Finanzkrise in Mexiko: Der große Tsunami aus dem nahen Norden pîÉåà~=_ä~åâÉ= Ein Land, das zwischen 80 und 90% seines Außenhandels mit den USA abwickelt, spürt zwangsweise die Finanzkrise des nördlichen Nachbarn. Dennoch bagatellisierte die mexikanische Regierung im Oktober letzten Jahres die Auswirkungen der Krise für Mexiko. So behauptete der Finanzminister Agustín Carstens, dass Mexiko gegen die Finanzkrise in den USA„gepanzert“ sei. Während sich in der Bevölkerung Zukunftsangst um Arbeitsplätze und steigende Inflation breit macht, setzte die marktwirtschaftsfreundliche Regierung auf die auch von der Ratingagentur Moody´s wiederholt bestätigte Stabilität der mexikanischen Wirtschaft. Die Ankündigung, dass alle Heimkehrer aus den USA in Mexiko herzlich willkommen seien, war diplomatisch höflich, musste jedoch für die vielen Mexikaner, die seit Jahren hoffnungslos angemessen bezahlte Arbeit auf dem formellen oder informellen Arbeitsmarkt suchen, oder in den Ohren der bereits aus sozialen Gründen Ausgewanderten höhnisch klingen. So ruderte der Finanzminister auch wenig später rhetorisch zurück: Mexikos Wirtschaft habe einen leichten Husten. Vor einigen Tagen verkündete er dann, die Wirtschaft befinde sich in einem tiefen Graben, der durch einen Tsunami von außen ausgelöst worden sei. Wirtschaftskommentatoren sprechen vom Beginn einer der schwersten wirtschaftlichen Lungenentzündungen Mexikos der letzten Jahrzehnte. Während das mexikanische Finanzsystem aus vorherige Crashs seine Lehren gezogen hat und relativ stabil zu sein scheint, geht die Realwirtschaft durch schwere Zeiten. Die wirtschaftliche Integration im Rahmen des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens(NAFTA) ließ bereits im Oktober negative Auswirkungen auf die mexikanische Wirtschaft erahnen. Und in der Tat, die Folgen der Finanzkrise in den USA treffen nicht so sehr das Finanzsystem, sondern in erster Linie die Wirtschaft. Nach dem Finanzcrash von 1994, der sogenannten Tequilakrise, wurde das Bankensystem reformiert. Die strenge Kontrolle der öffentlichen Ausgaben und Banken seit dem Crash von 1994 wirkt sich stabilisierend aus. Banken mussten sich mit größeren Reserven ausstatten und schützen. Auch haben die mexikanischen Kreditinstitute aufgrund dieser Regelungen kaum in riskante Anlagen in den USA investiert. Entsprechend blieben die mexikanischen Banken bisher von Zahlungsschwierigkeiten verschont. Nur Banamex – Citibank Mexiko – ist aufgrund der Ende Februar 2009 bekannt gewordenen Beteiligung des US-Staates am Unternehmen Citibank in Bedrängnis: das mexikanische Gesetz verbietet die Beteiligung ausländischer Regierungen an nationalen Kreditunternehmen. Nun muss entschieden werden, ob es sich bei der US-Beteiligung in Banamex tatsächlich um eine solche Kontrolle handelt, oder ob NAFTA Ausnahmeregelungen erlaubt. Die Reduzierung der Auslandsverschuldung und die niedrig gehaltene Inflationsrate zahlte Mexiko in den zurückliegenden Jahren mit geringem Wachstum. Trotz der Attraktivität des Standortes für Investoren gehörten Mexikos Wachstumsraten im lateinamerikanischen Vergleich zu den Schlusslichtern. Bereits vor der USFinanzkrise hatte die Wirtschaftskommission für Lateinamerika(CEPAL) Mexikos Wachstum für das Jahr 2008 mit 2,5% auf das niedrigste Niveau in Lateinamerika eingestuft. Zum Jahresende 2008 lag Mexiko mit 1,8% Wachstum auf dem gleichen Niveau wie die USA. Die Prognosen für 2009 liegen bei Minuswachstum zwischen-0,0%/-1,0%(mexikanisches Finanzministerium) bis-4,0%(JP Morgan). Ausländische Investoren beginnen ihre mexikanischen Staatsanleihen zu verkaufen. Seit August 2008 ist ein 45,8%-iger Rückgang zu vermerken. Der fallende Pesokurs sorgt für weiteren Pessimismus. Der mexikanische Peso ist so schwach wie seit der Wirtschaftskrise 1994 nicht mehr. Im Oktober 2008 verlor er innerhalb von fünf Tagen 14% seines Werts. Dafür wurden einige wenige Spekulanten verantwortlich gemacht. Stützungskäufe der Regierung brachten einen vorläufigen Halt. Dennoch verlor der Peso auch im neuen Jahr weiter an Wert und beträgt mittlerweile nur noch 50% seines Werts vom Vorjahr. Nun kündigte die Nationalbank weitere Stabilisierungskäufe an: vom 9. 2 BRENNPUNKTE| FINANZKRISE März bis zum 8. Juni 2009 sollen so täglich Pesos im Wert von 100 Millionen Dollar angekauft werden. Die Stützen der mexikanischen Wirtschaft – Ölexporte, Rücküberweisungen der Migranten, Tourismus, verarbeitende Exportindustrie – sind durch die Rezession in den USA angeschlagen. Von Oktober 2008 bis Ende Februar 2009 sind 550.000 Arbeitsplätze verloren gegangen, davon 52% in der verarbeitenden Industrie. Wirtschaftspolitische Fehlentscheidungen oder Entscheidungsmangel bezüglich der Weiterentwicklung des Industriesektors der vergangenen Jahre, insbesondere seit Inkrafttreten von NAFTA, werden sich in Anbetracht der Wirtschaftskrise mittel- und langfristig stark bemerkbar machen. Große mexikanische Unternehmen wie der Baustoffhersteller CEMEX oder die Supermarktkette Comercial Mexicana sind aufgrund hoher Schuldverschreibungen in US-Dollar von der Krise stark betroffen. CEMEX, die Automobilindustrie und andere vom Export abhängige Sektoren leiden auch an der geringeren Nachfrage. Der Aktienmarkt ist auf das Niveau von vor sechs Jahren zurückgefallen. Entlassungen und Kurzarbeit machen die Runde. Ein Konjunkturpaket soll die Ausmaße für Unternehmen und Bürger abfedern. Das Einfrieren der Gas- und Benzinpreise ist eine wichtige Hilfe für mexikanische Familien, die Senkung der Energiepreise bedeutend für die Wirtschaft. Das angekündigte Infrastrukturprogramm sowie Hilfen für arme Schichten scheinen in Anbetracht der Dimension der Krise nicht ausreichend. Strukturelle Probleme und fehlende umfassende Reformen in der Haushalts- und Sozialpolitik verengen den Aktionsradius der Regierung. Die sinkenden Ölpreise werden dem Haushalt des sechstgrößten Ölexporteurs der Welt schaden. Mexiko finanziert zwischen 30 bis 40% seines Etats aus den Erdölverkäufen. In den letzten zwei Jahren wuchsen die Staatseinnahmen vor allem wegen des höhen Ölpreises um 593 Billionen Pesos. 60 Centavos eines jeden eingenommenen Pesos flossen jedoch direkt in laufende März 2009 Kosten. Ohne einen Ä~Åâìé an Mitteln wird es die Regierung schwer haben, in Konjunkturprogramme zu investieren, zumal dem Staatskonzern Pemex das Öl ausgeht. Die vormals übersprudelnden Reserven sind heute drastisch geschwunden – nicht mal mehr zehn bis zwölf Jahre sollen sie reichen. Es wird weniger produziert und die Ausfuhren sind gesunken. Auch dem sozial- und arbeitsmarktpolitischen Ventil geht die Luft aus. Ohne die Hoffnung auf einen Arbeitsplatz in den USA wird die Migration in den Norden abebben. In der zweiten Hälfte des Jahres 2008 sind 50% weniger in die USA ausgewandert als in der 2. Hälfte 2007. Die zweitgrößte Einnahmequelle des Staates sind die Rücküberweisungen von Familienangehörigen aus den USA. Mexiko erhält die zweithöchsten Rücküberweisungen weltweit. Im Vergleich zum Vorjahr sind die Rücküberweisungen 2008 um 1,8% gesunken – einer der höchsten Rückgänge seit Beginn der Statistik. Für die Mehrheit der mexikanischen Bevölkerung ist die wirtschaftliche Aussicht mittelfristig sehr düster. Der Reallohn wird in Mexiko wie in Vorjahren nicht steigen. Der Mindestlohn beträgt je nach Region zwischen 50 und 55 Pesos am Tag(1 US-Dollar= 15,49 Pesos(Kurs vom 10.3.09)). Bedenkt man, dass die Preise für Grundnahrungsmittel in den letzten Monaten stark angestiegen sind, bleibt vielen Bürgern nur die Möglichkeit auf dem informellen Markt ein zusätzliches Einkommen zu gewinnen. In Mexiko gibt es keine Arbeitslosenversicherung. Zynisch halten Beobachter fest, dass Migration und Rücküberweisungen das soziale Auffangnetz stellen. Aufgrund der negativen Prognosen für beide Bereiche wird die mexikanische Wirtschaftskrise von nicht zu unterschätzenden sozialen Schwierigkeiten begleitet werden. pîÉåà~=_ä~åâÉ=áëí=ÇáÉ=sÉêíêÉíÉêáå=ÇÉê=cêáÉÇêáÅÜJbÄÉêíJ píáÑíìåÖ=áå=jÉñáâçK Friedrich-Ebert-Stiftung – Referat Entwicklungspolitik – Dialogue on Globalization Hiroshimastraße 28 – 10785 Berlin Telefon++49(0)30 26935-7404 – Telefax:++49(0)30 26935-9246 E-Mail: globalization@fes.de – www.fes-globalization.org