Gewaltprävention Fritz-Erler-Forum Gewaltprävention Projektwoche im Schulzentrum Sulzbach/Murr Workshops und Diskussionsrunden vom 26. bis 29. Mai 2008 Veranstaltungsinformation des Fritz-Erler-Forums Baden-Württemberg Landesbüro der Friedrich-Ebert-Stiftung Überblick Vorab Umgang mit Gewalt unter Jugendlichen/an Schulen Daten und Hinweise Themen und Problemfelder Prävention ist nicht gleich Prävention Gewaltpräventionsangebote des Fritz-Erler-Forums Bisherige Angebote und Erfahrungen Gewaltpräventionswoche am Schulzentrum Sulzbach Ablauf und Trainingsangebote Feed-back der Teilnehmer/innen Abschlussrunde Anhang Presseartikel Impressum Fritz-Erler-Forum Baden-Württemberg Landesbüro der Friedrich-Ebert-Stiftung 70182 Stuttgart, Werastraße 24 www.fritz-erler-forum.de Vorab Zum Auftrag der politischen Bildung im Sinne einer Förderung von Demokratie und Demokratieverständnis gehört es auch, Wege des friedlichen und respektvollen Miteinanders aufzuzeigen. Deshalb bietet die Friedrich-Ebert-Stiftung seit geraumer Zeit ein Gewaltpräventionstraining für Schülerinnen und Schüler an. Allerdings hat es sich gezeigt, dass der Bedarf an diesen Trainings viel größer ist, als die Angebote, die die Friedrich-Ebert-Stiftung hierzu machen kann. Aus diesem Grunde entstand im Landesbüro Baden-Württemberg die Idee, Gewaltpräventionsangebote zukünftig so zu gestalten, dass sie den Anstoß geben sollen, eigene Aktivitäten in der Schule oder Gemeinde zu entwickeln. Im Rahmen einer ganzen Woche zur Gewaltprävention, sollten sich deshalb nicht nur Schülerinnen und Schüler mit dem Thema auseinander setzen, sondern auch Lehrkräfte geschult, Eltern informiert und wesentliche Akteure vor Ort(Vertreter/innen von Politik, Verwaltung, Kirche, Vereinen, Sozialarbeit etc.) in die Diskussion über mögliche weitere Maßnahmen eingebunden werden. Das so konzipierte Gewaltpräventionsprojekt fand erstmals statt im Mai 2008 im Schulzentrum in Sulzbach an der Murr. Eingebettet war das Projekt in die Jugendkulturwochen, die unter dem Motto„Vielfalt tut gut“ von März bis Mai 2008 im Rems-MurrKreis stattfanden. Die Resonanz auf das Gewaltpräventionsprojekt war außerordentlich positiv. Mit der folgenden Dokumentation wollen wir zum Einen einige Rahmendaten zum Thema Gewalt übermitteln und zum Anderen über Inhalte, Verlauf und Ergebnisse dieses Projektes berichten. Die Nachfrage nach Trainings zur Gewaltprävention ist groß. Allein auf die erste Ausschreibung hin, meldeten sich in Stuttgart 13 Schulklassen zum Training an. Ganz ähnlich sieht es in anderen Landesbüros der Friedrich-Ebert-Stiftung aus. Der vorhandene Bedarf ist durch die Angebote der Stiftung nicht zu decken. Deshalb war schnell klar, dass das Thema konzeptionell neu angegangen werden muss. Ziel sollte es nunmehr sein, nicht im großen Stil weiter Trainings zu organisieren bzw. anzubieten, sondern Projekte im Umfeld der Jugendlichen zu initiieren, die das Thema in seiner ganzen Bandbreite erfassen. Damit soll eine größere Nachhaltigkeit entwickelt werden. Ein Anfang ist gemacht, es bedarf weiterer Schritte! Dr. Christine Arbogast Projektleiterin Fritz-Erler-Forum Baden-Württemberg Umgang mit Gewalt unter Jugendlichen/an Schulen Gewaltprävention ist für Jugendliche wichtig und notwendig, darin sind sich(fast) alle einig. Dazu gehören sowohl die Jugendlichen selbst, aber auch Lehrer, Eltern, Jugendbetreuer oder Sozialarbeiter. Doch wie lässt sich das realisieren angesichts eines immer dichter werdenden Schulalltags und einer bei etlichen Jugendlichen unkanalisierten Aggression und Gewaltbereitschaft? Der Unterricht bietet dafür meist kaum den zeitlichen Rahmen, die Lehrkräfte sind fachlich nicht darauf vorbereitet bzw. fehlt ihnen die Zeit für Vor- und Nachbereitung. Dabei wäre es notwendiger denn je: Gewalt an Schulen und im Alltag von Schülern und Jugendlichen wird zunehmend zu einem ernsthaften Problem. Gewalt gibt es an jeder Schule- offen oder verdeckt."Nervenkrieg im Klassenzimmer","Gewalt an Schulen eskaliert","Gewalt ist schulischer Alltag"- über solche Schlagzeilen aus Tageszeitungen wundern wir uns schon lange nicht mehr. Doch das Problem beginnt schon früher. Hänseln, lästern, ignorieren- so fängt es häufig an. Für die Betroffenen alles andere als lustig, denn aus"harmlosen" Anfängen entwickelt sich häufig handfester Psychoterror. So reicht das Spektrum von Gewalt von verbaler Aggression bis zur handfesten Schlägerei. Mit herkömmlichen pädagogischen Methoden ist kaum gegen den rüden Umgang anzugehen. Damit sich Schüler im Schulalltag frei entfalten können ist ein tolerantes, von wechselseitigem Respekt geprägtes Miteinander notwendig. Hier kommt es auf Zivilcourage und Diskussionsverhalten an. Daten und Hinweise „Ein Drittel der jugendlichen Handybesitzer hat im Freundeskreis den Austausch von gewalthaltigen oder pornografischen Inhalten mitbekommen. Jeder zehnte Jugendliche war selbst betroffen und bekam solche jugendgefährdenden Inhalte auf sein Handy geschickt.“ JIMStudie 2007, Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest Der Jahresbericht zur Jugendkriminalität und Jugendgefährdung des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg weiß zu berichten:„Die Palette der von jungen Menschen begangenen Gewalttaten spiegelt sich auch im schulischen Alltag wider. Die Delikte reichen von Sachbeschädigungen über Mobbing, Körperverletzungen unter Schülern bis hin zu Tätlichkeiten gegen Lehrer.“ Deshalb werden Gewaltdelikte an Schulen seit 2006 gesondert erfasst. In 2007 waren es 1.867 Fälle, von denen 94,5% aufgeklärt werden konnten. Der Bericht weist aber auch darauf hin, dass es sich bei den Zahlen immer nur um angezeigte Fälle handelt. Das heißt einerseits, dass es eine Dunkelziffer geben dürfte und andererseits, dass hier auch Fälle auftauchen, die nicht oder nicht so stattgefunden haben. Wichtigster Aspekt ist jedoch, dass aufgrund der nicht vorhandenen statistischen Daten auch nicht nachzuweisen ist, dass Gewalt an der Schule speziell oder konkret zunimmt. Einzig eine ansteigende Tendenz der Härte der Gewalt ist nachweisbar. Themen und Problemfelder Geht man also davon aus, dass Gewalt in der Schule ein allgemein vorhandenes und zunehmendes Problem ist, so greifen hier die verschiedenen Methoden und Modelle, die es auch sonst bereits gibt.„An Schulen, wo Jugendliche einschätzen, dass ihre Lehrkräfte Gewalt eher ignorieren, liegt die Häufigkeit von Gewalthandlungen höher als an Schulen, wo Jugendliche glauben, die Lehrkräfte schritten bei Gewalt eher ein.“ Hier zeigt sich, dass das GewaltVerhalten ein soziales Phänomen ist, das auch einer sozialen Antwort bedarf, also einerseits von der Gesellschaft gemeinsam angegangen und andererseits die Komplexität ihrer Ursachen beachtet werden muss. Wichtige Ansätze sind Modelle, die Kinder und Jugendliche mit einbeziehen – wobei hier durchaus schon mit der Polizei kooperiert wird – Kooperation der verschiedenen Institutionen und die Einrichtung von Systemen zur Unterstützung gefährdeter Jugendlicher. Besonders zu erwähnen sind hier die„Runden Tische“, die es in einigen Gemeinden bereits gibt. Damit können bis zu 95 Prozent der Jugendlichen erreicht werden. Prävention ist nicht gleich Prävention Grundsätzlich sind unter Präventionsmaßnahmen zwei verschiedene Typen zu unterscheiden. Diese Unterscheidung leitet sich ab von der „Qualität“ der Täter/innen. Sofern es sich um Einzel- oder Gelegenheitstaten handelt, geht es in den Gewaltpräventionstrainings, wie sie am Schulzentrum Sulzbach durchgeführt wurden weniger um das Sanktionieren von Gewalt (nicht der erhobene Zeigefinger spielt hier die Hauptrolle), sondern darum Strategien aufzuzeigen, wie Kinder und Jugendliche gewalttätigen Situationen aus dem Weg gehen können bzw. welche Möglichkeiten es gibt, aus der Opfer-Rolle heraus zu kommen. Es geht um grundlegende Strategien zur Deeskalation und um Verständnis für Hintergründe gewalthaltiger Situationen. Das Gewaltpräventionstraining vermittelt mit Interaktionsspielen und aktiven Dialogformen wie Alternativen zur Gewalt aussehen können. Bei Serien- bzw. Mehrfachtätern funktioniert dies überhaupt nicht. Sie haben sich ein System an Verharmlosungen und Rechtfertigungen angeeignet sowie alle hemmenden Gefühlsregungen gegenüber dem Opfer ausgeschaltet. Für sie sind Trainings vonnöten, in denen ihnen ein Perspektiv-Wechsel ermöglicht wird, um Verständnis für das Opfer zu erlangen sowie Trainings, in denen sie lernen, mit Ihrem Aggressionspotential umzugehen, ihre Gewalt zu kontrollieren. Dann erst sind weitere Schritte möglich für das Erlernen fairer und sozial ange- brachter Verhaltensweisen. Hier geht es nicht um Gewaltprävention, sondern um AntiAggressionstraining. Systembedingt sind eine Reihe von Maßnahmen, die für gewaltbereite Jugendliche sinnvoll sind bzw. zur Verfügung stehen, nur dann verfügbar, wenn Jugendliche schon straffällig geworden sind. Im Sinne der Prävention wären eigentlich für alle Schüler/innen diese Maßnahmen schon im Vorfeld sinnvoll. Hier stellt sich die Frage, welche Möglichkeiten Schulen haben, dieser erzieherischen Aufgabe gerecht zu werden. Gewaltpräventionswoche am Schulzentrum Sulzbach Ablauf und Trainingsangebote Während der 4 Tage zum Thema Gewaltprävention am Schulzentrum Sulzbach haben nicht nur Schüler Mittel für einen gewaltfreieren Alltag kennen gelernt, auch ein Elternabend, zwei Lehrerfortbildungen und eine Schlussdiskussion beschäftigten sich mit dem Thema. Die Eltern wurden detailliert über Inhalte und Ablauf des Präventionstrainings informiert. Der Abend bot auch Möglichkeiten zur Diskussion über das Thema. Allerdings waren insgesamt nur wenige Eltern anwesend und damit zeigte sich zugleich ein Problem, das auch für andere Gemeinden gültig ist: Es ist schwierig, insbesondere diejenigen Eltern für das Thema zu sensibilisieren, deren Kinder Schwierigkeiten im Umgang mit Gewalt haben. In der Lehrerfortbildung ging es einerseits um Hintergrundinformationen zu Aggression und Gewalt sowie andererseits darum, anhand von Rollenspielen, Handlungsoptionen in schwierigen Situationen durchzuspielen. Es wurden zudem einige erlebnispädagogische Übungen vorgestellt, die sich im Unterricht leicht integrieren lassen, um das Thema Gewalt aufzugreifen. In der Abschlussrunde sollte der Bogen gespannt werden von der Rahmenveranstaltung des Kreises„Vielfalt tut gut“ zur Gewalt-Präventionswoche im Schulzentrum und daraus resultierenden Aktivitäten. Als Ziel sollten konkrete Schritte identifiziert werden, die gemeinsam gegangen werden können und sollen. Beteiligt waren Akteure der kommunalen Ebene, von der Kirche über die Polizei und das Jugendamt bis zu einem Vertreter der Schulbehörde. Beteiligt waren auch der Bürgermeister und natürlich Lehrkräfte und Eltern aller dreier Schulen des Schulzentrums. Ebenso waren einige Schülerinnen und Schüler anwesend. Fazit des Trainings aus unterschiedlicher Perspektive Die Schülerinnen und Schüler sagen, sie haben mehr Selbstvertrauen gewonnen. Gerade in Bezug auf alternative Handlungsstrategien, die in ihrem Umfeld gerne auch als„uncool“ abgewertet werden, und es umso schwerer machen, aus den üblichen Mustern heraus zu kommen. Spontan äußerten sie den Wunsch, dass auch die anderen Klassen solche Trainings machen! Dabei blieben sie aber auch realistisch:„Manche interessiert das eben nicht. Die suchen dann halt ihr Opfer.“ In der Abschlussrunde zeigten sich die meisten zufrieden und bewerteten das Training als sinnvoll, hilfreich und angemessen. Lehrerinnen und Lehrer stehen voll hinter der Idee solcher Trainings, gerade auch wenn sie von jüngeren Personen durchgeführt werden, die keine Lehrverantwortung in der Klasse haben. Ihre Erfahrungen mit Gewalt sind vielfältiger Art, von niedrigerer Hemmschwelle, aggressiveren Mädchen über Autoaggressionen bis hin zu„Gewalt ohne Grenzen“ und Mobbing. Und sie stellen sofort die Frage nach der Nachhaltigkeit. Es bedarf der Fortsetzung bzw. auch der Möglichkeiten, Elemente gewaltvermeidender Strategien im Unterricht zu integrieren, wozu einerseits oft die Zeit, andererseits einfach auch die Qualifikation fehlt. Grundsätzlich sind sie froh über jede derartige. Ebenso wie ihre Schüler brachten auch die Lehrenden die Idee ein, dass solche Trainings früher beginnen, regelmäßig fortgesetzt und in verschiedenen Klassen integriert werden müssen. Die Eltern konnten nur Positives zurückmelden, wobei die Frage im Raum steht, was nach ein paar Monaten ist. Auf jeden Fall konnten die anfänglichen Unsicherheiten der Jugendlichen in den Gruppen offensichtlich gut bearbeitet werden. Einigkeit bestand darin, dass dem Schulzentrum Sulzbach Mittel für eine solide Schulsozialarbeit zur Verfügung gestellt werden sollten. Ergebnisse der Abschlussrunde Eine Sammlung hat ergeben, dass es sowohl am Schulzentrum als auch in der Gemeinde schon sehr viele Aktivitäten zur Gewaltprävention gibt. Des weiteren wurden andere Möglichkeiten gesucht, die aufbauend auf die Erfahrungen aus dieser Trainingswoche möglichst kostenneutral umgesetzt werden können und vor Ort„beschlossen“ werden sollten. Folgende Aktivitäten wurden konkret vereinbart: • Schulsozialarbeit: Die Verwaltung strebt an, eine 50%-Stelle für eine/n Schulsozialarbeiter/in zu schaffen • Gewaltprävention in der Grundschule: Überprüfung des Curriculums auf Möglichkeiten, das Thema zu integrieren • Vernetzung über die Schularten hinweg: Jour fixe der Schulleitungen und Einbindung der SMV • Bessere Zusammenarbeit von Schule und Vereinen: es soll versucht werden, eine Art Ortsjugendkonferenz zu installieren Natürlich sind diese Ergebnisse sehr Ortsspezifisch, sie können aber als Beispiele dafür gelten, was solch eine Veranstaltung bringen kann. Interessant ist die Spanne an Möglichkeiten, die hier aufgemacht wird, die noch viele weitere Bearbeitungsfelder eröffnet. Zum Schluss Das Angebot solcher Trainings hält die Friedrich-Ebert-Stiftung aufrecht. Die Entwicklung in Sulzbach werden wir weiterhin mit Interesse verfolgen. Über Rückmeldungen zum Thema und zur Dokumentation freuen wir uns und bedanken uns für Ihr Interesse. Pressebericht Backnanger Zeitung vom 02. Juni 2008