„Arbeiter fördert und unterstützt weiter eure geistige Rüstkammer“ Aufbau, Bedeutung und Zerschlagung der Arbeiterbibliotheken in Thüringen Impressum Herausgeber: Für die Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung Dr. Rüdiger Zimmermann Umschlag: Pellens Kommunikationsdesign GmbH, Bonn Printed in Germany 2008 ISSN 1432-7449 ISBN 978-3-89892-999-8 Werner Schroeder „Arbeiter, fördert und unterstützt weiter eure geistige Rüstkammer“ Aufbau, Bedeutung und Zerschlagung der Arbeiterbibliotheken in Thüringen Veröffentlichungen der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung Bd. 20 Bonn 2008 5 Zum Geleit Der vorliegende Band der Schriftenreihe der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung dokumentiert den Beitrag von Werner Schroeder im Mai 2008 in der Friedrich-Ebert-Stiftung anlässlich einer Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Bücherverbrennungen in Deutschland. Die Bücherverbrennungen in Deutschland waren der Höhepunkt der„Aktionen wider den undeutschen Geist“. Der terroristische Akt sollte Angst und Schrecken unter kritischen Oppositionellen verbreiten. Zu Recht ist dieser Akt der Barbarei tief im kollektiven Gedächtnis aller Demokraten verankert. Weniger spektakulär, dafür aber um so planvoller gingen die nationalsozialistischen Machthaber gegen die Bibliotheken der weltanschaulichen Gegner vor. Die Büchersammlungen jüdischer Verbände, die Bibliotheken der Arbeiterbewegung, der Kirchen und der Freimaurerorganisationen wurden systematisch ausgeraubt. Die nationalsozialistische„Literaturpolitik“(wenn man in diesem Zusammenhang überhaupt von Politik sprechen kann) zeichnete sich durchgängig durch einen irrationalen Zug aus. Ziel war es, das geistige Erbe des politischen Gegners und des scheinbar„rassisch“ Unterlegenen zusammenzutragen, um es gleichsam zu beherrschen und es in Museen für untergegangene Weltanschauungen zu zeigen. Diese Gier nach Rauben und Besitzen betraf neben Büchern Kunst- und Kulturobjekte aller Art: Gemäldesammlungen, Archive, Münzsammlungen, Altäre und so fort. Während der nationalsozialistischen Herrschaft(besonders nach Kriegsausbruch) beschlagnahmten unterschiedliche„Spezialeinheiten“ Kulturgegenstände jedweder Provenienz. Insgesamt zeigte sich bei diesen Raubaktionen das hinlänglich bekannte Bild nationalsozialistischer Herrschaftsausübung: Sich eifersüchtig bekämpfende Cliquen suchten ihren Teil der Beute zu erlangen. Besonders die Arbeiterbibliotheken gerieten ins Fadenkreuz der Nazicliquen. Das herrschende Merkmal des Umgangs der Nationalsozialisten mit den Büchern der Arbeiterbewegung war planvolles systematisches Ausrauben, Ordnen, Katalogisieren, Verwerten, wobei„Verwerten“ nicht ausschloss, dass man massenweise als minderwertig erachtetes Kleinschrifttum vernichtete. Der größte Schlag war gegen die zentrale Bibliothek der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands in Berlin gerichtet. Bei der systematischen Ausplünderung der SPD-Bibliothek spielte die Staatsbibliothek eine ganz herausragende Rolle. Analysiert man systematisch die Akten der Nachkriegssozialdemokratie, so spürt man heute noch die stumme Wut der Kulturverantwortlichen, als in der Nachkriegszeit über viele Jahre Bücher auf dem Markt aus dieser einzigartigen Bibliothek auftauchten. Keiner der Betroffenen wusste, wie er agieren und reagieren sollte, um die Bücher wieder zu erlangen. Kein Mensch schien sich in den fünfziger und sechziger Jahren für das Schicksal der„verlorenen Bücher“ zu interessieren. Dieses Desinteresse änderte sich dramatisch Ende der neunziger Jahre. Bibliothekshistoriker und Bibliothekshistorikerinnen haben diese Gründe eingehend analysiert. An dieser Stelle sollen nur die wichtigsten Eckpunkte skizziert werden: 6 -- Dezember 1998: Washingtoner Konferenz über Vermögenswerte aus der Zeit des Holocaust mit einer Erklärung in Bezug auf Kunstwerke, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt wurden -- Dezember 1999: Gemeinsame Erklärung der Bundesregierung, der Länder und der kommunalen Spitzenverbände zur Auffindung und zur Rückgabe verfolgungsbedingt entzo genen Kulturgutes, insbesondere aus jüdischem Besitz -- 2000: Inbetriebnahme der„Lost Art Internet Database“ durch die Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste in Magdeburg -- Februar 2001:„Handreichungen“ zur Umsetzung der gemeinsamen Erklärung des„NSverfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes“ 2002 startete mit viel Mut und Zivilcourage initiiert die erste Fachkonferenz in Deutschland, die den Blickwinkel veränderte, mit dem Bibliothekare und Bibliothekarinnen die Zeit des Nationalsozialismus bislang betrachtet hatten: Weg von der Opferrolle(Stichwort: Bombenverluste), hin zur Täterrolle(planvolles Ausrauben). Im Gefolge der Konferenzen fand ein bemerkenswerter Paradigmenwechsel statt. Bücher werden zunehmend nicht nur als Informationsträger wahrgenommen. Der stellvertretende Leiter der Weimarer Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Dr. Jürgen Weber, hat diese Veränderung auf den Begriff gebracht:„Bestandsgeschichte und Provenienzforschung werden unversehens zu einer politisch und moralisch herausfordernden Aufgabe, wenn Erwerbung und Verluste der Bücher mit Gewalt und Unrecht verbunden waren. Von Bedeutung sind dann nicht mehr Herkunft und Verbleib, sondern auch die Umstände des Verlustes und Erwerbung solcher Bücher.“(ZfBB, Jg. 51 2004, H. 4, 239) Bei allen Tagungen im deutschsprachigen Raum zu den Themen Raubgut, Kulturgutverlust, Provenienz und Restitution hat Werner Schroeder eine geachtete Rolle gespielt. Sein zentrales Thema war die unrühmliche Rolle des Reichssicherheitshauptamtes bei allen Raubaktionen. Dabei scheute er auch nicht davor zurück, die Lebensgeschichte der verantwortlichen wissenschaftlichen Bibliothekare auszubreiten und ihre„Vernetzung“ in die bundesdeutsche Bibliothekslandschaft der Nachkriegszeit treffend zu illustrieren. Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar beschloss vor gut 3 Jahren, alle Erwerbungen der Jahre von 1933 bis 1945 auf Exemplarebene zu dokumentieren und diese Recherchen auch auf nach 1945 eingearbeitete Bestände auszudehnen. Bei dieser verdienstvollen Aktion kamen zahlreiche Bände aus ausgeraubten Thüringer Arbeiterbibliotheken ans Tageslicht. Die Weimarer Bibliothek und die Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung loteten in verschiedenen Gesprächen die Möglichkeiten aus, durch einen Katalog, eine Ausstellung o.ä. die Totalität des Geschehens zu dokumentieren. Zu diesem Zweck gab das Historische Forschungszentrum der Friedrich-Ebert-Stiftung und die Stiftung Weimarer Klassik eine„Machbarkeitsstudie“ in Auftrag, die Struktur, Funktion und Schicksal der Thüringer Arbeiterbibliotheken illustrieren sollte. Dieser Forschungsbericht wurde von Werner Schroeder erstellt. Die wichtigsten Ergebnisse wurden in seinem Vortrag in der Friedrich-Ebert-Stiftung im Mai 2008 dokumentiert. Vor allem im Kreise angehender Bibliothekarinnen und Bibliothekare stießen seine Ausführungen auf große Resonanz. 7 Noch 75 Jahre nach der nationalsozialistischen Machtergreifung wirkt Vernichtung und Raub der Bücher in die deutsche Gesellschaft nach. Vielleicht helfen gerade die regionalen Fallbeispiele, das unbegreifliche Geschehen begreifbar zu machen. Die Zerschlagung der Arbeiterbib liotheken Thüringens bietet auch für die Gegenwart genügend historischen Anschauungsunterricht. Wir wünschen der Studie eine große Verbreitung. Rüdiger Zimmermann (Leiter der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung) Der„Kleine Leitfaden für Arbeiterbibliotheken war ein wichtiges Einführungsbuch für die meist ehrenamtlichen „Laien-Bibliothekare“ der Arbeiterbewegung. 9 „Arbeiter, fördert und unterstützt weiter eure geistige Rüstkammer“ Aufbau, Bedeutung und Zerschlagung der Arbeiterbibliotheken in Thüringen Seit der Washingtoner Konferenz 1998 und der„Erklärung der Bundesregierung[...] zur Auffindung und zur Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes insbesondere aus jüdischem Besitz“ von 1999, gehört die Suche nach geraubten Büchern im eigenen Bestand zum Aufgabengebiet der Bibliothekare. 1 Manche haben damit sehr früh begonnen, zum Beispiel die Universitätsbibliothek Bremen oder die Marburger Universitätsbibliothek, andere wie die Bayerische Staatsbibliothek München oder die Staatsbibliothek zu Berlin(ehemals Preußische Staatsbibliothek), begannen erst vor kurzem mit Bestandsrecherchen. Allerdings konzentrierte sich die Suche entsprechend der„Erklärung“ zuerst einmal auf den jüdischen Buchbesitz. In den letzten Jahren hat sich dieses Suchraster erweitert, heute werden generell fragwürdige Ankäufe und Geschenke überprüft. Dazu gehören auch die„Geschenke“ aus ehemaligem Gewerkschaftsbesitz. Hier befinden wir uns allerdings noch ganz am Anfang der Aufarbeitung. Doch wie kamen die Gewerkschaftsbücher in die Bibliotheken? Bereits im März 1933 wurden in mehr als 200 Orten Gewerkschafter terrorisiert und Gewerkschaftshäuser von der SA, SS oder der Polizei besetzt sowie teilweise Akten und Bücher verbrannt. 2 Doch erst einen Tag nach den Feiern des„Tags der nationalen Arbeit“, so die NS-Diktion, am 2. Mai 1933- vor 75 Jahren- wurden die Freien Gewerkschaften im Reichsgebiet endgültig zerschlagen, zahlreiche Gewerkschafter entlassen, drangsaliert und in Konzentrationslager gebracht. Das Gewerkschaftsvermögen wurde von der ständisch organisierten Deutschen Arbeitsfront, Führer war in Personalunion der Reichsorganisationsleiter der NSDAP Robert Ley, übernommen. Zum durchaus begehrten Gewerkschaftsvermögen gehörten die umfangreichen Bibliotheken der Einzelgewerkschaften, des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes(ADGB) und die etwa 2.500 Arbeiterbibliotheken mit einem Bestand von über einer Million Bänden. 3 Während von den Gewerkschafts-Fachbibliotheken größere Bestände die Beschlagnahme und den Krieg überdauert haben, heute bilden sie einen wichtigen Bestandteil der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn und der Berliner Bibliothek der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv(SAPMO), ehemals FDGB-Zentralbibliothek, sind von den Bildungs- und Unterhaltungsbibliotheken der Arbeiter meistens nur einzelne Bücher nachweisbar. 1 Vgl. Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien(Hg.): Handreichung vom Februar 2001 zur Umsetzung der„Erklärung der Bundesregierung, der Länder und der kommunalen Spitzenverbände zur Auffindung und zur Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes, insbesondere aus jüdischem Besitz“ vom Dezember 1999. Berlin 2003. Soeben ist eine überarbeitete Auflage der Empfehlungen veröf fentlicht worden(www.bundesregierung.de/handreichung), Notiz in der FAZ v. 20.5.2008. Die„Erklärung“ ist auf der„Lost Art“ Homepage der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste veröffentlicht(http://www. lostart.de) 2 Die Gewerkschaften in der Endphase der Weimarer Republik 1930-1933. Bearbeitet von Peter Jahn/Detlev Brunner(Quellen zur Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung im 20. Jahrhundert, Bd. 4). Köln 1988, S. 851f, 856-864, hier besonders S. 859. 3 Zählung der Zentralstelle für das Arbeiterbüchereiwesen von 1932. Angaben nach H. Becker, G.A. Narciss, R. Mirbt: Handwörterbuch des deutschen Volksbildungswesens. Artikel Arbeiterbüchereiwesen(Zitiert nach Johannes Langfeldt: Zur Geschichte des Büchereiwesens. In: Handbuch des Büchereiwesens, Wiesbaden 1973, S. 385. 10 Aus der Kölner„Centralbibliothek der freien Gewerkschaften“ mit 8.000 Bänden(1913) sind vor kurzem zwei Bücher bei Raubgutrecherchen im Magazin der Kölner Universitätsbibliothek aufgefunden worden. Es handelt sich dabei um Titel, die den Stempeln zufolge, nach 1945 aus dem Bestand der„Deutschen Arbeitsfront Gauwaltung Köln-Aachen“ in die Bibliothek gelangten. 4 Aus dem Bestand der Bremer Arbeiter-Zentralbibliothek mit 23.000 Büchern(1927/28) ist ein einziger Band heute in der Marburger Universitätsbibliothek nachweisbar. Hier handelt es sich um ein„Geschenk“ der Deutschen Arbeitsfront Berlin von 1937. Das gilt auch für 10 weitere Bücher aus dem früheren Besitz verschiedener Fach-Gewerkschaften in Hannover. 5 Von den preußischen Landratsämtern Wetzlar und Obertaunus wurden 19 Bücher von sechs Arbeiterbibliotheken bzw. SPD-Wahlvereinsbibliotheken im Sommer 1936 der Universitätsbibliothek Marburg zugeschickt. 6 Die Bayerische Staatsbibliothek in München erhielt auf dem Umweg über die„Bibliothek von Radio München“ nach Kriegsende wenigstens ein Buch aus der „Bibliothek des Vorstandes des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes“. 7 Und im Magazin der Universitätsbibliothek der Medizinischen Universität Wien wurde ein Band aus der Berliner „Sassenbach-Bibliothek“ aufgefunden. 8 Alle diese Bücher stammen aus der„Übernahme“ bzw. Beschlagnahme des Gewerkschaftsvermögens im April/Mai 1933. Auch die frühere Landesbibliothek Weimar, heute bekannter als Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek, erhielt 1934 von den durch die Thüringer Polizeibehörden beschlagnahmten Büchern zahlreiche Titel„überwiesen“, so die offizielle Bezeichnung. Anhand der Akzessionsjournale lassen sich 440 vereinnahmte Bücher nachweisen. Damit handelt es sich um den bisher umfangreichsten Bestand an beschlagnahmten Büchern aus Arbeiterbibliotheken- und das macht diesen„Sammlungsteil“ heute so bedeutsam. Doch trotz der umfangreichen Überlieferung umfaßt dieser Restbestand nur 0,4% aller Titel der früheren Arbeiterbibliotheken in Thüringen (Stand 1931). 9 Aber beginnen wir mit den Anfängen. Dazu noch eine Vorbemerkung: Das Land Thüringen setzte sich bis 1918 aus insgesamt acht Ländern, einem Großherzogtum, drei Herzogtümern 4 E-mail von Christiane Hoffrath, Universitäts- und Stadtbibliothek Köln vom 17.1.2008. Bestandsangaben nach Der Bibliothekar. 6. Jg. 1914, Leipzig, S. 715f 5 Bestandsangaben nach ADGB Ortsausschuß Bremen: Jahresbericht 1928. Kopie mit Dank erhalten von Dr. Jürgen Babendreier, Bremen 24.5.2007. Gero Lubeseder u.a.: Der Fabrikarbeiterverband Hannover in: Conze, Eckart/Bernd Reifenberg: Displaced Books. NS-Raubgut in der Universitätsbibliothek Marburg. Marburg 2006, S. 95ff. Wenigstens ein weiterer Titel der Bremer Arbeiter-Zentralbibliothek, Filiale Gröpelingen befindet sich im Besitz der Freien Universität Berlin. Hinweis in Sylvia Kubina. Die Bibliothek des Berliner Rätekommunisten Alfred Weiland(1906-1978) Berlin 1995, S. 98 6 Esther Abel u.a.: Arbeiterbibliotheken in: Conze, Eckart/Bernd Reifenberg: Displaced Books. NS-Raubgut in der Universitätsbibliothek Marburg. Marburg 2006, S. 74ff 7 Unveröffentlichtes Vortrags-Manuskript von Dr. Seidl, Bayerische Staatsbibliothek München(Stand 23. April 2004)- Signatur des erwähnten Bandes„Biogr. 3208 n“ 8 Hinweis im Vortrag von Bauer, Bruno/Walter Mentzel: Das Provenienzforschungsprojekt der Universitätsbibliothek der Medizinischen Universität Wien anläßlich der Internationalen Tagung: Bibliotheken in der NSZeit, Wien 25. bis 27.März 2008. Der Gewerkschafter Johannes Sassenbach(1866-1940) verkaufte 1931 seine mehr als 6.000 Bände umfassende Bibliothek dem ADGB-Ortsausschuß Berlin mit der Verpflichtung, sie unentgeltlich zur dauernden Benutzung zur Verfügung zu stellen. Angaben aus Peter, Gisela unter Mitarbeit von Heinz Peter. Gewerkschaftliche Literatur vor 1914: die bibliographische Leistung Johannes Sassenbachs. Berlin: trafo Verlag 2006, S. 129ff 9 Angaben nach Schroeder, Werner: NS-Raubgut in der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek Weimar. Unveröffentlichter Forschungsbericht„Arbeiterbibliotheken in Thüringen“. Oldenburg: Dezember 2006, S. 30 11 und vier Fürstentümern zusammen. Nicht umsonst bezeichnete man diese politischen Kleinstaaten auch als Duodezfürstentümer, benannt nach der Formatbezeichnung für ein sehr kleines Buch. Volksbibliotheken in Thüringen im 19. Jahrhundert Die Großherzogin Maria Pawlowna förderte Volksbibliotheken im Großherzogtum SachsenWeimar-Eisenach und ließ beispielsweise mit Hilfe der ortsansässigen Pfarrer praktische Ratgeber und religiöse Erbauungsliteratur durch die Volksbibliotheken im ganzen Lande verbreiten. Im Zeitraum von 1835 bis 1848 gab die Großherzogin jährlich etwa 1.200 Taler für die„öffentlichen“ Bibliotheken aus. Bei geringen Aufwendungen sollte ein möglichst hoher Wirkungsgrad erreicht werden, indem man viele Leser erreichte. 10 1832 wurden die ersten„Wanderbibliotheken“ für die kleineren Ortschaften in Sachsen-Weimar-Eisenach eingerichtet. Dabei ging es vor allem„um die Verbesserung der Sittlichkeit der Landbevölkerung“. 11 Ähnliche Bestrebungen gab es im Herzogtum Sachsen-Gotha. Dem Landtag erstattete am 8. Juni 1849 namens des Ausschusses der Abgeordnete Henneberg Bericht. Er anerkannte die große Nützlichkeit der Volksbibliotheken„als eines der wirksamsten Mittel zur Hebung der Volksbildung“ und wies darauf hin,„wie bei ernstem Eifer derer, deren Beruf die Volksbildung ist, der Geistlichen und Schullehrer, der Sinn für Selbstbildung mächtig geweckt und die Privatthätigkeit für die Herstellung von Volksbibliotheken und deren zweckmäßige Benutzung belebt werden könne“. Eine finanzielle Beteiligung des Staates wurde jedoch abgelehnt. Die Abgeordneten-Versammlung unterstrich in einer Sitzung am 18. Juni 1849, daß es sich beim konkreten Fall einer Gemeinde, Thal, um einen Beitrag zur Unterhaltung der Volksbibliothek, um einen Gemeindebeschluß, also um eine Gemeindeumlage, handle. Von einer Landesabgabe, die nirgends durch ein Gesetz geboten sei, könne nicht die Rede sein. Trotzdem machte ein herzoglicher Erlaß sich nach dem Scheitern der Revolution die Anschauungen zu eigen, die der revolutionäre Landtag 1848/49 entwickelt hat. 1851 bewilligte die Staatsregierung eine jährliche Subvention für Volksbibliotheken in Höhe von 600 Talern.„Die deutschen Kleinstaaten, die nicht in der Lage waren, machtpolitisch hervorzutreten, suchten vielleicht Bereiche, wie z.B. die Volksbildung, um sich zumindest kulturpolitisch zu profilieren. Die Förderung der Volksbibliotheken im Herzogtum Sachsen-Gotha wurde anscheinend bis in die 70er Jahre des Jahrhunderts fortgeführt.“ 12 Ein letztes Beispiel aus dem Herzogtum Sachsen-Altenburg: In der Stadt Kahla wurde 1869 eine Volksbibliothek gegründet, um„den Gewerbefleiß der ar beitenden Stände zu erhöhen“. Das Herzogliche Ministerium des Innern unterstützte mit einem Zuschuß von 50 Talern den Kauf einer Reihe populärwissenschaftlicher Bücher, und die am Ort bestehende christliche Sonntagsschule rundete den Bestand mit Erbauungsbüchern ab. Ein Bericht über die Kahlaer Volksbibliothek vom Juli 1895 zeigt, daß die Bibliothek in den letzten 10 Klein, Viola: Maria Pawlowna und die Bücher(1828-1848) in: Stiftung Weimarer Klassik und Kunstsammlungen(Hrsg):„Ihre Kaiserliche Hoheit“ Maria Pawlowna. Zarentochter am Weimarer Hof. Weimar 2004, hier S. 245 11 In: Knoche, Michael: Volksbibliotheken und Staat im Vormärz in: Kaegbein, Paul/Vodosek, Peter(Hrsg): Staatliche Initiative und Bibliotheksentwicklung seit der Aufklärung. Wiesbaden: Harrassowitz 1985, S. 20 12 In: Vodosek, Peter: Beispiele staatlicher Förderung von Öffentlichen Bibliotheken in: Kaegbein, Paul/Vodosek, Peter(Hrsg): Staatliche Initiative und Bibliotheksentwicklung seit der Aufklärung. Wiesbaden: Harrassowitz 1985, S. 21-55, hier S, 23-27 und 29-32 „Um die Einheitlichkeit unserer Bibliotheken schon äußerlich kenntlich zu machen, beschliessen wir, ein einheitliches Bücherzeichen in alle einzelnen Bände einzukleben“ 13 10 Jahren von sieben Personen besucht wurde, die ca. 25 Bücher ausliehen. Eine Ergänzung des Bestandes war auch ein Vierteljahrhundert später nicht erfolgt. Erschwerend kam hinzu, daß die Bibliothek in einer„Mansardenstube der Polizeiexpedition“ untergebracht war, wo die Herren Wachtmeister als„Bibliothekare“ fungierten. Und das„erleichterte“ zugleich die Überwachung der Leser. 1927 wurde diese Volksbibliothek, unter Leitung des Pfarrers, von einem kirchlich orientierten Bibliotheksverein unterhalten. Die Bibliothek betreute 60 bis 70 Leser, die 700 bis 800 Bücher entliehen hatten. 13 Zusammenfassend ist zu bemerken, daß diese Volksbibliotheken vor allem eine bürgerlichliberale Angelegenheit waren, die sittliche und berufliche Bildung vermitteln sollten, um da mit einen Gegenentwurf gegen die„politischen Bestrebungen“ der Arbeiterbildungsvereine zu liefern. 14 Arbeiterbildung im 19. und 20. Jahrhundert „Im Vormärz hatte sich das radikaldemokratische Lager ganz auf die Bildungsarbeit in Arbeitervereinen eingestellt und dort auch Vereinsbibliotheken unterhalten, die nicht-öffentlich waren, ja sogar geheim bleiben mußten, um die gesetzten Ziele zu erreichen. Die Bücherbestände in solchen Arbeitervereinen hatten einen klar umrissenen Stellenwert, insofern als sie auf die interne politische Diskussion abgestellt waren, spezielle Bildungsdefizite der Mitglieder ausgleichen sollten oder zum‘literarischen Erbe’ der sich klassenmäßig konstituierenden Arbeiterschaft gehörten. Die Vereinsbibliotheken waren höchst effiziente Selbsthilfeeinrichtungen; Bildung war Mittel der Emanzipation.“ 15 So war es nur zu verständlich, daß eine Forderung der 1848er Revolutionäre der Errichtung unentgeltlicher Volksbibliotheken galt. Welche Brisanz schon früh sozialistische Literatur hatte, zeigt der Fall eines Weimarer Konditors, der 1840„wegen Verteilung von revolutionärer Literatur, die‘aus Paris kommende Ideen enthielt’, ins Gefängnis geworfen wurde“. 16 Nach der gescheiterten Revolution wurde mit dem„Vereinsgesetz des Deutschen Bundes vom 13. Juli 1854“ das Vereinsrecht in ganz Deutschland bedeutend eingeschränkt.„Die einzelnen deutschen Staaten verpflichteten sich, etwa noch bestehende Arbeitervereine und Verbrüderun gen,‘welche politische, socialistische oder communistische Zwecke verfolgen‘, binnen zwei Monaten aufzuheben und die Neubildung solcher Vereinigungen bei Strafe zu verbieten.“ 17 13 Bernhard, Harald: 65 Jahre Gewerkschaftsbibliothek Kahla in: Der Bibliothekar, Leipzig 13. Jg., H. 12/1959, S. 1329-1332 14 Ausführlicher dazu die Beiträge von Michael Knoche und Peter Vodosek in Kaegbein, Paul/Vodosek, ­Peter (Hrsg): Staatliche Initiative und Bibliotheksentwicklung seit der Aufklärung. Wiesbaden: Harrassowitz 1985 15 Knoche, Michael: Volksbibliotheken und Staat im Vormärz in: Kaegbein, Paul/Vodosek, Peter(Hrsg): Staatliche Initiative und Bibliotheksentwicklung seit der Aufklärung. Wiesbaden: Harrassowitz 1985, S. 1-20, hier S. 14 16 Zitiert nach Feyl, Othmar: Arbeiterbildung und Arbeiterbibliotheken. Zum 50. Jahrestag des Mannheimer Beschlusses von 1906 in: Der Bibliothekar, Leipzig 10. Jg.(1956), H. 9, S. 507-511, hier S. 506. Als Quelle werden die„Gerichtsakten des Landeshauptarchivs Weimar von 1840“ angegeben 17 Huber, Ernst Rudolf(Hrsg): Dokumente zur deutschen Verfassungsgeschichte. Bd. 2: Deutsche Verfassungs- 14 Erst die industrielle Revolution in den 1860er Jahren führte zur Einsicht, daß Verbesserungen im Bereich der beruflichen Bildung notwendig waren. Mit einer Erklärung für die zahlreichen „Arbeitervereine zu Anfang der sechziger Jahre,[die] namentlich in Sachsen, aus dem Boden schossen wie die Pilze nach einem warmen Sommerregen“, so die sehr poetische Darstellung August Bebels. 18 Das am 21. Oktober 1878 verabschiedete„Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“, kurz Sozialistengesetz, enthielt ein ganzes Arsenal von Vereins- und Druckschriften-Verboten, die persönliche Aufenthaltsbeschränkung und die Untersagung von Gewerbebetrieben für Wirte, Buchdrucker und Buchhändler. Zu den Vereinsverboten gehörte auch die Beschlagnahme zahlreicher Arbeiterbibliotheken. Die Bilanz nach der Aufhebung des Gesetzes 1890: 322 aufgelöste Organisationen, 1.300 verbotene Druckschriften, 1.500 verhängte Freiheitsstrafen und 900 Ausweisungen aus Gebieten unter dem Belagerungszustand. 19 Auch noch nach 1890 wurde mit dem Instrument des Vereinsgesetzes der Wiederaufbau der Arbeiterbibliotheken behindert. In Zeulenroda mußte sich ein 1892 gegründeter Leseverein selbst auflösen, um einem polizeilichen Verbot zuvorzukommen. Doch fand trotz aller Behinderungen jetzt der Aufbau zahlreicher kleiner und größerer Arbeiterbibliotheken statt. Arbeiterbibliotheken- Geschichte 20 Thüringen galt- nach dem„roten Königreich Sachsen“- als eine weitere Hochburg der Sozialdemokratischen Partei. Im Gegensatz zu Sachsen war allerdings der Anteil der Arbeiter an der Gesamtzahl der Arbeitsbevölkerung sehr viel geringer. Für 1911 sind regionale Zahlen für die„Thüringischen Staaten“ zugänglich. Die fünf größten Branchen(jeweils gelernte und ungelernte Arbeiter und Arbeiterinnen) waren: 1. Baugewerbe: 50.216 Personen(Organisationsgrad: 32,0%) 2. Industrie der Steine und Erden- vor allem Porzellanarbeiter: 39.633 Personen(Organisationsgrad 27,1%) 3. Textilindustrie: 38.727 Personen(Organisationsgrad: 25,0%) 4. Metallverarbeitung und Maschinenindustrie: 38.636 Personen(Organisationsgrad 35,2%) 5. Holzindustrie: 19.341 Personen(Organisationsgrad 40,9%) dokumente 1851-1918. 2. erw. Aufl. Stuttgart: Kohlhammer. 1964, S. 6-7 18 August Bebel: Aus meinem Leben. Teil 1. Berlin: Dietz 1948. S. 55 19 Beutin, Heidi et. al.(Hrsg): 125 Jahre Sozialistengesetz. Frankfurt am Main: Lang 2004 20 Die Zahlen, Daten und Fakten zu diesem Abschnitt sind der Zeitschrift„Der Bibliothekar und Ratgeber für Hausbüchereien“, Leipzig: Leipziger Buchdruckerei AG, 1.-13. Jg.(1909-1921), der Zeitschrift„Der Arbeiterbibliothekar“ o.O., 1.-2. Jg.(1925-1926) sowie zahlreichen„Jahres-Berichten des GewerkschaftsKartells“ bzw.„des Arbeiter-Kartells“ Erfurt 1903-1915 entnommen 15 Den höchsten Organisationsgrad hatte, wie in vielen anderen Bundesstaaten, das Polygraphische Gewerbe 21 : 3.746 Personen(Organisationsgrad 55,3%) 22 . Auch hier begann rasch der Aufbau eines umfangreichen Netzes von Arbeiterbibliotheken. Diese entstanden aus Bibliotheken von Arbeiterbildungs-Vereinen, Lesevereinen, sozialdemokratischen Ortsvereinen und aus Zahlstellen der Einzel-Gewerkschaften. Anhand der Jahresberichte einzelner Arbeiterbibliotheken und weiterer stichprobenhafter Recherchen läßt sich ein grobes Bild dieses Bibliothekswesens in Thüringen und im Preussischen Regierungsbezirk Erfurt erstellen. Bisher nachweisbar sind Jahresberichte von Arbeiterbibliotheken: Im Herzogtum Sachsen-Altenburg für -- Altenburg(1908, 1912, 1913) -- Kahla gegr. 1894(1910, 1911, 1920) -- Meuselwitz(1909,1913) Im Herzogtum Sachsen-Meiningen für -- Saalfeld(1910-1918) -- Geierstal bei Waltersdorf gegr. 1921 Im Herzogtum Sachsen-Coburg und Gotha für -- Gotha(1909-1911, 1914-1917, 1920) Im Fürstentum Schwarzburg-Rudolstadt für -- Rudolstadt gegr. 1899(1910-1912) Im Fürstentum Reuss(ältere Linie- jüngere Linie) für -- Gera(1908-1913, 1920) -- Zeulenroda gegr. 1892(1911, 1913, 1915) In der Preussischen Provinz Sachsen/Regierungsbezirk Erfurt für -- Erfurt(1903, 1905-1915) -- Nordhausen(1908, 1912, 1913) 23 Es fehlen bisher Berichte über Arbeiterbibliotheken: -- im Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach, 21 Zoller, Helga: Der Verband der Lithographen, Steindrucker und verwandten Berufe in:„Gott grüß’ die Kunst!“ Illustrationen und Festschriften der gewerkschaftlich organisierten Drucker, Setzer und Hilfsarbeiterinnen. Eine Ausstellung der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung, des ver.di-Fachbereichs Medien, Kunst und Industrie, Berlin-Brandenburg und des Karl-Richter-Vereins e.V., Bonn 2006, S. 51-73 22 Alle Zahlen nach Klaus Schönhoven: Die regionale Ausbreitung der deutschen Gewerkschaften im Kaiserreich 1890-1918 in: Ritter, Gerhard A.(Hrsg): Der Aufstieg der deutschen Arbeiterbewegung. Sozialdemokratie und Freie Gewerkschaften im Parteiensystem und Sozialmilieu des Kaiserreichs. München: 1990, hier S.364f, 376-378 23 Walter, Franz/Dürr, Tobias/Schmidtke, Klaus: Die SPD in Sachsen und Thüringen zwischen Hochburg und Diaspora. Untersuchungen auf lokaler Ebene vom Kaiserreich bis zur Gegenwart. Bonn 1993(Hier wichtig die beiden regionalen Studien zu Nordhausen, Salza sowie zu Schmölln) 16 -- im Fürstentum Schwarzburg-Sondershausen und -- in der Preussischen Provinz Hessen-Nassau/Regierungsbezirk Kassel Sowohl zu den oben genannten Bibliotheken als auch zu weiteren Bibliotheken, z.B. aus -- Altenburg -- Eisenach -- Erfurt -- Gera -- Gotha -- Greiz -- Jena finden sich ergänzende Angaben in den Jahresberichten der Gewerkschaftskartelle, den Be richten der Arbeitersekretariate oder den Jahresberichten sozialdemokratischer Organisationen, meist unter dem Stichwort„Bildungsausschüsse“ oder„Bibliothek.“ Weiterhin ist eine Auswertung der Jahresberichte bzw. Geschäftsberichte der Verwaltungsstellen der Einzelgewerkschaften möglich. Beispielsweise finden sich Hinweise zur Bildungsarbeit von Altenburg bis Saal feld in den Jahres-/Geschäftsberichten der Verwaltungsstellen des Deutschen MetallarbeiterVerbandes. Darüber hinaus ist ein„Protokoll der Konferenz vom 14. Mai zum Zwecke der Zentralisation des Thüringer Arbeiterbildungswesens- Gera o.J.[ca. 1910?] nachweisbar. 24 Hinweise für weitere Recherchen liefern die Stadt-Adreßbücher. Beispielsweise werden in den Rudolstädter Adreßbüchern von 1912, 1921, 1925 und 1930 nicht nur die Vorsitzenden und Kassierer des Gewerkschaftskartells aufgeführt, sondern auch die Vorsitzenden und Kassierer der 16 bis 22 Zahlstellen, die im Kartell organisiert waren. Dazu Angaben zu den„konkurrierenden“ Gewerkschaften, wie dem Gewerkschaftsbund der Angestellten, dem Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verband oder dem Gutenberg-Bund(Christliche Gewerkschaft deutscher Buchdrucker). Aus den bisher zugänglichen und ausgewerteten Jahresberichten lassen sich zusammenfassend die Arbeiterbibliotheken in Thüringen charakterisieren, wobei zu beachten ist, daß die Beispiele überwiegend aus größeren Orten bzw. Städten stammen und nicht repräsentativ sind für die zahlreichen kleinen Arbeiterbibliotheken mit wenigen Lesern und Bibliotheks-Beständen, meist unter 100 Titeln. Gründung Anfang bis Ende der 1890er Jahre wurden häufig im Rahmen eines Lese- oder Arbeiterbil dungsvereins Bibliotheken gegründet. Ebenso gründeten die Mitglieder einer starken Orts-Gewerkschaft oder eines Ortsvereins der Partei eigene Bibliotheken. Das Beispiel Zeulenroda habe ich bereits erwähnt, hier gründeten 1892„einige Genossen einen Leseverein, der aber hauptsächlich als Deckmantel für politische Vereinigung diente“. Die politischen Bestrebungen des Lesevereins wurden rasch der Polizei bekannt. Um der Auflösung zuvorzukommen, lösten die Genossen den Verein auf,„verschmausten die vorhandenen Gel24 SAPMO-Bibliothek, Berlin 17 der“ und verkauften die Bibliothek pro forma einem Genossen, der sie dem jeweiligen Vertrauensmann der sozialdemokratischen Ortsbewegung übergab. Diese Bibliothek wurde 1902 die erste Bibliothek der sozialdemokratischen Ortsgruppe. In Rudolstadt waren der 1899 gegründete Arbeiterbildungsverein und das ebenfalls 1899 gegründete Gewerkschaftskartell personell eng verbunden. So ist es verständlich, daß der Verband der Porzellanarbeiter die einige Jahre vorher aufgebaute Bibliothek der neuen Organisation übergab. In Kahla gründete 1894 der Porzellanarbeiterverband eine Gewerkschaftsbibliothek, die 1898 vom Gewerkschaftskartell als Grundstock der Arbeiterbibliothek übernommen wurde. Eine systematische Bildungs- und Schulungsarbeit im Rahmen der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands begann erst auf dem Mannheimer Parteitag von 1906 mit der Schaffung eines zentralen Bildungsausschusses beim Parteivorstand. Treibende Kräfte waren Clara Zetkin und Heinrich Schulz. Im Wortlaut heißt es:„Ihr selbst aber erwächst die Aufgabe, in steigendem Maße für die allseitige Weiterbildung ihrer Mitglieder zu sorgen, und zwar in erster Linie für deren theoretische Schulung[...] Als Mittel kommen in Betracht: die Gründung bzw. der Ausbau von Arbeiterbildungschulen, die Veranstaltung von systematisch gegliederten Vortragskursen, die Veranstaltung von Lese- und Diskussionsabenden bzw die Ausgestaltung der Zahlabende zu solchen, die Verbreitung der Literatur des wissenschaftlichen Sozialismus[...] Ein Bildungsausschuß von 25 Mitgliedern, bestehend aus Theoretikern und Praktikern, dient als Zentralstelle für alle Bildungsbestrebungen. Er stellt organisch aufgebaute Programme für Vorträge und Vortragsabende und die dazugehörigen Literaturnachweise zusammen[...] 25 In den Protokollen der folgenden Parteitage finden sich jeweils Berichte des zentralen Bildungsausschusses. Anläßlich des Dresdner Gewerkschaftskongresses 1911 war die Bibliotheks- und Bildungsarbeit erstmalig ein Verhandlungsgegenstand. Seitdem war dieses Arbeitsfeld ein regelmäßiges Thema der Gewerkschaftskongresse. Zentralbibliotheken Ab 1903- teilweise schon früher- begannen Arbeiterbibliothekare oder Bildungsausschüsse die zahlreichen kleinen Bibliotheken der Einzel-Gewerkschaften zu einer örtlichen Zentralbibliothek zusammenzufassen. Ebenso gab es Bestrebungen, die Zentralbibliothek des Gewerkschaftskartells mit der jeweiligen sozialdemokratischen Ortsvereins-Bibliothek zu vereinen. Ein Argument war das verbesserte Leseangebot und die„professionellere“ Betreuung der Leser. Ein weiteres Argument war, daß„der Kleinbetrieb im Bibliothekswesen[...] genau so unrationell wie im modernen großkapitalistischen Wirtschaftsleben“ ist. 26 Im Jahr 1909 hieß es im„Correspondenzblatt der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands“:„Daß die Zentralisationsbestrebungen im Kerne berechtigt sind, dürfte heute kaum noch ernsthaft bestritten werden.[...] da die Bibliotheken- besonders kleinerer Gewerkschaften- oft versagen. Es bedarf ja auch keiner besonderen Begründung, daß mit den Mitteln der allgemeinen Arbeiterbewegung eines Ortes mehr geleistet werden kann, als mit den vielfach unzulänglichen Kassen einzelner Gewerkschaften und Parteivereine.[...] Oft beruhen auch die Widerstände auf einem ganz und gar unangebrachten Eigentumsfanatismus, der besonders die Inhaber größerer Büchereien zu Gegnern der Zentralisation macht, weil sie ihren reichen Bücherbestand 25 Protokoll über die Verhandlungen des Parteitages der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, abgehalten zu Mannheim vom 23. bis 29. September 1906. Berlin 1906 26 Ernst Mehlich: Kleiner Leitfaden für Arbeiterbibliotheken. Nebst einem Anhang: Einiges über Privatbibliotheken. Leipzig: Verlag Leipziger Buchdruckerei AG 1910, S. 8 18 mit Minderbemittelten teilen sollen.“ 27 All diese Probleme fanden sich auch in den Thüringer Arbeiterbibliotheken wieder. „Mustergültige“ Bibliothek in Plagwitz-Lindenau In Erfurt existierte 1903 eine„vom Kartell unterhaltene Zentralbibliothek mit Lesehalle“ mit 1.800 Bänden. In Zeulenroda konnten im November 1905, nach langen Debatten, die sich beinahe ein Dreivierteljahr hinzogen, die gewerkschaftlichen Zahlstellenbibliotheken- mit Ausnahme der Metallarbeiter- mit der Bibliothek des Sozialdemokratischen Vereins zu einer Zentralbibliothek mit 230 Bänden zusammengefügt werden. In Gera wurde am 14. Mai 1908 eine Zentralbibliothek mit den Bücherbeständen des Sozialdemokratischen Vereins und der Gewerkschaften mit 2.309 Büchern eröffnet. Bereits ein Jahr früher, im November 1907, wurden in Gotha die Bibliotheken der Gewerkschaften mit der Bibliothek des Sozialdemokratischen Vereins zusammengelegt; zusammen ca. 1.100 Bände. Zwar bestand 1910 in Saalfeld eine Ar beiterbibliothek, zusammengefaßt aus Beständen des Sozialdemokratischen Vereins und einzelner Gewerkschaften, doch weigerte sich weiterhin ein Teil der Einzelgewerkschaften, ihre Bibliotheken in die geplante Zentralbibliothek einzubringen. Beispielhaft sind die Richtlinien der Bildungsausschüsse des Wahlkreises Altenburg- beschlossen am 20. April 1913 in Ronneburg- zur Förderung des Arbeiterbibliothekswesens: „1. In Städten, in denen ein Parteiverein und ein Ortsgewerkschaftskartell vorhanden sind, ist eine Zentralbibliothek zu schaffen, deren Unterhaltung beide Teile zu tragen haben. 2. Für das Land sind in den grösseren ländlichen Parteiorten Bezirksbibliotheken einzurichten, für die zunächst mit Hilfe des Landesvorstandes ein kleiner Stamm von Büchern geschaffen wird. 27 Literaturbeilage Nr. 11 v. 27. November 1909 19 3. Die Zentralbibliotheken unterstützen die Bezirksbibliotheken, indem diese nach Kräften eine Anzahl Bücher zu einer Wanderbibliothek zusammenstellen und den umliegenden Bezirksbibliotheken für eine bestimmte Zeit überlassen. 4. Über Orte, in denen Bezirksbibliotheken errichtet werden, entscheidet der Kreisbildungsausschuss unter Zustimmung des Landesvorstandes. 5. Sämtliche Arbeiterbibliotheken sind nach einem bestimmten System zu organisieren. Eine genaue und gewissenhafte Statistik ist zu führen.“ 28 Bibliotheksräume Die jeweiligen Ortsbibliotheken befanden sich häufig im Versammlungslokal der Gewerkschaft oder der Ortsgruppe, meist im Nebenraum einer Gaststätte. Doch auch die Wohnung eines Genossen(Zeulenroda), der zugleich die Funktion des Bibliothekars übernommen hatte, diente als Bibliotheksraum. Später wurden die Bibliotheken im Gewerkschafts- bzw. Volkshaus oder in einer sozialdemokratischen Buchhandlung aufgestellt. Dazu wurden Wanderbibliotheken aufgebaut(z.B. Gera), um auch Leser in kleineren Orten zu erreichen. Verschließbare Bücherschränke erschwerten die Ausleihe Untergebracht waren die Bücher meist in verschließbaren Bücherschränken, teilweise von der Zahlstelle der Tischler gestiftet. Die Bücher waren aus Platzmangel häufig zweireihig gestellt, was jedoch die Entleihe zusätzlich erschwerte. 28 Zitiert nach Der Bibliothekar, 5. Jg.(1913), S. 607(Bibliotheksbericht Altenburg) 20 Bibliothekare Die Verwaltung, Organisation und Anschaffungsentscheidungen der Arbeiterbibliothek wurden häufig kollektiv durch eine Bibliothekskommission oder den örtlichen Bildungsausschuss erledigt, doch auch ein ehrenamtlicher Bibliothekar konnte diese Aufgaben übernehmen. Die Ausleihe, zwischen ein bis drei Abende je Woche, betreuten ein oder mehrere ehrenamtliche Bibliothekare. Die Entschädigung dieser Arbeit wurde unterschiedlich gehandhabt: von ein bis zwei Bier je Ausleih-Abend bis zur Zahlung von Aufwandsentschädigungen. In Gotha im Jahre 1916 für drei Bibliothekare jeweils 26 Mk, in Saalfeld für zwei Bibliothekare jeweils 82 Mk (1910). Wie einzelne Bibliothekare ihre Aufgaben versahen, zeigt ein Bericht aus Zeulenroda:„Der frühere Bibliothekar war mehr in der Gaststube zu finden als wie im Bibliotheks zimmer.- Dort wurde Schafkopf oder Billard gespielt und wenn nun Leser kamen, mussten dieselben warten bis das Spiel eben aus war.“ Für Rudolstadt konnten beispielhaft anhand der Adreßbücher die Berufe der Arbeiterbibliothekare ermittelt werden. Bis 1910 leitete Hermann Martin, ein Schriftsetzer, die Bibliothek. Sein Nachfolger für ein Jahr war Alex. Mäder, der in den Adreßbüchern nicht nachweisbar ist. Seit Anfang Mai 1911 leiteten W. ­Sonnekalb, ein Buchbinder und zugleich Vorsitzender der Zahlstelle der Buchbinder(1912) und Otto Schreyer, ein Porzellanmaler, die Bibliothek. 29 Frauen sind als Bibliothekarinnen bisher nicht nachweisbar, obwohl ihnen besonders eine„Eignung für die Betreuung einer Kinderbücherei“ zugeschrieben wurde. 30 Finanzierung Die meisten Bibliotheken wurden durch eine pauschale Jahresumlage finanziert: je Partei- oder Gewerkschaftsmitglied 20 Pfg. Teilweise gab es zusätzlich direkte Zuschüsse zum Buchankauf oder zu den Betriebskosten vom Gewerkschaftskartell, den Einzelgewerkschaften oder dem sozialdemokratischen Verein. In Altenburg wurden 1912 für die Bibliothek 1.000 Mk aufgewendet, davon 390 Mk. für Neuanschaffungen. In Gotha zahlten die Gewerkschaften 390 Mk, der sozialdemokratische Verein 40 Mk. Für Neuanschaffungen wurden 248,55 Mk. ausgegeben. 1910 richtete die Arbeiterbibliothek Rudolstadt„ein Gesuch an die Regierung um Gewährung einer Unterstützung aus einem für diese Zwecke bestehenden Fonds“, das„abschlägig beschieden wurde“. Zwei Jahre später, 1912, erhielt die Bibliothek von verschiedenen Gewerkschaften und Vereinen einen Extrabeitrag von 355 Mk, um Bestandslücken zu füllen. In Saalfeld zahlte 1910 der Sozialdemokratische Verein für drei Quartale 188 Mk, das Gewerkschaftskartell für vier Quartale 250 Mk. Dazu konnte die Bibliothek den„Überschuss der Unterhaltungsabende des Bildungsausschusses“ von 18,07 Mk vereinnahmen. Von diesen Beträgen wurden für 120,78 Mk Bücher gekauft und für 79 Mk Bücher gebunden. 29 Telefonische Auskunft von Herrn Schütterle, Leiter der Historischen Bibliothek Rudolstadt vom 29.9.2006 und Adreß- und Geschäfts-Handbuch der fürstlichen Haupt- und Residenzstadt Rudolstadt, nebst den Ortschaften Cumbach und Volkstedt, herausgeben von Theodor Eichhorn. Rudolstadt: Hofbuchdruckerei 1912 30 Ernst Mehlich: Kleiner Leitfaden für Arbeiterbibliotheken. Nebst einem Anhang: Einiges über Privatbibliotheken. Leipzig: Verlag Leipziger Buchdruckerei AG 1910, S. 15 Einladung zur seit Jahren geforderten Bibliothekarkonferenz im„Hausorgan“ der Arbeiterbibliothekare von 1921 22 Bestandsaufbau Die Leipziger Arbeiterbibliotheken hatten Vorbildcharakter, so wurde deren„Leipziger Gliederung“ des Bestands in 14 Abteilungen als vorbildlich empfohlen. 31 Allerdings verwendeten nur die Arbeiterbibliotheken Gera und Kahla diese Gliederung. „Die Leipziger Gliederung: A. Zeitschriften B. Schöne Literatur C. Geschichtswerke D. Sozialpolitik... Parteiwesen E. Religion oder Philosophie F. Naturwissenschaften, Reise­beschreibungen G. Gesetzbücher H. Gewerbe- und Handelskunde J. Schrift- und Sprachkunde K. Biographien L. Gesundheitslehre M. Humor, Witz, Satire N. Jugendliteratur O. Erziehungs- und Bildungswesen.“ Der Leitfaden für Arbeiterbüchereien von 1927 war ein wichtiges Bücherverzeichnis für die Genossen Bibliothekare Auch die Struktur des„Musterkatalogs für Arbeiterbibliotheken“ wurde selten verwendet. Meistens entwickelten die Bibliothekare eine eigene Gliederung, mit einer Aufteilung in 9 bis 11 Abteilungen, häufig angelehnt an die„Leipziger Gliederung“ oder die„Musterkatalog“Vorschläge. Eigene Gliederungen verwendeten Erfurt, Gotha und Saalfeld. Diese strukturellen Unterschiede machen die Herausarbeitung von Angebotsschwerpunkten der einzelnen Bibliotheken und einen Angebotsvergleich der Bibliotheken schwierig. Wichtig für den Bestandsaufbau waren die Vorschläge der„Musterkataloge für Arbeiterbibliotheken“, die von der Sozialdemokratischen Partei, der Generalkommission oder den Bildungsausschüssen veröffentlicht wurden. Die immer wieder genannten Kataloge waren: 1. Muster-Kataloge für Arbeiter-Bibliotheken, hrsg. vom Bildungsausschuss der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Serie 1. Berlin: Singer 1908- 38 S. 2. Verzeichnis empfehlenswerter Jugendschriften: Weihnachten 1911. Fünfter Jahrgang. Hrsg. vom Bildungsausschuß der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands[Berlin 1911]- 67 S. 3. Katalog für Jugendbibliotheken. Hrsg. Zentralstelle für die arbeitende Jugend Deutschlands, Berlin(um 1910) 31 Mehlich, Kleiner Leitfaden, S. 23-26 23 4. Leitfaden für Arbeiterbüchereien[Hrsg.]: Reichsausschuß für sozialistische Bildungsarbeit- Berlin[1927]- 55 S. Im Anhang S. 46-54„Grundstock einer Arbeiterbücherei“ - Eine weitere Ausgabe ca. 1929 5. Verzeichnis der in deutscher Sprache vorhandenen gewerkschaftlichen Literatur von Johannes Sassenbach. 3. Ausgabe April 1908 Nachtrag zur 3. Ausgabe Juni 1909 Beide im Verlag der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands, Berlin 6. Verzeichnis gewerkschaftlicher Literatur. Hrsg. Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands,„ein speziell für Bibliotheken bearbeiteter Bücherkatalog“, Dortmund: A. Gerisch 1910 32 Beispiel einer Lesekarte, die zugleich ­Bibliotheksausweis war Weiterhin wurde die Auswertung des Katalogs der Buchhandlung„Vorwärts“ für die Ergänzung vorhandener Bibliotheksbestände empfohlen. 33 Der Arbeiterbibliothekar Gustav Hennig veröffentlichte auf Lesezeichen eine„Empfehlung für eine gute Privatbibliothek“. Als Sammlung A bis E bezeichnet, empfahl er, aufeinander aufbauend, eine Bibliothek von 5 bis 100 Mk, zusammen 34 Bände. 34 In seiner Zeitschrift„Der Arbeiterbibliothekar“(H. 1/1925) stellte Hennig eine Literaturliste von Romanen, eine„Auswahl des Allerbesten“ vor, die für„kleine und mittlere Arbeiterbüchereien“ völlig ausreichend sei. 35 32 Mehlich, Kleiner Leitfaden S. 20 33 Mehlich, Kleiner Leitfaden, S. 20 34 Abbildung bei Mehlich, Kleiner Leitfaden S. 38 35 G. Hennig: Mannigfaltigkeit oder Zielstrebigkeit. Eine wichtige Frage für Arbeiterbibliotheken in: Arbeiter- 24 Die konkrete Anschaffungspolitik einer Arbeiterbibliothek läßt sich schlaglichtartig anhand des Jahresberichts der Bibliothek Saalfeld zeigen.„Durch den andauernd starken Andrang der Leser waren wir mehrere Male gezwungen, auf die Vermehrung der Bücher zu sehen. So erhielten wir am 15. August und 5. November 1910 je eine Serie Bücher aus dem Franckhschen Verlag (Kosmos), Stuttgart; am 28. August 1910 sandte uns der Verlag Vorwärts ein Sortiment Bücher im Werte von 30 Mk, wovon wir, da sie für uns zu teuer, nur 5 Stück für 14,70 Mk behielten, das übrige aber zurücksandten. Am 18. November 1910 bezogen wir von L. Tietz[dem Warenhaus], Köln und am 17. Januar 1911 von der Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung je eine Anzahl Bücher.“ Eine weitere Möglichkeit zum Bestandsaufbau war eine Anzeige in der Fachzeitschrift„Der Bibliothekar“, in der um kostenlose Dubletten für den Aufbau einer eigenen Bücherei gebeten wurde- so der Ortsverein Geierstal bei Waltersdorf 1921 36 . Werbemittel- Bibliothekskataloge Zur Leseförderung, wie wir heute sagen würden, bzw. zur Propagierung der Bibliothek bedurfte es der Werbung vor Ort. Besonders wichtig war dabei die Verteilung von Flugblättern in gewerkschaftlichen und sozialdemokratischen Organisationen. Hier wurde versucht, die„Genossen und Genossinnen“ mit dem Hinweis„Wissen ist Macht“ zum Besuch der„Bibliothek des Ortsvereins“ zu animieren. Weiter wurde mit dem„reichen Schatz“ der Bibliothek geworben„der auch mit deinem Gelde, werter Genosse und liebe Genossin, angeschafft worden ist.“ Auch hier wieder das Bedauern über die geringe Nutzung der Bibliothek. In Nordhausen wurde 1913„Zur Agitation für unsere Zentralbibliothek in einer öffentlichen Volksversammlung ein Flugblatt verbreitet.“ Die Fristzettel wurden als„pädagogische“ Lesezeichen gestaltet, mit Empfehlungen zum Aufbau einer Privatbibliothek. Ein weiteres Lesezeichen gab„Zehn[Lese]Gebote für Kinder“ mit der Empfehlung auf der Rückseite„Wie soll man Lesen. Sieben Ratschläge an den Leser.“ Häufig war in das Buch die„Bibliotheksordnung“ eingeklebt. Vorgeschlagen wurde von dem Arbeiterbibliothekar Gustav Hennig auch, ein Exlibris zur Kennzeichnung der Bücher zu verwenden. Lesezeichen mit den pädagogischen Zehn Geboten für Kinder bibliothekar H. 1/1925 36 Der Bibliothekar 12. Jg.(1921), ungezählte S. 1348 25 Das wichtigste Werbemittel war jedoch der gedruckte Bibliothekskatalog, der an die Leser- in einzelnen Bibliotheken mußte jedes Mitglied den Katalog kaufen- abgegeben wurde. Kaufpreis zwischen 10 bis 20 Pfg. Zur Neukatalogisierung oder auch zur Revision wurde die Bibliothek teilweise monatelang geschlossen. Dementsprechend sank dann die Zahl der registrierten Leser. Vertrieben wurde der Katalog in der Bibliothek oder über die angeschlossenen Gewerkschaften, wodurch in Gotha 1909„eine erfreuliche Zunahme der[Leser]frequenz verzeichnet werden konnte“. Die Auflage wurde meist nach der Zahl der Leser bestimmt. Die Zeitschrift„Der Bibliothekar“ bot in dieser Anzeige die Zusammenstellung und den Druck von Bibliothekskatalogen an Obwohl bei vielen Lesern der Bibliothekskatalog damals im häuslichen Regal stand, gehören diese Verzeichnisse heute zu den größten Raritäten. Bisher ist es mir nur gelungen, einen gedruckten Katalog der Zentralbibliothek Gotha(1921) und ein handgeschriebenes Katalogheft aus Ilmenau nachzuweisen 37 . Recherchen nach den nachweislich gedruckten Verzeichnissen der Arbeiterbibliotheken von Rudolstadt und Kahla in den örtlichen Stadtarchiven bzw. Stadtbibliotheken blieben erfolglos. Leser Zuerst einmal handelte es sich bei den Arbeiterbibliotheken um„geschlossene Bibliotheken“, nur Mitglieder einer Gewerkschaft oder eines Ortsvereins konnten eine Leserkarte- häufig erst nach Vorlage ihres Mitgliedsbuchs- erwerben. Für die Thüringer Bibliotheken werden in den Werbeplakat mit Aufruf zur Nutzung der Bibliothek Eingeklebte Bibliotheksordnung 37 Beide im Bestand des Hauptstaatsarchivs Weimar- vgl. den Abschnitt„Überweisungen sozialdemokratischer Ortsgruppen“ 26 Jahresberichten leider nur Angaben zur Zahl der Leser gemacht, nicht jedoch zum Verhältnis der Leser zur Gesamtzahl der organisierten Gewerkschaftsmitglieder. Eine Ausnahme ist Gotha. Hier waren 1909 von 3.504 organisierten Arbeitern 401 registrierte Leser der Bibliothek, also etwas über 11%; eher eine positive Ausnahme. Bezogen auf die Anzahl der organisierten Arbeiter nutzten nur wenige Leser die Bibliotheken. Schätzungen nennen zwischen 5 bis 10% aller Organisierten als regelmäßige Leser. So werden Aufrufe verständlich wie(1910):„Erfurter organisierte Arbeiter, fördert und unterstützt weiter eure geistige Rüstkammer, ihr leistet damit auch ein gut Stück Kulturarbeit!“ oder in Gera(1909):„Wir erwarten, dass uns das neue Jahr wiederum eine grosse Zahl von Lesern bringt und dadurch die Arbeiter immer mehr an ihre eigenen Einrichtungen zu ihrem Besten gefesselt werden.“ Und zum Schluß ein Beispiel aus Nordhausen(1913):„[...] dass die Leserzahl der Zentralbibliothek sich immer mehr steigere; denn es liegt im Interesse der gesamten Arbeiterschaft, wenn sie die Stätte aufsucht, die sie gewissermassen zur höheren geistigen Bildung bringt und so mit zur Befreiung der Arbeiterklasse von der kapitalistischen Gesellschaft beiträgt.“ Mit pädagogischen Hinweisen suchten die Arbeiterbibliothekare ihren Bestand zu schützen. Die Angaben zur Verbandszugehörigkeit der Leser, etwa bei der Arbeiterbibliothek Rudolstadt, erlauben teilweise sehr detaillierte Auswertungen zu den Leserschwerpunkten nach den einzelnen Berufsgruppen. Mit Ausnahme der Jahresberichte der Arbeiterbibliothekare besitzen wir nur wenige Hinweise, welche Bedeutung die Arbeiterbibliotheken für den einzelnen Arbeiter hatten. In einer biographischen Quelle, der„Lebensgeschichte des Fabrikarbeiters M.W.T. Bromme“ von 1905, finden sich zahlreiche Hinweise auf das Leseverhalten der Metallarbeiter in Gera 38 . 38 Bromme, Moritz William Theodor[1873-1926]: Lebensgeschichte eines modernen Fabrikarbeiters. Hrsg und Moritz William Bromme beschrieb in seiner„Lebensgeschichte eines modernen Fabrikarbeiters“ von 1905 auch seine Leseerfahrungen Beispielhafter Bibliotheksbericht der Arbeiterbibliothek Saalfeld mit Informationen zum Bestand, den Lesern und den meistgelesenen Autoren 29 Doch ist Bromme in mehrerlei Hinsicht eine Ausnahme. Er arbeitete zeitweilig in einer Geraer Maschinenfabrik, war aber zugleich Korrespondent verschiedener sozialdemokratischer Zeitungen. In seiner Autobiographie gibt es überraschenderweise keinen Hinweis auf die Nutzung der Geraer Arbeiterbibliothek. War das für ihn eine Selbstverständlichkeit? Augenscheinlich nicht, denn an anderer Stelle beschreibt er voller Hochachtung die private Buchsammlung eines Genossen. Auch von eigenen Buchkäufen, sehr zum Unwillen seiner Frau, schreibt er immer wieder. Wer einmal als Leser gewonnen war, der nutzte auch das„Recht“, Bücher aus der örtlichen Arbeiterbibliothek zu entleihen. Allerdings sehr uneinheitlich: Jeder Leser entlieh pro Jahr zwischen 2 Büchern(Gera) über 12 Bücher(Saalfeld) bis zu 16 Büchern(Gotha) oder sogar 18 Büchern in Erfurt, wobei hier die Entleihe bei der besonders beliebten Abteilung Unterhaltungsliteratur auf ein Buch beschränkt wurde„um möglichst den Wünschen aller Leser entsprechen zu können“. Hier zeigt sich das Dilemma der Arbeiterbibliothekare, sie waren angetreten zur „Förderung des proletarischen Befreiungskampfes“ und wollten verhindern, das ihre Leser Bücher zum„persönlichen Ergötzen“ 39 lasen. Das Ergebnis sah anders aus. Die Unterhaltungsliteratur machte bei der Ausleihe zwischen 50% bis 74%(Gotha) aller Entleihvorgänge aus,„die eigentliche Literatur der modernen Arbeiterbewegung nur 6,65%“(Erfurt). Teilweise waren die Entleihzahlen noch schlechter: In Gotha wurden von den vorhandenen 106 Büchern„Parteiliteratur“ nur 15 Bücher entliehen, das waren 0,2% aller Entleihungen. Es gab Bibliotheken (Saalfeld), in denen die vorhandenen 25 Bände Genossenschaftsliteratur kein einziges Mal im Berichtsjahr entliehen wurden. Konsequent wurde im Folgejahr dieser Bestand verdoppelt, allerdings weiterhin ohne Ausleiherfolg. Buchbestände/Entleihungen Die immer wieder geforderte intensive Leserstatistik ermöglicht heute bei den meisten Thüringer Arbeiterbibliotheken eine Auswertung und Untersuchung sowohl der Buchbestände- aufgegliedert nach Sachgebieten, als auch der Entleihungen, gegliedert nach Sachgebieten bzw. nach Gewerkschaftszugehörigkeit. Dazu wurden häufig die Bestandszahl als auch die Entlei hungen wichtiger Einzeltitel aufgeführt. Allerdings geben diese Berichte nur einen Ausschnitt der Bibliothekssituation zwischen 1908 bis 1920 wieder. Auf jeden Fall gäbe eine sorgfältige Auswertung dieses„Daten-Rohmaterials“ wichtige Hinweise zu lesersoziologischen Fragestellungen. Beschränkt auf die Zeit des Kaiserreichs bis 1914 wurde bereits grundlegendes Quellenmaterial von Dieter Langewiesche und Klaus Schönhoven, auch zu Thüringer Bibliotheken, ausgewertet. 40 Der Erste Weltkrieg war auch für die Arbeiterbibliotheken eine Zäsur: Ein Großteil der Leser mußte Soldat werden. So war es nur konsequent, daß die Arbeiterbibliotheken in den ersten eingeleitet von Paul Göhre. Nachdruck der Erstausgabe Jena 1905. Frankfurt/Main: Athenäum 1971, hier S. 243-292 über die Arbeit Brommes„In der Geraer Werkzeug- und Maschinenfabrik Wesselmann Bohrer& Co.“ 39 „Zehn Gebote für den Leser“ zitiert nach Mehlich, Kleiner Leitfaden, S. 32 40 Langewiesche, Dieter/Schönhoven, Klaus: Arbeiterbibliotheken und Arbeiterlektüre im Wilhelminischen Deutschland in: Archiv für Sozialgeschichte XVI. Bd., Bonn: Neue Gesellschaft 1976, S. 135-204 30 Jahresbericht der Zentralbibliothek Gera mit der Abteilungsgliederung der Bibliothek Monaten nach Kriegsbeginn den Ausleihbetrieb einstellten. Eine Ausnahme machte der Ort Zeulenroda. Noch 24 Jahre nach der Aufhebung des Sozialistengesetzes mißtrauten die Arbeiterbibliothekare dem Staat.„Nach der ausgesprochenen Mobilmachung wurde von den maßgebenden Genossen beschlossen, die Bibliothek sofort zu schließen und aufzulösen. Begründet wurde diese eigenartige Maßnahme auf Einspruch der Bibliotheksverwaltung damit, daß jedenfalls eine Auflösung unse rer Partei- und Gewerkschaftsorganisationen erfolgen würde. Damit Hand in Hand würde eine Beschlagnahme der Einrichtungen und des Vermögens eintreten.[...] So wurden die Schränke geleert und die Bücher in Kisten verpackt und wie weiland unter dem Sozialistengesetz vertrauenswürdigen Genossen zur Aufbewahrung anvertraut. Erst im November 1914 wurde die Bibliothek wieder wöchentlich einmal geöffnet.“ 41 Nach der Novemberrevolution ein Neuanfang Nach der Novemberrevolution 1918 begann eine Neukonzeption der sozialistischen Bildungsarbeit. Heinrich Schulz 42 , Sekretär und späterer Vorsitzender des Zentralbildungsausschusses (ab 1924 Reichsausschuß) für sozialistische Bildungarbeit beim Parteivorstand, stellte das neue Konzept auf dem Weimarer Parteitag 1919 vor:„Die Bildungsausschüsse können in Zukunft einen großen Teil ihrer Arbeiten der öffentlichen, besonders der gemeindlichen Bildungsarbeit überlassen.[...] Auch mit bürgerlichen Bildungsorganisationen läßt sich auf weiten Gebieten der Bildungsarbeit[...] zusammenarbeiten.“ Leiter des Bezirksbildungsausschusses für Groß-Thüringen war 1919 Max Blaicher in Weimar. 43 Einer seiner Vorgänger vom 31. Oktober 1911 bis 1914 war Eugen Prager, der Chefredakteur der Erfurter Tageszeitung„Tribüne“: Insbesondere sah es Prager als eine seiner wichtigsten Aufgaben im Bildungsausschuß,„die Bedeutung des Aufbaus von Bibliotheken und das Quellenstudium“ zu vermitteln. 44 Im Mitteilungsblatt des Zentralbildungsausschusses der So41 Bibliotheksberichte Zeulenroda in: Der Bibliothekar, Leipzig 8. Jg.(1916), S. 948 42 Zur Person ausführlich, allerdings mit einem Schwerpunkt auf seiner Schulpolitik, Braune, Peter: Die gescheiterte Einheitsschule. Heinrich Schulz- Parteisoldat zwischen Rosa Luxemburg und Friedrich Ebert. Berlin: Karl Dietz 2004 43 Mitteilungsblatt des Zentralbildungsausschusses der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Berlin 2. Jg. (1919), Nr. 1, 1. Februar S. 6 44 Fischer, Ilse/Zimmermann, Rüdiger:„Unsere Sehnsucht in Worte kleiden“. Eugen Prager(1876-1942). Der 31 zialdemokratischen Partei Deutschlands wird die Entschließung des Parteitags zum Bildungswesen referiert:„Mehr als früher muß die Einführung in den Sozialismus als Weltanschauung und in die sozialistische Politik das Kernstück der Bildungsarbeit bilden. Allgemein bildende Veranstaltungen sind dagegen in erster Linie als öffentliche Pflichten von Reich, Staat und Ge meinden zu verlangen.“ 45 Gemeint war damit insbesondere eine Zusammenarbeit auf dem Gebiet der neugegründeten Volkshochschulen und eine Integration der Arbeiterbibliotheken in die öffentlichen Volksbüchereien. Diese Ideen waren heftig umstritten, doch wurden in einzelnen Städten diese Vorschläge verwirklicht. Geradezu beispielhaft ist die im Oktober 1920 erfolgte Neugründung der Freien öffentlichen Landesbücherei in Gera, die vom Thüringer Staat und von der Stadt Gera gemeinsam finan ziert wurden. Entstanden war die Bücherei aus den Beständen der Arbeiterzentralbibliothek, der Zentralbibliothek der Gewerkschaften und dreier bürgerlicher Bibliotheken. Die Leitung der Bücherei lag bis 1923 in den Händen des bekannten Arbeiterbibliothekars Gustav Hennig (1868-1948). In Greiz wurden ebenfalls die Arbeiter- und die öffentliche Bücherei fusioniert. „In Zeulenroda und Triebes hat man Volksbüchereien teilweise mit Gewerkschaftsbibliotheken vereinigt.“ 46 Zugleich wurde unter Leitung Gustav Hennigs die Heimvolkshochschule Tinz aufgebaut. Schon am 15. September 1919 wurde die Volkshochschule Reuß, als erste überparteiliche sozialistische Fortbildungseinrichtung, in Gera eröffnet. Hennig, ein gelernter Eisendreher, engagierte sich sehr intensiv für die gute Literatur. Zuerst nebenamtlich, später hauptamtlich arbeitete er im Arbeiterbildungswesen als Buchhändler, Bibliothekar, Kulturpolitiker und Schulleiter. Zeitweilig war er Sekretär des Leipziger Arbeiterbildungsinstituts. Unter seiner Leitung wurden die vorbildhaften Leipziger Arbeiterbibliotheken auf- und ausgebaut. Häufig äußerte er sich publizistisch zu Fragen der Arbeiterbibliotheken. Seine autodidaktisch erworbenen Fähigkeiten als Bibliothekar nutzte er, um in seiner Zeitschrift„Der Bibliothekar“(1909-1921) und„Der Arbeiterbibliothekar“(1925-1926) für einen weiteren professionellen Ausbau der Arbeiterbibliotheken zu werben. 1921 konnte er endlich die seit 1909 geforderte Arbeiter-Bibliothekar-Konferenz in der Heimvolkshochschule Tinz veranstalten. Die meisten Teilnehmer sprachen sich hier gegen eine Verschmelzung der Arbeiterbibliotheken mit den bürgerlichen öffentlichen Bibliotheken aus. Hennig äußerte sich 1926 über die Ergebnisse dieser Verschmelzung etwas kryptisch:„Darüber wissen‘Eingeweihte’, die‘Fachleute’“, zu denen er selber gehörte,„sehr viel Negatives zu berichten.“ Er forderte auf, Positives zu schreiben, hat sich meines Wissens aber nicht über seine eigenen Erfahrungen mit der Bibliotheksverschmelzung in Gera geäußert. 47 „Als Bibliothekar genoß Hennig hohes Ansehen, er war u.a. Mitglied des dem Reichsausschuß für sozialistische Bildungsarbeit angegeliederten, 1924 gegründeten Beirates für Arbeiterbüchereiwesen.[...] Die seit 1923 im Aufbau begriffene, von Hennig geleitete Groß-Thüringische Zentralstelle für Arbeiterbildung war identisch mit dem Bezirksbildungsausschuß Groß-ThüLebensweg eines sozialdemokratischen Journalisten. Bonn 2005, S. 58f 45 Mitteilungsblatt... Berlin 2. Jg.(1919), Nr. 2, 1. September, S. 1 46 Blätter der Volkshochschule Thüringen, Gotha 4. Jg.(1922/23), 1(1. April), S. 5, zitiert nach Marwinski, Felicitas: Sozialdemokratie und Volksbildung. Leben und Wirken Gustav Hennigs als Bibliothekar. München 1994, S. 35 47 Sozialistische Bildung, Berlin 4. Jg(1929), S. 84 32 ringen der SPD, aus„praktischen Gründen“ mußte jedoch die tatsächlich irreführende Bezeichnung„Volkshochschule Reuß“ beibehalten werden.“ In der von Gustav Hennig geleiteten Heimvolkshochschule Schloss Tinz fanden Schulungslehrgänge für Arbeiter, aber auch die erste Bibliothekskonferenz statt Die seit 1914 von Hennig immer wieder geforderte„Zentralstelle für Arbeiterbüchereiwesen“ wurde erst 1928 in Berlin errichtet. Ebenfalls 1928„tagte im Geraer Rathaus die Reichskonferenz der Bezirksbildungsausschüsse der SPD(9. Juni 1928), auf der unter Punkt 3 der Tagesordnung der‘Aufbau des Arbeiterbüchereiwesens’ zur Diskussion stand.[...] Der Zustand, in dem sich viele Büchereien noch vom Krieg und von der Inflation her befänden, verlange schnelle Arbeit, die nur bezirksweise durchgeführt werden könne.“ 48 Im Herbst 1928 beschloß der Bezirksbildungsausschuß Thüringen, den geforderten Auf- und Ausbau der Arbeiterbüchereien. Begonnen wurde im Unterbezirk Altenburg, wobei Hennig seit Januar 1929 von Ort zu Ort reiste, die Bestände sichtete, aussonderte,„Zettelaufnahmen“ an48 Hier folge ich den Angaben von Marwinski, Felicitas: Sozialdemokratie und Volksbildung. Leben und Wirken Gustav Hennigs als Bibliothekar. München 1994 33 legte und eine Vorschlagsliste(Neuanschaffungen) für jede Bibliothek erstellte.Bis Mitte des Jahres waren auf diese Weise 16 Bibliotheken in Thüringen aktualisiert worden. 49 Ort Altenkirchen(Altenburg) Blankenstein(Gera) Frankenthal(Gera) Göhren(Altenburg) Gößnitz(Altenburg) Gräfenthal(Arnstadt) Großröda(Altenburg) Groß-Stöbnitz(Altenburg) Langewiesen(Altenburg) Ponitz(Altenburg) Rositz(Altenburg) Schleiz(Gera) Treben(Altenburg) Wiesenmühle(Altenburg) Wintersdorf(Altenburg) Zechau(Altenburg) Einwohnerzahl 412 442 1.926 107 5.867 2.491 388 840 3.500 1.372 1.496 5.577 777 1.074 3.010 1.230 Bände 100 159 362 101 442 226 41 91 716 136 200 231 113 103 191 275 Beschlagnahme und„Schwarze Listen“ verbotener und unerwünschter Literatur in den öffentlichen Büchereien in Thüringen und der Preussischen Provinz, Regierungsbezirk Erfurt ab 1932 Früher als im übrigen Reichsgebiet trat die erste„rein“ nationalsozialistische Regierung, genauer eine Koalitionsregierung mit dem Thüringer Landbund, am 26. August 1932 unter der Führung Fritz Sauckels an. Als Ziel galt ihm nun die Umgestaltung Thüringens zu einem„Schutz- und Trutzgau des Führers“. So wurden Versammlungs- und Kundgebungsverbote meist früher als im Reich erlassen. 50 Auch die Erarbeitung„Schwarzer Listen“, als Grundlage für Buchverbote, wurde sofort nach dem Regierungsantritt in Angriff genommen. Dabei verwirklichte der neue Minister für Volksbildung Fritz Wächtler die bereits von Wilhelm Frick 1930/31 vorgezeichnete Kulturpolitik. 51 Wieweit er sich dabei auf Mitglieder des von Alfred Rosenberg gegründeten „Kampfbunds für Deutsche Kultur e.V.(KfdK)“ 52 stützte, ist noch zu klären. Auffällig ist, daß Dr. Kurd Schulz, der Leiter der Geraer Landesberatungsstelle für volkstümliches Büchereiwesen und zugleich Leiter der Abteilung Schrifttum im KfdK, schon beruflich Kontakte zu Dr. 49 Hennig, Gustav: Aufbau und Neuordnung der Arbeiterbüchereien in Thüringen in: Sozialistische Bildung, Berlin 4. Jg.(1929), H. 9, S. 281-282 50 Manfred Weißbecker: Fritz Sauckel„Wir werden die letzten Schlacken unserer Humanitätsduselei ablegen...“ in: Pätzold, Kurt/Weißbecker, Manfred: Stufen zum Galgen. Lebenswege vor den Nürnberger Urteilen. Leipzig 1999, S. 297-331 51 Vgl. Nationalsozialistische Volkbildungsarbeit in Thüringen 1932-1936 in HSTA Weimar, Thür. Volksbildungsministerium C Nr. 120, Bl. 168-172 52 Vgl. zum„Kampfbund“ Jan-Pieter Barbian: Literaturpolitik im„Dritten Reich“. Institutionen, Kompetenzen, Betätigungsfelder. München 1995, S. 56-61 34 Walter Hallbauer, dem Leiter der Öffentlichen Landesbücherei in Gera, hatte. Welche Funktion Hallbauer möglicherweise im Kampfbund hatte, läßt sich vielleicht anhand seiner Personalakte klären. Jedenfalls erhielt Dr. Walter Hallbauer 53 am 23. November 1932 vom Thüringischen Volksbildungsministerium den Auftrag, Richtlinien„zur Durchsicht der Bestände der Thüringischen Landesbücherei zum Zwecke teilweiser Ausscheidung von Büchern“ zu entwerfen. Dabei bezog sich das Ministerium auf einen Bericht Hallbauers vom 24. Oktober 1932, der bisher nicht aufgefunden werden konnte. 54 Schon vier Monate später, am 18. März 1933, machte er beim Ministerium Vollzugsmeldung mit dem Hinweis:„Da es sich um einschneidende Vorschläge handelt, hielt es der Unterzeichnete ferner für angebracht, den Richtlinien eine ausführliche Begründung beizugeben, die er zunächst als Privatarbeit zu betrachten bittet.“ Am 1. April lieferte er dann sein Werk ab. Es bestand aus 1. Richtlinien„Der Aufbau des Bücherbestandes der deutschen Volksbücherei nach volksbiologischen und nationalpolitischen Gesichtspunkten“ und 2.„Die öffentliche Bücherei und ihre geistige und politische Umwälzung.“ Im weiteren beschreibt er u.a. die„Reinigung der Bestände auf dem Gebiete der Politik, der Geschichte und der Gesellschaftswissenschaften. Auszuscheiden sind a) die marxistische Literatur b) die radikal-pazifistische(anti-militaristische) Literatur c) Ausgesprochen liberalistischdemokratische Tendenz- und Gesinnungsliteratur jüdisch-literatenhafter Prägung.“ Er verweist darauf,„daß eine gesamtdeutsche Regelung anzustreben ist“. Gleichzeitig macht er auf einen Vorteil aufmerksam:„Mit der Durchführung dieser Richtlinien entfällt jeder Anlaß, daß lokale Personen und Stellen selbständig in den Betrieb der einzelnen Büchereien zwecks Säuberung des Bestandes eingreifen.“ In drei Anlagen liefert Hallbauer Namen und Übersichten zur Ausscheidung der Bestände, aber auch zum Neuaufbau unter Berücksichtigung der„wichtigsten Vertreter der neueren volkhaften Dichtung“. Anschließend verschickte das Ministerium die Schwarzen Listen an die Landesberatungsstelle für das volkstümliche Büchereiwesen, an den Literaturwissenschaftler Professor Henning Brinkmann und an Adolf Bartels, den Herausgeber der Zeitschrift„Deutsches Schrifttum“. Zu einer letzten Durchsicht erhielt Professor P. Quensel in Weimar am 24. August 1933 die Listen, die mit Datum vom 28. August 1933 unter dem Titel„Vorläufige Richtlinien für die Auslese der Bestände der öffentlichen Büchereien nach völkischen Gesichtspunkten“ im Amtsblatt des Thüringischen Ministeriums für Volksbildung Jg. 12, Nr. 15 vom 26. September 1933 veröffentlicht werden. Weitere Ergänzungen auszuscheidender Bücher werden im Amtsblatt unter dem Datum 16. Februar 1934 und 3. April 1934 veröffentlicht. Zusätzlich wird auf 6 ½ Seiten eine umfangreiche Liste„Aufbau der Bestände der öffentlichen Büchereien nach völkischen Gesichtspunkten“ mit dem Hinweis„deutsche Bücher, die für jede öffentliche Bücherei nach 53 Von 1924[?]-31.März 1939(a.D.) war Bibliotheksrat Hallbauer Leiter der Bibliothek- Angaben nach Jahrbuch Deutscher Bibliotheken Leipzig, Jg. 14(1924) bis Jg. 30(1939) 54 Meine Darstellung basiert auf den Briefen und weiteren Unterlagen in HSTA Weimar, Thür. Volksbildungsministerium C Nr. 619„Betr.: Schwarze Liste u. Säuberung der Bibliotheken“ 35 Maßgabe der ihr zur Verfügung stehenden Mittel und unter Berücksichtigung ihrer örtlich bestimmten Aufgaben zu beschaffen sind“, am 16. Februar 1934 veröffentlicht. Die Thüringer„Staatszeitung“ Nr. 244 v. 17.10.1933 berichtete unter dem Titel„Säuberung“ über die„Ausmerzung“ der verbotenen Literatur. In einem weiteren Artikel der„Staatszeitung“ vom 12. Januar 1934 wurde über den„Kampf gegen Schmutz und Schund“, damit war wieder die verbotene Literatur gemeint, informiert. Vergleicht man diese Listen mit den etwa zeitgleich gefertigten, aber als„vertraulich“ zu behandelnden Listen, die im Mai 1933 vom Preußischen Kultusministerium für sämtliche öffentlichen Büchereien in Preußen als verbindlich erklärt wurden, fällt auf, um wieviel schärfer die Thüringer Listen gefaßt sind. Erst im Dezember 1935 wurde von der Reichsschrifttumskammer eine als„geheim“ bezeichnete„Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ als reichseinheitlicher Index vorgelegt, der allerdings mit vielen Mängeln behaftet war. Im Dezember 1939 wurde, mit monatlichen Nachträgen, eine überarbeitete„Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ vom Propagandaministerium herausgegeben, weiterhin als„vertraulich“ bzw. als„geheim“ eingestuft, die eine verbindliche Vorgabe für die Bestandsüberprüfungen in den öffentlichen Büchereien war. 55 In den„Vorläufigen Richtlinien“ des Thüringischen Minsteriums für Volksbildung vom 28. Au gust 1933 heißt es am Schluß:„ Die Säuberungsarbeit muß bis zum 15. Oktober d. J. beendet sein. Die Büchereien haben uns bis zum 20. Oktober eine entsprechende Meldung zugehen zu lassen. Das aus dem Ausleihverkehr entfernte Schrifttum ist zunächst noch nicht zu vernichten, sondern weitere Verfügung darüber abzuwarten. Wir erwarten auch von den privaten Leihbibliotheken Maßnahmen im Sinne dieser Verfügung.“ Dass gerade die Leihbüchereien mit diesen Anweisungen nicht sehr„glücklich“ waren, zeigt ein Bericht der Landesberatungsstelle an das Volksbildungsministerium vom 6.11.1933:„Habe im polizeilichen Auftrag Razzia auf Literatur dieser Art gemacht.“ Über diese Durchsuchung beschwerte sich das Brendelsche Leihinstitut in Gera:„die mehreren hundert bei ihm beschlagnahmten Bücher seien nicht verboten und er als Kaufmann müsse das führen, was seine Kundschaft verlangt.“ Jetzt bat die Landesstelle in dieser Sache um Entscheidung des Ministeriums. Zur weiteren Bearbeitung der Verbote wurden im Ministerium„Verzeichnisse der Volksbüchereien“ erstellt, etwa 350 Büchereien,„die die Ausscheidung der auf der Schwarzen Liste stehenden Literatur noch nicht gemeldet haben“: Die Thüringische Landesstelle, unterdessen nach Jena verzogen, berichtete dem Minister unter dem 11. September 1935:„Da insgesamt allerdings die Bestände von über 500 Volksbüchereien zu kontrollieren sind, habe ich diese Bestandskontrolle zunächst nur in 7 Kreisen durchgeführt und werde erst im Laufe des nächsten Monats auf das ganze Land ausdehnen können.“ Gleichzeitig wird über eine Vereinbarung mit Stadt und Regierungsbezirk Erfurt berichtet, daß ein Volksbibliothekar in Erfurt angestellt wird, der zugleich die Aufgabe eines Beratungsstellenleiters übernehmen soll. 55 Sehr detailliert zur Entstehung der Verbotslisten, vor allem in Preußen vgl. Jan-Pieter Barbian: Literaturpolitik im„Dritten Reich“. Institutionen, Kompetenzen, Betätigungsfelder. München 1995, S. 142ff und 733ff 36 Zwischen dem 29. September 1933 und dem 24. März 1934 meldeten die Volksbüchereien- teils mit Titellisten- die Ergebnisse der Säuberung dem Thüringischen Volksbildungsministerium. 56 Anschließend wurden vom Ministerium zwei Mappen mit diesen Berichten der Universitätsbibliothek Jena übersandt. Professor Theodor Lockemann, der Bibliotheksdirektor, ließ daraus zwei Verzeichnisse der ausgeschiedenen Literatur erstellen und machte am 11. September 1934 Vorschläge zum weiteren Verfahren. Die Listen sollten den großen wissenschaftlichen Bibliotheken des Landes, d.h. ausser der Universitätsbibliothek Jena den Landesbibliotheken in Weimar und Altenburg zugeleitet werden,„zur Auswahl derjenigen Bücher, die sie in ihre Bestände einzureihen aus wissenschaftlichen Gründen für wertvoll halten“: Beigelegt war eine Liste mit 177 Volks-, Orts- und Lehrerbüchereien, die ausgeschiedene Bestände besaßen. Schon Ende Oktober lehnte die Landesbibliothek Altenburg mit dem Hinweis auf die herrschende Raumnot die Übernahme der angebotenen Bücher ab. So verblieben als Interessenten nur die Universitäts-Bibliothek Jena und die Landesbibliothek Weimar. Zuerst erhielt die Weimarer Bibliothek die Listen vom Ministerium, mit der Bitte,„die in Frage kommenden Büchereien in meinem Auftrage zu veranlassen, die gewünschten Bücher“ abzugeben. Zur Anforderung der Titel wurde eine Teilabschrift des ministeriellen Erlasses als einfaches Formular erstellt. 57 Anschließend sollten die Listen der UB Jena zum gleichen Zweck übergeben werden. Anfang Dezember 1935 schickte Weimar die Unterlagen an die UB Jena, die am 18. Mai 1936 die Akten dem Ministerium zurückschickte. Berichtet wird zugleich, daß ein Teil der Büchereien die Bücher bereits vernichtet hatte oder auch auf Reklamationen nicht geantwortet wurde. Die Landesstelle für volkstümliches Büchereiwesen expedierte am 20. August 1937 ein Rundschreiben an alle Büchereien mit dem Hinweis auf die Einziehung der Bücher und forderte die Einreichung der Vernichtungerklärung für alle nicht angeforderten Bücher bis zum 15. September 1937. Und sechs Monate später, am 14. März 1938, meldete endlich die Landesstelle dem Reichsminister für Wissenschaft und Erziehung in Berlin:„ Aus den öffentlichen Volksbüchereien in Thüringen sind 2662 Bände schädlichen und unerwünschten Schrifttums ausgeschieden worden.“ Sekretierungspraxis Neben der Beschlagnahme und Überweisung der verbotenen Literatur wurden vom Reichsministerium für Wissenschaft und Erziehung in Berlin Regeln für die Sekretierung und mögliche Benutzung der Literatur erlassen. Am 17. September 1934 wurden in einem ersten Rundschreiben Ausleihbeschränkungen, Buchverbote und die Kennzeichnung der verbotenen Bücher geregelt. Am 10. April 1935 übersandte der Thüringische Minister für Volksbildung der Landesbücherei Weimar, mit der Bitte um Beachtung, einen Erlaß des Reichs- und Preußischen Ministers für Wissenschaft und Erziehung vom 3. April 1935.„Die von den Gerichts- oder Polizei-Behörden beschlagnahmte und zur Vernichtung bestimmte Literatur(Bücher, Broschüren, Zeitschriften, Zeitungen wie überhaupt die gesamte unterirdische politische Propagandaliteratur), soweit sie den Bibliotheken von obigen Behörden für die spätere wissenschaftliche Forschung in einem 56 Diese Berichte, insgesamt 695 Blatt, sind in HSTA Weimar, Thür. Volksbildungsministerium C Nr. 702 überliefert 57 Vgl. diese Anforderungszettel z.B. vom 8. November 1935 im Konvolut Weimarer Landesbibliothek, vermutlich aus dem Bestand des Goethe und Schiller Archivs, Weimar, jetzt Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek, Weimar 37 Exemplar überwiesen wird, ist von den Behörden unter besonderem Verschluß zu halten. Die Benutzung ist nach strenger Prüfung im Einzelfall nur freizugeben,(und zwar nur in den Räumen der Bibliothek), wenn der Nachweis wissenschaftlicher Forschung geführt wird.“ In einem handschriftlichen Vermerk heißt es:„Die Bücher werden mit einem roten Etikett versehen.“ Damit war die Kennzeichnung der Titel geklärt. 58 Noch zwei Jahre später waren die Behörden mit den Benutzungsregeln der Verbotsliteratur beschäftigt. In einem Brief des Präsidenten der Reichsschrifttumskammer an den Thüringischen Minister für Volksbildung vom 13. Mai 1937 wurde darauf verwiesen, daß man keine Einwände gegen die Benutzung sekretierter Bestände durch wissenschaftlich tätige Personen habe, doch solle sich die Bibliothek zur Sicherheit einen Revers unterschreiben lassen. Natürlich rief das Thema der verbotenen Literatur auch politische Konjunkturritter auf den Plan. Hans-Peter des Coudres, Volontär der Deutschen Bücherei und Landesreferent Sachsen der„Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums beim Beauftragten des Führers für die weltanschauliche Erziehung der NSDAP“, einer Dienststelle Alfred Rosenbergs, verschickte einen hektographierten Brief(11. Dezember 1934) zusammen mit einem umfangreichen Fragebogen an wissenschaftliche Bibliotheken, u.a. an die UB Jena. Er wollte erfahren, wie die Bibliotheken tatsächlich mit dem„verbotenen Schrifttum“ umgehen würden. Auf diese brisante Anfrage antwortete man ihm eher ausweichend mit dem Hinweis„sind für uns Verfügungen im Amtsblatt des Thüringischen Ministeriums für Volksbildung massgebend.“ 59 Im nächsten Jahr stellte des Coudres, unterdessen Leiter der Bibliothek der SS-Schule Haus Wewelsburg, die Ergebnisse seiner Um­frage auf dem Bibliothekartag vor:„Das verbotene Schrifttum und die wissenschaftliche Bibliothek.“ In der anschließenden Aussprache erklärte er:„Das unerwünschte Schrifttum sei freilich katalogmäßig nicht zu erfassen, hier müsse das Verantwortungsbewußtsein der Bibliotheksleiter an die Stelle treten.“ 60 Titelseite des Akzessionsjournals der Weimarer Landesbibliothek von 1934„Überweisungen aus thüringischen Bibliotheken früherer sozialdemokratischer Ortsgruppen 58 Im Konvolut Weimarer Landesbibliothek, vermutlich aus dem Bestand des Goethe und Schiller Archivs, Weimar, jetzt Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek, Weimar 59 Lothar Bohmüller/Konrad Marwinski: Die Universitätsbibliothek Jena von 1933 bis 1945 in: Toussaint, Ingo (Hrsg.): Die Universitätsbibliotheken Heidelberg, Jena und Köln unter dem Nationalsozialismus. München 1989, S. 107-111 60 In Zentralblatt für Bibliothekswesen, Leipzig 52. Jg.(1935), S. 459-471, hier S. 471 38 „Überweisungen sozialdemokratischer Ortsgruppen u.a.“ an die Landesbibliotheken Thüringens Zeitgleich mit der Erstellung der„Schwarzen Liste“ wurde gegen die Arbeiterbibliotheken vorgegangen. Dabei war die Verordnung des Reichspräsidenten von Hindenburg„zum Schutze des deutschen Volkes“ vom 4. Februar 1933 die Grundlage für zahlreiche Buchverbote. In§ 7 heißt es:„Druckschriften, deren Inhalt geeignet ist, die öffentliche Sicherheit oder Ordnung zu gefährden, können polizeilich beschlagnahmt und eingezogen werden. Zuständig sind, soweit die obersten Landesbehörden nichts anderes bestimmen, die Ortspolizeibehörden.“ Und in einer weiteren Verordnung„zum Schutz von Volk und Staat“ vom 28. Februar 1933 wurden sechs Artikel„der Verfassung des Deutschen Reiches bis auf weiteres außer Kraft gesetzt. Es sind daher Beschränkungen der persönlichen Freiheit, des Rechts der freien Meinungsäußerung, einschließlich der Pressefreiheit, des Vereins- und Versammlungsrechts[...] Anordnungen von Haussuchungen und von Beschlagnahmen sowie Beschränkungen des Eigentums auch außerhalb der sonst hierfür bestimmten gesetzlichen Grenzen zulässig.“ 61 Mit diesen Notverordnungen hatte die politische Polizei und deren verlängerter Arm, die Ortspolizeibehörden, einen gesetzlichen Rahmen, um gegen die„politischen Gegner“ vorzugehen. Zwei weitere Gesetze vom Mai und Juli 1933 62 ermöglichten es, gezielt kommunistische und sozialdemokratische Verlage, Buchhandlungen, Buchgemeinschaften und Arbeiterbibliotheken zu durchsuchen und zu beschlagnahmen. In Thüringen verfügte das Ministerium des Innern bereits sehr früh, am 26. April 1933, u.a. das Verbot und die Auflösung der Arbeiter-Büchereien. Das war die Grundlage für die Durchsu chung, Beschlagnahme und Sicherstellung der Arbeiterbibliotheken. Zahlreiche Ortspolizeibehörden durchsuchten die Bibliotheken und berichteten akribisch ihrer vorgesetzten Dienststelle über die beschlagnahmten Bücher. In einer Akte des Innenministeriums haben sich umfangreiche Berichte dieser Polizei-Aktivitäten, insgesamt 540 Blatt, erhalten. 63 Wie wichtig diese Berichte sind, zeigen die folgenden Beispiele: 1. Bericht der Polizeidirektion Abt. V[Politische Polizei], Gotha vom 24. Mai 1933: Die Zentral-Arbeiterbibliothek des Ortskartells Gotha, Mohrenstr. 18 wurde bei der „Gleichschaltung der Gewerkschaften“- am 2. Mai 1933- vom Beauftragten der Nationalsozialistischen Betriebszellenorganisation(NSBO)„in Verwahrung genommen“. Unterdessen erfolgte die polizeiliche Beschlagnahme. Im weiteren wurden namentlich der Bibliotheksverwalter, Gewerkschaftssekretär Otto Dienemann, und die drei Mitglieder der Bibliothekskommission aufgelistet. Zur Beschreibung der Bibliotheksbestände wurde der gedruckte 16seitige„Katalog der Zentral-Arbeiter-Bibliothek Gotha“ vom 1. August 1921 beigelegt. 2. Bericht der Polizeidirektion Gotha vom 25.7.1933: Beschlagnahme der Arbeiter-Bücherei in Gotha-Siebleben in der Wohnung des KPDFunktionärs Tischler Karl Melcher. Beigefügt wird die Liste der Bibliothek des Ortskartells Gotha-Siebleben, dem die Freie Turnerschaft, der Arbeiterradfahrverein„Solidarität“ und der Arbeiterschützenverein angeschlossen waren. 61 Reichsgesetzblatt Teil I, Berlin, Nr. 8/1933, S. 35ff und Nr. 17/1933, S. 83ff 62 „Gesetz über die Einziehung kommunistischen Vermögens“, Reichsgesetzblatt Teil I, Berlin Nr. 55 vom 27.5.1933, S. 293 und„Gesetz über die Einziehung volks- und staatsfeindlichen Vermögens“, Reichsgesetzblatt Teil I, Berlin, Nr. 81 vom 15.7.1933, S. 479f 63 HSTA Weimar, Thür. Ministerium des Innern, Nr. 527 39 3. Eine Buchliste der Arbeiterbücherei in Zella-Mehlis 4. Ein handgeschriebenes Katalogheft mit dem Aufkleber„Arbeiter-Bücherei Ilmenau“ 64 Dank dieser detailreichen Dokumentation des Handelns der Polizeibehörden ist es heute möglich, die kompletten Bestände einzelner Arbeiter-Bibliotheken zum Zeitpunkt der Beschlagnahme zu rekonstruieren und nicht nur eine Liste der verbotenen Bücher nach den Vorbesitzern zusammenzustellen. Der nationalsozialistische Multifunktionär Dr. Kurd Schulz 65 , Leiter der Landesberatungsstelle für volkstümliches Büchereiwesen und Jugendschriftenpflege in Gera, meldete bereits am 2. Mai 1933, die„Gleichschaltung der Gewerkschaften“ hatte gerade Schlagzeilen gemacht, sein Interesse an den beschlagnahmten Arbeiterbibliotheken beim Ministerium des Innern an. Er begrüßte dies als weiteren Schritt zu einem einheitlichen Büchereiwesen.„Wäre es nicht möglich, wenigstens solche‘Arbeiterbüchereien’, denen durch gemeindliche Zuschüsse der Charakter als‘öffentliche Bücherei’ zugebilligt worden ist, in Gemeindeeigentum zu überführen, damit sie nach entsprechender Säuberung der öffentlichen Benutzung wieder zugeführt werden?“ Weiterhin bat er um Kopien der Polizeiberichte über die Schließung,„damit wir für die in Frage kommenden Orte selber Verhandlungen über die künftige Neugestaltung aufnehmen können.“ Drei Wochen später berichtete Schulz in einem weiteren Brief:„Es ist unser Bestreben, an allen Orten, wo Gewerkschaftsbüchereien und Arbeiterbüchereien im Zusammenhang mit der Gleichschaltung der Gewerkschaften geschlossen sind, die Zusammenfassung dieser Büchereien mit den vorhandenen öffentlichen Büchereien zu erreichen. Die Verhandlungen darüber sind auch an verschiedenen Stellen günstig eingeleitet, nur von der Stadtverwaltung Zeulenroda ist uns berichtet worden, daß von seiten der Thüringischen Staatsregierung die Liquidation der Vermögensbestände der Gewerkschaften angeordnet sei und daß daher die von ihr seit verschiedenen Jahren angestrebte Vereinigung der Gewerkschafts- mit der Stadt bücherei jetzt nicht möglich sei.“ Im weiteren verweist er auf Möglichkeit der Bestandserweiterung der öffentlichen Büchereien.„Auf diese muß es aber jetzt gerade ankommen, um die öffentlichen Büchereien zum schlagkräftigen Instrument der nationalen Erziehung zu machen.“ Am 14. September 1933 beschreibt er die momentane Lage:„Die Büchereien der Arbeiterkulturkartelle usw scheinen aber überall noch in Polizeigewahrsam sich zu befinden, ohne daß Verfügungen darüber getroffen sind.“ Er macht noch einmal dem Volksbildungsministerium den Vorschlag, diese Bibliotheken, nach Ausscheidung der unbrauchbaren Literatur, den öffentlichen Büchereien einzugliedern und bittet um eine generelle Verfügung des Ministeriums. Zugleich berichtet er über erste Verhandlungserfolge mit der NSBO, die in einzelnen Fällen zugunsten der öffentlichen Büchereien auf ihre Eigentumsrechte verzichtet habe. Diesen Brief leitet das Ministerium urschriftlich an den Bezirksleiter der Deutschen Arbeitsfront, Bezirk Mitteldeutschland, den Reichstagsabgeordneten Fritz Triebel in Gotha weiter. 66 Triebel lehnt die Vorschläge der Lan64 HSTA Weimar, Thür. Ministerium des Innern, Nr. 527, Bl. 1-4, 15-17, 457 65 Zugleich Leiter der Abteilung Schrifttum im Kampfbund für deutsche Kultur, Gau Thüringen und Landesreferent für Thüringen der Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums. Beides waren Institutionen die zum Einflußbereich des Reichsleiters Alfred Rosenberg gehörten. In einem Brief vom 3.11.1933 empfiehlt Dr. Hallbauer, Leiter der Thüringischen Landesbücherei in Gera, Schulz als Verbindungsmann zwischen dem Volksbildungsministerium und der Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums. HSTA Weimar, Thür. Volksbildungsministerium C Nr. 629, Bl. 44 66 Vgl. Mai, Gunther: Die Nationalsozialistische Betriebszellen-Organisation. Arbeiterschaft und Nationalsozialismus 1927-1934 in: Heiden, Detlev/Mai, Gunther(Hg): Nationalsozialismus in Thüringen. Weimar 1995, S. 165ff 40 desstelle am 28. September rundheraus ab und verweist auf das Eigentumsrecht der Deutschen Arbeitsfront(DAF) bzw. des jeweils neuen Gewerkschaftsverbands.„Zum besonderen Aufgabengebiet der Deutschen Arbeitsfront gehört die Schulung ihrer Mitglieder. Dazu benötigt sie unbedingt die vorhandenen Bibliotheken, welche selbstverständlich von den zuständigen Stellen von unbrauchbarer und schädlicher Literatur gesäubert werden.[...] Eine Abgabe von Büchereien an öffentliche Institute“ sei nicht möglich. 67 Daß die„Reinigung“ der Arbeiterbibliotheken nicht so einfach war, zeigt der Brief der Deutschen Arbeitsfront- Deutscher Holzarbeiter-Verband, Verbandsbezirk Mitteldeutschland Erfurt, Leipziger Str. 11 vom 30. Okt 1933 an das Thür. Ministerium für Volksbildung: „Der Deutsche Holzarbeiter Verband unterhält in einigen grösseren Ortsgruppen Büchereien zur kostenlosen Nutzung durch seine Mitglieder. Da bei der rein marxistischen Einstellung des früheren Verbandsvorstandes die Reinigung der Bibliothek von Werken staatszersetzender und sittlich nicht einwandfreier Autoren erforderlich ist, bitten wir freundlichst um Bekanntgabe der zu streichenden Werke. Bis auf weiteres sind die Büchereien den Mitgliedern nicht zugängig.“ 68 Doch war Dr. Schulz nicht so gut informiert über das Schicksal der Arbeiterbibliotheken, wie er meinte. Denn in der Zwischenzeit waren die„zuständigen Stellen“ schon eifrig mit der Sichtung und„Säuberung“ der Arbeiterbibliotheken beschäftigt. Wobei der Begriff„Säuberung“ sehr vielgestaltig verwendet wurde. Am 2. Mai wurde das Gewerkschaftshaus in Hirschberg/Saale besetzt und„rote Hetzschriften und kommunistische Fahnen verbrannt“, so die Bildunterschrift eines Fotos in einer NS-Propagandaschrift. 69 In Kahla verbrannte die SA die Arbeiterbibliothek, ebenso in Mühlhausen und in Rudolstadt. Schon am 22. April 1933 verbrannte die Realschule Allstedt„Unsere Schulfahne[SchwarzRot-Gold] zusammen mit einigen Schriften marxistischen Inhaltes auf dem Marktplatze.“ 70 Erst zwei Monate später wurde in Weimar am 17. Juni 1933 eine Bücherverbrennung„zelebriert“ und am 26. August 1933, zum ersten Jahrestag des Machtantritts der Sauckel-Regierung, beteiligten sich zahlreiche Studenten an der Bücher- und Fahnenverbrennung auf dem Marktplatz in Jena. 71 Eher im Stillen, aber nicht weniger effizient bei der Zerschlagung der Arbeiterbüchereien, ar beiteten die Bibliothekare. Dr. Walter Hallbauer, Direktor der Öffentlichen Landesbücherei in Gera, berichtete am 1. April 1933 dem Volksbildungsministerium:„Die Säuberung des Bestandes unserer Bücherei nach Maßgabe der Richtlinien ist bereits im Gang.“ 72 Hierbei ging es 67 HSTA Weimar, Thür. Volksbildungsministerium C Nr. 629, Bl. 22, 23 und 36-37 68 HSTA Weimar, Thür. Volksbildungsministerium C Nr. 619, Bl. 118 69 Kampf und Sieg in Thüringen. Im Geiste des Führers und in treuer Kameradschaft gewidmet den thüringischen Vorkämpfern des nationalsozialistischen Dritten Reiches von Fritz Sauckel. Herausgeber: Gauleiter der NSDAP. Weimar 1934, S. 174 70 HSTA Weimar, Thür. Volksbildungsministerium C Nr. A 23, Bl. 12 71 Treß, Werner:„Wider den undeutschen Geist!“ Bücherverbrennung 1933, Berlin 2003, S. 227; Heimatge schichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Band 8: Thüringen. Frankfurt am Main 2003, S. 152 72 HSTA Weimar, Thür. Volksbildungsministerium C Nr. 619, Bl. 3 41 insbesondere um die Überprüfung der aufgelösten Zentralen Arbeiterbibliothek Gera und die Zentralbibliothek der Gewerkschaften, die seit Oktober 1920 zusammen mit drei bürgerlichen Bibliotheken den Anfangsbestand der Landesbücherei ausmachten. 73 Ende Juni 1934 kam es zu einer Vereinbarung zwischen Gera und der Universitätsbibliothek Jena. Die aus der Landesbücherei Gera ausgeschiedenen Bücher sind der UB Jena insgesamt zu übersenden- dort wird entschieden, welche Bücher in die Bestände und welche Bücher in irgendeiner Weise abgestossen werden. Nach Transportschwierigkeiten konnte Gera am 29.11.1934 Vollzug melden:„Die Überleitung ist in der mit der U.B. Jena verabredeten[...] Weise geschehen.“ 74 Aufgrund der„Verordnung zum Schutze von Volk und Staat“ wurde die Heimvolkshochschule Tinz in Gera geschlossen. Die Bibliothek wurde im April vom Leiter der Landesbücherei Gera gesichtet.„Die Bücherei besteht aus ca. 800 Bänden, rund ¾ sind marxistische Literatur und unbrauchbar für Gera.“ Gleichzeitig schlägt er vor, diese Bücher der Universitätsbibliothek Jena zu überweisen. Im Juli werden die Titel zwischen Gera und Jena aufgeteilt, wobei einige Gesetzessammlungen im Oktober dem Thüringischen Polizeipräsidium Gera und dem Weimarer Staatsarchiv übergeben werden. 75 Im„Tagebuch“ der Universitätsbibliothek Jena wird die Bibliothek Tinz zum letzten Mal am 1. Februar 1937 erwähnt:„Die Bibliothek der ehemaligen Volkshochschule Tinz wurde aus dem untersten Geschoß des Magazins in den Kistenraum verbracht. Der Schlüssel zum Kistenraum befindet sich im eisernen Schränkchen im Direktorzimmer.“ 76 Ab Februar 1934 wurden der Thüringischen Landesbibliothek Weimar die ersten Bücher aus den beschlagnahmten Bibliotheken sozialdemokratischer Ortsgruppen und Arbeiterbüchereien „überwiesen“. 77 Mit der Verzeichnung in den Akzessionsjournalen begann man am 4. April 1934. Die laufende Nr. 1 war der Titel von Raoul H. Francé: Das Land der Sehnsucht: Reisen eines Naturforschers im Süden, Berlin: Dietz 1925 aus dem Bestand der„Ortsgruppe der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“ in Probstzella. Abgeliefert wurden diese„verbotenen“ Bücher am 2. März 1934 von der Gendarmerie Probstzella. Diese und alle anderen vereinnahmten Bücher wurden beim Lieferanteneintrag mit„Überweisung“ gekennzeichnet, die Art als „D“ für Donum= Geschenk. Insgesamt wurden unter diesem Datum 409 Bücher verzeichnet. Am 26. und 28. Mai sowie am 1. Juni 1935 wurden weitere 31 Bücher unter der Nummer 6-36 aus sozialdemokratischen Bibliotheken verzeichnet. Also insgesamt 440 Bücher. Von 17 Gemeinden und Städten sind noch„Lieferscheine“ bzw. Ablieferungslisten vorhanden, in denen 766 Bücher aufgelistet werden. Die Bestände dreier Organisationen sind nur anhand der„Lieferscheine“ als Ablieferung nachweisbar. Die Organisationen und damit die Titel sind heute nicht mehr anhand der„NS-Raubgut-Liste der Körperschaften(Stand 29.09.2006)“ in Weimar nachweisbar: 73 Handbuch der historischen Buchbestände in Deutschland, Bd. 19: Thüringen, S. 222 74 HSTA Weimar, Thür Volksbildungsministerium C Nr. 619, Bl. 213-217 75 HSTA Weimar, Thür. Volksbildungsministerium C Nr. 716, Bl. 3, 73, 75, 84 und 87 76 Bohmüller, Lothar/Marwinski, Konrad: Die Universitätsbibliothek Jena von 1933 bis 1945 in: Toussaint, Ingo(Hrsg.): Die Universitätsbibliotheken Heidelberg, Jena und Köln unter dem Nationalsozialismus. München 1989, S. 181 77 Diese und alle folgenden Informationen nach Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek, Weimar: Konvolut von Kopien übergeben von Herrn Dr. Weber, vermutlich aus dem Bestand des Goethe Schiller Archivs, Weimar. Durch die momentane Verfilmung der Akten ist eine Identifikation bisher nicht möglich gewesen. „Begleitbrief“ zur„Überweisung“ von 106 beschlagnahmten Büchern aus der Bibliothek der SPD-Ortsgruppe des Gemeindevorstands Langenorla an die Landesbibliothek Weimar 43 1. Arbeiterbücherei Blankenhain 2. SPD-Ortsgruppe Teichwolframsdorf 3. SPD-Ortsgruppe Unterwellenborn. Während die ausgesonderten„marxistischen Bücher“ der SPD-Ortsgruppe ­Langenorla an die Landesbücherei Weimar geschickt wurden, konnte die NSDAP-Ortsgruppe Langenorla unentgeltlich die„gereinigte“ Rest-Bücherei übernehmen. In Meuselwitz-Schnauderhainichen wurde ähnlich verfahren:„Die Bücherei ist nach Ausscheidung der marxistischen Literatur der Volksbücherei Meuselwitz übergeben worden.“ Während von der Arbeiterbücherei Blankenhain, wie schon erwähnt, keine Bücher in der Landesbibliothek nachweisbar sind, haben sich von den 112 eingesandten Büchern der Internationalen Bibelforschervereinigung Blankenhain zwei Bücher in den Bibliotheksbeständen erhalten. Hier wie in allen anderen Fällen heißt es in der Empfangsbescheinigung:„Das hier nicht Vorhandene wird den Beständen der Landesbibliothek zugeführt, das Übrige wird eingestampft.“ Noch zu klären ist das Schicksal von drei Beständen: 1. Die angeforderten Bücher aus dem Restbestand der ehemaligen Bücherei der Volkshochschule Tinz- Benachrichtigung der Thür. Landesbücherei Gera vom 27.9.1935 2. Die zwei Bücherkisten der Arbeiterbücherei Gotha-Siebleben, über die Beschlagnahme hatte ich früher berichtet, die irrtümlich an das Thüringische Ministerium des Innern abgeliefert wurden und auch bis Anfang November 1935 im Archiv nicht aufzufinden waren, so ein Brief des Thür. Ministers des Innern, Weimar vom 6.11.35. 3. Eine mögliche umfangreichere Ablieferung der Thür. Landesbücherei Gera. Auffällig ist es, daß nur ein Einzelexemplar des„Verbands der Fabrikarbeiter Deutschland/Keramischer Bund/Bezirkszahlstelle Gera“ im Weimarer Bestand NS-Raubgut nachweisbar ist. Eine erste überschlägige Rechnung anhand der hier genannten Zahlen zeigt, daß mehr als 40% der an die Landesbibliothek Weimar gelieferten Bücher eingestampft wurden. Um einen Eindruck von den Verlusten der Arbeiterbibliotheken in Thüringen insgesamt zu bekommen, eine weitere Zahl: Die 250 Thüringer Arbeiterbibliotheken boten 1931 ihren Lesern ca. 113.000 Bücher an. Nur 440 Bücher wurden anhand der Akzessionsjournale vereinnahmt, das sind etwa 0,4% aller Titel der Thüringer Arbeiterbibliotheken(1931). Bis hierher habe ich über die Beschlagnahmen im Land Thüringen berichtet. Als Schlußpunkt noch einige Bemerkungen zum Regierungsbezirk Erfurt. In diesem preußischen Landesteil Thüringens waren bei Schließung, Auflösung und Beschlagnahme sozialdemokratischer Orga nisationen natürlich die Notverordnungen des Reichspräsidenten gesetzliche Grundlage. Regelmäßig, geradezu formelhaft, werden bei der Beschlagnahme diese Notverordnungen zitiert, z.B. in einer Liste der Organisationen in Erfurt: -- Bezirksleitung der KPD, Bez. Grossthüringen -- Sportverein Vorwärts, Erfurt(Spielmannszug der KPD) -- Arbeiter-Radio-Bund Erfurt -- Volkschor Erfurt(Nebenorganisation der SPD)- Kiste mit Noten 44 -- Reichsbanner Ortsgruppe Erfurt -- Bibelforschervereinigung -- Verein Freie Volksbühne e.V. in Nordhausen -- Deutscher Arbeiter Abstinentenbund, Ortsgruppe Nordhausen- beschlagnahmt 12 kleine Hefte Broschüren, die gegen den Genuß von Alkohol geschrieben sind. 78 Allerdings wurde bei der„Verwertung“ der Bücher der Arbeiterbibliotheken anders als in Thüringen vorgegangen. Am 27. März 1934 gab der Preussische Finanzminister die Anweisung: „Bücher, die nach Sichtung durch den Landesbeauftragten des Reichspropagandaministers der Preußischen Staatsbibliothek zu[...] zu melden sind. Soweit die Bücher von der Preußischen Staatsbibliothek nicht übernommen werden, sind sie den übrigen staatlichen Bibliotheken(insbesondere Universitätsbibliotheken, in Berlin auch der Hochschule für Politik) und schließlich dem Reichsschulungsleiter bei der Reichsleitung der NSDAP anzubieten.“ In einem weiteren Runderlaß des Preußischen Finanzministers vom 6. Juli wurde darauf verwiesen, daß die Landesstellen des Reichspropagandaministeriums an einer weiteren Sichtung nicht länger zu beteiligen sind.„Die eingezogenen Bücher sind den staatlichen Bibliotheken, in erster Linie der Preußischen Staatsbibliothek, sofort zu melden. Im übrigen bitte ich, eingezogene Bücher, die von den staatlichen Bibliotheken in Preußen nicht in Anspruch genommen werden, zunächst dem Herrn Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda[Josef Goebbels] unmittelbar, sodann dem Herrn Reichsschulungsleiter bei der Reichsleitung der NSDAP[Robert Ley, in Personalunion Reichswalter der Deutschen Arbeitsfront] zur Verwendung für die dortigen politischen Büchereien anzubieten.“ Erst vor kurzem ist bei Raubgutrecherchen in der Berliner Staatsbibliothek ein Aktenkonvolut mit der Bezeichung„A 62“ aufgefunden worden, das die Korrespondenz mit zahlreichen preußischen Behörden zwischen 1933 und 1939 enthält. Dabei befinden sich zahlreiche Titellisten, die entsprechend dem erwähnten Erlaß von Landratsämtern der Preußischen Staatsbibliothek angeboten wurden. 79 Am 16. August 1934 wurden mit einem weiteren Erlaß vom Regierungspräsidenten Erfurt an die Kreispolizeibehörden und die Staatspolizeistelle Erfurt eine Liste aller Bücher in zweifacher Ausfertigung angefordert, die der Stapostelle Erfurt geschickt werden sollte.„Die Bücher sind bis zum 5. September 1934 dort zusammenzuziehen.“ 80 Zwei Beispiele: Beim[Arbeiter] Radfahrverein Tettenborn wurden 10 Bücher, beim[Arbeiter] Radfahrverein Mackenrode 1 Buch beschlagnahmt, titelweise aufgelistet und am 19. Februar 1935 von der Kreispolizeibehörde in Nordhausen vernichtet. Die Ortsvereinsbibliothek des SPD-Ortsvereins Hesserode wurde beschlagnahmt, das Sachvermögen sichergestellt und eine Liste der Bücher erstellt. Der Amtsvorsteher in Grosswechsungen sichtete die Bücher und kennzeichnete die Titel„meist staatsfeindlichen Inhalts“ mit einem Strich. Bewertet wurde die Bibliothek mit 50,- RM, der Bibliotheksschrank mit 10,- RM. Weiter wurde die Bibliothekskasse mit 16,05 RM beim Bürgermeister abgeliefert. 78 Staatsarchiv Gotha(STA), Regierung Erfurt Nr. 23227 79 Hinweis von Frau Pudler: Recherche-Nachweis und Restitution von NS-Raubgut in der Staatsbibliothek zu Berlin. Ein Werkstattbericht. In: Stefan Alker/Christina Köstner/Markus Stumpf(Hg.): Bibliotheken in der NS-Zeit. Provenienzforschung und Bibliotheksgeschichte. Göttingen 2008, S. 75-88, hier S. 79 f 80 STA Gotha, Regierung Erfurt Nr. 21964, Bl. 1-3, 5, 16ff 45 Der Regierungspräsident Dr. Weber in Erfurt gab diese Liste am 6. September 1935 zur Beurteilung an den Leiter der NS-Kulturgemeinde, Gaudienststelle Thüringen in Weimar weiter, der sein Interesse an der Bibliothek äußerte:„Die NS-Kulturgemeinde betreut das Schloss Molsdorf und ist dort eine Bibliothek im Entstehen begriffen. Diese Bibliothek soll dazu dienen, unseren Volksgenossen in den umliegenden Dörfern gute Bücher zu übermitteln[...]“ Am 30. Mai 1936 konnte sich der Leiter der NS-Kulturgemeinde für 48 Bücher„aus dem Bibliotheksnachlaß der SPD, Ortsgruppe Hesserode, bedanken. Die ausgesonderten„staatsfeindlichen“ Bücher wurden nicht vernichtet, sondern dem Kreisleiter der NSDAP zur Verfügung gestellt, der„die marxistische Literatur für belehrende Zwecke innerhalb der Partei“- also für die weltanschauliche Schulung, aufbewahren wollte. 81 Bücher von Arbeiterbibliotheken aus dem Regierungsbezirk Erfurt sind also möglicherweise auch an die Preußische Staatsbibliothek, die Bibliotheken der drei NS-Ordensburgen bzw. die Bibliothek des Hauptschulungsamts der NSDAP in München und die Universitätsbibliothek Halle gegangen. Ebenso wurden 1936 auf Anweisung des SD-Hauptamtes in Berlin die beschlagnahmten Bücher in den regionalen Staatspolizeistellen von Beauftragten des SD gesichtet und umfangreiche Buchbestände nach Berlin ins SD-Hauptamt(später Reichssicherheitshauptamt) zum Aufbau einer zentralen Gegnerbibliothek transportiert. 82 Anzeige für das Gedenkblatt zum 50. Gründungstag der Sozialdemokratie(1913)-„ein Schmuck für jede Bibliothek“ 81 STA Gotha, Regierung Erfurt Nr. 22801, Bl. 4f, 172-193 82 Vgl. Schroeder, Werner: Strukturen des Bücherraubs: Die Bibliotheken des Reichssicherheitshauptamts (RSHA), ihr Aufbau und Verbleib in: ZfBB 51(2004), Nr. 5-6, S. 316-324 46 Bildnachweis: Kleiner Leitfaden für Arbeiterbibliotheken/ Ernst Mehlich.- Leipzig, 1910: S. 8, 18, 19, 23, 24, 25, Der Bibliothekar: Monatsschr. für Arbeiterbibliotheken- Leipzig; Gera,. 01.1909- 13.1921: S. 12, 21, 25, 28, 30, 32 Leitfaden für Arbeiterbüchereien/[Hrsg.]: Reichsausschuß für sozialistische Bildungsarbeit, Berlin,[1927]: S. 22 Lebensgeschichte eines modernen Fabrikarbeiters/[Moritz William Theodor Bromme]. Jena[u.a.], 1905: S. 27 In der Reihe„Veröffentlichungen der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung“ sind bisher erschienen: Friedrich-Ebert-Stiftung/ Bibliothek: Veröffentlichungen der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung- Bonn ISSN 1432-7449 1. Internet und Bibliothek: Drittes Bibliotheksforum der Bibliothek der FriedrichEbert-Stiftung am 17. Juni 1996 in Bonn.- Bonn, 1996.(Druckausgabe vergriffen) 2. Angestelltengewerkschaften in der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung: graue Literatur aus dem Archiv der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft/ bearb. von Angela Rinschen und Katrin Stiller.- Bonn, 1997. 3. Spanische Arbeiterpresse auf Mikrofilm: ein Bestandsverzeichnis der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung/ bearb. von Gabriele Kemp.- Bonn, 1997. 4. IUL und IBV: Protokolle und Berichte; ein Bestandsverzeichnis der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung; mit einem einleitenden Essay„Struktur und Politik: Skizze zur Geschichte der Bergarbeiter- und der Lebensmittelarbeiter-Internationale von Peter Rütters und einem Interview mit Dan Gallin/[bearb. von Gabriele Rose]. - 2., erw. Aufl..- Bonn, 2001. 5. Festschriften der IG Medien und ihrer Vorläuferorganisationen: ein Bestandsverzeichnis der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung/ bearb. von Angela Rinschen.- Bonn, 1998. 6. Zeitungen, Zeitschriften, Protokolle, Jahrbücher und Geschäftsberichte aus dem Bestand der IG Medien: eine Dokumentation der Bibliothek der FriedrichEbert-Stiftung/ bearb. von Katrin Stiller.- Bonn, 1998. 7. Zeitungen und Zeitschriften der deutschen Gewerkschaftsbewegung in der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung: Veröffentlichungen des Deutschen Gewerkschaftsbundes, seiner Einzelgewerkschaften und ihrer Vorläuferorganisationen/ bearb. von Ursula Fischer....- Bonn, 1998. 8. Das gedruckte Gedächtnis der Arbeiterbewegung: Festschrift zum 30-jährigen Bestehen der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung.- Bonn, 1999. 9. Veröffentlichungen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft und ihrer Vorläuferorganisationen: ein Bestandsverzeichnis der Bibliothek der FriedrichEbert-Stiftung/ bearb. von Angela Rinschen und Katrin Stiller.- Bonn, 1999. 10. Freiheit und Nation: Gewerkschaft Solidarność und unabhängige polnische Presse 1980- 1990; ein Bestandsverzeichnis der Bibliothek der Friedrich-EbertStiftung/ bearb. mit Unterstützung der Erich-Brost-Stiftung von Irmgard Bartel. Bonn, 1999. 11. Das gedruckte Gedächtnis der Arbeiterbewegung bewahren: die Geschichte der Bibliotheken der deutschen Sozialdemokratie/ Rüdiger Zimmermann.- 3., erw. Aufl..- Bonn, 2008. 12. Ein Mann des Volkes: Personalbibliographie Holger Börner/[bearb. von Anne Bärhausen].- Bonn, 2003.(Druckausgabe vergriffen) 13. Verbrannt, geraubt, gerettet!: Bücherverbrennungen in Deutschland; eine Ausstellung der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung anlässlich des 70. Jahrestages/ mit Beitr. von Detlev Brunner...[Red. und Ausstellung: Erhard Stang].- Bonn, 2003.(Druckausgabe vergriffen) 14. On the history and policy of the IUF/ ed.: Peter Rütters...[Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung].- Bonn, 2003. 15. Graue Literatur aus deutschen Gewerkschaftsbibliotheken: ein Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft/[Text der Begleitbroschüre: Rüdiger Zimmermann und Rainer Gries].- Bonn: Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung, 2003. 16. Bauarbeitergewerkschaften in Deutschland und internationale Vereinigungen von Bauarbeiterverbänden(1869- 2004): Protokolle, Berichte, Zeitungen; ein Bestandsverzeichnis der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung/ Peter Rütters; Rüdiger Zimmermann.- Bonn, 2005. 17 Soziale Bewegungen online: 8. Inetbib-Tagung in Bonn vom 03.- 05. November 2004; Projekte der Friedrich-Ebert-Stiftung und ihrer Partnerorganisationen/ [Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung].- Bonn, 2005.(Druckausgabe vergriffen) 18. Zwischen Antisemitismus und Interessenvertretung: Periodika und Festschriften des Deutschnationalen Handlungshilfen-Verbands in der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung; ein Bestandsverzeichnis/ bearb. von Katja Nerger und Rüdiger Zimmermann.- Bonn, 2006. 19. Das Trotzkismus-Archiv(Sammlung Hermann Weber) in der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung: ein Bestandsverzeichnis/ bearb. von Anne Bärhausen und Gabriele Rose.- Bonn, 2007. Die„Veröffentlichungen der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung“ finden Sie – bis auf wenige Ausnahmen – auch im Volltext im Internet: http://library.fes.de. Bestellungen richten Sie bitte an: Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung Frau Hilke Everding Godesberger Allee 149 53175 Bonn e-mail: hilke.everding@fes.de