich zu Deutschland zu assoziieren,„[s]elbst in Russland“(Z1292). Über diese Assoziationskette kommt Herr Sievers auf Israel und Juden zu sprechen, wobei er „die Juden in Israel“ von„den Juden“ hier in Deutschland unterscheidet: Herr Sievers:„Und eins muss ich allerdings sagen, das is jetzt etwas kritischer. In Bezug auf, ich war zweimal in in in Israel, und in Israel[klopft auf den Tisch] sind mir die Leute so vorgekommen äh wie wie du und ich. Während die Kollegen, die 255 hier in Deutschland äh äh sich absontieren, absentieren, die sich sozusagen so‘ n bisschen zurückziehen, und sich immer wieder äh äh äh äh auf die auf die Vergangenheit, immer wieder die Vergangen- rausholen, die Juden hier[klopft auf den Tisch, mehrfach] und die Juden in Israel sind äh wie, da würd ich fast sagen auf für die auf die Deutschen bezogen sagte man. Gott bewahre mich vor Feuer und vor Wind, und vor Deutschen die im Ausland sind, ja. So war das äh äh die dort im Einsatz waren, die das waren meist eine ganz bestimmte Gruppe von Leuten. Und so ist es auch hier. die Menschen wie Sie sagten, Neuss die Strasse hier, dieser Ort hier, äh Juden in in Israel äh vor allen Dingen auf dem Sektor ingenieursmäßig und Firmen und so weiter und hier, ist äh sind gar nicht vergleichbar, sind völlig andere andere äh äh(.) Mentalitäten. Viel äh viel normaler, ja. Hier sind sie irgendwie, immer wenn sie sich melden wie man sieht. Auch die in der in der Nachbarschaft wohnen, sind irgendwie sehr äh äh ab(.) abschottend ja. Wie die Türken auch, die Türken schotten sich ab“(Z1276-1309). Herr Sievers kommt über das Gewaltvolle, das aus den USA käme, die Werbung, assoziativ auf Positives aus anderen Ländern(im Vergleich zu Deutschland) zu sprechen und in diesem Zusammenhang ist auch seine Äußerung zu den Juden in Israel zu verstehen, die er von den Juden in Deutschland unterscheidet. Wie auch im oben zitierten Beitrag bringt Herr Sievers„die Juden“ hier erneut mit der Erinnerung an die NS-Vergangenheit zusammen, die„immer wieder die Vergangen- rausholen, die Juden hier“(Z1297f.),„immer wenn sie sich melden, wie man sieht“(Z1306f.). In Deutschland sind„die Juden“ für Herrn Sievers unauflösbar mit der Erinnerung an die deutsche Vergangenheit, den Holocaust, verknüpft; sie „melden“ sich zu Wort“, repräsentieren für ihn diese Erinnerung, die stört und loszuwerden gewünscht wird. In der Fehlleistung„absontieren“, was Herr Sievers kurz darauf in „absentieren“ korrigiert, klingt das„Absondern“ an, das er kurz darauf in der Wendung,„die Juden“ schotteten sich ab„[w]ie die Türken“(Z1308), 256 aufgreift. Im„Absondern“ schwingt zugleich noch„das Besondere“ mit, das Besondere„der Juden“ im antisemitischen Bild oder auch das Aussondern, wie im Extrem in Nazideutschland praktiziert(vgl. Benz 2000). „Wie die Türken“ verweist darüber hinaus auf die Wahrnehmung des Judentums als Volksgruppe oder Nation, nicht als Religion. So werden auch in diesem Beitrag„die Juden“ wie„die Türken“„den Deutschen“ gegenübergestellt, die sich abschotteten und negativ auffielen hier„bei uns“. Herdecke Die antisemitischen Äußerungen in der Gruppendiskussion in Herdecke sind vor dem Hintergrund des vor allem links-alternativen Selbstverständnisses, dass die Teilnehmenden sowohl habituell als auch in den Beiträgen zu erkennen geben, gesondert interessant(zur Gruppendynamik vgl. Kapitel 5.1.1.1). „vielleicht liegt es auch daran, dass sehr viele Juden einfach in äh in den Vereinigten Staaten leben, dass sie dort Einfluss haben“ In der Herdecker Gruppendiskussion wird an einer Stelle explizit das antisemitische Klischee vom„jüdischen Einfluss“, in diesem Fall auf die Politik der USA geäußert. Herr Rahde: Frau Fischer: Herr Laubner: „Warum der Irakkrieg is? Ganz, ganz kurz gesagt mal nur. Ölkrieg ne. Ja das kann man jetzt so einfach sagen, aber vielleicht äh liegt, lag es auch an Unterdrückung der ähm Kurden,(.) aber vielleicht is es auch eine Mischung. 257 Frau Taler: Herr Laubner: Herr Rahde: Frau Taler: Frau Fischer: Frau Kim: Herr Laubner: Frau Taler: Und wegen der Unterdrückung der Kurden geht Amerika in den Irak?(3) Das denkst Du wirklich? Ähm, warum(3) liefert Amerika und unterstützt Amerika f::, se- im sehr großen Umfang äh Israel? Liegt das daran, weil Israel ne Menge Ölreserven hat? Nö. L Abhängigkeitsverhältnis. L (.) Ich red jetzt von dem Irakkrieg. L Brot und Spiele sag ich nur Peitsche und Zuckerbrot L L () L Das hab ich(.) und vielleicht liegt es auch daran, dass sehr viele Juden einfach in äh in den Vereinigten Staaten leben, dass sie dort Einfluss haben und ähm ihre Heimat, ihre ähm spirituelle Heimat, wenn wir die da verorten können ähm, dass die die da einfach unterstützt haben(.) w-, wissen Es geht doch jetzt um den Irakkrieg“(Z2214-2230). An anderer Stelle taucht ein verschwörungstheoretisches Element auf, das häufig in einem antisemitischen Kontext verbreitet wurde, auch wenn der antisemitische Bezug in der Gruppendiskussion nicht hergestellt wird. Herr Rahde:„[…] die Hilflosigkeit fängt ja an, wenn man sieht, dass Amerika irgendwie irgendwelche Flugzeuge bei sich selber reinkrachen lässt“(Z1858). Herr Rahde äußert hier implizit die These, die USA seien selbst für die Selbstmordanschläge am 11. September 2001 verantwortlich. Nach den Anschlägen wurden vor allem im Internet Verschwörungstheorien verbreitet, großenteils mit antisemitischem Einschlag, die unter anderem behaupteten, die US-Regierung selbst sei verantwortlich für den Anschlag auf das World Trade Center und der Mossad sei eingeweiht gewesen(vgl. Jaecker 2004). Auch wurde verbreitet, Juden und Jüdinnen, die im World Trade Center arbeiteten, seien zuvor vom Mossad gewarnt worden(ebd.). 258 Berlin-Hohenschönhausen „Jüdischet Mineralwasser, Luftdurchzug“ In der Diskussion in Berlin-Hohenschönhausen werden von den Jugendlichen an mehreren Stellen antisemitische Äußerungen gebracht. Die gesamte Diskussion ist dadurch gekennzeichnet, dass kaum zusammenhängend über ein Thema gesprochen wird. Vielmehr sprechen und lachen die Jugendlichen vielfach und laut durcheinander, fallen sich ins Wort und sprechen assoziativ in Bruchstücken. So ließ sich die Diskussion auch nur schwer in thematische Sequenzen einteilen. Die erste antisemitische Äußerung erfolgt in der zweiten Sequenz, in der einige, vor allem Herr R. Müller, Herr Weber und Herr A. Müller aggressiv gegen Herrn Horten, einen Teilnehmer vermutlich ungarischer Herkunft, vorgehen. Sie fordern ihn auf zu erzählen und verunglimpfen seine Herkunft und Familie: Herr Fend: Herr Horten: Frau J. Müller: Herr A. Müller: Frau J. Müller: Herr R. Müller: Herr Fend: Herr Weber: „Doch wir L möchten aber gern auch Deine L (Scheiße hören). L Ja? Dann quatsch Du doch. Über dein Leben möchten wir oo mal was hören. [reden durcheinander, unverständlich] Wat willste denn da hören, Junge. Dass de aus de Lehmhütte kommst?“(Z509-513). So nen Umgangston gab‘s bei denen zuhause, wa. Zerrüttete Familie, schlechte Kindheit allet, hör of, jeschlagen un allet. Hat(2) haste dir nie quergenommen(oder was)?[Lachen] J (.) J Quer(Ungarn TV geguckt). Vater unbekannt, im ungarischen Freiheitskrieg gefallen[allgemeines Lachen]“(Z524-531). 259 An diese Äußerung anschließend assoziiert(vermutlich) Herr A. Müller, möglicherweise aber auch Herr Horten selbst, 12 zur nationalsozialistischen Judenvernichtung: Herr Horten: (?): Herr Fend: Frau N. Müller: Frau Darmann: Herr R. Müller: Herr Fend: Herr Weber: Frau N. Müller: Herr Fend: Herr A. Müller: Herr R. Müller: „Mein Vater wurde in der Gaskammer verjast. [Ooh, lachen] Ey nich so ne Dinger hier. Jetzt jetzt hört uf damit. Nee kommt. Keen Rassismus hier°in die Gaskommer° [Lachen] Dat heisst nen Negander, L (gander) L ( heißt() Seghers mit Hinternamen, wa?) Hört doch mal uf jetzt. Ey ni so‘ne Scheiße. () (Prima) erzähl mal, interessiert mich mal voll“(Z532-544). Möglich ist, dass Herr A. Müller auf den ungarischen Freiheitskrieg die Gaskammern assoziiert und gleichsam„für bzw. anstelle von“ Herrn Horten die Herkunft des Vaters noch zuspitzt, indem er ihn zum NaziOpfer macht. Ebenfalls möglich wäre, dass der Beitrag von Herrn Horten selbst stammt, der sich mit dem Ausspruch, der Vater sei vergast worden, gegen die Anwürfe der anderen Teilnehmenden wendet. Oder aber Herr A. Müller bezieht die Äußerung tatsächlich auf seinen Vater. In jedem Fall wird die Assoziation zur nationalsozialistischen Judenvernichtung, zur Mordmethode mit einem Schädlingsbekämpfungsmittel in den Gaskammern als Witz aufgenommen, über den gelacht werden kann. So nimmt R. Müller auch den Rassismusvorwurf vorweg, um sich gleichzeitig über diesen lustig zu machen, indem er noch einmal lachend„in die Gaskommer“(Z538) wiederholt. Dass die Jugendlichen sich über Ras12 Die Zuordnung der Aussagen zu den verschiedenen Teilnehmenden war bei der Transkription dieser Berliner Diskussion besonders schwierig. 260 sismus, Antisemitismus und Judenvernichtung lustig machen, wird auch an den weiteren Assoziationen deutlich: zum„Negander“, was wir als Schimpfwort im Sinne von„Neger“ verstehen, und zu Anna Seghers, der deutsch-jüdischen Autorin, die einen Ungarn heiratete und vor den Nazis ins Exil fliehen musste, bevor sie weltweit und vor allem in der DDR eine berühmte Autorin wurde. So wird diese Assoziation kurze Zeit später wieder aufgegriffen, wenn die Jugendlichen über ihre Familien bzw. Mütter sprechen. Hier äußert Herr Horten in Bezug auf Herrn Weber, seine Mutter heiße„ooch Anna Seghers“(Z866), was offenbar als Beleidigung gemeint ist, so Herr R. Müller:„Wie wat is mit deine Scheiß Mutter?“(Z868), auf die Herr Weber reagiert, indem er Herrn Horten entgegnet:„(Dein) Vater heißt Anna Seghers“(Z871). Nach einer kurzen Pause kommen die Jugendlichen erneut assoziativ auf Auschwitz zu sprechen. Hierbei sollen die Ortsnamen Auschwitz und Buchenwald die Moderator/innen provozieren, indem die Vernichtungsstätten aggressiv und ohne inhaltlichen Zusammenhang zu einem Thema genannt werden. Die Jugendlichen unterhalten sich nach der Pause in der siebten Sequenz offenbar über mögliche Reiseziele für das nächste Jahr. Nach Vorschlägen wie„Balaton“(Z1717, Frau N. Müller) und„Griechenland“(Z1718) schließt Herr R. Müller mit„Auschwitz“(Z1720) an, um durch Herrn Weber mit„Buchenwald“(Z1724) kurz darauf ergänzt zu werden. Nach der Nennung weiterer„Reiseziele“ und einer erneuten Assoziation zu„Ungarn“(Z1733, Herr Weber) greift Herr R. Müller noch einmal Auschwitz auf: Herr R. Müller: Herr Horten: Herr Weber: Herr R. Müller: „Auschwitz jehen wa.[sehr laut und aggressiv]. L Ma kieken was se da jemacht haben, die Hunde. L (Österreich). Wat willste denn da? So, Punkt.[pfeifft]“(Z1734-1738). 261 Bewusst provokativ-aggressiv und„scherzhaft“ insistiert Herr R. Müller auf den„Vorschlag“ nach Auschwitz zu gehen; vermutlich wiederholt er ihn erneut und nun deutlicher, um eine Reaktion von den anderen, möglicherweise auch von den Moderator/innen zu erhalten, die allerdings nicht darauf reagieren. Es folgt erneut eine Beschimpfung von Herrn Horten, die im Zusammenhang mit den oben zitierten Äußerungen als antisemitisch verstanden werden kann: Herrn Horten wird eine„Hakennase“(Z1753) zugeschrieben. Der letzte offen antisemitische Kommentar in der Gruppe in der achten und letzten Sequenz entsteht wiederum im Kontext, dass Herrn Horten wegen seiner Herkunft stigmatisiert wird: Während sie mehrheitlich aus Berlin stammen, komme Herr Horten aus Ungarn und gehöre deshalb auch nicht richtig dazu:„Deswegen hat er ooch nischt zu sagen hier scheinbar“(Z2877, Herr Weber). Herr Fend erzählt daraufhin, auf seiner „Urkunde“(Z2870)[vermutlich ist die Geburtsurkunde gemeint, Anmerkung d. A.] stehe China drauf(Z2881). Nachdem Herr Müller hierauf Herrn Fend Mineralwasser als„Luftwasser“(Z2882) anbietet, bezeichnen Herr Horten und Herr Fend das Wasser mit Kohlensäure bzw. mit Gas als„jüdisches“(Z2884) und spielen damit vermutlich wieder auf die Vergasungen an: Herr Fend: Herr M. Müller: Herr Fend: Frau J./N. Müller: Herr Horten: Herr Fend: Herr Horten: Herr M. Müller: Herr A. Müller: Frau N. Müller: Herr R. Müller: „Bei mir steht L China drauf. L Na magst du noch nen bisschen Luftwasser haben. China(hat er).[aggressiv] J (.) J Ein jüdisches(hier so) Jüdischet Mineralwasser, Luftdurchzug. Ja. L (Dit jesagt?) L Ja was denn? Was denn? Lass doch mal die Juden L (in Ruhe), L Klar, war doch nen Angriff schon wieder.[reden im Hintergrund, unverständlich] Oh wasch dir mal die Pfoten du Fotze“(Z2875-2886). 262 Insgesamt lassen sich die antisemitischen Kommentare als Teil der aggressiven und destruktiven Gruppenbildung interpretieren, die durch Gewalt und Hass gegen„außen“, gegen alles„Fremde“ gekennzeichnet ist. Doch nicht nur nach außen grenzt sich die Gruppe destruktiv ab; auch untereinander ist die Kommunikation durch gewaltvolle verbale Angriffe gegen Einzelne gekennzeichnet, die vor allem gegen Herrn Horton, der als„Ungar“ auch innerhalb der Gruppe als„Fremder“ diskriminiert wird, sowie gegen die Frauen in der Gruppe, die häufig mit sexistischen Kommentaren angegangen werden. So stehen die antisemitischen Kommentare mehrfach im Kontext der aggressiven Verspottung und Ausgrenzung „des Ungarn“, der im zuletzt zitierten Beitrag als erster die Destruktivität gleichsam auf„die Juden“ verschiebt. Auch lassen sich die antisemitischen Kommentare teilweise als„Methode“ interpretieren – in diesem Falle die Moderator/innen – zu provozieren, zu schockieren. Doch sind die Assoziationen nicht beliebig. sie scheinen vielmehr auch einem inneren Druck der Jugendlichen zu folgen, Assoziationen zur NS-Gewalt und Destruktivität affirmativ zu äußern und damit deren Opfer zu verhöhnen. Zwischenresümee Antisemitische Äußerungen tauchten in den Gruppendiskussionen selbstläufig nur an wenigen Stellen auf, was im Einklang mit der These der„Kommunikationslatenz“ steht(Bergmann& Erb 1991): Antisemitismus bleibt deswegen in der Latenz, weil Antisemitismus nach Auschwitz in Deutschland zu äußern selbst den Antisemiten als verboten erscheint. Die dann anstelle des Antisemitismus kommunikative Annahme, es herrsche ein Verbot von antisemitischen Äußerungen, ist selbst bereits Ausdruck davon, wie weitverbreitet der Antisemitismus ist. Dass antisemitische Aussagen dennoch eine breite Zustimmung finden, zeigen ebenfalls repräsentative Fragebogenuntersuchungen: Die Verbreitung des 263 „klassischen“ Antisemitismus in der deutschen Bevölkerung wird zwischen 8 und 10 Prozent(Decker, Brähler& Geißler 2006) und ca. 20 Prozent(Heitmeyer et al. 2005 u. 2008) geschätzt, der„Schuldabwehrantisemitismus“ soll gar bei ca. 50 Prozent liegen(ebd.). Die verschiedenen Ergebnisse sind auch darauf zurückzuführen, dass einmal zwischen Zustimmung oder Ablehnung entschieden werden muss oder aber auch eine teilweise Zustimmung möglich ist(Decker et al. 2006), was eine„strengere“ und vorsichtigere Bestimmung des Antisemitismus unsererseits bedeutet. Offenbar ist die Annahme eines Verbots, Antisemitismus äußern zu dürfen, weitverbreitet. Allerdings wird gerne mit eben diesem Topos gebrochen und die Formulierung verwendet:„Man wird doch wohl noch sagen dürfen.“ Bereits bei Adorno und in den Studien um die Gruppe von Pollock wurde diese Form des Antisemitismus beschrieben, der sich scheinbar gegen ein„Denkverbot“ wendet und bereits eine Täter/OpferUmkehr beinhaltet. Diese Form der Bezugnahme auf ein demokratisches Grundrecht wird in Formen vorgebracht,„die durch ihre Implikationen, auch durch einen gewissen Gestus des Augenzwinkerns, den Antisemitismus nähren“(Adorno 1966, 107). Adorno bezeichnete dies als„Kryptoantisemitismus“, als das Tuscheln, das Gerücht, sich selbst als Verfolgte darzustellen. Ein besonders prekäres Argument sei in diesem Zusammenhang:„Man darf ja gegen Juden heute nichts sagen“(ebd., 115), womit aus einem öffentlichen Tabu ein Argument für den Antisemitismus gemacht wird. So war, um ein Beispiel zu nennen, die sogenannte Möllemann-Debatte dadurch gekennzeichnet,„es“ gegen einen angeblichen Tabubruch „doch wohl noch sagen zu dürfen“: In diesem Fall ging es um eine Äußerung, die implizit„den Juden“ die Schuld am Antisemitismus zuwies. 13 13 Der damalige FDP-Politiker Möllemann hatte verkündet, dass„kaum jemand den Antisemiten mehr Zulauf verschafft hat als Herr Scharon und in Deutschland ein Herr Friedman mit seiner untoleranten, gehässigen und überheblichen Art“(zit. n. Haury in der Frankfurter Rundschau am 31.05.2002). 264 Gegenüber dem manifest geäußerten lässt sich darüber hinaus eine noch weitere Verbreitung des latenten Antisemitismus vermuten, der also nicht geäußert wird, doch als Klischee bis hin zum Deutungsmuster und Ressentiment nach wie vor in vielen Menschen wirksam ist(Salzborn& Brosig 2007). Wohl nicht zu unrecht ist er als„Grundkonstante zivilisierter Gesellschaften“(Grünberg 2002, 224) bezeichnet worden. Vor diesem Hintergrund möchten wir die antisemitischen Äußerungen in den Gruppendiskussionen unserer Studie abschließend im Hinblick auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede diskutieren. In Dortmund wurden nur einmal Moscheen mit Synagogen verwechselt – eine Äußerung, die in einem allgemein fremdenfeindlichen Kontext fiel(vgl. Kapitel 5.1.2.2).„Die Juden“ wurden wie„die Muslime“ als fremd konstruiert und als Bedrohung wahrgenommen. So war die Bedeutung des Antisemitismus für die Teilnehmenden an dieser Stelle einerseits unspezifisch und auf einer Ebene mit der geäußerten Islamfeindlichkeit zu verstehen. Andererseits schien die„Wahl“ der„Fremden“, die als Bedrohung wahrgenommen wurden, nicht zufällig: Es waren nicht„die Engländer“, wie Frau Wagner ausgeführt hatte:„Ja aber Engländer sind für mich jetzt auch keine Migranten[…] das ist ja auch unser Kulturkreis ne“(Z1585-1591, vgl. Kapitel 5.1.2.2). So waren(nicht nur) in dieser Diskussion vor allem„die Türken“ und„die Russen“ gemeint. Dies spricht dafür, auch hinsichtlich des Antisemitismus, die Konstruktion und die Bedeutsamkeit bestimmter„Fremder“ immer auch in ihrem soziokulturellen Kontext zu verstehen, in dem erstens bestimmte Stereotype und Feindbilder(über Generationen) weitergetragen werden, und zweitens zu verschiedenen historischen Zeiten bestimmte Feindbilder auch medial aufgegriffen und verbreitet werden. In Neuss lassen sich die antisemitischen Äußerungen deutlich im Kontext der Abwehr von Schuld und Scham aufgrund der nationalsozialistischen Judenvernichtung interpretieren:„Die Juden“ in Deutschland 265 erscheinen als Repräsentanten der deutschen Schuld, mit der – wie zahlreiche Studien zeigen – auch nichtjüdische Deutsche in den Nachfolgegenerationen der Täter-/Mitläufer-Generation noch identifiziert sind(Rothe in Druck, Vogt 1995, Eickhoff 1986). Doch geht eine solche Scheidung des Antisemitismus vor und nach 1945„am Problem der kulturellen Transmission von antisemitischen Einstellungen vorbei“(Brede 2000, 228). Im Gegensatz zum Versuch einer strikten Unterscheidung betrachten wir also den„klassischen“ mit dem Schuldabwehrantisemitismus als eng verknüpft: So werden nach Auschwitz die alten antisemitischen Bilder wieder aufgegriffen, um der Abwehr„der deutschen Schuld“ zu dienen. So kann auch die Vorstellung eines Verbots, Antisemitismus nach Auschwitz zu äußern, Ausdruck des antisemitischen Ressentiments, des Bildes„vom Juden“ sein(vgl. Rothe, im Druck, Salzborn& Brosig 2007). Denn das alte antisemitische Bild„des Juden“ als strenge moralische Instanz, als Verkörperung eines strengen, väterlichen Gesetzes und – psychoanalytisch formuliert – als Repräsentanten des Über-Ichs findet sich im Antisemitismus nicht trotz, sondern„wegen Auschwitz“(Diner 1986, 10). Auch das Bild, das Herr Sievers in Neuss(re)produzierte, enthielt dieses Element: Hier tauchten„die Juden“(in Deutschland) als diejenigen auf, die mit der Vergangenheit, der nationalsozialistischen Judenvernichtung konfrontieren, daran erinnern und dabei eine strenge moralische Instanz repräsentieren, gegen die Herr Sievers„aufbegehrt“. Zugleich(re)produzierte er die alte und im Nationalsozialismus virulente Vorstellung„der Juden“ als„uns Deutschen“ entgegengesetzt, wenn er vom Sprechen von„Juden und Holocaust“„wegkommen“ wollte, indem er auf„die eigenen[…] Sachen“ zu sprechen kam. Ist die Bedeutung des Antisemitismus in Neuss gut herauszuarbeiten, so tauchten in Herdecke lediglich zwei Versatzstücke antisemitischer Klischees auf: das jahrhundertealte Klischee vom„jüdischen Einfluss“ sowie ein verschwörungstheoretisches Element. Auf den Holocaust wurde 266 nicht Bezug genommen. Die Versatzstücke tauchten unvermittelt auf, der „jüdische Einfluss“ wurde in der Diskussion um den Irakkrieg von Herrn Laubner eingebracht und ihm wurde von den anderen nicht widersprochen.„Wie selbstverständlich“ schien auf ein tradiertes Deutungsmuster zurückgegriffen zu werden, ohne dass dieses auffiel. Das verschwörungstheoretische Element erschien im Kontext von Bedrohung, Angst und Ohnmachtserfahrungen, ohne dass jedoch explizit ein antisemitischer Bezug hergestellt wurde. Verschwörungstheorien ermöglichen lustvoll(aufgrund des phantastischen Elements und des Verzichts auf echte Belege oder Beweise) bedrohliche gesellschaftliche Zusammenhänge zu„erklären“ und damit Angst zu„binden“. Scheinbar griffen die Teilnehmenden der Herdecker Diskussion, die sich politisch„eher links“ bis„stark links“ verorteten, auf auch in der Linken weitverbreitete Deutungsmuster zurück(Küntzel 1997), ohne dabei ein affektgeladenes Ressentiment zum Ausdruck zu bringen. Wie in Neuss, so lässt sich auch beim geäußerten Antisemitismus in Berlin-Hohenschönhausen ein Bezug zur nationalsozialistischen Judenvernichtung herstellen, doch in einer anderen Qualität: Die Jugendlichen bezogen sich bewusst provozierend auf Nazimordmethoden, um diese zu verlachen und die Opfer zu verhöhnen. Hier lässt sich nicht mehr von der Abwehr von Schuld oder Scham sprechen – vielmehr schien in der allgemeinen rassistischen, antisemitischen und sexistischen Kommunikation noch etwas von der Nazi-Destruktivität selbst unverhüllt auf. Zugleich schien die Gewalt(verbal in der Gruppendiskussion, jedoch auch physisch im Alltag) gegen„Andere“ unspezifisch und richtete sich auch gegen die eigenen Gruppenmitglieder: den„Ungarn“ oder die Mädchen/ Frauen. 267 5.1.4 Chauvinismus Chauvinistische Einstellungen zeigen sich in den Gruppendiskussionen kaum, was die direkte Formulierung von Überlegenheitsvorstellungen angeht: So fallen selbstläufig keine Äußerungen, in denen etwa eine Vormachtstellung von Deutschland oder eine aggressive Durchsetzung „deutscher Interessen“ gegenüber dem„Ausland“ gefordert werden. Allerdings stellt die vielfach geäußerte Ausländerfeindlichkeit auf der analytischen Ebene tatsächlich die Kehrseite chauvinistischer Vorstellungen dar. Das Bild der„Überfremdung“, zu dem die Vorstellung eines BinnenWir„der Deutschen“ gehört, von denen„das Fremde“ abgegrenzt wird und ausgeschlossen werden soll, ist nicht trennbar vom Chauvinismus, gehört gleichsam dazu. Nachdem der Großteil dieses Kapitels sich bereits mit der Ausländerfeindlichkeit befasst hat, kommen wir nun auf Beiträge der Gießener Diskussion, in der die Sehnsucht nach etwas„Ur-Deutschem“ formuliert wird. Gießen Die Autostereotypen in Berlin sind oben bereits erwähnt worden. Hier werden nun die entsprechenden Textstellen der Gruppendiskussion in Gießen wiedergegeben. Zu Beginn berichten vor allem Frau Lück, Frau Kreuz und Herr Brenner von Wohnortwechseln, die von Fremdheitsgefühlen begleitet waren. Frau Lück formuliert zunächst, obwohl sie nun schon seit elf Jahren mit Frau Kreuz in Gießen lebe, dort kein„Urgefühl“(Z58) zu empfinden, das sie offenbar vermisst. Auch Frau Kreuz beschreibt eine Sehnsucht,„in den Ursprung“(Z280) zurückzukehren, die sich vor allem am Kontrast zwischen dem„Norddeutsche[n]“(Z95), aus dem sie stamme, und dem 268 „Süddeutschen“(Z96) festmacht. Im Empfinden von Frau Kreuz drückt sich dies sogar in einer körperlichen Immunreaktion, einer allergischen Reaktion aus: Frau Kreuz: Frau Ried: Frau Kreuz: Herr Brenner: Frau Kreuz: „Die Frage is aber L genau das, dass fällt mir ja auch auf, dass viele in den Ursprung L Ja, da is was Wahres dran. L zurück also wieder zum Ursprung, wo se herkommen L , ja das passiert mir L Mhm L Ja immer mit den Allergien, je mehr ich in den Süden komm, desto schlimmer werden meine Allergien“(Z280-286). Doch ist diese Ur-Sehnsucht nicht zu erfüllen, was auch daran deutlich wird, dass im Konkreten beispielsweise eine Rückkehr zum eigenen Elternhaus oder in die Heimatstadt vermieden wird, weil dies als zu eng empfunden würde: Frau Kreuz: Herr Brenner: Frau Kreuz: „[N]a ja da wohnt die ganze Familie im Haus.[…] ich hab da kein Bock drauf, weil das is dann wieder so’n Glucken Verhältnis und da L will ich nich irgendwie hin. L Mhm Und für mich ist die Stadt auch fremd geworden, also es is zwar meine Heimat, ich kenn mich aus aber es ist fremd geworden“(Z145-153). Die„Heimat“, die verlassen wurde, wird also gleichermaßen ersehnt wie mit Fremdheitsgefühlen verbunden. Die nicht erfüllbare Sehnsucht wird mit Ursprungsfantasien verknüpft, die auch später im Zusammenhang mit der Vorstellung von etwas„ursprünglich“ Deutschem(Z723) oder„Ur-Deutsche[m]“(Z1395) wieder aufgegriffen werden(s. u.). 269 Im Gegensatz zu einer solchen Ambivalenz wird von Herrn Brenner berichtet, in das Dorf der Schwiegereltern„zurück“(Z218) gekehrt zu sein, nur wenige Kilometer vom Dorf entfernt, in dem er aufwuchs und in dem seine Eltern noch wohnen(Z217-219). Herr Brenner: Frau Lück: Herr Brenner: „[…] da wollten wir bevor die Kinder eben drau- äh in die Schule gehen wieder auf’s Land hinaus und eigentlich auch wieder zurück(2). Und(2) ja zu den Kontakten, das ob mer sich wohl fühlt(2), in das Dorf, wo ich jetzt gekommen is is eigentlich nur 15 Kilometer weiter weg als das Dorf wo ich aufgewachsen bin Mhm mhm Aber[schnaufen] ob das jetzt 15 Kilometer sind oder ob das 50 oder 100 sind, das wär glaub ich egal gewesen, da muss man sich erst mal wieder ganz neu rein finden“(Z216-223). Herr Brenner greift an dieser Stelle erneut das Motiv der als erstes von Frau Lück formulierten Schwierigkeit auf, sich in einem neuen Wohnort heimisch zu fühlen und spitzt dieses zugleich zu, indem nun selbst das Nachbardorf schon als„neu“(Z223) beschrieben wird. Herr Brenner und Frau Lück führen die Tendenz vieler Menschen an, im Heimatort wohnen zu bleiben oder nach Abwesenheit wieder zurückzukehren(Z258278):„Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“(Z279, Frau Lück). Hier kommt Frau Kreuz auf die bereits zitierte Sehnsucht,„in den Ursprung“ (Z280) zurückzukehren, zu sprechen und stellt in diesem Zusammenhang auch eine weitverbreitete„Unflexibilität der Menschen“(Z305) fest, den Wohnort zu wechseln. Im weiteren Verlauf werden die eigenen Fremdheitserfahrungen vor allem an den Dialekt geknüpft. So berichtet Frau Kreuz, wie sie bei ihren Wohnortswechseln sogar jeweils Elemente des Dialekts gelernt habe. Dies sei soweit gegangen, dass sie auch unwillkürlich die Sprechweise der jeweiligen Region angenommen habe –„[d]as geht ja irgendwann so ins Blut über, dann spricht man’s nur noch“(Z432) – so dass sie Freunde aus 270 dem norddeutschen Raum aufgefordert hätten, Hochdeutsch zu sprechen. Herr Schreiber schließt sich an, indem er erzählt, sich in einem Verein für Mundart zu engagieren. Er berichtet auch, sieben Mal die Volksschule gewechselt zu haben(Z635) und jedes Mal den neuen Dialekt gelernt zu haben, um dazuzugehören(Z651). Später fügt er noch hinzu, auch im Dorf, in dem er bereits seit den 1960er Jahren lebe, erst nach etwa 20 Jahren„aufgenommen worden“(Z934) zu sein. Wie in Renningen werden dabei auf der einen Seite die Differenzen zwischen den verschiedenen deutschen Regionen und sogar zwischen einzelnen Dörfern betont. Auf der anderen Seite aber wird zugleich etwas Gemeinsames eingeführt, indem die Teilnehmenden auf das Hochdeutsche und die Bedeutung der deutschen Sprache zu sprechen kommen. Zunächst werden die Schweiz und Österreich als Beispiele angeführt, wo die Unterschiede in den Dialekten„krass“ bzw.„Wahnsinn“(Z697, Frau Kreuz) seien, doch die Menschen neben dem Dialekt auch das Hochdeutsche lernten. Herr Brenner:„Ja zumindestens gibt’s eine Sprache, die alle noch verstehen sollten“(Z699). Frau Kreuz:„Sollten, sagen wir’s mal so“(Z670). Schließlich wird von Frau Kreuz formuliert, dass es auch andere Länder gebe, in denen die Menschen Deutsch sprächen,„zum Beispiel, ich sag’s jetzt mal für die Ostgebiete sowieso, als was Sudentenland, Polen angeht“(Z717).„Und auch die Polen selbst, also was in Oberschlesien alles so ist, was so ursprünglich ist, ist die sprechen alle lieber Deutsch“(Z722). In diesem Zusammenhang irritiert die Aussage, in Polen würde lieber Deutsch gesprochen, wie auch das Thema„Ursprung“, das hier wieder auftaucht. Frau Ried:„Meine Tante, die hatte ne Kneipe(.) an der Lahn. Also so’n richtige Dorfkneipe, und gut ich war da, was weiß ich wie alt werd ich da gewesen sein, sag mal zwischen acht und zehn. Und dann hatte die nachher jemanden, der immer geholfen hat und das war’n Flüchtling und die war’n katho271 Frau Lück: Frau Kreuz: Frau Ried: lisch, ach du großer Gott das war ja schon fast n Weltwunder L J (2) J . L So was weiß ich, die kamen L Mhm L J (.) J dann aus’m Sudetenland oder so(2). Das(2), das war unfassbar für die(.) Urbevölkerung da“(Z823-831). Frau Ried greift hier offenbar Ausdrücke auf, die Frau Kreuz zuvor verwendet hat, wie das„Sudetenland“ oder das Präfix„Ur“, wenn auch in Bezug auf die„einheimische“ Dorfbevölkerung, nicht wie Frau Kreuz für die(deutsche?) Bevölkerung in Polen(„Und auch die Polen selbst, also was in Oberschlesien alles so ist, was so ursprünglich ist, ist die sprechen alle lieber Deutsch“[Z722f.]). Zwischenresümee Es ist auffällig, dass nur wenige direkt chauvinistische Äußerungen in den Gruppendiskussionen fielen, obwohl solche Aussagen in der Fragebogenstudie„Vom Rand zur Mitte“ breite Zustimmung fanden. Vermutlich liegt dies zum einen an unserer Eingangsfrage(„Wie ist das, hier in der Region/Stadt xy zu leben?“), die stark den unmittelbaren Nah- und Lebensbereich betonte. Zum anderen liegt es vermutlich am Setting einer Gruppendiskussion, in der generell mehr geschimpft wird – wie wir zum Beispiel gegenüber„den Ausländern“ feststellen konnten – als dass Überlegenheitsgefühle geäußert werden. So fallen selbstläufig keine Äußerungen, in denen etwa eine Vormachtstellung von Deutschland oder eine aggressive Durchsetzung„deutscher Interessen“ gegenüber dem „Ausland“ gefordert werden: Doch ist das ausländerfeindliche Bild der „Überfremdung“ mit der Vorstellung eines Binnen-Wir„der Deutschen“, von denen„das Fremde“ abgegrenzt wird und ausgeschlossen werden soll, nicht trennbar vom Chauvinismus, gehört gleichsam dazu. 272 Nicht zu vernachlässigen ist in diesem Zusammenhang auch die bereits mehrfach erwähnte Bedeutung der„deutschen Sprache“ in den Gruppendiskussionen. Sprache wurde klar als Element einer spezifisch nationalen Kultur gesehen, in Gießen wurde über eine„deutsche Ursprache“ diskutiert, die alle Nationen mit Vorliebe sprechen. Die Sprache steht bei Nationenbildung in der deutschen Geschichte an prominenter Stelle, was auch Balibar mit Verweis auf Fichtes Reden an die Nation hervorhebt:„Was dieselbe Sprache spricht, wird zu natürlichen ,Gemeinschaft‘ gemacht“ (Balibar 1990). Dass sich die deutsche Sprache in geschichtlicher Tradition auch heute noch eignet, mit der„Konstruktion[…] eines Wir-Ideals“ und der damit einhergehenden Herstellung„eigener Größe“ eben auch „innerer und äußerer Feinde“(Bielefeld 1998, 109) zu konstruieren, wird in der abschließenden Diskussion behandelt werden(Kapitel 6). Ausblick In diesem Kapitel haben wir in Anlehnung an drei Dimensionen des Rechtsextremismusfragebogens, die Ausländerfeindlichkeit, den Antisemitismus und den Chauvinismus anhand des Materials der Gruppendiskussionen untersucht. Stellte die Ausländerfeindlichkeit sowohl quantitativ als auch qualitativ die am stärksten vertretene Dimension in den meisten Diskussionen dar, so fiel ebenfalls ein allgemeiner gesellschaftlicher Normierungs- oder Anpassungsdruck auf, der auf allen Teilnehmenden lastet, auch wenn sie diesen nicht – wie die meisten – auf„Fremde“ verschieben. Psychosoziale Faktoren scheinen über die Fähigkeit zur Reflexion von Stereotypen mit zu entscheiden. Dies war sowohl in Berlin-Mitte als auch in Renningen zu beobachten, wobei der höhere Bildungsgrad derjenigen, die zum empathischen Nachvollzug in der Lage sind, selbst auf die Entwicklungsförderung der Familie verweist. Welche Faktoren über diese 273 Fähigkeit entscheiden und welche Mechanismen diese verhindern, soll in den folgenden Kapiteln untersucht werden. Der Hintergrund der projektiven Aufladung, die familiäre und schulische Sozialisation, wie auch die generationale Weitergabe sollen mit Blick auf die Unterstützung antidemokratischer, diktatorischer Regierungsformen und autoritärer Strukturen untersucht werden. 5.2 Diktatorische, sozialdarwinistische und demokratische Einstellungen In der fragebogenbasierten Repräsentativerhebung von 2006 wurden neben dem Fragebogen zur rechtsextremen Einstellung auch allgemeine Fragen zur Akzeptanz der Demokratie und zur Politik gestellt. Die Aussagen der im Rechtsextremismus-Fragebogen enthaltenen Dimension„Befürwortung einer rechtsgerichteten Diktatur“ fanden bei knapp 5% der Deutschen Zustimmung. Dabei kam es aber bei einzelnen Aussagen zu einer weit größeren eindrücklicheren Zustimmung, so wollten ein Viertel der Deutschen„eine einzige starke Partei“ und 15%„einen Führer“ (Decker, Brähler& Geißler 2006, 35). Demgegenüber stellten wir fest, dass die Zustimmung zur„Demokratie in der BRD“ bei unter 50% lag, politische Parteien fanden nur noch das Vertrauen von einem Drittel der Bevölkerung(ebd., 70/71). Politische Deprivation war ein bedeutsamerer Einflussfaktor für die Herausbildung rechtsextremer Einstellungen als die wirtschaftliche Deprivation(ebd, 89). Weiterhin wurde in der Fragebogenuntersuchung die Zustimmung zu sozialdarwinistischen Aussagen erhoben. Dass es„wertvolles und unwertes Leben“ gebe, fanden ein Zehntel der Deutschen zustimmungsfähig, bei der Aussage„wie in der Natur sollte sich auch in der Gesellschaft der Stärkere durchsetzen“ waren es knapp 18% und die Aussage,„die Deutschen seien anderen Völkern von Natur aus überlegen“, hielten 15% für richtig. 274 In Rückbezug zur Studie„Vom Rand zur Mitte“ werden im folgenden Kapitel Passagen vorgestellt und ausgewertet, die sich mit der Zustimmung zur Diktatur bzw. im Gegensatz dazu mit demokratischen Einstellungen befassen. Auch geht es hier um Äußerungen zur Politik im weiteren Sinne, wie wir sie in den Gruppendiskussionen finden können. Wir wollen in dieser qualitativen Studie unter anderem der Genese antidemokratischer bis diktatorischer Einstellungen auf den Grund gehen – doch geht es uns ebenso um die Frage, wie sich demokratische Einstellungen entwickeln. Die Gliederung des Kapitels erfolgt aus dem Material selbst; so werden auch Begründungszusammenhänge erörtert, die über einzelne Dimensionen hinausweisen. Beispielsweise wird in diesem Kapitel ein Zusammenhang hergestellt zwischen dem Wunsch nach„Ordnung“ und „Kontrolle“ durchsetzenden, diktatorischen Regimen und dem sozialpsychologischen Konzept des Autoritarismus. Wie in Kapitel 5.1 die Dimensionen Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus und Chauvinismus wegen bestimmter inhaltlicher Gemeinsamkeiten zusammen ausgewertet wurden, so haben wir uns entschlossen, die Dimensionen Diktatur und Sozialdarwinismus in einem Kapitel zusammengefasst auszuwerten. Dies geschieht einmal mit einer deskriptiven Begründung und zum anderen wegen der Analyse der Gruppendiskussionen. Deskriptiv lassen sich bei den sozialdarwinistischen Aussagen vorwiegend biologisierende bzw. naturalisierende Begründungen für eine Ideologie von Härte und Überlegenheit finden. Dieser Biologismus legitimiert, gegen Schwache vorzugehen, oder gegen diejenigen, die als schwach erlebt werden. Damit stellt er die Kehrseite der Sehnsucht nach einem Führer sowie der Unterwürfigkeit gegenüber diesem oder„einer Partei“ dar. In antidemokratischen und diktatorischen Aussagen kommen die Orientierung an sowie der Wunsch nach Stärke und Autorität zum Ausdruck. 275 Mit dem Zusammenhang von Unterwürfigkeit gegenüber Autoritäten und Aggression gegen Schwache wurde bereits einleitend ein Ergebnis der Auswertung vorgestellt, das nun zur Erläuterung und Vorbereitung der Ergebnisdarstellung kurz ausgeführt werden soll. Diese theoretischen Aspekte dienen dem Verständnis der anschließenden Auswertung und sind aus ihr hervorgegangen. Dazu möchten wir auf einige grundlegende Gedanken der Freud’schen Psychoanalyse und der Kritischen Theorie nach Adorno und Horkheimer eingehen. Im Zentrum steht dabei die Frage nach der Entwicklung von bestimmten Eigenschaften einer Person. Freud, der Begründer der Psychoanalyse, ging der Frage nach, wie bestimmte Charakterzüge(auch wenn sie nicht klinisch relevant werden), nämlich Ordnung, Sparsamkeit, übertriebene Reinlichkeit und Eigensinn sich frühkindlich entwickeln (1908). Dabei kommt er auf die Bedeutung der(frühkindlichen) Analität bzw. der analen erogenen Zone und deren Funktionen von„Zurückhalten versus Ausstoßen“ bei der Herausbildung dieser Charakterstrukturen. So wird in Freud’scher psychoanalytischer Theorie die Bekämpfung des Dreckes und Schmutzes in enge Beziehung gebracht zur Lust an ebendiesem. Individualpsychologisch lässt sich dies so verstehen, dass die Lust des Kindes an den eigenen Ausscheidungen bei der Reinlichkeitserziehung (mitunter stark) bekämpft und zu etwas Verbotenem wird – ein Prozess, an deren Ausgang letztlich die Lust am Spiel mit den eigenen Ausscheidungsprodukten durch die Gratifikation der Selbstkontrolle ersetzt wird. Gleichzeitig wird die Kontrolle der eigenen Ausscheidungen zum Symbol der Unabhängigkeit von den Eltern. Die heutige Psychoanalyse knüpft an diese Überlegungen an, betont aber stärker als Freud die Autonomieentwicklung des kleinen Kindes, um die es in dieser Phase geht. Die selbstständige Kontrolle der Ausscheidungen ist ein wichtiger Ausdruck dieser Autonomieentwicklung, wird aber stärker interaktionell, also in Bezug auf Beziehungserfahrungen in dieser Entwicklungszeit gesehen. Die Beziehungserfahrung kann geprägt sein durch die Forderung nach Unter276 werfung unter die Regeln der Eltern oder durch die Akzeptanz eines kindlichen Willens und dessen Legitimität. Umgangssprachlich, aber bereits mit abwertendem Gestus, bezeichnet man diese notwendige Entwicklung als„Trotzphase“. Zusammen mit der anschließenden Entwicklungsphase, der ödipalen, resultiert aus diesen Aushandlungskonflikten mit den Eltern das, was als Individualität oder eben mit dem Begriff des„Charakters“ bezeichnet wird. In den Begrifflichkeiten der Psychoanalyse entwickeln sich so innere Vorstellungen der eigenen Person, der psychischen Instanz des„Ichs“, wie auch der Normen und Autoritäten, der psychischen Instanz des„Über-Ichs“. Von dieser Entwicklung, der Aushandlung von Autonomie und Erwartungen der Umwelt und der daraus resultierenden Scheidung von eigenen Wünschen(im„Ich“) und den äußeren Normen (aufgehoben im„Über-Ich“), hängen die Freiheitsgrade ab, über die ein Individuum verfügt. Der Prozess selbst ist durch Repression geprägt, weil der kindlichen Autonomie in jedem Fall die Forderung nach Einhaltung von Regeln gegenübersteht. Aber der Grad der Autonomie des„Ichs“ entscheidet darüber, wie gut eigene Wünsche als die der eigenen Person wahrgenommen werden können und wie flexibel mit Normen und Autoritäten umgegangen werden kann. Diese prägende Erfahrung im Umgang mit der elterlichen Autorität wird relevant für den weiteren Umgang mit Autonomie oder Unterwerfung unter konkrete oder abstrakte Autorität(Regeln). Vollzieht sich die Anerkennung der Autorität als gewaltvolle Unterwerfung, können nicht nur eigene Wünsche nicht mit dem Verbot vermittelt werden, sondern es entstehen Aggressionen. Die Suche nach einem Ventil für die nicht zulässigen Wünsche bzw. auch nicht gelungenen Autonomiebestrebungen führt dann als„autoritäre Aggression“ zu denjenigen, die schwächer sind und scheinbar oder tatsächlich„verbotene Dinge“ tun. Im letzteren kann der„Lust“ am Verbotenen dann zumindest verdeckt nachgegangen werden. Die Regelverletzung wird bei anderen geahndet, was zur Aggressionsabfuhr genauso dient, wie zur Beschäftigung mit dem Verbotenen: 277 „Wer Gerüche wittert, um sie zu tilgen, ‚schlechte‘ Gerüche, darf das Schnuppern nach Herzenslust nachahmen“(Horkheimer& Adorno 1944, 214). Ab den 1930er und 1940er Jahren haben die Kritischen Theoretiker unter anderem diese Freud’schen Überlegungen in ihre Arbeiten des Frankfurter Instituts für Sozialforschung aufgegriffen. Mit ihrer Theorie des„Autoritarismus“ bzw.„autoritären Charakters“ haben sie gezeigt, wie die Entwicklung bestimmter Charakterstrukturen, die sie autoritär nennen, mit einer starken Ausprägung von Ressentiments einhergehen(Adorno et al. 1950). Menschen mit einer autoritären Orientierung tendieren demnach dazu, sich unterwürfig gegenüber Starken und Mächtigen zu zeigen und gleichzeitig aggressiv gegenüber Schwachen und Minderheiten. So entstand das Bild von„Radfahrernaturen“: nach oben buckeln, nach unten treten(Adorno 1951, 421, Fn 25). Dieses Bild ist unseres Erachtens sehr treffend, um die Aggression in einigen der Gruppendiskussionen zu beschreiben. In ihr sehr umfangreiches Konzept haben Adorno et al.(1950) neben gesellschaftstheoretischen Überlegungen auch psychoanalytische Erkenntnisse einfließen lassen, nach denen die frühen Sozialisationserfahrungen bei der Genese politischer Einstellungen eine Rolle spielen. Ihre Ideen werden bis heute in der Rechtsextremismusforschung rezipiert und frühe Beziehungserfahrungen, das familiäre Klima in der Kindheit und Jugendzeit werden zur Entstehung späterer rechtsextremer oder aber demokratischer Einstellungen als bedeutsam angesehen(Hopf 1992, 1993, Hopf& Hopf 1997). Dezidiert auf Adorno bezieht sich Rensmann(2001) in seiner Kritischen Theorie des Antisemitismus und neuere Befunde sprechen für die hohe Erklärungskraft dieses Konzepts im Vergleich zu anderen Theorien zur Entstehung des Rechtsextremismus(Fuchs 2003). Doch um den Bogen zu schlagen zum Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Strukturen und Erziehung sei noch etwas weiter ausgeholt. Die Kritische Theorie bezieht sich mit Begriffen wie dem„sadoma278 sochistischen“(Fromm 1936) bzw.„autoritären Charakter“(Adorno et al., 1950) auf die Freud’sche Analyse, um zu begreifen, welche Spuren die gesellschaftliche Gewalt(vgl. 5.1) im Einzelnen hinterlässt.„[…] es geht nicht darum, das Auftreten totalitärer Systeme einfach psychologisch zu erklären.“ Es geht vielmehr um die„seelischen Bindungen[…] unter denen die Massen für eine Politik gewonnen werden können, die ihren vernünftigen Interessen entgegengesetzt ist“(Adorno 1952, 361). Dabei griffen sie die Psychoanalyse auf, um sowohl die Bindung in einer Gemeinschaft zu erklären wie auch die gesellschaftlichen Bedingungen dieser Bindung zu rekonstruieren. Denn die individuelle Entwicklung findet nicht im luftleeren, sondern in einem gesellschaftlichen Raum statt und ist diesem auch unterworfen. So betrachteten die Autoren um Adorno elterliches Erziehungsverhalten nicht nur als Einzelphänomen, sondern als den gesellschaftlichen Bedingungen geschuldet. Elternschaft ist keine ahistorische, sondern ganz von gesellschaftlichen Bedingungen abhängende Erfahrung. Dies wird auch deutlich, wenn die oben beschriebene Entwicklungsphase nach Freud vor dem Hintergrund der Rekonstruktion des Zivilisationsprozesses durch Norbert Elias betrachtet wird. Es wird dann verständlich, dass sich in der kindlichen Entwicklung eine kulturelle Entwicklung zur Selbstkontrolle und Unterwerfung wiederholt, keinesfalls aber eine von der Gesellschaft abzulösende„natürliche“ Entwicklung(Elias 1939, 276). Die aus der Eltern/Kind-Beziehung resultierende„Charakterstruktur“ ist damit zwar mit individualpsychologischen Methoden –wie einer Gruppendiskussion oder Fragebogenerhebungen – zu untersuchen, kann aber als gesellschaftliche Größe verstanden werden. Das Verständnis der allgemeinen gesellschaftlichen Gewalt als Voraussetzung der Ausländerfeindlichkeit und des Antisemitismus in Kapitel 5.1 ist daran orientiert. Die bereits dort erwähnten Gruppen-Ideale, die eine Gruppe überhaupt erst als Gemeinschaft konstituieren, sind psychische Größen. Die Identifikation mit einem gemeinsamen Ideal bringt 279 Gruppen, auch Großgruppen hervor. Dieser Prozess macht es möglich, Gruppenphänomene und Gesellschaften über die Subjektivität ihrer Mitglieder, über das Individuum zu untersuchen. Die Untersuchung einer Masse ist damit die Untersuchung des Einzelnen in der Masse(Freud 1921). In unserer Untersuchung von 2006(Decker, Brähler& Geißler 2006, 100) konnten wir den Einfluss des elterlichen Erziehungsverhaltens auf die politische Einstellung bereits beschreiben: Ein harter, emotional kalter und strafender Vater war besonders bei Menschen mit rechtsextremer Einstellung anzutreffen. Im Folgenden wird es darum gehen, diese Erkenntnis zu vertiefen und über die Beiträge in den Gruppendiskussionen ein Verständnis zu erhalten, wie sozialisatorische Faktoren demokratische oder antidemokratische und eben diktatorische Einstellungen hervorbringen. Wir haben in der Fragebogenuntersuchung demokratische von antidemokratischen Einstellungen durch die Zustimmung zu rechtsgerichteten diktatorischen Regierungsformen unterschieden. An dieser Stelle soll zur Vorbereitung der Auswertung die Frage geklärt werden, was wir unter demokratischer Einstellung verstehen und wie wir sie von antidemokratischer Einstellung abgrenzen. In Weiterführung der hier skizzierten Überlegungen wird deutlich, dass eine demokratische Einstellung sich nicht nur durch die formale Zustimmung zur Demokratie ergibt. Wie bereits in Kapitel 5.1 angesprochen, lassen sich rechtsextreme Einstellungen auch als unreflektierte Vorurteile oder Ressentiments gegenüber dem als„abweichend“ Wahrgenommenen beschreiben. Im Gegensatz dazu zeichnen sich nicht-rechtsextreme Gruppendiskussionen durch eine Reflexion der Vorurteile aus, also dadurch, dass sie nicht an das Vorurteil gebunden sind. Als ebenso bedeutsam und als die Voraussetzung der Vorurteilsungebundenheit hat sich die Empathiefähigkeit, der Nachvollzug der Position des„Anderen“, zumal des „Fremden“ gezeigt. 280 Hieran anschließend sollen diese Flexibilität im Umgang mit anderen Menschen auf die demokratische Einstellung übertragen werden. Es ist, metaphorisch gesprochen, die Widerspiegelung der pluralistischen Gesellschaft im Individuum. Wir verstehen unter„demokratisch“ neben der formalen Zustimmung zur Demokratie als Grundlage des Zusammenlebens auch die Befürwortung einer Politik, in der Differenzen bestehen können und nicht zum Verschwinden gebracht werden(müssen). Damit wird versucht, die Anerkennung des/der Anderen, Pluralität und Offenheit statt der Fantasie einer„Volksgemeinschaft“ als Anzeichen für eine demokratische Einstellung zu nehmen. Die Gewaltenteilung im Rechtsstaat, ein weiteres Kennzeichen einer Demokratie, sollte sich bei einer demokratischen Einstellung ebenfalls wiederfinden lassen. Damit ist auf der Ebene des Individuums weiterhin die Fähigkeit, unterschiedliche Interessen auszuhandeln, Kennzeichen einer demokratischen Einstellung. Als letztes Merkmal demokratischer Einstellung verstehen wir, dass Demokratie als„eigenes“ Projekt verstanden wird. Diese Abgrenzung von demokratischer und antidemokratischer Einstellung kann sich im Inhalt, den Themen der Gruppendiskussionen wiederfinden lassen. Aber, wie bei der Definition bereits zu erkennen ist, eben auch in der zu beobachtenden Interaktion der Teilnehmenden während einer Gruppendiskussion. Dieses Kapitel ist dementsprechend aufgebaut: Zunächst wird der manifeste antidemokratische Affekt und die antidemokratische Interaktion in den Gruppendiskussionen dargestellt. Daran anschließend wird der Versuch unternommen, die Genese dieses Affekts zu untersuchen und dabei werden im Kontrast auch demokratische Einstellungen und Interaktionen in den Gruppendiskussionen herangezogen. Ein weiteres Ergebnis der Auswertung führt zum anderen Strukturmerkmal dieses Kapitels. Wir konnten generationsübergreifende, aber auch generationsunterscheidende Erscheinungsformen der antidemokratischen Einstellung finden. Diese sollen entsprechend aufeinander aufbauend entwickelt werden. 281 5.2.1 Ärger über Politik, Dreck und schlechte Erziehung Die einleitend angestellten Überlegungen sind dem Umstand geschuldet, dass in vielen Gruppendiskussionen erfahrene Erziehung und Erziehungsideale formuliert worden sind. Dabei lassen sich diese Erziehungsberichte in der Regel kontextualisieren mit Aussagen zur Politik allgemein und zur Demokratie im Besonderen. Dresden-Johannstadt „[D]as ist wieder ein richtiger Drecksstall Dresden geworden“ In der Diskussion in Dresden-Johannstadt kommt Frau Reiß nach der Vorstellungsrunde, in der sie kurz auf Biografisches eingeht, auf die Veränderungen durch die„Wende“ im Jahre 1989 zu sprechen, um daraufhin das Thema(Ärger über) Politik einzuleiten. Zunächst habe sie es schwer gehabt im Elternhaus:„Mein Vater ist im Krieg geblieben, meine Mutter (.) na ja, die hat mich so recht und schlecht(.) durchgebracht“(Z168f.). Doch sei ihr dennoch ein gelungenes Arbeitsleben geglückt: Frau Reiß:[D]ann hat man sich immer pff von einem Facharbeit-, von einem Facharbeiterbrief zum anderen durchgeschlängelt. […] Die Anstellung war nicht schlecht, ich war zufrieden, auch mit meinem Gehalt, ja dann(.) kam die Wende, da wurde natürlich furchtbar viel(.) alles(.) anders, wo man gar nicht damit gerechnet hat(Z172-179). Auch nach der Wende, durch die sich„furchtabr viel“ verändert habe, habe sie sich noch„durch-äh-gefizt“(Z179). Die Wende habe zwar auch positive Veränderungen gebracht, aber anschließend kommt Frau Reiß über die Assoziation, dass„alles teurer wird“(Z188) auf ihren Ärger über die heutige Politik in Dresden zu sprechen. Sie eröffnet die zweite Se282 quenz, indem sie sich hierauf mit hoch affektiven Äußerungen über die Politik und den„Dreck“ in der Stadt echauffiert. Frau Reiß: Aber von der Sache her fühle ich mich schon in Dresden (.) wohl. Bloß äh das System Rathaus, da muss ich sagen, also dort sind so äh Leute angestellt, die sicher von ihrem Job überhaupt nichts verstehen. Denn wir haben eine-, wir haben zwar Ordnungsämter, und, und, und, aber wir haben einen(.) das ist wieder ein richtiger Drecksstall Dresden geworden. Wenn Sie durchgehen, die Parkanlagen sehen aus! Man hat neue Bäume gepflanzt, das Unkraut wächst schon [Frau Schumann hustet] zur Hälfte dieser Bäume! Es wird da nichts gemacht. Und da verstehe ich auch das Arbeitsamt nicht. Grade Dresden hat so viel Arbeitslose(.), also dann könnte man doch bissl was zusammenstellen und müsste mal diese Leute dahin schicken, es kann nicht jeder nur auf Geld warten, er muss auch dafür was tun! Denn wir haben ja alle nur gearbeitet, L um was zu verdienen. Das„System“ erscheint hier als Schimpfwort für eines, das nicht funktioniert und kann in dieser Verwendung unter anderem Assoziationen zum Begriff der„Systemzeit“ wecken, wie die Nationalsozialisten die Weimarer Republik bezeichneten oder auch zu Neonazis, die von„Systemparteien“ sprechen. Es kommt eine Sehnsucht nach Ordnung zum Ausdruck, die zwar versprochen– es gibt„Ordnungsämter“ – aber nicht eingehalten wird. Dies wird buchstäblich verknüpft mit„Dreck[…]“ und„Unkraut“; da wuchert etwas, das nicht sollte, das gejätet, ausgerissen werden solle. Wie wir sehen werden, ist in diesem ersten affektiven Ausbruch von Frau Reiß schon angelegt, was sie in der Folge noch vertiefen wird: der Affekt gegen die Politiker, versagende Ordnungsämter und die intensive Beschäftigung mit Dreck. Auch ein starker Neid-Affekt wird bereits deutlich in Bezug auf jene, die es sich vermeintlich gut gehen lassen, hier: die Arbeitslosen. Dagegen setzt Frau Reiß eine Wir-Gruppe, derer sie sich als Teil begreift, ohne auszuführen, welche der möglichen gemeint 283 ist: ,wir Teilnehmenden‘ der Gruppendiskussion, ,wir ehemaligen DDRBürger/innen‘ oder die Vorstellung eines Mehrheits-Wir einer ,deutschen arbeitenden‘ Bevölkerung? Die Vorstellung des zuletzt genannten ‚Wir‘ korrespondiert mit der in Kapitel 5.1 entwickelten These über die Brisanz von gesellschaftlich-normativer Gewalt, die jeden Einzelnen bedroht, der sich nicht oder auch nur vermeintlich nicht fügt. Frau Reiß identifiziert sich in der Interaktion der Gruppendiskussion mit dieser normativen Gewalt und richtet sie, wie im Folgenden deutlich werden wird, auch gegen vermutete ‚Abweichung‘ in der Gruppendiskussion selbst. Zugleich versteht sie sich dabei als Verliererin, die – im Gegensatz zu den Arbeitslosen – zu kurz gekommen ist. Dies wird auch in der folgenden Interpretation gleichsam die Klammer sein, die die Assoziationsketten und Interaktionsverläufe verstehen lässt. Frau Schumann ergänzt Frau Reiß’ Aussagen, indem sie die Frage aufwirft, ob es denn keine„Ein-Euro-Jobs“ in der Stadt gäbe,„die die Straßen[…] sauber halten“(Z200-202). Die gäbe es zwar, so Frau Reiß, doch kümmere sich bei den Arbeitsämtern niemand darum. Auch die „Bürgerbereitschaft“(Z209) unternehme nichts gegen„[d]iese Hundehaufen, diese=ä diese[n] Dreck an diesen Straßenrändern!“(Z208f.), denn es kämen wohl„keine Meldungen“(Z211) zurück. Auf diese Wortwahl reagiert Frau Schumann, indem sie ein Bedrohungsszenario entwirft, in dem„Angst irgendwen zu melden“(Z213) herrscht; man müsse aufpassen,„dass man keinen(.) kein’n’n Hinterkopf kriegt“(Z215). Während Frau Reiß sich weiter über„Riesenhunde in Zweiraumwohnungen“(Z220) aufregt, weil diese so große Haufen vor die Tür setzten, reagiert Frau Schumann entsetzt darüber, dass dies„Tierquälerei“ sei, über die„anonym“(Z235) der Tierschutz verständigt werden sollte. Für Frau Reiß jedoch spielt dies keine Rolle, denn„der Tierschutz macht doch keine Haufen weg!“(Z236). Für Frau Schumann ist die Idee der anonymen Anzeige bedeutsam – eine Vorstellung, die bei der gemein284 samen Interpretation im Forscher/innenteam Assoziationen zu anonymen Denunziationen(z. B. von Nachbarn) im Nationalsozialismus oder zur DDR-Zeit weckte. Letzteres korrespondiert direkt mit den inhaltlichen Bezügen auf die DDR-Vergangenheit, die zuvor von Frau Reiß thematisiert worden sind und auf die Frau Schumann auch kurz eingeht, wenn sie die dortige Kontrolle(Z288) in positivem Kontrast zu deren empfundenem Verlust in der heutigen BRD setzt(s. u.). Betont Frau Schumann auf Zweifel von Frau Reiß ob ihrer Berechtigung(den Tierschutz zu verständigen) noch einmal die Idee der anonymen Meldung(Z243), so spricht sich Frau Reiß dagegen aus, denn: Frau Reiß: Frau Schumann: Frau Reiß: Na ja, anonym! Nee, man muss ja dann der Sache auf den Grund gehen.[…] Aber das sind doch keine Zustände! L Es ist eine Misswirtschaft überall, weil sich keiner um irgendwas L Nee. kümmert, keinen interessiert was[…](Z244-248). Frau Reiß möchte nicht nur„Haufen“ und„Dreck“ beseitigen, sondern„der Sache“ auf den Grund gehen. Hiermit setzt Frau Reiß ihren Schimpf weiter fort über„Graffiti“(Z250), gegen die auch nicht vorgegangen werde. Generell versage die(Stadt-)Politik auf ganzer Linie, die Politiker kämen ihrer Aufgabe nicht nach, ihnen gehe es lediglich darum, Geld zu verdienen und ihre Positionen zu sichern: Frau Reiß: Frau Lange: Frau Reiß: Frau Lange: Frau Reiß: Da frag ich mich doch, für was das Rathaus da ist. Die verdienen gutes Geld, aber die sitzen alle bloß auf ihren Posten, dass sie den ja nicht L verlieren! Aber unternehmen tut hier L Hmm. keiner was! Da gehen Sie mal reihum, kucken sich den Saustall mal an von Dresden. Na das=ist überall so in den Städten, bei uns auch, mit den Hundehaufen, ist schlimm. Wirklich. Ja, wir reden und reden, L aber es wird nirgends wo was gemacht! 285 Den Ärger von Frau Reiß bestätigend schaltet sich nun auch Frau Lange ein, indem sie eine konkrete Szene von ihrem Büro in einer sächsischen Kleinstadt erzählt: Oft hätten junge Männer(Z272) vor ihrer Tür Hunde Haufen hinsetzen lassen und auf die Aufforderung von Frau Lange, diese zu entfernen, reagiert mit den Worten„[d]as können Sie doch machen“ (Z274). Frau Lange: Frau Schumann: Frau Lange: Frau Schumann: Frau Reiß: Frau Schumann: Frau Lange: Frau Schumann: Da werden die noch frech. L Ja. L Ja. Ja! Man hat dann wirklich Angst, dass die einen noch L den Hund() L L Das ist das, was ich vorhin gesagt L Ja. habe, da muss man aufpassen L ob hier die äh diese Streife laufen, dass man da keinen, L Ja, ja. Ja. wenn man irgendwen sozusagen, nicht direkt anzeigt, aber das irgendwem meldet, äh dass dann nicht äh dass man abends eins an Hinterkopf kriegt(Z278-287). Frau Schumann und Frau Lange stimmen also den negativen Affekten von Frau Reiß zu und bestätigen sie damit. Insgesamt können sich die drei Frauen über das Bild des„Dreckstall[s]“(Z192) sowie das Bedrohungsszenario einigen – eine stark affektbetonte Einigkeit, die an dieser Stelle Herr Rösner zu durchbrechen versucht. Er führt an, es gäbe Ämter, die die Tierhaltung genehmigen müssten, sucht also dem Bedrohungsszenario Rationalität in Form von(funktionierenden) Institutionen entgegenzusetzen. Doch offenbar ist die Position der Frauen bzw. von Frau Reiß in der Interaktion machtvoller, denn diese führt nun an, dennoch gäbe es „keine Kontrolle“(Z292) durch solche Stellen. Als Reaktion auf diesen ‚Sieg‘ der affektgeladenen Äußerungen zieht sich Herr Rösner im weiteren Verlauf zunehmend zurück. So spricht er nur noch an zwei kurzen 286 Stellen der Diskussion einzelne Worte, um stattdessen unentwegt von den von uns angebotenen Knabbereien zu essen. „Haufen über Haufen![…] Dreck über Dreck“„[W]enn hier nicht mal was Radikales kommt, dann k-w-ä kann sich niemand durchsetzen!“ Nach der gescheiterten ‚Intervention‘ durch Herrn Rösner knüpft Frau Reiß an ihren Ärger über mangelnde Kontrolle direkt eine politische Forderung nach etwas„Radikale[m]“(Z305), das für Kontrolle und Ordnung sorgen solle:„Das ist äh das ist ne Kette ohne Ende, die(.) wenn hier nicht mal was Radikales kommt, dann k-w-ä kann sich niemand durchsetzen!“(Z305f.). Diese Forderung nach politisch Radikalem, lässt sich auch im wörtlichen Sinne mit dem Affekt gegen das„Unkraut“(Z193, s. o.) in Verbindung bringen, denn dies ist ebenfalls in den Augen von Frau Reiß zu entfernen, also auszureißen, ‚bei den Wurzeln‘ zu packen. Auch an dieser Stelle verknüpft sich die politische Forderung mit dem starken Affekt gegen die„Haufen“ und den„Dreck“, die Frau Reiß jeweils in einer Dopplung vorbringt, was den Eindruck einer hoch affektiven Besetzung noch unterstreicht: Frau Reiß: Frau Rösner: Herr Rösner: Frau Reiß: Ich hab ne Enkelin, die saust los, na da muss ich nur hinterher, weil die gar nicht so kuckt(.) also: Haufen über Haufen! L Hmm. L Ja:. Johannstadt wohn ich, an und für sich is schönes Viertel, aber[schlägt auf den Tisch] Dreck über Dreck. Und wenn Sie das den Ordnungshütern sagen, die da mit ihren Knöllchen kommen, das sagen die immer: Ja, dazu sind wir nicht zuständig. 287 Das geforderte ‚Radikale‘ soll also die bestehende Verhältnisse nicht umwälzen, nicht eine bestehende Ordnung außer Kraft setzen, sondern im Gegenteil:(die Vorstellung von)„Dreck“ und Unordnung sollen durch die Wieder herstellung von(einer alten) Ordnung und Kontrolle radikal beseitigt werden. Dass es dabei um(den Wunsch nach) eine(r) Wiederherstellung geht, wird auch im Folgenden deutlich, wenn zunehmend die heutige Zeit mit einer idealisierten früheren und eben ordentlichen Zeit kontrastiert wird. Lehnt Frau Reiß das„System Rathaus“(Z189) ab, ist sie stattdessen bereit, sich dem gewünschten Radikalen zu unterwerfen. Doch möchten wir im Folgenden das Augenmerk auch auf das Szenische richten, auf die Art und Weise, wie das Thema in der Interaktion interpretiert werden kann. Während Frau Reiß sich mit lauter Stimme und stark affektiv über den Dreck echauffiert, und gehäuft drastische Ausdrücke verwendet, so lässt sich mit dieser Metapher beschreiben, dass sie gleichsam selbst verbal ‚Dreck‘ hervorbringt, mit dem sie die Diskutierenden und Zuhörenden ‚überhäuft‘: Zum einen, indem sie mit den drastischen Begriffen, die sie wählt, den Dreck in die Vorstellung der anderen Teilnehmenden bringt, zum anderen, da die Aggressionen selbst als Überhäufen der anderen verstanden werden können. Um den bisherigen Verlauf der Dresdner Diskussion noch einmal kurz zu resümieren: Die von Frau Reiß genannten und mit starken aggressiven Affekten besetzten Objekte waren zunächst die Politiker im„System Rathaus“(Z198), die auf ihren Posten sitzen,„gut Geld verdienen“(Z556), aber nichts dafür tun. Vor allem kümmerten sie sich nicht um den„Drecksstall“ und die vielen„Hundehaufen“(Z208, Z314). Daraufhin entlud sich der Ärger über die Arbeitslosen und das Arbeitsamt(Z194), das diese nicht zum Säubern heranziehe. Die Hunde sowie die Hundebesitzer sind ein Thema, das auch von den anderen beiden Frauen aufgegriffen und bestätigt wird. Demgegenüber wird von Frau Reiß„was Radikales“(Z305) 288 gefordert, das für Kontrolle und Ordnung sorgen möge. Im weiteren Verlauf wird nun eine Verknüpfung mit dem Thema der ‚schlechten‘ bzw. ‚fehlenden‘ Erziehung der heutigen Jugend hergestellt. Die Aggressionen richten sich einmal gegen eine Autorität, die nicht mit genügend Härte gegen Abweichung vorgeht.„Politiker“ hätten ein gutes Leben und unternähmen nichts gegen die Abweichung. Zum anderen werden diejenigen, die sich nicht um die Regeln kümmern, zum Objekt der Aggressionen. „Aber(.) die Jugendlichen, die wurden doch äh m äh zu Respekt erzogen, zu Ordnung erzogen“ Frau Reiß: Frau Schumann: Frau Reiß: Frau Schumann: Frau Reiß: Und unsere Jugendlichen, die werden ja sowieso nur in Schutz genommen. Die muss man ja nu erst emal erziehen, früher hatt’mer die Wiedereingliederung, die mer wieder in die Gesellschaft einführen müssen und jetzt ham mer so e Gehotsche(.) die sich aus nichts was machen! Die Jugendlichen haben auch keinen Respekt mehr. NeIch möchte klipp und klar L keine Lehrerin sein oder kein Lehrer sein. L Die brauchen ja auch keinen zu haben, die kriegen doch überall recht!(1) Ach das machen wir schon, bei uns ist da hinten so ein Heim: Schwererziehbare, wo die Eltern sich nicht um die Kinder kümmern. Es haben ja auch welche wirklich schlimme(.) Verhältnisse, das muss=man natürlich auch mit sehen, aber Initiative von den Jugendlichen wird ja überhaupt nicht mehr entwickelt (Z324-335). Die Äußerung, die Jugendlichen sollten erzogen und wieder eingegliedert werden, impliziert die Vorstellung, sie stünden tatsächlich außerhalb, also desintegriert, wie sich mit dem Wort aktueller soziologischer Theorien sagen ließe. Doch, wie wir zeigen möchten, ist der Wunsch 289 nach Erziehung,„Wiedereingliederung“(Z326) und Kontrolle gerade im Einklang mit einem(zunehmenden) gesellschaftlichen Zugriff auf das scheinbar ausgeschlossene Individuum. Ausgeschlossen wird dieses zwar zum Teil aus der Vorstellung einer Wir-Gemeinschaft(wie beispielsweise auch von Frau Reiß, s. o.) oder von einer ‚allgemeinen‘ oder zumindest ‚versprochenen‘ Teilhabe am Wohlstand(Kapitel 5.3) – eine Position, in der sich übrigens auch Frau Reiß befindet, mit deren Rente sie unter der Armutsgrenze liegt. Doch den Thesen zum Autoritarismus entsprechend, richtet sie ihre Wut(neben den Politikern) vor allem gegen jene, die sozial mindestens genauso schlecht bzw. noch schlechter dastehen. Die heutigen„schlimme[n] Verhältnisse“(Z334) werden mit einer früheren Zeit kontrastiert, in der noch ordentliche Erziehung geherrscht habe im Gegensatz zum heutigen„Gehotsche“(Z327) – wiederum eine Äußerung, die durch Frau Schumann Bestätigung findet, die noch hinzufügt, die Jugendlichen seien respektlos. Über diesen Gegensatz eines ‚schlimmen‘ Heute und dem ‚Besseren‘ früher kommt nun auch Frau Schumann auf DDR-Zeiten zu sprechen, in der noch Erziehung„zu Respekt[…][und] zu Ordnung“ geherrscht habe: Frau Schumann: Äh::(.) Die haben(.) die haben gestern Abend grade äh(.) spät war das schon, ne[…] Sendung im Fernsehen gebracht, das hieß damals äh„Wie die Pioniere“. Die Pioniere äh ich bin(.) ich bin nicht in der Partei gewesen,[Frau Lange(?): Mh!] ich war überhaupt nicht(.) äh mein Vater hat mich so erzogen, der hat immer gesagt: Partei ist Mord. Also(.) er hat das erlebt mit Hitler und alles und er hat gesagt: Nein Elke, Partei Finger von! Aber(.) die Jugendlichen, die wurden doch äh m äh zu Respekt erzogen, zu Ordnung erzogen, zu-äh(.) zum Flaschensammeln, zum Papiersammeln, und was hat’s denn da alles gegeben? Das hat doch im Grunde genommen mit-mit äh mit Partei überhaupt nichts zu tun gehabt, aber auch(.) haben sie dann auch im Fernsehen gezeigt, dass sie den alten Leuten noch den Kohleneimer hochgetragen und so was, aber-aber(.) aber die-die(.) die Jugend von heute(.) 290 Frau Reiß: Frau Schumann: Frau Reiß: ich weiß nicht.(1) L Keinen Respekt mehr und L Ja, das ist(.) eine ganz andere keinen Respekt mehr vorm Alter und gar nichts mehr. Geschichte, da weiß man gar nicht mehr, was man dazu sagen soll. Das stimmt. Ja(Z336-350). Frau Schumann parallelisiert in diesem Beitrag die DDR mit dem Nationalsozialismus, indem sie von„der Partei“(Z339) spricht. Vermutlich nimmt sie damit Bezug auf die heute weit verbreitete Kritik an„beiden Diktaturen“. Eine solche assoziative Verknüpfung von DDR und NS-Zeit lässt sich inhaltlich jedoch nicht mehr auf die folgenden Ausführungen beziehen: Wird die DDR idealisiert, so findet der Nationalsozialismus keine Erwähnung mehr. Doch entsteht ein Bild, in dem eine idealisierte Vergangenheit (der DDR und assoziativ der NS-Zeit) mit„Erziehung zur Ordnung“ ihrem heutigen Verlust entgegengesetzt wird. Die idealisierten Erziehungswerte, die Frau Schumann in der DDR durchgesetzt sieht, beinhalten allerdings durchaus zwei Seiten, die jedoch nicht mehr voneinander zu trennen sind: Wünscht sie sich einerseits soziales Verhalten und soziale Unterstützung, die Hilfsbereitschaft und„Respekt“ (Z342, Z347, Z349) beinhalten, so ist dies andererseits nicht mehr zu trennen von einer(staatlich organisierten) Kontrolle, die sie auch im Folgenden besonders herbei- und zurücksehnt. Der Wunsch nach einem Sozialstaat(in der Bedeutung eines ‚sozialen Staates‘) geht eine unauflösbare Verbindung mit dem Wunsch nach Kontrolle und Disziplinierung ein. „Das ist ja e Schkandal, was sich manche Eltern leisten“ Auch im Weiteren sehnt Frau Schumann die ‚Errungenschaften‘ der DDR zurück bzw. herbei, zum Beispiel die Kontrolle der Kinder und Mütter im Kindergarten. 291 Frau Schumann: Wie gesagt, das hat mit der DDR nichts zu tun, aber d- äh(.) die Kinder wurden auch im Kindergarten und so, ich würde das auch gut finden äh jetzt nicht das Kindergeld erhöhen, sondern dass die Kinder im Kindergarten das Essen(.) preisgünstiger kriegen. Viel prei- preisgünstiger=kriegen. Mein Sohn hat fü-für die ganze Woche drei Mark bezahlt! Aber es können sich doch manche Eltern überhaupt gar keinen Kindergartenplatz leisten un- äh und grade so in der Gruppe, lernen sie mehr. Und so. Äh ich finde d-äh(.) di- äh man weiß wirklich nicht, wenn die Eltern jetzt mehr Geld kriegen, ob die Eltern denn das Geld vertrinken oder verrauchen oder sich n schönen Tag von machen. Die sozialen Verhältnisse vvon den Kindern, die müssten verbessert werden. Und nicht hier n Kindergartenplatz 200 Mark oder 200 Euro oder so was. Das sind doch alles keine Zustände!(Z351-361). Wurden zuvor die ‚schlecht erzogenen‘ Jugendlichen kritisiert, so wird nun die ‚Schuldfrage‘ mit den Eltern beantwortet. Hier wiederholt sich die Figur, dass diese„sich n schönen Tag machen“(Z358f), mit anderen Worten, es sich ‚gut gehen lassen‘ könnten – eine Vorstellung, die verpönt scheint – und dabei ihre Kinder vernachlässigten. Als ‚Lösung‘ oder Gegenmodell erscheint, vor allem für Frau Schumann und Frau Lange, die DDR-Vergangenheit, die insbesondere mit sozialer Kontrolle verknüpft wird. So hebt Frau Schumann im Weiteren vor allem auf das engmaschige System der Kontrolle in den Krippen und Kindergärten der DDR ab: Frau Schumann: Frau Lange: Frau Schumann: Frau Lange: Frau Schumann: Ich fand gut, dass unsere Kinder(.) Mütterberatung(.) ob sie wund sind(.) den Impfausweis äh d-dann wurden die regelmäßig kontrolliert(.) dann war im äh zuvor schon Untersuchung. Da ist keiner irgendwie durch die Latten gegangen. Da- in-in der Krippe gab’s die Ärzte. L Die kamen regelmäßig. Im Kindergarten war L Genau!(.) Jawoll, da wurde kein äh ich d-, auch der Arzt. Kam immer rein. Jeden dritten Monat. in der DDR wurden bestimmt Kinder misshandelt, aber so 292 d-äh dass die Kinder praktisch(.) überhaupt verloren gehen, w-weil die Eltern kein Geld haben für Krippe und Hort und so was alles, ich finde äh hier äh wie gesagt(.) äh und dann wurde gesagt: W-wie lange stillen Sie? Es ist zwar schon über 35 Jahre her, aber das Stillen, das wurde gefordert. Denn wur- äh ob Sie zugenommen haben regelmäßig, äh wie gesagt(man wollte) die Impfausweise äh das war fand ich alles viel schöner wie jetzt(Z386-398). Wiederum lassen sich die Errungenschaften eines Sozialstaats, der sich beispielsweise um die Kinderbetreuung kümmert, nicht mehr trennen von dem Wunsch nach Kontrolle und Überwachung. Dieser ist für Frau Schumann so eng mit sozialem Engagement verbunden, dass der Missbrauch von Kindern offenbar weniger schlimm bewertet wird, als dass„Kinder[…] verloren gehen“(Z394) könnten, also dem Zugriff entgleiten könnten, außer Kontrolle zu geraten drohen. Wir möchten nun erneut den Bogen schlagen zum oben aufgezeigten Zusammenhang zwischen(der Forderung nach) Autoritarismus und dem aggressiven Impuls, der sich nun gegen die Eltern richtet, die die Schuld an der heutigen ‚schlechten Erziehung‘ tragen würden und dem Neid auf die, die es vermeintlich besser haben. Doch sind dies gerade nicht diejenigen, die wirklich mehr Geld und Macht hätten(wie noch zuvor die Politiker), sondern auch im weiteren Verlauf der Diskussion verschärft diejenigen, die sozial und ökonomisch noch schlechter gestellt sind(„die Arbeitslosen“ und Hartz-IV-Empfänger, gegen die sich kurz darauf noch einmal heftige Wut seitens Frau Reiß richtet, bevor sie dann auf„die Ausländer“ umschwenkt, vgl. Kapitel 5.1). Frau Reiß: Frau Schumann: Frau Reiß: Frau Schumann: L Man-(.) man kann natürlich heute manches Elternhaus nicht mehr mit L Aber früher vergleichen. Das ist ja e Schkandal, was sich manche Eltern leisten. L Und die L Darum ja! 293 Frau Reiß: Frau Schumann: Frau Rösner: Frau Reiß: Kinder können ja dann gar nicht anders werden! L Was sehen sie denn, die sehen ja L Es war nL Ja:: gar nichts anderes und dann kucken sie nur in diese verdammte Röhre[Hmm Frau Rösner] oder in diesen Computer, wer unterhält sich denn noch mit Kindern?! Parallel dazu wiederholt Frau Schumann noch einmal das Thema Kontrolle der Kinder und Mütter in der DDR. So reden beide Frauen in diesen Passagen aneinander vorbei, sich scheinbar inhaltlich unterstützend, doch ohne tatsächlich aufeinander einzugehen: Frau Schumann bewegt sich noch im Assoziationsraum von Kindesmisshandlung, der in der DDR durch ständige Kontrollen in den Krippen und Kindergärten verunmöglicht wurde. Frau Reiß dagegen reagiert auf die Assoziationen zur Kindesmisshandlung und betont erneut die Missstände heute: Selbst wenn„Ärzte das weitergemeldet haben“, hätten„die Sozialstellen[…] überhaupt nichts getan!“(Z423). Im darauffolgenden Beitrag von Frau Reiß, in dem sie die Frage stellt, wo„denn da nun der Fehler“(Z426) liege, geht sie jedoch weder auf das Sozialsystem oder die Kinderbetreuung noch Kindesmisshandlung ein. Stattdessen beklagt sie generell fehlendes „Verantwortungsbewusstsein“(Z429) und schlägt den Bogen zum bereits oben angerissenen ‚eigenen Thema‘, dass sie habe hart arbeiten müssen, während dies heute viele nicht täten, dabei aber besser dastünden als sie selbst: Frau Reiß: Frau Schumann: Frau Reiß: Wo liegt denn da nun der Fehler? Da kann ich mich doch nun nicht hinsetzen und sagen, ja ich hab soundsoviele äh Kinder mehr dazu bekommen und ich kann das nicht und kann das nicht(.) es fehlt[klopft auf den Tisch] generell das Verantwortungsbewusstsein, so muss ich das mal sagen! Ja, aber denn wiL L Ich kann mich nicht jetzt nur sagen, ich habe das zu viel, das zu viel. Wir haben früher auch in 294 Leistung gearbeitet oder saisonbedingt hart arbeiten müssen, bloß da gab’s das gar nicht! Da hatte jeder noch ein bissl Interesse an der Arbeit!(Z426-433). In diesem Beitrag taucht erneut die Figur auf, woanders Glück oder zumindest Wohlergehen zu vermuten(wie zuvor in Bezug auf die Politiker), das nicht gegönnt, sondern auf die eigenen Kosten gehend bewertet und deshalb bekämpft wird: ‚Nicht allen soll es gut gehen, sondern wenn es mir schon nicht gut geht, soll es keinem gut gehen‘ ließe sich diese Devise paraphrasieren. Nun wird auch noch einmal der schon zu Beginn des Kapitels benannte innere Beweggrund für den starken Neid-Affekt deutlich, denn Frau Reiß assoziiert von sich aus wieder darauf, dass sie („wir“, die damaligen DDR-Bürger, die Werktätigen)„hart“ haben„arbeiten müssen“(Z432). Im Gegensatz dazu sieht sie die Frau Reiß: Frau Schumann: Frau Reiß: […] vielen, vielen Arbeitslosen(.) die da kein Interesse haben. Wir haben grade rüber ein kleines Geschäft, die stehen von früh an schon, wenn der Laden aufmacht um sieben [klopft auf den Tisch], da gibt’s dann auch ne Tasse Kaffee, da trinken die Kaffee[klopft], dann gehen die mal n kleinen Weg und dann stehen die bis in die Nacht um elf und zwölf. Und so was, muss ich sagen, kann ich nicht unterstützen. L Die würden nicht ne Mark von mir kriegen. Auch L Nee. wenn die jetzt bloß 345 Euro kriegen, die kriegen n Mietszuschuss, das kriegen die alles. Ich hab 42 Arbeitsjahre(Z436444). „Die müssen mal aufgestellt werden[…] da machen die sich nicht tot!“ Frau Reiß führt weiter aus, wie gering ihre Rente, die unter der Armutsgrenze liegt, noch im Vergleich zu dem sei, was die Arbeitslosen bekämen:„Die stehen viel besser da als ich, die gearbeitet hab, denn 41 295 oder 42 Arbeitsjahre schafft heute gar keiner mehr!“(Z446f.). Dabei bezieht sie sich offenbar auf die Empfänger von Arbeitslosengeld II. Auch Frau Lange und Frau Schumann stimmen zu: Frau Reiß: Frau Lange: Frau Reiß: Frau Lange: Frau Schumann: Das sind doch keine Zustände! Die brauchen keine Miete zu bezahlen, die haben die Krankenkasse frei, einen großen Teil, und, und, und!(1) L Na wo sollen wir denn mal L Die kriegen GEZ und alles anfangen?! Die bezahlen keinen(), das bezahlen wir alles! bekommen sie bezahlt. Ja. Und das L (), das stimmt(Z449-454). Auf diese Bestätigung und gegenseitige Ergänzung durch die anderen beiden Frauen echauffiert sich Frau Reiß weiter über die Arbeitslosen und stellt, wie schon zuvor, radikale(Z305) Forderungen als Maßnahmen der „Wiedereingliederung“(Z326) und Disziplinierung: Frau Reiß: Frau Schumann: Frau Reiß: Frau Schumann: Frau Reiß: Ich kann doch nicht immer nur die Arbeitslosen in Schutz nehmen! Die müssen mal aufgestellt werden und da sind so viel junge Leute, die auch was machen könnten! Die grade(.) die Straße mit kehren könnten, da machen die sich nicht tot! Aber äh Das kann ich überhaupt nicht verstehen, dass so was laufend wieder durchgeht, denn die ham, ich wohn jetzt acht Jahre dort und acht Jahre sind die arbeitslos oder Sozialhilfe jetzt, die(.) die stehen nur dort. Die bewegen sich nicht fort! Bloß, dass diese Truppe noch gewaschen dasitzt, also an den Bänken steht. Das muss ich sagen, die haben ordentliche Hosen an und sind auch gewaschen und rasiert, aber alles andere! Die haben überhaupt kein Verhältnis mehr(.) L zum Leben L Zur Arbeit Und zur Arbeit. Und dann, und die werden immer vom Staat gefördert, denn wenn die in Rente kriegen, kriegen die och die Mindestrente und da haben die och wieder alles frei. Und haben sich nicht 41 oder 42 Jahre den Buckel krumm gemacht!(1) So sehe ich das! Und so ist das in vielen, vielen Fällen(Z157-470) . 296 Die verständliche Wut von Reiß, sich„den Buckel krumm gemacht“ (Z469) und dafür nicht bekommen zu haben, was ihr(noch zu DDRZeiten) versprochen worden war, führt nicht zu einer Skandalisierung der Verhältnisse, in deren Kontext sowohl ihr sozialer Abstieg als auch die hohe Arbeitslosigkeit oder die sogenannte Hartz-IV-Reform stehen. Stattdessen richtet sich ihre Wut, ihr Ressentiment(vgl. Kapitel 5.1) gegen„die Arbeitslosen“, die – wie sie selbst – zu den sozial schwächsten Gruppen in der deutschen Gesellschaft gehören. Gegen sie kanalisiert sie eine Arbeitsforderung, die eher als Arbeits zwang zu werten ist, mit der sie sich offenbar selbst identifiziert und die umschrieben werden kann mit dem Prinzip: ‚Nur wer arbeitet, darf auch leben.‘ Ein solches Prinzip ist im Einklang mit der vorausgehenden Fragebogenuntersuchung als Sozialdarwinismus zu bezeichnen. Frau Reiß reflektiert nicht die Situation der Arbeitslosen, weder auf der objektiven noch auf der subjektiven Ebene. So finden weder mangelnde Aussichten auf(bezahlte) Arbeitsstellen(auch für jene, die bereit sind, zu Billiglöhnen und unter schlechten sozialen Bedingungen zu arbeiten) noch mögliches inneres Leid der Arbeitslosen Erwähnung. Das Leid der Anderen kann nicht wahrgenommen, nicht empfunden werden, zum Beispiel das Leiden vieler Arbeitslosen an ihrer Situation in einer Gesellschaft, in der der Wert der Arbeit an sich und des Arbeitens um des Arbeitens willen noch tief verwurzelt ist. Zwischenresümee Bei Frau Reiß und den anderen Teilnehmerinnen der Gruppendiskussion in Dresden-Johannstadt lassen sich Züge einer autoritären Charakterstruktur mit einer antidemokratischen Einstellung in Verbindung bringen. Im Weiteren werden wir die autoritären Aggressionen in der Inter297 aktion der Dresdener Diskussion noch betrachten. Davor soll ein kurzes Zwischenresümee in Bezug auf die antidemokratische Einstellung gezogen werden. Frau Reiß beklagt, sie habe sich auch jahrlang„den Buckel krumm gemacht“(Z469), ohne dafür entlohnt zu werden und richtet nun ihren Hass zunächst gegen„die Politiker“, die es sich auf ihren Posten und ihrem Geld gut gehen lassen, während wir„im Dreck versinken“(so Herr Stramer in Niedernhausen, der ein ähnliches Vokabular wie Frau Reiß verwendet, s. u.) würden. Doch richtet sich der autoritäre Impuls im Folgenden immer stärker gegen diejenigen, die sozial(noch) schlechter gestellt sind:„die Arbeitslosen“. Es wird von den Teilnehmenden eine vergangene autoritäre Ordnung in Kontrast zum aktuellen Bedrohungsszenario entworfen. Die DDR taucht bei den Teilnehmenden als ein Ort auf, an dem diese autoritären Strukturen realisiert waren und eine entsprechende Ordnung herrschte. Insgesamt lässt sich mit der interpretierten Sequenz der Dresdner Diskussion ein Bogen spannen vom Ärger über Politik, Dreck und schlechte Erziehung zu autoritären Wünschen. Diese kommen unter anderem in der Forderung von etwas„Radikalem“, das eng verknüpft ist mit diktatorischen und sozialdarwinistischen Forderungen, zum Ausdruck. Deutlich wird die ungebrochene Aktualität des sozialpsychologischen Konzepts des Autoritarismus, das sich insbesondere im Hinblick auf Teilnehmende aus der älteren Generation der Untersuchungsgruppe als nach wie vor erhellend erweist. In Rechnung gestellt werden muss an dieser Stelle, dass sich das klassisch Autoritäre hier und auch im Folgenden insbesondere in Diskussionen mit älteren Teilnehmenden herausarbeiten lässt. Die Gültigkeit für andere Generationen wird noch untersucht werden. Frau Reiß identifiziert sich mit der„radikalen“ und autoritären Instanz, die Andere zum Dreck-Wegmachen„aufstellen“ lassen will. Die Arbeitslosen sollen autoritär, das heißt, auch gegen ihren Willen, dazu gezwungen werden, den Dreck wegzumachen:„da machen die sich nicht tot!“(Z457) Die Assoziation zum Tod, auch in Verknüpfung mit der vor298 hergehenden Formulierung, die sollten„aufgestellt“ werden, ließ neben dem militärischen Aufstellen eines Heeres bei der Interpretation in der Gruppe an Hinrichtungsszenen(‚an die Wand-Stellen‘) denken. Die Wendung, diejenigen, die zum Dreckwegmachen„aufgestellt“ werden sollen, machten sich nicht tot, stellt in der Verneinung eben die Assoziation her, sie könnten tatsächlich zu Tode kommen. Um noch einen Schritt weiterzugehen, ließe sich der aggressive Impuls,„den Arbeitslosen“, die es sich vermeintlich gut gehen lassen, denen es besser gehe als Frau Reiß, auch als Zerstörungs-/Todeswunsch ihnen gegenüber auslegen. Dafür spricht auch(Z140) der starke Affekt im Sprechen von Frau Reiß, der sich sowohl in der Wortwahl als auch in Tonfall und Lautstärke Ausdruck verschafft. Im Folgenden soll eine weitere Ebene mit herangezogen werden, die sowohl der szenischen Validierung dienen als auch bereits Kontraste zum ‚klassisch Autoritären‘ setzen soll: die Analyse der Interaktion, vor allem zwischen Frau Reiß und Frau Schumann. Dies soll in die inhaltliche Diskussion um Erziehung(spraktiken) eingebettet werden, wobei einer autoritären eine liebevolle gegenübergestellt wird. 5.2.2 Wunsch nach Härte, Wut auf Schwäche „Der hätte von mir nicht ne Mark gekriegt. Nischt! Nischt! Und den hätt ich[…] nausgejagt“ In Bezug auf die bereits zitierten und interpretierten Passagen lässt sich zusammenfassend festhalten, dass Frau Reiß häufig den Ton angibt und durch Frau Lange und vor allem Frau Schumann bestätigt wird. Letztere übernimmt teilweise auch Worte von Frau Reiß, beispielsweise wenn sie das Beklagen der„Zustände“(Z361) aufgreift. Frau Schumann versucht 299 sich an vielen Stellen, Frau Reiß anzuschließen und will offenbar angenommen werden. Dies misslingt jedoch im Weiteren, im Laufe dessen Frau Schumann selbst Objekt der autoritären Aggression von Frau Reiß wird. Diese Dynamik war bereits kurz in Kapitel 5.1 Thema und soll hier ausgeführt werden. Sie beginnt damit, dass Frau Schumann in Reaktion auf Frau Reiß’ Ärger über die Arbeitslosen beginnt, von ihrem erwachsenen Sohn zu erzählen, der bei ihr wohne und ebenfalls arbeitslos sei. Die gesamten Passagen sind durch Rechtfertigungen der Situation des Sohnes, der beispielsweise von seinem letzten Arbeitgeber keinen Lohn gezahlt bekommen habe, gekennzeichnet. Doch bringt Frau Schumann auch zum Ausdruck, den Sohn zum Arbeiten bewegen zu wollen, was sie nicht schaffe. Frau Reiß äußert, sie hätte in einer solchen Situation ihren Sohn aus dem Hause gejagt und wendet sich damit in ihrem Ärger direkt gegen Frau Schumann und ihren Sohn: Frau Reiß: Frau Schumann: Frau Reiß: Also ich hab auch einen Sohn, der ist 39 und der hätte sich das auch nicht gewagt. Das muss ich Ihnen sagen. Der hätte von mir nicht ne Mark gekriegt. L Nischt! Nischt! Und den hätt ich L Kriegt er, kriegt er ja auch nicht. Er(.) er nausgejagt(Z544-548). Indem Frau Schumann sofort eine Rechtfertigungshaltung einnimmt, unterwirft sie sich den Ansichten und Forderungen von Frau Reiß, anstatt die Vorwürfe inhaltlich zu hinterfragen. So bestätigt sie ihre Bemühungen, den Sohn zum Arbeiten bewegen zu wollen und bringt dabei eigenes empfundenes Versagen zum Ausdruck:„Es geht nicht im Guten, es geht nicht im Bösen“(Z493). Frau Lange dagegen bringt Verständnis für Frau Schumann auf und erzählt von einem ähnlichen Beispiel in ihrer Nachbarschaft. Kurz darauf fragt Frau Schumann bei Frau Lange nach, wie deren Nachbarin ihren Sohn zum Arbeiten bringe, um nach der Antwort weiter ihre schwierige 300 Situation mit dem eigenen Sohn sowie ihre eigene familiäre Situation als Kind mit ihren Eltern und Großeltern zu schildern. Erneut in der Rechtfertigungshaltung, grenzt Frau Schumann das Verhalten ihres Sohnes von dem des Sohnes von Frau Langes Nachbarin ab: Der Sohn von Frau Schumann gehe im Gegensatz zum anderen keinen ‚krummen‘ Geschäften nach. Frau Schumann: Frau Lange: Frau Schumann: Nee, so was macht mein Sohn auch nicht, aber L mein Sohn schL Und das ist sonst ein lieber Junge! Nicht dass man den nicht leiden kann, oder was. L Wenn man sagt, komm doch mal L Na, meiner auch!(Z691-694). Wichtig ist ihr auch, dass er„keine Ansprüche“(Z706) stelle, was als ein positiver Wert in mehreren Gruppendiskussionen auftaucht, zum Beispiel in Niedernhausen: Frau Schumann: Frau Lange: Frau Schumann: Also wie gesagt, ich äh koche nicht für meinen Sohn, ich äh mache seine(.) sein Zimmer nicht sauber, mache seine Zimmer nicht sauber.[Glas wird abgestellt] °(Würd ich auch nicht. Nö.)° Ich mache bloß die Wäsche mit. Das mach ich aus Sparsamkeitsgründen, dann schmeißt der’n T-Shirt rein und stellt die Maschine an. Und das ist ja auch nicht Sinn und Zweck der Sache.[hustet] Aber ansonsten.[hustet] Und wie gesagt, er ist(3) wir unterhalten uns, ich kann mir, d-das Vertrauensverhältnis ist hundertprozentig. Wenn ich sage: Torben ich geh jetzt(.) Kontoauszüge holen, da sagt er: Mutter(.) du weißt doch wo meine Geldkarte liegt, du bist doch auch unterschriftsberechtigt, bringst du mir meine Kontoauszüge(.) mal mit. Äh bist du mal so lieb. Äh wie gesagt, das klappt alles, aber ich kriege ihn nicht zur Arbeit. Und und er stellt auch keine Ansprüche an’n T-Shirt oder an oder Turnschuhe oder an Lederschuhe. Sagt er, Mutter ich habe Lederschuhe. Wie-wie Oma und Opa gestorben sind. Äh die-ä-die hab ich geputzt und hab ich weggestellt, also wieder sauber gemacht 301 und eingefettet und weggestellt, ich habe zwei gute Jeans(1) Mehr brauch ich nicht, sagt er(Z748-762). Auf die Schilderungen und Rechtfertigungen durch Frau Schumann zeigt sich jedoch nun auch Frau Lange verständnislos dem Sohn gegenüber, indem sie nun selbst die zuvor so positiv konnotierte Anspruchslosigkeit kritisiert. Frau Reiß schließt sich hiernach wieder an, um„generell“ ihr Unverständnis bzw. ihre Ablehnung des Sohnes zum Ausdruck zu bringen: Frau Lange: Frau Schumann: Frau Lange: Frau Schumann: Frau Reiß: Ist eigentlich schlimm, wa. Wo es alles gibt, jetzt gibt, wo man hinfahren kann L , wo L Ja! es alles zu kaufen gibt, wo man leben kann, wo man(.) eigentlich alles genießen könnte L und dann(.) kein Interesse. Ist eigentlich unverständlich, oder. L Aber(.) aber Torben, der Ja, ich kann’s(.) generell nicht verstehen. Insgesamt wird deutlich, dass es Frau Schumann nicht gelingt, ihren Sohn und das eigene Verhalten diesem gegenüber zu rechtfertigen. So schildert sie weiter, ihr Sohn habe seine Charaktereigenschaften von seiner Großmutter„geerbt“(Z779). Daran liege es beispielsweise, dass er krank werde, wenn er das Heimatdorf verlassen müsse:„ich sag, Torben, du bist Oma noch mal. In allen Sachen“(Z782f.). Während sie von der Vererbung spricht, schildert sie zugleich ein enges familiäres Beziehungsmuster, das auch sie lange sehr intim mit ihrer Großmutter verband: So habe sie„bis zu meinem sechsten Lebensjahr nur mit meiner Oma geschlafen“(Z789f.), eine Fehlleistung, die sie sogleich korrigiert:„Äh bei meiner Oma und Opa geschlafen“(ZZ790f.). Eine solche familiäre Enge und Nähe setzt sie auch den autoritären Anwürfen und Forderungen von Frau Reiß sowie Frau Lange entgegen. Letztere spricht sich daraufhin für eine strenge Erziehung aus, während Frau Schumann eine liebevolle verteidigt. 302 Frau Lange: Frau Schumann: Frau Lange: Also ich hab festgestellt, die Kinder, die sehr streng erzogen sind, nicht übermäßig streng, aber ziemlich streng, aus denen ist mehr geworden als die mit Liebe hochgehätschelt worden sind. Ich bin auch mit Liebe L hochgehätschelt worden. L Wa, also meistens ist es so. Liebe braucht man und so was alles, aber man muss auch Pflichten von Anfang an den Kindern geben. Dann dann ist das doch ein bisschen leichter(Z794-800). Doch gilt die Kritik der liebevollen Erziehung durch Frau Lange nicht nur Frau Schumann und ihrem Sohn, vielmehr bedauert sie, ihren eigenen Kindern nicht mehr Strenge entgegengebracht zu haben.„Unsere Kinder, die waren ja auch von Oma und Opa[…] verhätschelt bis zum Letzten.“ Ein autoritäres Beispiel von ihren Nachbarn führt sie als positives Gegenbeispiel an und setzt dies in Bezug dazu, dass die Nachbarskinder einen höheren beruflichen Status erreicht hätten als ihre eigenen. Unterwirft sich Frau Schumann zwar der Forderung des Arbeitszwangs und sehnt sich nach einem kontrollierenden und disziplinierenden ‚Sozialstaat‘ zurück(vgl. 5.1), so widerspricht sie dennoch den manifest vertretenen Forderungen einer autoritären Erziehung. Sie entwirft ein(ebenso wie die DDR-Vergangenheit) idealisiertes bäuerliches, liebevolles Familienklima im Kontrast zur Forderung nach autoritärer Erziehung: Zum Beispiel in einer Reaktion auf Frau Lange, die eine„strenge“ Erziehung einer liebevollen vorzieht, was sie allerdings mit einem Beispiel unterlegt, das mehr noch durch Autoritarismus denn durch bloße Strenge gekennzeichnet ist: Frau Lange: Ich(.) ich finde auch unsere Nachbarn, wenn ich das so sehe(.) die waren so streng, die Kleine, wenn die mal auf den Rasen trat, so ne Füßchen(.) Gehst du aus dem Rasen! Das kriegen die Karnickel![imitiert unterdrücktes Brüllen] So. Ach, denk ich, die Kleene, wa, ich hätt die da nicht geschimpft. Aber die haben geschimpft. Ja seht ihr, die macht 303 jetzt ihren Doktor. Der Junge ist groß bei der Bank. Die sind ganz streng erzogen worden, beide(Z807-812). Im weiteren Verlauf ergänzt Frau Schumann ihre Position einer liebevollen Erziehung und engen Familienbeziehung durch weitere Schilderungen des Landlebens, das sie mit dem der Großstadt kontrastiert. Diese Bewegung lässt sich in doppelter Hinsicht interpretieren: Auf der einen Seite setzt sie eine idealisierte Landidylle, in der noch für eine alte Ordnung gesorgt werde, in Gegensatz zur Großstadt und den dortigen Dreck. Damit übernimmt sie nicht nur die Position von Frau Reiß, auch wendet sie sich gewissermaßen gegen Letztere, indem sie zeigt, dass es auf dem Lande besser sei. Indem sie weiterhin die Brücke schlägt vom eigenen idealisierten Großwerden auf dem Lande zur erneuten Kritik an der heutigen Erziehung und Kinderbetreuung, setzt sich diese doppelte Bewegung fort: das gleichzeitige Bestärken von Positionen, die(auch) Frau Reiß vertritt und der Versuch der Behauptung ‚ihrer Landidylle‘. Dass sie diese betont, lässt sich selbstverständlich auch im Kontext dessen verstehen, dass sie selbst bzw. ihr Lebensstil und ihre Familie angegriffen wurde, dem sie nun eigenes Positives entgegenzusetzen sucht: Frau Schumann: Frau Reiß: Frau Schumann: Frau Reiß: Frau Schumann: 304 […] ich hab furchtbar gerne diese warme Kuhmilch getrunken.(2) Es ist eben w-wie man groß wird. Ja, das ist auch, man soll auch Rücksicht nehmen und dies und jenes, bloß das ganze Verhältnis stimmt doch nicht mehr überein. Wie gesagt das L (.) wie gesagt auch die Kinderbetreuung. L In mir schmieren die Zeitungen voll, das das liest ja schon gar keiner mehr, weil das fast nur noch Müll ist.(2) Man muss doch konsequent sein und muss sagen, also so und so geht’s nur weiter. Und so ist das ganze Lebenssystem. Mir gefällt die Kinderbetreuung nicht und auch äh wie gesagt d-äh dass die Schüler überhaupt keinen Respekt mehr, überhaupt keinen Respekt vorm Lehrer haben und machen L nur was se wollen und der Lehrer im Grunde genommen Angst vor den Frau Rösner?: Frau Schumann: L °Das stimmt.° Schülern hat.(2)(Z864-883). Frau Schumann idealisiert das frühere Großwerden auf dem Land, um daraufhin die Kinderbetreuung heute zu kritisieren, wobei erneut der mangelnde„Respekt“ der Kinder, zum Beispiel Lehrern gegenüber, aufgegriffen wird. Doch Frau Reiß geht inhaltlich nicht auf Frau Schumanns Erzählung ein, sondern reagiert scheinbar unvermittelt und unkonkret mit ihrem Ärger über ‚das Heutige‘: Versucht Frau Schumann, offenbar mit Frau Reiß im Einklang, die heutigen Zustände, die Respektlosigkeit und schlechte Erziehung der Jugend, zu beklagen, so lässt Frau Reiß dies nicht zu. Stattdessen wendet Frau Reiß daraufhin die Kritik durch Frau Schumann direkt gegen diese zurück, indem sie ihren Sohn als einen der schlecht Erzogenen, Desinteressierten erscheinen lässt. Zwischenresümee Zusammenfassend scheint einerseits ein unhinterfragter Konsens in Bezug auf den ‚Arbeitszwang‘ zu bestehen, den Frau Schumann mit Frau Reiß teilt, denn sie beginnt gleichsam automatisch eine Rechtfertigung des arbeitslosen Sohnes. Andererseits verteidigt sie durchaus alternative Erziehungs- und Beziehungsstile, indem sie eine(idealisierte) ländliche, liebevolle und intime Familienidylle der von Frau Reiß und Frau Lange geforderten autoritären Erziehung entgegensetzt. Anhand der Diskussion in Dresden-Johannstadt haben wir das Konzept des Autoritarismus aufgegriffen, um die dort formulierten konkreten politischen Forderungen und Erziehungsvorstellungen zu interpretieren. Auch haben wir die Interaktion zwischen zwei der Diskutierenden als autoritär gekennzeichnet. Zudem wurden sozialdarwinistische Einstellungen an den Affekten gegenüber Arbeitslosen und Hartz-IV-Empfän305 ger/innen erkennbar. Deutlich wird, dass sich die Teilnehmerinnen trotz eigener Betroffenheit überhaupt nicht mit denjenigen identifizieren können, denen es ähnlich schlecht geht wie ihnen. Die Erlebnisse des Sohnes von Frau Schumann und auch die Situation der Arbeitslosen sind zu keinem Moment empathisch nachzuvollziehen, sondern provozieren in erster Linie Wut und den Wunsch nach einer härteren,„radikalen“ Politik. Auch hier taucht die DDR mit ihrer staatlichen Kontrolle als Kontrast zur aktuellen unkontrollierten Gesellschaft auf, in der die Eltern vermeintlich machen, was sie wollen. 5.2.3„Erleiden“ der Politik Dresden-Neustadt „Jetzt bin ich genau wie sie Hartz Dings. J Das ist irre schwer muss ich sagen J “ In der Gruppendiskussion Dresden-Neustadt durchzieht das Thema Politik, insbesondere die Arbeitsmarktpolitik, die gesamte Gruppendiskussion. Die Gruppendiskussion in Dresden-Neustadt wird hier zum einen wiedergegeben, weil die hier geschilderten Erfahrungen der Arbeitsmarktpolitik in Kontrast stehen zur völligen Unfähigkeit von Frau Reiß in der Gruppendiskussion in Dresden-Johannstadt, diese im Ansatz zu berücksichtigen. Zum anderen ist auch die Reaktion der Teilnehmenden auf die soziale Deklassierung ein Gegensatz zur Reaktion von Frau Reiß auf ihre„geringe Rente“. Während diese bei Frau Reiß zur verfolgenden Aggression derjenigen, die es scheinbar besser haben, führt, können wir in Dresden-Neustadt vor allem Resignation gegenüber der Gesellschaft im Allgemeinen und der Politik im Besonderen wiederfinden. Alle vier Teilnehmenden, die von Anfang 40 bis 60 Jahre alt sind, ha306 ben prekäre Arbeits- bzw. Lebensverhältnisse im familiären Umfeld und am eigenen Leibe erfahren. Hohe biografische Unsicherheit sowie geringe Gestaltungs- wie Teilhabemöglichkeiten kennzeichnen die Lebenswelten aller Teilnehmenden. So handelt es sich bei den Beteiligten Frau Fuch und Frau Kurat um zwei Arbeitslose, die ihren Status als Hartz-IV-Empfängerinnen bereits im Vorfeld der Gruppendiskussion in den Telefonaten zur Terminabsprache deutlich machten und auch in der Gruppendiskussion selbst gleich zu Beginn offenlegen. Während Frau Kurat sich in der anfänglichen Vorstellungsrunde knapp als„arbeitslos“(Z690) vorstellt, spricht Frau Fuch den Status als HartzIV-Empfängerin offen aus:„Jetzt bin ich genau wie sie Hartz Dings. J Das ist irre schwer muss ich sagen J “(Z693f.). Sie hegt den starken Wunsch, eine feste Arbeit zu finden und schämt sich als Hartz-IV-Empfängerin:„Ich würde ja nur noch was, dass ich mal noch ne Aufgabe habe. Ich fühle mich noch nicht so alt, dass ich jetzt hier(.) auf’m Staat. Das ist mir sowieso schon peinlich“(Z903-907). Jedoch hat sie keine Hoffnung mehr auf eine Arbeitsstelle:„Wenn man aber auch 50 is wie ich auch, dann is man ein altes Eisen. Da wird zu mir immer gesagt auf’m Arbeitsamt. Wenn man über 50 is, dann is man schon J zu alt J .(Z921-925). In näheren Beschreibungen von Frau Kurat zu ihrer Berufsbiograpfie wird deutlich, dass die Wende nach 30-jähriger ununterbrochener Tätigkeit in den Chemiewerken Buna die Prekarisierung ihrer Lebenslage mit sich brachte: Frau Kurat: Wir waren der erste Betrieb, der dichte gemacht hat nach der Wende und dann hab ich mich mal noch mit ABM über Wasser gehalten.(.) Naja, dann Hausreinigung alles so, was ankam, aber eben nie fest, immer bloß befristete Arbeitsverträge.(.) Is ja im Prinzip nischt zu kriegen“(Z705-708). Sie erzählt später in der Gruppendiskussion, dass sie unter anderem drei Jahre als„Toilettenfrau“(Z937) in einem Kaufhaus gearbeitet habe, 307 und zwar„pauschal für 4 Euro(2) ohne ne Absicherung, wenn se krank waren“(Z937f.). Aufgrund ihrer prekären Lebenslage und ihrer geringen materiellen Ressourcen ist sie froh, dass ihr jüngerer Lebensgefährte, Herr Semmler(43 Jahre), momentan einer bezahlten Arbeitstätigkeit nachgehen kann. Doch auch dieser habe keine reguläre Arbeitsstelle, sondern befinde sich in der Probezeit als Angestellter einer Zeitarbeitsarbeitsfirma. Für ihn nähme Arbeit jedoch einen zentralen Stellenwert in seinem Leben ein:„Hauptsache Arbeit. Das ist das Wichtigste“(Z1587). Herr Dreyer, der vierte und mit 60 Jahren älteste Teilnehmer der Gruppendiskussion, bezieht eine Erwerbsminderungsrente, die ihm angesichts Erhöhungen der Mehrwertsteuer sowie allgemein gestiegener Lebenshaltungskosten geringe wirtschaftliche Partizipationsmöglichkeiten gibt. Seine prekäre Lebenssituation wird dadurch verstärkt, dass seine Ehefrau gerade entlassen wurde. Leere Versprechungen und Kassen in der Politik Die Enttäuschung über Politik kommt im Anschluss an einen kurzen Austausch über eingetretene positive Veränderungen der Lebensbedingungen(wie Begrünung) nach der Wende bereits nach 5 Minuten Diskussion zum Ausdruck. Herr Semmler weist im Gegensatz zu positiven Veränderungen einen negativen Gegenhorizont auf, nämlich die leeren Versprechungen der Lokalpolitiker seiner Heimatstadt:„Große, große Sprüche und nichts dahinter, ja“(Z732f.). Unabhängig von wechselnden Personen im Bürgermeisteramt wirft er Kommunalpolitikern unzureichende Kompetenzen vor:„bloß immer dumme Sprüche ja, aber erreichen tun se jar nischt“(Z734). Daraufhin differenziert Herr Dreyer, dass die Handlungsunfähigkeit der Politiker mit der schlechten Finanzlage zusammenhänge. Die Teilnehmenden einigen sich dann darauf, dass die Verschuldung der Städte ein großes Problem dargestelle und Handlungsunfähigkeit in der Politik mit verursache. 308 „Was is’n das Ein-Euro-Job?[…] Das is doch Betrug, is das an Leuten!“ Frau Kurat führt in diesem Kontext die hohe Arbeitslosigkeit der Region an:„Wenn man dann noch sieht hier Arbeitslosen. Da kommt och an Steuern nischt rein“(Z777-779). Ihr Lebensgefährte, Herr Semmler, der gerade eben noch auf die Lokalpolitiker schimpfte, kann dann der Arbeitsmarktpolitik des Bürgermeisters etwas Positives abgewinnen. Durch Schaffung von ABM-Stellen und Ein-Euro-Jobs sei es ihm gelungen, die Arbeitslosenquote zu drücken. Die positive Darstellung der Ein-EuroJobs entfacht im Folgenden eine sehr aktive, dichte und emotionale Diskussion zwischen allen Beteiligten, in der sich herauskristallisiert, dass zwei Teilnehmende selbst ehemalige Ein-Euro-Jobber sind. Herr Semmler: Herr Dreyer: Frau Kurat: Herr Semmler: Herr Dreyer: Herr Semmler: Weil äh gerade äh H- gerade Herr Seifert, der hat eben versucht eben hier durch ihr ABM-Maßnahmen, Ein-Euro-Job oder so hat se eben versucht die Leute äh erstmal wieder in, in Arbeitsmarkt ein-, einzu- äh einzugliedern. L Das, das is nicht wirklich L Aber was is das? Die Ein-Euro-Maßnahme is für mich Ausbeutung der L Arbeitskräfte. L der Arbeitskraft. Dann is es gelungen, L weil äh L Das stimmt doch nicht. Die, die hat nicht einen einzigen Arbeitsprozess eingegliedert. Gar nischt. Sei, L sei, seit L Nu, also ich bin unter dem Herr Seifert in Ein-Euro-Job reingekommen (Z786-797). Die von Herrn Semmler positiv hervorgehobene Eingliederung in den Arbeitsmarkt mittels atypischer Beschäftigungsformen und Arbeitsgelegenheiten mit Mehraufwandsentschädigungen für ALG-II-Empfänger, den sogenannten Ein-Euro-Jobs, wird in der Gruppe mit Empörung aufgenommen. Ein-Euro-Jobs werden von Frau Kurat als„Ausbeutung“ (Z790) bezeichnet. Herr Dreyer widerspricht ebenso Herrn Semmler, so 309 sei kein einziger aufgrund dieser„Job“-Möglichkeit tatsächlich in den ersten Arbeitsmarkt integriert worden. Daraufhin offenbart Herr Semmler, dass er selbst Ein-Euro-Jobber war und offenbart damit, dass er die erzielte Eingliederung in den Arbeitsmarkt durch die Politik am eigenen Leib erfahren hat. Herr Dreyer und auch die anderen Beteiligten der Gruppendiskussion wollen den Ein-Euro-Job hingegen nicht als positive Eingliederungsmaßnahme akzeptieren. Dies wird zunächst besonders von Herrn Dreyer zum Ausdruck gebracht, der sich als erstes in dem allgemeinen aufgeregten Durcheinandersprechen Gehör verschafft und EinEuro-Jobs im Folgenden als große Täuschung darstellt: Herr Dreyer: Frau Kurat: Herr Semmler: Herr Dreyer: Herr Semmler: Herr Semmler: Herr Dreyer: Frau Kurat: Was is’n das Ein-Euro-Job?[aufgeregt] L Ja trotz- aber wir bräuchten L ja, aber so haben wa was. L Da haben wa was. L Das is doch Betrug, is das an Leuten! L (.)Das is doch L Ja. Genau so is es. L Naja. Betrug. Qualifizierten Leuten wird de Arbeit weggenommen. Da, da werden von äh vom Arbeitsmarkt welche rangeholt, die langzeitarbeitslos gewesen sind. Die kriegen pro Stunde einen Euro[Herr Semmler: Ja.] und diejenigen, die qualifiziert wären, die Arbeit auszuführen, die hip-, die liegen auf der Straße oder aber sie arbeiten auch für einen Euro. L Was is’n das? L Ja na ja und das is es(Z798-811). Herr Dreyer nimmt Ein-Euro-Jobs als„Betrug“ wahr, was er mehrmals eindringlich wiederholt. Er sieht eine Verdrängung regulärer Arbeitsplätze durch Ein-Euro-Jobs und beklagt das dadurch ausgelöste Lohndumping. Frau Kurat und selbst Herr Semmler, der Ein-Euro-Jobs zunächst als positiv darstellte, stimmen ihm zu. Letzterer präzisiert im Anschluss an die artikulierte Kritik dieser Arbeitsmarktmaßnahme, dass er froh gewesen sei, überhaupt eine Beschäftigung zu bekommen. Frau 310 Fuch gibt sich dann als weitere ehemalige Ein-Euro-Jobberin zu erkennen und schließt sich, wie auch Frau Kurat, Herrn Dreyers Argumentation des Betrugs durch Ein-Euro-Jobs an. Herr Semmler: Frau Fuch: Herr Semmler: Frau Fuch: Herr Dreyer: Frau Fuch: Frau Kurat: Jut a bloß, ich war erstmal froh, dass ich erstmal wieder L von zu Hause weg war und L Das wär aber darf ich mal da hat ick erstmal ne Arbeitsstelle. kurz sagen, das wo der Unterschied. Der das gelernt hat, würde das nicht für einen Euro machen, was ich mir auch schon antun musste. Ich, ich hab auch mal was gelernt und ich hab immer gearbeitet. ISind Sie, sind Sie der Meinung, das is gesund? Nein, ich finde das nicht, aber äh das würde sich bestimmt keiner antun, der jetzt die Möglichkeit hat der richtige Arbeit hat, wird nicht für ein Euro arbeiten gehen. Das sag ich ehrlich. Na das is ja erstmal äh vor allen Dingen is es in dem Sinne is das bei mir Betrug, weil die anderen die gleiche Arbeit machen müssen wie die für einen Euro(.) und die bekommen 120 Euro. Die haben noch nicht mal das Fahrgeld bekommen (.) gar nichts nur die 120 Euro. Aber wie die auf Arbeit kommen da haben die nicht gefragt(Z812-827). Herr Semmler begreift den Ein-Euro-Job nicht nur als einfache Tätigkeit mit Mehraufwandsentschädigung, sondern für ihn handelt es sich vielmehr um eine„Arbeitsstelle“(Z816), die ihm die Möglichkeit gab, im Arbeitsmarkt wieder Fuß zu fassen. An dieser Stelle dokumentieren sich zum einen die hohe Bedeutung dieser Eingliederungsmaßnahme in den Arbeitsmarkt sowie der hohe gesellschaftliche Stellenwert von Arbeit und Beruf generell. Zum anderen zeigt sich bei dem Teilnehmer Herrn Semmler eine starke Ambivalenz: Dem Wunsch nach einer bezahlten Arbeitsstelle steht der geringe Lohn dieser Eingliederungsmaßnahme bzw. der„Betrug an den Leuten“ entgegen, wobei er, wie die Teilnehmenden allgemein, den Ein-Euro-Job als 311 „tatsächlichen“ Job begreift und angesichts des einen Euro Lohns eine große Lohnungerechtigkeit bzw. einen„Betrug“ an den Menschen empfindet. Auch die Äußerungen von Frau Fuch, einer weiteren ehemaligen Ein-Euro-Jobberin, zeugen von der empfundenen Erniedrigung durch die Zwangsmaßnahme„Ein-Euro-Job“, den sie trotz Berufsausbildung erfüllen musste:„Der das gelernt hat, würde das nicht für einen Euro machen, was ich mir auch schon antun musste“(Z817f.). In Übereinstimmung mit Herrn Dreyer stellt Frau Kurat Ein-Euro-Jobs ebenso als„Betrug“(Z824) dar, wobei sie einen weiteren Aspekt aufwirft: Ein-Euro-Jobber tätigten die gleiche Arbeit wie regulär bezahlte Arbeitskräfte. Insgesamt dominiert in der Gruppe von zwei Arbeitslosen, einem Rentner und einem Zeitarbeiter also die negative Wahrnehmung der Ein-EuroJobs. Auch aus eigener Erfahrung heraus können die Teilnehmenden sich einfühlen in Menschen, die dieser Eingliederungsmaßnahme nachgehen müssen. Auch weitere negative Konsequenzen dieser von der Politik vorgenommenen Arbeitsmarktmaßnahme wie die Verdrängung regulärer Arbeitskräfte werden thematisiert. „Wer krank is, kriegt sofort die Kündigung“ Neben der Kritik an Ein-Euro-Jobs werden im Folgenden zwei weitere Beispiele von Herrn Dreyer eingebracht, die als„Betrug“ am Menschen, das heißt als weiteres Beispiel ungerechter Zustände auf dem Arbeitsmarkt, lesbar sind: Zuerst erzählt Herr Dreyer vom niedrigen Arbeitslohn seiner Ehefrau und der sofortigen Kündigung ihrer Arbeitsstelle, als sie krank wurde. Diese Gefahr der Kündigung im Krankheitsfall wird von allen vier Diskutierenden geteilt und kritisiert; auch die Kritik an geringen Arbeitslöhnen und Renten wird im Laufe der Diskussion wiederholt thematisiert. 312 Herr Dreyer: Frau Fuch: Herr Dreyer: Frau Fuch: Herr Dreyer: Frau Fuch: Herr Semmler: Frau Kurat: Herr Semmler: Soll ich mal was sagen. Meine Frau, ich hab das vorhin schon mal kurz angedeutet, meine Frau hat bis jetzt bei einer Sicherheitsfirma gearbeitet. Die hat bei der Sicherheitsfirma halt, muss ich anders sagen, pro, pro Tag zehn Stunden nur nachts, nur nachts. Die hat bekommen brutto drei Euro und acht Cent. Das, das nehme ich Ihnen ab, L weil ich meinem Lebensgefährten is auch da L Drei Eur-, moment, drei, drei Euro und acht Cent pro Stunde L für Nachtschichten. L Sie hat keinen Nachtschichtzuschlag L bekommen L Ja. L Ja, wird schon so sein. L Zuschlag bekommen. Die hat kein Sonn-, äh Sonntag oder Sonnabendszuschlag gekriegt, die hat kein Urlaubsgeld gekriegt, die hat kein Feiertagszuschlag gekriegt, die hat kein Weihnachtsgeld gekriegt, nichts. Und ich hab’s vorhin gesagt, vorherige Woche is sie krank geschrieben worden, zwei Tage später kriegt sie nen Anruf, L entlassen. L Ok, das hätte ich zu Ihnen noch sagen können, L da kannste auch gleich zu Hause bleiben.(2) Mhm. L Naja, nee, ich meine, ich meine jetzt nicht irgend mhm, L jut ich kann jetzt. Ich kriege jetzt äh de Stunde sechs Euro dreißig mhm bloß L Äh doch äh äh wer krank is, kriegt sofort die Kündigung vier Euro die Stunde Auslöse ne. So aber mach ich jetzt krank ne, kann ich, kann ich drauf warten n nächsten Tag liegt der, liegt die Kündigung im Briefkasten ne(Z828-850). Herr Semmler führt aus, dass Kranksein kaum mehr möglich sei:„So aber mach ich jetzt krank ne, kann ich, kann ich drauf warten n nächsten Tag liegt der, liegt die Kündigung im Briefkasten ne“(Z823) und: „das kann man heutzutage nicht mehr machen“(Z867). Damit ist zwar intendiert, die Kündigungen im Krankheitsfall zu kritisieren, doch statt der Worte, man könne heutzutage nicht mehr zu Hause bleiben, wenn 313 man krank ist, spricht Herr Semmler vom ‚Krank- Machen‘. So impliziert die Formulierung ebenso die Logik dieser Maßnahmen selbst: Wenn man „krank macht“, so der erzielte Eindruck, ist man es scheinbar nicht wirklich, sondern meldet sich lediglich krank. Dem Arbeitnehmer wird also die Verantwortung für ein scheinbar gewähltes Kranksein zugeschrieben, das auch Herr Semmler sich offenbar bereits zueigen gemacht hat. Über staatliche Subventionen Anhand eines zweiten persönlichen Beispiels kritisiert Herr Semmler nun weitere arbeitsmarktpolitische Maßnahmen, nämlich den Missbrauch der öffentlichen Subventionen für Arbeitgeber, die Langzeitarbeitslose einstellen. H err Dreyer: Herr Semmler: Herr Dreyer: Herr Semmler: Herr Dreyer: Herr Semmler: Herr Dreyer: Frau Fuch: Frau Kurat: Herr Dreyer: Ne, nen anderes Beispiel. Ne Bekannte von mir, die hat’n Busunternehmen. L Wenn man ein Busunternehmen hat, da brauch man auch Angestellte, die im Büro L Mhm. sitzen und dort die Arbeit erledigen mit. Richtig. Wissen se, wissen se w- wen die einstellt? Die stellt jedes Jahr eene Langzeitarbeitslose ein vom Arbeitsamt, weil die Langzeitarbeitslose L von arbeitsL Nu is er dort. äh vom Arbeitsamt 50 Prozent ihrer Lohnkosten kriegt.[Herr Semmler: Na.] Nach einem Jahr geht se wieder L und dann kommt der nächste. Da hab ich zu ihr gesagt, mensch L Mhm, ja (2) kommt der nächste ja. So is das. L Ja, kommt der nächste. Mädel, schämst Du Dich nich’n bisschen? Da guckte die mich an und sagt, Jürgen, ich mich schämen? Der Staat, der will das doch so. L Der will das so und ich, und ich 314 Herr Semmler: Herr Dreyer: Frau Kurat: Herr Semmler: Frau Kurat: L Naja. soll das ni- äh mitnehmen?[aufgeregt] Ich nehme alles mit, was ich kriegen kann. Na, das is ja das Traurige. Die bauen dadurch die festen Arbeitsplätze ab, weil se auf solche zurück äh greifen, ja. L Und die wirklich arbeiten wollen, die kriegen keenen L Naja, freilich. Festen.(3)[atmet tief] Was soll man da noch sagen(Z872894). Eine Bekannte von Herrn Dreyer, eine Busunternehmerin, stellt systematisch Langzeitarbeitslose ein, um die Arbeitskosten durch staatliche Zuschüsse zu drücken. Für diese Praxis macht Herr Dreyer den Staat verantwortlich(„Der Staat der will das doch so“; Z887) und empfindet sie als unmoralisch. Frau Kurat bestätigt diese„traurige“ Praxis, die bewirke, dass viele Arbeitslose weiterhin Arbeitssuchende blieben. Zwischenresümee In der Diskussion der Gruppe aus Dresden-Neustadt werden im Kontrast zu Dresden-Johannstadt zwei Umgangsweisen mit dem politischen Geschehen deutlich: Während in Dresden-Johannstadt eine aggressivverfolgende Haltung gegenüber Schwächeren und denjenigen, die im Verdacht stehen, dass es ihnen ohne Arbeit besser geht, Raum greift, ist in Dresden-Neustadt das vorherrschende Gefühl Resignation und Hilflosigkeit gegenüber den übermächtigen gesellschaftlichen Instanzen. In Dresden-Johannstadt steht ein deutlich antidemokratischer Impuls im Vordergrund, der in den Forderungen nach„etwas Radikalem“ im Ansatz erkennbar wird als Wunsch nach diktatorischen Regierungsformen. Dieser autoritäre Impuls bestimmt auch die Interaktion in der Gruppe. Dagegen ist in Dresden-Neustadt weniger eine antidemokratische Einstellung im engeren Sinne zu beobachten. Vielmehr wird Unwissen darü315 ber sichtbar, dass eine Teilhabe an der gesellschaftlichen Entscheidungsfindung integraler Bestandteil der Demokratie ist und möglich wäre. In beiden Gruppendiskussionen sind die Teilnehmenden am demokratischen Prozess der gesellschaftlichen Vermittlung von Interessen nicht mehr beteiligt. Die Arbeitsmarktpolitik wird, insbesondere in Form der Ein-EuroMaßnahmen, zum Katalysator des aktiven bzw. passiven Rückzugs von der demokratischen Teilhabe. Der hohe Stellenwert von bezahlter Arbeit wird außerdem entlang der Gruppendiskussion in Dresden-Johannstadt und Dresden-Neustadt ersichtlich. Schon Max Weber beschrieb in seiner berühmten Werk zum „Geist des Kapitalismus“ die Bedeutung der Berufspflicht, wobei er scheinbar etwas erfasste, was mehr noch als durch das Wirtschaftssystem, durch eine im Hintergrund stehende Mentalität bestimmt ist:„In der Tat, jener eigentümliche, uns heute so geläufige und in Wahrheit doch so wenig selbstverständliche Gedanke der Berufspflicht – einer Verpflichtung, die der Einzelne empfinden soll und empfindet gegenüber dem Inhalt seiner ‚beruflichen‘ Tätigkeit, gleichviel, worin sie besteht, gleichviel insbesondere, ob sie dem unbefangenen Empfinden als reine Verwertung seiner Arbeitskraft[…] erscheinen muss – dieser Gedanke ist es, welcher der ‚Sozialethik‘ der kapitalistischen Kultur charakteristisch, ja in gewissem Sinne für sie von konstitutiver Bedeutung ist“(Weber 1904/1905, 42). 5.2.4 Autoritäre Forderungen und erlebte autoritäre Erziehung Die bisher vorgestellten autoritären Interaktionen und Themen sind nicht nur auf Ostdeutschland beschränkt, es scheint sich eher um eine generationelle Einstellung zu handeln, die in Ost- und Westdeutschland gleichermaßen geteilt wird. Auch gibt es hinsichtlich der Genese und der Strukturmerkmale Gemeinsamkeiten. In Niedernhausen finden wir ähnliche autoritäre Forderungen vor und hier lässt sich noch einmal deutlich 316 der Zusammenhang von Erziehung und politischer Einstellung aufzeigen, wie er bereits in Dresden-Johannstadt sichtbar wurde. Auch wird wie in Dresden-Johannstadt die erwünschte, antidemokratische Ordnung in der Vergangenheit ausgemacht, nur dass es nicht die DDR ist. Niedernhausen „Wenn hier nicht mehr Ordnung reinkommt, wird das immer wieder im Dreck versinken“ Nach unserer Einführung in die Diskussion beginnt Frau Röbel von geplanten Einkaufszentren in der Umgebung zu erzählen, worauf Herr Stramer sogleich„Messerschlitzereien“(Z164) und, ähnlich Frau Reiß in Dresden-Johannstadt,„Farbstifte an den Betonwänden“(Z164) assoziiert. Dies kommentiert er mit einem Satz, der auch im weiteren Verlauf als(s)ein Leitmotiv betrachtet werden kann:„Wenn hier nicht mehr Ordnung reinkommt, wird das immer wieder im Dreck versinken“(Z166f.). Ab der zweiten Sequenz steht das Thema Erziehung dann im Mittelpunkt und durchzieht große Teile der gesamten Diskussion. Dabei werden zunächst Ansichten zur Erziehung vielfach in Bezug auf die eigenen Kinder und Enkel und später auch Erziehungserfahrungen aus der eigenen Kindheit geschildert. Das Leitmotiv der Ordnung taucht dabei immer wieder auf und wird vor allem von Herrn Stramer vorgebracht. „Wie sollen die Erwachsenen sollen für sich Ordnung halten und sollen die Kinder zu Ordnung erziehen“ In der zweiten Sequenz greift Herr Stramer das Thema Erziehung auf, indem er auf die„frechen Kinder“ heutzutage zurückkommt. Wie 317 die Teilnehmerinnen in Dresden-Johannstadt schlägt er nun ebenfalls den Bogen zu den Erwachsenen, die schuld seien und ihre Kinder nicht mehr richtig„zu Ordnung erziehen“ würden(Z424): Herr Stramer: Frau Röbel: Herr Stramer: Ich möchte noch mal vom Anfang anfangen, dass die Kinder hier so(.) ein bisschen frech sind.(.) Wer hat denn daran Schuld? Die Erwachsenen sind daran Schuld.[sehr hoch] Gehen se doch mal nen Mittelweg hoch::. Wenn da ne, am Freitag besonders wenn Markttag is, oder wenn morgens Einkaufen sein muss, denn stehen die Frauengruppen, die machen ihr Schwätzchen da. Die brauchen den ganzen Fußweg da. L Muss man mal bitten, ob man L J (.) J überhaupt noch da lang gehen darf und nicht auf dem Radweg langgehen muss. Das gehört sich auch nicht. Wie sollen die Erwachsenen sollen für sich Ordnung halten und sollen die Kinder zu Ordnung erziehen. Wie das passieren soll, bei Familien, wo nu der Mann den ganzen Tag arbeitet und die Frau ja jetzt auch arbeitet(.) soll, nach Möglichkeit, das weiß ich auch nicht. Aber da haben die Eltern daran Schuld. Ich bin aus, sagte ich schon, ich bin auf einem 600-Seelendorf groß geworden, da, in Mecklenburg.(.) Da gab’s so was nich::. Da hätt das ganze Dorf die Kinder erzogen. Denken Sie gar nicht, dass wir da anmalen konnten.(Z415-429). Nachdem Frau Seifert darauf hingewiesen hat, dass das„mit der Erziehung kein Niedernhauser Problem“ sei(Z445), sondern ein allgemeines und zeittypisches, bringt Herr Stramer ein Kontrastbeispiel aus der Zeit seiner Lehre: Selbstverständlich seien die Lehrlinge im Zug aufgestanden, wenn ein Geselle später zustieg, um diesem Platz zu machen. Frau Seifert betont, dass es das schon lange nicht mehr gäbe:„da kam die antiautoritäre Erziehung dazu, Erziehungszeit der 68er dazu“(Z465). Darauf Bezug nehmend schildert nun Herr Stramer, wie er gegen einen Lehrer seines Sohnes, der mit Erziehungsidealen von Adorno angefangen habe, vorgegangen sei: 318 Herr Stramer: Ich habe(.) mit meinen Söhnen besonders zu kämpfen gehabt,[…] dass der von der antiautoritären Erziehung wegkommt. Der war bei Studienräten oder bei Assessoren auf’m Gymnasium gewesen. Die waren hier von Adorno, ich weiß nicht, ob ihnen das ein Begriff ist, Adorno, geprägt worden, die hätten bei Adorno studiert und machten nun natürlich ihre Thesen eben den Gymnasiasten da nun wieder klar. Na da hatte ich mal einen Kampf am Sonntag,(.) um den Jungen wieder gerade zu biegen(Z471-478). Dass er dann„den Jungen wieder gerade[…] biegen“(Z478) habe müssen, ist eine Parallele zur Erzählung aus der eigenen Kindheit, die wir weiter unten betrachten werden. Auch dort wird bedeutsam sein, dass der Vater die oberste Autorität der Eltern gegenüber der Lehrerin durchgesetzt habe(s. u.). Ein weiteres Motiv von Herrn Stramer scheint in dieser Passage bereits auf, das ebenfalls in anderen Passagen noch deutlicher werden wird: die größere Achtung von ‚Zucht und Ordnung‘ im Gegensatz zur Bildung, die weniger geschätzt wird oder gar mit Ressentiment belegt ist. „Aber ab und zu eine Ohrfeige hat nich geschadet“ Der soeben zitierte Beitrag leitet eine Kritik daran ein, dass Lehrer – früher wie heute – ihre persönliche und politische Meinung in den Unterricht einbrächten. Auch habe es früher„viele Ohrfeigen“(Z496) gegeben, wenn der Lehrer„seinen Ärger“ an den Schülern ausließ, daran habe sich bis heute nichts geändert.„Bis auf die Ohrfeigen, das gibt’s nicht mehr“(Z498f.), wie Frau Seifert sogleich ergänzt. Auf den Widerspruch von beiden Frauen, die das Verbot von Schlägen durch die Lehrer begrüßen, verteidigt Herr Stramer diese:„Aber ab und zu eine Ohrfeige hat nich geschadet“(Z510-512). Freche Schüler/innen wären auch bei ihm„nicht wieder heil rausgekommen“(Z521). Heute dagegen bedau319 ere er Polizisten wie Lehrer:„Die können nichts mehr dagegen machen“ (Z522f.). Doch hätten sie auch ihre Vorbildfunktion eingebüßt:„Wenn ich sehe wie hier welche zu-, zur Schule schleichen. Dann sag ich, ist das ein Penner oder ist das ein Lehrer? Das geht auch nicht“(Z524-526). So verknüpft sich im weiteren Verlauf immer stärker die Kritik an der heutigen Bildungspolitik, dem heutigen„Dreck“ und der mangelnden„Ordnung“ mit dem Heraufbeschwören einer Zeit, in der noch„anständige Ordnung“ (Z1268) herrschte. „Diese Kinder sind alle anständig geworden. Sie sind keine geistigen Leuchten gewesen, aber sagen ihren Kindern: Wenn Du klaust, dann komm uns abends nach Hause, dann wirst Du schon deine Prügel kriegen“ Wie in der Diskussion in Dresden-Johannstadt wird auch in Niedernhausen selbstläufig der Ärger über heutige Politik mit dem über die schlechte Erziehung heute und dem Entwerfen einer verlorenen besseren Vergangenheit verbunden. Zunächst kommen die Teilnehmenden in der vierten Sequenz vom Ärger über die„große Politik“, die nichts gelernt habe, auf die Angepasstheit der Hinterbänkler zu sprechen, die nur abstimmten, was die Parteidisziplin verlange. Dies lässt Herrn Stramer weiter auf seine Zeit in der DDR assoziieren und die Frage zu stellen, warum er diese verlassen habe: Herr Stramer: Frau Röbel: Herr Stramer: Als ich hier rüber kam, hat man mich gefragt; warum bist du eigentlich rüber gekommen. Die hast doch drüben eine bomben Stellung. Du hast doch drüben mehr Geld verdient als hier. L Ich sage; ja, aber ich bin hier mit der Partei und mit dem L Mhm. Parteiwillen nicht zurechtgekommen, sag ich. Und außerdem würde ich auch nicht sagen, ich bin nicht hier rüber gekommen, weil ich hier glücklich werden will. Ich 320 Frau Röbel: Herr Stramer: bin der Auffassung, bin rüber gekommen, weil ich hier vor zwei Übeln das bessere gewählt habe. L Es ist nämlich hier, wenn Sie das durchgehen bis aufn Grund, L genau der selbe L Mhm. L Ja, das is Dreck, den wir drüben hatten. Nur drüben is die Partei tiefer eingestiegen(Z814-823). Dieser Vergleich, in der DDR wie in der BRD herrsche derselbe „Dreck“, kontrastiert mit der Idealisierung der DDR-Vergangenheit in der Diskussion in Dresden-Johannstadt. Gemeinsam ist beiden Diskussionen allerdings die Negation des Glücks, die Herr Stramer hier explizit macht: „glücklich[zu] werden“ sei nicht sein Ziel gewesen – dies kann einerseits ein Ergebnis von Lebenserfahrung und Resignation sein; andererseits schwingt möglicherweise auch als Wert mit, dass ‚man es sich nicht gut gehen lasse‘. Dass in Niedernhausen ein solcher ‚Wert‘ mitschwingt, zeigt sich beispielsweise in einer Interaktion der beiden Frauen, die an anderer Stelle in Konkurrenz darüber geraten, wer es als Kind schwerer gehabt habe. Als Frau Röbel erfährt, dass Frau Seifert Einzelkind gewesen sei, bemerkt sie:„Och, und ich mit fünf und mein Mann mit neun. Das ist doch klar, dass das Welten sind“(Z1795f.). Frau Seifert ‚vereidigt‘ sich in der Folge, dass sie es auch nicht leicht gehabt habe:„Würde ich nicht sagen. Mein Mann hat auch mehrere Geschwister aber trotzdem“(Z1597). Frau Röbel: Frau Seifert: Frau Röbel: Frau Seifert: Nee, das sind Welten. Ja? Ach, um Gottes Willen. Ich hab immer die abgelegten Sachen angezogen von meinen L Geschwistern. L Die hab ich auch angezogen. Ich war Nachkriegskind. Wir sind geflohen. Mein Vater hat auf der Flucht in Mecklenburg bei den Bauern gebettelt, um ein bisschen Milch, hat er mir erzählt[…] Also, es war ja nicht so’41, dass du jetzt auf die Welt gekommen und hattest den Wohlstand. Egal, gerade wenn du zwei Jahre auf der 321 Frau Röbel: Frau Seifert: Frau Röbel: Frau Seifert: Frau Röbel: Bm: Frau Seifert: Frau Röbel: Flucht warst von Dresden[…] […] also da kannst Du nicht sagen, dass das da L ne super. Als Einzelkind auch nicht. L Nein, sag ich ja auch nicht. Das ist nur ein anderer Werdegang. Das ist absolut L L Ja. Aber ich meine, deswegen hatten wir kein Honigschlecken auch wenn’s nur ein Kind war. L L Nein. Das ist ja richtig. L Aber ich musste, wir sind nicht verwöhnt, in keinster L Ja und J Weise verwöhnt, sag ich J in keinster Weise. L Deswegen können wir sicher heute so L Aber es ist doch L Aber verwöhnt sozial eingestellt(Z1800-1832). „Verwöhnt“ zu sein ist offenbar für alle drei Teilnehmenden verpönt. Doch nun zurück zum weiteren Verlauf der Passagen zum Thema(autoritärer) Erziehung und dem Vergleich der Diskussionen in Niedernhausen und Dresden. Weiterhin gemeinsam ist den beiden je eine Idealisierung der eigenen Kindheit und Schulzeit, die bei Herrn Stramer größtenteils in die Zeit des Nationalsozialismus fällt.(Im Zweiten Weltkrieg hat Herr Stramer dann als junger Mann eine hohe Position in der Wehrmacht erreicht, vgl. Kapitel 5.3.1). Im Folgenden kommt er relativ unvermittelt auf seine Schulzeit damals auf dem Land zu sprechen. Sie seien„45 in der Klasse gewesen“ und„die Kinder hatten überhaupt keine Hilfe“, da die Eltern in der Landwirtschaft beschäftigt waren. So hätten seine Klassenkameraden auch nicht viel gelernt, doch: Herr Stramer: Aber es sind alles anständige Menschen geworden. L Es ist keiner von denen straffällig geworden. Das ist das 322 Frau Seifert: Herr Stramer: Schlimme. Ich L J (.) J komm hier noch jetzt rüber, und bin ich nun schon der Älteste da, es leben von meinem Jahrgang nur noch drei Jungs da, oder zwei Jungs, ich bin der Dritte. Unterhalten wir uns immer darüber, was ist denn aus dem geworden.(Ach Mensch) [sehr tiefe Stimme] Keiner höre ich, der ist straffällig geworden. Hier. Da werden die Kinder aus den besten Familien sofort erstmal straffällig. Das würd ich mal sagen, da hab ich schon(Z843-850). Die persönlich erfolgreiche Teilnahme an einem Angriffs- und Vernichtungskrieg(vgl. Kapitel 5.3.1) ist offensichtlich nichts, was als kriminell begriffen werden muss. Nach einer Unterbrechung durch die beiden Frauen, die die Gründe für die Straffälligkeit heutiger Jugendlicher im zurückliegenden„Wirtschaftswunder“(Z853) sehen, fährt Herr Stramer fort, von seiner damaligen Schulzeit auf dem Land zu berichten. Er führt nun weiter aus, dass die Jugendlichen damals zwar keine großen Denker geworden wären, doch: Herr Stramer: Diese Kinder sind alle ehrlich anständige geworden. Sie sind keine geistigen Leuchten gewesen, aber sagen ihren Kindern; wenn du klaust, dann komm uns abends nach Hause, dann wirst du schon deine Prügel kriegen. Selbstläufig wird also der Zusammenhang aufgemacht zwischen autoritärer und gewaltvoller Erziehung und der„anständige[n] Ordnung“ (Z1268), die diesen Kindern beigebracht worden sei. „Bei mir war die Mutter[…]. Die hat mir Ordnung beigebracht.(.) Aber ganz anständige Ordnung“ Frau Seifert kommt in der Folge auf ihre eigene Kindheit zu sprechen. Sie sei ebenfalls in Ostdeutschland, in Dresden, geboren worden, doch 323 sei ihre Familie, als sie ein Jahr alt war, im Jahre 1941 nach Nordwestdeutschland aufs Land gezogen, weil der Vater„nicht so richtig zurechtkam mit dem Regime“(Z1036). Es geht also wieder um die Zeit des Nationalsozialismus, allerdings ohne dass diese als solche thematisiert würde. Auf eine Nachfrage durch den Moderator, der kurz darauf das Thema Erziehung aufgreift und nach der eigenen erfahrenen Erziehung im Elternhaus fragt(Z1177, Z1179f.), erinnert sich daraufhin auch Herr Stramer an seine Kindheit und Jugendzeit, die großenteils in die Zeit des Nationalsozialismus fällt(s. u. Kapitel 5.3). Mit den einleitenden Worten:„bei mir hat meine Mutter den Daumen drauf gehalten“(Z1187), schildert er daraufhin einzelne Erziehungsepisoden, die einem typisch kleinbürgerlichen Modell der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entsprechen und die wir im Folgenden näher beleuchten wollen. Während der Vater seinem Beruf als„Handwerksmeister“ nachgegangen sei, sei seine Mutter zu Hause„maßgebend“(Z1190) gewesen: Herr Stramer: Und wenn ich nach Hause kam, dann gab’s Mittagsbrot. Da stand das Essen auf’m Tisch. Mein Vater kam auch zu der Zeit. Dann haben wir gegessen, dann wurde abgeräumt und dann musste ich sofort Schularbeiten machen“(Z11901192). Herr Stramer schildert nun vier dichte Szenen aus seiner Kindheit und Schulzeit, die er ohne Pause hintereinander hervorbringt. Die erste betrifft seine„erste Schularbeit, die er in seinem„Leben nicht wieder vergessen“ werde: Herr Stramer: Wir hatten ja damals noch(.) die Schiefertafeln.(.) Da wurde eben mit nem Schieferstift und mit nem Schwamm und nen Lappen hatten wa an der Tafel hängen, so am Bändchen gebunden. Und dann waren auf der anderen Seite fünf Linien drauf. Das waren diese Sütterlinlinien und auf der anderen Seite war’s kariert. Das war die Rechenseite. Und da mussten wir einen Tag die Tafel vorne und hinten, das war Ostern, 324 Ostern sind wir zur Schule gegangen, mit Ostereiern voll malen, die bunt ausmalen und auch noch zählen, wie viel drauf waren. Da habe ich den ganz, es war nun schlechtes Wetter,(.) im Sessel und hab Ostereier gemalt. Meiner Mutter waren die Ostereier, das waren ja fürchterliche Dinge, die ich gemalt habe, das sehe ich schon ein, ich habe so lange üben müssen bis das alles zackig war, und denn durfte ich aber spielen gehen. Na da war spielen vorbei,[…] Da hab ich gesagt, wenn das die ganze Schulzeit so geht, ich hatte mich ja auf die Schule gefreut, na denn gute Nacht Marie (Z1194-1204). Die Wendung, dass Herr Stramer als Junge offenbar mit Freude Ostereier gemalt habe, die jedoch„fürchterlich[…]“ gewesen seien und „zackig“ werden sollten, lässt sich neben dem wörtlichen Sinne auch als Metapher dafür lesen, dass etwas Fantasievolles, Buntes und Rundes zu etwas Zackigem, Eckigen werden sollte, was – um in diesem Bild zu bleiben – auf seine Zurichtung und letztlich die Zerstörung des kindlichen Fantasieraums hinausläuft. Das erste Beispiel endet noch mit der Perspektive des damaligen Jungen, dem der Spaß am Malen durch die Disziplinierung der Mutter verdorben wurde:„na denn gute Nacht Marie“. In den weiteren Szenen wird nun aber zunehmend die Perspektive der Eltern übernommen, die in der ersten lediglich angelegt gewesen war:„das waren ja fürchterliche Dinge, die ich gemalt habe, das sehe ich schon ein“. Die Mutter habe dafür gesorgt, dass er auch zu Hause gedrillt wurde, beispielsweise wenn sie die„Zweierreihe[…] und die Dreierreihe“ abfragte: Herr Stramer: Das musste rückwärts und vorwärts bei mir hoch und runter gehen, sonst war se nicht zufrieden. Musste ich wieder reinkommen, komm, wenn ich mich aus dem Hoftor rausschleichen wollte, wollte um die Ecke, da war ein Sportplatz,(da wollte ich spielen) alle anderen Kinder nicht mehr gefunden und sie erwischte mich da. Komm doch mal her, musste ich( 325 ) da hat sie erstmal noch ein paar Fragen gestellt, dann klappte das. Mit’m, mit’m Gedichtlernen auch(Z1208-1214). Dies habe ihm jedoch in der Schule„viele Feinde“(Z1214) eingebracht, Herr Stramer:[…] vor allen Dingen die Lehrerin, die(.) die hat mindestens zwei Jahre ne Lehre,(.) die war mir böse deshalb, weil ich das immer alles konnte und die anderen Schüler tobten dann da rum. Ja, du hast ja das wieder mit deiner Mutter gelernt. Und das war auch so, da hat sich mein Vater für eingesetzt (Z1215-1218). Hier wird nun paradoxerweise die Lehrerin eingeführt als diejenige, die sich über den guten Schüler ärgert, weil dieser von seinen Eltern unterstützt wird. Im Sprechen von Herrn Stramer verschiebt sich gleichsam der Ärger über die Mutter, die ihm den Spaß am Malen raubte, auf die Lehrerin, die auch im Zentrum der folgenden Szenen steht. Die Aggression der Lehrerin geht im Folgenden so weit, dass sie dem damaligen Schüler Stramer gar„was Schönes“(Z1225), ein Geschenk der Großeltern, kaputt gemacht habe: Herr Stramer: Ich kriegte von meinen Großeltern, die wohnten in Schwerin, kriegte ich so ein Glasfederhalter geschenkt. Der war vollkommen aus Glas und unten war die Spitze so gedreht, da blieb die Tinte dran hängen beim schreiben. Wie mussten nachher mit Sütterlinfedern schreiben. Vorgeschrieben alles mit Heften und mein Großvater schenkte mir so’n Ding. Sagte er, Junge, gucke mal, hier is was Schönes, darfste aber nicht runterfallen lassen. Da habe ich damit geschrieben. Ich komme damit an in der Schule,(2) packe den aus, und dann hatten wir ja noch diese Bänke mit den kleinen Klapptintenfässern, mit so Schiebetintenfässern, tauche rein und will schreiben und dann sieht die das, da kommt sie angeschossen, reißt mir das Ding aus der Hand, kleckert erstmal das ganze Heft voll, weil die Tinte da aus den Rillen raus lief und sagte, sie hätte angeordnet, hier wird mit() f e d e r 326 geschrieben und ich soll das Ding gefälligst zu Hause lassen (Z1221-1232). Zu Hause sei er dann zu unrecht von der Mutter geschimpft worden, da sie den Sohn verantwortlich dafür hielt. Doch habe der Vater sich für ihn eingesetzt. Im Verhältnis zur Lehrerin lässt sich aber auch eine Spezifik der autoritären Erziehung, die starke Position des Vaters darstellen. „[D]a hat er für Ordnung gesorgt. Da hat er sich auch nichts aus’m Lehrer gemacht und den mal zusammenzustauchen.(.) Und das is, fehlt eben heute auch“ Herr Stramer:„[…] und denn sagt mein Vater, ja sagt er, was hat die gesagt? Du sollst das Ding zu Hause lassen? Nein.[…] Sagt er, den steckste genau da wieder hin[…]. Ich hab den wieder hin gesteckt, nicht. Aus Angst vor meinem Vater. Der hat uns zwar nie was getan, aber was er sagte, das war Gesetz für mich“(Z1234-1239). Bei der weiteren Betrachtung der Auseinandersetzung mit dem erlebten elterlichen Erziehungsverhalten in der Diskussion in Niedernhausen wenden wir uns nun der Rolle des Vaters zu, die in der Vorgängeruntersuchung„Vom Rand zur Mitte“ besonders starken Einfluss auf die Herausbildung rechtsextremer Einstellungen aufwies(Decker, Brähler, Geißler, 100). Für Herrn Stramer ist das Wort des Vaters Gesetz, er ist die oberste Autorität, die – wie wir sehen werden – sich auch im folgenden Konkurrenzkampf um die Erziehungsgewalt gegen die Lehrerin durchsetzt und so zum Ideal von Herrn Stramer wird, der sich mit dem siegreichen Vater identifiziert. Zunächst jedoch zerstört die Lehrerin den wertvollen Füller: „Und denn zur Schule andern Morgen, da kommt se, guckt, nimmt das Ding und bricht’s durch, schmeißt’s wieder rein“(Z1239f.). Doch der „Vater is hin zur Lehrerin, hat er die zur Brust genommen.(.) Aber die hat sich nie wieder je-“(Z1242-1244). 327 Der Vater hat nicht nur die oberste Autorität, die er gegenüber der Lehrerin durchsetzt, er sorgt nicht nur für Ordnung, er sorgt vielmehr für Recht. Er gewinnt den Autoritätskonflikt mit der Lehrerin, einer gleichsam ‚bösen Mutterfigur‘, womit er zum Retter für den Sohn wird. Damit korrespondiert diese Erziehungsepisode mit dem klassischen Modell der (klein)bürgerlichen Familie, deren Vater als Repräsentant der Außenwelt galt und der dem Sohn dazu verhilft, sich in der Identifizierung mit ihm von der(frühkindlichen Ohnmacht vor der) Mutter zu befreien. Die Identifizierung mit dem(hier idealisierten autoritären) Vater geht also nicht nur mit Unterwerfung einher. Vielmehr zeigt das Beispiel eine lustvolle Wendung, stellt diese für den Jungen gewissermaßen in Aussicht: So zu werden wie der machtvolle Vater bedeutet im klassisch autoritären Modell auch die Verheißung, später ebenfalls Macht gegen andere wenden zu können, die dann„Angst“(Z1238) haben. Auch erscheint die Macht des Vaters als Schutz der Familienmitglieder vor gesellschaftlichen Institutionen wie der Schule. Auch in der vierten Erziehungsszene macht die Lehrerin dem ungen Stramer noch einmal aus Wut, dass der Vater ihm geholfen hat, etwas kaputt. Die Schüler sollten eine Küchenuhr basteln. Herr Stramer: Und ich hatte da mit’m Teller gemalt und dann noch mal mit’m Teller gemalt und dann die Zahlen rein schreiben, da stand die eins hier und die vier stand da unten, hier hab ich den Rest Zahlen hingeschrieben. Das klappte nicht(Z12451248). Auf den Vorschlag der Mutter habe dann der Vater noch nachts dem Sohn eine Uhr gebastelt:„Schön, aber original wie die Küchenuhr“. So sei er dann in die Schule gekommen: Herr Stramer: Ich völlig stolz mit meiner Uhr rein. Naja, das ich die nicht gemacht habe, das war ja wohl klar. Da hat se mich fertig gemacht und hat die Uhr kaputt gerissen(Z1255-1257). 328 Doch auch nach dieser Episode verteidigt der Vater seine Erziehungsmacht: Er ist derjenige, der sich die Lehrerin ‚vornimmt‘ und ihr zeigt, wer das Sagen hat, die oberste Autorität besitzt oder metaphorisch ausgedrückt ‚wo der Hammer hängt‘: Herr Stramer: Er hat ihr noch mal die Meinung gegeigt, is dann zu unserem Hauptlehrer gegangen und hat gesagt, das lässt er sich nicht mehr bieten.(.)[D]a hat er für Ordnung gesorgt. Da hat er sich auch nichts aus’m Lehrer gemacht und den mal zusammenzustauchen.(.) Und das is, fehlt eben heute auch.(.) Bei mir war die Mutter die, die hat dafür gesorgt, dass ich(.) ja meine Schularbeiten machte, das Heft schön sauber war. Eselsohren im Heft, na das war ein Theater. Vor Ferienbeginn wurden die Bücher schön eingeschlagen, mit so Einschlagpapier, Etikett vorne drauf, der Name im Lesebuch, mein Name drauf geschrieben, das musste ich alles machen. Die hat mir Ordnung beigebracht.(.) Aber ganz anständige Ordnung“(Z1261-1268). Insgesamt lassen sich die dichten Szenen aus der erinnerten Kindheit von Herrn Stramer als ein nahezu idealtypisches Modell einer klassisch autoritären Erziehung lesen. Allerdings wird von Herrn Stramer selbst in dieser Erzählung die noch zunächst empfundene Zurichtung und Gewalt zunehmend nicht mehr mit den Eltern, vor allem nicht mit dem Vater verbunden. Dieser erscheint vielmehr in seiner Funktion als bereits verinnerlichtes Ich-Ideal, gegenüber einer ‚bösen‘ Lehrerin/einer negativen Mutterfigur. Zwischenresümee Die Auswahl einer Sequenz aus Niedernhausen erfolgte, da hier einer der älteren Teilnehmer(geb. 1925 und bei der Fragebogenerhebung 80 Jahre alt) sehr anschaulich und verdichtet seine Erziehungserfahrungen in 329 einer Szene schildert. Wie in der Gruppendiskussion in Dresden-Neustadt verbindet sich die antidemokratische Einstellung der Unterwerfung unter eine Autorität mit Manifestationen des Neids und des wütenden Ressentiments. Die aus der Erziehung resultierenden autoritären Strukturen lassen sich nicht nur im Hinblick auf die Genese von antidemokratischen, diktatorischen Gesellschaftsformen befürwortenden Einstellungen in Verbindung bringen. Dieses Verständnis lässt sich nun auch zurückbeziehen auf die in Kapitel 5.1 beschriebenen Ressentiments, die in zahlreichen Gruppendiskussion gegen verschiedene Gruppen von„Fremden“ und (vermeintlich)„Abweichenden“ ausgedrückt werden(so auch Frau Reiß, die gegen„die Arbeitslosen“ wie auch„die Ausländer“ wettert, s. o.). Der analysierte Zusammenhang von autoritärer Erziehung und antidemokratischer Einstellung wurde in der klassischen Form vor allem bei älteren Teilnehmenden dieser Untersuchung gefunden. Hier findet sich ein Befund aus der Repräsentativerhebung wieder, wo wir beschreiben konnten, dass je älter die Teilnehmenden sind, umso stärker im Mittel den autoritären Aussagen zugestimmt wurde, wir also einen sehr engen Zusammenhang zwischen Alter und rechtsextremer Einstellung feststellen konnten(Decker, Brähler& Geißler 2006). Wir konnten in den beschriebenen Gruppendiskussionen die Forderung von und Sehnsucht nach Ordnung beobachten. In Niedernhausen vor allem das häufige Wiederholen des Begriffs„Ordnung“(Z166, Z347, Z423, Z424, Z1261, Z1267, Z1268), zu der wieder erzogen werden müsse, die wiederhergestellt werden solle. Die gewünschte Ordnung ist entgegengesetzt dem„Dreck“, den„wir“ heute haben, in dem wir wieder drohen zu„versinken“(Herr Stramer, Z166f). Dieser Wunsch nach Ordnung korrespondiert mit der Forderung nach etwas„Radikale[m]“ von Frau Reiß in Dresden-Johannstadt. In den Ausführungen dieser„Ordnung“ ist deutlich geworden, dass sie einhergeht mit der Forderung nach einer Gesellschaft, die wesentlich geprägt wäre durch eine antidemokra330 tische Unterwerfung unter eine Autorität, die diese Ordnung herstellt. Bei Frau Reiß wird diese Zeit verdichtet in der DDR gesehen und bei Herrn Stramer in der Zeit seiner Kindheit und Jugend, die zeitlich im Nationalsozialismus lag. Uns scheint nicht zufällig, dass diese Erziehungsepisoden in die Zeit des Nationalsozialismus fallen, dass dies die Zeit ist, die Herr Stramer im Rückblick idealisiert. Im Kontrast dazu bewertet er sowohl die darauffolgende Zeit in der Sowjetisch Besetzten Zone, dann der DDR, wie auch die Zeit in der Bundesrepublik als„de[n]selbe[n][…] Dreck“ (Z821-823). Zur Idealisierung der autoritären Muster, die – ähnlich wie in Dresden-Johannstadt – zurückgesehnt werden, korrespondieren auch die Kriegserlebnisse, die Herr Stramer bereits im Vorfeld der Gruppendiskussion dem Moderator schilderte, der telefonisch mit ihm Kontakt aufnahm (vgl. Kapitel 4 und 5.3.1). Dabei erzählte Herr Stramer positiv und stolz von seiner militärischen Laufbahn. Festzuhalten bleibt, dass die antidemokratische Einstellung mit der Forderung nach diktatorischen Regierungsformen an zweierlei autoritäre Ordnungen rückgebunden wird. In der Gruppendiskussion von Dresden-Johannstadt findet sich diese Ordnung in der DDR, in der Gruppendiskussion in Niedernhausen in Nazideutschland. Dabei ist der Altersunterschied von Frau Reiß und Herrn Stramer zu beachten. Scheinbar bestand eine Autoritätsgebundenheit in der DDR fort, so dass Frau Reiß nur bis 1989 zurückgehen muss, um die gewünschte Ordnung wiederzufinden. Wir greifen diese Verknüpfung auf, um die ungebrochene Relevanz des Konzepts des„Autoritarismus“ zu zeigen. Allerdings ist zu präzisieren, dass die bisher ausführlich interpretierten Sequenzen Teilnehmende aus der älteren Generation der Untersuchungsgruppe betreffen. Durch diese Altersgebundenheit der antidemokratischen Einstellung stellt sich die Frage, wie sich gesellschaftliche Veränderungen in der Genese der antidemokratischen Einstellungen niederschlagen. Was ist mit dem Einfluss der sogenannten„68er“ und der„antiautoritären Erzie331 hung“(Z467), auf die(nicht nur) Frau Seifert in den Diskussionen Bezug nimmt? Darauf wird im folgenden Kapitel einzugehen sein. Wie wir sehen werden, ist eine Kontinuität der Entstehungsbedingungen jedoch in gewaltvollen Erziehungserfahrungen zu sehen. In einigen Gruppendiskussionen wird von erheblicher körperlicher Gewalterfahrung berichtet, die von Eltern und Lehrern ausging. Davon berichteten die Teilnehmenden der älteren Generationen in Eutin und Niedernhausen. In den mittleren Generationen wurde von erheblichen Züchtigungen berichtet, so in Berlin-Bohnsdorf oder Dortmund, wo diese im Rückblick noch legitimiert wurde(s. u., vgl. auch Kapitel 5.3). Auch in der rechtsextremen Berliner Jugendgruppe war elterliche körperliche Gewalt selbstverständlich. 5.2.5 Autoritäre, antiautoritäre Erziehung und Politik im Gespräch zwischen den Generationen Ein erstes intergenerationelles Sprechen über Erziehung fanden wir in der Gruppendiskussion von Eutin. Während die Interaktionsangebote von Seiten einer Teilnehmerin autoritär geprägt sind, stellt sich bei einer der jüngeren Teilnehmerinnen eine Distanzierung dazu ein. Es folgt ein Aushandlungsprozess über Ansichten, der nicht autoritär strukturiert ist. Wie in Niedernhausen durchzieht das Thema Erziehung immer wieder die Gruppendiskussion in Eutin. Eutin Nachdem das Thema Erziehung selbstläufig von den Teilnehmerinnen (kontrovers) diskutiert wurde, vor allem in Bezug auf die eigenen Kinder und Enkel, fragt der männliche Interviewer nach, wie denn die eigene 332 Erziehung im Elternhaus erinnert werde. Nach einer kurzen Assoziation von Frau Berg zu ihrer Kindheit und der Aktivität im Sportverein, kommt Frau Rief darauf zu sprechen, wie ihr Vater sie im Alter von„fünf Jahren ins Wasser geschmissen“(Z1351) habe: Frau Rief: Um die Erzieh- das die Eltern mein Vater hat mich mit fünf Jahren ins Wasser[...] geschmissen, so jetzt schwimm. Nun bin ich geschwommen, obwohl mein Vater war Direktor bei[einer großen deutschen Firma, d. A.], der ist extra in Schwimmverein und dann da die Daten geführt(Z1349-1352). Frau Rief schildert insgesamt eine Erziehungspraxis, die wir als autoritär bezeichnen, da sie sich durch Befehle auszeichnet, die den Kindern ohne Erklärungen erteilt werden und die diese unhinterfragt auszuführen haben. Nachdem Frau Rief in der Folge weiter von ihren sportlichen Aktivitäten in der Kindheit erzählt, die einem Wochenplan folgten,„Montag zum Turnen, Dienstag zum Schwimmen, Mittwoch zum Turnen[...]“, hakt Frau Kaufmann noch einmal nach, was das denn„mit der Erziehung zu tun“ habe. Frau Rief wiederholt darauf noch einmal, dass der Vater sie ins Wasser geschmissen habe und wird nun von Frau Kaufmann dahingehend verstanden:„Der hat dafür gesorgt, dass du Sport machst“(Z1368), worauf Frau Frau Rief wenig später resümiert:„Es musste Sport getrieben werden“(Z1375). Auch gegen weitere kritische Nachfragen durch Frau Kaufmann, ob sie denn bestraft worden wäre, hätte sie es nicht getan, betont Frau Rief, wie sehr ihr selbst dieser Zwang gefallen habe: „Nee das kam ich ja gar nicht dazu. Ich hab’s ja viel zu gerne gemacht“ (Z1393). Frau Berg dagegen greift sogleich die Erzählung von Frau Rief affirmativ auf und bestätigt: 333 Frau Berg: Ja ja ich hab das eben auch als Kind schon gemacht und hab meine Kinder da auch reingeschubst 14 (Z1380f.). Auch die jüngere Frau Brost greift die autoritäre Erziehungspraxis auf, indem sie von eigenen Ohrfeigen berichtet, die sie von ihrem Vater erhalten habe(Z1384). Im weiteren Verlauf schildert sie ausführlicher ihre Erziehungserfahrungen: Frau Brost: Frau Berg: Aber noch mal noch mal ganz kurz[Frau Rief: Ja] vielleicht so für für mich so’n Resümee, was ich so aus meiner Kindheit. Wir waren fünf Kinder zuhause, wie gesagt wir sind in der DDR aufgewachsen. Äh wir wurden auf alle Fälle sehr viel strenger erzogen, abgesehn vom System, das hat glaub ich mit dem System nicht viel zu tun gehabt[...]. Meine MuEltern waren Kriegskinder, wir sind sehr viel äh äh strenger erzogen worde, konsequenter erzogen worden, weil sie’s gar nicht anders konnten. Nee keine große Diskussion darum, das wird gemacht, ne (Z1423-1430). Erhält Frau Brost hier bereits Zustimmung von der älteren Frau Berg, so bestätigt sie Frau Rief im weiteren Verlauf nicht nur, sondern nimmt darüber hinaus eine positive Bewertung der strengen Erziehung vorweg, legt sie Frau Brost gewissermaßen in den Mund, die dies bereitwillig annimmt: Frau Brost:[...] ich erzähl das oft, ich musst mit zwölf Jahren, wenn meine Mutter in der Waschküche stand, Essen kochen, auch 14 Diese Praxis war möglicherweise weit verbreitet, schildert doch Herr Pietz aus BerlinMitte eine ähnliche Szene:„Oder man, zum Beispiel, beim ersten Mal mit meinem Vater im Schwimmbad: Spring mal da runter. Ich spring natürlich auch runter, ne J(.)J[macht Ertrink-Geräusche] Ja. Da musste er mich wieder rausholen. Ich konnte ja nicht schwimmen, ja.(.) Aber so ungefähr hab ich nachher auch mal Schwimmen gelernt, ja.(.) Mein Vater hat gesagt, spring rein, ne. Und ich hab=s natürlich gemacht, ne(Z1538-1542). 334 Frau Rief: Frau Brost: Frau Berg: Frau Rief: Frau Brost: Frau Rief: Frau Brost: Frau Rief: Frau Rief: Frau Brost: Frau Rief: komplett für sieben Personen, Essen kochen und abends dann noch und zur Mangel gehen und die Bettwäsche legen und alles. Und äh da gabs keine Diskussion, ne. Hats Ihnen geschadet? Mich hat L mir hat das nicht geschadet, sag ich oft. L Nee,(.) nee nee. Siehste. Und mir hat’s nicht. Und das sage ich L heute. L Und es hat Ihnen gut getan Und äh was ich gelernt hab, das ist Respekt L (.) vor Erwachsenen L überhaupt vor L Das ist es. L Vor-, richtig. anderen Menschen. Das ist[klopft auf den Tisch] meine Rede(Z1435-1449). In dieser Sequenz, in der es thematisch um autoritäre Erziehungspraktiken geht,(re)inszeniert sich auch in der Interaktion eine Situation, in der die jüngere Frau Brost der älteren, tonangebenden Frau Rief gegenüber wie eine gehorsame Tochter oder Enkelin erscheint, die den„Erwachsenen“(Z1444) Respekt erweist: Frau Rief regt zunächst mit der rhetorischen Frage, ob es Frau Brost geschadet habe, ohne„Diskussion“ Versorgungsaufgaben für die vielköpfige Familie zu übernehmen, zur weiteren Bestätigung der erlebten Erziehungspraxis an. Die Generationendifferenz wird betont, indem Frau Rief im Ausdruck„siehste“ die Anrede in der Sie-Form verlässt, obwohl sie kurz darauf die Bedeutsamkeit des respektvollen Siezens betonen wird(Z1492-1489). Dies unterstreicht die intergenerationelle Bedeutung des Dialogs zwischen der jüngeren Frau Brost, die vom Alter her(44 Jahre gegenüber 90 Jahren) bereits eine Enkelin von Frau Rief sein könnte. Frau Brost verstärkt diese Position als Jüngere, die sich von der Älteren als brave Tochter/Enkelin bestätigen und loben lässt, indem sie daraufhin betont, dass sie„Respekt(.) vor Erwachsenen“ gelernt habe, als habe sie sich in diesem Moment in ihre Po335 sition als Kind den Erwachsenen gegenüber zurückversetzt. Indem Frau Rief mehrfach bestätigend unterbricht(„[u]nd es hat Ihnen gut getan“, „[d]as ist es“,„[v]or-, richtig“), schließlich bekräftigend auf den Tisch klopft und mit den Worten,„[d]as ist meine Rede“, lobt sie nicht nur die Jüngere. Gleichzeitig bringt sie zum Ausdruck, dass diese gleichsam der Ansicht der Älteren folge. Als weitere Ebene, die auch der Validierung der Interpretation dient (vgl. Kapitel 3), lässt sich ebenfalls die Analyse der Fantasien und Affekte der Moderator/innen in der Gruppendiskussion mit heranziehen, die wir jeweils nach den Erhebungen in einem Gedächtnisprotokoll festgehalten haben. So lässt sich vor allem die Beziehung zwischen der jungen weiblichen Moderatorin und Frau Rief als Gegenstück zur Interaktion zwischen Letzterer und Frau Brost verstehen. Haben wir jene als ‚gute‘ oder ‚brave Tochter/Enkelin‘ beschrieben, so repräsentiert offenbar die Moderatorin auf der Ebene der Fantasie die ‚böse‘, nicht folgsame. Im Gedächtnisprotokoll notiert diese, sich degradiert gefühlt zu haben bzw. wie zum„kleinen Kind gemacht“. Sie sei noch vor Beginn der Diskussion von Frau Rief„gerügt“ worden, nicht schon zehn Minuten vorher die Tür des Raums geöffnet zu haben. Bei den Telefonaten im Vorfeld(zu denen ebenfalls Gedächtnisprotokolle vorliegen) habe Frau Rief von ihrer Expertise im Bereich der Organisation von Interviews berichtet und sich unzufrieden darüber gezeigt, nicht mehr Informationen bzw. Vorgaben zu erhalten, um geeignete Personen zur Diskussion mitzubringen. Eine ähnliche Situation prägt auch den Beginn der Diskussion, wenn eine weitere Teilnehmerin, Frau Budrich, die Moderator/innen wegen der offenen Fragestellung kritisiert. Frau Osbeck war gerade während der schon laufenden Diskussion erschienen und es war bereits über die Stadt Eutin gesprochen worden: Frau Budrich: Na ich ich bin mir nicht so ganz sicher was die beiden eigentlich von uns[Frau Osbeck: Mhm,] wollen, aber weil sie (.)[…] ich finde das nicht in Ordnung(2), dass Sie ähm(2) 336 Frau Berg: Frau Berg: Frau Osbeck: Frau Budrich: keine Richtlinie angegeben haben, ich weiß nicht so wirklich was Sie eigentlich(.) L wovon wir hier eigentlich reden. L Ja ne J (.) J Ach so ich dachte Sie h ä tten Thema. Nein wir haben keins(Z601-607). Frau Rief führt daraufhin aus, wie sie telefonisch zuvor mit dem Projektleiter gesprochen habe, der – trotz ihrer Nachfrage, nach welchen Kriterien wir unsere Gruppen auswählen und ob eine bestimmte Schicht eine Rolle spiele – keine Auskunft gegeben habe:„es wurde nichts gesagt, ne“ (Z601-641). So lässt sich die Rolle von den Forschenden in der Erhebungssituation als den Anforderungen der älteren Teilnehmerinnen ‚nicht genügend‘ beschreiben. Wir könnten somit einerseits nicht folgsame Kinder repräsentieren. Andererseits schwingt in Bezug auf den Projektleiter aber auch mögliche Enttäuschung über den empfundenen Verlust von Autorität mit. Doch nun zurück zur bereits interpretierten Interaktion zwischen den Teilnehmerinnen. Die oben interpretierte(intergenerationelle und autoritäre) Interaktion zwischen den beiden Frauen Rief und Brost ergänzt daraufhin Frau Berg mit den Worten:„Ja aber die Kinder haben heute keinen Respekt mehr vor den Erwachsenen“(Z1450), wobei fast dieselben Worte gewählt wurden, die auch mehrfach in Dresden-Johannstadt geäußert worden sind. 15 An die Worte von Frau Berg schließt Frau Brost an, die nun – auf die heutigen Kinder angesprochen, die keinen Respekt mehr hätten – ihr 15 Frau Schumann:„Die Jugendlichen haben auch keinen Respekt mehr“(Z328).„[D]ie Jugend von heute(.) ich weiß nicht.(1) Keinen Respekt mehr und(Frau Reiß: Ja, das ist(.) eine ganz andere) keinen Respekt mehr vorm Alter und gar nichts mehr“ (Z347-349).„Mir gefällt die Kinderbetreuung nicht und auch äh wie gesagt d-äh dass die Schüler überhaupt keinen Respekt mehr, überhaupt keinen Respekt vorm Lehrer haben“(Z879f.). 337 Bemühen betont, den eigenen Kindern„beizubringen Respekt zu haben“ (Z1453). Für ihr Beispiel,„wenn äh bei uns im Haus ne ältere Dame kommt die Tür aufzuhalten“(Z1454), wird sie erneut gelobt von Frau Rief:„Sehr gut“(Z1456). Doch mache die Umgebung es für ihren Sohn schwierig, Respekt zu lernen, was sie beispielsweise am verbreiteten Brauch festmacht, den Kindern das Du anzubieten: Frau Brost: Frau Rief: Frau Brost: Frau Rief: Frau Brost: Frau Rief: Frau Brost: Frau Brost: Frau Rief: [W]ir sind sehr viel unterwegs bei[…] Ergotherapeuten und und und.(.) Ähm(2) wenn man dann irgendwo hinkommt zu ner Therapeutin, da heißt es nicht ich bin Frau sowieso sag Marion zu mir.(2) Zum Chef äh zum zum Leiter vom Hort, ich bin der Jens. Es gibt ja keine Respektpersonen mehr, vor wem L soll er denn Respekt haben[Mhm Frau Kaufmann] L Eben,(.) eben das ist es, das L das fehlt der Respekt und die Achtung sag L Das das ist mal, vorm Lehrer, L vor irgendwas überhaupt nicht na ja überhaupt nicht. L Vorm Lehrer, braucht er keine Achtung zu haben, das ist doch du und L und du L Und du also das ist es. L Und da(ka-) da soll ein Mensch lernen. L Was soll das? Da genau, sage wie sollen die Kinder L Respekt lernen. L Wie sollen die Kinder Achtung haben und lernen das was Sie dürfen und was sie nicht dürfen. Die duzen[Zustimmung Frau Brost, fortlaufend] den Lehrer, ach halt doch den Mund und dings drehen sich spielen und machen() bitte(Z1451-1475). Frau Brost und Frau Rief vertreten die Position, dass Duzen mit weniger Respekt oder Respektlosigkeit einhergehe, während Frau Budrich widerspricht(bis Z1523). 338 Es sei an dieser Stelle ebenfalls erwähnt, dass die Verständigung über autoritäre Erziehung zwischen Frau Rief und Frau Brost nur einen Teil der Diskussion wiedergibt. Daneben erhält Frau Rief von den anderen Frauen in einigen Sequenzen regen Widerspruch und das Diskussionsverhalten lässt sich in diesem Sinne durchaus als demokratisch beschreiben. „Na Gott sei Dank haben wir wenigstens solche Politiker die da f- äh die drauf m die Hand drauf haben“ Politik ist in der Gruppendiskussion in Eutin nur an einer Stelle ausdrücklich Thema. Im Vorfeld berichtet Frau Rief als älteste Teilnehmerin von ihrer Jugend in Nazideutschland(vgl. Kapitel 5.3.1). Die Beschreibung des politischen Kontextes,„dann kam Adolf[...] dann kam Adolf wieder weg“(Z2293), nimmt nur wenig Raum ein, hieran schließt sich aber eine Episode an, die das Verhältnis zur Politik, ob in Nazideutschland, der DDR oder der BRD fassbar macht: Frau Rief: Frau Brost: Frau Rief: Frau Kaufmann: Frau Rief: Frau Kaufmann: Frau Rief: Frau Kaufmann: Frau Rief: Na also ich hab schon so viele Sachen gehört jetzt weil da das das das das. So Schlimmes genauso wie bei bei bei bein Ihnen da mit der DDR, nich. Also(.) da isses auch nicht so ganz so(2) Man muss auch ne bisschen auch was abstreichen. L Ach man lernt auch damit umzugehen ne irgendwie. L Wie in jeder Regierung. Oben der eine macht so was und am andern is das. Das das das kla- is so is das hier, heut ham wir heute auch nicht die Zuckerlecke. Naja aber insgesamt können wir uns nicht beschweren eigentlich. L Nein nein nein nein L W ü rd ich so sehen. L Es zu gut nein es ist nein L Insgesamt geht’s uns sehr gut. Ja zu gut meine L Liebe zu gut 339 Frau Kaufmann: Frau Rief: Frau Kaufmann: Frau Rief: L Zu gut ja zu gut ja. Nicht es es geht alles geht so langsam bei guck mal die Tiere gehen kaputt, nicht die die die äh die die die äh Temperaturenregler und alles. Es wird schon sie gehen schon jetzt dabei, ja sie gehen schon jetzt lang L und äh ja L Na Gott sei dank haben wir wenigstens solche Politiker die da f- äh die drauf m die Hand drauf haben so also L so geht’s nicht weiter. L Is aber schon beinahe, beinahe isses schon zu spät(Z2306-2322). Die Bedeutung des„Temperaturreglers“ kann nur erschlossen werden, sie bezieht sich wahrscheinlich auf die Erderwärmung und die katastrophische Entwicklung infolge derselben. Es wird hier die Bedeutung der Politik als einer regulierenden Macht sichtbar, auf die kein Einfluss besteht. In puncto Erderwärmung scheint sie sich aus Sicht der Teilnehmenden zu bewähren. Daneben hat die Politik den Auftrag sicherzustellen, dass es den Teilnehmenden„gut geht“. Das Bewertungskriterium, die Sicherstellung einer freiheitlichen Gesellschaft,, scheint hier nicht relevant zu sein. Damit kann auch die Politik der BRD oder der DDR bzw. im Nationalsozialismus zusammen betrachtet werden. Zwischenresümee In Eutin wird bereits eine Veränderung in der Einstellung zur Demokratie sichtbar, die auch als Entwicklung zwischen den Generationen verstanden werden kann. Diese Veränderung ist einmal festzustellen in den Ansichten zur Erziehung. Dann manifestieren sie sich auch in der Interaktion. Frau Rief fordert Autorität und strenge Erziehung und diese Forderung findet nicht nur Zustimmung bei Frau Brost, sie akzeptiert auch diese Rollenverteilung in der Interaktion mit Frau Rief. Frau Brost, in der DDR aufgewachsen, kann sich als Jüngere mit den autoritären Idealen 340 der deutlich älteren Frau Rief identifizieren. Die oben angestellte Überlegung, dass in der DDR autoritäre Strukturen länger überdauert haben, findet hierin einen Beleg. Diese Strukturen hätten„mit dem System nichts zu tun“(Frau Brost), sondern mit ihren Eltern. Die Kompatibilität mit den Erziehungsidealen von Frau Rief kann als Hinweis auf Wurzeln genommen werden, die älter sind, als die DDR es war, und also in die NS-Zeit hineinreichen. Während sich Frau Brost als Jüngere der Forderung von Frau Rief anschließt, grenzen sich aber vor allem die anderen Frauen in mehreren Sequenzen deutlich davon ab, so dass insgesamt durchaus ein demokratisches Diskussionsverhalten zu beobachten war. Weiterhin kann aber noch eine andere Veränderung in der Einstellung zur Demokratie beobachtet werden, kontrastiert man die kurze Sequenz in der Gruppendiskussion von Eutin mit den Äußerungen zur Politik aus den Gruppendiskussionen in Dresden-Johanstadt und Niedernhausen. Im herangezogenen Abschnitt kann versuchsweise eine Positionierung zur Demokratie benannt werden: Regierungen sind besser oder schlechter, aber die Teilnehmenden begreifen sich im politischen Geschehen in einer Gesellschaft, egal ob es Nazideutschland ist, die DDR oder die heutige BRD, nicht als Beteiligte oder gar Verantwortliche. Dieses Unverständnis eines demokratischen Gemeinwesens hat nicht nur Züge einer Verantwortungsdelegation bzw. einer Entschuldung von den Verbrechen Nazideutschlands, sondern gibt einen Eindruck von der Reichweite des demokratischen Selbstverständnisses. Die demokratisch mögliche Teilhabe an Entscheidungsprozessen taucht in dieser Rede nicht auf und scheint auch nicht gesehen zu werden. Politik wird von Politikern gemacht, die „die Hand drauf haben“. Diese Formulierung in Kombination mit der Distanz zum politischen Geschehen gibt weniger eine antidemokratische Einstellung zu erkennen als vielmehr ein Unvermögen, Demokratie als Person durch eigene Teilhabe substanziell füllen zu können. Das Wissen um Möglichkeiten der demokratischen Beteiligung scheint nicht vorzuliegen oder wird in der Gruppe nicht hervorgebracht. Wir haben hier auch 341 eine Erklärung für die in der Studie„Vom Rand zur Mitte“ gefundenen hohen politischen Deprivationswerte(Decker, Brähler& Geißler 2006, 126). 5.2.6„Die da oben“: Alltagstheorien zur sozialen Ungleichheit und Verschwörungstheorien Das oben herausgearbeitete Verständnis von Politik, die über die Köpfe der Teilnehmenden hinweg ablaufe, findet sich auch in anderen Gruppendiskussionen. Zwei Gruppendiskussionen mit überwiegend jüngeren Teilnehmenden, in Gießen und Herdecke, können für diese Einstellung zur Demokratie herangezogen werden. Gießen In Gießen werden das politische Geschehen und der demokratische Prozess angesprochen. Die Abschnitte, in denen sich die Gruppe über diese Themen unterhält, sind unterbrochen von Erfahrungsberichten mit Migranten. Thematisch sind diese beiden Themen miteinander verbunden, da in der Gruppe über die Korruption der„Mafiamenschen“, aber auch der heimischen Politiker ein gemeinsam entwickeltes Bild von mafiösen Strukturen entsteht, die nicht mehr nur in der Politik bestehen, sondern diese ausmachen würden. Dabei wird am Ende die Fantasie geäußert, dass es„den Politikern“ gut gehe und diese das schöne Leben hätten. Industrieansiedlung nach dem Zweiten Weltkrieg und Naturalisierung Anlass und Einstieg zur Beschäftigung mit der Politik bietet sich in der Gruppe an, als eine verfehlte Politik der Wirtschaftsansiedlung beklagt wird. Die Ballungsräume würden immer schneller wachsen, während 342 Frau Kreuz beklagt, dass man in Mecklenburg-Vorpommern überhaupt keine Industrieansiedlung fände:„da gibt’s Gegenden da is tote Hose. Ja da würde ich nicht denken, dass ich in Deutschland bin“(Z1486). In dieses geäußerte Unverständnis steigt Herr Brenner ein: Herr Brenner: Frau Kreuz: Herr Brenner: Frau Kreuz: Herr Brenner: Frau Kreuz: Herr Brenner: Frau Kreuz: Herr Brenner: Frau Kreuz: Herr Brenner: Frau Ried: Weiß ich nicht von was das alles abhängt, mein da spiel’n ja sehr viel Faktoren mit ob das jetzt, sin L politische Sachen die die die die Wirtschaft die sich irgendwo ansiedelt die L Ja aber keiner traut sich Risiko einzugehen Leute die wegziehen und Bildungsgrad also da spielt so vieles n ne Rolle L L Ja warum auf einem Punkt was passiert, am anderen nichts passiert. Warum is in diesen Ballungszentrum, warum im Süden von Deutschland warum is da so wahnsinnig L viel Industrie L Aber früher ging es auch. Ich sag’s mal jetzt, das is ja auch erst mit der Industrialisierung seit nach’m zweiten Weltkrieg, früher ging es ja auch L . L Mhm Warum hat man das dann nicht jetzt wieder irgendwo äh äh ja in irgend ne Form wieder gebracht? Sondern durch die Industrialisierung is eigentlich alles eher wird alles ja noch mehr zerstört, ja und eigentlich als naturalisiert, sag ich jetzt mal. Heute fängt man an wieder Flüsse zu(.) die ganzen Seiten wieder weg zu machen weil man gemerkt hat, wenn man se begradigt irgendwann geht das Land L unter. L Mhm Und solche Sachen äh, warum macht man das nicht, wo liegt das Problem? Liegt das an der Politik, ja obwohl das is’n anderes Thema aber äh J (.) J L , aber L ich sag jetzt ma auch einfach L Ja L Das Geschäft spielt aber ne Rolle(Z1493-1516). 343 Die Industrialisierung, die nach dem Zweiten Weltkrieg begonnen hat, habe diesen Prozess ausgelöst. Die Landschaft wäre für die Industrialisierung zugerichtet worden und erst heute wieder naturalisiert. Frau Ried wirft einen Grund für diese Entwicklung ein, die zunächst weg zu führen scheint von der Politik:„Das Geschäft spielt eben eine Rolle“ dabei, dass keine als vernünftig erscheinende Wirtschaftspolitik betrieben wird. Die Folgen werden in der Gruppe einige Zeit lang diskutiert(„hohe Mietpreise in München“, Z1528;„Nordseebäder die zu Geisterstädten“ werden, Z1551). Als Herr Brenner anmerkt, dass die Infrastrukturpolitik eine Rolle spiele(„Geh ich hier rup über die Grenze, in Bayern die nehm mich mit Kusshand“, Z1579), greift Frau Kreuz das Thema indirekt auf, indem sie auf ein anderes Ärgernis von Politik und Geschäft zu sprechen kommt. Es sei in der Nähe ein großes Einkaufscenter gebaut worden, um eine Anliegerstraße zu entlasten, die für den Durchgangsverkehr gesperrt worden sei: Frau Kreuz: Herr Brenner: Frau Kreuz: Herr Brenner: Frau Ried: Und ja, das sind Sachen mitten in die Stadt rein, ja wo’s wirklich schon so eng ist in der Stadt weil jetzt sowieso hier Baumaßnahmen sind ja L .Wir kommen L Mhm ja hier aus der Ludwigsburg oben, ja wie werden angefrotzelt, weil wir durch ne Straße fahren, die für uns kürzer is, da halten uns die die die Ordnungspolizisten an meinten, was machen sie hier? warum fahren sie hier lang, nur weil da die die Tochter vom Bürgermeister wohnt. Ja und da L ne Anliegerstraße draus gemacht wurde aus ner normalen Straße L . Ja all solche Scherze ey, L J (3) J L Mhm(Z1590-1599) 344 „Politische Banden“ und„Mafiamenschen“ Das vorher abstrakte Geschäft, das die verfehlte Industriepolitik zu verantworten habe, wird von Frau Kreuz aufgegriffen und aufgeladen. Im Hintergrund ihrer Erzählung steht die Willkür eines Ortsbürgermeisters, der für seine Tochter eine Straße sperren lässt. An diese Willkür schließt Herr Brenner mit einer eigenen Erzählung an, denn seine„Eltern[hätten] eigentlich ziemlich schnell ma(.) ihren Freundeskreis verloren halt, wegen ner politischen Sache“(Z1637): Herr Brenner: Und da war das eben auch so, dass das meine Eltern eigentlich immer auch da mit dem einen der einen großen Partei dabei warn und irgendwann mal gewechselt haben. Und der Bürgermeister mit dem sie vorher eigentlich äh damalige Bürgermeister jedes Dorf hat doch seinen Bürgermeister gehabt(.), ähm war eben in der einen Partei und die sin sin gewechselt oder sin da ausgetreten(.). Und der hat dann so’n gr- starken Einfluss auf auf die Leute auch im Dorf, dass dann ruckzuck der der Freundeskreis abgebrochen worden is ja. Wie diese politischen Banden, in so’m Dorf au ziemlich schnell so’n Schnitt durchgehen kann ja(.)(Z1642-1650). Die Politik erscheint in dieser Gruppendiskussion bis zu diesem Punkt durch die gemeinsam angestellten Überlegungen und die Berichte von Frau Kreuz und Herrn Brenner als durch„Geschäfte“ bestimmt und der Willkür von Politikern und„politischen Banden“ ausgeliefert. Zunächst nimmt die Gruppendiskussion dann eine andere Wendung: Die Gruppe kommt über Frau Kreuz’ Reaktion(„Freunde lassen sich durch nichts beinflussen, ob’s die Rasse is, ob’s die politische Meinung, ob’s der Glaube ist oder sonst etwas“, Z1661-1664) auch auf Migranten zu sprechen, die in eine Gegend zuziehen, etwa nach Baden-Baden, wo „es sehr viele Villen gibt, die gehörn den Russen“(Z1700). Assoziativ knüpft Frau Kreuz mit einem Verweis auf die„Mafia“ an, vor der diese 345 Russen geflüchtet seien(Z1706):„das weiß ich aus zuverlässigen Händen“(Z1708). Die Gruppendiskussion dreht sich um die Unterschiede zwischen Russen und Russlanddeutschen, bis Frau Kreuz dann das Motiv der Mafia wieder aufgreift. In der folgenden Passage laufen die in der Gruppe verhandelten Motive von Politik, Wirtschaft und Mafia zusammen und werden auch wieder auf die deutsche Politik bezogen: Frau Kreuz: Herr Brenner: Frau Kreuz: Frau Lück: Frau Ried: Frau Kreuz: Herr Brenner: Frau Kreuz: Herr Brenner: Frau Kreuz: Und die hat mir halt erzählt wie’s da drüben is, warum die Leute viele überhaupt rüber kommen ja, dass sie sagte es is verwunderlich wenn da ne Maschine funktioniert, dann kommt die hier rüber. Gut ne gebraucht Turbine von irgendwie Lufthansa oder weiß der Geier was äh von welcher Firma da, packen die in ihren Jumbo rein, aber da komm noch n paar andere Sachen dazu. Dann kommt da noch’n nagelneuer 500er SLK rein, der sich der erste Mafiamensch da gekauft hat L , weil die Banken laufen sowieso nur in der L J (.) J Ukraine über die Mafia. Ja und wer da nich mitzieht, kriegt gleich ein auf’n Deckel, ja man muss sich den Strukturen fügen, weil die Industrie läuft nur so, ja. Also da besticht der Eine den Andern, damit der Andere wiederum den bestechen kann, am Besten noch absetzen ja bei L der Steuer L J (.) J L J (.) J Ja is wirklich so, damit die überhaupt funktioniern, aber das is das System da. Ja und die sagt, das sind alles so Funktionen, wo dann viele sagen nee sie wollen raus sie wollen einfach ma ne Struktur haben die wirklich funktioniert ja L °also°. L °Ja ja° Da sind einfach so Sachen, wo ich dann auch L immer staune aber, kanns das sein ja. L Das hier so alles so(.) J eins A abgeht, weiss mer auch nich J . Wird ja jetzt schon wieder gemunkelt dass da ja L (.) in Sachsen einiges an L Tja 346 Frau Kreuz: Herr Brenner: Frau Ried. Frau Kreuz: Herr Brenner: Frau Ried: Frau Kreuz: Herr Brenner: Wenn man’s davon ausgeht 16 Jahre Kohl Ära. J (3) J J (2) J Wie konnte der an der Macht bleiben solange ja. J (.) J Ja Ja L also L Ja ich denk mal da tut sich hier au Einiges, das weiß mer bloß vielleicht ne das wird jetzt ja öffentlich gemacht (Z1826-1858). Hier verschmelzen Mafiamenschen und deutsche Politiker in der Gruppendiskussion. Bemerkenswert ist, dass in Deutschland hinter der Industriepolitik wie hinter den Mafiamenschen gleichermaßen wirtschaftliche Interessen ausgemacht werden(„weil die Industrie läuft nur so“). Der Rückbezug von der Ukraine auf die deutsche Politik scheint in der Gruppe bereits angelegt und wird von allen gemeinsam entwickelt. Hinter Helmut Kohl standen in diesem Bild mafiöse Strukturen, die nie ganz aufgeklärt wurden, aber von denen dennoch alle Teilnehmenden überzeugt sind, dass es sie gibt. Dass die oben implizit eingeforderte vernünftige Infrastrukturpolitik in der Nachkriegszeit nicht gelungen wäre, sei anonymen Mächten geschuldet, die als unsichtbare Mafia und ihre willfährigen wie willkürlichen Politiker personifiziert werden. In Kontrast zur Politik, von der die Gruppe insgesamt das Bild einer mafiösen Struktur von Wirtschaftsleuten und Politikern entwirft, die im rechtsfreien Raum agieren, treten die kleinen Leute: Frau Kreuz: Herr Schreiber: Herr Brenner: Er is ja im Endeffekt nich eingesperrt, der hat nur eben seine seine Eskorte dabei, und°seine Bodyguards°(.) ja. Aber ich find das schon faszinierend, was nur so so’n Typ da sich noch so leisten kann ja und hat soviel Dreck am Stecken und die wern laufen gelassen ja(.). Die kleinen Leute wern am Besten noch gleich alles ausgezogen. Wern sie grade auch Ja()[sehr leise](Z1880-1886). 347 Leben aus„dicken Pötten“ Nachdem die Gruppe sich in diesem Motiv einig gefunden hat, berichtet Frau Kreuz, die sich mit ihren Beiträgen scheinbar auf einen Gruppenkonsens stützen kann, der sich im Verlauf herausgebildet hat, von ihrer Enttäuschung mit dem demokratischen System: Frau Kreuz: Herr Brenner: Frau Kreuz: Weil so ne Wahl, wenn ich die immer merke, die kommt immer näher und was dann so alles versprochen wird was gemacht wird, was gesehen wird und im Endeffekt eigentlich mehr na ja Augenwischerei gemacht wird. Im Endeffekt passiert da nich viel(.), ähm versuch ich gar nich erst darüber zu reden, dann sag ich zwar ok, das was die sagen find ich ganz ok oder das was die sagen find ich ganz ok, aber ich versuch mich rauszuhalten aus irgendwelchen politischen Diskussionen, weil es bringt nichts, weil die Wahl entscheidet welche Richtung es gehen wird und ob sich was entscheiden wird und(.). Das is eigentlich so das große Problem dabei und alles was dann wirklich entschieden wird das entscheiden schon gar nicht mehr die Wähler, das entscheiden nur noch die Leute die gewählt wurden und deswegen halt ich mich persönlich aus diesen Dingen auch raus(.). Um es mal ähm aus politischen Diskussionen, weil(.) im Endeffekt äh kann mans nicht ändern oder wir können es nicht ändern L , die L Mhm außerhalb dieser Politik sind(.). Das Einzige was ich nur mache is, wenn ich wirklich jemanden aus’m äh aus ner Wirtschaft kenne und da kenn ich auch v welche die ich weiter Verwandtheitgrade habe, äh Aufsichtsräte äh kennen gelernt und hab ich da und da hab ich denen nur gesagt, was die alten Säcke da oben machen einfach nur ma meinen J Brast rausgelassen J und im Endeffekt hat er gesagt, du hast Recht, ja die leben aus den 80er Jahre die leben noch aus den dicken Pötten, da kann man ja noch raus schöffeln und können unsere Schafe ins Trockene bringen und er hat im Endeffekt mir Recht gegeben ja(Z1938-1959). 348 Während die Politiker als Mafiamenschen erscheinen, die sich nur um die Interessen einer Industrie kümmerten, würde das Leben der„kleinen Leute“ beschnitten, sie würden förmlich ausgezogen. Dabei hätten die Politiker ein„Leben aus dicken Pötten“. Hinter der Wirtschaft werden von der Gruppe sowohl anonyme wie auch personifizierte Interessengruppen ausgemacht, die die korrupten Politiker für ihre Interessen nutzen würden. Diese mafiaähnliche Strukturen verhinderten nicht nur eine angemessene Wirtschaftspolitik, gingen nicht nur zu Lasten der kleinen Leute, sondern das schöne Leben wird bei denen vermutet, die sich den Staat nicht durch Arbeit, sondern durch Willkür und Korruption angeeignet hätten. Diese Projektion ist durchaus von Neid geprägt und zeigt an, dass Politiker keine„Autoritäten“ sind, sondern selbst Objekt autoritärer Aggressionen werden können, die mit der Fantasie eines Glücks ohne Arbeit zusammenhängt. Aber auch hier finden wir wie in Eutin in Bezug auf die Frage nach den demokratischen bzw. diktatorischen Einstellungen nicht unmittelbar eine manifest antidemokratische Einstellung, sondern zunächst eine Leerstelle: Politik in einer Demokratie als Geschehen zu begreifen, in das die Mitglieder einer Gesellschaft ob durch Tun oder Unterlassung eingebunden sind, gelingt den Teilnehmenden nicht. Bemerkenswert daran ist, dass es sich bei den Teilnehmenden um überwiegend Angehörige einer jüngeren Generation handelt, die in der BRD aufgewachsen und sozialisiert worden sind. Trotzdem finden wir bei ihnen eine Distanz zum politischen Geschehen, das sich im aktiven Wahlrecht erschöpft. Dieses wird dann als„Augenwischerei“ bezeichnet und es treten antidemokratische Einstellungen aus der Latenz hervor, wenn im nächsten Schritt das politische Geschehen personifiziert und kriminalisiert wird. Die Forderung nach etwas„Radikalem“ wie in Dresden-Johannstadt wird nicht erhoben, sowenig wie die wirtschaftliche Macht im Hintergrund klarer benannt wird, es ginge um„Geschäfte“, die für politische Fehlentwicklungen verantwortlich seien. Diese geraten im Verlauf der Gruppendis349 kussion in Kontrast zu den Ursprungsfantasien über die„Ostgebiete“, die in der Gruppe geteilt werden. Dort hätte vor dem Krieg eine„vernünftige Infrastruktur“ geherrscht, die im Westen nicht existierte und durch die „Geschäfte“ in Nachkriegsdeutschland auch nicht erreicht worden sei. Herdecke Im Folgenden möchten wir auf eine Gruppendiskussion eingehen, in der in erster Linie Teilnehmende aus der Generation der jungen Erwachsenen diskutieren. Es handelt sich dabei um eine Gruppe mit explizit demokratischen Einstellungen und einem demokratischen Diskussionsverhalten, das somit als Kontrast zu den bisher diskutierten autoritären und antidemokratischen Mustern dienen soll. Es zeichnet sich dadurch aus, dass Differenzen ausgehalten und nicht ‚diktatorisch‘ zum Verschwinden gebracht werden(müssen). Allerdings eskaliert der politische Disput zunehmend, so dass Letzteres nicht bis zum Ende aufrechterhalten werden kann. Auch werden hier – wie in Gießen – Elemente von Verschwörungstheorien formuliert, die dem reflektierten und demokratischen Diskurs entgegenlaufen. „Uns geht’s gut, weil’s den Leuten in der Dritten Welt schlecht geht“ Die Herdecker Diskussion wird neben dem vorwiegend intergenerationellen Dialog zu Beginn(vgl. Kapitel 4 und 5.1.1.1) zunehmend durch ein politisches Streitgespräch zwischen den jungen Frauen Taler und Fischer und dem wenige Jahre älteren Herrn Laubner geprägt. Nicht zuletzt durch die Einstiegserzählung von Frau Fehser, die von einem Nazi-Überfall auf ihren Sohn berichtet(vgl. Kapitel 5.1), dominiert das Thema„Politik“ große Teile des gesamten Verlaufs. Im Gegensatz zu vielen anderen Gruppendiskussionen wird hier nicht nur Regional- oder Nationalpolitisches thematisiert, darüber hinaus werden internationale 350 Zusammenhänge der zunehmenden wirtschaftlichen Globalisierung diskutiert. Die Beiträge der Teilnehmenden lassen sich sowohl inhaltlich als auch, was das Diskussionsverhalten angeht, linken demokratischen Einstellungen zuordnen. Doch während Herr Laubner als ehemaliger linker Aktivist diese jugendliche Vergangenheit hinter sich gelassen zu haben scheint und nun in der Gruppe zum Repräsentanten gesellschaftlicher Norm wird(vgl. Kapitel 5.1), erregen sich vor allem Frau Taler und Frau Fischer über diese Positionen. Sie prangern wiederholt gesellschaftliche Missstände der globalisierten Wirtschaft an, während Herr Laubner zu ihrem Verteidiger wird. Bei dieser zunehmend eskalierenden Diskussion wird von den beiden Frauen ein Gegensatz aufgemacht, der auch in anderen Gruppendiskussionen angesprochen wird:„die da oben“ versus ‚wir hier unten‘. Auch hier wird sogenannte Politikverdrossenheit geäußert, wenngleich unter anderen Vorzeichen als beispielsweise in der Diskussion in Dresden-Johannstadt. Richtet sich dort ein affektgeladenes Ressentiment zunächst gegen„die Politiker“ und dann gegen„die Arbeitslosen“, sind es hier die Chefs der großen Konzerne, die – zum Teil in personalisierender Weise – kritisiert werden: Frau Fischer: Frau Taler: Frau Fischer: Herr Laubner: Frau Fischer: Frau Taler: Und das ist die große Frage; was können wir L (2) gegen die da oben tun? Was L Aber trotzdem jammern wir. können wir tun? Keine Ahnung L (so halt) L Was heißt denn da oben? Du weißt genau, was ich meine L J ( ist gut…..) J L Zum Beispiel der Mann aus dem Nestle-Vorstand, der sagt, dass Grundwasser auch äh ein normales Gut is, was sich jeder äh leisten muss und deswegen dürfen die in der Dritten Welt äh haben sie kein Recht auf Grundwasser. Das hab ich, das haben wir in einem Film gesehen, das war ein Mann aus’m Nestle-Vorstand. Der hat gesagt,(.) ähm weil die brauchen für die Produktion sehr 351 Herr Laubner: Frau Taler: Herr Laubner: Frau Taler: Herr Laubner: Frau Taler: viel Wasser und ähm dadurch müssen manche verdursten halt. Leute zum Beispiel in der Dritten Welt, die sich das nicht leisten L können. Da sagt L Also weil wir hier nach Grundwasser bohren L ähm is da aber nicht weniger Grundwasser und das is n L Lass mich doch mal kurz ausreden. L vollkommen unabhängig. L Nestle ist doch nicht nur in Deutschland. Ja, aber die bohren ja auch nicht in Afrika nach Grundwasser und ähm setzen das tiefer. Auf jeden Fall hat er gesagt, das ist ein Gut, was jeder Mensch sich ganz normal leisten soll und wer sich das nicht leisten kann, hat Pech gehabt, so hat er’s gesagt, Ihr hab das auch gehört und das erzähl ich Dir jetzt nicht nur einfach so (Z1697-Z1713). Der„Mann aus dem Nestlé-Vorstand“ wird beispielhaft als Vertreter einer großen Konzernspitze als Verantwortlicher für die Ausbeutung in der sogenannten Dritten Welt(Z1670) aufgegriffen. Während dieses Disputs sprechen Frau Taler und Herr Laubner aneinander vorbei, was zum Teil dem geschuldet sein mag, dass das Beispiel ohne Kontextualisierung nicht gut verständlich ist. Doch möchten wir zunächst das Augenmerk auf den Kontrast zwischen der Thematisierung von Politischem, wie es hier diskutiert wird, und den oben interpretierten Aussagen, wie zum Beispiel von Frau Reiß in Dresden-Johannstadt, lenken. So hatte diese etwas„Radikales“ gefordert, das, wie wir gezeigt haben, im Sinne einer diktatorischen Forderung zu verstehen ist. Hatte sie vor allem Neid und Hass auf jene artikuliert, denen es besser oder vermeintlich besser geht als ihr selbst, heben die Diskutantinnen in Herdecke im Gegenteil hervor, wie gut ‚wir‘ in Deutschland im Vergleich zu anderen dastünden. So hebt beispielsweise Frau Taler gegenüber Herrn Laubners Betonung eines positiven menschlichen Strebens hervor, wie gut es uns im Kontrast zu und auf Kosten vieler anderer Menschen gehe. 352 Frau Taler: Das Streben hier, was Du gesagt hast, das ist ja toll, dass wir so strebsam sind und aber wenn das vielleicht in die falsche Richtung läuft, ist es ein Problem und das ist das, was Jule auch glaube ich meinte. Wie wär’s denn, wenn das Streben mal danach gehen würde, dass es allen vielleicht gut geht. Uns geht’s gut, weil’s den Leuten in der Dritten Welt schlecht geht. Ich weiß nicht, ein ganz kleines Beispiel is nur, dass halt ähm, dass wir die, dass unsere Lebensmittel subvenziert werden, dass Obst und Gemüse, damit es da verkauft werden kann und die eigenen Bauern können ihr eigenes Obst dann nicht mehr verkaufen. Da fängt es doch schon an. Und warum streben wir danach?(.) Vielleicht wäre es äh sinnvoller, wenn wir danach streben würden den anderen auch mal zu helfen, weil uns geht es, wir leben hier echt im Paradies in Deutschland und in Europa(Z1666-1676). Nach dem oben zitierten Nestlé-Beispiel, das Frau Fischer nach eigener Aussage dem Dokumentarfilm„We Feed the World“(Buch und Regie: Erwin Wagenhofer, 2005) entnimmt, führt sie daraufhin mit Coca Cola einen weiteren weltweiten Konzern an, der die Wasserknappheit in Timbuktu(West-Afrika) mit verursache: Frau Taler: Frau Kim: Frau Taler: Frau Fischer: Oder Coca Cola braucht auch so viel Wasser für seine Produktion deswegen musste in irgendeinem kleinen Dorf war das in Timbuktu mussten die ihren Wasserstand äh äh ihren Wasserverbrauch zurückstellen, L weil Coca Cola so viel für Produktion für sich L J (.) J halt braucht. Die.(.) Das J sind die J .(.) Ein Teil von denen(Z17221727). Der weitere Verlauf ist dadurch gekennzeichnet, dass Herr Laubner die von Frau Taler und Frau Fischer vorgebrachten Beispiele entweder in Frage stellt oder aber als„kleine ähm Beispiele“(Z1731) abtut, denen er positive Effekte(der globalisierten Wirtschaft) gegenüberstellen könne: 353 Herr Laubner: Frau Fischer: Herr Laubner: Frau Fischer: Herr Laubner: Frau Taler: Frau Fischer: Herr Laubner: Frau Fischer: Herr Laubner: Frau Kim: Frau Fischer: Herr Laubner: Frau Fischer: Herr Laubner: Frau Fischer: Herr Laubner: Frau Taler: Herr Laubner: Frau Taler: 354 Da sind jetzt wieder kl-, kleine ähm Beispiele. L Auf der anderen Seite, auf der anderen Seite arbeiten in der Coca Cola L Das sind Kleinbeispiele.[empört] Fabrik ähm wie viel hundert Leute scheinbar auch vor Ort also da wurden vor Ort Arbeitsplätze geschaffen, die dadurch dann auf der einen Seite vielleicht n tieferen Brunnen bauen können, L ° J (2) J ° wegen Steuermittel und so weiter. Ja also irgendwie wird da vielleicht auch Und wenn sie sich trotzdem kein Wasser kaufen können, L was haben sie denn davon? L Aber ich kann mir L das L Cola trinken doch nicht, ich kann mir das doch nicht schön reden. L dadurch, okay die haben jetzt L (…) L J (2) J Arbeitsplätze L das muss doch and-, da, da L is doch der Grundgedanke da muss der L Nein L Ich will auch nur sagen, dass man genau andere L Nein L Ich will auch nur sagen, dass man genau andere so wie man einen Menschen im Gesamten betrachten muss und nicht nur aufgrund seiner Wettkampfausrichtung so muss man auch, kann man auch nicht ein so’n ähm ein Problem isolieren jetzt ist das Problem von ähm Wasser und Coca Cola L (.) in L Ich kann noch weiter machen. L Ich kann Dir ganz viele Sachen(.) erzählen. L Ja, ja, aber ähm natürlich st-, man kann natürlich mal ne These aufstellen Du kannst 20 Argumente dafür und ich kann L 20 und gleichzeitig kann ich L Nee, tausend. Herr Laubner: Frau Taler: ähm genauso viele ähm dagegen ähm finden ja. Ja gut da musst Du Dir selber ein Bild von machen, aber ich denke mal wenn man einfach mal nur n bisschen die Augen auf macht, dann müsstest Du wissen, dass ein bisschen was falsch läuft hier(Z1731-1760). Während die Frauen Taler und Fischer emotional engagiert diskutieren, macht sich Herr Laubner zwischenzeitlich über sie lustig, so in dem ‚Scherz‘, wenn die Menschen sich in Afrika kein Wasser mehr leisten könnten, sollten sie doch Cola trinken. An dieser Stelle schaltet sich auch Frau Fehser ein, indem sie – ohne auf Herrn Laubner einzugehen – die Frage stellt,„wie viel Angst[…] das“ mache(Z1762), womit sie sich darauf bezieht,„dass ein bisschen was falsch läuft hier“(Z1760). Antwortet Frau Taler, ihre mache„das keine Angst“, sie finde„das nur schlimm“(Z1763), beginnt Frau Fischer Angst- und Ohnmachtsgefühle zu artikulieren: Frau Fischer: Wieviel Angst, was, was so passiert, wie viel Angst mir das macht? Sehr viel Angst.(2) Und auch(2) teilweise glaube ich Depressionen und teilweise auch ne Ohnmacht und ne Hilflosigkeit.(.) Ich fühl mich hilflos(.) total(Z1764-1766). Herr Laubner setzt dieser Ohnmacht seinen Optimismus entgegen und betont Möglichkeiten individuellen Handelns; so könnten die Bewohner in Timbuktu„genug Power aufbringen“ und sich gegen Coca Cola durchsetzen, indem sie„sagen: ey Jungs, wir brauchen hier unser Trinkwasser (.) ähm jetzt müsst ihr leider Gottes[…] 6000 Kubikmeter weniger Cola produzieren“(Z1776-1778). Anstatt einer solchen Möglichkeit zu widersprechen, bringt Frau Taler daraufhin das Beispiel der Abholzung des Regenwaldes, die uns bald die„Luft[…] zum Atmen“(Z1782) nehme, worauf Herr Laubner Projekte der Entwicklungszusammenarbeit(Z1787) anspricht, die„auf die Schonung und die nachhaltige ähm Nutzung der Regenwälder“(Z1788f.) 355 abzielten. So sei„das Bewusstsein“ für Veränderungen„schon geschaffen“(Z1796) und müsse nur noch umgesetzt werden, zum Beispiel durch gezielten Konsum:„Dann kauf ich mir Buchenholz aus äh deutschem nach äh“. Frau Kim:„Aus dem Sauerland“. Herr Laubner:„Aus’m Sauerland genau ja“(Z1806-1809). Darauf bringt er das Beispiel der Firma Krombacher, die„so ihr Kasten Bier“ verkauften,„weil da so und so viel Hektar Regenwald mit geschützt wird“(Z1821f.). Frau Kim nimmt hiernach zwischen den beiden Parteien(Herr Laubner versus den Frauen Fischer und Taler) eine reflektierte Mittlerposition ein, indem sie den Optimismus von Herrn Laubner zu verstehen sucht und gleichzeitig eine Position entwickelt, die die Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen teilt. Darauf greifen Frau Fischer und Frau Taler noch einmal das Beispiel von Krombacher auf, die lediglich kommerzielle Interessen verfolgten, worin auch Herr Laubner zustimmt:„Natürlich wollen die verkaufen“(Z1899). Frau Kim bezeichnet es als„Verdrängung“(Z1895) und„Fake“(Z1902), wenn man sein Nichtstun damit rechtfertige, es werde„schon alles gut“(Frau Taler, Z1893). Frau Fischer: Ja so is das n Fake, vielleicht auch so ne Beruhigung, so ne Beruhigung der Menschheit ach es passiert schon was, es passiert schon was. Hier kannst Du n bisschen was tun und dann beruhig ich mein Gewissen, aber im, im Endeffekt spür ich so ne Ohnmacht, weil ich nicht genau weiß, was ich wirklich machen kann, was ich wirklich äh(.) starten kann, L dass sich was tut(Z1904-1908). An dieser Stelle bringt sich Herr Rahde ein, indem er das Versatzstück einer(oben im Zusammenhang mit dem Antisemitismus diskutierten, Kapitel 5.1.3) Verschwörungstheorie anführt:„[…] die Hilflosigkeit fängt ja an, wenn man sieht, dass Amerika irgendwie irgendwelche Flugzeuge bei sich selber reinkrachen lässt“(Z1913f.). Wie oben ausgeführt, ermöglichen Verschwörungstheorien, bedrohliche gesellschaftliche Zusammenhänge in lustvoller Weise zu ‚erklären‘ und damit Angst zu binden. So 356 stehen sie auch in dieser Gruppendiskussion im Kontext der zuvor zum Ausdruck gebrachten Ohnmacht gegenüber einer empfundenen Übermacht der weltwirtschaftlich großen Konzerne. „Es wird nicht alles ähm von irgendeiner grauen Masse gelenkt und gesteuert“.„ J Doch J “. Auch im folgenden Verlauf entspinnt sich die Kontroverse weiter, indem die Frauen Taler und Fischer die Geld- und Machtinteressen reicher Industrienationen gegenüber der sogenannten Dritten Welt hervorheben, während Herr Laubner heutige positive Entwicklungen hervorhebt, wie „in der Entwicklungszusammenarbeit“(Z2295). Herr Laubner: Frau Fischer: Herr Laubner: Frau Fischer: Frau Taler: Herr Laubner: Frau Fischer: Ich finde, Du pauschalisierst also ähm sehr stark L (.) ja L Aber und was heißt ja, ja das()(.) aber was ist die Realität das is doch passiert, nein, aber das, das is L was(.) das is passiert L Das is die Realität, was sie aber sagt. Das is die Realität Aber was is denn auch die Realität? Die Realität is doch auch zum Beispiel, dass wir Programme ähm in der Entwicklungszusammenarbeit fahren ja, die gerade der indigenen Bevölkerung ein ähm(2) äh verhelfen soll, wieder zu einer Stimme zu finden ja dass sie ihrem Willen und ihrem Willen Ausdruck verleihen können ja. Wir unterstützen doch solche Bestrebungen ja, was auch ähm hier geschehen is zum Beispiel auch in den ähm Millenium Development Goals ja, die ähm(.) von den Vereinten Nationen und von der Weltbank aufgestellt ähm L wurden sagen wir L Heißt das, wir geben den, wir unterstützen die, wir geben all diesen Leuten, die wo äh die Missionare früher hin gerannt sind, wir geben den ihr ganzes 357 Herr Laubner: Frau Fischer: Herr Laubner: Frau Fischer: Frau Taler: Frau Fischer: Herr Laubner: Land zurück, geben die Amerikaner den Indianern das Land zurück und die dürfen wieder so wie die wie sie dürfen(.) ihre Kultur ausleben? L Dürfen wieder so leben wie früher, nein, erst L Na wir können ja nicht jetzt von früher() wird das alles kaputt gemacht L und jetzt kann man denen helfen, den Armen, die L Wir können jetzte eigentlich(.) den es teilweise nur so scheiße geht, weil wir den das genommen haben. Ihr, ihr L (.) wir L Genau, ja. haben den das genommen, L abhängig gemacht, jetzt äh kriegen se, jetzt helfen wir L (Ach nee, nu komm)(Z22872313). Herr Laubner wird dabei für die Frauen zum Verteidiger ‚des Systems‘: „Aber Du versuchst das die ganze Zeit so in den Schutz zu nehmen“(Frau Fischer, Z2333f.). Während er die Möglichkeiten von Veränderungen und die Bedeutung individuellen Handelns hervorhebt, wird von den Frauen Taler und Fehser die Vorstellung vertreten, die Welt werde von„einigen wenigen regiert“(Z2350): Herr Laubner: Frau Taler: Herr Laubner: Nein ihr müsst, ihr müsst noch(.) erstmal wahrnehmen, dass wir Teil der Allgemeinheit sind ja gerade is es wichtig in einer demokratischen Gesellschaft, dass wir uns als ein wichtigen Faktor der Allgemeinheit wahrnehmen, weil wir beeinflussen auch die ähm Allgemeinheit(.) und andersrum beeinflusst uns die Allgemeinheit natürlich auch ja aber(.) ich mein das is doch ein sehr wichtiger Faktor. Es wird nicht alles ähm von irgendeiner grauen Masse gelenkt und gesteuert L nein L J Doch J wir sind die ähm graue Masse und dadurch wird die graue Masse bunt(Z2337-2345). 358 An dieser Stelle meldet sich auch Frau Fehser zu Wort: Frau Fehser:[…] ich bin Tei- kein Teil dieser Masse und ich sehe diese Welt von einigen wenigen regiert,(.) die gar nicht mehr wissen, wie sie ihr Geld ausgeben können in zehn Jahren nicht oder in 100 Jahren nicht, die das Geld aber so anhäufen und die das nicht des Geldes, sondern der Macht wegen(2) tun (Z2349-2352). Während Frau Taler hierauf kurz einlenkt, wir seien gewissermaßen schon Teil der grauen Masse, indem wir – ob wir wollen oder nicht – an dieser Gesellschaft beteiligt sind, uns in ihr(re)produzieren und konsumieren, bleibt Frau Fehser dabei:„Aber Du wirst geführt von einigen wenigen Leuten[haut mehrmals auf den Tisch]“(Z2366). Als Herr Laubner daraufhin bemerkt, er habe mit seiner politischen Stimme„die Leute bestimmt, die uns ähm sozusagen führen“(Z2369f), spitzt sich der Disput erneut zu. „[D]as is ne Fakedemokratie, die mir werden da ähm n paar zur Verfügung gestellt. Welchen von den Idioten wähl ich jetzt?“ Verhandelt wird nun eine Sichtweise, die die reale Politik bzw. unsere Demokratie als„Fake“, also als Scheindemokratie beschreibt und verschwörungstheoretische Züge trägt gegenüber einem optimistischen Vertrauen in die bestehenden Demokratien: Herr Laubner: Frau Taler: Ich hab, ich hab die Leute doch die Leute bestimmt, die uns ähm sozusagen führen. Ha! Das sind aber alles nur Gesichter. Ich weiß nicht öfters sind Skandale im Fernsehn hier und da st-, fließen Schmiergelder. Wenn Du das mal hochrechnest, was rauskommt, is nur so ein kleiner Teil. Du kriegst nicht mit, was da noch alles läuft. 359 Frau Fischer: Frau Taler: Frau Fischer: Frau Taler: Herr Laubner: Frau Fischer: Herr Laubner: Frau Fischer: Ne Fakedemokratie die Dir werden da L Du kannst einen von denen bescheuerten L Ey wenn Dir jemand(.) ne Million gibt, heraussuchen, aber im Endeffekt(sind wir) schon mehr wenn Du das und das machst und dann sagst Du auch nicht nein. Die meisten sind käuflich und glaub mir, Politiker sind nur Gesichter. Was dahinter steckt, sind Firmen. Ja, nein, ich kann ehrlich ich kann auch l-, lesen, was in diesen Gesichtern steht is auch(.) s-sehr problemlos heutzutage gerade(.) ich weiß doch wofür die Menschen oder ich könnte wissen wofür meine Abgeordneten stehen. Es wird aber L immer nur das kleinste Übel gewählt und is das ne L Demokratie? L Ich weiß doch was L Was heißt kleinste Übel? L () L Ja natürlich ey nee wenn jetzt fast alle, die ich kenne wenn oder wenn ich irgendwen frage würde ja ich wähl das kleinste Übel, ja ich wähl das kleinste Übel. Das is ne Demokratie ja das is ne Fakedemokratie, die mir werden da ähm n paar zur Verfügung gestellt. Welchen von den Idioten wähl ich jetzt(Z2369-2388). Die oben artikulierte Vorstellung, die Welt werde von„irgendeiner grauen Masse gelenkt und gesteuert“ bzw.„von einigen wenigen regiert“, erinnert – ebenso wie der Ausdruck des„Fake[s]“ – erneut stark an Verschwörungstheorien, wie sie weltweit nach wie vor(häufig auch mit antisemitischem Einschlag 16 ) verbreitet werden. Doch hier sind es in erster Linie die Konzernchefs oder die„Firmen“, die in dieser personalisierten Form als ‚Weltherrscher‘ erscheinen – eine Sichtweise, der Herr Laubner widerspricht: Frau Fischer:[…] was Du meinst mit wir sind Teil der grauen Masse, aber leider fehlt dieses Kollektivbewusstsein dafür nehmen wir 16 Eine ähnliche Vorstellung findet sich beispielsweise in der berüchtigten antisemitischen Hetzschrift„Die Protokolle der Weisen von Zion“, einer antisemitischen Fälschung aus dem 19. Jahrhundert, die heute – vor allem in arabischen Ländern und im Internet – wieder weit verbreitet wird(vgl. Küntzel 1997). 360 Herr Laubner: Frau Fehser: Frau Fischer: Frau Fehser: mal an es is(2) eine Minderheit, die ganze Welt wird von ein paar Menschen(2) geleitet. L Wird sie nicht.(.) L Also() an L Das is so. L Nehmen wir mal an, nehmen wir mal an. Das is aber so(Z2392-Z2398). Bis zum Ende der Diskussion setzt sich dieser Disput fort, in dem Herr Laubner wiederholt individuelle Handlungsmöglichkeiten(beispielsweise durch den Konsum) der von den Frauen Taler, Fehser und Fischer empfundenen Macht- und Hilflosigkeit gegenüberstellt. Dabei wird der Ärger der Frauen gegenüber Herrn Laubner immer stärker, insbesondere Frau Taler erhebt zunehmend die Stimme, bis Frau Fischer sie schließlich mit dem Hinweis stoppt:„der versucht Dich grad auf die Schippe zu nehmen. Hör auf ey“(Z2533-2535). Bevor die Moderation die Diskussion beendet, stellt Frau Taler Herrn Laubner gegenüber fest:„Du hast mir grad gar nicht zugehört ne“, der erwidert, er habe es„versucht“(Z2551f.). Zwischenresümee In der jüngeren Generation finden wir im engeren Sinne keine antidemokratischen Einstellungen, im Gegenteil weist etwa die Gruppendiskussion in Herdecke einen demokratischen Aushandlungsprozess verschiedener Positionen auf, obwohl sich die Teilnehmenden zunehmend in einer emotional sehr aufgeladene Diskussion befinden. Tatsächlich nimmt mit der Zunahme an Emotionalität auch das Bemühen um Verständigung zwischen den Teilnehmenden ab. Allerdings kann im Überblick ein Befund festgemacht werden, der generationenübergreifend ist: Während bei der älteren Generation mit einer manifest autoritären Charakterstruktur ebenso eine manifest antidemokratische Einstellung bis hin zu expliziten oder impliziten Forderungen 361 nach Diktatur(„was Radikales“;„eine anständige Ordnung“) festgestellt werden kann, finden wir bei den anderen Teilnehmenden ein Verständnis demokratischer Prozesse als etwas, was mit ihnen nichts zu tun hat. Es sind im besten Fall Prozesse, die über sie hinweg ablaufen, im schlimmsten Fall„Fake“ oder„Augenwischerei“ sind. Hierbei ist festzuhalten, dass sich das Verständnis von Demokratie offensichtlich auf das Ausüben des aktiven Wahlrechts beschränkt und andere Partizipationsformen den Teilnehmenden überhaupt nicht geläufig zu sein scheinen. Das intergenerationelle Sprechen in Eutin könnte ein Hinweis darauf sein, dass sich hier ein Demokratiedefizit manifestiert, dessen Gegenpart nicht eine antidemokratische oder diktatorische Einstellung ist, sondern wodurch sich möglicherweise eine generationenübergreifende Schwierigkeit zeigt, den Begriff der Demokratie lebenspraktisch zu füllen. Die zu beobachtende Zurückhaltung, sich politisch zu engagieren, weil es sinnlos erscheint, hat hierin einen Grund. Selbst in der Gruppendiskussion mit – dem eigenen Selbstverständnis nach – politisch linken Teilnehmenden, spiegeln sich Ansichten wider, bei denen einerseits teilweise mit starken Vereinfachungen und Personalisierungen gearbeitet wird, die für andere Menschen„Belege“ für ihre verschwörungstheoretische Sicht auf die politische Situation in der Welt sehen. Andererseits wird die Komplexität der Zusammenhänge betont und auch die Schwierigkeiten, die sich daraus für das individuelle Verhalten ergeben. Während die manipulativen Interessen hinter den„Geschäften“ in Gießen noch anonymen Personen hinter der Politik zugeordnet werden, können wir in Herdecke neben der Verschwörungstheorie auch antisemitische und antiamerikanische Elemente wiederfinden(vgl. Kapitel 5.1.3). 362 5.2.7 Diktatur als Apokalypse- und Rettungsfantasie Manifest antidemokratische Einstellungen wurden in der Gruppendiskussion in Berlin-Bohnsdorf geäußert. Hierbei blieb es nicht bei Forderungen nach etwas„Radikalem“, sondern es wurde die Wiederkehr eines „Adolf Nazi“ wenn nicht gefordert, so doch erwartet. Dieser Wunsch nach einer diktatorischen Regierungsform verband sich mit sehr destruktiven Affekten gegen gesellschaftliche Institutionen. Berlin-Bohnsdorf In der Gruppendiskussion von Berlin-Bohnsdorf wird Politik in personifizierter Weise zum Thema. ‚Die da oben‘ oder genauer:„diese Schweine da oben“(Z1525) werden für die Lage der Teilnehmenden verantwortlich gemacht. Im Kontrast dazu wird den Politikern ein schönes Leben zugeschrieben. Entsprechend richten sich die Aggressionen häufig gegen konkrete Politiker. In einer Art apokalytischer Fantasie, die sich in einem zweiten Nazideutschland verdichtet, wird der gesamten Gesellschaft und den konkreten Politikern der Untergang vorausgesagt. Diese apokalyptischen Fantasien zeigen eine destruktive Wut auf die gesellschaftlichen Institutionen an, die Zeugnisse ihrer Stigmatisierung sind, haben aber als Hintergrund auch ein deutlich autoritäres und gewaltvolles Erziehungsklima. Erziehungserfahrung Die Kindheitserzählungen in dieser Gruppe sind durch schwere körperliche Züchtigung gekennzeichnet. Diese Züchtigungen werden nicht isoliert, sondern eingebettet in Erinnerungen an die Kindheit berichtet. 363 Mit zehn oder zwölf Jahren, so erzählt Herr Frank, habe er Kupferdrähte genommen und von Ostberlin aus in die Sperranlagen geworfen.„Dann sind sie ruff uff die ollen Drähte haben die kurzgeschlossen und dann hatten wa Silvester und dit mitten im Sommer dit war geil“(Z760-1761). Aber„über uns hat denn so’n Stasi-Bulle gewohnt und der wusste dann Beschied wer dit war“(Z1763),„da hab ick erstmal nen roten Arsch gekriegt und dann bin ick den nächsten Tag rumgelaufen wie ein Pavian“ (Z1768). Herr Frank erzählt weiter, wie er als Junge Messingstangen aus Treppenhäusern geklaut und verkauft habe(Z1826). Auch hierbei sei er erwischt worden und„Wat gab’it zu Hause? Nen roten Arsch“(Z1832). Herr Randstedt greift das Thema des geklauten Bundmetalls auf und erzählt ausführlicher eine Episode aus Westberliner Tagen, wie er als Jugendlicher mit Freunden bei einer großen Firma vom Wasser aus Bundmetall in großen Mengen gestohlen habe. Wenn er erwischt worden wäre: „aber ick glaube mein Vater hätte mir die Eier abgeschnitten da. Nicht nur nen roten Arsch“(Z1855-1856). Diese Gewalt ging wohl vornehmlich von den Vätern oder Männern aus, wie Herr Frank betont:„Also von meiner Mutter habe ich nur eine einzige Backpfeife gekriegt“(Z1868-1872). Dafür wurde er vom Stiefbruder„mit’m Gürtel verprügelt“(Z1875). Die Erfahrung von Gewalt in der Kindheit wird von den Beteiligten mit drastischen Worten beschrieben, so dass deutlich wird, wie hart die Züchtigungen gewesen sind, denen sie ausgesetzt waren. Dabei wird die erfahrene Gewalt affektfrei erzählt, allerdings auch nicht im Nachhinein legitimiert. Herr Frank beendet dann das Thema in für die Affektneutralität kennzeichnender Weise:„Aber is auch egal wa?“(Z1882). Das„neue Gesetz“ und ein„ganz großer Knall“ Das Ausgeliefertsein an anonyme Institutionen wird mit Herrn Toben Thema. Er kann nicht aus der elterlichen Wohnung ziehen,„gezwunge364 nermaßen durch dit neue Gesetz ne“(Z1443). Die Gruppe kommt dadurch auf das„neue Gesetz“, die Gesetzgebungen zu neuen Dienstleitungen am Arbeitsmarkt, zu sprechen, die unter dem Begriff„Hartz IV“ oder„ALG II“ bekannt geworden sind. Obwohl Herr Toben eine Wohnung hätte bekommen können,„nach dem neuen Gesetz bist Du gezwungen bei Deinen Eltern zu wohnen“ ergänzt auch Frau Meinert(1450). War sie in der Gruppendiskussion bisher nicht sehr präsent, beteiligt sie sich im Folgenden stärker. Die Konsequenzen aus dem Gesetz kennt sie aus eigener Erfahrung:„Na is ja bei uns nicht anders. Die ganzen Jahre wussten se wie teuer unsere Miete ist. Jetzt auf einmal kommen se an, dit is zu teuer“ (Z1455-1457). Es drohe ihr, dass sie auch aus der Wohnung in Bohnsdorf ausziehen muss, die sie wegen der niedrigen Mieten überhaupt bezogen habe. Frau Meinert und ihrem Partner sei die Kündigung der Wohnung angeordnet worden, da die Miete durch eine Mieterhöhung nun über dem zulässigen Satz liege. Auch die anderen Teilnehmenden steigen auf die Konsequenzen aus dem neuen Gesetz ein, indem sie auf die Mehraufwandsentschädigung zu sprechen kommen, womit in dieser Diskussion der„Ein-Euro-Job“ gemeint ist. Neben der Tatsachse, dass sie in Bohnsdorf für diese Ein-Euro-Jobs weniger bekämen als etwa Ein-Euro-Jobber in Neukölln(Herr Toben, Z1486), erregen sich die Teilnehmenden über die„Schweinerei“, generell so niedrig bezahlt zu werden(Herr Randstedt, Z1500-1503). Frau Meinert kommt wieder auf das Gesetz zu sprechen. Sie habe einen Ratgeber gelesen, in dem neben Hilfe zur Antragstellung offensichtlich auch etwas zur Geschichte der Gesetzgebung genannt wird. An diese Bemerkung schließt sich eine dichte Sequenz, in der sich die Wut über ihre Lage gegen„Politiker“ und„Ausländer“ richtet: Frau Meinert: Herr Randstedt: Also in meinem schlauen Buch steht ja drinne, dass äh dit normalerweise ja vorgesehen war für die Ausländer L (.) der Ein-Euro-Job. L Tja ja aber 365 Herr Randstedt: Herr Toben: Herr Frank: Frau Meinert: Herr Toben: Herr Mischke: Herr Toben: Herr Randstedt: Dit auf’n Deutschen anzuwenden is doch all- is doch is doch denn gleich äh kommt alles in een Paket rin. Und de Terroristen sind zu früh gekommen, die hätten jetzt hier sein müssen. Die Brüder da oben runter von de Stühle den überlegen se sich. Der nächste, der dran ist, der überlegt sich, wat er macht.[Frau Meinert: Mhm] Eh wieder ein böser Mensch kommt ihn ein bisschen mitnimmt und würgt. Ja dit is ja die lang- dit dit dit machen se ja um die Langzeitarbeitslosen wieder allet L Dit wird irgendwann hier in Deutschland noch mal einen ganz großen Knall geben L ( genau dit selbe is äh) L ( ) ran zu bringen und so °Bevor der ausfällt.°[husten] Ja, so sagen die dit aber. Dit is nu mal so. In keiner Bananenrepublik is sowat möglich wie hier[Frau Meinert: Mhm; Dm: Tja](.) die hätten se schon da oben reihenweise von de Stühle geholt. Hier is dit möglich. Hier wird den Rentnern wird dit Geld gekürzt(2) die anderen wissen nicht mehr wie se bis zum Monatsende durchkommen und diese Schweine da oben. Die stocken sich die Diäten immer höher,[Frau Meinert: Mhm] immer höher, immer höher. Die wissen gar nicht wohin mit dem Geld.[Frau Meinert: Mhm] [aufgeregt] Und dann(.) och nee is halt(Z1506-1526). Die Gruppe eint das Gefühl, vom Gesetzgeber völlig degradiert worden zu sein. Dieses Gefühl der absoluten Unterlegenheit wird dadurch verstärkt, dass sie so behandelt werden, wie es eigentlich für die„Ausländer“ vorgesehen sei. Nicht der Zwang, den sie durch das Gesetz als anonyme Größe erfahren, ist der Skandal, sondern dass sie als Deutsche diesem Zwangsystem ausgesetzt sind, bringt den Affekt hervor, der sich dann auch gegenüber der scheinbar weniger anonymen Größe der„Politiker“ richtet. Dabei sind diese aber genauso unkonkret, bleiben als anonyme Masse ungefähr so wenig fassbar, wie das Gesetz, und sind auch weniger als Autoren des Gesetzes Objekt der Aggression, als dadurch, dass ihnen von den Teilnehmenden ein besseres Leben und erkennbar 366 auch Autonomie über ihr Leben(„Die stocken sich die Diäten immer höher“) zugeschrieben wird. Die„Politiker“ hinter dem Gesetz erscheinen als jene, die diesem nicht ausgeliefert sind und denen dadurch das Glück ohne Arbeit und Zwang zukäme. An dieser Stelle wird der„große Knall“, den Herr Frank sich eher zu wünschen scheint, als dass er ihn prognostiziert, von Herr Randstedt ausgemalt. Terroristen, möglicherweise ist damit die RAF gemeint, kämen zu früh. „Politblase“ Die Politiker geraten in der Gruppendiskussion zu denjenigen, die das schöne Leben haben:„Ja war äh wenn ick irgend so ne Politblase sehe war im Monat dit kriege, wat ick in fünf Jahren kriege ja[…]“(Z1962). J also dit dit sind keene Relationen war die Merkel kriegt kriegt noch nicht mal der Bush“(Z1966). Die Gruppe ist sich einig, dass„dit ganze politische Gesoxe dit is allet Dreck“(Z1997), wie Herr Frank es im Einvernehmen ausdrückt. Diese hätten nur ihre Diäten im Kopf und würden nichts für Lehrstellen und Arbeitsplätze machen. Die Teilnehmenden berichten über ihre Gefühle der Aussichtslosigkeit, wieder Arbeit zu bekommen:„Also wenn ick überlege ick hab vier Jahre vom Arbeitsamt nischt gehört“(Z2006, Frau Meinert).„Bloß in meine Situation, weil ick ja nun keen Abschluss habe und keene Ausbildung is dit natürlich schwer“ (Z2013, Frau Meinert), wogegen Herr Frank einwendet:„Aber Dagi dit is doch dreist. Kiek ma ick hab Berufsausbildung mit Abitur dit spielt doch nun keene Rolle“(Z2017) und Herr Randstedt ergänzt:„Ick hab nen Studium[…] dit hilft mir auch nicht“(Z2019). Die Diskussion kehrt nach einiger Zeit wieder zurück zur Politik: Herr Mischcke: Frau Ronert: Herr Mischke: Die Kriminalität, die steigt jetzte dadurch. L Na dann weniger Löhne, dann gehen se klauen L und einbrechen L Naja logisch 367 Frau Ronert: Herr Randstedt: Frau Ronert: Herr Mischke: Herr Frank: Frau Ronert: Herr Frank: Frau Ronert: Herr Mischke: Herr Randstedt: L Und vor allen Dingen wird allet teurer L und Du stehst da L (Und dabei vor) dann so in der Kaufhalle, hast gar nichts im im Korb dirnne L Na mach mal hier guck doch mal L Na rat mal warum die in der Schule anfangen ihre ihre L Schulkameraden da L Ganz schön abzuziehen abzuziehen wie die ganzen L wie die Karnikel ja Junge L Allet genau jeder zieht den, jeder zieht den ab bis er dann da geht’s ja los jetze, jetze seit een Jahr geht dit los, weil dit denn nu keene Löhne mit de Klauen Kuppa, Alu L alles L Die machen uns doch da oben vor. Die stecken sich die Taschen voll Geld und wir verrecken hier unten dann wird die pff(Z2185-2200). In dieser Sequenz berichtet die Gruppe in einer interaktiv dichten Passage ihre Berufsbiografie und die Ausweglosigkeit ihrer Lage. Sie haben alle Abstiegserfahrungen zu verzeichnen, wobei diese von ungelernter Anstellung bis hin zum abgeschlossenen Studium ausgingen. Gemeinsam ist ihnen das Wissen, dass sie keine Perspektive mehr haben, im Berufsleben Fuß zu fassen. Kriminalität wird dann fast wie eine Strafe für„die da oben“ gedeutet, die es auch deswegen nicht besser verdienten, weil sie ebenfalls kriminelle Energie hätten. Diese negative Utopie wird von den Teilnehmenden noch weiter ausgemalt, wenn etwa Herr Toben sagt:„In zehn Jahren sind wir alle in ner Irrenanstalt“(Z2237) und Herr Mischke sich anschließt:„Hier wird’s noch mal Mord und Totschlag geben kannste glauben“(Z2251). „Merkel“ und„Fischer“ Herr Frank erzählt eine Episode, wie er nach der Wende als Reinigungskraft in der Charité gearbeitet habe und dort auf Angela Merkel 368 getroffen war, die als Patientin behandelt worden sei. Diese habe ihn gefragt:„Na seid ihr zufrieden nach der Wende?“(Z2458). Er habe folgendermaßen reagiert:„Klo putzen für nen Fünfer sag ick und zufrieden sein. Dreie aufstehn, fünfe da sein Ihre Scheiße wegmachen? Nischt sag ick“(Z2458-2460). Aus seiner Sicht haben sich nach der Wende die Stasi-Leute im Westen verkrochen„und die hat se doch geschützt, dass ihr eigener Dreck nicht ans Tageslicht kommt“(Z2468-2469). Hieran schließt Herr Randstedt an, der sich über Joschka Fischer aufregt.„Wenn Du irgendetwat angestellt hast oder geklaut scheiß egal wat jetzt(.) is dit vorbei, Dich zu bewerben bei der Feuerwehr, bei der Polizei beim öffentlichen Dienst und alles, aber als Steineschmeißer zum Außenminister dit geht“(Z2481-2484). Aus Sicht der Teilnehmenden ist die Politik kriminell, was ihre eigene Kriminalität einerseits relativiert, andererseits aber auch die Schmach größer macht: An der Kriminalität kann es in diesem Fall nicht liegen, dass aus ihnen keine Außenminister geworden sind. Diese Episoden sind in der Gruppendiskussion durchaus auch von aggressivem Selbstmitleid geprägt, das wie die Affekte durch die Decke aus Resignation bricht. „Goebbelsschnauze“ Über die Familienbiografie im Nationalismus entwickelt sich eine apokalyptische Fantasie. Herr Toben berichtet, lachend, dass sein Opa ein Nazi gewesen sei(Z2531), das habe seine Mutter erzählt. Hierauf reagiert Herr Frank mit dem Hinweis, dass ja auch nicht alle Kommunisten gewesen sein könnten, sonst wäre„Adolf Nazi“ ja auch nicht an die Macht gekommen(Z2547). Auch Herr Mischke ergänzt:„nee, nee alle haben se die Hand gehoben“(Z2552). Herr Randstedt greift in dieses Thema ein und fragt nach:„na ja, wie man dazu kommt is ein anderes Thema“ (Z2555). Daraufhin entspinnt sich folgender Dialog: 369 Herr Frank: Herr Randstedt: Herr Frank: Herr Mischke: Ey wat, er hat sich er er konnte reden, er hat die Massen verblendet, denn hat er seine Göbbelschnauze gehabt und bup die Autobahn gebaut, alle hatten se auf einmal Arbeit nach der Depression L der der der hat die Leute erstmal an sich rangezogen. Der hat L Wenn andere Staaten die gebunden. L (.) Die haben Geld verdient, die konnten sich wat zu Essen kaufen L Wenn andere Staaten nicht blocken würden, würde dit hier wieder passieren. Wir sind ja bald wieder so weit, wir schreien ja nach[Herr Frank: Ja, ja] jemanden, der hilft. Is ja klar(Z2556-2563). Einerseits erscheint damit Adolf Hitler als ein Blender, der mit viel und lauter Propaganda die Leute„verführt“ habe. Andererseits habe er ihre Bedürfnisse nach Anerkennung nach einer wirtschaftlichen Depression und nach Befriedigung fundamentaler Bedürfnisse erkannt und diese damit an sich binden können. Aus Sicht der Teilnehmenden unterscheidet sich die Situation nicht von der heutigen. Sie sind in einer merkwürdigen Zwischenposition: Sie wirken, als würden sie nach einem(Ver-)Führer rufen im Wissen, dass er den Untergang bringt. Dies erinnert an die negativen Utopien, die von den Teilnehmenden in anderen Sequenzen fast drohend vorhergesagt wurden. Hierbei kanalisiert sich ein Hass auf alle gesellschaftlichen Institutionen, ohne dass eine bessere Alternativ benannt wird und die nur noch auf Destruktivität hinausläuft. 5.2.8 Vom Autoritären zum Postautoritär-Destruktiven Diese offene Forderung nach einem zweiten„Adolf Nazi“ hat destruktive Affekte freigelegt, die sich gegen gesellschaftliche Institutionen und deren Repräsentanten richten. Diese Affekte sind zum einen vom Neid auf diejenigen mit einem vermeintlich schönen Leben getragen, aber es tritt zum anderen auch ein Hass hinzu, der sich noch aus anderen Quellen 370 zu speisen scheint. Die Institutionen werden zu Zeugnissen der eigenen Unterwerfung und werden deshalb Gegenstand destruktiver Fantasien. Diese Destruktivität ist auch Kennzeichen der Gruppendiskussion in Berlin-Hohenschönhausen. Berlin-Hohenschönhausen Die Gruppendiskussion aus Berlin-Hohenschönhausen wurde bereits in Kapitel 5.1. dargestellt. Zum Einstieg in die Auswertung der Gruppendiskussion sollen eingangs die Ergebnisse aus Kapitel 5.1 wiedergegeben werden. Zusammengefasst handelt es sich um eine autoritär strukturierte Gruppe, bei der sowohl Integration als auch Ausgrenzung stark mit Gewalt umgesetzt wird. Die Ablehnung von„Anderen“ stärkt die individuelle Integration in die Gruppe. Es wird ein großer Zusammenhalt behauptet, der aber als„Preis“ für die Unterordnung und gewalttätige Verteidigung der Gruppe als Ganzes sowie der Mitglieder einfordert. Was sich in dieser Jugendgruppe aus Berlin-Hohenschönhausen zeigt, ist vor dem Hintergrund der in den anderen Gruppendiskussionen zu beobachtenden Erfahrungen aber mehr als nur eine gewalttätige Jugendgruppe. Die drohende Erfahrung von Ausgrenzung und Gewalt bei Abweichung ist in den Gruppendiskussionen allgemein zu beobachten. In der Gruppe aus Berlin-Hohenschönhausen wie auch in der Diskussion in DresdenJohannstadt ist das Besondere einmal die Verdoppelung der Gewalt, die Gruppe bietet nicht Schutz vor der alltäglichen Gewalterfahrung, sondern die Gewalt kann die Mitglieder auch innen ereilen: Jeder/jede kann Täter/in und Opfer werden. Zum anderen fällt die unverblümte Legitimation der Gewalt gegen die Abweichung der anderen ins Auge. Die persönliche Erziehungserfahrung dieser Gruppe wird Thema, als ein Moderator nach dem fragt, was den Teilnehmenden bei der Erziehung von Kindern wichtig sei. In der ersten Reaktion sprechen sich die 371 Teilnehmenden für Lockerheit und gegen Strenge aus. In der Folge wird jedoch deutlich, dass dies im Erleben und offenbar auch der eigenen Erfahrung nach Schläge und Gewalt durchaus nicht ausschließt: Herr M. Müller: […] Frau Darmann: Herr Fend: Frau N. Müller: Frau Darmann: Herr R. Müller: Herr M. Müller: Frau N. Müller: Herr R. Müller: Frau N. Müller: Herr R. Müller: Frau J. Müller: Herr M. Müller: Herr R. Müller: Frau N. Müller: Frau J. Müller: Herr M. Müller: Frau N. Müller: Herr Fend: Frau J. Müller(?): Herr R. Müller: Herr M. Müller: Herr Fend: I1: Frau J. Müller: Frau N. Müller: Herr R. Müller: Herr Weber: Die sollten sehr locker, sehr locker aufwachsen. Nicht so streng(Z229-2230). Auf jeden nicht streng erzogen, also. L Nich so viel Verbote. L Wat ah ja. So wie Mutter die Erziehung eigentlich. () Türlich. L Nee, es lang werden alle sehen wat da rauskommt. L So wie Mutter uns erzogen hat. Na wenn wir mal irgendwat jab’s sofort in de Fresse, wa? Tja irgendwann brauch dit mal jeder, wa? Richtig(). Hä? Du hast zu wenig gekriegt, Junge. [lachen] Bärchen jenauso L () in seinem Leben. L Hat nich jefruchtet. Brauch oo ni. Wer hat denn die meiste jekricht? J (.) J J (.) J J (.) J Schau mich an. War zu wenig. [allgemeines Lachen] Definitiv zu wenig ja. Also wie eure Eltern das gemacht haben fandet ihr in Ordnung, würdet ihr auch so machen? L Ja uf jeden Fall. L Ja Türlich. (). 372 Frau J. Müller: Herr R. Müller: Frau N. Müller: Weil definitiv dann bin dann sind wir uf jeden Fall ooch die geilsten Eltern die es gibt. Jut, ab 16 sperr ik mein Sohn natürli ein. J (.) J (Z2229-2281). Diese Erziehungserfahrung unterscheidet sich von der, die in der Gruppendiskussion in Niedernhausen durch Herrn Stramer berichtet wird. Herr Stramer fordert nicht nur Strenge und Strafen als Erziehungsideal, die er auch selbst erlebt hat. Er stellt zudem sowohl seinen Vater als auch seine Mutter als Eltern vor, die mit der Strenge die Einhaltung einer klar umrissenen Ordnung einforderten, die sie repräsentierten und der er sich zu fügen hatte. Dass bedeutet aber auch, dass eine Verbindung zwischen Ordnung und Strafe bestand. In der jugendlichen Gruppe in Berlin-Hohenschönhausen finden wir auch Schläge als erfahrene Erziehung, wie auch ein Erziehungsideal formuliert wird, das solche Züchtigung vorsieht. Allerdings tritt hervor, dass die Eltern nicht als Agenten einer Ordnung auftreten, sondern es entsteht der Eindruck, dass die Eltern schlagen, weil sie es können. In der Begründung aus dem Mund von Frau N. Müller klingt noch die Gewalt der Eltern durch, die einen Verweis auf eine außenstehende„Ordnung“ zur Legitimation nicht mehr brauchten:„[…] irgendwann brauch dit mal jeder, wa?“ Zwischenresümee Während sich bei den Teilnehmenden der älteren Generationen noch das„klassisch Autoritäre“ bzw. die Sehnsucht danach als Reaktion nach dessen empfundenem Verlust herausarbeiten lässt, finden wir in den Gruppendiskussionen in Berlin-Hohenschönhausen und Berlin-Bohnsdorf andere Strukturen vor. Die deutlich jüngeren Teilnehmenden haben durchaus noch Elemente einer autoritären Erziehung erfahren, scheinen aber doch schon gesellschaftlichen Veränderungen in ihrer Sozialisati373 onserfahrung unterworfen worden zu sein, die sich nicht mehr mit klassischer Autoritätsgebundenheit beschreiben lassen. In Berlin-Hohenschönhausen wird keine Legitimation mehr berichtet, die im Hintergrund der elterlichen Gewalt steht. In Berlin-Bohnsdorf finden wir zwar eine äußere Autorität, auf die durch den Vater bei der Strafe Bezug genommen wird(„Stasi-Bulle“, Z1763). Doch erscheint der Vater nicht mehr als die selbstherrschaftliche Autorität, wie sie noch Herr Stramer mit seinem Vater in Erinnerung hat, der sich mit seiner Macht sowohl gegen den Sohn als auch gegen die Lehrerin stellen konnte. Dadurch gerät die elterliche Gewalt in Berlin-Hohenschönhausen zur puren Willkür und der gewalttätige Vater in Berlin-Bohnsdorf zum reinen Erfüllungsgehilfen einer viel größeren Macht, die in die Familie hineinreicht. Die Möglichkeit der Identifikation mit dem strafenden Vater, dessen Ordnung man sich unterwerfen konnte und damit auch an seiner Macht teilhatte, besteht solcherart nicht mehr. Die gesellschaftliche Gewalt(vgl. 5.1) wird eins zu eins in die Familie durchgereicht. Einleitend haben wir am Beispiel einer Entwicklungsphase beschrieben, wie sich Autonomie gegenüber Autoritäten in einem Prozess der Autonomieversuche und Identifikation mit den Eltern ausbildet. Diese Entwicklung entscheidet mit über die Möglichkeiten des Erwachsenen,„Ich“ zu sagen, ohne zu lügen, also eigene Wünsche und nicht die von Autoritäten zu äußern. Die Schwächung der Position der Eltern hat allerdings, wie wir in BerlinBohnsdorf und in Berlin-Hohenschönhausen beobachten können, nicht den Wegfall des repressiven Drucks zur Folge. Der bleibt weiterhin bestehen, wird aber nun nicht mehr durch Menschen repräsentiert, die entweder nur äußeren Druck ungefiltert weitergeben oder deren Ordnung überhaupt nicht besteht und damit nicht ausgehandelt werden kann. Dieser Aushandlungsprozess, so haben wir gesehen, kann mehr oder weniger gut gelingen. Sind aber die Repräsentanten der Ordnung selbst schwach oder bloß noch willkürlich, so kann der Aushandlungsprozess nicht mehr in einer wie auch immer gelungenen Autonomie gegenüber den Regeln mün374 den, sondern provoziert nur mehr Destruktivität gegenüber Schwachen (wie den eigenen Kindern gegenüber in Berlin-Hohenschönhausen) oder gesellschaftlichen Institutionen und Politikern, die nicht als Autoritäten wie etwa„Adolf Nazi“ wahrgenommen werden, sondern die den Neid auf sich ziehen, weil sie es sich gut gehen lassen(wie in Berlin-Bohnsdorf). Ausblick Ausgehend vom Material der Gruppendiskussionen, in dem diktatorische, sozialdarwinistische oder aber demokratische Einstellungen deutlich wurden, sind wir in diesem Kapitel den sozialisatorischen Bedingungen nachgegangen, die die Entwicklung von rechtsextremen oder demokratischen Einstellungen fördern. Im folgenden Kapitel 5.3 werden wir nun auf die Bedeutung der Intergenerationalität für diese Entwicklungen eingehen, das heißt, auf die Beziehungen zwischen mehreren Generationenen und die Vergangenheit in der Gegenwart. 5.3 Die Gegenwart der nationalsozialistischen Vergangenheit In der Repräsentativerhebung„Vom Rand zur Mitte“ von 2006 hatten die Aussagen zur Verharmlosung und Verherrlichung des Nationalsozialismus niedrige Zustimmungswerte. Dieser Befund der Fragebogenuntersuchung deckt sich scheinbar mit den seit den 1990er Jahren gängigen sozialwissenschaftlichen Thesen, nach denen die NS-Vergangenheit nicht (mehr) relevant sei für die Entstehung des heutigen Rechtsextremismus, insbesondere in Bezug auf junge Menschen(vgl. Heitmeyer 1992). Aber auch die weite Verbreitung„gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“, die unter anderem rechtsextreme Einstellungen enthalten, wird vor allem im Hinblick auf aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen wie„Desinteg375 ration“ und„Desorientierung“(Heitmeyer 2005) diskutiert. Auf den ersten Blick scheint also die Verherrlichung des Nationalsozialismus nicht mehr zum zentralen Identifikationsmoment einer rechtsextremen Einstellung zu gehören. Jedoch gehört bei organisierten Neonazis die Bezugnahme auf und die Verherrlichung des Nationalsozialismus ganz explizit zum Programm (vgl. Inowlocki 2000) und zeigt nach wie vor die größten Mobilisierungserfolge(Virchow 2006). So stellt sich nach wie vor die Frage, welche Bedeutung der Vergangenheit für die Entstehung von rechtsextremen Einstellungen zukommt. So weisen vor allem qualitative und psychoanalytisch orientierte Forschungen zu den Folgen der nationalsozialistischen Verbrechen auf die Weitergabe unbewusster Schuld und Scham sowie ihrer Abwehr hin(z. B. Eickhoff 1986, Rosenthal 1992 und 1997, Vogt 1995, Grünberg 2001, Rothe 2006 und Rothe, im Druck). In Bezug auf den Antisemitismus in dieser Studie sind wir bereits auf dessen Bedeutung im Kontext der nicht bearbeiteten(Abwehr von) Schuld und Scham eingegangen(vgl. Kapitel 5.1.3). Neben der Bedeutung, die eine Verharmlosung oder Verherrlichung des Nationalsozialismus in einem rechtsextremen Weltbild hat, stellte sich für diese Studie also die Frage, welche Präsenz die NS-Vergangenheit Deutschlands heute hat: Welche Gegenwart hat die Vergangenheit und wie wirkt sie sich auf die Ausbildung einer rechtsextremen oder aber einer demokratischen Einstellung aus? Im Vorfeld der vorliegenden Studie mit Gruppendiskussionen stand neben sozialisatorischen und allgemeingesellschaftlichen Bedingungen politischer Einstellungen damit auch die Frage nach der transgenerationalen Weitergabe von„Einstellung“. Für die Analyse der Diskussionen ergeben sich somit folgende Fragen: Wird die NS-Vergangenheit in den Gruppendiskussionen thematisiert? Wenn ja, wie, und wenn nein, welche Bezüge finden sich implizit in den Gruppendiskussionen? 376 Zusammenfassend kann schon vorab konstatiert werden, dass der Nationalsozialismus und der Holocaust durchaus zum Thema der Gruppendiskussionen geworden sind und gleichzeitig ein Fortwirken der deutschen Vergangenheit auch dann festgestellt werden kann, wenn sie nicht ausdrücklich angesprochen worden ist. 5.3.1 Die intergenerationelle Bedeutung der NS-Vergangenheit und des Zweiten Weltkriegs Das Material der Gruppendiskussionen verweist darauf, dass der nationalsozialistischen Vergangenheit eine gravierende Rolle in der Genese und Artikulation rechtsextremer Einstellungen zukommt. Auf der Ebene des selbstläufigen Sprechens zeigen sich dabei weniger ihre Thematisierungen bedeutsam als vielmehr spezifische Ausblendungen dieser Zeit aus biografischen Erzählungen sowie Ver- und Umkehrungen historischer Zusammenhänge. Zum Teil lassen sich aus biografischen Erzählungen Rückschlüsse ziehen auf die transgenerationelle Weitergabe solcher Muster familiärer und historischer Geschichts(um)deutung. Zum Teil sind es die intergenerationellen Beziehungsmuster in den Gruppendiskussionen selbst, die Hinweise auf solche Tradierungsmuster geben. Die Gruppendiskussion in Berlin-Mitte ist die einzige, in der NS-Involvierungen in den eigenen Familien der Teilnehmenden explizit thematisiert und diskutiert werden. Auch wird in dieser Diskussion die Opferseite der Naziverbrechen angesprochen. Im Gegensatz zu einer solchen Thematisierung der NS-Vergangenheit, die sowohl die Reflexion ihrer Bedeutung als auch die Verstricktheit der eigenen Familie mit einschließt, taucht sie in anderen Gruppendiskussionen gar nicht auf, so in Herdecke, Dresden-Neustadt und Berlin-Hohenschönhausen. Dagegen sprechen Teilnehmende teilweise vom Krieg oder von Kriegsfolgen, wie Verlust der Eltern, Flucht, Vertreibung und Nachkriegszeit, die sie als Kind selbst 377 erlebt oder über die sie von ihren Eltern oder Großeltern erfahren haben: So in Renningen, Dortmund, Neuss, Gießen(vgl. Kapitel 5.3.3). In der Gruppendiskussion in Dresden-Johannstadt werden weder Nationalsozialismus noch Krieg thematisiert, außer in der zweimaligen Äußerung von Frau Reiß, dass der Vater im Krieg„geblieben“ sei und einer ähnlichen Äußerung von Herrn Lange. Zunächst möchten wir eine Sequenz, in der die NS-Vergangenheit in der Berliner Gruppendiskussion thematisiert wird, vorstellen, um diese mit Passagen der Gruppendiskussionen in Eutin und Niedernhausen zu kontrastieren. Berlin-Mitte „Dass er da in der Uniform geheiratet hat, das hat mich schon irritiert“ In der dritten Sequenz der Berliner Gruppendiskussion werden zentral Themen der Generationalität im Zusammenhang mit der NS-Vergangenheit durch biografische Erzählungen eingeleitet. Frau Heckel beginnt mit biografischen Erfahrungen über die Beziehung zu ihrem Großvater, woran einer der Moderator/innen eine allgemeine Frage zum„Austausch“ mit Eltern und Großeltern an die gesamte Gruppe anschließt. Auf weitere biografische Erzählungen von Frau Heckel über ihre Mutter und ihre Großeltern erzählt nun Herr Pietz von seinen Großeltern und insbesondere vom Großvater mütterlicherseits. Es schließt sich eine Passage über sein schwieriges Verhältnis zum eigenen Vater an(„ein sehr schwieriger Mensch“, Z841 u. Z843), in der Herr Pietz dessen Kriegs- sowie Gefangenschaftserfahrungen bereits erwähnt. Im Gegensatz zur Schwester, mit der der Vater„gebrochen“(Z848) habe, fahre er nach wie vor„nach Hause“(Z851). Er benutze diesen Ausdruck,„nach Hause“ trotz der schwierigen Beziehung und obgleich er dort nicht geboren sei. Schließlich bringt 378 Herr Pietz die Prägung seiner Eltern„durchs Dritte Reich“ ein; vor allem sein Vater sei bis heute durch diese Zeit geprägt. Herr Pietz: Also meine Eltern selber waren geprägt durchs Dritte Reich, voll und ganz. Ja. Zumindest mein Vater, meine Mutter vielleicht nicht so, aber mein Vater und heute noch(Z872-872). Auf die Nachfrage einer Moderatorin, ob die Teilnehmenden mit Eltern und Großeltern über diese deutsche Vergangenheit sprechen, schildert Herr Pietz eine konkrete Szene, in der er den Vater mit dessen NS-Vergangenheit konfrontiert: Herr Pietz: Also, ich will mal folgende Situation, da ich ja nun diese Ahnenforschung betreibe, habe ich auch mal ähm, weil mein Vater ja auch in der russischen Gefangenschaft war, wollte ich die Protokolle haben, von ihm, die Verhöre von ihm. Er war Offizier und vor[räuspert sich] genau vor fünf, sechs Jahren haben die Russen ihre Archive frei gegeben. Ich musste zwar dafür bezahlen(.) und ähm(.) ich hab die nachher auch bekommen, ja. Hab ihm danach auch die Originale gegeben, ja. Und(.) ich habe darüber mit ihm gesprochen, weil mein Vater erzählt grundsätzlich nichts über den Krieg, ja. Das einzige, wo er sich mal zu herabgelassen hat, dass er gesagt hat:„Ja, glaub mal nich, dass wir tatsächlich das gesagt haben, was tatsächlich alles passiert is, nich“, bei den Verhören, ne. Das sagt natürlich schon viel aus, ne.(2) Und genau so ist seine Denkungsweise heute noch, ne. Und das ist auch nich mehr rauszubringen(Z878-889). In den Beiträgen von Herrn Pietz kommt eine Auseinandersetzung mit und Reflexion der NS-Täterschaft des Vaters zum Ausdruck. Im Zuge dieser Auseinandersetzung distanziert er sich von den Taten und Gedanken seines Vaters. Frau Heckel knüpft sowohl an Herrn Pietz’ Erzählung als auch die Frage der Moderatorin mit einer Assoziation zu ihren Großeltern an, die während des Kriegs Kinder waren. Ihre Urgroßmut379 ter habe begonnen, vom„Krieg und von der Flucht“ zu erzählen – eine „heftig[e] Vergangenheit, die sie auch als Teil ihrer eigenen ansehe. Als „schockierend[es]“ Erlebnis schildert sie, wie ihr als Jugendliche auf dem Hochzeitsbild der Urgroßeltern das Hakenkreuz auf der Uniform des Urgroßvaters aufgefallen sei. Frau Heckel: Ich hab mal irgendwann ein Foto, also, ja also meine Uroma, jedes Mal, wenn wir da sind, müssen wir Fotoalben angucken, J is auch in Ordnung so J , und, ich weiß nich, das eine Fotoalbum hab ich mir schon hundert Mal angeguckt und dann hatt ich=s, bis ich bei 15, 16 hab ich dann mal gesehen, dass das Hochzeitsbild von meinen Urgroßeltern, dass mein Uropa ähm ein Hakenkreuz, also in Uniform mit Hakenkreuz drauf ähm, geheiratet hat. Einfach weil er(.) ina äh(.) Partei war. J (.) J Und das hat mich ziemlich schockiert. Also, da hab ich auch mit keinem drüber gesprochen erst mal, weil das hat für mich selber. Also ich hab mein, mein Uropa auch in nem anderen Licht mal gesehen und hab mich gefragt, das is irgendwie echt blöd jetzt, dass ich das mache(.), weil er is ja derselbe Mensch und mit m Mal hab ich das aber kritisch(.) irgendwie dann gesehen. Auch seine Vergangenheit, und(.), dass er(.) also ähm quasi in der äh(2)[Husten im Hintergrund] ja doch näher(.) den Nazis stand, als mir das bisher bewusst gewesen is, so. Also, was genau da nu war, weiß ich nich, aber(.) dass er da in der Uniform geheiratet hat, das hat mich schon(2) irritiert(.) (Z896-910). Frau Heckel schildert diese zentrale Szene als ambivalent. Das Bild des geliebten Urgroßvaters gerät in Zweifel, den sie mit dem Wissen um seine NS-Involvierung nun„kritisch“(Z906) sieht. Deutlich wird ein Loyalitätskonflikt, indem sie sowohl die kritische Distanzierung zum Urgroßvater äußert als auch Selbstzweifel ob ihrer Kritik:„das is irgendwie echt blöd jetzt, dass ich das mache(.), weil er is ja derselbe Mensch und mit m Mal hab ich das aber kritisch(.) irgendwie dann gesehen“ 380 (Z905f.). Sie habe zunächst„mit keinem drüber gesprochen“(Z903), was als Anzeichen für das Gefühl der Scham verstanden werden kann. Diese Interpretation stützt sich ebenfalls auf das Lachen von Frau Heckel, das die Erzählung über die Entdeckung begleitet, sowie auf Affekte, die das Interviewerteam wahrnahm. Indem Herr Pietz daraufhin auf die damalige Normalität der NS-Symbole bzw. die weite Verbreitung des sogenannten Mitläufertums verweist, relativiert er die Bedeutung der NS-Vergangenheit in der Familie und bietet damit Frau Heckel eine Möglichkeit der Entlastung vom Affekt der Scham:„Ja gut, aber damals hat das Tragen eines Hakenkreuzes nich so viel ausgemacht, wie heute, mh“(Z912f.). Frau Heckel aber reagiert, indem sie ihre heutige kritische Perspektive hervorhebt und zugleich den Wunsch äußert, ihre Vorfahren im„Widerstand“(Z915) verorten zu können. Der Dialog zwischen Herrn Pietz und Frau Heckel mündet in das Einverständnis darüber, dass„diese Generation“(Z925) der im Nationalsozialismus Erwachsenen nicht von ihrer innerlichen und praktischen Beteiligung am NS-Staat spreche. Frau Post schließt mit einer Erzählung über ihre Mutter an, die von den Nazis inhaftiert worden sei, weil sie„polnischen Strafgefangenen zu essen gegeben hatte“(Z941f.). Frau Post verortet ihre Mutter demnach auf der Seite der NS-Opfer, stellt aber zugleich eine Gemeinsamkeit zu den vorausgehenden Erzählungen her, denn ihre Mutter habe nicht über diese Erfahrung gesprochen, sondern erst, als sie im Zusammenhang einer Dokumentation darum gebeten worden sei. Trotz der eigenen Opferrolle scheint auch in dieser Erzählung ein Verbot auf:„irgendwie durfte das nicht präsent sein“(Z951f.). Auch Frau Heubach thematisiert die NS-Opferschaft auf der einen Seite ihrer Familie: ihre bereits lange verstorbene Großmutter sei selbst in Arbeitslagern inhaftiert gewesen und habe ihren Vater in Auschwitz verloren(Z960). Auch diese habe nicht über ihre Erfahrungen sprechen können, da diese zu schmerzhaft seien und sie zusammengebrochen wäre. Auf der anderen Seite der Fa381 milie wisse sie dagegen„diffus“(Z964) von der Mitgliedschaft in NSOrganisationen. In diesem Zusammenhang stellt sie die Frage nach der Glaubwürdigkeit der Großelterngeneration bezüglich der NS-Vergangenheit, die„auch ein Märchen erzählen“(Z73) könnten und dabei ihre Täterschaft verschweigen würden. Damit macht Frau Heubach auf eine entscheidende Differenz aufmerksam, denn die scheinbare Parallele des hier nur kurz aufscheinenden Nicht-Sprechens auf Täter- und Opferseite verweist auf verschiedene Motive: Wie Grünberg(2001 und 2002) in Bezug auf die jüdischen Überlebenden und ihre Nachkommen eindrücklich herausarbeitet, geht es auf der Opferseite um ein Schweigen über Extremtraumatisierungen, die nicht verbalisierbar sind und sich auf vielfältige nonverbale Weise noch an die Kinder vermitteln. Auf der Seite der Täter/innen, Mitläufer/innen und Unterlasser/innen des Nationalsozialismus dagegen geht es um ein Ver-Schweigen der jeweiligen Verstrickungen, um sich von Schuld und Scham zu entlasten oder diese Gefühle gar nicht erst aufkommen zu lassen. Dass sich auch auf dieser Seite über die Generationen hinweg etwas weitervermittelt, darauf werden wir im Folgenden genauer eingehen. In Berlin-Mitte problematisieren sowohl Herr Pietz als auch Frau Heckel und Frau Heubach die NS-Involivierungen ihrer Vorfahren. In den Beiträgen von Herrn Pietz kommt eine Auseinandersetzung mit und Reflexion der NS-Täterschaft des Vaters zum Ausdruck, von der er sich selbst abgegrenzt hat. Für Frau Heckel, die die Entdeckung der NS-Involvierung ihres Urgroßvaters thematisiert, scheint diese nach wie vor irritierend. Doch im Gegensatz zu anderen Diskussionen, in denen die NS-Vergangenheit als solche gar nicht thematisiert wird oder in relativierenden Beiträgen lediglich verschwindet, artikuliert Frau Heckel den damit verbundenen emotionalen Konflikt. Das Konflikthafte der intergenerationellen Beziehungen nach 1945 in Deutschland und damit verknüpfte negative Affekte, wie hier der Scham, können von ihr ausgehalten und 382 thematisiert werden. Zur Bedeutsamkeit der NS-Vergangenheit bei der Genese rechtsextremer Einstellungen weisen bereits diese einzelnen Beiträge darauf hin, dass es weniger darauf ankommt, ob Familienangehörige in den Nationalsozialismus involviert waren, als vielmehr ob und wie mit dieser Vergangenheit bisher umgegangen worden ist und aktuell umgegangen werden kann. Eutin „Dann kam Adolf, und dann kam der Adolf weg“ Einen Kontrast zur Thematisierung des Nationalsozialismus in der Berliner Diskussion stellt die Gruppendiskussion in Eutin dar. Eine Teilnehmerin, Frau Anneliese Rief, ist bereits fast 90 Jahre alt und hat als Kind den Ersten Weltkrieg erlebt. Im Nationalsozialismus gehörte sie zur Generation der damals jungen Erwachsenen. Dennoch taucht diese Zeit nicht als bedeutsame in der Gruppendiskussion auf, sondern verschwindet stattdessen in einer scheinbar belanglosen Abfolge politischer Umstände: Frau Rief: Frau Osbeck: Frau Kaufmann: Frau Rief: Frau Osbeck: Ja so dann kam,() dann kam die die Nachkriegszeit nicht, und dann kam Adolf, dann waren se sowieso all und dann kam der Krieg. Also ich bin durch[klopft mehrmals auf den Tisch](3) alle möglichen Instanzen gelaufen. [...] und dann war ich mal in Dresden waren wir mal nen Viertel Jahr und dann, nee zwei, zwei Jahre, und dann waren wir wieder in Berlin, und denn kam, dann kam Adolf, und dann kam L der Adolf weg, dann kam der Krieg, L und ne Krise hab ich auch nen Tick L °in Dresden auch schön° L J Kam Adolf weg J durchgemacht. Adolf J (ging) wieder weg J 383 Frau Kaufmann: Frau Rief: Frau Osbeck: Frau Berg: Frau Rief: Frau Brost: Frau Rief: Frau Rief: J (3) J Mhm? J Ging Adolf wieder weg J Der Arsch, ja[Lachen Frau Kaufmann, Frau Osbeck], der verschwand wieder, der ging in die Teppiche. Na also ich hab schon so viele Sachen gehört, jetzt weil da das das das das. So Schlimmes, genauso wie bei bei bei bein Ihnen da mit der DDR, nich. Also(.) da isses auch nicht so ganz so (2) Man muss auch ne bisschen auch was abstreichen. L Ach man lernt auch damit umzugehen ne irgendwie. L Wie in jeder Regierung. Oben der eine macht so was und am andern is das. Das das das kla- is, so is das hier, heut ham wir heute auch nicht die Zuckerlecke(Z2269-2315). Frau Kaufmann und Frau Osbeck reagieren zunächst amüsiert auf die saloppe Äußerung, der„Adolf kam und dann kam der Adolf weg“. Das gemeinsame Lachen und die Wiederholungen der Äußerungen deuten auf etwas Lustvolles in dieser ‚Geschichtsaneignung‘ hin, in der„der Arsch“ kam und dann„in die Teppiche“ verschwand. Es kann nur spekuliert werden, dass die Wendung, Adolf Hitler sei„in die Teppiche“ gegangen, sich assoziativ auf den überlieferten Topos bezieht, er habe einmal vor Wut in den Teppich gebissen(Rauschning 1940). Es könnte sich um eine Mischung dieses Topos mit der Wendung, etwas ‚unter den Teppich zu kehren‘, handeln. Um in diesem Bild zu bleiben, könnte die gesamte Sequenz als ein erfolgreiches ‚Unter-den-Teppich-Kehren‘ verstanden werden, sofern die Bedeutung des Nationalsozialismus mitsamt „Adolf“ dort verschwindet. Nachdem Frau Rief die Zeitenfolge, die sie miterlebt – und möglicherweise auch mitgetragen hat – auf die Schnelle abgehandelt hat, kommt sie zu einer Schlussfolgerung, nach der der Nationalsozialismus mit der DDR gleichgesetzt wird. Doch geht es ihr nicht (nur) um eine Gleichsetzung zweier Herrschaftsformen, sondern darum, die Geschichtsschreibung über den Nationalsozialismus zu relativieren. Sie habe„Schlimmes[…] ge hört“(Hervorhebung d. A.) über den Natio384 nalsozialismus sowie über die DDR, doch müsse man„bisschen auch was abstreichen“ von solchen Einschätzungen. Ob„Adolf“, die DDR oder heute – so könnte die Passage ebenfalls verstanden werden – Abstriche müsse man„in jeder Regierung“ machen. Mit diesem Ausdruck stellt Frau Rief schließlich den Nationalsozialismus sowohl auf eine Stufe mit der DDR als auch implizit mit der heutigen Bundesrepublik und relativiert damit die NS-Zeit. Bedeutsam zum Verständnis dieser Sequenz im Verlauf der Gruppendiskussion sind weiterhin die intergenerationellen Beziehungen zwischen den Frauen(vgl. Kapitel 5.2). Frau Rief dominiert über große Teile die Diskussion – allerdings nicht ohne an einigen Stellen auch Widerspruch von den jüngeren Frauen zu erhalten. In Bezug auf die Sequenz, in der der Nationalsozialismus dethematisiert und relativiert wird jedoch, stellt sich ein lustvolles Einverständnis zwischen den Generationen in der Interaktion her. Ähnlich vermittelt sich eine solche intergenerationelle Verständigung in einer Passage, in der über autoritäre Erziehungspraktiken gesprochen wird(vgl. Kapitel 5.2) – ein Thema, das uns insgesamt, über die Erhebungen hinweg und in Anlehnung an die Thesen von Adorno et al.(1950), nach wie vor im Hinblick auf die Genese rechtsextremer Einstellungen von Bedeutung erscheint. Haben wir es in der eben zitierten Sequenz mit einer lustvollen intergenerationellen Einigung über die Verharmlosung des Nationalsozialismus zwischen Frauen zu tun, möchten wir im Folgenden auf eine Weitergabe zwischen Männern eingehen. Niedernhausen Vom(Groß-)Vater zum Sohn/Enkel Zur Diskussion der intergenerationellen Weitergabe der NS-Vergangenheit soll erneut auf die Erzählungen von Herrn Stramer in Niedernhausen 385 eingegangen werden. Doch im Unterschied zu den bisher analysierten Sequenzen aus der Gruppendiskussion(vgl. Kapitel 5.2) wird in der folgenden Interpretation auf die Telefonprotokolle Bezug genommen, die nach den Kontaktaufnahmen mit den Teilnehmenden von uns verfasst wurden, sowie auf die Gedächtnisprotokolle nach der Diskussion(vgl. Kapitel 3). Denn der 80-jährige Herr Stramer erzählt im Vorfeld dem männlichen und jüngeren Gesprächspartner gegenüber(der vom Alter her bereits sein Enkel sein könnte) am Telefon und direkt vor Beginn der Diskussion von seinen Kriegserlebnissen – Erfahrungen, die er im Gespräch mit den Frauen, den Teilnehmerinnen Frau Seifert und Frau Röbel sowie der weiblichen Moderatorin, nicht erwähnt. Der Moderator hielt im Telefonprotokoll fest, dass Herr Stramer bereits einiges aus seiner Lebensgeschichte erzählte. Dies ist eine Ausnahme; von den anderen Teilnehmenden kamen zwar häufig Nachfragen zu unserem Vorhaben oder auch kurze biografische Informationen, wie beispielsweise zur Berufstätigkeit, doch erzählte nur Herr Stramer in einer solchen Ausführlichkeit, wie sie im Folgenden skizziert werden soll. So protokollierte der Moderator nach dem Telefonat, Herr Stramer habe sich sogleich sehr offen für die Teilnahme gezeigt und begonnen, aus seinem Leben zu erzählen. Über die Bemerkung, dass er viel gereist sei, auch während seiner früheren beruflichen Tätigkeit im Maschinenbau, kommt Herr Stramer auf seine Beförderung im Zweiten Weltkrieg zum Leutnant zu sprechen – ein Umstand, auf den er noch heute sehr stolz zu sein scheint, betont er doch, dass er genommen wurde, obwohl sein damaliges Alter noch unter der Altersgrenze für diesen Dienstrang lag. Insgesamt ist ihm dieser Lebensabschnitt offenbar sehr gegenwärtig und bedeutsam. So berichtet er weiter, dass er zuletzt mit einer Kalaschnikow gekämpft habe, da es keinen Munitionsnachschub für die Wehrmachtswaffen mehr gegeben habe. Er war an der Abwehrschlacht gegen die auf Berlin vorrückenden Russen beteiligt. Dabei betont er die militärische Tüchtigkeit der deutschen Truppen:„Den Russen“ hätten sie damals 386 zurückgedrängt, wenn„der Amerikaner“ jenem nicht beständig Waffen geliefert hätte. Am Kampfeswillen habe es nicht gelegen, dass sie am Ende keine Chance gehabt hätten. An dieser Stelle wird eine assoziative Nähe zur sogenannten Dolchstoßlegende nach dem Ende des Ersten Weltkriegs deutlich, nach der das deutsche Heer„im Felde unbesiegt“ geblieben sei. Verantwortlich für die Niederlage seien vielmehr die nachlassenden Bemühungen der Heimatbevölkerung, insbesondere der linken politischen Kräfte gewesen. Diese Deutung wurde vor allem von rechtskonservativen Kreisen der Weimarer Republik vertreten und auch von den Nationalsozialisten aufgegriffen. Ebenso wenig wie die damalige Dolchstoßlegende den historischen Tatsachen entspricht, haben amerikanische Waffenlieferungen an die Russen in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs eine militärisch bedeutsame Rolle gespielt. Während des Telefonats berichtet Herr Stramer ebenfalls schon von der unmittelbaren Nachkriegszeit in der Sowjetischen Besatzungszone, in der er bei der kasernierten Volkspolizei tätig gewesen sei, bis er in den 1950er Jahren die DDR verlassen habe. Es sei immer deutlicher geworden, dass er mit den Zielen und den politischen Grundlagen der DDR nicht übereinstimmte. Diese Schilderung einer(seinerzeit typisch) männlichen(Kriegs- und Karriere-)Biografie setzt Herr Stramer nun im Vorfeld der Diskussion vor Ort fort, indem er sich erneut lediglich an den männlichen Moderator wendet. Herr Stramer erscheint etwa zehn Minuten vor Beginn und richtet sich unmittelbar an den männlichen Diskussionsleiter, obwohl die zweite Moderatorin bereits zugegen ist und ihm auch vorgestellt wird. Er nimmt direkt den Gesprächsfaden aus dem Telefonat wieder auf und berichtet von seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft und richtet diesen an den Interviewer, in dem er einen männlichen Vertreter der Enkelgeneration sieht, an den er im Sinne einer Erinnerungstradierung seine Erlebnisse weitergibt So sei er nach der Kriegsgefanngenschaft Polizeioffizier in der DDR geworden, bevor er die DDR verlassen habe. Das 387 Zweiergespräch mit Herrn Stramer muss an dieser Stelle vom Moderator abgebrochen werden, da die anderen Teilnehmerinnen erscheinen und die Gruppendiskussion beginnen soll. Interessant ist einmal, dass diese Erzählungen – der Bericht über die Beförderungen, also über Erfolg und Karriere im Krieg und über die Karriere danach in einer anderen Uniform – offenbar von höchster persönlicher Bedeutung für den Teilnehmer sind. Doch sind dies Schilderungen, die Herr Stramer lediglich an den männlichen jüngeren Moderator richtet, was als Fortwirkung männlicher Dominanzüberzeugung gedeutet werden kann. In der Gruppendiskussion werden dann Nationalsozialismus und Krieg fast nur noch indirekt erwähnt(und wenn, dann in idealisierender Weise, vgl. auch Kapitel 5.2). Das Nationalsozialistische findet aber auch in der Kriegserzählung keine Erwähnung; vielmehr wird verherrlichend und scheinbar ohne politischen Kontext vom Krieg erzählt. Lediglich im Kontrast zur DDR, die Herr Stramer aufgrund politischer Differenzen verließ, wird ein positiver Bezug auf die Zeit des Nationalsozialismus deutlich. Auch wenn Herr Stramer in der Diskussion hervorhebt, in der BRD und der DDR seien„derselbe[…] Dreck“(Z821-823, vgl. Kapitel 5.2), wird deutlich, welche Zeit als positiver Bezugspunkt übrigbleibt: die Zeit der idealisierten Kindheit und Jugend, die großenteils in die NS-Zeit fiel und in der laut Herrn Stramer noch„anständige Ordnung“(Z1268) herrschte. Die Szene mit Herrn Stramer mag als Beispiel für einen ungebrochen positiven Bezug zum Nationalsozialismus und zum Krieg dienen, der hier ‚von Mann zu Mann‘ weitergetragen wird. Die Differenz, die Herr Stramer gegenüber weiblichen und männlichen Gesprächspartnern macht, steht auch im Einklang mit seinen Vorstellungen einer klaren Rollenverteilung zwischen Mann und Frau. Hat die Frau für Herrn Stramer in erster Linie Mutter zu sein und den„Mittelpunkt des Heimes“(Z1622) zu verkörpern, zu versorgen und die Kinder„anständig[...] zur Ordnung“ zu erziehen(vgl. Kapitel 5.2), soll dem Mann dagegen etwas anderes weiter388 bzw. mitgegeben werden: ‚Junge, so wie wir damals waren, mit großem Kampfeswillen, so sei auch du‘. ‚Erkenne an, was ich für ein toller Kerl war und nimm es dir als Beispiel‘ – um die paraverbale Botschaft, wie wir sie interpretieren, zu formulieren. Zwischenresümee In der Gruppendiskussion Berlin-Mitte wurde die NS-Vergangenheit von den Teilnehmenden selbstläufig angesprochen und die familiäre Beteiligung am Nationalsozialismus thematisiert. Die Voraussetzung hierfür wurde in den Dialogen sichtbar. Die Schwierigkeit bestand für die Teilnehmenden, die in der eigenen Biografie bedeutsamen Personen – Eltern, Großeltern und Urgroßeltern – als verstrickt in das verbrecherische NSRegime wahrzunehmen. Die zu vollbringende Leistung, um wie in Berlin-Mitte über die Verstrickung der Familie zu sprechen, bestand darin, die Beteiligung am und im Nationalsozialismus mit dem inneren Bild dieser Menschen in Deckung zu bringen. Frau Heckels Erzählung macht deutlich, wie neben die Erfahrung der liebevollen Verwandten die schockierende Erkenntnis ihrer Verstrickung in die deutschen Verbrechen trat. Das Konflikthafte der intergenerationellen Beziehungen nach 1945 in Deutschland und damit verknüpfte negative Affekte, wie hier der Scham, konnten von den Teilnehmenden ausgehalten und thematisiert werden, was eine Bewältigungsleistung ist, die vor der Aufnahme rechtsextremer Einstellungen schützt. Zur Bedeutsamkeit der NS-Vergangenheit bei der Genese rechtsextremer Einstellungen weisen die Ergebnisse dieser Studie darauf hin, dass es weniger darauf ankommt, ob Familienangehörige in den NS involviert waren, als vielmehr ob und wie mit dieser Vergangenheit umgegangen werden kann. Im Kontrast dazu wurde in Eutin eine Umgangsweise sichtbar, in der über Scherze die Bedrohlichkeit der Figur„Adolf Hitler“ bzw. die in die389 ser Figur verdichtete eigene oder familiäre Beteiligung am Zivilisationsbruch, der der Nationalsozialismus war, ausgeblendet bzw. verleugnet werden konnte. Gemeinsam wurde nicht die familiäre oder eigene Verstrickung thematisiert, sondern eine ferne, solcherart historisierte Figur bagatellisiert. Diese Bagatellisierung wurde noch durch die Historisierung des Nationalsozialismus verstärkt, indem die Figur„Adolf Hitler“ in eine Abfolge von Regierungen gestellt wurde(NS, DDR, BRD), die gewissermaßen ohne Beteiligung der ‚normalen‘ Bürger/innen stattfindet. Scham und Schuld wurden nicht angesprochen, womit im Kontrast zu Berlin-Mitte die Unfähigkeit ins Auge sticht, diese bis heute fortwirkenden Verbrechen als Bestandteil der eigenen Biografie oder familiären Verstrickung zu integrieren. Das Gegenteil trifft zu, im„Familiengedächtnis“, das in unseren Gruppendiskussionen präsentiert wurde, tauchte die familiäre Verstrickung zumeist nicht – zumindest nicht explizit – auf. Im Hinblick auf die intergenerationelle Weitergabe der NS-Vergangenheit mag die Szene mit Herrn Stramer als Beispiel für einen ungebrochen positiven Bezug zum Nationalsozialismus und zum Krieg dienen, der hier vor allem in der Bedeutung einer männlichen Traditionslinie steht, die ‚von Mann zu Mann‘ weitergetragen wird. Im Vergleich der intergenerationellen Einigung zwischen den Frauen in Eutin und der männlichen Weitergabe von Kriegsverherrlichung in Niedernhausen ist beiden gemeinsam, dass das Nationalsozialistische selbst nicht thematisiert wird und vor allem die NS-Verbrechen, der Zivilisationsbruch des Holocausts, keine Erwähnung finden. Ist in der Szene zwischen Herrn Stramer und dem Moderator eine explizite Verherrlichung des Kriegs und implizit des Nationalsozialismus auszumachen, so dominiert in der Szene zwischen den Frauen in erster Linie eine Bagatellisierung und Verharmlosung. Dies deckt sich mit anderen Untersuchungsergebnissen, die beschreiben, wie „Frausein als Entlastungsargument für die biografische Verstrickung in den Nationalsozialismus“ verwendet wird(vgl. auch Grote& Rosenthal 1992). 390 Unser Befund ist mit den Ergebnissen anderer Studien zum generativen Gedächtnis(Welzer, Möller& Tschuggnall 2002, 143) in Deckung zu bringen. Jedoch wird zum Beispiel bei diesen Autor/innen die Dethematisierung familiärer Verstrickungen über die Generationen hinweg lediglich deskriptiv betrachtet. Sie zeigen anhand von Familiengesprächen über den Nationalsozialismus eine kumulative Entlastung über die Generationen auf: Entlastet ein Großteil der Kinder der im Nationalsozialismus Erwachsenen die Eltern, steigern die meisten Enkel noch die Entschuldung, indem sie die Großeltern rückblickend vor allem als Opfer betrachten oder heroisieren(Welzer et al. 2002, 54ff.). Dies verdichtet sich in der Aussage,„Opa war kein Nazi“, mit der die Studie betitelt ist, auch wenn der Großvater Mitglied der NSDAP oder anderen NS-Organisationen war. Selbst wenn die„Zeitzeugen“ in ihren Erzählungen unmissverständlich eine(damalige oder heutige) nationalsozialistische Haltung zeigen, so erfahren diese Geschichten in den Nachkommengenerationen häufig einen vollständigen Deutungswandel(ebd.). Doch gehen die Autor/innen nicht den Gründen für solch ein Verfertigen der Vergangenheit im Gespräch nach, warum die Verbrechen ausgeblendet werden, die eigene oder familiäre Verstrickung verleugnet und die NS-Vergangenheit bagatellisiert oder verherrlicht wird. Eine solche Analyse ist aber unumgänglich, auch um den(heutigen) Entstehungsbedingungen rechtsextremer Einstellungen nachzugehen. Wir hoffen, im Folgenden ein Verständnis hierfür zu entwickeln. Im Material unserer Gruppendiskussionen scheint sowohl ein„Verschwinden der Täter“ der nationalsozialistischen Verbrechen auf(Heer 2004) als auch ein„Verschwinden der Opfer“(Rothe 2006). Die Opferseite wird nur in einer Sequenz in Berlin-Mitte angesprochen(s. o.) und in Neuss – hier jedoch mit dem Ziel, von dem Gespräch über„den Juden“ und den Holocaust wegzukommen und„die eigenen Sachen“ – die deutschen Opfer der NS-Zeit und des Kriegs – gegenüberzustellen(vgl. 391 Kapitel 5.1.3). Dieses Verschwindenlassen der Täter- und der Opferseite ist nicht nur der Fall, wenn – wie in vorliegender Studie – der Nationalsozialismus oder die Verbrechen nicht als Thema angelegt sind. Wie an anderer Stelle ausführlich analysiert, werden die NS-Verbrechen auch dann in Gesprächen zum Verschwinden gebracht, wenn die Erhebungen explizit mit diesem Forschungsthema eingeleitet werden(Rothe 2006, in Druck). In dieser Studie möchten wir nun auch im Folgenden den Bedeutungszusammenhängen der NS-Vergangenheit, wie sie in den Gruppendiskussionen – explizit oder implizit – auftauchen, genauer nachgehen. Sie wurde in den meisten Gruppendiskussionen gar nicht angesprochen bzw. in einem thematischen Zusammenhang erwähnt, der(außer in Berlin-Mitte) die Dimensionen des vom nationalsozialistischen Deutschland ausgehenden Angriffs- und Vernichtungskriegs verdeckte. Dieser thematische Zusammenhang verdient bei der Interpretation Aufmerksamkeit, wenn die NS-Vergangenheit mehr indirekt als direkt thematisiert wird. Als verdichtete Erzählungen sollen die indirekten Verweise auf die deutsche Geschichte auf ihre Bestandteile hin untersucht werden. Dabei kommt dem Thema Wohlstand eine Schlüsselposition zu. In den Gruppendiskussionen wurde materieller im weiteren und wirtschaftlicher Wohlstand im engeren Sinne häufig diskutiert und auch in einen Zusammenhang mit der deutschen Geschichte gestellt. 5.3.2 Wohlstand als narzisstische Plombe Der Stellenwert von Wohlstand im weiteren Sinne wurde bereits sichtbar, wenn neben der manifesten Thematisierung, wie in Kapitel 5.2 dargestellt, Ressentiments gegenüber denjenigen auftreten, die es scheinbar besser haben oder solcherart phantasiert werden, zum Beispiel Politiker oder Migranten. 392 Als Hinweis auf die große Bedeutung der Teilhabe am Wohlstand bei der Ausbildung einer rechtsextremen Einstellung können auch die drohenden Ausschluss- bzw. Einschlusserfahrungen durch Armutsstigmatisierung angesehen werden, wie in Kapitel 5.1 ausgeführt. Dieses Ressentiment und die Legimitation eines Zugriffs auf Abweichende werden auch von einem autoritären Affekt getragen. Nicht nur deshalb soll nun ein weiteres Motiv neben allgemeinen gesellschaftlichen Ausschluss-/ Einschlussdynamiken(vgl. Kapitel 5.1) und dem Stellenwert der Sozialisationserfahrung(vgl. Kapitel 5.2) im Hintergrund einer rechtsextremen Einstellung untersucht werden: der historische Kontext der Wohlstandserfahrung. Die drohenden oder erfahrenen Abstiegserfahrungen werden in der Literatur als Einflussfaktor auf die politische Einstellung häufig festgestellt. Wirtschaftlicher Deprivationserfahrung kommt damit eine Schlüsselposition in der Erklärung antidemokratischer, rassistischer und im engeren Sinne rechtsextremer Einstellung zu. Auch in unserer Studie„Vom Rand zur Mitte“ zu Einflussfaktoren rechtsextremer Einstellung konnte der Einfluss der wirtschaftlichen Deprivationserfahrung auf die Einstellung beschrieben werden. Gleichzeitig wurde jedoch auch deutlich, dass die Bedeutung eines erfahrenen oder befürchteten wirtschaftlichen und sozialen Abstiegs sich nicht von selbst versteht. Da in den Gruppendiskussionen die Teilhabe und der Ausschluss vom Wohlstand häufig Thema geworden ist, soll der Versuch unternommen werden, über die individuellen und gesellschaftlichen Bedeutungszuschreibungen hinaus die historischen Wurzeln dieser Erfahrungen zu untersuchen. Im Folgenden sollen die unterschiedlichen Aspekte der Erfahrung materiellen Wohlstands, der Erfahrung des wirtschaftlichen Abstiegs oder der Angst vor demselben näher betrachtet werden. Eingangs werden die Aussagen zum Wohlstand vorgestellt und dann entlang der Befunde aus den Gruppendiskussionen kontextualisiert. Mit Kontextualisierung ist 393 hier gemeint, dass der Bezug des Wohlstands zur eigenen Biografie und die familiäre, intergenerationelle Einbettung untersucht werden: Welches Verständnis der individuellen und kollektiven Bewertung der realen oder befürchteten Abstiegserfahrung können aus den Diskussionen gewonnen werden? Bereits im Überblick der Zitate zum Wohlstand erhält man einen Eindruck davon, wie stark die gegenwärtige wirtschaftliche Lage vor dem Hintergrund der Nachkriegszeit und dem damaligen wirtschaftlichen Aufschwung wahrgenommen wird. Renningen In Renningen wird von Herrn Seidel eine Verbindung zwischen Wohlstand und Umgang mit Migranten/Fremden aufgemacht. Die eigene Erfahrung als Sohn von Flüchtlingen war in Nachkriegsdeutschland auch durch die Ablehnung des Umfelds geprägt. Dabei begründet er die Ablehnung mit dem Umstand, dass die Einheimischen„auch nix zu beißen“ hatten: Herr Seidel: Ja bei mir war’s halt so, wir sind 47 da runter gekommen aus Dänemark aus’m Lager in so’ne Kleinstadt mit 3500 Einwohner. Die hatte auch nicht viel, das war französische Besatzungszone, ja da war, also da war die Franzosen hatten au nix zu beißen. Dann dann kam is also n ganzer Schwung, ganzer Zug, das waren das wir da mit dabei ne, und die sollten jetzt dann plötzlich dort unterkommen. Ich weiß halt viel noch von den Erzählungen meiner meinen Eltern(...) ich hab eigentlich, vielleicht hab ich da sonst au nie das Gemüt bin eigentlich mit den Kindern da eigentlich gut gut klar gekommen.(Aber) gab’s da schon ein paar Sachen, das da plötzlich ein(.) ein äh Großvater eines Jungen eines Freundes von mir, der hat dann plötzlich gesagt ja also(.) äh der() also ich soll aus dem Garten raus gehen.(...) oder gab dann(.) 394 so später mal, als dann nach der mittleren Reife, dann hat’s dann geheißen war ich war einer der besten Schüler damals, ne. Und äh ham dann irgendwelche Preise gekriegt und dann hieß es ja, jetzt is also da war auch einer ein sogenannter Einheimischer dabei.(...) Ja da hatten sich zwei unterhalten, na ja es ist doch wenigstens bei den Preisträgern auch einer von uns dabei, ne, also es gab da schon durch dieses Hineindrängen von so vielen Leuten auf einen Schlag gab’s da schon äh Anpassungsschwierigkeiten, ja(Z1103-1178). Im„Hineindrängen von so vielen Leuten“ sieht Herr Seidel eine Belastung für die Gemeinde. Diese Belastung sei dadurch mit verursacht, dass„die Leute nix zu beißen“ hatten. Dies ist die von ihm formulierte Bedingung des erlebten Ressentiments als Binnenmigrant – die Realität Nachkriegsdeutschlands. Demgegenüber verschaffe wirtschaftlicher Wohlstand heute auch die Möglichkeit, Migranten zu integrieren, wie aus einer anderen Erzählung von Herrn Seidel deutlich wird. Aus eigener Anschauung hat er die Veränderung in seiner Heimatgemeinde geschildert, die seit Jahren Sprachförderung für Kinder mit Migrationshintergrund anbiete. Herr Seidel: Na in Renningen hat man in den 70er Jahren angefangen so’ne Sprachförderung gemacht, also zu machen. Es waren also(.) Frauen(.) weil es wär niemand anders übrig geblieben tagsüber, die dann gesagt ham ok, wir helfen denen also im vorschulischen Alter. Bevor sie in die Schule gekommen sind, hat man da über Jahre und dann auch noch in den sieben Jahren der Schule hat man die dann äh begleitet und hat denen äh versucht oder hier das Deutsche also Deutsch und äh beizubringen. Und des wurde eigentlich sehr sehr gut angenommen(.), und es war dann auch so, dass in Renningen manchmal wenn also Kinder kamen die also erkennbar noch zu oder schlecht waren in Deutsche, ne im Verstehen, dass man denen gesagt hat ok, ihr dürft in die(.) in diese Förderschule, man hat also praktisch die Leute die Kinder ein Jahr zurückgestellt, die ham(.) erst diese Sprachförderungs- durch 395 durchlaufen müssen und sind dann in die Schule rein gekommen, und so hat man natürlich auch nen gewisses Niveau(.) gleich gehabt. Ich weiß nicht dass, ob das überall war, aber das hat man irgendwann mal(.) ham nen paar Leute das erkannt, dass das nen Defizit ist, waren Lehrerinnen, die das ererkannt haben dann. Und die haben das dann(.) von sich aus gemacht, ne. Und hat eigentlich bis jetzt existiert heute noch natürlich, ja. Und bringt also ganz ganz gute Ergebnisse, ja. Gut Renningen hat genügend Geld bei, die können sich wie gesagt die können sich so was, so was leisten ne. Also überhaupt kein(.) kein Thema. Aber wie viel viel pro Einwohner sind glaub ich für 100 100 Euro Schulden und 22 Millionen auf der Bank obendrauf ne, also J (.) J (Z1243-1267). Die Möglichkeit der Integration über Sprachförderung, offensichtlich zunächst in ehrenamtlicher Tätigkeit von Frauen aus der Gemeinde übernommen, wird von ihm mit dem Wohlstand einer süddeutschen Gemeinde verknüpft. Tatsächlich steht die wohlhabende Gemeinde, in der sich die Bürger für die Integration engagieren, im Kontrast zu einer Gemeinde nach Ende des Zweiten Weltkriegs, in der„die Leute nix zu beißen“ hatten. Die Leute, die in die Gemeinde nach dem Krieg hineindrängten, waren Flüchtlinge bzw. Vertriebene. Als solche waren sie auch Manifestationen des verlorenen Kriegs, gegen die sich das Ressentiment richtete. Der„Wohlstand für alle“(Erhard 1957) in der frühen Bundesrepublik wurde in vielen Gruppendiskussionen als erlebter Gegensatz zur unmittelbaren Nachkriegszeit beschrieben. Dieser Gegensatz stammte entweder aus eigener Erfahrung oder aus der familiären Erzählung über diese Zeit. Bei Herrn Seidel rückt der Wohlstand als Begründung für die Integrationsleistung der„In-group“ in den Vordergrund, im Gegensatz zur materiellen Not in der Nachkriegszeit. Unklar bleibt, warum solidarisches Handeln an den eigenen Wohlstand gebunden ist. Die Kontexte, in denen das Wirtschaftswunder zitiert wird, sind unterschiedlich. So wird in der Gruppendiskussion in Niedernhausen das 396 Ende des Wirtschaftswunders herangezogen, um gesellschaftliche Veränderungen zu erklären: Niedernhausen In Niedernhausen erzählt Herr Stramer, dass die Kinder früher(auf dem Land) nicht straffällig geworden seien, selbst wenn diese vollständig vernachlässigt wurden. Herr Stramer: Frau Seifert: Frau Röbel: Herr Stramer Frau Seifert: Frau Röbel: Ich komm hier noch jetzt rüber, und bin ich nun schon der Älteste da, es leben von meinem Jahrgang nur noch drei Jungs da, oder zwei Jungs, ich bin der Dritte. Unterhalten wir uns immer darüber, was ist denn aus dem geworden.(Ach Mensch)[sehr tiefe Stimme] Keiner höre ich, der ist straffällig geworden. Hier. Da werden die Kinder aus den besten Familien sofort erstmal straffällig. Das würd ich mal sagen, da hab ich schon L [nuschelt] L Ein bisschen Wohlstand L ist damit schon L Wirtschaftswunder. Sind wa doch durch. J (.) J Das haben wir doch. L L Nee, nee, das hat nichts mit Wirtschaftwunder zu tun. Das, das, das[alle reden] L Nee! Der Wohl L L Sicher. Der Wohlstand des Wirtschaftswunders (Z846-859). Frau Seiferts Einwand oder Ergänzung bleibt undeutlich, weil sie nicht ausreden kann. Doch klingt an, dass der Wohlstand Menschen erst ermögliche,„straffällig“ zu werden. So führt sie kurz darauf aus, ein Apothekersohn aus der Nachbarschaft kiffe und trinke, was sie sich in ihrer Jugend gar nicht habe leisten können. Frau Röbel schaltet sich beim Thema Wohlstand mit einer Assoziation ein, eben dem Wirtschaftswunder. Die Gruppendiskussion zerfasert an dieser Stelle, weil die Teilnehmenden 397 sich mit dem Gesagten nicht mehr aufeinander beziehen. Frau Röbel hat aber mit ihrem Einfall zum Thema Wohlstand, dem„Wirtschaftswunder“, eine für sie bedeutsame Zeit angesprochen, auf die sie dann später zurückkommt. Frau Röbel: Ja. Naja, und dann hatte ich auch das Privileg und konnte zum Gymnasium gehen(.) äh meine älteren Geschwister nicht. Die haben das ja gar nicht erlebt. Da fuhr gar kein Zug, die hätten gar kein Gymnasium besuchen können und ich konnte das als erstes Kind machen und das war schon sehr gut und kam das Wirtschaftswunder obwohl meine Eltern ein Geschäft wieder aufgebaut haben, meine Mutter hat immer mitgearbeitet(Z1546-1551). Kurz darauf, als junge Frau nach der Schule und kurz vor der Hochzeit, erlebt sie die schlechten Wohnverhältnisse im Nachkriegsdeutschland. Doch im Zuge des Wirtschaftswunders verbesserten sich auch ihre Lebensverhältnisse, zu erkennen am Umzug in eine neue Wohnung: Frau Röbel: Und von da an ging’s uns eigentlich immer nur, ging’s Berg auf. Und man is so richtig da mit in den Strudel, in das Wirtschaftswunder rein gewachsen und da haben wir uns nicht viele Gedanken gemacht. Man war nicht anspruchsvoll, man war mit irgendwie zufrieden.(.)(Z1587-1590) Das Wirtschaftswunder wurde von ihr als Moment eines biografischen Wechsels erlebt, eines Umschlags zwischen zwei Abschnitten in ihrem Leben. Die erste Phase der unmittelbaren Nachkriegszeit folgte auf den Nationalsozialismus und bedeutete neben materiellen Verlusten auch den Verlust der hoch aufgeladenen Ideologie und ihrer Repräsentanzen. In der zweiten Phase, im Wohlstand, haben„wir uns[dann] nicht viele Gedanken gemacht“. Der Plural bleibt an dieser Stelle unaufgelöst, er kann sich auf sie und ihren Mann, aber auch auf die Gesellschaft insgesamt 398 beziehen, die in den„Strudel“ des Wirtschaftswunders geriet. Das Bild des Strudels enthält neben der Erlebnisqualität als etwas von außen Kommendes, nicht Kontrollierbares, auch die Idee einer Sogwirkung von etwas weg. Damit hat die Zeit des Wirtschaftswunders einen biografischen Stellenwert ähnlich der Schulerfahrung. Die individuellen materiellen Verbesserungen im Zuge des westdeutschen Wirtschaftswunders waren kein gesellschaftliches Randereignis, sondern eine geteilte Erfahrung, die bis heute als relevantes biografisches Datum neben anderen bedeutsamen Ereignissen aus der eigenen Biografie heraussticht. Dortmund „Und das is wiederum ne Frage der Elterngeneration, die sich dadurch definiert, meine Eltern auch“ Wird in Niedernhausen ein Zusammenhang zwischen Wohlstand und Jugendkriminalität ausgemacht, so wird in der Dortmunder Gruppendiskussion auf den Stellenwert des Wohlstands speziell für Kinder eingegangen. Dabei wird aus den Erlebnissen der Teilnehmenden auch die intergenerationelle Verbindung und Bedeutung von Wohlstandserfahrung deutlich. Zu Anfang der Diskussion stehen als Antwort auf die Frage:„Wie ist das, hier in Dortmund zu leben?“, die Einkaufsmöglichkeiten im Ballungsgebiet von Rhein und Ruhr im Vordergrund. Mit der Bedeutung, den die Konsummöglichkeiten haben, wird zunächst indirekt auch der eigene Wohlstand angesprochen. Darauf wird in der Gruppendiskussion immer wieder eingegangen. Dass diese Teilhabe am Wohlstand auch generationelle Aspekte hat, wird mit einem Konflikt angesprochen, den Frau Wagner berichtet: 399 Frau Wagner: Meine Kinder sind natürlich auch so, die wollen unsern Lebensstandart möglichst(.) mindestens mal leben ne. Mein Sohn denkt, also wo er jetzt mal gehaltl- vom Gehalt her einsteigt ne, wünsch ich ihm noch er is noch nich fertig er ist kurz vor der Diplomarbeit ne. Aber dann sagt mein Vater immer muss das denn sein dass er das macht, ihr fahrt in Skiurlaub, ihr fahrt da hin ihr fahrt da hin. Dann sagt mein Sohn, guck mal Opa wie lebst du denn, du hast nen Mercedes die Mami hat’n Kleinwagen, ihr fahrt, fünfmal im Jahr in Urlaub (Z1342-1348). Diese Einlassung bereitet die Erörterung dessen vor, was man Kindern noch bieten könne. Die Gruppe kommt auf den Stigmatisierungsdruck zu sprechen, der auf den Kindern laste, die nicht Produkte mit entsprechender Gruppen-Anerkennung tragen. Frau Wagner: Herr Wernecke: Herr Winkler: Frau Wagner: Herr Winkler: Frau Wagner: Das is auch so’ne Sache unter den Kindern jetzt, von armen und von reichen Leuten ne. Was die von Reichen die Armen immer so unterdrücken ja wat haste nur wat haste für Klamotten an oder L die L °(Jaja)° die nichts haben, die versuchen dann wenn dat so’n so’n schwächlicher Junge zum Beispiel is, die versuchen dann dem die Klamotten dann wieder ab zu nehmen, weil weil se selber nix haben. Dat is auch so ne Sache dat is Das is aber keine Sache des Kindes, L das is ne Sache des Selbstbewusstseins. Ich kann L Nee nee, das is ne Sache der El(.) ja sicher auch einem mit einem niedrigen Einkommen meinem Kind nen gewisses Selbstvertrauten mit vermitteln. Du bist jemand auch mit Aldi Sachen, du bist jemand auch mit irgendwelchen No Name Schuhen, ich bin ja nich nur jemand weil ich mich durch meine Garderobe definiere. Ich muss von mir aus so stark sein, dass ich mich irgendwie nach außen präsentieren kann, als der Mensch oder die Rolle die ich in in der Gesellschaft verkörpere aber nich nur(.) mit L mit Statutssymbolen 400 Herr Winkler: Frau Wagner: Herr Winkler: Frau Wagner: Herr Winkler: Frau Wagner: Herr Winkler: Frau Wagner: Frau Meier: Herr Winkler: L Nee [räuspern] aber auch nackt muss ich ja noch jemand sein L und nicht nur hier zeigen ähm ne überall solche Labels. L Jaja das muss man ja auch noch Und das is wiederum ne Frage der Elterngeneration, die sich dadurch definiert, meine Eltern auch. Wenn meine Mutter hier, Aigner, Joop he dann findet sie dann können die andern sehen, hey L wir ham’s wir ham’s erreicht im Leben ne. L Nicht Nein nein Ich sag wenn ich hier hinten, wat weiß ich Prada oder sonstige Sachen drin stehen hätte hätte da is dat meine Sache. Dann weiß ich, ich hab vielleicht nen Kaschmirpulli an reicht mir dann aber das ich das weiß. Wogegen meine Mutter aus der anderen Generation kommend das aber wichtig findet dass die andern Leute sehen sie hat’s auch geschafft. Naja(.) nur dass L sich das die L Kinder denn sich untereinander denn so L Streitthema L J (.) J (.) keppeln, und wenn einer nich stark genug is gegenüber den andern der schafft es einfach nich dagegen anzukommen. Das is dann ne Ausrede ne, und das sie den dann trotzdem immer noch hänseln(.).(Z1460-1496) Frau Wagner erzählt als ‚Kind des Wirtschaftswunders‘ von der Differenz zu ihren Eltern, die zu Kriegszeiten aufgewachsen seien(Z1324, und den„Probleme[n][…] der jetzigen Kinder“(Z1325). Vor diesem Hintergrund offenbart sich sowohl der Stellenwert des Wohlstands als auch der Dokumentation des Wohlstands. Damit erhält die heutige wirtschaftliche Deprivationserfahrung eine weitere, spezifisch deutsche Aufladung. Wie in Niedernhausen wird der Wohlstand im Kontrast zu der Zeit nach dem verlorenen Angriffs- und Vernichtungskrieg gesehen. Gleichzeitig wird die Notwendigkeit angesprochen, sich der Teilhabe zu versichern. Dieser Wunsch, den Wohlstand zu dokumentieren und damit auch durch andere 401 den eigenen Wohlstand gespiegelt zu bekommen, besteht sowohl bei den Eltern als auch bei den Kindern von Frau Wagner, wie sie an anderer Stelle ausführt. Sie selbst nimmt zwar in Anspruch, dass sie die Spiegelung nicht braucht(„wenn ich hier hinten[…] Prada[…] drin stehen hätte[…] da is dat meine Sache“(Z1409f.), aber die Freude an Wohlstandsgütern wird auch von ihr damit erwähnt. An diesen historischen Bezug, den Frau Wagner mit dem Verweis auf ihre Eltern begonnen hat, schließt Herr Wernecke an: Herr Wernecke : Da das ist richtig anderer andererseits waren Ende der 40er Jahre, als ich in die Schule ging oder in der ersten Hälfte der 50er Jahre war natürlich das soziale Gefälle auch sehr groß. Da gab’s ne hohe Arbeitslosigkeit, es gab die sogenannten Neureichen, die dann 1948 äh sehr schnell wieder wohlhabend wurden und wer die Norm für die normale Bevölkerung hat’s ja immerhin bis da ging eigentlich die Wohlhabenheit oder die das Bes das Bessergehen ging los ab der zweiten Hälfte der 50er Jahre und(.) dann in den 60er Jahren ok, da muss ich sagen da hat sich das Wirtschaftswunder äh damals ausgewirkt(Z1573-1580). Vor dem Wirtschaftswunder der 1950er und 1960er Jahre herrschte eine klare Trennung zwischen arm und reich. Die Wirtschaftswunderjahre im westlichen Nachkriegsdeutschlands ermöglichten vielen Deutschen die Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum,„Wohlstand für alle“(Erhard 1957) war das Versprechen, das im Kontrast zur herrschenden Armut nach dem verlorenen Krieg realisiert wurde. Wirtschaftlicher Wohlstand steht in Deutschland in einem historischen Bezugsrahmen: dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Diese Bedeutung wird akzentuiert rekonstruierbar in derselben Gruppendiskussion durch die Biografie von Frau Meier. 402 Wohlstandsversprechen:„Mein Vater der hat sich 60er Jahre erst das erste Auto gekauft und äh da lief dat alles von da ab lief et eigentlich noch besser ab“ Frau Meier aus Dortmund ist eine sehr engagierte Diskutantin. Sie äußert sich häufig in der Gruppendiskussion und ist dabei rege beteiligt. Sie hat eine hohe affektive Beteiligung und sie bringt auch das Thema„Ausländer“ in die Gruppe ein(vgl. Kapitel 5.1), wobei sie damit der zuvor als nicht-rechtsextrem eingeschätzten Gruppe einen für die Moderatoren unerwarteten Akzent gibt.(Den Einfluss, den eine Person mit manifester ausländerfeindlicher Einstellung auf die Gruppenmeinung nehmen kann, soll hier nicht untersucht werden, er war oben Gegenstand der Untersuchung.) Interessant ist an den Zitaten von Frau Meier, inwieweit sich Aussagen zur wirtschaftlichen Lage mit biografischen Erfahrungen und ausländerfeindlichen Ressentiments verbinden lassen. Die„Aufbauzeit“ wird Frau Meier mit einem fast wehmütigen Blick zurück beschrieben: Frau Meier: Herr Winkler: Frau Meier: Ne vor allen Dingen weil ja damals zu dieser Zeit war alles im Aufbau, da war ja sag ich mal nich so, dass man äh dass man äh(.) vor allen Dingen man hatte auch kein Auto in dem Sinne mein Vater der hat sich 60er Jahre erst das erste Auto gekauft und äh(3) da lief dat alles von da ab lief et eigentlich noch besser ab(.) ne. Aber man war dann(solange)(...) auch in dem Alter, wo man dann äh eigene Interesse hatte und weg ging bei uns war’s früher da war in jedem sag ich mal Restaurant die hatten große Säle dabei da war jedes Wochenende Tanz, is egal wo man hinging. Und heute ham wir in Dortmund überhaupt nichts mehr die die Säle wurden alle. L oder die meisten äh Gebäude L °(Nichts mehr)° wurden abgerissen(Z1158-1169). Frau Meier beschreibt, wie in den 1960er Jahren als sichtbares Kennzeichen des Wohlstands der Vater ein Auto gekauft hat. In der Formulie403 rung„da lief dat alles von da ab lief et eigentlich noch besser ab“ klingt ein vermeintlicher Automatismus an, der hinter dem Wiederaufbau steckte und Wohlstand in die Familie brachte. Am Ende wird bereits deutlich, dass der Automatismus jedoch an irgendeiner Stelle unterbrochen worden ist, es bleibt allerdings noch unklar, wodurch. Wenden wir uns der Biografie von Frau Meier zu. In der Vorstellungsrunde führt Frau Meier sich als letzte in die Runde ein. Auf die Frage: „Wie ist es, hier in Dortmund und Umgebung zu leben?“, antwortet sie: Frau Meier:(...) ich bin(.) also erstma Frau Ilse Meier, Gebürtige aus Breslau, ich bin Vertriebene, als die Russen bei uns damals reinkamen musste man das heisst mein Vater war bei den Soldaten und meine Mutter meine Schwester die war bei ner Lehrersfamilie und als die Russen bei uns reinkamen[rauschen] ging das alles ziemlich schnell musste meine Mutter mit mir und meinem Bruder raus aus Breslau, und äh(.) wir hatten nichts nur das was wir anhatten, und m-meine Tante die hatte da(.) aus(.) Torgau[…] äh ne Nachricht hinterlassen äh dass wir bei ihr unterkommen können, aber wir mussten über eine Grenze das heisst wir sind über Schienen gelaufen wir sind durch äh Wälder gelaufen, mit äh Zügen gefahren auf Waggons und so weiter und so fort und dann sind wir in äh Torgau angekommen bei meiner Tante, da hatten wir erstmal zwei kleine Zimmer, aber Hauptsache wir hatten erstmal Dach überm Kopf und der Winter der war damals(.) so hart, und(.) wir ham dann jedes Stückchen Holz obwohl man das damals nicht durfte jedes Stückchen Holz gesammelt um ne warme Stube zu haben; so mein Bruder und ich wir sind dann schräch gegenüber zu einem Bauer gegangen; der hat uns dann schon mal n paar Kartoffeln oder was so an Gemüse war mitgegeben. Wir hatten ja überhaupt nichts wir hatten kein Geld gar nichts und äh da war mein Mutter froh, dass wir von dem Bauer hin und wieder was krichten. naja und dann kam irgendwann mein Vater aus der Gefangenschaft, und dann ging’s los wo ist meine Schwester, die hat dann mein Vater über’s Rote Kreuz gesucht(1) und auch gefunden; und die war noch bei der Lehrersfamilie 404 wo die vorher war als die Russen bei uns rein kamen, die ham die dann versorcht mitgenommen und mein Vater hat sie dann zu uns geholt(Z125-148). Frau Meier beginnt mit ihrer Herkunft und dieser Einstieg unterscheidet sich von den Informationen, die die anderen Gruppenmitglieder gegeben haben. Es werden von ihr nicht nur sehr viele Informationen gegeben, die Informationen sind auch durch eine emotionale Beteiligung begleitet, die deutlich macht, dass die geschilderten Erlebnisse noch heute sehr bedeutsam für Frau Meier sind. Wie bei Frau Röbel aus Niedernhausen wird auch bei Frau Meier deutlich, welche singuläre biografische Bedeutung das Erleben der Nachkriegszeit hatte. Die Reaktion der anderen Teilnehmenden auf diese relativ lange und durch Selbstoffenbarung geprägte Passsage war Schweigen und dann der Wunsch an die Interviewenden, sie mögen das Gespräch durch ein neues Thema zum Laufen bringen. Die Teilnehmenden sind sich bisher unbekannt gewesen, was das Maß der Selbstoffenbarung und die Überforderung der Gruppe durch sie deutlich macht. Inhaltlich berichtet Frau Meier in sehr komprimierter Form von ihren ersten Kindheitsjahren, die unter dem Eindruck der Flucht aus Breslau stehen. Sie stellt sich selbst als„Vertriebene“ vor und gibt diesem Umstand damit eine für ihre Person zentrale Bedeutung. Dies gilt auch für die weiteren Erlebnisse. Sie schildert einmal die aus heutiger Sicht als traumatisch zu beurteilenden Erlebnisse, den Verlust der Schwester, die Flucht, die Abwesenheit des Vaters, wie auch die Armut, die ihr Leben zum damaligen Zeitpunkt prägte. Frau Meier: Als wir ankamen, gegenüber war n Bunker, da mussten wir dann rein für nen paar(.) Wochen, dann mussten wir wieder umziehn in nen andern Bunker, und dann krichten wir(.) ähh (.) ne Hüttenwohnung, da wurden kurz nach=m Krieg ja die ganzen Hüttenwohnungen gebaut und da krichten wir dann auch ne Wohnung, nur die war noch nich ganz fertig da tropfte 405 das Wasser vom Regen und das war dann auch so im Winter(.) (Z151-157). Obwohl er deutlich später kommt, schließt sich der oben zitierte Abschnitt inhaltlich an: Der Wohlstand des Vaters, der Kauf des Wagens, die neu gewonnene Lebensqualität und-freude stehen im deutlichen Kontrast zu den Erlebnissen der frühen Kindheit. An diesen Wohlstand der Familie schloss sich auch ein bescheidener wirtschaftlicher Aufstieg an, als Frau Meier heiratete. Sie machte sich mit ihrem Mann selbstständig. Frau Meier: Dann warn wir zwischendurch selbstständig(.) na ja und äh da ich immer alles gemacht hab, mein Mann der brauchte immer nur überall sein Wilhelm drunter setzen, der hat immer gesagt du regelst das du machst das, na ja und so is es auch bis heute(Z162-165). Später in der Gruppendiskussion ergänzt sie: Frau Meier: Klappte auch prima sehr viel zu tun nur der Hauseigentümer wo wir den Laden hatten(.) der hatte nämlich an und was gegen Kinder die Kinder dürfen nichts und jetzt auf einmal noch mehr Miete haben und dann ham wir den Laden dran gegeben und ham das privat weiter gemacht.[...] Dann hat mein Mann[…] als Fahrer Herrenfahrer angefangen und ich hab dann das Geschäft weil wir ja auch viele Kunden noch hatten die hab ich dann weiter gemacht hab[…] Nur als mein Mann nachher starb[…] wurde mir nachher zuviel[…] und dann hab ich denn nur noch zurückgestellt […]aber ansonsten geht’s mir ganz gut(Z1063-1083). An den bescheidenen Wohlstand und die Selbstständigkeit schloss sich zunächst eine Zeit der abhängigen Beschäftigung des Mannes an. Nach dem Tod des Ehemanns habe Frau Meier dann auch die selbstständige Tätigkeit eingeschränkt. Sie berichtet auch, dass der Kontakt zu ihren beiden Söhnen nach einem Streit abgebrochen sei. Insgesamt erweckt sie, 406 im Gegensatz zum letzten Halbsatz, nicht den Eindruck, dass es ihr gut geht. Die Beiträge lösen wegen der Leidensgeschichte eher Anteilnahme aus, die allerdings durch das häufig aggressive Auftreten Frau Meiers im Verlauf der Diskussion abnimmt. Von ihrem Vater, der bereits als zentrale Figur eingeführt worden ist, berichtet Frau Meier einen Erziehungsstil, der es notwendig machte, sich ihm und seinen Anordnungen zu unterwerfen. Frau Meier:[…] und hab ich auch dann den Führerschein gemacht ich musste oder mein Vater hat uns dann vorgeschrieben was wir lernen sollten mein Bruder der musste Elektriker lernen, obwohl der was ganz anderes machen wollte der andere auch meine Schwester wollte zum Frisör gehen die musste in ne in ne Hauswirtschaftsschule gehen, und ich musste Verkäuferin lernen hat mir zwar auch nicht gepasst aber was wollt ich machen naja und dann hab ich meine drei Jahre(.) Ausbildung gemacht und(3) na dann ging das immer so weiter (Z1049-1056). Der Vater von Frau Meier hatte einen Erziehungsstil, der als autoritär bezeichnet werden kann. Was seine Tochter oder ihre Geschwister gerne aus ihrem Leben machen wollten, war bei der Entscheidung über ihren Lebensweg nicht relevant. Dieser Erziehungsstil war auch durch schwere körperliche Züchtigung geprägt, die in der Gruppe auch von anderen erlebt und geschildert wird(vgl. Kapitel 5.2). So geben bis auf Frau Wagner, die jünger als die anderen Teilnehmenden ist, alle an, in ihrer Kindheit heftig und zum Teil mit Gegenständen geschlagen worden zu sein. Die körperliche Gewalt erfuhren die Teilnehmenden von Lehrern und Eltern und legitimieren sie nun im Rückblick: Frau Meier: Herr Wernecke: Frau Meier: Herr Wernecke: Aber wer wem hat das geschadet? keinem und heute(.) dürfen se nich mal nen Lehrer L J (.) J () schief angucken da heißt es gleich zeig den an L Ja Ja genau also 407 Frau Meier: Herr Wernecke: Herr Winkler: Herr Wernecke: Frau Meier: Herr Wernecke: oder Vater und Mutter wenn die nen Kind hauen ich mein man schlägt ja nicht ne Kind ohne Grund;(3) ne#01:07:11# L [niesen] ᴹ L Ohrfeigen(war normal) Das war normal damals L Ja(2) heute? L Ja(Z1244-1256). Frau Meier berichtet nicht nur von einem autoritären Erziehungsstil ihres Vaters, der keinen Raum für die Entwicklung eigener Lebensziele ließ, sondern strikte Unterordnung verlangte. Auch hatte die traumatische Erfahrung der Flucht und der zeitweilige Verlust der Schwester keinen Raum in der Familie. Sie gibt stattdessen auch körperliche Gewalt als Kindheitserfahrung an und legitimiert diese. Nicht nur weist sie darauf hin, dass die erfahrene Gewalt„normal“ gewesen sei, sondern sie behauptet,„Vater und Mutter“ schlügen ein Kind nicht ohne Grund. Diese rückwirkende Legimitation fußt auf einem Mechanismus, der als Identifikation mit dem Aggressor bezeichnet werden kann. Das abhängige Kind und auch die spätere Erwachsene schützt den Vater oder spätere Autoritätspersonen davor, als ein schlechter Vater zu erscheinen, indem die Gewalt legitimiert wird. Während sich die anderen Teilnehmenden im Verlauf der Gruppendiskussion von diesen Erziehungspraktiken ihrer Eltern mehr oder weniger distanzieren, wird bei Frau Meier deutlich, dass sie sich bis heute mit ihrem Vater identifiziert. Der Vater aus der Zeit des Wirtschaftswachstums forderte Unterwerfung und erhält sie auch bis zum heutigen Tag. Von Wut oder Enttäuschung über die, zwar angedeuteten, aber nicht eingeforderten eigenen Wünsche und Erwartungen an das Leben, ist in Bezug auf den Vater nichts zu merken. Beim Interviewer stellte sich, wie oben bereits erwähnt, zunächst Mitgefühl ein, das jedoch verschwand, als Frau Meier an anderer Stelle große Wut und Aggression zeigt. Dabei hat sie wie erwähnt große Ressentiments gegen Ausländer(vgl. Kapitel 5.1): 408 Frau Meier: Jetzt ham wir sehr viel Türken in Dortmund. Ich hab nichts gegen Ausländer is egal wo die herkommen schwarz oder weiß aber die nehmen sich bei uns Sachen rauf raus, was wir nicht dürfen. Die parken mitten[schlägt leicht auf den Tisch] auf der Strasse, die quaken auf der Ecke[schlägt auf den Tisch], die bleiben stehn die unterhalten sich wenn man dann hupt dann wern se noch frech.(.) Wenn die Polizei kommt oder gerufen wird un die sehn die Türken dann hauen die gleich ab.[schlägt erneut auf Tisch](1) Und es is ganz schlimm bei uns in Dortmund, die nehm Überhand die kaufen jedes Geschäft auf die kaufen jedes Haus was leer wird auf, also ich würde sagen wir ham bald zu 80 Prozent nur noch Türken.(1) Ich mein es gibt unter den Türken genauso oder unter den Deutschen genauso welche wie(.) ne also man soll se nich alle unter einen Kamm scheren aber äh des is nich mehr schön.(.) Da sin so richtige äh äh Ghettos wo die dann wohnen un die meinen überall ham se Rechte und und äh sie dürften sich eben alles erlauben, wollen wir da ins Land fahren, wir müssen uns danach richten, denn wenn wir das machen würden was die sich hier leisten, J ich glaub wir kämen da gleich in Bau J . Und die gehen ja dann immer gleich mit Messer un alles auf die Leute zu.(2) Ne ja ja und (.) na ja heute sind wir hier(7)(Z187-203). Diese ausbrechenden Ressentiments gegen Migranten zeigen sich wiederholt in der Gruppendiskussion. Die Stärke des Affekts von Frau Meier führt dazu, dass auch die anderen Teilnehmenden nach und nach Ressentiments zu erkennen geben. Frau Meier gelingt es also zu einem gewissen Grad, in der Gruppe einen ausländerfeindlichen Konsens zu stiften: Frau Meier: Aber ich muss mich nur wundern die Türken bei uns, die gehen nich arbeiten, ich seh immer die gleichen auf der Strasse ob das morgens mittags oder abends is die gehen nich arbeiten. Fahren aber sie fährt n dicken BMW, er fährt n dicken Mercedes haben n Haus(.). Ich weiß nich wie die dat machen, wo die dat Geld her holen ob dat alles mit Hasch und wat weiß ich geht, ich weiß es nich.(....) Ja man muss sich 409 Frau Wagner: Herr Winkler: Frau Meier: Frau Wagner: Herr Wernecke: Frau Meier: Herr Winkler: Frau Wagner: Herr Winkler: doch überhaupt manchmal wundern L wie die Nationalitäten das L machen ne L Ja L N n Pole war das Gehn nich arbeiten L bloß in Dortmund auf de Fußgängerzone; L morgens schon(.) ab L °dubiose Geschäfte° L Richtig neuen Uhr L sitzen nur noch Türken(.) im Cafe(.) oder draußen auf de Strasse also(.) Wahnsinn L Mafia stecken mir dat zu und dann müssen se L L Schutzgeld(2) ne Jaja(Z815-836). Die Affekte gegen Migranten, insbesondere gegen Türken, sind bei Frau Meier so ausgeprägt, dass diese zum Teil nicht mehr legitimiert werden müssen. Bereits dass sie die„schlimmsten Umgangsleute“ seien, reicht als Begründung für ihre Ablehnung aus. Frau Meier: das dat alles so(.) sag mal weil sich das jetzt alles bei uns abspielt;(.) man kommt ja in die weiten Länder kommt man nach China oder(.) wat weiss ich kommt man ja(.) kaum(.) war ich jedenfalls noch nicht aber äh ich nehme jetzt immer nur hier sag ich mal so hier die Türken sind für mich die schlimmsten Umgangsleute für mich jetzt persönlich; ich hab nichts gegen die, wenn die sich vernünftig(.) benehmen is dat alles ok aber wenn die außer der Art(.) gehen dann äh dann seh ich dat nicht mehr für normal(Z1731-1735). Diese„schlimmsten Umgangsleute“ sind in der Wahrnehmung besonders problematisch, weil sie alles haben: Autos, Häuser und sie arbeiten dafür nicht einmal mehr. Der heftige Affekt, der sich gegen die„Türken“ richtet, kann auch auf andere Menschen gerichtet werden: 410 Frau Meier: Der Lebens(.)standart ist für uns teuer geworden für die für den kleinen Mann der nen paar Mark nur ha, da is dat nich teurer geworden nur für die da oben die Tausende im Monat verdienen. Dann kriegen se noch Viagra vom Arzt (.) umsonst dann kriegen(.)[schnauft schwer](Z663-666). Es fällt ins Auge, dass sich für Frau Meier zunächst die Türken, aber später auch alle anderen, bei denen sie den Verdacht hat, dass sie ein gutes Leben ohne Arbeit haben, als Objekt ihrer Wut anbieten. Diese haben in der Vorstellung von Frau Meier Häuser, Autos, Geld, Drogen, Viagra und machen, was sie wollen. In diesem starken Neidaffekt wird den„Türken“ das zugeschrieben, was sie sich versprochen hat oder Wünsche mit ausmacht. Dass dabei die in Kapitel 5.2 beschriebene autoritäre Aggression hier noch einmal Erwähnung findet, hängt auch damit zusammen, dass diese Aggression dem auch in anderen Gruppendiskussion sichtbaren Stellenwert des Wohlstands eine besondere Anschaulichkeit verleiht und auch sichtbar macht, was freigelegt wird, wenn das Versprechen auf Wohlstand nicht eingelöst wird. Berlin-Bohnsdorf Abschließend wird noch einmal ein Motiv aus Berlin-Bohnsdorf aufgegriffen, das im Zusammenhang mit der Befürwortung einer Diktatur und antidemokratischen Einstellungen bereits behandelt worden ist(vgl. Kapitel 5.2). Ähnlich wie Frau Meier in Dortmund werden von den Teilnehmenden in Berlin-Bohnsdorf gute Lebensumstände, die die Teilnehmenden nie hatten oder nicht mehr haben, bei anderen vermutet. Diese in der Gruppendiskussion entstehenden Figuren werden so projektiv zum Träger eines bei den Teilnehmenden nicht eingelösten Versprechens und ziehen dafür die Aggressivität und das Ressentiment auf sich. Berlin-Bohnsdorf ist an dieser Stelle noch einmal interessant, weil in die411 ser Gruppendiskussion die Verbindung von nicht eingelöstem Wohlstand und dem Nationalsozialismus von den Teilnehmenden gezogen wird. Die Kränkung, die mit der nicht gelungen Teilhabe am gesellschaftlichen Wohlstand verbunden ist, richtet sich wie bei Frau Meier als Aggressivität auf diejenigen, bei denen dieser Wohlstand vermutet wird. Aus dieser Wut heraus wird ein„ganz großer Knall“(Z1516) herbeigewünscht. Wie dieser aussehen kann, wird ebenfalls ausgemalt, wodurch die durch den Wohlstand im westlichen Nachkriegsdeutschland verdeckte Kränkung wieder zutage tritt: Herr Frank: Herr Randstedt: Herr Frank: Herr Mischke: Ey wat, er hat sich er er konnte reden, er hat die Massen verblendet, denn hat er seine Göbbelschnauze gehabt und bup die Autobahn gebaut, alle hatten se auf einmal Arbeit nach der Depression L der der der hat die Leute erstmal an sich rangezogen. Der hat L Wenn andere Staaten die gebunden. L (.) Die haben Geld verdient, die konnten sich wat zu Essen kaufen L Wenn andere Staaten nicht blocken würden, würde dit hier wieder passieren. Wir sind ja bald wieder so weit, wir schreien ja nach[Herr Frank: Ja, ja] jemanden, der hilft. Is ja klar(Z2556-2563). Zwischenresümee Aufgrund der Untersuchungsergebnisse zum Verhältnis von Wohlstand und Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit soll eine These zum Stellenwert des wirtschaftlichen Aufschwungs in Westdeutschland nach 1949 formuliert werden: Die Herausbildung rechtsextremer Einstellungen unter wirtschaftlich schlechten Bedingungen in Deutschland lässt sich als narzisstische Plombe deuten. In der Gruppendiskussion in Dortmund sind sowohl gelungene narzisstische Kompensationen in der Familie von Frau Wagner sichtbar geworden, wie auch der Verlust der 412 Teilhabe am Wohlstand im Fall von Frau Meier. Auch in anderen Gruppendiskussionen ist die Verbindung von wirtschaftlichem Aufschwung der Nachkriegsjahre, narzisstischer Gratifikation durch diesen und einer drohenden narzisstischen Kränkung durch den Wohlstandsverlust in der Gegenwart sichtbar geworden. Außer der Identifikation mit dem Aggressor blieben für Frau Meier und ihre Zeitgenossen in vergleichbarer Situation wenige Entwicklungsmöglichkeiten. Die Teilhabe am Wohlstand als Gratifikation für die Unterwerfung gelang in ihrem Fall aber dennoch nicht. Die Reaktion auf die „Türken“ lässt sich auch im Sinne einer autoritären Aggression bewerten, die sich gegen diejenigen richtet, die es vermeintlich besser haben. Verstärkend wirkt, dass im Hinblick auf die Wahl der ‚Ausländer‘ als Sündenböcke – also derjenigen, auf die sanktionslos getreten werden kann, um das Bild der„Radfahrernatur“(vgl. Kapitel 5.2) wieder aufzugreifen – bei großen Teilen der Bevölkerung ein Konsens herstellbar ist. Mit beiden Interpretationen schließen wir inhaltlich an die damalige Zeitdiagnose von Mitscherlich& Mitscherlich(1967) an: Sie schrieben damals über die„Unfähigkeit zu trauern“. Wir wollen allerdings nicht nur das Motiv der narzisstischen Kränkung aufnehmen, sondern eine Perspektive eröffnen, wie das damals mit der Zeitdiagnose Bezeichnete heute fortwirken könnte. Der in dieser Studie verwendete Begriff der Trauer verweist auf die psychoanalytische Theorie. In Anlehnung an Sigmund Freud ist eine gelungene Trauerreaktion, etwa auf den Tod eines geliebten Menschen, also in der Sprache der Psychoanalyse auf den Verlust eines inneren Objekts: „ein langsames Ablösen von verlorenen Objektbeziehungen.“(ebd., 83). Eine gelungene Trauerreaktion zeichnet aus,„die definitive Veränderung der Realität durch den Verlust des Objekts zu akzeptieren.“(ebd., 80). Von dieser psychoanalytischen Vorstellung über die Reaktion auf einen Objektverlust schlagen die Autor/innen die Brücke zur Gesellschaft. Das 413 Objekt, das die Deutschen verloren haben, ist – so Mitscherlich& Mitscherlich – ihr Größen-Selbst. Sie schließen damit an eine Formulierung von Sigmund Freud an, der für die Nationalismen vom„Narzissmus der kleinen Differenzen“ gesprochen hat und damit bereits darauf hingewiesen hat, dass Gesellschaften ihren Mitgliedern verschiedene Möglichkeiten der Selbstwertregulation anbieten. Die nationalsozialistische Ideologie vom„Arier“ als„Übermenschen“ und der Nationalsozialismus als soziale Bewegung riefen ein Größenerleben hervor, dass als kollektiver Narzissmus bezeichnet werden kann und dessen Verdichtung von Mitscherlich& Mitscherlich in der Figur des„Führers“ gesehen haben. „Als Anlass zur Trauer wirkt[…] vor allem das Erlöschen seiner Repräsentanz als kollektives Ideal. Er war ein Objekt, an das man sich anlehnte […]. Sein Tod und seine Entwertung durch die Sieger bedeutete auch den Verlust eines narzisstischen Selbst und damit eine Ich- oder Selbstverarmung und-entwertung“(Mitscherlich& Mitscherlich 1967, 34f.). Dieser Führer trat„an die Stelle des Ich-Ideals jedes Einzelnen, jenes seelischen Selbstbildes, das von den kühnsten Phantasien über eigene Bedeutung, Vollkommenheit und Überlegenheit[…] gekennzeichnet wird. Indem ich dem Führer folge, verwirkliche ich ein Stück dieses phantasierten Ich-Ideals“(ebd., 71f.). Der verlorene Krieg und die in den zerstörten Städten sichtbare Konsequenz des Scheiterns der Größenphantasie war nach Mitschlerich& Mitschlerichs Verständnis mehr als nur ein äußeres Ereignis. Sie wiesen auch auf die psychischen Folgen hin, den Absturz von einem Größenerleben zur Niederlage, die sie als schwere Kränkung des Selbstwerts verstanden haben. Dieses Selbstwerterleben wurde von ihnen mit dem Begriff des Narzissmus bezeichnet und eine Unfähigkeit konstatiert, die narzisstische Kränkung des verlorenen Kriegs auszuhalten. In unserem Zusammenhang ist es wichtig, auf den Zusammenhang der Abwehr der narzisstischen Kränkung und den Wiederaufbau hinzuweisen. Der nun eigentlich anzuerkennende Verlust dieses idealen Größen-Selbst wird 414 durch den Wirtschaftsaufschwung überdeckt. Es war zudem nicht nur ein ideales Größen-Selbst zu betrauern, sondern auch der Vernichtungskrieg und der von den Deutschen organisierte Holocaust anzuerkennen. Die Niederlage der Deutschen hat nach Ansicht von Mitscherlich& Mitscherlich nicht nur den Verlust des„Führers“, der an die Stelle des Ich-Ideals getreten war, und damit ihres Größen-Selbst bedeutet. Sie hätten auch die Schuld anerkennen müssen, die auf Deutschland infolge des Vernichtungskriegs lastet. Als Mechanismen, die den Deutschen geholfen hätten, der Selbst-Aufgabe zu entgehen, nennen die Autoren unter anderem: den Abzug aller seelischen Energien, mit denen sie Hitler verehrt und ihre „Pflicht“ erfüllt hätten, die Verleugnung der Verbrechen, die Derealisierung ihrer Erlebnisse, die Externalisierung der Schuld zum Beispiel durch das Abschieben auf Hitler, die Aufrechnung der eigenen Verbrechen mit fremder Schuld sowie die Identifizierung mit den Siegern. Man habe sich nur als bedauernswerte und zu unrecht angeklagte Opfer gefühlt. Dass bis heute bereits die Thematisierung der nationalsozialistischen Verbrechen von zahlreichen Deutschen als Anklage empfunden wird, gegen die sie sich verteidigen, darauf weist ebenfalls die Studie von Welzer et al.(2002) hin. Auch lässt sich diese, teils ungebrochene, Bedeutung der NS-Vergangenheit als narzisstische Kränkung bei nicht-jüdischen Deutschen über mehrere Generationen hinweg noch bis heute nachweisen(vgl. Rothe, im Druck). Nach unserer Interpretation wurde die narzisstische Kränkung durch die entsprechende Gratifikation aushaltbar, die der Aufschwung der Nachkriegsjahre bedeutete. Dies gelang wahrscheinlich auch, weil die Rückversicherung über wirtschaftlichen Wohlstand nicht ohne historische Vorläufer in Deutschland ist. Wie Max Weber bereits beschrieben hat, hat der Wohlstand als sichtbares Zeichen der Gnade Gottes für den Menschen im Protestantismus seine kulturellen Wurzeln(Weber 1904/1905). Nach der Logik, dass an einem verdorrten Baum auch keine Früchte wachsen, wurde der Wohlstand bereits im Kernland der Reformation zur Rückver415 sicherung, an der(göttlichen) Gnade teilzuhaben. An diese historischen Wurzeln konnte der narzisstische Kompensationsversuch durch Wohlstand in Nachkriegsdeutschland wahrscheinlich anschließen. Die dadurch überdeckte Kränkung des Verlusts des Größen-Selbst entfaltet ihre Wirkung in dem Moment, indem diese Kompensation verloren geht. Eine Untersuchung der Gruppendiskussionen auf dieses Motiv des wirtschaftlichen Wohlstands als eine ‚narzisstische Plombe‘ erscheint vielversprechend. Dabei wird auch noch ein Licht auf die unterschiedlichen historischen Phasen in Ost- und Westdeutschland geworfen. Die Euphorie der Wende wird nicht allein aus der Begeisterung für ein demokratisches System gespeist worden sein, sondern aus dem Versprechen der Teilhabe„an blühenden Landschaften“. In Aussicht gestellt wurde nicht mehr und nicht weniger, als die narzisstisch kompensierende Teilhabe am Wohlstand, der in Westdeutschland seit 40 Jahren die Kränkung des verlorenen Kriegs verdeckte. Vergleichbares gelang der DDR Zeit ihres Bestehens nicht. Das Ausbleiben der narzisstischen Plombe durch die wirtschaftliche Entwicklung nach der Wende kann ein Grund dafür sein, dass in Ostdeutschland rechtsextreme Handlungen(Gewalttaten, Wahlentscheidung, Beteiligung an Demonstrationen) im Verhältnis zum Bevölkerungsanteil häufiger festzustellen sind, wenn auch in Ost- und Westdeutschland die rechtsextremen Einstellungen – regional unterschiedlich – ähnlich stark ausgeprägt sind. Diese Überlegung impliziert ebenfalls eine transgenerationelle Weitergabe der narzisstischen Kränkung sowie die Abwehr von Schuld und Scham, wie sie in psychoanalytisch orientierten Studien vielfach aufgezeigt wurde. Dieser Befund einer narzisstischen Plombe kann auch ein Licht auf eine Ursache für die relative Unfähigkeit werfen, Demokratie als eigenes Projekt zu begreifen, wie auch die hohen Ablehnungswerte zur Demokratie in Deutschland, wie wir sie in unserer Studie von 2006 beobachtet haben. Viele Teilnehmende an den Gruppendiskussionen können Demokratie nicht als eigenständigen Wert eines freiheitlichen Staatssystems 416 verstehen und wir haben bereits an dieser Stelle(5.2) die Vermutung geäußert, dass es sich hierbei auch um ein intergenerationell weitergegebenes Unvermögen handelt. Trifft die Zeitdiagnose von Alexander und Margarete Mitscherlich zu, dann trat an die Stelle des„kollektiven Narzißmus[…] der durch den Zusammenbruch des Hitlerregimes auf schwerste geschädigt worden[ist][…] der wirtschaftliche Aufschwung, das Bewusstsein, wie tüchtig wir sind[…]“(Adorno 1959, 563/564). Demokratie wurde akzeptiert„weil es einstweilen unter der Demokratie zu gut geht“(Adorno 1959, 559), aber nicht gelebt und auch nicht vorgelebt. Selbst eine nachholende Entwicklung hat wahrscheinlich nicht alle Gesellschaftsschichten erfasst, zumal das Begreifen als Subjekt der Demokratie sich auch an den Bedingungen brechen kann, die die Menschen zunehmend jeden Tag mehr zum Objekt von anonymen Institutionen macht (vgl. Kapitel 5.1.1). 5.3.3 Unfähigkeit zu Trauern heute: Vertreibung als Täter/OpferUmkehr und„Sühne“ Der Verlust der Identifikationsfigur, des Größen-Selbst, und die gleichzeitige Konfrontation mit den Taten der Deutschen im Holocaust und im Krieg hatte eine weitreichende Verdrängungsleistung zur Folge. Die„narzisstische Plombe“ des Wirtschaftsaufschwungs hatte kompensatorische und verdrängende Funktion gleichzeitig. Anstatt dass Schuld, Scham und Trauer gefühlt werden konnten, wurde die Schuld verleugnet und die Teilhabe am„Wohlstand für alle“ half, die narzisstische Kränkung abzuwehren, also das Selbstwerterleben zu regulieren. Ein Kennzeichen, wie weitreichend diese Abwehrmechanismen waren, kann einmal darin gesehen werden, in welchem Ausmaß Ressentiments freigesetzt werden, wenn die Plombe herausfällt. Aber es gibt auch andere Anzeichen für die Stärke der Abwehr, wenn es auch den nachfolgenden Generationen nicht 417 gelingt, die Scham über die Taten der Eltern und Großeltern auszuhalten und die Schuld anzuerkennen. Dass in der Bundesrepublik Deutschland trotz aller Bemühungen der Aufarbeitung ein untergründiger Impuls wirksam ist, der sich gegen die Wahrnehmung der Verbrechen während der NS-Zeit und der Anerkennung der diesbezüglichen Schuld richtet, kann in den Gruppendiskussionen auch an anderer Stelle festgestellt werden. Die„Unfähigkeit zu Trauern“ war eine Zeitdiagnose, hat sich aber ihre Aktualität bewahrt, wie wir oben anhand des Wohlstands als narzisstische Plombe versucht haben zu zeigen. Die Umgangsweise mit einem anderen Thema, das unmittelbar auf die NS-Vergangenheit verweist, zeigt die ungebrochene Schwierigkeit, mit der deutschen Vergangenheit umzugehen. Wir machen diese Schwierigkeit am Thema Vertreibung und an der Art und Weise, wie die Vertreibung in den Gruppendiskussionen zum Thema wurde, fest. Niedernhausen Generell haben Flucht und Vertreibung eine hohe Präsenz in den Gruppendiskussionen. Ihnen kommt im Sprechen über Kriegserfahrung eine große Bedeutung zu. In Niedernhausen berichtet Frau Röbel kurz von Kindheitserinnerungen im und nach dem Zweiten Weltkrieg. Dieser tritt allerdings nur einmal in ihren Erzählungen auf, wenn sie sich positiv an die ,Heimeligkeit‘ im Keller erinnert, wenn Bombenalarm war: Frau Röbel: Und ich wurde[…]’38 als viertes Kind geboren(.) Und dann kam der Krieg.(.) Meine Mutter stand mit uns vier Kindern alleine da.(.) Wir kriegten wohl immer ein, irgend ne Hilfe zugewiesen, das war ja bei Hitlers Zeiten so. Und das war für mich wunderbar. Ich hatte eine Mutter und eine Mama(.) und meine älteren Geschwister sagen, ich war der, ich wurde verwöhnt. Ich weiß nichts J davon J . Das war einfach so. Es 418 war für die Großen keine Schule, es war alles traumhaft. Wir hatten Fliegeralarm[…]. Da war immer Alarm. Wir saßen im Keller. Ich fand das spannend, alle schön drum herum, schön heimlich, ja? Und meine älteren Geschwister haben das schon anders erlebt(Z1493-1502). Darüber hinaus erwähnt Frau Röbel ihre Grundschulzeit, an die sie keine weiteren Erinnerungen habe. Aber die Einquartierung von Flüchtlingen nach dem Krieg ist ihr sehr präsent: Frau Röbel: Dann kamen(.) ja nach 45 die vielen Flüchtlinge, aus Schlesien hauptsächlich, in unseren Ort. Jedes Haus kriegte drei (.), also musste zwei Zimmer abgeben, kriegte Einquartierungen. Der Ort war voll, knallvoll. Wir waren 45 Schüler in der einen Klasse(Z1518-1522). Renningen Auch Herr Seidel in Renningen berichtet eingangs der Gruppendiskussion von seiner Familien- und Vertriebenengeschichte. Während der Gruppendiskussion kommt er auf dieses Thema wieder zurück. Dabei wird eine Reflexion der Vertreibungserfahrungen in Bezug auf Fremdsein und„Fremde“ heute deutlich: Herr Seidel: Ähm, also mein Name ist Hinrich Seidel und äh ich bin seit (.) ja 38 Jahren in der in dieser Region. Komm ursprünglich, also geboren in Pommern, ja dann über, also als Baby überm über die Ostsee[…]. Ja nach zwei Jahren nach Süddeutschland, also ins Badische, ja. Und äh dort bin ich dann aufgewachsen und äh nachher studiert hab ich in Karlsruhe und bin dann acht- 69 Anfang 69 hierher gekommen, arbeite jetzt bei der Firma Daimler, wollte da schon ein paar Mal weg, dann ham se mich immer wieder eingefangen jetzt bleib ich auch ne(...). Ja bei mir war’s halt so, wir sind‘47 da runter gekommen[…] aus’m Lager in so’ne Kleinstadt mit 3500 419 Einwohner. Die hatte auch nicht viel, das war französische Besatzungszone, ja da war, also da war die Franzosen hatten au nix zu beißen. Dann dann kam is also n ganzer Schwung, ganzer Zug, das waren das wir da mit dabei ne, und die sollten jetzt dann plötzlich dort unterkommen. Ich weiß halt viel noch von den Erzählungen meiner meinen Eltern, von meiner Mutter, ich bin meiner Mutter und meiner Großmutter zuerst gekommen, mein Vater war is dann n Jahr später gekommen, weil er noch in Kriegsgefangenschaft war. Ja, da sind wir Anfangs in das in dieser Garage, da war oberhalb äh ne Einzimmerwohnung sind wir dann anfangs da unter gekommen, ne.[…] Also es gab da schon durch dieses Hineindrängen von so vielen Leuten auf einen Schlag gab’s da schon äh Anpassungsschwierigkeiten, ja. Aber man hat dann auch damals hat man dann so’n(.) was war das n schlesischen Verein gegründet oder Heimatvertriebenenbund oder so was. Hat sich tot gelaufen, ge. Meine Eltern, gut man war am Anfang drin, aber die waren nie so begeistert, gesagt was soll der Quatsch, wir müssen hier klar kommen, ja. Und die sind also nie dort (.) äh so aktiv gewesen. Aber, es war also es war schon am Anfang war natürlich schon nen bisschen Unterschiede, und deswegen hab ich auch gewisses Verständnis dafür, wenn jetzt plötzlich(.) ne so Leute die man gar nicht kennt Massen in einen Ort reinkommen, dass das is dann äh beider bedarf, damit es einfach sich so(.)[haut auf den Tisch] auflöst, ja. Ebenfalls in Renningen greift Frau Jahn das Thema auf(Z430) Frau Jahn: J (.) J Meine Mutter war ein Flüchtling[I1: Ja], mein Vater war ein echter Ludwigsburger und nicht unvermögend, und er hat trotzdem einen Flüchtling genommen. Und des war für(.) also da hat die Familie lange drunter gelitten(Z12971300). Das Fortwirken der Folgen der Vertreibung in der Familiengeschichte wird in den wiedergegebenen Zitaten sehr deutlich. Während es bei Frau Jahn nicht klar wird, worunter die Familie gelitten hat, kann bei Herrn 420 Seidel erkannt werden, dass er als Sohn von Flüchtlingen die Erfahrung von Ausgrenzung und Stigmatisierung gemacht hat. Die wiedergegebenen Kriegserfahrungen in den Gruppendiskussionen sind vor dem Hintergrund des Angriffs- und Vernichtungskriegs gemacht worden. Dieser Kontext wird jedoch häufig nicht oder in einer spezifischen Weise angesprochen. Dies leitet zur Betrachtung einer weiteren Gruppendiskussion über. Dortmund Wie bereits oben zitiert, beginnt Frau Meier ihre Vorstellung mit der ausführlichen Schilderung ihrer Vertreibungserfahrung: Frau Meier:(...) ich bin(.) also erstma Frau Ilse Meier, Gebürtige aus Breslau, ich bin Vertriebene, als die Russen bei uns damals reinkamen musste man das heisst mein Vater war bei den Soldaten und meine Mutter meine Schwester die war bei ner Lehrersfamilie und als die Russen bei uns reinkamen[rauschen] ging das alles ziemlich schnell musste meine Mutter mit mir und meinem Bruder raus aus Breslau, und äh(.) wir hatten nichts nur das was wir anhatten, und m-meine Tante die hatte da(.) aus(.) Torgau[…] äh ne Nachricht hinterlassen äh dass wir bei ihr unterkommen können, aber wir mussten über eine Grenze das heisst wir sind über Schienen gelaufen wir sind durch äh Wälder gelaufen, mit äh Zügen gefahren auf Waggons und so weiter und so fort[…] Wir hatten ja überhaupt nichts wir hatten kein Geld gar nichts und äh da war mein Mutter froh, dass wir von dem Bauer hin und wieder was krichten. naja und dann kam irgendwann mein Vater aus der Gefangenschaft, und dann ging’s los wo ist meine Schwester, die hat dann mein Vater über’s Rote Kreuz gesucht(1) und auch gefunden; und die war noch bei der Lehrersfamilie wo die vorher war als die Russen bei uns rein kamen, die ham die dann versorcht mitgenommen und mein Vater hat sie dann zu uns geholt(Z125-148). 421 Diese ausführliche Darstellung wurde mit großer Intensität vorgetragen. Es vermittelt sich sehr eindrücklich, welche hohe Gegenwartspräsenz die Erlebnisse für Frau Meier haben. Auch wenn die Kriegserfahrungen nie direkt formuliert wurden oder der Frage nachgegangen wurde, was der Vater im Krieg gemacht hat, ist dieses Ereignis so zentral, dass Frau Meier es, wenn sie sich fremden Menschen vorstellt, an den Anfang stellt. Gießen „Die Russen ham se gequält die Leute.“„Wer hat die Russen gequält?“ „Nein, die Deutschen wurden von den Russen gequält.“ In Gießen wird die Vertreibungserfahrung, als innerfamiliäre Erfahrung oder als Erfahrung von neuen Familienmitgliedern, am ausführlichsten behandelt. Es gibt zwei thematische Abschnitte, um die sich das Thema Vertreibung gruppiert. Zum einen ist dabei eine Täter/Opfer-Umkehr festzustellen, zum anderen schließt sich hier unsere Interpretation als Sühneleistung an. Täter/Opfer-Umkehr Zunächst taucht das Thema„Ostgebiete“ eher indirekt auf, als über Deutsch als Sprache diskutiert wird: Frau Kreuz: Herr Brenner: Frau Kreuz: Deutsch halt auch viel man glaubt’s kaum L so das is wo [Geschrei im Hintergrund] L Ja wo man auch immer hingeht, allein es gibt ja viele die angrenzenden Länder an an Deutschland, die sprechen lieber Deutsch als ihre eigene Sprache. L Also was jetzt 422 Herr Brenner: Herr Brenner: Frau Kreuz: Herr Brenner: Frau Kreuz: Frau Ried: Frau Kreuz: Frau Ried: Herr Brenner: Frau Kreuz: L (Es fällt) L Ja ja zum Beispiel, ich sag’s jetzt mal für die Ostgebiete sowieso, also was Sudetenland Polen angeht. L Also Tschechien viel selbst L ja L Tschechien(.) Tschechien ja L Ja Und auch die Polen selbst, L also was in Oberschlesien alles so ist, was so ursprünglich ist, ist die sprechen alle lieber Deutsch. L Ja, die lernen das da auch, L Mhm L Mhm also die wird auch von den Generationen, den äh älteren Generationen noch weitergegeben die Sprache(Z710-727). Die Nennung der„Ostgebiete“(Z717) erfolgt eher vorsichtig, tastend, wenn Frau Kreuz den Begriff nach einer langsamen Annäherung über Polen und Oberschlesien mit den Worten:„ich sag’s jetzt mal“ vorbereitet. Es scheint ihr ein Bedürfnis zu sein, diese Bezeichnung zu verwenden, sie scheint aber ebenso unsicher zu sein, wie er in der Gruppe aufgenommen wird. Dabei findet sie bei Herrn Brenner und Frau Ried eine bestätigende paraverbale Rückmeldung. Erstaunlich ist, dass sie für die deutsche Sprache in Anspruch nimmt, sie werde von Osteuropäern gerne gesprochen. Eine Einschränkung macht sie nicht und von den anderen Gruppendiskussionsteilnehmern wird nicht widersprochen. Mit den„Ostgebiete[n]“(Z717) hat Frau Kreuz aber ein Thema eingebracht, das für andere Teilnehmende anschlussfähig ist. Den Bezug auf die eigene Familiengeschichte macht Frau Lück, wenn sie berichtet: Frau Lück: Ich hab das zum Beispiel gemerkt bei meinen also ja doch ich hab’s schon mitgekricht bei mein Eltern, die sind damals aus Schlesien gekommen, L und 423 Herr Brenner: Frau Lück: Herr Brenner: L Aus Schlesien Schlesien ja Breslau Meine Frau is auch aus Schlesien(Z982-987). Frau Kreuz engagiert sich hier wiederum stark, indem sie nicht nur das Thema später aufgreift, sondern von einer Reise mit ihren Schwiegereltern an den Ort berichtet, an dem sie vor ihrer Vertreibung lebten. Besonders hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang, dass die persönliche Betroffenheit sehr vermittelt ist. Anders als bei Herrn Seidel in Renningen oder Frau Meier in Dortmund ist die Erfahrung keine eigene oder familiär möglicherweise früh tradierte, sondern es sind übermittelte Erfahrungen von Flucht und Vertreibung der Schwiegereltern, die von der ca. 35-jährigen Teilnehmerin berichtet werden. F rau Kreuz: Das(.) das ja auch das was, wir ham jetzt vor’n paar Jahren mit(.) ähm meine Schweigereltern damals, den nach Schlesien sind wir ja da gefahren. Ähm die ham uns da, wo sie gelebt haben auf dem Hof, auf den Höfen ja Pudigau und Jeseritz, das is in der Nähe von Breslau da(.). Äh ich sag ma hier nur die deutschen Worte dazu und ähm(.). Da warn(.), die ham uns alles erklärt wie’s war, weil die sind ja geflüchtet und mussten über Nacht sogar flüchten und eine Tante musste sogar n Track führn noch mit wie alte war se 14? Oder 16. Ganz alleine.[…] Wenn mir die dann so erzählen, Häuser auf Bildern und da liegen nur noch Ruinen oder da is noch dieses Herrenhaus was wirklich wunderschön aussah und man geht da rein, weil die Leute den Schlüssel dafür ham und die erklären einem, wo was wie gewesen ist, das hat mich(.) sehr ja sehr mit- äh also so so hmm ja eigentlich äh mitgenommen, in der Form, dass man sagt die hatten alles was sie brauchten ma wurde einfach nur verjagt. Ja, also die wurden einfach alles genommen um irgendwo wieder hinzugehen wieder was Neues zu suchen, da wo sie eigentlich gelebt haben wo sie aufgebaut haben, wo sie ihre Leute hatten, wo sie aus diesen Sachen rausgetrieben wurden(.). Und ähm ja man dann noch Leute trifft, die Ur-Deutsche sind, die 424 da ja auch vorm Krieg oder na zum Kriegs waren, die dann die Russen dann einkassiert haben und die ham uns das dann mal so erzählt was da alles so nachträglich noch so passiert is, dass das kann einem kann man sich kaum selbst nicht vorstellen, wenn man das selbst nich erlebt hat oder das mal einfach mitbekommen hat. Was früher ja so diese wachsende Sache war und auch alles gemacht wurde und heute teilweise noch benutzt wird, weil es uralt ist, aber aus diesen Kriegsjahren oder Vorkriegsjahren noch existent ist. Ja das hat mich immer sehr beeindruckt, dass ich dann sagen konnte(Z13641403). Die Identifikation mit den Schwiegereltern wird in dieser Erzählung sehr deutlich. Die deutschen Flüchtlinge aus den„Ostgebiete[n]“(Z717) erscheinen hier ausschließlich als Opfer, die grund- und schuldlos aus ihrer Heimat vertrieben werden. Die Nennung der deutschen Städtenamen erfolgt wie die Einführung der„Ostgebiete“ eher vorsichtig, aber sie bereiten das Verständnis von Oberschlesien als einer Heimat vor, die von ihr als„Ur-Deutsch“ bezeichnet wird. In Rechnung gestellt, dass die eigene familiäre Verbindung eine solche Heimat nicht tradiert haben kann, scheint hier eine phantastische Aufladung der„Ostgebiete“ vorzuliegen. Der von Deutschen zu verantwortende und diesen Erfahrungen vorausgehende Krieg wird nicht thematisiert – im Gegenteil erscheinen für Frau Kreuz ausschließlich„die Russen“ als Aggressoren, die„die Deutschen gequält“ hätten. Es geht um Kriegsgefangenschaft, wenn Herr Schreiber dazu anmerkt: Herr Schreiber: Herr Brenner: Frau Kreuz: Herr Schreiber: Frau Kreuz: Frau Ried: Die Schweden solln sich ja nich so gut verhalten haben gell. Ja äh ich J weiß es nich J , L ich ich L Die Russen überhaupt L , die Russen ham se gequält L die Leute.[...] L Wer quä- wer hat die Russen gequält? J (.) J nein L die Deutschen wurden von den Russen gequält. L Nee 425 Herr Schreiber: Frau Kreuz: Herr Schreiber: Ach so ja, das war umgedreht muss das auch der Fall gewesen L sein L Ja also Stalingrad würd ich mir nich grade sehr toll L (an). L Und das war(3), die Ersten die Ersten ich hab mir das sagen lassen, die Ersten die da hinkamen(.), Eroberungsfeldzug war das ja zunächst e mal(.). Die Ersten die haben alles(.) oder vieles zerstört, aber die ham die Leute in Ruhe gelassen(.). Die an die die die danach kamen, die was die Verwaltung mehr betrifft, die ham dann die Leute drangsaliert(.) gell, so soll’s gewesen sein(.), ich weiß es ja nicht. (Z2028-2046) In der Gruppe kommt es zu einer Konfusion, wer Objekt und Subjekt der Quälerei gewesen ist. Im Satz lassen sich zunächst grammatikalisch beide Positionen finden. Allerdings legt die vorher postulierte schlechte Behandlung von deutschen Kriegsgefangenen nahe, dass auch Frau Kreuz meint, Deutsche seien von Russen gequält worden. Dies löst bei Herrn Schreiber eine Irritation aus, die von Frau Kreuz tatsächlich in die Richtung aufgelöst wird, dass„die Russen“„die Deutschen“ gequält haben. Herr Schreiber relativiert dies,„umgedreht muss das auch der Fall gewesen sein“, und Frau Kreuz gesteht zu, dass Stalingrad„nicht so toll“ vorzustellen sei. Der von Deutschen betriebene Vernichtungsfeldzug und der Holocaust, der zu einem wesentlichen Teil in Osteuropa stattgefunden hat, werden hier faktisch – wenn auch unausgesprochen – verleugnet. Herr Schreiber schließt hieran an, wenn er implizit den Unterschied zwischen der Wehrmacht und der folgenden„Verwaltung“ aufmacht. Zwar habe die Wehrmacht„alles(.) oder vieles zerstört, aber die ham die Leute in Ruhe gelassen“. Wie das beides zusammengeht, wird nicht erläutert. Dass die„Verwaltung“ dann die„Leute drangsaliert hat“ ist, wenn auch keine Täter/Opfer-Umkehr, so doch eine Verharmlosung der deutschen Besatzungszeit, die organisatorisch den Holocaust absicherte und möglich machte. 426 Vertreibung:„Sühne“ statt Auseinandersetzung mit dem vorausgehenden Vernichtungskrieg Im Kontext von„Wohlstand“ wurde der Stellenwert des Aufschwungs für die narzisstische Regulierung als„narzisstische Plombe“ beschrieben. In der Gießener Gruppendiskussion kann beobachtet werden, wie das Thema Vertreibung nicht nur zu einer Täter/Opfer-Umkehr führt, sondern auch in eine selbstwertregulierende Sühneleistung mündet. Die Erfahrung des Wirtschaftswunders wurde für die Zeitzeug/innen zu einem zunächst langsamen, dann mit Beschleunigung ablaufenden Programm der„Wohlhabenheit“(vgl. Kapitel 5.3.2). Dieser„Wohlstand für alle“ steht in einem Kontrast zur Armut und den Erlebnissen der zweiten Hälfte der 1940er Jahre und wird förmlich als automatisch ablaufende Entlastung beschrieben. Herr Brenner aus Gießen öffnet den Rahmen thematisch, wenn er auf die Aufbauleistung der Vertriebenen zu sprechen kommt und gibt damit einen Blick frei auf das, was als aktuelle Erscheinung der„Unfähigkeit zu Trauern“ bezeichnet werden kann. Herr Brenner: Das find ich au ganz ganz beeindruckend, dass das sehr viele äh Vertriebene(.), die drüben eigentlich alles hatten, n höheren Wohlstand hatten als hier. Wenn also, mein Schwiegervater kommt au aus äh Tschechien, und wenn ich so hör von was er erzählt, die hatten wirklich eine bessere Infrastruktur bessere Schulen die des war eigentlich, die war’n uns hier um Jahre voraus ja dann kam dieser Krieg, und die wurden hier aus eigentlich so’m ja kleines Städtchen, was alles hatte war in irgend so’n Urkaff geworfen ja. Das muss für die wie als würden se 20 oder 30 Jahre zurück geworfen wern, kamen dann hierher mussten sich wieder mit nichts was aufbauen. Und den Meisten, muss man wirklich au sagen, ich (2) hab so so so gesagt, die meisten die die Vertriebenen ham auch wirklich wieder was aufgebaut. Die ham wirklich was geschafft und ham ham’s wieder au wieder zum Wohlstand geschafft. Und die kamen mit nichts her ja, mein V- mein 427 Schweigervater kam her, der war(.) weiß net 16 oder was hat noch äh drei drei Geschwister gehabt, Mädels und seine Mutter. Der Vater war im Krieg gefallen und musste die wurden halt hier auf ähnliche Höfe gesetzt. Ja und ich fand das sch- au wahnsinnig beeindruckend was die verloren haben, ja schon allein dadurch, dass die wirklich dass die weiter waren als als hier auf’m auf’m Land. Und das is genau das, was ich immer sage, dass selbst die die schon was hatten ham’s wieder geschafft, und manchmal die die hier waren neidisch geguckt haben(Z1413-1436). Hiermit stellt Herr Brenner den Wohlstand, zumindest bei den Vertriebenen, in den Kontext eigener Leistung und in den Kontext der Verluste des Kriegs. Was an„Infrastruktur“ dort vorhanden war und an Entwicklung, das habe es im Westen nicht gegeben. Die Leistung der Vertriebenen wiegt vor diesem Hintergrund schwer. Sie hätten alles verloren und sich alles in kürzester Zeit wieder aufgebaut. Das Wirtschaftswunder erhält vor diesem Hintergrund, wenn man zunächst den Verlust und dann den erarbeiteten Wohlstand der Vertriebenen betrachtet, die Bedeutung einer Sühneleistung. Diese ‚Sühne‘ ermöglicht narzisstische Gratifikation und funktioniert, indem sie die verleugnete Schuld und Scham überdeckt. Zudem entsteht ein gemeinsames Phantasma in der Gruppe: das von Frau Kreuz angesprochene„Ur-“ der Sprache und der Gegend ist Herrn Brenner auch nicht fremd. Die„Ostgebiete“(Z717) seien an Natürlichkeit und Kultur vorbildlich gewesen, umso schlimmer wiegt ihr Verlust. An dieser Stelle sei auf eine weitere Sequenz verwiesen, die im Kontext der Einstellung zur Demokratie(vgl. Kapitel 5.2) bereits in die Auswertung eingeflossen ist: Frau Kreuz: Herr Brenner: Frau Kreuz: Aber früher ging es auch. Ich sag’s mal jetzt, das is ja auch erst mit der Industrialisierung seit nach’m Zweiten Weltkrieg, früher ging es ja auch L . L Mhm Warum hat man das dann nicht jetzt wieder irgendwo äh äh 428 ja in irgend ne Form wieder gebracht? Sondern durch die Industrialisierung is eigentlich alles eher wird alles ja noch mehr zerstört, ja und eigentlich als naturalisiert, sag ich jetzt mal. Heute fängt man an wieder Flüsse zu(.) die ganzen Seiten wieder weg zu machen weil man gemerkt hat, wenn man se begradigt irgendwann geht das Land unter(Z1495-1450). Die Spannung zwischen Industrialisierung in der Nachkriegszeit und der wiederkehrenden Naturalisierung heute verweist auf einen Prozess, der weggeführt hat von Gegenden, auf die das Wort„Ur“ Verwendung finden kann. Die Folge waren Ballungszentren, deren Vorhandensein an dieser Stelle beklagt werden: Herr Brenner: Frau Kreuz: Herr Brenner: Frau Kreuz: Herr Brenner: Ja aber ich ich kann das au net ich kann’s wirklich nicht verstehen, dass des in München die Mietpreise steigen L bis dort hinaus ja die müssen sich da alle da L Ja reinballen und und setzen sich dann die Stadt i mein pffff (.) Fläche Land is genug da und gewisse Arbeit und gewisse Industriezweige, die die sind überhaupt net angewiesen da drauf dass se in ner Stadt sind(.) L ja. Die können sich ganz genau L Ja irgendwo in’n Wald reinsetzen, ja heut Infrastruktur is da Telefon(2) L Netz fertig. ja was braucht man denn mehr? (Z1527-1536). Das Versagen der Politik, die aus mafiösen Strukturen und Geschäftemachern bestehe(vgl. Kapitel 5.2), wird deutlich, wenn die gewachsene, hervorragend funktionierende Infrastruktur in den„Ostgebieten“ als Kontrast herangezogen wird. Im Vergleich der Aussagen aus verschiedenen Gruppendiskussionen fällt auf, dass der verlorene Krieg hier nur durch Herrn Brenners Hervorhebung der Aufbauleistung der Vertriebenen aufscheint. Dieses Verschwinden des Angriffskriegs hinter den Folgen, die dieser für Deutsche 429 gehabt habe, ist für viele Diskussionen kennzeichnend. Dabei tritt aber für die wirtschaftliche Situation ein weiteres Element hinzu, das zur Interpretation auch gegenwärtiger wirtschaftlicher Deprivationserfahrungen dienen kann. Der wirtschaftliche Aufschwung kaschiert nicht nur die Schuld, er dient auch als Sühne(alles verloren und wieder aufgebaut) und als narzisstische Kompensation des verlorenen Kriegs. Dabei werden die„Ostgebiete“ gleichzeitig zu einem verheißungsvollen Land, in dem die Menschen gerne Deutsch sprechen und natürlich gewachsene Strukturen eines„Ur-“Landes anzutreffen sind. Neuss An der Neusser Gruppendiskussion nimmt Herr Sievers teil, der als Kind den Zweiten Weltkrieg erlebt hat. Seine Erinnerungen in Bezug auf die Kriegsergebnisse wirken zunächst romantisierend, da keine Belastungen berichtet werden. Herr Sievers: Wir(3), wenn Sie anfangen wollen oder ich anfange? Kindheit(2) bei mir 1937 geboren,(3) Kriegs::zeit war noch äh weitere sieben Jahre acht Jahre bis äh 45. Damals lebten wir die Familie mit vier Kindern und Mutter, die war Witwe lebten in einem äh Vorort von Neuss[…]. Und äh wohnten in […] in einem ehemaligen äh äh in ei- ehemaligen Schule.(2) In dieser Schule äh gab es in der Zeit, der NS- Zeit eine BDM Kochschule und äh: noch andere größe- größe- äh größere Räume. Und wir als Kinder, als dann äh der Krieg(.) sich fortsetzte bis 43, 44, kriegten wir aus Düsseldorf, Aachen und äh anderen Städten hier sehr viele Evakuierte in diese alte Schule, weil die große Säle hatte. Äh in die Kochschule zum Beispiel, in der Kochschule standen zum Beispiel dann äh(.) 25 Betten, drei vier fünf Familien mit Kindern und das war für uns in der Zeit äh:: kein Stress, im Gegenteil für die Kinder war kein Stress, weil wir jetzt viel mehr(2) Freunde und Freundinnen zum Spielen da gewonnen(Z37-48). 430 Auch der Tod des Vaters durch eine schwere Erkrankung findet nur kurze und relativ späte Erwähnung(Z726). Dagegen engagiert sich Herr Sievers in der Diskussion für die Unterstützung behinderter Kinder. Dass diese von„gesunden Kinder[n][…] abgetrennt werden“, setzt er in Beziehung zu einer Kontinuität aus der Wilhelminischen und der Zeit des Nationalsozialismus: Herr Sievers: Etwas anderes, weil wir von den Kriegszeit sprachen muss ich noch sagen, wenn das hier äh(.). Ich hab und Sie jetzt von der Schule gesprochen haben. Ich habe ja, äh mich hat ja äh(.) also jeden erschüttert, Holocaust und was alles ich mein is. Aber ich habe ne ganz andere äh äh:(.) nen ganz anderen Fall, wo viel transparenter wird, dass unsere Bundesrepublik sich von der Geschichte der Nazizeit und der Wilhelminischen Zeit nicht(.) wirklich getrennt hat. Und das ist wenn die[Zustimmung Frau Barr] zurückgebliebenen Kinder bei uns abgetrennt werden(.) in einer Sonderschule,(.) und in Berlin weniger als hier in Nordrhein- Westfalen. Statt die also zu integrieren, statt den gesunden Kindern die die Möglichkeit zu geben, dass als normale Menschen von vorn von Kindheit an kennen zu lernen. Die lernen besser, das ist alles gut. Dann sag ich wie kommt das, dass dass bei uns im Gegensatz zu de, Nor- zu den Ländern skandinavischen Ländern, wo glaub ich fast 95% in normalen Schulen sind [Mhm Frau Barr], der Kinder die zu- die nicht weit genug entwickelt sind, dass die normal mit können. Dann frag ich mich, wie ist das möglich? Das ist ein ganz deutliches Abbild dessen, dass wir uns von dieser Geschichte nicht gelöst haben. Man muss nicht immer von Juden und Holocaust sprechen, man kann von den eigenen von von solchen Sachen sprechen, die das viel transparenter machen(Z519-536). Der Beitrag, den wir bereits im Kontext des Antisemitismus diskutiert haben(vgl. Kapitel 5.1.3), ist auf der einen Seite als Kontrast zu anderen Gruppendiskussionen zu lesen, in denen eine kritische Bezugnahme auf den Nationalsozialismus oder seine Nachwirkungen nach 1945(mit 431 Ausnahme von Berlin-Mitte) nicht zu finden ist. Auf der anderen Seite aber dient die Beschäftigung mit„den eigenen Sachen“ dem Versuch, den Holocaust zum Verschwinden zu bringen und damit die Identifizierung mit der deutschen Schuld loszuwerden, die auch intergenerationell weitervermittelt wurde(vgl. Kapitel 5.1.3). Doch möchten wir an dieser Stelle zu einer weiteren Sequenz überleiten, in der Herr Sievers – im Gegensatz zu seiner Kriegskindheit – deutlich emotional involviert spricht. Während er für die Aussage, dass „zurückgebliebene Kinder“ mehr Unterstützung erhalten sollten, auch Zustimmung bei Frau Barr findet, bleibt diese bei einem anderen Thema, das er einbringt, aus. Mit großer Erregung spricht er von den Werbeunterbrechungen der Spielfilme im Fernsehen: Herr Sievers: Was mich äh äh über die Jahre äh(.) als Ver- was ich als Vergleich heran ziehen kann. Ich war ja dann äh vor 20 Jahren schon in USA sehr viel, und alles, was ich da nicht gemocht habe, nämlich diese ganzes Kommerzielle und im Fernsehen das da das Unterbrechen, das freche Unterbrechen von Sendungen über über über äh zehn Minuten und so weiter äh hab ich da schon relativ äh äh unangenehm empfunden. Und das alles is in unser Land rein gekommen, bis jetzt da (.) völlig äh äh äh, selbst wenn man Reklamen noch irgendwie akzeptiert, weil das finanziert. Es ist doch nicht, es ist doch nicht angebracht, dass wenn der Film, vor allen Dingen wenn es noch ein Film ist, der irgendwie äh noch n tragisches Ende hat, wenn der plötzlich wie so‘ n Hammer abgerissen [schlägt auf den Tisch, mehrmals] wird, und an der nächsten Sekunde kommt die Re-. Doppelte Lautstärke[…] Kriegen Sie also eine gewischt. Das alles hab ich ja in den USA vor 20 Jahren(gelernt), immer mehr nähern wir uns diesem äh diesem äh diesem äh Mensch- diesem diesem äh Ge- Gepflogenheiten in den USA immer mehr an in der Bundesrepublik. Au- teilweise auch in äh was die was äh aber nicht in dem Maße, teilweise natürlich auch in andern Ländern. Ich war jetzt in Russland, selbst da is äh äh die die äh Reklame so aufdringlich, wie äh wie hier auch, ja. Und viel432 leicht noch und wie in den USA vielleicht sogar noch prozentual mehr. Aber äh(2) das kann ich jetzt nicht so beurteilen, ich weiß nur wir hatten hier früher äh äh ein Programm, wo man nicht so bestraft wurde, wenn man das Programm anguckte, wie es heute ist(Z1111-1134). Frau Barrs Reaktion darauf lässt sich als Versuch verstehen, die Position von Herrn Sievers etwas zu entschärfen. Sie geht der Werbung aus dem Weg, indem sie andere Dinge macht. Frau Barr: Ja, so also ne dann dann spül ich, oder ich mach das J (.) J . Mach irgendwas warm, ne füll ne Waschmaschine oder leer se wieder, bügel wat. Ich hab dann immer was zu tun, ich guck nie. Wenn die Leute sagen hast du den Werbespot gesehen, sag ich guck ich nich.(.) sag da hab ich wat anderes vor (1160-1164). Diese Möglichkeit der Distanzierung scheint für Herrn Sievers nicht zu existieren. Seine innere Beteiligung ist so stark, dass in diesem Abschnitt der Gruppendiskussion ein Dialog nicht zustande kommt und Herr Sievers das Thema trotz der Relativierung von Frau Barr fortsetzt. Herr Sievers: Herr Sievers: Aber diese diese diese Reklame äh: ist ja vor allen Dingen dann störend, ich will das letzte Mal sagen, wenn man so einen einen Film gesehen hat, der einen äh innerlich bewegt. Und dann hauen die einen mit dreifacher Fonstärke das [Mhm Bw] die erste Reklame um die Ohren ja. Ohne dass ich die sehe oder ich, dass is dem kann man nicht ausweichen. Und das muss auch Absicht sein(Z1244-1249). Denn man muss sich ja vorstellen, da sitzen Millionen ob da einer, der eine das nicht anguckt, da sitzen Millionen und gucken sich das an. Die Zeit, die da verschwendet wird sehe ich eigentlich mit meiner Tabellenkalkulation kann ich ja ausrechnen, wie viel Milliarden Stunden das sind, die die Leute da äh äh attackiert werden, ne.(3) Milliarden äh Mattstunden, wenn sie wollen, ja. Und das war früher besser, das is schlechter geworden.(2) Weil wir eben alles nachmachen, 433 was da von da kommt. Inklusive ja die diese ganze Sprache die da. Ich ich spreche Englisch nur Englisch wenn ich unterwegs bin. Aber ich bin da sehr dagegen, dass die Bundesbahn und alles ähm äh nur noch äh mit äh sich freut, wenn sie irgendwelche Ausdrücke bringt, auch Telekom und so weiter die aus dem Englischen, Amerikanischen kommen. Auch das is eine eine Belastung für die(.) für die Einwohner der Bundesrepublik(Z1279-1299). Die Werbeunterbrechungen werden von Herrn Sievers als sehr massiv erlebt und mit Begriffen beschrieben, die auf Gewaltvolles verweisen: Man werde„bestraft“(Z1133), der Film werde„wie so’n Hammer abgerissen“ (Z1117),„[k]riegen Sie also eine gewischt“(Z1125). Man bekomme die Werbung„um die Ohren gehauen“,„die kommt wie so eine Sta- wie so’n Schwert wie eine Strafe kommt die“(Z1147-1148). Teilweise können die Wendungen auch wie Kriegsmetaphern verstanden werden, wenn man beispielsweise„attackiert“(Z1281) werde. Auch der plötzliche Einbruch durch die Werbung:„wie die pl ö tzlich einsetzt“(Z1158), wie ein„Schlag“ (Z1180),„und das zerreißt ja alles“(Z1183) könnte auf Kriegsvorstellungen oder-erinnerungen verweisen. So möchten wir an dieser Stelle, wenn auch vorsichtig, eine weitere These formulieren. Während Herr Sievers (wie auch andere Teilnehmende, s. o.) seine Kriegskindheit ohne starke Affekte und lediglich positiv erinnert, so werden im Kontrast dazu die Werbeunterbrechungen im Fernsehen mit überraschend starker emotionaler Erregung und in einem Vokabular geschildert, das an gewaltvolle Erfahrungen denken lässt. Das Vokabular könnte tatsächlich treffend den Lärm durch Bombeneinschläge beschreiben, mit denen man„bestraft“ (Z1133) wird und denen man„nicht ausweichen“(Z1249) kann. Möglicherweise deutet dies auf eine Verschiebung hin: von Erfahrungen der Kriegskindheit, die nicht mehr als gewaltvoll erinnert werden können, auf ein anderes Thema, das nun mit all jenen Affekten aufgeladen wird, die in der eigenen Kriegserinnerung unterdrückt werden. Auch dass diese Gewalt aus den USA komme und Herr Sievers mit starkem Affekt gegen 434 die Verbreitung der englischen bzw. amerikanischen Sprache spricht,„das is eine eine Belastung für die(.) für die Einwohner der Bundesrepublik“ (Z1299) könnte auf eine solche Verknüpfung hinweisen. Zwischenresümee Das Thema der„Vertreibung“ war in einigen Gruppendiskussionen sehr präsent; wurde in Niedernhausen immerhin angesprochen, berichteten Teilnehmende in Renningen, Dortmund und Gießen eindrücklich von eigenen, familiären oder anderweitig überlieferten Vertreibungserfahrungen. In Renningen wird von eigenen oder elterlichen Vertreibungserfahrungen berichtet und diese werden mit eigener erfahrener Stigmatisierung und Diskriminierung verknüpft. Eine solche Thematisierung und Reflexion ermöglichte stellenweise einen kritischen Diskurs der Toleranz und Offenheit. Anders in Dortmund: Vertriebene zu sein, ist für Frau Meier von höchster Bedeutung. Ihre Schilderung eigener traumatischer Kindheitserfahrungen von Bedrohung, Flucht und zeitweiligem Verlust der Schwester verweist auf Unverarbeitetes. Hier taucht das Bild„der bösen Russen“ von damals ungebrochen wieder auf und kann nicht der Reflexion zugänglich gemacht werden. Stattdessen wird das Ressentiment heute ausgedehnt auf„die Türken“(vgl. Kapitel 5.1). Auch in der Gießener Diskussion taucht Vertreibung als stark emotionales Thema auf und wird über die eigene oder familiär vermittelte Erfahrung noch darüber hinaus mit Bedeutung aufgeladen. In den interpretierten Sequenzen wird eine Täter-Opfer-Umkehr in Bezug auf historische Zusammenhänge vorgenommen. Tauchen die nationalsozialistischen Verbrechen nicht auf, so erscheinen nur„die Deutschen“ als Opfer von„den Russen“. Diese in deutschen Diskursen weit verbreitete Figur – bereits in den 1950er Jahren sprach Adorno vom Versuch der Aufrech435 nung der deutschen Schuld(Adorno 1959, 556) – dient noch heute der Entlastung von Schuld und Scham, deren Abwehr über die Generationen hinweg weitergegeben wurde. „Was sich im familiären Diskurs über ‚die Russen‘ durchgesetzt hat, ist das Bild des ‚bösen Russen‘, dessen Opfer die deutsche Zivilbevölkerung war“(Welzer, Möller& Tschuggnall 2002, 143). Dies konnten wir auch in den Gruppendiskussionen von Dortmund und Gießen wiederfinden, aber auch in der kulturalistischen Ausgrenzung, die neben Migranten aus islamischen Ländern vor allen Dingen„die Russen“, aber auch „Russlanddeutsche“ zum Objekt haben, auf die möglicherweise etwas vom tradierten Ressentiment gegen„die Russen“ übertragen wurde(vgl. Kapitel 5.1). Weiter taucht das Thema Vertreibung in einem Kontext auf, in dem es die Funktion einer(unbewussten)„Sühneleistung“ erlangt. So wird in Gießen der Wohlstand des Wirtschaftswunders bei den Vertriebenen in den Kontext eigener Leistung und der Verluste des Kriegs gestellt. Sie hätten zunächst alles verloren und dann alles in kürzester Zeit wieder aufgebaut. So erhält die Vertreibung vor diesem Hintergrund(Verlust und Wiederaufbau) die Bedeutung einer Sühneleistung. Diese„Sühne“ ermöglicht narzisstische Gratifikation und funktioniert, indem sie die verleugnete Schuld und Scham überdeckt. Die„Vertreibung der Deutschen“ ist weder in unseren Gruppendiskussionen noch im öffentlichen Diskurs ein vernachlässigtes Thema. Im Gegenteil: Die Auseinandersetzung mit der Vertreibung seit 1945 wurde in der BRD mit Bundesmitteln gefördert, noch bevor sich mit dem Holocaust systematisch befasst wurde(Faulenbach 2002). Im Zuge des Lastenausgleichs für Vertriebene flossen mehr Mittel als für die Entschädigung der Opfer der Shoah und bis zum Ende der 1960er Jahre gab es ein Bundesministerium für Vertriebene.(Schillinger 1985). Auch heute noch tauchen in der Gruppendiskussion die Vertriebenen als„vom Leid dieser Zeit am schwersten Betroffene“(Salzborn 2002) auf. Dabei stellen 436 wir einerseits eine Verschiebung der deutschen Selbstwahrnehmung vom Täter zum Opfer fest. Andererseits zeigt sich in der Thematisierung der Vertreibung eine gewichtige Re-Inszenierung der Vertreibung als Sühneleistung. Die Kriegs- und Nachkriegserfahrung in ihrer traumatischen Qualität für die damaligen Kinder wird vor allem in der Gruppendiskussion von Dortmund deutlich. Bereits in anderen Studien konnten wir feststellen, in welchem Umfang die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs bis heute, also bis ins hohe Erwachsenenalter, für die betroffenen damaligen Kinder nachwirken(Brähler, Decker& Radebold 2003, Decker, Brähler& Radebold 2004, Decker& Brähler 2006, Beutel, Decker& Brähler 2007). Mit der Gruppendiskussion gerät in den Blick, dass diese Kindheitserfahrungen traumatische Qualität aufgrund einer Dynamik entwickeln können, die aus schweren Belastungen der Kriegskinder und der Verleugnung dieser Belastung durch die damaligen Erwachsenen resultierte. Die Belastung und das Trauma verwiesen auf die Täterschaft der Eltern- und Großelterngeneration und dies scheint eine angemessene Anerkennung des Traumas unmöglich gemacht zu haben. Hinzu tritt offensichtlich, dass die Erziehungsideale, die im Nationalsozialismus herrschten und zum Teil schon älter waren, bis in die 1960er Jahre hinein fortwirkten, was durch die Berichte über schwere körperliche Züchtigung in den Gruppendiskussionen dokumentiert ist. Insofern waren diese Kinder Opfer: Opfer ihrer Eltern, die nicht nur die eigene Schuld nicht anerkennen konnten, die das Trauma ihrer Kinder auslöste, sondern diesen Kindern auch weiter mit der Ideologie von Härte aus der Zeit des Nationalsozialismus als Erziehungsideal begegneten. 437 438 6 Diskussion der Untersuchungsergebnisse und möglicher Konsequenzen Zum Abschluss dieses Bandes sollen eingangs die Ergebnisse der vorangegangen Kapitel 5.1 bis 5.3 im Hinblick auf die Entstehungsbedingungen rechtsextremer oder aber demokratischer Einstellungen zusammengefasst und diskutiert werden. Hieran schließen mögliche Konsequenzen an, die sich aus unserer Sicht in der Auseinandersetzung mit rechtsextremen Einstellungen ergeben. In der Diskussion greifen wir Ergebnisse der Gruppendiskussionen auf, die in den Zwischenresümees festgehalten worden sind. Diese Erträge der Gruppendiskussionen sollen hier weiter diskutiert werden und sind als abschließende Zusammenfassung zu verstehen. Die Zwischenresümees werden also an dieser Stelle nicht vollständig wiedergegeben, sondern es wird an die Lektüre derselben angeschlossen. 6.1 Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Chauvinismus In Kapitel 5.1 haben wir – angelehnt an drei Dimensionen des Rechtsextremismusfragebogens aus der Vorgängeruntersuchung„Vom Rand zur Mitte. Rechtsextreme Einstellungen und ihre Einflussfaktoren in Deutschland“ – das Material der Gruppendiskussionen auf ausländerfeindliche, antisemitische und chauvinistische Befunde hin untersucht. Stellte die Ausländerfeindlichkeit sowohl quantitativ als auch qualita439 tiv die am stärksten vertretene Dimension rechtsextremer Einstellungen in den meisten Diskussionen dar, so fiel gleichfalls ein allgemeiner gesellschaftlicher Normierungs- oder Anpassungsdruck auf, der auf allen Teilnehmenden lastete, auch wenn sie diesen nicht – wie in den meisten Fällen – auf„Fremde“ verschoben. Daraus lässt sich folgern, dass insgesamt ein hoher gesellschaftlicher Druck empfunden wird, bei dessen Nichterfüllung Sanktionen befürchtet werden. Allgemeines Gewaltverhältnis Wir haben bereits im ersten Abschnitt festgestellt, dass es neben den „äußeren Fremden“(Migrant/innen, Nationen) auch„innere Fremde“ (Erdheim 1987, 263) gibt, die stigmatisiert werden. Die Stigmatisierung hat einen totalen Zugriff der Gemeinschaft zur Folge, sie entkleidet den Betroffenen der Schutzrechte, die die Mitglieder der Gemeinschaft genießen. 17 Die Erfahrung, dass einzelnen Menschen bei Abweichung Stigmatisierung droht, ist ein allgemeines Phänomen, dem nicht nur Migrant/ innen ausgesetzt sind, sondern dem potenziell alle Mitglieder der Gesellschaft begegnen können. Ausländerfeindlichkeit erscheint somit als eine Variante eines allgemeinen Anpassungsdrucks. In den Gruppendiskussionen hat sich die Ausländerfeindlichkeit als besonders ausgeprägte Dimension rechtsextremer Einstellung bestätigt, sogar noch über den Kreis der in der quantitativen Vorgängerstudie als ausländerfeindlich aufgefallenen Personen hinaus. Antisemitismus und Chauvinismus waren in den Gruppendiskussionen weniger ausgeprägt, auch wenn sie sich als Dimensionen rechtsextremer Einstellung mit relevanter Ausprägung in unserer Fragebogenstudie darstellten. Unserem 17 Eine filmische Inszenierung des Umgangs mit einer Fremden, die bleibt, dieses totalen Zugriffs auf die„Ausgestoßene“, die dadurch dann erst als voll verfügbar und eingeschlossen wird, ist der Film„Dogville“ von Lars von Trier. 440 Eindruck nach bietet die Ausländerfeindlichkeit im ungewohnten Rahmen einer Gruppendiskussion mit in der Regel unbekannten Mitdiskutierenden eher die Möglichkeit, sich ohne Angriffsfläche zu exponieren und einen Gruppenkonsens herzustellen als etwa der Antisemitismus. Dieser tauchte in der Dortmunder Diskussion im allgemein fremdenfeindlichen Kontext auf. In Neuss fielen Äußerungen, die wir im Sinne der Abwehr von(weitergegebener) Schuld und Scham aufgrund der nationalsozialistischen Judenvernichtung interpretiert haben. In Herdecke tauchten vereinzelt antisemitische Klischees auf und in Berlin-Hohenschönhausen, der Jugendgruppe, gehörte destruktiver Antisemitismus in die allgemeine Destruktivität der Gruppe, wobei explizit die Opfer des Holocaust verhöhnt wurden. Der Chauvinismus tauchte als direkt geäußerte Überlegenheitsvorstellung„der Deutschen“ nicht auf. Doch ist das ausländerfeindliche Bild der „Überfremdung“ mit der Vorstellung eines Binnen-Wir„der Deutschen“, von denen„das Fremde“ abgegrenzt und ausgeschlossen wird, nicht vom Chauvinismus trennbar. Die Betonung der Region in unserer Eingangsfrage wird dazu geführt haben, dass dieser Erlebnisraum auch stärker als explizit nationale Aspekte in den Gruppendiskussionen präsent war. Dies mag im Übrigen auch dazu geführt haben, dass sich Frauen stärker als in der Fragebogenuntersuchung an der Hervorbringung und Durchsetzung ausländerfeindlicher Ressentiments beteiligt haben. Wir hätten damit einen Hinweis auf die bereits von Rommelspacher formulierte Kritik der Fragebogenkonstruktion als nicht gender-sensibel(Rommelspacher 2000). Die in Fragebogenuntersuchungen häufig ausgemachte geringere Ausprägung rechtsextremer Einstellungen bei Frauen im Vergleich zu Männern(auch in unserer Fragebogenerhebung) kann auch darauf zurückzuführen sein, dass Frauen ihre entsprechenden Ressentiments häufig eher im Nahbereich äußern und nicht unbedingt allgemeiner formulierten rechtsextremen Aussagen zustimmen. 441 Ausschluss als psychischer Prozesse, Einschluss als gesellschaftlicher Prozess Der eben ausgeführte allgemeine gesellschaftliche Anpassungsdruck sorgt für eine Stigmatisierung derer, die diesem Druck nicht Standhalten können oder der geforderten Norm scheinbar oder wirklich nicht entsprechen. Die von uns so genannte paradoxe Wirkung des Stigmas zeugt davon, dass es in der gegenwärtigen Gesellschaft eine Angst vor dem konkreten oder symbolischen gewaltvollen Zugriff gibt. Damit wird auch deutlich, dass der Begriff der Desintegration nur einen Teil des Ausgrenzungsprozesses korrekt beschreibt und zwar gerade nicht den sozialen Aspekt. Psychisch handelt es sich um einen Ausschluss, der die Aggression gegenüber dem Stigmatisierten legitimiert. Gesellschaftlich aber bedeutet Stigmatisierung aufgrund von real oder scheinbar abweichendem Verhalten in den meisten Fällen erhöhten Einschluss, da die Gemeinschaft bis hin zu staatlichen Stellen Zugriffsmöglichkeiten gewinnen – etwa die dörfliche Gemeinschaft oder Sozialbehörden und die Arbeitsagentur – und Regelungen den Alltag des Einzelnen prägen, wenn etwa die Höhe des Mietzuschusses einen Umzug erfordert. Das lässt sich den Berichten derjenigen mit Stigmatisierungserfahrung genauso entnehmen wie den Gruppendiskussionen, in denen„Fremde“ stigmatisiert werden. Die ökonomische Deprivationserfahrung wird dabei als Armutsstigma zu einem Sonderfall der allgemeinen Drohung, aus der Gemeinschaft und Gesellschaft als„fremd“ aus- und eingeschlossen zu werden. Wir haben neben dem sozialen Einschluss auch einen psychischen Ausschluss gefunden, nämlich den aus dem Gruppen-Wir. Dieser psychische Ausschluss kann als Spaltung bei den Mitgliedern der In-Group verstanden werden. Spaltung ist ein psychischer Mechanismus, bei dem eigene Wünsche oder Bedürfnisse bei anderen wahrgenommen und dort bekämpft werden können: Umgangssprachlich spricht man vom Sündenbock. Die 442 Inhalte, die abgespalten werden, haben verschiedene Motive: Individualität, Arbeitsscheue, Unangepasstheit, Unterlegenheit, ein Leben ohne Regeln, Verlust eines idealisierten Ursprungs. Dabei können wir diese projektiven Anteile eher bei den Teilnehmenden finden, die Statusunsicherheiten oder-abstieg erlebt haben oder befürchten müssen. In diesem Sinne ist die auch anderenorts beschriebene„Desintegrationserfahrung“ im Hintergrund rechtsextremer Einstellung zu differenzieren. So wäre auch die als Desintegration bezeichnete Erfahrung als Einflussfaktor für gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit(Heitmeyer& Mansel 2008) zu kritisieren, weil der Begriff sowohl den psychischen Mechanismus vernachlässigt als auch den gesellschaftlich drohenden Zugriff bzw.„Einschluss“ eher verschleiert, als ihn offen zu legen. Kulturalistische Argumentationsmuster Auffällig ist, dass wir auch bei Teilnehmenden ausländerfeindliche Einstellungen antrafen, die dieser Dimension im Fragebogen nicht oder nur teilweise zugestimmt hatten. So wurde die Ausländerfeindlichkeit in der Befragung offenbar noch unterschätzt, obwohl sie auch dort bereits die höchsten Zustimmungswerte erreichte. Dabei konnten wir ein bestimmtes Argumentationsmuster, das wir„kulturalistisch“ nennen, als Grund für die noch größere Ausprägung der Ausländerfeindlichkeit in den Diskussionen nachweisen. Bei der kulturalistischen Argumentation werden Migrant/innen, denen eine kulturelle Nähe zur Mehrheitsbevölkerung zugeschrieben wird, von denen unterschieden, die(vermeintlich) nicht zur herrschenden gesellschaftlichen Norm passen: Schotten oder USAmerikaner werden positiv, Türken zumeist kritisch bewertet. Viele Teilnehmende, die im Fragebogen niedrige oder teils/teils-Werte erreichten, schlossen sich solchen kulturalistischen Argumentationen an oder brachten sie mit hervor. Markantester Auslöser für eine kulturalistische Argumentation scheint derzeit der islamische Glaube zu sein. 443 Dass die Aggressionen, mit denen(vermeintliche) Abweichung beobachtet wird, in der Regel mit dem provozierenden Verhalten begründet wird, das diese Aggression auslöst, kann als weiterer Hinweis auf eine psychische Dimension verstanden werden. Dabei gerät das als provozierend erlebte Verhalten unter der Hand zu einer intentionalen Provokation. Dabei konnten wir bei den meisten Teilnehmenden feststellen, dass in den berichteten Erlebnissen die Aggression von ihnen selbst ausging. Bei der Beschreibung dieser Erfahrungen aggressiver„Ausländer“ werden auch Begriffe wie„Artfremdes“ verwendet, die zwar einen biologistischen Kern haben, allerdings gegenüber der kulturalistischen Argumentation an Bedeutung verlieren. Auch der bekannte ausländerfeindliche Topos, dass etwa„Ausländer Deutschen die Arbeitsplätze wegnehmen“ würden – und demnach ein Zusammenhang zwischen Statusbedrohung und Ressentiment besteht – findet sich in unserem Material kaum. Nur in der Gruppendiskussion in Berlin-Bohnsdorf wurde diese Position von einem Teilnehmer geäußert, aber trotz der manifesten Ausländerfeindlichkeit und der Abstiegserfahrungen in der Gruppe von den anderen Teilnehmenden nicht aufgegriffen. Heimat und Fremde Auf Basis der in Kapitel 5.1 dokumentierten Beobachtungen sollen nun die psychischen Mechanismen des Aus- bzw. Einschlusses„des Fremden“ noch genauer betrachtet und diskutiert werden. Der Sozialpsychologe Graumann schrieb dazu:„Die Erfahrung der Fremdheit ist[…] etwas so Alltägliches, daß sie uns alles andere als fremd sein sollte“(Graumann 1997, 39). Diese Feststellung macht aber vor allen Dingen sichtbar, dass Fremdheit immer wieder aufs Neue als verunsichernd erlebt wird und damit einen zweiten Blick verdient. Die Unterscheidung von Fremd und Eigen ist ein sozialer, wenn auch nicht immer bewusster Prozess. Als Pro444 zess wird er aktiv vor dem Hintergrund einer sozialen Ordnung betrieben, was auch bedeutet, dass vermittelt über das, was als„Fremd“ hergestellt wird, das Eigene untersucht werden kann(Scherr 1999, 51). Über die Reaktion auf das Fremde, überhaupt an dem, was fremd ist, lässt sich viel mehr über kulturell„Eigenes“ erfahren als über das„Fremde“(Bielefeld 1998, 99). Schon Freud erkannte, wie vertraut dieses vermeintlich bedrohliche Fremde tatsächlich ist:„Das Unheimliche ist also[…] das ehemals Heimische, Altvertraute“(Freud 1919, 259). Das Unheimliche am Fremden, das, was Aggressionen auf ihn lenkt, ist etwas, was vertaut ist. Nehmen wir die beschreibende Definition von Waldenfels hinzu, wird unser Blick auf einen Verlust gelenkt: Fremd ist, wer kommt und bleibt – und damit ein Verweis auf den Verlust von Heimat ist(Waldenfels 1990). Diese phantastische Aufladung des Fremden geht einher, dies klang schon an, mit einer ebenso phantastischen Konstruktion von Heimat(Türcke 2006, Heim 1992), so beispielsweise in der Gießener Gruppendiskussion. Heimat ist immer schon die zweite, die als Versuch der Rückkehr in das Verlorene ersehnt wird(Türcke 2006). Das, was Angst macht, und das, was ersehnt wird, sind auf das Untergründigste verbunden(s. auch unten in„Konsequenzen“ der Abschnitt„Gedenkstättenarbeit und Erinnerungskultur“). Diese soziale Konstruktion von Fremdheit verbindet sich auch in den Gruppendiskussionen oft mit der Thematisierung von„Heimat“ oder dem „Ursprung“. Der„Fremde“ repräsentiert dabei also den Verlust der Heimat und des Ursprungs und das ist es, was unserem Ergebnis nach die tendenziell feindselige Dynamik gegenüber dem Fremden mit ausmacht. Die beiden Momente Projektion und Aggressivität machen es nicht nur informativ, sondern zwingend notwendig, das psychische Geschehen beim Umgang mit„Fremden“ zu betrachten – nicht nur, um den Umgang mit dem„Fremden“ zu humanisieren, sondern auch, um Auskunft über die Ursachen der Ambivalenz ihm gegenüber zu erhalten. Was uns im imaginären Bild des Fremden scheinbar von außen gegenübertritt, muss 445 und kann auf die Eigenanteile hin untersucht werden: auf die eigenen Wünsche, aber auch auf die Vorstellung des„Selbst“ bezogen auf das Individuum(nach Siegmund Freud), aber auch auf die Gesellschaft(nach Norbert Elias)(Bielefeld 1998, 104). Freud beschrieb mit dem Begriff des„Unheimlichen“ den Zusammenhang von radikaler Fremdheitserfahrung und dem Unbewussten: Das Fremde ist das Eigene(s.o.), das nicht wahrgenommen werden kann und Aggressionen provoziert. An diese Überlegungen schließt Julia Kristeva mit ihrer programmatisch überschriebenen Arbeit„Fremde sind wir uns selbst“ an(Kristeva 1990) und bindet damit die gesellschaftliche Hervorbringung von Fremdheit an psychoanalytische Theorie. Da das Fremde nicht eigentlich Fremdes ist, sondern Eigenes, müssen die Bemühungen dahin gehen, die durch„Fremde“ ausgelösten Ressentiments aus der Gesellschaft zu verstehen. Insofern ist die Fremdheitserfahrung auch immer eine Auskunft über kulturelle unbewusste Inhalte, wie in unseren Gruppendiskussionen der Wunsch, den„Ursprung“ nicht verloren zu haben oder ein glückliches Leben zu führen, wie es die Migrant/innen in den Augen der Teilnehmenden haben – aber sie nicht. Als Ziel für eine demokratische Gemeinschaft muss das Gegenteil formuliert werden: Anerkennung der Fremdheit, nicht Assimilation, muss das Ziel sein. Denn das bedeutet auch, im Anderen das Eigene anzuerkennen und an der eigenen Aufklärung zu arbeiten(Benjamin 1998). Nehmen wir das Beispiel der Debatte kulturalistischer Argumentation im Umgang mit Frauen in muslimischen Ländern, wie sie in der Rede über die Verschleierung von Frauen als rückständig in der Gruppendiskussion in Neuss aufkam. Dass hierbei der Eindruck entsteht, die Emanzipation der Frau von gesellschaftlichen Zwängen sei zum einen ein ungebrochenes Produkt der europäischen Aufklärung und zum anderen ein lange gesicherter Wert, ist selbst symptomatisch: Noch bis 1976 konnte ein Ehemann den Arbeitsvertrag seiner Frau ohne deren Einwilligung kündigen. 18 Dass bedeutet keinesfalls, die Verschleierung der Frau 446 und damit die Kontrolle des männlichen sexuellen Begehrens über die Kontrolle des weiblichen Körpers zu legitimieren, als„Anerkennung“ der Fremdheit anzupreisen. Aber es bedeutet, dass die Auseinandersetzung ganz anders geführt werden muss(Haug& Reimer 2005), nämlich als Vermittlungsprozess, in dem etwa affektive kulturalistische Argumentation auch als projektive Entladung eigener kultureller Spannungen, die uns im„Fremden“ begegnen, verstanden werden muss. Das Projekt der Aufklärung ist noch lange nicht abgeschlossen. „Die Frage ist allerdings, ob die Herausforderung, die in der Konfrontation mit dem radikal Fremden liegt[…] tatsächlich ins Bewusstsein gedrungen ist und angenommen werden kann oder psychische Abwehrmechanismen(in ihrer projektiv-defensiven Funktion unterliegt)“(Quindeau 1999, 169). Und das ist die entscheidende Frage, die über das Gelingen im Umgang mit dem„Fremden“ entscheiden wird. Diese Überlegungen sind bereits in die Dominanztheorie(Rommelspacher 1995, 2006) zur Begründung rechtsextremer Einstellung und Gewalttaten eingegangen, da mit ihnen die gesellschaftliche Hervorbringung von Gemeinschaft und die Verrechnungskosten dieser Hervorbringung auf individueller Ebene rekonstruierbar werden. Die Individualisierung durch das Stigma In der Analyse der Ausgrenzungs- und Einschlussprozesse haben wir deren Wirkung auf das betroffene Individuum als Stigmatisierung erkannt. Jede Stigmatisierung hat die eigentümliche Wirkung, dass durch das Stigma die Person aus der Gruppe hervorgehoben, oder anders gesagt, individualisiert wird. Gleichzeitig aber wird damit vom tatsächlichen In18 Erst in der Reform des Ehe- und Familienrechts von 1976 wurde dieses Recht in Westdeutschland abgeschafft, genauso wie die gesetzlich festgelegte Pflicht der Ehefrau zur Hausarbeit(in der DDR geschah dies in den 1960er Jahren). 447 dividuum abstrahiert, was nicht Stigma ist. In dieser Individualisierung können wir den Hinweis auf eine Ambivalenz gegenüber Individualität ausmachen, die im Folgenden zu diskutieren sein wird. Diese Individualisierung durch ein Stigma führt gerade nicht in gesellschaftliche Freiräume, ganz im Gegenteil. Wie wir anhand der Gruppendiskussionen dargelegt haben, zeigen diese Individualisierungsprozesse eine gegenläufige Bewegung, dass der/die Betroffene von den bindenden Verhältnissen von Klasse, Familie und ähnlichem freigesetzt wird. Zugleich wird er/sie Zielscheibe der Wut, sich selbst nie vollständig von äußeren Normen gelöst zu haben, sich als Individuum im vollen Sinne des Wortes autonom zu diesen verhalten zu können. So entsteht paradoxerweise ein Hass auf die Individualität als Zeugnis der eigenen Unterwerfung. Die Techniken der Kontrolle durch Selbstbeobachtung und Selbstkontrolle(Foucault 1975, Elias 1939b) konnten bei den Teilnehmenden der Gruppendiskussionen beobachtet werden: Man versuchte, bei verschiedenen Themen, einen Gruppenkonsens herzustellen, schaute sich bei als heikel eingestuften Aussagen in der Runde um oder suchte Bestätigung durch angenommene Autorität der Interviewenden. In allen Gruppendiskussionen konnten wir die„Internalisierung sozialer Kontrolle“ bebachten und damit einen„gesellschaftlichen Prozess der Veränderung des Innenlebens“ (Wohlrab-Sahr 1997, 26). Abstrakter formuliert: Die Teilnehmenden versicherten sich während der Diskussion ständig ihrer Zugehörigkeit, um Ausschlusserfahrungen zu vermeiden. Diese Prüfung eröffnet noch einmal den Blick auf die Angst vor Stigmatisierung und die darin zum Ausdruck kommende allgemeine Präsenz der Gewalt in der Gesellschaft. Das gesellschaftliche Ganze gestattet seinen Mitgliedern unterschiedliche Freiheitsgrade. Die Durchsetzung dieser Freiheitsgrade kann nicht von Einzelnen eingelöst werden, sondern muss gesellschaftlich vermittelt und geschützt werden. Eine offene und demokratische Gesellschaft ist auch daran zu messen, wie stark der Integrationsdruck auf jedem ihrer Mitglieder lastet, wie viele Freiheitsgrade sie ihren Mitgliedern gewährt. 448 Dies gilt nicht nur in ihrer Funktion als Marktsubjekte, sondern eine liberale Gesellschaft ist auch daran zu messen, wie stark sie ihre Mitglieder durch die Auslieferung an Instanzen bedroht – den Leviathan, um es mit Thomas Hobbes zu sagen –, die das Individuum einer Kontrolle und Verfügbarkeit unterwerfen. In Deutschland sind, zugespitzt formuliert, dem Leviathan in den letzten zwanzig Jahren immer weniger Ketten angelegt worden. Umso wichtiger ist es, angesichts der technischen Entwicklung bezüglich der Erfassbarkeit des Einzelnen, diese Tendenz nicht zu verschärfen, sondern jegliche Zugriffsmöglichkeiten des Ganzen auf den Einzelnen demokratisch zu legitimieren und die individuellen Freiheitsrechte zu schützen(Decker 2005). Insgesamt haben wir in Kapitel 5.1 anhand der Analyse der Gruppendiskussionen gesellschaftliche Bedingungen herausarbeiten können, unter denen ausgrenzende Ressentiments entstehen, im Falle von rechtsextremen Einstellungen Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus und Chauvinismus. Wir fanden als Einflussfaktoren für die Herausbildung dieser rechtsextremen Einstellungen den als stark empfundenen Normierungsdruck, die Angst vor Zugriffen auf das Individuum, ein nicht reflektiertes Verhältnis von vermeintlich bedrohlicher Fremdheit und idealisierter Heimat sowie kulturalistische Vorbehalte gegenüber Migrant/innen, vor allem gegenüber Muslimen. Damit sind zum einen Bedingungen beschrieben, die die Entstehung rechtsextremer Einstellungen fördern, wenn nämlich der Normierungsdruck auf Gruppen von„Anderen“, von„Fremden“ verschoben wird. Zum anderen aber müssen diese Bedingungen nicht zwangsläufig zum Ressentiment führen. Vor allem die psychosoziale Möglichkeit, gesellschaftliche Gewaltverhältnisse zu hinterfragen, ohne„reflexhaft“ den gesellschaftlichen Normierungsdruck durch Stigmatisierung auf jeweilige„Andere“(z. B.„die Ausländer“ oder „die Arbeitslosen“) zu verschieben, erwies sich als Schutzfaktor gegenüber rechtsextremen Einstellungen. So ist die Entwicklung der Fähigkeit 449 zur Empathie, also zum Nachvollzug der Position des Gegenübers zentral, um Stereotype zu vermeiden. Die Entwicklung solcher Empathieund Reflektionsfähigkeiten hängt sowohl von gesellschaftlichen Bedingungen ab als auch mit den konkreten jeweiligen Sozialisationsbedingungen des Individuums zusammen. 6.2 Diktatorische, sozialdarwinistische und demokratische Einstellungen In Kapitel 5.2 sind wir den Faktoren nachgegangen, die über die demokratische Einstellung entscheiden, und denen, die sie verhindern. Zur Analyse von Unterstützung antidemokratischer, diktatorischer Regierungsformen und autoritärer Strukturen auf der einen Seite und demokratischen auf der anderen Seite sind wir das Erhebungsmaterial durchgegangen. Dabei zeigten sich Berichte der familiären Sozialisation der Teilnehmenden, aber auch die Beziehungsgestaltungen innerhalb der Diskussionen als besonders aussagekräftig. Wir konnten in den Gruppendiskussionen verschiedene Erscheinungsformen demokratischer, antidemokratischer bis hin zu diktatorischen Einstellungen finden. Dabei stellten wir einen Zusammenhang von Sozialisationserfahrung und Einstellung zur Demokratie fest. In einigen Gruppendiskussionen wurde von erheblicher körperlicher Gewalterfahrung berichtet, die von Eltern und Lehrern ausging. Davon berichteten die Teilnehmenden der älteren Generationen in Eutin und Niedernhausen. In den mittleren Generationen wurde von erheblichen Züchtigungen berichtet, so in Berlin-Bohnsdorf oder Dortmund, wo diese im Rückblick ebenfalls legitimiert wurde. Auch in der rechtsextremen Berliner Jugendgruppe war elterliche körperliche Gewalt eine selbstverständliche Erfahrung für die Betroffenen. 450 Autoritäre Aggression Bei den Teilnehmenden, die diktatorische Regierungsformen forderten, trafen wir auch häufig autoritäre Aggressionen gegenüber Schwächeren an, wie auch einen Neid- bzw. Wutaffekt gegenüber denjenigen, denen es scheinbar besser geht. Diese haben – wie etwa in der Gruppendiskussion in Dresden-Johannstadt – destruktive Qualitäten, wenn gefordert wird, die Arbeitslosen sollten„aufgestellt“ werden, denn„da machen die sich nicht tot“. Auch eine Verbindung zu sozialdarwinistischen Forderungen trat hier hervor. Die Fähigkeit zur Empathie, wie etwa die Erlebnisse der arbeitslosen Teilnehmenden in Dresden-Neustadt nahegelegt sein lassen, waren hier nicht zu finden. Auch bei anderen Teilnehmenden konnten wir eine Autoritätsgebundenheit feststellen, die im Hintergrund der diktatorischen und sozialdarwinistischen Einstellung steht. Auffallend ist, dass es intergenerationelle Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt. Die klassische Autoritätsgebundenheit war zwar auch in der jüngeren Generation anzutreffen(so in Eutin), wir haben sie im Wesentlichen aber bei älteren Teilnehmenden angetroffen. Sehr deutlich wurde der Zusammenhang von autoritärem Erziehungsverhalten und antidemokratischer Einstellung in der Gruppendiskussion in Niedernhausen. Die Beschneidung des kindlichen Phantasieraums durch die Forderung und Durchsetzung einer„anständigen Ordnung“ bereitete den Nährboden für eine antidemokratische Einstellung. Der Rückbezug auf eine Gesellschaft, in der Ordnung herrschte, stellte sich als verbindendes Moment im positiven Bezug auf die DDR in Dresden-Johannstadt und die Zeit des Nationalsozialismus in Niedernhausen heraus. 451 „Erleiden“ der Politik In der Diskussion in Dresden-Johannstadt führte die als kränkend empfundene Erfahrung der niedrigen Rente vor allem bei einer Teilnehmerin zur verfolgend-aggressiven Reaktion. Wir konnten daneben auch eine andere Reaktion beobachten, wie einen resignativen Rückzug, aus dem heraus eine Distanz zur Politik und Hilflosigkeitserleben resultierten. Die Teilnehmenden der Gruppendiskussion in Dresden-Neustadt erleben sich als Objekte staatlicher Institutionen, auf die sie keinen Einfluss haben. Auch aus dieser Position heraus kann keine aktive politische Handlung resultieren, die einen demokratischen Veränderungsprozess anstößt. Aber es wird sichtbar, dass die Teilnehmenden nicht mit einer autoritären Aggression reagieren müssen und härteres Vorgehen gegen noch Schwächere fordern. Demokratie als empfundene Fälschung Neben der autoritätsgebundenen Einstellung, die mit der Zustimmung zu diktatorischen Regierungsformen einhergeht, konnten wir auch feststellen, dass der Begriff„Demokratie“ oder Politik überhaupt von vielen Teilnehmenden nicht als ein Geschehen begriffen werden kann, an dem sie beteiligt sind. Es sind Regierungen oder Politiker, die handeln, die einzig wahrgenommene Partizipationsmöglichkeit besteht in den Wahlen und die werden in den Gruppendiskussionen entwertet. Bei diesem Punkt bleibt aber noch Aufklärungsbedarf. Es handelt sich ja weniger um eine antidemokratische Einstellung, als vielmehr um eine, die Demokratie nicht zu schätzen und zu nutzen weiß. Dieser Befund bleibt nicht auf Teilnehmenden beschränkt, die in Ostdeutschland an den Gruppendiskussionen teilgenommen haben, sondern scheint eine relativ stabile Einstellung über die jüngere und mittlere Generation hinweg in Ost- und Westdeutschland zu sein.„Demokratie“ verbindet sich für 452 die meisten Teilnehmenden mit dem aktiven Wahlrecht, das aber wiederum als unbedeutend wahrgenommen wird. Diese wahrgenommene Insuffizienz erstreckt sich dann auf die Ablehnung der demokratischen Verfasstheit der Gesellschaft im Ganzen. Dieses ost- wie westdeutsche Unverständnis wurde auch in Kapitel 5.3 noch einmal aufgegriffen, da sich hier möglicherweise ein Defizit älteren Datums finden lässt. Wenn in der Gruppendiskussion in Eutin eine lineare Abfolge vom Nationalsozialismus, der DDR und BRD aufgemacht wird, bei der„die da oben“ machen, was sie wollen, kann eine gewisse geschichtliche Kontinuität im Hintergrund des Unvermögens ausgemacht werden, demokratische Partizipationsmöglichkeiten zu nutzen. Als einen Befund der Gruppendiskussionen, die in den fünfziger Jahren in Westdeutschland vom Frankfurter Institut für Sozialforschung durchgeführt worden sind, hält Adorno fest: „Demokratie hat nicht derart sich eingebürgert, dass sie die Menschen wirklich als ihre eigene Sache erfahren, sich selbst als Subjekte der politischen Prozesse wissen“(Adorno 1959, 559). An dieser Stelle ist eine Konstanz auszumachen, die trotz der weitergehenden Demokratisierung der Gesellschaft besteht. Verschwörungstheorien Die Trennung zwischen„den Politikern“ und den Teilnehmenden der Gruppendiskussionen fand in Gießen und Herdecke einen gemeinsamen Nenner in Verschwörungstheorien. Diese sind deskriptiv durch starke Vereinfachung gesellschaftlicher Zusammenhänge und Personalisierung gekennzeichnet. Auffallend ist, dass einmal die„mafiöse“ Struktur von Politik und Verwaltung in ihren Folgen(„schlechte Infrastrukturpolitik“) mit den vermeintlich positiveren Verhältnissen in den„Ostgebieten“ vor dem Zweiten Weltkrieg kontrastiert wird. Ein anderes Mal rankt sich die Verschwörungstheorie vornehmlich um die Rolle von„Wirtschaftsbossen“. 453 Postautoritär-destruktiver Charakter Haben wir bei den Teilnehmenden der älteren Generationen in unseren Gruppendiskussionen noch das„klassisch Autoritäre“ bzw. die Sehnsucht danach als Reaktion auf den empfundenem Verlust einer ehemaligen positiven Ordnung aufzeigen können, fanden wir in den Diskussionen mit Jüngeren bereits Veränderungen der autoritären Orientierungen vor. Die jüngeren Teilnehmenden weisen durchaus noch Elemente einer autoritären Einstellung auf, scheinen aber doch gesellschaftlichen Veränderungen in ihrer Sozialisationserfahrung unterworfen worden zu sein, die sich nicht mehr mit klassischer Autoritätsgebundenheit beschreiben lassen. So haben sich die familiären Sozialisationsbedingungen verändert, wie sich etwa anhand der Schilderung von Erziehungserfahrungen in den 1930er Jahren in der Niedernhauser Diskussion im Kontrast zu denen in Berlin-Bohnsdorf oder Berlin-Hohenschönhausen zeigen lässt. Trat hier der Vater noch als Autorität auf, die mit der Forderung nach Einhaltung der Ordnung auch gegenüber gesellschaftlichen Institutionen noch eine starke und autonome Position unter Beweis stellen konnte und tatsächlich den Sohn vor der Willkür etwa der Lehrerin schützen konnte, ist das in Berlin-Hohenschönhausen und in Berlin-Bohnsdorf nicht mehr der Fall. Die elterliche Gewalt scheint hier nur noch in eine Richtung gehen zu können: gegen die eigenen Kinder. Eine Schutzfunktion gegenüber gesellschaftlichen Institutionen, von denen ebenfalls das Einhalten von Regeln eingefordert werden kann, wird von diesen Eltern nicht mehr wahrgenommen. In Berlin-Hohenschönhausen scheint die Gewalt gegen die Kinder dann nur noch aus der körperlichen Überlegenheit der Eltern zur resultieren. Die so sozialisierten Jugendlichen in unseren Gruppendiskussionen zeigten Charaktermerkmale, die man als autoritär-destruktiv zusammenfassend beschreiben kann. Diese Veränderungen haben eine weitere Schwächung der Autonomie des Einzelnen zur Folge und fördern die Aggression gegen gesellschaftliche Instanzen. Die vor allem in 454 Berlin-Hohenschönhausen immer wieder präsente Gewalt der Mitglieder zueinander kann anzeigen, wie wenig es gelingt, noch Schutzräume gegenüber der allgemeinen gesellschaftlichen Gewalt aufzurichten. Insgesamt haben wir in Kapitel 5.2 auf der einen Seite den Zusammenhang von autoritären Strukturen und Erziehungserfahrungen mit rechtsextremen Einstellungen aufzeigen können. Gewaltvolle sozialisatorische Bedingungen, die mit dem Konzept des Autoritarismus zu beschreiben sind oder bereits mit dessen Nachfolge, dem„Postautoritär-Destruktiven“, tragen in erheblichem Maße zur Entwicklung rechtsextremer Einstellungen bei. Auf der anderen Seite stellen Sozialisationsbedingungen, die sich durch Gewaltverzicht sowie durch Anerkennung des Kindes bzw. „des Anderen“ im Allgemeinen auszeichnen, ein förderliches Klima für die Entwicklung demokratischer Einstellungen dar. Nicht zuletzt zeigten sich die Unterschiede zwischen Autoritärem, Postautoritär-Destruktivem und Demokratischem auch im Diskussionsverhalten der Teilnehmenden, der Interaktionen miteinander. 6.3 Zur Gegenwart der nationalsozialistischen Vergangenheit Sind wir in Kapitel 5.1 zunächst dem aktuell erfahrenen gesellschaftlichen Normierungsdruck nachgegangen, der bei vielen Deutschen auf Gruppen von„Fremden“ und„Abweichlern“ verschoben wird, und haben uns in Kapitel 5.2 den sozialisatorischen Bedingungen zugewandt, die rechtsextreme oder demokratische Einstellungen fördern, sind wir schließlich in Kapitel 5.3 auf generationenübergreifende Vermittlungen rechtsextremer oder aber demokratischer Einstellungen gekommen. Zentrale Bedeutung hat dabei die Beschäftigung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands, bezogen auf die Dimensionen rechtsextremer Einstellungen aus der Vorgängeruntersuchung„Vom Rand zur 455 Mitte“ die Frage nach einer etwaigen Verharmlosung des Nationalsozialismus. Familiäre Verstrickung und Scham In den Gruppendiskussionen sind eine Reihe von Themen der NSVergangenheit und ihrem aktuellen Niederschlag in der bundesdeutschen Bevölkerung sichtbar geworden. In der Regel erfolgte der Bezug auf das nationalsozialistische Deutschland indirekt, als nicht genannte oder nur stichwortartig erwähnte Vorgeschichte zur Nachkriegssituation oder den Folgen des Zweiten Weltkriegs für die Deutschen. An dieser Stelle sollen einzelne Aspekte der oben entwickelten Interpretation zusammengefasst werden. Nur in einer Gruppendiskussion, in Berlin-Mitte, wurden die Beteiligung am NS-Regime und das Engagement für den Nationalsozialismus in den eigenen Familien der Teilnehmenden thematisiert und kritisch reflektiert. Einer solchen Thematisierung der NS-Vergangenheit, die sowohl die Reflexion ihrer Bedeutung als auch die Aufarbeitung der eigenen Familienvergangenheit mit einschließt, tauchte sie in anderen Gruppendiskussionen gar nicht auf. Im Hinblick auf die Entstehung heutiger rechtsextremer Einstellungen wurde an diesem Beispiel deutlich, dass es weniger darauf ankommt, ob Familienangehörige in den Nationalsozialismus involviert waren, als vielmehr ob und wie mit dieser Vergangenheit umgegangen werden kann. Im Kontrast zur Berliner Diskussion konnten wir(intergenerationelle) Interaktionen nachzeichnen, in denen der Nationalsozialismus bagatellisiert oder verherrlicht wurde. In unseren Gruppendiskussionen zeigte sich sowohl ein„Verschwinden der Täter“ der nationalsozialistischen Verbrechen(Heer 2004) als auch ein„Verschwinden der Opfer“(Rothe 2006). So wurde die Opferseite nur in einer Sequenz in Berlin-Mitte angesprochen und in Neuss, wo 456 jedoch gleichzeitig das Motiv auszumachen war, von„den Juden“ und dem Holocaust wegkommen zu wollen und diesem„die eigenen Sachen“ – aktuelle Probleme der deutschen Gesellschaft – gegenüberzustellen (vgl. Kapitel 5.1.3). Dieses Verschwinden der Täter- und der Opferseite ist auch dann auszumachen, wenn die NS-Verbrechen explizit Thema sind. Wie an anderer Stelle ausführlich analysiert, werden die Verbrechen auch dann dethematisiert und somit kommunikativ zum Verschwinden gebracht, wenn die Erhebungen explizit mit diesem Forschungsthema eingeleitet werden(Rothe 2006 und Rothe, im Druck). Die„gemeinsame Verfertigung der Vergangenheit im Gespräch“, die Welzer, Moller& Tschuggnall(2002) für das Familiengespräch beschrieben haben, konnte in unseren Gruppendiskussionen ebenso beobachtet werden. Auch in ihnen und also außerhalb des familiären Rahmens findet – explizit und implizit – intergenerationelles Sprechen und auch eine Einigung zwischen den Generationen über die Bedeutung der NS-Vergangenheit statt, woran die hohe Bedeutung des Bedürfnisses zu erkennen ist, über die NS-Vergangenheit einen Konsens herzustellen. Dieses Bedürfnis steht durchaus im Zusammenhang mit der periodisch wiederkehrenden Debatte um einen angeblich nötigen„Schlussstrich“ unter die deutsche NS-Vergangenheit, wie er auch von rechtsextremen Organisationen gefordert wird. Allerdings haben wir nicht nur das intergenerationelle Gespräch beobachten können, sondern auch die gemeinsame Konstruktion von Erinnerung, die über den Kreis der Familie hinausweist und gesellschaftliche Prozesse der Veränderung von Erinnerung anzeigt. Jedoch gehen Welzer et al. nicht den Gründen für solch ein Verfertigen der Vergangenheit im Gespräch nach. Es bleibt die Frage, warum die Verbrechen ausgeblendet werden, die eigene oder familiäre Verstrickung verleugnet wird und die NS-Vergangenheit bagatellisiert oder verherrlicht wird. Um den Entstehungsbedingungen auch heutiger rechtsextremer Einstellungen nachzugehen, erweist sich eine solche Analyse allerdings als unumgänglich. So 457 haben wir das Material der Gruppendiskussion weiter im Hinblick auf Motive analysiert, die ein Licht auf die noch aktuelle Bedeutung der Vergangenheit werfen. Wohlstand als narzisstische Plombe Dem Wohlstand des Wirtschaftswunders im westlichen Nachkriegsdeutschland und dessen erfahrenem oder befürchtetem Verlust kam dabei eine Schlüsselposition zu. Dies haben wir auch in Beziehung zu psychoanalytischen Thesen wie der„Unfähigkeit zu Trauern“ von Mitscherlich& Mitscherlich(1967) gesetzt, um ihre mögliche heutige Bedeutung zu überprüfen. Die Kontextualisierung des Wohlstands als Folge von Kriegs- und Nachkriegszeit durch die Teilnehmenden selbst machte dessen Funktion als„narzisstische Plombe“ sichtbar. Die Gratifikation durch den Wohlstand überdeckte gleichsam die narzisstische Kränkung des verlorenen Krieges und der in der Figur des„Führers“ verdichteten Größenfantasien. Damit trug die Wohlstandserfahrung dazu bei, die Anerkennung von Schuld und Scham aufgrund der NS-Verbrechen zu verhindern. Wie der Wohlstand des Wirtschaftswunders als„narzisstische Plombe“ funktionieren kann, wird interessanterweise nicht nur in Bezug auf die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit deutlich. So wird der Wohlstand als vorhandenes Gut in Renningen explizit in den Kontext der positiven und gelungenen Integration von„Ausländern“ gesetzt. Doch ist der Wohlstand eben nicht„an sich“ ein dauerhafter„Schutzfaktor“ vor antidemokratischen und rechtsextremen Einstellungen, sondern überdeckt diese. Den Demokratiedefiziten muss anders begegnet werden– denn wie anhand der Diskussionen in Dortmund und Dresden-Johannstadt deutlich wurde, kommt es spätestens beim Wegfall der Plombe zum Ausbruch von Ressentiments. In Berlin-Bohnsdorf wurde in der Gruppe sozial stark benachteiligter Personen sogar die Wiederkehr des Nationalsozialismus 458 – als Apokalypse und Drohung zugleich – buchstäblich herbeifantasiert. Umgekehrt zeigte sich in Bezug auf die Entwicklung demokratischer Einstellungen, dass die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit erst dann als Schutzfaktor vor Rechtsextremismus wirkt, wenn die Reflexion auch eigener und familiärer Verstrickung gelingt und wenn Scham und Trauer ausgehalten werden. Vertreibung als Sühne statt Aufarbeitung der Vergangenheit Ein weiteres zentrales Thema für viele Teilnehmende der Gruppendiskussionen war die„Vertreibung der Deutschen“ im Jahre 1945. Wie wir zeigen konnten, erhielt sie die Funktion einer Täter-Opfer-Umkehr in Bezug auf historische Zusammenhänge. So tauchte der von Deutschen begangene Vernichtungskrieg und der Massenmord an den europäischen Juden sowie anderen Opfergruppen des Nationalsozialismus als den Vertreibungen vorausgehend nicht auf; vielmehr erschienen„die Deutschen“ einseitig als Opfer von„den Russen“. Auch wurde der Topos Vertreibung in seiner Funktion einer(unbewussten)„Sühneleistung“ diskutiert. Die Funktion des Themas„Vertreibung“ als Umkehrung von Täter-Opfer-Verhältnissen und unbewusste Sühneleistung weist weit über ihre Bedeutung in den Gruppendiskussionen hinaus. Eine solche„Erinnerungskultur“ unterläuft sich selbst, da sie den Zivilisationsbruch, für den der Holocaust und der Vernichtungskrieg stehen, nicht loswerden kann. Je größer die Bemühung ist, beides loszuwerden, umso stärker greifen Verdrängung und Verleugnung. Abschließend möchten wir festhalten, dass die NS-Vergangenheit nach wie vor, nicht nur für junge Neonazis, höchst bedeutsam ist. In Bezug auf die Entwicklung politischer Einstellungen kommt der Beschäftigung mit der NS-Zeit vielmehr eine Schlüsselposition zu. 459 „Einige Forschungsansätze sind[…] so angelegt, dass die mögliche Relevanz der Geschichte des Nationalsozialismus für den Rechtsextremismus bereits im Vorfeld negiert wird. Rechtsextreme Aktivitäten werden in vielen Forschungsansätzen nicht als symbolische Handlungen interpretiert, sondern unter allgemeine Erklärungsansätze gesellschaftlicher Problemlagen subsumiert, wie ,Desorientierung‘ und ,Desintegration‘. In gewisser Hinsicht entspricht dies einem Alltagsdenken, für das Aufmärsche und Gewalttaten auch nicht als symbolische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus gelten, sondern auf habituelle Erklärungen wie ,Alkohol‘ und ,Langeweile‘ reduziert werden. Rechtsextreme Aktivitäten werden in ihrer gesellschaftlichen Relevanz jedoch erst verstehbar, wenn sie als Handlungen in ihrem Bedeutungsgehalt analysiert werden“(Inowlocki 2000, 7). Wie unsere Untersuchung zeigt, trifft diese Aussage Inowlockis nicht nur für die rechtsextremen Handlungen zu. Vielmehr bedeutet die Ausblendung der nationalsozialistischen Vergangenheit für die Entstehung auch heutiger rechtsextremer Einstellungen, vom Inhalt eben dieser Einstellungen abzusehen. Dieser Verstehenshorizont ist jedoch für eine erfolgreiche politische und gesellschaftliche Auseinandersetzung und Zurückdrängung rechtsextremer Einstellungen in Deutschland erforderlich. Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse In unserer Analyse haben wir insbesondere vier Ebenen herausgearbeitet, die bei der Herausbildung rechtsextremer Einstellungen ineinander greifen: 1.(Aktuelle) gesellschaftliche Bedingungen, gesellschaftliche Gewalt durch Normierungsdruck und Zugriff, die auf den Individuen lasten. Gleichzeitig finden Sanktionen gegenüber von dieser Normierung abweichendem Verhalten hohe Akzeptanz. Insbesondere Migrant/innen 460 geraten dadurch in den Fokus von Normierungsdruck und bei dessen von Ausgrenzung. 2. Gewaltvolle sozialisatorische Bedingungen, die mit dem Konzept des Autoritarismus zu beschreiben sind oder bereits dessen Nachfolge, dem„Postautoritär-Destruktiven“. 3. Ein weitgehendes Unverständnis der Mitgestaltungsmöglichkeiten in einer Demokratie, woraus sich eine alarmierende Geringschätzung des demokratischen Systems ergibt. Dabei konnten wir beobachten, dass eine Akzeptanz des demokratischen Systems von vielen Personen mit der Gewährleistung materiellen Wohlstands verknüpft wird. Das Gefühl, der eigene Wohlstand sei gefährdet, mündet häufig nicht nur in Politik-, sondern auch in Demokratieverdrossenheit. 4. Die historische Vergangenheit des Nationalsozialismus, die intergenerationell bis heute wirksam ist und zu spezifisch„deutschen“ Dynamiken des Rechtsextremismus beiträgt. Als relevant für die Entwicklung von demokratischen Einstellungen, die den autoritären und rechtsextremen Einstellungen entgegengesetzt sind, erwiesen sich: 1. Die psychosoziale Möglichkeit, gesellschaftliche Gewaltverhältnisse zu hinterfragen, ohne den gesellschaftlichen Normierungsdruck durch Stigmatisierung auf jeweilige„Andere“(z. B.„die Ausländer“„die Arbeitslosen“) zu verschieben. 2. Empathiefähigkeit sowie die Fähigkeit, gesellschaftliche und/ oder politische Realitäten zu hinterfragen, ohne dabei in Systemopposition zu verfallen. 3. Sozialisatorische Bedingungen, die sich durch Gewaltverzicht sowie durch Anerkennung des Kindes bzw.„des Anderen“ im Allgemeinen auszeichnen. 4. Eine sowohl inhaltliche als auch emotionale Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit auf Seiten der Täter/Mitläufer/Unterlasser und 461 ihrer Nachkommen, was die Aufarbeitung eigener oder familiärer Verstrickungen einschließt. Aus diesen Ergebnissen leiten wir Konsequenzen ab, die im Folgenden vorgestellt werden sollen. Sie zielen auf die Erziehung in der Kindheit, aber auch auf ein gesellschaftliches Klima, das eine demokratische Einstellung ermöglicht. 6.4 Konsequenzen Die sich aus der Studie„Ein Blick in die Mitte“ ergebenden Konsequenzen knüpfen zu einem Teil an die Überlegungen unserer Studie „Vom Rand zur Mitte“ an. Durch das weitergehende Verständnis und die Ergebnisse der Gruppendiskussionen haben wir allerdings einen Einblick in die Bedingungen des Zustandekommens demokratischer bzw. rechtsextremer Einstellungen gewonnen, die den Fokus schärfen und ihn zum Teil auch verschieben. Wir wollen die Konsequenzen für verschiedene Bereiche des öffentlichen Lebens und politische Eingriffsmöglichkeiten getrennt diskutieren, auch wenn die Überschneidung etwa bei der Demokratisierung von Bildungseinrichtungen und Lehrinhalten an Schulen groß ist. Demokratisierung der Gesellschaft, Stärkung der Menschen Demokratie ist kein Sockel, der erreicht wird und als gesichert gelten kann. Die Ablehnung der Demokratie in ihrer gegenwärtig praktizierten Form in weiten Teilen der deutschen Bevölkerung, wie sie die Erhebung „Vom Rand zur Mitte“ zeigte, verdeutlicht die vorhandene Unzufriedenheit mit der Demokratie. Nun konnten wir feststellen, dass auch Defizite 462 im demokratischen Verständnis weiter Teile der Bevölkerung bestehen. Unabhängig davon, wie weit entwickelt die Demokratieentwicklung in vielen Institutionen der Gesellschaft eingeschätzt wird, fällt doch ins Auge, dass die Teilnehmenden die Teilhabe am politischen Geschehen nicht als ihre Möglichkeit und Aufgabe begreifen – und gerade die Wahrnehmung von antidemokratischen Prozessen könnte doch ein guter Grund sein, sich zu engagieren. Dass die Demokratie von vielen Menschen nicht mit Leben zu füllen ist, zeigt sich trotz sechzig Jahren demokratischer Verfasstheit zumindest der westdeutschen Gesellschaft. Im Grunde gilt heute noch, was Adorno 1959 schrieb:„Ich betrachte das Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie als potentiell gefährlicher denn das Nachleben faschistischer Tendenzen gegen die Demokratie“(1959, 555/556, H.i.O). Das„Nachleben“ besteht nicht in einer Präsenz des Faschismus in der Bevölkerung. Sondern die unbewältigte Vergangenheit muss sozialpsychologisch unter anderem(neben der deutlichen Täter-Opfer-Umkehr) in einem Unvermögen gesehen werde, Demokratie mit Leben zu füllen. Wenn Adorno in derselben Schrift, feststellt, dass„Demokratie[…] sich nicht derart eingebürgert[hat], daß sie die Menschen wirklich als ihre eigene Sache erfahren, sich selbst als Subjekte des politischen Prozesses wissen“(ebd., 559), werden unserer Ansicht nach ein zunächst einmal überraschendes Defizit und eine historische Kontinuität sichtbar. Überraschend deshalb, weil auf den ersten Blick die Bundesrepublik Deutschland verschiedene Demokratisierungsbewegungen erlebt hat. Aber dieses Defizit ist durch Demokratisierungsbewegungen in Westdeutschland, wie sie etwa in den späten 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts stattgefunden haben oder eine Demokratie- und Bürgerbewegung zum Ende der DDR, scheinbar nicht entscheidend behoben worden. Vor dem Hintergrund unserer Ergebnisse müssen wir davon ausgehen, dass diese Demokratisierung vor allen Dingen die Bildungseliten erreicht hat, die sich teilweise von einem autoritären und elitären 463 Selbstverständnis zu einem demokratischen gewandelt haben. Für andere Teile der deutschen Bevölkerung bleibt Demokratie etwas, womit sie in ihrer Wahrnehmung nichts zu tun haben bzw. sich das Verständnis von Demokratie auf das aktive Wahlrecht und wirtschaftlichen Wohlstand beschränkt. Dass dabei der Osten eine stärkere antidemokratische Haltung aufweist, kann mit einem anderen Befund zusammenhängen: Die Zeiten der Demokratisierung in Nachkriegsdeutschland, den 1970er Jahren und der Bürgerbewegung der DDR fallen je mit einer Zeit wirtschaftlicher Prosperität bzw. der Aussicht darauf zusammen: dem Versprechen„Wohlstand für Alle“ in den fünfziger Jahren, der auf einer keynesianischen Wirtschaftspolitik fußenden Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums in den 1970er Jahren und den zur Wiedervereinigung in Aussicht gestellten„blühenden Landschaften“ in Ostdeutschland 1990. So scheint es eine Tradition für weite Teile der Bevölkerung zu geben, Demokratie nicht als Partizipation am politischen Geschehen zu sehen, sondern als wirtschaftlichen Wohlstand garantierende Staatsform, die von Anderen(Politik, Verwaltung) umgesetzt wird. Damit steht und fällt die Zustimmung zur demokratischen Verfasstheit mit dem Wohlstand. Materieller Wohlstand ist mit Sicherheit eine Bedingung der Möglichkeit zur politischen Teilhabe.„Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“, wie Bertolt Brecht seine Figuren Macheath und Mrs. Peachum in der „Dreigroschenoper“ singen ließ. Aber nach unseren Ergebnissen stellt es sich auch so dar, dass ein Verständnis der Demokratie als Anliegen der einzelnen Subjekte(im Gegensatz zu Verwaltungsobjekten) nicht ausgebildet worden ist. Demokratie, so könnten wir zugespitzt formulieren, ist für weite Teile der Bevölkerung Wohlstand – oder sie ist nicht. Dies ist dem Stellenwert des Wohlstands als„narzisstischer Plombe“ geschuldet, einer Plombe, die in der Zeit gestiegener ökonomischer Unsicherheiten seit den 1990er Jahren ihren Halt verloren hat und den Blick freigibt auf antidemokratische Einstellungen nah an der Wurzel. Wir haben die These aufgestellt, dass die narzisstische Kränkung auf den Verlust 464 der kollektiven Größenfantasie des Nationalsozialismus groß war und in Abfolge von Mitscherlich& Mitscherlich darauf hingewiesen, dass dieser Verlust tatsächlich nicht betrauert worden, sondern durch eine andere narzisstische Identifikation ersetzt worden ist: das Wirtschaftswunder. Der wirtschaftliche Aufschwung hat die Lücke gefüllt, die nach 1945 offen war. Dass dabei das demokratische Selbstverständnis der Menschen, Subjekte des politischen Prozesses zu sein, nicht ausgebildet werden konnte, wird noch dadurch verschärft, dass tatsächlich in der Gesellschaft die Menschen sich potenziell als Objekte einer Verwaltung erleben. Potenziell deshalb, weil eine individuelle ökonomische Krise zum Verlust der Schutzrechte gegenüber der gesellschaftlichen Gewalt führt. Da viele Menschen sich als zunehmend mehr durch den gesellschaftlichen Zugriff bedroht sehen – also mit der Gefahr leben, zu Objekten zu werden –, verhindert die Androhung entsprechender Zugriffsregelungen sowohl staatlicher Stellen als auch des eigenen gesellschaftlichen Umfeldes(Stigmatisierung) genau das, was das Gemeinwesen zum Überleben braucht: Menschen, die sich als Subjekte des demokratischen Geschehens begreifen. Fragt man nun danach, wie dieser Entwicklung begegnet werden kann, müssen die unterschiedlichen Inhalte, die Demokratie auszeichnen, getrennt betrachtet werden. Demokratie muss gewährleisten, dass jeder Einzelne an den grundlegenden Entscheidungen der Gesellschaft beteiligt ist. Die Basis hierfür ist das aktive und passive Wahlrecht. Allerdings bedeutet es auch, dass die Chancengleichheit verschiedener gesellschaftlicher Akteure bei der Durchsetzung von Interessen gewährleistet ist. Demokratie bedeutet auch Schutz durch einen Rechts- und Verfassungsstaat, in dem Entscheidungen gesellschaftlicher Institutionen auf ihre Rechtsförmigkeit überprüft werden können. Hierzu sind Meinungsfreiheit und Gewaltenteilung zentrale Voraussetzungen. Demokratie muss aber auch gesellschaftliche Integration mittels der Gewährung sozialer Grundrechte und den Umverteilungsmechanismen des Wohlfahrtsstaats seit dem 20. Jahrhundert fördern. 465 Betrachten wir diese kurz gefassten Elemente einer demokratisch verfassten Gesellschaft, so lassen sich daraus Ziele für eine Veränderung des politischen Klimas ableiten. Wir sehen die Notwendigkeit einer stärkeren Demokratisierung, die zwei Richtungen nehmen muss: Zum einen den Ausbau der Partizipationsmöglichkeiten, zum anderen die Stärkung politischer Aufklärungsarbeit. Veränderung des politischen Klimas Entscheidungen der Verwaltung sind gerade für diejenigen, die von diesen Entscheidungen am stärksten in ihrer Lebensführung bestimmt werden, oft nicht zu überprüfen. Es fehlen sowohl die Mittel und Kenntnisse dafür als auch die Möglichkeiten des Einspruchs. Die Verlagerung der Beweispflicht von Seiten der zuständigen Ämter auf die Seite der Betroffenen, wie etwa bei der Bestimmung von Unterhaltszahlungen bei eheähnlichen Lebensgemeinschaften, verstärkt die Erfahrung, den anonymen Instanzen und ihrer Willkür im intimsten Lebensbereich ausgeliefert zu sein. Viele unserer folgenden Überlegungen in Bezug auf die Konsequenzen zielen nicht zuletzt darauf ab, die demokratische Einstellung der Menschen zu stärken. Vorab wollen wir aber den gewaltvollen Zugriff durch gesellschaftliche Institutionen kritisieren. Wir sehen es als ein zentrales Ergebnis unserer Untersuchung an, dass Bemühungen, die Autonomie der Menschen zu fördern und sie damit in den Stand zu setzen, am demokratischen Geschehen teilzuhaben, zunichte gemacht werden, wenn die Drohung im Raum steht, jederzeit Objekt und nicht mehr Subjekt einer gesellschaftlichen Institution zu sein. Wir erkennen bei der Analyse der Gruppendiskussionen eine deutliche Veränderung des Klimas gegenüber Transferleistungsempfängern seit zwanzig Jahren, vielleicht sogar 466 ausgehend von der„geistig-moralischen Wende“ Anfang der achtziger Jahre. Und wir sehen, dass diese Veränderung den Zwang gegenüber dem Einzelnen generell legitimiert. Seitdem sich das Bild vom armen Lebenskünstler zum„unnützen Sozialschmarotzer“ verändert hat, ist die institutionell verankerte Ohnmacht von Menschen, die abweichen, und sei es als Transferleistungsempfänger/in, sehr gestiegen. Auch die Chancengleichheit bei der Formulierung und Durchsetzung von Interessen ist in der gegenwärtigen Gesellschaft nicht mehr in vollem Umfang gewährleistet. Das Unverständnis, wie Demokratie mit Leben zu füllen ist, hängt einmal von der beschriebenen Erfahrung ab, jederzeit zum Objekt werden zu können. Zum anderen machen die Menschen aber auch die Erfahrung, dass die Möglichkeiten der Interessensvertretung unterschiedlich verteilt sind. Hier sind zum einen die unterschiedlichen Voraussetzungen zu nennen, die den Menschen durch die Gesellschaft mitgegeben werden, wie etwa Bildung. Darüber hinaus sind es aber auch Unterschiede bei den gesellschaftlichen Akteuren, die eine gleiche Interessensvertretung nicht zulassen. Die zunehmende Betonung des Primats der Ökonomie in der gegenwärtigen Politik bedeutet nicht nur eine Verdinglichung aller Lebensbereiche. Die Anerkennung lediglich der ökonomischen Rationalität bei der Umsetzung politischer Ziele führt dazu, dass andere Ziele den Betroffenen selbst nur noch als irrational erscheinen. Auch erleben sich so die Menschen als Objekte einer außerhalb von ihnen stehenden Ordnung, gegen die ihre Interessen keinen Bestand haben. Die Formulierung von Interessen wird mit dem Verweis auf ökonomische Sachzwänge verhindert. Dabei resultieren diese selbst aus politischen Schwerpunktsetzungen, die den partikularen Interessen gesellschaftlicher Akteure geschuldet sind. Zugespitzt lässt sich formulieren, dass demokratische Akteure wie Parteien oder Verbände in den letzten Jahren ihre Mittlerrolle verschiedener Interessen aufgegeben haben. Wenn es das Ziel ist, dass sich die Menschen als Subjekte des demokratischen Geschehens begreifen, und nur das kann das Ziel einer De467 mokratie sein, dann müssen auch Möglichkeiten des Eingriffs zur Verfügung stehen und ein Gestaltungsraum vorhanden sein. Das bedeutet einen politischen, gesellschaftlichen und auch ökonomischen Gestaltungsraum sowie eine Meinungsfreiheit, die sich nicht allein an der ökonomischen Rationalität orientieren muss, um nicht als irrational oder weltfern bezeichnet zu werden. Demokratisierung der Institutionen Die Forderung, Menschen in den Stand zu setzen, als Subjekte gegenüber und in den gesellschaftlichen Institutionen zu agieren, leitet sich daraus ab, dass die Gesellschaft die Bedingungen schafft, unter denen Menschen Verantwortung für diese übernehmen können. Wir haben in den Konsequenzen aus unserer Studie„Vom Rand zur Mitte“ darauf hingewiesen, dass Demokratie-Lernen ein Lernen an Erfahrungen sein muss. Im Folgenden wollen wir mit Blick auf zwei relevante gesellschaftliche Bereiche daran anknüpfen. Schulen und Betriebe sind für viele Menschen Orte, wo sie viel Lebenszeit verbringen, aber dennoch die Möglichkeiten der Partizipation eingeschränkt sind. Gleichzeitig besteht hier die Möglichkeit, Erfahrung mit der Demokratie zu ermöglichen. Demokratisierung der Schulen Die von uns vorgestellten Überlegungen zu Demokratisierungsmöglichkeiten an Schulen sind nicht neu. Die Bildungseinrichtung Schule wurde sehr früh nach dem Krieg als Ort der Demokratisierung benannt. Aber erst sehr viel später mit den 1960er und 1970er Jahren kam es in Westdeutschland zu nachhaltigen Veränderungen der Schulen. 468 In jüngerer Zeit traten Projekte, wie etwa das von der Bund-LänderKommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung(BLK) 2002 ins Leben gerufene Schulentwicklungsprogramm mit dem Titel„Demokratie lernen und leben“, in Kraft, das in verschiedenen Modellregionen neue Partizipationsformen an Schulen implementieren sollte. Dieses Projekt ist auch Resultat der 1989 verabschiedeten und 1990 von der Bundesrepublik Deutschland ratifizierten Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen. So wird in der Kinderrechtskonvention zwar nicht ausdrücklich eine demokratische Schule gefordert, aber durchaus in Artikel 12 die Forderung aufgestellt, dass Kinder das Recht haben, sich selbst einzubringen, und dass diesem Engagement die entsprechende Bedeutung und Gewicht beigemessen werden sollen. Zusammen mit der Forderung nach Meinungsfreiheit und Versammlungsfreiheit für Kinder und Jugendliche werden hier Rechte angemahnt, die ohne strukturelle Verankerung nicht zu verwirklichen sind. Meinungsfreiheit ohne Möglichkeit, der eigenen Meinung auch in einer Interessensvermittlung Geltung zu verschaffen, ist ein Rechtsgut, dem durch die mangelnden Strukturen der Wert entzogen wird. Das sogenannte Weißbuch der Europäischen Kommission spiegelt nicht nur die Forderungen der Kinderrechtskonventionen wider, es ist auch selbst bereits Produkt der Partizipation von Kindern und Jugendlichen, da es das Ergebnis eines Konsultationsprozesses in den Ländern der EU war und von Jugendlichen erstellt worden ist. Und dass in der Europäischen Union 2005 das Jahr der Demokratieerziehung ausgerufen worden war, wird nicht zuletzt diesem Umstand geschuldet gewesen sein. Wir können auf Grundlage unserer Ergebnisse, die den Stellenwert eines demokratischen Erziehungsklimas bei der Ausbildung der politischen Einstellung betonen, weitere Bemühungen zur Demokratisierung der Schulen nur unterstützten. An dieser Stelle ist allerdings auch darauf hinzuweisen, dass die oben bereits angemahnten strukturellen Veränderungen zur Demokratisierung der Schule tatsächlich nur rudimentär um469 gesetzt worden sind. Gut und wichtig ist die Einführung demokratischer Konfliktlösungsmodelle der Deeskalation, Mediation und Streitschlichtung. Doch so stark auch das Engagement vor Ort im Einzelfall ist, mit demokratischen Mitteln der Hierarchie an der Schule entgegenzuarbeiten (Cramer 2008), so bleibt doch als vordringliches Ziel für das Erlernen der demokratischen Einstellung die strukturell abgesicherte Demokratieerfahrung. Diese kann, wie Ziegenhagen(Ziegenhagen 2008) ausweist, relativ niedrigschwellig etwa mit Klassenräten als Beteiligungsverfahren der Schüler eingeführt werden. Zur Demokratisierung gehören aber auch Aushandlungsprozesse von eigenen Regeln, Schulvereinbarungen und Schulverfassungen, sowie Modelle eines demokratischen Schulalltags mit erweiterten Formen der Schüler- und Elternvertretung und einer autonom gestalteten Öffentlichkeit. Spätestens bei der Betonung einer stärkeren Wahlfreiheit auch für Lehrinhalte und-formen wird deutlich, dass die gegenwärtige Umstrukturierung der Schulen diese Bemühungen unterlaufen könnte. Denn an dieser Stelle ist auch eine gewisse Skepsis angezeigt, da die Stärkung der Schulen zur Gestaltung derzeit eher ab- als zunimmt. Aber auch die gegenwärtige Entwicklung an den Schulen in Richtung der Betonung von Leistung und Standardisierung, der Förderung von„Eliten“ oder„Begabten“ unterläuft diese Bemühungen. Was auch immer vom Konzept der Begabung zu halten ist – eine demokratische Gesellschaft hat schon aus eigenem Interesse sehr viel stärker die Entwicklungsförderung aller im Auge zu behalten als die Ausbildung von Eliten. Lernziele Demokratie und Empathie Der Zusammenhang von Bildung und autoritärer oder rechtsextremer Einstellung ist deutlich, sowohl in der Studie„Vom Rand zur Mitte“ als auch in den Gruppendiskussionen der vorliegenden Studie. Allerdings 470 können wir nun auch Hypothesen zu dem bereits beobachteten Zusammenhang von Zustimmung zu rechtsextremen Aussagen und niedrigem Bildungsgrad aufstellen: Die Bildung steht selbst im Kontext einer Sozialisationserfahrung, nämlich entweder einer fördernden oder einer restriktiven. Damit wird Bildung nicht zum Gut an sich, sondern verweist auf die Möglichkeit zur Entwicklung. Die Partizipation an sekundärer Bildung in gesellschaftlichen Bildungsinstitutionen verweist auf die primäre Sozialisation, die Bedingungen, die das Kind in der Familie zur Entwicklung hat. Hoher Bildungsgrad ist dann auch zu verstehen als eine familiäre Entwicklungsförderung und er verweist damit auf dieselbe Dimension, die wir auch beim Zustandekommen einer rechtsextremen Einstellung beschrieben haben: Entwicklungsförderung des Kindes sowohl durch die Akzeptanz der kindlichen Bedürfnisse als auch durch die Ermöglichung der Partizipation an Bildungseinrichtungen. Die Gesellschaft ist in der Verantwortung, familiäre Defizite in den Bildungseinrichtungen auszugleichen. Betrachten wir die Bildungsmobilität zwischen den gesellschaftlichen Schichten in Deutschland, so ist hier ein deutlich zu kritisierendes Defizit festzustellen. Der Einfluss der Familie auf die Bildungschancen und damit auf die späteren gesellschaftlichen Beteiligungsmöglichkeiten ist in Deutschland vergleichsweise hoch, wie nicht zuletzt die PISA-Studien belegt haben. Die Gesellschaft muss aber ihre Mitglieder in den Stand setzen, an der Gesellschaft teilzuhaben. Das ist umso dramatischer, als dass die Schulen auch ein wichtiger Interventionsort sind, um eine plurale Gesellschaft zu ermöglichen. Das„Lernziel Solidarität“ lässt sich hier am besten realisieren. Orientieren wir uns an dem Ergebnis der Bedeutung der Sprache aus unserer Studie: An ihr macht sich offensichtlich für viele die Grenzerfahrung zum Fremden fest. Die Forderung nach Spracherwerb durch Mig471 rant/innen kann vor diesem Hintergrund auch als Beispiel einer kulturalistischen Argumentation verstanden werden, die Fremdheitserfahrung einseitig verhindern will. Die Irritation durch den Fremden, manifestiert in der Sprache, soll nicht eintreten(Frank 2005). Dem ist am ehesten zu begegnen, wenn der Umstand, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, auch in den Lehrplänen und Schulbüchern im Längsschnitt und nicht ausschließlich etwa in von diesen losgelösten Aktionswochen Niederschlag findet(Lange 2005). Es gehört zu den grundlegend nötigen Fähigkeiten, mit Fremdheit umgehen zu lernen. Diese Fähigkeit auszubilden, ist eine wichtige Entwicklungsaufgabe. Dabei scheint es momentan, dass die Schulbücher hierbei einerseits ein wichtiger Faktor sind, anderseits aber Differenz noch als Abweichung, als Devianz, gefasst wird(Mannitz 2005). Eine kritische Lektüre, etwa durch internationale Kommissionen zur Kritik der Schulbücher, könnte hierbei bereits wichtige Veränderungen bringen. Für den Umgang mit Fremdheit spielt mit Sicherheit nach unseren Ergebnissen die Fähigkeit zur Empathie eine gewichtige Rolle. Fremdheitserfahrung(Scherr 1999) zu ermöglichen und die Irritationen zu nutzen, um Empathie zu fördern, könnte eine„zweite Reform“(Ziehe 2002, 258) schulischer Praxis notwendig machen, die die pädagogische Diskussion wieder stärker politisiert und das Lernziel„Solidarität“ ernst nimmt (Richter 1974). Demokratisierung der Betriebe Mit Blick auf die deutlich höheren Werte im Rechtsextremismusfragebogen bei Älteren, haben wir in der Studie„Vom Rand zur Mitte“ bereits auf die Notwendigkeit der politischen Bildungsarbeit nicht nur mit Jugendlichen hingewiesen. Die in dieser Nachfolgestudie zudem feststellbaren Defizite vieler Menschen, sich selbst als Subjekte der Demokratie 472 zu begreifen, machen es neben der aktiven Arbeit gegen Rechtsextremismus auch notwendig, neben der Schule auch in anderen gesellschaftlichen Bereich„präventiv“ die Erfahrung von Demokratie zu ermöglichen und auszubauen. Dass selbst von Gewerkschaftsseite die Globalisierung personifiziert in„Heuschrecken“ dargestellt wird, die wie ein Naturereignis über Betriebe hereinbrechen, fördert nicht das politische Verständnis der wirtschaftlichen Zusammenhänge. In der Doppelbewegung, Entmenschlichung der Akteure durch die Darstellung als Insekten und Personifizierung eines gesellschaftlichen Prozesses, kann diese Darstellung antidemokratisch wirken. Die Bemühungen müssen sehr viel stärker dahin gehen, den Ausbau der Partizipationsformen in den Betrieb voranzutreiben (Demirovic 2007). Auch die Betriebe gehören, wie die Schulen, zu den Orten, in denen die meisten Menschen eine lange Zeit ihres Lebens verbringen, in denen sie aber an wesentlichen Entscheidungsprozessen nicht beteiligt sind. Öffentlichkeit als Ort der Demokratie Noch einmal: Bannung von Ungleichwertigkeitsdiskursen Wir hatten mit Blick auf die Ideologie der Ungleichwertigkeit als verbindendes Element der rechtsextremen Einstellung bereits zum Abschluss der Studie„Vom Rand zur Mitte“ darauf hingewiesen, dass rechtsextreme Einstellung nicht nur durch ausländerfeindliche Kampagnen demokratischer Parteien und der Medien legitimiert werden, sondern auch durch jede Form von Ungleichwertigkeitsdiskursen. Diese Forderung wird durch die Ergebnisse der vorliegenden Studie„Ein Blick in die Mitte“ sehr gestärkt. Mögen sich stigmatisierende Darstellungen etwa in den Medien auch auf Transferleistungsempfänger/innen beziehen, legitimiert wird mit ihnen die Ideologie der Ungleichwertigkeit und vergiftet 473 wird das gesellschaftliche Klima. Die von uns festgestellte allgemeine Androhung von Zwangsmaßnahmen bei jeder Abweichung wird von den gesellschaftlichen Institutionen nicht nur legitimiert, sondern auch verstärkt. Dabei sind die staatlichen wie die nichtstaatlichen Institutionen doch auf die demokratische Basis der Gesellschaft zwingend angewiesen: politische Institutionen und deren Repräsentanten sind hier genauso in die Pflicht zu nehmen, wie Zeitungen und Sender. Die große Aufmachung zu angeblich unberechtigt Sozialleistung beziehenden Personen, wie der sprichwörtlich gewordene„Florida-Rolf“ als Zielscheibe einer Kampagne der BILD, ist der Demokratie genauso abträglich wie die Wahlkampagne einer demokratischen Partei, die versucht, Ressentiments gegen Migrant/innen in Stimmenanteil umzusetzen. Die Gewalt in den Medien muss nicht laut daherkommen. Gewaltvoll ist solcherart öffentliche Vorführung der Menschen und mit dieser Gewaltandrohung würden sich die Medien selbst das Wasser abgraben, wäre tatsächlich eine demokratische und informierte Öffentlichkeit ihr Ziel. Dass beides nicht zusammengeht – Demokratie und gewaltvolle Entblößung Einzelner – macht ein Defizit im Demokratieverständnis der entsprechenden Medien sichtbar. Wechsel der Öffentlichkeit Am Beispiel der Medienlandschaft lässt sich eine unheilvolle Entwicklung für die Demokratie aufzeigen, die eng mit der Ökonomisierung aller Lebensbereiche zusammenfällt. Waren etwa Zeitungen immer schon auch ein Produkt, das sich auf einem Markt gegen andere Produkte durchsetzen musste, müssen wir jetzt einen qualitativen Sprung feststellen. Begegneten sich Leser und Redaktion durch die Medien als Nachfrager und Anbieter von Nachrichten, so hat sich dieses Verhältnis grundlegend gewandelt. Dadurch, dass Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehen heute ihre Rentabilität nicht unmittelbar mit der verkauften Auflage bzw. der 474 Zuschauerzahl erreichen, sondern mit der verkauften Werbezeit, werden faktisch die Leser oder Fernsehzuschauer verkauft. Denn die Auflage bzw. Quote bestimmt den Preis, der für die Werbung bezahlt wird. Damit sind aber die Lesenden bzw. Zuschauenden nicht mehr Nachfragende, sondern tatsächlich das Produkt(Türcke 2002, 22) – in anderen Worten: Das Individuum wird auch in diesem Vorgang zum Objekt gemacht. Diese qualitative Veränderung hat einen feststellbaren Wandel der Öffentlichkeit zur Folge. Unter dem Druck, nicht die Nachricht, sondern die Zuschauer zu verkaufen, verändert sich der Inhalt der Medien. Die Orientierung am kleinsten gemeinsamen Nenner führt zu einer Regression des Lesens und des Sehens. Um die Zuschauer nicht zu überfordern, wird das für die aktive Teilhabe an der Gesellschaft notwendige Wissen über politische Zusammenhänge auf Schlaglichter reduziert. Die Welt ist komplex, so dass dauerhafte Komplexitätsreduktion Unwahrheit hervorbringt und es den Menschen nicht mehr möglich macht, aufgrund der mangelnden informationellen Teilhabe an der Gesellschaft auch politisch an ihr teilzuhaben. Da die privatwirtschaftlich arbeitenden Zeitschriften und Sender als Unternehmen der wirtschaftlichen Logik folgen müssen, Profit zu realisieren, bedarf es einer stärkeren Pflichtnahme des öffentlich-rechtlichen Sektors. Hier verfügt die Politik über gestalterische Möglichkeiten, etwa die Sender stärker als bisher auf die Einhaltung des Bildungsauftrags zu verpflichten(Decker 2007) und nicht die Formate der privaten Sender zu kopieren. Beseitigung von strukturellem und institutionellem Rassismus Wie bereits unsere Forderung nach Beseitigung struktureller Diskriminierung, so ist auch unsere Forderung nach Beseitigung von strukturellem Rassismus sehr eng mit dem Ergebnis unserer Studie verknüpft, 475 dass die Reduzierung der Menschen auf Verwaltungsobjekte durch den Staat die alltägliche Gewalt in der Gesellschaft legitimiert. Diese Gewalt, mag sie auch symbolisch sein und nicht körperlich, schafft den Rahmen für alltägliche Ressentiments und Gewalttätigkeiten. Das bedeutet auch, dass im Umkehrschluss die Bemühungen dahin gehen müssen, die Bedingungen zu schaffen, diese Formen des Rassismus zu beseitigen. Diesen Rassismus hier im Einzelnen aufzuführen, würde den Rahmen dieser Untersuchung sprengen. Struktureller Rassismus ist im Gesundheitssystem genauso anzutreffen wie im Bildungssystem, auf dem Wohnungsmarkt oder im Kontakt mit der Exekutive. Vornehmlichen Handlungsdruck sehen wir neben der Verantwortung der Gesellschaft, jedem ihrer Mitglieder den gleichen Zugang zur Bildung und Gesundheitsversorgung zu gewährleisten, in der Verankerung der demokratischen Teilhabe von Migrant/innen. Hierbei ist etwa an ein Wahlrecht mindestens auf kommunaler Ebene auch für Nicht-EU-Migranten zu denken. Ferner hat die Politik die Möglichkeit, zum Abbau strukturellen Rassismus’ wenigstens öffentliche Angestellte und Beamte(nicht nur, aber gerade in Polizei und Justiz) interkulturell zu schulen und zur Sensibilität von Differenz anzuleiten. Ansätze aus deutschen Großstädten, Migrant/innen gezielt im öffentlichen Dienst zu beschäftigen, sind bundesweit unterstützenswert. Das in vielen Unternehmen bereits praktizierte Diversity-Management könnte dafür auch für die Verwaltung Impulse geben. Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit Das Ergebnis der vorliegenden Studie, dass eine die Opferperspektive, Scham und Trauer ausgrenzende Erinnerung an die NS-Zeit bedrohlicher für die Demokratie ist als die faschistischen Tendenzen gegen die Demokratie, macht es auch nach sechzig Jahren unbedingt notwendig, sich mit diesem Abschnitt der deutschen Geschichte zu beschäftigen. Denn 476 Nachwirkungen der NS-Vergangenheit sind bis heute zu beobachten. Die „narzisstische Plombe“ und auch die Täter-Opfer-Umkehr, die wir in den Gruppendiskussionen vorgefunden haben, können als ein solches Nachwirken begriffen werden. Nachdem in den 1970er Jahren die Vertreibung der Deutschen infolge des Angriffs- und Vernichtungskriegs, mit dem sie ganz Osteuropa überzogen haben, in den Hintergrund getreten ist, wird sie nun unter einem anderen Vorzeichen brisant, nämlich dem der deutschen Sühne und der Täter-Opfer-Umkehr. Gedenkstättenarbeit muss sich offensiv und verstärkt mit der NS-Vergangenheit auseinandersetzen. Die Möglichkeiten, im familiären Dialog über die NS-Verbrechen zu sprechen, nehmen durch den zeitlichen Abstand zum Geschehen ab und es ist zu vermuten, dass diese familiären Tradierungen von Erinnerung immer schon durch Scham- und Schuldabwehr belastet gewesen sind bzw. genau deswegen gar nicht stattgefunden haben. Gedenkstättenarbeit bietet die Möglichkeit, auch in Zukunft die Auseinandersetzung mit den deutschen Verbrechen anzuregen, für die Nazideutschland steht und die wegen ihrer unfassbaren Dimensionen bis heute nachwirken. Es ist dabei aus unserer Sicht sehr bedeutsam, dass die Singularität von Auschwitz weder durch eine Rede von den„zwei Diktaturen“ auf deutschem Boden noch durch die Betonung der„eigenen Opfer“ unterlaufen wird. Die DDR ist mit ihrem Repressionsapparat und ihrem autoritären Klima mit Sicherheit ein wichtiges Kapitel der deutschen Geschichte, über das aufzuklären ist. Die Gleichsetzung„zweier Diktaturen“ bedeutet aus unserer Sicht aber eine fortgesetzte Verleugnung der Schwere der Schuld des Nationalsozialismus am Holocaust und Vernichtungskrieg und der damit zusammenhängenden Scham, die in Deutschland nach wie vor virulent ist. Es muss sogar zugespitzt die Frage formuliert werden, ob in dieser Rede nicht selbst eine Relativierung der Verbrechen enthalten ist. 477 Die in den letzten Jahren verstärkte Thematisierung der Vertreibung nach 1945 bis hin zur Forderung nach der Errichtung eines„Zentrum gegen Vertreibungen“ muss vor dem Hintergrund unserer Ergebnisse ebenfalls kritisch reflektiert werden. Nachdem in den 1950er und 1960er Jahren die Vertriebenenverbände ein sehr großes politisches Gewicht gehabt haben, verlor das Thema Vertreibung an Bedeutung und damit sank auch der Einfluss dieser Verbände auf das politische Geschehen in den 1970er und 1980er Jahren ab. Dass dieses Thema nun wieder auftaucht, muss auch als gesellschaftliches Phänomen gefasst werden. Und die Ergebnisse unserer Gruppendiskussionen zeigen an, dass diese neue Aktualität eines alten Themas sich aus dem Stellenwert des Opfer-Status’ der Vertriebenen ableitet. Dies bedeutet ebenfalls eine Entlastung von geschichtlicher Schuld durch„Sühne“, ohne dass die Schuld tatsächlich anerkannt wird. Dabei tritt mit dem Motiv einer„Ur-Heimat“ in den Gruppendiskussionen noch eine weitere Funktion an die Oberfläche. „Von deutschen Kriegsleiden und Heimatverlust zu handeln, ist vollkommen unbedenklich, wenn die Gewichte stimmen.[…] Sogar ein Zentrum gegen Vertreibung kann ein Ort der Aufklärung und der Verständigung sein, wenn es denn tatsächlich transparent macht, was Vertreibung mit Menschen anstellt, ohne das Verhältnis von Ursachen und Wirkungen zu verdunkeln. Hingegen ist Alarm angezeigt, wenn die fällige Rückbesinnung auf Heimat sogleich einen fundamentologischen Zug bekommt, als wäre sie Boden, Ursinn und Grundwertekatalog“(Türcke 2006, 68/69). Die solcherart phantastisch aufgeladenen„Ostgebiete“ erhalten damit das Gepräge einer unberührten, idealen deutschen Landschaft. Sie verweisen damit auf die Zeit vor dem Vernichtungskrieg, der die Vertreibung ausgelöst hat, und mit ihnen wird die Sehnsucht erkennbar, das alles wäre nie geschehen. Krieg und Holocaust sind aber geschehen. Eine Erinnerungskultur, die den heimlichen Wunsch, es möge nicht gewesen sein, als Vater des Gedankens verleugnet, ergeht es wie der sagenhaften Figur im griechisch-antiken Drama„König Ödipus“: Sie wird mit Blindheit 478 geschlagen, da ihr gerade nicht gelingt, angesichts der deutschen Verbrechen Scham anzuerkennen, Trauer zuzulassen und mögliche persönliche oder familiäre Verstrickungen zu reflektieren. Die Aufgabe ist, nicht nur eine demokratisch verfasste Gesellschaft zu erhalten, sondern sie zu schaffen. Das Projekt ist gerade erst begonnen worden und die Bedrohung, die diesem Projekt erwächst, ist so lange mit ihm auf das untergründigste verbunden, wie die Gesellschaft aufgrund der ihr selbst innewohnenden Widersprüche ihr gegebenes Glücksversprechen nicht einlösen kann. Der Rechtsextremismus ist nur eine, wenn auch eine der gefährlichen Manifestationen gegen eine Gesellschaft Freier und Gleicher. Aber er wird wie viele andere Bedrohungen genährt vom Hass auf eine Kultur, die durch Vergesellschaftung und unter Druck Subjektivität hervorbringt, aber die Menschen immer auf einen Objektstatus zurückwirft. 479 480 Anhang Häufigkeit und Verteilung rechtsextremer Einstellung nach Dimensionen (aus Decker, Geissler& Brähler 2006, 32-34) Rechtextremismus lehne völlig ab % lehne überwiegend ab % stimme teils zu, teils nicht zu % stimme überwiegend zu % stimme voll und ganz zu % Im nationalen Interesse ist unter 01 bestimmten Umständen eine Diktatur 48,4 23,1 19,5 7,3 1,7 die bessere Staatsform. Ohne Judenvernichtung würde man 02 Hitler heute als großen Staatsmann 49,8 22,4 16,2 8,6 3 ansehen. Was Deutschland jetzt braucht, ist eine 03 einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt 31,8 19,5 22,7 19,1 7 verkörpert. Wir sollten einen Führer haben, der 04 Deutschland zum Wohle aller mit 47 19,1 18,7 12,1 3,3 starker Hand regiert. Wie in der Natur sollte sich in der 05 Gesellschaft immer der Stärkere 38,1 23,2 21 14,4 3,3 durchsetzen. 06 Die Ausländer kommen nur hierher, um unseren Sozialstaat auszunutzen. 14 17,2 31,9 21,7 15,2 07 Auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß. 35,1 23,5 23,6 13,3 4,6 481 08 Wir sollten endlich wieder Mut zu einem starken Nationalgefühl haben. 14,2 15,1 31,3 27,8 11,7 09 Eigentlich sind die Deutschen anderen 38,6 24,4 22,3 12,1 2,7 Völkern von Natur aus überlegen. Wenn Arbeitsplätze knapp werden, 10 sollte man die Ausländer wieder in 17,7 18,2 29,3 19,9 15 ihre Heimat zurückschicken. Die Verbrechen des 11 Nationalsozialismus sind in der 53,1 22,6 16 5,7 2,6 Geschichtsschreibung weit übertrieben worden. Was unser Land heute braucht, ist ein 12 hartes und energisches Durchsetzen deutscher Interessen gegenüber dem 20,3 17,6 31,4 23,2 7,6 Ausland. Die Juden arbeiten mehr als andere 13 Menschen mit üblen Tricks, um das zu 40,9 24,7 20,7 10,5 3,3 erreichen, was sie wollen. Das oberste Ziel der deutschen Politik 14 sollte es sein, Deutschland die Macht 22,7 19,6 29,2 21,5 6,9 und Geltung zu verschaffen, die ihm zusteht. 15 Es gibt wertvolles und unwertes Leben. 55,7 18 16,2 7 3,2 Die Bundesrepublik ist durch die 16 vielen Ausländer in einem 16,5 15,9 28,5 23,4 15,7 gefährlichen Maß überfremdet. Die Juden haben einfach etwas 17 Besonderes und Eigentümliches an 40,3 23,7 22,4 10,6 2,9 sich und passen nicht so recht zu uns. 18 Der Nationalsozialismus hatte auch seine guten Seiten. 47,1 21,1 20,8 8,2 2,8 482 Transkriptionsregeln L (.) () nein nein °ja° gröoh=nee nei::n (aber) () Bm?: [stöhnt] J nein J J (.) J J (3) J Beginn einer Überlappung(gleichzeitiges Sprechen von Teilnehmern) Pause bis zu einer Sekunde Anzahl der Sekunden, die eine Pause dauert betont laut(in Relation zur üblichen Lautstärke des Sprechers/ der Sprecherin) sehr leise(in Relation zur üblichen Lautstärke des Spre chers/der Sprecherin) Abbruch eines Wortes Wortverschleifung Dehnung, die Häufigkeit von: entspricht der Länge der Dehnung Unsicherheit bei der Transkription, schwer verständliche Äußerungen unverständliche Äußerungen, die Länge der Klammer entspricht etwa der Dauer der unverständlichen Äußerung Unsicherheit, wer spricht Kommentare bzw. Anmerkungen zu parasprachlichen, nicht-verbalen oder gesprächsexternen Ereignissen; die Länge der Klammer entspricht im Falle der Kommentierung parasprachlicher Äußerungen(z. B. Stöhnen) etwa der Dauer der Äußerung. lachend gesprochen kurzes Auflachen 3 Sek. Lachen 483 Groß- und Kleinschreibung: Hauptwörter werden groß geschrieben und bei Neuansetzen eines Sprechers/einer Sprecherin am Beginn eines„Häkchens“ wird das erste Wort mit Großbuchstaben begonnen. Zahlen Bis 10 werden Zahlen ausgeschrieben. Anonymisierung Alle Personen einer Gruppendiskussion sind anonymisiert. Alle Ortsangaben(Straße, Plätze etc.) werden maskiert. Namen, die im Interview genannt werden, werden durch erdachte Namen ersetzt. 484 Literatur ADORNO, T. W.(1951). Freudian Theory and the Pattern of Fascist Propaganda. In: DERS.(Hrsg.). Gesammelte Schriften Bd. 8, 408-433. Frankfurt/M.: Suhrkamp. ADORNO, T. W.(1952). Vorurteil und Charakter. In: DERS.(Hrsg.). Gesammelte Schriften Bd. 9.2, 360-373. Frankfurt/M.: Suhrkamp. ADORNO, T. W.(1959). Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit? In: DERS.(Hrsg.). Gesammelte Schriften Bd. 10.2, 555-572. Frankfurt/M.: Suhrkamp. ADORNO, T. W.(1966). Erziehung – wozu? In: DERS.(Hrsg.). Erziehung zur Mündigkeit, 105-119. 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