Peter Singer „Darüber zu sprechen, ist unmöglich, darüber zu schweigen, verboten“ Elie Wiesel Gesprächskreis Politik und Geschichte im Karl-Marx-Haus Heft 14 Gesprächskreis Politik und Geschichte im Karl-Marx-Haus Heft 14 Peter Singer „Darüber zu sprechen, ist unmöglich, darüber zu schweigen, verboten“ (Elie Wiesel) Dokumentation einer literarischen Matinee zum Holocaust-Gedenktag Texte zusammengestellt von Peter Singer Friedrich-Ebert-Stiftung ISSN 1860-8280 ISBN 13: 978-3-89892-967-7 Herausgegeben von Beatrix Bouvier Studienzentrum Karl-Marx-Haus der Friedrich-Ebert-Stiftung, Trier Kostenloser Bezug im Studienzentrum Karl-Marx-Haus der Friedrich-Ebert-Stiftung Johannisstr. 28, 54290 Trier (Tel. 0651-97068-0) E-mail: elke.becker@fes.de © 2008 by Friedrich-Ebert-Stiftung Trier Umschlag: Pellens Kommunikationsdesign GmbH, Bonn Druckerei Bonner Universitäts-Buchdruckerei, Bonn Alle Rechte vorbehalten Printed in Germany 2008 Zur Einführung Der 27. Januar ist seit 1996 in der Bundesrepublik Deutschland nationaler Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Er erinnert an den Tag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau im Jahre 1945. In seiner Proklamation des Gedenktages erklärte der damalige Bundespräsident Roman Herzog: „Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, nun eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken“. 2005 erklärte die Generalversammlung der Vereinten Nationen den 27. Januar in einer Resolution offiziell zum Internationalen Holocaust-Gedenktag. UN-Generalsekretär Kofi Annan bezeich nete dabei den Gedenktag als„eine wichtige Mahnung an die universelle Lektion des Holocaust“: „Das Böse, das zum Tod von sechs Millionen Juden und anderen in den Lagern geführt hat, bedroht noch heute jeden von uns. Jede Generation muss wachsam sein, um sicherzugehen, dass sich solche Ereignisse nicht erneut abspielen“. Nach der Schauspielerin Barbara Ullmann und der Autorin Minka Pradelski in den Vorjahren hat in diesem Jahr der Schauspieler Peter Singer die Gestaltung der Matinee zum Holocaust-Gedenktag im Museumscafé des Karl-Marx-Hauses übernommen. Er hat Texte ausgewählt, die die vielfältige literarische Verarbeitung eines der dunkelsten Kapitel deutscher und europäischer Geschichte widerspiegeln. Der Titel„Darüber zu sprechen, ist unmöglich, darüber zu schweigen, verboten“ ist ein Zitat von Elie Wiesel, Friedensnobelpreisträger und Überlebender von Auschwitz und Buchenwald. Die letzten Überlebenden des Holocaust und der Vertreibung des europäischen Judentums werden bald verstummt sein. Die Nachgeborenen müssen die Erinnerung weitertragen. Elie Wiesel hofft:„Jeder, der heute einem Zeugen zuhört, wird selbst ein Zeuge werden“. In der Lesung von Peter Singer kamen Opfer und Täter, Literaten, Lyriker, Historiker und Philosophen mehrerer Generationen zu Wort. Sie versuchten ihre Betroffenheit in Worte zu fassen oder ihre Erfahrungen zu verarbeiten. Die Zuhörer wurden dabei zu Zeugen, die der Opfer gedachten und künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen werden. Wegen vielfacher Nachfrage aus dem Publikum möchten wir hiermit die Texte zum Nachlesen zur Verfügung stellen. Peter Singers Auswahl ist subjektiv und nur ein kleiner Ausschnitt aus der schier unüberschaubaren Vielzahl von Versuchen, dem eigentlich Unfassbaren Ausdruck zu verleihen. In den bruchstückhaften Charakter der Lesung hat die Redaktion bewusst nicht eingegriffen. Die von Peter Singer benutzte Literatur ist in einem Verzeichnis am Ende des Heftes zusammengestellt. Trier, im August Elisabeth Neu Karl-Marx-Haus Trier Vorwort Am 27. Januar 1945 befreiten Soldaten der Roten Armee das Vernichtungslager Auschwitz. Die Erinnerung an diesen Ort des Grauens veranlasste unsere Gesellschaft, den 27. Januar zum Holocaust-Gedenktag zu erklären. Auch bei der Friedrich-Ebert-Stiftung in Trier gehört es zur guten Tradition, an dieses Ereignis zu erinnern. In diesem Jahr wurde ich eingeladen, mir – als Literaturfreund und Theatermensch – Gedanken über dieses Gedenken zu machen. Jedoch die Aufforderung, zum Thema Holocaust eine Matinee zu gestalten, wurde zur Herausforderung. Gewöhnlich nehme ich mein Publikum auf eine literarische Reise mit, um es am Ende wohlbehalten zu entlassen. Doch die Schilderungen der Zeitzeugen sind ihrer Grausamkeit wegen bei einer solchen Veranstaltung schwer zu ertragen, und auch die übrige Literatur hat mit dieser unbeschreiblichen Wirklichkeit ihre allergrößten Schwierigkeiten. So werden Gedenkfeiern zu diesem Thema gerne auf Begriffe wie Freundschaft und Versöhnung reduziert, und verharmlosende Sichtweisen zeugen von großer Hilflosigkeit. Dies scheint mir al lerdings kein Grund zu sein, Erinnerungen an die wohl dunkelste Zeit unserer Geschichte nicht wach zu halten. Also beschränkte ich mich auf Einblicke, die mir geeignet schienen, Voraussetzungen und Erlebnisschilderungen von Opfern und Tätern durch literarische Fenster aufzuzeigen, wobei die herkömmlichen Kriterien der Literaturbeurteilung seit dem Holocaust erweitert werden mussten. Zudem versuchte ich den Fokus auf die Region zu ziehen, um das problematische Zusammenleben der Betroffenen bis in die Gegenwart begreifbarer zu machen. Für Hörer bzw. Leser sollte jedoch genügend Freiraum bestehen, um eigene Gedanken und Erfahrungen mit einzubringen. Jeder möge seine eigenen Schlüsse ziehen und sich zum Nachdenken anregen lassen. Trier, im Februar Peter Singer „Darüber zu sprechen, ist unmöglich – darüber zu schweigen verboten.“ (Elie Wiesel) In ihren Übungen, jüdisch zu sein berichtet die deutsch-jüdische Schriftstellerin Ester Dischereit, die gern als„Vorzeigejüdin“ zu Gedenkfeiern eingeladen wird, in einem Essay: Wie es mir beim Gedenken keiner recht macht. … Schulklasse im barocken Schloss, vorbei am gekreuzigten Christus, mit Goldblatt abgesetzter Stuck. Der Direktor ist sehr freundlich. Hat sich bei allem was gedacht. Die Kulturverwaltung ist mitgekommen – in Gestalt einer Dame von der man stets zu wissen glaubt, sie hätte Dr. Schmitz oder Annemarie Müller geheißen. Ich hatte dann mit der Schulklasse geredet, und der Direktor hat auch mit der Schulklasse geredet. Aus Versehen hat mir keiner den Klassenlehrer vorgestellt. In der hintersten Reihe meldete sich eine Schülerin:„ Sind Sie immer jüdisch? Ich meine … müssen Sie immer jüdisch sein?“ Ich sage:„ Beim Frühstück lässt das nach“. Der Deutschlehrer findet, dass alles etwas trübe und traurig klingt. Ich beweise dann, dass ich mich auch zum Leben eigne und zeige den Schülerinnen ein Gedicht, in dem Paul Ball spielt. Dabei bin ich doch nur heute hier, nur heute, an diesem einen Tag, dem Tag der Trauer, und sie erlauben nicht, dass es ein Tag der Klage sei. Sie halten meine Klage nicht aus, nicht einmal an diesem Tag. Sie ha- ben nichts zu klagen und sehen mir beim Weinen zu. Das ist befremdlich, das stimmt schon. Eine Fotografin wollte ein Foto mit dem Schuldirektor, dem Bürgermeister und der gedenkenden Schulklasse im Hintergrund. Unglücklicherweise gedachte die Schulklasse zu diesem Zeitpunkt gar nicht, sondern rückte mit den Stühlen und flüsterte von etwas. Die Fo tografin konnte aber nicht warten, schließlich kann sie nicht bei allem dabeisitzen und der Bürgermeister saß auch so am Rand. Da hatte sie alles soweit arrangiert: setzte den Bürgermeister um, den Schuldirektor daneben. Aber ohne Jüdin in der Mitte ging es nicht. Die saß vorne und redete mit der Schulklasse. Die hätte sich umsetzen sollen, so dass ihr die Schulklasse auf den Rücken geguckt hätte und rechts und links von ihr die beiden Herren. Die Jüdin wollte nicht und hatte das Bild verpatzt. Die Schulklasse kicherte hier und da. Die Fotografin klappte ihr Notizbuch zu und verließ den Raum. Das hatte sie sich selbst zuzuschreiben, dann würde es kein Bild in der Zeitung geben. Was allerdings auch wieder schlecht war für die Stadt und den Bürgermeister, denn er hatte etwas Geld ausgegeben dafür, dass die Stadt auf diesem Gebiet etwas täte und nun würde es nirgendwo drinstehen, dass die Stadt auch etwas getan hat – und übrig bliebe nur wieder der Aufmarsch der Rechten in der Nibelungenhalle. Man würde sie abreißen müssen, das wurde deutlich. Die Nachrichten über das andere, das die Stadt tat, fehlten oft, und das war schlecht. Die Stadt lebt auch vom Tourismus. Jedenfalls gab es auf diese Weise einen Zu- sammenhang zwischen dem Abriss der Nibelungenhalle und der Weigerung der Jüdin, auf dem vorbereiteten Gedenkfoto zu erscheinen. Sie war übrigens nicht alt, was die Sache auch nicht leichter machte, Aber langsam musste man auf diese Generation zukommen, es war jedenfalls ein Experiment gewesen. Feidman war zu teuer, – aber vielleicht einer von denen, die es nachmachen. Die sind schon fast so gut wie die leibhaftigen Klezmers. Endlich irgendetwas Greifbares an diesem Judentum. Als alle fort waren kam eine junge Türkin auf sie zu und sagte, dass sie ihr aus der Seele gesprochen habe. Sie werde gefragt, ob sie ihr Kopftuch immer heimlich ablege. Sie trug jedoch keines und hat nie eines getragen und hatte nie eines getragen. Ich fragte sie, ob ich zur Klezmermusik tanzende Imame einladen sollte. Wir lächelten wie zwei, von deren Geheimnis sonst keiner weiß. Wahrscheinlich ist es zwecklos, Geheimnisse zu veröffentlichen. Aber dann müsste ich meine Rundreisen, meine Arbeit einstellen. Wer will das schon? Die Leute wollen doch Geheimnisse lüften – oder Schleier. Ich habe keinen Spiegel bei mir. Um diese grauenvollen Ereignisse in Deutschland auch nur annähernd verstehen zu können, möchte ich eine genaue Beobachtung vorstellen, die Thomas Mann 1939 im Pariser Emigrantenblatt Das Neue Tagebuch unter dem Titel„Bruder Hitler“ veröffent­ lichte: 10 Der Bursche ist eine Katastrophe; das ist kein Grund, ihn als Charakter und Schicksal nicht interessant zu finden. Wie die Umstände es fügen, dass das unergründliche Ressentiment, die tiefschwärende Rachsucht des Untauglichen, Unmöglichen, zehnfach Gescheiterten, des extrem faulen, zu keiner Arbeit fähigen Dauer-Asylisten und abgewiesenen Viertelskünstlers, des ganz und gar Schlechtweggekommenen sich mit den(viel weniger berechtigten) Minderwertigkeitsgefühlen eines geschlagenen Volkes verbindet, welches mit seiner Niederlage das Rechte nicht anzufangen weiß und nur auf die Wiederherstellung seiner„Ehre“ sinnt; wie der, der nichts gelernt hat, aus vagem und störrischem Hochmut nie etwas hat lernen wollen, der auch rein technisch und physisch nichts kann, was Männer können, kein Pferd reiten, kein Automobil oder Flugzeug lenken, nicht einmal ein Kind zeugen, – eine unsäglich inferiore, aber massenwirksame Beredsamkeit, dies platt hysterisch und komödiantisch geartete Werkzeug, womit er in der Wunde des Volkes wühlt, es durch die Verkündigung seiner beleidigten Größe rührt, es mit Verheißungen betäubt und aus dem nationalen Gemütsleiden das Vehikel seiner Größe, seines Aufstiegs zu traumhaften Höhen, zu unumschränkter Macht, zu ungeheueren Genugtuungen und Über-Genugtuungen macht – zu solcher Glorie und schrecklichen Heiligkeit, dass jeder, der sich früher einmal an dem Geringen, dem Unscheinbaren, dem Unerkannten versündigt, ein Kind des Todes, ein Kind der Hölle ist … Wie er aus dem nationalen Maß ins europäische wächst, dieselben Fiktionen, hysterischen Lügen und lähmenden Seelengriffe, die ihm zur internen Größe verhalfen, im weiteren Rahmen zu üben lernt; wie er im Ausbeuten 11 der Mattigkeiten und kritischen Ängste des Erdteils, im Erpressen seiner Kriegsfurcht sich als Meister erweist, über die Köpfe der Regierungen hinweg die Völker zu agacieren und große Teile davon zu gewinnen, zu sich hinüberzuziehen weiß; wie das Glück sich ihm fügt, Mauern lautlos vor ihm niedersinken und der trübselige Nichtsnutz von einst, weil er – aus Vaterlandsliebe, soviel er weiß – die Politik erlernte, nun im Begriff scheint, sich Europa, Gott weiß es, vielleicht die Welt zu unterwerfen: das alles ist durchaus einmalig, dem Maßstabe nach neu und eindrucksvoll; man kann unmöglich umhin, der Erscheinung eine gewisse angewiderte Bewunderung entgegenzubringen. In Der Führer – Das Weihnachtsbuch der deutschen Jugend, herausgegeben von Baldur von Schirach, München, Zentralverlag der NSDAP, erschien 1938 dieser„erbauliche Aufsatz“ eines Herrn E. W. Möller, den ich auszugsweise vorstellen möchte: (Aus:„Schüsse, welche die Maske des ewigen Juden zerfetzen“) Der ewige Jude, einmal vergeblich aus dem Leben gescheucht, stand überall in neuen Gesichtern auf. Bald hieß er Liebknecht, war ein windiger und dickfelliger Parlamentsschwätzer, bald war er eine krumme ältliche Hexe Rosa Luxemburg mit wüstem strähnigem Haar und einem zu großen bösartigen Kopf. Bald war er ein jüdischer Dieb namens Sobelsohn aus Polen, der das polnische Wort kradek für Dieb zu seinem Namen machte, ein gespenstisches Lustmörder-Gesicht mit faulem Gebiß und schamlos frechen Augen, geheimnisvoll aus dem Dunkel auftauchend und wieder im Dun- 12 kel verschwindend, der in Polen wie ein Pfarramtskandidat, in der Schweiz wie ein bebrillter Eidgenosse, in Russland wie ein brutaler Generaldirektor und in Deutschland wie ein übergeschnappter Privatgelehrter oder lyrischer Mitarbeiter des Berliner Tagblattes aussah. Ihnen warfen sich verzweifelte einzelne entgegen, Soldaten, denen es auf einen Schuß mehr und einen Kolbenhieb weniger nicht ankam, oder entsetzte Menschen, die den Anblick der Tiergesichter nicht zu ertragen vermochten, oder Fanatiker, die den dumpfen Trieb zur Abwehr hatten, ohne recht zu wissen, wie sie es anfangen sollten. Sie schlugen zu, wo sie dem Ungeziefer begegneten, und wunderten sich, dass es nur immer mehr wurde. Als 1965 in Frankfurt und Düsseldorf von der Justiz die Verbrechen in Auschwitz und Treblinka neu beleuchtet wurden, erschien in der Frankfurter Abendpost am 13. März ein Artikel mit dem Titel„Unser Auschwitz“. Autor war Martin Walser. Goethes Lebensregel hatte er vorangestellt:„Willst du dir ein hübsch Leben zimmern, Musst Dich ums Vergangene nicht kümmern“. Auch einige den Prozessverlauf begleitende Schlagzeilen waren zu lesen: „Frauen lebend ins Feuer getrieben“ –„Suppe und Straßenkot in den Mund gestopft“ –„Todkranke von Ratten angenagt“ –„Hähnchen und Vanilleis für die Henker“ –„In Auschwitz floß der Alko hol“ –„Der Teufel sitzt auf der Anklagebank“ usw. Walser stellt entgegen: Auschwitz war nicht die Hölle, sondern ein deutsches Konzentrationslager. Und die Häftlinge waren keine Verdammten oder Halbverdammten eines christlichen Kosmos, sondern unschuldige Juden, Kommunisten 13 und so weiter. Und die Folterer waren keine phantastische Teufel, sondern Menschen wie du und ich. Unsere mangelnde Erfahrung und das Übermaß des Begangenen sind sicher ein Grund dafür, dass wir uns Auschwitz mit solchen Wörtern vom Halse halten. Man kapituliert einfach vor soviel Unmenschlichkeit. Dann sammelt man Zitate nach Maßgabe der darin spürbaren Brutalität. Die Bedingungen, die diese Brutalität ermöglichten sind viel zu farblos, viel zu sehr im Historischen, im Politischen, im Sozialen zu Hause, also entschwinden sie uns vor dem saftigen Inbegriff eines SS-Mannes, den wir zur Bestie stilisieren. Doch sollten wir ein bisschen genauer sein, wenn es um Auschwitz geht. Da spielen die Bedingungen eine zu große Rolle, da sind es überhaupt die Bedingungen, die Auschwitz unter uns ermöglichen. Wie Auschwitz für die„Häftlinge“ war, werden wir nie verstehen. Aber was geschah, dass es für diese„Häftlinge“ ein Auschwitz gab, das sollte nicht in einer Flucht zu phantastischen Umschreibungen – halb Bild-Zeitung, halb Dante verloren gehen. Auschwitz ist überhaupt nichts Phantastisches, sondern eine Anstalt, die der deutsche Staat mit großer Folgerichtigkeit entwickelte zur Ausbeutung und Vernichtung von Menschen. Das wirkliche Auschwitz: Selektion an der Rampe, Transport in die Kammern, Zyklon B, Verbrennungsöfen. Und wer nicht ermordet wird, arbeitet bei Krupp, bei der I.G. bis er daran stirbt oder auch ermordet wird. 14 Das ist das Betriebssystem. So wurde es von den Idealisten des Nationalsozialismus entwickelt. Als Glied eines umfassenderen Systems. Die persönlichen Befriedigungen der Funktionäre wurden bekämpft und wären sicher gänzlich unterdrückt worden in unseligen Friedenszeiten. Ein Dokument nationalsozialistischer Todesbürokratie ist die eidesstattliche Erklärung des KZ-Kommandanten Rudolf Höß, die er am 5. April 1946 bei den Nürnberger Prozessen abgibt: Ich, Rudolf Ferdinand Höß, sage nach vorhergehender rechtmäßiger Vereidigung aus und erkläre wie folgt: Ich bin sechsundvierzig Jahre alt und Mitglied der NSDAP seit 1922; Mitglied der SS seit 1934; Mitglied der Waffen-SS seit 1939. Ich war Mitglied ab ersten Dezember 1934 des SS-Wachverbandes, des sogenannten Totenkopfverbandes. Seit 1934 hatte ich unausgesetzt in der Verwaltung von Konzentrationslagern zu tun und tat Dienst in Dachau bis 1938; dann als Adjutant in Sachsenhausen von 1938 bis zum 1. Mai 1940, zu welcher Zeit ich zum Kommandanten von Auschwitz ernannt wurde. Ich befehligte Auschwitz bis zum 1. Dez. 1943 und schätze, dass mindestens 2 500 000 Opfer dort durch Vergasung und Verbrennen hingerichtet und ausgerottet wurden; mindestens eine weitere halbe Million starben durch Hunger und Krankheit, was eine Gesamtzahl von ungefähr 3 000 000 Toten ausmacht. Diese Zahl stellt ungefähr 70 oder 80 Prozent aller Personen dar, die als Gefangene nach Auschwitz geschickt wurden; die übrigen wurden ausgesucht und für Sklavenarbeit in den Industrien 15 des Konzentrationslagers verwendet. Unter den hingerichteten verbrannten Personen befanden sich ungefähr 20 000 russische Kriegsgefangene … Der Rest der Gesamtzahl der Opfer umfasste ungefähr 100 000 deutsche Juden und eine große Anzahl von Einwohnern, meistens Juden, aus Holland, Frankreich, Belgien, Polen, Ungarn, Tschechoslowakei, Griechenland oder anderen Ländern. Ungefähr 400 000 ungarische Juden wurden allein in Auschwitz im Sommer 1944 von uns hingerichtet. Die„Endlösung“ der jüdischen Frage bedeutete die vollständige Ausrottung aller Juden in Europa. Ich hatte den Befehl, Ausrottungserleichterungen in Auschwitz im Juni 1942 zu schaffen. Zu jener Zeit bestanden schon drei weitere Vernichtungslager im Generalgouvernement: Belzec, Treblinka und Wolzek. Diese Lager befanden sich unter dem Einsatzkommando der Sicherheitspolizei und des SD. Ich besuchte Treblinka, um festzustellen, wie die Vernichtungen ausgeführt wurden. Der Lagerkommandant von Treblinka sagte mir, dass er 80 000 im Laufe eines halben Jahres liquidiert hätte. Er hatte hauptsächlich mit der Liquidierung aller Juden aus dem Warschauer Ghetto zu tun. Er wandte Monoxyd-Gas an, und nach seiner Ansicht waren seine Methoden nicht sehr wirksam. Als ich das Vernichtungsgebäude in Auschwitz errichtete, gebrauchte ich also Zyklon B, eine kristallisierte Blausäure, die wir in die Todeskammer durch eine kleine Öffnung einwarfen. Es dauerte 3 bis 15 Minuten, je nach den klimatischen Verhältnissen, um die Menschen in der Todeskammer zu töten. Wir wussten, wenn die Menschen tot waren, weil ihr Kreischen aufhörte. Wir 16 warteten gewöhnlich eine halbe Stunde, bevor wir die Türen öffneten und die Leichen entfernten. Nachdem die Leichen fortgebracht waren, nahmen unsere Sonderkommandos die Ringe ab und zogen das Gold aus den Zähnen der Körper. Eine andere Verbesserung gegenüber Treblinka war, dass wir Gaskammern bauten, die 2000 Menschen auf einmal fassen konnten, während die zehn Gaskammern in Treblinka nur je 200 Menschen fassten. Die Art und Weise, wie wir unsere Opfer auswählten war folgendermaßen: zwei SS-Ärzte waren in Auschwitz tätig, um die einlaufenden Gefangenentransporte zu untersuchen. Die Gefangenen mussten bei einem der Ärzte vorbeigehen, der bei ihrem Vorbeimarsch durch Zeichen die Entscheidung fällte. Diejenigen, die zur Arbeit taugten, wurden ins Lager geschickt. Andere wurden sofort in die Vernichtungsanlagen geschickt. Kinder im zarten Alter wurden unterschiedslos vernichtet, da auf Grund ihrer Jugend sie unfähig waren, zu arbeiten. Noch eine andere Verbesserung, die wir gegenüber Treblinka machten, war diejenige, dass in Treblinka die Opfer fast immer wussten, dass sie vernichtet werden sollten, während in Auschwitz wir uns bemühten, die Opfer zum Narren zu halten, indem sie glaubten, dass sie ein Entlausungsverfahren durchzumachen hätten. Natürlich erkannten sie auch häufig unsere wahren Absichten und wir hatten deswegen manchmal Aufruhr und Schwierigkeiten. Sehr häufig wollten Frauen ihre Kinder unter den Kleidern verbergen, aber wenn wir sie fanden, wurden die Kinder natürlich zur Vernichtung hineingesandt. 17 Wir sollten diese Vernichtungen im Geheimen ausführen, aber der faule und Übelkeit erregende Gestank, der von der ununterbrochenen Körperverbrennung ausging, durchdrang die ganze Gegend, und alle Leute, die in den umliegenden Gemeinden lebten, wussten, dass in Auschwitz Vernichtungen im Gange waren. Der Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel schildert seine Ankunft in Auschwitz folgendermaßen: (Aus: Elie Wiesel,„Plädoyer für die Toten“) Ich bin am Ufer des Irrealen gelandet, in der Mitternachtslandschaft. Später habe ich erfahren, dass der Henker ein Romantiker ist, der vollkommene Inszenierungen liebt; die Hölle ist sein Bühnenbild und die Nacht sein Verbündeter. Irgendwo begann ein Hund zu heulen, ein zweiter stimmte ein, ein dritter dann. Wir waren also im Reich der Hunde. Eine Frau hatte den Verstand verloren und stieß einen Schrei aus, in dem nichts Menschliches mehr lag; es klang eher wie ein Bellen. Sie wollte wohl eine Hündin werden. Ein Revolverschuss machte ihren Halluzinationen ein Ende und wieder senkte sich das Schweigen auf uns. In der Ferne schlugen gelbe und rote Feuergarben, ausgespuckt von gewaltigen Fabrikschornsteinen in die mondlose Nacht, als wollten sie den Himmel in Brand stecken. Eine Viertelstunde später lief unser Zug in einen kleinen Vorortbahnhof ein. Wer an den Luken stand, rief den Stationsnamen den anderen zu: Auschwitz. 18 Jemand fragte:„ Sind wir angekommen?“ Ein anderer antwortete:„Ich glaube, ja.“ „Haben Sie den Namen Auschwitz schon mal gehört?“ „Nein, noch nie.“ Dieser Name erweckte keine Erinnerung und keine Angst. Der Geographie unkundig wähnten wir uns in einem kleinen friedlichen Ort in Schlesien. Noch wussten wir nicht, dass er durch seine Bevölkerung von mehreren Millionen Toten bereits in die Geschichte eingegangen war. Eine Minute später haben wir es erfahren. Die Wagentüren öffneten sich mit ohrenbetäubendem Ächzen, und eine Armee ehemaliger Gefangener begann zu schreien.„Endstation! Alles aussteigen!“ Als gewissenhafte Fremdenführer malten sie uns die Überraschungen aus, die uns erwarteten.„ Kennt ihr Auschwitz? Nein? Umso schlimmer, ihr werdet es kennen lernen.“ Sie grinsten höhnisch. „Ihr kennt Auschwitz nicht? Wirklich nicht? Es erwartet euch hier jemand. Wer? Der Tod. Der Tod wartet auf euch. Nur auf euch wartet er. Schaut nur, ihr könnt ihn sehen …“ Und sie zeigten uns das Feuer in der Ferne. Später, viele Jahre später, fragte ich einen Freund:„ Was waren deine ersten Eindrücke in Auschwitz?“ Finster antwortet er:„Ein Anblick von schrecklicher Schönheit.“ 19 Ich fand das weder schön noch erschreckend. Ich war jung und sträubte mich ganz einfach, meinen Augen und Ohren zu glauben. Ich sagte mir:„Unsere Führer machen sich über uns lustig, sie wollen uns zu ihrem Vergnügen Angst einjagen; wir leben mitten im zwanzigsten Jahrhundert, man verbrennt keine Juden mehr wie im Mittelalter, die zivilisierte Welt würde es nicht zulassen. Ich fragte meinen Vater, der mit hängendem Kopf neben mir ging:„Das Mittelalter ist doch hinter uns, nicht wahr Vater?“ Er antwortete nicht. Ich fragte ihn:„Ich träume, nicht wahr Vater, ich träume?“ Er antwortete nicht. Und wir zogen weiter, dem Unbekannten entgegen. Nelly Sachs, oft als die deutsche Dichterin des Judentums bezeichnet, findet für dieses Übermaß des Leids große symbolhafte Bilder: O die Schornsteine Auf den sinnreich erdachen Wohnungen des Todes, Als Israels Leib zog aufgelöst in Rauch Durch die Luft – Als Essenkehrer ihn ein Stern empfing Der schwarz wurde Oder war es ein Sonnenstrahl? O die Schornsteine Freiheitswege für Jeremias und Hiobs Staub – Wer erdachte euch und baute Stein auf Stein Den Weg für Flüchtlinge aus Rauch? 20 O die Wohnungen des Todes, Einladend hergerichtet Für den Wirt des Hauses, der sonst Gast war – O ihr Finger, Die Eingangsschwelle legend Wie ein Messer zwischen Leben und Tod – O ihr Schornsteine O ihr Finger, Und Israels Leib im Rauch durch die Luft! Martin Walser schreibt in seinem Artikel„Unser Auschwitz“: „Wer nicht ermordet wird, arbeitet bei Krupp oder bei den I.G., bis er daran stirbt oder auch ermordet wird“. I.G. ist IG-Farben, ein Zusammenschluss von Agfa, BASF, Bayer und Höchst. Die Tochtergesellschaft Degesch stellt das Ungeziefervernichtungsmittel Zyklon B her. Nach Gerhard Schönberner, Der gelbe Stern, schreibt Dr. Otto Ambros, Vorstandsmitglied der IG-Farben am 12.4.1941 an die Direktion nach Ludwigshafen: Anlässlich eines Abendessens, das uns die Leitung des Konzentrationslagers gab, haben wir weiterhin alle Maßnahmen festgelegt, welche die Einschaltung des wirklich hervorragenden Betriebes des KZ-Lagers zugunsten der Bunawerke betreffen. Und so wurde der„hervorragende Betrieb“ organisiert: z.B. W.V. – Hauptamt Amt D II – Oranienburg Betrifft: Abtransport von jüdischen Rüstungsarbeitern. 21 Am 5. und 7. März trafen folgende jüdische Häftlingstransporte ein: Transport aus Berlin, Eingang 5. März 43, Gesamtstärke 1128 Juden. Zum Arbeitseinsatz gelangen 389 Männer(Buna) und 96 Frauen. Sonderbehandelt wurden 151 Männer und 492 Frauen und Kinder. Transport aus Breslau, Eingang 5. März 43, Gesamtstärke 1405 Juden. Zum Arbeitseinsatz gelangten 406 Männer(Buna) und 190 Frauen. Sonderbehandelt wurden 125 Männer und 684 Frauen und Kinder. Transport aus Berlin, Eingang 7. März 43, Gesamtstärke 690 einschließlich 25 Schutzhäftlingen. Zum Einsatz gelangen 153 Männer und 25 Schutzhäftlinge(Buna) und 65 Frauen. Sonderbehandelt wurden 30 Männer und 417 Frauen und Kinder. Gez. Schwarz – Obersturmführer Was man unter Sonderbehandlung verstand, ist sehr deutlich aus der Aussage Victor Marblers(Majdanek) beim Internationalen Militärgericht in Nürnberg zu erkennen, wie in der Publikation Konzentrationslager Dokument F 321 nachzulesen ist: 22 Ich möchte jenen furchtbaren Tag, den nichts aus meinem Gedächtnis löschen kann, nicht mit Stillschweigen übergehen. Während der vier Vortage wurden die Juden des Konzentrationslagers dazu eingesetzt, Tag und Nacht Gräben in der Nähe des Krematoriums auszuheben, angeblich für eine Luftabwehrbatterie. An jenem Tage wurden die Bewachungsposten verdreifacht. Das Feld 5 und das Revier wurden geräumt. Alle Juden, Männer, Frauen und Kinder, aber auch Halbjuden, wurden zwischen zwei Reihen von der Gestapo auf das Feld 5 geführt. Ich war gerade beim Feld 5 und sie mussten an uns vorbeiziehen. Den ganzen Tag zogen sie im Laufschritt vorbei. Diejenigen, welche nicht folgen konnten, wurden auf der Stelle von der Gestapo niedergemacht. Man brachte die Juden von überall her, vom Gefängnis, von Lublin, von Pulawn, von Cholm, von Zamese usw. Auf dem Feld 5 angekommen, mussten die Unglücklichen sich ausziehen und wurden dann zu den Gräben gebracht. Sie mussten sich nebeneinander in die Gräben legen. Dann schossen der Sicherheitsdienst und die Gestapo mit ihren Maschinenpistolen. Andere mussten sich auf die Toten legen usw., bis der Graben voll war. Ebenso geschah es in einem anderen Graben. Um das Krachen der Maschinengewehre zu übertönen, verbreiteten mächtige Lautsprecher eine alles übertönende Musik. 18000 Juden fanden an jenem Tag den Tod. 23 Unter dem Aktentitel„Sonderbehandlung“ wurde ein Bericht nach Berlin gesandt. In dem Bericht heißt es wörtlich:„Der Unterschied zwischen der Zahl der Häftlinge vom Morgen und derjenigen des Abends beruht auf der Sonderbehandlung von 18 000 Personen“. 40% der Opfer des Holocaust wurden mit„archaischen“ Methoden getötet, also: Erschießen, Erschlagen usw. So wurden beim Russlandfeldzug in der Schlucht von Babi Jar bei Kiew am 29. und 30. September1941 33 771 Juden ermordet. In seinem„Plädoyer für die Toten“ mahnt Elie Wiesel: Grabt diese Toten ohne Begräbnis nicht aus. Laßt sie, wo sie für immer bleiben sollten, laßt sie, was sie für immer sein sollten: Wunden und unermesslicher Schmerz, selbst in eurem eigenen Innern. Freut euch, dass sie nicht erwachen und auf die Erde zurückkommen, um die Lebenden zu richten. An dem Tag, da sie euch sagen würden, was sie gesehen und gehört haben und was ihnen am Herzen liegt, sind alle Fluchtwege versperrt; ihr werdet euch die Ohren verstopfen vor lärmender Angst und brennender Scham. Ich verstehe, dass man die Geschichte sezieren will und den inständigen Wunsch hat, die Vergangenheit und die sie beherrschenden Kräfte einzukreisen: nichts ist natürlicher. Keine Frage ist für den Menschen unseres Zeitalters bedeutender als die Frage nach Auschwitz und Hiroschima – ich meine das Hiroschima von morgen. Die Zukunft erfüllt uns mit Angst, mit Scham die Vergangenheit, und beide Ereignisse und Gefühle sind eng 24 miteinander verknüpft wie die Ursache mit der Wirkung. Auschwitz wird die Ursache für das Hiroschima von morgen sein, und wenn das Menschengeschlecht durch die Atombombe ausgelöscht sein wird, so ist dies die Strafe für Auschwitz, wo in der Asche die Verheißungen des Menschen verglommen. Über die inneren Qualen der Häftlinge schreibt Viktor E. Frankl: (Aus: Trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager) Nicht den großen Greueln gilt diese Darstellung – jenen Greueln, die ohnehin schon vielfach geschildert wurden, sondern der Frage: Wie hat sich im Konzentrationslager der Alltag in der Seele des durchschnittlichen Häftlings gespiegelt. Der Außenstehende, so schreibt er, habe gewöhnlich ein falsches Bild von den Zuständen im Lager, wenn er sich das Lagerleben gleichsam sentimental vorstelle, da er vom harten Kampf ums Dasein nichts ahnt, der zwischen den Häftlingen tobt. Im Kampf um das tägliche Brot, um die Lebenserhaltung und Rettung, geht es nur allzu oft hart und schmerzlos zu. Unter den Lagerinsassen, die sich viele Jahre im Lager aufhielten, konnten sich im Durchschnitt nur jene erhalten, die im Lebenskampf skrupellos waren, und auch vor Gewalttätigkeiten, ja sogar nicht einmal vor Kameradendiebstahl zurückschreckten. Man könne ruhig sagen: die Besten sind nicht zurückgekommen. Dies deckt sich auch mit einer Aussage von Imre Kertesz, der sein Auschwitz-Leben folgendermaßen schildert: 25 Ich habe mein Schicksal akzeptiert. Ich bin, wenn Sie so wollen, mit Auschwitz und meinem Schicksal im Konzentrationslager identisch. Ich betrachte mich nicht einmal nur als Opfer. Um überleben zu können, musste man durch die Hölle gehen – und in der Hölle wird man schmutzig. Die Unschuldigen sind die, die gestorben sind. Aber einer, der das durchlebt hat, kann einfach nicht ganz ohne diese allgemeine menschliche Beschmutzung sein. Das muss man für sich akzeptieren. Doch zurück zum Psychologen Frankl: Zunächst trifft er eine grobe Einteilung, um die seelischen Reaktionen der Häftlinge auf das Lagerleben in drei Phasen zu unterscheiden: Die Phase der Aufnahme ins Lager, die Phase des eigentlichen Lagerlebens und die Phase nach der Entlassung beziehungsweise Befreiung aus dem Lager: Die Aufnahmephase, die man als Aufnahmeschock bezeichnen könnte, in dem der Häftling Schritt für Schritt in das große Grauen eingeführt wurde. Enge, Hunger, Brutalität, Gewalt, Angst vor dem jederzeit möglichen Tod. Illusionen zerrannen, Abgeschnittensein von der Außenwelt – nur noch das nackte Leben und dann – Neugier, ob ich mit dem Leben davonkommen werde oder nicht, distanzierte Stimmung fast kühler Neugier, die Stimmung des Zusehens und Zuwartens aus der sich die Seele zurückzieht und hinüberzuretten versucht. [...] Uns musste so recht ins Bewusstsein kommen, wie richtig der Satz von Dostojewski ist, in dem er den Menschen einmal geradezu definiert als das Wesen, das sich an alles gewöhnt. Und Lessing war es, der einmal 26 gesagt hat:„Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verliert, der hat keine zu verlieren.“ In einer abnormalen Situation ist eine abnormale Reaktion eben das normale Verhalten. Nach dem ersten Stadium des Schocks schlittert der Häftling in das zweite Stadium hinein, in das Stadium der relativen Apathie. Es kommt allmählich zu einem inneren Absterben, in sich Abtöten. Leidende, Kranke, Sterbende, Tote – all dies ist ein so geläufiger Anblick nach einigen Wochen Lagerleben, dass es nicht mehr rühren kann. Unempfindlich gegen das tägliche und stündliche Ge schlagenwerden. Diese Unempfindlichkeit ist eine höchst notwendige Panzerschicht, mit der sich die Seele des Häftlings beizeiten umgibt. Der Sexualbetrieb im Allgemeinen schweigt. Beim Lagerhäftling wirkt sich die primitive Triebhaftigkeit, das sich Konzentrierenmüssen auf die ständige in Frage gestellte simple Lebenserhaltung, in einer radikalen Entwertung alles dessen aus, was diesem exklusiven Interesse nicht dient. Daraus erklärt sich die absolute Unsentimentalität.[...] Die Liste ist das Wichtigste, der Mensch ist nur soweit wichtig, als er eine Häftlingsnummer hat, buchstäblich nur mehr eine Nummer darstellt. Tot oder lebendig – das gilt hier nicht mehr; das„Leben“ der„Nummer“ ist irrelevant. Der Verlust des Gefühls, überhaupt noch menschliches Subjekt zu sein, wird dadurch unterstützt, dass der 27 Mensch im Konzentrationslager sich nicht nur vollends als Objekt etwa der Willkür der Wachen erlebt, sondern auch so recht als Objekt des Schicksals, als dessen Spielball. Im Konzentrationslager erfuhren wir oft schon fünf oder zehn Minuten später, wozu etwas gut war, wie sehr man gerade den Tod gestreift hat. Es gab eine Minorität von Häftlingen, die sozusagen als Prominente galten; Capos und Köche, Magazinverwalter und„Lagerpolizisten“. Sie alle kompensierten das primitive Minderwertigkeitsgefühl; sie fühlten sich im Allgemeinen keineswegs deklassiert, wie die„Majorität“ der gewöhnlichen Häftlinge, sondern nachgerade – arriviert. Ja, sie entwickelten mitunter geradezu einen Caesarenwahn en miniature. Zwei Häftlinge sprechen miteinander:„Den da hab ich noch gekannt, wie er bloß Präsident des größten Bankhauses war; jetzt spielt er sich hier auf den Capo hinaus.“[...] Es gibt auf Erden zwei Menschenrassen, aber auch nur diese beiden: die Rasse der anständigen Menschen und die der unanständigen Menschen. Und beide„Rassen“ sind allgemein verbreitet: in alle Gruppen dringen sie ein und sickern sie durch; keine Gruppe besteht ausschließlich aus anständigen und ausschließlich aus unanständigen Menschen, in diesem Sinne ist also keine Gruppe rassenrein. Wir haben die Menschen kennengelernt, wie vielleicht bisher noch keine Generation. Was also ist der Mensch? Er ist das Wesen, das immer entscheidet, was es ist. Er 28 ist das Wesen, das die Gaskammern erfunden hat; aber zugleich ist er auch das Wesen, das in die Gaskammern gegangen ist, aufrecht und ein Gebet auf den Lippen. Adolf Eichmann, einer der Haupttäter dieser verbrecherischen Vorgänge, erinnert sich bei einem Verhör:„Ich habe mir die Sache mit der Vergasung nicht angesehen. Konnte ich nicht. Ich wäre wahrscheinlich aus den Latschen gekippt“. Und über Himmlers Auschwitz-Besuch wird von Hans Frankenthal in seinen Erinnerungen berichtet:„Bei der Inbetriebnahme des Krematoriums ist Himmler anwesend gewesen und hat der ersten Vergasung beigewohnt. Er hat durch diese Guckluke geguckt, und da ist ihm schlecht geworden. Er ist dann hinter die Gaskammer gegangen und hat sich erbrochen“. Lassen wir noch einmal den Psychologen Frankl zu Wort kommen: (Aus: Trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager, Kapitel„Die Entlassung“) „Diese Hand soll man mir abhauen, wenn ich sie nicht mit Blut beflecke an jenem Tag, an dem ich heimkomme …!“ Und ich will betonen: dieser Mann der das aussprach, war an sich kein übler Kerl und war immer, im Lager und nachher, der beste Kamerad gewesen. Neben der Deformation, die dem seelischen Druck plötzlich entlasteten Menschen droht, gibt es noch zwei weitere Grunderlebnisse, die ihn gefährden, schädigen und deformieren können: Die Verbitterung und die Enttäuschung des Menschen, der als freier in sein altes Leben zurückkehrt. 29 Wenn so ein Mensch heimkehrt und feststellen muss, dass man ihm hier und da mit nichts besserem als Achselzucken oder billigen Phrasen gegenübertritt, dann bemächtigt sich seiner nicht selten eine Verbitterung, die ihm die Frage aufdrängt, wozu er eigentlich alles erduldet hat. Wenn er fast überall nichts anderes vorgesetzt bekommt als die üblichen Redewendungen:„Wir haben von nichts gewusst …“ und„wir haben auch gelitten“, dann wird er sich fragen müssen, ob das wirklich alles ist, was man ihm zu sagen weiß … Der italienische Jude und Widerstandskämpfer Primo Levi, den man 1944 nach Auschwitz verschleppt hatte, spricht in seinen Erinnerungen in beinahe biblischem Ton: Ihr, die ihr sicher wohnt In euren gewärmten Häusern Ihr, die ihr bei der Heimkehr am Abend Warmes Essen findet und Freundesgesichter: Fragt, ob das ein Mann ist Der arbeitet im Schlamm: Der kennt keinen Frieden Der kämpft um ein Stück Brot. Der stirbt auf ein Ja, auf ein Nein hin. Fragt, ob das eine Frau ist: Kahlgeschoren und ohne Namen Ohne Kraft der Erinnerung mehr Leer die Augen und kalt der Schoß Wie eine Kröte im Winter Denkt, dass dieses gewesen: Diese Worte gebiete ich euch. 30 Ins Herz schärft sie euch ein. Wenn ihr im Haus seid oder hinausgeht, Wenn ihr euch niederlegt oder erhebt: Sprecht sie wieder und wieder zu euren Söhnen. Sonst sollen eure Häuser zerbersten, Krankheiten über euch kommen. Eure Nachgeborenen das Gesicht von euch wenden. (Sch´ma 10. Jan. 1946) Und der junge Roman Forster, der Auschwitz überlebte, schildert seine Empfindungen folgendermaßen: Ungefähr zwei oder drei Monate nach der Befreiung, als ich aus meinem Krankenbett heraus kroch, öffnete ich das Fenster und hatte verstanden, dass ich jetzt den zweiten Schritt machen muss, vom Fenster in die Welt. Aber ich hatte Angst. Es war nicht leicht für einen Jungen von 17 Jahren, in diese Welt zu gehen, ohne eigentlich zu wissen, was Leben ist. Das Schlimmste für mich war und ist, dass das Leben, das meine Eltern für mich geplant haben, nicht existierte. Ich musste ein ganz anderes Leben führen. Besser oder ärger, aber ganz anders. Im vollen Sinne des Wortes nicht mein eigenes … Das Schlimmste ist auch, dass die Nazis mich als Opfer zu Taten brachten, die ich als normaler Mensch nie im Leben getan hätte. Taten, die, auch wenn ich sage, im Herzen fühle ich mich unschuldig, objektiv, ganz objektiv, ziemlich schreckliche Taten waren. Und es ist nicht leicht durchs Leben zu gehen mit diesem Ballast 31 auf dem Rücken. Ich glaube, dass, auch wenn wir es nicht laut zugestehen, etwas von diesen Holokaustjahren tief in unseren Seelen eingeprägt bleibt. Theodor Adornos Ansicht, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, sei barbarisch, hat vieles in der Nachkriegsliteratur geprägt. Günter Anders jedoch setzt dem entgegen:„Nur durch Fictio kann das Factum, nur durch Einzelfälle das Unabzählbare deutlich und unvergessbar gemacht werden“. Durch diese Rechtfertigung der Holocaust-Literatur wird eine Voraussetzung aufgezeigt, die einen Einblick in das Unbegreifliche ermöglicht. Den noch taten sich Menschen, die sich durch Schreiben ausdrückten, ungeheuer schwer, sind gescheitert und verzweifelt. Paul Celan, der Dichter des wohl berühmtesten Holocaust-Gedichtes, der„Todesfuge“, konnte aus einem Arbeitslager in Rumänien fliehen, verlor jedoch Eltern und Familie im KZ. Er suchte 1970 den Freitod in der Seine. Sein Tod sollte ein Stachel wider das Vergessen bleiben. Im„Zeitgehöft“, einem Gedicht aus seinem Nachlass, ist zu lesen:„Du wirfst mir Ertrinkendem Gold nach. Vielleicht lässt ein Fisch sich bestechen“. Am Ende seiner berühmten„Todesfuge“ singt er uns: … der Tod ist ein Meister aus Deutschland Er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft Dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts 32 Wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland Wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken Der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau Er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau Ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete Er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft Er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus Deutschland Dein goldenes Haar Margarete Dein aschenes Haar Sulamith Celans Freundin und Kollegin Rose Ausländer konnte die Nachkriegszeit teilweise nur mit psychiatrischer Hilfe ertragen. Sie kamen Mit scharfen Fahnen und Pistolen Schossen alle Sterne und den Mond ab damit kein Licht uns bliebe damit kein Licht uns liebe Da begruben wir die Sonne Es war eine unendliche Sonnenfinsternis Und der 1922 in der Ukraine geborene Pole Tadeusz Borowski, der 1943 nach Auschwitz gebracht wurde, nahm sich, nachdem er in erschütternden Erzählungen das vielleicht nüchternste, un- 33 heimlichste und objektivste Zeugnis über das Lagerleben gab – im Alter von 28 Jahren das Leben. (Aus: Günter Kunert, Epigraph für Tadeusz Borowski) Wo er das ABC des Verreckens lernt Und des Übrigbleibens Alma Mater Auschwitz Die steinerne Welt In der die Herzen Granit werden Und die Menschen zu Asche. Auf der Innenseite der Lider Genaue Ätzungen von der Hölle Alltäglichkeit Bringt er nach Warschau zurück Und zeichnet sie auf. Achtundzwanzigjährig Am Ende der Geschichten Als die Steine um ihn nicht aufhören wollen Schießt er eine Kugel In seien mühsam geretteten Kopf. Doch behaupteten nach dem Krieg Hunderttausende plötzlich, während des Dritten Reiches Widerstand geleistet und ständig mit einem Bein im KZ gestanden zu haben, obwohl ihnen mit dem anderen bemerkenswerte Karrieren gelungen waren. Diese selbsternannten Widerstandskämpfer der Stunde Null wussten sich so eindrucksvoll darzustellen, dass sie im öffentlichen Bewusstsein den Widerstand jener weit in den Schatten stellten, die lange„weg vom Fenster gewesen waren“ und erst bei Kriegsende aus dem KZ, aus der Emigration oder aus dem Untergrund auftauchten. 34 So konnte der Mitverfasser und Kommentator der Nürnberger Rassengesetze Dr. Hans Globke trotz absoluter Mehrheit der CDU 1949 nicht Oberbürgermeister von Trier werden. Jedoch gelang es ihm, Staatssekretär und eigentlicher Leiter des Kanzleramtes unter Adenauer zu werden. Er trat bereits in den 50er Jahren in Kriegsverbrecherprozessen als„Sachverständiger in Widerstandsfragen“auf. Auf breiter Front bestätigten Nazis Nazis, keine Nazis gewesen zu sein, andere Nazis denunzierten ehemalige Mitarbeiter, um von der eigenen Verstrickung abzulenken, und die Kirche verteilte großzügig Persilscheine an kleine und große irrende Schäfchen, die zum wahren Glauben zurückgefunden hatten. Globke war keine NS-Größe, erst die Nachkriegszeit machte ihn zum Fall. Immerhin war er nach 1944 an der Regelung des Vermögens ermordeter Juden maßgeblich beteiligt. Ganz anders der Trierer Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums-Absolvent Klaus Barbie, der Schlächter von Lyon, der bekanntermaßen neben Verhören und Folterungen, die er gern selbst durchführte, mit Vorliebe Chopin spielte. Ihm wurden an die Tausend Morde nachgewiesen. Dennoch wirbt ihn 1945 der US-Geheimdienst als Agent an. Seine Vorgesetzten sind mit dem strengen Antikommunisten und Naziidealisten hoch zufrieden und charakterisieren ihn als„ehrenhaften Mann, absolut ohne Nerven und Angst“. 1947 wird er in Frankreich zum Tode verurteilt, doch die USA lehnt die Auslieferung ihres Agenten ab. Schließlich flieht Barbie mit Hilfe von Diplomaten des Vatikans über Italien nach Bolivien und wird Berater der dortigen Militärdiktatur. Er nennt sich – wie perfide – Klaus Altmann, nach dem Trierer Oberrabbiner. 1971 wird Barbie von den Nazijägern Beate und Serge Klarsfeld aufgespürt, erst 1983 ausgeliefert, 1987 verurteilt und starb 1991 in Haft in jenem Gefängnis in Lyon, in das er so viele Menschen gebracht hatte. 35 Auch Adolf Eichmann war es mit kirchlicher Hilfe gelungen, nach Argentinien zu fliehen, wo ihn der israelische Geheimdienst erst nach zehn Jahren aufspürte und entführte. Eine wichtige Rolle zwischen Kirche und Naziregime spielte der 1881 in Trier geborene Ludwig Kaas, Prälat seines Zeichens. Er war eine der bedeutendsten Persönlichkeiten im politischen Leben der Weimarer Republik. Sein Name bleibt verbunden mit der Zustimmung des Zentrums zum Ermächtigungsgesetz Hitlers 1933 und dem Abschluss des Konkordats zwischen dem Vatikan und dem Deutschen Reich. Er war Berater des päpstlichen Nuntius und späteren Papst Pius XII., seit 1928 sogar Vorsitzender der katholischen Zentrumspartei. 1933 schreibt er im Paulinus:„Woher Deutschland der Retter kommt, weiß Gott allein. Aber jeder von uns würde neidlos und dankbar sich dem Führertum dessen beugen, der durch wahre Größe gekennzeichnet und durch Leistungen beglaubigt – der Sehnsucht der Masse Erfüllung bringen würde“. Von einer Romreise 1933 kehrt er nicht mehr zurück. Seine Partei verliert plötzlich ihren Vorsitzenden, der seinen Rücktritt nicht einmal erklärte. In Rom wirkte er weiter als Freund und Berater des Papstes Pius XII., der in jener Zeit selbst keine allzu glückliche Figur machte. In Trier wurde Kaas nie mehr gesehen. Er starb 1952 in Rom. Hören wir noch einmal Günter Kunert: (Aus: Günter Kunert,„Über einige Davongekommene“) Als der Mensch Unter den Trümmern Seines Bombardierten Hauses Hervorgezogen wurde, 36 Schüttelte er sich Und sagte: Nie wieder. Jedenfalls nicht gleich. Auch nahtlose Karrieren Linientreuer waren möglich. Ich zitiere aus dem im Trierer Paulinus-Verlag herausgegebenen StattFührer über Wolfgang Reinholz – als„Beispiel“: 1912 geboren, 1932 Abitur, Jurastudium, wurde 1940 ins Reichssicherheitshauptamt(Himmler) nach Berlin einberufen, ab 1942 im Gruppenstab der Einsatzgruppe D, der allein 91 000 Menschen zum Opfer fielen, kom munistische Funktionäre, Juden sowie Sinti und Roma. Es wurden Männer, Frauen, Kinder und Greise erschossen, gehängt, vergast. 1942 wird der SS-Sturmbannführer(Major) stellvertretender Leiter des Einsatzkommandos 2 und leitet ab Herbst 1943 das Referat III A3 in Berlin, 1944 wird er Leiter des SD-Abschnitts Potsdam. Nach dem Krieg wird er Leiter des Beschwerdeausschusses des Lastenausgleichsamtes in Trier, 1956 Verwaltungsgerichtsrat in der Justizverwaltung. Fortan Richter bei der Trierer Kammer des Verwaltungsgerichtes Koblenz. 1976 geht er als Vorsitzender Richter am Verwaltungsgericht in Ruhestand. Simon Wiesenthal schildert sein Befinden nach dem Krieg: In den ersten Jahren nach der Befreiung konnte ich überhaupt nicht schlafen. Meine Gedanken waren immer wieder bei Leuten, die ich verloren habe. Ich hatte keine neuen Freundschaften geschlossen, ich hatte nur 37 Freundschaften mit ehemaligen KZ-Häftlingen. Die ganze Vergangenheit war vor mir lebendig, angefüllt mit Toten. Für mich war der Krieg nicht zu Ende, weil ich mir gesagt habe: Die alle leben unter der Erde, aber die, die sie dorthin gebracht haben, leben unangetastet, in allen Teilen der Welt. Es ist keine offene Wunde mehr, aber eine sichtbare Narbe, ich habe eine verwundete Seele, und ich weiß: diese Verwundung kann niemals heilen. Die werde ich, solange ich lebe, mit mir herumtragen. Zu den Opfern in Trier zählte auch Orli Torgau-Wald, die Tochter des Mitbegründers der Trierer Ortsgruppe der Kommunistischen Partei. Sie musste zuviel ertragen, um„normal“ weiterleben zu können. 1936 beginnt ihr Martyrium mit Folter und Schlägen in der Trierer Windstraße. Vier Jahre Einzelhaft im Frauenzuchthaus Ziegenhain, KZ Ravensbrück, ab 1942 Auschwitz, dort Lagerälteste im Krankenrevier, Fleckfieber, Tuberku lose, wird sie, halbverhungert, von russischen Soldaten vergewaltigt. Die kämpferische Frau war zum Pflegefall geworden, der sich das Grauen von der Seele schaffen will. Ihr Mann über sie:„Und nachts standen die Toten von Auschwitz wieder auf“. Der aufnehmende Arzt der psychiatrischen Klinik protokolliert: „Nach der Entlassung aus dem KZ Auschwitz Depressionszustände. Findet sich in der Welt nicht mehr zurecht. Keinen Glauben an die Menschheit mehr. Gefühl der Sinnlosigkeit des Lebens“. Sie stirbt 1962 infolge einer Übererregung, hervorgerufen durch die Berichterstattung über den in Israel stattfinden Eich mann-Prozess und eine Medikamentierung, die sie nicht mehr verträgt. 38 Nach dem Eichmann-Prozess 1961 und 1962 wurden 1965 in Frankfurt und Düsseldorf die Ereignisse in Auschwitz und Treblinka erneut untersucht, und das längste Verfahren der deutschen Justizgeschichte fand bis 1981 über die Vorfälle in Majdanek statt. Ulla Hahn über Hildegard L., Kommandanturstabsmitglied der SS in Majdanek: Sie sitzt auf der Anklagebank im Gerichtssaal und lässt nicht eine Masche fallen aus dem Strumpf für alle heilen Füße ihrer Enkel in Schaftstiefeln mussten diese L. nie sehen ihre Augen bei der Musterung von Kindern Greisen Kranken Frauen für den Tod hat sie gewissenhaft gesorgt wie für ihr eigenes Leben Sie lächelt still in sich Hinein elfhundertsechsundneunzig Mal Ein Mord in Majdanek. Auf der Anklagebank sitzt eine Frau und strickt. Orli Torgau-Walds Bruder, Willi Torgau, war Moorsoldat im KZ Esterwege bis 1934. Dort teilt er eine Zelle mit Carl von Ossietzky. Später zu sieben Jahren Zuchthaus wegen Vorbereitung eines „hochverräterischen Unternehmens“ verurteilt, ab 1943 Zwangsarbeit. Er musste erleben, dass seine KPD verboten und die Haft- 39 entschädigung gestrichen wird. 1981 beschmieren Neonazis sein Haus mit„KZ-Sau verrecke“, weil er sich gegen die Stationierung der US-Atomwaffen in der Bundesrepublik engagiert. Er ist ein Gründer des Fördervereins für eine Dokumentations- und Begegnungsstätte in Hinzert. Er stirbt 1999 87-jährig. Sein Parteifreund Hans Eiden, der mit ihm 1936 zu Zuchthaus verurteilt wurde, wird danach ohne Gerichtsurteil nach Buchenwald verschleppt und kann 1945 als Lagerältester viele Mithäftlinge retten. Er stirbt an den KZ-Spätfolgen schon 1950. Nach ihm wurde in der Stadt Weimar eine Schule benannt. Erst 1995 wird in Trier ein kleines Denkmal ihm zu Ehren enthüllt. Politische Gefangene, Homosexuelle, sonstige Unliebsame, aber vor allem Juden, und – Sinti und Roma, 200 000, für die es bis heute kaum eine Erinnerung gibt. Inge Buck in Deutschen Gedichte über Polen über eine Auschwitz-Überlebende: Ich habe alles gesehen sagte sie zu mir und ihr Blick erdunkelt sich Sie blickt dorthin wohin ich ihr nicht folgen kann Ich sehe nur auf ihrem Unterarm die eintätowierte Nummer Kommen wir noch einmal zur Situation der jüdischen Mitbürger in Trier. Der Oberrabbiner der 800 Juden, die in Trier lebten, war 40 Adolf Altmann, ein Schriftsteller und Historiker, der sich mit dem Heimatrecht der Juden in Deutschland befasste und der mit Bischof Bornewasser befreundet war. Dennoch musste er mit seiner Familie 1938 die Stadt verlassen. Sie fliehen nach Holland, werden 1943 gefangen genommen und nach Theresienstadt und Auschwitz verschleppt. Altmann stirbt nach wenigen Wochen. Frau, Sohn, Tochter und Schwiegersohn werden 1944 in der Gaskammer umgebracht. Nach Beginn der nationalsozialistischen Machtübernahme in Trier wurde es auch für die„Jüdin, bekennende Lesbe, Sozialdemokratin, Feministin, Europäerin und Intellektuelle“ Gertrud Schloß unmöglich zu bleiben. Über Frankfurt, wo sie unter dem Namen Mary Eck-Troll lebt, flieht sie nach Luxemburg, wird je doch nach Lodz deportiert und 1942 im KZ Chelmno – wahrscheinlich in einem als Rotkreuzwagen getarnten Gaswagen – ermordet. Die Katholische und die Evangelische Kirche haben sich in keiner Weise zur Verfolgung von Juden, Sinti oder Andersdenkenden geäußert. Nur die kleine Evangelisch Bekennende Gemeinde und hier besonders ihr Pfarrer Klaus Lohmann hat es gewagt, diese Verbrechen anzuprangern. Auch Schwester Miriam Michaelis vom Trierer Mutterhaus wurde zusammen mit ihrer leiblichen Schwester Rosa und Edith Stein in den Gaskammern von Auschwitz ermordet. Deportiert wurden die Sintifamilien Pfeil und Reinhard, die jüdischen Familien Bernheim, Ermann, Kahn, Meyer, Reinhard, Schneider, Wolff und andere. Aus der Stadt Trier wurden 323 Juden deportiert, nur 14 kehrten zurück. Auf eines dieser Schicksale möchte ich genauer eingehen, da hier eine ausführlichere Schilderung vorliegt als bei vergleichbaren Fällen, und somit für mich sich die Frage deutlicher stellt: Wie 41 mag dieser Mensch seine Umwelt nach der Rückkehr empfunden haben? Ich spreche von Erich Süßkind, der nach dem Krieg bis 1987 in Trier lebte, ein Schuhgeschäft in der Saarstrasse führte und vielen noch in guter Erinnerung ist. Bis 1943 hatte er sich mit seiner Frau und seinem damals 12jährigen Sohn durch die Verfolgungen des Dritten Reiches hindurchgekämpft. Nach der Kristallnacht durfte er sein Geschäft nicht mehr führen, und musste Zwangsarbeit im Drainagebau bei Hillesheim, im Straßenbau bei der Firma Wenner in Trier, im Steinbruch bei Neuhaus und bei Gleisarbeiten der Reichsbahn leisten. Am 1. März 1943 wurde er mit Frau und Sohn nach Auschwitz gebracht. Hier an der Rampe sah er beide zum letzten Mal. Süßkind wurde dem IG-Farbenwerk, das den Kunstkautschuk Buna herstellte, zugeteilt und musste grauenvolle Dinge mit ansehen. Er selbst entging einige Male durch Schicksal und Glück dem Tod, wird 1945 mit einem Todesmarsch im Winter nach Gleiwitz getrieben, bei dem 4000 Menschen umkamen, wird von da nach Buchenwald transportiert, beim Drainagebau im württembergischen Bissingen eingesetzt, wieder transportiert und auf freier Strecke stehen gelassen. So wurden die Häftlinge von den Amerikanern gefunden. Süßkind wog nur noch 35 Kilo. Trotz allem, was er erlebt hatte, – neben Frau und Sohn sind seine Eltern, zwei Brüder, zwei Schwestern mit ihren Männern und Kindern, zwei Schwäger von Seiten seiner Frau her, eine Schwägerin und fünf Kinder teilweise in Auschwitz, andere in Litzmannstadt und im Warschauer Ghetto ermordet worden – kehrt er nach Trier zurück. Um den Umgang mit den Schatten der Vergangenheit auch nur andeutungsweise anzusprechen, möchte ich einen Brief des groß- 42 en Tagebuchschreibers Victor Klemperer an Hans Hirche vom 6. Januar 1947 vorstellen, der nur gelinde die Umstände erahnen lässt, denen Menschen wie Süßkind auch in Trier ausgesetzt gewesen sein mögen: Lieber Herr Major Hans Hirche – Ihr freundliches Schreiben vom 8. Dezember 46 kam gestern in unsere Hände; es hat uns beide einigermaßen erschüttert, und so will ich es Ihnen mit aller Offenheit beantworten. Zuerst: wenn ich vor längerer Zeit Ihrer Frau Mutter ablehnend antwortete, so muss ich das tun, wenn ich ihr nicht unerfüllbare Hoffnungen erwecken wollte. Denn zwischen ihren Zeilen stand(was einer Mutter natürlich nicht zu verdenken) mit vollkommener Deutlichkeit: Du hast unserm Sohn einmal ein sehr warmherziges Zeugnis ausgeschrieben, als er in die Reichswehr eintreten wollte – hilf ihm jetzt mit einem ähnlichen Zeugnis! Aber weil ich einen sehr kleinen Hansel Hirche und danach einen sehr tüchtigen Abiturienten Hirche gekannt habe, der als Offiziersaspirant in die unbeschol tene Reichswehr der Republik eingetreten war, so langte das doch unmöglich zu, um 20 Jahre später einen hohen Offizier im Generalstab der Hitlerarmee irgendwie zu verteidigen, nachdem ich all diese 20 Jahre von seiner Entwicklung nichts, von der des Heeres aber und all den staatlichen Einrichtungen, die es stützte, Jahr für Jahr Böses erfahren hatte.[…] Sie und all die anderen mussten wissen, welchen wahnsinnigen Verbrechern Sie dienten, welchen unausdenkbaren Greuel Sie durch Ihre Diensttreue in Schutz nahmen und ermöglichten. Ich spreche nur zum kleinen 43 Teil aus persönlicher Verbitterung. Meine Frau und ich haben viel gelitten: Schläge, Fußtritte, Bespuckungen, Hunger, ständige Todesgefahr; für mich selber kamen Zwangsarbeit als Straßenkehrer und in Fabriken hinzu, Verhaftungen, Einzelzelle; zuletzt sind wir nur durch ein Wunder und die unerschütterliche Tapferkeit meiner Frau der sicheren Vernichtung entgangen – die Dresdner Katastrophe hat mich gerettet, man musste uns für begraben unter dem zusammengebrochenen Hause halten, und so konnten wir fliehen –, aber dies alles ist ein Nichts all den Entsetzlichkeiten gegenüber, die wir jahrelang tagaus tagein in nächster Nähe erlebten, all den Bestialitäten gegenüber, die einen falschen Namen tragen, denn keine Bestie ist solcher Grausamkeit fähig, kein Tier verhält sich auch nur annähernd so, wie es die Gestapo – und SS-Leute in Offiziersrang und Uniform! – dauernd taten. Ich spreche dabei gar nicht von den sozusagen Parademorden, die in Nürnberg etc. abgeurteilt werden, sondern bloß von den ganz üblichen Alltagsscheußlichkeiten. Was haben wir mit unseren eigenen Augen mitten im kultivierten Dresden(noch nicht einmal in Polen, nein hier) angesehen, was haben wir rings um uns sterben sehen! Wir sind sehr einsam geworden, die meisten derer, mit denen wir früher in Verbindung waren, sind tot, ganz selten taucht einer unvermutet aus dem furchtbaren Leichenhaufen auf. Wir selber haben nichts gerettet als eine zerrüttete Gesundheit und den leidenschaftlichen Willen, den Rest unseres Lebens daran zu setzen, dass es in Deutschland noch einmal menschlich werde. Sie und so viele mit Ihnen sagen immer wieder: wir sind schuldlos, wir haben es nicht gewusst. Aber hat 44 denn nicht einer von Ihnen den Hitler-Kampf gelesen, wo doch alles nachher Ausgeführte mit schamloser Offenheit vorher geplant ist? Und haben denn all diese Morde, all diese Verbrechen, wohin man auch den Blick wandte, nur uns – ich meine jetzt keineswegs nur die Juden, sondern alle Verfolgten – offengelegen? Sie selber schreiben:„jeder Weg führt nach Moabit“; wie kann man da im gleichen Atem sagen: mein Gewissen ist rein? Das Gewissen hätte, falls man es ernst damit nimmt, bei Ihnen und bei Millionen anderen – ich nehme das Volk, ich nehme den gemeinen Soldaten aus, aber nicht die Intelligenz, nicht die Heeresführung – zur Dienstverweigerung führen müssen. Sie werden mir sagen, das wäre auf den sicheren Tod hinausgelaufen. Vielleicht – aber dann war es eben wirklich ein Tod auf dem Felde der Ehre und ein Tod mit reinem Gewissen. Sie halten dem entgegen, Sie und Ihre Kameraden hätten gehofft, durch aushalten auf Ihren Posten den Wahnsinn des Regimes mildern zu können. Aber es musste doch längst vor dem 20. Juli offenbar sein, dass sich da nichts mehr mildern ließ – und nach dem 20. Juli hat man den Wahnsinn noch fast ein ganzes Jahr weitergeführt. Nein, wenn ich die Dinge rein sachlich sehe, kann ich nirgends volle Schuldlosigkeit anerkennen. Auf der anderen Seite weiß ich natürlich, in welch grausamer Zwangslage der Einzelne war: es ging nicht nur um sein Leben, sondern auch um das der Angehörigen, und jeder sagte sich, er sei hilflos, und er würde sich und die seinen umsonst opfern. Ich will mich also in Ihrer Sache nicht zum Richter aufwerfen. Wir haben beide, meine Frau und ich, immer Sympathien für Sie gehabt und Ihnen nie Böses zuge- 45 traut. Wir sind auch überzeugt, dass Sie sehr ehrlich am Neuaufbau Deutschlands mitarbeiten würden, und dass Sie Ihrer Bildung und Ihren Fähigkeiten nach sehr vieles dazu beisteuern könnten.[…] Sie können mirs glauben: ihnen nicht zu schreiben oder den Brief mit ein paar nichts sagenden Worten zu füllen, wäre einfacher und angenehmer gewesen. Noch dies, Sie schreiben, Sie kämen nicht mit einer Bitte um Hilfe zu mir. Dazu möchte ich noch bemerken, dass es beim allerbesten Willen nicht in meiner Macht läge, Ihnen im Geringsten zu Hilfe zu kommen. Aber wie gesagt: einen günstige Wendung Ihres Schicksals wünschen wir Ihnen beide von Herzen. Ihr V. Klemperer Zu Beginn der Besatzungszeit waren das Verbot der Anfreundung mit der deutschen Bevölkerung, die umfassenden Pläne zur Entnazifizierung und das Verhalten der gerichtlichen Verfolgung der an den Verbrechen des Regimes Beteiligten der Status, der allerdings nicht lange währte. Die Politik der Nichtanfreundung wurde nicht nur durch die Anziehungskraft der deutschen„Fräuleins“ entwertet. Der Plan einer umfassenden Säuberung der deutschen Gesellschaft wurde in erster Linie durch den Bedarf der Besatzer an erfahrenen Verwaltungskräften durchkreuzt, von denen viele Nationalsozialisten gewesen waren. Wen die Strafverfolgung traf und wen nicht, wurde dadurch, dass zahllose Deutsche an den Verbrechen der Nationalsozialisten mitgewirkt hatten, beinahe zufällig. In erster Linie aber war es der sich rasch zuspitzende Konflikt mit der UdSSR, der zu einer Wende der amerikanischen Politik 46 gegenüber Deutschland führte. Der Eroberer begann den kurz zuvor Eroberten zu umwerben und sagte faktisch:„Alles ist vergeben“, denn es wurde immer klarer, dass die amerikanische Regierung den Grundstock für die Wiederbewaffnung Deutschlands legte und die deutschen Eliten als Preis für ihre Mitwirkung am Kreuzzug gegen die Sowjetunion forderten, dass die nationalsozialistische Vergangenheit in den Mülleimer der Geschichte wanderte. Es wollten etwa 12 000 Juden in Deutschland bleiben und zwar nicht nur wegen Krankheit und Erschöpfung. Manche hatten neue Existenzen gegründet oder sich verheiratet. Erich Süßkind zum Beispiel heiratete die aus dem KZ Theresienstadt zurückgekehrte Betty Meyer(1951 bekamen sie einen Sohn). Aber bei den Deutschen stießen die überlebenden Juden auf Ressentiments und Abneigung – sie fühlten sich an ihre verdrängte Schuld erinnert. Das äußerte sich immer wieder in antisemitischen Vorfällen. In seinem Vortrag„Zwischen Antisemitismus und Philosemitismus“ schilderte Wolfgang Benz im Jahre 2000: Antisemitismus darf in der Bundesrepublik nicht öffentlich artikuliert werden, das gehört zu den Gesetzen der politischen Kultur nach Auschwitz. Wer dieses Tabu bricht, verliert Amt und Ansehen, jedenfalls unmittelbar nach dem jeweiligen Vorkommen.[...] Ohne Sanktionen bleibt es jedoch in der Regel, wenn antisemitische oder fremdenfeindliche Vorurteile in weniger spektakulären Rahmen, vor kleinerer Öffentlichkeit, im Umfeld von Vereinen, am Stammtisch, beim alltäglichen sozialen Kontakt, artikuliert werden. 47 1992 hielt zum Beispiel Pater Basilius Streithofen, ein wortgewaltiger und streitbarer Dominikaner, der dem früheren Bundeskanzler Kohl nahe steht, einen Vortrag, in dem er äußerte, Juden und Polen seien die größten Ausbeuter des deutschen Steuerzahlers. – Es müsse einmal Schluss mit der Vergangenheitsbewältigung sein. 1993 stellte der Osnabrücker Staatsanwalt das Verfahren gegen Streithofen ein, da es sich nicht um Volksverhetzung handele, da die Strafbestimmung nur den„inländischen Teil der Bevölkerung“ betreffe. Im selben Jahr wurde im Deutschlandfunk, einer öffentlich-rechtlichen Anstalt, ein Kommentar ausgestrahlt, der eine Art Abrechung mit jüdischer Vergangenheitsbewältigung versuchte. Auf jüdischer Seite, so war zu hören, fin de man bei der Betrachtung und Wertung des Holocaust, „oft, zu oft, grobe Verzerrrungen der Sicht, vorschnelle Vorurteile der Einordnung zu Tatsachen, Blindheit für Zusammenhänge“. Auch Nichtjuden hätten unter Hitler gelitten, seien gequält und ermordet worden.[...] Wo bleibt die jüdische Auseinandersetzung mit dem Marxismus und mit den verheerenden Folgen der marxistisch-leninistischen Diktaturen? Spätestens jetzt, nach ihrem Zusammenbruch, wäre es an der Zeit, sich mit ihrer Brutalität und Menschenverachtung kritisch zu beschäftigen, auch selbstkritisch: Eine große Zahl von Juden waren Mittäter. Das Wohlverhalten Jüdischer Gemeinden in dem Unrechtsstaat DDR wäre zum Beispiel einer genauen Analyse wert. Bezeichnend ist die milde Beurteilung der jüdischen Schriftsteller Stefan Heym und Anna Seghers, nur um zwei markante zu nennen. Beide sind be- 48 ziehungsweise waren treue Anhänger der DDR-Diktatur. Der eigene Ruhm war ihnen wichtiger als die Menschlichkeit.[...] 1998 kam eine Forsa-Umfrage zum Ergebnis, jeder fünfte Deutsche sei latent antisemitisch. Die traditionellen Versionen des Vorurteils haben den bei den Juden schon immer vermuteten besonders ausgeprägten Geschäftssinn zum Gegenstand oder die alttestamentarische Rachsucht. Andere Diffamierungen unterstellen Ambitionen auf Weltherrschaft, symbolisiert im„internationalen Finanzjudentum“, wenn nicht gar in der Jüdischen Weltverschwörung. Deutsche Juden oder jüdische Deutsche hingegen sehen sich oft in einem Rechtfertigungszwang, die eigene Existenz in Deutschland vor sich selbst, aber auch gegenüber der Welt politisch, kulturell und sozial zu legitimieren. Günther Bernd Ginzel sammelt in seinem Buch Der Anfang nach dem Ende wichtige Einschätzungen zum heutigen Verhältnis zwischen Juden und Deutschen. Der Publizist Rafael Seligmann, der sich demonstrativ als deutscher Jude begreift und mit einigem Sendungsbewusstsein Integration propagiert, ist sich der Schwierigkeiten solcher Existenz bewusst:„Wir geben die Musterjuden. Wir sind das Alibi der geläuterten deutschen Gesellschaft nach Hitler. Wir sehnen uns vermeintlich nach Normalität. Tatsächlich aber sind wir süchtig nach einem neurotisierenden Leben als Juden in Deutschland. Die Deutschen wiederum schätzen uns als Exoten des Grauens“. Salomon Korn, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Frankfurt verdeutlicht es präzise:„Nach dem, was geschehen ist, ist es 49 durchaus normal, dass wir heute noch nicht normal miteinander umgehen“. Der Regisseur Benjamin Korn schreibt in seinem Essay„Die Menschen sind Maschinen des Vergessens“: Nicht nur, weil die Erinnerung versagt, und alle, die das Grauen an der eigenen Haut erlebten, sterben – sondern weil Aggressionen unser Erbteil sind. Die Erinnerung wird nicht nur individuell, sie wird kollektiv abgesessen. Zuletzt macht sie einen fuchsteufelswild wie stinkendes Aas, und man entledigt sich ihrer. Aus dem edlen Nachkriegswort Pazifismus wird allent halben in Europa ein Schimpfwort, das nichts mehr mit Courage und alles mit Feigheit zu tun hat, wir wollen normal sein wie alle anderen Völker auch und wollen Soldaten, die man nicht Mörder nennen soll, für gerechte Kriege, die wir finden werden. Früher las man an Häuserwänden und Mauern: Nie wieder Krieg. Das Vergessen ist nicht der zerstreute Bruder des Verbrechens, der eine lässliche Sünde begeht. Das Vergessen gehört zum Verbrechen wie das Abwaschen des Blutes zur Mordtat. Das Vergessen bereitet das nächste Verbrechen vor. Der New Yorker Fundraiser und ehemalige Auschwitzhäftling Ernest W. Michel sagt in Martin Doerrys Interview-Sammlung „Nirgendwo und überall zu Haus“: 50 Im 20. Jahrhundert sind etwa 170 Millionen Menschen durch Genozide umgekommen. Und es nimmt kein Ende. Ob in Ruanda oder im Sudan, in Darfur. Und immer schauen die Politiker nur zu. Das dürfen wir nicht zulassen.[...] Der iranische Präsident hat schon mehrfach erklärt, Israel müsse von der Landkarte getilgt werden. Es geht immer mit Worten los. Hitler hat auch erst nur geredet. Sie sehen, die Menschen sind einfach nicht vernünftig. Sie hassen. George Steiner schreibt in der von G. B. Ginzel herausgegebenen Sammlung Der Anfang nach dem Ende: Wir Spätgeborenen wissen, was immer die Nachrichten bringen, so könnte es sein. Welches Massaker, welche Folter auch immer … so könnte es sein. Wir haben nicht mehr die psychologische Blindheit, aufgrund deren viele anständige Menschen sagten: Das kann nicht sein … das ist jenseits menschlicher Vorstellungskraft. Wir haben keine derartigen Entschuldigungen mehr. All diesem möchte ich anfügen: Nichts ist wieder gut zu machen. Das Einzige, was wir tun können ist: versuchen, zu verstehen – und nicht zu vergessen. 51 Verzeichnis der benutzten Literatur: Der Anfang nach dem Ende. Jüdisches Leben in Deutschland 1945 bis heute, hrsg. von Günther Bernd Ginzel. Düsseldorf 1996 Friedemann Bedürftig, Drittes Reich und Zweiter Weltkrieg. München 2002 Wolfgang Benz, Der Holocaust. München 1995 Ders.(Hrsg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus. München 1997 Edgar Christoffel, Der Weg durch die Nacht. Verfolgung und Widerstand im Trierer Land während der Zeit des Nationalsozialismus. Trier 1983 Esther Dischereit, Übungen, jüdisch zu sein. Aufsätze. Frankfurt a. M. 1998 Martin Doerry,„Nirgendwo und überall zu Haus“. Gespräche mit Überlebenden des Holocaust. München 2006 Sem Dresden, Holocaust und Literatur. Essay. Aus dem Niederländischen übersetzt. Frankfurt a. M.: Jüdischer Verlag, 1997 Das Eichmann-Protokoll. Tonbandaufzeichnungen der israelischen Verhöre, hrsg. von Jochen von Lang. München 2001 Hans Frankenthal, Verweigerte Rückkehr – Erfahrungen nach dem Judenmord. Frankfurt a. M. 1999 Viktor E. Frankl, …trotzdem ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. 28. Auflage München 2007 52 Der Führer: das Weihnachtsbuch der deutschen Jugend, hrsg. von Eberhard Wolfgang Moeller und Baldur von Schirach. München: Zentralverlag der NSDAP, 1938 Elfi Hartenstein(Hrsg.), Deutsche Gedichte über Polen. 2. Aufla ge Frankfurt a. M. 1995 Harald Hartung(Hrsg.), Jahrhundertgedächtnis. Deutsche Lyrik im 20. Jahrhundert. Stuttgart 1998 Victor Klemperer, Und so ist alles schwankend. Tagebücher Juni bis Dezember 1945. Berlin 1995 Guido Knopp, Holokaust. München 2001 Konzentrationslager Dokument F 321 für den Internationalen Militärgerichtshof Nürnberg, hrsg. vom Französischen Büro des Informationsdienstes über Kriegsverbrechen. Frankfurt a. M. 1988 Benjamin Korn, Kunst, Macht und Moral. Essays. Frankfurt a. M. 1998 Primo Levi, Ist das ein Mensch? Frankfurt a. M. 1961 Peter Novick, Nach dem Holocaust. Der Umgang mit dem Massenmord. München 2003 Ein Panorama europäischen Geistes, hrsg. von Ludwig Marcuse. Zürich 1977 Léon Poliakov/Joseph Wulf(Hrsg.), Das Dritte Reich und seine Denker. Frankfurt a. M. 1983 Gerhard Schönberner, Der gelbe Stern. Die Judenverfolgung in Europa 1933-1945. München 1978 StattFührer. Trier im Nationalsozialismus, hg. von Thomas Zuche. Trier: Paulinus-Verlag, 2005 53 Klaus Stiebert, Vom Baum des Lesens. Autorenporträts vom Mittelalter bis zur Neuzeit. Leipzig 1996 Martin Walser,„Unser Auschwitz“, in: Frankfurter Abendpost, März 1965 Elie Wiesel,„Plädoyer für die Toten“, in: ders., Gesang der Toten. München 1968 54 55 Reihe Politik und Geschichte im Karl-Marx-Haus Heft 1: Stephan Malinowski, Vom König zum Führer, Zum Verhältnis von Adel und Nationalsozialismus, Trier 2004(23 S.) Heft 2: Karl Marx – Neue Perspektiven auf sein Werk, Trier 2005,(64 S.) Heft 3: Rainer Hudemann, Mariannes und Michels Erbfreundschaft? Deutschland und Frankreich seit 1945, Trier 2005(32 S.) Heft 4: Neueröffnung des Karl-Marx-Hauses Trier, 9. Juni 2005, Viehmarktthermen Trier, Trier 2005(40 S.) Heft 5: Christoph Henning, Narrative der Globalisierung. Zur Marxrenaissance in Globalismus und Globalisierungskritik, Trier 2006,(44 S.) Heft 6: Matthias Küntzel, Islamismus und Nationalsozialismus. Gibt es einen Zusammenhang?, Trier 2006(23 S.) Heft 7: Hartmut Soell, Herbert Wehner – Ein Leben in den Krisen des 20. Jahrhunderts, Trier 2006(36 S.) Heft 8: Beatrix Bouvier, Zur Sozial- und Kulturgeschichte des Fußballs, Trier 2006(200 S.) Heft 9: Jan-Christoph Hauschild,„Das Wunder Heine“, Trier 2007(31 S.) Heft 10: Frank Bajohr,„Unser Hotel ist judenfrei“. Alltagsantisemitismus in Bade- und Kurorten im 19. und 20. Jahrhundert, Trier 2007(27 S.) 56 Heft 11: Adolf Kimmel, Frankreich nach den Wahlen, Welcher Wandel? Welcher Aufbruch?, Trier 2007(36 S.) Heft 12: Beatrix Bouvier, Hier waren wir. Spuren jüdischen Lebens in Polen und der Ukraine, Trier 2008(23 S.) Heft 13: Jan-Christoph Hauschild,“Das einzig Sinnvolle in diesem Jahrhundert ist das Scheitern” Heiner Müller(1929-1995), Trier 2008(40 S.) Alle Hefte sind im Volltext im Internet abrufbar unter http://library.fes.de/history/gpg-kmh.html Das Geburtshaus von Karl Marx(1818-1883) gehört zu den besonderen Sehenswürdigkeiten der Stadt Trier. Das von der Friedrich-Ebert-Stiftung getragene barocke Bürgerhaus präsentiert eine Dauerausstellung zu Leben, Werk und Wirkung von Karl Marx und Friedrich Engels. Im nahegelegenen Studienzentrum steht zusätzlich eine große Spezialbibliothek zur Verfügung. www.fes.de/karl-marx-haus ISSN 1860-8280 ISBN 13: 978-3-89892-967-7