Die Journalistenschüler – Rollenselbstverständnis, Arbeitsbedingungen und soziale Herkunft einer medialen Elite von Dr. Peter Ziegler Dr. Peter Ziegler · Die Journalistenschüler Inhalt Inhalt 1. Die Methodik der Untersuchung ........................................... 3 2. Die Entwicklung der Hypothesen .......................................... 3 2.1. Freier Zugang zum Journalismus? ............................................ 3 2.2. Die Lebenswelt des Prekariats und ihre Wahrnehmung in den Medien ................... 5 2.3. Journalistenschüler: Leistungselite aus der Mittelschicht ............................. 6 2.4. Der lange Marsch zum Ende des Gesinnungsjournalismus ........................... 7 2.5. Prekäre Arbeitsverhältnisse und erhöhter Konkurrenzdruck ........................... 9 2.6. Vom trimedialen Newsroom und dem Internet als Arbeitsplatzmagnet .................. 13 3. Die Ergebnisse der Befragung ............................................. 14 3.1. Der Mythos vom offenen Begabungsberuf wird entzaubert .......................... 14 3.2. Rollenselbstverständnis als Anwalt der Unterprivilegierten nur wenig ausgeprägt ............ 17 3.3. Journalistenschüler und der mediale Mainstream ................................. 19 3.4. Die Absolventen der Journalistenschulen als mediale Leistungselite ..................... 19 3.5. Für die Politik immer unberechenbarer – Alphajournalisten als Chamäleons ................ 23 3.6. Weitgehende Abstinenz gegenüber politischen Stiftungen ........................... 24 3.7. Die wichtigsten Orientierungsmedien ......................................... 25 3.8. PR auch als Notlösung – auch für die Elite ist es härter geworden ....................... 25 3.9. Die»eierlegende Wollmilchsau« – Ausbildung zu multimedialen Allroundern ............... 27 4. Die Bewertung und Einschätzung der Ergebnisse ............................. 30 5. Empfehlungen an die Politik .............................................. 32 Literatur ............................................................... 33 Herausgeber: Stabsabteilung der Friedrich-Ebert-Stiftung Redaktion: Beate Martin, Thomas Dreher © 2008 Friedrich-Ebert-Stiftung, Hiroshimastraße 17, D–10785 Berlin Stabsabteilung, www.fes.de/stabsabteilung Gestaltung: Doreen Engel, Berlin Published in Germany Juni 2008 Dr. Peter Ziegler · Die Journalistenschüler 1. Die Methodik der Untersuchung 1. Die Methodik der Untersuchung Insgesamt wurden Fragebogen 58 Absolventen der Deutschen Journalistenschule in München, der Henri-Nannen-Schule in Hamburg sowie der Kölner Journalistenschule befragt(siehe Anhang). Bei diesen Schulen handelt es sich um die ältesten bzw. auch die renommiertesten journalistischen Ausbildungsstätten in Deutschland. Die Grundgesamtheit besteht aus den Startjahrgängen 1985, 1995 und 2005 dieser drei Schulen. Diese Jahrgänge wurden ausgewählt, um in einer Zeitachse von 20 Jahren Rollenselbstverständnis, Arbeitsbedingungen und soziale Herkunft von Angehörigen dieser medialen Elite zu untersuchen. 1985 ist das Jahr der Einführung des kommerziellen Rundfunks in Deutschland, 1995 markiert einen Boom des Journalismus in einem wiedervereinigten Deutschland und 2005 die Zeit nach der Medienkrise zu Beginn des Jahrtausends und dem immer wichtiger werdenden Internet. Die jeweiligen Jahrgänge wurden von den Schulleitungen auf die Studie hingewiesen. Die per Mail erreichbare Stichprobe betrug insgesamt ca. 150 Absolventen. Die Zielgruppe wurde im Januar 2007 per Mail angeschrieben. Durch zweimaliges Nachfassen wurde versucht, die Absolventen, die sich noch nicht rückgemeldet hatten, für die Studie zu gewinnen. Die Abgabefrist für die Fragebögen endete Anfang April 2007. Ergänzt wurden die so erhobenen Daten durch intensive Interviews mit der ehemaligen Leiterin der Henri-Nannen-Schule, Kolb, der Leiterin der Kölner Journalistenschule, Hilgert, und dem Leiter der Deutschen Journalistenschule in München, Brenner. Die Entwicklung der Hypothesen 2.1. Freier Zugang zum Journalismus? Das Image der Journalistinnen und Journa­listen in der deutschen Bevölkerung ist seit Jahrzehn­ten negativ – schlechter als das des Müllmanns, des Briefträgers oder des Dachdeckers nach einer neuere Umfrage im Auftrag des Deutschen Beamten­ bundes . Dennoch drängen nach wie vor viele junge Menschen in den Journa­lismus. Als eine Art Königsweg gilt der Weg über eine der renommierten Journalistenschulen in Deutschland . Dabei müssen die Bewerber durch ein Nadelöhr gehen: Tausende drängen sich Jahr für Jahr, um einen der begehrten Ausbildungsplätze für ihren Traumberuf zu ergattern. Das Auswahlverfahren ist sehr hart. Deutscher Beamtenbund, Bürgerbefragung öffentlicher Dienst. Einschätzungen, Erfahrungen und Erwartungen. Forsa-Umfrage, Berlin 2007. Bundesagentur für Arbeit(Hrsg.), Arbeitsmarktinformation 3/2007. In der 3. Stufe der Aufnahmeprüfung an der Henri-Nannen-Schule etwa müssen sich die Aspiranten bis zu 12 etablierten Chefredakteuren von Spiegel, Stern und Zeit stellen. Wer es geschafft hat, erhält – im Gegensatz zu den beiden anderen Schulen – sogar eine»Lehrgangsbeihilfe«. Die Namen der Dozentinnen und Dozenten lesen sich wie auch in München wie ein»Who is who« der deutschen Spitzenjournalisten. Die Schulen entlassen jährlich nur sehr wenige ausgebildete Redakteurinnen und Redakteure auf den Markt: die Deutsche Journalistenschule 45 pro Jahr, die Henri-Nannen-Schule in Hamburg lediglich 20 alle 18 Monate. Ihnen stehen viele Türen sehr weit offen. In der Kölner Journalistenschule werden jährlich maximal 20 Bewerber für die dann 4-jährige Ausbildung angenommen. Die Ausbildung ist mit einem VWL-Diplom-Studium verbunden, das 2007 auf Bachelor umgestellt wurde. Nicht wenige der Absolventinnen und Absolventen landen in Führungspositionen der Me- Dr. Peter Ziegler · Die Journalistenschüler 2. Die Entwicklung der Hypothesen dien; wer von den ehemaligen Journalistenschülern eine feste Stelle im Journalismus will, hat über kurz oder auch lang beste Chancen darauf. Viele ehemalige Journalistenschüler landen in der Gruppe der Chefredakteure, Programmdirektoren, Korrespondenten; sie zählen damit faktisch zu einer Elite der Massenmedien in Deutschland. Da liegt die Frage nahe, welche Merkmale – wie Rollenselbstverständnis, politische Einstellungen, Arbeitsbedingungen und soziale Herkunft – erfolgreiche Bewerberinnen und Bewerber an den Schulen ausmachen. »Gibt es ein Journalismus-Gen?« fragte ein Fachmagazin provokativ und führte Beispiele scheinbar vererbter Begabungen im Journalismus auf, die sogar ganze Dynastien von Journalisten – nach dem Motto»ich trage einen großen Namen« wie Lebert, Pleitgen, Kronzucker, Hano, Merseburger, Fried, Augstein – einschloss. Söhne oder Töchter von Journalisten bzw. Verlegern wurden wieder Journalisten – teilweise in herausgehobenen Positionen wie Anchorwoman, Auslandskorrespondent, Chefredakteur oder Leiter des Berliner Büros. Die Journalistengewerkschaften als Standesorganisationen postulieren einen freien Zugang zum Journalismus. Doch diesem Anspruch des offenen Begabungsberufs steht zum Beispiel der Befund des Journalistik-Forschers und ehemaligen DJV-Bundesvorsitzenden Siegfried Weischenberg entgegen : Die Journalisten»rekrutieren sich... sehr deutlich aus einem Bereich der Gesellschaft: der Mittelschicht«. Und das ist offenbar über Jahrzehnte hinweg unverändert geblieben, denn Weischenberg hat diesen Befund in einer Zeitachse seit 1993 verfolgt. Was bedeutet diese Rekrutierung aus der Mittelschicht für das Bild, das die Journalisten von der Wirklichkeit haben, welche Konsequenzen hat das für die Kunden, die Rezipienten des Journalismus? Der Elitenforscher Michael Hartmann von der TU Darmstadt weist darauf hin, dass bislang systematische Eliteforschung im Bereich des Journalismus ein weißer Fleck geblieben sei. Hartmann hatte in seinen Studien insbesondere die Selbstrekrutierung von Eliten aus der Wirtschaft problematisiert. Diese Fragestellung scheint mit einem Tabu belegt zu sein, denn solche Formen von Oligarchie in den Massenmedien widersprechen dem Prinzip einer durchlässigen Leistungsgesellschaft. Mit Ausnahme des erwähnten Artikels in einem Fachmagazin wurde hinter vorgehaltener Hand unter Journalistenkollegen darüber gemunkelt. Und die Betroffenen wiesen darauf hin, dass der Name des Vaters(oder selten auch der Mutter) zwar so manche Tür geöffnet habe, sich aber gleichzeitig andere fest vor ihnen verschlossen hätten. Doch diese Form von»Selbstrekrutierung« im Journalismus ist nur ein Randaspekt der vorliegenden Studie. Vielmehr soll der für eine demokratisch verfasste Gesellschaft fundamentalen Frage nachgegangen werden, ob alle Milieus, über die Journalismus in Deutschland berichtet, sich bei der Rekrutierung des journalistischen Nachwuchses widerspiegeln. Unterstellt wird, dass nur so die Sensibilität für bestimmte Themen in den Medien vorhanden ist. Und nur bei einem wirklichen offenen Begabungsberuf haben die Söhne und Töchter von sozial weniger Privilegierten die Chance, dass auch ihre Kinder Zugang zum Prozess der freien Meinungsbildung haben. Weischenberg/Malik/Scholl(2006), S. 69. in mehreren Gesprächen mit dem Verfasser 2005; Ansätze gab es in den 70er Jahren mit dem »Autorenreport« von Fohrbeck und Wiesand, in den Studien von Glotz und Langenbucher ihres Münchner Meinungsforschungsinstituts. Hartmann(2002), wobei Hartmann zurecht darauf hinweist, dass ein Teil der Medienelite – Eigentümer, Spitzenmanager der großen Zeitungskonzerne – schon zur Wirtschaftselite zählen; in seiner Studie»Eliten und Macht in Europa«(2007), S. 24, weist er dies auf europäischer Ebene nach. Skepsis ist angebracht. Die ZEIT fasst die Ergebnisse Weischenbergs zusammen, der 2006 einen viel beachteten Report über die deutschen Journalisten veröffentlicht hat, eine repräsentative Studie der Institute für Journalistik und Kommunikationswissenschaft der Universitäten Jäger, in: Medium Magazin 3/2007, S. 60 f. Dr. Peter Ziegler · Die Journalistenschüler 2. Die Entwicklung der Hypothesen Hamburg und Münster:»Papa war Beamter«. Dominieren auch unter den Absolventen und Absolventinnen der Journalistenschulen die Söhne und Töchter von Beamten, die in aller Regel ohne große materielle Sorgen und mit der Sicherheit eines unkündbaren Arbeitsverhältnisses aufwachsen und sich selbst verwirklichen können? Untersucht werden soll also die Hypothese: Journalismus ist kein Beruf mit einem wirklich freien Zugang; vielmehr wird der Nachwuchs faktisch in der Mittelschicht rekrutiert. Dies hat Auswirkungen auf die Wahrnehmung der sozialen Realität. Ein unstrittiges Merkmal des journalistischen Konsensus ist die gegenseitige Orientierung der Medien und damit der in ihnen arbeitenden Journalisten aneinander. Anders ausgedrückt: die Gatekeeper-Funktion wird wahrgenommen, indem die der Nachrichtenauswahl zugrunde liegenden Faktoren im Journalismus gegenseitig bestätigt werden. So entsteht der Konsens der Journalisten, der sich auch auf die Wahrnehmung gesellschaftlicher Gruppen und entsprechender Themen auswirkt. Die Folge des Konsenses ist die weitgehende Konsonanz der Nachrichtenfaktoren, die zu einer ähnlichen medialen Wahrnehmung zum Beispiel auch von sozialen Problemlagen führt. 2.2. Die Lebenswelt des Prekariats und ihre Wahrnehmung in den Medien Es war der SPD-Vorsitzende Kurt Beck, der 2006 die Diskussion über das»abgehängte Prekariat« in Deutschland auslöste. In einem Zeitungsinterview hatte Beck den mangelnden Aufstiegswillen in der Unterschicht beklagt. Grundlage war eine bis zu dem Zeitpunkt des Interviews unveröffentlichte Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung über die»Gesellschaft im Reformprozess« vom Juli 2006. Der Begriff»abgehängtes Prekariat« machte schnell in den Medien Karriere und löste eine breite öffentliche Diskussion über Chancengerechtigkeit in Deutschland aus. Acht Prozent der wahlberechtigten Bevölkerung müssen demnach als»sozial abgehängt« bzw. als »Unterschicht« gelten. Eine stichflammenartige Berichterstattung und Kommentierung in den Medien über diese Menschen im sozialen Abseits war die Folge; Reportern wurden Zeitungsseiten oder Sendeplätze über das Leben von Hartz-IVEmpfängern, über Kinderarmut und Regelsätze bei der Sozialhilfe freigemacht. Experten, die so genannten üblichen Verdächtigen, wenn es um solche Themen geht, hatten in den Leitmedien Hochkonjunktur. Gegen den medialen Mainstream zu schwimmen, leisten sich wenige Medien wie die in Berlin erscheinende taz, die relativ kontinuierlich über die Welt der sozial Unterprivilegierten berichtet. Generell aber scheint zu gelten, was die langjährige Hauptstadtjournalistin Tissy Bruns feststellt:»Die politisch-publizistische Klasse ist betriebsblind geworden, weil sie sich zu viel im eigenen Getriebe bewegt« . So geht Politikern und Journalisten der Bezug zu Teilen der sozialen Wirklichkeit verloren. Bruns räumt ein, es liege auch am eingeschränkten Blickwinkel der Medien, dass Politiker manche Realitäten ihres Landes erst entdeckten, wenn Skandale oder Stimmenverluste drohten:»Die klassische Sozialreportage hat in den deutschen Medien einen schweren Stand« 10 . Es fehlt also an kontinuierlicher Berichterstattung über die Lebenswelt der nicht Privilegierten. Dies führt zur zweiten Hypothese: Die Lebenswelten der sozialen Unterschichten werden aus der Berichterstattung weitgehend ausgeblendet, weil sich die Journalistinnen und Journalisten primär an ihren Kollegen und ihrem sonstigen sozialen Umfeld orientieren. Soboczynaski, Papa ist Beamter, Die Zeit vom 26.1.2006. Friedrich-Ebert-Stiftung, Gesellschaft im Reformprozess. TNS Infratest Sozialforschung 2006. Bruns(2007), S. 218. 10 Ebd. S. 190. Dr. Peter Ziegler · Die Journalistenschüler 2. Die Entwicklung der Hypothesen 2.3. Journalistenschüler: Leistungselite aus der Mittelschicht »Ich kann nicht ausschließen, dass es Journalistenschüler gibt, die einen elitären Anspruch zu haben glauben, weil sie den Test bestanden haben. Wir wollen möglichst gute, qualifizierte Journalisten ausbilden. Ob wir die Elite nennen würden – ich weiß es nicht«. So beschreibt Ingeborg Hilgert, Leiterin der Kölner Journalistenschule, das Ergebnis des harten Auswahlverfahrens. Ulrich Brenner, Leiter der Deutschen Journalistenschule in München:»Ich warne vom ersten Tag an davor, sich als Elite zu empfinden. Wir sind ein bescheidener Laden – das unterscheidet uns von anderen Journalistenschulen; aber wir überzeugen durch unser Verantwortungsbewusstsein, wie wir mit Journalismus umgehen. Viele Journalistenschüler landen in Führungspositionen, weil sie gute Arbeit und Leistung abliefern, aber sie landen in aller Regel nicht da, weil sie mit einem gesteigerten Selbstbewusstsein in den Beruf gegangen sind«. Dieser ausgesprochenen Bescheidenheit des Managements der Schulen stehen Karrierewege und Netzwerke der Absolventinnen und Absolventen gegenüber, die oftmals ihresgleichen in der deutschen Medienszene suchen. Der Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, Hans Werner Kilz, lässt sich auf den Webseiten der DJS zitieren: »Eine Bewerbung von einem DJSler ist eine Bewerbung, die ich von vorne bis hinten durchlese«. Faktisch kommen zahlreiche Absolventen bei den begehrten Verlagen bzw. Medien wie Gruner+Jahr, Süddeutsche, Bayerischer Rundfunk, Focus, Spiegel, Die ZEIT unter. Herausragende Absolventen der DJS zum Beispiel wie Sandra Maischberger, Günter Jauch, Kurt Kister oder Volker Herres sind mittlerweile Stars in der medialen Manege. Das Testimonial Jauchs für den Webauftritt der DJS:»Nicht wenige Moderatoren, die erst später welche wurden, empfehlen rückblickend den Besuch der Deutschen Journalistenschule in München«. Volker Herres hat es vom Absolventen der DJS zum Programmdirektor des NDR gebracht hatte. Herres wurde bei seiner Bewerbung um die Intendanz des NDR dann Opfer politischer Ranküne, als ihn CDUMinisterpräsidenten angeblich zum nächsten Intendanten des NDR auserkoren hatten und es dann doch ein anderer geworden ist. Doch seine Karriere war damit keineswegs beendet: auf Beschluss der Intendanten der Landesrundfunkanstalten wird der 50-jährige Medienmanager den langjährigen ARD-Programmdirektor Günter Struve beerben und somit eine Schlüsselstellung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk einnehmen. Die Absolventenliste der Kölner Journalistenschule schmücken Namen wie Dirk Kurbjuweit, Spiegel, Henning Krumrey, Focus, Marion von Haaren, WDR, und Elisabeth Niejahr, Die ZEIT. Die Henri-Nannen-Schule hat namhafte Journalisten und Moderatoren wie Peter Kloeppel, RTL, Christoph Keese, WamS und Cordt Schnibben, Spiegel, hervorgebracht. 11 Solche Namen sind beispielhaft für eine faktische Leistungselite. Zwar sind diese Stars nur bedingt repräsentativ für die Tausenden von Absolventinnen und Absolventen, die diese Schulen seit der Gründung des Werner-Friedmann-Instituts 1949 hervorgebracht haben. Der damalige Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung und Herausgeber der Abendzeitung konzipierte die Schule nach dem Vorbild der Graduate School of Journalism der Columbia University in New York. Die DJS als Nachfolgeinstitut gibt es seit 1961. Die erste Journalistenschule nach dem Krieg wurde 1945 bereits in Aachen gegründet. Nicht wenige der Absolventen arbeiten im Management von redaktionellen Abläufen bei ZEIT oder Süddeutsche oder organisieren angesehene Internetauftritte deutscher Medien. Sie steuern quasi hinter den Kulissen die Prozesse medialer Produktion. Die Absolventinnen und Absolventen der Journalistenschulen sind eine reale Gestaltungsmacht, die sich wie jede Form der Macht in einer Demokratie legitimieren muss. 11 Anm.: Einige Prominente, die nicht an den Journalistenschulen angenommen worden sind, kokettieren mit dieser Absage: Der heutige Fernsehstar Harald Schmidt fiel nach eigenen Angaben bei der Aufnahmeprüfung an der HNS in Hamburg durch. Dr. Peter Ziegler · Die Journalistenschüler 2. Die Entwicklung der Hypothesen Ein erklärtes Prinzip der Ausbildung ist, dass ehemalige Journalistenschüler ihresgleichen nachziehen. Das funktioniert offenbar sehr erfolgreich. Ulrich Brenner:»Man wird... hineingeboren in ein Netzwerk; es gibt kaum eine Redaktion in Deutschland, noch nicht einmal eine Pressestelle, in der nicht Absolventen der Journalistenschule drin sind. Und das ist für unsere jungen Leute eine gute Möglichkeit, auch mal anzudocken«. Ingeborg Hilgert bestätigt, dass es einen KSClub gebe, der wöchentlich einen Newsletter sendet und einmal im Jahr ein Fest organisiert. »Beides dient auch als Jobbörse!« Erklärtes Ziel ist es,»ein tragfähiges Netzwerk im deutschen Mediensektor zu etablieren«, so der Internetauftritt des Clubs. Vertretern der Medienbranche, die auf der Suche nach exzellenten Autoren oder nach PR-Beratern seien, stehe ein»qualifizierter Pool an Journalisten und Kommunikationsspezialisten zur Verfügung« 12 . Die Absolventinnen und Absolventen der Journalistenschulen gehören aller Voraussicht nach mindestens dem Mittelstand an, gemessen an der Zahl der gesamten Journalisten bilden sie eine überschaubare Elite, die eigene Netzwerke knüpft und so Karrieren fördert. Da liegt die Annahme nicht fern, dass man unter seinesgleichen verkehrt und keine Bezüge etwa zur Welt der Unterschicht in Deutschland hat. So stellt Weischenberg etwa über die Journalisten in Deutschland fest, dass es bei ihnen eine Selbstbezüglichkeit auf der beruflichen Ebene gebe. 13 Deshalb die These: Journalistenschulen sind nur bedingt in der Lage, diese Tendenzen zu kompensieren. Die Schulen formen eine quantitativ überschaubare Medienelite, die sich durch entsprechende Leistung, aber auch durch die Rekrutierung aus der Mittelschicht charakterisieren lässt. Das System der Alumni beinhaltet die Tendenz zur Abschottung der Karrierewege. 2.4. Der lange Marsch zum Ende des Gesin­ nungsjournalismus Der Fall des letztlich auch an den Medien gescheiterten Medienkanzlers Schröder zeigt, wie sehr Loyalitäten im politischen Journalismus aufweichen. Schröder polterte in der Wahlnacht, dass die Medien seine Wiederwahl zunichte machen wollten. 14 Doch von einer Verschwörung gegen den ehemaligen Medienkanzler konnte wohl kaum die Rede sein. Gerhard Hofmann, langjähriger RTL-Hauptstadtkorrespondent:»Journalisten sind habituell unfähig zur Verschwörung« 15 . Vielmehr scheinen die»Meinungsbildner« das nachvollzogen zu haben, was von Seiten vieler Politiker gang und gebe ist: Loyalitäten werden schnell aufgekündigt, wenn Journalisten zu kritisch geworden sind, eben nicht mehr ergeben genug schreiben oder gar einen innerparteilichen Konkurrenten unterstützen wollen. Jürgen Leinemann vom Spiegel hat dafür, was Schröder betrifft, ein eindrucksvolles Sittengemälde abgegeben. 16 Seit 1989 und dem Ende der ideologischen Polarisierung in Deutschland, die zu Wahlkampfparolen wie»Freiheit statt Sozialismus« führte, hat sich bei den journalistischen Eliten ein Prozess der Entideologisierung eingestellt. Mit dem Ende des Gesinnungsjournalismus ging offensichtlich ein Floaten der»Tendenzen« der deutschen Leitblätter einher. Ingrid Kolb stellt fest, dass die parteipolitische Festlegung ihrer Schülerinnen und Schüler an der HNS, wie sie sagt,»wahnsinnig aufgeweicht« sei. Kolb selbst war 17 Jahre lang beim Stern, davor drei Jahre beim Spiegel. »Diese Häuser standen für Haltungen, für eine bestimmte Art, auf die Welt zu schauen«. Die Betonung liegt auf dem Imperfekt. Christina von Hodenberg weist anhand der Karriereverläufe von 283 westdeutschen Journalisten der späten 40er bis frühen siebziger Jahre nach, wie sich ein Umbruch des Selbstverständnisses der Publizisten vollzog:»der Abschied vom Konsens mündete in das Modell 12 Zu den Netzwerken und Fördervereinen der Journalistenschulen auch: Dominik McVey und Mark Diening, Fördern und Feiern. In: Journalist 5/2007, S. 46 f. 13 Weischenberg et al.(2006), S. 154. 14 Hachmeister(2007), S. 5. 15 Hofmann(2007), S. 6. 16 Leinemann(2004), S. 329. Dr. Peter Ziegler · Die Journalistenschüler 2. Die Entwicklung der Hypothesen der Integration durch Konflikt« 17 . Das heißt, der Konsensjournalismus und die autoritäre Medienpolitik der 50er waren bereits Mitte der 60er Jahre entscheidend geschwächt worden. Es kam zum Leitbild des politisch engagierten Journalisten, der zum Mittel der investigativen Recherche bzw. des moralisierenden Kommentierens greift. Das schloss ein kämpferisches Ausüben dieses politischen Auftrages mit ein. Wichtig war es den 68ern, den Interessen Unterprivilegierter Gehör zu verschaffen, benachteiligte Minderheiten zu Wort kommen zu lassen.»Im Spiegel schrieben junge Redakteure so genannte Unterprivilegierten-Reporte... über Obdachlose oder Verarmte.« 18 Sozialkritische Reportagen mit Appellcharakter traten ihren Siegeszug an. Doch was blieb von den Reformimpulsen der 68er in den Medien übrig?»Alle Versuche tief greifenden Strukturwandels versandeten ; der lange Marsch einer radikalisierten Minderheit führte nicht zum Ziel. Auf der Haben-Seite standen dagegen ein Zuwachs an Kollegialität und ein Abbau der Hierarchien in den Redaktionen sowie die Methoden und Inhalte des engagierten Journalismus «. 19 Die Reformimpulse hatten einen deutlichen Wandel der journalistischen Berufsvorstellungen zur Folge – d.h. auch des Rollenselbstbildes, wie es die Journalistenverbände formuliert haben. Langenbucher und Neufeldt wiesen nach, wie sich das Berufsbild seit den 50er Jahren hin zu den 80er Jahren immer stärker von wertrationalen zu zweckrationalen Orientierungen gewandelt hat. 20 Anders ausgedrückt: die Kommunikatorrolle des hehren Herrschers der öffentlichen Meinung, des edlen Vertreters der vierten Gewalt, wurde immer stärker durch die Mediatorrolle abgelöst. Diese ist durch das Dienstleistungsideal der Vermittlung von Informationen geprägt:»Mit der Verfestigung des demokratischen Systems musste der politisch-kulturelle Gestaltungsauftrag als überflüssig, der pädagogische Anspruch einer als 17 von Hodenberg(2006), S. 439. 18 Ebd., S. 426. 19 Ebd., S. 437. 20 Langenbucher/Neufeldt, Journalistische Berufsvorstellungen im Wandel von drei Jahrzehnten. In: Wagner(Hrsg.)(1988), S. 257 ff. Erzieherin auftretenden geistigen Elite der Nation als anmaßend erscheinen. Die Bestimmung und Inanspruchnahme der grundsätzlichen gesellschaftlichen Wertorientierung wurde zur Sache des für mündig erklärten Bürgers, der die Kommunikatorrolle selbst übernehmen und dem nunmehr der Journalist als Mediator dienen sollte.« 21 Dazu passen Modelle vom anwaltschaftlichen Journalismus, Bürgerjournalismus, oder gar journalistischer Sozialarbeit, die ihren Höhepunkt in den 70er Jahren fanden. Daneben spielte die Kommunikatorrolle, die von Leitartiklern und Kommentatoren in den wichtigsten Medien eingenommen wurde, eine eher untergeordnete Rolle. Für Konservative war klar, dass der Zeitgeist links wehte und die Journalisten ein Abbild dessen waren bzw. als Kommentatoren eine aktive Rolle dabei spielten. Es war Noelle-Neumann, die in den 80er Jahren die Theorie von der Schweigespirale aufstellte und so Munition lieferte, dass die Medien in Deutschland links dominiert seien und so die Macht hätten, Wahlen zu entscheiden. Im Gefolge der Theorie wurde die Frosch- und die Vogelperspektive auf Politiker untersucht, um Manipulationstendenzen der Medien im Wahlkampf nachzuweisen. 22 Hachmeister stellt die These auf, der meinungsführende Journalismus habe sich in der Berliner Republik generell nach rechts bewegt, in die Richtung eines neokonservativen Zentrismus. 23 Dies bringt der Medienwissenschaftler in einen direkten Zusammenhang mit dem Abgang einer ganzen Generation von tonangebenden prägenden Nachkriegspublizisten. Ja,»das einstige linksliberale Projekt in der Publizistik«, das der Autor am Hamburger Kartell der Leitmedien festmacht, sei an sein Ende gekommen und das öffentlich-rechtliche Fernsehen weitgehend entpolitisiert. 21 Ebd., S. 270. 22 Anm.: Die Theorie der»Schweigespirale« von E. Noelle-Neumann wurde in Deutschland politisch besonders nach der Wahlanalyse der Demoskopin 1976 und auch von der empirischen Kommunikationswissenschaft sehr kontrovers diskutiert. U.a. wurde die mangelnde empirische Fundierung der Theorie kritisiert. 23 Hachmeister(2007), S. 85. Dr. Peter Ziegler · Die Journalistenschüler 2. Die Entwicklung der Hypothesen Das scheint allzu pauschal. Fest steht jedoch: Missionarischen Eifer muss man sich auch ganz existentiell leisten können. Viele 68er kamen noch ohne abgeschlossenes Studium in den Journalismus. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk baute Planstellen aus und nicht ab; immer neue Zeitschriftentitel wurden im Anzeigenboom geschaffen. Mittlerweile ist die Zahl der publizistischen Einheiten weiter geschrumpft, der wahre Hype beim Wirtschaftsjournalismus ist mit dem Platzen der Seifenblase des neuen Marktes längst vorüber und prekäre Arbeitsverhältnisse oder Arbeitslosigkeit nehmen permanent zu. So gerät die Dienstleistung, das immer schnellere Umschlagen von Nachrichten unter stärkerem Konkurrenzdruck, immer weiter in den Vordergrund. Dies hat auch fundamentale Auswirkungen auf politische Haltungen der Redakteure und Korrespondenten. Gaus oder Henryk M. Broder gegenüber, die das Berufsbild eines kritisch-emanzipierten Journalismus wacker verteidigten. 25 Solche Schablonen sind mehr als problematisch, weil nicht wenige der Genannten eben unabhängige Köpfe sind und nicht dort hinein gepresst werden können. Kommt hinzu: diese »Alphajournalisten« stehen ohnehin nicht für die Masse der Journalisten, finden aber die entsprechende Aufmerksamkeit, und – wenn man sie länger beobachtet – changieren einige von ihnen in ihren Überzeugungen geradezu wie Chamäleons. Klar ist aber: unter diesen Alphajournalisten sind zweifellos überproportional viele Absolventinnen und Absolventen der renommierten deutschen Journalistenschulen, die auf diesem Weg ein sicheres Ticket zur Karriere erworben haben. Die Leiterin der Kölner Journalistenschule stellt fest:»Was wir seit 1990 insgesamt beobachten, ist eine gewisse Entideologisierung – eine sehr pragmatische Einstellung im Umgang mit Parteien«. Diese Entideologisierung scheint zu einem Vagabundentum der Bindungen an Parteien geführt zu haben. Damit werden Journalisten – besonders auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk – für die Parteistrategen unkalkulierbarer. Vorbei die Zeiten, in denen im Konrad-Adenauer-Haus vom damaligen Generalsekretär Biedenkopf Listen mit der Union gewogenen Journalisten geführt werden konnten. Heute dominiert Unberechenbarkeit. 24 Das Links-Rechts-Schema ist mit dem Floaten der Einstellungen zu politischen Fragen überkommen. Es entsteht eine große Unberechenbarkeit, ein rascher Wechsel der Loyalitäten, die gerade Parteien zu schaffen macht, denen infolge von Mitgliederaustritten und sinkender Wählergunst der Charakter von Volksparteien verlustig zu gegen droht. Was nicht heißt, dass die »großen Kommunikatoren« der Branche nicht in politische Schemata gepresst werden könnten: Da werden von Weichert und Zabel Wirtschaftsliberale wie Gabor Steingart oder Wolfram Weimer ausgemacht. Dem stünden Überzeugungstäter und Querdenker wie Michael Jürgs, Bettina Deshalb die These: Journalisten verhalten sich zunehmend wie für die Demoskopen unberechenbare Wechselwähler. In der Zeitachse seit 1985 lässt sich ein Schwinden des Gesinnungsjournalismus feststellen. Das macht es den Parteistrategen schwer, einmal ihnen gewogene Journalisten dauerhaft an sich zu binden. 2.5. Prekäre Arbeitsverhältnisse und er­ höhter Konkurrenzdruck Die Zeiten sind auch für die Absolventen von Journalistenschulen schwerer geworden. Die Leiterin der Kölner Schule, Hilgert, bestätigt, dass die Absolventen häufiger befristete Verträge erhielten oder als Pauschalisten arbeiteten. Die Übernahme in einen festen Job sei früher häufiger gewesen. Ulrich Brenner, Leiter der Deutschen Journalistenschule: Es fangen mehr als früher an, frei zu arbeiten. Es gab früher so eine Faustregel; die Hälfte der Absolventen wird übernommen aus einem Praktikum heraus. Dieser Prozentsatz ist sicher niedriger geworden!« Dennoch muss sich niemand der Absolventen der drei untersuchten Journalistenschulen als Mitglied einer durch den»Fluch der späten Ge24 Nach Radunski, Wahlkämpfe(1980). 25 Weichert/Zabel(Hrsg.)(2007), S. 85. Dr. Peter Ziegler · Die Journalistenschüler 2. Die Entwicklung der Hypothesen 10 burt« gebeutelten Generation von Praktikum zu Praktikum hangeln. Die Tendenzen, die den journalistischen Arbeitsmarkt prägen, sind auch an dem relativ überschaubaren Teilsegment der Absolventinnen und Absolventen der Schulen nicht spurlos vorübergegangen. Die Absolventen der medialen»Kadettenanstalten« in München, Hamburg und Köln dürften dennoch weitaus bessere Berufschancen haben als ihre Konkurrenten, die über Praktikum oder Volontariat in die Medien gelangt sind. Welche Kennwerte prägen den journalistischen Arbeitsmarkt? Die Zahl der Journalisten hat sich innerhalb von 1993 bis 2005 deutlich verringert – von 54.000 auf 48.000, die Anzahl der Medienangebote ist aber gestiegen. 26 Hinzu kommt das stetig wachsende Heer der freien Journalisten, die die Profession teilweise nebenberuflich ausüben, und der professionellen Amateure, die journalistische Beiträge in Weblogs publizieren. 27 Outsourcing, Entlassungen und die Notwendigkeit, zusätzliche Jobs anzunehmen, um sich über Wasser zu halten, prägten in den letzten Jahren die Berichterstattung über Journalismus. Die Medienkrise hatte 2003 mit über 7.000 arbeitslos gemeldeten Journalistinnen und Journalisten ihren Höhepunkt erreicht. möglich, dass dieses Pressematerial fast ungefiltert übernimmt. 29 Gerade am Wechsel vom Bonner auf den Berliner Hauptstadtjournalismus lassen sich die Folgen des erhöhten Arbeits- und Konkurrenzdrucks als schleichende Deprofessionalisierung demonstrieren. Dabei wurde auch ein Generationswechsel vollzogen – viele ältere Journalisten waren in der Bundesstadt Bonn geblieben. »Dafür gab es in Berlin viele junge, unerfahrene Journalisten, die weniger ideologisch geprägt waren als ihre Kollegen, die aber auch offen karriereorientiert ihrer Arbeit nachgingen«. 30 Die Zahl der Medien in der Hauptstadt ist größer als in Bonn, die Arbeitsverhältnisse wurden aufgrund der Medienkrise prekärer. Die Folgen liegen auf der Hand: erhöhter Konkurrenzdruck und eine enorm beschleunigte Umsetzung von Informationen. Die Platzhirsche Tagesspiegel und Berliner Zeitung rangen aufgrund ihres überregionalen Anspruches um exklusive Interviews und Geschichten. Internetmedien wie Spiegel Online kennen keinen Redaktionsschluss und bauen ihre Ressourcen permanent aus. Seit 2006 hat sich infolge des Stimmungshochs der deutschen Wirtschaft die Lage auf dem Arbeitsmarkt für Journalisten stark verbessert, so die BA. Im Mai 2007 waren noch 4.087 Berufsangehörige arbeitslos gemeldet. 28 Parallel zum Rückgang der festen Stellen in den Sparten der»klassischen Medien« wurden die Bereiche Online und PR massiv ausgebaut. Der Ausbau der Pressestellen und der PR-Abteilungen bei gleichzeitiger Ausdünnung redaktioneller Ressourcen führt zu einer schleichenden aber spürbaren Aufweichung wichtiger journalistischer Standards wie Sorgfalt und Eigenrecherche. Der Konkurrenzdruck führt dazu, dass sich viele Journalisten nur noch auf eine Quelle verlassen. Ist diese Quelle eine Agentur, dann ist es 26 Weischenberg et al.(2006), S. 36. 27 Bundesagentur für Arbeit(Hrsg.), Arbeitsmarktinformation 3/2007, S. 13. 28 Ebd. S. 16 f. 29 In deutschen Redaktionen wächst nach Ansicht des Leipziger Journalistik-Professors Michael Haller die Tendenz zu unkritischer Berichterstattung. Dieser Trend sei inzwischen selbst bei personell gut ausgestatten Tageszeitungen festzustellen. Eine Analyse des Lokalteils von sechs Regionalzeitungen habe ergeben, dass die Zahl der Texte, die nur eine Quelle nennen, von 1998 bis jetzt von rund 20 auf rund 30 Prozent gestiegen sei. Diese so genannte Einbahnstraßen-Berichterstattung sei oft weit weg von journalistischen Qualitätsstandards, weil sie wie ein Briefträger häufig nur die Botschaft des Absenders transportiere, monierte Haller. Die Zahl der Beiträge mit zwei, drei und mehr Quellen liege bei unter zehn Prozent. Tobias Höhn hat für eine Diplomarbeit in Leipzig von November 2004 bis Februar 2005 den Informationseingang in mehreren dpa-Landesbüros beobachtet(u.a. Journalist 11/2006, S. 8). Demnach bestanden 82 Prozent der eingegangenen Informationen aus Pressemitteilungen – aus ihnen wurden über die Hälfte der Nachrichten gemacht. Dabei sei in der Regel weder nachrecherchiert noch nach ergänzenden Stimmen gesucht worden. 30 Mützel, Von Bonn nach Berlin: Der gewachsene Hauptstadtjournalismus. In: Weichert/Zabel (2007), S. 65. Dr. Peter Ziegler · Die Journalistenschüler 2. Die Entwicklung der Hypothesen 11 Tissy Bruns kritisiert die alles beherrschende Geschwindigkeit als großen Gleichmacher im Journalismus.»Das Tempo beraubt die Journalisten ihrer elementaren aufklärerischen Aufgabe: Informationen, Entwicklungen, Machtkämpfe nach ihrer Relevanz und Bedeutung auszuwählen, einzuordnen und zu vermitteln.« 31 Die Folgen sind fundamental: ein Vertrauensverlust bei den Rezipienten, weil es an Glaubwürdigkeit fehlt. Ein weiterer Trend ist die Boulevardisierung der Medien in der Hauptstadt: Seehofers Geliebte und ihr Baby wurden im Machtkampf innerhalb der CSU eingesetzt; Massenblätter setzten sich brutal über Persönlichkeitsrechte hinweg. Doch diese Art von Journalismus und Politik gehen eine merkwürdige Symbiose ein; es entsteht ein»Amalgam von Publizistik, Politik und Entertainment«. 32 Scharping bediente die Bunte zur Unzeit mit Poolfotos, die ihm als Verteidigungsminister dann zum politischen Verhängnis wurden, amtierende Bundesminister lassen sich hoch zu Ross oder Parteivorsitzende im fröhlichen Weinberg ablichten, um sich noch sympathischer erscheinen zu lassen. Reporter der Zeitschrift Bunte werden mit auf Auslandsreisen genommen. Dahinter stehen nicht selten Medienberater, die Images aufbauen sollen. Entscheidend für das Gelingen ist dabei aber, ob das Image authentisch ist. Die Inszenierung Eichels als Spar-Hans gelang nach Eindruck seines früheren Beraters vor allem deshalb, weil er auch persönlich fürs Sparen ein Beispiel abgab. 33 Allerdings kann ein solches Image schnell ausgereizt sein, wenn das politische Handeln des Betreffenden ein gegenläufiges werden muss. Das Problem beim Verpassen von Images ist der drohende Verlust von Glaubwürdigkeit der Politik durch Entertainment oder, wenn drögen Typen andere Images verpasst werden, der Verlust an Glaubwürdigkeit beim Souverän, den Wählern – obwohl das Gegenteil erreicht werden sollte. Querköpfige, kantige Politiker sind kaum mehr medial vermittelbar. Sie haben die 31 Bruns(2007), S. 84. 32 Hachmeister(2007), S. 23. 33 Schmidt-Deguelle, Hauptstadt-Hype. In: Journalist 11/2006, S. 15. Wahl, sich Trainern anzuvertrauen, die Auftritte in den Medien mit den Betreffenden üben oder in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Die politischen Talkshows haben längst zu einer Entwertung der politischen Diskussion geführt. Wer etwas auf sich hält und wirklich mächtig ist, der hat es nicht nötig, sich neben Schauspieler zu setzen. Der Effekt dieser Sendungen aber ist klar: Politik als Dauertalkshow, in der die Moderatorinnen und Moderatoren zu Bestandteilen des Gesellschaftslebens der Hauptstadt werden. So verstärken solche Showeffekte den Bedeutungsverlust des aufklärerischen Journalismus und führen zur Verdrossenheit der Wahlbürger und Rezipienten an Politik und Medien. Dieser Verlust an Aufklärung wird greifbar an Tabuthemen, die den Journalismus selbst und wirtschaftliche Interessen berühren: wer thematisiert eigene wirtschaftliche Interessen von Verlagen, die gegen die gesetzliche Rentenversicherung fette Schlagzeilen formulieren und auf ihren Internetseiten gleichzeitig Produkte der privaten Altersvorsorge bewerben; wer problematisiert schon beim Thema»Mindestlohn in der Postbranche« die großen Eigeninteressen der Verleger? Auch ist»politischer Journalismus« unwichtiger geworden. Heute können Doping im Leistungssport, die Spielarten des Religiösen oder Servicethemen zu Aufmachern in den Zeitungen und Magazinen werden. Fernsehsender nutzen die Möglichkeiten der politischen Recherche kaum noch aus«, so Hachmeister 34 . Journalismus aus Berlin ist, verglichen mit dem Bonner, entgrenzt und er wirkt beliebiger. Damit verbunden ist ein Wechsel der den Hauptstadtjournalismus prägenden Klasse an Akteuren auf beiden Seiten; Typen wie den knorrigen Wehner gibt es nicht mehr; der mit dem»Charakterpolitiker« belegte mediale Profi Franz Müntefering ist als Vizekanzler und Minister abgetreten. Die CSUAffäre um die»schöne Landrätin« Pauli zeigt, wie sehr Show und Inszenierung mittlerweile die mediale Agenda beherrschen. 34 Interview mit dem Tagesspiegel, 29.8.2007. Dr. Peter Ziegler · Die Journalistenschüler 2. Die Entwicklung der Hypothesen 12 Politik wird im Stellenwert der Berichterstattung zurückgedrängt – wenn man von Qualitätsangeboten wie den großen überregionalen Tageszeitungen(von denen gerade noch eine, nämlich die FAZ in Form einer Stiftung wirklich unabhängig ist), sowie den Magazinen von ARD und ZDF, Phoenix und Deutschlandradio sowie einiger anderer ARD-Hörfunkprogramme einmal absieht. Der Kampf der Redaktion der Berliner Zeitung um den Primat der journalistischen Unabhängigkeit ist ein deutlicher Beleg für eine Entwicklung, die auch im Journalismus Profit vor redaktionelle Qualität setzt. Skandalisierung und Personalisierung von Politik haben fundamentale Auswirkungen auf die Substanz der journalistischen Arbeit, die in der Hauptstadt geleistet wird. Wie in Bonn werden auch in Berlin Informationen durchgestochen, Journalisten tragen willfährig Infos ins jeweils andere Lager. Mitglieder von Hintergrundkreisen, die sich bis hin im Wohnzimmer von Journalisten versammeln, sonnen sich in ihrer scheinbaren Unentbehrlichkeit. Es gibt Eingeweidenschauer der Parteien, die sich in ihrer scheinbaren Bedeutung sonnen und doch eher den jeweiligen Parteien zu Diensten sind, weil sie faktisch primär für diese Insider schreiben. Nur: in Berlin ist alles beschleunigter, beliebiger und bunter geworden. Das Internet erzeugt einen ständigen Produktionsdruck. Die Redaktionen fordern Geschichten ein, die ein Publikum bedienen, das gerade in den Zeiten der Großen Koalition zunehmend politikverdrossen reagiert. Schmidt-Deguelle stellt fest:»Selbst der unbedeutendste Referatsleiter eines Ministeriums oder der letzte Hinterbänkler ohne Einfluss in der Bundestagsfraktion reicht als Quelle, um die angeblichen Pläne eines Ministers, den Streit in einer Fraktion oder sogar innerparteilichen Widerstand gegen den/die Regierungschef/in zu belegen« 35 . All dies sind Indizien einer schleichenden Deprofessionalisierung von aufklärerischem Qualitätsjournalismus. Damit einher geht eine zunehmende Unsicherheit der journalistischen Arbeitsverhältnisse. So entdeckten viele Journalisten das Thema»Arbeitslosigkeit« als selbst davon Betroffene. Selbst Korrespondenten überregionaler Tageszeitungen mussten zeitweilig infolge der mittlerweile überwundenen Medienkrise um ihre Arbeitsplätze und um Gehaltszahlungen bangen. Einige von ihnen waren ohnehin nur in»prekären Arbeitsverhältnissen« auf Pauschalistenbasis beschäftigt. So kommt es zu einem unheilvollen Amalgam aus Existenzangst und erhöhtem Konkurrenzdruck, der, so Schmidt-Deguelle, zu»einer dramatischen Veränderung journalistischer Arbeitsweisen, Grundsätze und Maßstäbe« führt – nicht nur in Berlin, sondern auch anderswo. Auch in der Absolventenbefragung von Pohl werden zahlreiche Beispiele für spürbare negative Auswirkungen der Medienkrise auf die journalistische Qualität genannt: nur noch Hypethemen würden präsentiert, Quantität gehe vor Qualität; die Recherche leide oder sei sogar »egal«. 36 Die Bundespressekonferenz ist, verglichen mit ihrer Bedeutung, die sie in Bonn hatte, entwertet worden. Viele wissen, dass sie hier eben nicht die für ihre Geschichten relevanten Informationen abholen können. Darauf müssen nicht zuletzt auch die Pressesprecher der Bundesministerien reagieren, die wichtige Medien zielgerichtet»anfüttern« oder ihre Chefs bzw. Chefinnen in exklusive»Wohnzimmerkreise« mitnehmen, wo sie sich sehr wichtig wähnenden Hauptstadtjournalisten zu Hintergrundgesprächen zur Verfügung stehen. Zum Ende der Woche hin briefen sie an den Orten der Berliner Bedeutsamkeit die Nachrichtenmagazine, die oft auch nur mit allzu lauem Wasser kochen können und nur noch wenig enthüllen. Prekäre Arbeitsverhältnisse im Journalismus nehmen ständig zu. Immer mehr Berufsangehörige sind gezwungen, mehr Arbeit zu schlechteren Bedingungen unter erhöhtem Konkurrenzdruck zu erfüllen. Die Folge ist eine schleichende aber spürbare Deprofessionalisierung des Journalismus; Beispiele sind die immer ausgeprägtere Übernahme von PR-Texten und die Aufweichung ethischer Standards. 35 Schmidt-Deguelle, Hauptstadt-Hype. In: Journalist 11/2006, S.13. 36 Pohl, Ergebnisse der Absolventenbefragung.(ehemalige DJS und HNS-Schüler), Hamburg 2004. Dr. Peter Ziegler · Die Journalistenschüler 2. Die Entwicklung der Hypothesen 13 2.6. Von trimedialen Newsrooms und dem Internet als Arbeitsplatzmagneten für die Absolventen Die Journalistenschulen in Deutschland bilden mittlerweile crossmedial aus. Ulrich Brenner, DJS, unterscheidet, crossmedial zu denken und mehrere Medien gleichzeitig mit ein und derselben Information oder einer einzigen Story zu bedienen. Solches Denken quer durch die Medientechniken quasi werde durchaus trainiert, weil es das Anforderungsprofil vieler Redaktionen an Nachwuchsjournalisten sei. Aber:»Ich bin skeptisch, ob es richtig ist und ob es der Qualität dient, wenn ein Journalist alle Medien bedient. Ein Journalist geht raus, schreibt eine Reportage, bringt O-Töne mit, schneidet einen Audiobeitrag zusammen oder hat eine Videokamera auch noch dabei, schneidet hinterher Bilder und Sequenzen zusammen. Davor würde ich warnen, weil ich weiß, dass die Kaufleute in den Unternehmen erwarten, dass ein Journalist künftig so arbeitet.« Die Probleme des crossmedialen journalistischen Arbeitens liegen auf der Hand: wer verschiedene Formen gleichzeitig aus einem Stoff machen muss, neigt zur Oberflächlichkeit, die Fehlerquote wächst, da das Bedienen des Internets den Arbeitsdruck ungemein erhöht. Formatfragen dominieren vor Inhaltsfragen. Häufig wird der Computer mit seinen vielen Programmen zum Koproduzenten instrumentalisiert; Abstürze inbegriffen. Wo früher Technikerinnen oder Cutter erste Hörer waren, sprechen Radioleute jetzt in seelenlose Computer – das wirkt sich unmittelbar auf das Produkt aus. Man spricht eher in sich hinein – und hat ein seelenloses Gegenüber. Die neuen»Bergleute« des Gewerbes 37 sind die Journalisten in digitalen Newsrooms, in denen – wie beim Saarländischen Rundfunk – bis zu vier Medien gleichzeitig mit einem Thema bedient werden: Fernsehen, Radio, Internet, Videotext. Betriebswirtschaftliches Denken dominiert den digitale Beiträge abliefernden freien Journalismus, der durch diese Dominanz der Technik noch ein bisschen mehr in seiner Kreativität eingeschränkt wird. 37 Hachmeister(2007), S.62. Hilgert sagt»Online – das sind bisher nur wenige – aber wir gehen davon aus, dass das stark zunehmen wird«. Das Internet beschleunigt die Hyperaktivität der Medien noch einmal, denn es ist gierig nach Aktualität und wird mittlerweile auch in den Schaltzentralen der Macht als Orientierungsmedium genutzt. Das gilt auch für Journalisten in den klassischen Medien selbst, die es als Konkurrenz – und Orientierungsmedium sehen. PR-Spezialisten, Pressestellen können unmittelbar nach Pressekonferenzen antesten, wie sich ihre Botschaften niederschlagen und haben einen Vorgeschmack auf das, was am Folgetag in den Blättern stehen wird. Darüber hinaus entbindet das Internet den Rezipienten von festen Sendezeiten, indem zum Beispiel das Angebot von Tagesschau.de mittlerweile kurze Nachrichtensendungen speziell fürs Netz produziert. Eigener aktueller Content an bewegten Bildern wird permanent ausgebaut. Gleichzeitig sind immer mehr Audio- und Videoangebote als Podcast verfügbar. Klassische Mediengrenzen werden so zunehmend aufgelöst: Zeitungswebseiten bieten Audios an, Fernsehnachrichten-Webseiten Texte wie etwa Reportagen der Auslandskorrespondenten und die Internetangebote von Wochenmagazinen Nachrichtenvideos. Einer der aufsehenerregendsten ist der Kanzlerinnen-Podcast, den das Bundespresseamt für Angela Merkel erstellt. Dieser Einweg-Kanal verhindert kritische Nachfragen und wird bislang sehr selten als Primärquelle für journalistische Produkte benutzt. Die Politik kommt jedenfalls nicht am Internet vorbei: so bloggen mittlerweile Staatssekretäre auf den offiziellen Webseiten von Ministerien. Das Bloggen holt aber auch den bisherigen Internetnutzer heraus aus seiner Passivität – jedermann kann bloggen, mit unabsehbaren Folgen für den Qualitätsjournalismus und dessen professionelle Standards. Die Quantität an Medien wächst unaufhaltsam. Über Internetradio sind mittlerweile mehrere Tausend Radiosender verfügbar. Das Deutschlandradio zum Beispiel bietet seinen Content als Audio on demand an. Der bisherige Konsument von Medieninhalten wird zum eigenen Programmdirektor, wenn er auf seinem MP-3Player sein eigenes Sendeschema per Podcast aufbauen kann. Tendenziell wertet das Internet Dr. Peter Ziegler · Die Journalistenschüler 3. Die Ergebnisse der Befragung 14 den klassischen Qualitätsjournalismus ab und führt zu einem Mehr an Quantität, das nicht mit einem Plus an Qualität verbunden ist. Journalistische Arbeit wird dadurch in mehrerer Hinsicht billiger und damit abgewertet. Und es ist noch offen, wohin die Entwicklung für den Qualitätsjournalismus führen wird. Möglich sind eine Anpassung der Standards nach unten, um mit dem sich rasend verbreitenden Blogging mithalten zu können oder gar ein drastischer Kompetenzverlust des bisherigen Journalismus und seine Reduktion auf das Moderieren von Chats. Dies führt zur Hypothese: Die Zeit der monomedialen Erzeugung journalistischer Produkte geht zu Ende. Journalisten bedienen aus ökonomischen und technischen Gründen zunehmend mehrere Medien gleichzeitig. Ein Indiz dafür ist das Entstehen multimedialer Newsrooms. Das Internet wird einerseits als Konkurrenz angesehen, andererseits dient es aufgrund der überlegenen Aktualität als Orientierungsmedium. Das Internet mit seinen Möglichkeiten zum Blogging führt tendenziell zu einer Abwertung der klassischen journalistischen Arbeit. Die Ergebnisse der Befragung 3.1. Der Mythos vom offenen Begabungs­ beruf wird entzaubert Die Absolventinnen und Absolventen der drei untersuchten Journalistenschulen stammen ganz überwiegend aus der Mittelschicht. Beim Beruf des Vaters dominiert der Beamte, gefolgt von Angestellten oder Selbstständigen. Beim Beruf der Mutter steht die Angestellte an der Spitze, knapp vor der Beamtin. Der Beruf des Arbeiters bzw. der Arbeiterin spielt bei den Vätern keine, bei den Müttern eine geringe Rolle. Bei den Vätern sind im Jahrgang 2005 insgesamt 60 Prozent Beamte und 25 Prozent Angestellte. Im Jahrgang 1985 war fast jeder zweite Vater Beamter(42,9 Prozent), fast jeder Dritter Angestellter(28,6 Prozent). Im Jahrgang 1995 sind die Beamtenväter nur mit rund 21 Prozent vertreten; fast 42 Prozent waren Angestellte. Die Gruppe der Selbstständigen war im Jahrgang 1985 mit 14,3 Prozent vertreten, im Jahrgang 1995 war fast jeder 3. Vater selbstständig und 2005 waren es zehn Prozent. Bei den Müttern der Absolventen des Jahrgangs 1985 war jede 6. Beamtin, jede Zweite Angestellte, Letzte Art der Tätigkeit des Vaters nach Abschlussjahrgängen 70% 60% 60% 50% 40% 33% 30% 20% 14% 10% 10% 0% Selbstständig 42% 29% 25% 43% 21% Angestellter Beamter 1985 1995 2005 14% 4% 5% sonstiges(z.B. Weiterbildung oder noch nie berufstätig) Dr. Peter Ziegler · Die Journalistenschüler 3. Die Ergebnisse der Befragung 15 120 100 80 60 40 20 1,7 0 Beruf der Mutter 98,3 32,8 27,6 12,1 12,1 6,9 5,2 1,7 PR-Expe rte Selbststä ndig Angestellter Beamter Arbeiter nie berufstä tig 10 Gesamt keine Anga be eine einzige Arbeiterin. Im Jahrgang 2005 war jede zweite Mutter Beamtin, jede Dritte Angestellte und nur jede 10. Arbeiterin. Im Jahrgang 85 war jede 6. Mutter nie berufstätig; im Jahrgang 1995 jede 5. und im Jahrgang 2005 waren offenbar alle Mütter berufstätig. Eine Selbstrekrutierung lässt sich anhand der erhobenen Daten nicht feststellen – d.h. niemand der Befragten gab an, einen Journalisten als Elternteil zu haben. Ein einziger erklärte, dass seine Mutter PR-Expertin sei. Die Schulleiter bestätigen allerdings, dass es durchaus vorkomme, dass die Söhne und Töchter von Journalisten und auch von Absolventen der jeweiligen Schulen wieder auf die oder eine der Journalistenschulen gingen. Dies bleiben aber offenbar Ausnahmen. Ulrich Brenner:»Die Kombination, dass bereits Vater oder Mutter schon Journalisten waren, ist sehr gering; von den 220, die an mir vorüber gezogen sind, kamen vielleicht zwei oder drei aus einem Journalistenhaushalt«. Ingeborg Hilgert bestätigt:»Söhne, Töchter, Schwestern von Absolventen – das gibt es auch«. In der Selbsteinschätzung der Befragten spielt das richtige Elternhaus aber keine große Rolle: nur 15,5 Prozent meinten, dieses Kriterium sei sehr wichtig oder wichtig. 90,0 80,0 70,0 60,0 50,0 40,0 30,0 20,0 10,0 1,7 0,0 Beruf der Eltern wichtig? 77,6 10,3 8,6 1,7 sehr wich tig 1 2 3 4 nicht wich tig 5 Dr. Peter Ziegler · Die Journalistenschüler 3. Die Ergebnisse der Befragung 16 Auszuschließen ist offenbar Nepotismus beim Bestehen der Aufnahmeprüfung. In den Anfangsjahren der DJS kam es durchaus vor, dass Söhne und Töchter von Verlegern, Intendanten und Chefredakteuren das Nadelöhr»Aufnahmeprüfung« durchdringen konnten und einen der begehrten Ausbildungsplätze erhielten. Ulrich Brenner:»Die Versuchung war sicherlich in der Zeit größer, als die Schule noch abhängiger war von verschiedenen Finanziers, von Verlegern, Rundfunkanstalten«. Brenner lehnt eine solche Protektion klar ab, um nicht in»Teufels Küche« zu kommen, wie er selbst sagt. Immerhin – einen einzigen Versuch erlebte er in dieser Hinsicht: »Jede Klasse erarbeitet ein Magazin, das wir drucken, für das wir Anzeigen verkaufen. Und da wurde vom Geschäftsführer eines Unternehmens mal angedeutet: Wenn ihr eine Verwandte aufnehmt, dann könnten wir regelmäßig eine Anzeige in diesem Heft schalten. Wir sind darauf nicht eingegangen. Beim dritten Mal war sie so gut, dass sie aufgenommen werden konnte. Zweimal ist sie durchgefallen«. Allerdings sind Hilfestellungen bei der ersten Stufe der Aufnahmeprüfung, wenn man eine Reportage einreichen muss, durchaus möglich: Wenn man zum Beispiel»einen Onkel habe, der ein guter Journalist« sei, so Kolb. In den nächsten Stufen des Auswahlverfahrens aber sei man aber auf sich allein gestellt. Fundamental für die Frage, ob es einen für alle Schichten freien Zugang zum Journalismus gibt, ist die, ob Journalist ein Begabungsberuf ist oder erlernt werden kann. Talente werden in Mittelschichtenfamilien intensiver gefördert, erreichen höhere Bildungsabschlüsse, weil es in Deutschland immer noch einen signifikanten Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und den Bildungsabschlüssen gibt. Dieses schlechte Zeugnis hat die OECD Deutschland mehrmals hintereinander ausgestellt. 38 Ulrich Brenner spricht von einer»charakterlichen Typbegabung«, die man als zukünftiger Journalist haben müsse. Dazu zählt er eine ge38 OECD(Hrsg.)(2008), Education at a glance; auch in der jüngsten PISA-Veröffentlichung wird der eklatante Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungsniveau in Deutschland kritisiert. wisse Neugierde. Eine»sprachliche Grundbegabung« müsse vorhanden sein.»Vieles, was dann kommt, kann man lernen und ist dann Handwerk!« Erlernbares Handwerk oder Begabungsberuf; um diese Polarität für die drei untersuchten Journalistenschulen wie ein Magnetfeld erkunden zu können, soll nun das Auswahlverfahren, das an den Schulen praktiziert wird, unter die Lupe genommen werden. Hier das Beispiel Henri-Nannen-Schule in Hamburg, dargestellt von der langjährigen Schulleiterin Kolb:»Einmal muss man eine Reportage einschicken in der ersten Runde zu einem von uns vorgegebenen Thema. Da kann man in der Regel aus fünf Themen auswählen und man muss einen Kommentar schreiben. Die am besten abschneiden, werden dann zur Schlussprüfung eingeladen nach Hamburg. Dort gibt es noch einmal eine Reportage, unter erschwerten Bedingungen. Das Thema wird genannt, die Prüflinge werden losgeschickt, haben drei Stunden Zeit für die Recherche und drei Stunden Zeit zum Schreiben. Wichtig ist dabei die reale Situation, unter Zeitund Konkurrenzdruck und da kann man auch sehr wenig schwindeln, Die 3. Säule ist dann ein Prüfungsgespräch mit einer Kommission – mit bis zu 12 Chefredakteuren in der Regel von Gruner+Jahr, vom Spiegel und der ZEIT, die alle an der Schule beteiligt sind. Drei Prüflinge kommen jeweils herein; alle werden eine halbe Stunde lang in ein Gespräch verwickelt. Da kann man nur die Ausstrahlung testen – also, was traut man dem Menschen zu. Jeder Chefredakteur beantwortet eigentlich für sich die Frage: würde ich den im Namen meines Blattes wohin schicken?«. Für das Management der Hamburger und der Münchner Journalistenschule scheint die Begabung eine zentralere Rolle zu spielen als für die Kölner. Ingeborg Hilgert:»Die Kölner Journalistenschule wurde aus der Überzeugung heraus gegründet, dass Journalismus nicht primär ein Begabungsberuf ist, sondern dass man das Handwerk lernen kann. Sie werden keinen glänzenden Reporter ausbilden können, wenn da nicht jemand Begabung von vorneherein mitbringt. Sie können einen gewissen Standard an anschaulichem Schreiben entwickeln, aber nicht aus jedem einen glänzenden Reportageschreiber Dr. Peter Ziegler · Die Journalistenschüler 3. Die Ergebnisse der Befragung 17 machen. Aber der glänzende Reportageschreiber ist vielleicht einer, der nicht sehr gut in einer Nachrichtenredaktion arbeiten kann«. So schlägt die Nadel in dem Kompass»Begabung oder erlernbares Handwerk« in verschiedene Richtungen aus: einerseits ist anzunehmen, dass Grundvoraussetzungen wie Neugierde, die Fähigkeit, sich selbst darzustellen und das gewisse Selbstbewusstsein, wichtig sind für die Entscheidung, ob einer als Kamel durch das Nadelöhr »Aufnahmeprüfung« geht oder nicht. Was Michael Hartmann für die Wirtschaftselite des Landes feststellt, dürfte auch auf den Journalismus übertragbar sein. Anhand des Habitus erkennen die Angehörigen der gleichen Schicht einander. Ausstrahlung, die sich in souveränem Auftreten, der entsprechenden Neugierde widerspiegelt und schließlich zur»gleichen Chemie« zwischen Aspirant und Mitglied der Auswahlkommission wird. 39 nisch auf dem neuesten Stand: digitalisierte Tonstudios, EB-Kameraausrüstungen, Computer zur Zeitungsgestaltung. Ingrid Kolb stellt symptomatisch fest:»Primär ist es ein Begabungsberuf. Aber es gibt ganz große Anteile, die man lernen kann und es gibt eine Menge unglaublich begabter Journalisten – egal, ob jung oder alt –, die besser wären, wenn sie auch mal gelernt hätten!« Ein Teil der journalistischen Elite der Republik, die Absolventen der Journalistenschulen, rekrutiert sich aus der Mittelschicht. Im Auswahlverfahren spielen subjektive Kriterien wie Begabung, aber auch die richtige Ausstrahlung eine dominante Rolle. Damit werden die Angehörigen der Milieus privilegiert, in denen Begabung be sonders gefördert wird. Es konnten keine Indizien für eine Selbstrekrutierung dieser Teilelite des Journalismus gefunden werden. Journalistische Väter und Mütter kamen bei den für diese Studie Befragten nicht vor. 60 50 40 30 20 10 0 Selbstdarstellung wichtig Bedeutung von Selbstdarstellung 2 3 4 Prozent nicht wichtig Das andere Magnetfeld ist das so genannte»Handwerk« und da gibt es eben unterschiedlichen Begabungsvoraussetzungen für einen zukünftigen Auslandskorrespondenten oder für einen Chef vom Dienst am Newsdesk einer Agentur. Für das Erlernen dieses Handwerks sind die Schulen tech39 Hartmann(2002), S. 122. 3.2. Rollenselbstverständnis als Anwalt der Unterprivilegierten nur wenig ausgeprägt Doch wie nehmen die Kinder der Mittelschicht die Realität wahr? Wie nicht anders zu erwarten war, erhalten die Befragten die meisten Reaktionen auf ihre Arbeit von Kolleginnen und Kollegen aus dem Betrieb. Freunde und Bekannte Dr. Peter Ziegler · Die Journalistenschüler 3. Die Ergebnisse der Befragung 18 spielen eine nennenswert größere Rolle, nicht unwichtig auch das familiäre Umfeld und etwa gleich stark, aber eben insgesamt unter ferner liefen, die Rezipienten. Die absolut dominante Gruppe im Bekanntenkreis der Befragten sind die Kolleginnen und Kollegen aus anderen Medien. Politische Entscheidungsträger zu kennen, bejaht jeder zehnte, etwas stärker die Gruppe der Leute aus der Wirtschaft und noch wichtiger die Bürgerinitiativen. Die Selbstbezogenheit der Journalistinnen und Journalisten wird anhand solcher Ergebnisse deutlich. Nun zu einer der entscheidenden Fragen im Sinne der Ausgangshypothesen dieser Studie. Immerhin fast zwei Drittel der Befragten geben an, Menschen zu kennen, die durch ALG II oder kompensieren ist nur gering ausgeprägt, wenn man andere Rollen wie die Mediatorrolle(Sachverhalte vermitteln) in Augenschein nimmt. Insgesamt ist die Absicht, soziale Ungerechtigkeiten durch die journalistische Arbeit zu kompensieren, eher gering ausgeprägt. Bemerkenswert ist, dass diese Rolle im Jahrgang 1985 keinerlei Zustimmung findet; 1995 war jeder 12. dazu bereit, sich zu diesem Rollenselbstverständnis zu bekennen, 2005 immerhin jeder 7. Insgesamt ist hier also eine positive Tendenz zu erkennen. Die Zustimmung zum anwaltschaftlichen Journalismus wächst auf niedrigem Niveau. Dies gilt auch für die Kritik- und Kontrollfunktion, die allerdings insgesamt ähnlich schwach ausgeprägt ist. Rollenselbstverständnis: Anwalt der sozial Schwachen nach Jahrgängen 16 15,0 14 12 10 8,3 8 6 4 2 0,0 0 Jg 1985 Jg 1995 Jg 2005 Sozialhilfe ihren Lebensunterhalt sichern. Fast zwei Drittel der dies Bejahenden gibt an, in den letzten drei Monaten Kontakt zu diesen Menschen gehabt zu haben – immerhin mehr als ein Drittel nicht. Die weitaus größte Mehrheit der Befragten hat diese Menschen durch ihr privates Umfeld und nicht durch Recherchen kennen gelernt. Die entscheidende Frage ist aber, ob dieses Kennen unterprivilegierter Menschen auch zum entsprechenden Rollenverständnis führt. Doch das Ergebnis ist ernüchternd: Anwalt der sozial Schwachen zu sein und so Ungerechtigkeiten zu Zum Vergleich: die von Gruner+Jahr publizierte Absolventenbefragung unter Hamburger und Münchner Absolventen ergab, dass»Minderheiten zu Wort kommen lassen« in seiner Bedeutung hinter anderen Medienaufgaben wie »Orientierung geben« und»aus der Flut von Informationen die Wichtigsten herausfiltern« eher abgeschlagen rangiert 40 . Die erhobenen Daten belegen die Selbstreferentialität des Journalismus. Zwar hat eine Mehrheit der Journalisten private Kontakte zu unterprivilegierten 40 Pohl, PowerPoint-Präsentation 2004. Dr. Peter Ziegler · Die Journalistenschüler 3. Die Ergebnisse der Befragung 19 Menschen, diese sind für ein Teil der Befragten aber eher sporadisch. Entscheidend ist, dass diese Bekanntschaft offenbar keine großen Auswirkungen auf das Rollenselbstverständnis der Absolventinnen und Absolventen der Journalistenschulen hat. So ist es zu erklären, dass die vom SPD-Vorsitzenden Beck initiierte Diskussion um das Unterschichtenproblem in Deutschland zu einem Themenhype in diesem Bereich geführt. 3.3. Journalistenschüler und der mediale Mainstream Können die Journalistenschulen solche eklatanten Defizite durch die thematische Gestaltung der Unterrichtsstunden in den Lehrredaktionen kompensieren?»Ich bringe ja Journalisten nicht die Wirklichkeit nahe, indem ich in meinen Lehrplan das Fach Sozialreportage aufnehme; da kann ich nur hoffen, dass die auch sonst aufmerksam durch die Welt gehen und gucken, was um sie herum passiert. Inwieweit sie dann das Thema im journalistischen Alltag umsetzen, ist eine andere Frage«, so die Leiterin der Kölner Schule, Hilgert. Auch in der Münchner Journalistenschule gibt es keine speziellen Angebote, die etwa»Sozialreportage« in die Lehrpläne integrieren. Aber:»Ich stelle fest, dass in unseren Klassen überdurchschnittlich viele sind, die sich als Schüler, als Studenten, sozial engagiert haben, in kirchlichen Gruppen, in der Parteijugend. Die bringen Interesse für solche Themen durchaus mit. Wenn eine Reportage an der DJS ansteht, wo der Dozent sagt, sucht euch selbst ein Thema, dann sind sehr oft solche Themen mit drin. Mit einer Klasse fahren wir zwei Tage in ein psychiatrisches Landeskrankenhaus, um Geschichten aus diesem Umfeld dann zu recherchieren und zu schreiben«, so Brenner. Für Ingrid Kolb ist es das intensive Zeitungslesen, an das sich eine halbe Stunde Diskussion darüber anschließt, wie Medien mit Themen umgehen, die für die soziale Realität sensibilisieren:»Da ist man relativ schnell auch bei sozialen Themen, wenn die Bildzeitung über Schmarotzer schreibt oder Focus hatte mal eine Geschichte über Absahner, dann wird darüber gesprochen«. Das heißt, die Journalistenschulen versuchen offenbar, den Umgang der Medien mit Randgruppen der Gesellschaft zu analysieren. Auch haben die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, soziale Themen in ihren Übungszeitungen, die unter realen Anforderungen und Bedingungen entstehen, aufzunehmen. Es ist jedoch kein Ziel der Lehrpläne, etwa das Schreiben von Sozialreportagen zu erlernen. Der Markt weist der Sozialreportage eher eine Außenseiterrolle zu – allenfalls, wenn ein prominenter Politiker eine noch unveröffentlichte Studie in einem Interview thematisiert und man die Problemlage des»abgehängten Prekariats« quasi mit den Nachrichtenfaktoren»Prominenz eines Spitzenpolitikers« und»Personalisierung« verbinden kann, kann es zu einem vorübergehenden Hype kommen. So neigt die aus der Mittelschicht stammende Elite an Absolventinnen und Absolventen der renommierten Journalistenschulen zum bei den Abnehmern verkäuflichen Mainstreaming an Themen. Diesen Mainstream können sie im Gegensatz zu anderen Angehörigen der Profession allerdings sowohl bedienen als auch steuern. Einzelne Sozialreportagen, die mit den renommierten Journalistenpreisen ausgezeichnet werden, scheinen da eher die Ausnahmen von den geltenden Regeln zu sein. 3.4. Die Absolventen der Journalistenschu­ le als mediale Leistungselite Doch kann man im Zusammenhang mit den Absolventen tatsächlich von einer Leistungselite sprechen? Dazu soll auch analysiert werden, was sie auf der journalistischen Karriereleiter erreicht haben. Die meisten Absolventen der untersuchten Journalistenschulen sind bei Zeitschriften und Zeitungen untergekommen. An dritter Stelle folgen aber bereits die Internetportale als Arbeitgeber – noch vor dem Radio. Immerhin fast sieben Prozent der Befragten haben die Position eines Chefredakteurs erreicht, über fünf Prozent sind in der herausgehobenen Funktion eines Chefs vom Dienst tätig. Genauso viele haben einen der begehrten Korrespondentenposten eingenommen. Bei den Ressorts dominieren die klassischen wie Politik, Wirtschaft (je 15,5 Prozent). Fast sieben Prozent sind im Bereich Service/Reise tätig. Dr. Peter Ziegler · Die Journalistenschüler 3. Die Ergebnisse der Befragung 20 Tätigkeit in verschiedenen Medien 60,0 54,4 50,0 49,1 40,0 30,0 20,0 17,5 10,5 12,3 8,8 10,0 5,3 7,0 3,5 0,0 Zeitschri ften Zeitunge n Nachrich tenagentu ren Pressestelle PR-/Beratun gsbüro Fernseh Onli e n n e -Med ien/Med iendienste Radio Sonstiges Die Gehaltsgruppe bis 4.000 Euro Netto ist am stärksten vertreten. Immerhin noch 6,9 Prozent verdienen bis 5.000 und 3,4 Prozent über dieser Marke. Hier kann mit Fug und Recht von weit überdurchschnittlichen Einkommen gesprochen werden. Denn:»Der Durchschnittsjournalist ist männlich, knapp 41 Jahre alt, stammt aus der Mittelschicht,... hat ein abgeschlossenes Volontariat und arbeitet in den Printmedien für rund 2.300 Euro netto im Monat« 41 . Besonders saturiert ist die Gruppe des Jahrgangs 1985: 27,3 Prozent verdienen bis zu 5.000 Euro netto, 9,1 Prozent bis 6.000 und eine gleich große Gruppe bis 7.000 Euro. Aber auch die 1995er sind von ihren Arbeitgebern gut ausgestattet worden: mehr als ein Drittel von ihnen verdient 41 Goethe-Institut, Journalismus in Deutschland 2007; verschiedene Quellen von Berufsorganisationen ausgewertet. Onlineportal. München. Position 35 32,2 30 25 20,3 20 15,3 15 10 6,8 6,8 5,1 5,1 5,1 5 1,7 0 Sonstiges m Praktiku erater iter m.. nt/PR-B hüler im Mitarbe listensc Presserefere teur n b t z Korrespond e Re CvD ssort-bzw. Abteilun gsleiter Chefredakt Leiter P eur resseste lle/PR-A bteilung w. freier Journa Redak Dr. Peter Ziegler · Die Journalistenschüler 3. Die Ergebnisse der Befragung 21 bis 4.000 Euro und immerhin noch fast fünf Prozent liegen noch darüber. Bei den Journalistenschülerinnen und Schülern des Jahrgangs 2005 verdienen immerhin über 40 Prozent nach eigenen Angaben bereits zwischen 500 und 1.000 Euro, 11,8 bis 1.500 und stolze 17,6 sogar bis 2.500. Dies belegt, wie erfolgreich sich Journalistenschüler während ihres Praktikums bzw. der Lehrredaktionen oder des Studiums als freie Mitarbeiter betätigen. Bei der Frage, ob die Absolventen Teil einer Elite sind, ist zwar der größte Teil der Befragten – fast 40 Prozent – eher unentschlossen. Immerhin weit mehr als ein Drittel stimmt dieser Aussage voll und ganz oder zumindest ganz überwiegend zu. Völlig abgelehnt wird dieses Etikett von nur 3,4 Prozent; 20,7 Prozent lehnen es mehr oder weniger ab. Die Bedeutung der Ausbildung an einer Journalistenschule wird dann auch entsprechend den 100,0 90,0 80,0 70,0 60,0 50,0 40,0 30,0 20,0 10,0 8,6 0,0 13,8 Verteilung der Nettoeinkommen in Prozent 15,5 8,6 6,9 10,3 6,9 12,1 1,7 86,2 13,8 1,7 bis 500 bis 1000 bis 1500 bis 2000 bis 2500 bis 3000 bis 4000 bis 5000 bis 6000 bis 7000 Gesamt keine Anga be Bestandteil einer Elite? 120 98,3 100 80 60 39,0 40 27,1 20,3 20 8,5 3,4 0 stimme voll und ganz zu 2 3 4 überhaupt nicht Gesamt Dr. Peter Ziegler · Die Journalistenschüler 3. Die Ergebnisse der Befragung 22 beruflichen Aufstiegschancen eingeschätzt: für 44 Prozent ist das mehr oder weniger der Königsweg in den Journalismus, verglichen mit dem klassischen Volontariat. Selbstdarstellung und damit auch Souveränität beim Auswahlverfahren ist ein sehr wichtiges Kriterium. Brenner:»Die Journalistenschule macht eine sehr praxisorientierte Ausbildung, wenig Theorie – das heißt, unsere Leute schreiben, machen Radiobeiträge, Fernsehbeiträge, die dann intensiv von erfahrenen Kollegen beurteilt werden. So intensiv betreut wird man als Volontär nur in den seltensten Fällen – im Gegenteil, oft dienen die Volontäre Medienunternehmern dazu, billige Arbeitskräfte zu liefern!« Es gibt Besonderheiten, die die Schulen unterscheiden. In Hamburg erhalten die Schüler eine Art Volontärsgehalt, in Köln ist die Ausbildung nach dem ersten Jahr mit einem wissenschaftlichen Studium verbunden. In München gibt es ein schuleigenes Stipendium und einen Förderverein. 42 Ein Ranking der Schulen wird von den Leitern übereinstimmend abgelehnt. Konkurrenz soll hier offenbar nicht das Geschäft beleben. Wobei es durchaus vorkommt, dass Aspiranten sich an mehreren Schulen gleichzeitig bewerben und dann an der einen angenommen und von der anderen zurückgewiesen werden. Als sehr wichtig bzw. mehr oder weniger wichtig bezeichneten 46 Prozent der Befragten ein eigenes Netzwerk von Beziehungen, um im Journalismus oder auch in der PR Fuß fassen zu können. Das ist offenbar wichtiger, als Glück zu haben – das heißt, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, oder eine permanente Fortbildung und wird nur noch durch das Erfordernis der Mobilität übertroffen. Im Idealfall zieht damit ein Journalistenschüler den anderen nach und nimmt damit anderen Bewerbern Karrierechancen. Das Qualitätssiegel»Journalistenschule« wird damit zum Eintrittsticket auf den höheren Rängen oder gar der VIP-Lounge im Medienzirkus.»Man wird auf so einer Journalistenschule hineingeboren in ein Netzwerk; es gibt kaum 42 Anm.: Wobei der Förderverein auch sozial schwachen Journalistenschülern im teueren München finanziell unter die Arme gegriffen hat. eine Redaktion in Deutschland, noch nicht einmal eine Pressestelle, in der nicht Absolventen der Journalistenschule sind. Und das ist für unsere jungen Leute eine gute Möglichkeit, auch mal anzudocken«, so Brenner. So macht der Satz von SZ-Chefredakteur Kilz auch Sinn:»Wenn sich die ehemaligen DJSler treffen, ist hier das Haus fast leer.« Und Hilgert bestätigt, dass es mit dem KS-Club auch eine Art Jobbörse gebe. Ein interessanter Aspekt ist auch die Fixierung auf große Namen im Journalismus. Hinter dieser Personalisierung steht der Gedanke,»Identifikationsfiguren« anzubieten, so Kolb. Jürgen Leinemann, früher Herbert Riehl-Heyse, der verstorbene Reporter – er lehrte Ethik sowie den richtigen Umgang von Journalisten mit den Politikern – schmückten die Referentenliste der Hamburger Schule. Chefredakteure der Münchner Medien, oft selbst DJS-Absolventinnen und Absolventen, oder»Edelfedern« stehen auf der Liste der Dozenten der Deutschen Journalistenschule. Solche Auftritte bringen beiden Seiten etwas: Chefredakteure kommen in Berührung mit möglichem Nachwuchs in den eigenen Redaktionen, etablierte Reporter erhalten gelegentlich Anregungen für mögliche preisverdächtige Recherchen und der Nachwuchs kommt in Kontakt mit potentiellen zukünftigen Arbeitgebern. Doch die Fixierung auf Namen birgt die Gefahr des Anekdotischen in sich und die Verdrängung der Auseinandersetzung mit den ethischen Normen und den Zielkonflikten des Journalismus – Verantwortungs- versus Gesinnungsethik. Diese will das Management der Schulen dann doch eher den Studiengängen für Journalistik, Kommunikationswissenschaft oder Publizistik überlassen. Damit wurde bestätigt, dass Journalistenschulen nicht in der Lage sind, den eingeschränkten Blickwinkel auf die soziale Wirklichkeit zu weiten. Zwar gibt es Ansätze, die Reflektion auf die Verarbeitung sozialer Themen anzuregen. Jedoch hängt es vom Engagement und den persönlichen Voraussetzungen der einzelnen Schülerinnen und Schüler ab, ob diese in den alltäglichen Übungen, die immer wieder auch zu eigenen journalistischen Produkten führen, ihren Niederschlag finden. Mehr als ein Drittel der Befragten sieht sich selbst als Teil einer journalistischen Elite. Diese Leistungselite, die fak- Dr. Peter Ziegler · Die Journalistenschüler 3. Die Ergebnisse der Befragung 23 tisch viele Spitzenpositionen im Journalismus eingenommen hat, neigt zum Networking, was die Vermittlung von Jobs angeht und führt damit zu einer Exklusivität der Karrierewege – das heißt, Mitbewerber haben geringere Chancen als ehemalige Journalistenschülerinnen und schüler. herauslesen, dass es nur in Nuancen Unterschiede gibt, wenn die drei einzelnen Jahrgänge betrachtet werden: so lässt sich als explizit eher rechts keiner des Jahrgangs 85 einordnen, wohingegen der Jahrgang 1995 hier stärker als die anderen vertreten ist. Entsprechend sind die eher linken Grundhaltungen bei den Angehörigen des Jahrgangs 85 stärker vertreten als bei den anderen. 7 40 35 30 25 20 15 10 5 1,7 0 politische Grundhaltung 33,9 22,0 15,3 10,2 8,5 6,8 politisch links 2 3 4 5 politisch rechts keine Anga be 3.5. Für die Politik immer unberechenbarer – Alphajournalisten als Chamäleons »Die parteipolitische Festlegung ist wahnsinnig aufgeweicht; ich erinnere mich an einen meiner ersten Lehrgänge. Da hat einer mal gesagt: schade, dass wir hier keinen intelligenten Rechten haben, mit dem wir mal streiten könnten. Heute ist das so vage linksliberal«, sagt Ingrid Kolb von der Henri-Nannen-Schule, die auch feststellt, dass die Tendenzen, für die Spiegel oder Stern standen, verschwommener geworden seien. Doch ist diese Verschwommenheit bis hin zur Unkenntlichkeit oder gar Chamäleonhaftigkeit, das heißt das Eingehen von wechselnden Bindungen an Parteien bei den für diese Studie Befragten erkennbar? Für wie wichtig halten sie die Arbeit der Stiftungen in Deutschland und stehen Sie einer Stiftung nahe? Bei der Frage, wie die eigene politische Grundhaltung ist, ergibt sich insgesamt ein Bild, dass leicht links von der politischen Mitte verortet ist. Tendenziell lässt sich Wird die Parteibindung insgesamt analysiert, so fällt auf, dass die Grünen mit weitem Abstand am stärksten vertreten sind, gefolgt von der SPD, dann der FDP und kurz danach erst die CDU. Das bestätigt insgesamt eine parteipolitische Orientierung im Linksspektrum, wobei die Linkspartei nicht vertreten ist. Doch schauen wir uns die mit über einem Viertel(27,6) beachtlich große Gruppe an, die explizit sagt, sie neige keiner politischen Partei zu. Über die Jahrgänge hinweg sind diese Absolventinnen und Absolventen in den 1995ern am stärksten vertreten; am geringsten beim Jahrgang 1985. Die Gruppe derjenigen die sagen, keiner Partei anzugehören, wird von 1995 zu 2005 aber wieder kleiner. Das scheint eine Beobachtung von Ulrich Brenner zu bestätigen:»Ich stelle in letzter Zeit fest, dass das parteipolitische Engagement eher zugenommen hat. Ich hatte in fast jeder Lehrredaktion einen, der in einem Gemeinderat saß; letztes Jahr ein grüner Gemeinderat«. Dr. Peter Ziegler · Die Journalistenschüler 3. Die Ergebnisse der Befragung 24 Welcher Partei fühlen Sie sich am nächsten? neige keiner Partei zu 28% Union 5% SPD 21% FDP 7% B 90/Die Grünen 39% 3.6. Weitgehende Abstinenz gegenüber politischen Stiftungen Politische Stiftungen haben die Funktion, politische Bildung zu vermitteln, gesellschaftlich bedeutsame Grundwerte zu vermitteln und begabte junge Menschen im Sinne der Demokratie zu fördern. Dazu zählen auch die Schüler und Absolventen der renommierten Journalistenschulen in Deutschland. Stiftungen wie die FriedrichFast zwei Drittel der Befragten gibt an, keiner Stiftung nahe zu stehen; 19 Prozent machen keine Angabe. Dies zeigt, wie groß das Potential der Stiftungen ist, solche Journalisten, die in der Regel herausgehobene Positionen erreichen, für ihre Arbeit zu gewinnen. Von denjenigen, die einer Stiftung nahe stehen, ist die FES am meisten genannt worden, dann folgt die Naumann-Stiftung und mit gleicher Zahl von Nennungen die KAS, die Böll- und die Rosa-Luxemburg-Stiftung. Von der Tendenz her ist die Zahl der den Stiftungen fern Stehenden und der Angabenverweigerer im Jahrgang 2005 geringer als im 1995er Jahrgang. Die Haltung zur Arbeit von Stiftungen ist ambivalent: für ein Drittel ist die Arbeit sehr wichtig oder wichtig. Eher neutral stehen ihr eine Mehrheit von fast 38 Prozent gegenüber und für fast ein Viertel ist die Arbeit eher nicht wichtig. Bedeutung der Arbeit von Stiftungen 40 37,3 35 30 27,1 25 20 15,3 15 10 5,1 5 6,8 6,8 0 sehr wich tig 2 3 4 nicht wich tig keine Anga be Ebert-Stiftung(FES), die Konrad-Adenauer-Stiftung(KAS) oder die Hans-Seidel-Stiftung(HSS) haben eigene Programme zur Förderung des journalistischen Nachwuchses aufgelegt. 43 43 Anm.: Die FES zum Beispiel gibt eine Broschüre mit den Kontaktdaten ihrer ehemaligen Stipendiatinnen und Stipendiaten heraus, die in den Medien arbeiten. Ein Ziel ist Networking. In der Broschüre sind auch die Namen von Absolventen der Journalistenschulen enthalten. Die Ergebnisse zeigen insgesamt, dass die befragten Journalisten bzw. Journalistenschüler eher links von der Mitte zu verorten sind. Dies zeigt auch das überproportionale Bekenntnis zu Bündnis 90/Die Grünen und mit Abstand zur SPD. Die Gruppe derjenigen, die angibt, dass sie keiner Partei nahe stünden, wird von 1995 zu 2005 wieder kleiner. Dies zeigt, dass die These zumindest tendenziell nicht haltbar ist, dass parteipolitische Bindungen zunehmend aufweichen. Es ist deshalb auch nicht davon auszuge- Dr. Peter Ziegler · Die Journalistenschüler 3. Die Ergebnisse der Befragung 25 hen, dass sich Journalisten wie unberechenbare Wechselwähler verhalten. Auch das Interesse an politischen Stiftungen steigt seit 1995 offenbar wieder. 3.7. Die wichtigsten Orientierungsmedien Die Leitmedien der Journalistenschüler bzw. der Absolventen überraschen nicht. Wie in Weischenbergs Studie ist die Süddeutsche Zeitung das Orientierungsblatt Nummer eins; danach folgen Spiegel, ZEIT und FAZ. Auffällig ist, dass Spiegel online den gleichen Rang wie das gedruckte Blatt einnimmt. Die Bild-Zeitung und Die Welt spielen ähnlich wie der Stern keine nennenswerte Rolle. Für die Informationskompetenz der ARD spricht, dass sie sehr häufig als wichtigstes bzw. eines der wichtigsten Informationsmedien genannt wird. Dies schließt die Angebote Tagesschau und Tagesthemen ein. Weit abgeschlagen erscheint das ZDF. Unter den Radioangeboten dominieren die beiden Qualitätsprogramme des Deutschlandradios. 3.8. PR auch als Notlösung – auch für die Elite ist es härter geworden Absolventinnen und Absolventen der renommierten Journalistenschulen erhalten häufiger befristete Verträge oder arbeiten als Pauschalisten. Planstellen beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk bzw. feste Redakteursstellen in Zeitungs- und Zeitschriftenredaktionen sind als Folge der Medienkrise und des Personalabbaus bei ARD, ZDF und Deutschlandradio rarer geworden. Eine erkennbare Tendenz ist die Abwanderung in die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit: »Früher war das so, dass man erst als Journalist arbeitete und sich den Wechsel in die PR für die Zeit jenseits der 50 aufbewahrte«, so Ingeborg Hilgert. Und Ulrich Brenner bestätigt: »Es fangen mehr als früher an, frei zu arbeiten. Von denen, die eine feste Stelle wollen, ist ein ganz hoher Prozentsatz da auch drin« – in der Zeitachse. Auch gilt für die Schule in München: »Die Zahl der Absolventen, die in PR-Berufe gegangen sind, hat nicht zugenommen. Ich hatte das erwartet in Zeiten der Medienkrise. Es hat sich gegenüber den goldenen Journalistenjahren nicht verändert«. Fast die Hälfte aller Befragten ist fest angestellt. Als freie Mitarbeiter arbeiten ein Viertel. Der Rest – das ergibt sich aus der Grundgesamtheit der Befragten – klassifiziert sich selbst als Journalistenschüler oder journalistischer Praktikant. Die Mehrheit aller Befragten ist unbefristet fest angestellt – immerhin 43,1 Prozent. 10,3 Prozent verfügen über einen Honorar- oder Pauschalistenvertrag. Das zeigt, dass die Ausbildung über die Journalistenschulen in relative sichere Beschäftigungsverhältnisse führt. 44 Dies wird auch durch die Online-Befragung der Absolventen der Henri-Nannen-Schule sowie der DJS in München, Abschlussjahrgänge 1997 bis 2003, bestätigt 45 : 37 Prozent der Jahrgänge 2001 bis 2003 erklärten, sie hätten eine Festanstellung»nach einiger Zeit und ohne größere Anstrengung« gefunden. Bei den Jahrgängen 2001- 2003 sah es infolge der Medienkrise allerdings schlechter aus. Dagegen müssen oder wollen sich 15,5 Prozent der Absolventinnen bzw. Absolventen als freie Mitarbeiter ihr Einkommen sichern. Journalismus ist für knapp mehr als 62 Prozent der einzige Broterwerb; immerhin geben 24,1 Prozent an, dass sie weniger als 50 Prozent ihres Einkommens aus dem Journalismus beziehen. In der Zeitachse von 1985 bis 1995 lässt sich eindeutig feststellen, dass die Zahl der Journalistenschüler, die eine Festanstellung erhalten, gesunken ist: von 78,6 auf 58,3 Prozent. Gleichzeitig ist die Zahl derer, die selbstständig mit eigenem Büro arbeiten, um fast 21 Prozent gestiegen; in der Tendenz wuchsen auch leicht diejenigen, die als Beschäftigungsverhältnisse »Zeitvertrag« oder»Honorar- und Pauschalistenvertrag« angaben, leicht an. Bemerkenswert, dass die Zahl der freien Mitarbeiter von 1985 auf 1995 von 7,1 auf 4,2 Prozent gesunken ist. Diese Zahl beträgt bei den Schülerinnen und Schülern des Jahrgangs 2005, die eben noch in Ausbildung sind, 35 Prozent. Immerhin 15 Prozent haben bereits einen Honorar- oder Pauschalistenvertrag, 5 Prozent einen Zeitvertrag und zehn Prozent arbeiten selbstständig mit eigenem Büro. 44 Weischenberg et al.(2006), S. 134. 45 Pohl, PowerPoint-Präsentation 2004. Dr. Peter Ziegler · Die Journalistenschüler 3. Die Ergebnisse der Befragung 26 Beruflicher Status 45 42,4 40 35 30 25 20 15,3 15 11,9 10,2 10,2 10 6,8 5 1,7 0 unbefristet angeste llt selbstständi g mit eig enem Büro Zeitvertr ag Honorarun d Pausc halisten ve rtrag freie Mi tarbeit Ausbildu ngsvertr ag Sonstiges Diese Daten belegen, wie begehrt selbst Journalistenschüler, die noch nicht ihre Ausbildung abgeschlossen haben, auf dem stark belebten Arbeitsmarkt für Journalistinnen und Journalisten sind. Insgesamt lässt sich feststellen, dass für die große Mehrheit der Absolventen die These nicht gilt, dass Schreiben arm mache 46 . Vielmehr erzielen sie ein überdurchschnittliches Einkommen und können von ihrem Traumjob auch auskömmlich leben. Wie sehr haben sich die Bedingungen für Journalismus in Deutschland in den letzten Jahren verändert? Zunächst zur Arbeitsbelastung: Über 60 Prozent erklären, dass das eigene Tätigkeitsfeld sich in den letzten drei Jahren erweitert habe. Diese Erweiterung des Aufgabengebiets hat für die meisten der Betroffenen mit dem Internet zu tun. Über ein Viertel aber gibt an, dies habe andere Gründe. Das Outsourcing redaktioneller Leistungen bietet für manche Verleger und Rundfunkintendanten ein erhebliches Einsparpotential. Immerhin fast 20 Prozent sagen, dass Teile ihrer Redaktion bzw. ihres beruflichen Umfelds in den letzten drei Jahren outgesourct worden sind. Mehr als die Hälfte derjenigen, die geantwortet haben, verneint dies allerdings. 46 Bärtels, Schreiben macht arm. In: Die ZEIT 31.10.2007, S. 79. Wie sieht es mit Wechseln vom Journalismus in den Bereich PR(inkl. Pressestellen) aus, die sich aus den ökonomischen Zwängen der Medienkrise ergeben haben? Hier sagen immerhin zehn Prozent derjenigen, die in einer Pressestelle oder in einem PR-Büro arbeiten, sie seien zuvor in den Medien tätig gewesen. Die große Mehrheit derjenigen, die wechselten, hat dies nach eigenen Angaben aus wirtschaftlichen Gründen getan, nur ein Drittel sagt, dass Public Relations reizvoller als der Journalismus seien. Doch nun zu der wichtigen Frage, ob Arbeitsdruck, ökonomische Zwänge und Outsourcing dazu führen, dass der Journalismus deprofessionalisiert wird. Dies soll anhand der Frage überprüft werden, ob Pressemitteilungen zunehmend ungefiltert übernommen werden. Das Aufkommen an Pressemitteilungen ist in den letzten drei Jahren für mehr als Drittel der Befragten nach deren subjektivem Eindruck gestiegen. Für 19 Prozent ist es gleich geblieben und 3,4 Prozent behaupten, es sei für sie weniger geworden. Für fast die Hälfte ist das journalistische Instrument der Recherche unabdingbar, um den Wahrheits- oder Newsgehalt von Pressemitteilungen zu überprüfen. Nur 3,4 Prozent sagen, die Nachrichtenagenturen würden dies als Gatekeeper schon ausreichend überprüfen. Dies zeigt ein Misstrauen gegenüber den Agenturen. Immerhin 34,5 Prozent sagen, dass PM`s für sie in der alltäglichen Arbeit keine Rolle spielten. Dr. Peter Ziegler · Die Journalistenschüler 3. Die Ergebnisse der Befragung 27 Entscheidend ist auch die Frage, ob es die Arbeitsbedingungen von Journalisten überhaupt erlauben, dass Pressemitteilungen überprüft werden können. Nahezu 45 Prozent sagen, sie hätten ausreichend bzw. mehr oder weniger ausreichend Zeit, dies zu tun. Immerhin knapp über 20 Prozent geben an, die Zeit sei nicht oder kaum ausreichend. ständnis seit 1995. Eher schwach ausgeprägt ist die Zustimmung zu dem vorgegebenen Rollenselbstverständnis der Kontrolle der Eliten; allerdings wächst die Zustimmung 2005 nach einem Tief beim Jahrgang 1995 wieder auf das Niveau von 1985. Überprüfung von PMs Zeit ausreichend? 25 22,0 20 22,0 23,7 15,3 15 10,2 10 5,1 5 0 ja, ausreiche nd 2 3 4 nicht ausrei chend keine Anga be Das Ergebnis kann hinsichtlich des wichtigen beruflichen Standards der Sorgfaltspflicht, die vor der Aktualität rangiert, nicht befriedigen. So müssen es Journalisten offenbar aufgrund der Arbeitsbedingungen riskieren, ihren Rezipienten Informationen weiterzugeben, deren Authentizität sie nicht überprüfen konnten. Das ist umso problematischer, je wichtiger die Vermittlung von Sachverhalten im Rollenselbstverständnis der befragten Journalistinnen und Journalisten ist. Auch»die Wirklichkeit darzustellen, wie sie ist« und»aktuell zu informieren« rangiert in der Wertigkeit weit vorne. Offensichtlich wird auch, dass die traditionelle Kommunikatorrolle im Gegensatz zur Mediatorrolle eine immer geringere Rolle spielt. Dies lässt sich auch in der Zeitreihe seit 1985 feststellen: die Kommunikatorrolle findet eine sehr geringe Zustimmung und diese sinkt seit 1995 eindeutig. Die Mediatorrolle(»aktuell informieren«) dagegen findet eine insgesamt deutlich größere Zustimmung, stagniert aber in ihrer Bedeutung für das Rollenselbstver3.9. Die»eierlegende Wollmilchsau« – Aus­ bildung zu multimedialen Allroundern Ulrich Brenner, Leiter der DJS, zeigt sich skeptisch, ob es der Qualität dient, wenn ein Journalist alle Medien bedient:»Unsere Leute können das, nachdem sie die Journalistenschule absolviert haben – sie können als Videoreporter arbeiten, können Audios selbst schneiden. Aber was unsere Leute auch können, ist in diesen Medien denken. Wir bringen das Anforderungsprofil mit, das künftig an Journalisten vermehrt gestellt wird«. Synergieeffekte werden neben der Zusammenlegung von Funktionen(Videoreporter) im Versorgen mehrerer Medien mit dem gleichen journalistischen Produkt gesehen. So hat der Saarländische Rundfunk in seinem HörfunkNeubau einen Newsroom eingerichtet, in dem die vier Medien Radio, Fernsehen, Videotext und eben Internet verarbeitet werden. Damit ist der Dr. Peter Ziegler · Die Journalistenschüler 3. Die Ergebnisse der Befragung 28 kleine ARD-Sender Testlabor für die ARD. 47 Mit dem Newsroom wird das redaktionelle Kästchendenken überwunden, so der Chef des Projekts, der Absolvent der Deutschen Journalistenschule Franz Jansen. Damit entsteht eine große zentrale Planungsredaktion für den gesamten SR. Der Newsroom bringt Planungsredakteure und Chefs vom Dienst räumlich zusammen und vernetzt die Redaktionen auch virtuell miteinander. Doppelrecherchen und Planungsdubletten sollen der Vergangenheit angehören und damit die Qualität des gesamten Programmangebots verbessert werden. Themenscouts werden als Ideengeber eingesetzt. Und was die Ausbildung angeht:»Bei multimedialer Planung können Reporter bei entsprechender Qualifikation gezielt multimedial eingesetzt werden« 48 . ren die Teilnehmer ihrer Lehrredaktionen schon entsprechend. Kein anderes Medium in Deutschland hat sich innerhalb des letzten Jahrzehnts schneller verbreitet als das Internet. Nach den Ergebnissen der neuen Onlinestudie von ARD und ZDF stieg der Anteil der Internet-User von 6,5 Prozent im Jahr 1997 auf 62,7 Prozent im Jahr 2007. Aktuell haben damit fast 41 Millionen Deutsche ab 14 Jahren Zugang zur Internet-Welt. Und dieses Medium dient der Mehrheit der Nutzer vor allem der Beschaffung von aktuellen Informationen. 49 Internetredaktionen werden deshalb als Arbeitgeber für die Absolventen der Journalistenschulen immer bedeutender. Hilgert sagt:»Online – das sind bislang wenige, aber wir gehen davon Rollenselbstverständnis 100 90 88 80 70 60 50 40 38 30 22 20 10 10 14 10 6 0 Sachver halte ver mitteln aktuell in formier en Anwalt der sozial Schwac hen sei Sprac n hr ohr der n ormale n Mensch en Eliten kontro llieren Missstän de auf decken eigene Me inung an bieten Beim SR gab es schon aus Kostengründen seit Jahrzehnten Kamerareporter – d.h. Videojournalisten, die mit der elektronischen Kamera herausgehen und ihren Film machen – und auch gerne mal einen Hörfunkbeitrag abliefern. Der Markt wird also zukünftig verstärkt nach entsprechend multimedial ausgebildeten Journalisten verlangen. Die Journalistenschulen trainie47 Schwinn, Der mit den CvDs tanzt. In: Cut 5/2007. 48 Jansen/Kranz, Der SR-Newsroom. Präsentationspapier, November 2007. aus, dass das stark zunehmen wird«. Der Leiter der DJS in München, Brenner:»Absolventen gehen zu Online-Medien. Es sind welche bei Spiegel Online, in Online-Redaktionen von ARD-Anstalten; sie gehen in anspruchsvolle Online-Redaktionen und haben dort zum Teil sehr gute Möglichkeiten«. Immerhin 5,2 Prozent der Befragten erklärten, Sie arbeiteten in Internet-Redaktionen; über ein Drittel gaben an, auch in diesem Medium tätig 49 ARD-Pressemitteilung 4.9.2007. Dr. Peter Ziegler · Die Journalistenschüler 3. Die Ergebnisse der Befragung 29 zu sein. Die Erweiterung des Tätigkeitsfeldes der befragten Journalisten in den letzten drei Jahren hat denn auch vor allem mit dem Internet zu tun. Aufgrund seiner Vorteile – kein Redaktionsschluss, immer aktuell – ist das Internet auch zunehmend Orientierungsmedium für Journalisten. Dies zeigen die Nutzungszahlen von Spiegel.de und Sueddeutsche.de. Als Konkurrenzmedium wird das Internet bislang noch von wenigen angesehen(8,6 Prozent). Die Sphäre des Blogging wird aber zu einer Bedrohung des klassischen Journalismus; sie bietet auch politischen Akteuren die Möglichkeit, ohne kritische Nachfragen ihre Botschaften zu vermitteln. Hinzu kommt: Für manche Zeitung scheint die Häufigkeit des Zitiertwerdens inzwischen wichtiger zu sein als die Qualität der Berichterstattung, so der frühere Berater von Hans-Eichel, Staatssekretär a.D. und ehemalige Chefredakteur beim Fernsehsender VOX, Bedeutung des Internet 100 90 80 70 60 50 40 34,5 37,9 30 20 10 5,2 8,6 0 91,4 5,2 8,6 ich arbeite in diese mM edium auch in diesem Medium Orientierun gsmed ium Konkurrenz medium für PM -Verbreitung wichtig Gesamt keine Anga be Dies belegt, wie zunehmend wichtig das Internet für die Verbreitung von Informationen wird. Aber das Internet wird auch zum Problem. Weischenberg stellt fest, dass vor allem die Blogsphäre im Internet durch eine unwiderlegbare Inflation an Informationen für einen wahren Kollaps von Kommunikation sorgt. Auch hält er die OnlineAngebote in ihrem Image für überbewertet. 50 Klaus Peter Schmidt-Deguelle. Dies bewirkt eine immer gieriger werdende Suche nach Exklusivgeschichten. Und da wird häufig etwas aufgebauscht, was sich bei näherem Hinsehen als allzu dünn erweist, aber aufgrund des Aktualitätsdrucks so rasch wie möglich in den Internetportalen verbreitet wird. 50 Weischenberg, Verkäufer ihrer selbst. In: Die ZEIT 18.10.2007, S. 54. Anm.: Bemerkenswert, dass der CR von Spiegel online als Aust-Nachfolger im Gespräch ist; dies zeigt den Stellenwert, den das Internet als Talentreservoir für das journalistische Management gewonnen hat. Die wachsende Bedeutung spiegelt auch die Auseinandersetzung zwischen den Verlegern und der ARD um die Inhalte von Portalen; vom Medium Magazin 8/9 2007 als»Kampf um online« tituliert. Dr. Peter Ziegler · Die Journalistenschüler 4. Die Bewertung und Einschätzung der Ergebnisse 30 Die Bewertung und Einschätzung der Ergebnisse »The winner takes it all«. Wer einen Ausbildungsvertrag der renommierten Journalistenschulen in der Hand hat, braucht sich um seine Zukunft weniger Gedanken zu machen als die meisten anderen. Die Absolventen und Absolventinnen der Journalistenschulen in Deutschland haben nach wie vor glänzende Berufschancen, sie erreichen in der Regel herausgehobene Positionen im Journalismus und verdienen überdurchschnittlich. Längere Arbeitslosigkeit scheint für sie keine reale Gefahr zu sein. Die Absolventinnen und Absolventen können über stabile Netzwerke wie den KS-Club mit mittlerweile über 650 Ehemaligen und Studenten ihre Karriereoptionen absichern. Solche Netze und doppelte Böden halten auch bei Wagnissen wie einer eigenen Existenzgründung in Journalismus oder PR. ten geführt« 53 . Infolge dieser Expansion sei, so Hartmann, der direkte Einfluss der sozialen Herkunft auf die Erreichung von entsprechend herausgehobenen Positionen reduziert und der reine Leistungsaspekt verstärkt worden. Für eine Elite ergibt sich in einer demokratisch verfassten Gesellschaft eine klare Verpflichtung zum verantwortungsethischen Handeln. Die befragten Absolventinnen und Absolventen neigen ganz überwiegend aufgrund der Ausbildung und der im Beruf gesammelten Erfahrungen zu einem gut verkäuflichen Mainstream an Themen. Diesen medialen Mainstream können die ehemaligen Journalistenschüler aufgrund ihrer Positionen und Funktionen sowohl bedienen als auch zumindest mitsteuern. Die Befragten haben sich wie erwartet als veritable Leistungselite erwiesen. Eine Leistungselite, die ganz überwiegend der Mittelschicht entstammt. Damit ist auch für die Journalisten in Deutschland die These widerlegt,»Elitenzugang qua Leistungsauslese bedeute zugleich auch eine vergleichsweise große soziale Offenheit der Eliten« 51 . Beamte sind bei den Berufen der Eltern der Absolventinnen und Absolventen stark über-, Arbeiter aber stark unterrepräsentiert. Journalistenschüler und die Absolventen solcher Schulen sind also in ihrem sozialen Kontext keineswegs ein Spiegel der Gesellschaft.»Dennoch wird überall die Forderung aufgestellt, dass die Journalisten in ihren Merkmalen wesentliche Segmente der Gesellschaft repräsentieren« 52 . Nur so kann die soziale Sensibilität entwickelt werden, die für anwaltschaftlichen Journalismus nötig ist. Dieses Ergebnis ist umso gravierender, als dass die untersuchten Jahrgänge der drei Journalistenschulen sich aus einem Reservoir an begabten jungen Leuten rekrutieren, die alle von der Bildungsexpansion der 60er Jahre profitiert haben. Diese hat zu einer»deutlichen Verbreiterung der sozialen Rekrutierungsbasis der EliDie Lehrpläne der Journalistenschulen sind zumindest teilweise auch auf die großen Namen des Journalismus fixiert; dies verhindert eine intensivere inhaltliche Auseinandersetzung über alternative Gestaltungsformen wie zum Beispiel Sozialreportagen oder Projektjournalismus. Was das»Handwerk« angeht, bilden die Schulen immer stärker crossmedial und eben auch mit dem Akzent auf die Online-Medien aus. Am Beispiel des Themenhypes um das»abgehängte Prekariat« wurde deutlich, dass das Rollenverständnis der befragten Absolventen, Anwalt der sozial Schwachen zu sein, nur gering ausgeprägt ist. Das bloße Kennen von ALG II-Empfängern hat offenbar keine direkten Auswirkungen auf das Rollenselbstverständnis. Deutlich wurde vielmehr die Selbstbezogenheit des Journalismus auch am Teilsegment der Journalistenschüler. Sie orientieren sich aneinander und bevorzugen die Leitmedien, die sie in ihrer insgesamt eher linksliberalen Haltung bestätigen. Der journalistische Markt verlangt allenfalls stichflammenartig die Berichterstattung über die Randgruppen der Gesellschaft – wenn sich diese Reportagen mit einer von einem Spitzenpolitiker zitierten Studie verbinden lassen. 51 Hartmann(2002), S. 19. 52 Weischenberg et al.(2006), S. 70. 53 Hartmann(2002), S. 21. Dr. Peter Ziegler · Die Journalistenschüler 4. Die Bewertung und Einschätzung der Ergebnisse 31 Mit dem Wandel vom wert- zum zweckrationalen Handeln vom dominanten Selbstbild des Kommunikators zum Mediator ist offenbar die Rolle des anwaltschaftlichen Journalismus verloren gegangen. Doch ein die Partizipation von Minderheiten fördernder Journalismus wäre dringlicher denn je zuvor:»Seit 1998 ist der Anteil der Armen an der bundesrepublikanischen Gesamtbevölkerung von gut 12 auf über 17 Prozent gestiegen. ... Bei allein stehenden Personen mit Kindern liegt Deutschland sogar in der europäischen Spitzengruppe. Die Kehrseite: allein zwischen 1998 und 2003 nahm gleichzeitig das Nettovermögen der Bundesbürger nominal um 17 Prozent auf insgesamt fünf Billionen Euro zu«. 54 Die Verteilung dieses Vermögens ist sehr ungleich: die vermögenden 10 Prozent besitzen fast die Hälfte des Vermögens und haben ihren Anteil seit 1998 auch noch erhöhen können. Die Ärmsten zehn Prozent besitzen kein Nettoeinkommen; ihre Schulden wurden in der gleichen Zeit verdreifacht. Damit ist aber auch ein wichtiges Element der deutschen Gesellschaftsordnung erschüttert: »Die Illusion von der Leistungsgesellschaft, in der es jeder kraft eigener Anstrengung bis nach ganz oben schaffen kann« 55 . Die weitgehend in privilegierten Positionen und Funktionen tätigen Absolventen der renommierten Journalistenschulen könnten ihre reale Gestaltungsmacht sinnvoll einsetzen, wenn sie wieder verstärkt die Teilhabe derjenigen ermöglichen, die in einer sich zunehmend polarisierenden Gesellschaft nur schwach oder gar nicht durchdringen können. Dies erfordert eine Renaissance der Modelle, die in den 70er und 80er Jahren einen Wandel von der hierarchisch strukturierten, elitären Kommunikationsstruk54 Hartmann(2007), S. 9. 55 Hartmann(2002), S. 17. tur zur kommunikativen Chancengerechtigkeit zum Ziel hatten. 56 Diese aufklärerische Tradition beinhaltet auch eine stärke Ausübung der Kontrollfunktion gegenüber den Eliten aus Politik und Wirtschaft. Gute Ansätze zeigt das Netzwerk Recherche. 57 Doch Recherche und Aufklärung brauchen Zeit, Seiten und Sendeplätze und andere Verwertungsmechanismen der auf Gewinn ausgerichteten Medien. Gefahren für den Qualitätsjournalismus entstehen durch die zunehmende Arbeitsverdichtung, Outsourcing, die Aufweichung journalistischer Standards durch die Übermacht der PR gegenüber den redaktionellen Kapazitäten. Dies hat auf Dauer fundamentale Auswirkungen auf die Glaubwürdigkeit von Journalismus bei den Rezipienten. Was Not tut, sind Entschleunigung und damit intensivere Recherche sowie Qualitätsverbesserungen. Dies bedeutet auch einen Abschied von Skandalisierung und Personalisierung der Politik durch den Journalismus. Viele Absolventinnen und Absolventen der drei Schulen haben die Gestaltungsmacht, als Kommunikationsmanager hier gegenzusteuern und die Schulleitungen die Option, ihre Lehrpläne stärker auf die Modelle partizipatorischer Medienarbeit auszurichten. 56 exemplarisch für solche partizipatorischen, anwaltschaftlichen Modelle Fabris, Journalismus und bürgernahe Medienarbeit. Formen und Bedingungen der Teilhabe an gesellschaftlicher Kommunikation, Salzburg 1979. 57 Netzwerk Recherche; die Jahrestagungen sind mittlerweile ein viel beachtetes Medienereignis, auf dem auch Spitzenpolitiker auftreten und sich der Diskussion mit kritischen Journalisten stellen. Darüber hinaus beteiligt das Netzwerk u. a. am alljährlich stattfindenden Mainzer Mediendisput. Dr. Peter Ziegler · Die Journalistenschüler 5. Empfehlungen an die Politik 32 Empfehlungen an die Politik Den politisch Handelnden wiederum müsste daran gelegen sein, aufklärerischen Journalismus grundsätzlich zu unterstützen und eben nicht Skandale und Personalnachrichten zu befördern, um dem politischen Gegner zu schaden. Denn nur so wird die Transparenz und damit die Akzeptanz für politische Handlungsprozesse erhöht oder gar erst hergestellt. Dieser Prozess erfordert eine offensivere Pressearbeit, weg von Verlautbarungs-PR oder Versuchen der »Schleichwerbung« durch Lieferung sendefähiger Beiträge durch Werbeagenturen im Auftrag von Ministerien. Dies käme der Legitimation der Politik in der Demokratie entgegen und würde so der Verdrossenheit vieler Bürger gegenüber der Politik entgegenwirken. Bundesregierung und Landesregierungen müssen sich dauerhaft bei den Schulen finanziell engagieren. Hier gab es in den letzten Jahrzehnten angesichts knapper Etats allzu häufig schwierige Situationen, die Schulen an den Rand der Existenzkrise brachten und ihnen keine Planungssicherheit ermöglichten. 58 Die Erfahrungshorizonte von Journalistenschulen und Politik sollten um die jeweils andere Seite erweitert werden, d.h. Journalistenschülern müssten 58 Jüngstes Beispiel: Die für das Jahr 2006 ursprünglich geplante Streichung der Mittel des Landes Nordrhein-Westfalen für die Kölner Journalistenschule wurde im Landtag mit den Stimmen aller Fraktionen zurückgenommen. Es ging um 25.000 Euro. Mittlerweile haben Studiengebühren einen Anteil von rund 40 Prozent an den Einnahmen; weitere Finanzierungsquellen u. a. Spenden, Sponsoring und Vereinsbeiträge. verstärkt Praktika etwa in im Bundespresseamt oder in Bundesministerien ermöglicht werden. Umgekehrt könnte es auch für Staatssekretäre und Minister durchaus von Nutzen sein, sich intensiver als bisher in den Dialog mit den angehenden Journalisten zu begeben. Dies erfordert Prioritäten in den Planungs- und Leitungsbereichen der Bundesministerien, denn die Kalender der Spitzenpolitiker sind übervoll. Hartmann hat nachgewiesen, dass es am ehesten in der Politik möglich ist, aus den Milieus»kleiner Leute« in Spitzenpositionen zu gelangen. 59 Ein Beispiel: Der Tochter eines Binnenschiffers, Edelgard Bulmahn, war es gelungen, Bundesministerin für Bildung und Forschung zu werden. Durch entsprechende Kontakte würde den Journalistenschülern als Angehörige der Mittelschicht ganz andere Perspektiven eröffnet. Ein solcher kommunikativer, weitgehend herrschaftsfreier Austausch zwischen Eliten auf gleicher Augenhöhe würde den gegenseitigen Blick schärfen und keineswegs zur Kumpanei führen müssen. Wenn dies gelänge, würden die Absolventen der Journalistenschulen, privilegierte Angehörige der Mittelschicht, mit dazu beitragen, dass politischer Journalismus in Deutschland wieder den Stellenwert einnehmen könnte, der ihm gebührt. 59 Hartmann(2002), S. 141; Der Nachwuchs aus der Arbeiterklasse werde im Unterschied zur Wirtschaft in der Politik in Spitzenpositionen sogar verglichen mit dem Großbürgertum begünstigt. Dr. Peter Ziegler · Die Journalistenschüler Literatur 33 Literatur ARD , Pressemitteilung 4. 9. 2007. Bärtels, Gabriele , Schreiben macht arm. In: Die Zeit 31. 10. 2007, S. 79. Bundesagentur für Arbeit(Hrsg.) , Arbeitsmarktinformation 3/2007. Bruns, Tissy , Republik der Wichtigtuer, Freiburg 2007. Deutscher Beamtenbund , Bürgerbefragung öffent­licher Dienst. Einschätzungen, Erfahrungen und Erwartungen. Forsa-Umfrage, Berlin 2007. Fabris, Hans Heinz , Journalismus und bürger­ nahe Medienarbeit. 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