Juli 2008 direkt Analysen und Konzepte zur Wirtschafts- und Sozialpolitik Wachstumsbremse Ungleichheit Michael Dauderstädt 1 Auf einen Blick Die Ungleichheit in Deutschland hat zugenommen und ist hartnäckiger geworden. Die noch immer mächtige wohlfahrtsstaatliche Umverteilung verdeckt nur eine zunehmend tiefere Gesellschaftsspaltung. Diese Spaltung schadet dem Wachstum kurzfristig durch Konsumausfall und langfristig dadurch, dass eine unzumutbar große Schicht nicht mehr über die Fähigkeiten und Qualifikationen verfügt, die eine wachsende Wirtschaft benötigt. „Ungleichheit schafft Wachstum“ vermuten manche Ökonomen und Politiker. Denn ihrer Meinung nach resultieren Einkommensunterschiede aus dem unterschiedlichen Wert der Leistung. In diesen Werten spiegeln sich deren Nutzen oder die Knappheit wider. Die Unterschiede führen über Einkommensanreize dazu, dass mehr Leistung dort angeboten wird, wo sie den höchsten Nutzen hat. Diese Effizienzgewinne rechtfertigen angeblich die Ungleichheit. Gleichheit dagegen schade der Effizienz. Wer den Kuchen gleich verteilen wolle, lasse ihn schrumpfen. Die jüngste Entwicklung in Deutschland scheint dies zu bestätigen. Die Einkommensungleichheit hat in den letzten Jahren massiv zugenommen. Und seit 2005 haben wir den Aufschwung. War die steigende Ungleichheit der notwendige Preis dafür? Wachstum durch Ungleichheit? Unbelegt und fragwürdig Die Grundannahme der neo-klassischen Ökonomie, die auf einem Gleichgewichtsmodell mit rationalen, ihren Nutzen maximierenden Akteuren beruht, steht auf wackeligem Boden. Die experimentelle Ökonomie konnte schon länger zeigen, dass Menschen auf möglichen Nutzen verzichten, wenn die dabei implizierte Ungleichheit der Nutzenverteilung als ungerecht empfunden wird. Inzwischen liegen sogar Ergebnisse vor, die zeigen, dass die Position in WISO direkt Juli 2008 Friedrich-Ebert-Stiftung einer Verteilungshierarchie die Leistung unabhängig von den tatsächlichen Fähigkeiten beeinflusst und zwar so, dass die Benachteiligten auch tatsächlich geringere Leistungen erbringen. 2 Damit sind die traditionellen Wirkungsketten auf den Kopf oder vielmehr endlich auf die Füße gestellt. Auch internationale Vergleiche zeigen, dass Länder mit höherer Ungleichheit keineswegs höheres Wachstum aufweisen. Weder schneiden innerhalb der entwickelten Länder die mit gut ausgebautem Wohlfahrtsstaat schlechter ab als die mit einem eher rudimentären Sozialstaat, noch haben sich weltweit die Länder mit ungleicher Einkommensverteilung schneller entwickelt (siehe Grafik). Gleichheit kann nämlich auch Wachstum fördern. Gleicher verteilte Einkommen stabilisieren die Nachfrage und damit die Beschäftigung. Denn ärmere Haushalte weisen eine höhere Konsumneigung auf und ihr Sparverhalten reagiert weniger auf die Schwankungen von Vermögenspreisen wie etwa Aktienkurse. Die hohe Nachfrage erlaubt Skalenerträge und regt außerdem die Investitionstätigkeit an, womit die Produktivität steigt. Relativ höhere Einkommen der Armen erlauben auch ihnen Zugang zu Bildung und Gesundheitsvorsorge, womit ihre Produktivität ebenfalls zunimmt. Schließlich neigen Gesellschaften mit geringer Ungleichheit auch weniger zu sozialen Konflikten, die das Wachstum bremsen können. Deutschland: weder gerecht noch produktiv Deutschland ist ungleicher geworden, wie der jüngste Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung belegt. Der Gini-Koeffizient(ein klassisches Verteilungsmaß) stieg von etwa 0,27 1998 auf 0,31 2006. Die Armutsrisikoquote stieg von 12% im Jahr 1998 auf 18% im Jahr 2005. 3 Während der Anteil der Reichen und der Armen an der Bevölkerung wuchs, schrumpfte die Mittelschicht. Die Ungleichheit wurde auch hartnäckiger, weil immer weniger Menschen der soziale Aufstieg gelingt. 4 Der Anteil der Löhne am Bruttoinlandsprodukt ging weiter zurück und die Lohnspreizung nahm zu. 5 Der Niedriglohnsektor in Deutschland ist inzwischen fast so groß wie in den USA. 6 Noch schlimmer sieht es bei der Vermögensverteilung aus. Den reichsten 10% gehören über die Hälfte des gesamten Vermögens, während die ärmere Hälfte der Bevölkerung fast gar kein Vermögen besitzt. Was steckt hinter der wachsenden Ungleichheit? Technologischer Fortschritt, Globalisierung, schwächere Gewerkschaften, die Deregulierung des Arbeitsmarktes und ein sparsamerer Sozialstaat haben die Marktmacht vor allem der gering qualifizierten Arbeitnehmer/innen geschwächt. Gleichzeitig hat die Zahl von armen Einpersonenhaushalten zugenommen. Hat diese schlechtere Verteilung der Einkommen wenigstens das Wachstum angekurbelt? Ungleichheit und Wachstum(ohne Irland) BSP 2000/1980 1.7 1.65 1.6 1.55 1.5 1.45 1.4 1.35 1.3 1.25 1.2 0.9 ◆ N ◆ NL ◆ F ◆ AUS ◆ A ◆ E ◆ I ◆ USA ◆ FIN ◆ S ◆ B ◆ D ◆ UK ◆ CH 0.95 1 1.05 1.1 1.15 1.2 1.25 1.3 90/10 2000/1980 Quelle: Stephan Klasen, Georg-August-Universität, Göttingen 2 Wirtschafts- und Sozialpolitik WISO direkt Juli 2008 Theoretisch wäre das über zwei Kanäle möglich kommen auf 200.000€ oder 500.000€ steigen gewesen: 1) durch eine Erhöhung der Produktiviwürde. Das Steuer- und Abgabensystem mit einer tät und/oder 2) durch mehr Beschäftigung. Die Belastungsquote von 22% bis maximal 25% geerste Option kann man getrost vergessen, denn währleistet unabhängig von der Ausgangsverteidas Produktivitätswachstum ging in Deutschland lung eine Zielverteilung von 1:3. in den letzten Jahren eher zurück. Für die zweite Dieses automatische Verteilungsergebnis ist spricht sicher, dass die Arbeitslosigkeit gesunken sicher besser als keine oder eine schwächere Umist. Dahinter verbirgt sich aber vor allem das Exverteilung, aber seine Wachstums- und Wohlportwachstum, das neben der expandierenden standseffekte sind bei näherem Hinsehen entWeltwirtschaft auch den sinkenden Lohnkosten täuschend. Die Masse der Umverteilung in in Deutschland geschuldet ist. Die gleichen niedDeutschland spielt sich nämlich außerhalb der rigen Löhne waren aber dafür verantwortlich, Spitzeneinkommen im Zuge der Renten- und Ardass der Binnenkonsum stagnierte, wodurch das beitslosenversicherung ab. Deren EmpfängerBeschäftigungswachstum weit hinter seinen haushalte verfügen nur über winzige MarkteinMöglichkeiten zurückblieb. Denn in diesem Aufkommen, am ehesten noch über selbst genutztes schwung stiegen bisher – was sehr ungewöhnlich Wohneigentum. Aber auch die Beitragszahler ist – weder die Reallöhne noch die verfügbaren weisen weder besonders hohe Einkommen noch Haushaltseinkommen. extreme Sparquoten auf. Die Umverteilung erhöht also kaum die effektive Binnennachfrage, Feigenblatt Umverteilung an deren Schwäche die deutsche Wirtschaft krankt. Umgekehrt macht allerdings die gern von Die Verteidiger der Verteilungsgewinner(z.B. das Unternehmensseite vorgebrachte Forderung Institut der deutschen Wirtschaft) weisen gern auch keinen Sinn, man müsse nicht die Löhne darauf hin, dass sich in Deutschland zwar die erhöhen, sondern die Abgaben senken, um die Verteilung der Markteinkommen verschlechtert Kaufkraft zu stärken. Denn ohne die Abgaben in habe, aber der umverteilende Sozialstaat prächtig dieser Höhe würden die Transfereinkommen und funktioniere und Armut verhindere. Dieses Lob die Nachfrage der darauf angewiesenen Hausder Umverteilung kommt überraschend aus Kreihalte sinken. sen, die jahrelang den aufgeblähten WohlfahrtsSchlimmer noch: Nicht nur sind es vor allem staat für Deutschlands Wachstumsschwäche verdie Lohneinkommensbezieher, die dank ihrer antwortlich gemacht haben. Aber in der Tat blieb noch vorhandenen – wenn auch oft geringen – nach Umverteilung das Verhältnis der verfügbaMarkteinkommen die Haushalte ohne Markteinren Haushaltseinkommen des zweitreichsten Einkommen alimentieren. Sondern die ärmeren diekommenszehntels zum zweitärmsten zwischen ser Haushalte schneiden beim Rentensystem 1993 und 2003 praktisch gleich bei 2,7, obwohl auch noch relativ schlechter ab als die reicheren. sich das entsprechende Verhältnis der MarktDenn die Lebenserwartung und damit die Reneinkommen von 1:19 auf 1:28 verschlechterte. 7 tenbezugsdauer steigt mit dem Einkommen. DaWas verbirgt sich hinter diesem auf den ermit zählen die kurzlebigeren Armen zu den Versten Blick verblüffenden Ergebnis? Nicht eine lierern und die langlebigeren Reichen zu den massiv angestiegene Belastung der Reichen, wie Gewinnern des Systems. man vermuten könnte. Tatsächlich muss die Belastungsquote des wohlhabenden Einkommenszehntels kaum steigen, um trotz dramatisch zuUnproduktive Umverteilung bei Bildung und Gesundheit nehmender Ungleichheit der Primäreinkommen zur gleichen Sekundäreinkommensverteilung zu Wenigstens in zwei großen Bereichen sollte man kommen. Nimmt ein besser verdienender Hausdoch hoffen, dass die im Sozialstaatsgebot angehalt 100.000€ ein und ein armer Haushalt nur legte Umverteilung funktioniert: im Gesund5.000€, so genügt es, ca. 22% des Topeinkomheitssystem und bei der Versorgung mit steuermens umzuverteilen, um eine Verteilung der verfinanzierten öffentlichen Gütern(Bildung, Sifügbaren Einkommen von 1:3 zu erreichen. Diese cherheit). Schließlich sind die KrankenkassenbeiQuote von etwa 22% würde aber auch ausreiträge der ärmeren Versicherten niedriger, die Bechen, wenn – ohne Veränderung des Einkomhandlungskosten aber im Durchschnitt gleich, mens des ärmeren Haushalts – das höhere Einwenn nicht gar höher, da sie sich das gesündere 3 WISO direkt Juli 2008 Friedrich-Ebert-Stiftung Lebenserwartung Zusammenhang zwischen Einkommen und Lebenserwartung für alle Erwerbstätigen in Deutschland Je mehr man verdient, desto länger kann man Rente beziehen. 90 85 80 75 70 65 <1.500 1.500–2.000 2.500–3.500 3.500–4.500<4.500 monatl. Bruttoeinkommen(Euro) Männer Frauen Quelle: Lauterbach, K., et al.:„Zum Zusammenhang zwischen Einkommen und Lebenserwartung“. Studien zu Gesundheit, Medizin und Gesellschaft 01/2006 Leben wie die reicheren Versicherten kaum leisten können. Und das Steuersystem ist sogar von der Einnahmenseite her progressiv, wenn auch über die Jahrzehnte dank kontinuierlicher Entlastung der Unternehmen, der Senkung der Spitzensteuersätze und ständig steigender Steuern auf Mehrwert und Energie immer weniger. Leider sind die Ergebnisse weniger ermutigend. Tatsächlich haben sich viele besser Verdienende ins System der privaten Krankenversicherung abgesetzt, wo sie sich nicht an den Risiken der Versorgung der durchschnittlich kränkeren ärmeren Versicherten beteiligen müssen. Außerdem belegen sie mit ihrer zahlungskräftigen Nachfrage die knappen Ressourcen an medizinischen Spitzenangeboten. Im Endeffekt sind dann die Lebenserwartungen nicht nur weiterhin abhängig vom Einkommen, sondern auch vom Typ der Krankenversicherung(siehe Grafik). Ähnlich schlimm sieht es im Bildungssystem aus, dem es offensichtlich nicht gelingt, die Schichtabhängigkeit des Bildungserfolges zu verringern. Das deutsche Schulsystem entlässt zu viele Jugendliche ohne Abschluss, selektiert zu früh und diskriminiert im Ergebnis Schüler/innen mit Migrationshintergrund. Die Weichen für den Verbleib in der Unterschicht werden aber früher gestellt. Zwar erhalten alle Familien Kindergeld und die reicheren noch mehr über den Kinderfreibetrag, aber im Ergebnis führt das offensichtlich nicht zu mehr sozialer Mobilität. Ein solches System ist nicht nur unsozial, es ist auch ineffizient. Angebotsseitig gibt es ohne gesunde und qualifizierte Arbeitskräfte kein Wachstum. Nachfrageseitig werden ohne stabile Massenkaufkraft Investitionen und Beschäftigung schwächeln. Exportüberschüsse können dauerhaft keine mit der Produktivität wachsende Binnennachfrage ersetzen. 1 Dr. Michael Dauderstädt ist Leiter der Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn. Dieser Aufsatz stützt sich auf die Beiträge zur Veranstaltung„Zunehmende Einkommens- und Vermögensunterschiede: Der Preis für mehr Effizienz und Wohlstand?“ in Berlin am 19.6.2008. 2 Vgl.:„From he that hath not. Cognitive disenhancement“ In: The Economist Vol. 38, 2008, S.94f. 3 Bundesministerium für Arbeit und Soziales(Hrsg.): Dritter Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, Berlin 2008, S. 294, Tabelle A1. http://www.bmas.de/coremedia/generator/26742/dritter__armuts__und__reichtumsbericht.html(Zugriff: 11.7.2008) 4 Markus Grabka, Entwicklung der Einkommens- und Vermögensverteilung in Deutschland, Berlin 2008. http://www.fes.de/wiso/pdf/verbraucher/2008/190608/grabka.pdf(Zugriff: 11.7.2008) 5 Ronald Schettkat, Lohnspreizung: Mythen und Fakten. Eine Literaturübersicht zu Ausmaß und ökonomischen Wirkungen von Lohngleichheit, Düsseldorf, Hans-Böckler-Stiftung, 2006. http://www.boeckler.de/pdf/p_edition_hbs_183.pdf(Zugriff: 11.7.2008) 6 Thorsten Kalina und Claudia Weinkopf, Weitere Zunahme der Niedriglohnbeschäftigung: 2006 bereits rund 6,5 Millionen Beschäftigte betroffen, Aktuelle Forschungsergebnisse aus dem Institut Arbeit und Qualifikation 2008-01. http://www.iaq.uni-due.de/iaq-report/2008/report2008-01.pdf(Zugriff: 11.7.2008) 7 Vgl. Institut der deutschen Wirtschaft, Der Sozialstaat funktioniert, Anlage zur Pressemitteilung Nr. 23/2008 4 Impressum:© Friedrich-Ebert-Stiftung Herausgeber: Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung Godesberger Allee 149 53175 Bonn Fax 0228 883 398 www.fes.de/wiso ISBN: 978-3-89892-945-5