Das bürgerschaftliche Engagement der Älteren stärken Das bürgerschaftliche Engagement der Älteren stärken Zusammenfassung der Fachtagung vom 24.01.2008 in der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin Impressum ISBN 978-3-89892-941-7 Herausgeberin: Friedrich-Ebert-Stiftung Forum Politik und Gesellschaft Hiroshimastr. 17 10785 Berlin Text: Dr. Gisela Notz Redaktion: Dr. Heinz Bongartz, Friedrich-Ebert-Stiftung Redaktionelle Betreuung: Inge Voß, Friedrich-Ebert-Stiftung Fotos: Ursula Kelm Gestaltung: Meintrup, Grafik Design Druck: primeline.print, Berlin Diese Publikation wird gefördert durch ­Mittel der DKLB-Stiftung. Copyright 2008 by Friedrich-Ebert-Stiftung, Forum Politik und Gesellschaft Inhalt 4 Vorwort Dr. Heinz Bongartz, Forum Politik und Gesellschaft, Friedrich-Ebert-Stiftung 6 Begrüßung Anke Fuchs, Vorsitzende der Friedrich-Ebert-Stiftung 10 Eröffnung Renate Schmidt MdB, Bundesministerin a. D. 16 Diskussion zu dem Referat von Renate Schmidt 20 Rahmenbedingungen für das Engagement der Älteren Dr. Peter Zeman, Deutsches Zentrum für Altersfragen, Berlin 30 Zivilgesellschaftliche Handlungsf­ elder für das Engagement von Älteren: Einige Beispiele Carola Schaaf-Derichs, Treffpunkt Hilfsbereitschaft, Landesfreiwilligenagentur Berlin 36 Podiumsdiskussion:„Erfahrungswissen nutzen – aber wie?“ Helga Walter, Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Landessenioren­vertretungen, Berlin Dr. Peter Zeman, Deutsches Zentrum für Altersfragen, Berlin Carola Schaaf-Derichs, Geschäftsführerin des Treffpunkt Hilfsbereitschaft, Landesf­rei­willigenagentur Berlin Angelika Graf, MdB seit 1994, Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend; Bundesvorstand der Arbeitsgemeinschaft SPD 60plus Vorwort Die demografische Entwicklung stellt unsere Gesellschaft in vielen Bereichen vor völlig neue Aufgaben. Der Anteil der älteren Menschen nimmt kontinuierlich zu. Sie sind heute im Durchschnitt gesünder und besser ausgebildet, als das in der Vergangenheit der Fall war. Viele Ältere sind bereit und motiviert, sich bürgerschaftlich zu engagieren. Auch der Fünfte Altenbericht der Bundesregierung„Potentiale des Alters in Wirtschaft und Gesellschaft“ zeigt auf, dass viele ältere Menschen einer gesellschaftlich nützlichen, sinnvollen Tätigkeit nachgehen wollen und ihr Erfahrungswissen und ihre Ressourcen für sich und für die Gesellschaft einsetzen wollen. Ohne adäquate Weiterbildung und Qualifizierung kann das Erfahrungswissen allerdings oft nicht in erfolgreiche Aktivitäten umgesetzt werden. Die Friedrich-Ebert-Stiftung stellt sich zur Aufgabe, mit einem neuen Projekt die Kompetenzen Älterer durch spezielle Weiterbildungsangebote gezielt zu fördern, um damit das bürgerschaftliche Engagement der älteren Menschen zu stärken. Die vorliegende Publikation fasst die auf der Fachtagung gehaltenen Beiträge und Diskussionen zusammen, um sie einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Unser Dank gilt allen Mitwirkenden und dem Tagungsmoderator Alfred ­Eichhorn vom Inforadio/rbb. Dr. Heinz Bongartz, Forum Politik und Gesellschaft Friedrich-Ebert-Stiftung 5 Begrüßung Anke Fuchs, Vorsitzende der Friedrich-Ebert-Stiftung Die demografische Entwicklung führt dazu, dass zukünftig in Deutschland immer mehr ältere und immer weniger jüngere Menschen leben werden. Die Älteren werden im Durchschnitt gesünder und besser ausgebildet sein, als das in der Vergangenheit der Fall war. Der Anteil der älteren Menschen, die bereit und motiviert sind, sich nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben bürgerschaftlich zu engagieren, ist sehr hoch; und er nimmt weiter zu. Als ich in der Vorbereitung zu dieser Tagung mit einigen Älteren gesprochen habe, sagten sie, ein Problem sei, dass die Aktiven uns gar nicht wollen: die wollen unsere Erfahrungen gar nicht einbeziehen. Die Älteren sind aber zunehmend interessiert und bereit, auch nach dem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben Verantwortung zu übernehmen. Sie wollen ihre Potenziale gesellschaftlich sinnvoll einbringen. Der letzte Altenbericht der Bundesregierung – der ja noch von der Ministerin Renate Schmidt in Auftrag gegeben worden ist – zeigt: Bei den 55- bis 64Jährigen kann ungefähr ein Drittel und bei den 65- bis 74-Jährigen ein Fünftel der Bevölkerung zu der Gruppe der Engagementbereiten gezählt werden. Der demografische Wandel und die sich daraus ergebenden gesellschaftspolitischen Herausforderungen sind keine völlig neuen Phänomene. Desgleichen steht die breite Thematik des bürgerschaftlichen Engagements nicht erst seit heute auf der Tagesordnung. Die Diskussion über das bürgerschaftliche Engagement der älteren Menschen konzentrierte sich in der Vergangenheit oftmals auf soziale Hilfeleistungen und das traditionelle Ehrenamt. Auch die Debatte um die sogenannten neuen altersspezifischen Formen des Engagements stellen häufig Selbsthilfeaktivitäten, soziale Unterstützungsdienste oder Bildungsaktivitäten in den Mittelpunkt. Etwa seit Beginn der 1980er Jahre wurde dann stärker auch die gesellschaftspolitische Dimension des ehrenamtlichen Engagements älterer Menschen in den Blick genommen. Eine Intensivierung dieser Diskussion erfolgte vor allem auf Grundlage der Altenberichte der Bundesregierung und durch die beiden Enquete-Kommissionen„Demographischer Wandel“ und„Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements“. 7 Da ich vor einiger Zeit die Enquete-Kommission„Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements“ des Deutschen Bundestags geleitet habe, weiß ich, dass man ein Thema zur Unzeit nicht vorantreiben kann. Drei Legislaturperioden hat die Enquete-Kommission getagt. Alle Gedanken, die wir heute äußern, sind dort schon irgendwo zu Papier gebracht. Dann kam ein Regierungswechsel und man wollte alles neu machen und es kam alles in den Papierkorb. Aber es war alles schon einmal aufgeschrieben und es ist ein Jammer, dass die Berichte der Enquete-Kommissionen so wenig zur Kenntnis genommen wurden. Die Friedrich-Ebert-Stiftung wird in Zukunft gezielt und verstärkt Maßnahmen für die Weiterbildung bzw. Qualifizierung von älteren Menschen anbieten, die sich in diesem Sinne bürgerschaftlich engagieren. Dazu haben wir eigens ein Projekt mit einem besonderen Format eingerichtet, dessen Qualifizierungs­ angebot ab kommenden Monat in Anspruch genommen werden kann. Die Leitung liegt bei unserem Kollegen Dr. Heinz Bongartz. Mit einem bundesweiten Netz von Akademien und regionalen Bildungs­büros bieten wir seit vielen Jahren für alle Bevölkerungsgruppen ohnehin schon viele Veranstaltungen an. Die Älteren sollen dort auch in Zukunft nicht ausgeschlossen sein, sondern sie sollen wie immer an allen Tagungen teilnehmen können. Aber wir wollen zukünftig ein spezielles Qualifizierungsangebot unterbreiten, damit wir einen zusätzlichen noch wirkungsvolleren Beitrag leisten können für das bürgerschaftliche Engagement der älteren Menschen. Ich bin sicher, dass die ältere Generation ihr Erfahrungswissen, ihre Potenziale und ihre Ressourcen noch stärker für die Gestaltung und für den Zusammenhalt der Gesellschaft einbringen kann. „Wir wollen zukünftig ein spezielles Qualifizierungsangebot unterbreiten, damit wir einen zusätzlichen noch wirkungsvolleren Beitrag leisten können für das bürgerschaftliche Engagement der älteren Menschen. Ich bin sicher, dass die ältere Generation ihr Erfahrungswissen, ihre Potenziale und ihre Ressourcen noch stärker für die Gestaltung und für den Zusammenhalt der Gesellschaft einbringen kann.“ Unser neu eingerichtetes spezielles Qualifizierungsangebot wird ganz gezielt die gesellschaftspolitische ­Dimension des Engagements der ­Älteren betonen und unterstützen. Es richtet sich an engagementbereite und im Engagement befindliche ­ältere Menschen. Anke Fuchs 8 Das Angebot umfasst unter anderem die klassischen Bereiche von Organisation und Kommunikation wie: Planungs- und Organisationsmanagement, Öffentlichkeits- und Pressearbeit, Gesprächsführung und Kommunikation, Präsentationstechniken, Konfliktmediation und Interkulturelle Kompetenzen. Mancher Verein wäre in den regionalen Zeitungen sehr viel besser vertreten, wenn die Akteure und Akteurinnen gelernt hätten, wie man eine Presseerklärung macht. Angeboten wird aber auch die Vermittlung von Fachwissen für die verschiedenen Engagementfelder. Denn ein solides fachliches Fundament stärkt Effektivität und Akzeptanz des Engagements. Die einzelnen Qualifizierungsangebote werden einen konkreten Anwendungsbezug haben und damit Weiterbildung und Praxis direkt miteinander verknüpfen. Neben diesen Weiterbildungsmaßnahmen wollen wir zu relevanten Aspekten des Engagements der älteren Menschen Fachtagungen durchführen und Studien vorlegen und so den gesellschaftpolitischen Diskurs mitgestalten. Wir wollen also auch vorhandene Aktivitäten bündeln und Netzwerke aufbauen. 9 Eröffnung Renate Schmidt MdB, Bundesministerin a. D. Es ist der Zeitraum zwischen dem 60. Lebensjahr und dem Tod eines Menschen, der als„Alter“ bezeichnet wird. Dieser Zeitraum ist keineswegs gleichbedeutend mit Hilfs- und Pflegebedürftigkeit, mit Armut, Senilität oder Gebrechlichkeit. Nur fünf Prozent der über 60jährigen Menschen sind pflegebedürftig. Die größte Gruppe unter den Pflegebedürftigen sind die Hochbetagten, d. h., diejenigen, die über 90 Jahre alt sind. 95 Prozent der über 60jährigen leben und versorgen sich selbst in ihrem eigenen Haushalt. Die Erwartung älterer Menschen, handelndes Subjekt und nicht umsorgtes Objekt zu sein, ist groß. Menschen, die zwischen 60 und 80 Jahre alt sind, sind geistig und körperlich überwiegend fit und wollen aktiv am Leben teilnehmen. Trotz der notwendigen Einschnitte bei der staatlichen Versorgung besitzen die meisten eine gute materielle Absicherung. Wir müssen alles daran setzen, dass das so bleibt. Nach aktuellen Angaben des Statistischen Bundesamtes ist die Lebenserwartung der Deutschen in den letzten Jahren weiter gestiegen. Dies gilt sowohl für die Neugeborenen, als auch für die Älteren. Ein heute 60jähriger Mann hat noch durchschnittlich 19,5 Jahre, eine gleichaltrige Frau noch 23,7 Lebensjahre vor sich. In Deutschland ist oft von Überalterung oder gar Vergreisung unseres Landes die Rede. Die Japaner, die einen noch höheren Altersdurchschnitt haben als wir, reden von ihrem Land, als dem Land des langen Lebens. Es gibt keine objektive Basis dafür, dass in der Bundesrepublik Jugend mit Kreativität, Aktivität, Innovationsfähigkeit und Dynamik gleichgesetzt wird, Alter hingegen mit Stagnation, Siechtum und ausufernden Gesundheitskosten. Das öffentliche Bild des Alters bewegt sich zwischen Pflegebett und Palmen auf Mallorca: Denn neben dieses unzutreffende Zerrbild tritt in letzter Zeit die Vorstellung, Alter bedeute ein Leben in Luxus und unbegrenztem Freizeitgenuss. Wenn wir auf die Fakten schauen, so sehen wir bei älteren Menschen neben dem berechtigten Bedürfnis nach privaten Freiräumen eine ganze Bandbreite von Aktivitäten, von Kreativität und Innovationskraft. Wir erleben ältere Menschen, die Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen und Solidarität mit den anderen und mit den nachfolgenden Generationen üben. 11 Gemäß der Formel der Weltgesundheitsorganisation„Jahre haben sich zum Leben addiert – jetzt müssen wir zu den Jahren Leben addieren“, muss der bisher praktizierte Umgang mit den älteren Menschen in unserer Gesellschaft verändert werden. Es müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, in denen sich die vielfach brachliegenden Potenziale Älterer entfalten bzw. in der Praxis besser genutzt werden können. Dabei kommt es wesentlich darauf an, eine längere Beteiligung am Erwerbsleben, eine aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben und das Ausüben bürgerschaftlichen Engagements mit den Bedürfnissen und Möglichkeiten älterer Menschen zu verknüpfen. Nur so werden sie auch motiviert sein, ihre Fähigkeiten einzubringen. Deshalb habe ich den fünften Altenbericht unter die Überschrift„Potentiale des Alters“ gestellt. Und die Potenziale der Älteren sind beträchtlich: Ältere Menschen kümmern sich um ihre Familie und die Enkelkinder, viele von den jüngeren Alten haben selbst noch Eltern, die sie pflegen oder betreuen. Immer mehr ältere Menschen nehmen an kulturellen Veranstaltungen, Bildungsangeboten oder sportlichen Aktivitäten teil. Mehr als ein Drittel der 50 – 59-jährigen und 26 Prozent der Über-60-jährigen setzen sich im Rahmen eines freiwilligen Engagements für die Gemeinschaft ein. Erst ab einem Alter von ca. 75 Jahren ist ein Absinken des Engagements erkennbar. Aber immer noch 21 Prozent dieser Älteren sind freiwillig engagiert oder würden es gerne sein. Die meisten älteren Menschen nutzen die Fähigkeiten, die sie im Laufe ihres Lebens gewonnen haben und geben sie gerne an die Gesellschaft und die nachfolgenden Generationen weiter. Und was sie weitergeben können, ist vor allem ihr Erfahrungswissen, aber auch Fachwissen und Schlüsselqualifikationen wie soziale Kompetenz und Verständnis für die Belange anderer. Aus diesem Grund hat mein Ministerium „Wenn wir auf die Fakten schauen, so sehen wir bei älteren Menschen neben dem berechtigten Bedürfnis nach privaten Freiräumen eine ganze Bandbreite von Aktivitäten, von Kreativität und Innovationskraft. Wir erleben ältere Menschen, die Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen und Solidarität mit den anderen und mit den das Modellprogramm„Erfahrungswissen für Initiativen“(EFI) durchgeführt. Leitidee war der Aufbau neuer Verantwortungsrollen für ältere Menschen, die als senior Trainer innen Multiplikatoren für das freiwillige Engagement der Bürger und Bürgerinnen und Botschafter und Botschafterinnen für neue Verantwortungsrollen im Alnachfolgenden Generationen üben.“ Renate Schmidt 12 ter sein sollen. Aus dem Modellprogramm ist eine Fülle von innovativen Projektideen hervorgegangen: im sozialen Bereich ebenso wie in Kindergärten und Schulen, bei Computer und Internet, bei der Integration ausländischer Mitbürger und Mitbürgerinnen, bei Wohnberatung, Kultur und Sport. senior Trainer innen beraten Initiativgruppen jeden Alters und unterstützen durch Konfliktmanagement, beim Aufbau von Kontaktnetzen, der lokalen Lobbyarbeit oder bei der Gewinnung von Ehrenamtlichen. Sie beraten bei Existenzgründungen und unterstützen kleine und mittelständische Unternehmen aus Handwerk, Handel und Industrie. Sie nutzen Ihre vielfältigen Kontakte auch dazu, um Männer und Frauen bei der Suche und Vermittlung von Arbeitsplätzen zu unterstützen und Ausbildungspatenschaften bei sozial benachteiligten Jugendlichen zu übernehmen. In meiner Heimatstadt Nürnberg haben wir ein Zentrum aktiver Bürgerinnen und Bürger, das ein Paradebeispiel für solche Aktivitäten ist. senior Trainer innen übernehmen Patenschaften für Familien, insbesondere für Alleinerziehende, bieten Mediation für ‚Problemfa13 milien’ an, unterstützen Erzieher und Erzieherinnen in der Kindertagesstätte oder helfen nachmittags in der Schule. Solches Engagement gilt es zu festigen und neues zu aktivieren. Wir sollten den älteren Menschen deutlich machen, dass sie in unserer Gesellschaft willkommen sind und gebraucht werden und dass wir ihnen ihren Fähigkeiten entsprechende Angebote machen. Vor allem müssen wir Antworten auf die Frage finden: Wie wollen wir leben, wenn wir älter sind? Und in welcher Gesellschaft wollen wir leben? Die Menschen wollen aktiv mit Lebensfreude und Optimismus alt werden, ohne Angst vor Hilflosigkeit, im Bewusstsein, ihr eigenes Leben gestalten und sich darauf verlassen zu können, dass die eigenen Wünsche respektiert werden, auch wenn sie sich einmal auf Andere verlassen müssen. Es geht darum, zu einer differenzierteren, positiveren Sicht des Alters und damit zu einer altenfreundlicheren Kultur in unserer Gesellschaft beizutragen. Wir müssen die Erfahrungen älterer Menschen stärker in der Gesellschaft nutzen. Deswegen kommt dem Ausbau des freiwilligen Engagements jenseits der aktiven Familien- und Erwerbsphase steigende Bedeutung zu. Der Freiwilligensurvey hat gezeigt, dass sich bei der Gruppe der älteren Menschen die stärksten Veränderungen in der Engagementbereitschaft ergeben haben: Zwischen den Jahren 2000 und 2006 lässt sich bei den 56bis 75-Jährigen eine um fast 6 % gestiegene Bereitschaft zum freiwilligen Engagement nachweisen. Ältere Menschen sind damit die stärkste Wachstumsgruppe in diesem Bereich. Die Weiterentwicklung des freiwilligen Engagements ist zwingend erforderlich, wenn wir den steigenden Herausforderungen gerecht werden wollen, die sich im Zuge der demografischen Entwicklung ergeben. Es gilt, die vorhandenen Infrastruktureinrichtungen wie Seniorenbüros, Freiwilligenagenturen, Freiwilligenzentren, Selbsthilfekontaktstellen, Ehrenamtsbörsen etc. zu erhalten, weiterzuentwickeln und auszubauen. Das ist in erster Linie Aufgabe der Kommunen und der Bundesländer. Sie werden weiterhin 14 investieren müssen, wenn sie die Lebensqualität in unserem Gemeinwesen erhalten wollen. Der Staat soll dabei nicht aus seiner Verantwortung entlassen werden. Für eine erfolgreiche Arbeit bedarf es einer größeren Offenheit für bürgerschaftliches Engagement bei den Behörden, eines Abbaus bürokratischer Hemmnisse, durch die bessere Einbindung der Freiwilligen in die Entscheidungsstrukturen und durch einen Ausbau generationsübergreifender Freiwilligendienste. Im Jahre 2005 startete das Modellprojekt„Generationsübergreifende Freiwilligendienste“. Ich hoffe, dass es zu positiven Ergebnissen führen wird. Gestärkt wird mit solchen Schritten ein Demokratieverständnis, das die Partizipation der Menschen in den Vordergrund rückt: nicht nur die politische Partizipation, sondern die Mitgestaltung und Mitbestimmung auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Ältere Menschen sind Bindeglied zwischen Alt und Jung und geben ihren Schatz an Wissen, Können und Erfahrungen an die nachfolgenden Generationen weiter. So wächst die Solidarität der Generationen, auf der unsere Gesellschaft aufbaut. 15 Diskussion zu dem Referat von Renate Schmidt Das Anliegen, Selbsthilfe und Eigenverantwortung älterer Menschen stärker in den Vordergrund zu rücken, wurde unterstützt. Bürgerschaftliches Engagement schließe Ehrenamtlichkeit und Selbsthilfe ein. Die Ehrenamtlichkeit älterer Menschen würde oft benutzt, um Löcher im sozialen Netz zu stopfen. Selbsthilfe hingegen könne ein Stachel im Fleisch der etablierten Wohlfahrtsverbände und Vereine sein. Ältere Menschen nicht ausgrenzen Beispiele aus der Arbeitswelt, die in der Diskussion aufgezeigt wurden, zeigen, dass ältere Menschen bei Umstrukturierungen oft als erste entlassen würden und selbst wenn es um bürgerschaftliches Engagement ginge, nicht gleichberechtigt seien. Zum Beispiel sei keine Vertretung des Landesseniorenbeirates in Berlin in den Rundfunkrat gewählt worden. 1 Auch dürften ältere Menschen, die keinen Zugang zum Internet haben oder haben wollen nicht von Informationen ausgeschlossen werden. Hier gälte es Alternativen zu finden, weil viele Informationen heute offensichtlich nur noch durch das Internet erhältlich sind. Renate Schmidt betonte die Notwendigkeit, in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens eine„gute Mischung“ zwischen den Generationen herzustellen und keine Dominanz irgendeiner Generation hinzunehmen, weder in der Arbeitswelt, noch im bürgerschaftlichen Engagement. Im Blick auf die Arbeitswelt verwies sie darauf, dass das Renteneintrittsalter in den letzten Jahren von unter 60 Jahren auf etwas über 63 Jahre deutlich gestiegen sei. Es würden weniger ältere Menschen aus dem Erwerbsleben herausgedrängt und mehr ältere Menschen eingestellt. Das Renteneintrittsalter müsse noch weiter steigen, damit mehr Ältere mit ihren Erfahrungen in das Erwerbsleben integriert werden können. Als„einen großen Erfolg“ bezeichnete Renate Schmidt das Programm des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales„Perspektiven 50plus – Beschäftigungsaspekte für Ältere in den Regionen,“ das 1 Der Rundfunkrat ist ein Kontrollgremium der deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten zur Vertretung der Interessen der Allgemeinheit bei der Programmgestaltung. ­Zugleich ist er das oberste, für die Programmkontrolle zuständige Aufsichtsgremium. Der Rundfunkrat soll den Querschnitt der Bevölkerung abbilden. 17 dazu beigetragen hätte, viele langzeiterwerbslose Ältere wieder in die Arbeit zu integrieren. Durch Beispiele von Unternehmen, die„Managing Diversity“ 2 praktizieren, würde deutlich, wie sehr sich die„gute Mischung“ zwischen den Altersgruppen auszahle. Unternehmen, die diese Erkenntnis missachten, begingen schwere Managementfehler. Modellprojekte weiter fördern Aus dem Publikum wurde über eine Reihe positiver Beispiele gelungener Zusammenarbeit zwischen bürgerschaftlich engagierten alten und jungen Menschen berichtet. Erwähnt wurde das Projekt„Seniorpartner in School“(SiS). Hier werden ältere Menschen zu Mediatoren ausgebildet. Sie helfen Schülerinnen und Schülern Konflikte fair und gewaltfrei zu lösen. 3 Das Projekt läuft im Sommer 2008 aus und es ist unklar, wie die innovativen Ideen nachhaltig abgesichert und weiterentwickelt werden können. Ähnliche Sorgen äußerten auch Menschen aus anderen Projektzusammenhängen. „„Es geht darum, zu einer differenzierteren, positiveren Sicht des Alters und damit zu einer altenfreundlicheren Kultur in unserer Gesellschaft beizutragen. Wir müssen die Erfahrungen älterer Menschen stärker in der Gesellschaft nutzen.“ Renate Schmidt Renate Schmidt machte darauf aufmerksam, dass die Bundesrepublik Deutschland nach dem Prinzip des Föderalismus organisiert sei. Für Modellprojekte, die auf Bundesebene angestoßen wurden und deren Laufzeit ausläuft, ist das Bundesministerium nicht mehr zuständig. Es ist Sache der Länder und Kommunen, diese Projekte, soweit sie sie für sinnvoll 2 Managing Diversity ist ein Unternehmenskonzept durch das die Vielfalt der Arbeitnehmer­ innen und Arbeitnehmer im Berufs- und Arbeitsleben hinsichtlich Alter, Geschlecht, ethnischer Herkunft, körperlicher Behinderung, sexueller Orientierung, Religion und Lebensweise gefördert werden soll. 3 Die am Projekt Teilnehmenden erklären sich bereit, nach ihrer kostenlosen Ausbildung als Mediatoren, für mindestens 1 ½ Jahre jeweils 5 bis 10 Stunden pro Woche ehrenamtlich in einer Schule als Ansprechpartner oder-partnerin bei Konflikten zur Verfügung zu stehen. 18 erachten, in eigene Zuständigkeiten zu übernehmen. Passiert dies nicht, werden sie nicht mehr gefördert. Die betroffenen Modellprojekte sollten sich an die für die Landes- und Kommunalpolitik Zuständigen wenden. Unbestritten schien, dass die Aktivierung der älteren Menschen für bürgerschaftliches Engagement vor allem in den Kommunen stattfinden muss. Allerdings wurde die Befürchtung geäußert, dass die Kommunen ehrenamtliche ältere Menschen für mehr ehrenamtliches Engagement werben wollen, um sie dann als billige Arbeitskräfte zu verpflichten. Gegen solche Angebote sei die ältere Generation allergisch. 19 Rahmenbedingungen für das Engagement der Älteren Dr. Peter Zeman, Deutsches Zentrum für Altersfragen, Berlin* Was bedeutet Glück? Eine aktuelle Befragung bestätigt, was wir vermuten: 87 % der Deutschen über 14 Jahren geben die eigene Gesundheit bzw. die Gesundheit der Familie als den wichtigsten Glücksfaktor an. Aber auch,„sich an den kleinen Dingen des Lebens erfreuen zu können“, ist für 69 % wichtig, um glücklich zu sein. Die Freude an den kleinen Dingen des Lebens spielt für die Befragten unter 30 Jahren(55 %) eine geringere Rolle als für die älteren Befragten(68,5 %). Ein anderer, mit insgesamt 42 % ebenfalls recht hoch bewerteter Glücksfaktor liegt darin, sich an Erfolg und Leistung erfreuen zu können. Anders als man meinen könnte, erscheint dies nur für 36 % der Vollzeit-Erwerbstätigen besonders wichtig, aber für 51 % der Rentner und Pensionäre. 4 Häufig heißt es, die Suche nach dem Spaßfaktor sei auch bei älteren Menschen ein entscheidender Beweggrund, sich zu engagieren. Die meisten engagieren sich jedoch, weil sie etwas Sinnvolles zum eigenen Nutzen und zum Nutzen anderer tun wollen. Auch Erfolg und Leistung brauchen nach dem Ende des Erwerbslebens und wenn die familialen Pflichten in den Hintergrund treten, ein entsprechendes Tätigkeitsfeld. Für viele ist das der Bereich des bürgerschaftlichen Engagements. Es erscheint daher sinnvoll, in einen fachlichen und öffentlichen Erfahrungsaustausch, der die engagierten und engagementbereiten älteren Menschen einbezieht, einzutreten. *(DZA) ist ein Forschungsinstitut, dessen Ziel es ist, die Lebenslagen, Lebenssituation und ­Lebensstile älter werdender Menschen im gesellschaftlichen und sozialpolitischen Kontext zu untersuchen. Das DZA erhält eine Grundfinanzierung vom Bundsministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend(BMFSFJ) und wirbt zusätzlich Drittmittel ein. Dr. Peter Zeman war Mitglied in einigen wissenschaftlichen Beiräten, zum Beispiel„Erfahrungswissen für Initiativen(EFI)“ und„Selbstorganisation älterer Menschen“. 4 Bertelsmann Stiftung(Hrsg.): Glück, Freude, Wohlbefinden – welche Rolle spielt das ­Lernen? Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage unter Erwachsenen in Deutschland, ­Gütersloh 2008. 21 Vielfältige Lebenslagen und Lebensstile Älterer Zwei Vorbemerkungen: Die meisten Rahmenbedingungen, die als förderlich für bürgerschaftliches Engagement erkannt wurden, gelten für alle Altersgruppen. Die Lebenslagen und Lebensstile im Alter sind vielfältig und damit auch die Bereitschaft und die Möglichkeiten, sich zu engagieren. Die Kerngruppe des Engagements im Alter sind die sogenannten jungen Alten – aber auch innerhalb dieser Gruppe sind nicht nur die Engagementbereitschaft, sondern auch die für ein Engagement wichtigen Ressourcen sehr unterschiedlich verteilt. Soziale Ungleichheiten, die den Zugang zum Engagement verbauen, sollten nicht einfach hingenommen werden. Folgt man der gerontologisch belegten Erkenntnis, dass das Engagement auch für die engagierten Älteren selbst von hohem Wert ist, z. B. weil es neue Möglichkeiten der Aktivität, Sinnerfahrung und sozialen Zugehörigkeit eröffnen kann, so sind geeignete Ansprache-, Beratungs- und Bildungsmaßnahmen, aber auch entsprechende Aufwandsentschädigungen notwendig, um auch bislang engagementferne Ältere zu erreichen. In der Regel aber werden ältere Menschen allenfalls als Zielgruppe des Engagements wahrgenommen – nicht jedoch als mögliche Akteure und Akteurinnen. Gesellschaftliches Interesse, ­Altersbilder und Leitbilder des ­politischen Handelns Eine grundsätzliche Rahmenbedingung für das Engagement älterer Menschen ist das gesellschaftliche Interesse an diesem Engagement. Dieses Interesse wächst mit den positiven Erwartungen an den Nutzen. Allerdings müssen die Gelegenheiten häufig erst erschlossen werden. Gelingt dies, so dient das zugleich dem Abbau negativer Altersbilder und hat Rückwirkungen auf das Selbstbild und die Engagementbereitschaft Älterer. Die Politik versucht sowohl das gesellschaftliche Interesse am Engagement der älteren Menschen, wie ihr Eigeninteresse daran zu stärken und die Entwicklung 22 positiver Altersbilder zu unterstützen. Allerdings gibt es durchaus Unterschiede zwischen einzelnen Bundesländern, und auf der Ebene der Kommunen differenziert sich das Bild noch weit stärker aus. In vielen Kommunen ist der Zusammenhang zwischen den Herausforderungen des demografischen Wandels und der Notwendigkeit, eine moderne Altenpolitik zu betreiben noch nicht ins Bewusstsein gedrungen – häufig selbst dann nicht, wenn sie bereits massiv von einer alternden und schrumpfenden Bürgerschaft betroffen sind 5 . Potenziale des Alters als Leitthema – Grundannahmen, Perspektiven Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und der damit verbundenen Herausforderungen, aber auch der vorhandenen Kompetenzen und Ressourcen älterer Menschen sind die Potenziale des Alters, und damit auch das bürgerschaftliches Engagement im Alter zu einem neuen altenpolitischen 5 Vgl. Bertelsmann Stiftung/Deutscher Städtetag(Hrsg.): Beruf Bürgermeister/in. Eine ­Bestandsaufnahme für Deutschland, Gütersloh 2005. 23 Leitthema geworden. Politische Konzepte im Schnittpunkt von Altenpolitik und Engagementpolitik haben einen hohen Stellenwert, auch wenn sie noch keineswegs überall realisiert werden. Die damit verbundenen Grundannahmen und Perspektiven sind von unmittelbarem Einfluss auf die Gestaltung von Rahmenbedingungen für das Engagement älterer Menschen. Die Forderung und Förderung einer gesellschaftlichen„Verantwortungsrolle für das Alter“ muss der Reduktion der Älteren auf eine gesellschaftliche Rolle als Empfänger/innen von Transferleistungen, als Klient/innen und Konsument/ innen entgegengesetzt werden. Das Modellprogramm„Erfahrungswissen für Initiativen(EFI)“ hat sich genau diesem Anspruch gestellt. Die Marginalisierung und Geringschätzung der Produktivität des Alters(im Erwerbsleben wie im Engagementbereich) gefährdet unter dem Vorzeichen des demografischen Wandels die gesellschaftliche Entwicklung. Dagegen muss Altersproduktivität in ihrem gesellschaftlichen Wert sichtbar gemacht, anerkannt, gefördert und genutzt werden. Altersbeeinträchtigungen lassen sich nicht vermeiden, aber sie können durch Prävention erheblich aufgeschoben und gemildert werden. Dies setzt neben unverzichtbaren staatlichen Sicherungs- und Versorgungsleistungen ein erhebliches Maß an Eigenverantwortung und Mitverantwortung voraus. Das entspricht dem Bedürfnis vieler älterer Menschen, muss aber gezielt aktiviert und unterstützt werden. Solche Überlegungen können sich auf gerontologische Erkenntnisse berufen, welche die Bedeutung von Selbstverantwortung und einer umfassend definierten Altersproduktivität für ein„gutes Alter“ belegen. Eine besondere Dynamik gewinnt die Neujustierung der Al„Sozialtechnologisch inspirierte„Verpflichtungsphantasien“ verfehlen die Realität. Ältere Menschen engagieren sich nicht, weil sie öffentliche Gelder sparen wollen oder sich als Ausfallbürgen und Lückenfüller für öffentliche Dienste tenpolitik aus der Spannung zwischen den massiven Finanzierungsproblemen im öffentlichen Versorgungssystem und dem von Alterskohorte zu Alterskohorte gestiegenen Kompetenz- und Ressourcenniveau. einsetzen lassen wollen. Sie engagieren sich, wenn sie darin eine Perspektive zur Verbesserung von Lebensqualität für sich Es gibt viele aktuelle Beispiele, etwa aus den Bundesmodellprogrammen und andere.“ Dr. Peter Zeman 24 „Erfahrungswissen für Initiativen“ und„Selbstorganisation älterer Menschen – Bürgerschaftliches Engagement als Chance und Aufgabe für die Kommunen“. Der mit solchen Ansätzen verbundene Perspektivwechsel von der sogenannten Defizitorientierung auf die Hervorhebung der Potenziale des Alters, manche sprechen sogar von einem Paradigmenwechsel, darf jedoch zugleich vorhandene und in Zukunft sicherlich wachsende Autonomie- und Gestaltungsbedürfnisse, den sogenannten„Eigensinn“ bürgerschaftlich engagierter und zu bürgerschaftlichem Engagement bereiter älterer Menschen nicht außer Acht lassen. Selbstverpflichtung zur Mitverantwortung statt„Dienst­ver­pflicht­ ung“ In seinem Kern entzieht sich das bürgerschaftliche Engagement, – auch das der älteren Menschen –, einer sozialpolitischen Steuerung von außen. Sozialtechnologisch inspirierte„Verpflichtungsphantasien“ verfehlen die Realität. Ältere Menschen engagieren sich nicht, weil sie öffentliche Gelder sparen wollen oder sich als Ausfallbürgen und Lückenfüller für öffentliche Dienste einsetzen lassen wollen. Sie engagieren sich, wenn sie darin eine Perspektive zur Verbesserung von Lebensqualität für sich und andere sehen. Zugleich verbinden sie damit immer stärker Ansprüche auf Mitgestaltung und Partizipation. Das Engagement Älterer ist, anders als Vorurteile manchmal unterstellen, keineswegs rückwärtsgewandt oder nur auf eine Stabilisierung der bestehenden Verhältnisse gerichtet. Viele ältere Menschen wollen durch ihr Engagement etwas verändern, ihre soziale und räumliche Umwelt aktiv mitgestalten. Ein solches Engagement ist mitunter äußerst innovativ, und dies wird – die Aufgeschlossenheit der Kooperationspartner vorausgesetzt – auch geschätzt und erwartet, wie die Evaluation des Modellprogramms„Erfahrungswissen für Initiativen“ zeigt. 6 Nicht Dienstverpflichtung, sondern freiwillige Selbstverpflichtung macht die Qualität des Engagements aus. Von daher ist eine Konzentration der Politik auf förderliche Rahmenbedingungen sinnvoll. Inhaltliche Eingriffe und zu enge Vorgaben können die Engagementbereitschaft lähmen. Allerdings geht es auch um Anregungen und Angebote, um Gelegenheitsstrukturen, um 6 Engels, D.; Braun, J.; Burmeister, J.: senior Trainer innen und seniorKompetenzteams. ­Erfahrungswissen und Engagement älterer Menschen in einer neuen Verantwortungsrolle: Köln: ISAB-Verlag 2007, Schriftenreihe: Berichte aus Forschung und Praxis Nr. 102. 25 die Öffnung von Tätigkeitsfeldern und Institutionen, um die Bereitschaft zu Kooperation und um eine Kultur der Partizipation und Wertschätzung. Rechte, Geld, Infrastruktur und mehr Gute Rahmenbedingungen sind mehr als Rechte und Geld und sie erschöpfen sich auch nicht in der Schaffung engagementfördernder Strukturen. Gleichwohl sind mit den Stichworten„Rechte, Geld und Infrastruktur“ zentrale Bausteine benannt. Mit dem neuen„Gesetz zur weiteren Stärkung des bürgerschaftlichen Engagements“ 7 wurden neue steuerrechtliche und finanzpolitische Erleichterungen und Anreize geschaffen. Allerdings sind insbesondere für Ältere, die ohnehin kaum Steuern zahlen, solche materiellen Anreize nicht sehr ­attraktiv; die Frage der Aufwandsentschädigung erscheint hier für viele relevanter. Auf der bundespolitischen Agenda steht, auch bei anderen Gesetzen Auswirkungen auf das ehrenamtliche Engagement zu prüfen und die Bedingungen weiter zu verbessern. Dabei geht es vor allem um eine Entbürokratisierung von Verwaltungsstrukturen, die für das Engagement zugänglicher und transparenter werden sollen. Das Fehlen einer nachhaltigen finanziellen Basis, die über die Förderung eines bunten Strausses von kurzlebigen Einzelprojekten und Modellen hinausreicht, wird immer wieder beklagt, obwohl alle Experten den Ausbau und die Sicherung einer Infrastruktur von Agenturen zur Unterstützung und Vermittlung von bürgerschaftlichem Engagement(Selbsthilfekontaktstellen, Seniorenbüros, Freiwilligenagenturen) für besonders wichtig halten. Solche Anlauf- und Informationsstellen können wichtige Funktionen zur Koordinierung und Vernetzung von Engagementangeboten und-nachfragen erfüllen. Ihre Aufgabe ist es, Freiwillige und Organisationen zu beraten und zu informieren, sowie Engagementformen und-möglichkeiten vor Ort zu öffnen. Darüber hinaus bieten sie Möglichkeiten zum Erfahrungsaustausch, stellen 7 Gesetz zur weiteren Stärkung des Bürgerschaftlichen Engagements vom 10. Oktober 2007. Bundesgesetzblatt Jahrgang 2007, Teil I, Nr. 50 vom 15.10.2007. 26 Weiterbildung und Supervision bereit und unterstützen die Selbstorganisation von engagierten älteren Menschen durch Öffentlichkeitsarbeit, sowie durch Räume, Bürotechnik, PC- und Internetzugang. Zur Sicherung der Kontinuität und Verlässlichkeit sind hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Infrastruktureinrichtungen unverzichtbar. Eine gezielte Qualifizierung und Weiterbildung für Aufgaben im Rahmen des bürgerschaftlichen Engagements bezieht sich nicht nur auf die freiwillig Engagierten selbst, sondern ebenso auf ihre Kooperationspartner und-partnerinnen in den Institutionen und Organisationen. Freiwillig Engagierte wünschen sich – dies belegen viele empirische Untersuchungen – Supervision, Qualifizierung und Weiterbildung. Weiterbildungsangebote können nicht nur die von den Engagierten gewünschte und erforderliche Wirksamkeit und Qualität ihrer freiwilligen Tätigkeit verbessern, sie werden auch als ein Zeichen der Anerkennung und Wertschätzung verstanden. Das Modellprogramm„Erfahrungswissen für Initiativen“ hat belegt, dass Weiterbildungsangebote insbesondere auch für die Selbstvergewisserung des mitgebrachten Erfahrungswissens, seine Aufbereitung und Ergänzung sowie den gezielten Einsatz in freiwilligen Tätigkeiten eine Schlüsselfunktion haben können. Weiterbildung 27 eröffnet darüber hinaus, den von vielen engagementbereiten Menschen angestrebten Zugang zu neuen Bildungserfahrungen im Sinne eines auch im Alter gewünschten„lebenslangen Lernens“. Dazu gehört es, auch Bildungsinstitutionen systematisch einzubinden, zumal es hier mittlerweile sehr qualifizierte Akteure und Akteurinnen und erprobte Konzepte gibt. 8 Für die kommunalen Förderstrukturen zur Aktivierung und Unterstützung bürgerschaftlichen Engagements ist eine ausreichende Finanzierung notwendig, damit eine differenzierte und professionelle Profilbildung möglich ist. Die bisherige Erfahrung zeigt, dass die Formel gilt, dass eine Kommune umso mehr aus der Freiwilligenkultur zurückbekommt, je mehr sie investiert. Die Basisfinanzierung für kommunale Förderstrukturen bürgerschaftlichen Engagements ist sicherlich am ehesten durch Mischfinanzierungen zu sichern, aber es müssen berechenbare und verlässliche Förderanteile aus öffentlichen Mitteln gewährleistet werden. Auf der Basis einer gesicherten Grundfinanzierung sollten die kommunalen Infrastrukturen der Engagementförderung Fonds für spezielle kommunale Projekte bilden. Dies kann durch die Schaffung von Bürgerstiftungen erfolgen, auch in Kooperation mit der Wirtschaft. Lokale Unterstützungsstrukturen der Engagementförderung bedürfen der Ergänzung und Unterstützung durch überregionale Netzwerke, die als Foren des Erfahrungsaustauschs, zur Weitergabe von Beispielen guter Praxis und für die überörtliche Lobbyarbeit gestärkt und weiter ausgebaut werden sollten. Auf nationaler Ebene sind die„Bundesarbeitgemeinschaft Seniorenbüros e. V.“ und die„Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen e. V.“ zu nennen, aber auch selbstorganisierte Formen des bürgerschaftlichen Engagements(wie der von senior Trainer innen gebildete Zusammenschluss „EFI Deutschland“). In einigen Bundesländern wurden ebenfalls überregionale Gremien geschaffen, die als Foren des Austauschs, der wechselseitigen Anregung, der Fortbildung und Öffentlichkeitsarbeit, als Impulsgeber und Multiplikatoren einer strukturellen Engagemententwicklung dienen. Auch sie brauchen Ressourcen, um qualifiziert arbeiten zu können. Die reiche 8 Burmeister, J.: Weiterbildung für eine neue gesellschaftliche Verantwortungsrolle – das ­Curriculum„ senior Trainer innen“. In: Informationsdienst Altersfragen, 05/2007, Themenheft: Altersbildung, S. 7-10. Burmeister, J.; Heller, A.; Stehr, I.: Weiterbildung älterer Menschen für bürgerschaftliches Engagement als senior Trainer in. Ein Kurskonzept für lokale Netzwerke. Köln: ISAB-Verlag 2005, Berichte aus Forschung und Praxis Nr. 91. 28 ­Initiativenkultur in einigen Bundesländern ist, wie die Engagementforschung zurecht betont, nicht zuletzt entsprechenden Netzwerken und Geschäftsstellen zu verdanken. Vor allem aber auch einer Verankerung der allgemeinen und altenpolitischen Engagementförderung in ministeriellen Stabsstellen und spezifisch damit befassten Referaten. Durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend(BMFSFJ) wird gegenwärtig auf Bundesebene eine Bündelung der Engagementförderung betrieben, die unter dem Titel„Initiative Alter schafft Neues“ Impulse zur Anerkennung, Weiterentwicklung und Stärkung des Engagements Älterer geben will. Neben generationenübergreifenden und generationenverbindenden Modellprogrammen(z. B.„Freiwilligendienste aller Generationen“) ist dort ein neues Modellprogramm im Schnittpunkt von Alten- und Engagementpolitik eingebunden, mit dem eine soziale Bewegung für eine aktive Rolle des Alters und bessere Partizipation älterer Engagierter in der Kommune angestoßen werden soll. Basis ist das von vielen gesellschaftspolitischen Akteuren und Akteurinnen mitgetragene Memorandum„Mitgestalten und Mitentscheiden – Ältere Menschen in der Kommune“. 29 Zivilgesellschaftliche Handlungsf­ elder für das Engagement von Älteren: Einige Beispiele Carola Schaaf-Derichs, Treffpunkt Hilfsbereitschaft, Landesfreiwilligenagentur Berlin* Berlin hat eine lange Vorgeschichte zum Thema„Erfahrungswissen“.„Erfahrungswissen Älterer nutzen“ titelte bereits vor zwanzig Jahren ein Projektverbund, der bis heute Leuchtturmprojekte mit einer großen Strahlkraft und einem hohen„Ansteckungsrisiko“ hervorgebracht hat. Dahinter steckt der Anspruch, dass die beteiligten Menschen ihre lebenslang gewonnene und verdichtete Erfahrung aus verschiedenen Rollen des Berufs-, Privat- und Soziallebens einbringen und sich mit der Verantwortung ihrer biografischen Sichtweise bewusst einmischen. Der Erfahrungsschatz der Beteiligten besteht aus vielen Quellen und aus noch mehr Bewusstmachungsprozessen. Daher ist die sogenannte formale Lernbiografie, also das Gelernte aus Schule und Beruf, aus der Aus-, Fort- und Weiterbildung, nur einer der vielen Erfahrungsstränge. Das informelle Lernen ist erwiesenermaßen mindestens genauso wichtig für die Erfahrungsbildung. Der Treffpunkt Hilfsbereitschaft arbeitet mit mehr als 300 Organisationen zusammen, die ein vielfältiges Spektrum an Projekten initiiert haben. Hier soll eine kleine Auswahl aufgezählt werden: Wissensbörsen, die zwischen Menschen, die ihr Wissen, ihre Erfahrung, ­Fähigkeiten und Fertigkeiten in allen Bereichen des Lebens anbieten wollen und Menschen, die etwas erfahren und lernen wollen, vermitteln; Zeitzeugenbörsen, die die Weitergabe der unendlichen Vielfalt persönlicher Erfahrungen und Erlebnisse, die ältere Menschen gemacht haben, ermöglichen; Stadtführer/innen, die mit zeitgeschichtlicher Kompetenz Berlin zeigen, wie es ­gewachsen ist, wie sie es erlebt haben; Theater der Erfahrungen als Orte vielfältigen kulturellen und lebensbiografischen Austausches; BANA, das Projekt zur Weiterbildung für nachberufliche Aktivitäten für Menschen ab 45 Jahren, die nicht berufstätig sind oder die nach der aktiven ­Familienphase ihr persönliches Wissen erweitern wollen * Der Treffpunkt Hilfsbereitschaft – die Landesfreiwilligenagentur Berlin – ist seit 1988 das ­Berliner Informations- und Beratungszentrum für alle Fragen rund um das bürgerschaftliche Engagement. Ziel des Treffpunkt Hilfsbereitschaft ist es, das bürgerschaftliche Engagement zu fördern und optimale Rahmenbedingungen für freiwilliges Engagement zu schaffen. 31 Mentorship 9 – Beratung – Coaching 10 Hier geht es um die Unterstützung von komplexen Aufgaben und Verantwortungsrollen, die per se nicht umfassend gelehrt, sondern vielmehr in der Praxis erfahren(und zum Teil erlitten) werden: Junge Führungskräfte bekommen von erfahrenen Führungskräften Rückenstärkung; Menschen, die eine Exis­ tenzgründung versuchen, profitieren aus dem vielfältigen Erfahrungsschatz von ehemaligen Unternehmerinnen und Unternehmern. Das ehrenamtliche Engagement Älterer im Feld der Wirtschaft Hier sollen einige Berliner Projekte und herausragende Engagement-Projekte aus dem gesamten Bundesgebiet aufgeführt werden: der Berliner BeratungsDienst(BBD), durch den Fachleute und Führungskräfte im Ruhestand ehrenamtliche Weitergabe von Erfahrungswissen an die ­jüngere Generation anbieten; das Expertinnenberatungsnetz mit 24 hochqualifizierten Expertinnen mit langjähriger Berufserfahrung, die ihr Fachwissen ehrenamtlich an jüngere Frauen weitergeben; die Business Angels, die Investoren und kapitalsuchende Unternehmer/innen zusammenbringen; der SeniorExpertenService(SES) als ehrenamtliche Plattform für ehemalige Führungskräfte und Unternehmer/innen, die beratend für kleine und mittlere ­Unternehmen(KMU) im In- und Ausland tätig werden. 9 Mentorship ist ein Personalentwicklungsinstrument, mit dem eine erfahrene Person(Mentorin oder Mentor), ihr Wissen an eine noch unerfahrene Person(Mentee) weitergibt, mit dem Ziel den Mentee in seiner Entwicklung, hier für das Bürgerschaftliche Engagement, zu fördern. 10 Coaching oder Begleitung ist ein Konzept, durch das in professioneller Form individuelle Beratung, mit dem Schwerpunkt auf die Persönlichkeitsentwicklung, hier für das Bürgerschaftliche Engagement, angeboten wird. 32 Das bürgerschaftliche Engagement Älterer für generationsüber­ greifende Beziehungen Als generationsübergreifende Ansätze für den Einsatz vom Erfahrungswissen Älterer dienen Beispiele, die nicht nur zwischen den Generationen, sondern auch zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Schichten vermitteln. Dazu zählen: die JobPATEN, ein Projekt des Diakonischen Werks, durch das Erwerbslose auf dem Integrationsweg zurück in die Arbeitswelt begleitet werden; Biffy – Big Friends for Youngsters(große Freunde für Kinder), ein Projekt der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, durch das Wahlverwandtschaften in Form von Patenschaften zwischen engagierten Erwachsenen und Kindern bzw. Jugendlichen, die in ihren Lebenszusammenhängen wenig persönliche Unterstützung erhalten, vermittelt werden; Generationen-aktiv, ein Projekt des„Treffpunkt Hilfsbereitschaft“, das Angebote vermittelt, um das freiwillige Engagement für Jung und Alt in Berlin zu einer gemeinsamen Bereicherung werden zu lassen. Erfahrungswissen Älterer zu gesellschaftlich brisanten Fragen Hier sollen vier Beispiele für das couragierte Aufgreifen gesellschaftlich brisanter Fragen durch Menschen mit Erfahrungswissen, die zugleich lösungsorientiert vorgehen, aufgezeigt werden: Der Arbeitskreis Altern und Gesundheit, der den Mitgliedern und der interessierten Fachöffentlichkeit ein Forum bereitstellt, in dem sie aktuelle Entwicklungen im Gesundheitsbereich erfahren, diskutieren und mitbestimmen können; das Projekt Seniorpartners in School, das Mediation und Gewaltprävention durch dafür ausgebildete bürgerschaftlich engagierte jüngere Seniorinnen und Senioren in der Schule vermittelt; die ehrenamtlichen Integrationslotsen, die die Förderung der Integration von Neuzugewanderten und teilweise auch von langjährig in Deutschland lebenden Migrantinnen und Migranten zum Ziel haben; 33 der Großelterndienst Berlin, der vitale Ältere als Wunschomas oder Wunschgroßeltern an alleinerziehende Mütter und Väter vermittelt. Gemeinwesenorientierte Projektentwicklung durch Ältere Das Bundesmodellprogramm„Erfahrungswissen in Initiativen“(EFI) hat einen einzigartigen Schub an Gründungen und Vernetzungen bewirkt. Hier werden Projekte unterstützt und initiiert, die einen das Gemeinwesen unterstützenden Charakter für Städte und Kommunen haben. Zu erwähnen sind: das Kompetenznetz für das Alter, ein Zusammenschluss aus Praktikerinnen und Praktikern und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, der sich der Verbesserung der Kooperation bestehender gerontologischer Forschungseinrichtungen und der Stärkung von Lehre und Forschung in Berlin mit Ausstrahlung nach Brandenburg widmet; 34 die senior Trainer innen, das sind ältere Menschen, die ihr Erfahrungs­w­ issen dem Gemeinwesen zur Verfügung stellen und Initiativen, Vereine und Verbände unterstützen. In seniorKompetenzteams, den lokalen Zusammenschlüssen der senior Trainer innen, belegen sie, wie innovativ der demografische Wandel in den Kommunen bewältigt werden kann. Der Treffpunkt ­Hilfsbereitschaft ist seit 2005 Träger für das Berliner seniorKompetenzteam, das den Berliner-Freiwilligen-Tag seit 2006 unterstützt, ebenso die Berliner Freiwilligenbörse, die erstmals am 1. März 2008 in Berlin durchgeführt wird sowie die Entwicklung des„Engagementnetzes Gropiusstadt“, das in Zusammenarbeit mit dem Quartiersmanagement Gropiusstadt zunächst die fachliche und inhaltliche Vernetzung der Engagierten und Vereine befördert und daraus eine Freiwilligenagentur für Gropiusstadt entwickeln will. Das seniorKompetenzteam arbeitet eng mit den hauptamtlich Tätigen zusammen. Abschließende Bemerkungen Engagement kennt keine Altersgrenze, vorausgesetzt, es bestehen ein ­Interesse an der Kooperation mit Engagierten, ein klares Aufgaben- und Rollenprofil für Engagementbereite, för­der­liche Rahmenbedingungen und vor allem keine Altersvorurteile. Engagement ist ein wertvoller Faktor für die Erhöhung der Lebensqualität im Alter, wenn es die reichhaltigen Erfahrungsschätze der Älteren einbezieht. Für politisches Handeln hieße das, dass die konstruktive Seite des demografischen Wandels durch ermunternde Strukturen für das Engagement Älterer zu fördern ist und die Verantwortung für die notwendigen Ressourcen übernommen werden muss. „Der Erfahrungsschatz der Beteilig­ ten besteht aus vielen Quellen und aus noch mehr Bewusstmachungsprozessen. Daher ist die sogenannte formale Lernbiografie, also das Gelernte aus Schule und Beruf, aus der Aus-, Fort- und Weiterbildung, nur einer der vielen Erfahrungsstränge. Das informelle Lernen ist erwiesenermaßen mindestens genauso wichtig für die Erfahrungsbildung.“ Carola Schaaf-Derichs 35 Podiumsdiskussion: „Erfahrungswissen nutzen – aber wie?“ Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Podiumsdiskussion und das im zweiten Teil der Diskussion einbezogene Publikum nahmen in ihren Statements zu folgenden Fragen Stellung: Was ist Erfahrungswissen? Zukünftige Situation älterer Menschen Das„Geschenk einer neuen Lebensphase“ Gesellschaftliche Teilhabe Älterer durch bürgerschaftliches Engagement Ältere Migrantinnen und Migranten im bürgerschaftlichen Engagement Selbsthilfe und Selbstorganisation Rahmenbedingungen für das Engagement der Älteren Angelika Graf, MdB seit 1994, Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend; Bundesvorstand der Arbeitsgemeinschaft SPD 60plus. Helga Walter, Vorsitzende der Bundes­ arbeitsgemeinschaft der Landessenioren­ vertretungen, Berlin. Carola Schaaf-Derichs, Geschäftsführerin des Treffpunkt Hilfsbereitschaft – Landesfrei­ willigenagentur Berlin. Dr. Peter Zeman, Deutsches Zentrum für Altersfragen, Berlin. Was ist Erfahrungswissen? Auf den Punkt brachte es Dr. Peter Zeman:„Erfahrungswissen ist kein Buchwissen“. Was aber ist es dann? Das während der Tagung mehrmals zitierte EFI Programm versteht darunter„das im Laufe des Lebens gesammelte personengebundene Wissen und Können(…), das sich in vielfältigen Formen zeigt: als sog. Gebrauchswissen für die Alltagsgestaltung, sodann als erlernte, ausgebildete Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kompetenzen sowie als persönliche Urteilskraft, mit deren Hilfe Kenntnisse und Fertigkeiten eingesetzt werden können.“ Dr. Zeman schließt daraus, dass Erfahrungswissen„Bauchwissen“ ist. Mit dieser Definition schienen die übrigen Podiumsteilnehmerinnen einverstanden zu sein. Erfahrungswissen ist ganz offensichtlich kein Kuchen, von dem man etwas abschneiden kann. Ältere Menschen müssen auch eingeladen werden, ihre 37 Erfahrungen mitzuteilen. Erfahrung kann nur dann nutzbar eingesetzt werden, wenn sie sich dem Fluss eigener und kultureller Änderungen aussetzt. Erfahrungswissen ‚versickert’, wenn es nicht immer wieder abgefragt und aktiviert wird. Hier gingen die Meinungen der Diskutierenden auseinander. Ebenso ging es mit der Frage, warum Erfahrungen, die immer wieder gemacht werden, nicht in konkrete Handlungen umgesetzt werden. Wo liegt das Problem? „Im Erfahrungswissen selbst“, so Dr. Zeman. Jeder wolle seine eigenen Erfahrungen machen. Daher sei Erfahrungswissen zum großen Teil nicht vermittelbar. Viele Erfahrungen würden gemacht, verarbeitet und verinnerlicht und beeinflussen so das konkrete Handeln einer Person. Eine Handlung setze allerdings immer auch Entscheidungen voraus. Beispiele aus dem Arbeitsleben zeigen, dass es aufgrund von Erfahrungen oft möglich ist, auf unvorhergesehene Situationen schnell und situativ richtig zu handeln. Helga Walter widersprach:„Erfahrungswissen versickert nicht“. Woher kämen die vielen gut funktionierenden Projekte, wenn nicht so viele ältere Men38 schen ihre Erfahrungen einbrächten. Die vorhandenen Kompetenzen nachzufragen, abzurufen und sie als Ressource zu begreifen und zu nutzen, sei eine Aufgabe der Verbände und Vereine. Jeder schöpfe aus den Erfahrungen, die er im Leben gemacht hat.„Ohne Erfahrungswissen könnte vieles gar nicht funktionieren. Um das Erfahrungswissen wieder zu aktivieren bzw. am Leben zu erhalten, brauchen wir die ehrenamtliche Tätigkeit“, umgekehrt komme man ohne Erfahrungswissen im bürgerschaftlichen Engagement nicht aus, resümierte Helga Walter. Auch aus Misserfolgen könnten neue Fähigkeiten entwickelt und bisher ungenutzte persönliche Potenziale entfaltet werden. Das könne besonders bedeutsam sein, wenn es darum ginge, Strategien zu entwickeln, wie solche Misserfolge künftig vermieden werden können oder wie das Interesse an der Arbeit dennoch aufrecht erhalten werden kann. Im bürgerschaftlichen Engagement gäbe es viele ältere Menschen, die sich mit anderen Älteren austauschen, die aber auch bereit sind, ihr Erfahrungswissen an Jüngere weiter zu geben und selbst aus den Erfahrungen der Jüngeren zu lernen. Umgekehrt sei auch die jüngere Generation gerne bereit, ihr Wissen mit Älteren zu teilen. So sei bürgerschaftliches Engagement geeignet, die Solidarität zwischen den Generationen zu verbessern. „Erfahrungswissen kann völlig unabhängig vom vorher ausgeübten Beruf gesehen werden“, darauf wies Angelika Graf hin. So könne jemand, der in einem technischen Beruf tätig war und im„Ruhestand“ ist, sein Wissen für den technischen Bereich zur Verfügung stellen. Er könne jedoch auch sagen, es habe ihn immer die Frage interessiert, woran es liegt, dass Kinder Schwierigkeiten haben, einen qualifizierten Schulabschluss zu erreichen. Das seien ganz unterschiedliche Bereiche, aber in beide Bereiche kann Erfahrungswissen eingebracht werden. Kinder mit Migrationshintergrund hätten oft Probleme, deutsche oft nicht weniger. Viele Eltern könnten sich nicht genügend um ihre 39 Kinder kümmern.„Da gibt es ein weites Betätigungsfeld. Wir hätten weniger Probleme, wenn diejenigen, die Kompetenzen erworben haben, die Gelegenheit bekämen, ihr Erfahrungswissen an Kinder weiterzugeben“, sagte ­ Angelika Graf. Im Rahmen der Diskussion wurden die vielfältigen Interessen älterer Menschen deutlich. Sie wollen ihr Erfahrungswissen nicht nur im traditionellen Engagement, wie zum Beispiel im Sport oder im sozialen Bereich einbringen. Sie wollen sich auch in politischen Ehrenämtern engagieren und auf kommunale, staatliche und kommerzielle Planungsprozesse Einfluss nehmen. Angelika Graf machte am Beispiel der bevorstehenden bayerischen Kommunalwahlen deutlich, dass bürgerschaftliches Engagement sich auch nicht auf das „traditionelle Ehrenamt“ oder Seniorenvertretungen beschränken müsse. Es könne auch auf die Aktivierung der politischen Partizipation älterer Menschen im Gemeinwesen zielen. Bei den Älteren selbst stellte sie„ein gewisses Umdenken“ fest: Ältere Menschen, die vorher noch keine Mandate inne hatten, stellten sich nach Beendigung ihrer Berufstätigkeit für kommunalpolitische Ämter zur Verfügung. Daraus schließt sie, dass die Älteren ihre„gewonnene Zeit“ dafür nutzen wollen, sich politisch einzumischen und ihr Gemeinwesen aktiv mitzugestalten. Diese Lust an der politischen Beteiligung sollte unterstützt und gefördert werden. Zukünftige Situation älterer Menschen Aus dem Fünften Altenbericht, der von der Rot-Grünen Bundesregierung in Auftrag gegeben worden war, wird deutlich, dass Menschen, die im früheren Lebensalter aktiv waren, meist auch später aktiv bleiben:„Wer sich gut im Leben zurechtgefunden hat, wird auch gut alt werden, weil er zufrieden ist, mit dem was er gemacht hat; wer mit seinem Leben hadert, wird auch im Alter hadern“, sagte Angelika Graf. Unsere Gesellschaft hätte allen Grund, dafür zu sorgen, dass auch jüngere Menschen künftig mit ihrem Leben zufrieden sein können. Um das zu erreichen, seien stützende gesellschaftliche Rahmenbedingungen erforderlich. „Seniorenvertretungen wollen nicht nur die Interessen der älteren Menschen gegenüber der Politik vertreten, sie begreifen sich ebenso als Interessenver40 tretung für die Jüngeren. Ihr Anliegen ist es, auf eine gesellschaftliche Entwicklung Einfluss zu nehmen, die dahin geht, dass alle Menschen, unabhängig von ihrem Alter, ein erfülltes Leben führen können“, sagte Helga Walter. Von daher gebe es innerhalb der verschiedenen Lebensphasen zwar verschiedene Interessen, es bestünden jedoch große Schnittmengen zwischen den Interessen der älteren Menschen und denen der jüngeren. Bedauerlicherweise verfügen heute viele Menschen gegen ihren Willen über viel„Freizeit“, weil sie erwerbslos sind und keine bezahlte Arbeit bekämen. Auch diese Menschen engagieren sich zunehmend ehrenamtlich. Sie wollen nicht zu Hause sitzen, sondern ihre Zeit sinnvoll verbringen. Damit ist das Ehrenamt zur generationsübergreifenden Gratisarbeit geworden. Dr. Peter Zeman hob hervor, dass das bürgerschaftliche Engagement der Älteren dennoch von besonderer engagementpolitischer Relevanz sei. Mit der Berufsaufgabe verbundene Kontaktverluste, der Gewinn an„freier Zeit“ und die Suche nach einer neuen gesellschaftlichen Position könnten dazu führen, neue Tätigkeitsfelder zu erschließen oder alte wieder aufzunehmen und stärker zu verfolgen, als es zur Zeit der Berufstätigkeit möglich war. Hier sieht er die besondere Herausforderung für die Schaffung„altengerechter“ Engagementformen. Das„Geschenk einer neuen Lebensphase“ Durch den zunehmenden Anteil älterer Menschen nimmt auch die Zahl derjenigen, die von Pflichten und äußeren Zwängen, die die institutionalisierte Erwerbsarbeit auferlegt,„befreit“ sind. Diese„Freisetzung“ kann als großer Gewinn erlebt werden. Viele ältere Menschen verfügen auch nach Abschluss ihrer Berufstätigkeit über Innovationspotentiale und Motivationen, die sie 41 aktiv zur Verwirklichung ihrer eigenen Interessen, aber auch zum Nutzen der Gesellschaft einbringen wollen. Vor allem haben sie eine wichtige Ressource, die viele jüngere Menschen – sieht man von den erwerbslosen ab – nicht haben: Zeit. Die„gewonnen Jahre“, die durch eine längere Lebenserwartung entstehen, eröffnen die Möglichkeit, nach dem Erwerbsleben noch neue Perspektiven aufzunehmen. Ältere Menschen wollen die gewonnene Zeit für eine sinnvolle Tätigkeit in gesellschaftlich relevanten Feldern nutzen. Sie sind bereit, ihr reichhaltiges Erfahrungswissen als Ressource für das Engagement einzubringen und Weiterbildungsangebote zur Vergewisserung und Erweiterung ihren Vorwissens und Könnens mit einem besonderen Bezug zum bürgerschaftlichen Engagement wahrzunehmen. Bürgerschaftliches Engagement im Alter wird als besonders wertvoll und sinnstiftend angesehen. Allerdings setzt eine Stärkung des bürgerschaftlichen Engagements voraus, dass ältere Menschen als mitverantwortlich Handelnde 42 angesprochen werden. Darauf, dass es ein Unding sei, dass ehrenamtliche Arbeit immer noch viel zu oft nicht nur unentgeltlich geleistet wird, sondern auch noch Kosten verursacht(Fahrtkosten, Materialkosten, kleine Besorgungen etc.), die aus eigener Tasche subventioniert werden müssen, wurde auch im Rahmen dieser Veranstaltung hingewiesen. Ehrenamtliche fordern schon lange eine unbürokratische Erstattung aller ihnen entstehenden Auslagen für Fahrt- und Sachkosten. Mit zunehmender Altersarmut gewinnt die Forderung erneut an Bedeutung. Auf einen anderen Aspekt wies Dr. Peter Zeman hin: Bürgerschaftliches Engagement der Älteren könne dazu beitragen, in einer Gesellschaft des langen Lebens Vorurteilen zu begegnen. Solche Vorurteile sind, dass viele ältere Menschen das Gefühl hätten,„ausgedient“ zu haben. Das Bild, das die Gesellschaft von Älteren zeichnet, ist oft negativ, ältere Menschen seien am Geschehen in der Welt nicht mehr interessiert, bestimmte Dinge würden sich ab einem gewissen Alter nicht mehr lohnen, der ältere Mensch selbst sei nicht mehr interessant, er hätte nichts mehr zu bieten, sei nicht mehr nützlich für die Gesellschaft. Es sind negative Altersvorurteile, wenn Menschen sagen, Ältere sind apathisch, resignativ, oder nicht mehr innovativ. Dass es das alles in der Realität auch gibt, stellte Dr. Zeman nicht in Frage. Die Gruppe derjenigen, die hoch motiviert verantwortliche Tätigkeiten im Gemeinwesen übernehmen will und bereit ist, sich für diese sogar weiter zu qualifizieren, wächst kontinuierlich. Das zu erleben, ist auch für die Jüngeren wichtig. Durch Erfahrungen mit aktiven älteren Menschen lernen sie Lebensmodelle kennen, die ihnen positive Perspektiven auf die eigene Altersphase eröffnen können. Aber, dass Menschen heute älter werden, könne nicht per se bedeuten, dass sie auch länger zufrieden mit ihren Lebensbedingungen sind. Ökonomisch „abgehängte“ Menschen können sich auch im Alter wenig engagieren. Bürgerschaftliches Engagement brauche nicht nur Aufmerksamkeit und Propagierung, sondern auch die Bereitstellung von Ressourcen. Hingewiesen wurde auf neue Zusammenschlüsse, neue Ebenen von Vernetzung und Teilhabe, aber auch auf neue Ausschlussverfahren.„Senioren ans Netz“ kann ein enormer Hebel sein, an Entwicklungen teilzuhaben und sich für technische Herausforderungen fit zu machen. Wer im Umgang mit neuen Kommunikationsformen geübt ist, hat Zugang zu zahlreichen Kursen zur Qualifizierung und Weiterbildung, die auch neue Tätigkeitsfelder erschließen. 43 „Allerdings haben nicht alle älteren Menschen dieses Interesse, auch das ist legitim“, sagte Dr. Peter Zeman. Der Nichtzugang zu Computern und Internet kann gerade für ältere Menschen zu früher nicht gekannten Ausschlussverfahren führen. Daher nahm die Diskussion um die Frage, wie man den älteren Menschen die Angst vor der Technik nehmen kann, breiten Raum ein. Gut bewährt haben sich generationsübergreifende Projekte. Gesellschaftliche Teilhabe durch bürgerschaftliches Engagement Ältere Menschen, die sich bürgerschaftlich engagieren, wollen eine sinnvolle und gesellschaftlich nützliche Tätigkeit ausüben. Sie wollen auf die Gesellschaft, in der sie leben, Einfluss nehmen und durch ihre Arbeit Anerkennung finden. Allerdings stellt auch im Alter – ebenso wie in anderen Phasen des Lebens – ehrenamtliches Engagement nur eine Option unter vielen Möglichkeiten der Freizeitgestaltung und der Strukturierung des Alters dar. Ältere Menschen wollen nicht alleine im caritativen Bereich tätig sein, sondern auch dazu beitragen, auf die politische Sphäre Einfluss zu nehmen. Helga Walter bedauerte, dass spezielle Gremien für das politische Engagement älterer Menschen generell lediglich Beratungsrechte vorsehen. Das gilt auch für das Land Berlin, das immerhin ein Gesetz zur Stärkung der Seniorinnen und Senioren am gesellschaftlichen Leben(Berliner Seniorenmitwirkungsgesetz – BerlSenG von 2006) verabschiedet hat. In Berlin dürfen Seniorenvertreter oder Seniorenvertreterinnen in den Ausschüssen der Bezirksverordnetenversammlungen(BV) der zwölf Bezirke mitreden. Sie sind jedoch nicht stimmberechtigt, weil das Bezirksverwaltungsgesetz das nicht zulässt. Nach ihrer Meinung besteht hier Änderungsbedarf. Wenn Menschen aus der Erwerbsarbeit herausfallen, ringen sie um Chancen, wieder am gesellschaftlichen Leben und an gesellschaftlichen Prozessen teilnehmen zu können, darauf wies Carola Schaaf-Derichs hin. Das Problem verschärft sich durch die zunehmende Erwerbs- und Langzeiterwerbs­losigkeit besonders von älteren Menschen. Durch das Programm 50plus konnten zwar Ältere in die Erwerbsarbeit integriert werden. Dennoch entstünde durch Erwerbslosigkeit oder Frühverrentung ein„vorprogrammiertes Alter“, eine nicht gewählte Altersrolle. Sie betrifft Menschen, die kaum noch Chancen haben, ins Erwerbsleben zurück zu kommen. Für sie hat bürgerschaftliches Engage44 ment auch die Funktion, das Gefühl der Zugehörigkeit zu vermitteln und der Angst entgegenzuwirken, nicht mehr dazuzugehören, ausgegrenzt zu werden, herauszufallen aus der erstrebten Lebensform, nicht(wieder) hineinzukommen, ausgedient zu haben. Bedauert wurde in der Diskussion, dass sich in den öffentlichen Debatten in der Regel nur die hauptamtlich Tätigen, die sogenannten„Verantwortlichen“ der Kommunen, Wohlfahrtsverbände und Kirchen äußern. Dabei sind es oft gerade die Ehrenamtlichen, die aufgrund ihrer von den Verbänden(oft) unabhängigeren Arbeitssituation Einblicke in Problemlagen haben, die sie dafür prädestinieren, ihre Erkenntnisse in die sozialpolitische Diskussion einzubringen. Gefordert wurde, dass ältere Menschen generell besser in Entscheidungen, die ihre Lebenssituation betreffen, einbezogen werden sollten. Ältere Migrantinnen und Migranten im bürgerschaftlichen Engagement Aus den Diskussionen wurde deutlich, dass der Wunsch nach finanzieller und gesellschaftlicher Anerkennung und nach Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen auch für ältere Migrantinnen und Migranten zutrifft. Schließlich sind sie als Teil unserer Gesellschaft nicht wegzudenken und die Heterogenität dieser Gruppe ist, ebenso wie die aller anderen, groß. Es sollte selbstverständlich sein, dass die ältere Migrantenbevölkerung an den Diskussionen um das bürgerschaftliche Engagement beteiligt wird. Menschen mit Migrationshintergrund sind zum Gegenstand unterschiedlicher Diskurse und Praktiken im Zusammenhang mit bürgerschaftlichem Engagement geworden. Nebeneinander und manchmal auch miteinander entwickeln sich Einrichtungen, die Migrantinnen und Migranten als primäre Zielgruppe 45 beschreiben und Angebote für unterschiedliche Problemlagen machen, während andere Einrichtungen sich um eine Öffnung für die jüngst entdeckte Zielgruppe als bürgerschaftlich Engagierte bemühen und wieder andere sich durch die Beteiligung die Beschleunigung der sozialen Integration erhoffen. In einigen Vereinen und Verbänden, in denen sich Menschen bürgerschaftlich engagieren, arbeiten ältere Migrantinnen und Migranten mit älteren Deutschen zusammen. Dennoch werden die besonderen Probleme der Migrationsbevölkerung – ebenso wie in anderen Lebensbereichen auch – im bürgerschaftlichen Engagement zu wenig beachtet. Die Frage„Was sind, was brauchen und erwarten Migrantinnen und Migranten?“ ist(noch) nicht ausreichend reflektiert. Das ist bedauerlich, denn wir wissen, dass der Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund ständig wächst. Immer wieder wird Vereinen und Verbänden empfohlen, Strategien zu entwickeln, durch die es gelingt, bisher unausgeschöpfte Potenziale zum Abbau von sozialen Benachteiligungen und zur Bekämpfung von Problemkumulation in städtischen Pro46 blemquartieren zu aktivieren. Und es gibt durchaus positive Beispiele: Lese­ paten und-patinnen, die an Schulen mit einem hohen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund arbeiten oder Großeltern, die die Lehrerinnen und Lehrer in den Schulen, die ihre Enkel besuchen, unterstützen. Darauf, dass Seniorenvertretungen sehr daran interessiert sind, in ihrem Gebiet lebende Migrantinnen und Migranten einzubeziehen und auch als Seniorenvertreter und-vertreterinnen zu gewinnen, machte Helga Walter aufmerksam. Sie bedauerte allerdings deren fehlende Bereitschaft; oft zögen sie sich auf mangelhafte Sprachkenntnisse zurück. Es seien jedoch vor allem die Seniorenvertretungen, die den älteren Menschen eine Stimme verleihen. Über ähnliche Schwierigkeiten berichtete Carola Schaaf-Derichs. Sie hatte versucht, Migrantinnen und Migranten am Berliner Runden Tisch zu beteiligen. Nach ihrer Ansicht waren es jedoch weniger die mangelhaften Sprachkenntnisse, die die Partizipation der Menschen aus anderen Ländern verhinderten, sondern die Tatsache, dass deren besondere Lebenslagen bei den anderen Gremiumsmitgliedern kein Gehör fanden. Bloße Postulate der prinzipiellen Offenheit aller Gremien und Bereiche bürgerschaftlichen Engagements für Migrantinnen und Migranten, so erklärten die Diskutierenden, würden nicht ausreichen. Es ginge um Ermutigungs- und Vermittlungsprozesse, um Motivierung und Unterstützung. Migrantinnen und Migranten und wollen, wie andere Menschen auch, eingeladen werden. Das Angebot an sie muss in der Öffentlichkeit spürbar und sichtbar sein. Vereine und Verbände sollten eine Ermutigungs- und Willkommenskultur im bürgerschaftlichen Engagement entwickeln und zeigen, dass sie im Ehrenamt gebraucht werden, weil sie ein erwünschter Teil der Gesellschaft sind. Aber auch das alleine ist nicht ausreichend, wenn die Belange dieser Bevölkerungsgruppe nicht auch zum Inhalt sinnvoller Betätigungsfelder werden. Selbsthilfe und Selbstorganisation Wolfgang Thiel von der Nationalen Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen(NAKOS) sprach sich gegen die Euphorisierung des Themas bürgerschaftliches Engagement aus. Vor allem dürfe der Selbsthilfebereich als Teil des bürgerschaftlichen Engagements nicht 47 vergessen werden. Selbsthilfegruppen reagieren auf Defizite in der Versorgung, wenden sich neuen Krankheitsbildern und Problemstellungen zu und tragen sozialen Veränderungen in Familie und Gemeinwesen Rechnung. Sie bringen für„Gleichbetroffene“ neben und jenseits der herkömmlichen informellen Unterstützungsformen in Familie und Nachbarschaft neue Hilfeformen hervor und suchen die partnerschaftliche Kooperation mit Fachleuten, Hilfeund Versorgungseinrichtungen. Zu den unterschiedlichen Adressaten- und Nutzergruppen gehören auch ältere Menschen. Bei Selbsthilfe gehe es nicht nur um Sinnsuche, Lebenserfüllung oder individuelles Glück, sondern auch um gemeinsames Tun. Viele der Selbsthelfenden sind einer Situation ausgesetzt, in der sie gezwungen sind, Einfluss zu nehmen. Selbsthilfegruppen sind geeignet, neue Gemeinschaftsformen zu entwickeln und dauerhafte soziale Netze zu schaffen. Das entscheidende Merkmal aller Selbsthilfegruppen ist die„Selbstbetroffenheit“. Menschen mit einem gemeinsamen„Leidensdruck“, der verbindet, begegnen sich. Selbsthilfeaktivitäten von älteren Menschen zeigen, dass sie ein großes Interesse daran haben, sich mit Gleichgesinnten und„Gleichbetroffenen“ zusammenzutun und gegen den„Leidensdruck“ anzugehen. In der Selbsthilfe finden Menschen Lebenserfüllung, weil sie sich mit Anliegen beschäftigen, die sie selbst betreffen. Die Gruppenmitglieder helfen sich gegenseitig, setzen sich für andere„Gleichbetroffene“ ein und vertreten gemeinsame Anliegen in der Öffentlichkeit; über Generationsgrenzen hinweg. Die Trennung zwischen Selbsthilfe und Ehrenamt ist in vielen Fällen nur schwer vorzunehmen. Auch wenn Selbsthilfegruppen oft nicht mit Ehrenamtlichen verwechselt werden wollen, birgt ehrenamtliche Arbeit 48 immer auch Selbsthilfeaspekte in sich, so wie eine Selbsthilfearbeit ohne Unterstützung durch Fremdhilfe nur schwer durchführbar ist. Eine wichtige Rolle für Selbsthilfe und andere Formen des bürgerschaftlichen Engagements von älteren Menschen spielt die Beteiligung an kollektiven Zielen. Auch Selbsthilfe ist nicht„umsonst“ zu haben, auch sie bedarf entsprechender Rahmenbedingungen und Ressourcen. Rahmenbedingungen für das Engagement der Älteren Bürgerschaftliches Engagement entwickelt sich nicht von selbst, es ist auch nicht umstandslos umsonst zu haben. Es braucht Zeit, Geld und Ressourcen. Es geht auch um die Sicherstellung materieller Rahmenbedingungen. Wenn Räume und Technik und andere notwendige Ressourcen fehlen, wird ehrenamtliche Arbeit – auch hoch motivierter Ehrenamtlicher – behindert. Betont wurde die Notwendigkeit verlässlicher Grundstrukturen, die vorhanden sein müssen, um bürgerschaftliches Engagement vor Ort organisieren und Ehrenamtliche begleiten zu können. Wohnortnahe Freiwilligenagenturen, Ehrenamtsbörsen, Freiwilligenzentralen, Selbsthilfekontaktstellen und Seniorenbüros haben eine koordinierende Funktion. Sie fördern bürgerschaftliches Engagement auf kommunaler Ebene mit ihren Informations-, Beratungs- und Vermittlungsleistungen. Optimal organisiert, sind sie geeignet, älteren Menschen, die nach einer sinnvollen Tätigkeit suchen, verschiedene Möglichkeiten anzubieten, unter denen sie auswählen können. An manchen Orten ist es vielleicht eher die Angebotsfülle, die zum Problem wird.„Oft sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht,“ sagte Dr. Peter Zeman. Freiwilligenzentren haben daher auch eine Lotsenfunktion im unübersichtlichen Feld. Sie können den Menschen helfen, ihre Bedürfnisse zu reflektieren und zu erkennen, wo sie unter welchen Bedingungen tätig werden wollen, ob sie von einer Tätigkeit in die andere wechseln oder wieder aussteigen wollen. Dringend überprüft werden müsste die Philosophie der Förderpolitik. Man müsse darüber nachdenken, wie nachhaltige Strukturen geschaffen werden können. Es reiche nicht aus, mit Hilfe von Fördergeldern Projekte zum Laufen zu bringen und am Laufen zu halten. Wichtig für den bürgerschaftlichen Diskurs wird es, Abgrenzungen herauszuarbeiten, welche Arbeiten durch den Staat übernommen werden sollen, welche marktförmig zu organisieren 49 sind und welche in Form von bürgerschaftlichem Engagement und Selbsthilfe geleistet werden können. Das hieße auch, in den Bereichen, in denen sich Alte engagieren, bezahlt und unbezahlt geleistetes Engagement im Zusammenhang zu sehen. Es reicht nicht aus, wenn die Kommunen Vereine und Projekte ideell unterstützen. Vielfach führen durch Initiativen initiierte Projekte zu merklichen Verbesserungen der kommunalen Infrastruktur. In diesen Fällen wird erwartet, dass die Kommunen auch beim Initiieren entsprechender Projekte behilflich sind, mit den Akteurinnen und Akteuren kommunizieren und die Projekte evaluieren. Das erfordert materielle Ressourcen, die die Kommune zur Verfügung stellen muss. Es war vor allem MdB Angelika Graf, die darauf hinwies, wie wichtig die Kontinuität für die meisten Formen des bürgerschaftlichen Engagements für ältere Menschen ist. Es sei nicht sehr produktiv, wenn man heute ein Projekt fördern würde, dem man morgen den Geldhahn wieder zudrehe. 50 Schließlich haben die bürgerschaftlich Engagierten ein Interesse daran, dass sie mit ihrem Projekt etwas in Bewegung setzen, das auch in der Zukunft Bestand hat. Diejenigen, die in Modellprojekten arbeiten, müssen rechtzeitig darüber nachdenken, wie sie eine Anschlussfinanzierung sicherstellen können. Die Projektfinanzierung hängt mit der Aufgabenteilung zwischen Bund, Ländern und Kommunen zusammen.„Grundsätzlich kann der Bund keine Strukturen in den Kommunen fördern, das ist die Crux unter der wir leiden“, sagte Angelika Graf. Die Enquete-Kommission„Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements“ hat eine Reihe von Vorschlägen für die Verbesserung der Rahmenbedingungen für ehrenamtliches Engagement entwickelt. Die wenigsten – so wurde deutlich – sind geeignet, bürgerschaftliches Engagement von älteren Menschen zu stärken. Einer der Vorschläge ist die Anerkennung der ehrenamtlichen Arbeit auf die Rentenversicherung. Über die Wichtigkeit der Durchsetzung einer solchen Forderung könne nach Ansicht der Diskutierenden gestritten werden. Bei älteren Menschen, die bereits eine Rente beziehen, greift sie ebenso wenig wie eine steuerliche Absetzbarkeit der Kosten, die für ehrenamtliches Engagement entstehen. Es gilt demnach, andere Formen zu entwickeln, wie bürgerschaftliches Engagement materiell gestärkt werden kann. Scharf kritisiert wurde die Politik der Altersbegrenzung in gesellschaftlich angesehenen Ehrenämtern wie Schöffen, Rundfunkräten u. ä. Es sei nicht einzusehen, warum ein Schöffe oder eine Schöffin, wenn er oder sie 71 Jahre alt ist, nicht mehr in dieser Funktion ehrenamtlich tätig sein kann. Das Alter sollte bei solchen Ehrenämtern keine Rolle spielen, sondern alleine die Fähigkeit. Schlussbetrachtungen Heute ist der Scheinwerfer öffentlicher Aufmerksamkeit auf das Thema bürgerschaftliches Engagement gerichtet. Das gilt vor allem für die Orte, an denen die Auflösung„gewachsener“ nachbarschaftlicher und sozialer Strukturen und der damit zusammenhängende gefährdete Zusammenhalt in unserer Gesellschaft beklagt wird. 51 Im Rahmen der Tagung zum bürgerschaftlichem Engagement älterer Menschen gab es kaum Fragen, wenig Appelle, dafür viele Erfahrungsberichte und Vorschläge zur Gestaltung einer zukünftigen„Gesellschaft des langen Lebens“. Gute Beziehungen zwischen den Generationen sind keine Selbstläufer. Es gilt sie zu gestalten und zu pflegen und neue Wege des Miteinanders für Jung und Alt zu finden. Bürgerschaftliches Engagement kann ein Weg sein, Einfluss auf die Politikgestaltung ein weiterer. Deutlich wurde die situative Vieldeutigkeit von bürgerschaftlichem Engagement von und für ältere Menschen. Eine einheitliche Definition für bürgerschaftliches Engagement gibt es ohnehin nicht. Dennoch ist es ein Unterschied, ob jemand im Sportverein, in der Freiwilligen Feuerwehr, im Stadtrat oder Landtag oder im Altenheim oder Behindertenheim tätig ist. Und auch innerhalb dieser Bereiche ist es ein Unterschied, ob jemand im Vorstand eines Vereins oder Verbandes oder in der Sorge- und Pflegearbeit vertreten ist und auch da wieder, ob er oder sie im Fahrdienst arbeitet oder Pflegebedürftige wäscht und füttert und ob die Person die Arbeit„freiwillig“ leisten kann, weil sie über eine einigermaßen ausreichende Rente verfügt oder ob sie von der Alimentation einer anderen Person abhängig ist. Durch die Diskussionen wurde bestätigt, was Forschungsprojekte belegen: Es sind gerade ältere Menschen, die sich dagegen wehren, dass in Zeiten leerer Kassen bürgerschaftliches Engagement als Lückenfüller für einen an seine Leistungsgrenzen gestoßenen Sozialstaat missbraucht werden soll, indem einstmals bezahlte Arbeit in scheinbar unbezahlbare Arbeit umgewandelt wird. Die Aufrechterhaltung und Schaffung sozialer Infrastruktur sind Voraussetzung, um bürgerschaftliches Engagement überhaupt zu ermöglichen. Gerade ältere Menschen sehen auch den politischen Auftrag von bürgerschaftlichem Engagement in der Zivilgesellschaft, nämlich Ungleichheit und Ausgrenzung anzuprangern und Handlungsstrategien zu entwickeln, die der Integration und 52 dem sozialen Zusammenhalt von Menschen verschiedener Generationen und unterschiedlicher sozialer, nationaler und kultureller Herkunft dienen. Zu wenig problematisiert wurde die Schwierigkeit der Abgrenzung zwischen hauptamtlich und ehrenamtlich geleisteter Arbeit, ein Dauerbrenner in allen Institutionen, in denen bürgerschaftliches Engagement stattfindet. Auch das Geschlechterverhältnis in den Engagementbereichen wurde nicht thematisiert. Vorliegende Studien zeigen, dass auch das Engagement der Älteren geschlechtsspezifisch segmentiert ist. Dass in die verschiedenen Bereiche der Arbeit, in denen die bürgerschaftlich Engagierten tätig sein sollen, neben Erfahrungswissen auch notwendige fachliche und soziale Qualifikationen eingebracht werden müssen, muss ebenfalls noch ausführlicher diskutiert werden. 53 Hier setzt die neue Projektarbeit der Friedrich-Ebert-Stiftung an, die die Kompetenzen älterer Menschen gezielt fördern will, um damit das bürgerschaftliche Engagement der Älteren zu stärken. Eine so verstandene Weiterbildung beinhaltet auch die Reflexion über die gesellschaftliche Bedeutung bürgerschaftlichen Engagements. Es wird darum gehen, das vorhandene Erfahrungswissen zu strukturieren, zu unterstützen, weiterzuentwickeln und zu kanalisieren, sodass Möglichkeiten zu Veränderungen vorhandener Strukturen, die Problemlagen verursachen, gesehen werden und gemeinsam Handlungskonzepte entwickelt werden, um aktiv auf die Gestaltung der Zukunft der„Gesellschaft des langen Lebens“ einzuwirken. 54 55 ISBN 978-3-89892-941-7