Das Erbe Martin Luther Kings: Hat sich der Traum der Rassengleichheit mit der Wahl Barack Obamas erfüllt? Genau 40 Jahre nachdem Martin Luther King, Jr. einem Attentat zum Opfer gefallen ist, haben die Vereinigten Staaten von Amerika ihren ersten afroamerikanischen Präsidenten gewählt: Barack Obama. Infolge dieses historischen Momentes glauben viele Menschen in den USA, einschließlich vieler Afroamerikaner, dass Kings Traum der Rassengleichheit damit erreicht wurde: Eine von CNN im Januar durchgeführte Meinungsumfrage hat herausgefunden, dass eine überraschend hohe Prozentzahl, nämlich 69 Prozent der Afroamerikaner, damit die Ziele der Bürgerrechtsbewegung erfüllt sieht.“Wir haben endlich die Geißel des Rassismus überwunden”, bemerkte der konservative afroamerikanische Aktivist, Ward Connerly. Die USA haben sicherlich in einer sehr kurzen Zeit viel erreicht. In den frühen 1960er Jahren, als Obama geboren wurde, war es Afroamerikanern im Süden der Vereinigten Staaten noch immer verwehrt, von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen. Heute üben, ebenso wie Präsident Obama, zehntausende Afroamerikaner ein Amt aus, in das sie gewählt wurden, einschließlich tausende von Schwarzen im Süden der USA. Aber das bedeutet noch nicht, dass Kings Traum damit erfüllt sei. Wahlerfolge von Afroamerikanern waren nicht das einzige Ziel von Martin Luther King, ja sie waren nicht einmal das wichtigste. Für ihn war politischer Zugang lediglich ein erster Schritt in Richtung grundsätzlicher Gleichberechtigung, hin zu einer Welt, in der Hautfarbe wirklich keine Rolle mehr spielt. Denn auch heute noch sind Afroamerikaner in den USA weit von Gleichberechtigung entfernt. Wie der Harvard Soziologe Orlando Patterson festgestellt hat, bestehen in Amerika zwei Ebenen der Minderheitenintegration: eine öffentliche und eine private. Hinsichtlich öffentlicher Integration befinden sich die USA nahe ihrer multiethnischen Idealvorstellung. Afroamerikaner sind mittlerweile in den höchsten Rängen der Gesellschaft vertreten, vom Präsidenten zum Justizminister, vom Sport- bis zum Filmstar. Und die heutige moderne USPopkultur wurde sogar von ihnen geschaffen. 2 Paradoxerweise aber leben Afroamerikaner und Weiße im Privatbereich immer noch getrennt voneinander. Auch wenn sich eine wachsende afroamerikanische Mittelklasse herausgebildet hat, ist diese im Vergleich zur weißen Mitteklasse immer noch sehr klein und instabil: Afroamerikaner sind doppelt so häufig von Arbeitslosigkeit betroffen, ein Viertel von ihnen lebt in Armut – das sind drei mal so viele wie Weiße. Und in den Gefängnissen sitzen mehr männliche Afroamerikaner als in den Hörsälen der Universitäten. In diesem Sinne antwortete Obama einem Reporter, der ihn fragte, was seine Wahl für die Afroamerikaner bedeutet: Es bestehe ein“berechtigter Stolz”, dass die US-Amerikaner“die alten Vermächtnisse rassischer Diskriminierung hinter sich gelassen haben. Aber das hielt leider nur für einen Tag.” Es gibt zwei Erklärungsmuster für die anhaltende afroamerikanische Ungleichheit: zum einen fortbestehenden Rassismus und zum anderen eine Kultur, die durch innerstädtische Armut geprägt ist und dabei überproportional Afroamerikaner betrifft. Das erste Argument geht davon aus, dass Afroamerikaner noch immer Opfer von Diskriminierung durch Weiße und andere Bevölkerungsgruppen sind; der zweite Erklärungsversuch sieht die Schuld in Charakteristika städtischer Armut: Gewalt, wirtschaftliche Abhängigkeit und das Fehlen von Vaterfiguren. Obwohl diese Meinung sehr umstritten ist, hat sie in den letzten Jahren an öffentlicher Aufmerksamkeit gewonnen. Selbst viele afroamerikanische Prominente, wie der Soziologe William Julius Wilson und der Komiker Bill Cosby, sind überzeugt, dass die durch innerstädtische Armut geprägte Kultur zumindest teilweise mit verantwortlich zu machen ist. Auch wenn US-amerikanische Medien die beiden Perspektiven oft als sich gegenseitig ausschließend darstellen, sind sie es doch nicht. Kulturelle Prägung kann als ein Erklärungsfaktor gelten, ohne die zentrale Rolle des Rassismus in den Beziehungen zwischen Weißen und Schwarzen von der Hand zu weisen. Der Beweis für anhaltenden Rassismus in den USA ist offensichtlich: Die Wahrscheinlichkeit, dass Afroamerikaner teurere, zweitklassige Hypothekendarlehen als Weiße erhalten, ist zwischen sechs und 34 Prozent höher. Die Antwort auf die Frage, wie Afroamerikaner zu ihrem niedrigeren sozioökonomischen Status gekommen sind und warum sie ihn nicht verlassen können, ist zweifelsohne von großer Bedeutung. Wenn Rassismus die Ursache dafür ist, dann sollte Obama sein Augenmerk auf die Bekämpfung desselben legen. Wenn aber die Antwort kulturelle Aspekte mit einschließt, dann muss der Schwerpunkt auf die Bekämpfung von Problemen gelegt werden, die durch innerstädtische Armut entstanden sind. Das alles ist jedoch keine neue Debatte, im Gegenteil, sie hat Politiker seit Jahrzehnten gelähmt. Und allein die Tatsache, dass sie noch immer existiert, ist an sich schon ein Beweis dafür, dass sich Kings Traum noch nicht erfüllt hat. Es gibt aber einen pragmatischen Ausweg, den auch Obama zu gehen scheint, vor allem mit seiner angekündigten Bildungsreform. Obama hat mehrere Millionen US-Dollar zugesichert, mit denen er sowohl die Qualität US-amerikanischer Lehrer verbessern, als auch ärmeren Schulbezirken mehr Ressourcen zur Verfügung stellen will – immer an die Bedingung gebunden, dass beide Seiten mehr Eigenverantwortung aufbringen. Studien haben gezeigt, dass besser ausgebildete und materiell ausgestattete Lehrer der wichtigste Faktor für den Erfolg eines Schülers sind. Dieser Schulerfolg wiederum führt zu mehr Selbstbewusstsein und hilft bei der Durchsetzung gegen kulturelle Widerstände. Er führt aber auch zu besseren Jobs und einem höheren sozialen Status, was wiederum die Folgen von Rassismus mildern kann. www.fesdc.org 3 Obama ist zudem seit 40 Jahren der erste US-Präsident, der einen starken Fokus auf die wirtschaftliche Lage US-amerikanischer Städte legt, welche gleichzeitig die Heimat eines Großteils der afroamerikanischen Bevölkerung darstellen. Seit Jahrzehnten haben Bundesund Einzelstaatenregierungen Gelder von den Stadtzentren in die wählerstimmenreichen Vororte umverteilt. Das führte zu einem Mangel an guten Jobs und sozialer Beweglichkeit für Afroamerikaner. Obama, der seine Karriere als Sozialarbeiter in den notleidenden Südvierteln Chicagos begann, kennt beide Seiten, sowohl die traurige Realität, als auch das Potential der“Ghettos”. Deshalb hat er versprochen, Milliarden US-Dollar in sein Konjunkturprogramm und andere Initiativen zu investieren, um die Städte wieder zu einem Motor des US-amerikanischen Wachstums zu machen. Diese Maßnahmen richten sich an beide Erklärungsfaktoren der anhaltenden afroamerikanischen Ungleichheit: Sie werden die Stadtzentren wieder mit dem Rest des Landes verbinden und damit ethnischer und ökonomischer Integration die Türen öffnen, eine sinnvolle Maßnahme gegen negative soziale Verhaltensmuster innerstädtischer Armut. Gleichzeitig jedoch war ethnische und wirtschaftliche Integration historisch schon immer ein wirksames Gegenmittel gegen hartnäckige Formen des Rassismus. All das soll nicht heißen, dass Obamas Wahl keinen historischen Moment für die USA oder die afroamerikanische Bevölkerung darstellt. King wäre sicher der erste, der dieses Ereignis als das wichtigste in den Beziehungen zwischen weißen und schwarzen US-Amerikanern seit dem Voting Rights Act von 1965 sehen würde. Aber er würde uns auch schnell daran erinnern, dass dies noch nicht das Ende der Straße ist, sondern nur ein Meilenstein auf einer sehr langen Reise. _________________________ Clay Risen ist Herausgeber des Fachmagazins„Democracy: A Journal of Ideas“ und Autor des Buches„A Nation on Fire: America in the Wake of the King Assassination“. Übersetzung: Christina Rentzsch, Praktikantin, Friedrich-Ebert-Stiftung Knut Panknin, Programmkoordinator, Friedrich-Ebert-Stiftung Washington, 7. April 2009 www.fesdc.org