Digitale Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung Horst-Springer-Stiftung für neuere Geschichte Sachsens in der Friedrich-Ebert-Stiftung Horst-Springer-Preisvorträge Danny Weber „... der größte Kaufmann des ganzen heiligen Römischen Reiches.... Die Geschäfte des Handels- und Bankhauses Frege& Comp. in Leipzig(1739-1815/16)“ Rede anlässlich der Verleihung des Horst-Springer-Preises 2007 2 „… der größte Kaufmann des ganzen heiligen Römischen Reiches …“ Die Geschäfte des Handels- und Bankhauses Frege& Comp. in Leipzig(1739-1815/16) 1 Wendet man sich der Wirtschaftsgeschichte Sachsens bzw. Leipzigs um 1800 zu, so kann man je nach Perspektive und Herkunft der Autoren vollkommen gegensätzliche Bewertungen herauslesen. Einheimische Autoren verweisen in der Regel auf die neue Dynamik Leipzigs und Sachsens im Zuge des Retablissements nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges. Als Beispiele werden hier der erneute Aufschwung im Montanwesen, eine Blütezeit der Leipziger Messen, das Widererstarken der erzgebirgischen Bergfabriken und der Oberlausitzer Leinwandweberei angeführt. „Nichtsächsische“ Autoren dagegen sehen in der Entwicklung Sachsens bzw. Leipzigs um 1800 deutliche Zeichen der Stagnation bzw. der Rückständigkeit, verglichen mit den ökonomischen Zentren im Westen Europas. So beschreibt beispielsweise der bedeutende französische Sozial- und Wirtschaftshistoriker Fernand Braudel in seiner Sozialgeschichte des 15.-18. Jahrhunderts die Stellung der Messen im 18. Jahrhundert allgemein, wie folgt:„Die Messe stellt eine veraltete Form des Gütertauschs dar und mag sie auch zu[dieser] Zeit noch über diese Realität hinwegtäuschen oder sogar nützliche Dienste leisten, tritt die Wirtschaft doch überall da, wo dem Messewesen keine Konkurrenz erwächst, auf der Stelle.“ Als Konkurrenz für die Messen ist unter den Bedingungen der vor- bzw. frühindustriellen Wirtschaft der permanente Kommissionshandel bzw. der 1 Die Vortragsfassung wurde beibehalten und auf Anmerkungen verzichtet. Für Quellenbelege und Literaturangaben vgl. Danny Weber,„… der größte Kaufmann des ganzen heiligen Römischen Reiches …“. Die Geschäfte des Handels- und Bankhauses Frege& Comp. in Leipzig (1739-1815/16), Leipziger Diss. 2008. 3 Handel über die Börse anzusehen. Da beides in Leipzig, laut Braudel, nicht vorhanden gewesen ist, vergleicht er weiter die Leipziger Messen mit den polnischen Messen in Lublin oder Posen und den russischen Messen in Nischni Nowgorod. Zusammengenommen ist daran die Rückständigkeit des mitteldeutschen Handels- und Bankwesens, verglichen mit Westeuropa, ablesbar, so meint zumindest Braudel. Diese zusammengefasst vorgetragene Einordnung des Leipziger Handels im 18. und frühen 19. Jahrhundert ist in der handels- und bankgeschichtlichen Forschung zum allgemeinen Terminus geworden. Auch Friedrich-Wilhelm Henning bezieht in seinem Handbuch der Wirtschafts- und Sozialgeschichte Deutschlands in ähnlicher Weise Position und Hans Pohl bemerkt hierzu im Band 2 der Deutschen Bankengeschichte:„Doch als Wechsel- und Bankplatz war Leipzig ohne Bedeutung.“ Diese wenigen Beispiele mögen genügen, um die Bewertung der hiesigen Verhältnisse durch die„einheimische“ wie„auswärtige“ Forschung zu illustrieren. Für den Betrachter stellt sich damit die Frage, ob die„sächsischen“ Autoren getragen von Lokalpatriotismus die einheimischen Verhältnisse überschätzten und eine Bedeutung herbeischrieben, die es nicht gegeben hat oder ob man andererseits nach der Teilung Deutschlands die Verhältnisse in Mittel- und Ostdeutschland im Westen so weit aus den Augen verloren hatte, dass man zu Einschätzungen kam, die denen der lokalen Autoren diametral entgegenstanden Letzteres ist der Fall. In der vorliegenden Dissertationsschrift ist der Versuch unternommen worden, die falsche Einschätzung der sächsischen und Leipziger Verhältnisse zu revidieren, indem anhand der Entwicklung eines Leipziger Bank- und Handelshauses dargestellt wurde, in welcher Form sich sächsische Unternehmen selbstständig in verschiedenen Bereichen des Handels- und Bankwesens engagieren konnten. Denn neben den Leipziger Messen, die im 18. Jahrhundert zweifelsohne einen bedeutenden Aufstieg erlebten, existierte weiterhin eine sehr erfolgreich wirt- 4 schaftende Schicht von merchant bankers und Manufakturisten, die über europaweite Verbindungen, teilweise auch bis nach Übersee reichend, verfügte und selbstständig Waren- bzw. Finanztransaktionen in nicht unerheblichem Maße organisierte. Somit erscheint es mehr als fragwürdig, wenn Leipzig und seine Messen, wie von Braudel, in einem Atemzug mit Lublin, Posen oder Nischni Nowgorod genannt und als Beispiel für eine – verglichen mit Westeuropa – rückständige Entwicklung herangezogen werden. Das mitteleuropäische Gewerbedreieck(Sachsen/Oberlausitz - Böhmen- Schlesien) war trotz seiner zunächst augenscheinlich abgelegenen Lage wesentlich stärker in den bestimmenden atlantischen Wirtschaftsraum integriert als vergleichbare Regionen in Spanien oder Frankreich. Die Produktion von„weltmarktfähigen“ Gütern – anzusprechen wären hier vor allem Leinwand, Glas oder verschiedene Metallerzeugnisse – zog die Existenz einer Gruppe von merchant bankers und Großkaufleuten nach sich, die die Distribution der Produkte übernahm und den Zahlungsverkehr regulierte. Leipzig bzw. Mitteldeutschland hatte damit beides: eine weitgehend erfolgreiche Messe von europäischer Ausstrahlung und eine Kaufmannschaft, die zunehmend erfolgreicher im Sinne der Zeit moderne Handels- und Finanztechniken aufnahm und gewinnbringend einzusetzen wusste. Neben dieser übergreifenden Fragestellung war es das Ziel, überhaupt die Geschichte eines sächsischen Handels- und Bankhauses in vorindustrieller Zeit deutlicher zu erforschen, denn Untersuchungen, die sich dezidiert mit merchant bankers, Kaufleuten oder Privatbankiers beschäftigen, stellen nicht nur für Sachsen, sondern allgemein ein Desiderat dar. Begründet ist dies in der schlechten Überlieferungslage. Unterlagen, die Aufschluss über die Aktivitäten von Unternehmungen geben könnten, sind ihrem Charakter nach fast ausschließlich Privateigentum und gelangen nur unter glücklichen Umständen in öffentliche Archive. Somit beschränken sich Aussagen über das Wirkungsumfeld oder die Arbeitsweise dieser wirtschaftlichen Ak- 5 teure häufig allein auf die Überlieferung in staatlichen Fonds. Gleiches gilt für Aussagen zur Interaktion zwischen Staat und Wirtschaft sowie darüber hinaus weiterführende Überlegungen, beispielsweise zu kaufmännischen Usancen oder Netzwerken. Nach diesen einleitenden und übergreifenden Überlegungen soll zunächst die Entwicklung des Bank- und Handelshauses Frege näher dargestellt werden. Gegründet wurde das Unternehmen durch Christian Gotttlob Frege den Älteren im Jahr 1739. Da Frege für die Etablierung eines, wenn auch zunächst kleinen, Unternehmens über zu wenig Kapital verfügte, musste er sich„auf guter Freunde Hilfe verlassen“. So erhielt er beispielsweise einen Kredit über 1.000 Taler von einem Kaufmann aus Apolda und weitere Hilfe von Kaufleuten aus Leipzig, Nürnberg und Amsterdam. Innerhalb kürzester Zeit konnte Frege die ihm gewährten Kredite ablösen und hatte darüber hinaus so viel Vertrauen gewonnen, dass er nach eigener Einschätzung„Capitalia kriegen konnte, soviel ich brauchte“. Und weiter berichtete er:„Gleich das erste Jahr hatte sich mein Vermögen alterum tantum vermehrt und die folgenden Jahre waren noch glücklicher.“ In der Anfangszeit seiner Handlung beschäftigte er sich vor allem mit kleineren Handelsund Sortengeschäften. Besonders Letztere scheinen ihm den Aufstieg ermöglicht zu haben. Aufgrund der großen Vielfalt an unterschiedlichen Münzen, die zu Messezeiten in Leipzig zirkulierten, war der Geldwechsel eine gute Möglichkeit, um das bescheidene Startkapital rasch zu vermehren. Ein weiterer Aufstieg ermöglichte ihm die Heirat mit der Bachmannschen Erbin. Laut der erstellten Generalbilanz des Unternehmens betrug die Erbschaft 72.133 Taler. Der Barvorrat belief sich dabei auf rund 15.000 Taler, der Wert des Warenlagers wurde mit 27.000 Taler angegeben und darüber hinaus standen nicht unbeträchtliche Forderungen noch aus. Neben den vermehrten Kapitalien und dem bedeutenden Warenlager sollte Frege aber in der Folgezeit auch von den alten Verbindungen der Bachmannschen Handlung profitieren. So pflegte der ver- 6 storbene Johann Abraham Bachmann Geschäftsbeziehungen nach Hamburg, England und Holland. Derart ausgestattet mit Kapital und Verbindungen, gelang es ihm schnell weiter aufzusteigen. Ab 1745 musste Frege seine„bösen Schuldner“ in einem gesonderten Buch festhalten. Darunter befanden sich zunächst vor allem Leipziger und mitteldeutsche Kaufleute (Chemnitz, Annaberg, Dessau, Zschopau, Freiberg), bis 1751 hatte sich sein Aktionsradius nach Frankfurt am Main, Braunschweig und Aachen erweitert und um 1757 befanden sich Amsterdamer, Breslauer und Warschauer Kaufleute unter seinen Schuldnern. Im Jahr 1746 bekam Frege sein erstes städtisches Amt übertragen und wurde mit der Führung der preußischen Kontributionskasse beim Rat betraut. Nach dem Einfall der preußischen Truppen in Sachsen wurde Leipzig besetzt und mit einer hohen Kontribution von 2,5 Millionen Reichstalern belegt. Frege wurde die Führung der Kasse übertragen. Damit hatte er Sorgfalt zu tragen für die richtige Ein- und Auszahlung der Gelder und für eine regelmäßige und ordentliche Buchführung. Es lassen sich Indizien dafür finden, dass Frege kurzfristig auch eigene Mittel der Kasse lieh, so dass er damit auch erstmals als Krediteur, wenn auch in bescheidenem Rahmen, der Stadt Leipzig in Erscheinung trat. Frege selbst schreibt hierzu:„Da ich nun bereits mein meistes bares Vermögen teils solviert teils vergraben, so dachte man auch wegen eines großen Vorschusses nicht an mich und ich hatte noch dazu Gelegenheit, mein Vermögen auf dem Rathaus zu verborgen.“ Offensichtlich ermöglichte ihm die Stellung als Kassierer, verbunden mit seinen privaten Aktivitäten derart gute Geschäfte zu tätigen, dass er zu der etwas euphorisch anmutenden Bewertung kam:„Ja ich kann sagen, daß mich Gott tausendfältig dafür gesegnet hat, indem ich noch nie so viel Nutzen als eben in diesem Jahr gehabt.“ Neben seiner geschäftlichen Tätigkeit suchte Frege in dieser Zeit auch auf anderen Feldern Anschluss an die Leipziger Gesellschaft. Von den aufklärerischen Idealen angezogen und si- 7 cher auch in dem Wissen, dass sich unter den Mitgliedern auch Förderer eines weiteren Aufstieges finden lassen würden, bat er 1747 um Aufnahme in die Leipziger Freimaurerloge„Minerva zu den drei Palmen“, was ihm am 18. September 1747 gewährt wurde. Unter den Mitgliedern der Loge befanden sich in dieser Zeit eine Reihe weiterer Kaufleute, Ratsherren, aber auch Wissenschaftler, so dass sich die Möglichkeit bot, hierdurch neue Bekanntschaften zu schließen. Zu Beginn der 1750er Jahre differenzierten sich dann die Geschäftsbereiche seines Unternehmens weiter aus. Neben dem Warenhandel, kleineren Bankgeschäften und Finanzdienstleistungen betrieb er weiterhin Speditionsgeschäfte und investierte, ab 1752 nachweisbar auch im Montanwesen. Im Jahr 1753 schließlich trat er erstmals in engere geschäftliche Beziehungen zum kursächsischen Hof in Dresden. Am 21. August übertrug man ihm die Pacht der Leipziger Münze. In der getroffenen Vereinbarung hatte Frege sich verpflichtet, in sieben bis acht Jahren zwei Millionen Mark Silber und 11.000 Mark Gold auszumünzen. Darüber hinaus war es das erklärte Ziel des Hofes, in der Leipziger Münze gute polnische Münzen in minderwertige umzuprägen und dabei vom anfallenden Schlagschatz zu profitieren. Allerdings kam es immer wieder zu Stockungen bei der Einfuhr guter polnischer Münzen, so dass Frege öfter Vorschüsse leisten musste. Bis zum Einmarsch der Preußen in Leipzig Ende August 1756 verwaltete er die Arbeiten in der Leipziger Münze, wenngleich er verschiedentlich deren Übernahme als Fehler bezeichnete. Betrachtet man die Entwicklung seines Unternehmens bis dahin, denn der Siebenjährige Krieg war sowohl für Sachsen, die Stadt Leipzig als auch für Frege selbst ein bedeutender Einschnitt, dann lässt sich festhalten, dass er sich vom Handlungsgehilfen ohne Kapitalreserven, der sein Unternehmen auf Kredit gründen musste, innerhalb von anderthalb Dekaden in die erste Reihe der Leipziger Kaufleute„katapultiert“ hatte. Er hatte damit Anschluss gefunden an einen engen Kreis von Kaufmanns- 8 familien, wie zum Beispiel der Richter, Küstner, Winckler, Bose, Hohmann, Apel und Treitzschke, die zum Teil schon seit mehreren Generationen das wirtschaftliche und politische Leben der Stadt bestimmt hatten. Eine dominierende Stellung wie in den 1780er oder 1790er Jahren konnte die Firma zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht einnehmen. Dafür waren die alten Familien noch zu mächtig und das Vermögen Freges bzw. seine Geschäfte noch nicht umfangreich genug. Mit Ausbruch des Krieges wurden seine vielfältigen Aktivitäten unterbrochen. Die Münze musste er verlassen und für seine weiteren Handels- und Bankgeschäfte hatte er mit starken Einschränkungen zu rechnen. Wo er sich während des Krieges aufhielt, ist nicht genau belegbar, und auch in der Literatur finden sich hier gegensätzliche Interpretationen, die von Flucht vor den Preußen nach Thüringen bis zu aktiver Politik in Leipzig reichen. Sicher ist allerdings, dass er sich längere Zeit in der Nähe seiner Bergwerke im Saalfeldischen aufgehalten hat und während des Krieges nur sehr stark eingeschränkt seinen Geschäften nachgehen konnte. Wie schwer er selbst durch den Krieg geschädigt wurde, lässt sich dabei nicht beziffern. Neben den verminderten Einnahmen aus dem Handelsgeschäft belasteten weiterhin die hohen Vorschüsse, die er in Zusammenhang mit der Münzpacht geleistet hatte und mit dessen Rückzahlung er nach der Besetzung Sachsens durch Preußen und der Übersiedlung des Kurfürsten nach Warschau nicht rechnen konnte, und die andauernden preußischen Kontributionsforderungen die Geschäfte des Unternehmens. Noch im Krieg, 1759, wählte man Frege zum Ratsherrn der Stadt Leipzig, und im Jahr 1763 wurde ihm vom Kurfürsten der Titel eines Kammerrats verliehen. Die Gründe hierfür sind in der gestiegenen Bedeutung der Fregischen Firma zu sehen. Für kurze Zeit nahm er auch nach dem Krieg die Bewirtschaftung der Leipziger Münze wieder auf, wenngleich der Umfang der Geschäfte nur noch einen Bruchteil von dem aus Zeiten der sächsisch-polnischen Union ausmachte. Durch seine dritte Hei- 9 rat im Juli 1763 gelangte er schließlich in den Besitz des Rittergutes Trossin in der Nähe von Torgau. Nunmehr war er nicht nur Kaufmann und„Banquier“, sondern auch Inhaber eines landwirtschaftlichen Betriebes. 1764 zählte Frege zu den Initiatoren der Leipziger Ökonomischen Sozietät, einer nach französischem Vorbild gegründeten Vereinigung von reformorientierten Adligen und Großkaufleuten, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, Landwirtschaft, Handel und Manufakturen durch ihr Wirken, u. a. durch Preisschriften, zu fördern. Darüber hinaus engagierte er sich nach dem Krieg verstärkt in der„Stadtpolitik“, indem er verschiedene Ämter und Aufgaben übernahm. Kommissionshandelspartner und Handelsräume 1773–1815/16 Das Hauptaugenmerk der wirtschaftlichen Aktivitäten nach dem Siebenjährigen Krieg lag auf dem Handel und hier speziell auf dem Handel mit Leinwandwaren, besonders nach Spanien. 10 In einer vorher nie erreichten Art und Weise beteiligten sich die Freges am Textilhandel bis zum Rückgang der Nachfrage, ausgelöst durch den nordamerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Dabei bezog der Firmengründer auch verstärkt seine beiden Söhne, Abraham und Christian Gottlob, in das Handelsgeschäft mit ein. Christian Gottlob, der jüngere von beiden, bereiste die Leinwandproduktionszentren in Schlesien und der Oberlausitz und besorgte den Einkauf der in Südeuropa und Übersee begehrten Waren. Der ältere Sohn Abraham dagegen hielt sich lange Zeit in Spanien und Frankreich auf und akquirierte Kunden. Der Firmengründer dagegen koordinierte von Leipzig aus die Geschäfte seiner Unternehmung. Der Bedarf an mitteleuropäischen Gewerbeprodukten war zu dieser Zeit außerordentlich hoch, und die Gewinnmöglichkeiten stiegen an, je weiter man die Waren nach Westen brachte. Die höchsten Profite konnten erreicht werden, wenn man seine Waren direkt in die Neue Welt versandte, was allerdings für Firmen aus dem deutschen„Hinterland“ nicht unproblematisch war. Daher beschränkten sich viele Kaufleute auf den Handel mit Hamburg und Amsterdam, wenige lieferten direkt nach Spanien und noch weniger wagten Geschäfte auf eigene Rechnung nach Übersee. Der Handel der Freges lief in der Regel über Amsterdam und später auch direkt nach Cádiz und Sevilla. Ende der 1760er Jahre lassen sich allerdings auch Versuche nachweisen, vom direkten Interkontinentalhandel zu profitieren. So lieferte man vor allem Textilien nach Veracruz, Lima, Cartagena, Curaçao und Havanna. Allerdings war das Geschäft mit Übersee nicht besonders einträglich und zum Teil auch mit Verlusten behaftet, so dass sich die Freges später wieder schwerpunktmäßig dem spanischen Markt zuwandten. Neben den Handelsgeschäften betätigten sie sich weiterhin im Bergbau, waren verschiedentlich für den kursächsischen Hof in Finanzgeschäften tätig und übernahmen 1775 eine Zitz- und Kattunmanufaktur in Großenhain. Unterbrochen wurde diese Aufschwungphase durch die Rückwirkungen des nordamerikanischen Unabhängigkeitskrie- 11 ges, der besonders den Großhandel aufgrund unsicherer Seewege stark einschränkte. Beim Tod des Firmengründers im Mai 1781 war die Leipziger Firma der Primus inter Pares unter den sächsischen Unternehmen. Man verfügte über sehr weit reichende Geschäftsbeziehungen, unterhielt ausgezeichnete Kontakte zum Dresdner Hof und zum Leipziger Rat und hatte sein Kapital breit in verschiedenen Wirtschaftszweigen angelegt. Sein Verhältnis zur politischen Sphäre war ambivalent. Einerseits war er bemüht, gute Kontakte sowohl innerhalb der Stadt als auch zum Landesherrn und dessen Behörden zu unterhalten, um auf diese Art das eine oder andere Geschäft abschließen zu können bzw. Zugang zu relevanten Informationen zu bekommen. Andererseits versuchte er aber auch deutlich Distanz zu halten, da er in einer zu engen Verbindung Gefahren für seine Handlung sah. Besonders deutlich wurde diese Ambivalenz bei der Pacht der Leipziger Münze. Zum einen bemühte sich Frege um das Geschäft, da er sich dadurch Vorteile versprach. Andererseits befürchtete er eine Schädigung seines guten Namens und im schlimmsten Fall auch den finanziellen Ruin, für den Fall, dass die notwendigen Vorschüsse sein Vermögen und Kredit überstiegen hätten. Die gestiegene Bedeutung der Fregischen Handlung nach dem Siebenjährigen Krieg lässt sich auch anhand verschiedener Berichte von Zeitgenossen erkennen. So scheint es beispielsweise eine große Ehre und Anerkennung für einen auswärtigen Kaufmann der Leipzig, während oder außerhalb der Messe besuchte gewesen zu sein, wenn ihn der angesehene Handelsherr Frege empfing. Weiterhin hatte eine Beteiligung Freges an verschiedenen Geschäften mittlerweile Vorbildwirkung und besondere Symbolkraft gewonnen. Der Marienberger Bergmeister Friedrich Wilhelm von Trebra berichtete, dass es bei der Wiederaufrichtung des Bergbaus im Marienberger Revier von außerordentlicher Bedeutung gewesen sei, dass sich Frege hierbei engagierte, indem er für sich und 12 andere Kaufleute und Privatpersonen Kuxen an verschiedenen Gruben erwarb. Trebra beschrieb Frege in seinen Lebenserinnerungen:„Nach allgemeinen Ruf von sehr bedeutenden Geschäften, welche er betrieb, war er mir wohl bekannt nach Namen, noch nicht aber von Person. Auch ich wollte das Bergamt Marienberg mit seinem Bergbau wieder in guten Ruf setzen, hierzu kam mir daher das Anschließen an den Ruf dieses großen Negotianten, sehr beyhilfig vor.“ In der Folgezeit entwickelte sich ein rascher Briefwechsel zwischen dem Bergmeister und dem„geniale(n) kräftige(n) Negoziant(en).“ Dass die Ausstrahlung Freges nicht nur auf Sachsen oder Mitteldeutschland beschränkt blieb, verdeutlicht eine spätere Reise Trebras zu den holländischen Gewerken. Auch in Amsterdam kannte und schätzte man Frege, und die Empfehlungsschreiben, die dieser Trebra an verschiedene Amsterdamer Kaufleute mitgegeben hatte, öffneten dem Bergmeister so manche Tür und halfen mit, dass die holländische Reise ein Erfolg wurde. Am 21. Mai 1781 starb Christian Gottlob Frege in Leipzig. Zum Zeitpunkt seines Todes war Frege&Comp. das bedeutendste mitteldeutsche Unternehmen. Man verfügte über europaweite Verbindungen, engagierte sich in vielen verschiedenen Geschäftszweigen und verfügte über beachtliche Kapitalien. Allein das hinterlassene Vermögen aus der Handlung betrug über 330.000 Taler, wozu noch das Privatvermögen, die sich in seinem alleinigen Besitz befindlichen Immobilien, Fabriken und Bergwerksanteile zu rechnen sind, so dass man von einer Gesamtmasse von mehr als einer halben Million Taler ausgehen kann. Der Aufstieg der Firma war dabei in geradezu klassischer Art und Weise erfolgt. So bildeten Handel, Wechselgeschäft, Bergbau und Manufakturwesen den engeren Wirkungskreis der Firma. Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung der Firma, wenn man bei der Bewertung die Expansion der finanziellen und materiellen Ressourcen heranzieht: Bei der Gründung des eigenen Unternehmens war Frege auf die Hilfe anderer Kaufleute 13 und hier u.a. auf die Gewährung eines 1.000 Taler Kredites angewiesen, seinen Erben dagegen hinterließ er ein Gesamtvermögen von annähernd 600.000 Talern. Nach dem Tod des Vaters, seines älteren Bruders und des Mitgesellschafters bei Frege&Comp. trat Christian Gottlob Frege(Sohn) ein schwieriges Erbe an. Die Firma verfügte zwar über einen weit reichenden und glänzenden Ruf, allerdings waren die Geschäftsaussichten im Jahr 1781 aufgrund der kriegerischen Verwicklungen im Zusammenhang mit dem nordamerikanischen Unabhängigkeitskrieg alles andere als Erfolg versprechend. Zunächst wandte sich Frege den anstehenden Problemen bei der Verteilung des Erbes zu und konnte hier sowohl im Sinne der Familie als auch der Firma ausgewogene Ergebnisse erzielen. Die Geschäfte seines Vaters führte Frege(II) weiter und begann in den folgenden Jahren, eine ständige Ausweitung zu betreiben. Den Anfang machte er 1782, indem er mit den Gewerkschaften der Mansfelder Kupferhütten Verhandlungen aufnahm. Gegenstand dieser Gespräche war das Angebot Freges, das Mansfelder Silber und Kupfer auf Rechnung der Gewerkschaften zu vertreiben(Administration). Nach zähen Verhandlungen einigte man sich schließlich auf eine Zusammenarbeit, die annähernd zehn Jahre dauern sollte. Frege besorgte dabei den Absatz des Mansfelder Kupfers und verdiente sowohl an der gewährten Verkaufsprovision, an den Zinsen für verschiedentliche Vorschüsse als auch an eigenen Geschäften mit Kupfer nach Frankreich und Spanien. Allerdings war das Verhältnis zu den Gewerkschaften nie ganz spannungsfrei, da die Interessen des Einzelunternehmers einerseits und die der Gewerkschaft andererseits oft kollidierten. So sah Frege beispielsweise wesentlich bessere Absatzchancen in Westeuropa, die Gewerkschaften scheuten aber ein zu großes Risiko und wollten auf eigene Rechnung nur den Handel bis Hamburg erlauben. Neben dem Einstieg in den Handel mit Mansfelder Kupfer erhöhte Frege auch seine Kuxbeteiligungen im erzgebirgischen Bergbau und Taler 14 darüber hinaus auch in kleineren Montanregionen. Und schließlich investierte er, nach der Klärung der Erbschaftsfragen 1785, in die Alaun- und Vitriolwerke um Saalfeld und sorgte damit für eine Steigerung der Produktion. Einen erneuten Aufbruch für das Handelsgeschäft brachte das Ende des nordamerikanischen Unabhängigkeitskrieges mit sich. 120000 100000 80000 60000 40000 20000 0 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 00 01 02 03 04 05 17 17 17 17 17 17 17 17 17 17 17 17 17 17 17 17 17 17 17 17 17 17 17 17 17 17 17 17 17 18 18 18 18 18 18 Jahr Exporte der Firma Frege nach Spanien 1774–1803 Bereits 1783 trafen größere Bestellungen aus Spanien in Leipzig ein, so dass man in den Jahren 1784 und 1785 so viele Leinwandwaren nach Spanien versenden konnte, wie zu keinem anderen Zeitpunkt. Gleichzeitig erfuhr auch der Handel mit anderen Warenplätzen einen bedeutenden Aufstieg. Weniger glücklich verlief die Produktion in der eigenen Zitzund Kattunmanufaktur in Großenhain. Im Frühjahr 1785 entschloss man sich, aufgrund der anhaltenden Absatzschwäche die Manufaktur zu verpachten. Der Pächter hatte jedoch auch nicht mehr Glück und konnte 1790 den Betrieb nicht mehr aufrecht erhalten. 1792 verkaufte man den Betrieb an ein Leipziger Unternehmen. 15 Veränderungen nahm Frege auch hinsichtlich des Sitzes seines Unternehmens und der Familie vor. 1782 erwarb er ein Geschäftshaus in der Leipziger Katharinenstraße(Frege-Haus), was er in der Folgezeit sukzessive zum Stammsitz seiner Unternehmung ausbaute. 1785 verzichtete er zugunsten seiner jüngsten Stiefschwester für die Familie auf das Rittergut Trossin und erwarb 1789 das unmittelbar vor den Toren der Stadt Leipzig gelegene Rittergut Abtnaundorf. Letzteres baute er in den folgenden Jahren schrittweise zum Familiensitz aus. Im Abtnaundorfer Schloss empfing Frege wichtige Gäste, beispielsweise 1809 den sächsischen König Friedrich August. Weiterhin verfügte er nun über genügend Raum für andere Projekte, wie die Gründung einer eigenen Seidenmanufaktur in Abtnaundorf oder die Anlegung eines repräsentativen Gartens. Mit dem Ausgreifen der Französischen Revolution veränderten sich auch für Frege die Bedingungen, unter denen eine erfolgreiche Fortführung der Geschäfte möglich sein sollte. Doch zunächst hatten die Ereignisse des Jahres 1789 nur wenig Einfluss auf Handel und Finanzgeschäfte, lediglich der direkte Verkehr mit Frankreich, der abgesehen von den Kupferlieferungen nie sonderlich bedeutend gewesen ist, wurde vielfach unterbrochen. Erst der Ausbruch des ersten Koalitionskrieges veränderte die Situation nachhaltig. Handel und Finanzwesen erlebten einen starken Rückgang. Hinzu kam, dass im Frühjahr 1793 eine große Konkurswelle mit Zusammenbrüchen in Warschau, London, Amsterdam, Hamburg und Berlin die Geschäfte und hier bei besonders den europäischen Wechselkreislauf schwer beeinträchtigte. Frege reagierte auf diese augenscheinliche Krise mit einem breiten Rückzug aus den klassischen Geschäftsbereichen. Er trennte sich endgültig von seiner Kattunmanufaktur in Großenhain, zog sich aus den Geschäften mit den Mansfelder Gewerkschaften vollkommen zurück, trennte sich von einem größeren Teil seines Kuxbesitzes und drosselte die Exporte, vor allem nach Spanien. Dagegen begann er, sich verstärkt auf Fi- 16 nanzgeschäfte zu verlegen. 1792 erhielt er den ersten Auftrag für die Durchführung einer Partialobligationsanleihe durch Kaiser Franz. Darüber hinaus war er als Finanzdienstleister auch für den sächsischen Hof tätig und schloss mit dem Herzog von Kurland ein Kreditgeschäft ab. 1794 begann er mit dem Aufbau einer eigenen Seidenmanufaktur auf seinem Rittergut in Abtnaundorf, da durch das Ausbleiben von Lyoner Seidenstoffen ein spürbarer Mangel an Stoffen herrschte und sich dadurch neue Chancen boten. Gleichzeitig verstärkte Frege seine Immobiliengeschäfte. Besonders bemerkenswert war der Versuch, sich an Landspekulationen in den jungen Vereinigten Staaten zu beteiligen. Nach einigen Verhandlungen zwischen 1793 und 1795 kaufte man schließlich verschiedene Landstücke und hoffte auf große Gewinne bei einem späteren Verkauf an zuwandernde Siedler. Später kaufte Frege noch weitere Ländereien im Umfeld und schickte seinen Neffen nach Amerika, der sich um die Eintragung der Ländereien kümmern und Berichte über die nordamerikanische Handlung abfassen sollte, mit dem Ziel, aus dem Direkthandel nach Nordamerika Vorteile ziehen zu können. Beides erwies sich jedoch als Verlustgeschäft. In Bezug auf die Ländereien war man auf Betrüger hereingefallen, und die Handlung befand sich in derart großer Unordnung, dass man von einem Direkthandel absah. In vielfältiger Art und Weise bemühte sich Frege, die altüberkommenen Pfade der Geschäftstätigkeit zu verlassen und entweder nach neuen Absatzmärkten(USA) oder anderen Geschäftsbereichen zu suchen. Dass Frege die Umbrüche der Zeit auch als existenzielle Bedrohung wahrgenommen hat, belegen Äußerungen, nach denen er, zumindest zeitweise, in Erwägung gezogen hat, nach Amerika auszuwandern. Die folgenden Jahre waren vom Wandel in der allgemeinen Geschäftstätigkeit bestimmt. 1796 erfolgte der Rückzug vom spanischen Markt, dem bis dato wichtigsten Exportgebiet, vor allem für Leinenwaren. Dafür belebte man den Warenverkehr mit Hamburg und England, was allerdings die Ausfälle aus dem 17 spanischen Handel nicht einmal annähernd ersetzen konnte. Den Schwerpunkt der Aktivitäten sollten aber in Zukunft die Bankund Dienstleistungsgeschäfte bilden. 1795 übernahm Frege die Transferierung der Truppengelder für die sächsische Armee im Reichskrieg gegen Frankreich. Ab 1798 beteiligte er sich an der Unterbringung einer preußischen Anleihe, die durch das Wittgensteinsche Credit-CassenComptoir in Kassel geführt wurde. Doch waren diese Geschäfte zunächst nur der„Testlauf“ für die Expansion im Anleihe-, Kredit- und Dienstleistungsgeschäft zwischen 1802 und 1813. Den Anfang hierbei machte das Anleihegeschäft mit dem Königreich Schweden 1802. Durch den(kurzfristigen) Bedeutungsverlust des Frankfurter Effektenmarktes und den Zusammenbruch Amsterdams infolge der französischen Besetzung ergab sich die Möglichkeit, eine Partialobligationsanleihe über 1,5 Millionen Taler für Schweden in Leipzig zu eröffnen. Ab Ende des Jahres 1803 erhielt man verstärkt vom sächsischen Kurfürsten und den verschiedenen landesherrlichen Behörden Aufträge für unterschiedliche Geschäfte. Zunächst wurde man beauftragt, sächsische Staatspapiere im Wert von bis zu einer Million Taler über den Kapitalmarkt unter pari anzukaufen, um dadurch die Höhe der Tilgungszahlungen zu reduzieren. Zwischen 1804 und 1806 erhielt Frege fortlaufend Aufträge, größere Getreidelieferungen für die sächsischen Militär- und Bergmagazine im Ausland einzukaufen, was aufgrund von schlechten Ernten hohen Getreidepreisen notwendig geworden war. Man schickte Kaufanweisungen nach Danzig, Riga und Liebau und ließ das Getreide über Hamburg, Lübeck und Stettin nach Sachsen bringen. Der Gesamtwert des Getreides belief sich auf ca. 1,7 Millionen Taler, und die Leipziger Firma erhielt für ihre Vermittlerdienste zweieinhalb bis drei Prozent Provision. Von besonderer sowohl finanzieller als auch gesellschaftlicher Bedeutung war die Vermittlung der sächsischen Kontributionszahlungen an Frankreich nach der Niederlage 1806. Die Franzosen hatten Sachsen im Friedensvertrag von Posen eine 18 Kontribution in Höhe von 25 Millionen Francs auferlegt. Frege erhielt daraufhin vom sächsischen Hof die Aufgabe, sich dieses Problems anzunehmen. Er war an den Detailverhandlungen mit den Franzosen beteiligt, in denen man die Zahlungsmodalitäten festschrieb, und sicherte gegenüber den landesherrlichen Behörden zu, an den jeweiligen Terminen die notwendigen Summen in Wechseln anzuschaffen. Bis Mitte des Jahres 1807 konnte das Kontributionsgeschäft erfolgreich abgeschlossen werden. Für seine Dienste bekam Frege eine hohe Provision ausgezahlt und als Anerkennung verlieh man ihm den Titel eines Geheimen Kammerrats. Die Vermittlung der Kontributionszahlung an Frankreich war mithin das größte Einzelgeschäft während des gesamten Betrachtungszeitraums. Es erbrachte die höchste Provision und durch die tadellose Durchführung empfahl sich Frege nachhaltig für weitere Staatsfinanzgeschäfte. Bereits 1807 beauftragte man ihn mit der Emittierung einer ersten sächsischen Anleihe und 1810 erfolgte die Übernahme eines zweiten Anleihegeschäfts. Daneben vermittelte man die Aufnahme von Anleihegeldern im Jahr 1813 in Amsterdam, man übernahm den Ankauf von Münzsilber(1808), die Deponierung von Schatullengeldern und den Verkauf von russischen Banco-Noten. Ferner war man weiterhin für andere Auftraggeber tätig. Ende des Jahres 1805 beteiligte man sich an der Emittierung einer zweiten preußischen Anleihe, und im Jahr 1812 wurde eine Anleihe für die Stände der Niederlausitz an den Markt gebracht. Weiterhin vergab man Kredite an Sachsen-Stolberg(1808), die Stadt Leipzig(1808), den Cottbuser Kreis(1809), die Stadt Görlitz(1811) und an die Stände des Markgrafentums Oberlausitz(1812). Mit dem Inkrafttreten der Kontinentalsperre reduzierten sich die Möglichkeiten für eine aktive Beteiligung am Handel weiter. Der bis Ende der 1790er Jahre vorrangig betriebene Kommissionshandel wurde fast gänzlich eingestellt. Die Abschottung des europäischen Marktes führte zwar in den Jahren 1809–1811 noch einmal zu einem gewissen Aufschwung der Handelsgeschäfte, jedoch unterschieden sich die 19 Formen des Handels strukturell doch deutlich von denen früherer Zeiten. Allgemein betrachtet trat der Handel immer deutlicher in den Hintergrund, ohne jedoch vollständig aufgegeben zu werden. Die Firma lebte vor allem von ihren Bankgeschäften, unter denen die Betreuung von Anleihen und weiteren Staatsfinanzgeschäften eine besondere Stellung einnahm. Ähnlich wie sein Vater engagierte sich Christian Gottlob Frege auch in verschiedenen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. Seit 1772 gehörte er der gleichen Freimaurerloge, Minerva zu den drei Palmen, wie sein Vater an. Ab dem Ende der 1770er Jahre korrespondierte Frege jun. regelmäßig mit der Dresdner Landesökonomie-, Manufaktur- und Kommerziendeputation und war gutachterlich für diese tätig. Ab 1784 war er Mitglied der Kaufmannsvereinigung„Die Vertrauten“ und zwischen 1809 und 1816 deren Senior. 1789 wurde Frege mit vier weiteren Personen in den Rat der Stadt Leipzig gewählt, allerdings legte er bereits 1798 alle Ämter nieder und verließ den Rat wieder. Ferner war er, ebenfalls wie sein Vater, Mitglied der Leipziger Ökonomischen Sozietät. Im Jahr 1805 war Frege federführend am (gescheiterten) Versuch der Gründung einer Handelskammer in Leipzig beteiligt und war dabei als deren erster Präsident vorgesehen. Auch in anderen öffentlichen Belangen war er aktiv. So führte er u.a. die Kasse des Kindtauf Consortiums der„Vertrauten“, die eingezahlten Gelder waren dabei für die Armenpflege vorgesehen, und unterhielt einen Fonds für Gute Stiftungen in Abtnaundorf. Ferner beteiligte er sich am Umbau der Nikolaikirche, der 1797 weitgehend abgeschlossen war, und bekam hier auch eine Familienkapelle zugewiesen. Ähnlich wie bei seinem Vater war das Fregische Comptoir in der Katharinenstraße der Anlaufpunkt für auswärtige Kaufleute, die Leipzig besuchten. Man bemühte sich, den Prinzipal„van het eerste huis van Leipzig“ direkt zu sprechen, und Frege kam diesen Wünschen auch häufig nach. In besonderen Fällen erhiel- 20 ten die Gäste oder Geschäftspartner Einladungen, ihn privat auf seinem Rittergut in Abtnaundorf zu besuchen. Neben der Beschäftigung mit wirtschaftlichen Dingen war Frege vielseitig interessiert und pflegte seine Bibliothek, die Kupferstich- sowie seine Mineraliensammlung. In künstlerischen Fragen stand er u.a. im Briefkontakt mit Johann Wolfgang von Goethe, von dem er auch einen Teil der finanziellen Geschäfte, besonders die Abrechnungen mit dem Verleger Cotta, betreute. Zu weiteren einflussreichen Persönlichkeiten der Zeit hielt er Briefkontakt. Hierzu gehörten beispielsweise die preußischen Reformer Stein und Hardenberg und die beiden Humboldts. Ebenfalls zum engeren Bekanntenkreis zählten die Eltern Bismarcks, und Frege wurde 1815 von diesen ausgewählt, einer der Taufpaten des späteren Reichskanzlers Otto von Bismarck zu werden. Als Christian Gottlob Frege 1815 die Firma verließ und 1816 starb, hinterließ er ein Unternehmen, das in Leipzig, in Sachsen und in vielen Regionen Deutschlands und Europas hoch angesehen war. Er hatte das Unternehmen von einem„Gemischtwarenladen"(Handel, Bergbau Bank, Manufakturen usw.) ab der zweiten Hälfte der 1790er Jahre hin zu einem„Dienstleister“ entwickelt, worunter die Finanzdienstleistungen eine herausgehobene Stellung einnahmen. Erst mit der verstärkten Zuwendung zu Staatsfinanzgeschäften konnte dabei eine fortlaufende Spezialisierung erreicht werden, ohne dass man die anderen Tätigkeitsbereiche vollkommen vernachlässigte. Ohne die Bedeutung des Leipziger Unternehmens zu überschätzen – ihre Geschäfte hatten nicht die Größenordnung wie beispielsweise die von Hope in Amsterdam, den Baring Brothers in London oder Bethmann in Frankfurt am Main – muss man es uneingeschränkt zur europäischen Hochfinanz rechnen. Die Freges gehörten damit einem exklusiven Kreis von ungefähr 50–100 Personen und Firmen an, die bereits in der„Vor-RothschildPeriode“ einen bestimmenden Einfluss auf Wirtschaft und Staat nehmen konnten. 21 Mit dem Tod von Frege(II) 1816 endete die große Zeit des Handels- und Bankhauses. Sein wiederum gleichnamiger Sohn Christian Gottlob Frege(III) und die weiteren Gesellschafter führten die Geschäfte zwar weiter, ihnen fehlte aber offensichtlich der Weitblick, der die beiden Vertreter der ersten und zweiten Generation ausgezeichnet hatte. So beteiligte man sich beispielsweise nur zögernd an der Finanzierung von Eisenbahngesellschaften und frühen Industrieunternehmen. Eine jüngere Generation von Unternehmern verdrängte die Erben aus ihrer, zumindest in Leipzig und Sachsen, führenden Stellung und die Bedeutung des Bankhauses sank bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, so dass man nur noch von einem eher regional bedeutsamen Unternehmen sprechen kann. Darüber hinaus wurde durch unterschiedliche Erbteilungen der Familienbesitz mehrfach aufgespalten. Das Bankhaus Frege trat in seiner Bedeutung stark hinter andere Firmen in Leipzig und Deutschland zurück, da es sich auf eher kleinere Geschäfte im Privat- und zum Teil auch im Firmenkundenbereich konzentrierte, überlebte aber dadurch die großen Wirtschaftskrisen und Bankrottwellen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts und musste seine Tätigkeit erst nach dem 2. Weltkrieg 1945 einstellen. Resümee Charakteristisch für das ökonomische Handeln sowohl von Frege(I) als auch von Frege(II) war in allen Bereichen der wirtschaftlichen Tätigkeit eine sehr risikobewusste Ausrichtung der Geschäfte. Man scheute zu große Risiken, wählte die Kommissionspartner mit großer Sorgfalt aus und verzichtete eher auf bestimmte Geschäfte, als dass man das Unternehmen zu großen Gefahren aussetzte. Die Freges gehörten nie zu den Kaufleuten, die durch hochspekulative Geschäfte egal in welchem Bereich eine stetige Maximierung ihres Vermögens betrieben. Dies hatte zwar zur Konsequenz, dass man – verglichen mit anderen Unternehmen – geringere Gewinne in Kauf nehmen musste, man dafür aber 22 weitgehend von außergewöhnlich hohen bzw. sogar existenzbedrohenden Verlusten verschont blieb. So überstand die Firma beispielsweise die große Bankrottwelle Ende des 18. Jahrhunderts, die zu einer Vielzahl von Zusammenbrüchen in weiten Teilen Europas geführt hatte, so gut wie schadlos. Die nur spärlichen Informationen über die tatsächlich erwirtschafteten Gewinne erlauben nur eine sehr vorsichtige generalisierende Aussage. Demnach zogen die Freges zwischen 1780– 1815 ungefähr 25.000–40.000 Taler pro Jahr zur privaten Nutzung aus ihrem Unternehmen. Die tatsächlichen Gewinne waren dabei aber deutlich höher und wurden entweder zur Aufstockung des Eigenkapitals oder für Investitionszwecke verwendet. Man„begnügte“ sich vielmehr mit einer Entnahme von bis zu 40.000 Talern pro Jahr. Damit verfügte Frege(II) zum Vergleich jährlich über annähernd gleich viel Mittel wie der Großherzog von Sachsen-Weimar, Carl August, der beispielsweise im Rechnungsjahr 1810/1811 über etwas mehr als 41.000 Taler aus seiner„Schatulle“ befinden konnte. Der Schlüssel zum Erfolg lag bei den Freges in der Kombination aus Innovationsfähigkeit(Erschließung neuer Geschäftszweige, z.B. Partialobligationsanleihen), unternehmerischer Vorsicht(keine Spekulationsgeschäfte, Streuung des eingesetzten Kapitals) und in der Pflege eines sehr großen Korrespondentennetzes, zu dessen Mitgliedern sowohl Unternehmer als auch Politiker(z.B. Manteuffel, Stein, Goethe) gehörten. Durch die spätere Spezialisierung auf Staatsfinanzgeschäfte und besonders durch die Adaptierung neuer Finanztechniken wie der Partialobligationsanleihen, gelang es den Freges Anschluss an die modernen Entwicklungen des Bankwesens in Westeuropa zu finden. Anleihen, ein beträchtlicher Wechselverkehr, Kreditgeschäfte mit Privatpersonen, Firmen und der öffentlichen Hand, ein umfangreicher Katalog an Finanzdienstleistungen, ein europaweites Netzwerk an Kommissionshandelspartnern, um nur einige Beispiele zu nennen, sind Zeugnisse einer progressiven Entwicklung der Leipziger Firma. Doch 23 stand sie damit nicht allein, sondern die Freges waren vielmehr die bedeutendsten Großhändler und Bankiers in Mitteldeutschland. Aufgrund der angeführten Beispiele lässt sich allgemeiner gefasst die bisherige Forschungsmeinung von der Rückständigkeit des Leipziger bzw. mitteldeutschen Handels- und Bankwesens nicht mehr aufrecht erhalten. So paradox es erscheinen mag: Zur gleichen Zeit, in der die Messen für Leipzig insgesamt die größte Bedeutung erlangten, wurden sie im Kalkül der örtlichen Großkaufleute und Bankiers immer unwichtiger. Die Freges, aber auch andere Leipziger und sächsische Kaufleute wickelten nur noch einen Bruchteil ihrer Geschäfte über die dreimal jährlich stattfindenden Messen ab. Vielmehr versandten sie das ganze Jahr über ihre Waren in alle Teile Europas und verrechneten ihre Geschäfte bargeldlos mittels Wechsel. Der„permanente“ Kommissionshandel löste damit den Messehandel im Wesentlichen ab. Letztlich fehlte es Leipzig im Vergleich zu anderen Städten Westeuropas nur an einer dauerhaft betriebenen Börse. Die tief greifenden Veränderungen in Sachsen nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges lösten eine Modernisierungsbewegung in Staat und Wirtschaft aus, die das Land am Vorabend der napoleonischen Epoche fest im Westen Europas verankerte. Leipzig, das Handels- und Finanzzentrum Sachsens, verfügte damit an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert über intensive Kontakte sowohl nach West- als auch nach Ost- und Südosteuropa. Innerhalb des europäischen Handels- und Finanzwesens kam der Stadt eine besondere Vermittlerrolle zu, welche sich nunmehr nicht nur auf den Bereich des Messehandels beschränkte. Diese, vor allem in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ausgeprägten Strukturen vertieften sich trotz verschiedentlicher Rückschläge im 19. Jahrhundert und lösten sich letztlich erst mit dem Zweiten Weltkrieg auf. Die Entwicklung des Handels- und Bankhauses der Freges steht damit abschließend paradigmatisch für die progressive Entwicklung des sächsischen Handels- und Bankwesens am Übergang zum Industriezeitalter.