Das gedruckte Gedächtnis der Arbeiterbewegung bewahren: Die Geschichte der Bibliotheken der deutschen Sozialdemokratie Rüdiger Zimmermann Das gedruckte Gedächtnis der Arbeiterbewegung bewahren: Die Geschichte der Bibliotheken der deutschen Sozialdemokratie 3. erweiterte Auflage Veröffentlichungen der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung Bd. 11 Bonn 2008 Herausgegeben von der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung Umschlag: Pellens Kommunikationsdesign GmbH, Bonn Printed in Germany 2008 ISSN 1432-7449 ISBN 978-3-89892-952-3 5 Vorwort Diese Broschüre erhellt die Entwicklung und wechselvolle Vorgeschichte der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung, Gründung und Wachsen in Kaiserreich und Weimarer Republik, Verkauf und Verluste zur Zeit des Nationalsozialismus, die Neugründung als Parteieinricht­ung nach 1945 und schließlich die Umgründung als quasi öffentlich-rechtliche Einrichtung der Friedrich-Ebert-Stiftung mit enormen Zuwachsraten seit 1969. Diese Studie führt so ein in den größeren historischen Kontext der Dienstleistungsbereiche des Historischen Forschungs­ zentrums – Dienstleistung nicht nur für die übrige Friedrich-Ebert-Stiftung, sondern ebenso für die Scientific Community innerhalb und außerhalb der Hochschulen und Universitäten sowie allgemein für historisch-politisch Interessierte. Entstanden im Anschluss an einen Appell von August Bebel, ist die Bibliothek Ende des 19. Jahrhunderts im engen Verbund mit dem Archiv der SPD, so dass bei der Bezeichnung der Gesamteinrichtung innerhalb der Partei durchaus eine semantische Unklarheit vorherrschte. Erst unter der Ägide der Friedrich-Ebert-Stiftung führten sprunghafte Wachstumsprozesse zu einer organisatorischen Trennung und zu einem zunehmenden Eigenleben beider Bereiche. Dem entspricht die Herangehensweise der vorliegenden Broschüre, die sich auf die Entwick­lung der Bibliothek konzentriert, um die fachspezifischen Eigenheiten deutlicher heraus­arbeiten zu können. Daher sei für die„Schwestereinrichtung“ verwiesen auf die fast zeitgleich erschienene Broschüre von Mario Bungert„Zu retten, was sonst unwiederbringlich verloren geht‘. Die Archive der deutschen Sozialdemokratie und ihre Geschichte“(Bonn 2002). Nachdem jahrzehntelang Archive und Bibliotheken einen unterschiedlichen Weg gegangen sind und verschiedene fachwissenschaftliche Zugänge bei der Sicherung, Pflege und Präsen­ tation ungedruckten bzw. gedruckten Materials verfolgt haben, wird der Einsatz von EDV sie in Zukunft stärker aneinanderrücken. Wenn etwa Korrespondenzen digital als E-Mail ver­schickt und ganze Bibliotheken auch oder gar ausschließlich als„Digitale Bibliotheken“ erscheinen, wird die Schnittmenge in der Tätigkeit von Archiven und Bibliotheken bei der Bewahrung die ser geistigen Erzeugnisse demnächst erheblich wachsen, ohne die Spezifika allerdings jemals ganz zu verdrängen. Diesen Prozess als Folge der Modernisierung zu beschreiben und zu ana lysieren, soll einer späteren Broschüre aus dem Historischen Forschungszentrum der FriedrichEbert-Stiftung vorbehalten bleiben. Bei der vorliegenden Broschüre handelt es sich um die 3. überarbeitete Auflage der erstmals 2001 erschienenen Publikation. Im historischen Teil des Textes wurden neuere Forschungsergebnisse über den Verbleib der SPD-Bibliothek nach 1945 eingearbeitet. Die aktuellen Passagen wurden um die jüngsten Entwicklungen im Bereich Bestandsaufbau, Vernetzung und digitale Dienstleistungsangebote erweitert. Bonn, im April 2008 Prof. Dr. Michael Schneider Leiter des Historischen Forschungszentrums der Friedrich-Ebert-Stiftung 7 Das gedruckte Gedächtnis der Arbeiterbewegung bewahren: Die Geschichte der Bibliotheken der deutschen Sozialdemokratie In den folgenden Kapiteln soll die Geschichte der sozialdemokratischen Parteibibliothek dokumentiert werden, ihre Entstehung und ihr Wachstum unter dem Sozialistengesetz in Zürich, ihre Überführung nach London und Berlin, ihr Aufbau und ihre Erschließung in der Weimarer Republik, die Zerstreuung der Bücher während Nationalsozialismus und Krieg und ihr Wie deraufbau im Nachkriegsdeutschland. Zum Abschluss sollen die Übergabe der Bestände an die Friedrich-Ebert-Stiftung skizziert und der Aufschwung zu einer der größten historisch-sozialwissenschaftlichen Spezialbibliotheken knapp dokumentiert werden. 1 Lange Jahre ist die Bibliothek Teil des„Parteiarchivs“ 2 gewesen, so dass man fragen könnte, warum die„Geschichte der Bücher“ hier separat untersucht werden soll. Genügt es nicht, die Bibliothek als Teil der Geschichte des„Parteiarchivs“ zu betrachten? Die Antwort fällt leicht. Private und öffentliche Bibliotheken, ihr Funktions- und Strukturwandel im 19. und 20. Jahr­ hundert, sind seit langem Objekt zahlreicher fachwissenschaftlicher Detailstudien und„über­ greifender kultur- und sozialwissenschaftlicher Untersuchungen“. 3 Ihr Bestandsaufbau, ihre Erschließung, ihre Nutzung, ihre finanzielle Ausstattung und ihre Struktur sind in einer Fülle von wissenschaftlichen Arbeiten in Köln, Göttingen, Leipzig, Wolfenbüttel, Mainz, Berlin und anderen buchwissenschaftlichen Zentren analysiert und beschrieben worden. Die Buchforschung in der alten DDR widmete sich diesem Thema genauso intensiv wie Sozial- und Kulturhistoriker des„Westens“. Nach der deutschen Wiedervereinigung hielt dieser Trend der Bibliotheksforschung ungebrochen an. Was macht die Faszination des Gegenstandes Bibliothek aus? Warum beschäftigen sich Menschen mit der Geschichte von Büchern? Bücher, ihre Sammlungen, ihr Aufbau und die damit verbundenen Intentionen spiegeln gleichsam den Charakter ihres Trägers. Man kann überspitzt sagen: Zeige mir deine Bibliothek, und ich sage dir, wer du bist. Unter dieser Fragestellung gewinnt die Darstellung der Büchersammlungen im Umfeld der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands eine besondere Bedeutung. Diese kleine Biblio­ theksgeschichte versteht sich somit auch als kleiner Beitrag zur Kulturpolitik der ältesten und größten Partei Deutschlands. 1 Die Darstellung stützt sich für die Zeit bis 1945 primär auf Sekundärliteratur und gedruckte Quellen. Für die Zeit nach 1945 wurde die Altregistratur des Parteivorstandes der SPD im Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung zu Rate gezogen. Interne Akten der Friedrich-Ebert-Stiftung ergänzten die Quellen­ grundlagen. Mündliche Überlieferungen von beteiligten Zeitzeugen und das„eigene Gedächtnis“ tragen die Darstellung in den Schlusskapiteln. 2 Eine Skizze der Geschichte des sozialdemokratischen Parteiarchivs(im heutigen Sinne), das Grundstock des heutigen Archivs der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung ist, bietet Mario Bungert:„Zu retten, was sonst unwiederbringlich verloren geht“. Die Archive der deutschen Sozialdemokratie und ihre Geschichte. Bonn 2002. 3 Die Bibliotheken von Karl Marx und Friedrich Engels. Annotiertes Verzeichnis des ermittelten Bestandes. Bearb. von Hans-Dieter Harstick[u.a.]. Berlin, 1999, S. 9(MEGA, 4. Abt., Vorauspublikation zu Bd. 32). 8 Am Anfang war August Bebel August Bebels programmatischer Aufruf„Die Notwendigkeit der Gründung einer allgem­ einen Parteibibliothek“ ist in den letzten Jahren oft nachgedruckt worden. 4 Ebenso sind in der Sekundärliteratur die Ideengeber, die hinter diesem Vorschlag standen(Johann Philipp Becker, August Geib), angemessen gewürdigt worden. Der Appell August Bebels mutet heute noch ausgesprochen modern an. Die zu gründende Bibliothek sollte als Sammelstätte der nationa len und internationalen sozialistischen Literatur dienen. Weitere Sammelsegmente beschrieb ­Bebel sehr präzise: die wichtigste ökonomische und sozialwissenschaftliche Liter­atur und eine Sammlung zentraler Parlamentsschriften. Vor allem sollte die künftige Parteibibliothek nach Bebels Willen die Partei- und Gewerk­ schaftsliteratur außerhalb des Verlagsbuchhandels sammeln. Die Bedeutung, die der Par­ teivorsitzende dieser heute so genannten„grauen Literatur“ beimaß, war ganz erstaunlich. Seine Ausführungen zu diesem Thema waren die ersten bekannten Äußerungen zu diesem Thema überhaupt. Sie sollten es für lange Zeit auch bleiben. Bebel war mit seinen – in einfa­chen Worten vorgetragenen – Handlungsanweisungen den wissenschaftlichen Bibliothekaren seiner Zeit weit voraus. Es sollte ein knappes Jahrhundert verstreichen, ehe seine Vorschläge und Ideen im wissenschaftlichen Bibliothekswesen Allgemeingut wurden. Auch über„Erwerbungsstrategien“ machte Bebel erstaunlich konstruktive Detailvorschläge, wie er sich Gedanken über Lücken bei den Zeitschriften und der Finanzierung des Biblio­ theksprojekts machte:„Um die Geldausgaben nach Möglichkeit zu vermeiden, müssten die Parteiblätter, welche zur Aufbewahrung gelangen, wie sämtliche Parteischriften und Broschü­ ren von den Verlegern gratis geliefert werden. Zweifellos würden auch alle Parteigenossen, welche Doppelexemplare älterer bezüglicher Schriften und Werke im Besitz haben, bereit sein, ein Exemplar an die Bibliothek abzugeben. Auch dürfte der Fall eintreten, dass mancher seine Privatbibliothek für den Fall seines Ablebens der Parteibibliothek vermacht.“ 5 Bebels Vorschlag, das gedruckte Gedächtnis der Arbeiterbewegung und die wichtigsten sozial ökonomischen Veröffentlichungen des In- und Auslandes in eigener Regie zu sammeln und als „Rüstkammer“ für die eigenen Emanzipationsbestrebungen zu nutzen, wurzelte in den unmittelbaren Erfahrungen, die die sozialdemokratische Arbeiterbewegung mit dem wilhel­minischen Klassenstaat und seiner Kultur- und Bibliothekspolitik gemacht hatte. Mit den Argumenten, die staatlichen Bibliotheken würden„meist nach ganz anderer Richtung ihre Vervollständigung suchen“, umschrieb der belesene Drechsler den Tatbestand, dass öffentlich zugänglichen Bib liotheken der Erwerb sozialdemokratischer Literatur untersagt war. 6 Mochte das Sammeln von„Umsturzliteratur“ aus der Sicht der die Arbeiterbewegung über­ wachenden Polizeiorgane noch Sinn machen, so war die intransigente Haltung staatlicher 4 Archiv der sozialen Demokratie: Archiv der sozialen Demokratie – Friedrich-Ebert-Stiftung. BonnBad Godesberg, 1978, S. 28; Bebel, August: Ausgewählte Reden und Schriften. Bd. 1: 1863-1878. Bearb. von Rolf Dlubek und Ursula Herrmann. Berlin, 1970, S. 480 f. Schönhoven, Klaus: Auf dem Weg zum digitalen Dienstleistungszentrum. 30 Jahre Archiv der sozialen Demokratie und Bibliothek der FriedrichEbert-Stiftung. Vortrag anlässlich einer Jubiläumsveranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung am 7. Juni 1999 in Bonn. Bonn, 1999, S. 24 f. Erstabdruck des Bebelschen Textes: Vorwärts, Nr. 21(20. Februar 1878). 5 Ebda. 6 Schönhoven, a.a.O., S. 11. Broschüre Emil Adolf Roßmäßlers aus der alten SPD-Bibliothek mit Bemerkungen des spä teren Reichstagsabgeordneten Julius Motteler. Die Broschüre wurde 1969 auf dem internationalen Antiquariatsmarkt von der Friedrich-Ebert-Stiftung erworben. Broschüre aus der alten SPD-Parteibibliothek mit Anmerkungen Rosa Luxemburgs. Rosa Luxemburg benutzte Bibliotheksmaterial für ihre Prozessvorbereitung im Sommer 1914. 11 ­Bibliothekare gegen die ökonomische und sozialwissenschaftliche Literatur kaum zu erklären. 1909 fällte das theoretische Organ der deutschen Sozialdemokratie,„Die Neue Zeit“, über den Bestandsaufbau deutscher Bibliotheken ein vernichtendes Urteil. Der spätere Herausgeber der Marx-Engels-Gesamtausgabe, N. Rjazanov, bemerkte dort lapidar:„Es genügt, das kürzlich erschienene ‚Systematische Verzeichnis’ der periodischen Ausgaben der Königlichen Biblio­thek zu durchblättern, um zu bemerken, dass die Königliche Bibliothek die besten der in Frankreich, England und Amerika herausgegebenen ökonomischen Zeitschriften nicht enthält. Von der so zialistischen und Arbeiterliteratur muss schon ganz abgesehen werden. Jeder Aus­länder, der die Erwartung hegt, in der größten Bücherei des klassischen Landes der Sozialg­ esetzgebung eine vollständige Sammlung der einschlägigen Literatur, wenn auch nur in deutscher Sprache, zu finden, würde sich bitter enttäuscht sehen. In der Bibliothek fehlt zum Beispiel fast gänzlich die ungeheure gewerkschaftliche und sozialdemokratische Literatur.“ 7 Zwei Jahre später beklagten sich die beiden renommierten Historiker Georg Adler und Gustav Mayer ebenso bitter, dass der Benutzer die„primären Quellen über die Geschichte der Sozial­ demokratie[…] in den öffentlichen Bibliotheken fast ausnahmslos vergeblich sucht.“ 8 Diese Kritik mutet nur auf den ersten Blick grotesk an. Das preußische Bibliothekswesen hatte sich mit großen und kühnen Reformen an die Spitze des europäischen Bibliothekswesens gesetzt. Kluge Regelwerke, richtungsweisende Katalogarbeiten, Zentralisation des Wissens, Aus­tausch von Literatur der Bibliotheken untereinander begleiteten den Aufstieg Deutschlands zur großen Industrie- und Wissenschaftsnation. Das interessengeleitete gebundene Handeln und die ideologische Verwurzelung im herrschenden Wertekodex machten jedoch die gelehrt­en Bibliothekare gleichsam„blind“ gegenüber anderen Strömungen. Formal war die sozialdemokratische Parteispitze mit ihrer„niederen“ Bildung natürlich den ernannten Professoren und Bibliotheksleitern unterlegen. Es scheint indes, dass Volksnähe und die echte Parteinahme für die Interessen der arbeitenden Schichten zu einer anderen Sicht der Dinge führten, die den Einsichten der„offiziellen“ Kultur- und Wissenschaftspolitiker in man chen Bereichen deutlich überlegen war. Bebel kannte natürlich die Beschränktheit„klassengebundener“ Kulturpolitiker. Mit seiner Vor stellung, die Bibliothekspolitik in die eigenen Hände zu nehmen, suchte er Weichen zu stellen. Die Arbeiterbewegung war ein Kind der Aufklärung. Ihr bedeuteten Bücher und Bibliotheken viel. Das Gefühl,„mit der Geschichte im Bunde zu sein“ und aus dem Wissen um die historischen Prozesse die eigene Kraft für die eigene Emanzipation zu ziehen, war den Repräsen tanten der jungen Bewegung allgegenwärtig:„Daß diese Bewegung selber als eine Kraft von historischer Dimension wirke, war vielen ihrer Anhänger bewußt und verpflichtete sie, dafür zu sorgen, daß diese Erkenntnis in der Geschichtsschreibung ihren adäquaten Niederschlag finden könne. Dafür mußten die entsprechenden Einrichtungen geschaffen werden.“ 9 Bebels Vorschlag konnte in Deutschland zunächst nicht verwirklicht werden. Im Herbst 1878 machte der Bismarckstaat die Sozialdemokratie und die Gewerkschaften mundtot. Es sprach aber„für die erstaunlich politische Zuversicht und den wissenschaftlichen Weitblick der 7 Die Neue Zeit, Jg. 27, Bd. 1, Nr. 24(12. März 1909), S. 383 f. 8 Adler, Georg und Gustav Mayer:„Sozialdemokratie“. In: Handwörterbuch der Staatswissenschaften, Bd. 7, 3. Aufl., Jena, 1911, S. 603. 9 Miller, Susanne:„Geschichtsbewußtsein und Sozialdemokratie“. In: Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte, 41 (1994), S. 307. 12 Sozialdemokratie“ 10 , dass sie 1882 in der Schweizer Emigration„eine möglichst vollständige Sammlung aller auf das Parteileben bezüglichen Dokumente und Schriftstücke“ anlegte. 11 Bibliotheksaufbau im Exil Treibende Kraft für den Aufbau von Archiv und Bibliothek in der Schweiz war Hermann ­Schlüter, der den Bebelschen Vorschlag immer wieder ins Spiel brachte, in der Exilpresse nachdrücklich für dieses Projekt warb und sich schließlich für sein Engagement auch belohnt sah. 12 In einem überaus klugen, weitsichtigen und von großer Sachkenntnis geprägten Artikel hat te Schlüter die Vorbereitung des„Parteiarchivs“ in Angriff genommen. 13 Schlüter machte aus seiner Aversion gegen„höfische Bibliotheken“, die„in Bezug auf revolutionäre Beweg­ ungen möglichst wenig und möglichst Schlechtes bieten“, keinen Hehl. Er wollte Besseres. Neben übrigen Parteiaufgaben übernahm Schlüter im August 1884 von Eduard Bernstein die Leitung des Parteiarchivs, das in der Volksbuchhandlung im Züricher Vorort Hottingen seine Heimstatt fand. Seit den frühen achtziger Jahren bürgerte sich der Name„Archiv“ als Sam­ melstelle historischer Quellen ein; man verstand darunter Archivmaterial im klassischen Sinne wie auch Bücher. In Briefen und Berichten finden sich in den kommenden Jahren auch Bezeich nungen wie„Archiv-Bücherei“ oder„Anwesenheits-Bibliothek“. Auf den Titelseiten der Bücher selbst prangte ein graphisch einprägsamer Lilienstempel mit der Bezeichnung„Bibliothek der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“. Bis in die Weimarer Republik hinein verstand man unter dem Parteiarchiv weitgehend eine moderne Gebrauchsbibliothek. Karl Kautsky hat diesen Sachverhalt in einem Dankschreiben an Hermann Schlüter 1889 auf den Begriff gebracht:„Das Archiv ist Deine Schöpfung, Du hast aus dem Plunder eine an­ sehnliche Bibliothek gemacht.“ 14 Schlüter selbst sammelte bewusst Archivalien(private Korrespondenzen, Nachlässe etc.) und Bücher gleichermaßen. Seine Praxis gilt heute als mo­dern: Archive, Museen und Bibliotheken werden zu Recht als eine„Dokumentationseinheit“ gesehen. 15 Die Entwicklung in Deutschland ging aber seinerzeit in eine andere Richtung. Hier entwickelten sich Archive und Bibliotheken auseinander. Die deutsche Sozialdemokratie schlug jedoch einen anderen Weg ein. Auch die Zeit des Parteiverbots durch das Sozialistengesetz ging(1890) vorbei. Als knapp zwanzig Jahre später die Parteibibliothek in Berlin der sozialdemokratischen Parteiöffentlich­ keit zur Verfügung gestellt werden konnte, musterte diese Bibliothek etwa 8.000 Bände. Dies war eine beeindruckende Zahl. Diese„große Zahl“ hatte zwei Wurzeln. Die eine Wurzel reichte in die beiden Exilländer des Parteivorstandes. Sie wurde von den Verantwortlichen der„Ar chivbücherei“ gehegt und gepflegt. Die andere Wurzel war identisch mit den Privatbib­liotheken von Karl Marx und Friedrich Engels. Zu einem Stamm vereinigten sich beide nach dem Tode 10 Schönhoven, a.a.O., S. 12. 11 So der Beschluss der Parteikonferenz, die vom 19. bis 21. August 1882 in Zürich tagte. Zitiert nach Mayer, Paul:„Die Geschichte des sozialdemokratischen Parteiarchivs und das Schicksal des Marx-EngelsNachlasses“. In: Archiv für Sozialgeschichte, VI/VII(1966/67), S. 13. 12 Zur Person Schlüters und seiner Rolle s. Mayer, ebda. S. 14 ff. 13 H. Sch.:„Zur Frage eines Partei-Archivs“. In: Der Sozialdemokrat, Nr. 18(27. April 1882). 14 Mayer,„Die Geschichte des sozialdemokratischen Parteiarchivs...“, a.a.O., S. 19. 15 Rogalla von Bieberstein, Johannes: Archiv, Bibliothek und Museum als Dokumentationsbereiche. Einheit und gegenseitige Abgrenzung. Pullach, 1975. 13 Friedrich Engels’. Beide Wurzeln sind wichtig und bedeutend. Beide sollen unab­hängig vonei nander angeschaut werden. Gesucht – Quittiert Die Idee, gezielt unter den Parteimitgliedern nach Literatur zu suchen, stammte von August ­Bebel selbst. Er hatte 1878 in seinem Gründungsaufruf angeregt, über alle eingehenden Schriften regelmäßig im„Vorwärts“„Quittungen“ zu veröffentlichen. Den„Vorwärts“ gab es nicht mehr; seine Rolle hatte in der Zwischenzeit die im Exil erscheinende Parteizeitung„Sozialdemokrat“ eingenommen. Im Dezember 1883 meldete sich Hermann Schlüter dort erstmals zu Wort:„Das Partei-Archiv bringen wir unseren Genossen und Freunden wiederholt dringend in Erinnerung und werden demnächst das bisher eingegangene Brauchbare, katalog­ isch ge ordnet quittieren.“ 16 Bereits im Januar 1884 dokumentierte das Exilsprachrohr der Partei die erste Sendung des 48er Revolutionärs Johann Philipp Becker. Neben wertvollen Briefen und „Reliquien“(„Zwei Schilder von Ferd. Lassalle’s Todtensarg“) stellte Becker eine Vielzahl seiner Schriften zur Verfügung. 17 Die„Quittungen“ machen deutlich, in welch kurzer Zeit ein Literaturstrom von wertvollen Zeitschriften, Zeitungen, Protokollen, Broschür­en und Büchern nach Zürich floss. Aus Stuttgart wurden sämtliche erschienenen Nummern der„Süddeutschen Volkszeitung“ und der Zeitschrift„Vaterland“ abgeliefert. Ein Schenkender, der sich hinter der Bezeichnung „Schweizer Professor“ verbarg, stellte Freidenkeralmanache zur Verfügung. 18 Die Schweizer Parteizeitung„Tagwacht“ wurde vollständig an das Parteiarchiv abgeliefert. Ganze Jahrgänge der Blätter„Reichsbürger“, Leipzig,„Demokratisches Wochenblatt. Organ der Sozialdemo­ kratischen Arbeiterpartei“,„Duisburger Freie Zeitung“,„Panier. Organ der Metallarbeiter-Gewerksgenossenschaft“ und„Pfälzisch-Badisches Volksblatt“ gingen per Post in die Schweiz. Auch das von Friedrich Engels aus dem Nachlass von Karl Marx der Redaktion des Züricher „Sozialdemokrat“ zur Verfügung gestellte„Komplett-Exemplar“ der„Neuen Rhei­nischen Zeitung. Organ der Demokratie“ wurde als Zugang penibel registriert. Der Absender A.B. aus Leipzig blieb niemandem unbekannt. Dafür sorgten schon die vielen Broschüren des Verfassers August Bebel, die der Sendung im Spätsommer beilagen. 19 Bebel steuerte eine Fülle gedruckter Untersuchungen zur Fabrikgesetzgebung, zur Zollpolitik und zur allgemeinen Sozialgesetzgebung bei. Ferner befanden sich bei seiner ersten Sendung diverse Protokolle und Statuten. Die Zusendung des Begründers der Parteibibliothek wurde naturgemäß besonders genau unter die Lupe genommen. Bebel hatte u.a. die Zeitschrift„Die Waage“ mit den Jahrgängen 1873 bis 1879 eingesandt, was Schlüter mit seinem mittlerweile hohen ­Bibliotheksethos kritisch kommentierte:„Mit Ausnahme des kompletten Jahrganges 1878 fehlen bei sämtlichen Bänden einzelne Nummern.“ 20 Im Frühsommer 1884 war der Literaturstrom so stark, dass die„Archivverwaltung“ es sich erlauben konnte, gezielte Suchwünsche auszusprechen:„Wir suchen von folgenden Zeitun16 Der Sozialdemokrat, Nr. 52(20. Dezember 1883). 17 Der Sozialdemokrat, Nr. 2(10. Januar 1884). 18 Der Sozialdemokrat, Nr. 4(24. Januar 1884). 19 Der Sozialdemokrat, Nr. 40(2. Oktober 1884). 20 Ebda. 14 gen Komplettexemplare und Einzelnummern:’Waage’, ‚Sozialpolitische Blätter’(1. und 2. Jahr­gang), ‚Rundschau’, ‚Wähler’, ‚Agitator’, ‚Rothe Fahne’, ‚Nußknacker’, ‚Lassallsche ­West­en­taschenzeitung’, alle Gewerkschaftsblätter und von den frühen Lokalblättern der Partei alle außer jenen, die in Berlin, Leipzig, Dresden, Stuttgart und Crimmitschau erschienen.“ 21 Diese systematische Erwerbungspolitik trug ganz deutlich die Handschrift Hermann Schlüters. In seinem programmatischen Artikel im April 1883 hatte er bereits überzeugend ausgeführt, „daß allein schon die Erhaltung möglichst sämtlicher Parteiorgane die Schaffung eines Archivs rechtfertigt“. 22 Schlüter beschränkte sich nicht auf bloße Suchaufrufe, sondern ent­faltete eine intensive Korrespondenz„besonders mit den älteren Parteigenossen“. 23 Die Reaktion auf die gezielten Aufrufe überschritten die kühnsten Erwartungen. Eine „­Gabenliste“ aus Hamburg liest sich stellenweise wie eine Bibliographie der frühen sozial­ demokratischen Presse. Nahezu vollständige Jahrgänge gingen in Zürich ein:„HamburgAltonaer Volksblatt“ aus dem Verlag Dietz,„Mecklenburg-Pommerscher Arbeiterfreund“, „Thüringer Freie Presse“,„Volkswille“, Augsburg,„Der Zeitgeist. Organ für das arbeitende Volk“,„Crimmitschauer Bürger- und Bauernfreund“,„Volksfreund“, Frankfurt,„Chemnitzer Freie Presse“,„Glauchauer Nachrichten“,„Märkischer Volksfreund. Organ für die Interessen des arbeitenden Volkes der Mark Brandenburg“,„Die Fackel. Volks-Organ für Leipzig und Umgebung“,„Sozialpolitische Blätter“,„Nürnberg- Fürther Socialdemokrat“,„Anhalthischer Volksfreund“,„Westfälische Freie Presse. Organ des arbeitenden Volkes“,„Magdeburger Freie Presse“,„Bremer Freie Zeitung“,„Kölner Freie Presse“,„Pionier“, Zentralorgan der deutschen Gewerkschaften,„Königsberger Freie Presse“,„Der Botschafter“,„Schleswig-Holsteinische Volkszeitung“,„Vorwärts“,„Volksstaat“. 24 Warum waren die Zeitungen für das Parteiarchiv so wichtig? Das überragende Interesse der jungen deutschen Arbeiterbewegung galt von Anfang an der Zeitungspublizistik. Der Zeitung maß man eine große aufklärerische Funktion bei. In die Zeitungsunternehmungen steckte die junge deutsche Arbeiterbewegung ihre ganze Kraft: Die Sozialdemokratie war„geradezu ‚pressegläubig’ zu nennen“. 25 Aus den Presserzeugnissen ließen sich ihre Ideen, ihre Alltags­agitation, ihr Organisations- und Kommunikationsverhalten ablesen. Diese Bestände für die Parteibiblio thek zusammengetragen zu haben, war eine der großen kulturellen Leistungen während der Emigrationszeit. Bereits im Sommer konnte Schlüter seine Suchlisten„zur Kompletirung“ deutlich reduzieren. Er fahndete„nur“ noch nach ganz speziellen Einzelnummern, darunter nach dem Augsbur­ ger/Münchner„Proletarier“ und dem von Johann Baptist von Schweitzer herausgegebenen „Agitator“. 26 So erfolgreich das Suchkonzept bei sozialdemokratischen Blättern griff, so we­ nig erfolgreich war es bei den Gewerkschaftsblättern. Offensichtlich waren Parteiloyalität und Identität groß genug, um den emigrierten Parteivorstand mit„politischen Materialien“ zu ver­ 21 Der Sozialdemokrat, Nr. 28(10. Juli 1884). 22 H. Sch.:„Zur Frage eines Parteiarchivs“, a.a.O. 23 Niederschrift zur Geschichte des Parteiarchivs von Anna Hoppe(gesch. Schlüter). 1908. IISG Amsterdam. Bestand SPD Partei-Archiv. 24 Der Sozialdemokrat, Nr. 49(4. Dezember 1884). 25 Loreck, Jochen: Wie man früher Sozialdemokrat wurde. Das Kommunikationsverhalten in der deutschen Arbeiterbewegung und die Konzeption der sozialistischen Parteipublizistik durch August Bebel. Bonn-Bad Godesberg, 1977, S. 95.(Schriftenreihe des Forschungsinstituts der Friedrich-Ebert-Stiftung, 130). 26 Der Sozialdemokrat, Nr. 34(11. April 1884). 15 sorgen. Den Gewerkschaftsmaterialien maßen die Mitglieder im Reich nicht die gleiche Be­ deutung bei. Beachtenswerte Sammlungen kamen aus dem Ausland. Schweizer, österreichische und italie­ nische Parteiorganisationen schickten reiche Kollektionen nach Zürich. Eine weitere Quelle waren die nach Amerika ausgewanderten politischen Emigranten, die ihr Verhältnis zur Mut­ terpartei nur selten lösten. So schickte Marx’ alter Kampfgefährte Friedrich Adolph Sorge 150 Broschüren, Bücher und Protokolle, die die Geschichte der deutschsprachigenArbeiterb­ ewegung in den Vereinigten Staaten und die Entwicklung der amerikanischen Arbeiterb­ ewegung dokumentierten. 27 Bebels Vision bekam Konturen. London Im Frühjahr 1888 beschloss der Schweizer Bundesrat auf Intervention des deutschen Reichs­ kanzlers von Bismarck, die Exilleitung der deutschen Sozialdemokratie nach England auszu­ weisen. Mit ihr ging das Parteiarchiv. Darunter befand sich die Bibliothek mit über 3.200 Bän den und eine Sammlung von 160 Periodika in 373 Bänden. Das Material füllte16 Kisten. 28 Die nach Großbritannien verbrachte Sammlung war beeindruckend. Das gedruckte Gedächt­ nis der Partei – ihre Parteizeitungen – waren in hoher Vollständigkeit zusammengetragen. Ein solider Grundstock der gedruckten Agitationsbroschüren zählte zum Bestand. Die„Klassiker“ der sozialistischen Bewegung waren in der Bibliothek gut vertreten. Bei den ausländischen und den deutschen sozialistischen Gewerkschaftsmaterialien klafften große Lücken. Ungüns­tig sah es bei der in- und ausländischen wissenschaftlichen Literatur aus. Die ökonomisch-statistischen und sozialpolitischen Werke, auf die Bebel so viel Wert gelegt hatte, fehlten weitgehend im Bestand. In diesem Bereich klafften Anspruch und Wirklichkeit am weitesten auseinander. In London konnte das Parteiarchiv mit seiner Bibliothek im Hause Eduard Bernsteins nur beengt untergebracht werden, und„auch die sonstigen Umstände waren einer gedeihlichen Ent wicklung nicht günstig“. 29 Eine wirkliche Benutzung der Bücher hat in London wohl nicht stattgefunden. Der Kontakt zur Heimat war weitgehend unterbunden. Von London aus quit­ tierte Schlüter nur einen einzigen Neuzugang. Friedrich Leßner, der einst das„Kommunisti­sche ­Manifest“ zum Drucker gebracht jatte, bereicherte den Bibliotheksbestand mit einem Jahrgang des Chicagoer Blattes„Stimme des Volkes“. Von einem anonymen Parteifreund aus London gingen ferner„diverse Broschüren“ ein. 30 Wie sah es nun mit der Erschließung der Bestände aus? Bücher und seltene Zeitschriften zu sammeln macht Freude. Man kann die Leidenschaft und den Genuss Hermann Schlüters leicht teilen, die dieser beim Zusammentragen einer Bibliothek empfand. Nur: Die„Kunst“, aus einer einmaligen Büchersammlung eine Bibliothek zu machen, besteht in der Erschlie­ßung der Bestände. Nur durch Sach- und Formalkataloge werden aus wunderschönen Büchers­ ammlungen nützliche Gebrauchsbibliotheken, die ohne pädagogische Anleitung zu benutzen sind. 27 Der Sozialdemokrat. Nr. 49(3. Dezember 1885). 28 Mayer,„Die Geschichte des sozialdemokratischen Parteiarchivs...“, a.a.O., S. 17 f. 29 Ebda. S. 18. 30 Der Sozialdemokrat, Nr. 50(9. Dezember 1888). 16 Schlüter wich dieser – eher unangenehmen – Seite des Bibliothekswesens nicht aus. Er musste indes, wie viele Bibliothekare vor und nach ihm, schmerzlich bekennen, dass er diese Arbeit “unterschätzt habe“. Nur die„eigentliche Parteiliteratur“ sei katalogisiert und auffindbar. 31 Als Schlüter dieses selbstkritische Resümee zog, war er bereits auf dem„Sprung“ nach Ame­rika. In der Londoner Emigration war es zu schweren Konflikten zwischen ihm und Julius Motteler, dem„roten Feldpostmeister“, gekommen. Dieser hatte stets großes Interesse am Parteiarchiv gezeigt. In einem schwelenden Konflikt, in dem es um Temperament, Personen und Sachen gleichermaßen ging, wählte Schlüter den„Ausweg“ Auswanderung. Der Schöp­fer des Parteiar chivs und seiner Bibliothek begleitete sein Werk in den kommenden Jahren nur noch aus dem fernen Amerika. Weder der Interimsbetreuer Eduard Bernstein, noch der eigentliche Leiter Karl Kautsky fand­ en neben ihrer literarischen Betätigung Zeit und Muße für die Katalogisierung der Bestände. Die Londoner Zeit war für die Bibliothek eher eine tote Zeit, ehe sie im Februar und März 1891 nach Fall des Sozialistengesetzes nach Berlin verfrachtet werden konnte. In London war jedoch zwischenzeitlich eine andere reiche Privatbibliothek herangewachsen, deren exzellente Bestän de sich stets vermehrten. Es war die Privatbibliothek von Friedrich-Engels, in die ihrer­seits große Teile der wertvollen Privatbibliothek von Karl Marx integriert worden waren. Wenige Jahre später sollte die Engelssche Sammlung mit der Parteibibliothek von Marx und Engels vereinigt werden. Diese einzigartige Privatbibliothek soll deshalb gesondert gewürdigt werden. Die Privatbibliotheken von Karl Marx und Friedrich Engels Seit den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts – parallel zu den Vorbereitungsarbeiten an der ersten historisch-kritischen Marx-Engels-Gesamtausgabe – bemühten sich Forscher, die Pri­ vatbibliotheken von Karl Marx und Friedrich Engels zu rekonstruieren, Lesespuren in ihren Büchern zu entdecken und die Bedeutung ihrer Bibliotheken bei der Genesis ihrer historischmaterialistischen Weltanschauung zu dokumentieren. In der Ära des Hochstalinismus ließ das Forschungsinteresse zeitweise nach. In den fünfziger Jahren erlebte das Aufspüren von Büchern Exlibris Marx und Engels in der Sowjetunion und der DDR eine Renaissance. Westliche Forscher spürten dem Lesefeld der beiden großen Wis­senschaftler und Revolutionäre nach, um Verbindungen zwischen ihrem Werk und ihren Bibl­iotheken als Arbeitsinstrument und Werkstätte aufzuzeigen. In der neuen Marx-EngelsGesamtausgabe wurde der Rekonstruktion der Bibliotheken der beiden„Altmeister“ und der Dokumentation von Anstreichungen und Lesespuren ein hoher Stellenwert beigemessen. Die Marx-Engels-Forscher in Ost und West haben viel für die Aufhellung der Geschichte der SPDParteibibliothek getan. Ihren Arbeitsergebnissen verdankt die Bibliotheksforschung viel. 32 Warum unterzogen sich ganze Forschergruppen dieser Mühe? Die Antwort fällt nicht schwer: „Die persönlichen Bibliotheken bildeten eine wesentliche Voraussetzung für das Entstehen von Ideen und Werken. In ihnen bündelten sich die sachlich-biographischen und die histo­rischgesellschaftlichen Grundlagen der Arbeit eines Autors.“ 33 31 Mayer,„Die Geschichte des sozialdemokratischen Parteiarchivs...“, a.a.O., S. 19. 32 1999 bündelten sich die verschiedenen Forschungsansätze in dem Werk: Die Bibliotheken von Karl Marx und Friedrich Engels a.a.O. 33 Ebda., S. 18. 17 Der Aufbau der Marxschen Privatbibliothek war von seinen wechselnden Forschungsschwer­ punkten bestimmt, allerdings auch von den Verwerfungen seines Emigrantendaseins. Die bis zu seiner Ausweisung aus Köln im Februar 1849 zusammengetragene Arbeitsbibliothek ent­ hielt das gängige sozialreformerische, philosophische und frühsozialistische Schriftgut des 18. und des 19. Jahrhunderts. Von Campanellas„Sonnenstaat“ bis hin zu Hegels„Vorlesungen über die Philosophie“ war darin„alles“ vertreten. Ein Gutteil seiner frühen rheinischen Stu­ dienbibliothek konnte auf abenteuerliche Weise nach London gerettet werden. 34 Neben juristischen und philosophischen Titeln konzentrierten sich seine Buchkäufe auf ein breit angelegtes historisches Spektrum,„zentriert auf Frankreich, die Revolution von 1789 und die Ideengeschichte der sozialen Bewegung“. Selbstverständlich schlug sich auch seine Hin wendung zur„Politischen Ökonomie“ in seinem Buchbestand nieder. Die Durchleuchtung der kapitalistischen Produktionsweise, seine naturwissenschaftlichen und agrarwissenschaftli­chen Studien dokumentieren sich in seiner Bibliothek ebenso wie seine Hinwendung zur„rus­sischen Frage“. Seit 1869 erwarb Marx alle Neuerscheinungen im Bereich der russischen Rechts-, Wirtschafts- und Finanzgeschichte. Damit nicht genug:„Durch antiquarische Erwer­bungen, Bestellungen über den Buchhandel sowie Geschenke und Widmungsexemplare aus aller Welt, die ihm auf Grund seiner wissenschaftlichen und gewachsenen politischen Repu­tation als de facto führender Kopf der 1864 gegründeten[internationalen] Arbeiterassoziation vermehrt zugingen, wuchs der Bestand der Marxschen Privatbibliothek in den Folgejahren beträchtlich.“ 35 Als Marx 1883 starb, sah sich sein Freund Engels nicht in der Lage, die Bibliothek in toto zu übernehmen. Er sichtete die Bibliothek gründlich und gab nichts aus der Hand, was er nicht besaß. Teile gingen an einen Londoner Arbeiterverein, Teile an Marx’ Tochter Eleanor Aveling und deren Mann, Teile an enge politische Kampfgefährten. 36 Der Schwerpunkt der Engelsschen Arbeitsbibliothek war durchaus anders gesetzt. Seine kriegsund militärwissenschaftlichen Interessen und seine diesbezüglichen Veröffentlichung­ en benö tigten als„Rüstkammer“ eine große militärwissenschaftliche Arbeitsbibliothek, deren Aufbau er im Februar 1852 begann und in den kommenden Jahren beträchtlich erweiterte. 37 Als Friedrich Engels seine testamentarische Verfügung traf, war er sich des besonderen Wertes der beiden zusammengelegten Privatbibliotheken bewusst. Die vereinigten Bibliothek­ en umfassten ca. 2100 Titel in 3200 Bänden. 38 Engels schätzte den Bestand als einzigartig für das Studium des modernen Sozialismus mit all seinen Grundlagen ein. Es sei eine Schande, diesen großartigen Bestand zu zerstreuen. Engels kam deshalb dem lange gehegten Wunsch ­August Bebels nach und vermachte seine Privatbibliothek und die seines Freundes der deutschen Sozialdemokratie. Zweieinhalb Monate nach seinem Tod konnten die Mitglieder der Partei in ihrem Zentral­organ Engels’ letzte Verfügung nachlesen:„Wie unseren Lesern bekannt ist, hat Friedrich Engels seine Bibliothek sowie einen namhaften Geldbetrag der Partei letztwillig vermacht. Den als Erben eingesetzten Genossen Bebel und Singer sind von den Testamentsexekutoren die beiden 34 Ebda., S. 28 f. 35 Ebda., S. 44. 36 Ebda., S. 45. 37 Ebda., S. 53. 38 Ebda., S. 23. 18 Vermächtnisse übergeben worden. Die reichhaltige Bibliothek ist im Auftrag der Erben an das Parteibureau adressiert worden und vor einigen Tagen, in 27 Kisten verpackt auf dem hiesigen Zollamt angelangt.“ 39 Zwei große Bibliotheken werden vereinigt: Ordnung durch Hugo Heimann Es gehört zu den unglücklichen Entscheidungen der Verantwortlichen innerhalb des Partei­ vorstandes der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, von den übernommenen Materia­ lien kein spezielles Verzeichnis angefertigt zu haben. Erst eine Generation später erkannten Vorstandsmitglieder dieses Versäumnis als einen schmerzlichen Verlust der eigenen Wurzeln. Aber auch sonst war es der Parteibibliothek nach der Rückführung von London nach ­Berlin nicht besonders gut ergangen. Auf dem Parteitag in Köln im Oktober 1893 wurde über man­ gelnde Räumlichkeiten geklagt; man habe gerade erst mit dem Auspacken der Materialien begonnen. 40 Ein Jahr später in Frankfurt am Main waren die Töne optimistischer. Das Archiv werde„in kur zer Zeit den Interessenten zugänglich gemacht werden“. 41 Ob der gepriesene Katalog mit seinen „4000 Nummern“ tatsächlich ein angemessenes Instrument zur Erschließung der Bestände war, darf man mit Fug und Recht bezweifeln, denn sieben Jahre später gestand der Vorstandsbericht offenherzig das„Fehlen des Katalogs“ ein. 42 August Bebel war ganz offensichtlich mit der Ordnung von Archiv und Bibliothek zutiefst unzufrieden. 43 Und es war pikanterweise der mit den Anarchisten sympathisierende Max Nettlau, der den Sozialdemokraten die liberalen Zugangsbedingungen staatlicher Bibliotheken vor Augen hielt:„Wenn selbst der Staat die Bibliotheken bedingungslos zur Verfügung stellt, sollte es die Sozialdemokratie auch in annehmbarer Form thun.“ 44 August Bebel und der Parteivorstand der SPD hatten – modern gesprochen – die Erschließung der Bibliotheksbestände einem Dienstleistungsunternehmen übertragen: der Heimannschen Öffentlichen Bibliothek und Lesehalle. Von allen Chronisten wird die Katalogisierung der Bestände in der renommierten Berliner Bibliothek eher stiefmütterlich behandelt. Paul Mayer spricht von der ersten Heimstatt der Heimannschen Bibliothek als einem Gartenhinterhaus und einem Provisorium. 45 Andere Autoren lassen durchscheinen, der Verlust vieler Anmerkungen von Marx und Engels in ihren eigenen Bänden sei der Unachtsamkeit der Heimannschen Bib­ 39 Vorwärts, Nr. 246(20. Oktober 1895). 40 Protokoll über die Verhandlungen des Parteitages der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Abgehalten zu Köln a. Rh. vom 22. bis 28. Oktober 1893. Berlin, 1893, S. 144. 41 Protokoll über die Verhandlungen des Parteitages der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Abgehalten zu Frankfurt a. M. vom 21. bis 27. Oktober 1894. Berlin, 1894, S. 35. 42 Protokoll über die Verhandlungen des Parteitages der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Abgehalten zu Lübeck vom 22. bis 28. September 1901. Berlin, 1901, S. 31. 43 Mayer,„Die Geschichte des sozialdemokratischen Parteiarchivs...“, a.a.O., S. 46. 44 Nettlau, Max:„Das Parteiarchiv und seine Benutzung“. In: Die Neue Zeit, Jg. 17, Bd. 1, Nr. 18(1898-1899), S. 566. 45 Mayer,„Die Geschichte des sozialdemokratischen Parteiarchivs...“, a.a.O., S. 47. 19 liothekare geschuldet. 46 Wer war Hugo Heimann? Was hatte es mit seiner Bibliothek auf sich, die jüngere Historiker zwei Generationen später„einen Vorgriff in die Zukunft“ nannten? 47 Der Sozialdemokrat Hugo Heimann(geb. am 15. April 1859 in Konitz in Westpreußen) hatte 1890 als gelernter Verlagsbuchhändler durch die Übernahme der Guttentagschen Verlags­ buchhandlung in Berlin ein kleines Vermögen erworben, das er nach Verkauf des gutgeführ­ten Unternehmens wiederum der Berliner Arbeiterschaft zugute kommen lassen wollte. Mit August Bebel und Paul Singer war er eng befreundet. Heimann war belesen, hatte durch Fern­reisen eine Menge von der Welt gesehen und verblüffte Freunde und politische Gegner durch seine breitgefächerte Allgemeinbildung. In Kaiserreich und Weimarer Republik nahm er eine Fülle von Funktionen für die Sozialdemokratie wahr. Diese Funktionen reichten vom Vorsit­zenden des Zentralen Bildungsausschusses der SPD bis hin zu seinem Mandat als Mitglied der Nationalversammlung und zum Vorsitzenden des Haushaltsausschusses im Deutschen Reichstag. 48 Der Philanthrop Hugo Heimann hatte der Partei für die Gründung einer Berliner Arbeiter­ bibliothek die unglaubliche Summe von 600.000 Mark in Aussicht gestellt; dies war eine Summe, die selbst dem bildungsbeflissenen Bebel zu weit ging. 49 Heimanns Bibliotheksgrün­dung unterschied sich wegen der besonderen Ausstattung von allen anderen gut gemeinten Projekten. Er hatte Public Libraries in Großbritannien besucht und sich vom späteren Direktor der Reichs tagsbibliothek beraten lassen. Der bekannte sozialdemokratische Publizist und Redakteur Adolf Braun half bei der systematischen Erschließung der Bestände. 50 Die Bibliothek war im Wilhelminischen Deutschland zunächst Eigentum der Sozialdemokra­ tischen Partei Deutschlands. Die Parteivorsitzenden Paul Singer und August Bebel saßen im Kuratorium der Bibliothek. Ihre Eröffnung am 20. Oktober 1899 war in der Hauptstadt eine Sensation. Zeitweise musste die Bibliothek wegen Überfüllung geschlossen werden. Freunden und Feinden der Arbeiterbewegung galt sie als„sozialdemokratische Mustereinrichtung“. Die Besucherzahlen lagen schon bald nach der Jahrhundertwende bei über 100.000 pro Jahr. Wie Hugo Heimann stolz betonte, ergab die Berufsstatistik der Leser,„daß die Bibliothek in der Tat zum überwiegenden Teil von gewerblichen Arbeitern genutzt wird“. 51 Der Vorbild­charakter für alle anderen Arbeiterbibliotheken im Reich lag in der professionellen Art der Erschließung 46 Harstick, Hans-Peter:„Zum Schicksal der Marxschen Privatbibliothek“. In: International Review of Social History, 18(1973), S. 202 f. 47 Langewiesche, Dieter und Klaus Schönhoven:„Arbeiterbibliotheken und Arbeiterlektüre im Wilhelminischen Deutschland“. In: Archiv für Sozialgeschichte, Bd. XVI(1976), S. 158. 48 Schröder, Wilhelm Heinz: Sozialdemokratische Parlamentarier in den deutschen Reichs- und Landtagen 1867-1933. Biographien, Chronik, Wahldokumentation. Ein Handbuch. Düsseldorf, 1995, S. 459. 49 Heimann hat in seiner Autobiographie Vom tätigen Leben. Berlin, 1948, S. 18 die Einwände Bebels anschaulich dokumentiert. Die Geschichte der Heimannschen Bibliothek, ihr Aufbau und ihre Funktion hat in den letzten Jahren das Interesse von Bibliotheksforschern in Ost- und Westdeutschland gefunden. Siehe Gröters, Renate: Die Heimannsche Bibliothek und Lesehalle in Berlin 1899-1920, Dipl. Arbeit[West] Berlin, 1975; Stroscher, Norbert: Die Heimannsche„Öffentliche Bibliothek und Lesehalle zur unentgeltlichen Benutzung für jedermann“ 1899-1919. Diss.[Ost] Berlin, 1984. Die Bedeutung der Arbeit von Norbert Stroscher liegt darin, dass er aufgrund von neuerschlossenen Quellen eine Reihe neuer Fakten zur Erschließung der SPDParteibibliothek präsentiert. 50 Stroscher, Die Heimannsche Bibliothek..., a.a.O., S. 29. 51 Heimann, Hugo:„Vorwort zur ersten Auflage“. In: Bücherverzeichnis der Öffentlichen Bibliothek und Lesehalle in Berlin, 3. Aufl. Berlin, 1911. S. III. 20 und der Modernität der Benutzung. Eine speziell entwickelte Systematik wurde rasch von den übrigen Arbeiterbibliotheken kopiert. 52 Die gedruckten Kataloge der Heimannschen Bibliothek ernteten von Freund und Feind hohes Lob. 53 Im Januar 1899 kam es zu einem formalen Beschluss des sozialdemokratischen Partei­ vorstandes, Archiv und Bibliothek der Öffentlichen Bibliothek und Lesehalle in der Alexandrinenstraße 26 zu übergeben 54 . De facto wechselten die Bestände von einer soziald­ emokratischen Institution in eine andere. Katalogisierungs- und Erschließungsarbeiten der SPD-Parteibibliothek gewannen in der ­Heimannschen Bibliothek schnell an Fahrt. Vieles verlief„bei Heimann“ nach bewährtem Muster, teilweise wurden neue Wege eingeschlagen. Speziell für die Bearbeitung der Partei­ bibliothek wurde neues Personal eingestellt. Unter den neuen Bibliotheksangestellten befand sich Alice Geiser, die Tochter Wilhelm Liebknechts. Alice Geiser war mit dem ehemaligen sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Bruno Geiser verheiratet. 55 Nach dem Tode ihres Mannes verdiente sie sich mit der Katalogisierung der Parteibibliothek ihren Lebens­unterhalt. 56 Diese Personalentscheidung spricht für sich. Bei der systematischen Erschließung der Bestände der SPD-Bibliothek mussten andere Wege als gewohnt beschritten werden. Zu unterschiedlich waren die große öffentliche Bibliothek und die sozialistische Spezialbibliothek strukturiert.„Formal“ war für die SPD-Parteibiblio­ thek im Geschäftsverteilungsplan der Reichstagsabgeordnete Max Schippel zuständig. Nach außen trat der vielbeschäftigte Journalist und Parteischriftsteller kaum als„Parteiarchivar“ oder „Parteib­ ibliothekar“ in Erscheinung. 57 Methodische Dinge gingen Schippel jedoch leicht von der Hand. Er fand die Zeit, die Systematik des Sachkataloges zu entwickeln, die einen inhaltlichen Zugriff zur Parteibibliothek ermöglichte. 58 Auf der obersten Hierarchieebene war der systematische Katalog in 13 Klassen aufgefächert: Volkswirtschaft, Sozialwissenschaft, Sozialismus und Sozialdemokratie, Geschichte, Staats­ wissenschaften, Rechtswissenschaft, Kriegs- und Heerwesen. Militarismus. Abrüstungs- und Friedensbestrebungen, Bildungs- und Erziehungswesen, Religion und Philosophie, Geogra­ phie, Naturwissenschaft, Medizin, Sprach- und Literaturwissenschaft, Allgemeines, Zeitung­ en. 52 Winterstein, Benedikte: Beiträge zur Entwicklung der deutschen Arbeiterbibliotheken. Assessorarbeit Köln, 1974, S. 35. 53 Buchholtz, Arnd:„Die Heimannsche Bibliothek in Berlin“. In: Die Nation, Jg. 22(1905), S. 271 f.;„Ein Bücherverzeichnis“. In: Vorwärts, Nr. 105(10. Mai 1905). 54 Mayer,„Die Geschichte des sozialdemokratischen Parteiarchivs...“, a.a.O., S.46. 55 Zu Bruno Geiser und seinem kulturellen Wirken s. Emig, Brigitte: Die Veredelung des Arbeiters. Sozialdemo­ kratie als Kulturbewegung. Frankfurt/M., 1980, S. 247 f. 56 Stroscher, Die Heimannsche..., a.a.O., S. 39. 57 Zu seinem literarischen Wirken s.„Die ‚Berliner Arbeiterbibliothek’(1889-1893) und ihr Herausgeber Max Schippel“. In: Emig, Brigitte, Max Schwarz und Rüdiger Zimmermann: Literatur für eine neue Wirklichkeit. Bibliographie und Geschichte des Verlags J.H.W. Dietz Nachf. 1881 bis 1981 und der Verlage Buchhandlung Vorwärts, Volksbuchhandlung Hottingen/Zürich, German Cooperative Print.& Publ. Co. London, Berliner Arbeiterbibliothek, Arbeiterjugendverlag, Verlagsgenossenschaft„Freiheit“, Der Bücherkreis. Berlin/Bonn, 1981, S. 247 f. In der Weimarer Republik hatte Schippel eine ordentliche Professur für Staatswissenschaften inne. 58 Hinrichsen, Jonny:„Das Parteiarchiv“. In: Sozialistische Monatshefte, Jg. 34(1928), Bd. 66, S. 117; Drahn, Ernst:„Das Archiv der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, seine Geschichte und seine Sammlungen“. In: Die Neue Zeit, Jg. 36(1928), Bd. 2, S. 521. „Jung-Zimmermann“ aus dem Jahre 1927. 1978 übergab die damalige Industriegewerkschaft Bau, Steine, Erden ihren gesamten Bibliotheksbestand an die Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung. Der Bibliothek der Bauarbeitergewerkschaft folgten alsbald zahlreiche andere wertvolle Gewerkschaftsbibliotheken. 1995 übergab der geschäftsführende Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes seine Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung als Dauerleihgabe. Unter den 120.000 Bänden befanden sich viele Dokumente der christ lichen Arbeiterbewegung. 23 Darunter verzweigte sich die Systematik in über 250 Notationen. Als Pendant zum gedruckten systematischen Katalog 59 wurde ein alphabetischer Zettelkatalog angelegt, der auch intern die SPD-Bibliothek zu einer modernen arbeitsfähigen Gebrauchsbibliothek machte. Erst nach Ab schluss des Katalogsystems wurde die reiche und einmalige Sammlung„für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht“, wie der spätere Parteiarchivar und Parteibibliot­hekar Jonny Hinrichsen in der Weimarer Republik lapidar bestätigte. 60 Am 25. Oktober 1901 konnte die Bibliothek der Parteiöffentlichkeit übergeben werden. Herzstück war der neue, gedruckte Katalog, der gut 8.000 Bände dokumentierte. 61 Die Parteibibliothek war der Massenbenutzung durch die Besucher der Heimannschen Bibliothek entzogen. Sie war über der eigentlichen Bibliothek untergebracht. Die Einschränk­ ungen ergaben sich aus der Benutzungsordnung:„Die Benutzung der Bibliothek steht nur solchen Personen frei, denen der Parteivorstand(Bureau Berlin S.W., Kreuzbergstr. 30) die schriftliche Erlaubnis dazu erteilt hat.“ 62 Benutzung war in der Regel nur als Präsenzbenut­zung möglich. Mit dem Umzug des Parteivorstandes in das neue Parteigebäude, Lindenstraße, wurde auch das Archiv mit der Bibliothek dorthin verlegt. Der Umzug erfolgte in mehreren Etappen. 63 Die Gründe für die Rückführung lassen sich heute nicht mehr genau eruieren. Vielleicht war die Unterbringung bei Heimann von vorneherein als eine temporäre Maßnahme gedacht, um mit Hilfe der„Profis“ die Bibliothek überhaupt nutzbar zu machen. Knapp 5% der SPD-Bibliothek (= 443 Titel) verblieben allerdings in der Heimannschen Bibliothek als Dauerleih­gabe. Es waren meist wissenschaftliche Werke aus den Bibliotheken von Karl Marx und Friedrich Engels. Sie verbrannten restlos im Feuersturm des 2. Weltkriegs. 64 Neue Heimat in der Lindenstraße: Alte und neue Schätze Der Umzug in das Domizil des Parteivorstandes Lindenstraße 3(und später Lindenstraße 69) war mit personellen Umstrukturierungen verbunden: Mit Wirkung vom 1. Oktober 1904 bestimmte der Parteivorstand Max Grunwald zum neuen Leiter von Parteiarchiv und Partei­bibliothek. Grunwald suchte seine neue Aufgabe redlich mit seinen weiteren„Jobs“ als Geschäftsführer der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion und Lehrbeauftragter an der ­Berliner Arbeiterbildungsschule in Einklang zu bringen. 65 Max Grunwald konnte auf den Beständen der vereinigten Bibliotheken aufbauen. Stärken, Dichte und Güte des Bestandes lagen – nach den bewunde rungswürdigen Katalogisierungsleistungen – offen„wie ein Buch“. Auf diesem Bestand konnte er aufbauen. Bestandslücken wurden nun auch im gleichen Maße sichtbar und öffentlich, wie es das Jenaer Parteitagsprotokoll von 1905 kritisch vermerkte. 66 59 Bibliothek der socialdemokratischen Partei Deutschlands. Systematischer Katalog. Berlin, September 1901. 60 Hinrichsen,„Das Parteiarchiv“, a.a.O., S. 117. 61 Vorwärts, Nr. 251, 25. Oktober 1901. Die Bandangaben für die Bibliotheken schwanken in der Literatur. Die Gründe sind verständlich. Mehrbändige Werke lassen sich kaum als solche erkennen. Die mehrbändigen Zei­ tungsbände waren noch nicht restlos erfasst. Das gleiche gilt für die russischen Titel. Seriöserweise kann man den Bestand nur zwischen 8.000 und 10.000 Bänden schätzen. 62 Bibliothek der socialdemokratischen Partei..., a.a.O. 63 Stroscher, Die Heimannsche..., a.a.O., S. 86 f. 64 Die Bibliothek von Karl Marx..., a.a.O., S. 59. 65 Mayer,„Die Geschichte des sozialdemokratischen Parteiarchivs...“, a.a.O., S. 51. 66 Protokoll über die Verhandlungen des Parteitages der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Abgehalten zu Jena vom 17. bis 23. September 1905. Berlin, 1905, S. 53. 24 Wo lagen nun die Stärken? Wo die Schwächen? Durch Blättern im Katalog wird vieles deut­ lich. Die Schriften der bedeutendsten utopischen Sozialisten lagen in hoher Vollständigkeit in ihren Erstausgaben vor. Von den deutschen Frühsozialisten – von Karl Grün und Moses Heß angefangen – bis hin zu den namhaften Repräsentanten der deutschen Sozialdemokratie war die einschlägige Broschürenliteratur nahezu vollständig vorhanden. Die Schriften der Klassi­ ker Lassalle, Marx und Engels waren selbstverständlich mit ihren frühen Ausgaben präsent. Zeitschriften, an denen Marx und Engels mitgearbeitet hatten, waren als Belegexemplare ver­ treten. Die Bestände reichten von den Periodika der Französischen Revolution(„Le Moniteur universel“,„Le Point du jour ou Résultat de ce qui s’est passé la veille à l’Assemblée Nationale“) über die emanzipatorischen Blätter der französischen Hauptstadt der frühen vierziger Jahre(„Revue sociale, ou solution pacifique du problème du prolétariat“,„La Ruche ­populaire. Journal des ouvriers rédigé et publié par eux-mêmes“) hin zu den berühmten Zeitungen und Zeitschriften der englischen Chartistenbewegung(„Northern Star“,„Democratic Review of British and foreign politics, history and literature“). Es war aber die Dichte der Überlieferung der deutschen emanzipatorischen und sozialisti­schen Zeitschriften und Zeitungen, die neutrale Beobachter immer wieder in ungläubiges Erstaunen versetzte. 67 Unter diesen Raritäten befand sich das Organ des Bundes der Geächte­ten„Der Ge ächtete. Zeitschrift in Verbindung mit mehreren deutschen Volksfreunden“ und die Zeitschriften des Handwerkerkommunisten Wilhelm Weitling„Der Hülferuf der deut­schen Jugend“ und die Monatsschrift„Die junge Generation“. Im Pariser„Vorwärts“ hatte Karl Marx seine politischen Artikel gegen Arnold Ruge veröffentlicht. In den Blättern des„wahren“ Sozialismus„West phälisches Dampfboot“,„Rheinische Jahrbücher zur gesell­schaftlichen Reform“,„Deutsches Bürgerbuch“,„Der Gesellschafts-Spiegel. Organ zur Vert­retung der besitzlosen Klassen und zur Beleuchtung der gesellschaftlichen Zustände der Gegenwart“ war viel über die wirklichen sozialen Verhältnisse in Deutschland zu lesen. Natürlich fehlten in der Bibliothek die Blätter nicht, die stark unter dem Einfluss von Karl Marx standen:„Rheinische Zeitung“,„Deutsche Brüsseler Zeitung“,„Deutsch-Französische Jahrbücher“,„Kommunistische Zeitschrift“,„Neue Rheinische Zeitung“. Die allerersten Zeitungen von Arbeitern für Arbeiter der bürgerlichen Revolution von 1848/49 („Das Volk“,„Die Verbrüderung. Correspondenzblatt aller deutschen Arbeiter“) waren als Kostbarkeiten in der Bibliothek ebenso präsent wie die Blätter, in denen sich die Trennung der bürgerlichen von der demokratischen Demokratie manifestierte(„Freie Blätter“, Mülheim etc.). Die deutschsprachige Emigrationspresse(„Das Volk“, London) zählte zum Bibliotheksbestand wie die in Deutschland erschienenen Blätter, die der jungen Bewegung der Arbeiterbildungs vereine eine Stimme gaben(„Coburger Allgemeine Arbeiterzeitung“,„Göppinger Arbeiterzei tung“ etc.). Besonders stolz waren die SPD-Bibliothekare auf die sozialdemokratische Presse, die mit der Agitation Ferdinand Lassalles zu neuem Leben erwacht war. Die periodischen ­Publikationen des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins(ADAV) zu Lassalles Lebzeiten waren in der Bibliothek genauso vorhanden wie die Druckerzeugnisse sämtlicher„Spaltungen“ nach seinem Tode.(„Der Nordstern“, Hamburg,„Der Social-Demokrat“, Berlin,„Der Neue Social-Demokrat“, Berlin,„Freie Zeitung des Lassalle’schen Allgemeinen Deutschen ArbeiterVereins“,„Lassalle’sche Westentaschenz­ eitung für Arbeiter“). 67 Im Februar 1928 notierte der Zeitungswissenschaftler Alfred Schulz:„Das Archiv der SPD in Berlin besitzt eine außerordentlich reichhaltige Spezialbibliothek zur Geschichte der Partei im engeren Sinne, darüber hinaus auch viel zur Geschichte der ganzen sozialen Bewegung überhaupt. Ganz besonders wertvoll scheinen mir die für die Parteigeschichte wichtigen Zeitungen- und Zeitschriftenjahrgänge unter denen sich viele sehr seltene befinden.“ IISG Amsterdam, Bestand SPD Partei-Archiv. 25 Die Gründung der Parteibibliothek war von August Bebel ausgegangen. Er selbst hatte viel in die Bibliothek eingebracht. So waren die von August Bebel und Wilhelm Liebknecht geführte Gruppe der Eisenacher mit ihren Zentralorganen und einer gut geführten Lokalpresse in der Bibliothek präsent. Die Berliner„Demokratische Zeitung“, der„Dresdner Volksbote. Organ für die Interessen des gesamten Volkes“, das„Demokratische Wochenblatt“ und das von Wilhelm Liebknecht geleitete Zentralorgan„Der Volksstaat“ waren fast lückenlos vertreten. Fehlende Einzelnummern bei den„heiligen“ Zeitschriften wurden als besonders schmerzlich empfunden, und Komplettierungsbemühungen lassen sich bis 1933 verfolgen. Die Stärke der Bibliotheksbestände ist evident. Aber wo lagen ihre Schwächen? In den ver­ schiedenen Phasen der sozialdemokratischen Parteibibliotheken lassen sich immer wiederkeh­ rende Strukturelemente ausmachen: Mit hoher Sachkenntnis und mit hohem Engagement wurden die Bestände länger zurückliegender Perioden vervollständigt. Die Erwerbung aktu­ eller Erscheinungen geriet dabei manchmal aus den Augen. Nimmt man den Katalog der ­SPD-Bibliothek von 1901 und den von 1927 zum Vergleich, wird der Sachverhalt für die„Ära Max Grunwald“ besonders deutlich. Natürlich: Die„hohe Parteiliteratur“(„Neue Zeit“,„Sozialistische Monatshefte“) war lückenlos präsent. Ebenso waren die renommierten Partei­verlage J.H.W. Dietz Nachf., Vorwärts-Verlag, Birk, Wörlein, Verlag der Leipziger Buch­drucker etc. gut vertreten. Bei den regionalen Parteizeitungen klaffen indes schon große Lücken, das gleiche gilt für das lokale sozialdemokratische Schriftgut. Die SPD war nach dem Fall des Sozialistengesetzes zur Massenpartei geworden; ihre Publikationstätigkeit war in die Breite wie in die Tiefe gegangen. Mit der unzulänglichen Personalstruktur in Berlin war die gesamte Palette der blühenden Pub likationskultur nicht mehr zu dokumentieren. Aber auch auf anderen Gebieten konnten die eigenen Ansprüche nur teilweise eingelöst wer­ den: Es gelang Max Grunwald nur punktuell, das Gewerkschaftsschrifttum zu sammeln. Weder gab es eine halbwegs vollständige Überlieferung der Verbandszeitschriften noch eine halbwegs vollständige Überlieferung der Protokolle und Geschäftsberichte auf der nationalen Gewerkschaftsebene. Und noch ein Drittes muss erwähnt werden: Zu dem brillanten Bestand an wissenschaftlicher Literatur aus der Bibliothek von Karl Marx und Friedrich Engels konnten die Nachfolger fast nichts dazu tun. Dafür fehlten die Mittel und die nötige Infrastruktur zur Beobachtung des Buchmarktes. Der Parteiarchivar und Parteibibliothekar Max Grunwald war umfassend gebildet; er kannte „seine“ sozialistische Literatur, und er gab sich große Mühe. Mit aufrüttelnden Appellen an die Genossinnen und Genossen suchte er eine„möglichst komplette Sammlung aller auf die Arbeiterbewegung bezüglichen Literatur“ zusammen zu tragen. In Stil und Ton knüpfte er an die Aufrufe während der Zeit des Sozialistengesetzes an:„Um diesen Zweck zu erreichen, erin nern wir erneut daran, daß die Verleger sozialistischer Schriften, die Vorstände der Lan­des- und Provinzialorganisationen, die Gewerkschaften, die Partei- und Arbeitersekretariate, kurz alle Stellen, die sich mit Veröffentlichungen im Interesse der Arbeiterbewegung befas­sen, diese Publikationen an das Archiv gelangen lassen.“ 68 68 Protokoll über die Verhandlungen des Parteitages der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Abgehalten zu Jena...., a.a.O., S. 54. 26 Freiwilligkeit und Solidarität sind hohe Güter. Beide sind durch nichts zu ersetzen. Aber sie haben auch ihre Grenzen: Die sozialdemokratischen Maurer lieferten an die Bibliothek ab, die sozialdemokratischen Gärtner taten es nicht. Mangelnde finanzielle Mittel beim Erwerb neuer Literatur konnten durch den Erwerb wert­ voller geschlossener Privatbibliotheken ausgeglichen werden. Es waren vor allem die Privat­ bibliotheken, die wertvolle Einzelstücke und geschlossene Bestandssegmente bargen. Bis zu Grunwalds Ausscheiden im Jahr 1914 waren es die Büchersammlungen von August Bebel, Paul Singer, Ignaz Auer und Julius Motteler, die die Parteibibliothek bereicherten. 69 In diesem Zusammenhang muss auch die vertraglich vereinbarte Bücherleihgabe des vermögenden Fürsten David Bebutov genannt werden. Kein Vermächtnis ohne Konditionen. Bebutovs Son­ derwünsche bekräftigten u.a. August Bebel und Friedrich Ebert mit ihren Unterschriften. 70 Interpretiert man die parteigenössische Literatur über das Parteiarchiv richtig, so fügte Max Grunwald eine wichtige Erwerbungskomponente hinzu: Er initiierte regelmäßige Tauschbezie hungen mit den ausländischen Bruder- und Schwesterparteien, um die wichtigsten gedruckten Quellen der befreundeten Organisationen des Auslandes in Berlin verfügbar zu haben. 71 Freiwillige Abgaben von Verlagen und Zeitungsredaktionen, wertvolle Geschenke von Privatpersonen und kostenloser Tausch waren und blieben im Kaiserreich die wichtigsten„Erwerbungsstrategien“ der Parteibibliothek. Der Bücherzuwachs von Gönnern und Freunden darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Wachstum sich eher in bescheidenem Rah­men abspielte. Alle gemittelten Durchschnittswerte weisen auf einen jährlichen Zuwachs von höchs tens 500 Bänden hin. Der jährliche Literaturausstoß der deutschen und internationalen Arbei terbewegung lag um ein Mehrfaches höher. Die genaue Anzahl von Titeln und Bänden der Bibliothek im Kaiserreich wird sich nie genau ermitteln lassen. Im Kampf mit der Statist­ik von Titeln, Bänden und„Nummern“ lagen für die Verantwortlichen viele Fallstricke. Nimmt man die Angaben Jonny Hinrichsens zu Beginn der Weimarer Republik als eine seriöse Schätzung – und alles spricht dafür-, so bestand die Bibliothek 1919 aus ca. 14.000 Titeln, während die Bän dezahl(vor allem wegen der„nichtgezählten“ Zeitschriftenbände) signifikant darüber lag. 72 Bei aller kritischen Analyse im Detail: Keine andere Bibliothek auf der Welt konnte eine ver­ gleichbare Sammlung aufweisen. Weder eine staatliche Sammlung noch eine private Samm­ lung hatte Ähnliches zu bieten. Zu Recht taucht in allen Beschreibungen das Prädikat„ein­ malig“ auf. Die Benutzung der„Rüstkammer“: Trockene Zahlen und wirkliches Parteileben Wird in der zeitgenössischen sozialdemokratischen Literatur vom Parteiarchiv und seiner Bibliothek gesprochen, so nimmt die Sprache kriegerische Züge an:„Waffenkammer“,„Rüstkam69 Drahn,„Das Archiv...“, a.a.O., S. 54. 70 Mayer,„Die Geschichte des sozialdemokratischen Parteiarchivs...“, a.a.O., S. 55. IISG Amsterdam, Bestand SPD Partei-Archiv. 71 Hinrichsen,„Das Parteiarchiv“, a.a.O., S. 117 sprach 1928 über das Desaster des Kriegsausbruchs:„Der Aus­ bruch des Weltkrieges unterbrach mit einem Schlag die internationalen Verbindungen und Einsendungen vom Ausland.“ 72 Hinrichsen, Jonny:„Aus der Geschichte des Parteiarchivs“. In: Volk und Zeit, Nr. 8(1920), unpag. 27 mer“,„Arsenal“. Die eigenen gesellschaftlichen Utopien einer kommenden gerechten Welt wurzelten in der Vorstellung, die Geschichte„richtig“ zu interpretieren und daraus die„richtigen“ Schlüsse zu ziehen. Aus der historischen und gesellschaftlichen Ent­wicklung und aus der Parteigeschichte galt es zu lernen und daraus Handlungsanleitungen abzuleiten. Dafür waren Archiv und Bibliothek auch geschaffen worden. Die Nutzung der„Rüstkammer“ sollte dem großen Ziel dienen. Und natürlich war es die reiche Parteiliteratur, die im„Tageskampf“ gegen den politischen Gegner schützen und kluge Angriffe vorbereiten sollte. Über die wirkliche Alltagsnutzung vor dem Ersten Weltkrieg wissen wir nur wenig. Exakte Benutzungszahlen liegen nur für ein einziges Jahr vor. Paul Mayer spricht davon,„daß eine gewisse Scheu der Parteiführung vor der Publizität nicht zu verkennen“ sei. Schließlich waren die Er fahrungen aus der„sozialistengesetzlichen Zeit“ für die Verantwortlichen noch zu lebendig. Das Parteiarchiv war„bis zum Zusammenbruch der wilhelminischen Aera nur für wenige zugänglich und verwendbar“. 73 Nur das Protokoll des Essener Parteitages von 1907 gibt knappen Aufschluss über die Benutzerstruktur zwischen 1905 und 1907.Von 144 Benutz­ ern mit 258 Besuchen zum Arbeiten ist die Rede. Jährlich seien 234 Bände ausgeliehen word­ en. Von„bürgerlichen Schrift stellern und Gelehrten“ spricht das Protokoll. Die eigentliche parteiinterne Nutzung lag wohl in den brieflichen„literarischen Quellennachweisen und Materialzusammenstellungen“. 74 Auf Anforderung das„Richtige“ herauszusuchen, zusam­menzustellen und zu bewerten, darin lag der unmittelbare Nutzen der Bibliotheksbestände für den„Tageskampf“. Die Zeugnisse für die regelmäßige Alltagsnutzung sind heute in der Regel verschüttet. Gut dokumentiert hat sich hingegen die Benutzung der Parteibibliothek durch Rosa Luxemburg unmittelbar vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Ihr„Fall“ soll exemplarisch und lebendig den Gebrauchswert für die sozialdemokratische Tagespolitik dokumentieren. So und ähnlich werden sich andere Fälle abgespielt haben. Auf einer politischen Versammlung am 7. März 1914 in Freiburg im Breisgau hatte Rosa Lu xemburg im Laufe der Rede scharf die systematischen Soldatenmisshandlungen in der preußischen Armee gegeißelt. Die gespannte Aufmerksamkeit aller Zuhörer war ihr gewiss. Bereits im Februar 1914 war sie wegen scharfer Töne auf Parteiversammlungen angeklagt worden. Sie schilderte im Südbadischen einen exemplarischen Fall, um dann fortzufahren:„Es ist sicher eins von den unzähligen Dramen, die in den deutschen Kasernen tagaus, tagein sich abspielen und wo nur selten das Stöhnen der Gepeinigten zu unseren Ohren dringt.“ 75 Prompt klagte sie das preußische Kriegsministerium wegen Beleidigung und öffentli­cher 76 Verächtlichmachung der Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten an. Gemeinsam mit ihren Ver teidigern Paul Levi und Kurt Rosenfeld dachte sie sich eine unkonventionelle Strat­egie aus: Tausende von Zeugen sollten vorgeladen werden. Parallel sollten eine Fülle von Berichten aus bürgerlichen und sozialdemokratischen Quellen dokumentiert werden. Bereits am 8. Juni 1914 listete Kurt Rosenfeld – später selbst preußischer Justizminister – eine Fülle von Broschüren auf(„In Ihrer Strafsache müsste folgendes Material beschafft werden...“). Rosenfelds Angaben 73 Mayer,„Die Geschichte des sozialdemokratischen Parteiarchivs...“, a.a.O., S. 68. 74 Protokoll über die Verhandlungen des Parteitages der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Abgehalten zu Essen vom 15. bis 21. September 1907. Berlin, 1907, S. 52. 75 Zitat und Darstellung nach: Quack, Sibylle: Geistig frei und niemandes Knecht. Paul Levi – Rosa Luxemburg, politische Arbeit und persönliche Beziehung. Geringf. veränd. Ausg. Frankfurt/M., 1986, S. 85 f. 76 AdsD, Levi-NL, Nr. 255. Auf diese Fundstelle im Nachlass Paul Levi im Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung beziehen sich die folgenden Quellen. 28 waren indes hastig zusammengestellt und voller Fehler im Detail. Gleichwohl initiierte Rosa Luxemburg einen emsigen Briefwechsel mit diversen Parteiver­lagen. Viele Antworten aus dem Reich waren jedoch ernüchternd(„Diese beiden Broschüren sind vergriffen und auch trotz aller Mühe nicht mehr zu beschaffen.“) Ein Mitarbeiter der Buchhandlung Vorwärts stellte am 20. Juni 1914 vorsichtig und defensiv die entscheidende Frage:„An das Parteiarchiv, in dem auch die älteren Broschüren enthalten sind, haben Sie sicher schon gedacht.“ Rosa Luxemburg hatte nicht. Das Broschürenmaterial wurde rasch beschafft und für die Prozessvorbereitung ausgewertet. Wie ihr Lehrmeister Karl Marx„las“ Rosa Luxemburg engagiert und nutzte verschiedenfarbige Stifte, um sich die Pro­ zessvorbereitung zu erleichtern. Im Prozess konnte Paul Levi ausführen, die Verteidigung besitze Material von über 30.000 Fäl len von Soldatenmisshandlungen. Nicht wenig hatte die Parteibibliothek zu diesem guten Ergebnis beigetragen. Der Prozess wurde vertagt. Die sozialdemokratische Presse feierte die Vertagung als großen Sieg. Die ausgeliehenen Bücher, Broschüren und Zeitschriften gingen nicht in die Bibliothek des Parteiarchivs zurück. Der Ausbruch des Weltkrieges verhinderte dies. Einige liegen heute im Nachlass des Rechtsanwaltes Paul Levi. Der Weltkrieg brachte indes mehr als nur die Ordnung der Bücher in der„Rüstkammer“ der Sozialdemokratie„durcheinander“. Zusammenbruch – Neuaufbau – Blütezeit Für die Bibliothek war der Kriegsausbruch eine Katastrophe. Der internationale Literaturaus­ tausch brach zusammen. Sendungen der Bruder- und Schwesterparteien fielen der Beschlag­ nahme der Kriegszensur zum Opfer. Stattdessen wurde die Bibliothek mit einer Fülle von kriegsverherrlichenden Broschüren überschwemmt, die den Charakter der Bibliothek voll­ ständig veränderten. 77 Von der Parteiöffentlichkeit fast unbemerkt, hatte sich Max Grunwald von der Archiv- und Bibliotheksarbeit verabschiedet. 78 Sein Nachfolger, der Reichstagsabgeordnete Eduard David, konnte der fachlichen Bibliotheksarbeit während des Krieges keine Impulse geben. David hatte andere Sorgen. 1917 verabschiedete er sich von seinem Amt. Sein Nachfolger – Ernst Drahn – galt in der Zunft durchaus als Fachmann. Seine sozialistische Buchhandelsgeschichte(„Zur Entwicklung und Geschichte des sozialistischen Buchhandels und der Arbeiterpresse“), 1913 in Gauzsch in der Nähe von Leipzig verlegt, wies ihn als einen profunden Kenner der Materie aus. Sein unrühmlicher Abgang als„Neukommunist“ zu Beginn des Jahres 1920 und der ihm anhaftende Verdacht, Archivmaterial entwendet zu haben, ließen rasch aus dem Blickfeld geraten, dass Drahn in der revolutionären Umbruchphase viel und Gutes für die Parteibibliothek geleistet hatte. Er war seriöser Bibliograph des scheinbar minderwichtigen sozialistischen Broschürenschriftgutes und schätzte den Wert der Flugschriften der Revolu­tions- und Umbruch phase für die kommende historische Forschung richtig ein. Angesichts neuer Materialströme erkannte der Buchhandelshistoriker rasch die Unzulänglich­ keit der bestehenden Bibliothekssystematik und begann mit umfänglichen Revisionsarbeiten, 77 Hinrichsen,„Aus der Geschichte des Parteiarchivs“, a.a.O. 78 Zu den Einzelheiten seines Abganges s. Mayer,„Die Geschichte des sozialdemokratischen Parteiarchivs...“, a.a.O., S. 57 f. 29 die sein Nachfolger – Jonny Hinrichsen – zu einem guten Ende führte. Der gelernte Zimmerer Hinrichsen galt als solider„Parteiarbeiter“. Er widmete seine ganze Kraft der Benutzbarma­ chung und Erschließung der Bestände. Er fasste Beratung, bibliographische Auskünfte, Lite­ raturzusammenstellungen und Katalogisierungsarbeiten als echte„Dienstleistung“ auf. Bescheiden und unprätentiös im Auftreten, war er der richtige Mann am richtigen Ort. Seine Zusammenarbeit mit Paul Kampffmeyer erwies sich als eine glückliche Fügung. Der „geläuterte junge Wilde“ trat 1921 in den Dienst des Parteiarchivs als wissenschaftlicher Be rater ein. 79 Parallel zu seiner Archivtätigkeit schlüpfte er im Parteiverlag J.H.W. Dietz Nachf. in die Rolle eines wissenschaftlichen Lektors. Der ehemalige libertäre Sozialist ver­wandelte den traditionellen und angesehenen Verlag von einem trockenen„Nachdruckverlag“ sozialistischer Basisliteratur zu einem kulturell lebendigen Unternehmen, dessen Verlagspro­gramm bis hin zum sozialistischen Wanderführer reichte. Kampffmeyer sah Archiv-, Biblio­theks- und Verlagsarbeit als eine Einheit auf dem Weg hin zu einem umfassenden Kultur­angebot der Partei. Dem gedruckten Wort war der ehemalige Redakteur verschiedener Partei- und Genossenschaftszeitungen tief verpflichtet. Er galt als guter Pädagoge. Kampffmeyer gelang es offensichtlich, einen angemessenen Betrag für den regelmäßigen Lite raturerwerb zu sichern, so dass erstmals an eine planvolle bibliothekarische Bestandse­ rgänzung gedacht werden konnte. Jedoch blieben auch in der ersten deutschen Republik die Segmente Tausch und Geschenk die wichtigsten Erwerbungsarten. Von den Erfolgen auf die­sem Sektor berichteten regelmäßig die Jahrbücher der Partei. 80 Hinrichsen fügte ein weiteres aktives Erwerbungsmoment hinzu, indem er vor und nach Wahlkämpfen gedruckte Werbe­materialien der Parteien einsammelte. 81 In Deutschland sollte noch ein weiteres halbes Jahr­hundert vergehen, ehe diese Art der Literaturerwerbung„hoffähig“, akzeptiert und schließlich sogar gefördert wurde. Die Beendigung der sozialdemokratischen Parteispaltung und die Rückkehr der„Rest-USPD“ zur sozialdemokratischen Mutterpartei im September 1922 brachte auch die Rückführung der USPD-Parteibibliothek. 82 1920 hatten durchgängig alle bedeutenden Bildungs- und Kultur­ politiker der unabhängigen Sozialdemokratie den Weg zur Kommunistischen Partei Deutsch­ lands abgelehnt. Sie kehrten mit„ihrer Bibliothek“ zur SPD zurück. Die wertvollen USPDBestände prägte das gleiche Strukturelement wie die Mutterbibliothek: Nahezu vollständige Überlieferung der Broschüren- und Zeitschriftenbestände; große Lücken bei der Überliefe­rung der reichen lokalen und regionalen Zeitungskultur. 83 79 Mayer, ebda., S. 70. 80 „Einen nicht unerheblichen Teil der Eingänge verdankt das Archiv den Parteiverlagsgeschäften durch Zusen­ dung eines Freiexemplars ihrer Neuerscheinungen. Auch der Verlag des ADGB und mehrere mit der Partei sympathisierende Verleger, Institute und Privatpersonen tragen in derselben Weise dazu bei, die Sammlungen des Archivs laufend zu ergänzen.“ Jahrbuch der Deutschen Sozialdemokratie für das Jahr 1928, S. 182. 81 IISG Amsterdam, Bestand SPD Partei-Archiv. 82 Die Bestände sind dokumentiert„Literatur der ehemaligen Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands“. In: Bibliothek der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Systematischer Katalog. Berlin, Dezember 1927, S. 953 f. 83 Zu den USPD-Zeitungen s. Wheeler, Robert: Bibliographie und Standortverzeichnis der Unabhängigen Sozial­ demokratischen Presse von 1917-1922. In: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, H. 6(Juni 1968), S. 35 f. 30 In der Zwischenzeit war Großes geschehen: Der exzellente Ruf der Bibliotheksbestände war auch dem Preußischen Ministerium für Wissenschaft und Volksbildung nicht verborgen geblieben. Dort hatte bis April 1921 Konrad Hänisch, Verfasser zahlreicher politischer, kul­ turpolitischer und literarischer Werke und ehedem Leiter der„SPD-Flugschriftenzentrale“, das Sagen gehabt. Im größten Krisenmonat der Weimarer Republik wurde aus seinem ehem­ aligen Ministerium die Bibliothek unter„Denkmalschutz“ gestellt. Am 19. November 1923 teilte das Ministerium mit:„Die Bibliothek der sozialdemokratischen Partei hat ein besonde­res wissenschaftliches und geschichtliches Interesse für die Allgemeinheit und genießt daher den Schutz der Verordnung über den Schutz von Denkmälern und Kunstwerken vom 8. Mai 1920.“ 84 Dieses„Adelsprädikat“ verlieh viel Schwung. Die SPD verstand sich seit ihrer Gründung als „Kulturpartei“. Dieser Anspruch blieb auch in der Weimarer Republik ungebrochen. Nicht nur Intellektuelle aus der Führungsgruppe der Partei„lasen“. Mit Stolz wurden allenthalben Arbeiterbibliotheken präsentiert. Die zentrale SPD-Parteibibliothek profitierte während der kurzen Spanne dreizehnjähriger Demokratie enorm von dieser Politik- und Lebenshaltung. Zu Leb zeiten wurden„in Weimar“ erste testamentarische Verfügungen und Willenserklärungen zu Gunsten der Parteibibliothek getroffen. Die testamentarische Verfügung des gelernten Malers, Präsidenten des Preußischen Landtages und SPD-Parteikassierers Friedrich Bartels hat sich auf glückliche Weise erhalten.(„Aus der Bibliothek des Unterzeichneten soll das parteigeschichtlich Wertvolle dem Archiv der Sozialdemokratischen Partei, Berlin[...] nach freier Auswahl unentgeltlich überlassen werden.“) 85 Sie atmet den Geist des neuen Mäzenat­entums in der Arbeiterbewegung. Die Nachlassbibliothek des Hamburgers fiel in der Schlussphase der Weimarer Republik ebenso an die SPD-Parteibibliothek wie die des überraschend verstorbenen letzten soziald­ emokratischen Reichskanzlers Hermann Müller. Zu„Ehren der Verstorbenen als eifrige Bücher- und Schriftensammler“ erhielten beide„umfangreiche und wertvolle Sammlungen“ in sich abgeschlossene Standorte. 86 Mit dieser fast amerikanisch anmutenden Methode beschritt die Archiv- und Bibliotheksleitung Neuland und deutete damit auch gleichzeitig an, wie eng sich mittlerweile das Verhältnis von Funktionsträgern und Parteiarchiv und Parteib­ ibliothek entwickelt hatte. Wohl der größte wissenschaftliche Zugewinn in der Weimarer Republik lag 1932 im Erwerb der Privatbibliothek Eduard Bernsteins. Nach dem Tod des großen alten Mannes der Sozial­ demokratie, der in der Londoner Emigration im eigenen Hause Archiv und Bibliothek Heim­ statt geboten hatte, war die Bibliothek in Parteibesitz übergegangen 87 , ohne dass sie ordentlich in den Gesamtbestand integriert werden konnte. Interpretiert man die diversen Quellen richtig, so lag das reale Wachstum der Parteibibliothek jährlich bei rund 500 bis 800 Titeln. 88 Hinrichsens letzte seriöse Zahlenangabe spricht 1928 von 15.326 Werken in 20.919 Bänden. 89 Rechnet man den großen Zuwachs von Privatbiblio­ theken am Ende der Weimarer Republik hinzu und berücksichtigt die Tatsache, dass die Bib­ 84 Hinrichsen,„Das Parteiarchiv“, a.a.O., S. 119. 85 IISG Amsterdam, Bestand SPD Partei-Archiv. 86 Jahrbuch der Deutschen Sozialdemokratie für das Jahr 1931, S. 171. 87 Die Bibliothek von Karl Marx und Friedrich Engels..., a.a.O., S. 68. 88 IISG Amsterdam, Bestand SPD Partei-Archiv. Jahrbuch der Deutschen Sozialdemokratie für das Jahr 1927, S. 212. 89 Hinrichsen,„Das Parteiarchiv“, a.a.O., S. 119. 31 liothek Zeitschriftenbände nicht einzeln zählte, so konnte die Parteibibliothek zu Beginn des Jahres 1933 mehr als 30.000 Bände mustern. Der sozialdemokratische Bundestagsabgeordn­ ete und Schöpfer der Bundestagsbibliothek, Wilhelm Gülich, schwärmte Jahre später noch von der „Einmaligkeit dieser Einrichtung“ 90 , deren Exklusivität entgegen dem„Widerstand fast aller damaliger Bibliotheksleiter“ darin begründet war,„Broschürensammlungen – besond­ ers wenn sie von sozialistischen Verfassern stammte – in ihre Sammlungen aufzunehmen“. 91 Erschließung – Nutzung – Öffentlichkeitsarbeit und Vernetzung Die Diskussion über neue Erschließungsmethoden der SPD-Bibliothek reichte bis in die Vor­ kriegszeit. Während des Weltkrieges strömte eine Fülle von Materialien in die Bibliothek, die mit der althergebrachten Heimannschen Systematik nicht mehr zu ordnen war. Spätestens die Spaltung der politischen Arbeiterbewegung machte eine neue„Systematik“ notwendig. Hinrichsen und Kampffmeyer arbeiteten an diesem Projekt mehrere Jahre. 1927 war es dann soweit: Der neue dreibändige Katalog umfasste 1020 maschinenschriftliche Seiten. Das zwingend notwendige komplementäre Arbeitsmittel – ein Formalkatalog in Zettelform – war über die ganzen Jahre akribisch gepflegt worden. Der Katalog war kein Unikat. Er wurde in einer kleinen Auflage gedruckt und vertrieben. Zur Überraschung der Parteibibliothekare selbst forderten große deutsche Bibliotheken den Katal­og an und nutzten ihn für Fernleihbestellungen. Diese Wünsche auf das„Herzstück“ der Bibliothek waren kein Zufall. Hatte die Parteibibliothek bis Kriegsende eher eine parteipoliti­sche Binnenrolle gespielt, trat sie nach der Novemberrevolution ins Licht der wissenschaftli­chen Forschung. Bislang Fernstehende nahmen von der reich bestückten Bibliothek Notiz, suchten sie auf und begannen, die ehedem„exotischen“ Bestände zu nutzen. Der Autodidakt Jonny Hinrichsen griff zur Erklärung dieses Phänomens das in der deutschen Sozialdemokratie weitverbreitete Schlagwort vom„Marxismus wider Willen“ auf,„der sich in aller Forschung zeigt“. 92 Die Sozialdemokratie war auf vielen staatlichen Gebieten in die Verantwortung gelangt. Sie griff auf alte Ideen zurück und entwickelte neue. Der liberale und demokratische Wissenschafts­ betrieb reagierte seit den frühen zwanziger Jahren auf die radikalen politischen Veränderun­gen. Eine Fülle von Dissertationen zur Funktion, Struktur und Theorie der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften wurden an den deutschen Hochschulen initiiert. 93 Natürlich war es nur ein kleiner Kreis„fortschrittlicher“ Hochschullehrer, die diese Arbeiten betreuten und förderten. Bei den behandelten Themen dominierten die konkreten gesellschaftspolitischen Lösungsansätze der Sozialdemokratie in der Alltagspolitik(Sozialversicherung, Wirtschaftsd­ emokratie, Reparationspolitik etc.). Von der„Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft“ unterstützt, begannen deutsche Bib­ liotheken in den zwanziger Jahren, sich für ihre Wissenschaftler gegenseitig Bücher auszulei­ 90 Gülich, Wilhelm:„Bibliotheken und Archive, sozial- und wirtschaftswissenschaftliche“. In: Handwörterbuch der Sozialwissenschaften, Bd. 2, Stuttgart, 1959, S. 204. 91 Ebda. 92 Hinrichsen,„Das Parteiarchiv“, a.a.O., S. 120. 93 Siehe Emig, Dieter und Rüdiger Zimmermann: Arbeiterbewegung in Deutschland. Ein Dissertationsverzeich­ nis. Berlin, 1977. 32 hen. Die SPD-Bibliothek spielte in diesem System eine wichtige Rolle. Vielfach konnten die Verantwortlichen berichten:„Auffallend stark war die Nachfrage nach Literatur von auswärts. Besonders angefordert wurden Werke aus dem Gebiet der Sozialwissenschaften und des Sozialismus(Marxismus). Nicht minder verlangt wurden einzelne Jahrgänge ‚Die Neue Zeit’ und der Parteitagsprotokolle.[...] Die rege Nachfrage nach diesen Materialien findet wohl ihre Er klärung darin, dass die Universitäten sich mehr oder weniger mit dem wissenschaftlichen Sozi alismus auseinandersetzen, ihre Bibliotheken auf diesem Gebiet versagen vollkomm­ en.“ 94 In der Ausleihe nach außerhalb, die„grundsätzlich gar nicht zulässig sein soll“ 95 , lag viell­eicht die wichtigste Funktion der SPD-Parteibibliothek in der ersten deutschen Republik. Als Literaturspeicher hatte die Bibliothek die„richtigen Bücher“ gesammelt, die man sonst in Deutschland vergeblich suchte. Zu Ende der Weimarer Republik hatten Archiv und Bibliot­hek den technischen Standard erreicht, um mit Hilfe neuer Reproduktionstechniken spezielle Literaturwünsche zu erfüllen. Die Möglichkeit der preisgünstigen photographischen Repro­duktionen stieß das Tor zu gänzlich neuen Benutzungsmöglichkeiten und zu neuen Benutzers­ chichten weit auf. Alle Keime waren angelegt, die SPD-Parteibibliothek zu einer großen bedeutenden Spezial­ bibliothek in der Literaturversorgung des Deutschen Reiches zu machen. Die nationalsozia­ listische Machtergreifung verhinderte die Entfaltung des gesamten Potentials der Bibliothek. Wie sah es nun mit der Benutzung vor Ort aus? Wer„las“ in Berlin? Und zu welchem Zweck wurden die Bücher nach auswärts ausgeliehen? Die Jahrbücher der Partei geben darüber hin­ länglich Auskunft. Die„harte“ langfristige wissenschaftliche Präsenzbenutzung lag in der Hauptstadt jährlich bei knapp einhundert Personen(1929: 94 Benutzer, 76 männliche, 18 weib liche; 1930: 97 Benutzer, 64 männliche, 23 weibliche). 96 Diese Zahl scheint nur auf den ersten Blick gering, verbergen sich hinter dieser Statistik doch nur die Berliner„Kunden“. Stolz listeten die Bibliotheksverantwortlichen Jahr für Jahr die Themen der Arbeiten auf, die mit Hilfe der eigenen Materialien entstanden. Nimmt man verschiedene Hilfsmittel zusam­ men, so lassen sich einige der Themen gut rekonstruieren. Die konkreten Abschlussarbeiten illustrieren treffend den neuen Wissenschaftstrend der jungen Republik und die Rolle, die die Parteibibliothek in diesem Prozess spielte. Ganz sicher(oder mit hoher Wahrscheinlichkeit) entstanden folgende Arbeiten mit Hilfe der hochspezialisierten Bibliotheksmaterialien: Arndt, Johanna: Die Stellung der Sozialdemok­ ratie zur Agrarfrage. Diss. Halle, 1930; Fischer, Elfriede: Grundlagen der Interpretation der Politik der deutschen Sozialdemokratie durch die sozialdemokratische Presse. Diss. Heidel­berg, 1928; Gartner, Theodor: Sozialdemokratische Partei und Strafrecht. Diss. Freiburg, 1930; ­Grote­, Ernst: Betrachtungen zum sozialdemokratischen Agrarprogramm des Kieler Parteitages. Diss. Berlin, 1930; Hirschberg, Wolfgang: Landwirtschaftskrise und Sozialdemo­kratie. Analyse und Kritik des Kieler Agrarprogramms von 1927 unter Berücksichtigung der gegenwärtigen Ag rarsituation in Deutschland. Diss. Heidelberg, 1930; Lange, Gerhard: Die Stellungnahme der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands zum Allgemeinen Teil des Strafgesetzentwurfes von 94 Jahrbuch der deutschen Sozialdemokratie für das Jahr 1928, S. 101. 95 Ebda. 96 Jahrbuch der deutschen Sozialdemokratie für das Jahr 1929; S 221, Jahrbuch der deutschen Sozialdemokratie für das Jahr 1930, S. 258. 33 1927. Diss. Heidelberg, 1933; Goldenberg, Boris: Beiträge zur Soziologie der deutschen Vor kriegssozialdemokratie. Diss. Heidelberg, 1932. Mit Scharfsinn und detektivischem Gespür ließe sich die Liste leicht erweitern. Durch alle Benutzeranfragen ziehen sich – wie ein roter Faden – die Klagen über die Unzu­ länglichkeiten der deutschen Bibliotheken.(„Hierdurch bitte ich höflichst, die Benutzung Ihrer Sammlung gestatten zu wollen. Ich arbeite an einer Dissertation über die Lage des Proletariats vor 1848 und benötige dazu Schriften, die in anderen Bibliotheken nicht erhältlich sind.“) 97 Einige wenige Hochschullehrer besuchten die Bibliothek selbst. Sogar die ersten Schüler wagten sich für ihre Referate in den eindrucksvollen Bau in der Lindenstraße. 98 Natürlich griff auch die verbandseigene Gewerkschaftsgeschichtsschreibung, die ansehnliche Werke produzierte, auf das gedruckte Gedächtnis der deutschen Arbeiterbewegung zurück, zumal sich unter den Beständen die Zeugnisse der frühen Gewerkschaftsbewegungen erhalten hatten(„Botschafter“, „Concordia“,„Wanderer“). Der Redakteur des„Tabakarbeiters“, Ferdinand Dahms 99 , ließ sich für seine Geschichte der ältesten deutschen Gewerkschaft ebenso von Paul Kampffmeyer sach kundig und kompetent beraten wie der preußische Landtagsabgeordnete Karl Helfenberger für seine„Geschichte der Böttcher-, Küfer- und Schäfflerbewegung“. In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts holte die Parteibibliothekare jäh die Überlie­ ferungsgeschichte der eigenen Sammlung ein. War man in den achtziger Jahren noch recht sorglos mit den Büchern der beiden„Altmeister“ Karl Marx und Friedrich Engels umgeg­ angen, begannen Wissenschaftler vierzig Jahre später Buch für Buch in die Hand zu nehmen, um Leseund Gebrauchsspuren herauszufiltern und sie für die Marx-Engels-Gesamtedition nutzbar zu machen. Als mit der Herausgabe der Gesamtausgabe begonnen wurde, stellte sich fast zwangsläufig die Frage nach dem Verbleib der beiden Privatbibliot­heken. David Borisovic Rjazanov, Direktor des Moskauer Marx-Engels-Instituts, beauftragte Ende 1924 den Menschewisten ­Boris­ Ivanovic Nikolaevskij mit der Durchsicht der SPD-Bibliothek. Nikolaevskij, der trotz seiner antibolschewistischen Grundeinstellung als Berliner Korrespondent des Moskauer Marx-EngelsInstituts fungierte, unterzog sich dieser„Knoc­ henarbeit“ und erstellte ein Verzeichnis, in dem 1.130 Titel in 1.414 Bänden beschrieben wurden. Diese„Nikolaevskij-Liste“ sollte über Jahre hinweg Forschern auf den Spuren von Marx und Engels eine besondere Richtschnur sein. 100 Sicher: Auf die wissenschaftliche Nutzung der Bücher waren die Verantwortlichen in der Lindenstraße in Berlin nicht wenig stolz. Die Nutzung der„gelehrten Schatzkammer“ lag ganz in der Intention von Paul Kampffmeyer. Diejenigen, die den Schatz bezahlten, erwar­teten allerdings auch reiche„Zinsen“. Die eher zufällig und sporadisch überlieferten Benut­zungsanfragen vermitteln eine hinlängliche Impression, wie sich die„Zinsentwicklung“ gestaltete. Vergriffene Broschüren wurden an Mitarbeiter des Parteivorstandes ausgeliehen, die Vorwärts-Redaktion suchte Belege und Zitate, der Herausgeber der„Neuen Zeit“ benöt­igte Quellen, SPD-Reichs 97 IISG Amsterdam, Bestand SPD Partei-Archiv. 98 Ebda. 99 AdsD Bonn, Bestand PV, Archiv/Bibliothek, Nr. 02277. Die Arbeit von Ferdinand Dahms konnte allerdings erst nach 1945 fertiggestellt werden. 100 Sperl, Richard:„Die Marginalien in den Büchern aus den persönlichen Bibliotheken von Marx und Engels. Ihr Stellenwert für biographische und wissenschaftliche Forschungen – Möglichkeiten und Grenzen ihrer Edition“. In: Editio. Internationales Jahrbuch für Editionswissenschaft. 9(1995), S. 152 f. 34 tagsabgeordnete liehen aus, der Journalist Felix Fechenbach suchte unermüdlich Material 101 für seinen publizistischen Kampf gegen den Nationalsozialismus. Paul Kampffmeyer wollte allerdings mehr. Sein Anspruch von Arbeiterbildung ging weiter. Der Kulturexperte der Partei wollte vergriffene Quellen wieder zugänglich machen und durch „Buchausstellungen“ und Dokumentationen pädagogisch anleitend aufklären. Wenigstens die „goldenen zwanziger Jahre“ gaben ihm die Möglichkeit zu zeigen, welche kulturpolitischen Strategien er intendierte. Als ersten großen Nachdruck in Faksimile legte er das vollständige Exemplar der„Neuen Rheinischen Zeitung“ im Verlag J.H.W. Dietz Nachf. auf. Als Original diente ihm das in Berlin befindliche Bibliotheksexemplar. 102 Dieses kommerziell gewagte Unternehmen 103 versprach richtungsweisend zu werden. In seiner Eigenschaft als Verlags-, Archivund Bibliotheksverantwortlicher hatte er alle Möglichkeiten, weitere Nachdrucke auf den Weg zu bringen. An Nachfrage mangelte es im deutschen Bibliothekswesen nicht. Jedoch unterband die Weltwirtschaftskrise alle weiteren Überlegungen. Die weiteren kulturellen Ambitionen Kampffmeyers wurden schlaglichtartig durch seine 1928 im Dietz-Verlag veröffentlichte Jubiläumsschrift„Unter dem Sozialistengesetz“ und die große Zeitungsschau auf der Historischen Ausstellung der SPD im Hause der Arbeiterpresse auf der „Pressa“ in Köln beleuchtet. In beiden Projekten spielte die Bibliothek eine Schlüsselr­olle. In der Dokumentation„Unter dem Sozialistengesetz“ wurde der Zusammenbruch der Zwangsmaßnahmen gegen die Sozialdemokratie mit Reproduktionen aus Parteizeitungen und einpräg samen Karikaturen aus der Parteipresse gefeiert. Auf der„Pressa“ präsentierte Kampffmeyer die gesamte Parteigeschichte in Form ihrer zentralen Publikationen. 104 Zu Ende der Weimarer Republik war die SPD-Bibliothek mehr als ein„Broschürenlager“ und ein„Zeitungskeller“, in dem exquisite Bestände nur einer handverlesenen Schar von Exper ten bekannt waren. Die Bibliothek unterstützte die praktische Parteiarbeit, in der Kultur und Bil­dung einen hohen Stellenwert genossen. Die Bibliotheksbestände wurden von der wissen­ schaftlichen Öffentlichkeit angenommen und genutzt. Die Marx-Engels-Forschung hatte die Bibliothek quasi als Forschungsstätte wieder entdeckt. Alle Elemente waren vorhanden, die Bibliothek in das deutsche Wissenschaftsnetz zu integrieren. Eine lebendige Öffentlichkeits­ arbeit bezog die Schätze aus der„Waffenkammer“ aktiv mit ein. Der Nachdruck von zentra­len Parteiquellen vernetzte die Bibliothek mit dem sozialdemokratischen Verlagswesen. Die sozialdemokratische Parteibibliothek hatte ihre große Zukunft noch vor sich. Die nationalsozialistische Barbarei zerschlug vieles, nur einiges konnte gerettet werden. Auf manche entwickelte Idee konnte Jahre später, in einem demokratischen Deutschland, erfolg­ reich aufgebaut werden. Das einzigartige Ensemble der Sammlung der Bibliothek ging indes 1933 mit vielen anderen Bibliotheken der Arbeiterbewegung unter. Nicht wenige Funktionäre der Sozialdemokratie konnten sich mit diesem Verlust nicht abfinden. Ihre Idee von einer gro ßen Zentralbibliothek der Arbeiterbewegung blieb lebendig. 101 IISG Amsterdam, Bestand SPD Partei-Archiv. 102 Jahrbuch der deutschen Sozialdemokratie für das Jahr 1928, S. 181. 103 Die originalgetreue Wiedergabe in zwei Bänden durch das Wincor-Offset-Verfahren wurde über den Verlags­ buchhandel zum Preis von 130 Mark angeboten. Siehe Gesamtverzeichnis des deutschsprachigen Schrifttums (GV). Bd. 149, München, 1981, S. 14. Dies entsprach dem Monatsgehalt eines ungelernten Arbeiters. 104 Führer durch die Historische Ausstellung der SPD im Hause der Arbeiterpresse auf der Pressa zu Köln Mai – Oktober 1928, Köln, 1928. 35 Mut – Rettung – Zerstreuung Der Machtantritt Hitlers bedrohte die gesamte Arbeiterbewegung: einfache Mitglieder, Funk­ tionäre, Gewerkschaftshäuser, Selbsthilfeorganisationen, Parteieinrichtungen. Natürlich war auch das Parteiarchiv mit seinen wertvollen Materialien und seinen – oftmals respektvoll/ respektlos genannten –„Reliquien“ gefährdet. Barbarisch-totalitäre Herrschaftssysteme suchen sich in ihrer Unterdrückungspraxis Symbole. Das Parteiarchiv mit den persönlichen Papieren und den Büchern der verhassten Sozialisten war ein solches Symbol, an dem sich Allmachtsphantasien entzündeten. Das Schicksal und die dramatische Rettungsaktion des Marx-Engels-Nachlasses und anderer wertvoller Papiere ist in der Literatur oft beschrieben worden. Existierte bis 1933 das eigentl­iche Archiv und die Bibliothek im Vorstandsgebäude der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands als wissenschaftliche und dokumentarische Einheit, so konzentrierten sich die Rettungsbemühungen ab Frühjahr 1933 auf das Archiv im engeren Sinne. Schon aus logistischen Gründen verbot es sich, über die Rettung der Bibliotheksbestände über haupt nachzudenken. Selbstverständlich gab es auch couragierte Versuche, Buch- und Zeit schriftenbestände zu retten. Der Parteiarchivar und Parteibibliothekar Jonny Hinrichsen spiel te bei diesen Versuchen eine herausragende Rolle; seinen Mut und seine Zivilcourage gilt es besonders herauszustreichen. Zum einen packten Vertrauensmänner der Partei beim legalen Abtransport des russisch-menschewistischen Archivs nach Paris auch deutsches Bibliotheks­gut bei. 105 Zum anderen verstaute Jonny Hinrichsen in Kisten Zeitschriften, Zeitungen, Bücher und Broschüren, die er im Frühjahr 1933 versteckte. Erst im August 1935 traf diese Sendung im Internationalen Institut für Sozialgeschichte(IISG) Amsterdam ein. 106 Mit dem Verkauf des Parteiarchivs an das IISG Amsterdam 107 gingen auch die vorab nach Amsterdam geretteten Druckwerke später in den Besitz des niederländischen Instituts über. Unter den geretteten und nach Amsterdam verbrachten Materialien befanden sich eine Reihe seltener Periodika, die zum ganzen„Gold“ der Parteibibliothek zählten.(„Deutsche Arbeiter­ halle“,„Deutsche Arbeiter-Zeitung“ von 1848,„Neue Oder-Zeitung“, Breslau etc.) 108 Daneben war in großer Hast auch bibliothekarische„Dutzendware“ beigepackt worden. Die vor dem Zugriff der Nationalsozialisten gesicherten Bibliotheksbestände waren in den kommenden Jahren auf das engste mit der Geschichte des Bibliotheksbestandes des IISG Amsterdam verflochten. Nach der Besetzung der Niederlande durch deutsche Truppen konfiszierte der„Sonderstab Ro senberg“ die Buchbestände und transportierte sie 1944 auf Schleppkähnen nach Deutsch­land ab. 109 Suchaufrufe der deutschen Sozialdemokratie nach Kriegsende zeigten ungeahnte Erfolge: 105 Mayer,„Das Schicksal des sozialdemokratischen Parteiarchivs...“, a.a.O., S. 90 f. 106 „Hinrichsens Sachverzeichnis“ ist abgedruckt bei Mayer, ebda., S. 162 f. 107 Zum Verkauf des Archivs vgl. die Edition von Marlis Buchholz, Bernd Rother, Der Parteivorstand der SPD im Exil. Protokolle der Sopade 1933-1940. Bonn, 1995, passim(Archiv für Sozialgeschichte, Beiheft 15). 108 Die wichtigsten Titel der„Hinrichsen-Liste“ liegen in der Zwischenzeit als Reprints der Forschung vor. Im Februar 2001 kam es zwischen der Leitung des IISG Amsterdam und der Leitung der Bibliothek der FriedrichEbert-Stiftung zu einer Übereinkunft, in Bonn fehlende Titel zu verfilmen. Bei der Sicherheitsverfilmung der Archivalien aus dem„alten“ SPD-Parteiarchiv in den Jahren 1976/77 waren die gedruckten Periodika im Ver­filmungsprojekt der Friedrich-Ebert-Stiftung aus finanziellen Gründen nicht berücksichtigt worden. Mündliche Mitteilung von Dr. Horst Heidermann an den Verfasser. 109 Scheltema-Kleefstra, Annie Adama:„Erinnerungen der Bibliothekarin des IISG Amsterdam“. In: Mitteilungs­ 36 Mitglieder entdeckten die Amsterdamer Bibliothek im Frühjahr 1946 auf der Weser und gaben sie ihrem rechtmäßigen Besitzer zurück. Die wertvollen Materialien aus der alten SPD-Biblio thek waren Bestandteil dieser spektakulären Rettungsaktion, auf die Vorstands­mitglieder der deutschen Sozialdemokratie nicht wenig stolz waren. Eine weitere Rettungsaktion vor nationalsozialistischem Zugriff, die Paul Mayer beschreibt, und die scheinbar ihr gutes Ende in der Deutschen Bücherei in Leipzig fand, ist in der biblio­ graphischen Fachliteratur häufig aufgegriffen worden. 110 Der Mitarbeiter des Parteivorstandes Alfred Flatau habe Kisten aus dem Vorstandsgebäude an die Deutsche Bücherei geschickt, „in der Hoffnung, Bibliothekare würden schon alles aufheben“. 111 Die Leiterin der Deutschen Bücherei und stellvertretende Generaldirektorin der Deutschen Bibliothek, Frau Irmgard Spencker, konnte diesen Sachverhalt allerdings nicht bestätigen. 112 Im Juni 1933 besetzten„Ordnungskräfte“ das Parteivorstandsgebäude der SPD und beschlag­ nahmten Archiv und Bibliothek. Nahezu die gesamte Bibliothek wurde dem Geheimen Staatsarchiv in Berlin-Dahlem zugewiesen. 113 Die reichen einmaligen Bestände weckten sofort Be gehrlichkeiten. Vor allem die Generaldirektion der Preußischen Staatsbibliothek suchte sich der SPD-Bibliothek zu bemächtigen. Im Februar 1936 war das Geheime Staats­archiv gezwun gen, 6700 Titel der sozialdemokratischen Sammlung an die Staatsbibliothek abzugeben. Das Schicksal der Staatsbibliothek, die Auslagerung, Zerstörung und Zerstreuung ihrer Bestände, bestimmte künftig auch die Geschichte der zwangsrequirierten„SPD-Bücher“. Weiterhin konnte sich das dem Auswärtigen Amt nahestehende Institut für Staatsforschung an der Universität Berlin 1940 mit 3.618 Titeln aus dem Geheimen Staatsarchiv„bedienen“. Dem Statistischen Seminar der Universität gelang es, ca. 1.300 Titel aus der SPD-Bibliothek in sei nen Besitz zu bringen. 114 In den letzten Kriegsjahren lagerte das Institut für Staatsfors­ chung seine Bibliotheksbestände auf das Gebiet der heutigen Tschechischen Republik aus. Nach Kriegs ende gelangten diese Bestände in den Besitz verschiedener Prager Bibliothek­ en. 115 Zu Beginn der sechziger Jahre begann das Antiquariat Sauer& Auvermann, Altbestände aus staatlichen Einrichtungen damaliger Comecon-Länder aufzukaufen. Bibliotheken trennten sich (oder mussten sich trennen) von Mehrfachexemplaren und wenig benutzter Literatur, um über den internationalen Antiquariatsmarkt als Devisenbeschaffer zu fungieren. Das Frankf­ urter Antiquariat Sauer& Auvermann war in der Lage, bei diesen Transaktionen Teile der Bibliothek des Instituts für Staatsforschung zu erwerben. 116 Unbemerkt wurden damit Seg­mente der alten SPD-Bibliothek wieder nach Deutschland transferiert. Einige Bücher gelangt­en in die Friedrichblatt des Instituts zur Geschichte der Arbeiterbewegung Bochum(1979), H. 4, S. 9 f. 110 Rösch-Sondermann, Hermann: Die Bibliotheken parteinaher Stiftungen, am Beispiel der Bibliotheken der Konrad-Adenauer-Stiftung und der Friedrich-Ebert-Stiftung. Assessorarbeit Köln, 1989, S. 47. 111 Mayer,„Das Schicksal des sozialdemokratischen Parteiarchivs...“, a.a.O., S. 92 f. 112 Schriftliche Mitteilung an den Verfasser vom 9. 2. 2001. 113 Die Bibliotheken von Karl Marx und Friedrich Engels, a.a.O., S. 64 f. 114 Ebda., S. 65. 115 Ebda., S. 72. 116 Hintergründe dieses Buchtransfers konnten leider nicht mehr aufgeklärt werden. Schriftliche Mitteilung des Geschäftsführers Dr. Michael Simon des heutigen Verlages Keip& Auvermann vom 7.2.2001 an den Verfasser. 37 Ebert-Stiftung. 117 Unwissentlich erwarben auch die Bibliothek für Ver­waltungswissenschaft in Speyer und die Bibliothek des Deutschen Bundestages sozialdemok­ ratisches Eigentum. Auf Veranlassung der ehemaligen Präsidentin des Deutschen Bundestages, Annemarie Renger, übergab die Bundestagsbibliothek der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung 1994 die Bände aus der SPD-Bibliothek als Dauerleihgabe. 1945 waren Standortwechsel, Beschlagnahme, Verschleppung, Besitzwechsel noch lange nicht beendet. Geradezu gespenstisch spiegeln sich die dramatische Umbrüche der Nachk­ riegszeit in Berlin im Schicksal der„überlebenden Bücher“. Auf der Suche nach Marx-Engels-Dokumenten in Deutschland beschlagnahmten Spezialtrupps der Roten Armee an Auslagerungsorten der Staatsbibliothek etwa 1000 Bände aus der SPD-Bibliothek und ver­brachten diese direkt nach Moskau. 118 Es war Paul Neumann, der ehemalige Buchhalter beim Parteivorstand der SPD, der sich unmittelbar nach Kriegsende um die verbliebenen„Überreste“ der ehemaligen Bibliothek des Parteivorstandes intensiv kümmerte. Paul Neumann hatte sich Ende der zwanziger Jahre um die neugeschaffene Stelle eines Verwaltungsleiters für das Karl-Marx-Haus in Trier beworben, das der Parteivorstand in ein Museum umwandeln wollte 119 . Er stellte 1931 aus den Beständen der Parteibibliothek die Sammlung zusammen, die 1931 in das neugeschaffene Museum als Dauerleihgabe eingebracht werden sollte. Wegen lang andauernder Renovierungsarbeiten konnte das avisierte Projekt nicht mehr realisiert werden. Die dem Karl-Marx-Haus zugedachte Bibliothek fiel 1933 in die Hände der Nationalsozialisten. Gleich nach Kriegsende wurde Paul Neumann wieder aktiv: Im Auftrag des Berliner Zentralausschusses der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands recherchierte er in den Bestän den der Staatsbibliothek und in den Beständen des geheimen Staatsarchivs in Berlin-Dahlem, wo„Reste“ der alten Parteibibliothek die Kriegswirren überlebt hatten. Der ehemalige Parteiangestellte nutzte die„offene Situation“ des Jahres 1945 souverän. Widerstand gegen die ­Herausgabe­alten SPD-Eigentums regte sich nicht. Zwar konnte Neumann in der Staatsbibliothek nicht alle Bände finden, dennoch war die Zahl der aufgespürten Bände beeindruckend. Bis zum November 1945 gelang es ihm, 14.000 bis 15.000 Bände zu finden und mit Unterstützung der Besatzungsmächte für den Berliner Zentralausschuss der SPD zu restituieren. Nach der im Ostsektor mit Druck erzwungenen Vereinigung von SPD und KPD bildeten 1949 diese Bücher den Grundstock für die Bibliothek des Marx-Engels-Lenin-Instituts(des späteren Instituts für Marxismus-Leninismus) beim Zentralkomitee der SED. Nicht genug der Verwerfungen: Die Renaissance der Marx-Engels-Forschung in den fünfzi­ ger Jahren brachte viele Bücher aus dem Besitz von Marx und Engels ans Tageslicht. Eine 117 1967/68 kauften die Mitarbeiter des Forschungsinstituts der Friedrich-Ebert-Stiftung Helmut Esters und Horst Heidermann in Frankfurt am Main direkt unter Autopsie große Partien des Angebotes von Sauer& Auvermann für das neu geschaffene Archiv der sozialen Demokratie der FES auf. Mündliche Mitteilung von Dr. Horst Heidermann. 118 Hecker, Rolf:„Marx/Engels-Dokumente dem IMEL zugeführt. Zur Requirierungsaktion des Moskauer Marx-Engels-Lenin-Instituts 1945/46. Mit zwei Briefen“. In: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung, 39(1997), H. 3, S. 76. 119 Zum Gesamtkomplex s. Melis, Françoise:„Auf der Suche nach der SPD-Bibliothek 1945/46. Eine späte Würdigung von Paul Neumann“. In: Die Marx-Engels-Werkausgaben in der UdSSR und DDR(1945-1968). Hamburg, 1999, S. 95 ff.(Beiträge zur Marx-Engels-Forschung, N.F., Sonderband 5) 38 systematisch eingeleitete Suche in der SED-Bibliothek und der Staatsbibliothek in Ost-Berlin endete mit 600 wiederaufgefundenen Titeln aus der alten SPD-Bibliothek. Auf Beschluss des Zentralkomitees der SED gingen diese Titel Exlibris Marx und Engels an das Moskauer Institut für Marxismus-Leninismus. In Berlin verblieben lediglich Kopien. 120 Die für Bibliotheksfragen verantwortlichen Vorstandsmitglieder der SPD in Hannover und spä ter Bonn beobachteten diese Transaktionen – soweit sie ihnen bekannt wurden – mit großer Verbitterung. Intern hielt der für geraume Zeit zuständige Bibliotheksbeauftragte Fritz Heine viele Details, die er der Presse entnommen hatte, fest, um gegebenenfalls Rechtsansprüche stellen zu können. In einigen Fällen war der Rechtsanspruch klar und unmissverständlich„verwirkt“. Der Ver­kauf wertvoller Bücher an das IISG Amsterdam zusammen mit dem Parteiarchiv war der konkreten historisch-politischen Situation im Exil geschuldet, gewollt und rechtlich klar fixiert. In ande ren Fällen war die Rechtslage nicht so eindeutig. In der„Westdeutschen Bib­liothek“ in Mar burg, der späteren West-Berliner Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, lagerten immer noch Bücher aus der alten SPD-Bibliothek, über deren rechtmäßigen Eigentümer es sich schon gelohnt hätte, intensiver nachzudenken. Nur: In den fünfziger Jahren fehlten dem Parteivorstand der SPD Kraft, Kapazität und wohl auch das nötige know how, um Versuche zu starten, diese Ansprüche auch durchzusetzen. Vieles hat sich nach der friedlichen Revolution des Jahres 1989 verändert. Ein Teil der SPD-Bi bliothek ist im Zuge der Marx-Engels-Forschung virtuell rekonstruiert. Auf anderen Sekto­ren hat die deutsche Sozialdemokratie ihren Rechtsanspruch nach der Wiedervereinigung unterstrichen. Als Rechtsnachfolgerin des Instituts für Marxismus-Leninismus beim Zentralk­ omitee der SED figuriert heute die Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv. Bei der Gründung dieser vom Deutschen Bundestag ins Leben gerufenen Bundesstiftung spielten die SPD-Archivalien und die alte SPD-Bibliothek für die Vergabe eines Kuratoriumssitzes an die Friedrich-Ebert-Stiftung eine wichtige Rolle. Die Enttäuschung und die Scham, aus einer verzweifelten Notlage heraus 1938 das Partei­archiv verkaufen zu müssen, hinterließ bei vielen Sozialdemokraten Spuren. Die Wut über die Aufteilung und die Zersplitterung der alten Parteibibliothek wog nicht minder schwer. Es ge­hörte zur Identitäts- und Selbstfindung der Nachkriegssozialdemokratie, diese Verluste – so weit es möglich war-, auszugleichen. Einen„Ausgleich“ konnten nur die gedruckten Be­stände erbrin gen. Hier war einiges bei gutem Willen noch zu ersetzen. Ein Neuanfang ließ daher nicht lange auf sich warten. „Schicken Sie Ihre Bücher nach hier; wir sind für jede Buchspende dankbar“: Neuanfang in Hannover und Bonn Unmittelbar nach Kriegsende und der alliierten Erlaubnis, in den Westzonen überregionale Parteiorganisationen aufzubauen, setzten innerhalb der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Planungen ein, einen Verbund von Archiv und Bibliothek neu aufzubauen. Traditionell gab man der Einrichtung den Namen„Zentrales Parteiarchiv“, obgleich in erster Linie an die Sammlung von Bibliotheksgut gedacht war. 1949 konnte das Jahrbuch der Sozialdemokrati­ 120 Ebda., S. 71. In einer solidarischen Aktion sammelten amerikanische Freunde nach dem Krieg etwa 1.000 Bücher und Broschüren für den Neuaufbau der Parteibibliothek der SPD. Rudolf Rothe(1897 – 1969). Bibliothekar/Archivar beim Parteivorstand der SPD von 1947 bis 1962. Der gelernte Metallarbeiter legte den Grundstock für den Wiederaufbau der Sammlung nach dem Kriege. 41 schen Partei Deutschlands erste Erfolge vermelden:„Seit 1948 ist das eigentliche zentrale Parteiarchiv ebenfalls wieder ins Leben gerufen worden. In ihm werden die sozialistische Literatur der älteren und neuen Zeit, Bücher und Zeitschriften aus anderen Lagern und partei­politische Dokumente gesammelt.“ 121 Die Akzentsetzung war eindeutig: Sammelwürdige Registraturen und Nachlässe konnten erst nach und nach ihren Weg in das„Zentrale Parteiarchiv“ finden. Retrospektiv war nur der Er werb älterer gedruckter Parteidokumente möglich. Ausschließlich der systematische Erwerb von Protokollen, Jahrbüchern, Zeitschriften, Rechenschaftsberichten, Broschüren­literatur und Zeitungen konnte den schmerzlichen Verlust der geistigen„Waffenkammer der Partei“ kompensieren. Als„Zentrales Parteiarchiv“ gehörte die Einrichtung bis 1951 zum Geschäftsbereich des haupt amtlichen Vorstandsmitgliedes Fritz Heine; danach bis 1962 unter der Bezeichnung„Archiv/ Bibliothek“ und später unter dem Rubrum„Bibliothek und historisches Archiv“ zum Zustän digkeitsbereich von Willi Eichler. Von 1963 bis zur Überführung der Materialien als Dauerleihgabe an die Friedrich-Ebert-Stiftung zeichnete der Schatzmeister Alfred Nau für den Arbeitsbereich verantwortlich. 122 Als im Juni 1946 sich Friedrich Wilhelm Heyl 123 aus Berlin in Hannover in der Odeonstraße beim Parteivorstand um die Stelle eines Parteiarchivars/Parteibibliothekars bewarb, musste ihm Fritz Heine eine Absage erteilen:„Unser Archivar und Leiter des Zentralarchivs ist seit fast 20 Jahren für uns tätig. Er ist gegenwärtig noch in London und wird voraussichtlich in einigen Wochen zurück kommen.“ 124 Heine hatte als neuen Beauftragten Fritz Salomon im Sinn, Mitarbeiter im SPD-Parteiarchiv seit 1928. Über die Tschechoslowakei war ihm 1938 die Flucht nach Großbritannien gelungen. Kurze Zeit nach Heines Absage an Heyl verstarb Salomon überraschend in London. 125 Die Stelle des Parteiarchivars/Parteibibliothekars war wieder offen. Ganz in der Tradition der Zeit wählte Heine keinen Akademiker, sondern einen gestandenen „Parteiarbeiter“ aus. „Ich weiß, Herr Rothe, daß diese Fragen für Sie wahrscheinlich viel Arbeit bedeuten“: die Ära Rudolf Rothe Als Nachfolger Salomons berief Heine den gelernten Werkzeugschlosser Rudolf Rothe. Dieser zählte„in Weimar“ zur jüngeren Parteigeneration und hatte in der Schlussphase der Repub lik in seiner Heimatstadt Leipzig auf erstaunlich vielen Ebenen Verantwortung getra­gen. Bei den Reichstagswahlen im November 1932 hatte er knapp ein Reichstagsmandat ver­fehlt. 1934 stellten ihn die Nationalsozialisten wegen angeblicher Mitschuld am Tode eines SA-Mannes nach schwerer Misshandlung unter Hochverratsanklage. Nach Verbüßung der Strafe erfolgte seine Einweisung in das Konzentrationslager Buchenwald. Seine Unterschrift stand unter dem berühmten Buchenwald-Manifest. Der Zwangsverschmelzung mit der KPD erteilte er in Leip121 Jahrbuch der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands 1948/1949, S. 105. 122 Bungert, Mario:„Archiv/Bibliothek“. In: Findbuch AdsD, Abt. II, SPD-Parteivorstand, Bd. IV, S. 1048. 123 Heyl hatte 1930 mit seiner Dissertation„Die Tätigkeit des internationalen Gerichtshofs 1922-1928 unter besonderer Würdigung der deutschen Minderheitenfrage in Polen“ in Würzburg promoviert. 124 AdsD, Bestand PV, Archiv/Bibliothek, Nr. 02277. 125 Bungert, Mario:„Das Archiv der sozialen Demokratie: In der Tradition des SPD-Parteiarchivs“. In: Findbuch AdsD, Abt. II, SPD-Parteivorstand, Bd. I, S. III. 42 zig eine entschiedene Absage. 1946 wurde er auf Druck der russischen Besatzungsmacht aus seinen Parteiämtern entfernt. Im November 1947 glückte ihm die Flucht nach Westdeutschland. Einen Monat später stellte Heine den Leipziger als neuen Archivleiter ein. 126 Rothe hatte vor 1933 als Arbeiterbibliothekar Erfahrungen im Leipziger Bibliothekswesen sammeln können. Im Bildungswesen der Partei und der Gewerkschaften hatte er tiefe Wur­zeln geschlagen. Er galt als ausgezeichneter Kenner der Geschichte der Arbeiterbewegung und der sozialistischen Literatur. Mit den Vokabeln„leidenschaftlicher Eifer“ haben Freunde seinen Arbeitsstil beim Ausscheiden aus der Arbeit des Parteivorstandes beschrieben. 127 Keine anderen Worte mögen vielleicht besser auf ihn zutreffen. Die alte Geschichte der SPD in ihren Büchern wieder lebendig zu machen, Parteimitgliedern sachkundig zu helfen, einer jungen Wissenschaftlergeneration auf ihre neugierigen Fragen zu antworten, Rothe widmete sich dieser Aufgabe mit Obsession. Seine finanziellen Mittel waren bescheiden, seine Sam­melergebnisse beeindruckend. Die Büchermassen, die sich zunächst in Hannover und ab 1951 in Bonn ansammelten, zeugen von dieser Leidenschaft. Wie kamen nun diese Bücher an den Sitz des Parteivorstandes? Wie gelang es Rothe in so kurzer Zeit, Lücken zu schließen? Noch vor der Anstellung einer haupt­ amtlichen Kraft hatten sozialdemokratische Zeitungen ab Sommer 1946 Suchaufrufe gestar­tet. Im September gingen aus dem Großraum Frankfurt die ersten Materialien nach einem Aufruf im SPD-Mitteilungsblatt Groß-Hessen ein. Als wichtigste Starthilfe erwiesen sich jedoch die Aufrufe in ausländischen Blättern. Dies galt für die in London erscheinenden„Sozialistischen Mitteilungen“ und die„New Yorker Volkszeitung“ gleichermaßen. Vor allem in den USA entwickelten sich die„Bücheraufrufe“ zu einer breiten Solidaritätswelle, mit der in der deutschen Sozialdemokratie niemand in den kühnsten Träumen gerechnet hatte.„Seele“ der„Büchersam melaktion“ war in New York der ehemalige Sekretär des Reichsauss­ chusses für sozialistische Bildungsarbeit Alexander Stein. 128 Besonders die Sammlung des in Bremen geborenen New Yorker„Krankenkassenbeamten“ Walter Wenderich 129 löste in Hannover große Freude aus. Die breite und unerwartete Unter­ stützung amerikanischer Sozialdemokraten bedeutete der deutschen Sozialdemokratie viel und ließ hoffen, bald die quälende kriegsbedingte Isolation überwinden zu können. Stolz berichtete der Sozialdemokratische Pressedienst im August 1947:„In den USA ist eine Büchersammlung in Gang gekommen, die der SPD zu gute kommen soll.[...] Eine erste Sendung von etwa eintausend Bänden wird in absehbarer Zeit erwartet. Darunter befinden sich eine Sammlung sozi alistischer Literatur von dreihundert Bänden, die ein sozialistischer Krankenkassenbeamter in 25 Jahren erworben hat und die dieser Sammler unter der Bedin­gung zur Verfügung gestellt hat, daß sie geschlossen der Bibliothek des Parteivorstandes der SPD eingegliedert wird.“ 130 Bezahlt wurden die Transporte durch die New Yorker Arbeiter­wohlfahrt. Die ehemalige sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete und Begründerin der Arbeiterwohlfahrt Marie Juchacz half, ohne viel Aufsehen zu machen. 126 AdsD. Bestand PV, Archiv/Bibliothek, Nr. 02281. 127 Ebda. 128 Siehe Papanek, Hanna:„Alexander Stein(Pseudonym: Viator) 1881-1948. Socialist activist and writer in Russia, Germany, and Exile. Biography and bibliography”. In: Internationale Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. IWK. 30(1994), H. 3, S. 343 f. 129 AdsD, Bestand PV, Archiv/Bibliothek, Nr. 02281. 130 „Bücherspende aus den USA“. In: Sozialdemokratischer Pressedienst, 26. August 1947. 43 Der Umfang der Privatsammlungen, die – manchmal gegen symbolisches Entgelt – den Par­ teivorstand erreichten, war höchst erstaunlich, teilweise repräsentierten die Sammlungen ei nen unschätzbaren Wert. 1952 bot der fünfundachtzigjährige Schriftsetzer Hermann Jacob eine Sammlung von über tausend Broschüren an. Die gerettete Bibliothek des ehemaligen Redakteurs des„Norddeutschen Volksblattes“, Stadtratmitgliedes in Rüstringen, Redakteurs im Presseamt des Parteivorstandes und Leiters des städtischen Verkehrsamtes Rüstringen ent­hielt nahezu das gesamte theoretische sozialistische Schrifttum der deutschen Arbeiterbewe­gung. 131 Für 150 DM wechselte seine Sammlung den Besitzer. 132 Jacobs Bibliothek bildete das Rückgrat für alle kommenden Anfragen zu programmatischen und theoretischen Them­ enkomplexen. Im gleichen Jahr wies ein Berliner Parteigenosse(„nach dem Umbruch 1945 war ich an dem Inhalt aller Zeitungen interessiert“) auf seine komplette Berliner Nachkriegszeitungssamml­ung hin, die niemand je in Privatbesitz vermutet hätte. 133 Die Briefe an Archiv und Bibliot­hek mit ihren Buchangeboten und ihren Geschenken waren in der Regel stark emotional gefärbt und vom Geist geprägt, die SPD wieder zu einer„geistig starken Partei“ zu machen. Bei Rudolf Rothe fühlten sich die Geber ernst genommen und entsprechend geachtet. Jedem Buchhinweis ging er nach, jeder Spender und jede Spenderin erhielten eine angemessene Antwort. Neben den Sammlungen eher unbekannter Parteimitglieder wurden dem Parteivorstand auch Buchbestände prominenter und herausragender Persönlichkeiten der Sozialdemokratie ange­ boten. Beim Erwerb entsprechender Bibliotheken schalteten sich in der Regel Vorstandsmit­ glieder(meist Fritz Heine, Erich Ollenhauer oder Alfred Nau) unmittelbar ein, um alles in„die richtigen Bahnen zu lenken“. Zu diesen Spezialsammlungen gehörten u.a. die Bibliothek des ehemaligen Reichstagsabgeordneten Alfred Henke und die Bibliothek des ehemaligen preußischen Innenministers Carl Severing. Severings Bibliothek wurde zwischen der SPD und der Bundestagsbibliothek aufgeteilt. Sein Schwiegersohn Walter Menzel hatte diese Aufteilung in die Wege geleitet. Menzel, einer der„Verfassungsväter“ der jungen Republik, sorgte dafür, dass das parteipolitische Schrifttum im engeren Sinne für die Sozialdemokratie unmittelbar genutzt werden konnte. Weitere Lücken im Bestand konnte Rothe durch enge Zusammenarbeit mit befreundeten Institutionen des Auslandes schließen. Die SPD mit ihren Jahrbüchern, Protokollen und Zeit­ schriften war in der Zwischenzeit für ausländische Einrichtungen ein interessanter Partner ge worden, und so hatte Rothe auch„einiges zu bieten“. Vor allem das Arbetarrörelsens Arkiv in Stockholm – nach dem Vorbild des SPD-Parteiarchivs als zweite Parteieinrichtung in Europa gegründet – stellte großzügig ganze Zeitschriftenbände im Tausch zur Verfügung. In Stockholm saßen deutsche Emigranten, bei denen Rothe ein offenes Ohr fand. Ein sehr enges menschliches Verhältnis pflegte Rothe zu Werner Blumenberg, dem Leiter der deutschen Abteilung im IISG Amsterdam. Beide standen sich politisch nahe; ihre Freundschaft mündete in einem breiten Strom Amsterdamer Dubletten in Richtung Rhein. Mit Hilfe der Amsterd­ amer Doppelexemplare legte Rothe den Grundstock für eine Sammlung zur österreichischen Arbeiterbewegung, die über die kommenden Jahre hinweg kontinuierlich ausgebaut werden konnte. Entscheidende Hilfestellungen für die junge Bibliothek kam allerdings auch von den Litera­ turproduzenten innerhalb der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands selbst. Am 13. und 131 Zu Jacobs Kurzbiographie s. Handbuch des Vereins Arbeiterpresse, 4. Folge, 1927, S. 538. 132 AdsD, Bestand PV, Archiv/Bibliothek, Nr. 02277. 133 Ebda. 44 14. Februar 1947 trafen sich in Bielefeld 18 Verleger zur konstituierenden Sitzung der„Gruppe Sozialistischer Verleger“ im kleinen Saal des Bielefelder Rathauses. Anwesend waren auch einige Buchhändler. Äußerer Rahmen der Tagung war die große Bielefelder Buchaustellung vom 7. bis 28. Februar 1947, die nach Krieg und Zerstörung erste wichtige kulturpolitische Impulse für das Buch vermittelte. Die erste große Buchausstellung in der britischen Zone fand mit lebhafter Unterstützung namhafter Repräsentanten der Bielefelder Sozialdemokratie statt. 134 In Ostwestfalen richtete August Albrecht an die SPD-Verlage einen flammenden Appell,„je zwei Exemplare aller bisher erschienenen Werke für unser Archiv abzugeben“. Der Aufruf verhallte nicht ungehört und zeigte erfreuliche Wirkung. Mit seinem Appell gab der ehemalige Verleger des Arbeiterjugendverlages der neu entstandenen Bibliot­hek einen kräftigen Anschub. 135 Der Bücherzufluss nach Hannover und später Bonn war reichlich. Auf etwa 80 m² stapelten sich in der„Baracke“ in Bonn bald unübersehbare Büchermassen. Reichten diese Bücher aus? Gab es Chancen, aus der Sammlung eine richtige Bibliothek zu machen? Stärken und Schwächen In einer kleinen Diskussionsrunde mit Bibliothekarinnen und Bibliothekaren der FriedrichEbert-Stiftung hatte Susanne Miller, damalige Leiterin der Historischen Kommission beim Parteivorstand der SPD, in den achtziger Jahren einmal die„klassische Bibliothek“ eines bildungsorientierten Funktionärs beschrieben. Im Grunde genommen sei der Kanon der Bücher in jedem Haushalt gleich gewesen: Er reichte vom„Hochverrats-Prozeß wider Liebknecht, Bebel, Hepner vor dem Schwurgericht zu Leipzig“ hin zu Karl Kautskys„Karl Marx’ Ökonomische Lehren“. Diese Erfahrung musste auch Rudolf Rothe machen. Das traditionelle sozialdemokratisch/sozialistische Buchspektrum war in der SPD-Bibliothek bald abgedeckt. Viel Mühe steckte der Leipziger in die Sisyphosarbeit zur Komplettierung der klassischen SPDZeitschriften. Zu Beginn der sechziger Jahre waren die Blätter„Die Gesellschaft“,„Die Neue Zeit“,„Sozialdemokratische Parteikorrespondenz“,„Das freie Wort“,„Jungsozialistis­ che Blät ter“,„Arbeiterjugend“,„Die Gleichheit“,„Frauenwelt“,„Der wahre Jacob“,„Sozia­listische Bildung“,„Sozialistische Erziehung“,„Die Bücherwarte“,„Sozialistische Monats­hefte“,„Der Klassenkampf“ bis auf kleine ärgerliche Lücken wieder in einer einzigen Bibl­iothek vorhan den. Was gänzlich fehlte, war die gesamte Breite der Arbeiterkulturbewegung mit ihren Sparten Arbeitersport, Naturfreunde, Arbeiteresperantisten, Arbeitersänger etc. Das Erbe der„alten“ wertvollen Zeitschriftenbestände aus der„vorsozialistengesetzlichen“ Zeit konnte der Parteibi bliothekar immerhin in ganz wenigen Einzelnummern wieder zugänglich machen. Eine groß flächige Ergänzung gelang nicht; dafür waren die Bestände zu selten. Den­noch: Die SPD-Bib liothek versammelte unter ihrem Dach mehr an sozialdemokratischer Lite­ratur als jede andere deutsche wissenschaftliche Bibliothek mit hinreichenden Personal- und Erwerbungsmitteln. Das theoretische Schrifttum der Partei war so gut wie lückenlos wieder zusammengetragen worden. In der Zusammenschau mit den Protokollen und Jahrbüchern ergab die Bücher­sammlung ein Ensemble, mit dem sich gut über die Sozialdemokratie ideengeschichtlich arbeiten ließ. Der Aufbau dieser Sammlung innerhalb kürzester Zeit verdiente allen Respekt. Die SPD-Histori134 Severing, Carl:„Über Zeitungen und Zeitschriften“. In: Ausstellung vom 7. bis 28. Februar 1947. Deutsches Buchschaffen. Bielefeld, 1947, unpaginiert. 135 AdsD, NL Karl Drott, Nr. 14. 45 kerin Susanne Miller hat oft über die Entstehungsgeschichte ihrer Disserta­tion„Das Problem der Freiheit im Sozialismus. Freiheit, Staat und Revolution in der Prog­ rammatik der deutschen Sozialdemokratie von Lassalle bis zum Revisionismusstreit“ berichtet. Als Mitarbeiterin der Programmkommission der SPD schrieb sie ihre Doktorarbeit ausschließlich mit den gedruckten Quellen der Parteibibliothek.„Alles“, was sie für ihre ideengeschichtliche Arbeit brauchte, war dort vorhanden. Rudolf Rothe kannte alle„seine“ Bände und wusste, wo sie standen. Personell konnte Rothe sich ausschließlich auf studentische Hilfskräfte als Mitarbeiter stüt­zen. Ein Katalog wurde nicht geführt. Die Bücher waren grob systematisch aufgestellt. Rothe hatte seine Bibliothek im Kopf. Die SPD-Bibliothek war eine Geschenkbibliothek. Was nicht geschenkt oder getauscht wurde, fanden Benutzer in ihr nicht. Dies galt vor allem für die Gewerkschaftsliteratur. 1952 konnte der Bibliotheksleiter Professor Otto Stammer in Berlin nur resignativ mitteilen, dass„unser Bestand an Zeitschriftenmaterial der Gewerkschaften eher knapp ist“. 136 Nur der„Zimmerer“ sei mit den Jahrgängen 1894 bis 1921 vollständig vertreten. Erst Mitte der fünf­ziger Jahre stan den bescheidene Mittel für antiquarische Ankäufe zur Verfügung. Auch der Erwerb beschei dener Neueingänge unterlag einer scharfen Finanzkontrolle: Jede Buchbestell­ung musste vom Schatzmeister der Partei genehmigt werden. Ausländische Veröffentlichungen der Bruder- und Schwesterparteien fehlten. Nur die schwei­ zerische und die österreichische Arbeiterbewegung waren durch diverse Bestände vertreten. Einige Materialien der britischen Arbeiterbewegung hatten sozialdemokratische Emigranten beigesteuert. Völlig„passen“ musste Rudolf Rothe bei Zeitungen aus der Vorkriegszeit. Zei­ tungen waren aber das Herzstück sozialdemokratischer Publikationstätigkeit. In der Regel hatten Zeitungen nicht in Privatbesitz„überlebt“; sie fehlten deshalb in der SPD-Bibliothek zwangsläufig. Rothes ganze Leidenschaft galt dem„alten Bestand“. Das haben Zeitzeugen immer wieder bestätigt 137 . Die alte SPD in ihren Publikationen wieder„auferstehen“ zu lassen, bedeutete ihm viel. Den sozialdemokratischen Tagesschriften der Nachkriegszeit widmete er nicht die gleiche Aufmerksamkeit. Natürlich: Der Parteibibliothekar hatte keinen„Apparat“ zur Verfü­gung. Was freiwillig abgeliefert wurde, das stellte er in seine Bibliothek ein. Dennoch spring­ en die großen Lücken im Bestand nach 1945 ins Auge. Das regionale Schrifttum der Soziald­ emokratie fehlte fast vollständig. Rothes Nachfolger Paul Mayer konnte nur traurig feststel­len:„Unsere Samm lung der Parteipublikationen ist lückenhaft, was darauf zurückzuführen ist, daß sie uns nur sehr sporadisch zugeliefert wird.“ 138 Als 1967 der Zeitungsforscher Heinz-Dieter Fischer nach den Mitteilungsblättern der SPDParteibezirke in Bonn recherchierte, wurde es evident: Ein Teil des gedruckten Gedächtnisses der Sozialdemokratie der Nachkriegszeit war wiederum verlorengegangen. 139 Ein engagierter „Einmannbetrieb“ konnte beim besten Bemühen nicht alles sammeln, was eine lokal und regional aktive und lebendige Partei, die sich anschickte, den politischen Kurs der Bundes­republik zu bestimmen, an Lesenswertem produzierte. 136 AdsD, Bestand PV, Archiv/Bibliothek, Nr. 02277. 137 Mündliche Mitteilung von Dr. Horst Heidermann. 138 AdsD, Bestand PV, Archiv/Bibliothek, Nr. 02289. 139 AdsD, Bestand PV, Archiv/Bibliothek, Nr. 02291. 46 Junge Hüpfer – alte Hasen Die nach Bonn drängende junge Benutzergeneration, mit der Rothe ausführlich korrespon­ dierte, war hingegen froh, wenigstens die wichtigsten Materialien der deutschen Sozialdemo­ kratie an einer Stelle vorzufinden. Die Mitarbeiterin des Heidelberger Instituts für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Ursula Hüllbüsch, brachte es auf den Punkt:„Da die deutschen Bib­ liotheken, wie so häufig, das von mir am dringendsten gebrauchte Material leider nicht besit­ zen, wage ich es heute noch einmal, Sie um ihre Hilfe zu bitten.“ 140 Der Sozialhistoriker Hans-Ulrich Wehler rangierte noch 1958 für seine Dissertation„Sozial­ demokratie und Nationalstaat“ Rothes Auskünfte über denen der einschlägigen Nachschlage­ werke:„Ich weiß, Herr Rothe, daß diese Fragen für Sie wahrscheinlich viel Arbeit bedeuten. Die üblichen Handbücher und Nachschlagewerke sind aber nicht präzise genug, so daß ich Sie um diesen Rat bitten muß.“ 141 Diese beiden Anfragen signalisierten ein völlig neues Klientel der Benutzer der Bibliothek. Ende der vierziger Jahre/Anfang der fünfziger Jahre waren es fast ausschließlich ältere Par­ teimitglieder, die den Leipziger Metallarbeiter um Hilfe fragten. Ein ehemaliges Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend suchte nach einem Lassalletext, um ihn nochmals zu studieren, oder ein anderes Mitglied recherchierte nach einer Kautsky-Broschüre, die für ihn in seiner Entwicklung hin zum Sozialdemokraten eine besondere Rolle gespielt hatte. Rothe ver­schickte und verlieh alles; er wollte helfen, sein Vertrauen war groß. Mitte der fünfziger Jahre änderte sich die Benutzerstruktur nachhaltig. Zum einen waren es „halboffizielle“ Anfragen von prominenten Sozialdemokraten, die für ihre historischen Dar­ stellungen um Hilfe, Rat und Unterstützung baten. Marie Juchacz suchte für ihr Frauenbuch „Sie lebten für eine bessere Welt“ ebenso den Rat Rothes wie Annedore Leber und Willy Brandt für ihre Darstellung zum Widerstand. Zum anderen war es die neue Generation der„Außenseiter“ und ihrer Schüler, die sich der vernachlässigten Geschichtsschreibung der deutschen Arbeiterbewegung widmete. 142 „Außenseiter“ wie„Schüler“ waren Rothes dankbarste„Abnehmer“. Wolfgang Abendroth zählte ebenso dazu wie Ossip K. Flechtheim. 143 Flechtheims umfangreiche Parteiendokumen­ tation räumte den SPD-Materialien viel Platz ein. Sie stammten ausschließlich aus der Partei­ bibliothek. Erich Matthias nahm mit seinen anspruchsvollen Wünschen einen Spitzenplatz ein. A.R.L. Gurland suchte Materialien für seine CDU-Geschichte. Die Namensliste der Kor­ respondenzpartner liest sich wie ein Gotha jüngerer aufstrebender Sozialhistoriker und ver­ dienter sozialdemokratischer„Geschichtsarbeiter“: Kurt Koszyk, Waldemar Ritter, Hanno Drechsler, Dieter Groh, Wilhelm Matull, Hedwig Wachenheim, Henryk Skrzypczak, Hanns W. Eppelsheimer und Franz Osterroth. Diese Namen stehen für viele andere. Rothe half ihnen nach Kräften. 140 AdsD, Bestand PV, Archiv/Bibliothek, Nr. 02282. 141 AdsD, Bestand PV, Archiv/Bibliothek, Nr. 02280. 142 Zeitweise korrespondierte Rothe mehr mit amerikanischen Wissenschaftlern als mit deutschen. Dieser Trend wendete sich dann in den frühen sechziger Jahren grundlegend. Er soll an dieser Stelle nicht kommentiert wer­den. 143 AdsD, Bestand PV, Archiv/Bibliothek, Nr. 02281. Ausgabe des Mitteilungsblattes der Jungsozialistischen Arbeitsgemeinschaft. Die Vielzahl der Publikationen der sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaften und Unterorganisationen vereint sich heute in der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung. Paul Mayer(1898 – 1970). Bibliothekar/Archivar beim Parteivorstand der SPD vom 1962 bis 1969. Der gelernte Journalist konsolidierte den Bestand und tat viel für die innere Ordnung der Bibliothek. 49 Das Jahrbuch der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands 1966/67 nennt mehr als 100 Dissertationen, die mit Hilfe von Archiv und Bibliothek geschrieben wurden. Hinter diesen Zahlen verbirgt sich viel: die wachsende Anziehungskraft der SPD auf junge Intellektuelle, die Wandlung der SPD selbst und die veränderten Lehr- und Lerninhalte an deutschen Uni­versitäten. Überspitzt könnte man sagen: Es war die junge Klientel Rothes, die das geistige und intellektuelle Klima der jungen Bundesrepublik mit reformierte. Diesen jungen Menschen geholfen zu haben, ohne das„harte Parteigeschäft“ zu vernachlässi­ gen, darin lag das besondere Verdienst Rudolf Rothes. Die Ära Paul Mayer 1961 erkrankte Rothe schwer. Von heute auf morgen konnte er nicht mehr arbeiten. Zu sein­ em Nachfolger bestimmte der Parteivorsitzende Erich Ollenhauer den gebürtigen Duisburger Paul Mayer am 1. April 1962. 144 Mayer(geb. 1898) hatte seit 1919 als Journalist kleiner Lokalblätter gearbeitet. Sein Universitätsstudium musste er aus ökonomischen Gründen ab­brechen. Die Lei den beider Weltkriege hatte er als aktiver Kriegsteilnehmer hautnah erfahren. Nach Entlassung aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft trat er 1948 in Hannover in die Redaktion des„Vorwärts“ ein. Seit 1958 fungierte er als stellvertretender Chef des Parteib­ lattes. 145 Im Mai informierte er seinen Vorgesetzten Alfred Nau über neue terminologische Bezeich­ nungen. Die Pressedokumentation – parteiintern manchmal auch als Bibliothek und Archiv bezeichnet – sollte sich„Pressearchiv“ nennen. Für den eigenen Arbeitsbereich reklamierte er – unter Hinweis auf August Bebel – die Bezeichnung„Bibliothek und historisches Archiv“. 146 Diese„klare Trennung von Kompetenzen“ war leicht herbeizuführen. Schwerer wog indes die Tatsache, dass Mayer keinerlei„Überblick über die Bestände hatte“. 147 Rothe hatte die Biblio­ thek„im Kopf“ gehabt, Mayer stand hilflos davor. Der Mangel eines Kataloges machte die Bibliothek praktisch unbenutzbar. Der Bestand – die Angaben schwanken zwischen 15.000 und 20.000 Bänden – musste völlig neu erschlossen werden. Zeitweise mussten alle Interessierten abgewiesen werden. Mayer nutzte seinen guten„Draht“ zu Erich Ollenhauer, um die beengten räumlichen Verhältnisse deutlich zu erweitern. Umbaumaßnahmen und Kompaktmagazinierung schafften einige Abhilfe. Der neue Leiter verbuchte auch personelle Verstärkung. Neben einer Sekretärin und einem wissen schaftlichen Assistenten sprach ihm der Schatzmeister mehrere studentische Hilfskräfte zu. Eine an die internationale Dezimalklassifikation angelehnte Systematik sollte den inhaltlichen Zugriff verbessern, ein Formalkatalog die klassische Frage beantworten: Ist ein dem Titel nach bekanntes Werk in der Bibliothek(und in welcher Ausgabe) vorhanden? 148 Die Kataloga­ rbeiten begannen schwungvoll, gerieten danach jedoch mehrfach ins Stocken. Bis zur Über­gabe der 144 AdsD, Bestand PV, Archiv/Bibliothek, Nr. 02283. 145 Miller, Susanne:„Rudolf Rothe und Paul Mayer zum Gedächtnis“. In: IWK. Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. 7(1971), Nr. 11/12, S. 120. AdsD, Sammlung Personalia, Paul Mayer. 146 AdsD, Bestand PV, Archiv/Bibliothek, Nr. 02283. 147 Ebda. 148 Mayer, Paul und Wilhelm Peters:„Die Archive der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“. In: Der Archivar, 20(1967), Sp. 375 f. 50 Bestände an die Friedrich-Ebert-Stiftung im Jahr 1969 konnte das ambitionierte Werk nicht realisiert werden. Der Journalist suchte zunächst die innere Ordnung der Bibliothek kontinuierlich zu verbes­sern. Die Zeiten der ganz großen bibliothekarischen Bestandserweiterungen war vorbei. Bei privaten Bücherangeboten hatte er nicht ganz den untrüglichen„Sammlerinstinkt“ wie sein Vorgänger. Nimmt man die stark divergierenden Angaben zum Bestand, so kann man davon ausgehen, dass unter Rudolf Rothe etwa 15.000 Titel(nicht Bände) angeschafft wurden. Bis 1969 fügte Mayer der Sammlung ca. 5.000 Titel hinzu, die 1969 an die Friedrich-Ebert-Stiftung übergeben wurden. Freunde beschrieben ihn als einen sehr systematisch arbeitenden Menschen. 149 Sachte suchte er abgerissene Tauschabonnements anzukurbeln und zugesagte Geschenklieferungen wieder in Gang zu setzen. Bei laufenden Zeitschriften führte er eine Art ­Vollständigkeitskontrolle ein. In Absprache mit dem Pressearchiv der Partei setzte er Mitte der sechziger Jahre einen jährlichen, geregelten Erwerbungsetat von 6.000 DM durch. Mayer war passionierter Journalist. Neugier und Spürsinn gehörten zu seinem Handwerks­zeug. „Die Geschichte des sozialdemokratischen Parteiarchivs und das Schicksal des Marx-EngelsNachlasses“ war Frucht seines Arbeitsstils und seiner eigentlichen Interessenlage. Mit diesem umfangreichen Aufsatz im„Archiv für Sozialgeschichte“ machte er überhaupt – weit über den engsten Spezialistenkreis hinaus – auf die Geschichte dieser einmaligen Kultureinr­ichtung der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands aufmerksam. Seine Archivarbeiten hatten ihn stark beflügelt, die mehrfach im Sande verlaufenden Recherchen nach dem Verbleib der Registra turen des Prager Exilvorstandes der Sozialdemokratie wieder aufzuneh­men. Seine Archivgeschichte und der„Stockholmer Dokumentenfund“ 150 haben Paul Mayer ein Denkmal gesetzt. Die Konsolidierung der inneren Struktur der Bibliothek war natürlich weniger spektakulär, für die Nutzer des Wissensspeichers Bibliothek jedoch nicht minder wichtig. Neue Nutzer Mit dem Kanzlerkandidaten Willy Brandt konnte die Sozialdemokratische Partei Deutschl­ands im Bundestagswahlkampf 1961 beträchtliche Erfolge erzielen. Neue – der Partei bislang fern stehende Schichten – fühlten sich durch die programmatisch neu positionierte Sozial­demokratie angezogen. Durchbrüche zur jungen Wählerschaft gelangen. Die SPD trat ins Bewusstsein der westdeutschen Bevölkerung als eine echte Alternative zur herrschenden bürgerlichen Koalitionsregierung. Der Wechsel im politischen Stimmungsklima hatte unmittelbaren Einfluss auf die Nutzung der Parteibibliothek. Natürlich gehörten junge qualifizierte Forscher weiterhin zur Klientel Paul Mayers. Von Peter Lösche über Hans-Josef Steinberg zu Klaus Tenfelde zählte die kommende Generation junger Hochschullehrer zu den Nutzern der Parteibibliothek, die ihrers­ eits durch richtungsweisende neue Projekte die Geschichtsschreibung der Arbeiterbewegung entscheidend stimulieren sollten. 149 AdsD, Sammlung Personalia, Paul Mayer. 150 Mayer, Paul:„Der Stockholmer Dokumentenfund. Das Archiv der SoPaDe“. In: IWK. Internationale wissen­ schaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, 8(1972), Nr. 15, S. 46 f. 51 Mayers„Hauptarbeit“ ging indes deutlich in die„Breite“. Seine Korrespondenz schwoll merklich an. Er beschaffte Material für die„Winterarbeiten“ angehender Bundeswehroffiziere über die Geschichte der SPD und investierte seine Arbeitskraft, kommenden Sozialarbeitern und Sozialarbeiterinnen den Unterschied zwischen dem Heidelberger und Godesberger Pro­gramm zu erklären. Die Parteibibliothek entwickelte sich zu einem echten Dienstleistungsu­ nternehmen. Ganz neue Nutzerschichten traten in den sechziger Jahren in den Vordergrund, an die wenige Jahre vorher noch niemand gedacht hatte. Die Veränderung des gesellschaftlichen Wertekonsenses, die Protestbewegungen der späten sechziger Jahre, der wissenschaftliche Paradigmenwechsel in den Sozial- und Gesellschafts­ wissenschaften der Bundesrepublik machten sich nicht nur an spektakulären Ereignissen fest. Vielleicht war die Hinwendung junger Menschen hin zur SPD und ihrer Literatur ein guter Indikator für„die neue Zeit“, die wenige Jahre später der Sozialdemokratie die Möglichkeit zu entscheidenden Reformen gab. Revolutionierung durch Mikrofilmtechnik In den frühen 1960er Jahren revolutionierten verbesserte Mikrofilmtechniken die gesamte Bi bliotheks- und Archivwelt. Die Herstellung von Rollfilmen wurde einfacher und billiger, das Produkt für mehrere Generationen haltbar. Die Entwicklung preisgünstiger und robuster Lesegeräte war ein Teil der„Wissenschaftsrevolution“. Historiker haben die Entwicklung der Mi krofilmtechnik mit dem Öffnen der königlichen Archive nach der Französischen Revolu­tion verglichen: Transparentmachung der Quellen, Demokratisierung des Wissenschaftsb­ etriebes. Diese Aussage mag übertrieben erscheinen. Für die breite Verfügbarkeit der Quel­len der Sozi aldemokratie und der Arbeiterbewegung trifft sie mit Sicherheit zu. Am technischen„Revolutionsprozess“ waren Mitarbeiter der„Baracke“ entscheidend betei­ ligt. Das Pressearchiv der SPD hatte früh das Potential der neuen Technik erkannt. Mitarbeiter bauten unter dem Dach der Konzentration GmbH(Interessengemeinschaft von Verlags- und Wirtschaftsunternehmen) eine eigene Mikrofilmabteilung auf, die eine vollkommene Ein­ richtung zur Sicherheitsverfilmung enthielt. 151 Die Reprographieabteilung firmierte ab April 1964 als eigenständige Firma„Mikropress GmbH. Gesellschaft für die fotografische Repro­ duktion der Presse“, die sich am Markt glänzend behaupten konnte. 152 Das junge Unterneh­men spezialisierte sich auch auf die Quellen der Arbeiterbewegung. 153 An den Beratungen bei den Verfilmungsprojekten beteiligte sich Paul Mayer ebenso intensiv wie die sozialdemokrat­ische Historikerin Susanne Miller. Keiner erkannte vielleicht die Perspektiven des neuen Mediums besser als Georg Eckert, Leiter des Instituts für Sozialgeschichte Braunschweig, Vorsitzender der deutschen UNESCOKommission und Begründer des Jahrbuchs„Archiv für Sozialgeschichte“:„Mit großer Freude höre ich“ – schrieb er im Juni 1965 an Paul Mayer –„daß Ihr Archiv mit der Mikrofilmierung seltener sozialistischer Periodika begonnen hat. Ich halte dieses Unterneh­men für außerordentlich verdienstvoll, vor allem, wenn Sie auch in der Lage wären, die selten­ en Zeitungen, die ja 151 AdsD, Bestand PV, Archiv/Bibliothek, Nr. 02284. 152 Siehe Brunner, Detlev: 50 Jahre Konzentration GmbH. Die Geschichte eines sozialdemokratischen Unterneh­ mens 1946-1996. Berlin, 1996, S. 84. 153 Peters, Wilhelm:„Das verlegerische Angebot der Mikropress GmbH“. In: Mikroformen und Bibliothek, München, 1977, S. 150 f. 52 vielfach nur in einem Exemplar vorhanden sind, in Ihr Programm einz­ ubeziehen. Ich finde es ganz ausgezeichnet, daß Sie sich diese Aufgabe zum Ziel gesetzt haben. So besteht doch die Möglichkeit, daß Ihr Archiv wieder zu der großen zentralen For­schungsstätte wird, die es vor 1933 gewesen ist und die wir als Historiker und Studenten so dringend benötigen.“ 154 1963 lagen die ersten vollständigen Mikrofilme der verschiedenen sozialdemokratischen Zen tralorgane vor(„Der Social-Demokrat“, Berlin,„Demokratisches Wochenblatt“,„Der Volksstaat“,„Berliner Volksblatt“,„Vorwärts“, Berlin sowie das USPD-Organ„Freiheit“). 1964 wur de die sozialdemokratische Frauenzeitschrift„Gleichheit“ verfilmt, ein Jahr später das„Kas seler Volksblatt“ und ein weiteres Jahr später die„Bremer Bürgerzeitung“. 155 Diese Projekte waren nur der Auftakt für eine Reihe weiterer Aktivitäten ganz im Sinne Georg Eckerts. Bibliothek und historisches Archiv des Parteivorstandes und die Mikropress GmbH koope­ rierten bei ihren Aktivitäten eng mit dem Standortkatalog der deutschsprachigen Presse an der Staatsbibliothek Bremen sowie dem Mikrofilmarchiv der deutschsprachigen Presse(MFA). Kurt Koszyk, Vorsitzender des MFA, hatte zusammen mit Fritz Heine der bibliographischen Erfassung der Presse der SPD entscheidende Impulse verliehen und viele verloren geglaubte Blätter regelrecht entdeckt. 156 Die Bonner und Dortmunder Kollegen verbanden gleiche Werte und Interessen. Ihr fachlicher Dialog war konstruktiv und fruchtbar. An der„Grundsteinlegung“ eines neuen Mikrofilmarchivs war Paul Mayer entscheidend betei ligt. Obgleich seine eigentliche Pensionierungsgrenze schon überschritten war, stellte er sich der neuen technologischen Herausforderung und nahm sie erfolgreich an. Die Zeiten des Wartens auf die„richtigen“ Zeitschriften und Zeitungen waren endgültig vorbei. Lückenschlie­ßung und Bestandsaufbau konnten aktiv und planvoll betrieben werden. Paul Mayers Aufbau­arbeit setzen seine Nachfolger in der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung heute immer noch fort. Die Sicherung der Quellen auf Mikrofilm gilt auch im digitalen Zeitalter als kost­engünstige und sichere Form der Langzeitarchivierung. Übergang Im Sommer 1966 berichtete Paul Mayer in einem Brief an den Leiter des Archivs für Arbei­ terbildung und soziale Literatur, Fritz Hüser, vom„sagenhaften“ Archiv der sozialen Demo­ kratie in der Friedrich-Ebert-Stiftung, von dem er seit seinem Dienstantritt gehört habe. 157 In der Tat: Seit den frühen sechziger Jahren wurde auf der Leitungsebene der Stiftung diskutiert, eine große Sammel- und Forschungsstätte zur Geschichte der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung einzurichten. Als Vorbild diente das IISG Amsterdam mit seinen reichen Schätzen und seinem großen qualifizierten Personalstab. Wenn in der Friedrich-Ebert-Stiftung über entsprechende Pläne nachgedacht wurde, schwang stets die Überlegung mit, die Archivund Bibliotheksbestände beim Parteivorstand der SPD mit einzubeziehen. 154 AdsD, Bestand PV, Archiv/Bibliothek, Nr. 02280. 155 Mayer/Peters,„Die Archive der sozialdemokratischen Partei...“, a.a.O., Sp. 375. 156 Koszyk, Kurt: Die Presse der deutschen Sozialdemokratie. Im Namen des Vorstandes der Friedrich-EbertStiftung hrsg. von Fritz Heine. Hannover, 1966. 157 AdsD, Bestand PV, Archiv/Bibliothek, Nr. 02291. Maifestschrift der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republik aus dem Jahr 1935 aus der Bibliothek der Seliger-Gemeinde. Die Bibliothek der„Gesinnungsgemeinschaft Sudetendeutscher Sozialdemokraten“ zählt zu einer der vielen„aufgenommenen Bibliotheken“ unter dem Dach der Friedrich-Ebert-Stiftung. „Der Fußball-Stürmer“ aus dem Jahre 1932. Einzig erhaltenes Original einer Zeitschrift der Arbeitersportbewegung. Das Blatt kam 1968 mit zahlreichen anderen Zeitschriften der Arbeiterkulturbewegung als Teil der„Sammlung Daß“ in das Archiv der sozialen Demokratie. 55 Zu einem guten Ende kamen die Überlegungen 1969. Paul Mayer wechselte als Mitarbeiter in das„stattliche rote Klinkerhaus der Friedrich-Ebert-Stiftung nur einen knappen Kilometer entfernt“. 158 Wie müssen nun die bibliothekarischen Leistungen der kleinen Teams um Rudolf Rothe und Paul Mayer innerhalb des Vorstandsgebäudes in der Rückschau eingeschätzt werden? Wie ist der Wert der Sammlung einzuschätzen? Bargen ihre Sammlungen Potential, das es noch aus­ zubauen galt? Eine Antwort fällt leicht. Die kürzeste hat Horst Heidermann in zwei Sätzen gegeben:„Die Arbeit der Bibliothekare Rudi Rothe(seit 1947) und(ab 1967) Paul Mayer fand unter ungünstigen Bedingungen statt. Beide leisteten Erstaunliches.“ 159 1969 waren ca. 25.000 Bände im Gebäude des Parteivorstandes zusammengetragen wor­den. 160 Vieles war nicht gesichtet, manches doppelt. Die Bibliothek bot eine solide Basis für seriöse Arbeiten über die Geschichte der SPD und die deutsche Arbeiterbewegung. Im West­en Deutschlands gab es keine vergleichbare Sammlung. Nach 1945 galt das gleiche wie vor 1933: Die der Arbeiterbewegung verpflichteten Autodidakten auf der Leitungsebene waren den„bürgerlichen Experten“ beim Aufbau entsprechender Sammlungen überlegen. Sie wuss­ten einfach mehr. Von daher war der Aufbau der Parteibibliothek eine große Erfolgsge­schichte. Die Erfolgsgeschichte im Rahmen der Organisationsstruktur des Parteivorstandes der SPD blieb jedoch begrenzt. Den Rahmen bildeten unabweislich die finanziellen, perso­nellen und räumlichen Bedingungen im Hause. So fehlten Veröffentlichungen aus der internationalen Arbeiterbewegung fast vollständig. Ver öffentlichungen zur SPD und zur deutschen Gewerkschaftsbewegung gab es nur in deut­scher Sprache. Entsprechende ausländische Veröffentlichungen waren nur in beschränkter Zahl als Pflichtexemplare eingegangen. Ausländische Veröffentlichungen zur ausländischen Arbeiterbe wegung fehlten vollständig. Der deutsche wissenschaftliche Zeitschriftenapparat war klein. Die Bestellung von ausländischen Zeitschriften scheiterte am Budget. Ernster wog die unzureichen de Repräsentanz des lokalen und regionalen Schrifttums der SPD. Systemati­sche Erwerbungs politik und harte bibliothekarische„Kärrnerarbeit“(Vollständigkeitskon­trollen, Mahnwesen etc.) war mit dem vorhandenen Personal nicht zu„machen“. Die DDR-Lite­ratur zur deutschen Arbeiterbewegung wurde in der Bibliothek nicht zur Kenntnis genommen. Die wissenschaftliche deutsche und ausländische Background-Literatur musste bei dem zur Verfügung stehenden Etat ausgeblendet bleiben. Die Gewerkschaftsliteratur war insgesamt nur zufällig vertreten. Der Mangel einer inhaltlichen Erschließung der zentralen Forschungs­literatur über die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung in Zeitschriften und Sammel­werken war allen Beteiligten bewusst. Eine Anbindung an den deutschen Wissenschaftsb­ etrieb fehlte. Die Bibliothek beim Parteivorstand war an keinem der großen bibliothekaris­ chen nationalen kooperativen Projekte beteiligt, somit blieb auch die Reichweite des Bestandes auf den hochqualifi zierten und mobilen Benutzer beschränkt. 158 So der versöhnliche Ton eines Briefes an Dr. Wanda Lanzer vom Verein für Geschichte der Arbeiterbeweg­ ung Wien. AdsD, Bestand PV, Archiv/Bibliothek, Nr. 02296. 159 Heidermann, Horst:„Überlegungen und Vorbedingungen bis 1969“. In: Das gedruckte Gedächtnis der Arbeiter­bewegung. Festschrift zum 30-jährigen Bestehen der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn, 1999, S. 17(Veröffentlichungen der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung; Bd. 8). 160 Gutachten von Dr. Frieda Otto von der Bibliothek des Instituts für Weltwirtschaft Kiel vom 9. März 1970. Gutachten im Besitz der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung. 56 Diese„Defizite“ kannten natürlich alle Beteiligten. Nicht dass es zu allen Fragen nicht Ide en, Phantasien und Wünsche gegeben hätte. Der Rahmen der Möglichkeiten war vorgegeben, und diese Begrenzungen waren nicht zu überschreiten. Die Mitgliederbeiträge der SPD wa ren begrenzt. Öffentliche Gelder konnten in ein bibliothekarisches und archivarisches„Partei­ unternehmen“ natürlich nicht investiert werden. In Osteuropa und in der DDR sahen die Rahmenbedingungen selbstredend anders aus. Hier hatte die Erforschung der Arbeiterbewegung den Charakter von Staatsforschung zur Legitim­ ation der eigenen Herrschaftsansprüche. Die deutsche Sozialdemokratie konnte sich nicht im Entferntesten mit diesen Institutionen messen. In verschiedenen westlich-demokratischen Ländern gab es nicht minder bedeutende Einrichtungen zur Quellensicherung sozialer Beweg­ ungen: das Sozialarchiv Zürich, das IISG Amsterdam, die Hoover Institution on Peace, Revolution and War in Stanford, California, die bedeutenden skandinavischen Einrichtungen. Die westlichen Sammel- und Forschungseinrichtungen speisten ihre Aktivitäten aus öffentli­chen und privaten Mitteln. An diesen Vorbildern„des Westens“ orientierten sich die Verantwortlichen in der FriedrichEbert-Stiftung. Die Sammlungen und Schätze des Parteivorstandes wurden ab 1969 im neuen Archiv der sozialen Demokratie auf ein„höheres Niveau“ gehoben und breit vernetzt. Was hatte es nun mit diesem„sagenhaften“ Archiv auf sich, von dem Paul Mayer schon so lange gehört hatte? Welche Rolle spielte darin die Bibliothek? An dieser Stelle soll deshalb ein kurzer Blick auf die Vorgeschichte dieser Einrichtung und die Ideen ihrer Gründer gewor­fen werden. Auf dem Weg zum Archiv der sozialen Demokratie Seit der programmatischen Neubestimmung und dem kulturellen Aufbruch der späten fünf­ziger Jahre war im weiten Umfeld der Sozialdemokratie die Idee einer großen westdeutschen Zentralbibliothek zur Geschichte der Arbeiterbewegung virulent. Alle diese Ideen kreisten um eine enge Kooperation zwischen der Friedrich-Ebert-Stiftung und der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Besonders in Hamburg, der alten„heimlichen Hauptstadt“ der SPD, wurden visionäre Bildungs- und Kulturkonzeptionen hochgehalten. 1960 berichtete der Mit­begründer der Bildungszeitschrift„Kulturwille“ Valtin Hartig an Rudolf Rothe optimistisch:„Als ich vor anderthalb Jahren bei Dir war und mir Deine Bibliothek betrachtete, erzählte ich Dir auch davon, daß hier die Idee aufgekommen sei, man müsste, um die Lücke aufzufüllen, die der Nationalsozialismus ins Büchereiwesen der deutschen Arbeiterbewegung gerissen hat, eine Zentralbücherei der deutschen Arbeiterbewegung mit öffentlichen Mitteln als eine Art geistiger Wiedergutmachung an der Arbeiterbewegung schaffen.“ Und er fügte hinzu:„Natürlich ist Willi Eichler dafür“. Der Hamburger Bürgermeister Max Brauer habe ihm nun mitgeteilt, man überlege, in der Heimvolkshochschule der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berg­neustadt eine solche Zentralbibliothek einzurichten. Der ehemalige Leiter des Leipziger Arbeiterbildungsinstituts, Bildungssekretär des Verbandes der Gemeinde- und Staatsarbeiter und Verwaltungssekretär der Internationale des Öffentlichen Dienstes in der Pariser Emigra­tion zählte zu dem Typus Funk tionär, der im Nachkriegsdeutschland vehement für eine Rekonstruktion der SPD als Kultur partei warb. 161 161 AdsD, Sammlung Personalia, Valtin Hartig. 57 Das große Bibliotheksprojekt in Bergneustadt wurde nicht realisiert. Die parteiinterne Diskus­ sion zeigte indes, in welche Richtung sich die Überlegungen bewegten. Träger der Idee inner­ halb der Friedrich-Ebert-Stiftung war deren Vorstandsvorsitzender Alfred Nau. 162 Für Alfred Nau wog der Verlust des alten Parteiarchivs mit seiner Bibliothek schwer. Als sich bald her­ ausstellte, dass alle Überlegungen sich als illusionär erwiesen, die seinerzeit dem IISG Ams­ terdam verkauften Materialien„zurückzuholen“, orientierte er sich in Richtung einer eigenen großen profes­sionellen Sammel- und Dokumentationsstelle. Für die noch zu schaffende Einrichtung wurde schon früh der Name Archiv der sozialen/für soziale Demokratie gewählt. Diese Bezeichnung war intern nicht unumstritten. Die Wortwahl erinn­ erte an die demokratische Revolution von 1848/49. Hinter dem neutralen Namen verbarg sich die Absicht, auch der deutschen Gewerkschaftsbewegung das Tor für ihre gedruckten und ungedruckten Quellen offen zu halten. 163 Gerade Naus solides Verhältnis zur finanziellen „Machbarkeit“ ließ ihn pragmatische Lösungen wählen. Was Nau stets bewegte, war die“leidige Sache“, wie er es auf der Sitzung des SPD-Parteirats einmal formulierte,„daß über die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung in Deutschland nicht viel zu haben ist“ und umfassende Forschung nur im westlichen oder östlichen Ausland möglich sei. 164 Ihm schwebte Besseres vor. Alfred Nau diskutierte und plante seine Vision mit einem kleinen Stab historisch interessierter und fachlich ausgebildeter Mitarbeiter. Oberstes Ziel des Projekts: Parteimittel dürfen nicht verwendet werden. 165 Selbstverständlich war im en gen Kreis um Alfred Nau auch daran gedacht, die„Bibliothek und das historische Archiv“ des SPD-Parteivorstandes in das neue Projekt einzubeziehen und die Bestände nach internationalen wissenschaftlichen Usancen der Forschung uneingeschränkt zur Verfügung zu stellen. Die neuen Ideen fielen beim Parteivorsitzenden Willy Brandt auf fruchtbaren Boden. Willy Brandt war ein Mann des Buches und des gedruckten Wortes, selbst Journalist und vielfältig historisch tätig. Mit dem Verfassen von Texten und Büchern hatte er sich in der Emigration sein Leben verdient. Brandt ließ schon 1962 vor den Parteigremien keinen Zweifel an seinen Absichten. „Brandt: Er begrüße die Schaffung einer besonderen Bibliothek außerhalb des Hauses, meine aber, daß auch im Hause eine moderne Handbibliothek zur Verfügung stehen sollte. Die ande­ ren Bestände könnten Aufnahme finden im ‚Archiv für soziale Demokratie’ nach einem Ver­trag mit der Friedrich-Ebert-Stiftung.“ 166 Der Parteivorsitzende formulierte eine Wunschvors­ tellung, wie sie heute Realität ist. Die Verwirklichung des„großen Ziels“ musste allerdings noch einige Zeit auf sich warten lassen. Eine schnelle Realisierung scheiterte„nur“ an finanziellen Fragen. Archive und Bibliotheken brauchen ausreichend Raum, Magazine und hinreichende Büroausstattungen. Die FriedrichEbert-Stiftung selbst war verstreut in einigen Privatwohnungen untergebracht. Das Konzept eines„Archivs der sozialen Demokratie“ stand und fiel mit Realisierung eines vollständigen 162 Über die geistigen und materiellen Voraussetzungen der Schaffung eines Archivs der sozialen Demokratie hat Horst Heidermann,„Überlegungen und Vorbedingungen...“, a.a.O. anschaulich berichtet. 163 Siehe Mertsching, Klaus und Hans-Holger Paul:„Gewerkschaftsakten im Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung“. In: Der Archivar, 49(1996), Sp. 437 ff. 164 AdsD, Bestand PV, Protokolle, Sitzung des Parteirates am 1. Juni 1966, S. 35. 165 Mündliche Mitteilung von Horst Heidermann an den Verfasser. 166 AdsD, Bestand PV, Protokolle, Sitzung des Präsidiums am 18. Juni 1962, S. 7. 58 Neubaus. Der ließ noch auf sich warten. Konzeptionell hingegen bestand im Vorstand der Friedrich-Ebert-Stiftung Klarheit über die Aufgabenstellung des neuen Projektes. Fachlich war auf verschiedenen Ebenen„vorgedacht“ worden. 1963 war im Umfeld der Friedrich-Ebert-Stiftung die„Otto-Wels-Gesellschaft“ gegründet worden, die sich satzungs­gemäß mit der wissenschaftlichen Erforschung und Darstellung des Wirkens des demokratis­ chen Sozialismus zwischen 1933 und 1945 beschäftigte. Die Auseinandersetzung mit dem Widerstand auf lokaler Ebene speiste viele Einsichten über die Defizite der Überlieferung in der deutschen Archiv- und Bibliothekslandschaft. Gleichzeitig kristallisierte sich bei den jun­gen Historikern heraus, was ein neues und„besseres“ Archiv der sozialen Demokratie leisten sollte. Seit 1965 leitete darüber hinaus Professor Georg Eckert die„Historische Kommission der FriedrichEbert-Stiftung“ und beteiligte sich an der Diskussion. In vielen Aktennotizen, Gesprächen und Stellungnahmen nahm das neue Projekt Konturen an. Auf die Bibliothek bezogen, deuteten sich zentrale Arbeitsfelder an: • Sammlung des nationalen und regionalen Schrifttums der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften • Sammlung des zentralen Schrifttums der internationalen Arbeiterorganisationen und der ausländischen Parteien und Gewerkschaften • Aufbau eines großen wissenschaftlichen Zeitschriftenapparates • Umfassende wissenschaftliche Sammlung zur deutschen und internationalen Arbeiter­ bewegung • Retrospektive Ergänzungen der Quellen durch antiquarische Käufe und Verfilmungen • Dokumentarische Erschließungstätigkeiten • Anschluss an die überregionale Literaturversorgung(Fernleihe) • Schaffung guter Benutzungsmöglichkeiten in Bonn Zeitweise schien das große visionäre Ziel zu verschwimmen: Staatliche Forschungseinrich­ tungen suchten partiell regionale SPD-und Gewerkschaftsbestände für ihre Zwecke zu verein­ nahmen. DDR-Forscher begannen auf Reisen in der Bundesrepublik Materialien bei Privat­ personen aufzustöbern und zu requirieren. Noch im Oktober 1964 musste der Leiter des Forschungsinstituts Horst Heidermann über die Aktivitäten seines Instituts mitteilen, dass man in der Raumfrage für Bibliothek und Archiv nicht weitergekommen sei. Dennoch: 1965 fasste der Vorstand der Friedrich-Ebert-Stiftung formal den Beschluss, Kurs auf das neue Archiv der sozialen Demokratie zu nehmen und unter seinem Dach eine bedeutende nationale und internationale Bibliothek zur errichten. Welche neuen Perspektiven hatten sich ergeben? Es waren die Aussichten, aus den Privatisierungserlösen des Volkswagenkonzerns Gelder für den lange ersehnten Neubau zu bekommen. In einem vorher in Deutschland nie gekannten Förderkonzept unterstützte die Volkswagenstiftung eine Fülle von Projekten in allen wissen­ schaftlichen Bereichen und Disziplinen. Ganze infrastrukturelle Neueinrichtungen entstanden. Die Anschubfinanzierungen der VW-Stiftung veränderten die deutsche Wissenschaftsland­schaft 59 nachhaltig. Mit Hilfe der VW-Stiftung gelang es der Friedrich-Ebert-Stiftung, ein angemessenes Grundstück im Bad Godesberger Vorort Friesdorf zu erwerben. 167 Optimistisch hatte Georg Eckert für die VW-Stiftung das Gesamtprojekt unterstützt:„Ange­ sichts der guten internationalen Beziehungen der Friedrich-Ebert-Stiftung besteht berechtigte Aussicht, daß es ihr in wenigen Jahren gelingen wird, zu einem der wichtigsten Dokumenta­ tions- und Forschungszentren Westeuropas zu werden.“ Nun ging es Schlag auf Schlag: Am 17. Dezember 1967 konnte der Grundstein gelegt werden; am 6. Juni 1969 wurde der Neubau eingeweiht. Willy Brandt hatte seinen Anteil am neuen Werk. Auf beiden Veranstaltungen verknüpfte der Parteivorsitzende die Geschichte der Quellen mit der Parteigeschichte selbst.„Do kumente, Briefe, Broschüren, Zeitungen, Zeitschriften“ – so der Festredner –„machen deutlich, daß der deutsche Sozialismus in seiner heutigen Ausprägung in der Tradition einer Bewegung steht, die durch ihre humanitären und freiheitlichen Triebkräfte gekennzeichnet sind.“ 168 Wie sollte nun die Integration der Bibliothek des Parteivorstandes in die politische Stiftung vonstatten gehen? Gab es überhaupt Anknüpfungspunkte? Bibliotheksarbeit war innerhalb der Friedrich-Ebert-Stiftung in den sechziger Jahren keine terra incognita. Im Forschungsinstitut in der Gotenstraße existierte in den sechziger Jahren eine Bibliothek, die bereits internationalen Ansprüchen genügte. Dies galt in erster Linie für den vorzüglichen Bestand an„3. Welt-Lite­ ratur“. Zeitweise wurde die Bibliothek von zwei fachlich ausgebildeten Kolleginnen betreut. Die Konstituierung der Abteilung Sozial- und Zeitgeschichte ließ auch den Strom historischer Quellen in die Stiftungsbibliothek anschwellen. Der Vorstandsbeschluss des Jahres 1965 hatte auch Auswirkungen auf die FES-Hausbiblio­ thek: Ihr Erwerbungshaushalt wurde entscheidend gesteigert. Allein 1968 wurden Bücher­ anschaffungen im Werte von DM 300.000 getätigt. Ohne es zu erahnen, kauften die Verant­ wortlichen auf dem Antiquariatsmarkt Bestände aus der alten SPD-Bibliothek zurück. Der Kreis begann sich zu schließen. Weitere Aktivitäten gilt es herauszustreichen: Wissenschaft­ liche Mitarbeiter der Abteilung Sozial- und Zeitgeschichte begannen nach dem stiftungsinter­ nen Gründungbeschluss systematisch Kontakt zu regionalen und lokalen SPD-Organisationen sowie zu„Veteranen“ aufzunehmen, um Bibliotheksgut zu übernehmen. Von 1965 an kam es somit zu parallelen Sammelaktivitäten innerhalb der Friedrich-Ebert-Stiftung und der SPDParteibibliothek. 169 Im Juli 1969 wurden auch die Absprachen zwischen dem Parteivorstand der SPD und dem Vorstand der Friedrich-Ebert-Stiftung zur Übergabe der Bestände vertraglich fixiert:„Die Sozial demokratische Partei Deutschlands stellt dem Archiv der sozialen Demokratie(Friedrich-EbertStiftung) die am 1.4.1969 vorhandene Bibliothek des Vorstandes der Soziald­ emokratischen Partei Deutschlands und das dieser Bibliothek angeschlossene Archiv zur Nutzung zur Verfügung. 167 Heidermann,„Überlegungen und Vorbedingungen...“, a.a.O., S. 19. 168 Beide Reden Willy Brandts sind abgedruckt im Anhang von Klaus Schönhoven, Auf dem Weg zum digitalen Dienstleistungszentrum, a.a.O. Zitat S. 28. Die Friedrich-Ebert-Stiftung druckte ihrerseits die Texte selbst ganz oder in Auszügen mehrfach ab. Siehe zum Redetext der Grundsteinlegung Brandt, Willy:„Erforschung der Geschichte der Arbeiterbewegung – Aufgabe der Gegenwart“. In: Archiv der sozialen Demokratie. Hrsg. vom Forschungsinstitut der Friedrich-Ebert-Stiftung. Bonn, 1968, S. 7-9. Die Eröffnungsrede wurde viersprachig veröffentlicht. Siehe Archiv der sozialen Demokratie. Hrsg. von der Friedrich-Ebert-Stiftung. Bonn-Bad Godesberg, 1969. 169 Der Erwerb der„Sammlung Daß“, einer großen Quellensammlung zur Arbeitersportbewegung, muss in diesem Zusammenhang besonders herausgestrichen werden. 60 Archiv und Bibliothek bleiben Eigentum der SPD.“ Bezogen auf die Bibliothek waren weitere Passagen in den Vertragstext eingefügt: Sie sei„sachgemäß zu ord­nen“ und der„wissenschaft lichen Öffentlichkeit zugänglich zu machen“. Die Sozialdemokrat­ische Partei Deutschlands verpflichtete sich ihrerseits,„ihr zugehende Angebote auf Überlas­sung oder Kauf von Biblio theks- und Archivmaterialien an das Archiv der sozialen Demokrat­ie weiterzuleiten“. 170 So erfolgreich sich die Verhandlungen mit dem Parteivorstand der SPD gestalteten, so enttäu­ schend waren die Gespräche mit den verschiedenen Gewerkschaftsvorständen. Keiner war bereit, die teilweise gut geführten Bibliotheken, teilweise im Nebenamt verwalteten Bücher­ sammlungen an das Archiv der sozialen Demokratie abzugeben. 171 Hier sollte erst die Zeit neue Wege ebnen. Die Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung Mit der Zusammenlegung der Bestände der Bibliothek des Forschungsinstituts der FriedrichEbert-Stiftung waren knapp 50.000 Bände„zusammengekommen“. Natürlich befanden sich darunter viele Dubletten und unaufgenommene Bestände. Die„Werbekampagnen“ und der Aufruf Willy Brandts an die Landesverbände, Bezirke, Unterbezirke und Landtagsfraktionen der SPD zeigte Wirkung. Im März 1970 konnte der SPD-Pressedienst seinen Lesern stolz mitteilen:„Wer Einsicht in die 22.000 Bände der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands hatte, die mit in das Archiv ein gebracht wurden, der wird erstaunt sein. Wie viele Kostbarkeiten und wie viele unentbehrl­iche Literatur, die oft anderswo nicht greifbar ist, inzwischen hinzugekommen ist.“ 172 Der ehemalige Bremer Bürgermeister Wilhelm Kaisen trennte sich von seiner Privatbibliot­hek zugunsten des neuen Dokumentationszentrums ebenso wie der ehemalige – 1933 nach Palästina emigrierte – Wirtschaftstheoretiker Fritz Naphtali. Der israelische Staatsbürger stand in der Weimarer Republik der von Gewerkschaften und Sozialdemokratie getragenen„For­schungsstelle für Wirtschaftspolitik“ vor, in der Historiker zu Recht eine der geistigen Wur­zeln der FriedrichEbert-Stiftung sehen. 173 Weitere„Großabgeber“ waren das Kölner Druckh­ aus Deutz und das Verlagshaus des Berliner„Telegraf“. Die Bestandszuwächse waren be­eindruckend und poli tisch gewollt. Bereits im Juni 1969 hatte Alfred Nau die Überschreitung der„100.000 BändeGrenze“ in allerkürzester Zeit angekündigt. 174 In den Magazinen der Bibliothek lagerte Arbeit für Generationen. Die personelle Struktur war hingegen nicht mit den hochgesteckten internationalen Ansprüchen und den hereinströmenden Materialien mit­gewachsen. Das Spannungsverhältnis von Anspruch und Wirklichkeit konnte nur eine be­grenzte Zeit in der Schwebe gehalten werden. 170 Depositarvertrag zwischen der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, vertreten durch den Parteivorstand und dem Archiv der sozialen Demokratie(Friedrich-Ebert-Stiftung), vertreten durch den Vorstand der Friedrich-Ebert-Stiftung, vom 21. Juli 1969. 171 Heidermann,„Überlegungen und Vorbedingungen...“, a.a.O., S. 20. 172 „Das Archiv der Friedrich-Ebert-Stiftung wächst. Bücher und Dokumente zum Thema ‚Soziale Demokratie’ in Bonn-Bad Godesberg“. In: SPD-Pressedienst, 25. März 1970. 173 AdsD, Depositum Werner Plum. 174 Pressemitteilungen und Informationen/SPD, 6. Juni 1969. 61 Organisatorisch war die Bibliothek 1969 gemeinsam mit dem Archiv(im engeren Sinne) Teil der Abteilung Sozial- und Zeitgeschichte unter Leitung Kurt Klotzbachs. Der neunundzwan­ zigjährige Historiker, Verfasser der lokalen Widerstandsstudie über Dortmund, hatte viel zu den Grundüberlegungen beigesteuert, die bei Neugründung des Archivs der sozialen Demo­kratie Pate gestanden hatten. In einem großen Zukunftsentwurf stellte er 1969 der internation­ alen Fachöffentlichkeit in Zürich auf der Tagung des Sozialarchivs die neue Forschungsein­richtung vor. 175 Der Bibliothek schrieb er ins Pflichtenheft: Aufbau eines Sachkataloges, Auf­bau eines bibliographischen Apparates, Anschluss an die Fernleihe. 1970 löste die Stiftungsleitung Archiv und Bibliothek aus der„Historikerabteilung“ heraus. Mit Kuno Bludau erhielt das Archiv der sozialen Demokratie eine eigenständige Leitung. Alfred Nau persönlich votierte für das neue Namensschild der Bibliothek: Bibliothek des Archivs der sozialen Demokratie(Friedrich-Ebert-Stiftung). Über die Doppelbezeichnung Bibliothek der sozialen Demokratie/Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung, die Willy Brandt gut gefiel, erhielt die große Spezialbibliothek 1991 ihren endgültigen Namen: Bibliothek der Friedrich-EbertStiftung. Sie figuriert seit 1987 als eigenständige Abteilung im Forschungs­institut der Fried rich-Ebert-Stiftung(später Historisches Forschungszentrum der Friedrich-Ebert-Stiftung). Die fachliche Leitung der Bibliothek lag zu Beginn in den Händen von Manfred Turlach. 176 Er entschied sich nach reiflichen Überlegungen für das„Kieler Katalogsystem“ der Biblio­thek des Instituts für Weltwirtschaft an der Universität Kiel. Das System hatte der sozial­demokratische Ökonom und Bundestagsabgeordnete Wilhelm Gülich entwickelt. Turlachs Entscheidung machte Sinn. Das Kieler System galt unter Experten als bestes Erschließungs­system für Spezialbibliotheken. Der Deutsche Bundestag hatte für seine Entscheidung die gleiche Wahl getroffen. Allerdings„kaufte“ sich die Stiftung damit ein personalintensives System ein. Seine Pflege bedurfte großer Umsicht, fachlicher Verantwortung und hoher Professionalität. In der Startphase verfügte die Bibliothek unter dem Dach der Friedrich-Ebert-Stiftung über 8 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Dieser Stab schloss Magazin- und Schreibkräfte ein. Mit der eher spärlichen Personalstruktur waren die Aufgaben und hohen Ziele nicht zu verwirk­ lichen. Die Bibliothek drohte an den eigenen Zielen und den gewaltigen Bücherzuwächsen zu ersticken. Im Februar 1970 erhielt Frau Dr. Frieda Otto von der Bibliothek des Instituts für Weltwirtschaft von der Bonner Stiftungsleitung den Auftrag, die Bibliothek zu evaluieren. Die Katalogexpertin und Wirtschaftswissenschaftlerin galt in der„librarian community“ als eine der besten Spezialbibliothekarinnen Europas. Sie genoss darüber hinaus als unkonven­tionell denkende Frau einen exzellenten Ruf. Frieda Otto untersuchte Bestände, Bestandsaufbau, Arbeitsorganisation, Arbeitsablauforgani­ sation und maß den eigenen Anspruch der„Gründungsväter“ an der vorgefundenen Wirklich­ keit. Ihre Analyse war eindeutig und klar: Sollte die Bibliothek die ihr zugedachte Aufgabe erfüllen, so benötigte sie in kürzester und mittelbarer Zeit zwölf zusätzliche Stellen: ausgebil­ dete wissenschaftliche Bibliothekare/innen und Diplomkräfte. Die Leitung der Friedrich-EbertStiftung nahm das Gutachten sehr ernst. Alle Stellen wurden nicht auf einen Schlag geschaffen. 175 Klotzbach, Kurt:„Die Aufgaben des Archivs der sozialen Demokratie bei der Friedrich-Ebert-Stiftung. Vortrag von Kurt Klotzbach am 10. Juli anlässlich der Jahresversammlung des Schweizerischen Sozialarchivs Zürich“. Kopie im Besitz der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung. 176 Turlach, Manfred:„Am Anfang“. In: Das gedruckte Gedächtnis der Arbeiterbewegung. Festschrift zum 30-jährigen Bestehen der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung. Bonn, 1999, S. 21 f.(Veröffentlichungen der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bd. 8). 62 In knapp zwanzig Jahren wurde indes der Personalstand auf das entsprechende Niveau gehoben, für neue Herausforderungen sogar neue Stellen geschaffen. Mit angemesse­ner finanzieller und personeller Ausstattung wurde viel geleistet. In kürzester Zeit hat sich die Bibliothek eine geachtete Stellung im nationalen und internationalen Rahmen„erarbeiten“ können. Was ist geworden? Heute umfasst die Bibliothek – wie das Archiv der sozialen Demokratie Teil des Historischen Forschungszentrums(Leiter: Prof. Dr. Michael Schneider) – ca. 750.000 Bände. Sie zählt da mit zu den größten historisch-sozialwissenschaftlichen Spezialbibliotheken auf der Welt. Eine zweifache Bauerweiterung hat die neu hinzukommenden„Schätze“ aufgenommen. In der überregionalen Literaturversorgung in Deutschland nimmt die Bibliothek einen wichti­ gen Platz ein. Im wohldefinierten nationalen Interesse sammelt sie die Parteien- und Gewerk­ schaftsliteratur des Auslandes. Professor Dr. Dieter Dowe, langjähriger Leiter des Historischen Forschungszentrums (1990-2008), hat die Bibliothek und ihre„kulturellen Überlieferungsprojekte“ stets mit Sondermitteln unterstützt. Unter der Ägide des langjährigen Vorstandsvorsitzenden der FriedrichEbert-Stiftung Holger Börner(1987-2003) und ihres geschäftsführenden Vorstandsmitgliedes Dr. Jürgen Burckhardt(1989-2003) wurden mit beträchtlichen Zusatzmitteln Probleme des Mo dernisierungsprozesses gemeistert: Als erste große deutsche Bibliothek bot sie ihren gesamten Bestand digital im Internet an. Die gegenwärtige Vorstandsvorsitzende Anke Fuchs und der Geschäftsführer Dr. Roland Schmidt haben auf den jährlichen Mitgliederversammlungen stets den hohen Wert der Biblio thek für die Erinnerungskultur und die aktuelle Stiftungsarbeit herausgestrichen. Die Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung versammelt heute die meisten Bibliotheken der deutschen Gewerkschaftsbewegung unter ihrem Dach. Sie spielt in den internationalen und nationalen Fachgremien eine wichtige Rolle. Der Rat ihrer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ist bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft und den Bibliotheken gefragt. Tausendfach greifen Nutzer auf die digitalen Angebote der Bibliothek im World Wide Web zu. Dies gilt für Gewerkschafts- und SPD-Mitglieder sowie„neutrale“ Benutzer. Nach drei­ ßigjährigem Bestehen unter dem Dach der Friedrich-Ebert-Stiftung hat die Bibliothek Rechen schaft abgelegt. In ihrer publizierten Festschrift„Das gedruckte Gedächtnis der Arbeiterbewe gung“ haben engagierte Kolleginnen und Kollegen Zeugnis abgelegt, was aus den Visionen und Überlegungen geworden ist. Der Inhalt der Festschrift braucht nicht wie­derholt zu werden. Nur schlaglichtartig sollen einige Entwicklungszusammenhänge beleucht­et werden. Was sagt eigentlich die Labour Party zur Frauenfrage? Spezialbibliothek überregionaler Bedeutung Zu Beginn der siebziger Jahre konsolidierte sich die Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung rasch. Teilweise war der Prozess schmerzlich. Der Erfahrungsgewinn war in jedem Fall groß. Die Verantwortlichen im Bibliotheksreferat der Deutschen Forschungsgemeinschaft(DFG) 63 erkannten mit geschultem Auge rasch das ungeheure Potential, das in der Bonner Spezial­ bibliothek ruhte. Die DFG steuert weitgehend Aufbau und Struktur des deutschen Bibliothekswesens. Sie stellt mit ihren Förderprogrammen sicher, dass alle wichtigen Veröffentlichungen wenigstens ein­ mal in Deutschland greifbar sind. Welche Rolle wurde in diesem Konzert nun der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung beigemessen? Die Antwort fällt leicht. Es sind im Grunde ge­ nommen die alten Bebelschen Ziele. Im nationalen Interesse sammelt die Bibliothek die zent­ ralen Veröffentlichungen der Parteien und Gewerkschaften Deutschlands und des westlichen Auslands. Eine Publikation des britischen gewerkschaftlichen Dachverbandes zur Flexibilisie­ rung des Arbeitsmarktes gehört ebenso zum Sammelprofil wie eine Veröffentlichung der fran zösischen Sozialisten zur Kulturpolitik oder eine Studie der Sozialistischen Partei Europas zu Umweltfragen. Auf durch die DFG geförderten Erwerbungsreisen werden Kontakte geknüpft, um einschlä­ gige Materialien zu beschaffen. Im Inland nimmt die Bibliothek eine„nationalbibliographis­ che Ersatzfunktion“ wahr. Die großen Pflichtexemplarbibliotheken haben der Friedrich-Ebert-Stif tung weitgehend die Sammlung der nichtkonventionellen Materialien, der außerhalb des Buchhandels erscheinenden sog.„Grauen Literatur“, überlassen. Die Sicherung des Kul­turgutes der mitgliederstärksten politischen Organisationen liegt damit ausschließlich in der Hand der Mit arbeiter und Mitarbeiterinnen der Stiftungsbibliothek. Neben der ausländischen„Grauen Literatur“ sammelt die Bibliothek ausländische wissen­ schaftliche Materialien zur deutschen Arbeiterbewegung. Zeitschriften und Sammelwerke werden entsprechend erschlossen. Mit der„Bibliographie zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung“ im Verlag J.H.W. Dietz Nachf. wird die Geschichte der deutschen Sozialdemokratie und der deutschen Gewerkschaftsbewegung angemessen dokumentiert. Zu diesem Zweck wurde der Zeitschriftenapparat auf internationales Niveau angehoben. Start­finanzierung gab die Bundesregierung mit ihrem ambitionierten„Informations- und Dokum­ entationsprogramm“ Mitte der siebziger Jahre. Alfred Nau hatte„Recht“: Die größte Gewerkschaftsbibliothek der Welt Mitte der sechziger Jahre war es Alfred Nau und dem Vorstand der Friedrich-Ebert-Stiftung trotz großer Bemühungen nicht gelungen, deutsche Gewerkschaftsvorsitzende zu motivieren, ihre Büchersammlungen in die Obhut der neuen Zentralbibliothek zu geben. Das Vorstandsmitglied des Deutschen Gewerkschaftsbundes Werner Hansen beharrte in Düsseldorf auf einer eigenständigen Gewerkschaftseinrichtung und setzte damit ein Signal für alle anderen Einzelgewerkschaften. 177 Dem ehemaligen Mitglied des Internationalen Sozia­listischen Kampfbundes war kulturelle Autonomie besonders wichtig; solange er für Archiv und Bibliothek beim Hauptvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes verantwortlich zeichnete, konnte“seine“ Bibliothek mit ausreichenden Erwerbungsmitteln fest rechnen. Andere verantwortliche DGB-Vorstandsmitglieder setzten ihre Interessenschwerpunkte anders. 177 Mündliche Mitteilung von Dr. Dieter Schuster, Düsseldorf. 64 Die Diskussionen über„Kernaufgaben“ innerhalb der Gewerkschaften führte in Bibliotheksund Archivfragen zu einem gewissen Gesinnungswandel. Beginnend mit der ehemaligen Industriegewerkschaft Bau-Steine-Erden, gaben ab 1978 Gewerkschaftsorganisationen sukz­ essiv ganze Spezialbibliotheken an die Friedrich-Ebert-Stiftung ab. Die Transaktionen wur­den von entsprechenden bilateralen Verträgen begleitet. Die Liste der„Abgeber“ ist lang: die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten, die Ge­ werkschaft Erziehung und Wissenschaft, die Industriegewerkschaft Medien, die Gewerkschaft Textil und Bekleidung, die Deutsche Angestelltengewerkschaft. Viele Regionalorganisationen kamen hinzu. Größter„Brocken“ war indes die komplette Übernahme der Bibliothek beim Hauptvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes im Jahr 1995. Über 120.000 Bände wechselten von Düs seldorf nach Bonn. Mit Hilfe der Deutschen Forschungsgemeinschaft konnten die Bestände restlos digital erfasst und allen Interessierten über die entsprechenden infrastrukt­urellen Netze zur Verfügung gestellt werden. Internationale Berufssekretariate folgten dem Beispiel der deutschen Gewerkschaften. Aus der Schweiz kamen die Bestände des Internationalen Metall-Gewerkschaftsbundes, der Inter­ nationalen Graphischen Föderation und der Internationalen Union der Lebens- und Genuss­ mittelarbeiter an den Rhein. Die Übergabe aus der Schweiz nach Deutschland war wohl überlegt und entsprang dem guten Ruf, den sich die Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung in der Zwischenzeit erworben hatte. Der Zugewinn an internationalen Gewerkschaftsquellen für die eigene Bibliothek und das gesamte deutsch-europäische Wissenschaftsnetz suchte im deutschen Bibliothekswesen seinesgleichen. In jüngerer Zeit haben eine Fülle von weiteren Gewerkschaftsorganisationen Teile ihrer Mate­ rialien abgegeben. Die„Konzentrationswelle“ unter den internationalen Gewerkschaftsorga­ nisationen begünstigte diesen Prozess nachhaltig: Die Internationale des öffentlichen Dienstes (IÖD), der Internationale Bund der Privatangestellten(FIET), die Bildungsinternationale und der Internationale Bund der Bau- und Holzarbeiter gaben ihre Bibliotheken nach Bonn ab. Das gewaltige Wachstum der Stiftungsbibliothek ist vor allem den reichen und seltenen Ge­ werkschaftsmaterialien geschuldet. Das Ende weiteren„Wachstums“ zeichnet sich ab, ist allerdings noch nicht in Sicht. Die Quellen nach Hause bringen: Mikrofilme bleiben wichtig Allen modernen Digitalisierungsprojekten zum Trotz: Der Mikrofilm hat als„Sicherungs­ instrument“ seine große Zukunft noch vor sich. Er stellt das einzige verlässliche Medium dar, vom Verfall bedrohte Bestände sicher zu speichern und die über Generationen überlieferten Informationen zu„retten“. Kein seriöses Digitalisierungsprojekt ohne vorherige Mikrover­ filmung. Mit keinem anderen Medium hätte die Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung ihren hochgesteckten Ansprüchen entsprechen können. Auf dem Weg hin zu einem bedeutenden internationalen Dokumentationszentrum spielte die Mikrofilmtechnik eine zentrale Rolle. In enger Kooperation mit dem Mikrofilmarchiv der deutschsprachigen Presse(MFA), natio­nalen und internationalen Partnern, aus eigener Kraft und mit finanziellen Mitteln von Förde­rern ist es weitgehend gelungen, auf verschlungenen Wegen den„Zeitschriftenschatz“ aus der alten SPD- 65 Bibliothek zu rekonstruieren. Mehr noch: Durch systematische Ausdehnung der Verfilmungs tätigkeit auf SPD-Zeitungen, ausländische Zeitungen und Zeitschriften, Ge­werkschaftsblätter, Arbeiterkulturzeitschriften und Zeitschriften internationaler Organisatio­nen sprengte die Bibliothek den alten Rahmen und betrat in vielerlei Hinsicht Neuland. Die Zahl der Mikrofilmtitel in der Bibliothek steuert heute auf 2000 zu. Zu den Verfilmungsprojekten zählten„spektakuläre“ Unternehmungen, so die Verfilmungen sozialdemokratischer Zeitungen aus den ehemaligen preußischen Ostprovinzen. Die sehr guten Beziehungen, die die politische Stiftung zu polnischen Einrichtungen und polnischen Einzelpersönlichkeiten pflegte, ermöglichten es, in Stettin, Danzig, Elbing und Breslau und in anderen polnischen Bibliotheken Verfilmungsprojekte anzustoßen. Alle Partner in Polen und Deutsch land steckten viel Kraft in das Projekt. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen: Die Breslauer „Volkswacht für Schlesien, Posen und die Nachbargebiete“, die„Danziger Volks­stimme“, der Stettiner„Volksbote“, die„Schlesische Bergwacht“ und andere Arbeiterblätter konnten auf Mi krofilm gesichert werden. Über die ambitionierten und umfänglichen Verfil­mungsprojekte hat der langjährige Leiter der Bibliothek, Horst Ziska, detailliert berichtet. Seine umfangreichen osteuropäischen Sprachkenntnisse und seine Kenntnisse„von Land und Leuten“ öffneten in Polen viele Türen. 178 Mit den Verfilmungen in Polen ging die Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung seinerzeit in der Bundesrepublik eigenständige und eigenwillige Wege. Die Arbeiten waren zeit- und per­ sonalintensiv. Die Mühe lohnte sich mehrfach. Mit den Verfilmungsaktivitäten wurde in der Bundesrepublik Deutschland die Historiographie der ostdeutschen Arbeiter- und Gewerk­ schaftsbewegung angestoßen und überhaupt erst möglich gemacht. Gewollt ruhiger – aber forschungspolitisch nicht minder spektakulär – verliefen die Verfil­ mungen auf dem ehemaligen Gebiet der DDR. Die Deutsche Bücherei in Leipzig lieh Hun­derte sozialdemokratischer und gewerkschaftlicher Zeitschriftenbände nach Bonn aus. Dazu kam ein fast lückenloser Bestand von Arbeiterkulturzeitschriften. In Bonn wurden die Zeit­schriften verfilmt und damit auch die Originale in Leipzig geschützt. Die„Magdeburger Volksstimme“, das alte Parteiblatt Erich Ollenhauers, gehörte noch zu DDR-Zeiten ebenso zu den prestigeträchti gen Verfilmungsprojekten wie das Hallesche SPD-Blatt. Bibliotheken waren zu DDR-Zeiten ein Ort der Resistenz. Manche DDR-Bibliothekare ris­ kierten bei ihrer engen Zusammenarbeit mit dem Bonner„Zentrum zur Verfälschung der Ge schichte der Arbeiterbewegung“ einiges. Schon zu DDR-Zeiten mit den„richtigen“ Leu­ten gesprochen zu haben, erleichterte nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Sys­tems vieles. Die fachlichen Kooperationen konnten nach der friedlichen Revolution intensi­viert und ausgebaut werden. Die SPD-Presse in den ehemaligen sozialdemokratischen Hochburgen in Sachsen und Thüringen liegt heute in höchstmöglicher Vollständigkeit auf Mikrofilm vor. Dies gilt auch für die„Diasporagebiete“ in Mecklenburg und Vorpommern. Die Originale selbst sind in ihren Heimatbibliotheken und Heimatarchiven durch den Gebrauch von Lesek­ opien geschützt. 178 Ziska, Horst:„Die Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung in den 70er und 80er Jahren – ein Rückblick“. In: Das gedruckte Gedächtnis der Arbeiterbewegung. Festschrift zum 30-jährigen Bestehen der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung. Bonn, 1999, S. 31 f.(Veröffentlichungen der Bibliothek der Friedrich-EbertStiftung, Bd. 8). 66 Natürlich: Nicht alle Verluste gelang es auszugleichen. Knapper werdende Mittel haben nicht alle Blütenträume reifen lassen. Generell gilt jedoch: In der Zwischenzeit ist in Bonn ein En semble sozialdemokratischer und gewerkschaftlicher Zeitungen zusammengetragen wor­den, von dem Hermann Schlüter und August Bebel nie zu träumen gewagt hätten. Mehr noch: Wichtige Parteizeitungen des Auslandes können in Bonn eingesehen oder über die Fernleihe angefordert werden. In Zürich, Wien und Prag verfilmte die Bibliothek Partei­ blätter mit Hilfe von Freunden und langjährigen Tauschpartnern. Ein Kooperationsprojekt mit der Pablo-Iglesias-Stiftung sicherte wichtige Quellengruppen der spanischen sozialistischen Arbeiterpartei. In enger Zusammenarbeit mit der International Association of Labour History Institutions und der Erich-Brost-Stiftung wurden weltweit alle Zeitschriften im Umfeld aller sozialdemokratischer Organisationen verfilmt. Zukäufe von kommerziellen Anbietern aus USA, Italien, Frankreich, Großbritannien, Latein­ amerika, Skandinavien und Russland ergänzen die internationalen Sammlungen. Der Vor­stand der Friedrich-Ebert-Stiftung beschloss 1965, eine bedeutende Spezialbibliothek mit nationalen und internationalen Beständen zu errichten. Millionen verfilmter Zeitungs- und Zeitschriften seiten haben dazu beigetragen. „Es ist vorgesehen, daß die Bibliothek als wissenschaftliche Bibliothek an das Netz des auswärtigen Leihverkehrs der wissenschaftlichen Bibliotheken angeschlossen wird.“ Die Bibliothek rasch an die Fernleihe anzuschließen, das war die Hausaufgabe, die der Präsi­ dent des Kuratoriums der Friedrich-Ebert-Stiftung, Walter Hesselbach, den Bibliothekarinnen und Bibliothekaren bei der Grundsteinlegung 1967 mit auf den Weg gegeben hatte:„Die Arbeiterbewegung selbst hat, wie keine andere politische Bewegung in Deutschland“ – so führte der Bankier der„Bank für Gemeinwirtschaft“ aus –„ein spezifisches Verhältnis zu ihrer eigenen Geschichte gehabt. Sie hat deshalb auch von Anfang an Wert auf die Sammlung der Dokumente ihrer Geschichte gelegt.“ 179 Und diese gedruckten Dokumente sollten nicht nur allein in Bonn zu sehen und zu lesen sein. Diese Dokumente waren allen Interessierten über fachliche infrastrukturelle Netze zur Verfügung zu stellen. Auch dafür war das„Archiv der sozialen Demokratie“ mit seiner Bibliothek errichtet worden. Haben die Kolleginnen und Kollegen ihre„Fernleihhausaufgaben“ in knapp 35 Jahren ge­ macht? Gingen die„Hausaufgaben“ zügig von der Hand? Oder musste„nachgesessen“ wer­ den? Die Leiterin der Fernleihstelle, Irmgard Bartel, hat 1999 in ihrem Beitrag„Von Anfra­ genbeantwortung zu elektronischer Dokumentenlieferung. Die Fernleihe der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung“ 180 eine beindruckende Bilanz abgelegt. Das Bibliothekssigel Bo 133, 179 Archiv der sozialen Demokratie. Hrsg. vom Forschungsinstitut der Friedrich-Ebert-Stiftung. Bonn, 1968, S. 12. 180 Bartel, Irmgard:„Von Anfragenbeantwortung zu elektronischer Dokumentenlieferung. Die Fernleihe der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung“. In: Das gedruckte Gedächtnis der Arbeiterbewegung. Festschrift zum 30-jährigen Bestehen der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung. Bonn, 1999, S. 102-122 (Veröffentlichungen der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bd. 8). Die empirischen Aussagen sind diesem Artikel entnommen. Festschrift des SPD-Ortsvereins Haßfurt aus dem Jahr 1978. Über 2000 Festschriften der lokalen Arbeiterbewegung bilden im Bibliotheksbestand der Friedrich-Ebert-Stiftung ein einmaliges Ensemble. Die gesamte Palette der Ortsvereinszeitungen in der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung dokumentiert die Vielfalt des lokalen Parteilebens der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. 69 nationales Kürzel für die Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung, genießt in der Zwi­schenzeit nicht nur bei Bibliothekarinnen und Bibliothekaren einen guten Ruf. Nur: Alltagsprobleme drängten den Gedanken des Anschlusses an die Fernleihe zunächst zu­ rück. Wer in nichtkatalogisierten Büchern erstickt, hat andere Probleme. Im Juni 1970 nahm Manfred Turlach mit dem wissenschaftlichen Leiter des Zentralkataloges des Landes Nord­ rhein-Westfalen erste Gespräche auf. Bis zur vollständigen Integration der Bestände sollten in des noch einige Jahre vergehen. Turlach hatte prinzipiell zugestimmt, Fernleihscheine, die auf unterschiedlichen Wegen in die Bibliothek gelangten(„laut Angabe des Benutzers in Bo 133“), zu erledigen. Zu einer regulären Anbindung kam es jedoch nicht. Die Gründe waren vielfältig und lagen im vorbibliothekarischen Raum. Die Fernleihscheine, die zwischen 1970 und 1978 in der Bonner Bibliothek eintrafen, zeigten das gewohnte Bild: Es waren durchgängig Veröffentlichungen der SPD, USPD, der deutschen Gewerkschaften und der deutschen Arbeiterkulturbewegung, die Studierende und Lehrende in deutschen Hochschulen vergeblich suchten. Zu Recht vermuteten sie diese Kostbarkeiten in Bonn. Rudolf Rothes und Paul Mayers Saat ging auf. Im Herbst 1977 stellte die Friedrich-Ebert-Stiftung endgültig den Antrag, an der Literaturver­ sorgung der deutschen und internationalen Bibliotheken teilzunehmen. Welche praktischen Schritte verbargen sich hinter diesem Antrag? In einem aufwändigen Verfahren wurde der Zettelkatalog von einer Fremdfirma kopiert und in den Zentralkatalog des Landes NordrheinWestfalen in Köln eingelegt. Dieser Schritt in den Kreis großer und bedeutender deutscher Bibliotheken bedeutete der Geschäftsführung der Stiftung viel. Sie finanzierte diese Integra­ tionsmaßnahme personell mit einer eigenen zeitlich befristeten Stelle, um zusätzliche Dienst­ leistungsmaßnahmen anzubieten. Zehntausende„anonymer Nutzer“ haben in der Zwischen­zeit von diesem Schritt profitiert. Im Gegenzug war es der Bibliothek erlaubt, selbst Material­ien aktiv aus anderen deutschen Bibliotheken zu beschaffen. Über mehrere Jahre hinweg blieben die Broschüren der Arbeiterbewegung das dominierende Moment im gebenden Leihverkehr. Veröffentlichungen aus der Weimarer Republik führten die Hitliste lange Zeit ungefährdet an. Die Leihverkehrsstatistik jener Zeit liest sich wie ein nach trägliches großes Lob auf die SPD-Parteibibliothekare. Der stets gleichbleibende Trend der frühen Jahre veränderte sich erst zu Beginn der neunziger Jahre. Die Nachfrageveränderung wurde durch die Integration der Zeitschriften, Zeitungen, Protokolle und Jahrbücher in die nationale„Zeitschriftendatenbank“ bewirkt. Die Integration in den Kölner Zettelkatalog war primär eine Integration der Monographien. In Berlin wurde in den siebziger Jahren versucht, länderübergreifend die gesamten intellektuellen Ressourcen in Form„laufender Veröffentlichungen“ zu bündeln. Entsprechende Impulse wurden von der damaligen regierenden sozial-liberalen Koalition breit unterstützt. Frucht dieser Bemühungen war die Zeitschriftendatenbank, die der Bundesrepublik Deutschland für lange Zeit eine wis­ senschaftspolitische Avantgardefunktion unter den westlichen Industrienationen bescherte. Die Mitarbeit an diesem nationalen Großprojekt war – im Zeitalter der Großrechner – alles andere als einfach und stellte die Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung vor hohe Herausfor­ derungen. Breite empirische Erhebungen hatten 1984/85 ergeben, über welch einzigartige Sammlung die Bibliothek verfügte. Die Daten zeigten jedoch auch, welch bedeutende Rolle die ausländische Literatur bei der Güte des Bestandes in der Zwischenzeit spielte. Das ausge­ 70 breitete Zahlenmaterial überzeugte nachhaltig. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft unter­ stützte über mehrere Jahre hinweg mit sachlichen und personellen Mitteln die Einarbeitung der Bestände in die Zeitschriftendatenbank. Die Stiftungsleitung selbst erfüllte die Forderung der DFG nach adäquater personeller Eigenbeteiligung. Wie hat sich dieses herausfordernde Projekt entwickelt? Haben sich die Investitionen gelohnt? Im März 2008 sind in der Zeitschriftendaten bank knapp 49.000 Titel nachgewiesen. Das sind mehr Titel, als die meisten deutschen Universitäts- und Landesbibliotheken ihr eigen nennen. Etwa 23.000 dieser Titel sind in Deutschland nur in der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung vorhanden. Keine andere Zahl dokumentiert so treffend die einmalige kulturelle Bedeutung der Bestände der Stiftungsbibliothek. Heute gehen ca. 12.000 Bestellungen jährlich in der Bibliothek an der Godesberger Allee ein. Drastisch hat sich die Art der Auslieferung verändert: Die meisten Bestellungen werden elek tronisch realisiert. Die Wünsche tendieren seit geraumer Zeit mehr zur neueren Literatur. In allen wichtigen Datenbanken sind die Bestände in der Zwischenzeit integriert. Die Welt der Kata­logzettel gibt es nicht mehr. Darüber hinaus kann auf die bibliothekseigenen Datenbanken weltweit zugegriffen und bestellt werden. Dokumente der Magdeburger Sozialdemokratie, der Lübecker Genossenschaftsbewegung und der Münchener Arbeitersportbewegung gehen heute zusammen mit wissenschaftlichen Artikeln zur Gentechnologie und publizistischen Äußerun­ gen Willy Brandts, Fritz Erlers oder Helmut Schmidts in alle Erdteile. Deutlich angestiegen ist auch die Belieferung der eigenen Stiftungskollegen und –kolleginnen weltweit. Hinzu kommt ein professioneller Lieferservice für die Stipendiaten und Stipendia­ tinnen der Friedrich-Ebert-Stiftung, die über ihre eigene Plattform die Serviceangebote der ­Bibl­­iothek ihres Förderwerkes schnell und unkompliziert nutzen können. Trotz starken ­Anstiegs der Bestellungen aus dem Umfeld der Stiftung: Die Versorgung aller Bürger und Bürgerinnen mit hochspezieller Literatur bleibt das zentrale Arbeitsfeld der Bibliothek. Die Friedrich-Ebert-Stiftung ist gemeinnützig. In keinem anderen Arbeitsbereich zeigt sich die Gemeinnützigkeit deutlicher als in der umfangreichen weltweiten Literaturversorgung aus ihren Bibliotheksbeständen. Bits und Bytes: Von Bebel bis Brandt Die weltweite Vernetzung hat auch die Bibliotheken der Arbeiterbewegung weltweit vor neue Herausforderungen gestellt. Das Internet ist nicht nur eine Chance der internationalen Ge­ werkschaftsorganisationen und der internationalen politischen Organisationen. Jede nationale Partei und jede nationale Gewerkschaft kann es nutzen. 181 Die Möglichkeit unmittelbarer„Kontaktaufnahmen“ über die Netze revolutioniert die Kommunikation von Gruppen und Einzelpersonen radikal. Der Charakter der politischen Kultur hat sich verändert, der Charakter der politi schen Dokumente hat sich verändert. Archive und Bibliotheken müssen sich neu positionieren und neue Herausforderungen annehmen. Dennoch: Nicht alles verändert sich. Neues wächst aus Altem. Das meiste bleibt. Vieles exis­ tiert parallel. Im gemeinsamen Bewahren beider Kulturen, der gedruckten und der digitalen Kultur, entsteht das kollektive Gedächtnis sozialer und politischer Bewegungen. Archive und 181 Lee, Eric: The labour movement and the internet. The new internationalism. London, 1997. 71 Bibliotheken sammeln„für die Ewigkeit“. Die Kunst liegt in der„richtigen“ Auswahl, in der „richtigen“ Erschließung, in der„richtigen“ Aufbewahrung der Dokumente. Im digitalen Modernisierungsprozess nahm die Bibliothek im eigenen Hause zu Beginn der neunziger Jahre eine führende Stellung ein, im nationalen bibliothekarischen Modernisie­ rungsprozess konnte sie beachtliche Akzente setzen. Mit weitsichtiger, großzügiger Unterstützung der Geschäftsführung der Friedrich-Ebert-Stif tung gelang es der Bibliothek im Jahre 1995 in einem ungeheuren Kraftakt, sämtliche konven tionellen Katalogdaten maschinenlesbar zu konvertieren. 182 Im gleichen Jahr, anlässlich des 70. Geburtstages der Friedrich-Ebert-Stiftung, präsentierte die Stiftungsbibliothek als erste große deutsche Bibliothek ihren vollständigen Katalogbestand im World Wide Web. Zu Beginn des Modernisierungsprozesses stand die Vision, die Literatur der sozialdemokratis­ chen und emanzipatorischen Bewegung mit Hilfe moderner Technologien weltweit nutzbar zu machen. Dieses Ziel wurde mit großer Anstrengung erreicht. Elektronische Anfrage aus den USA nach einem Text des ersten sozialdemokratischen Reichskanzlers Philipp Scheidemann, während des Dritten Reiches versteckt, der SPD-Bibliothek ge schenkt, innerhalb kürzester Zeit retrodigitalisiert und nach Wisconsin ver­sendet – das ist heute ein Teil der Bibliotheksrealität. Altes und Neues verbinden sich. Neben der Pflege elektronischer„Metadaten“ – das sind elektronische Informationen über „richtige“ gedruckte Bücher – verfügt die Bibliothek über beachtliche Sammlungen elektroni­ scher Volltexte. Gedruckte Veröffentlichungen der Stiftung werden als parallele elektronische Ausgaben ins Netz gelegt. Der vielbeschworene informatorische Mehrwert kommt nicht automatisch: Auch elektronische Texte wollen in Ordnung gehalten und professionell struk­turiert sein. Suchmaschinen müssen angelockt werden. Diese Arbeit leistet die Bibliothek. Vergriffene FES-Publikationen werden retrodigitalisiert und elektronisch neu aufgelegt. Fast unbemerkt ist die Bibliothek in die Rolle eines elektronischen Reprintverlages geschlüpft. Darüber hinaus veröffentlicht die Bibliothek eigenständige elektronische Nachschlagewerke, die ausschließlich digital erscheinen. Die„Chronik der deutschen Gewerkschaftsbewegung“ von Dieter Schuster ist ein gutes Beispiel. In Papierform umfasst das Werk des Gewerk­ schaftshistorikers 1.000 Seiten, in der elektronischen Digitalen Bibliothek der Friedrich-EbertStiftung 3 Megabyte. Die Herausgabe der erweiterten Neuauflage der„Chronik der deutschen Sozialdemokratie“ von Dieter Schuster und Franz Osterroth 183 und die Edition des sozialdemokratischen Emigrationsblattes„Sozialistische Mitteilungen“ 184 in elektronischer Form bildeten den Anfang einer Entwicklung, die die Rolle der Stiftungsbibliothek als„moderne Einrichtung“ im traditionellen Kontext kultureller Überlieferung völlig neu definierte. Welche neuen Projek te hat die Bibliothek auf den Weg gebracht? Wo lagen die Schwerpunkte? Welches nationale Kulturerbe bringen Stiftungsbibliothekare und –bibliothekarinnen ein? Was haben strenge Gutachter für förderungswürdig erachtet? 182 Zum Modernisierungsprozess der Stiftungsbibliothek s. Rösch, Hermann:„Spezialbibliotheken mit neuen Aufgaben. Die Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung auf dem Weg von der klassischen Bibliothek zum multi-funktionalen Informationszentrum“. In: Bibliothek. Forschung und Praxis, 24(2000), H. 1, S. 93 f. 183 http://library.fes.de/fulltext/bibliothek/chronik/ 184 http://library.fes.de/sozialistische-mitteilungen/ 72 Als erstes großes Digitalisierungsprojekt wurden mit Hilfe der Deutschen Forschungsgemein­ schaft zwei zentrale und wichtige Pressedienste der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands ins Netz gestellt. 185 Weder der„Sozialdemokratische Pressedienst“(1946-1995) 186 , noch die „Pressemitteilungen der SPD“(1958-1998) 187 waren in deutschen Bibliotheken vollständig und frei zugänglich, obgleich der Quellenwert beider Dienste nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. 188 Aus dem Fördertopf„Kulturelle Überlieferung“ finanzierte die Deutsche Forschungs­ gemeinschaft die Internetedition„Programmatische Dokumente und Statuten der Deutschen Gewerkschaftsbewegung und der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“. 189 Aus diesem Spezialprojekt erwuchs ein eigenständiges Editionsprojekt über die Verhandlungen der Par teitage der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, 190 das die Diskussionen in den„SPDParlamenten“ allgemein und frei zugänglich machen wird. Zu den„Premiumprojekten“ der Stiftungsbibliothek zählt ferner die Digitalisierung der„Sozia listischen Monatshefte“(1895-1933). Das„Zentralorgan des Revisionismus“ spielte in der programmatischen Debatte über den einzuschlagenden Weg der Partei über knapp vier Jahrzehnte hinweg eine ganz herausragende Rolle. An Hand des Internetauftritts der„Sozialistischen Monatshefte“ lassen sicht leicht die Kriterien ablesen, die die Bibliothek bei ihren digitalen Projekten zugrunde legt: Alle Beiträge werden bis auf die Artikelebene erschlossen. Jeder einzelne Artikel wird im Bibliothekskatalog, in den überregionalen Datenbanken und den Suchmaschinen nachgewiesen und im Volltext gefunden. 191 Auf gleich hohem Niveau wurden die„Gewerkschaftlichen Monatshefte“ erschlossen, die von 1950 bis 2004 als offenes Forum die gewerkschaftlichen Diskussionen in Deutschland auf nahezu allen Gebieten begleiteten. Nach Einstellen des Organs konnte der„Schatz“ an Texten mit Hilfe der Hans-Böckler-Stiftung für alle an der deutschen Gewerkschaftsbewegung Interessierte geborgen werden. 192 Auf ausdrücklichen Wunsch von Gewerkschaftsforschern und-forscherinnen wurde auch das Vorgängerorgan der„Gewerkschaftlichen Monatshefte“„Die Arbeit“ als zentrale Quelle zur Geschichte der Arbeitsbeziehungen im Deutschland der Zwischenkriegszeit ins Netz gelegt. 193 Neben eigenen Editionen werden auf dem Bibliotheksserver Datenbanken und Editionsprojekte von Kooperationspartnern gehostet. Welche Projektpartner sind in diesem Zusammen185 Zimmermann, Rüdiger:„Arbeiterbewegung online? Die Retrodigitalisierung des Sozialdemokratischen Pressedienstes mit Hilfe der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Ein Projekt der Bibliothek der FriedrichEbert-Stiftung“. In: Mitteilungen des Förderkreises Archive und Bibliotheken zur Geschichte der Arbeiterbewegung; Nr. 21(2002), S. 4 – 8. 186 http://library.fes.de/cgi-bin/populo/spdpd.pl 187 http://library.fes.de/cgi-bin/populo/spde.pl?t_maske=x 188 Sommer, Antje:„Vom Pressedienst zur Pressemitteilung. Der Wandel in der politischen Kommunikation von Partei und Bundestagsfraktion der SPD 1(1946 – 1995)“. In: Personen, soziale Bewegungen, Parteien. Heidelberg, 2004. S. 377 – 405. 189 http://library.fes.de/cgi-bin/populo/prodok.pl 190 http://library.fes.de/parteitage/ 191 http://www.gmh.dgb.de 192 http://library.fes.de/gmh/ 193 http://library.fes.de/arbeit/ 73 hang zu erwähnen? Welche Projektpartner gilt es herauszustreichen? Zu den„Fremdleistun gen“ zählt das„FDGB-Lexikon“, das über Funktionen, Struktur, Kader und Entwicklung ei ner Massenorganisation der SED(1945-1990) Auskunft gibt und das vom Forschungsverbund SED-Staat betreut wird. 194 Als Mitherausgeber fungiert der langjährige Leiter des Historischen Forschungszentrums Dieter Dowe. Als„innerbetriebliches“ Partnerprojekt muss auch die Herausgabe diverser periodischer Publikationen des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes(ISK) gewertet werden.„Germany speaks“(1940 und 1942)“Renaissance”(1941) und”Europe speaks”(1942-1947) wurden von Heiner Lindner vom Historischen Forschungszentrum der Friedrich-Ebert-Stiftung profes­ sionell ediert und als wichtige Dokumente der deutschen Emigration und als wichtige Quelle zur politischen Entwicklung des ISK-Vorsitzenden und späteren SPD-Politikers Willi Eichler elektronisch veröffentlicht. Als Kooperationsprojekt im weitesten Sinne muss auch die Internetedition der feministischen Zeitschrift„Courage“ gesehen werden, die von 1976 bis 1984 in Berlin erschien und als bedeu tendste Plattform einer autonomen links-feministischen Bewegung der neuen Frauenbewegung gilt. Auf Initiative ehemaliger Courage-Frauen, 195 entschloss sich das Historische Forschungszentrum der Friedrich-Ebert-Stiftung, die wichtigen Basistexte zur Frauenbewegung online zu erschließen. 196 Alle relevanten Dienstleistungsangebote der Bibliothek sind in einem eigenen Portal Arbeiterbewegung nachgewiesen. In diesem Portal werden auch künftig Projekte, die Quellen im Inter net„sichtbar“ machen, dokumentiert werden. In diesem Portal finden sich auch„Netzprojekte“, die von anderen Einrichtungen aufgebaut und gepflegt wurden. 197 Die Bibliothek spielt somit die Rolle eines„Information Brokers“ in ihrem ureigensten Hauptsammelgebiet. Kooperationen und Vernetzungen Bibliotheken arbeiten vernetzt. Doppelarbeit soll – wenn möglich – vermieden werden. Die gemeinsamen Ressourcen sollen zum Wohl aller genutzt werden. Bibliotheken sind auf Austausch und gemeinsame Nutzung fokussiert. Die allgemein verbindlichen Normen und Katalogprojekte – Ergebnisse der großen preußischen Reformen Ende des ausgehenden 19. Jahrhunderts – bilden die Grundlagen für ein gemeinsames Netzwerk. Zu Beginn der neunziger Jahre des 20. Jahrhundert hat die Bibliothek vollständig die Integration in die nationalen und internationalen Bibliotheksstrukturen vollzogen. Steigende Nutzungs­ zahlen und steigender Bekanntheitsgrad der Bibliothek und steigende Rationalisierungsg­ e­ winne im innerbetrieblichen Ablauf sind den erfolgreichen Kooperationen und Vernetzungen geschuldet. 194 http://library.fes.de/FDGB-Lexikon/rahmen/lexikon_frame.html 195 S. Als die Frauenbewegung noch Courage hatte. Die„Berline Frauenzeitung Courage“ und die autonomen Frauenbewegungen der 1970er und 1980er Jahre. Dokumentation einer Veranstaltung am 17. Juni 2006 in der Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin/ Gisela Notz(Hrsg.). Bonn, 2007.(Gesprächskreis Geschichte; 73) 196 http://library.fes.de/courage/ 197 http://library.fes.de/portalarb 74 Zu den großen Gesamtleistungen des deutschen Bibliothekswesens seit dem Siegeszug des Internets zählt der Aufbau sogenannter Virtueller Fachbibliotheken. Über einen einheitlichen Zugang bilden Virtuelle Fachbibliotheken das wissenschaftlich relevante Wissen in verschie­ denen Publikationsformen an. Mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft hat sich die Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung maßgeblich am Aufbau der Virtuellen Fachbibliothek Sozialwissenschaften beteiligt. Das Portal – es firmiert heute unter dem Namen Sowiport – indexiert mit moderner Suchmaschinentechnologie den Bestand und integriert die Netzquellen der Bibliothek„Geschichte und Politik“. 198 Diese Bibliotheksmodule sind eng an das Hauptsammelgebiet angelehnt(nationale und internationale Gewerkschaftsbewegung, Menschenrechte, Genderpolitik, Arbeit in der 3. Welt etc.) und verzeichnen hohe Zugriffsraten in der Nutzung. 199 In der Virtuellen Fachbibliothek Sportwissenschaft 200 bringt die Bibliothek Digitalisate ihres wertvollen Arbeitersportbestandes ein und dokumentiert die Nachweise zum Thema politische Parteien und Sport. An der Bayerischen Staatsbibliothek wird die renommierte Virtuelle Fachbibliothek Osteuropa gepflegt. Die Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung ist in der„Vifa Ost“ mit ihrer Sammlung sudetendeutscher Arbeiterbewegung und dem Internetauftritt der digitalisierten Zeitschrift des Ostbüros der SPD„Monatsberichte über die Entwicklung in Polen“ vertreten. Diese Seite wurde von der bedeutendsten deutschen Bibliothek mit historischen Beständen ins Russische und Englische übersetzt. 201 Aktiv arbeitet die Bibliothek ferner bei den Virtuellen Fachbibliotheken Politik 202 , Niederländischer Kulturkreis 203 und Vorderer Orient/ Nordafrika 204 mit. Mit ihrer virtuellen Mehrfachrepräsentanz in diversen Fachbibliotheken leistet die Stiftungsbib liothek einen ganz außerordentlich wichtigen Beitrag zur allgemeinen Informationsversorgung unserer Gesellschaft; gleichzeitig bieten die Portale eine herausragende Plattform, die eigenen hochspeziellen Stiftungspublikationen optimiert und gezielt zu verbreiten. Auf den Ebenen der Bibliotheksverbünde arbeitet die Bibliothek mit dem Kooperativen Bibliotheksverbund Berlin-Brandenburg(KOBV) 205 zusammen, über den die Nachweise für die überregionale Literaturversorgung im Karlsruher Virtuellen Katalog(KVK) 206 realisiert werden. Das Hochschulbibliothekszentrum des Landes Nordrhein-Westfalen(HBZ) 207 bietet über das Internet-Portal für digitalisierte historische Druckschriften(zvdd) 208 die Plattform, die digitalen Angebote der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung besser such- und sichtbar zu machen. Außerdem fungiert das HBZ als wichtiger Partner beim Direktlieferdienst. 198 http://www.sowiport.de/ 199 http://library.fes.de/library/netzquelle/index.html 200 http://vifasport.de/ 201 http://vifaost.de/texte-materialien/quellen/monatsberichte/ 202 http://vifapol.de/ 203 http://www.nedguide.de 204 http://www.bibliothek.uni-halle.de/ssg/inhalt.htm 205 http://www.kobv.de/ 206 http://www.ubka.uni-karlsruhe.de/kvk/html 207 http://www.hbz-nrw.de/ 208 http://www.zvdd.de/ In enger Kooperation mit Gewerkschaften und Bildungseinrichtungen zeigte die Bibliothek 2006 die Ausstellung„Gott grüß‘ die Kunst!“. Knapp 75 Exponate dokumentierten die besondere Fest- und Feierkultur der gewerkschaftlichen Arbeiter und Arbeiterinnen im Kaiserreich und der Weimarer Republik. Im Mittelpunkt standen Zeugnisse der Arbeiterkultur der Lithographen und Steindrucker aus dem Bestand der ehemaligen Bibliothek der IG Medien. Anlässlich des 75. Jahrestages der nationalsozialistischen Machtergreifung zeigte die Bibliothek im Januar 2008 erstmals die Ausstellung„Kampf dem Hakenkreuz“. Gemeinsam mit den antifaschistischen Karikaturen des sozialdemokratischen Satireblattes„Der wahre Jacob“ bilden die Massenbroschüren des zentralen sozialdemokratischen Parteiverlages J.H.W. Dietz Nachf. in der Schlussphase der Weimarer Republik ein eindrucksvolles graphisches Ensemble, das den Kampf von Sozialdemokraten und Gewerkschaftern gegen die tödliche Bedrohung treffend illustriert. 77 Im Web-Portal des Gemeinsamen Bibliotheksverbundes der Länder Bremen, Hamburg, Meck lenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein, Thüringen und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz(GBV) arbeitet die Bonner Bibliothek in einem anspruchsvollen Projekt mit, um die Inhaltsverzeichnisse von Zeitschriften in einem arbeitsteiligen nationalen Verfahren optimal zu nutzen(OLC-SSG). 209 Vor allem die Stiftungsmitarbeiter und –mitarbeiterinnen weltweit profitieren von dieser Kooperation. In der nationalen Elektronischen Zeitschriftenbibliothek(EZB) 210 , einem Service zur effektiven Nutzung wissenschaftlicher Volltextzeitschriften, und dem Datenbank-Infosystem(DBIS) 211 , die beide an der Universität Regensburg angesiedelt sind, wird die Mitarbeit der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung hoch geschätzt. Gibt es neben den nationalen Kooperationsprojekten auch eine Zusammenarbeit auf der internationalen Ebene? Und: Welche Aktivitäten sind auf der supranationalen Ebene herauszu streichen? Herauszuheben ist vor allem die Mitarbeit im Forschungsnetzwerk Global Union Research Network(GURN) 212 . Dieses wurde 2004 auf Initiative des Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften(IBFG), der Internationalen Arbeitsorganisation(ILO), des Trade Union Advisory Committee to the OECD(TUAC) und des International Institute for Labour Studies (IILS) gegründet. Die Bibliothek betreut die zentrale Datenbank für das Netzwerk. Die vertragliche Kooperation mit GURN wurde zwischenzeitlich um Vereinbarungen mit dem Europäi schen Gewerkschaftsinstitut(ETUI-REHS) erweitert. Zu den Internationalen Partnern zählen auch die Bibliotheken und Archive, die sich in der In ternational Association of Labour History Institutions(IALHI) 213 vereinigen. Die Früchte der internationalen Kooperation dokumentieren sich im Aufbau eines„Labour Indexes“ und einer gemeinsamen inhaltlichen Zeitschriftenerschließung. In der nationalen beruflichen Verbandsarbeit, auf Weiterbildungsveranstaltungen und nationa len Fachkongressen haben sich die Bibliothekare und Bibliothekarinnen der Stiftung vielfältig mit Präsentationen und Berichten eingebracht. Trotz aller Vielfalt: Kern der Arbeit bleibt, die Netze und die Kooperationen für die kulturelle Überlieferung der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften zu nutzen. Dies gilt für konventionelle wie für digitale Dokumente. Die Medien haben sich gewandelt, das Ziel bleibt. Bestandszuwächse und Geschichtspolitik Trotz aller vielfältigen Aktivitäten im Bereich der neuen Medien: Der traditionelle Bestands aufbau bleibt eine wichtige Säule der Bibliotheksarbeit. Der Zuwachs an großen bedeutenden Sammlungen hält an; die Herausforderungen bei der fachgerechten Erschließung neuer Spezi alsammlungen sind nicht kleiner geworden. 209 http://www.gbv.de/vgm/vifa/ 210 http://rzblx1.uni-regensburg.de/ezeit/ 211 http://rzblx10.uni-regensburg.de/dbinfo/fachliste.php?lett=1 212 http://www.gurn.info/ 213 http://www.ialhi.org/ 78 Anfang 2004 unterzeichneten die Geschäftsführer der Friedrich-Ebert-Stiftung und der Arbei terwohlfahrt(AWO) einen Vertrag zur Übernahme der AWO-Bibliothek. Ort und Anlass waren symbolträchtig: Die Unterzeichnung fand im Rahmen einer Feierstunde im Reichstag zum 125. Geburtstag der Gründerin der Arbeiterwohlfahrt(AWO) Marie Juchacz statt. Die Übergabe an die Stiftungsbibliothek – so der AWO-Vorsitzende Dr. Manfred Ragati in seiner Festrede – solle eine lebendige Beschäftigung und Auseinandersetzung mit dem Dienstleistungsunter nehmen AWO anregen und fördern. Mit Unterstützung der deutschen Forschungsgemeinschaft konnten die reichen Bestände in den Jahren 2005 bis 2008 integriert werden. Mit diesem Ko operationsprojekt wurden seltene Quellen zur Entwicklung des Sozialstaates in Deutschlands allgemein verfügbar. 2004 übernahm die Friedrich-Ebert-Stiftung vertraglich ferner das sog.„Trotzkismus-Archiv“, das Professor Hermann Weber an der Universität Mannheim seit 1980 aufgebaut hatte. Die Sammlung des Nestors der westdeutschen Kommunismusforschung bestand überwiegend aus gedruckten Materialien, die in der Bibliothek erschlossen wurden. Die Sammlung ist vor allem für die Rekonstruktion dissidenter kommunistischer Strömungen nach 1945 im deutschen Sprachraum von besonderer Bedeutung. Im Sommer 2006 einigten sich der Trägerverein„Arbeiterbewegung und Ökologie“ und die Friedrich-Ebert-Stiftung darauf, das sog. Eco-Archiv aus Hofgeismar zu übernehmen. Integraler Bestandteil des Archivs ist eine Bibliothek mit 23.000 Bänden. Kern des eco-Bestandes ist die Überlieferung der Naturfreundebewegung. Diese kurz nach 1900 gegründete Arbeiterkulturorganisation war eine der interessantesten Strömungen innerhalb der alten Arbeiterbewegung mit sehr unkonventionellen Ansätzen. Dazu kommen im eco-Bestand für die Zeit nach 1945 seltene unkonventionelle Materialien der verschiedenen Umwelt- und Protestbewegungen und Positionspapiere aller Parteien zu allen Facetten des Umwelt- und Naturschutzes. Kleinere Geschenke von privater Seite ergänzen den großen institutionellen Zuwachs. Privatge schenke bleiben neben Tausch und Kauf eine wichtige Säule auf die sich die Bibliotheksarbeit gründet. Aus den privaten Geschenken destilliert die Bibliothek die Bestände heraus, die nicht den Weg in große Universalbibliotheken finden. Nicht nur bei der Erwerbung und Erschließung hat die Bibliothek in jüngster Zeit Neuland betreten. Auch im öffentlichen Umgang mit Geschichte und Erinnerung hat sie neue Wege eingeschlagen. Plastisch beschreibt Klaus Schönhoven die neuen Foren, auf denen Personen, Gruppen und Institutionen„um die Deutung der Vergangenheit“ in Konkurrenz treten:„Auf dem Meinungsmarkt der Geschichtspolitik treten aber nicht nur Publizisten und Politiker auf, sondern auch die Historiker, deren professionelle Tätigkeitsfelder oft in den publizistischen oder politischen Raum hineinragen. Ihr Selbstverständnis als Forscher und Lehrer, als Archiva re und Ausstellungsmacher, als Mitarbeiter von Museen und Gedenkstätten lässt sich nicht in dem zitierten, aber immer nur virtuell vorstellbaren Elfenbeinturm der reinen Wissenschaft und absoluten Wahrheitssuche einhegen.“ 214 214 S. Schönhoven, Klaus: Geschichtspolitik: über den öffentlichen Umgang mit Geschichte und Erinnerung. Bonn, 2003. S. 12.(Gesprächskreis Geschichte; 49) 79 Auch die Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung hat sich – wie andere Arbeitsbereiche der Stiftung auch – auf das neue Feld der Geschichtspolitik begeben, um mit zielgerichteten Prä sentationen für die zentralen Grundwerte der demokratischen Arbeiterbewegung zu werben. Die Ausstellungsaktivitäten der Bibliothek reichen in die frühen neunziger Jahre zurück, wo sie – hauptsächlich mit den exquisiten Exponaten der Sammlung Kurt Hirche – die starken Potenzen der klassischen Arbeiterbewegung visuell vermittelte. 215 Durch enge Kooperationen mit professionellen Designern konnte die Wirkungskraft der Bibliotheksausstellungen deutlich gesteigert werden. Zum 70. Jahrestag der Bücherv­ er­brennungen präsentierte die Bibliothek die Ausstellung„Verbrannt, geraubt, gerettet“, 216 die die synchronen terroristischen Handlungen gegen demokratische Autoren und die deutschen Gewerkschaftsbibliotheken illustrierte. In der Ausstellung„’Gott grüß‘ die Kunst!’: Illustrationen und Festschriften der gewerkschaft­ lich organisierten Drucker, Setzer und Hilfsarbeiterinnen“ dokumentierten seltene Originale die besondere Fest- und Feierkultur der gewerkschaftlichen Arbeiter und Arbeiterinnen im Kaiserreich und der Weimarer Republik. Die Präsentation zeigte die Wege, die die von der bürgerli chen Kultur Abgeschnittenen gingen, um am kulturellen Erbe teilzuhaben. 217 Unter dem Motto„Ein Verlag zeigt sein Gesicht“. 125 Jahre Verlag J.H.W. Dietz Nachf. spiegelte die Bibliothek den Weg des traditionsreichsten sozialdemokratischen Parteiverlages in Kaiserreich und Weimarer Republik hin zu einem angesehenen Verlagshaus für das politische Buch. Texte und Exponate der Ausstellung zeigten u.a. die komplexen Rahmenbedingungen für ein erfolgreiches kulturelles und politisches Engagement im Umfeld der deutschen Sozialdemokratie. Die Ausstellung wurde von einer eigenen Bibliographie zum Jubiläum begleitet. 218 Der 75. Jahrestag der nationalsozialistischen Machtergreifung war der angemessene Anlass, den sozialdemokratischen Abwehrkampf zu würdigen und die Rolle der SPD als„Freiheitspartei“ herauszustreichen. In der Ausstellung„Kampf dem Hakenkreuz“ präsentierte die Biblio thek authentische Materialien und Reproduktionen. Im Mittelpunkt der Ausstellung stand die politische Graphik, die der zentrale politische Parteiverlag als massenwirksames Mittel seiner Agitation einsetzte. 219 215 Arbeiterbildung und Kultur in Sachsen und Thüringen. Seltene Bücher und Zeitschriften aus der Sammlung Dr. Kurt Hirche, Bonn; eine Ausstellung der Bibliothek der Sozialen Demokratie vom 12. Dezember 1990 bis 4. Januar 1991 in der Galerie der Friedrich-Ebert-Stiftung. Bonn, 1990. Expressionismus in Norddeutschland. Graphik& Literatur. Eine Ausstellung aus der Sammlung Prof. Dr. Kurt Hirche Bonn, in der Galerie der Friedrich-Ebert-Stiftung, 1997. Expressionismus in Süddeutschland. Illustrierte Zeitschriften, Flugblätter und Publikationen aus der„Sammlung Prof. Dr. Kurt Hirche, Bonn“; Katalog zur gleichnamigen Ausstellung der Friedrich-Ebert-Stiftung – Bonn, 1998. 216 Vergl. Verbrannt, geraubt, gerettet! Bücherverbrennungen in Deutschland. Eine Ausstellung der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung anlässlich des 70. Jahrestages. Bonn, 2003.(Veröffentlichungen der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung; 13) 217 Vergl.„Gott grüß‘ die Kunst!“: Illustrationen und Festschriften der gewerkschaftlich organisierten Drucker, Setzer und Hilfsarbeiterinnen; eine Ausstellung der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung, des ver.diFachbereichs Medien, Kunst und Industrie, Berlin-Brandenburg und des Karl-Richter-Vereins e.V. Bonn, 2006. 218 Empor zum Licht! 125 Jahre Verlag J.H.W. Dietz Nachf. Seine Geschichte und seine Bücher 1881 – 2006. Bonn, 2006. 219 Kampf dem Hakenkreuz: politische Graphik des Verlags J.H.W. Dietz Nachf. im antifaschistischen Abwehrkampf. Eine Ausstellung der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung, 2007. 80 Die Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung hofft, mit ihren Schätzen und ihren herausragen den Zeugnissen kultureller Überlieferung auch künftig auf dem Markt der Geschichtspolitik Akzente setzen zu können und dazu beizutragen, dass im kollektiven nationalen Gedächtnis die Sozialdemokratie und andere Organisationen der Arbeiterbewegung angemessen ihren Platz finden. Der Kreis schließt sich Die deutsche Sozialdemokratie war stets eine moderne Kulturpartei. Die Errichtung eines eigenen Parteiarchivs mit einer großen Bibliothek Ende des 19. Jahrhunderts war eine solche „moderne“ Entscheidung. Nationalismus und Krieg, Unterdrückung und Zerstreuung der Bibliotheksbestände haben ungeheuren Schaden angerichtet. Nicht alle Wunden konnten geheilt werden. Aber viele. Das Erbe der alten Parteibibliothek lebt heute bei der Friedrich-EbertStiftung weiter. Es ist dort in besten Händen. In enger Arbeitsteilung mit dem Karl-Marx-Haus in Trier konnten die alten gedruckten Schät ze in beachtenswerter Dichte im Original rekonstruiert werden. Durch die Mikrofilm­technik wurde die gesamte Periode der Arbeiterbewegung von mehr als einhundertfünfzig Jahren wiederhergestellt und beträchtlich erweitert. Eingebettet in ein breites wissenschaft­liches Umfeld und eingebettet in die Sammlungen der internationalen Sozialdemokratie und der internationalen Gewerkschaftsbewegung, können die einmaligen Bibliotheksbestände dank moderner Erschließung weltweit genutzt werden. Viele Bibliothekare und Bibliothekarinnen im Umfeld der Arbeiterbewegung haben sich an dem Bebelschen Aufruf von 1878 gemessen und ihn als Leitbild genutzt. Es lohnt sich noch­ mals, einen Blick auf einige Schlagworte seiner Visionen zu werfen:„sämtliche Parteischrif­ten und Broschüren“,„Räumlichkeiten[...], welche auf eine längere Reihe von Jahren genü­gen“, „die ganze einschlägige Literatur in möglichster Vollständigkeit“,„nicht einseitig bloß auf die sozialistische und volkswirtschaftliche Literatur beschränken“,„einige wirklich gute philoso phische Werke“,„eine Sammlung der bedeutendsten in- und ausländischen Parteizeit­ungen und -zeitschriften, die am Schluß jedes Jahrganges zu binden wären“,„es müssen ins­besondere Geschichte und Kulturgeschichte[...] darin Platz finden“,„die Verhandlungen des Reichstages und der wichtigsten Landtage“. 220 August Bebel war ein praktischer und kluger Handwerker und Parteiführer. Inhalte und die innere Ordnung lagen ihm gleichermaßen am Herzen. Sein Bild hängt im Lesesaal der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung. 220 Vorwärts, Nr. 21, 20. Februar 1878.