ISBN: 978-3-89892-684-3 1. Auflage Copyright by Friedrich-Ebert-Stiftung Hiroshimastraße 17, 10785 Berlin Stabsabteilung Redaktion: Marei John, Florian Dähne Layout& Umschlag: minus Design, Berlin Druck: bub Bonner Universitäts-Buchdruckerei Printed in Germany 2007 Das fabelhafte 3%-Ziel Perspektiven von Forschung und Entwicklung in Deutschland Uwe Thomas Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung a.D. Statistische Daten und Grafiken: Meike Rehburg Das fabelhafte 3%-Ziel Zusammenfassung Perspektiven von Forschung und Entwicklung in Deutschland Das erklärte Ziel der Bundesregierung, bis zum Jahr 2010 3% des deutschen Brutto­ inlandsprodukts in Forschung und Entwicklung zu investieren, ist im doppelten Sinne fabelhaft, nämlich höchst anspruchsvoll und zugleich unerreichbar – jedenfalls bis 2010. In dieser Schrift wird der Anspruch erhöht und der Zeitrahmen erweitert. Es werden zwei Ziele zur Diskussion gestellt, nämlich ein 4%-Ziel für FuE und ein 7%-Ziel für Bildung – allerdings bis 2020. Um diese beiden Ziele bis zum Jahr 2020 zu erreichen, sind Maß­ nahmen erforderlich, die im Text ausführlich begründet und hier kurz zusammengefasst werden. Warum sind beide Zielsetzungen für die Zukunft Deutschlands von herausragender Bedeutung? Die Knappheitsfalle Die Welt bleibt nicht, wie sie ist, denn vor allem Asien verändert sich in atemberaubender Geschwindigkeit. China und Indien schicken sich an, in die erste Liga der Industrieländer aufzurücken. Das ist inzwischen offenkundig. Aber bereiten wir uns wirklich darauf vor? Wenn wir den heraufziehenden Stürmen gewachsen sein wollen, sind deutlich höhere Investitionen in Bildung, Forschung und Innovation unabdingbar. Die Geschwindigkeit, mit der sich Asien verändert, führt zu einem immer härter werdenden Wettbewerb um knappe Ressourcen. Nicht die Globalisierung der Märkte ist das zentrale Problem. Die Globalisierungsfalle ist vor allem eine Knappheitsfalle. Darauf müssen wir uns einstellen und dementsprechend handeln. Knappheit wird zur Chance, wenn wir knappe Ressourcen effizient einsetzen und die Investitionen in Bildung und Forschung deutlich erhöhen. Die Hightech-Strategie Die Leistungen der neuen Bundesregierung im Bereich Forschung, wie sie sich in den Haushaltsplänen 2006 und 2007 spiegeln, sind sehr beachtlich. Danach sinkt die Dynamik ab, wenn auch nur in der geltenden und nicht verbindlichen mittelfristigen Finanzplanung. Noch sind wir trotz aller Anstrengungen, die nicht gering geschätzt werden sollen, weit davon entfernt, bis zum Jahr 2020 aus Deutschland„die forschungsfreudigste Nation der Welt“ zu machen, wie von Bundes­ministerin Schavan postuliert. Die dafür erforderlichen Maßnahmen spiegelt die von ihr ausgerufene Hightech-Strategie noch nicht. Sie könnte aber ein Weg dahin sein, wenn wir weiterhin konsequent auf wissensproduzierende Industrien setzen und die Erneuerung des Untenehmensbestandes Vernetzung von Wissenschaft und Wirtschaft fördern. Die deutsche Wirtschaft muss sich erneuern. Das kann nicht allein von bereits bestehenDer fehlende Nachwuchs den Unternehmen geleistet werden. Neue Produkte und Dienstleistungen in neuen Märkten werden vor allem von jungen, inWenn tatsächlich die strukturellen und finan- novativen Unternehmen entwickelt. Junge ziellen Voraussetzungen für die„forschungs- Wachstumsunternehmen sind ein Schlüssel freudigste Nation der Welt“ geschaffen zur Erneuerung der deutschen Wirtschaft. würden, ergäbe sich ein ganz gravierendes Um sie zu fördern, ist erstens Kapital zum Nach­wuchsproblem, ein Problem, dessen schnellen Wachstum in internationale GröLösung gegenwärtig nicht erkennbar ist. ßenordnungen erforderlich und deshalb eine Bedenklich ist vor allem, dass wir nicht ge- Verbesserung der Rahmenbedingungen für nügend Nachwuchs in den Ingenieur- und Venture Capital und risikobereite Investoren Natur­wissenschaften ausbilden. Soll es gelinüberfällig. Zweitens ist ein besonderer Status gen, Deutschland zum internationalen Spit- junger Technologieunternehmen im Bereich zenreiter in der Forschung zu machen, reicht Steuern und Abgaben notwendig, denn sie es nicht aus, die Ausgaben für Forschung zu tragen die Last der Erneuerung, und drittens erhöhen. Komplementär dazu sind entspresollten Gründer(innen) systematisch ermu­tigt chende Handlungsperspektiven im Bereich werden, sich dem Wagnis einer Gründung Bildung zu entwickeln. Noch hat Bildung in professionell zu stellen. Deutschland eine zu niedrige Priorität. Eine neue Initiativkultur Es geht in diesem Kontext zwar vorwiegend, aber nicht allein um öffentliche Mittel. Ergänzend muss auch das private Engagement im Sinne einer neuen Initiativkultur verstärkt werden. Individuelle oder von Unternehmen getragene Studiengebühren für das Studium an Hochschulen und mehr private Investitionen in Weiterbildung gehören dazu. Die Rahmenbedingungen für private Stifter sollten deutlich verbessert werden, um vor allem Inhaber großer Vermögen zu motivieren, ihren Beitrag zu leisten. Bei allen Initiativen sollte konsequent dafür gesorgt werden, dass für den Erfolg der Studierenden am Ende nicht der Geldbeutel oder die Sparsamkeit der Eltern, sondern ausschließlich Talent und Fleiß maßgebend sind. Der Wille zur Erneuerung Investitionen in Bildung, Forschung und Innovation sichern unsere Zukunft. Wir dürfen uns der Erkenntnis nicht länger verweigern, dass viele Länder sich derzeit sehr viel schneller bewegen als Deutschland. Der Wille zur Erneuerung darf sich nicht länger in föderalen Egoismen verschleißen. Politik, Wirtschaft und Wissenschaft sollten zusammenwirken, um gemeinsam aus Deutschland die „forschungsfreudigste Nation der Welt“ zu machen und durch eine breite Bewegung für mehr Bildung die dafür erforderlichen Grundlagen zu schaffen. Die deutsche Wissenschaft sollte sich dementsprechend organisieren und ein eigenes Memorandum zur zweiten Stufe der Föderalismusreform entwickeln, welches aufzeigt, was in Deutschland getan werden muss, bevor es womöglich zu spät ist. Inhalt Zusammenfassung 6 I. Einleitung 13 I.1 Krisen 13 I.2 Bildung 14 I.3 Kultur 15 I.4 Umwelt 16 I.5 Globalisierung 17 I.6 Knappe Ressourcen 19 I.7 Innovationen 19 II. Situation: Das 3%-Ziel 21 II.1 Der Europäische Rat und das 3%-Ziel 21 II.2 Das 3%-Ziel im internationalen Vergleich 21 Forschungsintensität 22 FuE-Ausgaben der Wirtschaft 23 FuE-Ausgaben des Staates 25 FuE-Nachwuchs 27 II.3 Das 3%-Ziel in Deutschland 29 FuE-Ausgaben des Bundes und der Länder 29 FuE-Ausgaben der Wirtschaft 31 FuE-Personal 32 FuE-Nachwuchs 33 II.4 Das fabelhafte 3%-Ziel für 2010 wird in Deutschland verfehlt 37 Wirtschaft 38 Bund 38 Länder 39 Gesamtblick 39 III. Vision: 4% für FuE und 7% für Bildung 41 III.1 Die Bedeutung der Steigerung der FuE-Aufwendungen 41 Perspektiven 41 Stiftungen 42 Staat 43 Föderalismusreform 46 Kooperation in der Wissenschaft 46 Wissenschaftsmanagement 48 10 III.2 Die Bedeutung der Steigerung der Bildungsaufwendungen Hochschulen Hochschulwettbewerb Elitehochschulen Weiterbildung III.3 Die Aktivierung der Unternehmen durch Forschung Mittelstand Verbundprojekte Roadmaps und Standardisierung III.4 Die Erneuerung des Unternehmensbestands Private Equity und Venture Capital EXIST und Hightech-Gründerfonds Masterplan III.5 Die Rolle des aktivierenden Staates im globalen Wettbewerb Patente Rahmenbedingungen III.6 Die Chancen für Deutschland Abbildungsverzeichnis 11 48 49 51 51 52 53 53 54 55 56 57 58 58 59 59 60 61 64 12 13 I. Einleitung I.1 Krisen Deutschland treibt auf immer neue Krisen zu. Kaum scheint eine überwunden zu sein, öffnet sich schon der nächste Abgrund. Dann sind Re­ for­men unabweisbar, welche die Lage der be­trof­ fenen Menschen verschlechtern. Das ist zu­min­ dest der Eindruck, den uns die politische Debatte vermittelt. Erst neuerdings reißen die Wolken ein wenig auf und es fällt Licht auf die Tat­sache, dass es gegenwärtig kaum ein Land in der Welt gibt, welches so vital ist: in seinen demokratischen Strukturen, in seiner Wirtschafts­kraft, in der Sicherheit, welche es seinen Bewohnern zu bieten sucht und in der kulturellen Vielfalt, die im ganzen Land zu finden ist. Eigentlich hätten wir allen Grund, opti­mistisch in die Zukunft zu schauen, allen Gefährdungen zum Trotz. Deutschland ist im internationalen Kontext immer noch ein Land mit vielen Vorzügen, und wer meint, er könne sein Vermögen besser in Sicherheit bringen, wenn er es anderswo hinträgt und sich wohl gar um Steuerzahlungen zu drücken versucht, der vergisst, dass seine Kinder gern genauso angenehm und sicher leben möchten, wie es seiner Generation in diesem Deutschland vergönnt war. Zukunftsangst und Egoismus sind schlechte Ratgeber. Wir müssen die Zukunft nicht fürchten, wenn wir bereit sind, uns rechtzeitig auf sie einzustellen und dabei das Gemeinwohl nicht aus den Augen verlieren. Politische Strukturen wie in den USA, welche es im Grunde nur Gutbetuchten oder von diesen Abhängigen ermöglichen, entscheidende Funktionen in der Politik auszuüben, sind in Deutschland jedenfalls nicht die Regel. Unsere demokratischen Strukturen sind im Kern intakt, auch wenn es inzwischen ein Ausmaß an Politikverdrossenheit gibt, das bedenklich ist und von einigen Zeitungen mit großen Buchstaben und kleinem Inhalt weiter geschürt wird. Politikverdrossenheit ist allerdings kein deutsches Privileg, wie der Blick in ausländische Zeitungen zeigt. Mag sein, dass der Verdruss über Politiker zu einem Teil der Tatsache geschuldet ist, dass Politik in Deutschland vor allem auf Krisenbewältigung setzt und langfristige Visionen, wie sie selbst in den USA durchaus politische Wirkungen entfalten und Hoffnung vermitteln, in der politischen Debatte in Deutschland in der Regel wenig Resonanz finden. Das zeigt sich schon in der Sprache. So ist der von Pragmatismus geprägte angelsächsische Begriff„Policy“ kaum ins Deutsche übersetzbar. Wer Policy als politische Vision begreift, wird in Deutschland nur Resonanz finden, wenn seine Vision einer ideologischen Schule zugerechnet werden kann und wenn sie Untergangsszenarien enthält, denen scheinbar nicht zu entkommen ist. In dieser Schrift soll der Versuch unternommen werden, ohne allzu tiefgründige ideologische Debatten politische Visionen auf dem Handlungsfeld von Bildung, Forschung und Innovation zu entwickeln und zur Diskussion 14 zu stellen; schlichte Visionen, die Hoffnung hereinbricht. Oder bedachten sie einfach nur vermitteln, weil sie machbar sind. die unterdurchschnittlichen Wachstumsraten Ein Report von klugen Leuten in den USA, der Wirtschaft, welche in den letzten Jahren verantwortet von der National Academy of beide Länder heimgesucht haben, begleitet Sciences, der National Academy of Enginee- von steigender Arbeitslosigkeit und wachring und dem Institute of Medicine, trägt sender öffentlicher Verschuldung und dardie Überschrift:„Rising above the Gathering aus resultierender Zukunftsangst? Der neue Storm“. 1 Rechtzeitig sich erheben vor herauf- Aufschwung lässt auch in Deutschland neue ziehenden Stürmen ist eine schöne Metapher. Hoffnung wachsen. Im Bericht heißt es zur Einstimmung:„Infolge der Globalisierung, vorangetrieben durch moderne Kommunikationsformen und andere Fortschritte, sind die Arbeitsplätze in nahezu jedem Sektor von Wettbewerbern bedroht, die nur einen Mausklick entfernt sind. In Irland, Finnland, China, Indien und Dutzenden I.2 Bildung anderer Nationen, deren Wirtschaft wächst. Neuerdings ist vor allem die Wirtschaft zu Treffend bezeichnet als ‚the Death of Distan- einer treibenden Kraft von Reformen in ce’.“ 2 Ob mit der Bedrohung der Arbeitsplätze der Bildung geworden, in den Vereinigten durch die Globalisierung wirklich der Kern Staaten, aber auch in Deutschland. Der USdes Problems getroffen wird, ob wir wirklich amerikanische Report nennt im Abschnitt in eine„Globalisierungsfalle“ geraten sind,„Empfehlungen“ folgerichtig an vorderster mag je nach Standort bestritten oder geglaubt Stelle die Schulen und die Gewinnung quawerden, aber dass Stürme infolge wechselsei- lifizierter Lehrer(innen) für Mathematik und tiger internationaler Abhängigkeiten auf un- Naturwissenschaften. Nur auf diese Weise, serem begrenzten Planeten heraufziehen, ist mit Reformen im primären und sekundären offenkundig. Können wir diesen Stürmen er- Bildungsbereich, seien die anstehenden Herfolgreich die Stirn bieten? ausforderungen zu bewältigen. Die US-RegieDie mit Abstand exportstärksten Nationen der rung hat den Ball aufgenommen und in der Welt, Japan und Deutschland, kommen in der„American Competitiveness Initiative“ der beispielhaften Aufzählung der Wettbewer- Förderung von Schulbildung von staatlicher ber nicht vor, oder allenfalls unter den„Dut- Seite breiten Raum gewährt. 3 Auch George W. zenden“. Es mag den Autoren des Reports auf- Bush hatte in seiner Januarrede 2007 zur Lage gefallen sein, dass in diesen beiden Ländern der Nation diese Aufgabe schon ganz zu Anoptimistisch stimmende Visionen nicht son- fang, und zwar unmittelbar nach dem Thema derlich gefragt sind und die langfristige Zu- Schuldenabbau, genannt und ihr damit einen kunftssicherung in der öffentlichen Debatte hohen Stellenwert gegeben. 4 mit Ängsten besetzt ist, während die Bewälti- Ganz ähnlich äußern sich auch deutsche Poligung von echten oder vermeintlichen Krisen tiker. Der deutsche Bundesfinanzminister, gein immer neuen Wellen über die Menschen übt in der Bewältigung von Krisen, führte in 1 Siehe die Zusammenfassung: National Academy of Sciences, National Academy of Engineering und Institute of Medicine of the National Academies(2005): Rising above the Gathering Storm. Energizing and Employing America for a Brighter Economic Future. Executive Summary. http://www.nap.edu/execsumm_pdf/11463.pdf(31.05.06). 2 Am angegebenen Ort, S. 3. Eigene Übersetzung des US-amerikanischen Originals. 3 Siehe Domestic Policy Council und Office of Science and Technology Policy(2006): American Competitiveness Initiative. Leading the World in Innovation. February 2006. http://www.ostp.gov/html/ACIBooklet.pdf(11.12.06). 15 einer Grundsatzrede vom 27. November 2006 nicht in Dauerarbeitslosigkeit und Kriminaliüber die Perspektiven sozialdemokratischer tät abdriften. Man kann nur wünschen, dass Wirtschaftspolitik aus:„Wenn es je – und ich sich die Hoffnung der Bundeskanzlerin nicht hoffe, es gibt sie – Spielräume gibt, mit öffent- als trügerisch erweist. lichem Geld Leistungen zu erbringen, dann Noch hält sich die Perspektivlosigkeit unserer ist die erste Priorität Bildung und die zweite Jugend in Grenzen, jedenfalls im Vergleich Bildung und die dritte Bildung, und zwar in zu anderen Industrieländern, obwohl diese jedweder Art und Weise.“ 5 Gut gebrüllt, Löwe, Grenzen brüchig zu werden drohen, wenn möchte man sagen, denn auf diesem Gebiet man bedenkt, dass mehr als eine halbe Milhat sich der Bund, dessen Finanzen Peer lion Jugendliche, die einen Ausbildungsplatz Steinbrück verantwortet, gerade im Zuge der suchen, zunächst in einer Warteschleife lanFöderalismusreform und auf Drängen der den. Aber sie sind nicht arbeitslos, wie etwa Länder weitgehend aus der Verantwortung in Frankreich. Noch gibt es bei uns infolgeverabschiedet, ganz im Gegensatz zur US- dessen auch in sozialen Problemzonen eine Regierung, die sich nicht scheut, erhebliche Sicherheit, die es erlaubt, sich fast überall Mittel dafür bereitzustellen. Offenbar verhal- ungeschützt zu bewegen, wenn auch inzwiten sich die Regierungschefs der US-amerika- schen mit zunehmender Polizeipräsenz. nischen Bundesländer weniger provinziell als Wir garantieren ein soziales Netz, das jedem einige unserer Ministerpräsidenten. Bildung ein Mindesteinkommen sichert, der unverist dort eine nationale Aufgabe, hier leider schuldet in Arbeitslosigkeit gerät, anders als (noch) nicht. Werden die Eltern gefragt? in den Vereinigten Staaten. Wir messen unseEin letztes weithin sichtbares und recht wirk- re Gesellschaft gern an jener der Vereinigten sames Auflodern von Bundesinitiativen im Staaten, erschrecken aber bei einem AufentBereich der Schulen war das Milliardenpro- halt im Hotel einer US-amerikanischen Großgramm der vormaligen Bundesregierung zur stadt vor der Aussage des Portiers, dass ein Förderung von Ganztagsschulen, von dem nächtlicher Spaziergang in dem Park vor dem die Bundeskanzlerin in ihrer Regierungser- Hotel lebensgefährlich sein könnte. So weit klärung vom November 2005 sagte:„Ich hof- darf es in Deutschland nicht kommen. Mehr fe, dass das nach der Föderalismusreform von und bessere Bildung ist das wichtigste Mittel, den Ländern in entsprechender Weise fort- um gegenzusteuern. gesetzt wird.“ 6 Mit dem Programm wollte der Bund vor allem dazu beitragen, dass Jugendliche aus bildungsfernen Familien durch Ganztagsunterricht bessere Chancen bekommen, denn wer über Bildung redet, muss sich auch Gedanken darüber machen, wie wir unsere Jugend vor der um sich greifenden Perspektiv­ I.3 Kultur losigkeit bewahren, wie wir also die Jugend- Noch gibt es bei uns eine kulturelle Vielfalt, lichen fördern und fordern können, damit deren Reichtum und regionale Verteilung in sie sich in der Arbeitswelt zurechtfinden und kaum einem Land der Welt erreicht wird. Sie 4 Vgl. President Bush Delivers State of the Union Address. United States Capitol, Washington D.C. http://www.whitehouse.gov/news/ releases/2007/01/20070123-2.html(28.02.07). 5 Quelle: Steinbrück, P.(2006): Perspektiven sozialdemokratischer Wirtschaftspolitik. 27.11.06. Unveröff. Ms. 6 Vgl. Regierung online: Regierungserklärung von Bundeskanzlerin Angela Merkel. http://www.bundesregierung.de/nn_1502/ Content/DE/Regierungserklaerung/2005/11/2005-11-30-regierungserklaerung-von-bundeskanzlerin-angela-merkel.html (30.03.2007). 16 wurde lange als Selbstverständlichkeit emp- Deutschland sehr viel näher als die derzeit funden. Wenn ein junger deutscher Wissen- so wachstumsstarken Volkswirtschaften von schaftler, der das Privileg hat, an einer der China, Indien oder den USA. Die viel bewunwissenschaftlich fruchtbarsten Universitäten derten Wachstumsraten in China und Indien der Welt, der Stanford University, arbeiten haben ihren Preis, der in Zukunft zu zahzu dürfen, darüber klagt, sich in einer kultu- len sein wird. Das wird immer deutlicher. In rellen Wüste zu befinden, sind wir erstaunt China sind 70% der Flüsse und Seen inzwiund verstehen zunächst gar nicht, worüber er schen in katastrophalem Zustand. In China eigentlich klagt, zumal es ja auch dort durch- leben 22% der Menschheit, aber es verfügt aus fruchtbare Oasen gibt. nur über 8% der weltweiten Ressourcen an Unser kultureller Reichtum fördert auf seine frischem Wasser. Von den 20 Großstädten mit Weise die Attraktivität des Wissenschafts- der höchsten Umweltverschmutzung finden und Wirtschaftsstandorts Deutschland. Er sich allein 16 in China. macht es reizvoll für In- und Ausländer, hier Wer heute in China investiert, der muss wiszu leben, zu arbeiten und zu investieren und sen, auf welche Arbeitsbedingungen seine dabei Vielfalt und Toleranz zu genießen. Ein Mitarbeiter(innen) sich einzulassen gezwunliberales Zuwanderungsgesetz sollte dazu gen sind, die vor Ort gebraucht werden, um beitragen. Investoren wissen, dass Leistungs- gute Geschäfte zu machen. Die Wiedergesunträger in der Wirtschaft auch die kulturelle dung der Umwelt in China und Indien wird Attraktivität einer Region schätzen und bei enorme Ressourcen verschlingen und dem ihren Entscheidungen berücksichtigen. Be- Wachstum dieser Länder ein neues Gesicht sonders schlagend zeigt sich dieser Zusam- geben. Das ist inzwischen auch der chinemenhang beispielsweise in der neuen Mikro- sischen Führung klar geworden. Und hier vor elektronikhauptstadt Europas, in Dresden. allem liegen große Chancen für die deutsche Und es gibt derzeit noch genügend Kräfte, Wirtschaft, ihr Wissen und ihre Erfahrungen die gegenzusteuern versuchen, wenn der gewinnbringend zu nutzen. Konsens nun zu bröckeln beginnt: die Einig- Deutschland ist weltweit führend in der sparkeit darüber, dass kulturelle Attraktivität und samen Verwendung knapper Ressourcen, wirtschaftliche Leistungskraft eng mitein- insbesondere bei der Energieumwandlung ander verzahnt sind. Dies gilt vor allem für und dem Einsatz von Rohstoffen. Angesichts die hoch verschuldete deutsche Hauptstadt der Wachstumsraten in Asien und anderen Berlin, auf die wir in besonderer Weise ange- Teilen der Welt wird der Wettbewerb um wiesen sind. Denn Berlin ist ein weithin sicht- bezahlbare Importe und die sparsame Verbarer kultureller Leuchtturm Deutschlands wendung von Energie und Rohstoffen zur und sollte es bleiben, um auch wirtschaftlich eigentlichen Herausforderung der Globalizu prosperieren. sierung. Hier vor allem ziehen die Stürme herauf, auf die wir uns vorbereiten müssen, und nicht etwa im„Death of Distance“, im I.4 Umwelt weltweit wirksamen Mausklick. Und hier muss sich deutsche Policy bewähren. Nicht eine angebliche Globalisierungsfalle, sondern die Knappheitsfalle unseres Planeten ist das eigentliche Problem. Deutschland ist weltweit führend in der pfleglichen Behandlung seiner Umwelt, trotz hoher Bevölkerungsdichte. Noch sind wir dem Ziel eines nachhaltigen Wachstums in 17 I.5 Globalisierung Sind Staaten im internationalen Wettbewerb überhaupt vergleichbar mit Unternehmen, wie die politische Debatte häufig unterstellt? Oder führt die mit dem Begriff„Wettbewerbsfähigkeit“ implizierte Analogie zwischen Die Globalisierung ist in allererster Linie ein Staaten und Unternehmen in die Irre? Der Hinweis auf die Tatsache, dass wir unseren US-amerikanische Ökonom Paul Krugman Planeten bewahren müssen, um zu überle- nennt sie„eine Analogie ohne Sinn und Verben. Die kaum noch bestrittene Gefährdung stand“. 7 Der internationale Wettbewerb zwides Weltklimas ist das eigentliche globale schen Staaten und Regionen sei eben kein Problem unserer Zeit. Können wir es lösen? Nullsummenspiel, bei dem der eine verliert, Die Mittel dazu sind erkennbar, und Deutsch- was der andere gewinnt. Denn alle Volkswirtland hat dabei ohne Zweifel gegenwärtig eine schaften„verkaufen“ den größten Teil ihrer hervorragende Ausgangsposition. „­Pro­duk­tion“ an die eigene Bevölkerung. Unser vorrangiges Problem als exportstarkes Ganz anders bei Unternehmen. Die„Exporte“ Land ist nicht die Globalisierung der Märk- einer Automobilfirma, das heißt, die Verkäufe te, die ohnehin überschätzt wird, auch wenn an Personen, die nicht im Unternehmen arbeies für die einzelnen Unternehmen oft schwer ten, machen fast 100% ihrer Produktion aus. genug ist, sich im Wandel zu behaupten und Was das eine Unternehmen in einem wenig die Volatilität der Finanzmärkte erhebliche expansiven Marktsegment gewinnt, verliert Risiken birgt. Es wird Zeit, dass die Auseinan- der Wettbewerber. Wie würden wohl die bedersetzung um die Bedrohung durch Globali- trieblichen Verhandlungen zur Lohnfindung sierung zum eigentlichen Kern vordringt. in einem Unternehmen verlaufen, welches Grafik 1: Anteil der Exporte am Bruttoinlandsprodukt Ländern, USA und Japan, in Prozent(2005) EU(25 Länder) USA Japan UK Frankreich Deutschland 0 9,9 7,7 12,3 17,2 21,6 34,8 5 10 15 20 25 30 35 40 Quellen: Eurostat(o. J.): Bruttoinlandsprodukt zu Marktpreisen. http://epp.eurostat.ec.europa.eu/portal/page?_pageid=1996,39140985&_dad=portal&_ schema=PORTA L&screen=detailref&language=de&product=Yearlies_new_economy&root=Yearlies_new_economy/ B/ B1/ B11/daa10000 (12.02.07).Eurostat(o.J.): Außenhandel:Gesamtprodukt.http://epp.eurostat.ec.europa.eu/portal/page?_pageid=1996,39140985&_dad=portal&_ schema=PORTAL&screen=detailref&language=de&product=Yearlies_new_external_trade_external_trade_by_products&root=Yearlies_new_ external_trade_external_trade_by_products/F2/dcb10512(12.02.07). Anmerkungen: Japan, USA: Werte für 2004. Siehe die angegebenen Quellen für weitere Erläuterungen. Eigene Berechnung und Darstellung der Anteilswerte. 7 Siehe Krugman, P.(1999): Der Mythos vom globalen Wirtschaftskrieg. Eine Abrechnung mit den Pop-Ökonomen. 2. Aufl., Frankfurt: Campus. 18 bei steigender Produktivität den größten Teil schnell wachsenden chinesischen Markt werseiner Produktion an die eigenen Beschäf- den vermutlich unterschätzt. Der zwingend tigten verkaufen müsste? Sie würden sich an notwendige Umbau der chinesischen Wirteinem Wettlauf, der die Einkommen senkt, schaft zu einer Sustainable Economy eröffnet nicht beteiligen wollen. gerade den deutschen Unternehmen große Es leuchtet ein, dass der Wettbewerb zwi- Chancen, die es zu nutzen gilt. schen Staaten und Regionen anderen Regeln In einem offenen Weltmarkt gewinnen im gehorcht als der Wettbewerb zwischen Unter- Gegensatz zu den oft geäußerten apokalypnehmen. Die Exporte der USA machen rund tischen Visionen einiger Schwarzmaler in der 8%, die von Japan rund 12% der gesamten Regel alle Beteiligten, weil dort produziert Wirtschaftsleistung aus(siehe Grafik 1). Auch wird, wo der komparative Vorteil jeweils am auf europäischer Ebene zeigt sich, dass ein größten ist. Die Verbraucher realisieren WohlGroßteil der Ein- und Ausfuhren aus den Mit- standsgewinne, wenn importierte Güter billigliedsstaaten der EU-25 kommt beziehungs- ger sind als im Inland produzierte. Vorausweise dorthin geliefert wird. Die Produktion gesetzt allerdings, den Importen von Gütern der betreffenden Staaten verbleibt demnach und Dienstleistungen stehen ausreichende weit überwiegend im Binnenhandel der EU. Exporte gegenüber und die VollbeschäftiUnd daran hat auch die oft beschworene Glo- gung gerät nicht infolge einer unzureichend balisierung wenig geändert. durchdachten Politik, die einen Wettlauf der Das gilt selbst beim Exportweltmeister Masseneinkommen nach unten zulässt, dauDeutschland, der diesen Titel vor allem der Tat- erhaft in Gefahr. sache verdankt, dass die EU ihm einen offenen Die Globalisierung der Märkte unter fairen BeMarkt bietet(siehe Grafik 2). Fast zwei Drittel dingungen bringt allen Beteiligten Vorteile und der Exporte aus Deutschland verbleiben in der ist für sich kein Nullsummenspiel, bei dem der Europäischen Union. Daran dürfte sich auch eine gewinnt, was der andere verliert. in Zukunft nicht allzu viel ändern. Die Bedrohung durch China wird überschätzt, und noch wichtiger: Unsere künftigen Chancen im Grafik 2: Deutsche Importe nach Herkunftsländern und deutsche Exporte nach Zielländern, in Prozent(2005) Einfuhr nach Deutschland Ausfuhr aus Deutschland Andere Staaten 28% China 7% USA 7% EUStaaten 58% Andere Staaten 25% China 3% USA 9% EUStaaten 63% Quelle: Statistisches Bundesamt(2007): Außenhandel. Zusammenfassende Übersichten für den Außenhandel. 2005. Fachserie 7, Reihe 1. Wiesbaden: Statistisches Bundesamt. Tabellen 1.5.1, Einfuhr, und 1.5.2, Ausfuhr. Anmerkungen: EU-Staaten: Werte für 2004. Siehe die angegebene Quelle für weitere Erläuterungen. Eigene Berechnung und Darstellung der Anteilswerte. 19 I.6 Knappe Ressourcen zumal Deutschland nach wie vor ein hohes Ansehen in der Dritten Welt und vor allem im rohstoffreichen Afrika genießt, es aber leider nicht ausreichend zu nutzen versteht. Holzschnittartig könnte man sagen: Wir sollten Völlig anders verhält es sich freilich beim inuns dadurch auszeichnen, dass wir Vertrauternationalen Wettbewerb der Staaten und en schaffen und in diese Länder vor allem Regionen um knappe Ressourcen. Hier geht Bildungschancen sowie umweltfreundliche es in der Tat zunehmend um ein NullsumTechniken exportieren und im Gegenzug menspiel. Wer auf Grund seiner WirtschaftsRohstoffe fördern helfen und importieren. kraft und Innovationsfähigkeit Energie und Das funktioniert allerdings nur in enger ZuRohstoffe zu günstigen Bedingungen einkausammenarbeit von Wirtschaft und Politik. fen kann und sie überdies sparsam und effizient verwendet, der hat die besten Chancen, seinen relativen Wohlstand im internationalen Vergleich längerfristig zu sichern. Folglich werden Innovationen beim sparsamen Einsatz knapper Ressourcen in Zukunft auch für die Exportkraft der deutschen Wirtschaft I.7 Innovationen immer entscheidender. Ob es auch langfristig dabei bleibt, dass es Nicht allein deshalb, weil durch Innovationen in Deutschland mehr Licht als Schatten gibt, knappe Ressourcen effizient genutzt werden, hängt also in erster Linie von der Innovatisind sie eine Voraussetzung für nachhaltiges onskraft der deutschen Wirtschaft und von Wachstum. Innovationen bestimmen am ihrer Anpassungsfähigkeit an neue BedinEnde auch die Austauschverhältnisse und gungen im Welthandel ab. Die Stärken und den internationalen Wert der Währung. Der Schwächen der deutschen Wirtschaft haben Kraft zur Innovation verdankt die deutsche ihr getreues Spiegelbild in den Stärken und Wirtschaft ihre nach wie vor außerordent- Schwächen des Managements. Management lich starke Stellung in der Investitionsgüterist, hört man auf den Management- industrie, in umweltrelevanten Technologien F. Drucker, eine„angewandte Kunst“, weil sie oder im Automobilbau. Innovationen tragen immer auch die praktische Anwendung von entscheidend dazu bei, dass wir Energie und Wissen gewährleisten muss. Rohstoffe zu günstigen Bedingungen einkau- Viele Jahre lang wurden in Deutschland nicht fen oder ihren Import durch neue Technolo- nur international sehr erfolgreiche mittelstängien wenigstens teilweise substituieren kön- dische Unternehmen(die Hidden Champions) nen. von Ingenieuren und Naturwissenschaftlern In diesem Zusammenhang wird gelegentlich geführt, sondern auch große Konzerne. Als übersehen, mit welcher oft geradezu ruch- Grundüberzeugung galt, dass sie ihre interlosen Zielstrebigkeit sich Länder wie China, nationale Stärke vor allem Innovationen verdie USA und auf ihre Weise auch Frankreich danken, die ihren Kunden nutzen, und erst und Großbritannien den Zugriff auf die knap- in zweiter Linie Kostensenkungen und Umpen Ressourcen unseres Planeten zu sichern strukturierungen oder Verkäufen von Untersuchen. Dabei begreifen sich in diesen Län- nehmensteilen, so wichtig diese im Einzelfall dern Politik und Wirtschaft als ein Ganzes. sein können. Die neue Afrikapolitik Chinas sollte endlich Seit deutsche Großunternehmen immer häuin ihren Konsequenzen zur Kenntnis genom- figer von Managern geführt werden, die den men werden und uns nachdenklich stimmen, zweiten Hauptsatz der Wärmelehre ignorie- 20 ren und nur über rudimentäre Kenntnisse der verstören. Aber wir müssen uns dem Wandel Ingenieurskunst verfügen, dafür aber genau stellen und entsprechende Konsequenzen wissen, dass ihr Erfolg sich an der kurzfristi- ziehen. gen Kostensenkung und dem schnellen Ver- Innovationen und mit ihnen die Anpassungskauf von Unternehmensteilen messen lässt, fähigkeit an neue Strukturen im Welthanhaben solche Großunternehmen zunehmend del hängen entscheidend davon ab, dass in Schwierigkeiten, sich im internationalen Forschung und Entwicklung massiv invesWettbewerb an die Spitze zu setzen, ganz im tiert wird, und das kann natürlich nur funkGegensatz zu Unternehmen, die sich diesem tionieren, wenn auch der dafür benötigte scheinbar zwingenden Trend erfolgreich wi- Nachwuchs vorhanden ist. Sie hängen ferner dersetzt haben. davon ab, dass nicht nur effizient Geld in WisDie Heuschreckendebatte hilft allein nicht sen verwandelt wird, sondern auch Wissen in weiter. Wir brauchen die Rückkehr zum Geld. Deshalb ist das„3%-Ziel“, demzufolge langfristigen Denken, welches deutsche die FuE-Ausgaben in unserem Land im Jahr Großunternehmen früher stark gemacht hat 2010 etwa 3% des Bruttoinlandsprodukts und unseren innovativen Mittelstand immer(BIP) ausmachen sollen, ein ganz fabelhaftes noch stark macht. Innovationen leben vor Ziel. Es ist ein Ziel, an dem bekanntlich mehallem vom Humankapital, in der Wirtschaft rere Akteure beteiligt sind, nicht allein der wie in der Politik. Nicht auf die smarten Ma- Staat, sondern vor allem auch die Wirtschaft. nager des internationalen Kapitals, sondern Leider ist es im doppelten Wortsinn ein fabelauf die Innovatoren, welche die angewandte haftes Ziel. Was sich in Wirklichkeit dahinter Kunst des Managements beherrschen, wird verbirgt, davon handelt diese Schrift. es am Ende ankommen. Innovatoren müssen immer wieder neu nachwachsen. Und dafür muss auch die Politik mit ihren Mitteln Sorge tragen. Was in der deutschen politischen Debatte zu wenig Resonanz findet, ist die Notwendigkeit vorausschauender Analysen, etwa zu den heute schon absehbaren negativen Folgen der Föderalismusreform im Bereich der Bildung und, eng damit zusammenhängend, dem immer deutlicher werdenden gravierenden Mangel an natur- und ingenieurwissenschaftlichen Hochschulabsolventen. Um daran anknüpfend eine radikale Antwort auf die Frage zu geben, was wirklich notwendig ist, um die Vorzüge unseres Landes gegen die heraufziehenden Stürme erfolgreich zu verteidigen und optimistisch in die Zukunft ­blicken zu können. Deutschland ist nach wie vor ein Land mit sehr viel mehr Licht als Schatten. Daran gibt es, schaut man nur einmal von außen auf dieses Land, keinen begründeten Zweifel, so sehr die viel zu hohe Arbeitslosigkeit und die öffentliche Schuldenlast bedrücken und 21 II. Situation: Das 3%-Ziel II.1 Der Europäische Rat und das 3%-Ziel Wie kam es zu dem 3%-Ziel, und welche übergeordneten Zielsetzungen spielen dabei eine Rolle? Der Europäische Rat, das oberste politische Gremium der Europäischen Union, hatte am 23. / 24. März 2000 in Lissabon beschlossen, die EU bis 2010 zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt zu machen, ihn zu einer nachhaltigen Entwicklung mit mehr und besseren Arbeitsplätzen zu befähigen und für einen verbesserten sozialen Zusammenhalt zu sorgen. Um diese übergeordneten Ziele erreichen zu können, so der Beschluss des Europäischen Rates zwei Jahre später in Barcelona, sollten die Gesamtausgaben für Forschung, Entwicklung und Innovation in der Union bis zum Jahr 2010 auf ein Niveau von„nahezu 3% des BIP“ angehoben werden. 8 Der Beschluss wurde damit begründet, dass es eine enge Verknüpfung zwischen FuE, Wachstum und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit gebe. Mit der Erhöhung der FuE-Ausgaben werde nicht nur die Innovationskraft von Unternehmen, sondern auch die Fähigkeit, externe Technologien zu adaptieren, gefördert. Ferner wird in dem Beschluss auf die Notwendigkeit einer nachhaltigen Entwicklung verwiesen und der Abbau der wirtschaftlichen und sozialen Ungleichheit in Europa gefordert. Höchst komplexe Ziele also, welche über die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit Europas noch hinausweisen. Wie steht es mit der Umsetzung? II.2 Das 3%-Ziel im internationalen Vergleich Das 3% -Ziel wurde im März 2006 in Brüssel erneut vom Europäischen Rat bekräftigt. 9 Man muss aber auch den Anhang zu den Schlussfolgerungen des Ratsvorsitzes zum Punkt „Wissen und Innovation“ studieren. Denn dort wird das Ziel nicht mehr so recht ernst genommen, vor allem, wenn man die teilweise 8 Vgl. Europäischer Rat(2000): Schlussfolgerungen des Vorsitzes. Europäischer Rat(Lissabon), 23. und 24. März 2000, Absatz 5, sowie Ders.(2002): Schlussfolgerungen des Vorsitzes. Europäischer Rat(Barcelona), 15. und 16. März 2002, Absatz 47. http://www. consilium.europa.eu/ueDocs/cms_Data/docs/pressData/de/ec/00100-r1.d0.htm sowie 71067.pdf(17.01.06). 9 Vgl. Europäischer Rat(2006): Schlussfolgerungen des Vorsitzes. Europäischer Rat(Brüssel), 23./24. März 2006, Absatz 18. http:/www. consilium.europa.eu/cms3_applications/Applications/newsRoom/LoadDocument.asp?directory=de/ec/&filename=89030.pdf(11.12.06). 22 Grafik 3: FuE-Ausgaben in europäischen Ländern in Prozent des Bruttoinlandsprodukts(2004) und die in nationalen Reformprogrammen genannten Zielwerte 5,0 4,5 4,0 3,5 3,0 2,5 2,0 1,5 1,0 0,5 0,0 ed n e l n a e n m hl d ark a r n r d e k ic r h e e ic lg h ien chw Fin än tsc ste ran B S D Deu Ö F FuE-Intensität= Anteil der FuE-Ausgaben am BIP in%(2004) Zielwert der FuE-Intensität für 2010 oder andere Jahre m U b rla K urg n e d n e ien Rep. nd Irla Italien anien nd stla ngarn rtugal en nd len kei nd itau nla Po wa ttla ypern lta Ma Luxe Niede Slow hische r S ie p E U Po L che Slo Le Z chec G Ts Quelle: Europäischer Rat(2006): Schlussfolgerungen des Vorsitzes. Europäischer Rat(Brüssel), 23./24. März 2006. http://www.consilium.europa.eu/ cms3_applications/Applications/newsRoom/LoadDocument.asp?directory=de/ec/&filename=89030.pdf(11.12.06). Anlage 1: F&E-Ausgaben (2004) in% des BIP und von den Mitgliedstaaten in den nationalen Reformprogrammen aufgestellte Ziele. Anmerkungen: Siehe die angegebene Quelle für Erläuterungen. Eigene Darstellung der Daten. äußerst kühnen Prognosen der Mitgliedsländer für die Forschungsintensität im Jahr 2010 betrachtet(siehe Grafik 3). Aber selbst wenn man sie ernst nähme, was schwer fällt, ergibt sich kein 3%-Anteil, weil die reichen Länder die Defizite der ärmeren Länder nicht ausgleichen, sieht man von Finnland und Schweden einmal ab, die das allein nicht stemmen können. Die Beschwörung des 3%-Ziels wurde damit von den Regierungschefs im gleichen Beschluss bestätigt und in Frage gestellt, eine Art politisches Voodoo auf höchster Ebene. Tatsächlich stagniert die Forschungsintensität, definiert als der Anteil der FuE-Ausgaben am Bruttoinlandsprodukt in Prozent, in der EU seit vielen Jahren bei etwa 1,9%. Daran vermag auch nichts zu ändern, dass kleine Länder wie Schweden und Finnland bereits höchst aussichtsreich das 4%-Ziel für 2010 anpeilen. Demgegenüber verzeichnen die international aufstrebenden Staaten, allen voran China, bemerkenswerte Wachstumsraten, nicht nur in Bezug auf die Wirtschaftsleistung, sondern auch, was Forschung und Entwicklung betrifft. Nach Berechnungen der OECD liegt China im Jahr 2006 mit seinen FuE-Ausgaben in absoluten Zahlen erstmals im weltweiten Vergleich an zweiter Stelle. 10 Forschungsintensität Was verbirgt sich nun tatsächlich hinter der Benchmark„Forschungsintensität“? Sie wird von zwei Größen bestimmt: Erstens vom Bruttoinlandsprodukt im Nenner und zweitens von den FuE-Ausgaben im Zähler(der Nenner wird gern vergessen, wie sich weiter unten zeigt). Die FuE-Ausgaben wiederum können auf zwei Arten betrachtet werden, nach ihrer Herkunft und nach ihrer Verwendung, wobei beide Betrachtungsweisen zu ähnlichen Ergebnissen in den Daten führen. 23 Grafik 4: Finanzierung der Bruttoinlandsausgaben für FuE in europäischen Ländern, USA und Japan nach Sektoren, in Prozent(2004) Wirtschaft Japan Finnland Deutschland Schweden USA Frankreich UK 0 10 Staat Ausland 74,5 69,3 66,8 65,0 61,4 51,7 44,2 20 30 40 50 Sonstige 17,7 26,3 30,4 23,5 7,3 30,4 37,6 8,8 32,8 17,2 60 70 80 90 100 Quellen: Eurostat(o. J.): Bruttoinlandsausgaben für FuE(GERD) nach Finanzierungsquellen – Industrie, Staat, Ausland. http://epp.eurostat. ec.europa.eu/pls/portal/url/page/ P G P_QU E E N/ P G E_QU E E N_DETA I L?screen=detailref&language=de&product=Yearlies_new_science_ technology&root=Yearlies_new_science_technology/I/I1/ir022, /ir023, /ir024(18.01.07). Anmerkungen: EU: Schätzwert. Japan, Schweden, USA: Werte für 2003. USA: Kein Wert für auslandsfinanzierte FuE-Ausgaben verfügbar. Siehe die angegebenen Quellen für weitere Erläuterungen. Eigene Darstellung der Daten. Allerdings spielen Wirtschaft und Staat für die FuE-Finanzierung in den Mitgliedsländern recht unterschiedliche Rollen, ihr jeweiliger Beitrag zu den Bruttoinlandsausgaben für FuE variiert im Ländervergleich ganz erheblich(siehe Grafik 4). So werden beispielsweise in Japan drei Viertel der FuE-Ausgaben von der Wirtschaft finanziert, während in Frankreich nur rund die Hälfte wirtschaftsfinanziert ist. In Deutschland beläuft sich der Anteil der Wirtschaft auf etwa zwei Drittel und erreicht damit jenen Anteilswert, den der Europäische Rat als Maßstab gesetzt hat. Der aktuelle Mittelwert für die EU-25 liegt bei 55%. Die Unterschiede sind bemerkenswert, und sie spiegeln ziemlich gut die Exportkraft der Länder, die auf den ersten Blick umso höher zu sein scheint, je größer der Anteil der Wirtschaft an den gesamten FuE-Ausgaben ist. FuE-Ausgaben der Wirtschaft Ganz überwiegend werden die FuE-Ausgaben im Wirtschaftssektor von der Wirtschaft selbst finanziert. Ein kleiner Ausgabenteil wird im Rahmen von Förderprogrammen von der öffentlichen Hand getragen, wovon insbesondere große Unternehmen profitieren, jedenfalls in der Summe der Mittel. Im Hinblick auf die Unternehmensgröße lässt sich zwar festhalten, dass die FuE-Ausgaben im Wirtschaftssektor hauptsächlich, international tätigen Konzernen bestimmt werden. Kleine und mittlere Unter­nehmen (bis 499 Beschäftigte) tragen jedoch durchaus zu den anteiligen Ausgaben der Wirtschaft für FuE bei. Ihr Beitrag wird mög­licherweise 10 Vgl. OECD(2006): China gibt 2006 doppelt so viel für Innovationen aus wie Deutschland. Pressemitteilung, Paris/Berlin, 4. ber 2006. http://www.oecd.org/dataoecd/59/22/37778743.pdf(26.04.07). 24 statistisch unterschätzt, da die methodische der Börse gehandelten industriellen europäAbgrenzung von FuE Aktivitäten ischen Schwergewichte jünger als ein halbes gerade in diesen Unternehmen nicht einfach Jahrhundert, in den USA 42%. Das hat viele ist und einigen Aufwand verursacht. Ursachen, die teilweise kulturell bedingt sein Im Vergleich der europäischen Länder sind hin- mögen. Eine weitere Ursache ist zweifellos sichtlich der FuE-Ausgaben kleiner und mitt- die immer noch starke Fragmentierung der lerer Unternehmen erhebliche Unterschiede Märkte in Europa, aber das reicht als Erkläfestzustellen(siehe Grafik 5). Inwieweit diese rung nicht aus. Es gibt vor allem ein Defizit auf statistische Mängel oder auf inhaltliche im Bereich Venture Capital. Dieses Thema soll Faktoren zurückzuführen sind, ist nicht leicht in Kapitel III.4 näher betrachtet werden, weil zu ermitteln. Sie sind jedenfalls höchst beacht- die Erneuerung des Unternehmensbestands lich. So liegt beispielsweise der von KMU ge- mit Hilfe kenntnisreicher und risikobereiter leistete Anteil an den FuE-Ausgaben der Wirt- Finanziers langfristig von ausschlaggebender schaft im Vereinigten Königreich bei 30%, in Bedeutung für die Erneuerung einer VolksDeutschland hingegen nur bei 12% wirtschaft ist. Ein besonderer Fall, der aus Grafik 5 nicht In einer schnell wachsenden Volkswirtschaft abzulesen ist, sind die jungen innovativen müssen die FuE-Ausgaben entsprechend Wachstumsunternehmen, die in der Regel schnell zunehmen, damit die Forschungsineinen sehr hohen FuE-Aufwand treiben, um tensität nicht absinkt. Das ist ein interessanter zu überleben und möglichst schnell in inter- Aspekt, denn er scheint, zumindest auf kurze nationale Dimensionen zu wachsen. Solche Sicht, den Indikator Forschungsintensität als Unternehmen spielen in den USA eine sehr Maßstab für die wirtschaftliche Stärke zu relaviel wichtigere Rolle als in Europa(und in tivieren. Dies zeigt sich besonders am Beispiel Großbritannien eine wichtigere Rolle als in Japan, welches durch eine längere Phase der Deutschland). Stagnation gegangen ist und schon deshalb Ein Indiz dafür ist, dass sich seit 1980 in den für diese Zeit eine relativ hohe ForschungsinUSA 64 neue Global Player bilden konnten, tensität ausweist. während es in Europa nur neun junge Un- Auf lange Sicht wird allerdings eine steiternehmen geschafft haben, diesem Klub gende Produktivität und daraus folgend ein beizutreten. Insgesamt sind nur 2% der an hohes und zugleich nachhaltiges WachsGrafik 5: Anteil kleiner und mittlerer Unternehmen an den FuE-Aus­ gaben der Wirtschaft in europäischen Ländern, in Prozent(2003) 30 25 12 20 15 9 10 5 9 0 Finnland 14 10 10 8 12 6 6 7 6 4 2 UK Frankreich Schweden Deutschland Unternehmen mit 250 bis 499 Beschäftigten Unternehmen mit 50 bis 249 Beschäftigten Unternehmen mit bis zu 49 Beschäftigten Quelle: Eurostat(2006): Science and technology in Europe. Luxemburg: Office for Official Publications of the European Communities. S. 18f. Anmerkungen: Schweden: Daten für Unternehmen mit bis zu 49 Beschäftigten sind nicht verfügbar. Eigene Berechnung und Darstellung der Anteilswerte. 25 tum der Wirtschaft und der Einkommen nur Jahr. 11 Zum Vergleich: Allein in Deutschland aufrechterhalten werden können, wenn die wurde der Bereich Forschung und Entwicklung FuE-Intensität im internationalen Vergleich im Jahr 2004 mit über 17 Mrd. Euro aus der überproportional wächst, wie die Beispiele öffentlichen Hand finanziert. 12 Finnland oder Schweden zeigen, beides üb- Dieser Vergleich lässt allerdings außer Acht, rigens Länder mit einer relativ hohen Staats- dass die EU-Mittel ganz überwiegend in die quote. Das ist kein Plädoyer für eine generell Projektförderung fließen, während die natiohöhere Beteiligung des Staates an der volks- nale Förderung sehr stark institutionell oriwirtschaftlichen Leistung eines Landes, aber entiert ist. Würde man nur die nationale und es lohnt sich schon, darüber nachzudenken, europäische Projektförderung vergleichen, warum in diesen Fällen offenbar die relativ so zeigte sich, dass die europäischen Forhohe Staatsquote nicht hinderlich ist. schungsprogramme inzwischen eine gewichtige Rolle spielen. Im internationalen Vergleich der VerwenFuE-Ausgaben des Staates dungszwecke staatlicher Forschungsmittel fallen gravierende Unterschiede auf. In den USA fließen die staatlichen FuE-Aufwendungen vor allem in den Bereich Verteidigung. Nahezu 60% werden hier für„Defense“ Europa als Ganzes ist offenbar weit davon eingesetzt, während es in den EU-Ländern entfernt, ein Wachstum der FuE-Ausgaben durchschnittlich nur 15% sind, ein Wert, der der privaten Wirtschaft zu erreichen, welches zudem wesentlich durch die hohen Anteile das 3%-Ziel realistisch erscheinen ließe. Soll- in Frankreich und Großbritannien bestimmt te der Staat Defizite der Wirtschaft zumin- wird(siehe Grafik 6). Über die Folgen dieser dest teilweise ausgleichen? Diesen Fragen Prioritätensetzung kann man spekulieren. soll im nächsten Kapitel(II.3) am Beispiel Aber auch im zivilen Bereich gibt es bemer­Deutschland und vor allem in Kapitel III.5 kenswerte Unterschiede. So wenden die USA genauer nach­gegangen werden. Denn tatsäch­ fast ein Viertel ihres staatlichen FuE-Budgets lich spielt der Staat eine ganz erhebliche Rolle, für die Gesundheitsforschung auf(auch diese nicht nur im Hinblick auf den quanti­tativen Ausgaben haben zum Teil militärische BezüAnteil an der Forschungsintensität, sondern ge), und nur knapp 20% der Forschungsmittel vor allem qualitativ, infolge der langfristigen fließen in andere zivile Forschungsbereiche. Orientierung seines Beitrags. In Deutschland hingegen beläuft sich der entBezogen auf Europa ist zunächst festzuhalten, sprechende Anteil der FuE-Mittel auf mehr als dass die Europäische Kommission in der öffent- 50%, Ähnliches gilt für Japan und Finnland. lich finanzierten FuE-Intensität zwar eine wach- Allerdings ist im Staatenvergleich zu beachten, sende Rolle spielt, noch aber die nationalen dass die Kategorie„Allgemeine Hochschulstaatlichen Aufwendungen für FuE bei weitem forschungsmittel“ in den US-amerikanischen überwiegen. So stehen beispielsweise für das Statistiken nicht existiert, so dass die Werte siebte Forschungsrahmenprogramm der EU, international nur begrenzt vergleichbar sind das vom Jahr 2007 bis zum Jahr 2013 läuft, ins-(siehe auch die Anmerkung zur Grafik 6). gesamt 54,4 Mrd. Euro zur Verfügung, also im Welche Folgen sich aus den genannten Unrechnerischen Durchschnitt 7,8 Mrd. Euro pro terschieden für die internationale Wettbe11 Vgl. BMBF: EU-Forschungsrahmenprogramm, http://www.bmbf.de/de/959.php(21.03.07). 12 Vgl. BMBF(2006): Forschung und Innovation in Deutschland 2006. Bonn und Berlin: BMBF. http://www.bmbf.de/pub/forschung_ und_innovation_in_deutschland_2006.pdf(18.09.06). Tabelle 2, FuE-Ausgaben der Bundesrepublik Deutschland und ihre Finanzierung. 26 Grafik 6: Staatliche FuE-Mittel in europäischen Ländern, USA und Japan, nach Verwendungszweck, in Prozent(2003) USA 54 Finnland 3 7 27 Japan 4 4 35 Deutschland 7 4 39 Schweden 22 1 44 23 63 57 51 18 34 Frankreich 23 6 23 UK 32 14 20 48 35 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 Verteidigung Schutz und Förderung der menschlichen Gesundheit Allgemeine Hochschulforschungsmittel(GUF) Andere zivile Forschung als"Gesundheit" und"GUF" Quelle: Eurostat(2006): Science and technology in Europe. Luxemburg: Office for Official Publications of the European Communities. S. 52f. Anmerkungen: Frankreich: Referenzjahr 2002; Japan: Referenzjahr 2001. Die Daten für Japan und USA sind nur begrenzt mit europäischen Daten vergleichbar, denn für Japan werden nur Mittel aus dem Bundeshaushalt berücksichtigt, und im US-amerikanischen Bundeshaushalt gibt es die Kategorien„Allgemeine Hochschulforschungsmittel“(GUF) und“Sonstige zivile Forschung” nicht. Siehe dazu: Eurostat(2006): Staatliche Mittelzuweisungen oder Ausgaben für FuE(GBAORD). Statistik kurz gefasst 17/2006: Wissenschaft und Technologie. Autorin: Simona Frank. Luxemburg: Amt für amtliche Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften. http://epp.eurostat.ec.europa.eu/cache/ITY_OFFPUB/ KS-NS-06-017/DE/KS-NS-06-017-DE.PDF(16.01.07). Eigene Berechnung und Darstellung der Anteilswerte. werbsfähigkeit der Volkswirtschaften künftig ergeben könnten, ist, wie gesagt, spekulativ und nicht leicht vorherzusagen. Der Dual Use-Charakter der Militärforschung existiert offenbar, und auch die Effizienz der US-amerikanischen National Institutes of Health(NIH) ist durchaus beachtlich und hat die Biotechnologiebranche der USA in eine weltweite Führungsposition gebracht. Gleichwohl sind die Konsequenzen der völlig unterschiedlichen Prioritäten der öffentlichen Finanzierung für die wirtschaftliche Leistungskraft im zivilen Sektor insgesamt schwer einzuschätzen. Sicher erscheint nur, dass der Vorsprung der USA im Bereich Biotechnologie und in der Informationstechnik mit diesen Prioritäten in unmittelbarem Zusammenhang steht. Andererseits hat sich Europa im Bereich der Luftund Raumfahrt trotz dieser Differenzen behaupten können. Und selbst ein kleines Land wie Finnland bietet der US-amerikanischen Dominanz in der Informationstechnik mit Erfolg die Stirn, obwohl die USA in diesem Bereich fast doppelt so viel öffentliche Mittel investieren wie Europa. Europäische Länder verfügen vor allem im Bereich der Technologien für nachhaltige Entwicklung über ganz beachtliche Stärken, und das hängt wohl nicht zuletzt damit zusammen, dass die öffentlichen Ausgaben für FuE hier deutlich höher sind als in den Vereinigten Staaten. 13 In einem bisher unveröffentlichten Bericht der Europäischen Kommission zu Trends und Perspektiven der Forschung in Europa werden vier technologische Schlüsselbereiche genannt: Technologien für die Gesundheit, Tech­no­lo­gien der Informationsgesellschaft, Tech­no­logien zur nachhaltigen Entwicklung sowie Technologien für industrielle Pro­­duk­ tion und damit verbundene Dienstleistungen. 14 Derzeit dominieren die USA die beiden 27 Grafik 7: Hochschulabsolventen in ausgewählten OECD-Staaten, nach Fächergruppen, in Prozent(2004) Südkorea Deutschland Finnland Schweden Frankreich Japan UK USA 0 38,6 26,0 30,8 30,8 29,9 28,6 28,6 22,8 28,6 42,1 25,0 38,2 24,3 34,7 14,7 48,0 10 20 30 40 50 60 Natur- und Ingenieurwissenschaften Sozial-, Wirtschafts- und Rechtswissenschaften Geistes-, Erziehungs- und Gesundheitswissenschaften Andere 34,0 36,3 39,1 47,9 28,9 29,7 38,4 36,2 70 80 90 100 Quelle: OECD(2006): Education at a Glance. OECD Indicators 2006. Paris. Table A3.3, Percentage of tertiary graduates, by field of education(2004). http://www.sourceoecd.org/upload/9606061e.pdf(14.09.06). Anmerkungen: Frankreich: Referenzjahr 2003. Hier ist nur der Tertiärbereich A (Hochschulbildung) berücksichtigt worden. Eigene Auswahl, Gruppierung und Darstellung der Daten. ersten Bereiche, während Europa im dritten und vierten Bereich weltweit eine führende Position einnimmt. Noch ist nicht abzusehen, welche Folgen das auf längere Sicht für die internationale Wettbewerbsfähigkeit beider Volkswirtschaften haben wird. Klar ist jedoch, dass auf lange Sicht die internationale Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft ganz wesentlich davon bestimmt wird, in welcher Qualität und Quantität FuE-Personal ausgebildet wird und zur Verfügung steht, für öffentlich finanzierte Forschung wie für FuE im privaten Sektor. FuE-Nachwuchs Tatsächlich scheint sich hier zunächst ein deutlicher Rückstand der USA gegenüber Europa abzuzeichnen. Betrachtet man beispielsweise die Anteile der Absolventen naturwissenschaftlich-technischer Studienfächer an allen Absolventen eines Landes, so zeigt sich, dass Südkorea und Deutschland im internationalen Vergleich mit rund 40% bzw. gut 30% an der Spitze liegen, während der Anteilswert für die USA mit 15% erstaunlich niedrig ist(siehe Grafik 7). Im OECD-Mittel beläuft sich der Anteil der natur- und ingenieurwissenschaftlichen Hochschulabsolventen auf rund 25%. 13 Quelle: European Commission(2006): Europe in the changing geography of research. Draft report, 15 September 2006. Trends and perspectives. DG RTD K2 Science and Technology Foresight. Unveröff. Ms., S. 279 und S. 288. 14 Vgl. European Commission(2006): Europe in the changing geography of research. Draft report, 15 September 2006. Trends and perspectives. DG RTD K2 Science and Technology Foresight. Unveröff. Ms., S. 5. 28 Andererseits nehmen in den USA mehr als tiven Seiten des American Way of Life oder die Hälfte der Personen eines Altersjahrgangs vielleicht auch des European Way of Life in ein Hochschulstudium auf; in einigen euro- ihre Heimatländer mit und tragen damit nicht päischen Ländern liegt diese Quote sogar bei nur zum wirtschaftlichen Aufschwung, sonmehr als 70%(siehe Grafik 14). In Deutsch- dern auch zur Stärkung des demokratischen land hingegen beginnen, im internationalen Bewusstseins in diesen Ländern bei. Vergleich gesehen, unterdurchschnittlich Als Problem mag vielmehr gelten, dass der viele junge Menschen ein Studium. Daher„Brain Gain“ der Vereinigten Staaten mögliverblassen die oben genannten Spitzenwerte cherweise zeitlich befristet ist und sich am für Deutschland im Bereich der Natur- und Ende als Inkubator eines Aufschwungs der Ingenieurwissenschaften, wenn man sich die chinesischen und indischen Forschung und absolute Zahl der Studierenden und Hoch- damit langfristig auch des wirtschaftlichen schulabsolventen vor Augen hält. Aufschwungs in diesen Ländern erweist. Zudem finden sich die Spitzenuniversitäten, Hinzu kommt das enorme Potenzial beider die weltweit für die Klügsten und Fleißigs- Länder. Im neuesten OECD-Bildungsbericht ten besonders attraktiv sind, vor allem in wird festgestellt, dass China mit rund 4,4 Mio. den USA, zum Teil mit Finanzierungsbedin- Absolventen im tertiären Bildungssektor zugungen, von denen deutsche Universitäten mindest zahlenmäßig die EU-Länder mittlernur träumen können. Darauf soll in Kapitel weile bei weitem übertrifft(im Referenzjahr III.2 noch näher eingegangen werden. Je- 2005 waren es hier 2,5 Mio. Absolventen). denfalls haben die Vereinigten Staaten durch Damit, so die Autoren, seien die Zeiten, zu den„Brain Gain” der weltweit Besten ihre denen die OECD-Staaten hauptsächlich mit heimische Schwäche zumindest in der Spitze Staaten konkurrierten, die gering qualifiausgleichen können. So sind in den USA etwa zierte Arbeit zu niedrigen Löhnen anboten, 30% der Beschäftigten, die einen natur- oder endgültig vorbei.„Today, countries like China ingenieurwissenschaftlichen Doktorgrad ha- or India are starting to deliver high skills at ben, im Ausland geboren, ein bemerkenswert moderate cost and at an ever increasing pace, hoher Anteil. 15 and OECD countries cannot switch off the Die Kehrseite der Medaille ist allerdings, dass pressures that result from this except at great ­besonders hoch qualifizierte Wissenschaftlercost to our own economic well being.“ 17 (innen) sich inzwischen immer häufiger zu ei- In China und Indien lebt insgesamt ein Drittel ner Rückkehr in ihre Heimatländer entschlie- der Menschheit, und durch die schnelle Entßen. Ein Indikator dafür ist, dass in China heute wicklung verschieben sich die wirtschaftlichen rund 50% der Mitglieder der Akademie der Inge­ Gewichte in großem Maße. Das ist inzwischen nieurwissenschaften und 80% der Mitglieder offenkundig. Folge dieses Aufschwungs ist der Akademie der Naturwissenschaften eine schnell ansteigende Nachfrage nach Rückkehrer aus dem Ausland sind. 16 Aber die knappen Ressourcen und es macht deshalb Rückkehr in die Heimat sollte als politisches Sinn, sich vor allem auf diese Entwicklung Faktum keines­falls nur negativ bewertet werrechtzeitig vorzubereiten, um der bereits anden, denn die Rückkehrer bringen die posi- gesprochenen Knappheitsfalle zu entgehen. 15 Vgl. European Commission(2006): Europe in the changing geography of research. Draft report, 15 September 2006. Trends and perspectives. DG RTD K2 Science and Technology Foresight. Unveröff. Ms., S. 393. 16 Vgl. Zhou, P. und Leydesdorff, L.(2006): The Emergence of China as a leading nation in science, Research Policy 35, S. 83–104, zitiert nach: European Commission(2006): Europe in the changing geography of research. Draft report, 15 September 2006. Trends and perspectives. DG RTD K2 Science and Technology Foresight. Unveröff. Ms., S. 345. 17 Vgl. OECD(2006): Education at a Glance. OECD Indicators 2006. Paris. S. 15. 29 Wenn wir den heraufziehenden Stürmen aus wir aber bestimmt gern gespielt hätten. Umso Asien wirklich gewachsen sein wollen, sind erfreulicher ist es, dass neue Konjunkturdaten deutlich höhere Investitionen in Bildung die Möglichkeit eines durchgreifenden Abbaus und Forschung unabdingbar, denn die Verän­ der Staatsverschuldung zumindest andeuten, derungsgeschwindigkeit, vor allem in Asien, wenn die Wirtschaft ihren Wachstumskurs verbunden mit dem immer härter werdenden beibehält und zugleich weiterhin konsequent Wettbewerb um knappe Ressourcen, zwingt gespart wird, wobei Zukunftsinvestitionen zum Handeln. Europa sollte im eigenen allerdings von den Sparmaßnahmen ausgeInteres­se seiner Verantwortung für eine weltnommen werden müssen. Und da liegt das eiweit nachhaltige Entwicklung hin zu mehr gentliche Problem, denn das ist nicht leicht zu Wohlstand nachkommen. Und zwar nicht in machen. Es erfordert eine radikale Umschicheiner fernen Zukunft, sondern heute, damit tung der Staatsausgaben von Bund, Ländern die nur scheinbar ferne Zukunft bewältigt und Gemeinden und schon deshalb eine enge werden kann. Wenn die EU unter deutschem Kooperation zwischen ihnen. Vorsitz sich gerade in der Energiepolitik ehr- In diesem Zusammenhang sind Vorschlägeizige Ziele setzt, ist das eine Leistung, die ge bedenkenswert, nicht nur Sachinvestitihohen Respekt verdient. Aber Ziele allein onen(Baumaßnahmen, bewegliche Sachen reichen leider nicht aus, falls die Mittel zur und Beteiligungen laut Art. 15 GG), sondern ­Erreichung dieser Ziele defizitär bleiben. auch Investitionen in Humankapital als Maßstab für eine zulässige Schuldenaufnahme heranzuziehen, wie beispielsweise von dem II.3 Das 3%-Ziel in Deutschland früheren niedersächsischen Wissenschafts Oppermann ins Gespräch gebracht. Allerdings nur dann, wenn sie nicht zu einer Erweiterung der Verschuldensgrenze führen, denn das wäre am Ende fatal. Konkret hieße das, Sachinvestitionen etwa nur hälftig zu berücksichtigen, um Spielraum für InvestiDeutschland ist in Europa in vielerlei Hin- tionen in Humankapital innerhalb der Versicht ein Sonderfall. Die hohe Staatsverschul- schuldensgrenze zu gewinnen. dung hängt ganz ursächlich damit zusammen, dass die deutsche Wiedervereinigung politisch hervorragend, aber wirtschaftlich katastrophal gemanagt worden ist. Es reicht eben nicht aus, wenn Politik vor allem kurzfristigen Erwartungen Genüge tut, etwa um Wahlen zu gewinnen, wie beim Management der Wiedervereinigung zu beobachten. Der völlige Zusammenbruch der ostdeutschen FuE-Ausgaben des Bundes und der Länder Industrie und eine eher planlose Subventio- Positiv ist zunächst einmal zu vermerken, nierungspraxis sind uns teuer zu stehen ge- dass der Exportweltmeister Deutschland, was kommen. die Forschungsintensität angeht, im europäOhne das politische Wunder der Wiederverei- ischen und internationalen Vergleich derzeit nigung stünde die alte Bundesrepublik in Eu- noch recht gut dasteht, wie bereits in Grafik 3 ropa vermutlich als Musterknabe da, was die zu sehen war. Staatsverschuldung angeht, eine schwierige Besonders interessant ist der Blick auf Rolle, die uns nun erspart geblieben ist, die Deutsch­land bei den öffentlichen FuE-Aus- 30 Grafik 8: Staatliche Mittelzuweisung für zivile FuE in ausgewählten OECD-Staaten, in Prozent des Bruttoinlandsprodukts(2005) USA UK Japan Deutschland Frankreich Schweden Finnland 0,46 0,53 0,68 0,72 0,72 0,73 0,99 0,0 0,1 0,2 0,3 0,4 0,5 0,6 0,7 0,8 0,9 1,0 Quelle: OECD(2006): Main Science and Technology Indicators. Volume 2006/2. Paris. Tabellen 59, Total Government Budget Appropriations or Outlays for R&D, GBAORD(million current PPP$), und 61, Civil budget R&D as a percentage of Total GBAORD, sowie Annex 2A, Gross Domestic Product(million current PPP$). Anmerkungen: Die Daten für Japan und USA sind nur begrenzt mit europäischen Daten vergleichbar; u. a. werden dort nur die Ausgaben auf Bundesebene erfasst. Siehe die angegebene Quelle für weitere Erläuterungen. Eigene Berechnung und Darstellung der Anteilswerte. gaben, wenn sie um die Verteidigungsausgaben bereinigt sind. Ein solcher Vergleich zeigt, dass unter den großen Industrieländern ­Deutschland mit einem Anteil von 0,72% schon jetzt zur absoluten Spitzengruppe zählt (siehe Grafik 8). Für die OECD-Staaten insgesamt liegt der betreffende mittlere Anteilswert bei 0,53%. Im Forschungsbereich ist allerdings eine bemerkenswerte Ungleichheit bei der Verteilung der Bundesmittel festzustellen. Sie fließen, gemessen an den Einwohnerzahlen, höchst unterschiedlich in die einzelnen Bundesländer (siehe Grafik 9). Vor allem die Stadtstaaten erhalten relativ hohe Anteile der Bundesmittel für Forschung und Entwicklung, was angesichts ihrer Bedeutung für das Umland möglicherweise vertretbar erscheint, während gravierende Benachteiligungen bei den Flächenländern, etwa bei Rheinland-Pfalz, nicht gerechtfertigt werden können. Auch die Bundesländer selbst investieren, wie ebenfalls in Grafik 9 zu sehen ist, in Bezug auf die Bevölkerungszahl mit deutlichen Unterschieden in FuE. Deutschland ist in Europa ohnehin ein Sonderfall wegen seiner ins Extrem getriebenen föderalen Verfassung, die beispielsweise bei europäischen Konferenzen der Bildungs­mi­ nis­ter (innen) unsere Partner gelegentlich zu schlech­ten Witzen reizt. Zwar hat der Föderalismus zunächst einmal den großen Vorzug, dass ähnlich wie in den USA aus den Bundesländern immer wieder eine neue in der Exekutive erfahrene Politikergeneration heranwächst. Er hätte wohl auch, zumindest in der Theorie, den Vorzug eines fruchtbaren Wettbewerbs zwischen den Ländern, allerdings nur dann, wenn der BundLänder-Finanzausgleich und das Engagement des Bundes in der Forschung dauerhaft fairen Bedingungen gehorchen würden, welche Tüchtigkeit belohnen, aber dabei benachtei­ ligte Regionen nicht ignorieren. Ein zweifellos schwieriger Balanceakt. Gerade im Bereich Bildung und Forschung, also im Bereich der wichtigsten Zukunftsinvestitionen, funktioniert dieser Wettbewerb offenbar nicht. 31 Grafik 9: FuE-Ausgaben des Bundes und der Länder pro Einwohner in den deutschen Bundesländern(2003/2004) 350 FuE-Ausgaben des Bundes pro Einwohner, in Euro(2004) 300 250 200 150 100 50 0 HB BE HH BW BR MV SN HE BY SH NI NW ST TH SL RP 250 FuE-Ausgaben des Landes(2003) pro Einwohner(2004), in Euro 200 150 100 50 0 BE SN HB HH SL TH MV BW ST NW BY NI HE RP SH BR Quelle: BMBF(2006): Forschung und Innovation in Deutschland 2006. Bonn und Berlin. http://www.bmbf.de/pub/forschung_und_innovation_in_ deutschland_2006.pdf(18.09.06). Tabellen 39, Regionale Aufteilung der FuE-Ausgaben des Bundes, 40, Regionale Aufteilung der FuE-Ausgaben der Länder, sowie 51b, Bevölkerung, Erwerbstätigkeit und Bruttoinlandsprodukt. Anmerkungen: Siehe die angegebene Quelle für Erläuterungen. Eigene Berechnung und Darstellung der Anteilswerte. FuE-Ausgaben der Wirtschaft In Deutschland spielt die Kraftfahrzeugindustrie bei den FuE-Ausgaben des Wirtschaftssektors eine ausschlaggebende Rolle. Rund ein Drittel der gesamten FuE-Ausgaben fällt in diesen Bereich(siehe Grafik 10). Das ist positiv und bedenklich zugleich. Positiv, weil die Automobilindustrie in Deutschland, etwa im Vergleich mit Großbritannien, starke Innovationsimpulse auch in andere Branchen aussendet, etwa in den Maschinenbau, in die Informationstechnik oder in Industrien, die neue Materialien entwickeln und vorhandene immer weiter optimieren. Bedenklich, weil damit der Blick auf Schwächen in anderen Bereichen verstellt werden könnte. Deutschland galt einmal als die Apotheke der Welt und es ist schon bemerkenswert, dass beispielsweise bei Impfstoffen die deutsche Pharmaindustrie international kaum noch eine Rolle spielt. Die einstmals außerordentlich starke Position deutscher Unternehmen in der Optik und in der Unterhaltungselek­ tronik ist schon vor längerer Zeit verspielt worden. Hier hat uns Japan den Rang abgelaufen. Die großen Chancen in neuen Industrien, die aus dem Internetboom entstanden sind, wurden von der deutschen Wirtschaft nur unterdurchschnittlich wahrgenommen, ganz im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten. Überall dort, wo neue Märkte durch neue Unternehmen vorangetrieben werden, zeigen sich in Deutschland gravierende Schwächen. 32 Grafik 10: FuE-Ausgaben des Wirtschaftssektors in Deutschland, nach Wirtschaftszweigen, in Prozent(2001–2007) 100 90 21 80 9 70 60 16 50 40 20 30 20 33 10 0 2001 22 9 17 19 33 2002 21 9 17 18 35 2003 21 9 17 18 34 2004 22 9 18 19 32 2005 23 9 18 19 31 2006 23 9 18 19 31 2007 Andere Maschinenbau Chemische Industrie Büromaschinen, DV-Geräte, Elektrotechnik usw. Herstellung von Kraftwagen und Kraftwagenteilen Quelle: Hambrecht, J.(2007): Statement anlässlich der Pressekonferenz„FuE in der Wirtschaft“ am 01. Februar 2007 in Berlin. Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. http://www.stifterverband.de/pdf/pressemappe_fue_pk_2007.zip(05.02.07). Tabelle 1, Entwicklungen der FuE-Gesamtaufwendungen der Wirtschaft 2001 – 2007 insgesamt und ausgewählte Wirtschaftszweige. Anmerkungen: Siehe die angegebene Quelle für Erläuterungen. Eigene Berechnung und Darstellung der Anteilswerte. FuE-Personal In Deutschland sind insgesamt fast eine halbe Million Menschen im Bereich Forschung und Entwicklung beschäftigt, hauptsächlich als Forscher(innen), aber auch als Technisches Personal oder mit anderen Arbeitsaufgaben. 18 Der weitaus größte Teil des gesamten FuE-Personals ist im Wirtschaftssektor tätig(siehe Grafik 11). Es liegt auf der Hand, dass eine Steigerung der Forschungsintensität entsprechend dem 3%-Ziel beim FuE-Personal zu erheblichen Engpässen führen würde, deren Beseitigung einen langen Atem erfordert. Schon deshalb ist ein 7%-Ziel im Bildungsbereich unabdingbar. Mittelfristig geht es dabei nicht zuletzt darum, mehr Frauen für das Studium der Natur- und Ingenieurwissenschaften zu gewinnen, denn dort gibt es zweifellos ein weithin unausgeschöpftes Begabungspotenzial. Bei der genaueren Betrachtung des wissenschaftlichen FuE-Personals wird deutlich, dass Forscherinnen vor allem in der Wirtschaft noch erheblich unterrepräsentiert sind; dort beläuft sich der betreffende Anteil auf nur 11%(siehe Grafik 12). Um Abhilfe zu schaffen, ist in der vergangenen Legislaturperiode von der damaligen Bundesministerin Bulmahn eine Reihe von Initiativen gestartet worden. Aber noch ist eine durchschlagende Wirkung ausgeblieben. Die Gründe liegen auf der Hand. Offenbar beginnt die Differenzierung in der Berufswahl schon sehr früh in den Schulen. Hinzu kommen Mängel in der Kinderbetreuung. Diese wird in Deutschland hauptsächlich von Frauen getragen, was auch in der Karriereplanung zu einem deutlichen Rückstand führt. Es wird erheblicher Anstrengungen bedürfen, um die Chancen von Frauen, in der Forschung in Führungspositionen aufzurücken und damit Vorbilder zu schaffen, deutlich zu verbessern. 18 Als Forscher/Forscherinnen gelten„Wissenschaftler/Wissenschaftlerinnen oder Ingenieure/Ingenieurinnen, die neue Erkenntnisse, Produkte, Verfahren, Methoden und Systeme konzipieren oder schaffen – in der Regel Personen mit abgeschlossenem Hochschulstudium“. Frascati Manual,§ 301, zitiert nach: BMBF(2006): Forschung und Innovation in Deutschland 2006. Bonn und Berlin. http://www.bmbf.de/pub/forschung_und_innovation_in_deutschland_2006.pdf(18.09.06). S. 277 f. 33 Grafik 11: FuE-Personal in Deutschland nach Sektoren und Personalgruppen, in Vollzeitäquivalenten, in Anzahl und Prozent(2004) Staat 56% 11% 33% Hochschulen 68% 11% 21% Wirtschaft 0 54% 50.000 100.000 150.000 Forscher Technisches Personal Sonstige 23% 200.000 22% 250.000 300.000 Quelle: Forscher Technisches Personal Sonstige BMBF(2006): Forschung und Innovation in Deutschland 2006. Bonn und Berlin. http://www.bmbf.de/pub/forschung_und_innovation_in_ deutschlan S d_ ta 2 a 0 t 06.pdf(18.09.06). Tabelle 29a, 5 F 6 uE-Personal nach Personalgruppen 1 u 1 nd Sektoren. Anmerku 3 n 3 gen: Wirtschaftssektor: geschätzte Werte. Staatssektor: einschließlich der privaten wissenschaftlichen Institutionen ohne Erwerbszweck, die überwiegend vom Staat finanziert werden. Eigene Auswahl und Darstellung der Daten. Hochschulen 68 11 21 Gra Wi f rt i sc k haf 1 t 2: Forscherinn 5 e 4 n und Forscher in D 2 e 3 utschland n 22 ach ­Sektoren 0 , in V 10 ollzei 2 t 0 äqui 3 v 0 alen 4 t 0 en, in 50 Anz 6 a 0 hl un 70 d Pro 80 zent 90 (200 1 3 00 ) Staat 75% 25% Hochschulen 77% 23% Wirtschaft 0 25.000 50.000 89% 75.000 Forscher Forscherinnen 100.000 125.000 11% 150.000 175.000 Quelle: BMBF(2006): Forschung und Innovation in Deutschland 2006. Bonn und Berlin. http://www.bmbf.de/pub/forschung_und_innovation_in_ deutschland_2006.pdf(18.09.06). Tabelle 29b, FuE-Personal nach Geschlecht, Sektoren und Personalgruppen. Anmerkung: Eigene Auswahl und Darstellung der Daten. FuE-Nachwuchs Der Nachwuchs für FuE-Personal wird in Deutschland knapp. Darauf weist die Wirtschaft immer dringlicher hin. Zunächst auch hier eine quantitative Betrachtung. Derzeit wendet Deutschland 5,3% der Wirtschaftsleistung für Bildung auf(siehe Grafik 13). Der Löwenanteil dieser Ausgaben, nämlich rund 85% – entsprechend einem Anteilswert von 4,4% –, wird in Deutschland von der öffentlichen Hand finanziert, nur knapp 1% des Anteils der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt sind privat finanziert, wobei die Berechnung der privaten Ausgaben im Aus- und Weiterbildungsbereich einer gewissen Kühnheit nicht ermangelt. In den USA und in Südkorea liegt der Gesamtanteil der Bildungsausgaben am Bruttoin- 34 landsprodukt(die Bildungsintensität) jeweils vergleichsweise hoch ist(vgl. Grafik 7), ergibt bei über 7%, allerdings mit einem sehr hohen sich in Kombination mit der im internationaAnteil privater Ausgaben. Das muss uns nachlen Vergleich sehr niedrigen Studienanfängerdenklich stimmen. Im OECD-Mittel ergibt sich quote ein höchst problematisches Bild: In der für die Bildungsintensität in der Summe 5,9%. Gruppe der 25- bis 34-jährigen Beschäftigten Deutschland liegt also deutlich unter dem sind in Deutschland von 100.000 Personen Durchschnitt der OECD-Länder, ein klares lediglich gut 900 Hochschulabsolventen aus Versagen unseres föderalen Systems, denn für dem Bereich der Natur- und Technikwissenden Bildungsbereich sind ganz überwiegend schaften zu finden, während es im Vereinig­ die Länder verantwortlich. Offenbar funktioten Königreich oder in Frankreich jeweils um niert hier der Wettbewerb der Bundesländer 1.900 Personen sind. 19 als Antriebskraft nicht wirklich. Besonders dramatisch sieht es bei der Zahl Auch im Hinblick auf die Studienanfängerder weiblichen Hochschulabsolventen diequote fällt Deutschland im OECD-Vergleich ser Fächer aus(siehe Grafik 15). Mit einem deutlich hinter andere wirtschaftsstarke LänAnteil von 585 Natur- oder Technikwissender zurück(siehe Grafik 14). Im Vereinigten schaftlerinnen pro 100.000 beschäftigten PerKönigreich und in den USA nehmen beisonen liegt Deutschland deutlich unter dem spielsweise mehr als die Hälfte der jungen internatio­nalen Durchschnitt. Zum VerMenschen eines Altersjahrgangs ein Hochgleich: Der ent­sprechende mittlere Anteilsschulstudium auf, in Finnland und Schwe- wert für alle OECD-Länder liegt bei 915, für den sind es sogar über 70%. die EU-19-Länder bei 921. Obgleich in Deutschland der Anteil derjenigen Studierenden, die ein natur- oder ingenieurwissenschaftliches Studium aufnehmen, Grafik 13: Öffentliche und private Bildungsausgaben in ausgewähl­ ten OECD-Staaten, in Prozent des Bruttoinlandsprodukts(2003) Schweden Finnland Frankreich USA UK Südkorea Deutschland Japan 0 1 2 Öffentliche Ausgaben 6,5 0,2 6,0 0,1 5,8 0,5 5,4 2,1 5,1 1,0 4,6 2,9 4,4 0,9 3,5 1,2 3 4 5 6 7 8 Private Ausgaben 9 10 Quelle: OECD(2006): Education at a Glance. OECD Indicators 2006. Paris. Table B2.1a, Expenditure on educational institutions as a percentage of GDP, for all levels of Education(1995, 2000, 2003), S. 205. Anmerkung: Eigene Auswahl und Darstellung der Daten. 19 Vgl. OECD(2006): Education at a Glance. OECD Indicators 2006. Paris. Table A3.5, Science graduates, by gender(2004). Per 100 . 000 employed 25-to-34 years old. http://dx.doi.org/10.1787/436145613668(02.03.07). 35 Grafik 14: Studienanfängerquote in ausgewählten OECD-Staaten, in Prozent(2004) Schweden Finnland USA UK Südkorea Japan Frankreich Deutschland 0 43 39 37 52 48 79 73 63 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 Quelle: OECD(2006): Education at a Glance. OECD Indicators 2006. Paris. Table C2.1, Entry rates into tertiary education and age distribution of new entrants(2004), S. 277. Anmerkungen: Hier sind die Daten für den Tertiärbereich A dargestellt. Frankreich: Referenzjahr 2003, Quelle: OECD (2005): Education at a Glance 2005. Table C2.2, Entry rates into tertiary education and age distribution of new entrants(2003). Siehe die angegebenen Quellen für weitere Erläuterungen. Eigene Auswahl und Darstellung der Daten. Grafik 15: Anteil der natur- und technikwissenschaftlichen Hochschulabsolventen in der Gruppe der 25- bis 34-jährigen Erwerbs­ tätigen in ausgewählten OECD-Staaten, nach Geschlecht(2004) Japan Deutschland USA Schweden UK Finnland Frankreich Südkorea 0 USA Deutschland Japan Schweden Frankreich Südkorea UK Finnland 0 377 585 767 500 500 1.187 1.283 1.000 1.530 1.531 1.611 1.500 1.207 1.232 1.646 1.000 1.500 Frauen 2.000 2.500 3.000 Männer 1.967 2.237 2.362 2.385 2.000 2.500 2.919 3.000 Quelle: OECD(2006): Education at a Glance. OECD Indicators 2006. Paris. Table A3.5, Science graduates, by gender(2004). Per 100 000 employed 25-to-34 years old. http://dx.doi.org/10.1787/436145613668(02.03.07). Anmerkungen: Hier sind die Daten für Absolventen von Studien- und Doktorandenprogrammen dargestellt. Finnland, Frankreich: Referenzjahr 2003. Siehe die angegebene Quelle für weitere Erläuterungen. Eigene Auswahl und Darstellung der Daten. 36 Grafik 16: Anteil der bestandenen Prüfungen in Ingenieurwissenschaften an allen bestandenen Hochschulprüfungen in Deutschland, in Prozent(1994–2005) 25 20 21,8 15 10 5 0 1994 22,1 1995 22,1 1996 20,7 1997 19,5 1998 19,1 1999 18,3 2000 17,8 2001 17,3 2002 16,8 2003 16,1 2004 15,6 2005 Quelle: 70.000 Statistisches Bundesamt(2006): Bildung und Kultur. Prüfungen an Hochschulen I . n 2 g 0 e 0 n 5 ie . u F r a w c i h s s s e e r n ie sc 1 h 1 a , f R te e n ihe 4.2. Wiesbaden. Zusammenfassend 6 e 0. Ü 00 b 0 ersicht 2, S. 19. Anmerkung: Eigene Auswahl und Darstellung der Daten. Mathematik, Naturwissenschaften 50.000 40.000 30.000 Au 2 c 0 h .000 dass der Anteil der Hochschulabsol­ durch die armen Länder(siehe Grafik 17). ve 1 n 0 t .0 e 0 n 0 im Bereich der Ingenieurwissenschaf­ Insbesondere das reiche Bayern verlässt ten in 0 Deutschland seit Mitte der 1990er sich darauf, dass sein Bedarf an Hochschul1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 Jahre stetig gesunken ist, muss im Hinblick absolventen durch überproportionale Anauf den FuE-Nachwuchs und die Innova­ strengungen ärmerer Länder gedeckt wird. tio 2 n 5 sfähigkeit unseres Landes als deutliches Eine der Ursachen für diese Diskrepanz ist Alarmzeichen 20 Grafik 16). verstanden A w n e te r il d M e a n them (s at i i e k h un e d Na o tu f r f w e is n s k en u sc n h d af i t g en . , E in s % macht aus einer begrenzten Ländersicht durchaus Sinn, bei den UniverWa 1 s 5 ist 15 e ,9 igent 1 l 5 ic ,6 h los 15 i ,4 n De 1 u 5, t 3 schla 1 n 5, d 0 , dem 14,7 de 1 r 0 zeitigen Exportweltmeister? Wie kam sitäten vor allem in Qualität zu inve 1 s 5 t , i 7 eren 14,2 13,8 14,0 14,0 14,8 und angesichts begrenzter Mittel darüber es zu diesem Rückstand, der sich seit 1990 5 aufgebaut hat? Ganz einfach dadurch, dass die notwendige Quantität zu vernachlässigen. Denn eine höhere Qualität führt zu uns 0 seither andere Nationen davongelaufen ganz beachtlichen zusätzlichen Transfers 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 sind. Wir hatten offenbar andere Prioritäten. von Bundesmitteln, eine höhere Quantität Auch wenn die Wiedervereinigung Kräfte jedoch nur zu Zahlungen im begrenzten gebunden hat, ist doch die Behauptung, dar- Rahmen der Bundeszuweisungen und im an sei auch der Föderalismus Schuld, gewiss Länderfinanzausgleich. nicht zu weit hergeholt. Das soll in der fol- An der geschilderten Entwicklung wird der genden Betrachtung untermauert werden. Hochschulpakt der Bundesministerin für Die fatalen Konsequenzen des deutschen Bildung und Forschung vermutlich weföderalen Systems im Bereich des tertiären nig ändern, jedenfalls aus heutiger Sicht Bildungssektors, bei Fachhochschulen und und zumal die ostdeutschen Länder schon Universitäten, zeigen sich besonders deut- aus demografischen Gründen versucht lich, wenn man die Kennzahlen der Bundes- sind, ihre Kapazitäten herunterzufahren, länder vergleicht. Hier kommt es tatsäch- ohne dass dies von den reicheren westlich zu einer Subventionierung der reichen deutschen Ländern ausgeglichen wird. Die 37 Grafik 17: Bruttoinlandsprodukt und Studierende pro Einwohner in den deutschen Bundesländern(2005) 60 50 47 40 40 39 Bruttoinlandsprodukt in jeweiligen Preisen je Einwohner in Tsd. Euro(2005) Studierende pro 1.000 Einwohner(2005) 30 27 26 25 25 20 23 21 21 21 20 19 18 17 17 10 0 men Bre burg Ham rlin en -W. -P. en -W. en ern -A. -V. nd en -H. urg Be ess ein and chs en ring ay sen urg arla chs wig nb o H rdr h h einl Sa Ba T d hü Sa kl B ch enb Sa dersa chles rande N R Mec Nie S B Quellen: Arbeitskreis Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen der Länder(2006): Bruttoinlandsprodukt – in jeweiligen Preisen – 1991 bis 2005. http://www.vgrdl.de/Arbeitskreis_VGR/tab01.asp(28.02.07). Statistische Ämter des Bundes und der Länder(2006): Gebiet und Bevölkerung – Fläche und Bevölkerung. http://www.statistik-portal.de/Statistik-Portal/de_jb01_jahrtab1.asp(28.02.07). Statistisches Bundesamt(2006): Schnellmeldungsergebnisse der Hochschulstatistik zu Studierenden und Studienanfänger/-innen – vorläufige Ergebnisse. Wintersemester 2006/2007. Wiesbaden. Tabelle 1.1, Studierende und Studienanfänger/-innen an deutschen Hochschulen im Wintersemester 2006/2007 nach Geschlecht, Hochschularten und Ländern, Erste vorläufige Ergebnisse. Anmerkung: Eigene Berechnung und Darstellung der Anteilswerte. Fehlsteuerung durch föderale Segmentierung im Hochschulbereich wird durch die Föderalismusreform weiter verstärkt. Neue Steuerungs­mechanismen, wie sie auch vom BDI angemahnt worden sind, 20 etwa durch einen gemeinsamen Hochschulfonds, aus dem Bildungsgutscheine finanziert werden, treffen infolgedessen auf Widerstände, die uns die Zukunft verbauen können. Inwieweit das der Fall ist, soll nun genauer betrachtet werden. II.3 Das fabelhafte 3%-Ziel für 2010 wird in Deutschland verfehlt Derzeit beläuft sich die Forschungsintensität, d. h. der Anteil der FuE-Ausgaben am Brutto­inlandsprodukt, auf rund 2,5%. Das angestrebte Ziel liegt jedoch bei 3%. Um dieses Ziel zu erreichen, wäre also bei einer real stag­ nierenden Wirtschaft eine Steigerung der Forschungsintensität um 0,5 Prozentpunkte und 20 Vgl. BDI(2005): Diskussionspapier: Durch Finanzierung im Wettbewerb zu einer eigenverantwortlichen, dynamischen Hochschulund Forschungslandschaft. 27. Juli 2005, Berlin. http://www.bdi-online.de/Dokumente/Technologie-Innovationspolitik/diskussionspapierhsforschfinanz.pdf(17.07.06). 38 damit um 20% erforderlich – allerdings real dass sie ihren Anteil bis 2010 ohne zusätzund nicht nominal. Diese Unterscheidung liche Maßnahmen nicht erbringen wird. ist wichtig und wird gern übersehen. Üb­ Die neuesten Daten des Stifterverbands weilicherweise wird nur das nominale Wachstum sen sogar in die entgegengesetzte Richtung. diskutiert. Das führt dann zu Fehleinschät- Danach stagnierten die FuE-Ausgaben der zungen. deutschen Unternehmen im Jahr 2005, und Aber wer wollte mit einer real stagnierenden die Forschungsintensität in Deutschland, d. h. Wirtschaft bis 2010 rechnen? Unterstellt man der rechnerische Anteil der Bruttoinlandseinmal nach dem Prinzip Hoffnung in den ausgaben für FuE am Bruttoinlandsprodukt, nächsten Jahren ein reales Wachstum des sank von 2,49% im Jahr 2004 auf 2,46% im Bruttoinlandsprodukts von durchschnittlich darauf folgenden Jahr.„Um das Drei-Prozent2%, bei einer Inflationsrate von ebenfalls 2%, Ziel im Jahr 2005 zu erreichen“, so der Stifterso ergibt sich ein Zuwachs des nominalen BIP verband,„hätten 67,2 Mrd. Euro für FuE aufum 4% pro Jahr. Berücksichtigt man dabei gewendet werden müssen. Tatsächlich sind die von Jahr zu Jahr steigende Berechnungs- aber nur 55,2 Mrd. Euro aufgewendet worbasis, so beläuft sich der nominale Zuwachs den, zwölf Mrd. Euro zu wenig.“ Tröstlich ist, des BIP in vier Jahren auf rund 17%. Um die dass der Stifterverband angesichts der unterForschungsintensität auf gleichem Level zu nehmerischen Plandaten für 2006 und 2007 halten, müssten die FuE-Ausgaben in den wieder eine Steigerung der FuE-Ausgaben im Jahren von 2006 bis 2010 ebenfalls insge- Wirtschaftssektor erwartet. Da zugleich die samt um 17% wachsen. Da aber das 3%-Ziel Wirtschaft wieder wächst, ergibt sich daraus angestrebt wird und damit, wie oben darge- allerdings nicht notwendigerweise eine Steilegt, zugleich ein Anstieg der Forschungs- gerung der Forschungsintensität. intensität um 20% gewünscht wird, müssten die FuE-Ausgaben tatsächlich um über 40% steigen. 21 An diesen 40% müssen sich die verantwortlichen Akteure messen lassen. Bund Diese Marke gilt es anzustreben, wenn das Die Projektförderung des Bundes, die für die 3%-Ziel für Deutschland ernst genommen FuE-Ausgaben der Wirtschaft einen beachtwerden soll. lichen Multiplikatoreffekt hat, ist politische Ressorts aufgeteilt, auch wenn das Wirtschaft Bundesministerium für Bildung und Forschung(BMBF) immer noch zahlenmäßig domi­niert. Darauf soll in Kapitel III.1 genauer In Deutschland haben wir uns dem 3%-Ziel eingegangen werden. für 2010 in den vergangenen Jahren nicht Nicht zuletzt der Mittelstand bedarf zusätzgenähert, sondern uns sogar weiter davon licher Impulse, die derzeit vor allem auf entfernt. Das stellt jedenfalls der Stifterver- die Forschungsprämie und die industrielle band für die deutsche Wissenschaft fest. 22 Gemein­schaftsforschung konzentriert werMin­destens zwei Drittel der notwendigen den. Es fehlen indirekte Programme, welche Steigerung von 2,5% auf 3% entfallen auf die den Mittelstand motivieren können, mehr Wirtschaft. Es ist mehr als wahrscheinlich, Ressourcen in FuE zu stecken, ganz im Ge21 Genaue Berechnung: a) Forschungsintensität: 3,0% entspricht, bezogen auf 2,5%, einem Zuwachs von 20%, Indexwert= 1,2. b) BIP: Ein nominaler Zuwachs von jährlich 4% über vier Jahre entspricht einem Gesamtzuwachs von 16,99%, Indexwert= 1,1699. c) Gesamtwert= Indexwert a multipliziert mit Indexwert b= 1,40388. Das entspricht einem Zuwachs von gut 40%. 22 Vgl. Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft(2007): Weiter Flaute am Forschungsstandort Deutschland. Presse-Info 01.02.2007. Essen.„fue_pk_2007_pm.pdf“ in der Pressemappe: http://www.stifterverband.de/pdf/pressemappe_fue_pk_2007.zip(05.02.07). 39 gensatz beispielsweise zu Großbritannien, wo durch steuerliche Maßnahmen und FuE-Zulagen gerade dem Mittelstand besonders günsLänder tige Bedingungen geboten werden. Das soll in Ein sehr viel deutlicherer Schwachpunkt sind Kapitel III.3 noch thematisiert werden. die FuE-Ausgaben der Länder, vor allem in Ist der Bund ein Vorbild in Sachen 3%-Ziel? den Universitäten. Zwar ist es schwierig, die Er hat seine Aufwendungen mit dem Antritt künftigen Beiträge der Länderhaushalte aus der Großen Koalition deutlich gesteigert. Das mittelfristigen Finanzplanung abzuleiten, ist erfreulich. Aber genügt diese Steigerung? weil entsprechende Daten öffentlich kaum Rechnen wir am Beispiel des BMBF nach: zugänglich sind. Eine Aufstellung der BundAnge­nommen, dessen Forschungsausgaben Länder-Kommission für Bildungsplanung und unterliegen den gleichen Erfordernissen, wie Forschungsförderung versucht, Auskunft zu sie im obigen Abschnitt für die FuE-Ausga- geben. 24 Erfreulicherweise haben sich einige ben in Deutschland insgesamt dargelegt wor- Länder wie beispielsweise Hessen bereits vorden sind. Demnach müsste der Forschungs- genommen, die gesamten FuE-Ausgaben um haushalt des BMBF von 2006 bis 2010 um 20% anzuheben:„Hessen stellt sich der Aufgagut 40% steigen. be, innerhalb Deutschlands die Aufwendungen Mit dem Haushalt 2006 standen dem BMBF für FuE auf 3% des BIP zu erhöhen, was von insgesamt rund 7,9 Mrd. Euro zur Verfügung. ­allen Beteiligten eine Steigerung ihrer bisheDavon entfallen rund 5,1 Mrd. Euro oder 64% rigen Beiträge um ein Fünftel erfordert.“ 25 auf Forschungszwecke. Für das Jahr 2010 Das ist offenbar eine falsche Rechnung, weil sind in der geltenden mittelfristigen Finanz- sie davon ausgeht, dass der Nenner, also das planung insgesamt rund 9,1 Mrd. Euro ver- BIP von Hessen unverändert bleibt und nur anschlagt, davon etwa zwei Drittel, also rund der Zähler erhöht wird. Es ist kaum vorstellbar, 6,1 Mrd. Euro, für den Forschungsbereich. dass Ministerpräsident Koch ein nominales Tatsächlich sieht die mittelfristige Finanz- Nullwachstum, also ein reales Schrumpfen planung eine nominale Steigerung der For- des hessischen BIP erwartet. Rechnet man daschungsausgaben des BMBF von knapp 20% gegen mit durchschnittlichen realen Wachsvor, was sehr beachtlich ist. Aber dieser Wert tumsraten des BIP in Höhe von jährlich 2% liegt immer noch deutlich unter den oben und mit Inflationsraten von ebenfalls 2% bis errechneten und für das 3%-Ziel erforder- 2010, so ist eine nominale 20%ige Erhöhung lichen 40%. Dazu Bundesministerin Schavan: der FuE-Aufwendungen mit Sicherheit zwar „Wir haben jährliche Zuwächse beschlossen. verdienstvoll, aber nicht ausreichend. Wenn wir konsequent bleiben, schaffen wir das 3%-Ziel.“ 23 Der für 2008 zu beschließende Bundeshaushalt und die zugehörige mittelfristige Finanzplanung werden zeigen, ob die Gesamtblick Ministerin Recht behält. Grafik 18 zeigt, basierend auf einer hypothetischen Rechnung, wie hoch die Aufwendungen für FuE in den verschiedenen Sektoren im Jahr 2010 sein müssten, damit das 3%-Ziel für Deutschland nicht nur Wunsch23 Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 25.4.2007. 24 Vgl. BLK(2006): Steigerung des Anteils der FuE-Ausgaben am nationalen Bruttoinlandsprodukt(BIP) bis 2010 als Teilziel der Lissabon-Strategie. Bericht an die Regierungschefs von Bund und Ländern. Unveröff. Ms., Anlage 3: Innovationsstrategien der Länder. 25 Vgl. am angegebenen Ort, S. 22(„Innovationsstrategie des Landes Hessen“). 40 vorstellung bleibt. Auch hier wird deutlich: Bei dieser Lage scheint es vermessen zu sein, Unter der Annahme, dass in der Zeit von noch höhere Ansprüche an die Forschungs2006 bis 2010 das Bruttoinlandsprodukt und Bildungsintensität in Deutschland zu jährlich um 2% wächst und gleichzeitig eine stellen. Gleichwohl soll dies im Hauptteil Inflationsrate von 2% gilt, sind Ausgabenstei- dieses Papiers zur Diskussion gestellt werden, gerungen von rund 40% notwendig, um das allerdings mit einem deutlich vergrößerten 3%-Ziel zu erreichen. Die Wirtschaft müsste Zeithorizont, gerechnet bis 2020. Wollen wir dann statt 39 Mrd. Euro einen Betrag von über dem heraufziehenden Sturm gewachsen sein, 54 Mrd. Euro für Forschung und Entwicklung bleibt uns nichts anderes übrig, als die Prioriaufbringen. Bund und Länder müssten ihre täten neu zu justieren. Beiträge von je 9 Mrd. Euro auf einen Wert von jeweils rund 12,5 Mrd. Euro steigern. Aber selbst wenn alle Beteiligten bis 2010 ihre FuE-Aufwendungen dem Ziel entsprechend erhöhen würden, bliebe doch fraglich, ob überhaupt das Personal im FuE-Bereich verfügbar wäre, um die Ausgaben realisieren zu können. Grafik 18: Hypothetische Finanzierungsbeiträge von Wirtschaft, Ausland, Bund und Ländern zum 3%-Ziel für Forschung und ­Entwicklung, in Mrd. Euro(2006 und 2010) 90 80 Ausland 1,9 70 Länder 12,5 60 Ausland 1,3 50 Länder 8,9 Bund 8,7 40 Bund 12,3 30 + 40% Wirtschaft 54,2 20 Wirtschaft 38,6 10 0 2006 2010 Quelle für Bruttoinlandsprodukt 2006: Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft(2007): Pressekonferenz„FuE in der Wirtschaft“. Berlin, 01. Februar 2007. Essen. http://www. stifterverband.de/pdf/pressemappe_fue_pk_2007.zip(05.02.07). Anmerkung: Alle anderen Werte basieren auf eigenen Annahmen und Berechnungen. Annahmen: 1. Das tatsächliche Bruttoinlandsprodukt des Jahres 2006 erhöht sich bis zum Jahr 2010 um 4% pro Jahr. 2. Die Finanzierungsanteile von Ausland, Bund und Ländern entsprechen den tatsächlichen Anteilen aus dem aktuellen Referenzjahr 2003, vgl. BMBF(2006): Forschung und Innovation in Deutschland 2006, Tabellen 39 und 40. Die Ausgabenwerte für 2006 sind aus diesen Anteilen hochgerechnet(Ausland: 1,239 Mrd. Euro= 7%; Bund: 7,834 Mrd. Euro= 46%; Länder: 8,055 Mrd. Euro= 47%). 3. Die Aufteilung der Finanzierung auf die verschiedenen Sektoren bleibt vom Jahr 2006 bis zum Jahr 2010 gleich. 41 III. Vision: 4% für FuE und 7% für Bildung III.1 Die Bedeutung der Steigerung der FuE-Aufwendungen Die deutliche Steigerung der Forschungsintensität ist gewiss nicht von heute auf morgen zu erreichen. Es ist eine langfristige Aufgabe. Zur Diskussion steht eine 4%-Zielsetzung für Forschung und Entwicklung als Anteil am BIP für 2020. Angesichts des heraufziehenden Sturms, der seine Kraft gleichzeitig aus der ökologischen Fragilität und Ressourcenknappheit unseres Planeten sowie dem Streben nach Wohlstand in den neuen Wachstumsländern bezieht, wird der Wohlstand in Deutschland und die relativ starke Position der deutschen Wirtschaft in der Weltwirtschaft nur gehalten werden können, wenn unsere Gesellschaft einen tief greifenden Wandel vollzieht. Dieser Wandel hin zu einer Wissensgesellschaft spiegelt sich in dem im Grunde nicht sonderlich ehrgeizigen 4%-Ziel für die Forschungsintensität. Denn übersehen werden sollte dabei nicht, dass Länder wie Schweden und Finnland sich bereits heute auf dem Weg zum 4%-Ziel befinden. Ist der derzeitige Exportweltmeister Deutschland grundsätzlich schwächer als diese Länder? Sollten wir sie nicht als Maßstab dafür nehmen, was möglich ist, wenn der Wille dazu vorhanden ist, allen Schwierigkeiten zum Trotz? Nur wenn wir bereit sind, uns langfristige Ziele zu setzen und zugleich die notwendigen Maßnahmen zur Erreichung dieser Ziele zu ergreifen, und zwar rechtzeitig, können wir darauf hoffen, unseren Kindern und Enkeln ein Deutschland zu hinterlassen, in dem sie gut leben und arbeiten können. Was heißt das aber im Einzelnen? Darauf sind zwar nur relativ spekulative Antworten möglich, die zweifellos angreifbar sind, aber jedenfalls illustrieren sie die Dimension der Aufgabe. Perspektiven Damit das Problem konkretisiert werden kann, sind perspektivische Annahmen über die FuE-Finanzierung in Deutschland erforderlich. Die grundlegende Annahme lautet: Im Jahr 2020 finanziert die Wirtschaft 60% der FuE-Aufwendungen in Deutschland, also anteilig einen etwas geringeren Beitrag, als in der Lissabon-Strategie vorgesehen ist. Der Staat hingegen finanziert 35% der Gesamtaufwendungen für Forschung und Entwicklung. Weitere 5% werden durch private Stiftungen aufgebracht. Dahinter steht zunächst die Notwendigkeit, vor allem die Forschung in neuen Feldern deutlich zu verstärken, eine Aufgabe, welche nur durch den Staat und durch gemeinnützige Stiftungen gemeinsam adäquat geleistet werden kann. Denn Unternehmen konzentrieren ihre FuE-Aufwendungen nun 42 einmal vor allem auf den Bereich Entwick- Larry Page und Sergey Brin gründeten Google lung, um im kurzfristig wirksamen Kosten- im Jahr 1998 auf der Grundlage von Forwettbewerb bestehen zu können. In diesem schungsarbeiten, die sie an ihrer HeimatuniZusammenhang mag die Tatsache erwähnt versität, der Stanford University, vorantreiben werden, dass der staatliche Anteil an den konnten. Diese verfügt als private und vorwiegesamten FuE-Aufwendungen im Jahr 1995 gend aus Stiftungsmitteln finanzierte Hochnoch bei 38% lag und erst in dem folgenden schule heute über ein Gesamtvermögen von Jahrzehnt auf 30% zurückging. 26 mehr als 12 Mrd. US-Dollar. Hinzu kommen Die fortlaufende Erneuerung der deutschen Spenden in Höhe von rund 600 Mio. Dollar, Wirtschaft und insbesondere die konsequente übermittelt von über 70.000 Spendern. StudiErneuerung des Unternehmensbestands in engebühren hingegen machen nur knapp 18% Deutschland werden deshalb vor allem davon der jährlichen Einnahmen dieser Universität abhängen, dass in der Forschungsförderung aus, was bei der Debatte um Studiengebühren Grundlagenforschung und Praxisrelevanz manchmal übersehen wird. Im Jahr 2005/06 nicht als Gegensätze begriffen werden. Erst belief sich das operative Budget der Stanford aus der Symbiose beider Aspekte, verbunden University – bei insgesamt knapp 15.000 Stumit einer höheren Mobilität aus der Wissen- dierenden – auf 2,9 Mrd. US-Dollar. 27 schaft in die Wirtschaft, können neue Global Zum Vergleich: Die Eliteuniversität Karlsruhe, Player entstehen und alte Player sich grund- welche an einer Fusion mit dem Forschungslegend erneuern. zentrum Karlsruhe unter dem Namen Karlsruhe Institute of Technology(KIT) arbeitet, ist Stiftungen mit etwa 18.000 Studierenden ungefähr gleich groß wie Stanford, das Gesamtbudget von Universität und Forschungszentrum beläuft sich Stiftungen können dabei eine ganz wichtige jedoch auf nur rund 560 Mio. Euro. 28 Rolle spielen, die in Deutschland unterschätzt Allein dieser Vergleich zeigt, über welche wird, im Gegensatz etwa zu Großbritannien Ressourcen Stanford verfügt und zugleich, und den USA. Das soll an einem Beispiel ver- welche Bedeutung private Stiftungen in der anschaulicht werden. Forschung haben. Diese wichtige Rolle wäre Wer die Entstehungsgeschichte von einem nicht möglich ohne die auf Stiftungen hin orider ganz Großen im Weltmarkt betrachtet, entierte Erbschaftssteuergesetzgebung in den nämlich der Firma Google, der erkennt bei- USA. Dort ist der Gedanke, dass über private spielhaft gleich in dreifacher Hinsicht, was es Stiftungen Bildung und Forschung entscheibedeutet, Forschung konsequent zu fördern. dend gefördert werden können, sehr viel verBevor die Konsequenzen für das Engagement breiteter als in Deutschland. der öffentlichen Hand in der Forschung ge- Auch in Deutschland werden in den nächsten nauer betrachtet werden, soll zunächst das Jahren riesige Vermögen vererbt, bis zum Jahr 5%-Ziel für Stiftungen anhand dieses Bei- 2016 schätzungsweise über 2,5 Billionen Euro. 29 spiels unter die Lupe genommen werden. Wer also das 5% - Ziel für Stiftungen als For26 Vgl. Eurostat,„DE“, Thema„Wissenschaft und Technologie“,„FuE-Ausgaben“, Tabelle„Bruttoinlandsausgaben für FuE(GERD) nach Finanzierungsquellen – Staat. http://epp.eurostat.ec.europa.eu(18.01.07). 27 Quelle für Daten zum Gesamtvermögen, zu Spenden und zum operativen Budget: Stanford University Facts: Finances. http:// www.stanford.edu/home/stanford/facts/finances.htm(20.10.06). Quelle für Studierendenzahl: Stanford University Facts: Stanford. Through the Years. http://www.stanford.edu/home/stanford/facts/chron.html(27.02.06). Referenzgeschäftsjahr für Gesamtvermögen und Spenden: 2004/05. 28 Quelle für Gesamtbudget: Universität Karlsruhe(TH): PuK-Presseinformation 106. http://www.presse.uni-karlsruhe.de/6364.php (25.10.06). Quelle für Studierendenzahl: Universität Karlsruhe(TH): Daten, Fakten und Zahlen. http://www.uni-karlsruhe.de/ info/503.php(20.10.06). 43 schungsfinanzier ernst nehmen will, der wird wenn ein funktionierender Venture Capitaleine entsprechende Reform der Erbschaftssteu- Markt existiert. er in Deutschland anstreben und zugleich den Auf die Frage der Erneuerung des UnternehStiftungsgedanken aktiv fördern. mensbestands soll in Kapitel III.4 ausführStanford ist bekannt als eine Brutstätte für licher eingegangen werden. Hier diente das neue Unternehmen, wie auch das Beispiel Google-Beispiel nur der Veranschaulichung der Firma SUN zeigt, deren Name die Ab- der Bedeutung von Stiftungen für die Forkürzung für Stanford University Network ist. schung und für aus der Forschung resulSun Microsystems wurde Anfang der 1980er tierende unternehmerische Initiativen, die Jahre von einem Deutschen namens Andy wiederum selbst Geburtshelfer für neue UnBechtolsheim mitgegründet, der als Student ternehmen werden. Das Thema Forschungsvon München nach Stanford gekommen war. förderung durch private Stiftungen und Die Gründer von Google erhielten ihr erstes Spenden ist von erheblicher Bedeutung für Seed Capital in Höhe von 100.000 US-Dollar die Erneuerung der Wirtschaft in Deutschvon eben diesem Bechtolsheim, der mit SUN land und verdient eine höhere Aufmerksamreich geworden war. Ohne ihn würde man keit, nicht zuletzt beim umstrittenen Thema vermutlich den Namen Google gar nicht ken- Erbschaftssteuer. nen. Schon als das Potenzial von Google noch nicht so offensichtlich war, erhielt das Unternehmen bereits von zwei berühmten Venture Capital-Fonds einen Betrag von zusammen 25 Staat Mio. US-Dollar. Das hat sich für die Investo- Nun zu den 35% öffentlicher Aufwendungen ren gelohnt, als Google an die Börse ging. Der für die Forschung. Sie sind, wie ausgeführt, Börsenwert von Google belief sich im Oktober 1995 prozentual sogar noch höher gewesen. 2006 auf sagenhafte 146 Mrd. US-Dollar. 30 Warum die Erhöhung des öffentlichen Anteils Der Erfolg von Google war natürlich vor von 30% auf 35%? Weil, wie bereits ausgeallem auf einem technisch-wissenschaft- führt, Forschung vor allem eine Sache der öflichen Konzept gegründet, welches den Kon- fentlichen Hand ist, während Unternehmen zepten anderer, finanziell sehr viel stärkerer ihre FuE-Ausgaben auf Entwicklung konzen­ Wettbewerber überlegen war. Und das dafür trieren. Und vor allem die Forschung führt in notwendige Know-how konnten die beiden Neuland. Auf sie sind wir besonders angewieGründer an der überaus reichen Universität sen, um uns fit für die Zukunft zu machen. Stanford entwickeln. Darüber mag man streiten, so lange WissenDas Beispiel veranschaulicht also erstens, schaftsmanagement im öffentlichen Bereich welche Bedeutung private Stiftungen haben, noch ein Stiefkind der öffentlichen Diskussizweitens, wie Alumni immer neue Ideen für on ist. 31 neue Unternehmen voranbringen und drit- Die zur Verfügung gestellten öffentlichen tens, welche Bedeutung gute Grundlagen- Mittel sind deshalb nur ein Aspekt. Ein ganz forschung und Praxisorientierung für die Er- entscheidender kommt hinzu: Offenbar ist neuerung des Unternehmensbestands haben, das ehrgeizige 4%-Ziel nur dann ernsthaft 29 Quelle: BBE Unternehmensberatung, zitiert nach: Mönnighoff, P.: Beim Erbe ist das Ziel Sicherheit. Handelsblatt, Freitag, 7. April 2006. http://www.handelsblatt.com/news/Vorsorge-Anlage/Anlagestrategie/_pv/_p/200729/_t/ft/_b/1061674/default.aspx/beimerbe-ist-das-ziel-sicherheit.html(26.03.07). 30 Vgl. Heise Online News: Google ist an der Wall Street mehr wert als IBM. 24.10.2006. http://www.heise.de/newsticker/­meldung/79930 (26.02.07). 31 Siehe Thomas, U.(2006): Stiefkind Wissenschaftsmanagement. Eine Streitschrift. Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung. 44 zu vertreten, wenn auch das Wissenschafts- Damit sind ehrgeizige Zielmarken formuliert, management der universitären und außer­ und das ist höchst verdienstvoll. Gilt dieses universitären Forschung und der Projektför- Lob aber auch für die Maßnahmen, welche derung auf eine neue Basis gestellt und die die Hightech-Strategie beschreibt? Oder Zusammenarbeit von Wirtschaft, Wissen- handelt es sich dabei überwiegend um eine schaft, Bund und Ländern grundlegend er- durchaus interessante Auflistung einzelner neuert wird. Programme, die derzeit von der Bundesregie35% staatlicher Anteil wären bei einem BIP rung verfolgt werden? Im letzten Abschnitt für 2020 in Höhe von hochgerechnet 4 Bil- heißt es unter der Überschrift„Wir setzen die lionen Euro und einer Forschungsintensität Hightech-Strategie um“:„Die Ausgaben für von 4% ein Betrag von 56 Mrd. Euro oder den Bereich der institutionellen Förderung rund 3% der öffentlichen Haushalte(eben- sowie den Pakt für Forschung und Innovatifalls hochgerechnet). Daraus ergibt sich für on belaufen sich auf rund 14 Milliarden Euro. die öffentlichen Forschungsausgaben, aus- Diese lassen sich aus statistischen Gründen gehend von einem Betrag von 17 Mrd. Euro nur in einigen Fällen den einzelnen Highim Jahr 2004 und mit der Perspektive auf das tech-Sektoren zuordnen.“ 34 Das ist ein krypJahr 2020, eine erforderliche Wachstumsrate tischer Satz, den man nur entziffern kann, in Höhe von durchschnittlich 7,7% pro Jahr. 32 wenn man die mittelfristige Finanzplanung, Allein diese Zahlen zeigen, worum es bei die- beispielsweise des BMBF, etwas genauer beser Neuorientierung geht. Es ist eine gigan- trachtet.(Sie reicht inzwischen bis zum Jahr tische Aufgabe, die einen politischen Willen 2010, während der genannte Pakt bis zum und einen langen Atem erfordert, um erfolg- Jahr 2009 reicht.) reich gelöst zu werden. Nun ist die Bundesministerin ja keineswegs Die Hightech-Strategie der Bundesregierung im Kopfrechnen schwach. Ganz im Gegenteil. ist ein ganz wichtiger Schritt auf dem Weg Sie folgt nur dem allgemeinen Trend der Podorthin. Im Vorwort schreibt die Bundesmi- litik, scheinbar große Zahlen in den Raum zu nisterin für Bildung und Forschung:„Unsere stellen, ohne sie mit den verkündeten ZielsetVision ist ein Land, das Leistung in Wirtschaft zungen wirklich in Übereinstimmung zu brinund Wissenschaft würdigt und belohnt. Wir gen. Wie steht es tatsächlich um die Prioritäwollen Mut machen, neue Wege zu gehen. Wir ten des Forschungshaushalts? Nimmt man als wollen eine neugierige und lernende Gesell- Beispiel die auch in der Regierungserklärung schaft. Wir wollen Talente und Begabungen in besonders hervorgehobene Nanotechnoloallen Bereichen fördern – von den Natur- bis gie, die allgemein als eine Zukunftstechnozu den Geisteswissenschaften, vom Start-up logie gilt, so zeigt sich, dass es nicht so weit über den Mittelständler bis zum Großunter- her ist mit den Wachstumsraten in prioritären nehmer. Bis zum Jahr 2020 wollen wir aus Feldern. Die Nanoelektronik, früher Mikro­ Deutschland die forschungsfreudigste Nation elektronik, erreichte im Jahr 2006 bei den Istder Welt machen.“ 33 Ausgaben einen Stand von 80 Mio. Euro. Für 32 Vorgehen: Das BIP für 2020 wurde entsprechend dem Vorgehen in Grafik 18 hochgerechnet.(Die Ausgaben der öffentlichen Haushalte beliefen sich im Jahr 2005 auf 1.003 Mrd. Euro, sie wurden ebenfalls hypothetisch für 2020 berechnet.) Die staatlichen FuE-Ausgaben müssten nach dieser Rechnung von 17 Mrd. Euro im Jahr 2004 auf 56 Mrd. Euro im Jahr 2020 steigen. Das entspricht unter Berücksichtigung des Zinseszins einer jährlichen Wachstumsrate von durchschnittlich 7,735%. Quellen: Öffentliche FuE-Ausgaben in 2004: BMBF(2006): Forschung und Innovation in Deutschland 2006. Bonn und Berlin: BMBF. http:// www.bmbf.de/pub/forschung_und_innovation_in_deutschland_2006.pdf(18.09.06), Tabelle 2, FuE-Ausgaben der Bundesrepublik Deutschland und ihre Finanzierung. Öffentliche Haushalte in 2005: Statistisches Bundesamt: Öffentliche Finanzen: Ausgaben. http://www.destatis.de/basis/d/fist/fist03.php(29.03.07). 33 Vgl. BMBF(2006): Die Hightech-Strategie für Deutschland. Bonn und Berlin. S. 2. 34 Am angegebenen Ort, S. 103. 45 2010 sind ebenfalls Ausgaben in Höhe von 80 Euro im Jahr 2010. Das ist eine bemerkensMio. Euro geplant. Das ist real eine deutliche werte Steigerung, die nur zu begrüßen ist. Reduktion. Der Haushaltstitel„Nanomateri- In einer Pressemitteilung des BMBF zum alien, Neue Werkstoffe“, hinter dem sich eine Haushalt 2007 heißt es:„Einen kräftigen Zuganze Reihe neuer Nanotechnologien und in- wachs gibt es im nächsten Jahr auch für die teressanter Werkstoffe verbirgt, verzeichnete Projektförderung – die Investitionen in dieim Jahr 2006 Ist-Ausgaben von 98 Mio. Euro sem Bereich werden um 14,4 Prozent auf 2,62 und weist in der geltenden mittelfristigen Fi- Milliarden Euro steigen. Damit steht deutlich nanzplanung für 2010 lediglich ein Soll von mehr Geld als bisher zur Verfügung, um be93 Mio. Euro aus. So viel zu den Prioritäten. sonders zukunftsträchtige TechnologiebeWoher rührt die Diskrepanz zwischen der Re- reiche gezielt zu unterstützen.“ 35 Bei dieser alität der Förderung prioritärer Felder und den„Projektförderung“ hat das Pressereferat des 14 Mrd. Euro, welche in der Hightech-Strate- Ministeriums allerdings Äpfel und Birnen zugie verkündet werden? Die Erklärung ist ein- sammengezählt, denn es werden auch Ausgafach: Man addiert die Ausgaben von 2006 bis ben für das Bildungswesen mitgezählt. War2009 für Forschung auf und verzichtet dar- um legt das Ministerium im eigenen Interesse auf, die tatsächliche jährliche Entwicklung zu notwendige Entwicklungsperspektiven und beschreiben. Wenn man der ansonsten recht positive Zahlen nicht einfach offen? Denn so gelungenen Hightech-Strategie überhaupt schlecht sind die Zahlen nicht. einen Vorwurf machen wollte, dann den, die Insgesamt sind die Leistungen der neuen reale Entwicklungsdynamik der Forschungs- Bundesregierung im Bereich Forschung, wie förderung eher zu verschleiern als zu konkre- sie sich vor allem in den Haushalten 2006 tisieren. und 2007 spiegeln, ganz hervorragend. DaDie allerdings nicht gering zu schätzende For- nach sinkt die Dynamik leider wieder etwas schungsdynamik besteht darin, dass die Haus- ab, jedenfalls in der geltenden mittelfristigen haltstitel der außeruniversitären Forschung Finanzplanung. Um dem 3%-Ziel gerecht zu und der Deutschen Forschungsgemeinschaft werden, reicht eine 19%ige Steigerung jedenjährlich um rund 3% nominal wachsen. Real falls nicht aus. Dazu wäre eine Steigerung heißt das bei unseren Annahmen also um um 40% erforderlich. Wir sind schon deshalb 1%(und damit allerdings nur etwa die Hälfte noch ein Stück weit davon entfernt, bis zum dessen, was bei einem angenommenen realen Jahr 2020 aus Deutschland die forschungsWachstum des BIP von 2% erforderlich wäre, freudigste Nation der Welt zu machen. Denn um den Anteil am BIP zu halten, geschweige dann wäre eine Steigerung der Forschungsdenn das 3%-Ziel anteilig ins Auge zu fassen). intensität auf 4% erforderlich. Aber wir werKräftig wachsen auch die Mittel für die Exzel- den bis 2010 in Deutschland nicht einmal lenzinitiative und den Hochschulpakt 2020. dem 3%-Ziel nahe kommen. Die dafür erDarauf soll noch gesondert in Kapitel III.2 forderliche politische Strategie spiegelt die eingegangen werden. Hightech-Strategie des BMBF jedenfalls noch Die eigentliche Projektförderung, welche be­ nicht. Es bleibt abzuwarten, ob es bei den acht­liche Multiplikatoreffekte in der WirtVerhandlungen über den BMBF-Haushalt im schaft auslöst, findet sich neuerdings im Ka- Jahr 2008 zu einer neuen Dynamik kommt pitel 30 04 des BMBF-Haushalts. Sie steigt in und der Anteil der Ausgaben für Bildung und vier Jahren nominal um 19% an, nämlich von Forschung so ansteigt, dass er bis 2010 dem 1.543 Mio. Euro im Jahr 2006 auf 1.837 Mio. Anspruch der 3%-Zielsetzung gerecht wird. 35 Vgl. BMBF(2006): BMBF steigert auch in 2007 Investitionen in Bildung und Forschung. Pressemitteilung 120/2006. 05. Juli 2006. Berlin. http://www.bmbf.de/_media/press/pm_20060705-120.pdf(26.02.07). 46 Föderalismusreform liche Lasten in Höhe von rund 1,7 Mrd. Euro aufbürden und den Ländern entsprechende Spielräume für die Hochschulen schaffen, die dringend gebraucht werden. Ist das bei einem Bundeshaushalt von gegenwärtig insgesamt Welche Veränderungen im deutschen Wis- rund 250 Mrd. Euro überhaupt vorstellbar? senschaftsmanagement sind erforderlich, Auf jeden Fall wäre es ein Kraftakt, der ganz damit das 4%-Ziel bis 2020 nicht nur quan- neue Perspektiven eröffnet und nur Sinn titativ erreicht wird, sondern zugleich eine macht, wenn auch die Länder mitziehen. neue Qualität gewinnt? Die Überschrift lautet: Wettbewerb und Kooperation. Die zweite Stufe der Föderalismusreform könnte dazu einen entscheidenden Beitrag leisten. Mehr Wettbewerb ist auch in der Wissenschaft ein wichtiger Leistungsanreiz. Er darf nicht Kooperation in der Wissenschaft an den Grenzen der Wissenschaftsorganisati- Kooperation im öffentlichen Wissenschaftsonen halt machen, wie es heute noch der Fall system heißt vor allem Kooperation zwischen ist. In einem wettbewerblich ausgerichteten den Universitäten und den außeruniversiSystem sind neue Finanzierungsmodelle er- tären Forschungsorganisationen, so wie es forderlich, die bei der zweiten Stufe der Föde- in den Kriterien der Exzellenzinitiative auch ralismusreform eingebracht werden sollten. zum Ausdruck gekommen ist. Hier ist noch Es ist nicht einzusehen und nur historisch zu viel zu tun, um den nach wie vor gültigen Anerklären, warum die Max-Planck-Gesellschaft spruch der Einheit von Forschung und Lehre (MPG), die Fraunhofer-Gesellschaft(FhG), die in anspruchsvollen Universitäten weiter zu Leibniz-Gemeinschaft(WGL), die Helmholtz- entwickeln. Eliteuniversitäten sollten gemeinGemeinschaft Deutscher Forschungszentren sam von Universitäten und Forschungsein(HGF) sowie die Deutsche Forschungsge- richtungen getragen werden. Zugleich sollte meinschaft(DFG) in komplizierten und un- die Profilierung von Eliteuniversitäten als terschiedlichen Bund-Länder-Finanzierungs- Forschungsuniversitäten möglich sein. Der schlüsseln handeln müssen(siehe Grafik 19). Anspruch, in ihnen alle Wissenschaftsgebiete Wäre es nicht einfacher, wenn diese fünf Säu- abzudecken, kann heute nicht mehr auflen unseres Wissenschaftssystems insgesamt rechterhalten werden. Die Spitzenuniversität vom Bund finanziert würden und die Länder der Zukunft ist keine Massenuniversität, und die resultierende Entlastung in die Hoch- sie ist auch eine sehr viel stärker profilierte schulen steckten, welche dringend einer bes- Universität, als es sich beispielsweise der Wisseren Finanzierung bedürfen? Um ein Miss- senschaftsrat früher vorgestellt hatte. verständnis von vornherein auszuschließen: Der Wettbewerb zwischen den Universitäten Es geht nicht um mehr Einfluss des Bundes und darüber hinaus auch allen Hochschuauf die Wissenschaft. Vielmehr geht es dar- len soll im nächsten Kapitel genauer diskuum, dass die Wissenschaft selbst in die Lage tiert werden. Hier geht es vor allem darum, versetzt wird, einen Säulen überschreitenden deutlich zu machen, dass wir durch die KoWettbewerb zu organisieren und zugleich operation zwischen Universitäten und außeauch Säulen überschreitend zu kooperieren, runiversitären Forschungseinrichtungen zu wo das von Vorteil ist. einer neuen, auch international sichtbaren Die alleinige Finanzierung aus Bundesmitteln Qualität kommen können. Dabei haben sich würde diese Aufgabe deutlich erleichtern. Sie die Instrumente der Deutschen Forschungswürde dem Bund allerdings zusätzliche jähr- gemeinschaft durchaus bewährt, wobei ins- 47 besondere die Institute auf Zeit, genannt Wahrnehmung. Das mag in manchen Fällen Sonderforschungsbereiche, eine wichtige Vor- weniger mit der Qualität der deutschen Forläuferrolle für die Exzellenzinitiative gespielt schung und Ausbildung zusammenhängen, haben und weiter entwickelt werden sollten, als mit der Tatsache, dass Forschungsunivernicht nur in Bezug auf Universitäten, sondern sitäten es schwer haben, Markennamen zu auch hinsichtlich der mit ihnen zu verknüp- entwickeln, wenn sie zu breit angelegt sind. fenden außeruniversitären Forschung. Wenn wir die Besten der Welt nach DeutschFestzuhalten ist, dass es uns bisher noch nicht land holen wollen, müssen wir nicht zuletzt gelungen ist, international in die Spitzengrup- Markennamen schaffen und pflegen. Auch pe der besten Universitäten der Welt vorzu- darauf soll weiter unten genauer eingegandringen, zumindest in der internationalen gen werden. Grafik 19: Bund-Länder-Finanzierung der Forschungs­förderung in den deutschen Wissenschaftseinrichtungen, in Mio. Euro(2005) FhG Bund: 360 Mio.(81%) WGL Bund: 373 Mio.(51%) MPG Bund: 496 Mio.(50%) DFG Bund: 769 Mio.(58%) HGF Bund: 1.439 Mio.(90%) 0 200 (19%) Länder: 364 Mio.(49%) Länder: 496 Mio.(50%) Länder: 557 Mio.(42%) 400 600 800 1.000 1.200 (10%) 1.400 1.600 Quelle: BMBF(2006): Forschung und Innovation in Deutschland 2006. Bonn und Berlin. http://www.bmbf.de/pub/forschung_und_innovation_in_ deutschland_2006.pdf(18.09.06). Tabelle 6, Gemeinsame Forschungsförderung durch Bund und Länder(Institutionelle Förderung). Anmerkungen: In der Grafik nicht gezeigt sind die Aufwendungen von Bund und Ländern für die Akademien mit insgesamt 44,5 Mio. Euro. Eigene Auswahl und Darstellung der Daten. 48 Wissenschafts­ management ce erweisen, die Bedingungen für eine neue Qualität des deutschen Wissenschaftssystems herzustellen, wenn sich die Erkenntnis durchsetzt, dass wir heute handeln müssen, um bis zum Jahr 2020 zur„forschungsfreudigsten Wenn wir mehr Autonomie und Eigenverant- Nation der Welt“ zu werden. Hier ist nicht zuwortung in der Wissenschaft fördern wollen, letzt die Wissenschaft selbst gefragt, die sich in ist es erforderlich, auch das Wissenschaftsma- der so genannten Heiligen Allianz der großen nagement stärker zu professionalisieren. Dieses deutschen Wissenschaftsorganisationen leider war lange Zeit ein Stiefkind der öffentlichen Dis- nur unvollkommen zu organisieren weiß. Sie kussion. Gute Wissenschaftler(innen) sind aber sollte im eigenen langfristigen Interesse einen nicht automatisch gute Manager(innen). Inzwi- Forderungskatalog zur zweiten Stufe der Föschen bahnt sich ein Wandel an, der dem deut- deralismusreform entwickeln und gemeinsam schen Wissenschaftssystem nur gut tun kann. öffentlich vertreten. Wettbewerb und Kooperation gelten als Richt- Selbst wenn die strukturellen Voraussetzungen schnur für die Zusammenarbeit von Wirt- für die„forschungsfreudigste Nation der Welt“ schaft und Wissenschaft. Die langjährigen Er- geschaffen werden, bleibt immer noch das Profahrungen des BMBF mit der Projektförderung blem des Nachwuchses, welches derzeit als in Verbundprojekten bieten eine solide Basis, völlig ungelöst gelten kann. Soll es gelingen, um öffentliche Forschung mit großen und klei- Deutschland zum internationalen Spitzenreinen Unternehmen mit gemeinsamen Zielen ter in der Forschung zu machen, so genügt es auf Zeit zusammenzuführen. Allerdings ist das nicht, nur über Ausgaben für die Forschung Management solcher Verbundprojekte durch nachzudenken und entsprechende HandOrientierung an Best practice noch verbesse- lungsperspektiven zu entwickeln. Auch der rungsfähig(siehe Kapitel III.3). Dabei spielt die Bildungsbereich muss in die politischen StrateManagementkultur der Projektträger eine ganz gien einbezogen werden. wichtige Rolle, die häufig in ihrer Bedeutung unterschätzt wird. Auf der politischen Ebene ist der Wettbewerb von Bundesministerien um Forschungsprogramme ausgesprochen schädlich und die Kooperation untereinander schwierig. Wünschenswert wäre ein Bundesministerium für Bildung, Forschung und Innovation, welches eine klare Verantwortung für die langfristige Strategie des Bundes auf diesem Gebiet(in Zusammenarbeit mit den Ländern) zu übernehmen in der Lage ist. III.2 Die Bedeutung der Steigerung der Bildungs­ aufwendungen Mit diesen wenigen Bemerkungen ist das Pro- Schlüssel zu einer Wissensgesellschaft ist die blem einer neuen Qualität im Rahmen des 4%Stei­gerung der Investitionen in Bildung und Ziels bei weitem nicht ausgeschöpft. Vielmehr ein qualitativer Strukturwandel in unserem soll nur auf die Richtung der notwendigen Bildungs­system. Wie in Kapitel II dargelegt Diskussion verwiesen werden und darauf, wurde, investiert Deutschland bislang nur in dass nicht alles so bleiben darf, wie es heute unzu­reichendem Maß in den Bildungsbereich ist. Schon gar nicht darf der Föderalismus als(siehe Grafik 13). Bremse wirksam sein. Die nächste Stufe der Fö- Ziel bis 2020 ist ein Gleichziehen mit den Spitderalismusreform könnte sich als große Chan- zenländern, die bereits jetzt über 7% ihrer Wirt- 49 schaftsleistung für Bildung aufwenden. Denn Selbstverständlichkeit, bei uns noch die Ausehrgeizige Ziele für eine Steigerung des FuE- nahme. Vorreiter ist übrigens das keineswegs Aufwands sind zum Scheitern verurteilt, wenn besonders reiche Rheinland-Pfalz. Wollte man der Nachwuchs fehlt und die Weiterbildung diese Selbstverständlichkeit in Deutschland vernachlässigt wird. Deshalb muss das 4%-Ziel umsetzen und alle Schulen zu Ganztagsschufür FuE durch ein 7%-Ziel für Bildung ergänzt len machen, so würde dies allein die Ausgaben werden. Während in der Forschung(ohne den für Bildung um mehrere Milliarden Euro erhöBereich Entwicklung) der Bund zusammen mit hen. 37 Notwendige Bedingung dafür ist, dass Stiftungen die Hauptverantwortung zu tragen auch in der Lehrerausbildung eine Ausweitung hätte, sind es bei der Steigerung der Bildungs- erfolgt, die dem Bedarf gerecht wird. aufwendungen die Länder, welche mehr Geld in die Hand nehmen müssen. Daraus ergeben sich Folgerungen für eine Umstrukturierung der öffentlichen Ausgaben, auf die im FolHochschulen genden eingegangen werden soll. Der Staat Im Bereich der Hochschulen bewegt Klemm wird es nicht allein richten können. sich noch in den Kategorien der KultusmiDas 7%-Ziel klingt zunächst überaus ehrgei- nisterkonferenz, die eher danach fragt, wie zig, aber es ist nicht so weit von dem entfernt, viele junge Menschen ein Studium aufnehwas einige Nationen bereits erreicht haben. men möchten und was sich daraus für den Was heißt das im Einzelnen? Der Bildungsfor- Ausbau der Hochschulkapazitäten ergibt. scher Klaus Klemm schreibt in seinem aus- Hier soll eine andere Sicht mit Blick auf das gezeichneten Papier„Bildungsausgaben in Jahr 2020 und auf die internationale PositiDeutschland: Status quo und Perspektiven“ onierung Deutschlands vertreten werden, im Vorwort:„Deutschland widmet einen eher ohne dabei im Einzelnen auf den Bereich der geringen Teil seines nationalen Wohlstands vorschulischen und der schulischen Bildung dem Aufgabenfeld Bildung“. 36 Das ist offen- einzugehen, oder jedenfalls nur insoweit, als bar eine zutreffende Bemerkung, die sich in damit die Grundlagen für eine Ausweitung erster Linie an die Bundesländer richtet. der Zahl der Studierenden gelegt werden. Klemm stellt mit der Zielperspektive 2015 eine In der Betrachtung der Bildungsausgaben in Reihe von Forderungen auf, die inzwischen Deutschland nach Sektoren zeigt sich, dass breit geteilt werden, aber noch einer soliden Deutschland im Jahr 2003 ganze 0,6% seiFinanzierung harren. Dazu zählt beispielswei- nes BIP für die Lehre an Hochschulen aufse der Ausbau der Krippenplätze in den alten gewandt hat, das sind in absoluten Zahlen Bundesländern, um Kindern aus bildungsfer- 13,6 Mrd. Euro. 38 Bezogen auf die Ausgaben nen Schichten bessere Chancen zu geben und der öffentlichen Haushalte in Deutschland um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu im Jahr 2004 machten die Hochschulgrund­ verbessern. Ähnliches gilt für die Forderung mittel gerade einmal 1,7% aller Ausgaben nach Ganztagsschulen, in vielen Ländern eine aus. 39 Man kann es auch anders formulieren: 36 Vgl. Klemm, K.(2005): Bildungsausgaben in Deutschland: Status quo und Perspektiven. Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung. S. 7. 37 In Klemm 2005 wird eine Modellrechnung mit folgendem Ergebnis durchgeführt:„Wenn der Anteil ganztägiger Schulplätze von 9,8% im Jahr 2002 auf 50% aller Schulplätze der allgemeinbildenden Schulen gesteigert wird, so würde dies im Jahr 2015 Mehrausgaben von 4,6 Mrd. Euro erfordern.“ Quelle: Klemm, K.(2005): Bildungsausgaben in Deutschland: Status quo und Perspektiven. Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung. S. 32. 38 Vgl. Statistisches Bundesamt(2006): Monetäre hochschulstatistische Kennzahlen. 2004. Fachserie 11, Reihe 4.3.2. Wiesbaden. Tabelle 1.2, Ausgaben der Hochschulen(ISCED 5a/6) in Bezug auf das Bruttoinlandsprodukt. 39 Die Hochschulgrundmittel beliefen sich im Jahr 2004 auf 17,1 Mrd. Euro. Im selben Jahr tätigten die öffentlichen Haushalte Ausgaben in Höhe von 990,1 Mrd. Euro. Quellen: Statistisches Bundesamt(2006): Bildung und Kultur. Finanzen der Hochschulen. Berichtszeitraum 2004. Fachserie 11, Reihe 4.5. Wiesbaden. Tabelle 1.2.4, Ausgaben, Verwaltungseinnahmen, Drittmittel und Grundmittel der Hochschulen 1995 bis 2004 nach Ländern. Statistisches Bundesamt(2005): Öffentliche Finanzen – Ausgaben des öffentlichen Gesamthaushaltes nach Ebenen. http://www.destatis.de/basis/d/fist/fist03.php(14.07.06). 50 Eine Steigerung der Hochschulgrundmittel licherweise explizit hingewiesen worden. Ziel auf das Doppelte würde immer noch im Rau- sollte sein, dass nicht nur etwa 30% aller Stuschen der Sozialhaushalte untergehen, aber dienplätze in Fachhochschulen bereitgestellt gleichzeitig würden sich die öffentlichen und werden, sondern eine Zielmarke von 50% geprivaten Ausgaben für Bildung dem 7%-Ziel setzt wird. Zugleich sollte die Umstellung auf annähern. das Bachelor/Master-System genutzt werden, Eine genaue Rechnung im Hinblick auf das um die Durchlässigkeit vom Fachhochschul7%-Ziel wäre allerdings sehr viel komplexer zum Universitätsstudium zu erhöhen, auch anzulegen. Aber hier kommt es zunächst ein- im Hinblick auf die Doktorandenausbildung. mal darauf an, Größenordnungen zu erkennen. Eine weitere strukturelle Dimension ist der Das eigentliche Problem ist in Kapitel II.3 be- Ausbau von dualen Ausbildungsgängen an nannt worden: Wir haben im internationalen Fachhochschulen und Berufsakademien. Vergleich viel zu wenig Studienanfänger und Das bewährte duale Ausbildungssystem in insbesondere einen Rückstand bei der Zahl Deutschland sollte sehr viel stärker auf Fachder Hochschulabsolventen der Natur- und hochschulen übertragen werden. Modelle daTechnikwissenschaften, vor allem auch, was für gibt es bereits, aber ihre Breitenwirkung ist den Anteil der Frauen in diesen Studienfach- noch begrenzt. Die steigenden Anforderungen richtungen und den entsprechenden Berufen an künftige Berufsbilder können nicht mehr betrifft(vgl. oben: Grafik 14 und Grafik 15). allein durch die klassische duale Ausbildung Das ist ein Hinweis darauf, dass das 4%-Ziel erfüllt werden, so wichtig diese bleibt. In der für FuE in Deutschland bis zum Jahr 2020 Schrift der Friedrich-Ebert-­Stiftung„Berufsbilnur realistisch ist, wenn sich bei der Ausbil- dung im Umbruch“ wird von den Autoren zu dung des Nachwuchses grundlegend etwas Recht darauf hingewiesen, dass in einer nachverändert. Die Abiturientenquoten müssen industriellen Gesellschaft das systematische deutlich erhöht werden, die Durchlässigkeit(theoretische, wissenschaftliche) Wissen von des Bildungssystems von der dualen Berufs- zentraler Bedeutung ist. 40 In einer Stellungausbildung zum Hochschulstudium muss nahme dazu schreibt der frühere Staatssekreverbessert werden, Frauen sollten, etwa tär im BMBF, Wolf-Michael Catenhusen:„Wir nach dem Vorbild von Großbritannien und müssen die Perspektive eines Transfers hochFrankreich, sehr viel stärker als bisher für qualifizierender Berufsausbildungsgänge in natur- und technikwissenschaftliche Berufe duale BA-Studiengänge an Fachhochschulen interes­siert werden, und vor allem müssen öffnen.“ 41 Dem ist nichts hinzuzufügen, außer die Studienabbruchquoten durch bessere der Frage, wie das konkret erfüllt und finanBetreuung deutlich verringert werden. Nur ziert werden könnte. dann wird der Nachwuchs vorhanden sein, um den es hier geht. Die quantitative Betrachtung ist nur die eine Seite der Medaille. Auch in der strukturellen Dimension sind Veränderungen notwendig. Wir brauchen in erster Linie mehr Fachhochschulstudienplätze. In der Verwaltungsvereinbarung zum Hochschulpakt ist darauf erfreu40 Vgl. Baethge, M., Solga, H., Wieck, M.(2007): Berufsbildung im Umbruch. Signale eines überfälligen Aufbruchs. Berlin: FriedrichEbert-Stiftung. http://library.fes.de/pdf-files/stabsabteilung/04258/studie.pdf(28.02.07), S. 74. 41 Vgl. Catenhusen, W.-M.(2007): Die Zukunftsfähigkeit des deutschen Bildungssystems sichern. Politische Stellungnahme im Namen des Netzwerk Bildung. Berlin, 26. Januar 2007. http://library.fes.de/pdf-files/stabsabteilung/04258/stellungnahme.pdf(27.02.06), S. 4. Mit„BA-Studiengängen“ sind Bachelorstudiengänge gemeint. 51 Hochschulwettbewerb ben, um den gemeinsamen Fonds adäquat zu speisen und den Wettbewerb weitgehend den Hochschulen zu überlassen. Schließlich stellt sich die Frage, wie wir in einem föderal geprägten Bildungssystem den fairen Wettbewerb zwischen Hochschulen organisieren. Es kann nicht das Ziel sein, die Elitehochschulen Qualität von Hochschulen in Deutschland Schließlich drängt sich die bereits angedavon abhängig zu machen, ob das Sitzland sprochene Frage auf, wie wir die Besten aus finanziell besonders leistungsfähig ist. Es darf Deutschland und der Welt in Elitestudienauch nicht sein, dass arme Länder sich weit gängen versammeln können. Das kann nicht überproportional bemühen, Studienplätze Aufgabe von Massenuniversitäten sein. Wünzur Verfügung zu stellen und reiche Länder schenswert wären kleine Forschungsuniversich zurücklehnen(vgl. Grafik 17). sitäten, die durchaus spezialisiert, allerdings Es wäre eine grandiose Verschwendung von auch nicht zu eng in der Spezialisierung auf Steuermitteln, wenn Hochschulkapazitäten wenige Fächer, für die Hochbegabten und in Ostdeutschland deshalb abgebaut würden, Fleißigen offen stehen. weil die demografischen Bedingungen in den Solche Forschungsuniversitäten könnten Neuen Ländern die Zahl der Abiturient(innen) durch­aus gemeinsam von Universitäten und in den nächsten zehn Jahren halbieren. Hochaußer­universitären Forschungseinrichtungen schulen müssen über Ländergrenzen hinweg getragen und aus Bundesmitteln sowie von fair miteinander um Studierende in Quantität privaten Stiftungen unterstützt werden. Dabei und Qualität konkurrieren können. kann es nicht allein um spezielle MasterstudiDer vom BDI eingebrachte Vorschlag, einen engänge und Graduiertenschulen mit hohem länderübergreifenden, aber von den Ländern finanzierten Hochschulfonds zu etablieren, 42 Forschungsanteil gehen. Vielmehr sollten hochbegabte Abiturient(innen) systematisch wäre ein geeignetes Mittel, um diesen Wett- ausgewählt und frühzeitig mit Forschungsbewerb quantitativ und qualitativ zu gestal- aufgaben vertraut gemacht werden können. ten. Danach erhielte jeder Studierende, der Sie sollten sich nicht in den ersten Semestern sein Studium innerhalb der Regelstudienzeit durch eine Massenuniversität quälen müssen, an einer Hochschule seiner Wahl finanziert, bevor sie eine besondere Förderung erfahren. einen Bildungsgutschein, in der Höhe ge- Auch dafür gibt es bereits ermutigende Beistaffelt nach Studienfächern. Ergänzt um die spiele, aber noch sind diese Beispiele viel zu Möglichkeit, dass die Hochschulen sich ihre schmal, um entsprechende Wirkungen für Studierenden selbst aussuchen können, ent- einen erstklassigen Nachwuchs entfalten zu stünde auf diesem Wege ein echter Qualitäts- können. wettbewerb zwischen den Hochschulen und Nicht nur in diesem Zusammenhang stellt damit eine sich selbst tragende Qualitätsdiffe- sich die Frage, wie das private Engagement renzierung zwischen den Hochschulen. Auf- im Sinne einer neuen Initiativkultur vergabe der Kultusministerkonferenz wäre bei stärkt werden könnte. Warum sollten private diesem Modell, den Bedarf an Studienplätzen Stiftungen nicht auch zur Finanzierung von öffentlich zu diskutieren und fortzuschrei- Hochschulen beitragen, insbesondere dort, 42 Siehe auch Thomas, U.(2006): Fairer Wettbewerb für deutsche Hochschulen. Eine Philippika gegen die föderale Segmentierung. Berlin: Friedrich-Ebert-Stiftung. 52 wo es um eine Eliteausbildung geht? Ein Ein erstes Beispiel: Wir treiben scheinbar un­herausragendes Beispiel gibt die Jacobs-Stifaufhaltsam in eine Situation hinein, in der tung mit der Jacobs-Universität in Bremen. Es Berufsschullehrer(innen) in wichtigen Fäsollte Schule machen. chern immer knapper werden, weil nicht geHier gilt Ähnliches wie in der Forschungsför- nügend junge Menschen ein entsprechendes derung: Die Rahmenbedingungen für private Studium aufnehmen wollen. Neben der WerStifter sollten verbessert werden. Allerdings bung für dieses Studium ist es notwendig, unter der alles entscheidenden Vorausset- ältere Ingenieure und Naturwissenschaft­­­­ zung, dass für den Erfolg der Studierenden ler(innen) dafür zu gewinnen, diese Lücke zu am Ende nicht der Geldbeutel der Eltern, füllen. Das geht nicht ohne Weiterbildung, sondern ausschließlich Talent und Fleiß maß- denn der Lehrberuf ist anspruchsvoll. gebend sind. Auch die Debatte um Studien- Ein zweites Beispiel: Viele Unternehmen hagebühren gehört in diesen Zusammenhang. ben verstanden, dass das Know-how älterer Wer vom Staat oder von Stiftungen eine erst- Ingenieure mit deren Pensionierung unwieklassige Ausbildung finanziert bekommt, der derbringlich verloren zu gehen droht. Sie sollte sich über Studiendarlehen daran betei- versuchen deshalb, diese Mitarbeiter in der ligen, die nach erfolgreichem Abschluss zu- Weiterbildung ihres Unternehmens einzusetrückzuzahlen sind. zen, statt sie womöglich, wie in der Vergangenheit, im Zuge von„Umstrukturierungen“ Weiterbildung möglichst schnell vor die Tür zu setzen. Dahinter steht ein grundsätzlicheres Problem. Wer älteren Mitarbeiter(innen) systeSchließlich ist eine Antwort auf die Frage der matisch Gelegenheit zur Weiterbildung verkontinuierlichen Weiterbildung von essenti- schafft, der kann insbesondere im Bereich eller Bedeutung für den Wirtschaftsstandort der Natur- und Ingenieurwissenschaften den Deutschland. Ständig neue Kompetenzen er- heraufziehenden Mangel an solchen Qualifiwerben, weil die erworbenen Kompetenzen kationen als Folge zu geringer Studierendenveralten, ist offensichtlich notwendig und für zahlen mildern. Hinzu kommt, dass gerade viele Menschen zur Selbstverständlichkeit ge- in diesen Berufen viele Menschen gar nicht worden. Zwar sind in den letzten Jahren der so interessiert daran sind, in Pension zu geZeitaufwand und die Investitionen in Weiterbil- hen. Viele wollen gern weiter arbeiten und dung zurückgegangen, aber das hängt wohl vor wären zusätzlich motiviert, wenn der Zopf eiallem damit zusammen, dass Weiterbildung am ner starren Altersgrenze endlich abgeschnitArbeitsplatz statistisch oft nicht leicht zu erfas- ten würde. Wozu eigentlich diese Grenze? sen ist. Ein weiterer Grund sind die drastischen Wäre es nicht möglich, den Rentenanspruch Einsparungen der Bundesanstalt für Arbeit im zu flexibilisieren? Wer länger arbeitet, so lanBereich Fort- und Weiterbildung, welche viele ge er in der Lage ist, den Beruf auszuüben, Bildungsträger, die Arbeitslose fortbilden und steigert infolgedessen auch seine Rente oder auf neue Tätigkeiten im Berufsleben vorberei- Pension. ten sollen, in den Ruin getrieben und eher die Bei einem Besuch in den USA lernt man, unseriösen Anbieter gefördert haben. dass Arbeitgeber nicht nach dem Alter fraIm Zusammenhang dieser Schrift soll ein Ziel gen dürfen, weil das gesetzlich als Diskrimider Weiterbildung besonders angesprochen nierung angesehen wird. Darüber wundert werden, nämlich das Ziel, ältere Naturwissen- sich der deutsche Besucher und kann es zuschaftler und Ingenieure im Arbeitsleben zu nächst gar nicht glauben. Dort dürfen gerade halten, in ihrem Interesse und im Interesse Wissenschaftler(innen) ohne weiteres länger Deutschlands. ihren Beruf ausüben. Wir verlieren jedes Jahr 53 in Deutschland führende Wissenschaftler(und zugleich ihre besten Assistenten) an Hochschulen in den USA, weil sie bei uns nach Erreichen Mittelstand der Altersgrenze zwangsweise emeritiert wer- Dabei spielt der innovative Mittelstand als den, gleichgültig, ob sie noch wissenschaftlich wichtigster Arbeitgeber eine gelegentlich unleistungsfähig sind oder nicht. Nun ist der Wis- terschätzte Rolle, allen Lippenbekenntnissen senschaftlerberuf per se ein Beruf mit ständi- zum Trotz. Ein Blick über den Gartenzaun ger Weiterbildung und zugleich eine Leiden- mag hilfreich sein. In Großbritannien könschaft, die man nicht einfach aufgibt. In jedem nen kleine und mittlere Unternehmen(KMU) Max-Planck-Institut gibt es pensionierte Wis- mit weniger als 250 Mitarbeitern, deren FuEsenschaftler, die ohne Bezüge des Instituts und Ausgaben pro Jahr mindestens 25.000 Pfund gestützt auf ihre Rente sich noch einen kleinen betragen, diese Ausgaben seit April 2000 zu Arbeitsplatz erhalten haben, weil sie nach wie 150% steuerlich geltend machen, in bestimmvor fruchtbare, wenn auch unbezahlte Arbeit ten Bereichen der Gesundheitsforschung soleisten. Wir sollten endlich wahrnehmen, dass gar zu 200%. Unterhalb der Gewinnzone Menschen heute älter werden und sehr viel wirtschaftende Unternehmen erhalten 24% länger leistungsfähig bleiben als früher. ihrer FuE-Ausgaben als Zuschuss. Davon proFazit: Wir brauchen die gut ausgebildeten fitieren jährlich schätzungsweise 4.500 Unund sich ständig weiterbildenden Fachleute ternehmen. 43 im Berufsleben und sollten endlich die Pensi- Das Problem bei der Einführung einer solonierungsgrenzen flexibel gestalten. chen indirekten Förderung sind natürlich die dabei auftretenden Mitnahmeeffekte, die insIII.3 Die Aktivierung der Unternehmen durch Forschung besondere bei der steuerlichen Lösung ganz erheblich sein können. Dem könnte dadurch begegnet werden, dass nur der jährliche Zu­ wachs der FuE-Aufwendungen gefördert wird, realisiert etwa durch eine entsprechende Bescheinigung des Wirtschaftsprüfers. Der Missbrauch dürfte sich in Grenzen halten. Ein großer Vorteil einer solchen Lösung bestünde darin, dass die Förderung für Mehr als 90% der Aufwendungen für Ent- das Unternehmen berechenbar wäre und mit wicklung werden von Unternehmen erbracht, einem Minimum an bürokratischem Aufund mehr als 90% der Aufwendungen für For- wand realisiert werden könnte. Im Ergebnis schung werden durch die öffentliche Hand dürfte sich letztlich auch für das Steuerauffinanziert. Erst die Nutzung der Forschungs- kommen nach relativ kurzer Zeit eine posiund Entwicklungsergebnisse für Innovationen tive Bilanz ergeben. schafft wirtschaftlichen Mehrwert. Deshalb ist Ein Nebeneffekt dieser Förderung könnte eine Antwort auf die Frage, wie deutsche For- übrigens darin bestehen, dass sich KMU die schung für Innovationen in Unternehmen, die Mühe machen, ihre FuE-Aufwendungen sauin Deutschland tätig sind, genutzt werden kann, ber abzugrenzen. Man kann wohl davon ausvon zentraler Bedeutung. Gleiches gilt für die gehen, dass sich daraus in der Statistik ein reAntwort auf die Frage nach der Entwicklungs- alistischerer Wert für die FuE-Ausgaben von dynamik von Unternehmen in Deutschland. KMU ergeben würde. 43 Vgl. Britische Botschaft Berlin: Das System der Forschungsförderung in Großbritannien, http://www.britischebotschaft.de/de/ embassy/r&t/wissenschaftssystem_GB.pdf(09.01.07). 54 Ein weiterer unbürokratischer Weg zur Ak- re befristet und gerade deshalb außerordenttivierung von FuE in mittelständischen Un- lich wirkungsvoll. Solche Programme hat es ternehmen ist die Forschungsprämie des seither in vergleichbarer Größenordnung in BMBF. Dieses Instrument soll öffentlichen Deutschland nicht mehr gegeben. Vielleicht Forschungseinrichtungen den Anreiz bieten, bietet die Nanotechnologie einen ähnlichen „zusätzliche Potenziale für eine breite Zu- Anlass, mit Breitenwirkung ihre Nutzung sammenarbeit mit der Wirtschaft zu mobili- schneller voranzutreiben. Das macht allersieren“. 44 Die Prämie in Höhe von 25% des dings nur Sinn bei einer zeitlichen BegrenAuftragsvolumens wird gewährt, wenn die zung, einer unbürokratischen Ausgestaltung betreffende Einrichtung einen FuE-Auftrag und einer ausreichenden Dotierung, die für ein Unternehmen mit bis zu 1.000 Be- schwer vorab zu schätzen ist. Sicher ist, dass schäftigten durchgeführt hat. Die Prämien- sich das damalige Programm sehr schnell in untergrenze liegt bei 2.500 Euro, die Ober- einer positiven Bilanz des steuerlichen Aufgrenze bei 100.000 Euro pro Auftrag. wands zum Ertrag beim Steueraufkommen Das„Programm zur Förderung der indus- niedergeschlagen hat. triellen Gemeinschaftsforschung“ soll die strukturbedingten Nachteile von KMU in der Forschung und Entwicklung ausgleichen. In diesem Rahmen können sich UnternehVerbundprojekte men mit ähnlich gelagerten Forschungsin- Eine ganz wesentliche Rolle bei der Aktivierung teressen zusammenschließen. Die staatliche der Unternehmen durch Forschung spielen seit Förderung der Gemeinschaftsforschung ist Jahren die vom BMBF geförderten Verbundprogrundsätzlich sinnvoll, weil sie auf der Ei- jekte. Man kann nach Meinung von Fachleugeninitiative der Unternehmen aufbaut. Da- ten durchaus behaupten, dass die starke deutfür werden rund 100 Mio. Euro pro Jahr im sche Position in der Mikroelektronik ohne das Etat des Bundeswirtschaftsministeriums be- MEGA-Projekt, JESSI und das 300mm-Projekt reitgestellt. Die Frage ist allerdings, ob dieser nicht erreicht worden wäre. Die europäische grundsätzlich richtige Ansatz nicht dadurch Mikroelektronikhauptstadt Dresden hat davon noch wirksamer gestaltet werden kann, dass profitiert. An diesen Projekten war entgegen eidie beteiligten Unternehmen selbst mit 25% ner landläufigen Meinung nicht nur ein großes zum Projektvolumen der Institute beitragen, deutsches Unternehmen, sondern eine Vielum auf diese Weise ein echtes Interesse an zahl von Unternehmen und Forschungseinder Forschung in Gemeinschaftsforschungs- richtungen beteiligt. Auch die starke deutsche instituten sicher zu stellen. Stellung im Bereich der Verbindungshalbleiter Vielleicht könnte man auch aus der ferneren wäre ohne entsprechende Projekte nicht erVergangenheit lernen und insbesondere das reichbar gewesen. Beispiel des Programms„Anwendung der Mi- Es gibt eine Vielzahl von Beispielen für erfolgkroelektronik“ genauer analysieren. Dieses reiche Verbundprojekte des BMBF, allerdings Programm sollte Anfang der 1980er Jahre auch eine Reihe von gescheiterten Förderprodazu beitragen, den Umstieg deutscher mittel- jekten. Das Scheitern ist allerdings kein Arständischer Unternehmen von der Mechanik gument dagegen, sondern eher dafür. Ohne auf die Elektronik deutlich zu beschleunigen. Risiko kein Erfolg. Gelegentlich fehlte einfach Die Idee war, die Adaption neuer Technolo- ein längerer Atem, wie etwa bei dem Projekt gien zu forcieren. Es war zeitlich auf drei Jah- SUPRENUM, welches Deutschland vorüber44 Vgl. BMBF(2007): Die Forschungsprämie. Hightech-Strategie für Deutschland. Bonn und Berlin. http://www.bmbf.de/pub/die_ forschungspraemie_flyer.pdf(28.02.07). 55 gehend an die Spitze bei Höchstleistungs- noch keine optimalen Methoden entwickelt. rechnern katapultiert hatte, aber zu früh wie- Es genügt eben häufig nicht, etwa den jeweils der aufgegeben wurde. stärksten Partner mit dem ProjektmanageSeither sind neue Ansatzpunkte gesucht wor- ment zu beauftragen. Wünschenswert wäre den, die über einzelne Programme des BMBF – beispielsweise nach dem Vorbild der USoder anderer Ministerien hinausreichen, die amerikanischen Defense Advanced Research so genannten Leitprojekte. Die Idee dabei Projects Agency(DARPA), die anspruchsvolle war, dass gerade an den Schnittstellen der Verteidigungsprojekte finanziert –, dass eine Programme, etwa der Gesundheitsforschung, Person mit erstklassigen Fachkenntnissen der Materialforschung oder der Informati- verantwortlich für den Projekterfolg ist, und onstechnik sich neue Chancen abzeichnen, diese Person dann auch mit den entspredie programmübergreifend genutzt werden chenden Möglichkeiten der finanziellen und können. Entsprechende Leitprojekte sind de- inhaltlichen Steuerung ausgestattet wird. Exfiniert und umgesetzt worden. terne unabhängige Prozessevaluatoren, die Trotz aller unbestreitbaren Erfolge wird, vor- während der Laufzeit der Projekte diese kriwiegend von Wirtschaftswissenschaftlern und tisch verfolgen, sind ebenfalls ein wichtiges Politikern, seit 30 Jahren immer wieder neu die Instrument zur Effizienzsteigerung, welches Frage in den Raum gestellt, warum der Staat noch zu wenig genutzt wird. Das kritische eigentlich die direkte Projektförderung im Problem des jeweiligen geistigen Eigentums Rahmen von Programmen unterstützen sollte. muss für solche Projekte von vornherein Warum überlässt er das nicht einfach der In- gelöst werden, sonst kommen sie nicht zudustrie? Dahinter steht eine vorwiegend the- stande oder geraten im Verlauf in erhebliche oretisch geprägte Vorstellung darüber, welche Schwierigkeiten. Schwierigkeiten mit der Entwicklung von neuen Technologien und Produkten verbunden sind und welche enormen Anstrengungen das von allen Beteiligten in der Praxis erfordert. Unterschätzt wird zudem vielfach, welche Bedeutung die kritische Diskussion von ProRoadmaps und Standardisierung jekten durch sachverständige Gutachter und Ferner sollte auch in Deutschland das Inqualifizierte Projektträger sowie die Zusam- strument von Technology Roadmaps sehr menarbeit von Forschungseinrichtungen und viel ernster genommen werden als bisher. Unternehmen dabei hat. Verbundprojekte sind Während Großunternehmen eher über Insbei gutem Management höchst komplexes trumente verfügen, um den technologischen Teamwork, auf das nicht verzichtet werden Fortschritt zu antizipieren, ist das für Mitkann, wenn Neuland betreten wird. Den Kri- telständler erfahrungsgemäß schwierig. Enttikern ist nur zu wünschen, sich selbst einmal scheidend für den Erfolg solcher Roadmaps intensiv mit der Praxis auseinanderzusetzen, ist, dass man sich innerhalb eines Fachgewobei die Schwierigkeit darin besteht, dass sie biets über die jeweiligen Vorstellungen ausin der Regel die Probleme auf Grund ihrer Aus- tauscht, wie sich bestimmte Technologien in bildung gar nicht nachvollziehen können. den nächsten Jahren entwickeln werden, und Eine Schwachstelle ist allerdings die sorgfäl- gemeinsame Konzepte erarbeitet. Damit köntige Definition und vor allem das Manage- nen technologische Fortschritte gezielt und ment solcher Projekte. Ohne hier im Einzel- langfristig gesteuert sowie geeignete Stannen darauf einzugehen, ist vor allem beim dards entwickelt werden. Management ein Problem augenfällig. Wir Gerade das Thema Standardisierung entscheihaben für das Management solcher Projekte det häufig über die Wettbewerbsfähigkeit von 56 Unternehmen. Es gibt zahlreiche Beispiele dafür. Ein Grund für die relative Schwäche US-amerikanischer und japanischer Unternehmen im Bereich der Handyproduktion war die Tatsache, dass die USA und Japan sich aus der internationalen Standardisierung der Mobilfunktechnik GSM, die von Europa beherrscht wurde, ausgeklinkt hatten. Das hat sich inzwischen geändert, und vor allem die III.4 Die Erneuerung des Unternehmensbestandes asiatischen Länder mit ihren großen WachsDie neue Bundesregierung hat sich für tumsmärkten beherrschen inzwischen das eine neue Gründerzeit engagiert und dazu Feld der technologischen Standards. Sie sind Schritte eingeleitet, die ausgesprochen verdamit entscheidende Kooperationspartner dienstvoll sind, wie weiter unten beschriefür die europäischen Unternehmen geworben werden soll. Von der Reformkommission den, die sich in diesen Märkten positionieren Soziale Marktwirtschaft bis zum Deutschen wollen. Industrie- und Handelskammertag(DIHK) Wer international relevante Roadmaps defiwerden gründungsfreundliche Rahmenbenieren und entsprechende Standardisierungsdingungen gefordert. Aber das eigentliche bemühungen frühzeitig entwickeln will, muss Problem, nämlich wie junge Unternehmen zunächst eigene Anstrengungen unternehmen schnelles Wachstum realisieren können, wird und diese dann aber auch unternehmerisch leider noch zu häufig ausgeblendet, weil es aufgreifen. Ein besonders aufschlussreiches, ideologischen Festlegungen zu widersprezugleich froh und traurig stimmendes Beispiel chen scheint. sind die Standards, die international in der Mo- Deutschland braucht mehr forschungs- und ving Pictures Expert Group(MPEG) diskutiert entwicklungsintensive Unternehmen in neuwerden. Tatsächlich hatte hier ein Fraunhofer- en Wachstumsmärkten. Die Notwendigkeit Institut, nämlich das Institut für Integrierte ist unbestritten. Aber ziehen wir wirklich die Schaltungen in Erlangen(neuerdings auch notwendigen Schlussfolgerungen? präsent in Ilmenau), deutlich die Nase vorn. Klar ist, junge innovative Unternehmen, die Aber es gelang nicht, daraus in Deutschland sehr viel Geld für FuE aufwenden müssen unternehmerisches Kapital zu schlagen. Das – in den ersten acht Jahren ihres Bestehens hat mehrere Gründe, einer davon ist der Ver- im Schnitt oft mehr als 15% –, spielen eine lust der früher so starken deutschen Unterhal- Schlüsselrolle. Sind wir dabei, die Bedintungselektronikindustrie. Ein anderer Grund gungen für solche Unternehmen durchgreibesteht darin, dass wir uns in Deutschland fend zu verbessern? Die Antwort ist Nein. seit dem Zusammenbruch des Internethypes Interne Kapitalbildung und externes Wachsim Jahr 2000 außerordentlich schwer tun, jun- tumskapital sind aber für solche Unternehge Unternehmen zu Global Playern zu entwi- men lebenswichtig. Sie sollten deshalb einen ckeln, vor allem, weil es die jungen deutschen steuerlichen Sonderstatus erhalten, und dieser Hightech-Unternehmen schwer haben, über- Sonderstatus sollte Teil eines Hightech-Mashaupt international Fuß zu fassen. Darauf geht terplans sein, der sich konkret mit dem Ziel das folgende Kapitel ein. der Erneuerung des Unternehmensbestands in Deutschland befasst. Ein entsprechender Vorschlag der ehemaligen Bundesministerin für Bildung und Forschung, Bulmahn, ist leider am Widerstand des damaligen Finanzministers Eichel gescheitert. 57 In einem kürzlich vorgelegten, bisher unveröffentlichten Gutachten für das Bundesministerium für Finanzen(BMF) hat der Finanzexperte Kaserer im Zusammenhang mit einer Reform des UnternehmensbeteiligungsPrivate Equity und Venture Capital gesetzes dazu interessante Vorschläge unter- In Deutschland fürchten die Experten im BMF breitet. Darin verlangen die Sachverständi- immer noch wie der Teufel das Weihwasser gen unter anderem, Frühphasenfinanzierer, neue steuerliche Sonderregelungen für Undie sich vor allem bei jungen Unternehmen ternehmen, weil sie offenbar große Schwieengagieren, steuerlich zu begünstigen. Das rigkeiten haben, pragmatisch zu handeln. wäre ein Schritt in die richtige Richtung. Der Wir sind Systemfetischisten, auch im Bereich Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands der Steuern, obwohl gerade im Bereich der der Kapitalbeteiligungsgesellschaften, Pütter, jungen Unternehmen niedrigere Steuersätze hat ein„echtes Fördergesetz“ angeregt und zu höheren Steuereinnahmen führen, ganz dabei in der Frühphase auch Steuervorteile einfach deshalb, weil Unternehmen, die nicht für Aktienoptionen für sinnvoll gehalten. existieren, keine Steuern zahlen können. Frankreich hat sich beispielsweise mit dem Venture Capital-Finanziers, aber auch BusiPlan Innovation in diesem Bereich bereits po- ness Angels wollen möglichst viele junge Unsitioniert. Dahinter steht die Überzeugung, ternehmen in ihrem Portfolio in ein schnelles dass junge Hightech-Unternehmen anderen und profitables Wachstum hineinführen und Gesetzen gehorchen als bestehende Unter- nehmen dabei in Kauf, dass viele dieser Unnehmen. Sie wachsen entweder sehr schnell ternehmen scheitern. Sie wollen vor allem bei in internationale Größenordnungen hinein jenen Unternehmen, die in diesem Wettlauf und können auch die dafür notwendigen fi- bestehen und sich international positionieren nanziellen Mittel mobilisieren, oder sie blei- können, das Geld zurückverdienen, welches ben auf kleiner Flamme stehen oder ver- sie bei den gescheiterten Engagements verlieschwinden sogar wieder vom Markt. Deshalb ren. Sie gehen also ein hohes Risiko ein, welhat Frankreich(und besonders erfolgreich ches sich nur dadurch rechtfertigt, dass neue, auch Israel) für diese Art von Unternehmen möglichst globale Player dabei entstehen. Sie und ihre Finanziers einen Sonderstatus defi- könnten deshalb entscheidend dazu beitraniert, der sowohl im Bereich ihrer steuerlichen gen, dass Deutschland seinen UnternehmensRahmenbedingungen als auch bei den Abga- bestand erneuert. Wer im Venture Capital-Geben mithelfen soll, ihre Eigenkapitalbildung schäft erfolgreich sein will, muss etwas von zu fördern. In Frankreich wurde im Jahr 2004 Technologien und technologischen Märkten beschlossen, dass junge Technologiefirmen verstehen. Es ist deshalb nicht verwunderlich, einen Sonderstatus genießen, wenn sie nach dass erfolgreiche Venture Capital-Manager in Umsatz und Beschäftigung als kleine und der Regel einen natur- oder ingenieurwissenmittlere Unternehmen gelten, nicht älter als schaftlichen Background haben. acht Jahre sind, im gleitenden Durchschnitt Den Unterschied von Venture Capital und mindestens 15% ihrer Ausgaben für FuE auf- Private Equity will das Finanzministerium wenden, unabhängig von bestehenden Un- bei seinen Reformplänen bisher nicht wahrternehmen sind und ein neues Geschäftsfeld nehmen. Das ist ein grundsätzlicher Fehler, bearbeiten. den unser Finanzminister korrigieren sollte. Hoffentlich gelingt es ihm, auch gegen den Widerstand seines Apparats, dem das lebenswichtige Thema der Erneuerung unseres Unternehmensbestands wohl eher fremd ist. 58 Was Deutschland braucht, ist ein eigener nessplans gefördert, ohne zunächst ihre wisPlan Innovation, ein Masterplan, der die fran- senschaftliche Heimat verlassen zu müssen. zösischen Erfahrungen nicht kopiert, sondern Deshalb ist auch der dazu komplementäre kapiert, ein Lieblingsspruch des früheren Hightech-Gründerfonds des BundeswirtForschungsministers Riesenhuber. Er wollte schaftsministeriums so wichtig, welcher Seed schon 1983 etwas in Gang setzen, was er den Capital für junge Hightech-Gründungen be„Kleinen Marshallplan“ nannte, nämlich eine reitstellt. spezifische Förderung junger, schnell wach- Aber danach sieht es leider immer noch übersender Unternehmen in Deutschland. Er ist wiegend düster aus, auch wenn sich seit einidamals vor allem am Widerstand des Wirt- gen Monaten Lichtblicke abzeichnen. Business schaftsministers gescheitert, der stattdessen Angels und Venture Capital-Unternehmen, aber ein hochbürokratisches Unternehmensbetei- auch Rahmenbedingungen für Gründer(innen), ligungsgesetz formulieren ließ. welche die Eigenkapitalbildung fördern, sind Viele der damaligen Ideen sind auch heute gleichwohl im erforderlichen Umfang immer noch relevant. Was wir tatsächlich brauchen, noch nicht in Sicht. Die Sicht wird, wie gesagt, ist die Erkenntnis, dass junge, schnell wach- verstellt von einer falschen Fixierung des Bunsende Unternehmen sich fundamental von desfinanzministeriums, welche besondere Bebestehenden Unternehmen unterscheiden. dingungen für die Förderung des Wachstums Das Google-Beispiel mag darauf Hinweise ge- junger Unternehmen grundsätzlich ablehnt. ben. Es zeigt, welche wichtige Rolle Business Wir können die USA nicht einfach kopieren. Angels spielen, um eine Anfangsfinanzierung Dafür sind die Bedingungen in Deutschland aussichtsreicher Gründungen zu ermöglichen. zu anders. Es fehlt schlicht die Vielzahl erfolgEs zeigt, dass ohne Venture Capital das schnel- reicher Gründer, die zu Millionären oder gar zu le Wachstum junger Unternehmen in interna- Milliardären geworden sind, sieht man einmal tionale Größenordnungen nicht möglich ist von den beachtlichen Anstrengungen der SAPund dass auch die Börse für die Refinanzie- Gründer und einer Reihe Anderer in Deutschrung von Venture Capital und die Wachstums- land in diesem Bereich ab. Der Staat muss finanzierung der jungen Unternehmen von zumindest teilweise an ihre Stelle treten. Das entscheidender Bedeutung sein kann. hatten die USA übrigens bereits in den 1960er Jahren erkannt und deshalb das Small BusiEXIST und HightechGründerfonds ness Investment Companies(SBIC)-Programm erfunden, welches wesentlich zur Entstehung eines Venture Capital-Segments in den USA beigetragen hat. Wir sollten endlich von Frankreich, Israel, Vor allem aber zeigt das Beispiel, wie wichtig Großbritannien, aber vor allem von den USA eine erstklassige Forschung und eine Förde- lernen und die Voraussetzungen für junge rung von Hochbegabten an Eliteuniversitäten Hightech-Unternehmen deutlich verbessern. und öffentlichen Forschungseinrichtungen für die Erneuerung des Unternehmensbestands in Deutschland sind. Deshalb ist das EXIST-Programm, welches im Masterplan BMBF erfunden wurde und vom Bundeswirt- Was heißt das nun konkret? Es muss für außer­ schaftsministerium erfolgreich weitergeführt universitäre Forschungseinrichtungen intereswird, von großer Bedeutung. In diesem Pro- sant sein, Ausgründungen aus der Forschung gramm werden junge Wissenschaftler(innen) zu fördern, denn sie sind oft eine Art Mutterbis zur Entwicklung eines tragfähigen Busi- schiff für junge Unternehmen. Derzeit ist es 59 aber beispielsweise für Institutsleiter der Fraun- gaben, nicht zuletzt in der Frage der Nutzung hofer-Gesellschaft eher uninteressant, Ausgrün­ von Verlusten bei der Verrechnung mit späteren dungen voranzubringen, weil sie dadurch Gewinnen, und dazu gehört drittens eine systeaus­ge­rechnet jene Wissenschaftler(innen), die matische Motivation von Gründer(innen), sich Drittmittel einfahren, verlieren und damit die dem Wagnis einer Gründung professionell zu Finanzierung ihrer Institute verschlechtern stellen, so wie es in herausragender Weise von könnten. Es gibt zu wenig Anreize für Wissen­ der Universität Stanford vorgemacht wird. schaftsmanager­(innen), solche Initiativen zu unterstützen. Wer sich auf das dünne Eis eines eigenen Unternehmens begibt, erhält noch viel zu wenig Unterstützung. Es muss für junge Unternehmen steuerliche Vorteile zur Kapitalbildung geben, damit sie so lange wie möglich Herr im eigenen Haus bleiben können; dazu gibt es eine Vielzahl von Vorschlägen. Sie sind ferner darauf angewiesen, erstklassige Manager(innen) anheuern zu können, die wissen, wie ein schnell wachsendes Unternehmen in internationale GrößenordIII.5 Die Rolle des aktivierenden Staates im globalen Wettbewerb nungen geführt werden kann. Das heißt kon- Der Staat hat in mehreren Dimensionen eine kret, dass Aktienoptionen in jungen Unterneh- wichtige Rolle bei der Stärkung Deutschlands men begünstigt werden sollten. Damit könnten im internationalen Wettbewerb. Sie reicht erfahrene Manager an diesen Unternehmen in- vom effektiven weltweiten Schutz des geistiteressiert werden, ein Verfahren, welches zum gen Eigentums über die Setzung von innovaBeispiel für Google bei der Anheuerung von tiven Rahmenbedingungen bis zur Förderung Eric Schmidt von essentieller Bedeutung war, einer innovationsfreundlichen Stimmung in als sie in internationale Größenordnungen hin- Deutschland. Es genügt nicht, in Regierungseinwuchsen. erklärungen und öffentlichen Reden InnovatiEs muss auch für Business Angels und Venture onen zu fordern, sondern man muss auch entCapital-Firmen spezielle Anreize geben, damit sprechende konkrete Maßnahmen ergreifen. sie in risikoreiche Neugründungen verstärkt investieren. Es kann nicht sein, dass mit dem Argument, man dürfe keine neuen steuerlichen Sonderbedingungen schaffen, solche Chancen Patente zunichte gemacht werden. Schon deshalb sind Dabei spielen der effektive Schutz und die Verdie Vorschläge in dem oben zitierten Kaserer- wertung des geistigen Eigentums, nicht zuletzt Gutachten von entscheidender Bedeutung. für den innovativen Mittelstand und für junge Die Erneuerung der deutschen Wirtschaft ist Unternehmen, eine ganz wichtige Rolle. Dazu eine vordringliche Aufgabe. Sie kann nicht nur müssen zunächst einmal die Kapazitäten und von den bestehenden Unternehmen geleistet Verfahrensweisen der Patentämter deutlich werden. Junge Wachstumsunternehmen müs- ausgebaut werden. Es ist im Grunde ein Unsen ebenfalls durch Erneuerung des Unterneh- ding, dass sich die Patentierung in zahlreichen mensbestands dazu beitragen. Dafür ist erstens Sprachen vollzieht und damit einen Aufwand eine klare Unterscheidung von Private Equity verursacht, den gerade finanziell Schwächere und Venture Capital notwendig. Dazu gehört nur schwer leisten können. Die Sprache zum zweitens ein besonderer Status junger Techno- Schutz geistigen Eigentums sollte grundsätzlogieunternehmen im Bereich Steuern und Ab- lich Englisch sein, eine Forderung, die nicht 60 leicht durchzusetzen, aber deren Erfüllung längst überfällig ist. Gerade weil die Wissenschaft darauf angewiesen ist, frühzeitig Ergebnisse zu publizieren, müsste auch das europäische Patentrecht mit Rahmenbedingungen Rücksicht darauf gestaltet werden. Wer publi- Die frühere Bundesregierung hat sich große ziert und erst danach seine Rechte zu sichern Verdienste erworben, als es um den Aufbau sucht, sollte in einem begrenzten Zeitraum da- von Industrien ging, die ohne vorausschaufür nicht mit dem Wegfall der Möglichkeit einer ende Rahmenbedingungen keine EntwickPatentierung bestraft werden, wie es in Europa lungschancen gehabt hätten. Das Beispiel im Unterschied zu den USA derzeit der Fall ist. betrifft die erneuerbaren Energien, wie etwa Schließlich sollte im Rahmen von Verbund- die Fotovoltaik, wo Deutschland inzwischen projekten die öffentlich finanzierte Forschung weltweit führend ist(siehe Grafik 20). von den beteiligten Großunternehmen nicht Erst mit der Einspeisungsvergütung in die über den Tisch gezogen werden können. Bei Stromnetze hatte die Fotovoltaik überhaupt allem Verständnis dafür, dass häufig der Ur- eine Chance, sich zu entwickeln. Inzwischen sprung von Verwertungsrechten nicht einfach ist es gelungen, auf diesem Gebiet eine fühzu bestimmen ist, sollte hier in den Förderre- rende Rolle zu entwickeln, übrigens hauptgularien der öffentlichen Hand der Wissen- sächlich getragen von jungen mittelstänschaft eine Chance gegeben werden. dischen Unternehmen, die vor allem in den ostdeutschen Ländern ansässig sind. Es wächst die Überzeugung, dass regenerative Energien in einigen Jahrzehnten eine bestimGrafik 20: Anteile ausgewählter Staaten an der gesamten installierten Fotovoltaik-Leistung in IEA-PVPS-Mitgliedstaaten, in Prozent(1992–2005) 100 90 20 18 16 14 12 10 30 27 24 80 38 39 38 36 33 70 13 16 20 21 24 30 39 13 14 60 5 7 8 9 11 19 17 16 15 50 23 14 28 25 13 40 40 37 35 34 31 30 20 40 45 46 38 48 47 43 29 34 10 17 18 19 22 24 0 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 Andere Deutschland USA Japan 1.500 Quelle: International Energy Agency(2007): Trends in photovoltaic applications. Survey report of selected IEA countries between 1992 and 2005. Rep 1 o . r 0 t 0 I 0 EA-PVPS T1-15:2006. http://www.iea-pvps.org/products/download/rep1_15.pdf(27.03.07). Table 2, Cumulative installed PV power in IEA PVPS countries: historical perspectives, S. 5. Anmerkung: Siehe die angegebene Quelle für weitere Erläuterungen. Eigene Auswahl und Darstellung der Daten. 500 61 mende Rolle spielen werden, nicht nur we- Er muss vor allem das leisten, was der Markt gen der Endlichkeit der fossilen Energien und nicht kann, nämlich langfristige Entwicklunder nuklearen Ressourcen auf unserem Pla- gen durch geeignete steuerliche und reguneten. Sondern vor allem wegen der Gefähr- lierende Maßnahmen in ihren strukturellen dung durch einen immer weiter wachsenden Verwerfungen abfangen. Die Globalisierung Ausstoß von Treibhausgasen und wegen der der Marktwirtschaft muss durch eine RealiProliferation militärisch nutzbaren nuklearen sierung öffentlicher Verantwortung ausbalanKnow-hows. Das Beispiel ist typisch für die ciert werden. wichtige Rolle eines aktivierenden Staates, der Märkte der Zukunft antizipiert und entsprechende Bedingungen für Innovationen schafft, die zwar heute noch nicht wettbewerbsfähig sind, aber in Zukunft zu einem bestimmenden Faktor der internationalen Wettbewerbsfähigkeit werden. Dafür gibt es viele Beispiele, die hier nicht aufgezählt werIII.6 Die Chancen für Deutschland den können. Noch hält Deutschland unter den großen Ein Beispiel allerdings, in dem der deutsche Industrieländern einen Spitzenplatz. Als Teil Hang zum Grundsätzlichen höchst proble- von Europa und als Ausrüster der Weltwirtmatisch wirkt, ist die Biotechnologie. Obwohl schaft hat die deutsche Wirtschaft eine herhier, nicht zuletzt durch sehr gut gemanagte vorragende Ausgangsposition. Ein im ErgebProgramme des Forschungsministeriums und nis bildungsfeindlicher Föderalismus und eine schnell sich entwickelnde Forschungsba- eine unzureichende Innovationsorientierung sis, eine ganze Branche sich international neu sind jedoch Alarmsignale, die heute wahrgepositioniert hat, gestützt auf junge Unterneh- nommen werden müssen, damit die Folgen men, sind etwa im Bereich der Stammzellen- der tief greifenden Umstrukturierung der forschung Hindernisse aufgebaut worden, die Weltwirtschaft abgewettert werden können. langfristig außerordentlich schädlich sein wer- Die große Koalition hat mit einer falsch strukden. Als die Diskussion um embryonale Stamm- turierten Aufgabenteilung in den Ministerien zellen einen Höhepunkt erreichte, wurde ein die strategischen Möglichkeiten der BundesGesetz verabschiedet, welches die Forschung regierung geschwächt. Es fehlt ein Ministeriin Deutschland seither erheblich einschränkt. um für Bildung, Forschung und Innovation. Am Ende entscheidet immer der Markt. Das ist Noch hält Deutschland unter den großen richtig. Aber wenn die Entstehung neuer Märk- Industrieländern einen Spitzenplatz. Als Teil te massiv behindert wird, statt sie zu fördern, von Europa und als Ausrüster der Weltwirtdann sind wir auf dem Holzweg. schaft hat die deutsche Wirtschaft eine herDer Staat als wichtigster Finanzier von For- vorragende Ausgangsposition. Ein im Ergebschung muss für Exzellenz in der Wissen- nis bildungsfeindlicher Föderalismus und schaft durch Wettbewerb sorgen, für ein Wis- eine unzureichende Innovationsorientierung senschaftsmanagement, welches vorhandene sind jedoch Alarmsignale, die heute wahrgeRessourcen optimal nutzen kann, für Rahnommen werden müssen, damit die Folgen menbedingungen, welche die Erneuerung der tief greifenden Umstrukturierung der der Unternehmen und des UnternehmensWeltwirtschaft abgewettert werden können. bestands fördern und für gleichwertige WettDie große Koalition hat mit einer falsch strukbewerbsbedingungen von Unternehmen, turierten Aufgabenteilung in den Ministerien welche in Deutschland und darüber hinaus die strategischen Möglichkeiten der Bundesinternational tätig sind. regierung geschwächt. Es fehlt ein Ministeri- 62 um für Bildung, Forschung und Innovation Fehlentwicklungen sind korrigierbar, wenn mit umfassenden Zuständigkeiten innerhalb aus der Erkenntnis der Notwendigkeit der der Bundesregierung, welches der Zersplitte- politische Wille wächst. Dieser Wille ist nicht rung ein Ende setzt, sowie ein Innovationska- allein Sache des Staates, sondern muss sich binettsausschuss unter Führung dieses Minis- auf eine gemeinsame patriotische Überzeuteriums, der in der Lage ist, die strategischen gung stützen können, dass wir Deutschland Aufgaben zu erfassen und die sich daraus er- voranbringen, es tatsächlich zur„forschungsgebenden Folgerungen auch umzusetzen. freudigsten Nation der Welt“ machen wolDie Neujustierung der öffentlichen Haus- len und jeder in Deutschland nach seinen halte erfordert ein enges Zusammenwirken Möglichkeiten dazu beiträgt: Wirtschaft und von Bund und Ländern. Nur dann wird es Gewerkschaften, Bund und Länder, Bildung möglich sein, die Prioritäten der öffentlichen und Wissenschaft. Deutschland steht vor eiHaushalte schrittweise zu korrigieren und im ner großen Herausforderung, und noch ist es Bereich Bildung und Forschung die zur Zu- nicht zu spät, sie zu meistern. Fabeln enthalkunftssicherung notwendigen Schritte einzu- ten bekanntlich Lebensregeln für konkrete leiten. Natürlich ist es einfacher, Prioritäten Situationen und regen gleichzeitig zur Auszu fordern, als Posterioritäten durchzusetzen. einandersetzung mit den bestehenden VerDie Große Koalition ist eine Chance, diesen hältnissen an. Vor allem in diesem Sinne sollschwierigen Prozess voranzubringen. Die te„Das fabelhafte 3%-Ziel“ verstanden und Chance sollte genutzt werden. weiter entwickelt werden. 63 64 Abbildungsverzeichnis Grafik 1(Seite 17): Anteil der Exporte am Bruttoinlandsprodukt in europäischen Ländern, USA und Japan, in Prozent(2005) Grafik 2(Seite 18): Deutsche Importe nach Herkunftsländern und deutsche Exporte nach Zielländern, in Prozent(2005) Grafik 3(Seite 22): FuE-Ausgaben in europäischen Ländern in Prozent des Bruttoinlandsprodukts(2004) und die in nationalen Reformprogrammen genannten Zielwerte Grafik 4(Seite 23): Finanzierung der Bruttoinlandsausgaben für FuE in europäischen Ländern, USA und Japan nach Sektoren, in Prozent(2004) Grafik 5(Seite 24): Anteil kleiner und mittlerer Unternehmen an den FuE-Ausgaben der Wirtschaft in europäischen Ländern, in Prozent(2003) Grafik 6(Seite 26): Staatliche FuE-Mittel in europäischen Ländern, USA und Japan, nach Verwendungszweck, in Prozent(2003) Grafik 7(Seite 27): Hochschulabsolventen in ausgewählten OECD-Staaten, nach Fächergruppen, in Prozent(2004) Grafik 8(Seite 30): Staatliche Mittelzuweisung für zivile FuE in ausgewählten OECD-Staaten, in Prozent des Bruttoinlandsprodukts(2005) Grafik 9(Seite 31): FuE-Ausgaben des Bundes und der Länder pro Einwohner in den deutschen Bundesländern(2003/ 2004) Grafik 10(Seite 32): FuE-Ausgaben des Wirtschaftssektors in Deutschland, nach Wirtschafts­ zweigen, in Prozent(2001 – 2007) Grafik 11(Seite 33): FuE-Personal in Deutschland nach Sektoren und Personalgruppen, in Vollzeitäquivalenten, in Anzahl und Prozent(2004) Grafik 12(Seite 33): Forscherinnen und Forscher in Deutschland nach Sektoren, in Vollzeitäquivalenten, in Anzahl und Prozent(2003) Grafik 13(Seite 34): Öffentliche und private Bildungsausgaben in ausgewählten OECDStaaten, in Prozent des Bruttoinlandsprodukts(2003) 65 Grafik 14(Seite 35): Studienanfängerquote in ausgewählten OECD-Staaten, in Prozent (2004) Grafik 15(Seite 35): Anteil der natur- und technikwissenschaftlichen Hochschulabsolventen in der Gruppe der 25- bis 34-jährigen Erwerbstätigen in ausgewählten OECD-Staaten, nach Geschlecht(2004) Grafik 16(Seite 36): Anteil der bestandenen Prüfungen in Ingenieurwissenschaften an allen bestandenen Hochschulprüfungen in Deutschland, in Prozent (1994 – 2005) Grafik 17(Seite 37): Bruttoinlandsprodukt und Studierende pro Einwohner in den deutschen Bundesländern(2005) Grafik 18(Seite 40): Hypothetische Finanzierungsbeiträge von Wirtschaft, Ausland, Bund und Ländern zum 3% - Ziel für Forschung und Entwicklung, in Mrd. Euro(2006 und 2010) Grafik 19(Seite 47): Bund-Länder-Finanzierung der Forschungsförderung in den deutschen Wissenschaftseinrichtungen, in Mio. Euro(2005) Grafik 20(Seite 60): Anteile ausgewählter Staaten an der gesamten installierten FotovoltaikLeistung in IEA-PVPS-Mitgliedstaaten, in Prozent(1992 – 2 005) 66