Bildungspolitik Fritz-Erler-Forum Bildungspolitik von unten – Zeigen wie es geht! Bildungskongress im Rathaus Stuttgart am Samstag, den 11. Oktober 2008 Veranstaltungsinformation des Fritz-Erler-Forums Baden-Württemberg Landesbüro der Friedrich-Ebert-Stiftung Überblick Vorab Einführungsvortrag von Prof. Dr. Dr. Franz J. Radermacher Podiumsrunde mit einer Themeneinführung zu den Nachmittagsforen Informationsstände im Foyer Workshop„Öffentlichkeitsarbeit für Bildungsinitiativen“ Ergebnisse aus den Foren Reaktionen auf die Tagung Programm Impressum Fritz-Erler-Forum Baden-Württemberg Landesbüro der Friedrich-Ebert-Stiftung 70182 Stuttgart, Werastraße 24 www.fritz-erler-forum.de Vorab Bildungspolitik ist aktuell einer der spannendsten Politikbereiche. Es wird viel diskutiert über das Für und Wider vorhandener Strukturen und notwendiger Reformen. Das geschieht nicht nur in den Parteien, Parlamenten, in Fachgremien, in Wissenschaft und Forschung, sondern ebenso in etlichen privaten und bürgerschaftlichen Initiativen. Allerdings sind die jeweils formulierten Forderungen nicht immer einheitlich. Es gibt ein breites Spektrum an Vorschlägen, Ideen und Konzepten, sicher aber auch viele übereinstimmende Eckpunkte. Und gemeinsam ist den Initiativen in jedem Fall die Unzufriedenheit mit dem bestehenden System und der Wunsch nach Veränderungen. Ziel des Kongresses sollte es sein, die Bandbreite an Vorschlägen, Ideen und Konzepten darzustellen, den Austausch zwischen bildungspolitische Interessierten voranzutreiben und die in vielen Diskussionen im Mittelpunkt stehenden Konzepte und deren möglichen Transfer in die Politik zu diskutieren. Die Veranstaltung sollte auch einen Rahmen bieten für persönliche Kontakte und Gespräche. In den Diskussionsrunde zeigte sich, dass es oft eine zweigeteilte Debatte war: Zum Einen wurden Vorschläge diskutiert, die im Rahmen des bestehenden Systems umsetzbar sind und zum Anderen wurden viele Ideen präsentiert, wie eine ganz neu konzipierte Schullandschaft aussehen könnte. Für Letzteres kam ganz zum Ende der Tagung noch eine kurze Diskussion zu Stande, wie eine ganz neu gedachte Schule bei neuen Schulgründungen auch mit kommunaler Unterstützung möglich ist. Sicher ist hier noch viel Gesprächs- und vor allem Handlungsbedarf. Und auch wenn manche Teilnehmer ihrer Enttäuschung darüber Ausdruck gaben, dass schon so lange über die Bildung diskutiert werde und sich dennoch so wenig geändert habe, so zeigte die Tagung dennoch, dass es ein nach wie vor breites Interesse am Thema gibt und der Wunsch nach Veränderung ungebrochen ist. Dr. Christine Arbogast Projektleiterin Fritz-Erler-Forum Baden-Württemberg Einführungsvortrag von Prof. Dr. Dr. Franz J. Radermacher Hier eine von Herrn Prof. Radermacher zusammengestellte Auswahl der vorgetragenen Positionen: Prof. Dr. Dr. F. J. Radermacher, Vorstand des Forschungsinstituts für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung/n(FAW/n), zugleich Professor für Informatik, Universität Ulm, Präsident des Bundesverbandes für Wirtschaftsförderung und Außenwirtschaft(BWA), Berlin, Vizepräsident des Ökosozialen Forum Europa, Wien sowie Mitglied des Club of Rome Bildung ist von höchster Bedeutung Bildung ist für die Gesellschaft von zentraler Bedeutung. Sie ist eine wichtige Basis für ein erfülltes Leben jedes Einzelnen. Sie ist die Basis für das Erzeugen von Wohlstand. Sie ist auch Voraussetzung dafür, dass Individuen und Gesellschaft ihren Status verteidigen, erhalten bzw. ausbauen können. Bildung betrifft den ganzen Menschen Bildung betrifft den ganzen Menschen in all seinen Dimensionen. Nicht nur logisch abstrakt, sondern auch holistisch-ganzheitlich, spirituell, musisch, als soziales Wesen und in Bezug auf die Körperlichkeit(Sport, Sensomotorik). Der Mensch ist ein Kulturwesen Der Mensch ist kein Homo oeconomicus, kein Pareto-Nutzen-Optimierer, keine Effizienzmaschine, kein„Bruttosozialproduktvollstrecker“. Er ist vielmehr ein Homo oeconomicus cooperativus, also ein kooperatives Wesen, ein Kulturwesen, in der Sprache des Philosophen Mittelstraß ein„Galileo-Wesen“. Er verknüpft Natur und Kultur, Biologie und Technik. Ökonomie und Wertschöfpung sind nicht das Finale im Leben, auch wenn es stimmt: Ohne Wirtschaft ist alles nichts. Wettbewerb braucht Regulierung Wettbewerb hat Grenzen. Regulierung ist ein zentrales Thema. In der Entfaltung des Ökonomischen gilt es den kulturellen Fragen, dem Schutz der Umwelt und den sozialen Ausgleich Raum zu verschaffen. Die aktuelle Weltfinanzmarktkrise zeigt deutlich, wo man endet, wenn Regulierung inadäquat ist. Immer intelligentere technische Systeme verlangen neuartige Qualifikationen der Menschen Technik substituiert Intelligenz. Immer weitergehend und immer schneller. Maschinen werden immer leistungsfähiger. Sie übernehmen immer mehr Aufgaben, die bisher von Menschen übernommen wurden. Der Mensch findet seinen Platz in immer komplexeren Themenbereichen, dort, wo Kreativität oder spezifische Sensomotorik oder menschliche Präsenz gefragt ist. Das muss Auswirkungen haben auf die Ausbildung. Statt kurzfristiger Verwertungsziele in verkürzten Bachelor- und Masterstudiengängen brauchen wir eigentlich andere Fähigkeiten. Lernen zu lernen, lernen von Überlebens-Skills, lernen von Kooperation mit Menschen und Maschinen, Fähigkeiten in den Bereichen Kreativität, Ästhetik und Schönheit. Die Global Governance Frage ist für die Gestaltung unserer Zukunft zentral Für eine vernünftige Zukunft sind Fragen der Global Governance zentral. Es geht in einer weltweiten Perspektive um die Überwindung der Armut, sozialen Ausgleich, Balance zwischen den Kulturen, Umweltschutz, Menschenrechte und die Entfaltung aller Potentiale aller Menschen, wie dies AIESEC, die größte Studentenorganisation der Welt, in ihrem Grundsatzprogramm fordert. Aktuell noch dringender ist die Bewältigung der Weltfinanzmarktkrise und der Klimafrage. Hier sind die Interessen der Reichsten und Mächtigsten besonders tangiert. Deshalb wird gehandelt. In den kommenden 2-3 Jahren stehen mit der Reform des Weltfinanzsystems (Bretton Woods II), der Einhegung der Steuerparadiese und dem angestrebten Kyoto II etwa 50 Prozent der Global Governance-Fragen, die wesentlich unserer Zukunft mitbestimmen werden, vor einer Neuordnung. Das ist ein schicksalhafter Moment. Der Augenblick der Wahrheit kam schneller als erwartet. Ob wir die Herausforderungen bewältigt werden, ist eine andere Frage. Aber immerhin: Die Themen sind endlich auf dem Tisch. Das Motto muss heißen: ökosozial statt marktradikal. Doppelstrategie Die Probleme sind doppelstrategisch anzugehen. In einer Welt, in der das Falsche erlaubt ist, können Gutmenschen nicht einfach das Richtige tun. Wenn sich das Falsche rechnet, muss man sich manchmal beteiligen, um sein Überleben zu sichern. Selbst in einer solchen Situation ( Gefangenen-Dilemma) muss man aber jederzeit kommunizieren, was richtig oder falsch ist. Und an Regulierungsbedingungen mitarbeiten, die dem Richtigen zum Durchbruch verhelfen: ökosozial statt marktradikal. Man kann des Guten auch zuviel tun Natürlich kann man versuchen, Kleinkinder ab dem Zeitpunkt ihrer Geburt systematisch auszubilden. Man kann auch versuchen, bereits Kleinkindern Elemente der Quantenphysik näherzubringen und sie sehr früh an die Anforderungen unserer Wissensgesellschaft anzupassen. Es besteht dabei aber die konkrete Gefahr, dass die soziale Entwicklung der Kinder ins Hintertreffen gerät und wir zwar hochintelligente, aber unsoziale Wesen heranziehen. Deshalb ist eine Konzentration auf Fragen der Balance, selbst unter harten Wettbewerbsbedingungen, angeraten. Übertreibungen tragen auf Dauer nicht Im Bildungsbereich hat sich ein Leistungs- und Konkurrenzdenken etabliert, das dazu führt, dass die Anforderungen immer höher geschraubt werden. Die Gesellschaft als Ganzes, aber auch viele Individuen versuchen, sich durch immer mehr Training besser zu stellen, um dadurch Vorteile zu erzielen. Das gilt auch für viele Eltern, die für ihre Kinder das Beste wollen, denen kein Aufwand zu hoch ist. Solche Vorteile lassen sich aber in der Regel nur kurzfristig erzielen. So haben zum Beispiel Kinder, die sehr früh Englisch lernen nur so lange einen Vorteil, so lange nicht auch andere Kinder sehr früh Englisch lernen. In dem Moment, in dem die anderen nachziehen – was sich aktuell abzeichnet- weil sie nicht dahinter zurückstehen wollen, wird lediglich das Gesamtniveau an Anforderungen erhöht, ohne dass sich dadurch in der Konkurrenz der Individuen zueinander eine Besserstellung des Einzelnen ergibt. Hier sollte ein Umdenken stattfinden, denn am Ende ist das Meiste in der Positionierung der Menschen zueinander von einer relativen und nicht von einer absoluten Qualität. Einfluss auf die Politik Bzgl. der Frage, inwieweit es gelingen kann, politische Veränderungswünsche aus der Gesellschaft in die Politik zu transferieren, gilt folgendes: Beide Seiten, also Parteien, repräsentative Demokratie und Kultusbürokratie auf der einen, gesellschaftliche Akteure auf der anderen Seite haben ihre je spezifischen und wichtigen Funktionen und brauchen sich gegenseitig. Es geht um ein positives Wechselspiel zwischen organisierter, gesteuerter Politik und den eher von Partikularinteressen geleiteten Initiativen. Eine solche wechselseitige Einflussnahme und Abhängigkeit sei in komplexen Gesellschaften adäquat. In die baden-württembergische Schulpolitik ist Bewegung gekommen Auch wenn man den Eindruck haben könnte, dass sich das Kultusministerium speziell in Baden-Württemberg in den vergangenen Jahren eher hinter einer Betonwand verschanzt hat, so sei diese Wand inzwischen doch bröcklig geworden. Man holt sich mittlerweile keinen blutigen Kopf mehr, wenn man gegen diese Wand anrennt. Ganz im Gegenteil. Es wird sich schon bald vieles ändern – wie das systemlogisch erforderlich ist. In diesem Sinne sind alle einschlägigen Initiativen gut beraten, mit ihren Aktivitäten nicht nachzulassen. Ein ganzheitlicher Blick auf das Thema Die Bildungsfragen sind in einen gesamtgesellschaftlichen Rahmen einzubetten, der die Herausforderungen der Globalisierung reflektiert. Der Autor engagiert sich in diesem Kontext für die Global Marshall Plan Initiative. Bzgl. spezifischer Initiativen zur Weiterentwicklung der schulischen Ausbildung ist der Autor im Rahmen der Club of Rome Schulen engagiert. Podiumsrunde mit einer Themeneinführung zu den Nachmittagsforen Moderiert wurde die Runde von Dr. Frank Mentrup, MdL, Bildungspolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion. Frau Elke Boese-Grzeskowiak eröffnete mit ihren Schilderungen zum Thema Unterrichtsausfall die Podiumsrunde. Als Schulleiterin einer Mannheimer Berufsschule(HeinrichLanz-Schule II) steht sie oft vor bürokratischen Hürden, wenn eine Klasse ohne Lehrer/-in dasteht. Sechs Wochen müssen erst ins Land gehen, bis ein/e Vertretungslehrer/-in die Lücke schließen darf. Diese Vertretungskräfte muss die Schulleiterin selbst organisieren, was für die sehr spezialisierten Berufsschulfächer ein schwieriges Unterfangen darstellt. Nicht nur die fachliche und pädagogische Tauglichkeit bei der Krankheitsvertretung müssen stimmen. Auch ein polizeiliches Führungszeugnis wird verlangt – ein sechs Wochen währender Prozess. Zusätzlich legt die Arbeitsvertragsausgestaltung einen weiteren Stein in den langen Weg zur Vertretungsstunde. Wertvolle Zeit, in der die Schüler/-innen ohne Unterricht in ihrem Fach bleiben. Für die gängigen Hauptfächer wie beispielsweise Deutsch oder Mathematik gibt es immerhin einen Pool von 1200 ausgewiesenen Stellen im Haushaltsplan. Die Zahl dieser Krankheitsvertreter liegt aber im realen Schulalltag unter der Zahl kranker Lehrer/-innen. Aus Ravensburg angereist ist der Rektor der Kuppelnauschule, Herr Rudolf Bosch, der es inzwischen in Baden-Württemberg zu einiger Berühmtheit gebracht hat- als"Schulrebell" und Gegenspieler von Kultusminister Helmut Rau im Streit um die Zukunft der Hauptschule. Sein Anliegen ist die Abkehr vom dreigliedrigen Schulsystem. Für ihn steht die Hauptschule auf dem Abstellgleis, fristet ihr Leben als Restschule für diejenigen unter den Kindern, die es nicht „geschafft“ haben. Die Auslese werde häufig durch soziale Hebel gesteuert. In der Grundschule funktioniere das System des gemeinsamen Lernens gut, weshalb nicht die Kinder länger zusammen lernen lassen? Dabei geht es im nicht um eine bloße Verlängerung der Grundschulzeit, sondern um eine komplett neue Struktur mit Grund-, Mittel- und Oberschulen, die jeweils verschiedene Profile anbieten. Keine Sortierung in Schubladen mehr von Kindern nach nur dreieinhalb Schuljahren – eine für viele Restschüler, die in der Hauptschule landen, stigmatisierende und am Selbstwertgefühl nagende Erfahrung. Wer nicht gut in Mathematik sei, so Bosch, sei nicht zwangsläufig ein guter Praktiker.„Ich bin immer wieder froh, dass auch mein Zahnarzt nicht nur theoretisch begabt ist“, führte Bosch als Beispiel an. Das alte Schulsystem, das früher einmal zur Gesellschaft und ihren beruflichen Verortungen gepasst hat, ist seiner Ansicht nach heute überholt. Gesellschaft funktioniere inzwischen anders, Schule müsse sich endlich verändern. Herr Bosch engagiert sich für die Initiative„Schule neu denken“ und plädiert für eine grundlegende Neukonzeptionierung außerhalb der bestehenden Strukturen. Zur Frage der Klassengröße wurde Frau Dr. Ute Kratzmeier, Referentin Allgemein Bildender Schulen der GEW befragt. Sie ist der Ansicht, dass die gerade durchgesetzte Reduzierung des Klassenteilers von 30 auf 28 zwar nicht die allein selig machende Lösung aller Probleme sie. Aber durchaus ein Schritt in die richtige Richtung. Auch in Finnland würden mehr als dreißig Schüler/-innen in einer Klassen sitzen, allerdings seien auch mehrere Lehrer gleichzeitig zuständig für die Klasse und würden sich die Aufgaben teilen. So seien sie flexibler und könnten auf individuelle Bedürfnisse einzelner oder Teilgruppen besser eingehen. Hier in Deutschland betrachte man häufig nur die Klassenteiler als einzig mögliche und notwendige Stellschraube für einen besseren Unterricht. Doch mit diesem Ansatz bewege man sich weiterhin in den alten Denkstrukturen. Es müsse auch kritisch beobachtet und zu bewertet werden, ob der Unterschied von dreißig zu achtundzwanzig Schüler/-innen überhaupt einen signifikanten Unterschied mache. Schnell und unbürokratisch fand sich in Person von Frau Christiane Bahlke eine kompetente Vertreterin für die erkrankte Oberbürgermeisterin von Kirchheim/ Teck. Frau Bahlke verließ ihre Rolle einer interessierten Tagungsbesucherin und berichtete auf dem Podium, wie Schule und Kommune zusammen funktionieren müssten. Die Schülerzahlen in den Gymnasien würden steigen – trotz eigentlich sinkender Gesamtschülerzahlen, es fehle an Klassenräumen und Infrastruktur. An den Hauptschulen hingegen gingen die Schülerzahlen deutlich zurück. Ungleiche Verhältnisse, die die Kommune auffangen muss. Lösungen müssten entwickelt werden: z.B. eine Zusammenlegung von nicht ausgelasteten Schulgebäuden zu einer Schule, was aber zwangsweise zu einer schlechteren Erreichbarkeit für einen Teil der Schülerschaft führen würde. Im Forum zum Thema„ Konsequenzen aus G8“ übernahm Frau Katharina GeorgiHellriegel als Sprecherin der Stuttgarter Elterninitiative G8 die Rolle der erkrankten Oberbürgermeisterin, Frau Matt-Heidecker. Im August 2007 hatte sich in Freiburg die private Initiative„Schule mit Zukunft“ gegründet. Als Vertreter dieser Initiative berichtete Herr Martin Schäfer, dass„Schule mit Zukunft“ auf die Situation in den Schulen Baden-Württembergs aufmerksam machen wolle. Mittlerweile hat sich daraus ein Bündnis aus Aktiven in über 70 Städten und Gemeinden im Land entwickelt. Mit gemeinsamen Aktionen wie Demonstrationen, Lichterketten oder Diskussionsveranstaltungen will die Initiative andere Menschen dazu ermutigen, sich zu beteiligen.„Schule mit Zukunft“ fordert mehr Finanzmittel für die Bildung und ein ganzheitliches Bildungssystem, das die Kinder auf das Leben und den Beruf vorbreiten soll. Notwendig dazu seien, so Schäfer, mehr Lehrer, kleinere Klassen oder der Ausbau von Ergänzungsbereichen(AGs). Die nächste große Aktion der Initiative ist ein Treffen im Vorfeld des Bildungsgipfels der Bundeskanzlerin. Letzterer soll am 22.10.2008 stattfinden, der Alternativgipfel der Initiative schon am 19.10.2008 in Freiburg. Es sollen Forderungen formuliert werden, die sich an die Teilnehmer des Bildungsgipfels drei Tage später wenden sollen. Bildungspolitik ist zwar in der Hoheit der Bundesländer, aber je höher und grundsätzlicher die Bildungsfrage diskutiert würde, umso größer sei die Wirkung auch für die einzelnen Länder. Informationsstände im Foyer Während der gesamten Tagung konnten sich die Teilnehmer/-innen an den verschiedenen Ständen informieren, die im Foyer des Rathauses aufgebaut waren. Folgende Initiativen, Interessensvertretungen und Institutionen aus Baden-Württemberg präsentierten sich und ihre Arbeit: die Friedrich-Ebert-Stiftung, die Initiativen Schule mit Zukunft und Schule neu denken, der Verband Bildung und Erziehung, der Landesverband der Schulfördervereine, der Landeselternbeirat, die Elternstiftung Baden-Württemberg, der Landesschülerbeirat, der Bundesverband der Aktion Humane Schule, der Landesjugendring, der Goldader Bildung e.V., die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, der Landesschulbeirat, die SPD-Landtagsfraktion und der Arbeitskreis Gesamtelternbeiräte. Die Tagungsgäste nutzten die Pausen zum Erfahrungsaustausch und zur Vernetzung untereinander. Workshop„Öffentlichkeitsarbeit für Bildungsinitiativen“ Nachmittags fand neben den verschiedenen thematischen Diskussionforen, auch ein Workshop„Öffentlichkeitsarbeit für Bildungsinitiativen“ statt. Hier konnten die Tagungsteilnehmer/-innen zahlreiche Tipps und Impulse für eine gute und erfolgreiche Öffentlichkeitsarbeit mitnehmen. Frau Cornelia Bossert von cmkwerbung war selbst für die Initiative„Schule mit Zukunft“ sehr aktiv und konnte neben ihrem beruflichen Know-How auch ihre Erfahrungen aus dieser Zeit weitergeben. Frau Bossert berichtete nach dem Workshop, dass es für viele Ehrenamtlichen vor allem schwierig sei, Mitstreiter zu motivieren. Daneben ging es aber auch um konkrete Fachfragen z.B. nach dem Urheberrecht und nach strategischer Kommunikation(effektive Nutzung vorhandener Medien, Standards von Internetseiten etc.) Als Expertin in Sachen Pressearbeit erläuterte Frau Maria Wetzel von den Stuttgarter Nachrichten unter anderem, wie es gelingen kann, mit einer Pressemitteilung auch tatsächlich in der Presse zu erscheinen, wie und wann Journalisten angesprochen werden können. Die Teilnehmer/innen interessierten sich auch dafür, wie man die überregionale Öffentlichkeit erreicht. Ergebnisse aus den Foren Forum I Länger gemeinsam lernen mit Rudolf Bosch Moderation durch Roland Peter, Journalist Thesenprotokoll von Renate Kerber. Zentrale Thesen Längeres gemeinsames Lernen bedeutet eine Veränderung unseres Schulsystems im Sinne einer Gemeinschaftsschule, die die Bildung individualisiert, ressourcenorientiert und am sozialen Lernen orientiert anbietet. Dies ist ein Prozess, der Zeit benötigt, aber unbedingt notwendig ist, damit unsere Kinder Selbstvertrauen entwickeln können, sich eigenverantwortlich verhalten gelernt haben und Lösungswege finden können – und, damit unser System effizient und somit auch finanziell tragbar ist! Festellungen und Forderungen Wir brauchen Längeres gemeinsames Lernen Hat sich das 3-gliedrige Schulsystem bewährt? NEIN Die Akzeptanz der Hauptschüler ist nicht gelungen Bei uns hängen Bildungschancen am meisten von der sozialen Herkunft ab Ziele Kinder in ihrer Individualität annehmen Vielfalt als gemeinsame Kraft Integratives Lernen Höchst differenziertes und individuelles gemeinsames lernen sowie Sozialkompetenz erlebend Lernen ist nicht die Folge von Lehren! Es soll ein Lernvolumen geschaffen werden, in dem die Kinder Verantwortung für ihr Lernen übernehmen können Warum? Weg von Defizitorientierung, hin zu Potenzialorientierung, Weg von den Ängsten der Kinder, Motivation der Kinder erhalten Dilemma für die Eltern Sie wollen das Beste für ihre Kinder, also die bestmögliche Grundschulempfehlung – obwohl Lernen nicht durch Selektion funktioniert Kinder sind lernfähig und lernwillig, aber nicht belehrbar! Was bedeutet das für die Schulen? Schule sollte auf lebenslanges Lernen vorbereiten Mehr gemeinsames Lernen Mehr Eigenverantwortung übernehmen Neugierde der Kinder wach halten Grundschule und Mittelschule – mit verschiedenen Schwerpunkten Was bedeutet das für die Gemeinden? Schule ist ein Standortfaktor Gemeinden haben Zukunft, wenn sie eine Gemeinschaftsschule von HS/RS/Gymn. Bis zur 10. Klasse haben Was bedeutet das für Lehrer? Entsprechende Fortbildungen entsprechende Lernumgebung schaffen(der Raum als 3. Pädagoge) neues System ist dann angekommen, wenn diejenigen Lehren, die die Schulentwicklung als Schüler miterlebt haben Was bedeutet das für die Eltern und Kinder? dass sich sich bewusst entscheiden können, welchen Schulweg/Schwerpunkte sie einschlagen Was braucht es? Unser System ist das Teuerste und ineffizienteste, das können wir uns nicht mehr leisten! Breites Bewusstsein schaffen Keine Verlängerung der Grundschule um 2 Jahre Bildung beginnt im Kindergarten – danach geht es weiter – und die Übergänge müssen gestaltet werden Kommunen sollen Anträge auf veränderte Schulen stellen Schulentwicklung ist da erfolgreich, wo vor Ort Lösungen gefunden werden dürfen Ganzheitlicher Ansatz: Kinder mit besonderem Förderbedarf(Förder- und Sonderschulen) haben ihren Platz in der Gemeinschaftsschule Integration von Kindern mit Migrationshintergrund ist sowohl nach unten als auch nach oben notwendig Integreative Schulsysteme ziehen immer dann den Kürzeren, wenn sie mit selektiven Schulsystemen konkurrieren müssen Forum II Konsequenzen aus G8 mit Katharina Georgi-Hellriegel Moderation durch Anette Sawade, stellv. Fraktionsvorsitzende der SPD-Gemeinderatsfraktion Thesenprotokoll von Thomas Engelhardt Zentrale Thesen Die Reform ist gescheitert. Es braucht einen neuen Gesamtentwurf. Die Reform ist an sich gut, aber es hapert an der Umsetzung. Dabei wurde viel gepfuscht(nichts Halbes und nichts Ganzes). Feststellungen und Forderungen: Es braucht ein Gesamtkonzept und kein Stückwerk. G 8 wurde über das bestehende Schulsystem übergestülpt. Wir bräuchten eine ‚neue Schule‘, die auf die derzeitigen gesellschaftlichen Herausforderungen adäquat reagiert. Bei G 8 handelt es sich nur um ein Sparprogramm. G 8 kann nur in Verbindung mit einer guten Ganztagesschule funktionieren. Es muss mehr auf individuelles Lernen gesetzt werden. Die Belastung der SchülerInnen ist zu hoch. Der Lernstoff zu viel. Den SchülerInnen wird ein starkes Effizienzdenken beigebracht. Die Zeit für einen persönlichen Entwicklungs- und Reifeprozess ist gering. Es kommt zu einer erhöhten sozialen Selektion. Wer mithalten können möchte, braucht eine private Unterstützung. Die Lehrer/innenausbildung muss angepasst und rundum erneuert werden. Es braucht mehr individuelle Unterstützung für die einzelnen Schulen vor Ort. Es gibt zu wenig Geld für die konkrete Umsetzung(Hardware wie Mensen, Bücher, Computer etc.) Es ist vollkommen unklar, was 2012 passiert. Hier wird keine Lösung kommuniziert. Es braucht mehr demokratische Beteiligung aller Gruppierungen(SchülerInnen, Eltern, LehrerInnen, außerschulische Vereine etc.). Forum III und IV (zusammengelegt) Kleinere Klassen realisieren mit Dr. Ute Kratzmeier, GEW, Referentin allgemeinbildende Schulen Gunter Kaufmann MdL, Sprecher für Berufliche Bildung Moderation Eva Blum, blum educonsult Thesenprotokoll von Samuel Stiefel Zentrale Thesen Wie viele Lehrer/innen für wie viele Schüler/innen – unter welchen Bedingungen mit welchen Methoden Wie viel Regelunterricht findet wirklich statt? Und: welche Art des Ausfalls? Wieviel Regelunterricht findet wirklich statt? Alter Rahmen entspricht nicht modernen Methoden Feststellungen und Forderungen Klassenteiler KT ist generell zu hoch KT schafft Ungerechtigkeit und widerspricht Chancengleichheit Große Klassen= hohe Lehrerbelastung Viele Studien ökonomisch ausgerichtet und nicht pädagogisch Überleben in 40er Klassen Wichtiger als KT: Qualifikation der Lehrer/innen Lehrer/innen haben zu viele Lehr-fremde Aufgaben Die reine Schülerzahl entscheidet nicht über den Betreuungserfolg Klassenteiler ist ungerecht, lokal und regionale intransparent PISA kann keine Aussagen zum Klassenteiler machen Mehr Selbständigkeit für Schulleiter/innen beispielsweise Klassenteiler anpassen Ab 25 Schüler/innen wird die Größe kritisch Schulleiter hat Einfluss auf KT Klassengrößen an Bedingungen ausrichten KT nur eine Determinante im Gesamtrahmen= zusätzliches Personal, flexibel einsetzbar Unterstützendes Personal für„randschulische“Themen Unterrichtsausfall Ausfall laut Statistik harmlos Lehramt teilweise unattraktiv(z.B. für Ingenieure) Klassische Instrumente decken den personellen Bedarf nicht Lehrerfortbildung in die„Ferien“ Laien= Lehrkräfte zur Unterrichtsunterstützung 100%+X Ausstattung unerlässlich für 100% Ergebnis Rekrutierung Externer mit derzeitigen Mitteln schlecht möglich Fehlzeitenstatistik plus Mittel zum Umgang damit Personaldecke erhöhen Unterrichtsausfall sieht statistisch harmloser aus als die Realität Lehrerengpass mangels fachlicher Ausrichtung Lehramt teils sehr unattraktiv Weniger Ausfall nur mit mehr Personal Der Trend geht zum Do-it-yourself-Schüler 105% Ausstattung= 95% Ergebnisse Vernetzung unter Schulen hilft Vertretener Unterricht gilt als nicht ausgefallen Unterschiedliche Bedingungen= unterschiedliche Größen zeigt Reaktionen auf die Tagung Max Träger, stellvertretender Vorsitzender des Landesschülerbeirats, fand die Vorträge am Morgen sehr spannend. Es hat ihn gefreut, dass der Landesschülerbeirat eingeladen wurde und sich mit einem Infostand präsentieren konnte. Er beschäftige sich schon lange mit den angesprochenen Themen. Sie seien immer ähnlich und hätten auch einen ähnlichen Tenor. Aber es ändere sich nicht wirklich etwas. Dennoch sei es für ihn gut und wichtig gewesen, anlässlich der Veranstaltung mit anderen Initiativen persönlich ins Gespräch zu kommen und Kontakte zu knüpfen. Ein andere Teilnehmer besuchte die Veranstaltung als politisch interessierter Vater. Ihm sei bei den Diskussionen aufgefallen, dass die ganze Thematik rund um eine andere Bildung schon seit Jahren debattiert würden. Die Ideen lägen auf dem Tisch, aber nichts würde in Gang kommen. Er hoffe nun noch einmal mehr, dass endlich der politische Rahmen geschaffen werde, in dem eine Erneuerung des Systems Schule möglich sei. Auch wenn seine eigenen Kinder wohl kaum mehr in Genuss einer Veränderung kämen. Eine Lehrerin, die auch als Kommunalpolitikerin an der Veranstaltung teilnahm berichtete, dass ihre Gemeinderatsfraktion für ihre Stadt einen Antrag auf einen Modellversuch einer 6jährigen Grundschule stellen möchte. Hierzu hat sie viele Informationen und wertvolle Tipps erhalten, die sie nun in den Antrag einbauen könne. Sie persönlich würde dem sechsjährigen Schulkonzept sogar noch weitere vier Jahre aufsatteln. Als Lehrerin einer Grundschule würde ihr alle zwei Jahre vor Augen geführt, welch Auswirkungen das Schwarz-Weiß-System habe. Sie müsse Beurteilungen schreiben, wie es mit Kindern schulisch weitergeht, und fände es schrecklich zu sehen, wie Schüler/-innen nach nur dreieinhalb Jahren sortiert werden. In einem Lebensjahr könne so viel passieren und die Kinder machten oft Entwicklungsschübe durch. Länger zusammen zu lernen würde diesen Entwicklungspotentialen besser Rechnung tragen und zudem kämen ja noch all die anderen, positiven Seiten des Lernens in einer heterogenen Gruppe. 09:45 Empfang mit einem Begrüßungskaffee 10:00 Begrüßung durch Dr. Christine Arbogast, Friedrich-Ebert-Stiftung Stuttgart 10:10 Einführungsvortrag Bildung ist die Basis – Wie können wir Impulse aus der Gesellschaft in die Fachpolitik tragen? Prof. Dr. Dr. Franz J. Radermacher, Professor für Datenbanken und künstliche Intelligenz an der Universität Ulm 10:40 Podiumsrunde Themeneinführung zu den Nachmittagsforen mit Elke Boese-Grzeskowiak, Schulleiterin der Heinrich-Lanz-Schule II Mannheim Rudolf Bosch, Rektor der Kuppelnauschule Ravensburg Dr. Ute Kratzmeier, Referentin Allgemein bildende Schulen, GEW Angelika Matt-Heidecker, Oberbürgermeisterin Kirchheim/Teck Martin Schäfer, Schule mit Zukunft Moderation Dr. Frank Mentrup, MdL, Bildungspolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion 12:00 Mittagsimbiss und Gelegenheit zum informellen Austausch 13:30 Forum I: Kleiner Sitzungssaal 3. OG, Länger gemeinsam lernen mit Rudolf Bosch Moderation: Roland Peter, Journalist, Thesenprotokoll: Renate Kerber Forum II: Großer Sitzungssaal(Plenum), Konsequenzen aus G8 mit Angelika Matt-Heidecker Moderation: Annette Sawade, Stadträtin Stv. Fraktionsvorsitzende der SPDGemeinderatsfraktion, Thesenprotokoll: Thomas Engelhardt Forum III: Raum Nr. 406, 4.OG, Problemfall Unterrichtsausfall Moderation: Gunter Kaufmann, MdL, Sprecher für Berufliche Bildung Thesenprotokoll: Samuel Stiefel Forum IV: Raum Nr. 301, 3.OG, Kleinere Klassen realisieren mit Dr. Ute Kratzmeier Moderation: Eva Blum, blum educonsult, Thesenprotokoll: Anke Schütze Parallel Workshopangebot: Raum Nr. 401, 4.OG, Öffentlichkeitsarbeit für Bildungsinitiativen Cornelia Bossert, cmkwerbung, Maria Wetzel, Stuttgarter Nachrichten 14:45 Kaffeepause 15:15 Nachmittagsforen 2. Diskussionsrunde und Fortsetzung Workshop 16:45 Schlussworte Frank Mentrup und Christine Arbogast