September 2007 direkt Analysen und Konzepte zur Wirtschafts- und Sozialpolitik Berufliche Ausbildung und Lehrstellenmarkt: Chancengerechtigkeit für Jugendliche mit Migrationshintergrund verwirklichen Dr. Mona Granato 1 Auf einen Blick Noch immer klafft eine Lücke zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Ausbildungsstellenmarkt. Vor allem Jugendliche mit Migrationshintergrund sind benachteiligt. Selbst mit guten Schulabschlüssen haben sie geringere Chancen auf eine qualifizierte Berufsausbildung. Eine Qualifizierungsoffensive für junge Menschen mit Migrationshintergrund ist nötig. Seit Jahren ist die angespannte Lage auf dem Lehrstellenmarkt Anlass politisch kontroverser Debatten. Seit kurzem gilt dies auch für die Frage der Chancengerechtigkeit junger Menschen mit Migrationshintergrund beim Zugang zu einer beruflichen Ausbildung. So hat sich z. B. im Rahmen der Erarbeitung des Nationalen Integrationsplans die AG 3„Gute Bildung und Ausbildung sichern, Arbeitsmarktchancen erhöhen“ mit dieser Frage beschäftigt. Schenkt man den euphorisch klingenden Pressemeldungen Glauben, so ist 2007 nicht nur eine Wende auf dem Ausbildungsstellenmarkt eingetreten, sondern der Ausgleich zwischen Angebot und Nachfrage nach Ausbildungsplätzen greifend nah. Die Realität ist jedoch weit davon entfernt: Noch immer klafft eine erhebliche Lehrstellenlücke, die jungen Menschen allzu oft den Zugang zu einer beruflichen Ausbildung verwehrt. Die Entwicklung des Ausbildungsmarktes Bis Ende August 2007 haben sich 710.900 jugendliche Bewerber gemeldet, die die Bundesagentur für Arbeit(BA) als ausbildungsreife Ausbildungsstellenbewerber registriert hat. Damit ist die Zahl der Bewerber im Vergleich zum Vorjahr um 21.700 zurückgegangen. Gleichzeitig wurden 458.200 Ausbildungs- WISO direkt September 2007 Friedrich-Ebert-Stiftung plätze gemeldet – 40.300 mehr als im vergangenen nen Teil die dramatischen Veränderungen im Jahr. Allerdings geht dieser Anstieg größtenteils Gesamtgefüge des berufsbildenden Systems aufauf eine Steigerung des Angebots an außerbetrieb- fangen. lichen Lehrstellen(+ 27.400) durch die BA zurück und nur zu einem kleinen Teil auf eine Erhöhung des betrieblichen Angebots. Somit klafft eine erhebliche Diskrepanz zwischen gemeldetem Angebot und gemeldeter Nachfrage. Seit 1992 ist die Zahl der Abgänger aus allgeJugendliche mit und ohne Migrationshintergrund: Zugangschancen zu einer dualen Ausbildung mein bildenden Schulen um rund 181.800 auf 941.500 in 2006 gestiegen(+ 24%). Eine ganz andere Entwicklung zeigt sich in dieser Zeit auf der Angebotsseite des Lehrstellenmarktes mit einem Rückgang von 22% – ein Verlust von ca. 160.000 Ausbildungsplätzen. Eine Folge hiervon: 2006 münden 61% eines Schulabsolventenjahrgangs in das duale System ein – Anfang der 90er Jahre waren es weit über 70%. Gleichzeitig münden 2006 185.600 Schulabsolventen und damit knapp 84% mehr als 1992 in einen schulischen Ausbildungsgang(mit Berufsabschluss). Dies gilt auch für die Studienanfänger(+ 52.900 bzw.+ 18%). Trotzdem gelingt es nicht, allen Schulabsolventen den Zugang zu einer abschlussbezogenen Ausbildung zu eröffnen. Die Prekarität zeigt sich auch am dramatischen Anstieg der jungen Menschen, die nach der allgemeinbildenden Schule erst einmal in eine berufliche Grundbildung des Übergangssystems einmünden: Ihre Zahl hat sich im Vergleichzeitraum verdoppelt und liegt 2006 bei rund 570.000, ihr Anteil an einem Schulabgängerjahrgang bei 60% – im Vergleich zu 36% Anfang der 90er Jahre. Auch die Altbewerber sind zu berücksichtigen. Der Anteil der Bewerber, die sich schon im (vor)letzten Jahr auf eine Lehrstelle beworben haben, ist erheblich angestiegen: 2006 hatte erstmals mehr als die Hälfte der bei der BA gemeldeten Bewerber die Schule bereits im Jahr zuvor oder noch früher verlassen. Der Anteil junger Menschen mit Migrationshintergrund unter den Altbewerbern ist besonders hoch: 55% der Bewerber aus Migrantenfamilien sind Altbewerber(ohne Migrationshintergrund Die schwierige Lage auf dem Ausbildungsstellenmarkt trifft insbesondere Bewerber mit Migrationshintergrund: Von den 182.000 Lehrstellensuchenden mit Migrationshintergrund beginnen nach den Ergebnissen der BA/BIBB – Bewerberbefragung 2006 2 nur 52.500 eine betriebliche duale Ausbildung. Von den Bewerbern ohne Migrationshintergrund finden 40% einen betrieblichen Ausbildungsplatz, von denjenigen mit Migrationshintergrund nur 29%(vgl. Ulrich/Granato 2006). Das bedeutet: Weniger als ein Drittel der Bewerber mit Migrationshintergrund mündet in eine duale Berufsausbildung ein – deutlich seltener als diejenigen ohne Migrationshintergrund. Fast genauso viele Bewerber mit Migrationshintergrund, 28%, finden sich in Bildungsgängen des Übergangssystems wieder, die nicht zu einem Berufsabschluss führen – häufiger als Lehrstellensuchende ohne Migrationshintergrund. Zum Teil finden sich darunter auch solche Bildungsgänge, die es ihnen ermöglichen, ihre schulischen Voraussetzungen zu verbessern. Doch der wiederholte Besuch berufsvorbereitender Maßnahmen u.ä. trägt eher zur Verfestigung des Übergangsstatus bei, ohne dadurch ihre Aussicht auf eine abschlussbezogene berufliche Qualifizierung deutlich zu erhöhen(Ulrich/Krekel 2007; Friedrich u.a. 2007). Die schwierige Situation an der Statuspassage Schule – Ausbildung zeigt sich auch darin, dass 22% der Bewerber mit Migrationshintergrund noch nicht einmal in eine Grundbildung einmünden, sondern arbeitslos sind oder jobben – deutlich häufiger als diejenigen ohne Migrationshintergrund. 45%). Diese Entwicklung ist berufsbildungspolitisch von Brisanz, weil das Altbewerberpotenzial auf ca. 325.100 junge Menschen geschätzt wird Einmündungschancen in eine betriebliche Ausbildung bei gleichen (Ulrich/Krekel 2007). Bildungsvoraussetzungen Vor dem Hintergrund dieser grundlegenden Veränderungen im Ausbildungssektor erscheint Die Ergebnisse der BA/BIBB-Bewerberbefragung 2 der Zuwachs an Ausbildungsstellen in diesem 2006 belegen, dass sich gute schulische VorausJahr eher bescheiden. Er kann nur zu einem kleisetzungen – d.h. ein weiterführender Schulab- Wirtschafts- und Sozialpolitik WISO direkt September 2007 schluss bzw. gute Noten im Abschlusszeugnis – Der Migrationshintergrund beeinflusst die Erbei einheimischen wie eingewanderten Bewerfolgsausichten von Bewerbern auch unabhängig bern als förderlich auswirken, jedoch in sehr unvon den Schulabschlüssen und Schulnoten – und terschiedlichem Maße. So finden Bewerber aus zwar negativ. Migrantenfamilien mit Hauptschulabschluss mit 23% kaum seltener als einheimische Schulabgänger mit Hauptschulabschluss mit 24% einen beFazit trieblichen Ausbildungsplatz. Diese geringen Unterschiede verschwinden Die Ausbildungschancen junger Menschen mit jedoch nicht mit zunehmendem BildungsabMigrationshintergrund haben sich im verganschluss – im Gegenteil. Während von den Realgenen Jahrzehnt überproportional verschlechschulabsolventen aus Migrantenfamilien nur tert. Die berufliche Qualifizierung junger Men32% in einen betrieblichen Ausbildungsplatz schen mit Migrationshintergrund ist noch lange einmünden, sind es bei der einheimischen Verkein integraler Bestandteil des Bildungssystems. gleichsgruppe 43%. Auch Bewerber mit Abitur Umgekehrt: Die Lage auf dem Ausbildungsstelund Migrationshintergrund haben mit 44% erlenmarkt ist von Verdrängungsprozessen gekennzeichnet. Gleichzeitig in Frage gestellt ist hiermit die Integrationsfähigkeit des(beruflichen) BilÜbersicht: dungssystems in Deutschland. Einmündung von Bewerbern mit und ohne Eine grundlegende Entspannung der AusbilMigrationshintergund in eine betriebliche dungslage – gerade unter Berücksichtigung des Ausbildung in% Altbewerberpotenzials – ist noch lange nicht in 55 Ohne Migrationshintergrund 50 Sicht. Angesichts der erklärten bildungspoliti53 schen Zielsetzung der Bundesregierung wie der Sozialparteien, allen jungen Menschen in 45 43 44 Deutschland eine voll qualifizierende Berufsaus40 bildung zu ermöglichen, ist eine breit angelegte und abgestimmte Qualifizierungsoffensive für 35 junge Menschen mit Migrationshintergrund er32 30 forderlich, die in einem integrierten Förder-Pro25 24 20 23 maximal Mit Migrationshintergrund Mittlerer Studiengramm vorrangig in folgenden Handlungsfeldern zielgruppenspezifisch und differenziert vorgeht 3 : (1) Übergangsmanagement von Schule in AusbilHauptschule Abschluss berechtigung dung qualitativ verbessern Quelle: BA/BIBB-Bewerberbefragung 2006 Die quantitative Ausweitung des Angebots an beruflicher Grundbildung hat nicht dazu geführt, die Schwierigkeiten auf dem Ausbildungsmarkt zu lösen. Notwendig ist eine zielgruppenspeziheblich geringere Erfolgsaussichten als die Verfisch differenzierte Ausrichtung vorberuflicher gleichsgruppe ohne Migrationshintergrund Bildungsangebote, die die Einmündung in eine (53%). Vergleichbares gilt auch für die schuvollqualifizierende Ausbildung erheblich voranlischen Voraussetzungen, gemessen beispielsweibringt. Zentral ist es, bestehende Fördermaßnahse an der Mathematiknote: 35% der Bewerber men für den Teil der Schulabgänger mit Migramit Migrationshintergrund mit einer(sehr) gutionshintergrund mit unzureichenden schuliten Mathematiknote finden einen betrieblichen schen Vorkenntnissen qualitativ zu verbessern. Ausbildungsplatz, hingegen 47% der Bewerber Ebenfalls notwendig sind regionale(berufohne Migrationshintergrund mit einer(sehr) guliche) Netzwerke, um die Kooperation zwischen ten Mathematiknote. allen am Übergangsprozess Beteiligten nachhalDiese Ergebnisse belegen:(1) Die Chancen tig zu fördern. von Bewerbern mit und ohne MigrationshinterGleichzeitig sind bisherige Anstrengungen grund, die vergleichbare Schulabschlüsse bzw. zur Sensibilisierung von Personalverantwortlidieselbe Schulnote in Mathematik oder Deutsch chen in Betrieben und Verwaltungen sowie Ak3 aufweisen, sind sehr unterschiedlich. Und:(2) teuren in Kammern und Berufsverbänden weiter- WISO direkt September 2007 Friedrich-Ebert-Stiftung zuführen, um Bewerbungsverfahren im Sinne des cultural mainstreaming offen für Bewerber mit Migrationshintergrund zu gestalten. Dies beginnt bei der kritischen Revision der Anforderungsprofile scheinbar neutraler Testverfahren und setzt sich bei der Vorauswahl der Bewerber über das gesamte Bewerbungsverfahren fort. (2) Angebote an voll qualifizierender Ausbildung Die bisherigen Förderinstrumente haben sich, gerade für die Gruppe der Jugendlichen aus Migrantenfamilien mit qualifizierten Schulabschlüssen, als nicht effektiv genug erwiesen. Von dem berufsbildungspolitischen Vorrang vorberuflicher Maßnahmen sollte für diese Zielgruppe abgegangen werden, um unnötige Warteschleifen und Sackgassen zu vermeiden. Hier gilt es neue Wege zu gehen: Marktbenachteiligten Jugendlichen sollte eine abschlussbezogene duale Ausbildung in einem Ausbildungsplatzprogramm ermöglicht werden. Dies gilt auch für schulisch gut qualifizierte Altbewerber. Die Einrichtung außerbetrieblicher Ausbildungsplätze für Jugendliche mit Migrationshintergrund durch die BA in 2007 ist ein erster Schritt. Diese Initiative sollte vor dem Hintergrund des großen Bewerberüberhangs und des Verdrängungsprozesses von Schulabgängern mit Migrationshintergrund in einem integrierten mittelfristigen Förderprogramm, ähnlich wie das Ausbildungsprogramm Ost in seiner betriebsnahen Variante, angelegt sein. (3) Konsequente Nachqualifizierung Die Barrieren auf dem Ausbildungsmarkt haben zur Folge, dass junge Migranten mit 41% wesentlich häufiger ohne einen Berufsabschluss bleiben als junge Erwachsene ohne Migrationshintergrund mit 15%(Konsortium Bildungsbericht 2006). Dies betrifft rund 1,09 Millionen junge Erwachsene mit Migrationshintergrund – und noch einmal genauso viele ohne Migrationshintergrund: Die Gesellschaft lässt wesentliche Potenziale dieser jungen Menschen ungenutzt und schafft zudem erheblichen sozialen Sprengstoff. Die berufliche Nachqualifizierung sollte daher – wo möglich berufsbegleitend – ein weiteres zentrales Anliegen in einem Förderprogramm sein und einem möglichst großen Anteil junger Erwachsener ohne Berufsabschluss den Zugang zu einem anerkannten Berufsabschluss ermöglichen. Literatur Friedrich-Ebert-Stiftung/Bundesinstitut für Berufsbildung (Hrsg.) 2006: Kompetenzen stärken, Qualifikationen verbessern, Potenziale nutzen. Berufliche Bildung von Jugendlichen und Erwachsenen mit Migrationshintergrund. Bonn.(http://library.fes.de/pdf-files/ asfo/03665.pdf) Friedrich, Michael, Beicht, Ursula; Ulrich, Joachim Gerd 2007: Deutlich längere Dauer bis zum Ausbildungseinstieg Schulabsolventen auf LehrstellensucheIn: BIBB REPORT, Heft 2(http://www.bibb.de/dokumente/pdf/a12_bibbreport_2007_02.pdf) Granato, Mona; Bethscheider, Monika; Friedrich, Michael; Gutschow, Katrin; Paulsen, Bent; Schwerin, Christine; Settelmeyer, Anke; Uhly, Alexandra; Ulrich; Joachim Gerd: Integration und berufliche Ausbildung. Expertise.(http://www.bibb.de/de/wlk28963.htm). Konsortium Bildungsberichterstattung(Hrsg.) 2006: Bildung in Deutschland. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Bildung und Migration. Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder; Bundesministerium für Bildung und Forschung. Bonn Uhly, Alexandra; Granato, Mona 2006: Werden ausländische Jugendliche aus dem dualen System der Berufsausbildung verdrängt? In: Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis. Heft 3. Ulrich, Joachim Gerd; Granato, Mona 2006:„Also, was soll ich noch machen, damit die mich nehmen?“ Jugendliche mit Migrationshintergrund und ihre Ausbildungschancen. In: Friedrich-Ebert-Stiftung/Bundesinstitut für Berufsbildung(Hrsg.): a.a.O. Ulrich, Joachim Gerd; Krekel, Elisabeth M. 2007: Zur Situation der Altbewerber in Deutschland. Ergebnisse der BA/BIBB-Bewerberbefragung 2006. In: BIBB REPORT, Heft 1.(http://www.bibb.de/dokumente/pdf/ a12_bibbreport_2007_01.pdf) 1 Dr. Mona Granato ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bundesinstitut für Berufsbildung, Bonn. 2 Die BA/BIBB-Bewerberbefragung ist eine bundesweite, repräsentative, schriftlich postalische Erhebung bei Jugendlichen, die bei der Berufsberatung offiziell als Ausbildungsstellenbewerber gemeldet sind. 2006 lag die Rücklaufquote bei 49%, d.h. es beteiligten sich 4.600 BewerberInnen(Ulrich/Krekel 2007). 24% der Probanden haben einen Migrationshintergrund: 9% eine ausländische Staatsbürgerschaft, 13% sind Aussiedler, 2% haben einen anderen Migrationshintergrund. In die folgenden Auswertungen sind nur Bewerber einbezogen, die in den letzten 15 Monaten auf Lehrstellensuche waren. 3 Vgl. hierzu ausführlich: Friedrich-Ebert-Stiftung/Bundesinstitut für Berufsbildung(Hrsg.) 2006; Granato u.a. 2006. 4 Impressum:© Friedrich-Ebert-Stiftung Herausgeber: Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung Godesberger Allee 149 53175 Bonn Fax 0228 883 398 www.fes.de/wiso ISBN: 978-3-89892-761-1