Integration beginnt im Vorschulalter – von Schweden und Dänemark für zukünftige Konzepte lernen Impressum ISBN 978-3-89892-940-0 Herausgeberin: Friedrich-Ebert-Stiftung Forum Politik und Gesellschaft Hiroshimastraße 17 10785 Berlin Text: Anja Janus, ajot Texte Redaktion: Anne Seyfferth, Urban Überschär, Friedrich-Ebert-Stiftung Redaktionelle Betreuung: Inge Voß, Friedrich-Ebert-Stiftung Fotos: Veranstaltung: Angela Kröll; Evzena Aubrechtova, Arvind Balaraman, ChantalS, Pathathai Chungyam, Lucky Dragon, FotoliaI, Wojciech Gajda, Sergey Galushko, Ew Chee Guan, Hallgerd, Ingrid, libond, Pavel Losevsky, Vladimir Mucibabic, Natie, NiDerLander, Thomas Perkins, philpictore, PhotoCreate, pressmaster, Jeffrey Sanda, Rohit Seth, Ljupco Smokovsk, Somwaya, Arkadiusz Stos, Andrey Stratilatov, Karen Struthers, Marzanna Syncerz – Fotolia.com Gestaltung: Meintrup, Grafik Design Druck: primeline.print, Berlin Diese Publikation wird gefördert durch Mittel der DKLB-Stiftung Copyright 2008 by Friedrich-Ebert-Stiftung, Forum Politik und Gesellschaft Anke Fuchs Vorsitzende der Friedrich-Ebert-Stiftung Das Thema„Integration im Vorschulalter“ liegt an der Schnittstelle von Integrations-, Bildungs- und Familienpolitik. Diese Politikfelder stehen im Fokus der aktuellen politischen Debatte. Versäumnisse der Vergangenheit haben dazu geführt, dass wir heute eklatante Probleme für Kinder und Jugendliche aus Zuwandererfamilien in der Schul- und Ausbildung zu beklagen haben: Sie sind unterdurchschnittlich bei den Abiturient/innen und überdurchschnittlich bei den Hauptschüler/innen und Schulabbrecher/innen sowie jugendlichen Arbeitslosen vertreten. Ideologische Blockaden überwinden Bildung ist ein wichtiger Schlüssel zur Integration und beginnt bereits vor dem Schulbeginn. Da Kinder aus sozial schwachen Zuwandererfamilien doppelt benachteiligt sind, müssen gerade sie von klein an gefördert werden, um den Teufelskreis von vererbter Armut und schlechten Bildungschancen zu durchbrechen. Dass dies in Deutschland bislang vergleichsweise vernachlässigt wurde, liegt vor allem an zwei ideologischen Blockaden in unserer Gesellschaft: Zum einen haben wir zu lange negiert, dass wir ein Einwanderungsland sind und uns damit nicht ausreichend um die Integration von zugewanderten Familien gekümmert. Zum anderen ist unsere Familienpolitik über Jahrzehnte von einem konservativen Familienbild geprägt worden. Nur sehr langsam und noch immer nicht konsequent sind wir dabei, uns davon zu verabschieden, dass Erziehung allein Sache der Eltern ist und der Staat sich herauszuhalten habe. Wir brauchen aber eine Familienpolitik, die gerade für sozial schwache Familien Anreize schafft, Kinder außerhäuslich betreuen zu lassen. Wir können und dürfen aus sozialen, integrationspolitischen und ökonomischen Gründen keine Kinder zurücklassen! Sozial schwache und bildungsferne Familien brauchen Unterstützung. Auf einer Konferenz des Forums Politik und Gesellschaft im April 2008 haben wir nach Vorbildern aus Dänemark und Schweden gesucht. Dort haben Kinder aus Zuwandererfamilien mehr Chancengleichheit im Bildungswesen. Das vorliegende Paper fasst die Ergebnisse unserer Konferenz zusammen. 1 PD Dr. Haci-Halil Uslucan Entwicklungspsychologe, Otto-von-Guericke Universität Magdeburg und Universität Wien Mut zum Differenzieren – alle Kinder sind unterschiedlich Integration muss bereits im Vorschulalter oder genauer: ab der Geburt beginnen. In dieser entscheidenden Entwicklungsphase gibt es eine Reihe von Hindernissen auf dem Weg zu einer erfolgreichen Integration. Zunächst gilt für alle Kinder: Aus entwicklungspsychologischer Sicht werden im Vorschulalter entscheidende Weichen bei der Entwicklung eines Kindes gestellt. Die größten Fortschritte geschehen dabei in der Phase von null bis zwei Jahren. Die angeborenen Reflexe werden verfeinert und das Bewusstsein ausgebildet, dass Menschen und Dinge auch da sind, wenn das Kind sie nicht mehr sieht – die Mutter ist also noch da, auch wenn ich sie nicht sehe. Das ist eine wichtige Voraussetzung, um in Interaktion mit der Umwelt zu treten und fundamentale kognitive Strukturen aufzubauen. In den Jahren von zwei bis sieben steht das ‚Ich’ im Mittelpunkt und das Kind nimmt die Welt überwiegend nur aus seiner Perspektive wahr. Diese egozentrische Perspektive wird mit wachsendem Alter aufgelöst und das Kind begreift sich später als Teil eines sozialen Netzwerks. Im Vorschulalter beginnt auch die Entwicklung kognitiver Fähigkeiten. Kinder erkunden selbst die Welt. Kinderbetreuungseinrichtungen haben daher als wichtigste Aufgabe, die Kinder selbstständig Bildung generieren zu lassen, durch Entdecken und Erforschen. Wie sich gerade kleine Kinder die Welt sehr subjektiv aneignen sieht man, wenn sie beispielsweise die Rutsche hochgehen und die Treppe wieder runter. Kulturelle Nutzungsvorgaben werden also durchkreuzt und Dinge einmal anders ausprobiert; damit wird Umwelt subjektiv angeeignet, sie wird zu„meiner Umwelt“. Und Integration – ist das nicht auch ein Durchkreuzen kultureller Vorgaben? 2 Integrationsrisiken: Armut, S­prache und viele Geschwister Es gibt bereits erhebliche Integrationsrisiken für kleine Kinder mit Migrationshintergrund. Die ökonomische Ausstattung der Migrantenfamilien ist das erste, in welches die Kinder quasi hineingeboren werden. Arme Migrantenkinder haben ein doppelt so großes Risiko, nicht integriert zu werden, wie Kinder aus Familien mit Durchschnittseinkommen. Armut hat direkte Auswirkungen auf die Integrationsprozesse. Die ökonomische Situation von Migrantenfamilien unterscheidet sich deutlich von der deutscher. Nach Zahlen des Deutschen Jugendinstituts(DJI) – Kinderpanels von 2005 haben 54 % der türkischen Familien ein Haushaltseinkommen, das zu den untersten 10 % des Äquivalenzeinkommens aller Haushalte gehört. Dagegen haben 48 % aller deutschen, aber nur 20 % aller türkischen Familien ein mittleres Haushaltseinkommen. Integration könnte also durch Verbesserung der finanziellen Ressourcen von Familien gefördert werden. Ein zweites Risiko ist die Sprachentwicklung. Unbestritten ist, dass sich Migrant/innen besser integrieren können, wenn sie die Sprache ihrer neuen Heimat gut sprechen. Sprache ist unerlässlich für Netzwerke außerhalb der Familie. Beziehungen und Freunde im weiteren Umfeld fördern die Entwicklung und sind eine Art Sozialkapital, das nicht nur in der Familie generiert werden muss. Kinder mit geringen Deutschkenntnissen kennen viel mehr Menschen aus dem eigenen ethnischen Kreis und nutzen gerade das Sozialkapital, das andere darstellen, weit weniger. Sprachliche Integration hat aber auch Auswirkungen auf die Mehrheitsgesellschaft. Denn wenn Migrant/ innen gut Deutsch sprechen, hat auch die Mehrheitsgesellschaft eine viel größere Chance über Ahmed, Mehmet oder Kim etwas zu erfahren. Von dem Dialog profitiert dann nicht nur Ahmed, sondern auch Max. Einerseits sind enge Familienbindungen wünschenswert, andererseits können sie auch ein Integrationshemmnis sein. Ein entwicklungspsychologisches Risiko für Migrantenkinder ist eine besonders hohe Geschwis­terzahl. Kinder mit mehr als drei Geschwistern bekommen individuell weniger Zuwendung und Aufmerksamkeit und sie haben ein geringeres Netz an Peers, also Gleichaltrigen. Vieles findet im Familienumfeld statt. Das heißt, die starken Bindungen in der Familie, die strong ties, werden gestärkt durch viele 3 Geschwister, die weak ties, die Außenkontakte, werden geschwächt bzw. bilden sich zu wenig aus. Ein zu geringer Altersabstand zu den Geschwistern – weniger als zwei Jahre- birgt außerdem die Gefahr, dass das ältere Kind übersozialisiert wird. Es wird mit Rollen und Anforderungen konfrontiert, die oft nicht der Entwicklung angemessen sind und es überfordern. Das Kind bekommt außerdem weniger Aufmerksamkeit und das Risiko einer spannungsreichen Jugend steigt. Studien zeigen, dass bei Migrantenfamilien weitaus häufiger der Altersabstand zwischen den Kindern kleiner als zwei Jahre ist. Pädagogik muss Unterschiede anerkennen kenntnissen besteht. Ebenfalls besteht eine enge Beziehung zwischen Kitabesuch und Schulerfolg. Von den Migrantenkindern, die keine vorschulische Einrichtung besucht haben, bleiben 12 % mindestens einmal sitzen, bei denen die Kita und Kindergarten besucht haben, sind es lediglich 3,4 %. Der Kitabesuch trägt zum Bildungserfolg bei, doch verläuft er nicht immer reibungslos. Im pädagogischen Kontext gibt es einige typische Probleme bei der Integration. Keine Unterschiede zwischen den Kindern machen zu wollen, ist einerseits lobenswert. Andererseits ist es fatal, wenn Erzieher/innen nicht erkennen, dass nicht alle Kinder mit den gleichen Chancen starten. Die Differenzblindheit, die Unterschiede nicht anerkennt, führt dazu, dass sehr früh Benachteiligte weitere Benachteiligungen erfahren. Glücklicherweise gehen heute mehr Migrantenkinder in eine Kindertagesstätte bzw. einen Kindergarten als noch in den neunziger Jahren. 47 % der drei- bis vierjährigen und 85,5 % der fünf- bis sechsjährigen Nicht-Deutschen besuchen eine Betreuungseinrichtung(56 % und 90 % der Deutschen). Es hat sich gezeigt, dass ein enger Zusammenhang zwischen dem Besuch einer Betreuungseinrichtung und den DeutschAuch die Einstellung, man könne ja nichts ändern, das sei eben die Kultur, verhindert die Auseinandersetzung mit interkulturellen Unterschieden. Ein derart kulturdeterministisches Weltbild ignoriert, dass nicht alle Deutschen und nicht alle Türken gleich sind. Menschen können sich auch entgegen ihrer Kultur entwickeln. 4 Migranteneltern möchten als Erwachsene auf gleicher Augenhöhe behandelt werden. Die häufige Infantilisierung von Migranteneltern, die Vorstellung, man müsse sie an die Hand nehmen und zeigen, wo es lang geht, stößt Migranteneltern ab. Zur weiteren Zusammenarbeit sind diese Eltern dann nicht mehr bereit, weil sie sehr stark die Ungleichwertigkeit spüren. Ebenso abstoßend wirken barsche Assimilationsforderungen oder die Tendenz zu zivilisatorischer Mission. Besonders wichtig ist daher die Reflektion über sich selbst und sein Weltbild und die Infragestellung der eigenen Wahrnehmungen und Bewertungsmuster. Interkulturelle Kompetenz und die entsprechende Qualifizierung der Erzieher/innen und Pädagog/innen wären ebenso entwicklungsstimulierend wie die differenzierte Betrachtung von Religion als Ressource. Religion ist nicht immer ein archaisches Relikt, sondern kann auch eine symbolische Heimat sein. Erzieher/innen und Pädagog/innen können ihrerseits die Kinder stärken, indem sie positive Beziehungen im Umfeld des Kindes fördern oder selbst eine solche aufbauen. Gerade bei Migrantenkindern werden eher die Defizite gesehen. Besser wäre und wichtig ist, die Stärken zu suchen und diese zu fördern. Trotzdem stark werden Integrationsrisiken Dennoch müssen Kinder, die in schwierigen Verhältnissen aufwachsen, nicht zwangsläufig scheitern oder später schwierige Erwachsene werden. Es fördert die Integration besser, wenn nicht ständig die Defizite betrachtet werden, sondern die Ressourcen, die zur positiven Entwicklung der Kinder beitragen, die sie stärken und ihnen Widerstandskraft geben. k Finanzielle Ausstattung der Familien k Sprachentwicklung k Hohe Geschwisterzahl k Geringer Altersabstand zwischen den Geschwistern Für deutsche wie für Migrantenkinder hat sich gezeigt, dass eine sichere Mutter-Kind-Bindung eine bedeutsame Entwicklungsressource ist, die zur emotionalen aber auch zur kognitiven Entwicklung beiträgt. Für Migranteneltern ist dies eine wichtige Botschaft, da Kinder gelegentlich je nach ökonomischer Situation manchmal in der Heimat„geparkt“ und wieder zurückgeholt werden. Das Kind verliert durch solche Eingriffe in seine Lebenswelt mehrmals die wichtigste Bezugsperson und erfährt, dass auf Erwachsene kein Verlass ist. Doch nur sicher gebundene Kinder lassen sich erziehen und lassen sich vor allem auf ihre Umwelt ein. Probleme im pädagogischen Kontext k Differenzblindheit k Kulturdeterministisches Weltbild k Infantilisierung von Migranteneltern k Forderung nach Assimilation k Missionsgedanke Kinder sollten früh in Entscheidungs- und Abstimmungsprozesse eingebunden werden, damit sie lernen, dass sie entscheiden und gestalten können. Es gibt ihnen Kontrolle über ihre Lebenswirklichkeit. Eine frühe bilinguale Erziehung hat große Auswirkungen auf die kognitiven Fähigkeiten. Kinder, die zweisprachig aufwachsen, können viel eher und früher erkennen, dass die Beziehung zwischen Sprache und Umwelt willkürlich und nur symbolisch ist. Eher schädlich ist dagegen eine doppelte Semilingualität. Das Kind kann dann keine Sprache richtig sprechen. Entwicklungsressourcen k Enge Mutter-Kind-Bindung k Einbeziehen in Entscheidungsprozesse k Bilinguale Spracherziehung k Interkulturelles Training für Erzieher/innen k Positive Beziehungen stärken 5 Peter Flügge Direktor, Associate Professor, University College Copenhagen(UCC) Das negative soziale Erbe brechen Beispiel Dänemark Integration ist in Dänemark eine sozialpolitische Frage und nicht nur eine ethnische. Sozial schwache Dänen sollen ebenso in die Gesellschaft einbezogen werden wie Migrant/innen. Gleichzeitig sind die Bedingungen für Migrant/innen ganz andere als in Deutschland. Jedes Jahr gibt es nur einen Zuzug von maximal 2.000 Migrant/innen und Familienzusammenführungen sind erst ab einem Alter von 24 Jahren möglich. Da es de facto keine Arbeitslosigkeit in Dänemark gibt, füllen ausländische Arbeitskräfte die Lücken auf dem Arbeitsmarkt. In Dänemark herrscht die Vorstellung, dass die ganze Gesellschaft Verantwortung gegenüber der einzelnen Familie hat. Gleich im ersten halben Jahr nach der Geburt kommt die Gesundheitspflegerin und betrachtet die Familiensituation: Wie geht es dem Kind und wie den Eltern, sind diese überfordert und brauchen sie Hilfe? Zwar gibt es keine Krippen- und Kitapflicht, aber in einigen Stadtteilen von Kopenhagen sind 92 % aller Kleinkinder in der Krippe, in ganz Kopenhagen sind es 78 %. Für Familien mit niedrigen Einkommen gibt es finanzielle Unterstützung oder Freiplätze. Bei der Erziehung der Kinder werden vier verschiedene Wege verfolgt: k Lernen durch Nachahmung: Familie k Lernen in sozialen Gemeinschaften: Krippe/Kita k Lernen auf eigene Faust: Entdecken k Lernen im Dialog: Interkulturelles Lernen Lehrpläne mit dem Fokus Integration Im Vorschulbereich gibt es in Dänemark seit vier Jahren Lehrpläne, in denen besonders die Integration groß geschrieben wird. Es gibt Lehrpläne für die Kinderkrippen, die Kinder von null bis drei Jahren betreuen, und die Kindertagesstätten für Kinder von drei bis sechs Jahren. In den sogenannten integrierten Institutionen sind Kinder von null bis sechs Jahren zusammen. 6 Es gibt Lehrpläne für bedrohte Kinder. Dazu gehören Kinder mit psychischen Störungen, aus schwierigen sozialen Verhältnissen oder mit Behinderungen. Und es gibt Lehrpläne für zweisprachige Kinder, die einen besonderen Bedarf der Sprachstimulierung haben. Schon in den Kinderkrippen, später auch in den Kitas, gibt es Sprachunterricht, der zwei bis drei Mal pro Woche in Gruppen stattfindet. In allen Kindertagesstätten gibt es Sprachplätze, die für Migrantenkinder reserviert sind. Mit jedem Kind wird jedes Jahr ein Sprachtest durchgeführt, der abprüft, ob das Kind Sprachverständnis und ein Bewusstsein für Begrifflichkeiten entwickelt, die für uns Dänen wichtig sind. Man mag diskutieren, ob das noch Integration oder schon Assimilation bedeutet. Das Handeln überprüfen Wichtig ist aber auch die Evaluierung, ob die Lehrpläne umgesetzt werden und mit welchen Ergebnissen. Die Evaluierungen werden regelmäßig in den Betreuungseinrichtungen durchgeführt und müssen vom Elternrat in den Einrichtungen bestätigt werden. Die Evaluierungen sind Ausgangspunkt für die psychologisch-pädagogischen Beratungen, in denen gemeinsam mit den Sprachberater/innen festgelegt wird, welche besondere Unterstützung ein Kind braucht. Dabei wird nicht auf die Defizite des Kindes geschaut, sondern darauf, welche Ressourcen gestärkt werden können. Entscheidend ist auch nicht allein die Sprachentwicklung des Kindes, sondern eine ganzheitliche Betrachtung. Ein weiterer wichtiger Punkt in den Lehrplänen ist, dass das negative soziale Erbe gebrochen werden soll, um Chancengleichheit zu erzielen. Der Anteil von Kindern aus sozial schwächeren Familien, die später studieren, nimmt konstant ab. Das soll sich ändern. Alle Kinder sollen die Möglichkeit haben, weiter zu kommen, egal mit welchem familiären oder ethnischen Hintergrund. „Stadtteillifting“ und Naturkindergärten Auch in Dänemark gibt es Regionen, in denen überproportional viele zugewanderte Familien wohnen. Damit in den Betreuungseinrichtungen trotzdem kulturell gemischte Kindergruppen sind, wurde in einigen Stadtteilen oder Kommunen versucht, die Kinder mit Bussen an 7 die verschiedenen Einrichtungen zu verteilen. Das hat sich nicht bewährt, weil die Kinder aus ihrer Umgebung und ihrem sozialen Raum herausgerissen wurden. Besser bewährt haben sich Ausflugs- oder Naturkindergärten, wo Kinder aus verschiedenen Stadtteilen auf ein Gelände außerhalb der Stadt hinausgefahren wurden. Diese Form von Kindertagesstätten ist besonders für die großen Städte mit knappem Wohnraum attraktiv und außerdem sehr viel billiger. In den Naturkindergärten haben sich die ethnischen Gruppen sehr gut vermischt, da sich alle Kinder außerhalb ihres normalen sozialen Umfeldes befanden. In einigen Stadtteilen von Kopenhagen hat man ein „Stadtteillifting“ durchgeführt, um Gebiete attraktiver zu machen und die Abwanderung von Dänen oder sozial stärkeren Gruppen zu verhindern. Ein anderer Trick, den Wegzug einzudämmen, war, attraktive Spielplätze einzurichten. Ein Anreiz, der Eltern tatsächlich zum Bleiben veranlasst hat. Die Sprachplätze in allen Kitas sorgen ebenfalls dafür, dass jede Kita Kinder mit Migrationshintergrund aufnimmt. Derzeit beträgt der Anteil an Migrantenkindern in allen Kopenhagener Kindertagesstätten circa 25 %. Kinder haben Rechte Kinder müssen in den Einrichtungen auch geschützt werden. Daher gibt es einen Ombudsmann, an den sich die Kinder oder Eltern wenden können, wenn ihre Rechte verletzt werden, zum Beispiel durch Diskriminierung eines Erziehers oder einer Erzieherin. Der Ombudsmann ist eine von der Regierung unabhängige Person. Kinder, die eine besondere Betreuung bedürfen, bekommen„Stützerzieher/innen“ an die Seite gestellt, wenn nötig schon in der Krippe und die ganze Vorschulzeit hindurch. Wenn das nicht reicht, wird diese Stützfunktion auf die Familie ausgeweitet, um auch die Eltern bei der Erziehung zu unterstützen. Seit 2006 gibt es Familienplätze, wo übergreifend mit den Eltern gearbeitet und Erziehungsfragen besprochen werden. In Eltern-Akademien sollen die Eltern an das dänische Schulsystem herangeführt werden und Beratung in Erziehungsfragen erhalten. Sogenannte BrückenbauInstitutionen beschäftigen sich besonders mit der Überbrückung kultureller Unterschiede. 8 Was könnte besser sein? Integration erfordert Handlung: Dänemark geht in die richtige Richtung: Im letzten Jahr haben sogar mehr Jugendliche mit Migrationshintergrund eine Fachausbildung angefangen als dänische. Allerdings gibt es noch einiges, was auch in Dänemark noch zu verbessern ist: k Bessere Ausbildung der Erzieher/innen: keine ­Allround Erzieher/innen, sondern Spezialist/innen k Mehr Erzieher/innen aus dem Migrationsmilieu ausbilden k Mehr männliche Erzieher ausbilden k Weniger Bürokratie in Verbindung mit der ­Kindertagesstättenarbeit, schnelleres Handeln der Sozialverwaltungen k Bessere Ressourcen sowohl finanziell als auch ­personell für die Kitas k Mehr Unterstützung in informellen Milieus k Gesundheitspfleger/innen, die Familien besuchen k Lehrpläne mit besonderem Fokus auf Integration k Regelmäßige Evaluierung der Lehrpläne k Sprachberater/innen für Migrantenkinder k Sprachtests k Kulturell gemischte Kitagruppen k Frei- und Familienplätze für sozial Schwache oder Beratungsbedürftige k Weiterausbildung der Erzieher/innen und Aus­ bildung von Schlüsselpersonen k Stützerzieher/innen für bedrohte Kinder k Ombudsmann für Kinder: Zuständig für Diskriminierungsfälle k Eltern-Akademien 9 Sven Persson PhD, Associate Professor / Malmö University Multikulti als Modell für die Zukunft Beispiel Schweden Internationale Längsschnittstudien haben gezeigt, dass sich der Besuch der Vorschule positiv auf die kognitiven, emotionalen und sozialen Fähigkeiten der Kinder auswirkt. In Schweden gilt der vorschulische Sektor daher als erste Stufe im Bildungssystem. Die Vorschule soll außerdem Kinder mit Migrationshintergrund bei der Entwicklung einer multikulturellen Identität unterstützen. Denn kulturelle Vielfalt ist beispielsweise für Malmö ein wichtiges Modell für die Zukunft. Von den 277.000 Einwohner/innen sind 26 % im Ausland geboren. Derzeit leben in Malmö 169 Nationalitäten und an den Schulen werden 147 Sprachen gesprochen. Die Stadtverwaltung in Malmö ist gesetzlich verpflichtet, Vorschulplätze für Kinder anzubieten, deren Eltern studieren oder berufstätig sind, auch für Kinder mit speziellem Förderbedarf. Ab vier Jahren hat jedes Kind Anspruch auf einen Vorschulplatz, egal woher es kommt. Für Eltern sind die Angebote freiwillig. In die Vorschule gehen: k 50 % der 1-Jährigen k 87 % der 2-Jährigen k 96 % der 5-Jährigen Vorschule von 1 – 5 nach Lehrplan In Schweden umfasst die Vorschule alle Kinder im Alter von ein bis fünf Jahren. Für Sechsjährige gibt es spezielle Klassen und die Einschulung erfolgt mit sieben Jahren. Schweden ist ein familienfreundliches Land. Eltern können zu Hause bleiben bis ihre Kinder 14 Monate alt sind und beziehen solange 80 % ihres Gehalts. 87 % der Zweijährigen besuchen die Vorschule. Die Gruppengrößen sind allerdings abhängig vom Alter der Kinder. Bei den Ein- bis Dreijährigen sind 15 Kinder in einer Gruppe, bei den älteren 20. Der Betreuungsschlüssel ist im internationalen Ver10 gleich recht gut: Eine Vorschullehrkraft betreut maximal fünf Kinder. 50 % der Beschäftigten in der Vorschule sind Lehrkräfte mit einem universitären Bildungsabschluss, 50 % sind Erzieher/innen oder Kinderpfleger/innen. 1998 wurde in Schweden ein neues Curriculum für die vorschulische Erziehung festgelegt. Darin wurde verankert, dass die Vorschule der Beginn des Lebenslangen Lernens ist. Aber auch, dass sich Kinder ihres kulturellen Erbes bewusst werden und an der Kultur anderer Kinder teilhaben sollen. Kinder, die aus dem Ausland kommen, sollen die Möglichkeit haben, ihre Kenntnisse in der Muttersprache zu verbessern und gleichzeitig Schwedisch zu lernen. Migrant/innen unterrichten Migrant/innen Wie werden die Lehrpläne in punkto Integration umgesetzt? Zum einen gibt es an den Vorschulen muttersprachlichen Unterricht in 13 verschiedenen Sprachen. Einmal die Woche haben die Kinder Einzel- oder Gruppenunterricht. Schweden hat erkannt, dass Bilingualität für die Entwicklung der Kinder besonders förderlich ist. Insgesamt gibt es 176 muttersprachliche Lehrkräfte in Malmö, davon 28 im vorschulischen Bereich. In den letzten zehn Jahren sind viele Migrant/innen nach Malmö gekommen, die gerne im Bildungssektor arbeiten wollen. Mit den neuen Lehrplänen sollten pädagogische Ansätze aus dem Vorschulsektor auch für die Regelschule verbindlich festgeschrieben werden. Das ist bisher leider nicht passiert. Eher werden pädagogische Methoden aus dem schulischen Sektor in den vorschulischen übernommen, was sich als Problem erweisen kann. Geplant ist auch, eine Art Edu-Care im vorschulischen Sektor zu implementieren, eine Kombination aus Kinderbetreuung und Bildung/Erziehung. Edu-Care ist speziell für Kinder mit einem besonderen Förderbedarf gedacht. 11 Qualität fördert Integration Handlungsempfehlungen aus Schweden: Qualität ist ein wichtiges Thema, zumal die Vorschule den Kindern in Zusammenarbeit mit den Eltern einen optimalen Start ins Leben bieten soll. Qualität hat viel mit der Interaktion zwischen den Kindern und zwischen Kindern und Lehrkräften zu tun. Die Kompetenz der Lehrkräfte ist dabei der wichtigste Qualitätsfaktor. Teams mit einer klaren pädagogischen Vorstellung sind erfolgreicher und nutzen die vorhandene Infrastruktur besser. Entscheidend ist auch die Gruppengröße. Bei Kindern zwischen ein und drei Jahren sollte die Gruppe möglichst klein sein. Besonders Migrantenkinder aus einkommensschwachen Familien leiden stärker unter großen Gruppen, da ihr besonderer Betreuungsbedarf in der Regel dort nicht erfüllt werden kann. k Vorschulen haben ein großes Potenzial als ­integrierende Einrichtung k Integration kann durch politische Weichenstellungen und entsprechende Curricula gefördert werden k Muttersprachlicher Unterricht hilft Kindern, ­bilingual aufzuwachsen k Lehrkräfte in der Vorschule müssen sehr gut ­aus­gebildet sein k Lehrkräfte brauchen Unterstützung durch ­Reflektionsgruppen und interkulturelles Training k Migrantenkinder aus einkommensschwachen ­Familien brauchen mehr Förderung Theorie und Praxis Wie schwedische Studien zur kulturellen Vielfalt gezeigt haben, gibt es noch immer ein gespanntes Verhältnis der Lehrkräfte zur Integration. Lehrkräfte sprechen über Integration immer als Problem oder betonen die Unterschiede. Es wird eher Assimilierung gefordert als Integration gefördert. Mehrsprachigkeit wird meist von den anderen verlangt, nicht von der eigenen Gruppe. Multikulturelle Erziehung ist Sache der anderen, aber nicht die eigene. In der Vorschule wirkt sich diese Einstellung so aus, dass Kindern vorgegeben wird, was sie zu tun haben und damit auch, wer sie sein sollen. Problematisch ist, dass die ethnische Herkunft und Kultur von Erwachsenen als homogene Größen angesehen werden. Aber Kinder mischen die verschiedenen Kulturen ganz individuell für sich zusammen aufgrund von vielen unterschiedlichen Lernerfahrungen. Für Kinder ist es alltägliche Realität zu unterschiedlichen Kulturen dazuzugehören. Um Kulturklischees zu entkräften, wurden positive Erfahrungen mit interkulturellem Training für Vorschullehrer/innen gemacht. Auch Reflexionsgruppen führen zu einer bewussten multikulturellen Erziehung. Lehrer/ innen mit dem gleichen Migrationshintergrund wie das Kind können dem Kind besser bei der Sprach- und der Identitätsentwicklung helfen. 12 Wie wir in Deutschland ideologische Blockaden überwinden und Integration schon vor der Schule besser gestalten können, diskutierten Vertreter/innen aus Politik, Verwaltung und Integrationsprojekten zusammen mit den Experten aus Dänemark und Schweden. Integration beginnt nicht erst im Vorschulalter, sondern schon bei der Geburt, betonte Christiane ­Börühan . Der Berliner Koordinatorin des HIPPY-Projekts steht beim Thema Integration zu sehr der Aspekt der ethnischen Herkunft im Vordergrund, das sei aber nur einer. Migrant/innen machen die Erfahrung, nicht erwünscht zu sein, so Börühan . Was muss in Deutschland besser werden? Migranteneltern wollen auch das Beste für ihre Kinder Migranteneltern haben großes Interesse an der Bildung ihrer Kinder, stellten Maria Macher , Leiterin des Neuköllner Modellprojekts„Stadtteilmütter“, und HIPPY-Koordinatorin Börühan einstimmig fest. Dennoch müssten viele erst davon überzeugt werden, ihre Kinder möglichst früh in eine Kindertageseinrichtung zu geben. Migranteneltern bräuchten mehr Kenntnisse über das deutsche Bildungssystem und Unterstützung dabei, ihre Kinder zu fördern, so Macher . 13 Zwar seien die Vorbehalte gegen Kindertagesstätten bei zugewanderten Familien nicht mehr so groß, meint Wolfgang Schimmang , Bezirksstadtrat für Bildung in Berlin-Neukölln. In seinem Stadtteil besuchen fast 90 % der Vier- und Fünfjährigen eine Kindertagesstätte. Aber um die 10 %, die nicht in die Kita gehen, müsse man sich Sorgen machen, so der Stadtrat. Denn das sind diejenigen, die aus einkommensschwachen Familien kommen, keine oder nur wenige Sprachkenntnisse haben und eigentlich nicht schulfähig sind. Man dürfe auch nicht vergessen, dass 10 % der Jugendlichen in Deutschland keinen Schulabschluss haben und ein Großteil davon Migrantenkinder sind. In der Politik sickert erst langsam durch, dass vorschulische Bildung für alle wichtig ist, nicht nur für benachteiligte oder Migrantenkinder, erläuterte Swen Schulz , Mitglied des Bundestages, die Position der Politik. Das ist in der Tat eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Doch durch die Föderalismusreform und die Länderzuständigkeit in der Bildung kann der Bund leider nur wenig tun. Mit dem Kinderförderungsgesetz wird der Bund künftig Mittel für Investitionen, Betriebs- und Personalkosten zur Verfügung stellen. Schulz wies auf die politische Debatte über die Familienförderung hin. Deutschland gibt bereits relativ viel Geld für Familien aus, u. a. für das Kindergeld. Er forderte, das Geld optimal einzusetzen, damit es bei den Kindern ankommt, die es am meisten brauchen. Das erfordert auch, so Schulz weiter, eine Diskussion über unser Familienbild. Gleiche Chancen für alle Schimmang forderte daher, allen Kindern, egal wo sie herkommen, eine Chance auf Bildung zu geben. Dazu müssten die Kitagebühren auf Null gesetzt werden, das Mittagessen von der Grundschule bis zum Abitur sowie das Erststudium kostenlos sein. Anstatt das Kindergeld zu erhöhen, sollte das Geld lieber in die Kinderbetreuungseinrichtungen und das Mittagessen investiert werden. Bessere Qualifizierung oder bessere Rahmenbedingungen? Heftig diskutiert wurde auch die Frage, ob die Erzieher/innen besser qualifiziert werden müssten. Die aktuellen Erkenntnisse über frühkindliche Bildungsprozesse verlangen ein verändertes Berufsbild für die Erzieher/innen. Notwendig ist eine Qualifizierung durch Aus- und Fortbildung, die diesen Erkenntnissen Rechnung trägt, argumentierte ­Gabriele Berry Bildung ist gesamtgesellschaftliche Aufgabe Das zu fördern ist eine nationale Aufgabe und sollte nicht in Tippelschritten erfolgen, so Schimmang weiter. Die Ressourcen unseres Landes sollten zum Wohle der Kinder eingesetzt werden. Das Beispiel Schweden zeigt, dass wir größere Anstrengungen als bisher unternehmen müssen und es nicht bei Lippenbekenntnissen unmittelbar vor den Wahlen belassen dürfen. 14 von der Berliner Senatsverwaltung für Bildung. Das Land unternimmt – gemeinsam mit den Trägern von Kindertagesstätten – große Anstrengungen, um die Kitas in ihrer fachlichen Entwicklung zu unterstützen. Zentrale Stichpunkte hierzu sind die Erarbeitung des Berliner Bildungsprogramms und die verschiedenen Maßnahmen zu seiner Implementierung, die flächendeckende Einführung des Sprachlerntagebuchs, ein umfangreiches und differenziertes Fortbildungsangebot der landeseigenen Fortbildung, die Reformierung der Erzieher/innenausbildung und die Einführung von Ausbildungsgängen auf Fachhochschulebene. lich, wenn diese Kinder auch nach drei Jahren Kita den Sprachtest nicht bestehen. Entscheidend sei daher nicht die Neustrukturierung der Ausbildung, sondern verbesserte Rahmenbedingungen in den Betreuungseinrichtungen, so Macher und Börühan . Das dieses möglich ist zeigt die Erfahrung aus Dänemark und Schweden. Bessere Finanzierung schon jetzt Doch nicht alles könne in Kursen gelernt werden, was im Umgang mit Kindern wichtig ist, so ­ Börühan . Zusätzlich müssen die Arbeitsbedingungen verbessert werden. ­ Macher betonte das große Interesse der Erzieher/innen an Fortbildungen im interkulturellen Bereich. Diesem können sie aus zeitlichen Gründen jedoch nur selten nachkommen. Betreuungsschlüssel wie in Schweden wären auch für Deutschland erstrebenswert. Wenn, wie in BerlinNeukölln oftmals üblich, eine Gruppe von 15 Kindern, die fast alle einen Migrationshintergund haben, von einer Person betreut werden, ist es nicht verwunderBlieb die Frage, warum nicht schon jetzt die Betreuungseinrichtungen besser ausgestattet werden können? Eine Maßnahme zur besseren Integration wäre, nach dem Vorbild Schwedens, Sprachunterricht durch Muttersprachler/innen in den Kitas einzuführen, so ein Vorschlag aus dem Plenum. Auch Integrationsprojekte wie die„Stadtteilmütter“ müssen ständig um ihre Finanzierung kämpfen, obwohl sie wichtige Elternarbeit im vorschulischen Bereich leisten. Macher und Börühan forderten daher, dass Modellprojekte, die sich bewährt haben, weiter gefördert werden sollten. 15 seres Berliner Bildungsprogramms. In Dänemark gefällt mir besonders das System der Gesundheitspfleger/innen, die gleich nach der Geburt eines Kindes in die Familien gehen und schauen, wo diese Unterstützung brauchen.“ Gabriele Berry, Senatsverwaltung für Bildung, Berlin „In Schweden finde ich die bilinguale Sprachförderung in den Vorschulen sehr gut.“ Maria Macher, Projektkoordinatorin„Stadtteilmütter” Bildung als Investment Doch letztlich geht es darum, welche Prioritäten eine Gesellschaft setzt.„Wenn man der Meinung ist, dass frühkindliche Bildung wichtig ist, muss man sich dafür auch finanziell engagieren“, so Sven Persson , von der schwedischen Hochschule Malmö. Man sollte nicht nur in Kostenkategorien denken, sondern gute Bildung als Investment betrachten. Denn, so Peter Flügge ,„unsere Bodenschätze sind die Kinder“. Was kann Deutschland von Dänemark und Schweden lernen? „Mir imponiert die hohe Ausbildungsrate bei den Jugendlichen in Dänemark. Das zeigt, dass die Dänen in der frühkindlichen Bildung auf dem richtigen Weg sind. In Deutschland haben wir noch einen steinigen Weg vor uns.“ Christiane Börühan, HIPPY-Koordinatorin HIPPY Seit 1992 gibt es in Deutschland das Förderprogramm HIPPY(Home Instruction for Parents of Preschool Youngsters), das von der israelischen Professorin für frühkindliche Pädagogik Avima Lombard Ende der sechziger Jahre entwickelt wurde. HIPPY ist vor allem ein Familienbildungsprogramm. Mit speziell für HIPPY entwickelten Übungsmaterialien fördern die Familien ihre Kinder spielerisch und bereiten sie auf die Schule vor – HIPPY stärkt erzieherische Kompetenzen der Eltern. Muttersprachler/ innen besuchen Migrantenfamilien zu Hause und weisen sie in das Programm ein. Gleichzeitig erhalten die Eltern bei den Gruppentreffen die Möglichkeit, sich über das deutsche Schulsystem, Erziehungsfragen, gesunde Ernährung und andere relevante Themen zu informieren und mit anderen Eltern auszutauschen. „Wir müssen die Ausstattung der Kindertagesstätten und die Ausbildung des Kita-Personals verbessern. Bildung muss für alle kostenlos sein, in Kita, Vorschule, Schule und später im Studium.“ Wolfgang Schimmang, Bezirksstadtrat für Bildung in Berlin-Neukölln „Am schwedischen Vorschulcurriculum beeindruckt mich die konsequente Wertschätzung der Individualität und der kulturellen Unterschiede. Das Curriculum stand übrigens auch Pate bei der Erarbeitung unStadtteilmütter „Stadtteilmutter“ sind selbst Migrant/innen, die ­Familien mit dem gleichen ethnischen Hintergrund besuchen, um mit ihnen über Schul- und Erziehungsfragen zu sprechen. Angefangen hat das Projekt 2004 im Rahmen des Quartiersmanagments Schillerstraße in Berlin-Neukölln. 2006 wurde das Projekt auf ganz Neukölln ausgeweitet. Die Stadtteilmütter werden für ihre Aufgabe sechs Monate lang ausgebildet. Derzeit gibt es rund 140 Stadtteilmütter. Dänemark hat das Projekt vor kurzem importiert und will es demnächst in sieben Kommunen durchführen. 16 ISBN 978-3-89892-940-0