KARL BRÖGER- Arbeiterdichter, Journalist und Politiker Dokumentation zum Symposium am 11. Oktober 2008 in Nürnberg Das Symposium wurde veranstaltet und unterstützt von . Karl-Bröger-Gesellschaft e.V., Nürnberg . Friedrich-Ebert-Stiftung, Regionalbüro Regensburg . Karl-Bröger-Zentrum der Fränkischen Verlagsanstalt, Nürnberg . Bildungszentrum der Stadt Nürnberg . Stadtbibliothek Nürnberg an der Vorbereitung und Durchführung des Symposiums waren beteiligt: Knut Engelbrecht, Annette Englisch, Siegfried Kett, Miriam Mally, Christian Pröbius, Horst Schmidbauer, Dr. Manfred Scholz, Christian Vogel, Rainer Wagner, Gert Wagner, Inge Wörlein, Ruth Zadek, Harald Zintl Impressum: 4 ISBN: 978-3-86872-037-2 Herausgeber: Siegfried Kett, Manfred Scholz und Harald Zintl Herausgebende Institutionen: Karl-Bröger-Gesellschaft e.V. Karl-Bröger-Strasse 9, 90459 Nürnberg Friedrich-Ebert-Stiftung Richard-Wagner-Strasse 5, 93055 Regensburg Fotos: . Titelfoto: Museen der Stadt Nürnberg . aus den jeweiligen Beständen der Referenten/Autoren . vom Symposium: Gert Wagner Gestaltung: Ingo Remde Satz und Herstellung: rotdruck.de, Nürnberg Inhaltsverzeichnis 6 Vorwort der Herausgeber 8 Grußworte Knut Engelbrecht, Harald Zintl 10 Karl-Bröger „Licht hinter Gittern“ 12 Vortrag Dr. Gerhard Müller: DAS LEBEN DES ARBEITERDICHTERS KARL BRÖGER 50 Karl-Bröger „Heimkehr und Gelöbnis“ 52 Vortrag Prof. Dr. Peter Lösche: HALTUNGEN, GESINNUNGEN UND AUSDRUCKSWEISEN IN DER SOZIALDEMOKRATIE IM KAISERREICH UND IN DER WEIMARER REPUBLIK 60 Karl-Bröger „Der steinerne Psalm“ 62 Vortrag Dr. Alexander Schmidt: „... EINZIG KARL BRÖGER“ – NÜRNBERGS BEKANNTESTER SCHRIFTSTELLER IN DEN ZWANZIGER JAHREN 78 Karl-Bröger „Lied der Arbeit“ 80 Vortrag Prof. Dr. Hermann Glaser: NATIONALSOZIALISTISCHE WELTANSCHAUUNG UND ARBEITERDICHTUNG 112 Karl-Bröger „Walzwerk“ 114 Programm des Symposium 115 Eröffnung durch den Nürnberger Oberbürgermeister Maly 117 Bilder vom Symposium 120 Nachwort Willy Prölß 124 Bibliographie 125 Biographie Vorwort der Herausgeber Unter den deutschen Arbeiterdichtern wird Karl Bröger an vorderster Stelle genannt. Nicht nur in seiner Heimatstadt Nürnberg trägt eine Straße seinen Namen und die Sozialdemokraten Nürnbergs haben ihre örtliche Parteizentrale nach ihm benannt. Es ist das Haus, in dem er vor 1933 als Redakteur der„Fränkischen Tagespost“ gearbeitet hat, ehe ihn die Nazis verprügelten und ins Konzentrationslager Dachau sperrten. Auch die Karl-Bröger-Gesellschaft beruft sich auf ihn. Dabei war Karl Bröger über Nürnberg hinaus nicht nur in Deutschland bekannt und anerkannt. Seine Werke erreichten teilweise hohe Auflagen, wie zum Beispiel„Bunker 17 – Geschichte einer Kameradschaft“(1.Auflage 1929) mit 89000 Exemplaren und Ausgaben in englisch(1930), französisch(1932) und schwedisch. 135000 Exemplare erreichte das Kinderbuch„Die Ferienmühle“(1936), davon 122000 in Neuauflagen zwischen 1948 und 1969. In vielen Schulbüchern der Nachkriegszeit waren seine Werke zu finden, insbesondere in Norddeutschland. Doch der Umgang mit Karl Bröger fällt mitunter recht schwer. Sein besonderer Rang als Lyriker und Schriftsteller wird des Öfteren angezweifelt, das Pathos seiner Sprache von jungen Menschen nicht mehr verstanden. Sein Wirken als Politiker und Erwachsenenbildner in der Weimarer Zeit gerät in Vergessenheit. Mit Brögers zwanzigjähriger Tätigkeit als Journalist hat sich ohnehin kaum jemand nach dem Zweiten Weltkrieg ernsthaft befasst, dessen Ende – und damit das Ende der Naziherrschaft – 6 er nicht mehr erleben durfte. Er ist 1944 im Alter von 58 Jahren gestorben. Dieser frühe Tod brachte es auch mit sich, dass er sich nie persönlich dazu äußern konnte, was es für ihn bedeutet hat, wenn nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten SA und Hitlerjugend nach seinen Texten, die er im Kampf für Freiheit und Demokratie geschrieben hatte, Lieder sangen. Oder warum er nach der Entlassung aus dem KZ nicht in den Widerstand gegangen oder zumindest ins Ausland emigriert ist, sondern sich in den Augen mancher Spätgeborenen mit den neuen Machthabern dahingehend arrangiert hat, um wieder schreiben zu können- unter den stets wachsamen Augen der Geheimen Staatspolizei überwacht worden ist. Wie er dabei mit dem Druck fertig geworden ist, seine Familie ernähren zu müssen und dafür Kompromisse mit den Herrschenden einzugehen. Er konnte sich nach dem Kriege gegen die verschiedenen Verdächtigungen nicht mehr wehren. Das übernahmen seine Angehörigen und politischen Weggefährten aus der Arbeiterbewegung. Vorwürfe machte ihm kein einziger von ihnen. Die Veranstalter sahen es als Herausforderung und Chance zugleich durch eine fundierte wissenschaftliche Auseinandersetzung im Rahmen eines ganztägigen Sym- posiums mehr Information, Klarheit und Präzision in die Diskussion um Bröger zu bringen. Darüber hinaus bietet die Beschäftigung mit Bröger und der Arbeiterdichtung eine hervorragende Möglichkeit zu einer lebendigen, vielschichtigen Annäherung an eine die Arbeiterbewegung und die Sozialdemokratie besonders prägende Epoche zwischen Kaiserreich, Weimarer Demokratie und Diktatur im Nationalsozialismus. Als Kooperationspartner konnten wir die Friedrich-Ebert-Stiftung, das Karl-BrögerZentrum der Fränkischen Verlagsanstalt, die Stadtbibliothek Nürnberg gewinnen und mit dem Bildungszentrum der Stadt Nürnberg auch die Volkshochschule, an der Bröger in der Weimarer Zeit jahrelang Vorträge und Seminare gehalten hat. Unser Bemühen galt dann der Suche nach Referenten, die sich zu Bröger selbst fundiert äußern bzw. den Zeitgeist und die Wertvorstellungen der Jahre vor und zwischen den beiden Weltkriegen darstellen konnten. Mit Gerhard Müller, Peter Lösche, Hermann Glaser und Alexander Schmidt konnten wir hervorragende Leute gewinnen, die zudem dank ihres wissenschaftlichen Renommees frei vom Verdacht waren, aus Gefälligkeit dunklere Stellen im Leben Brögers auszublenden. Eröffnet wurde die Veranstaltung durch den Nürnberger Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly. Für sein Nachwort danken wir Willy Prölß, dem langjährigen Bürgermeister der Stadt Nürnberg, Vorsitzenden des Vereins zur Geschichte Nürnbergs und Ehrenvorsitzenden der NürnbergSPD. Die einzelnen Beiträge sind in dieser Broschüre zusammengefasst. Eingefügt sind Texte Karl Brögers, die Patricia Litten und Erich Ude vom Nürnberger Staats-Schauspiel vor und zwischen diesen Vorträgen gelesen haben. Grußwort der Karl-Bröger-Gesellschaft Die Karl-Bröger-Gesellschaft e.V. wurde im Jahre 1982 in Nürnberg gegründet. Sie versteht sich als eine soziokulturelle Einrichtung. Wichtigstes Ziel war es seit ihrem Entstehen, im politischen und kulturellen Bereich Anstöße zum Vor- und Weiterdenken zu geben. Als gemeinnützige, private und kulturelle Institution fühlt sie sich den Ideen und Grundwerten der sozialen Demokratie und der deutschen Arbeiterbewegung verpflichtet. Als im Kreis der Mitglieder unserer Gesellschaft anlässlich des 25-jährigen Jubiläums im Jahre 2007 die Idee entstand, die Position Karl Brögers in seiner Zeit und seine Einordnung in das politische und kulturelle Umfeld der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts näher zu beleuchten, war es daher fast eine Selbstverständlichkeit, diese Anregung aufzugreifen. Denn auch wenn Bröger als Literat und Politiker, vor allem in Nürnberg, nie ganz vergessen war, so verblasste doch das Wissen um ihn in den vergangenen Jahrzehnten. Nicht zuletzt mit der Folge, dass er – zumindest unterschwellig- auch in der öffentlichen Diskussion nicht selten in eine politische Ecke gestellt wurde, in die er sicherlich nicht gehörte. Das Symposium, das nach über einjähriger Vorbereitungszeit, am 11. Oktober 2008 in Nürnberg stattfinden konnte, hat aus meiner Sicht nicht nur einen wesentlichen Beitrag zur Auffrischung des Wissens über Karl Bröger geleistet. Es stellt darüber 8 hinaus die weitere Diskussion über ihn auch auf eine stabilere und tragfähigere Basis als dies bisher der Fall war. Und gibt damit Bröger die Chance, den ihn zustehenden Platz in der Geschichte der deutschen Sozialdemokratie(wieder) einzunehmen. Herzlich danken möchte ich allen, die an der Durchführung des Symposiums, aber auch an der Vorbereitung dieses Bändchens beteiligt waren. Allen voran möchte ich, ohne hierdurch einen der vielen anderen Beteiligten zurückzusetzen, drei Personen besonders danken: Siegfried Kett und Manfred Scholz sowie Harald Zintl(ihm auch für die Friedrich-Ebert-Stiftung). Ohne ihren steten Einsatz und ihr Engagement wären dieser informative und spannende Tag und auch dieses Buch nicht möglich gewesen. Ich wünsche Ihnen eine interessante und ertragreiche Lektüre! Knut Engelbrecht Karl-Bröger-Gesellschaft Grußwort der Friedrich-Ebert-Stiftung Auf Einladung der Friedrich-Ebert-Stiftung und der Karl-Bröger-Gesellschaft haben sich vier namhafte Wissenschaftler bei einem wissenschaftlichen Symposium eingehend mit dem Schaffen und Wirken des Nürnberger Arbeiterdichters, Journalisten, Politikers und Pädagogen Karl Bröger beschäftigt. In ihren Beiträgen stellten sie den viel gelesenen Autor, sein schriftstellerisches und gesellschaftliches Lebenswerk in den Kontext geschichtlicher, kultureller, politischer und sozialer Entwicklungen vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis zum Ende des Nationalsozialismus. Die Veranstalter können nach der Veranstaltung vom 11. Oktober 2008 mit noch größerer Gewissheit und Überzeugung sagen: Für sein Jahrzehnte währendes politisches Engagement für Demokratie, Frieden und Republik, für Humanität, geistige Entwicklung und Kultur verdient Karl Bröger heute noch Respekt und Anerkennung. Bei dem wissenschaftlichen Symposium in Nürnberg wurde eindrucksvoll bestätigt, dass der wohl bedeutendste Arbeiterdichter der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch ein überzeugter und sehr aktiver Sozialdemokrat war. Karl Bröger engagierte sich besonders für die sozialdemokratische Arbeiterjugend, den republikanischen Schutzbund Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold und im publizistischen Kampf gegen den erstarkenden Nationalsozialismus. Noch im März 1933, also bereits nach dem Amtsantritt Hitlers, wurde Bröger für seine Partei, die SPD, in den Nürnberger Stadtrat gewählt. Die Nazis steckten ihn dafür Monate lang ins KZ Dachau. Der glühende Patriot Karl Bröger- auch das wurde thematisiert- neigte gelegentlich zur starken Betonung des Nationalen. Einige seiner Gedichte und Prosatexte übten daher eine nicht unerhebliche Anziehungskraft auf die nationalsozialistische Bewegung aus. Für sein Überleben und die Existenzsicherung seiner Familie ging der Autor mit dem NS-Regime fallweise Kompromisse ein. Karl Bröger war sicher kein Widerstandskämpfer. Aber alle Referenten unseres Symposiums kamen zu dem Schluss: Karl Bröger machte sich nie mit den Nationalsozialisten gemein. Der Kooperation mit ihnen verweigerte er sich konsequent. Unsere Tagung zeigte deutlich, dass Karl Brögers Verdienste für die soziale Demokratie von bleibendem Wert sind: Er gab den einfachen Leuten, den Arbeitern vor allem, eine kraftvolle und pathetische Stimme. Früh erkannte Bröger die Gefahren des Nationalsozialismus und kämpfte dagegen mit hohem politischen Engagement und spitzer Feder an. Und er blieb seiner sozialdemokratischen Überzeugung auch während der barbarischen Hitler-Diktatur treu, ohne Wenn und Aber. Dipl. Päd. Harald Zintl Leiter des Regensburger Regionalbüros der Friedrich-Ebert-Stiftung 10 Licht hinter Gittern Gedicht im Kapitel„Licht hinter Gittern“ in: Der Held im Schatten“, S. 83 ff: Löhner spricht es für sich im Obdachlosenwohnheim. (Ein Beispiel für ein sehr frühes Gedicht von Bröger) Rings umschattet mich die Dunkelheit. Nacht auf allen Wegen, weit und breit! Fiebernd sucht mein Aug den kleinsten Riss In der Zelle dieser Finsternis. Nirgends aber eine Fuge klafft In den Mauern meiner dunklen Haft, und der suchend irre Blick zerschellt, wo er auf die schwarzen Wände fällt. Wie in Stein gemauert rings umstarrt mich der Raum, erdrückend schwer und hart, dass mir der gepresste Schrei entquoll: Licht! … O Lichtes nur ein Auge voll! Gerhard Müller, geboren 1948 in Wiesbaden, Studium der Germanistik, Biologie, Philosophie und Pädagogik, Dissertation über Karl Bröger. Mitarbeit an verschiedenen geisteswissenschaftlichen Zeitschriften; Veröffentlichungen zur Sprachwissenschaft und zur neueren deutschen Literatur. Dr. Gerhard Müller DAS LEBEN DES ARBEITERDICHTERS KARL BRÖGER 1. Einleitung Vielen Dank für die Einladung, die mich überrascht und gefreut hat. Ich habe ja 12 schon 1986 zu Karl Brögers einhundertstem Geburtstag in Nürnberg gesprochen, nach Abschluß meiner Dissertation 1 , und war froh, nach damals fünfeinhalbjähriger Beschäftigung mit Bröger, die Ergebnisse einem interessierten Publikum darlegen zu können. In der Zwischenzeit hat sich, wenn ich richtig sehe, im Grunde nichts Neues ergeben. Ich mußte meine Befunde nicht ergänzen und an den Aussagen nichts ändern. Ich konzentriere mich hier auf die Biographie Karl Brögers, kann freilich seine Schriften – Belletristik wie journalistische bzw. politisch-theoretische Texte – nicht außer Acht lassen. Ein besonderer Aspekt dieses Beitrags auf Wunsch der Veranstalter ist dabei Brögers Stellung zum„Dritten Reich“. Kurz aus meiner Sicht vorweg: Es geht in jedem Fall um Entlastung,„Rehabilitierung“. Er war kein Überläufer und Renegat, er„blieb im Herzen Sozialdemokrat“ und zeigte keinerlei„faschistische Tendenzen“(wie törichterweise von einem Literaturwissenschaftler vor einiger Zeit noch behauptet worden ist, so Martin Rector, wenn er Lessen gegen Bröger u. a. absetzt:„auch wenn L. die faschistischen Tendenzen der Barthel, Bröger, Lersch u. anderer nicht teilt“; vgl. das von Walther Killy herausgegebene Literaturlexikon , München 1988–1992). 2. Zum Begriff Arbeiterdichtung Vorab aber – in groben Zügen – einige Hinweise zum Begriff Arbeiterdichtung, unter dem Bröger bekanntlich durchweg, und zwar schon seit den 20er Jahren, subsumiert wird. In einem Standardwerk zur deutschen Literatur(dem schon zitierten„Killy“) heißt es: Als A[rbeiterdichtung] werden, recht ungenau, seit der Mitte des 19. Jh. entstandene, formal u. inhaltlich stark divergierende Texte bezeichnet, die in einem durch ihren Autor oder ihr Sujet vermittelten engen Bezug zur Lebenswelt der Arbeiter oder zu deren polit. u. gewerkschaftl. Organisationen stehen. Historisch lassen sich fünf Phasen unterscheiden, in denen die A. eine jeweils spezif. Ausprägung erlangt. Nach zaghaften Ansätzen im Vormärz setzt mit der Gründung selbständiger Arbeiterorganisationen(1863: Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein) eine kontinuierl. Literaturproduktion ein. Sie bleibt bis zu ihrem Ende im Ersten Weltkrieg unmittelbar in die polit. Tagespraxis der Arbeiterbewegung integriert. Mit dem Expressionismus entsteht die„Arbeiterdichtung“, die sich um eine poetisch-ästhetische Verarbeitung industrieller K. F. um 1925. Foto: Georg Gärtner jun., Nürnberg, an sich vorgesehen für den Artikel im Großen Brockhaus(Leipzig 1929, Band 3). Arbeitswelt bemüht. Im Sog der Spaltung der Arbeiterbewegung nach 1917 bildet sich in den 20er Jahren die„proletarisch-revolutionäre Literatur“ heraus, die sich als Bündnis linker Kunstavantgarde u. parteil. Arbeiterschriftsteller im Klassenkampf versteht.[…][…] Die frühe A. entsteht Mitte des 19. Jh. innerhalb des engen Rahmens proletar. Selbstorganisationen. Ihre literar. Leistung erbringt A. als Teil einer aus dem sozialen Nichts wachsenden Arbeiterkultur, die die Hegemonie der bis dahin herrschenden Eliten radikal in Frage stellt. Sie entsteht als moderne Großstadtkultur, die rasch über eine eigene„proletarische Öffentlichkeit“ verfügt. A. vermittelt zwischen erlebtem Elend ihrer Leser u. proletar. Emanzipation, indem sie die Ausgebeuteten in siegreiche Helden verwandelt. Sie erreicht über Presse- u. Verlagsveröffentlichung, das Bildungswesen u. die Arbeiterfestkultur ihr Publikum. Sie verbreitet das noch fragile proletar. Selbstbild u. sichert einer traditionslosen Klasse erste Dokumente einer eigenen kulturellen Überlieferung. Das literar. Selbstverständnis der A. wird durch die Ablehnung einer artifiziellen Literatur u. die Forderung nach einer „schlichten“ bis pathetisch-heroischen Volkskunst geprägt. In der Frühphase(um 1860–1878) ist die A. fast ausnahmslos Teil der Bildungs- u. Propagandaarbeit. Ihre Autoren sind meist Funktionäre der Arbeiterparteien, wie Johann Philipp Becker, Johann Most u. Johann Baptist von Schweitzer. Nach dem Verbot der Sozialdemokratie 1878 ersetzen kulturelle Tarnvereine die Partei, was zu einem deutl. Anwachsen der literar. Produktion führt, eine Tendenz, die sich nach der Aufhebung des Sozialistengesetzes 1890 fortsetzt. Insgesamt sind aus der Zeit zwischen 1860 u. 1914 etwa 600 Autoren von Romanen, Kurzprosa, Gedichten, Dramen, Lebenden Bildern u. Autobiographien bekannt.[…] Die ab 1910 entstehende„Arbeiterdichtung“ setzt sich deutlich vom sozialen u. ästhetischen Selbstverständnis der frühen A. ab. Sie versteht sich als Teil der literar. Moderne.„Arbeiterdichter“ deuten ihr Schreiben als„Vergeistigung“ u. Nobilitierung der Arbeiterexistenz. Autoren wie Karl Bröger, Heinrich Lersch u. Paul Zech begreifen sich als intellektuelle Elite der aus ihrer Sicht produktivsten Klasse der Industriegesellschaft. In der umfangreichen Produktion der 20er Jahre stehen – beeinflußt vom ital. Futurismus – ästhetische Aspekte von Arbeit u. Technik im Mittelpunkt. Dynamik u. Tempo der Industrialisierung werden häufig in hymnischpathetischer Form zur wahren Seinsweise des modernen Menschen stilisiert. Mythisierungen der Arbeitswelt u. eine der konkreten soziolog. Differenzierung entkleidete Werk-Gemeinschaftsideologie bringen Autoren wie Max Barthel in die Nähe nationalsozialistischer Blut-und-Boden-Ideologie(Das unsterbliche Volk. Bln. 1933). Andererseits führt die„Arbeiterdichtung“ in den 20er Jahren die sozialdemokratische Kulturpolitik vorsichtig an die literar. Moderne heran u. initiiert z. T. bis 14 heute bestehende Kultureinrichtungen wie die Büchergilde Gutenberg(ab 1924) mit.[…](Klaus-Michael Bogdal; in: Killy Literaturlexikon; München 1988–1992, Band 13.) Ähnlich – und dabei in manchen Punkten instruktiv – sind die Ausführungen in einem maßgeblichen theologischen Lexikon: 1. Der Begriff A. ist mehrdeutig[!] wie der Begriff Arbeiter selbst und daher am besten historisch zu fixieren. Nach Minna Loeb[frühere Dissertation zum„Ideengehalt“ der Arbeiterdichtung] ist A.„Dichtung, die von Arbeitern geschaffen ist und formal oder inhaltlich Beziehungen aufweist zu der Schicht, in der sie entstand“. Sie ist dasjenige Teilgebiet der sozialen Dichtung, das sich mit dem Arbeitersein befasst und von Arbeitern selbst verfaßt ist.[…] Sozialrevolutionäre Impulse sind schon in der Geniedichtung des 18. Jh.s, insbesondere im Drama des Sturm und Drang wirksam. Mit der zunehmenden Industrialisierung gewinnen sie in der bürgerlichen Literatur des 19. Jh.s an Umfang, Tiefe und politischer Stoßkraft.[Man denke insbesondere an Georg Büchner.] In drei großen literarischen Wellen wird diese Bewegung vorangetragen, die als ideologische Vorbereitung der spezifischen A. gelten kann: 1. vom sog. Jungen Deutschland und den Lyrikern des Vormärz, 2. von der gesellschaftskritischen Dichtung des Naturalismus und 3. von den revolutionären Expressionisten(Brecht, Becher, Toller, Mühsam u. a. m.). In den Saint-Simonistischen Ideen der Französischen Revolution und in England als dem Ursprungsland des modernen Industrialismus hat diese deutsche Sozialrevolutionäre Dichtung ihre Vorläufer und Vorbilder; in England kommt auch zuerst der soziale Roman zu breiter Entfaltung.[…] Noch zündender in der Wirkung waren Heinrich Heines„Zeitgedichte“ aus Paris, von Saint-Simonistischen Ideen getragen und gleichfalls durch den persönlichen Kontakt mit Karl Marx angeregt. […] Vorbehaltlos hingegen identifiziert sich mit der Idee des Klassenkampfes Georg Weerth(1821–56), von Friedr. Engels als„der erste und bedeutendste Dichter des Proletariats“ bezeichnet, in zahlreichen satirischen und politischen Gedichten und in seinem von Marx hg. Roman„Leben und Thaten des berühmten Ritters Schnapphahnski“(1848/49). Jakob Audorf, der Verfasser der„Arbeitermarseillaise“(1864), der zusammen mit Ferd. Lassalle in Leipzig 1863 den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein gründete, ist ein erster, vereinzelter Vorläufer der A.[An dieser Stelle ist besonders an Georg Herwegh zu denken, der das Bundeslied für den Allgemein Deutschen Arbeiterverein dichtete, von dem die bekannten und bis heute zitierten Zeilen stammen:„Alle Räder stehen still,/wenn dein starker Arm es will“.][…] 2. Die A. als Versuch der literarischen Selbstdarstellung des Arbeiters wird, als sie im zweiten Jahrzehnt des 20. Jh.s erstmals als literarisches Gesamtphänomen in Erscheinung tritt, wesentlich durch drei Faktoren bestimmt: 1. künstlerisch durch den Expressionismus, nicht den Naturalismus, 2. sozial durch die Jugendbewegung, sie ist eher reformistisch als revolutionär, 3. politisch durch die nationale Erschütterung des ersten Weltkrieges, eher versöhnlich als kämpferisch, schwankend zwischen Pazifismus und Patriotismus, zwischen Menschheitsverbrüderung und Klassenkampf[ebenfalls richtig analysiert]. Sie ist zudem der Versuch, sich geistig und seelisch in einer Welt zurechtzufinden, die primär bestimmt ist durch den Gegensatz zwischen Mensch und Maschine, Mensch und Technik, Mensch und Masse und dann erst durch den zwischen Unterdrückern und Unterdrückten, Ausbeutern und Ausgebeuteten.[…] Die bekanntesten Arbeiterdichter in Deutschland sind – nach der Altersfolge geordnet – Ernst Preczang(*1870) Ludwig Lessen(*1872), Max Dortu(*1878), Otto Krille(*1878), Alfons Petzold(*1882), Otto Wohlgemuth(*1884), Karl Bröger (*1886), Julius Zerfaß(*1886), Heinrich Lersch(*1889), Fritz Woike(*1890), Bruno Schönlank(*1891), Gerrit Engelke(*1892), Max Barthel(*1893), Oskar Maria Graf(*1894), Kurt Kläber(*1897), Erich Grisar(*1898), Willi Bredel(*1901) Walter Bauer(*1904).[…] Bildung ist für den Arbeiter stärker mit dem Wissen als mit dem Glauben verknüpft. Doch bringt ein Aufruf des Arbeiterdichters Bröger in wenigen Monaten über 1000 Gedichte aus Arbeiterkreisen zusammen. In der Besinnung auf die hier schlummernden Seelen- und Bildkräfte liegt die eigentliche Bedeutung der A. Zu Beginn des ersten Weltkrieges zitiert Reichskanzler Bethmann-Hollweg die Verse des Arbeiterdichters Karl Bröger„... daß dein ärmster Sohn auch dein getreuester war. Denk es, o Deutschland!“[…].[…](M. Greiner; in: Die Religion in Geschichte und Gegenwart. Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft. Tübingen, 3. Aufl., 1956–1965.) Karl Bröger selbst gab in seinem Beitrag Was ist„Arbeiterdichtung“? (1938) diese – für ihn sehr charakteristische – Definition: Vorlesungen, zu denen ich eingeladen werde, pflege ich mit einer kleinen Rede über„Arbeiterdichtung“ zu eröffnen. Dabei läßt sich die Feststellung nicht vermeiden, daß dieser Begriff recht verschwommen und mit manchen Mißverständnissen behaftet ist. Handelt es sich um eine Dichtung von Arbeitern, über Arbeiter oder für Arbeiter? Liegt das Wesentliche des Begriffs im Arbeitertum von Dichtern oder im Dichtertum von Arbeitern?[…] Mit allem Nachdruck setze ich dann immer wieder auseinander: Es handelt sich hier um Dichtung, wobei der Umstand, daß die Dichter einmal Arbeiter waren oder noch sind, von durchaus untergeordneter Bedeutung ist.[…] Nicht die Herkunft der Dichter ist wesentlich, sondern allein und ausschließlich die Echtheit und 16 Wucht ihrer Verse, wie sie unter dem schwammigen Wort„Arbeiterdichtung“ zusammengefaßt werden. Nur in einem Land, das der Bildung Vorrechte einräumte und sie wohl auch dazwischen überschätzte wie bei uns, konnte man dem Irrtum verfallen, daß Dichtung von einem gewissen Bildungsstand abhängig wäre.[…] Entdeckt wurde für das öffentliche Bewußtsein in Deutschland die„Arbeiterdichtung“ im Krieg, obwohl sie durchaus nicht etwa durch das ungeheure Erlebnis des Krieges erweckt worden ist.[…] Doch vor wie nach dem Krieg hat diese Dichtung bewiesen, daß sie nicht erst des Weltkriegs bedurfte, um Leben und Schicksal[!] zu gestalten. Steht doch das Leben des Industrievolkes auch in normaler Zeit unter Gefahren und Spannungen, die denen einer Kriegszeit wenig nachgeben. Darum ist auch wenig von idyllischer Ruhe und sanfter Betrachtung in dieser Dichtung zu finden.[…] Soweit Bröger selbst(eine einläßliche Analyse dieses Beitrags, seiner Thesen bzw. der Beziehung zu Brögers Dichtungen sowie seiner Stellung im Rahmen der NSBedingungen – auch mit Blick auf Eingriffe von NS-Redaktionen – und Brögers Schreibtaktik in jener Zeit muß an dieser Stelle unterbleiben). Generell ist in Erinne- rung zu behalten, daß die ältere Arbeiterliteratur wie die spätere Arbeiterdichtung als Ausdruck einer„Gegenkultur“ bzw.„Subkultur“ zu verstehen ist(so eine Formulierung in dem instruktiven Band Deutsche Arbeiterliteratur von den Anfängen bis 1914 , hrsg. von Bernd Witte; Stuttgart 1977, S. 13, 15), daß ihre Funktion im Zusammenhang mit der proletarisch-sozialen Lage der„Unteren“ steht. Prägnant hatte dies J. H. W. Dietz in seiner Anthologie Deutsche Arbeiterdichtung 1893 ausgedrückt 2 (der Ausdruck A. ist also mindestens schon in diesem Jahr geläufig gewesen!): Der Vater der deutschen Arbeiterdichtung ist der Druck der Oberen auf die Unteren.[…] sie ist eine Lyrik der Opposition. Franz Mehring hatte übrigens die frühere Arbeiterliteratur, die seinerzeit weithin als proletarische Massenliteratur verbreitet war, im allgemeinen geschätzt und vor allem darauf verwiesen, dass sie als Literatur einer kämpfenden und aufsteigenden Klasse gesehen werden müsse, daß an sich deshalb„der Teufel die ästhetische Kritik holen möge“(siehe Gesammelte Werke , Band 11, Berlin 1961, S. 477). Wichtiger als alle terminologischen Definitionsbemühungen ist aber m. E. doch die konkrete Auseinandersetzung mit der Biographie der„Arbeiterdichter“ und ihren literarischen(belletristischen und publizistischen) Werken. Es wird sich dann auch herausstellen, dass die Autoren jeweils recht unterschiedlich und differenziert zu betrachten sind – meine intensive Beschäftigung mit Karl Bröger hat dies gezeigt; die detaillierte Monographie Rainer Bohns„Ich bin ein Prolet und du ein Prolet. Julius Zerfass im Traditionswandel der deutschen Arbeiterdichtung um 1900“(Edition PHI 1982) verdeutlicht dies ebenfalls. Darum, und nicht etwa aus purer Eigenwilligkeit, vermied ich in meiner Dissertation auch den Ausdruck„Arbeiterdichter“ und sprach nüchtern vom„Nürnberger Schriftsteller Karl Bröger“! 3. Biographie Brögers Die heutigen literaturgeschichtlichen Standardlexika lassen sich so vernehmen – es gibt nach wie vor eklatante Wissenslücken sowie Fehleinschätzungen: Bröger, Karl,* 10. 3. 1886 Nürnberg, † 4. 5. 1944 Nürnberg[…]. Arbeiterdichter. Der unehel. Sohn eines Schuhmachers u. einer Bortenwirkerin wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Die Realschule mußte B. nach dem achten Schuljahr verlassen. In der Folgezeit arbeitete er als Kaufmannsgehilfe u. als Tagelöhner auf dem Bau u. in Fabriken. Er schloß sich der Arbeiterbewegung an u. begann Gedichte zu schreiben. 1910 wurden seine ersten Arbeiten in den„Süddeutschen Monatsheften“ veröffentlicht. 1912 erhielt B. eine Stellung als Redakteur bei der Nürnberger Arbeiterzeitung„Fränkische Hauspost“[!, richtig: Tagespost], wo er, 1919 zum Leiter des Feuilletons aufgestiegen, bis 1933 blieb. 1912 gab B. seinen ersten Gedichtband(Gedichte. Mchn.) heraus. Im Ersten Weltkrieg folgten emphatische[?] Kriegsgedichte(darunter das berühmt gewordene, 1915 im„Simplizissimus“ erschienene Gedicht Bekenntnis). Seine Gedichtsammlungen(Aus meiner Kriegszeit. Nürnb. 1915. Kamerad als wir marschierten[!!, richtig: marschiert]. Jena 1916. Soldaten der Erde. Jena 1918) fanden insbes. unter der Arbeiterschaft Verbreitung u. erzielten hohe Auflagen. Im Tenor eines proletar. Nationalismus[?!, Begrifflichkeit unklar] stellte B. die Opferbereitschaft des arbeitenden„Volkes“[warum Gänsefüßchen?] für die Verteidigung„Deutschlands“ heraus u. appellierte damit zgl. an die Dankbarkeit des„Vaterlandes“. Neben Heinrich Lersch u. Max Barthel gehört B. zu den Hauptrepräsentanten der klass. Arbeiterdichtung der Weimarer Zeit[Begrifflichkeit unklar; diese Zusammengehörigkeit wäre noch zu beweisen]. B. war Sozialdemokrat u. betätigte sich politisch. Sein lyrisches Bekenntnis zum Sozialismus:„Es ist, weil es wird/und es wird, weil es sein muß,/daß wir aufsteigen/zum Sinn unserer Sendung“(Deutsches Gedicht. 1927), seine Betonung des kollektiven Schöpfertums u. die kultische Sprache mancher seiner Gedichte boten sich[dies ist nicht ganz falsch] der faschist. Ideologie an. Im März 1933 wurde er in den Stadtrat von Nürnberg gewählt u. bald darauf von den Nationalsozialisten aufgrund seiner Weigerung, der NSDAP beizutreten, ins Konzentrationslager Dachau gebracht. Nach seiner Entlassung im Sept. 1933 u. dem Verlust seines Redakteurspostens schrieb B., auch[?] um seinen Lebensun18 terhalt zu verdienen, zahlreiche[?, nur einige] Bücher, darunter v. a. Kinderbücher (Reta und Marie. Lpz. 1934. Die Ferienmühle. Köln 1936. Die Benzinschule. Lpz. 1936). Obwohl die Nationalsozialisten die Gedichte u. Lieder des„Kriegssängers“ in ihre Propaganda übernahmen[!:„die Gedichte u. Lieder“ ist ganz unzutreffend, es geht nur um einige ausgewählte Gedichte bzw. Teilen von ihnen] u. auch um B.s persönl. Engagement warben, blieb dessen Bekenntnis zum NS-Staat[?!, unbewiesen, leere Suggestion] eher zurückhaltend u. hinsichtlich seiner wahren Motive[?] schwer zu durchschauen. Als B. 1944 starb, bereiteten ihm die Nationalsozialisten ein pompöses Staatsbegräbnis[?, auch dies falsch, tendenziös; es handelte sich zudem um ein Parteibegräbnis, vom regionalen Propagandaamt gegen den Willen der Hinterbliebenen veranstaltet]. Nach 1945 galt B. als Kollaborateur u. geriet, von einzelnen Versuchen[?, steht das Urteil denn unverrückbar fest?] seiner Rehabilitation abgesehen, in Vergessenheit.[…](Peter König, in: Killy, Literaturlexikon, a. a. O. – Der Artikel in der nach zwanzig Jahren veröffentlichen neuen, angeblich „vollständig überarbeiteten“, Ausgabe Killy. Literaturlexikon. Autoren und Werke des deutschsprachigen Kulturraums; Berlin/New York: de Gruyter Verlag, Band 2, 2008, S. 213 f., unterzeichnet von Peter König und Ralf Georg Czapla, enthält dieselben Fehler und Vorurteile wie der ältere.) Bei Gero v. Wilpert liest es sich, knapper gefaßt, viel besser: Bröger, Karl, 10. 3. 1886 Nürnberg – 4. 5. 1944 Erlangen, Arbeiterfamilie, harte Kindheit, vom proletar. Arbeiter zum Kaufmannslehrling; sozialdemokrat. Journalist und Redakteur; im 1. Weltkrieg schwer verwundet; Führer in der Jugendbewegung, in der Weimarer Republik linksgerichtet, dann Wandel zum sozialist. Pazifisten mit Betonung des Nationalen[dies generell nicht unzutreffend]. Als Sozialdemokrat 1933 drei Monate im KZ Dachau, anschließend unter Polizeiaufsicht. Blieb trotz Kompromissen mit dem NS-Regime, das B.s Gedichte für s. weltanschaul. Zwecke in Anspruch nahm, dem sozialdemokrat. Gedanken treu.[wichtige und richtige Aussage] – Pathosferner[?] Arbeiterdichter, fand aus dem Kriegserleben und dem Leid der Nachkriegszeit zum eigenen Ton; Lyriker und Erzähler aus Arbeitertum und Kameradschaftserleben des Krieges; einfache und melodiöse Lyrik von männl. Haltung und stark suggestiver Wirkung; biograph. Roman s. Aufstiegs aus dem Proletariat„Der Held im Schatten“, Legende und Erzählung.(Gero v. Wilpert, Lexikon der Weltliteratur. Autoren, Stuttgart 1988.) * Ich schildere Ihnen nun in knappen Zügen, aber doch zusammenhängend und der Übersichtlichkeit halber chronologisch Brögers Lebensgang – siehe die ausliegende Kurzvita 3 ; sie fußt auf meiner Dissertation und der entsprechenden Verlagsmitteilung aus dem Jahr 1986, ich habe sie aktualisiert und erweitert. 1886: Karl Bröger wurde geboren am 10. März in Nürnberg-Wöhrd als Sohn des damals unverheirateten Paares Elisabeth Karpfenbauer, Heimarbeiterin, und Johann Bröger, Tagelöhner und Bauarbeiter. Von den acht Geschwistern sterben sechs im Kindesalter. Es waren wohl karge und trostlose Jahre, nicht untypisch für das Proletariat jener Zeit und auch für Nürnberg dokumentiert(siehe Industriekultur in Nürnberg, 1980). Bröger hat in seinem Roman Der Held im Schatten (1919) – er ist sehr stark autobiographisch geprägt – diese Zeit behandelt. Rückblickend sagt er später:„Ich weiß von einer Kindheit nichts“(Kleine Lebensbeschreibung, 1930). 1892–1900: Schulzeit. Bröger war begabt und geistig rege. Schon in der Grundschule traten dabei soziale Widersprüche auf; der Sohn des Hilfsarbeiters kommt in Konflikt mit Angehörigen der Mittelklassen(„protziger Pfragner“). 1896 kommt Bröger mit Hilfe des Geistlichen Pechmann auf die Königl. Bayer. Kreisrealschule Peunthof. Die sozialen Verhältnisse – die Schüler kommen in aller Regel aus dem Bürgertum – lassen seine Talente und Fähigkeiten nicht zur Geltung kommen. Die Söhne der„besser situierten Leute“ versperren ihm den Weg. Gleichwohl bringt er es zu guten schulischen Leistungen. Er protestiert mit Renitenz und Disziplinlosigkeit und wird der Schule verwiesen. Zu Hause war kaum Hilfe; die Eltern erhofften, Klassenfoto, 1900. Königl. bayer. Realschule Peunthof. K. B.: vordere Reihe, zweiter von rechts. 20 Eines der frühesten Gedichte Brögers, aufgenommen in seinen autobiographischen Roman„Der Held im Schatten“. Wiedergabe der Handschrift mit freundlicher Genehmigung von Arnold Bröger †, Egloffstein. Brögers erste Buchveröffentlichung in der Fränkischen Verlagsanstalt Nürnberg: Aus meiner Kriegszeit, 1915, mit dem oft zitierten Gedicht Bekenntnis. damit er einen Ausweg aus der Lage der Deklassierten fände, dass er Lehrer werde. Bröger pflegt enthusiastisch die Lektüre literarischer(schöngeistiger) Werke. Seinen späteren literarischen Texten merkt man an, dass er sich intensiv„den deutschen Klassikern“ zugewandt hatte, deren poetische Formen er oft nachempfand. 1900–1905: Bröger arbeitet als kaufmännischer Angestellter und Tagelöhner; begeht Unregelmäßigkeiten und Betrügereien, wird mehrmals zu Gefängnisstrafen verurteilt. Beginnt zu dichten, um sich über die deprimierenden Lebensverhältnisse zu erheben. Er dichtete,„um zu sich selbst zu kommen“, interpretiert später zu Recht Walther G. Oschilewski(1937 u. a.; Diss., S. 5). 1906–1908: Der Lehrer Felix Schwarz bestärkt Bröger in seinen schriftstellerischen Neigungen. – Militärdienst: Er kommt in Eichstätt als Rekrut zum 21. Bayer. Infanterie-Regiment. Rückblickend stellte er fest( Was hat Sie zum Sozialisten gemacht? , 1922; Diss., S. 8): Als ich nach zwei Jahren vom Militär frei wurde, gab es einen überzeugten Sozialisten mehr.[…] Ich erkannte in diesen zwei Jahren einfach den Unsinn aller ‚Herrenrechte‘. Die Auslieferung des Menschen an eine kalte, herzund hirnlose Maschinerie ist mir überwältigend demonstriert worden. In diesen Jahren also wendet sich Bröger der Sozialdemokratie zu, mehr, wie es scheint, als gesellschaftlicher Oppositionskraft als klassenkämpferischer proletarischer Bewegung. 1908–1910: Wieder in Nürnberg, schlägt Bröger sich als Gelegenheitsarbeiter durch. Er schließt sich der Gewerkschaftsbewegung und der SPD an. – Der Lehrer Emil Grimm erfährt von seinen Dichtungen und fördert ihn. Am 1. 10. 1910 veröffentlicht der General-Anzeiger zwei Gedichte Brögers, woraufhin ihn die örtliche SPD als Schauspielkritiker zur Fränkischen Tagespost holt; zu nennen ist vor allem Adolf Braun. Es kommt zur Wende seines Lebens. Bis März 1933, seit 1913 als Redakteur, arbeitet Bröger bei der Nürnberger SPD-Zeitung – anfangs war dies nicht als Dauerlösung gedacht, eher als vorübergehend. Er hegte die Hoffnung, nach München zu gehen und als Dichter„seiner Kunst zu leben“(Diss., S. 12)! Hier ist also das Motiv für sein Schreiben zu sehen, die Betonung des Literarischen, der „Dichtung“(wie er z. B. 1938 im Blick auf den Terminus Arbeiterdichtung formulierte;„Echtheit und Wucht“ der Verse). Exkurs: Adolf Braun, geb. 1862 in der Steiermark, Schriftsteller und Redakteur, bei mehreren SPD-Parteizeitungen, ab 1892 bei der Fränkischen Tagespost; 1919/20 Mitglied der Nationalversammlung, 1920–1928 des Reichstags; ab 1920 Sekretär des Parteivorstands, bis 1927 verantwortlich für die Parteipresse. Braun war auch in der Programmkommission zum Görlitzer Parteitag der SPD, 1921; in dem verabschiedeten Programm wurden als Forderungen zur Kultur- und Schulpolitik formuliert:„Recht aller Volksgenossen an den Kulturgütern“ und:„Bildungsstätten für erwachsene Volksgenossen als freie Arbeitsgemeinschaften zum Aufbau einer lebendigen Volkskultur“(nach Osterroth/Schuster, Chronik der deutschen Sozialdemokratie , Bd. II, 1975). Brögers späteren Texten wird man den Willen, diese Maximen zu verwirklichen, ablesen können. Und dass er sich auch Erziehungsfragen widmen sowie über etliche Jahre hinweg als Dozent an der Volkshochschule Literaturkurse halten wird, ist konsequent. 1912: Im Juni wird der Sohn Friedrich geboren; die Eltern – Karl und Anna – heiraten im Juli. – Im Hans-Sachs-Verlag München erscheint Brögers erste Buchveröffentlichung: Gedichte . Inhaltlich: Es handelt sich um Lyrik im traditionellen Stil. Dieses Buch wird mit einem Vorwort von Prof. Franz Muncker eingeleitet; dieser hatte zuvor an Bröger geschrieben: „Ich hoffe, diese Ausgabe soll Ihnen nicht nur Lob im einzelnen einbringen[…], sondern Ihnen allmählich einen bestimmten, anerkannten Platz in der deutschen Dichtung erobern[…].[…][K]ann ich es nur gutheißen, wenn Sie eine ruhige, sichere Arbeitsstellung haben, wie sie Ihnen die Stelle im städtischen Dienst bieten kann. Hoffentlich steht sie Ihnen noch offen.“ Zu Letzterem kam es bekanntlich nicht. Bröger blieb der Nürnberger SPD und der Fränkischen Tagespost verbunden. 22 1914: Die singende Stadt . Brögers zweites Gedichtbuch kommt im Verlag der Nürnberger SPD heraus; in ihm werden soziale Themen artikuliert. Krieg: Im August wird Bröger als Landwehrmann einberufen und kommt an die Westfront; Oktober: Verwundung und Dienstuntauglichkeit. Im Dezember entsteht das bis heute bekannte und zitierte Gedicht Bekenntnis . Später, besonders ab 1917, setzt Bröger sich für einen baldigen Frieden ein. 1915–1917: Im Januar 1915 hatte der Simplicissimus Brögers Gedicht Bekenntnis gedruckt, es erschien bald darauf in dem Lyrikbändchen Aus meiner Kriegszeit , jetzt bei der Fränkischen Verlagsanstalt Nürnberg gedruckt! Mit der Zeile„Denk es, o Deutschland“(letzte Strophe) erinnert Bröger an Eduard Mörikes bekanntes Gedicht Denk es, o Seele! und will damit, wie mir scheint, seine Position und die der Arbeiter in die bürgerlich-kulturelle Tradition einreihen, um ihnen den Ruch der „vaterlandslosen Gesellen“ zu nehmen. Für die Fränkische Tagespost arbeitete Bröger fortan weiter und auch viele literarische Beiträge, von ihm wurden dort publiziert. 1916 erscheint die zweite Folge der Kriegsgedichte: Kamerad, als wir marschiert . Diesmal bei Eugen Diederichs in Jena. Über den Verleger, der u. a. der Jugendbewegung verbunden war und seinen Verlag wäre viel zu sagen, was hier nicht geschehen kann. Diederichs und Bröger(der bei etlichen Verlagen publizierte) standen über viele Jahre in Kontakt, und noch Brögers letzte Buchveröffentlichung zu Lebzeiten, Sturz und Erhebung , ist 1943 bei Diederichs erschienen. – 1917 erschien das Prosabüchlein Der unbekannte Soldat (ein sprechender Titel) bei Reclam; ebenso typisch für Bröger der Untertitel: Kriegstaten und Schicksale des kleinen Mannes. Von Hurra-Patriotismus und Chauvinismus ist hier nichts zu spüren, dagegen kommt etwa auch der einfache französische Soldat in den Blick. 1918/1919: Bröger tritt im Sinne der MSPD aktiv für die Novemberrevolution ein, und er gründet mit J. A. Meisenbach die Zeitschrift Der Volksstaat. Eine Wochenschrift(für Gemeinschaft), die von Dezember 1918 bis April 1919 erschien. Wichtig ist daneben die Flugschrift Vom neuen Sinn der Arbeit , 1919 in der Fränkischen Tagespost, aber auch bei Diederichs erschienen, in der Bröger – in poetisch-hymnischem Stil – für Sozialisierung der Wirtschaft und„Gemeinwirtschaft“ bzw.„Wirtschaftsdemokratie“ eintritt(Diss., S. 276 ff.). Am Ende proklamiert er: Ein neuer Geist muß aufstehen.[…] Vor uns her tragt die Tafeln des neuen Rechtes, auf denen weithin sichtbar geschrieben steht: Arbeit ist keine Ware, die zu kaufen oder zu verkaufen ist. Arbeit will Kraft zur Freude, damit ihr Werk von dieser Kraft getragen sei. Arbeit ist die Ehre, die allen zukommt in gleichem Maße. Arbeit ist Geist und Tat, Idee und Handgriff, Hirn und Faust.[…] Die Arbeit will wieder ein menschliches Gesicht, darin sich die Gottheit spiegelt. An seinen Freund Max Barthel(auch als einer der prominenten„Arbeiterdichter“ bekannt), der sich der Spartakusgruppe angeschlossen hatte, schrieb er: Du mußt nicht glauben, daß ich dir deine Meinung übel nehme, kann ich sie doch verstehen.[…] Du lebst in der Heimkehr-Stimmung[…] und bist fest entschlossen, die Welt auf den Kopf zu stellen. Lieber Freund, die Welt stellt eher uns auf den Kopf[…]. Es gibt keine Reformation der äußeren Welt ohne eine Revolution der inneren Welt.(Siehe Diss., S. 124.) Es zeigt sich: Revolution contra Reformation; Bröger lehnt Klassenkampf und die Diktatur des Proletariats ab, vertritt die Mehrheitssozialdemokratie und betont Werte wie Geist, Kultur, Menschheit, Nation – dazu später noch mehr(dies verbindet ihn z. B. auch mit Eugen Diederichs und der Neuromantik). Zwischenzeitlich war es zum sog. Nürnberger Konflikt gekommen, und Bröger hatte auch 1918 auffällig wenig in der Fränkischen Tagespost verfaßt, womöglich zeitweilig seine Bindung gelöst. Darf ein Sozialdemokrat für bürgerliche Organe schreiben? Bröger hatte der Nürnberger Zeitung ein Gedicht überlassen und mußte sich vor Parteigremien rechtfertigen(Diss., S. 125). In der Debatte ergab sich, dass es sich um keine Originalveröffentlichung gehandelt hatte. 1918 erschien bei Diederichs ein weiterer Band mit Kriegsgedichten: Soldaten der Erde . In ihnen treten pazifistische Momente stärker hervor; literarisch nähert sich Bröger dem Expressionismus. Das Drama Spartakus , vielleicht nur Fragment, ist m. W. verschollen. Brögers autobiographischer Roman Der Held im Schatten erscheint 1919 im Verlag von Eugen Diederichs. Er gehört zu seinen wertvollsten Werken und ist nach wie vor lesenswert. Vor einigen Jahren wurde er nachgedruckt(Degener Verlag, Neustadt a. d. Aisch). 1920: Bröger erhält eine„Ehrengabe“ der Johannes-Fastenrath-Stiftung, Köln, und die Nürnberger Schillerstiftung, die ihn 1910 unterstützt hatte, fragt an, ob er bereit sei, Mitglied im hiesigen Hauptausschuß zu werden. Mit Flamme (Gedichte und Versspiele; bei Diederichs erschienen) erscheint sein m. E. literarisch bedeutendstes Buch. Hier finden sich eindrucksvolle Verse, auch Naturlyrik und größere lyrische Formen(Versspiele) und besonders sein demokratisch-republikanisches Bekenntnis: Heimkehr und Gelöbnis, Die Freiheit spricht . Daneben kamen Die vierzehn Nothelfer . Ein Buch Legenden heraus(Worpswede 1984) – soweit ich sehe, neben Der Held im Schatten der einzige Titel Brögers, der nach 1945 neu aufgelegt wurde(sonst nur Auswahleditionen wie Bekenntnis, Fränkische Verlagsanstalt, 1954). – Von anderer Art, nämlich der Versuch, auch seinerzeit öffentlich tabuisierte Themen zu gestalten(wobei er sich immerhin etwa auf Goethes Venezianische Sonette berufen konnte), war die Privatveröffent24 lichung Phallus. Gesänge um den Mann . Bröger nimmt am Weimarer Reichsjugendtag teil und spricht zum Thema„Jugend und Kultur“. Bis 1928 ist sein Engagement für die sozialdemokratische Jugendbewegung nachweisbar; hier zeigt sich nachdrücklich ein wesentlicher Zug seiner Bestrebungen, zugleich wird die nationale Bedeutung Brögers deutlich. Er verfaßt etliche Aufsätze für dieses Publikum und in vielen seiner Gedichte finden sich Reflexe. Ein Teilnehmer des Weimarer Jugendtags hielt fest(E. R. Müller, Diss., S. 130 f.): Abseits, in einem stillen grünen Winkel[des Tiefurter Parks], liegt, sitzt am Fuße eines grauen Baumes eine kleine, andächtige Gemeinde. Karl Bröger steht vor ihr und liest aus einen Werken. Gedankentief, durchglüht von der großen Liebe zur Menschheit, so fügt seine Kunst Bande von Herz zu Herz. In seinem Vortrag Jugend und Kultur führt Bröger aus: Ich kann den Sinn unseres ersten Reichsjugendtages nur so verstehen, daß in der deutschen Arbeiterjugend der Trieb zur Gemeinschaft so übermächtig[ist]. Dieser Trieb hat uns zusammengeführt. Er ist der eigentliche Schöpfer der Tagung. Nicht nur auf wirtschaftliche Befreiung ist der Wille der deutschen Arbeiterjugend gerichtet, er zielt vor allem auf Kultur. Diesem Willen gilt es Raum zu geben, damit er wirken kann. Deshalb fasse ich den Sinn unsrer Zukunft in die Forderung: Gebt Raum,/daß wir wieder Straßen zum Himmel sehn/und unserm Traum,/der Sonne verbrüdert, entgegengehn. 1921–1924: 1922 erschienen als Buchveröffentlichung nur Der Vierkindermann . Ein Sang von Sommer, Sonne und Söhnen, eine autobiographische Verserzählung (Brögers hatten drei Söhne und eine Tochter), 1923 der im Kontext von Brögers Kurs innerhalb der Jugendbewegung charakteristische Versband Deutschland. Ein lyrischer Gang in drei Kreisen und der Sprechchor Tod an der Wolga (zur Hungersnot in der Sowjetunion; beides bei Oskar Wöhrle, Konstanz). Die Arbeit für die Jugendbewegung beanspruchte ihn anscheinend sehr; der Reichsjugendtag der sozialdemokratischen Arbeiterjugend fand 1923 in Nürnberg statt. Das Lyrikbuch Deutschland müßte ausführlicher analysiert werden, als es hier möglich ist. Die„drei Kreise“ sind: Das Land, Die Fabrik, Die Gemeinschaft. Im ersten Kreis finden sich die oft zitierten Verse „Morgensonne lächelt auch mein Land,/ Wälder grünen her in dunklem Schweigen.[…]//Land, mein Land, wie leb ich tief aus dir![…]“ Im zweiten tauchen proletarische Motive auf(der alte Arbeiter, die Maschine, die Arbeiterstadt), und das Gedicht „Kohle, schwarze Kohle graben wir./Höllendunkel decken das Revier.//[…] Doch wir wissen auch: Was oben flammt,/Ist ein Glanz, der aus der Tiefe stammt.“ wird von Bröger später dem proletarischen Sprechchor Rote Erde(1928) integriert. Am Ende stehen die gleichfalls in späteren Jahren, auch in der NS-Zeit(u. a. 1935 von Heinrich Spitta vertont), immer wieder beanspruchten Zeilen: Nichts kann uns rauben/Liebe und Glauben/Zu diesem Land.[…] Mögen wir sterben!/Unseren Erben/Gilt dann die Pflicht:/Es zu erhalten/ Und zu gestalten/Deutschland stirbt nicht. Geschrieben wurde dies also 1923, nach Jahren der bewaffneten Auseinandersetzungen, den Januarkämpfen, des Kapp-Putschs, den Kämpfen an der Ruhr. Ein konservativer Rezensent befand, dieses Gedichtbuch sei im Geiste„jenes hochkultivierten politischen Idealismus geschrieben,[…] dem national und sozial dasselbe war“(Ernst Lissauer, 1923/24, in: Die Literatur). Von 1921–1929 leitete Bröger daneben an der Nürnberger Volkshochschule Literaturkurse, 1923 z. B. zu Friedrich Hebbel. Als Redakteur der Jungsozialistischen Blätter trat er engagiert für seinen Kurs, der, wie man sich denken kann, umstritten war, ein. Dazu hat sich Franz Walter in seiner 1986 erschienenen Monographie Nationale Romantik und revolutionärer My- Ein Beispiel für Brögers politische, tagesgebundene Gedichte, die er nicht nur, wie hier, für die Fränkische Tagespost schrieb, sondern für etliche andere Zeitungen und Zeitschriften. Der Pfeiler erschien aus Anlaß der Vereinigung der MSPD mit großen Teilen der USPD am 23. 9. 1922. 26 Zeichnung von einem Teilnehmer an Brögers Literaturkursen an der Nürnberger Volkshochschule. K. B. war von 1922 bis 1924 Redakteur der Jungsozialistischen Blätter, für die er etliche Beiträge unterschiedlichen Genres verfaßte. thos. Politik und Lebensweisen im frühen Weimarer Jungsozialismus eingehend geäußert. Ich kann dies hier kaum mehr als streifen. Von entscheidender Bedeutung war auch eine Arbeiterjugend-Tagung Ostern 1923 in Hofgeismar; als Schlagworte waren„Geist von Weimar“ und„Hofgeismar-Jungsozialismus“ noch lange präsent. Dazu nur ein Zitat aus Walters Studie(S. 41):„[D]ie einen haben ‚Hofgeismar‘ geradezu als eine Orgie nationalistischen Hurrapatriotismus wahrgenommen und zeitlebens scharf verurteilt, für die anderen war Hofgeismar kaum weniger als die Geburtsstunde des modernen, realistischen und staatsbejahenden demokratischen Sozialismus.“ Bröger war ein Exponent der„Hofgeismarer“. Im Juli 1924 „kapitulierte“ er, von„anhaltenden Attacken offenkundig mürbe gemacht“, wie Walter formuliert(S. 79) und legte die Redaktion der Jungsozialistischen Blätter nieder. Die Beziehungen zur Arbeiterjugend und die Kontakte zum HofgeismarKreis blieben indessen bestehen. 1923 hatte Bröger zudem die Abhandlung Phantasie und Erziehung publiziert – die ich hier inhaltlich übergehen muß, aber im Nebenbei an sein breites Interesse erinnere, wobei die Nähe zu seinem Engagement in der Jugendbewegung erkennbar ist. 1924–1926: Eine neue Phase, zugleich ein weiteres wichtiges Tätigkeitsfeld Brögers zeichnet sich ab: Er ist Mitgründer des Gaues Franken des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold und wirkt als Schriftsteller und Redner für diesen republikanischen Schutzbund – dessen„Hymne“(sein von Constantin Brunck vertontes Gedicht Vaterland, ein hohes Licht; aus dem Band Flamme, 1920) er auch verfaßt hatte. Im Juni 1924 rief er zur Gründung der regionale Reichsbanner-Gruppe auf und gestaltete die Gründungsversammlung mit. 1926 verwahrte er sich in der Zeitschrift Junge Menschen(Heft 10) gegen die Vereinnahmung von ganz rechts und betonte seine Zugehörigkeit zur Sozialdemokratie; prononciert stellte er dabei das Ziel des Reichsbanners heraus: Den jungen deutschen Volksstaat unmittelbar in das Herz der Massen zu verlegen! […] Um für künftige Fälle jeden Irrtum auszuschließen: Ich bin Sozialdemokrat seit Jahren vor dem Krieg, habe den Krieg und die Zeit nach dem Krieg als überzeugter Sozialdemokrat durchlebt, gründete das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold im Gau Franken mit und gehöre dem Reichsausschuß dieses republikanischen Bundes an. […] Ich habe nie eine Zeile zur Verherrlichung des wilhelminischen Deutschlands geschrieben[…] Die deutschen Republikaner, an ihrer Spitze das Reichsbanner, werden[…] das Ziel erreichen, das sie sich gesteckt haben: Ein republikanisches Groß-Deutschland im Rahmen eines befriedeten Europas, ein wirkliches Vaterland der Massen, worin Einigkeit und Recht und Freiheit wohnen! In den„Schriften zur Zeit“ erschien parallel Brögers Abhandlung Deutsche Republik. Betrachtung und Bekenntnis zum Werk von Weimar, auch als Broschüre separat veröffentlicht(Diss., S. 278 ff.). Sie akzentuiert, im Geiste der„Hofgeismarer“, sein Verständnis von Nation und demokratischer Republik. Seit Ende 1924 veröffentlicht er unter dem Pseudonym Peter Igel in der Fränkischen Tagespost wöchentlich die„Stachelhecke“, eine satirisch-politische Serie, die sich später vielfach gegen die Nazis richtete. Es sind Kombinationen von Texten, vielfach Versen und Karikaturen, die von Oktober 1924 bis März 1933 nahezu wöchentlich erschienen, insgesamt eine wichtige – und von seinen Kritikern nicht zur Kenntnis genommene – Textsorte, mit der sein(partei)politisches Engagement zutage tritt(s. Diss., Bildtafeln 16–21). Auch politische Lyrik, sog. Tageslyrik – die allgemein nicht, auch von Bröger nicht, als„eigentliche“ Literatur verstanden wird bzw. wurde – schrieb er immer wieder, so z. B. im Wahlkampf 1930(Diss., S. 152): Letzter Ruf: Die Stunde naht/und ruft zur Tat/uns alle auf in Stadt und Land./ Das Schicksal liegt in unserer Hand./Auch du und du/gehörst dazu/Ob Mann, ob Frau, ob jung, ob alt:/Ihr gebt der Zukunft die Gestalt.//Wir treten an/nach einem Plan./Es geht um meins, es geht um deins,/Wählt alle, alle Liste 1. An literarischen Produktionen Brögers erschienen 1924/25 seine Lyrikbände Der 28 blühende Hammer und Unsere Straßen klingen , der„proletarische Sprechchor“ Der Morgen , der Erzählungsband Jakob auf der Himmelsleiter – was ich hier nur registriere. Charakteristisch und erwähnenswert sind indessen die Lyrikanthologien, die er zu Hebbel( Steigendes, neigendes Leben ) und zu Schiller( Wir, wir leben! Unser sind die Stunden sowie Alles ist der Freude offen ) zusammengestellt hatte; diese erschienen bei Fritz Heyder(Berlin) in der Wandersmann-Bücherei und stehen im Zusammenhang mit Brögers Engagement in der Jugendbewegung – ebenso wie die bekannte und von ihm herausgegebene Anthologie Jüngste Arbeiterdichtung (1925, 21929). Einleitend schreibt er hier: Aufgenommen wird, was in irgendeinem Zuge lebendig ist![…] Wer dieses Bändchen in die Hand nimmt, erwarte also nicht zuerst eine formal-literarische Leistung, sondern spüre dem darin gestalteten Leben nach! Zum Begriff Leben bei Bröger wäre im historischen bzw. geistesgeschichtlichen Kontext eine Menge zu sagen, was ich hier leider übergehen muß. 1926 begrüßt Bröger im Namen des Gaues Franken des Reichsbanners eine Delegation österreichischer Schutzbündler. Es erscheint seine regional bezogene Erzählung Das Buch vom Eppele. Eine Schelmen- und Räuberchronik aus Franken – nach 1933 wird er sich dieser Thematik zweimal neu bedienen können. Zu den historischen Studien(„mühsame Vorarbeiten“) hatte Georg Gärtner sen. wesentlich beigetragen. 1927–1928: Für diese Jahre sind weder für Brögers Biographie noch für seine literarische Tätigkeit Besonderheiten zu verzeichnen; zu nennen immerhin ist sein neuer Sprechchor Rote Erde , der auf dem Dortmunder Jugendtag der sozialdemokratischen Arbeiterjugend und auch auf der SAJ-Jahrestagung in Nürnberg aufgeführt wird. Thematisch ist dieses Werk auf das Bergarbeitermilieu bezogen. Den zeitgenössischen Berichten nach waren die Aufführungen eindrucksvoll. Die Funktionärszeitschrift Der Führer hatte zur„Aufgabe der sozialistischen Jugend“ (Heft 3/1928; s. Diss., S. 148) u. a. geschrieben: Die Fragen der Bildung und der Erziehung erlangen eine immer höhere Bedeutung.[…] Besonders notwendig ist es, dem Spiel- und Romantikdrang der Jüngeren Rechnung zu tragen und sie nicht zu früh mit Politik zu füttern. Bröger hatte schon in früheren Jahren ebenfalls solche Vorstellungen vertreten. 1929: Für dieses Jahr sind hervorzuheben: die Erzählung Bunker 17. Geschichte einer Kameradschaft und die Abhandlung Versailles! Eine Schrift für die Schuljugend. Beides nicht unproblematische Werke, besonders Bunker 17, da dieses Prosawerk, gekürzt, nach 1933 nochmals erschien(Diss., S. 151, 281 ff., 329 ff., wo ich den Begriff„hilfloser Pazifismus“ gebraucht habe). In Bunker 17 geht es um die Thematik des Soldateneinsatzes im Ersten Weltkrieg. Die originale Widmung lautet„Allen Kameraden von gestern, heute und morgen!“ Gunda Fuchs, Nachbarin und Genossin Brögers aus Nürnberg-Ziegelstein, sagte 1982 dazu: In der SAJ haben wir das Buch positiv aufgefaßt. Wir hatten darüber einen Gruppenabend. Nicht alle waren einer Meinung[…]. Das Buch wurde als Militarismuskritik verstanden. Und eine allgemeine, direkte Ablehnung des Kriegs gab es damals, anders als nach 1945, ja nicht. Versailles! ist im„Benehmen mit dem Arbeitsausschuß Deutscher Verbände“ veröffentlicht worden. Diese Schrift ist von einem Literaturwissenschaftlicher regelrecht eine„revanchistische Broschüre“ betitelt worden, auch z. B. die Zeitschrift Das Andere Deutschland war äußert kritisch, desgleichen Kurt Tucholsky: Ja, das wärs. Dann liegt da noch in der Nachttischschublade eine kleine Schachtel, und in der schläft eine ganz alte, ganz verstaubte Gelatine-Kugel mit Rizinusöl[…]. Und ein Kalenderblatt. Und ein Heftchen mit frommen Sprüchen sogenannter Arbeiterdichter, darunter Karl Bröger, der nun glücklich bei der Bekämpfung des Schmachfriedens angelangt ist[…].(Peter Panter, in: Die Weltbühne, Nr. 42/15. 10. 1929, S. 593.) K. B. im Kreise vom SPD-Genossen, Nürnberg, um 1929. Von links: Georg Gärtner sen., Erwin Neumann, Redakteur, Frau Neumann, Anna Bröger, K. B., Frau Gärtner. Foto: Georg Gärtner jun., Nürnberg. 30 Ein weiteres Beispiel für die politische Tageslyrik Brögers, mit der er die SPD unterstütze. Letzter Ruf erschien zum Reichstagswahl vom September 1930 (Fränkische Tagespost vom 13. 9. 1930). In Nürnberg blieb die NSDAP unter dem Reichsdurchschnitt, die SPD gewann an Stimmen hinzu. Unter dem Pseudonym Peter Igel veröffentlichte K. B. über viele Jahre hin in der Fränkischen Tagespost die Stachelhecke, politisch-kritische und satirische Glossen. Die Stachelhecke erschien regelmäßig in der Fränkischen Tagespost am Sonntag. Hier ein Beispiel vom 31. 8. 1930. Um nur einen Punkt wenigstens zu streifen: Der Versailler Vertrag war nicht nur von rechten Parteien angegriffen worden, von der„Versklavung Deutschlands“ – so ein Brögerscher Ausdruck – war vielfach gesprochen worden. Und der Historiker H. A. Winkler resümierte 1984:„Im Kampf gegen den Friedensvertrag von Versailles bedienten sich führende Sozialdemokraten und Gewerkschaftler mitunter einer Sprache, die man sonst nur von weit rechts stehenden Kreisen hörte“(Diss., S. 281 f.). Bröger, darauf ist hinzuweisen, stellte in Versailles! sozialdemokratische Motive heraus, indem er z. B. den französischen Sozialisten Léon Blum zitierte und auf die Leiden, die der Krieg verursacht hatte, verwies sowie auf das Ziel, einen „wirklichen Friedensvertrag“ zu schaffen. 1930–1932: Die Radikalisierung des politischen Lebens bewirkt bei Bröger, wie sich denken läßt, ein Überwiegen der politischen Tätigkeit und das Zurücktreten der literarischen Produktion(auch Einladungen der Volkshochschule zu weiteren Literaturkursen nimmt er nicht mehr wahr). Zu registrieren sind keine Buchveröffentlichungen, dafür etliche journalistische Beiträge für die Bundeszeitung Das Reichsbanner . 1933: Am 5. März kandidiert Bröger, der bis zum Schluß für die SPD aktiv eingetreten ist und in der„Stachelhecke“ entsprechend publizistisch hervortrat, für diese Partei bei den Wahlen zum Stadtrat und wird gewählt. In der Nacht vom 9. zum 10. März stürmen die Nazis die Nürnberger Gewerkschaftsbüros und das SPDHaus, Sitz der Fränkischen Tagespost. Die Stadtratsarbeit der Sozialdemokraten wird verhindert. Später(am 27. April oder 8. Mai, nach der Quellenlage bleibt dies unsicher) wird Bröger misshandelt und später in das KZ Dachau verschleppt. Nach der Sitzung des Nürnberger Stadtrats vom 27. April, auf der der Nazi Willy Liebel zum Oberbürgermeister gewählt werden sollte, dem die SPD nicht zustimmte, kam es zu Gewaltszenen, die Nazis prügelten auf die Sozialdemokraten ein. Julius Streicher hatte dies verbal vorbereitet: „Sie haben die Hände nicht ergriffen[…]. Unter ihnen sitzt ein Dichter, und wer Dichter ist, der greift auf Quellen zurück. Ich erkläre feierlich, Leute, die sich zum Marxismus bekennen, finden niemals den Weg zu uns zurück.[…] Wer unser Feind sein will, der soll es sein.“ Arnold Bröger fügte aus der Erinnerung hinzu(Diss., S. 158 f.): Schon vor der Wahlsitzung am 27. April war mein Vater bei einem Spaziergang im Wald zufällig mit Streicher zusammengetroffen. Streicher hat ihn – vergebens – aufgefordert, der Nazipartei beizutreten. Nachdem die Nazis meinen Vater im Rathaus zusammengeschlagen hatten, ist ihm noch die Geldbörse geraubt worden. Am 30. Juni 1933 wurde K. B. mit anderen Sozialdemokraten im Rahmen der„Schutzhaft“ festgenommen und nach Dachau„verschubt“, wie es die Fränkische Tageszeitung vom 1. 7. 1933 ausdrückte. 32 Max Barthel, Heinrich Lersch und Karl Bröger, die drei als Exponenten der„Arbeiterdichtung“ bekannten Autoren, aufgenommen am 1. Mai 1933 in Berlin. Foto: Die Büchergilde[Gutenberg], 6/1934. Das Foto suggeriert eine Zusammengehörigkeit der Autoren, die so niemals bestand, am wenigsten in der Zeit des„Dritten Reiches“. Die letzte Stachelhecke, die erscheinen konnte: 5. 3. 1933 – am 9. März 1933 wurde die Fränkische Tagespost verboten. Noch einmal warnte K. B., agitatorisch effektvoll, dennoch vergebens, vor den Nazis. In Nürnberg hielt die SPD ihren Stimmenanteil, Bröger wurde zum Stadtrat gewählt. Zu Brögers KZ-Haft: In den Akten des Internationalen Suchdienstes, Arolsen, finden sich diese Angaben: Einlieferung in das Konzentrationslager Dachau 30. Juni 1933 durch die Polizeidirektion Nürnberg-Fürth, Häftlingsnummer 2372, Kategorie„Schutzhaft“ 4 ; Vermerk:„Funktionär der SPD und des Reichsbanners“. Später (1937) teilte die Staatspolizeileitstelle Nürnberg-Fürth im Zuge der Überwachung Brögers der Gestapo in Berlin mit, daß der dem Amt seit 1921 bekannte Bröger vom 30. 6. bis zum 2. 9. 1933 in Dachau inhaftiert gewesen sei. Kurz vor dem Parteitag der NSDAP, September 1933, sind einige Häftlinge freigelassen worden. Aus Dachau kam Bröger nach Hause zurück„als ein wesentlich anderer“. Als er von Freunden und Bekannten, ja sogar von seinen Söhnen gesehen wurde, wurde er zunächst nicht erkannt; er war ergraut und schien um Jahre gealtert. Gunda Fuchs, Nürnberg, berichtete, daß Bröger den sozialdemokratischen Genossen, trotz der Verpflichtung zu absoluter Verschwiegenheit, von seinen Dachauer Erlebnisse erzählte, u. a. von der„Arbeit“ im Straßenbau, von jener ruinierenden Plackerei an der sog. Bonzenwalze. Auch Constantin Brunck, Freund und Gesinnungsgenosse Brögers, teilt kurz nach 1945 Einzelheiten mit: „Der 47jährige sah aus wie 60, gebückt, mit grauen Haaren. Die Entwürdigung, die er erlitten hatte, und noch mehr, was er hatte mit ansehen müssen, hatten sein Menschentum im Innersten getroffen. Über seine Dachauer Erlebnisse gefragt, verweigerte er, um seine Familie nicht zu gefährden, jede Auskunft und sagte nur: ‚I c h bin körperlich nicht mißhandelt worden.‘ Später erfuhr ich von anderer Seite, daß er manche Erleichterung hätte haben können, wenn er Zugeständnisse gemacht hätte[…].“ Nach der Entlassung aus dem KZ wurde er von Streicher zu einem sog.„Versöhnungsmahl“ in ein Nürnberger Hotel eingeladen. Obwohl vom Polizeipräsidenten Dr. Martin gewarnt, ging Bröger nicht hin. In jener Zeit hatte er sich auch regelmäßig bei der Polizei zu melden; es kam auch zu Haussuchungen. Nachbarn und Freunde helfen seiner in Not geratenen Familie. Bröger geht nicht in die Emigration ab und versucht, mit schriftstellerischen Arbeiten durchzukommen, hält dabei Kontakt mit seinen sozialdemokratischen Genossen und bezieht zeitweise den Neuen Vorwärts. Ich fasse mich der Zeit wegen kurz, um nur die Hauptpunkte anzusprechen(Diss., S. 160 ff.). 5 Die Nazifraktion um Goebbels versuchte indessen, den bekannten„Arbeiterdichter“ zu gewinnen und man hatte ihm die Stelle eines Redakteurs beim Angriff angeboten. Bröger lehnte ab, mit dem Argument, er habe sich seinem dichterischen Schaffen zu widmen. Sicherlich mußte er eine Neuorientierung suchen, die Redaktionsstelle bei der Fränkischen Tagespost war verloren, auch gab es Verlagsverbindungen nicht mehr. Guldenschuh, ein historischer Roman um den Nürnberg. Der Roman einer Stadt, 1935 er34 Landsknecht und Dichter Jörg Graff, neu er- schienen, fußt ebenfalls auf historischen Studischienen 1948. en Georg Gärtners sen. Ein Auftragswerk, das K. B. wegen sonst fehlender Verdienstmöglichkeiten, sowohl für ihn als auch für Gärtner, angenommen hatte. Die Stadtgeschichte beendet er Ende des 19. Jahrhunderts. Angreifbar ist die aktuelle Rahmenerzählung, die mit dem„großen Treffen“ auf die Nürnberger Reichsparteitage anspielt, in der der Autor aber auch auf die Gefahr eines künftigen Krieges hinweist. Die sog.„Bonzenwalze“, eine Straßenbaumaschine, mit der insbesondere die Funktionäre der Arbeiterparteien gequält wurden.(Aus Dokumentationen zum KZ Dachau.) Zur Frage Exil/Nichtexil wäre vergleichsweise etwa die Position Hans Falladas zu betrachten(vgl. Jürgen Manthey, H. F., Reinbek 91993, S. 103): Fallada, obschon er einen Zusammenstoß mit den Nationalsozialisten erlebt hatte und deren Brutalität kannte, war nicht willens, ins Exil zu gehen.„Und da er, wie er in einem Brief unterm 17. 6. 1934[…] sagte, nicht im Ausland leben kann und will, auf irgend einem doofen Emigrantenschmollstühlchen, hielt er eine gewisse Anpassung[!] für ratsam.“„Daneben sind eine Reihe von Äußerungen überliefert, die hinreichen, seine Vorbehalte gegenüber den neuen Herren Deutschlands glaubhaft zu machen.“ Verwiesen werden könnte auf etliche andere Autoren(auf die Debatte des problematischen Begriffs„innere Emigration“ muß man gar nicht eingehen), etwa Werner Bergengruen, Hans Carossa, Gerhart Hauptmann, Jochen Klepper, Oskar Loerke, Ina Seidel. Ich könnte auch an Erich Kästner, der sich mit Unterhaltungsstoffen und Kinderbüchern über Wasser zu halten trachtete oder Wolfgang Koeppen erinnern, der rückblickend auf seinen Aufenthalt in Deutschland nach 1933(zeitweise lebte er in den Niederlanden) sagte:„Ich stellte mich unter, ich machte mich klein.“ Die schriftstellerische Produktion dieses Jahres beschränkt sich, gewiß nur bis März, auf einige Gedichte, eine Erzählung im Reichsbanner und verschiedene publizistische Texte. Die NS-Propaganda – dies muß konstatiert werden – bediente sich einiger Gedichte und Prosatexte Brögers. Der Widerspruch einer solchen Indienstnahme wird sich auch später zeigen. 1934–1936: Bröger beginnt wieder zu publizieren; brieflich sprach er einmal davon(1935 an Mella Heinsen), dass der„Schriftstellereibetrieb Karl Bröger“ sich entwickele – knapp resümiert: Er suchte eine literarische Nische, eine Möglichkeit, sich im Rahmen des zunehmend von den Nazis reglementierten Literaturlebens artikulieren zu können. In Zusammenarbeit mit Georg Gärtner sen. entstehen die historischen Prosabücher Guldenschuh (über den Landsknecht und Dicher Jörg Graff), Nürnberg und Licht auf Lindenfeld . Nürnberg. Der Roman einer Stadt ist hinsichtlich eines wichtigen Aspektes ein nicht unproblematischer Text; die Rahmenhandlung, vermutlich als Konzession dieses als„Auftragswerk“ und„Brotarbeit“ verstandenen Buches aufgenötigt, liest sich doch in etlichen Passagen als regimekonform(Diss., S. 170 f.). Sie spielt, nicht nur mit dem Ausdruck„großes Treffen“, auf den Nürnberger Parteitag der NSDAP an, führt die jugendliche Hauptfigur der Rahmenerzählung, den Studenten und Arbeitsdienstmann Ernst Schlichte, am Ende aber auf den Friedhof, zum Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs, um mit dem„Gedenken an diese Nach 1933 bemühte sich Bröger, den Lebensunterhalt für sich und seine Familie(vier Kinder) als freier Schriftsteller zu erbringen. Erfolg hatte er mit historischen Romanen, in Zusammenarbeit mit Georg Gärtner sen. und mit Kinderbüchern. Die Ferienmühle, 1936, erschien auch nach 1945 bis in die sechziger Jahre. 36 K. B. nahm 1940 an einer„Dichterreise“ ins besetzte Frankreich teil. Seine dort in der Nähe der Front geschriebenen Gedichte – veröffentlicht 1943 in seinem Lyrikband Sturz und Erhebung – sind getragen von Stille, Melancholie und Friedenssehnsucht. Das rechte Foto zeigt Bröger in der vorderen Reihe, zweiter von links(mit langem Mantel, ohne Hut).(Die Fotos sind Wilhelm Pleyers Buch Dichterfahrt in Kampfgebiete, 1942, entnommen.) Toten“(S. 351) einen relativierenden Schlußpunkt zu setzen. Die Darstellung der Geschichte Nürnbergs selbst wird in diesem„Roman einer Stadt“ mit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert beschlossen, die sich anschließenden Jahre werden bis zum Sieg der Nazipartei verhalten geschildert und in der Schwebe gelassen(S. 335 ff.). So leicht sich Kritik an die Rahmenhandlung richten läßt: das Bemühen Brögers um Abkehr von der NS-Propaganda, um Momente der Distanzierung ist unverkennbar. Anna Bröger schrieb zu dem Buch Nürnberg an Mella Heinsen am 22. Dezember 1935: Karl schickt Euch hiermit sein Allerneuestes. Es ist ein Auftragswerk und was Euch daran nicht gefällt, müßt Ihr auf dieses Konto setzen. Es hat ihm manches Kopfzerbrechen verursacht und viele Vorarbeiten erfordert[…]. Am 1. Mai 1934 fährt Bröger nach Berlin und hat eine Lesung im Rundfunk, zusammen mit Max Barthel und Heinrich Lersch. Bröger liest Auszüge aus seinem politisch-programmatischen Text Vom neuen Sinn der Arbeit , entstanden nach der Novemberrevolution(die Tonaufnahme seines Beitrags ist beim Deutschen Rundfunkarchiv archiviert). Bröger benutzte den Berlinaufenthalt aber auch, um den früheren Nürnberger Oberbürgermeister Dr. Hermann Luppe zu besuchen, der, Mitglied der Demokratischen Partei, ebenfalls im Nürnberger Reichsbanner aktiv gewesen war. In verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichte Bröger Gedichte und Prosatexte, zum Teil Nachdrucke früherer Arbeiten; z. B. kam die 1926 erschienene historische Erzählung Das Buch vom Eppele unter dem Titel Der ritterliche Eulenspiegel neu heraus. Zudem erschien ein Sammelbändchen mit Gedichten Max Barthels, Karl Brögers und Heinrich Lerschs: Schulter an Schulter (Berlin-Schöneberg, Volkschafts-Verlag für Buch, Bühne und Film). Von den 24 darin enthaltenen Gedichten Brögers hatte er 22 bereits früher veröffentlicht. So sehr diese drei Schriftsteller als Exponenten der„Arbeiterdichtung“ immer wieder zusammen genannt wurden und werden – eine irgend fester geartete Einheit und Zusammengehörigkeit läßt sich nicht nachweisen, sie besteht gerade hinsichtlich ihrer Biographie bzw. ihres Verhaltens nach 1933 nicht. Max Barthel(1893 Dresden bis 1975 Waldbröl/Bergisches Land) hatte sich nach 1918 der KPD zugewandt(siehe oben), nach 1933 sich freilich zunehmend den Nazis genähert. Drei kurze Zitate aus seinem Roman Die Straße der ewigen Sehnsucht (Braunschweig 1941) mögen genügen, um die Differenz zu Bröger, der solche ostentativ profaschistischen Aussagen niemals geäußert hat, zu verdeutlichen 6 : Aus dem Blutmeer des Weltkrieges steigt stählern das neue Jahrhundert auf[S. 98]; Italien war ein Land des Umbruchs[S. 276; dies positiv auf den Sieg des Fascismo bezogen; desgleichen]: Im Volke findet der Einzelne die Erfüllung[und hat den] Sinn des Lebens begriffen[S. 334 f.]. Heinrich Lersch(1889 Mönchengladbach bis 1936 Remagen) fand nach dem Ersten Weltkrieg Kontakt zum„Bund der Werkleute auf Haus Nyland“ und damit zu Bröger. Vergegenwärtigen wir uns einige Sätze aus Lerschs charakteristischem Werk Hammerschläge. Ein Roman von Menschen und Maschinen (Berlin 1930), das von Nietern und Schmieden erzählt(Lersch selbst kommt ins Spiel), das also eher das Handwerk als die Fabrik thematisiert. Bei Bröger lassen sich derlei quasi-mythologische Töne in dieser illusionistischen und unrealistischen Weise nicht finden. Am Ende heißt es, gewissermaßen als Conclusio(S. 261): Eins in eins griff die Arbeit von den fünf Brüdern[gemeint: Arbeitern]. Wir waren nicht fünf Brüder, wir waren eine Nietkolonne, ein Körper mit fünf Leibern, einem Willen, einem Wissen. Wie das Blut durch die Adern eines Leibes kreiste die Arbeit durch unsere Leiber und belebte uns miteinander, durcheinander, ineinander. Wir wuchsen durch den tempoverbundenen Hammerschlag zusammen. Voran, voran, voran! trieb ein Hammerschlag den anderen, der Stockhalter den Wärmejungen, der Wärmejunge wieder den Nieter: ein werklustdurchbraustes, fünffachgekuppeltes tatlustdurchbraustes/ Mensch-Maschinen-Werk. Brögers Literatur wird durch verschiedene NS-Behörden überwacht. 1934 z. B. wurden sämtliche seiner Schriften indiziert, also in die Verbotsliste aufgenommen, und zwar von der bayerischen politischen Polizei: Verzeichnis der polizeilich beschlagnahmten und eingezogenen sowie der für Leihbüchereien verbotenen Druckschriften; zu Bröger heißt es ausdrücklich„alles“(Diss., S. 166). Auch Reichsbehörden 38 wie das Amt Rosenberg, der„Beauftragte des Führers für die Überwachung der gesamten und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP“ und die „Amtliche Prüfungskommission zum Schutze des N.S.-Schrifttums“, geleitet von Philipp Bouhler, sind tätig. Die Asymmetrie, so könnte man sagen, ist deutlich: einerseits der NS-Apparat – übrigens in sich nicht homogen(vereinfacht: Goebbels contra Rosenberg) –, der die Macht hat und ausübt und vor Folter und Mord nicht zurückschreckt, andererseits der jetzt auf seine literarische Produktion angewiesene Schriftsteller Karl Bröger, der sich innerhalb der reglementierten und zensierten Literaturverhältnisse einen Weg suchen muß, ohne sich aufzugeben und zu kompromittieren. 1936 bringt Bröger zwei Kinderbücher heraus, Die Benzinschule und Die Ferienmühle , das zweite noch in den 60er Jahren aufgelegt, außerdem den Lyriksammelband Volk, ich leb aus dir (größtenteils Nachdrucke früherer Gedichte, sicherlich bei Auswahl und anderer thematischer Gruppierung). Bröger kann auch öffentlich auftreten, so in Berlin bei einer„Dichterwoche“(Oktober 1936). – Zum 50. Geburtstag am 10. März schickten Goebbels und auch Hanns Johst(Goebbels‘ Mann in der Reichsschrifttumskammer) Glückwunschtelegramme; der Text von Goebbels‘ Telegramm wurde in der Bayerischen Volkszeitung wiedergegeben (Diss., S. 173 ff.). Diese Berührungspunkte Brögers mit dem NS-Regime waren auffällig und irritierend; es schien vielen, dass er(doch) Renegat und Kollaborateur geworden sei – im Neuen Vorwärts vom 4. 10. 1936 erschien eine massive Kritik. Der Parteivorstand der SoPaDe schickte einen Emissär, Fritz Heine, nach Nürnberg, um Brögers Haltung zu erkunden(ebd., S. 176 f.). Heine(der 1980 darüber berichtete und der mir 1983 ausführlich schrieb) kam zu diesem Schluss: Die Reise bzw. das Gespräch war in dem Sinne ein Erfolg, als ich den Eindruck[…] mit nach Prag nahm, daß Karl Bröger kein Nazi geworden sei. So wurde das auch von Hans Vogel, dem ich über das Gespräch berichtete, gesehen. 1937: Die Antikriegserzählung Bunker 17 (1929) ist Anlass zu einer erneuten Nachforschung der Gestapo. Es erscheint eine gekürzte Ausgabe, die hohe Auflagen erzielte und für den Lebensunterhalt der Familie notwendige Einnahmen brachte (Diss., S. 178 ff.); der pazifistisch-kriegskritische Schluss wird fortgelassen. Schon 1935 war eine noch stärker gekürzte Ausgabe unter dem Titel Im Bunker erschienen. Eine inhaltliche Umarbeitung hatte Bröger dagegen abgelehnt(ebd., S. 172). Weiterhin kamen eine Umarbeitung der früheren familiär gehaltenen Geschichte Der Vierkindermann unter dem Titel Vier und ihr Vater heraus und das schon erwähnte Buch Licht auf Lindenfeld (romanhafte Darstellung von J. S. Schuckert und der Elektrifizierung eines Dorfes), daneben einige Gedichte und Prosastücke. Für Gestapo und Nürnberger NSDAP galt er hingegen als„nur(von) bedingter Zuverlässigkeit“ und als„Judenfreund“, der sich äußerlich dem„nat.soz. Regime beugt“. Die Reichsschrifttumskammer setzte indessen durch, daß Bröger bei Dichterlesungen auftreten und weiterhin publizieren kann. Goebbels und die Reichsschrifttumskammer wollten sich seiner„Arbeiterdichtung“ im Interesse der propagandistischen Beeinflussung der Öffentlichkeit, namentlich der Arbeiter, bedienen. Bröger, so wäre zu resümieren, wurde im Streit der NS-Fraktionen instrumentalisiert. Alle wichtigen Bücher aus der Zeit vor 1933 sind verboten(vgl. unten: Synopse seiner Veröffentlichungen). 1938/1939: Eine geplante Vortragsreise nach Polen wird von der Gestapo unterbunden. Bröger erscheint in einem Verzeichnis der SS, Erfassung führender Männer der Systemzeit. 7 Der literarische Ertrag dieser Jahre ist gering; es erscheinen lediglich einige Gedichte und Erzählungen, Nachdrucke von Älterem überwiegen, wozu auch der Erzählungsband Geschichten vom Reservisten Anzinger gehört. Gewiß lagen Soldaten- und Frontgeschichten im Trend – insofern kann auch dieses Büchlein, das in populärer Diktion Episoden aus dem Ersten Weltkrieg aufgreift und insofern an die frühere Sammlung Der unbekannte Soldat (1917) anschließt, nicht als unproblematisch betrachtet werden(vgl. Nürnberg), denn objektiv und der Funktion nach ist ja sein literarisches Werk, wenn auch nur zum kleineren Teil, dazu partiell und selektioniert, Bestandteil des NS-Literaturbetriebs. 1940: Bröger nimmt im Juli an der vom Goebbels-Ministerium organisierten„Dichterfahrt“ ins besetzte Frankreich teil. Seine dort inspirierten Gedichte – Wiederbegegnung mit dem Kriege – sind durchweg von Stille, Melancholie, Trauer und Friedenssehnsucht erfüllt, mag ihr literaturgeschichtlicher Rang auch nicht außerordentlich sein. Sie erschienen 1943 in dem Lyrikband Sturz und Erhebung (S. 175 ff.); hier drei Beispiele: Kathedrale von Rouen: Gebet aus Steinen strebt zur Kathedrale/ins Ewige hinauf, zum Firmament, vermählt sich droben jedem Sonnenstrahle,/der sie seit Hunderten von Jahren kennt.[…] Auf hohem Sockel sinnt, geschwärzt vom Alter,/ein grauer Heiliger ins weite Rund, die rechte Hand fest um den heiligen Psalter/und einen Finger auf dem bärtigen Mund. Eine Mutter schreibt: Meine beide lieben Buben,/wie so leer sind jetzt die Stuben, seit der Krieg euch fortgenommen./Wiederkommen! Wiederkommen![…] Was je eure Hand berührt,/hab im Herzen ich gespürt, und da mag nur eines frommen:/Wiederkommen! Wiederkommen! Feldweihnacht 1941: Steht ein Soldat auf Posten,/Wind weht um sein Gesicht. 40 Im scharfen Wind aus Osten/erglimmt ein zartes Licht. Dort sitzt im Kerzenschimmer/heut eine junge Frau. Er kennt sie und das Zimmer/und was darin genau.[…] Er träumt sich hin zur Wiege/und heim ins alte Glück. Er ist nicht mehr im Kriege/und kehrte längst zurück. Über jene Fahrt ins besetzte Frankreich teilte Bröger lakonisch mit(an Mella Heinsen, 5. 8. 1940; Diss., S. 189 f.): Die Fahrt selber war eine Strapaze und hat einen kleinen Begriff gegeben von den Leistungen, die von den Truppen, auch den motorisierten, verlangt worden sind. Aber davon will ich nicht weiter erzählen[…]. Seit ich aber in der einzigen Nacht, die ich in Köln war, dreimal in den Keller mußte, habe ich einen etwas anderen Eindruck von der englischen Fliegerei, als man bisher bei uns gewinnen konnte. Es erscheint außerdem die von Bröger besorgte Auswahl Fränkische Sagen . Diese Thematik kam gleichfalls dem Zeitgeist entgegen, doch ist unverkennbar, daß Bröger freiheitlich-demokratische Aspekte hervorhebt(Diss. S. 350); Zeichen der Verweigerung also auch hier. 1941–1942: Auch für diese Jahre gibt es Belege für, wie man sagen könnte, Brögers Doppelleben: äußere Anpassung und innerer Widerspruch. Literarisch erscheint nichts Relevantes – so wieder ein lediglich kompilierter, großenteils aus älteren Texten fußender Erzählungsband: Schicksal aus dem Hut. Geschichten aus dem Volk für das Volk (1941). Es sind volkstümlich-unterhaltende Texte im Geiste von Kalendergeschichten, die der Verfasser selbst„als bescheidene Sachen“ bezeichnet, die keinen literarischen Anspruch erheben. Erneut wurde zudem die Geschichte von Eppele verwertet(diesmal unter dem Titel Der Ritter Eppelein. Eine Ritter- und Räuberchronik aus Franken : 1942, Gauverlag Bayreuth). Hervorzuheben ist eher, dass die Exilzeitschrift Freie Deutsche Jugend(London) sein Gedicht Arbeiterinnen abdruckte. In einem Brief vom 9. Mai 1941 an seinen Freund und Gefährten aus der Jugendbewegung W. G. Oschilewski heißt es: „Wir kommen wohl erst wieder zur Ruhe, wenn sich der Sozialismus in der Welt durchgesetzt hat“, und am 9. Juli schreibt Bröger an Mella Heinsen(Tochter des früheren Nürnberger OB Hermann Luppe):„Ich[…] wundere mich immer aufs neue über das miserable Gedächtnis der Menschheit, das knapp 20 Jahre nach dem Weltkrieg bereits wieder alle Schrecken des Krieges vergessen hat.“ 1943: Im August wird das Siedlungshäuschen in Nürnberg-Ziegelstein, in dem die Familie Bröger seit etwa 1921 wohnte, durch Fliegerbomben zerstört. Es folgt die Evakuierung nach Kalchreuth. Dort, im Gasthaus„Drei Linden“, steht Bröger weiterhin mit Freunden und Bekannten aus der SPD in Verbindung. Ende des Jahres bricht die zum Tod führende Krankheit, Kehlkopfkrebs, aus. Der sozialdemokratische Schriftsteller Erich Grisar(1898–1955), mit dem Bröger seit dem Nürnberger Jugendtag von 1923 bekannt war, hatte ihn nach der Zerstörung des Ziegelsteiner Häuschens besucht(Diss., S. 202) und hielt fest: „Den Dichter fand ich, die Kappe tief ins Gesicht gerückt, bei einem Nachbarn, bei dem er Unterkunft gefunden hatte.[…] ins Gespräch gekommen, spürte ich bald genug, wie sehr jene dem Dichter Unrecht taten, die ihn, ohne die Umstände zu prüfen, denen zurechneten, die sich seines Werkes bemächtigt hatten. Gewiß, der Schein sprach gegen den Dichter, dessen nationale und soziale Einstellung den neuen Herren ins Programm zu passen schien! Aber hier in diesem kleinen Kreis, den einige Nachbarn vergrößerten, von denen jeder einzeln mit den Worten vorgestellt wurde: Der ist echt!, spürte man, daß der alte Glaube, der für uns einmal lebendige Gegenwart gewesen, immer noch lebendig war[…].“ Bei seinem alten Verlag, Diederichs, bringt Bröger einen Sammelband seiner Gedichte unter dem Titel Sturz und Erhebung heraus. Der Band enthält im Großen und Ganzen Gedichte aus den früher bei Diederichs erschienenen Ausgaben; von den rund 500 Gedichten, soweit ich es ermitteln konnte, sind hier 160 abgedruckt – eine„Gesamtausgabe“ ist es also nur in sehr eingeschränktem Sinne(Diss., S. 199). An neuen Texten sind die 1940 in Frankreich entstandenen und der Kriegsthematik gewidmeten zu erwähnen(s. o.). 1944: Das Leben Brögers, spätestens seit dem Verlust des Hauses und der Evakuierung ein gebrochener Mann, geht jetzt schnell zu Ende. Der Kehlkopfkrebs, Ende 1943 in der Erlanger Universitätsklinik behandelt, bricht wieder aus. Am 4. Mai stirbt Bröger im Krankenhaus. Noch einmal bemühen sich die Nazis, den Schriftsteller ihrer Seite zuzuschlagen. Am 9. Mai veranstalten sie unter Führung des Gaupropagandaamtes Franken ihre – bis heute für viele irritierende und täuschende – „Totenfeier für Karl Bröger“, ein„Parteibegräbnis“(nicht„Staatsbegräbnis“, wie es oft tendenziös heißt), gegen den Willen Brögers und der Familie, die ein Begräbnis im kleinen Kreis wollten. In der unsäglichen„Gedenkrede“ von Hans Bäselsöder, die gedruckt an die Trauergemeinde verteilt worden war, heißt es u. a.(ich zitiere nur ganz wenige Sätze, die aber die Lüge und Infamie konzentriert zum Ausdruck bringen): „Im nationalsozialistischen Deutschland hat seine Sehnsucht Erfüllung gefunden. Seit 1933 betätigt er sich als freier Schriftsteller. Sein Schaffensdrang war gewaltig. Er gehörte aber nicht zu den Vielschreibern.“ Den Erinnerungen von Freunden und Bekannten ist zu entnehmen, dass die örtliche NSDAP die Trauerfeier an sich gerissen hatte. So Hildegard Witte, die Schwester Bruno Schönlanks(Erlangen, brieflich und im Gespräch mit mir(Diss., S. 203 ff.): 42 „Brögers Leichnam wurde von der Nat.soz. Partei sozusagen beschlagnahmt. Sie veranstaltete dann ihr Parteibegräbnis im Krematorium. Noch heute sehe ich Anna Bröger fassungslos vor meinem älteren Bruder und mir stehen. Was konnte man tun? – Nichts konnte man tun.[Anna Bröger und die Tochter Ruth waren allein; der Sohn Ernst war vermißt, und Friedrich und Arnold Bröger konnten erst nach der Bestattung kommen!] Als dann nach der NSDAP die Zeit kam, wurde im engsten Freundeskreis die Urne bestattet. Anna Bröger wollte ein stilles Begräbnis, aber gegen den Willen der Nazis[…] war das nicht möglich. Der Sarg war mit einer großen Nazi-Fahne bedeckt. Aber, Ironie! oben lag das Bukett einer jüdischen Familie. Es waren viele Trauergäste da, auch jemand aus der Familie Dr. Luppe war anwesend. Zum Schluß hoben nicht viele die Hand zum ‚deutschen Gruß‘, die meisten zogen ihr Taschentuch und wischten sich die Augen.“ Am 10. Juni schrieb die Witwe Anna Bröger: „Daß mein Mann seine ersten Enkel[Achim, Sohn Anneliese und Arnold Brögers] nicht mehr erleben konnte, ist mir unsagbar schmerzlich.[…] Eine kleine ‚Gegendemonstration‘ hatten wir dadurch gemacht, daß einige der alten und ältesten Weggenossen mit im engsten Trauerkreise waren“, und am 22. Mai: „Unsere furchtbare, blutige Zeit hat sicher auch sein Leben verkürzt. Es war zuviel für ihn.“ Einige zusammenfassende Schlußbemerkungen: Tendenziös und im Grunde verfälschend ist eine Formulierung, wie sie noch im Biographischen Lexikon zum Dritten Reich (hrsg. von Hermann Weiß, Frankfurt a. M. 1998, 2002) fällt: Bröger„arrangierte sich mit dem NS-Regime“. Eine solche aktive Wechselseitigkeit ist nicht zu belegen. Dass er bei den notwendigen Überlebensversuchen sich bemühte, keine Zuträgerdienste für das Regime, also keine direkte Kooperation einzugehen, steht für mich nach dem Studium der Schriften und Briefe sowie der erhaltenen Dokumente außer Frage; dass er gleichwohl Kompromisse einging, d. h., sich im Dienste der Existenzsicherung von Fall zu Fall anpasste, ist indessen zu konzedieren. Die subjektive Haltung muß dabei von der objektiven Funktion seiner literarischen Texte nach 1933, die insgesamt im Rahmen der NS-Kulturpolitik zu interpretieren sind, geschieden werden. Zu unterschreiben wäre das kurze Resümee des Literatur-Brockhaus (Band 1, Mannheim 1990, S. 305):„Obwohl er den Nationalsozialisten, die seine Gedichte z. T. für ihre Zwecke mißbrauchten, Zugeständnisse machte[…], hielt er am sozialdemokratischen Gedanken fest.“ Richtig ist ebenfalls der Schlusssatz des knappen Eintrags in der aktuellen Brockhaus-Enzyklopädie (Band 4, Leipzig/Mannheim 2006, S. 694):„Seine nationalpathet[ischen] Gedichte wurden für die nat.-soz. Ideologie missbraucht.“(In einer eigenen Analyse, die hier im Kontext der biographischen Darstellung ausgespart werden musste, wäre zu klären, weshalb und in welcher Weise einzelne Werke Brögers uminterpretiert, instrumentalisiert, eben„missbraucht“ werden konnten.) Nicht haltbar jedoch ist der oben nicht zitierte Zwischensatz aus dem LiteraturBrockhaus (einem Werk desselben Verlags), der älteren, spekulativen und Bröger diskriminierenden Interpretationen, die Detailkenntnisse und umfassende Untersuchung vermissen lassen 8 , geschuldet ist und sie unkritisch fortschreibt:„er erhoffte sich von ihnen[sc. den Nationalsozialisten!] die Überwindung der Klassengegensätze“. Wie hätte er dann am„sozialdemokratischen Gedanken“ festhalten können? Eine nüchterne tabellarische Aufstellung der Brögerschen literarischen Werke zwingt zur Konkretion und belegt, dass und wie sehr differenziert werden muss – dass sein journalistisches Wirken mit dem März 1933 ein rigides Ende fand, darf dabei nicht vergessen werden: 44 Die Synopse von Karl Brögers selbständig erschienenen Schriften vor und nach 1933(Diss., S. 83 ff.) ergibt, thesenhaft formuliert, Folgendes: Sein Werk wurde sozusagen fraktioniert, zergliedert, und nur sofern opportun partiell ins nationalsozialistische Schrifttum eingegliedert. Maßgebliche Teile seiner schriftstellerischen Produktion fielen fort, so natürlich der gesamte journalistische und der Sozialdemokratie zugeordnete Sektor mitsamt den Aufsätzen(zu Demokratie, Republik, Jugendbewegung) und(kultur)politisch geprägten Abhandlungen. Ebenso verschwanden Gattungen wie der an die Arbeiterjugendbewegung gebundene Sprechchor. Ein Vorwurf wie z. B. der von Alfred Klein geäußerte, die Arbeiterdichter hätten sich von den„Elementen ihrer Dichtung“ losgesagt, die „einer Anpassung an die neuen Verhältnisse etwa noch entgegenstanden“( Im Auftrag ihrer Klasse. Weg und Leistung der deutschen Arbeiterschriftsteller 1918– 1933; Berlin/Weimar 1972, S. 82), ist für Karl Bröger insofern unbegründet, als dieser doch keine freie Wahlmöglichkeit mehr hatte. Er schrieb auch nicht, wie Klein vorgibt,„große Teile[seines] bisherigen Schaffens“ um. Ein aktives, systematisches Umarbeiten, um den Nazis zuzuarbeiten, ist für Bröger keineswegs nachzuweisen, es mag für andere zutreffen. So hat er z. B. auch Bunker 17 gerade nicht umgearbeitet(wenn auch gekürzt), und für die Rundfunkrezitation 1934 wählte er den für seine Haltung zur Novemberrevolution zentralen Text Vom neuen Sinn der Arbeit aus und las – sicherlich, mehr war nicht möglich! – einige Auszüge. Es ist vielmehr so, dass im Wechselspiel von Autor, Verleger, Reichsschrifttumskammer bzw. Propagandaministerium und Gestapo sich eine kulturpolitische Linie herausbildete, die einige Teile von Brögers Dichtungen zu übernehmen und dem „Dritten Reich“ dienstbar zu machen erlaubte und Bröger oblag dabei der reagierende, defensive, um seine Lebensmöglichkeiten sorgende Part, er schrieb jedoch keine neuen regimekonformen Texte. Änderungen, Kürzungen, Modifikationen; vor allem auch der neue Kontext und die fraktionierende Auswahl seiner Themen (namentlich Weltkrieg, Kameradschaft, Heimat, Deutschland, Lokal- und Regionalgeschichte) waren die hauptsächlichen Mittel, die von NS-Literaturstrategen eingesetzt wurden. Ausschlaggebend in Nazi-Deutschland war die fast absolute Vorherrschaft der Propaganda- und Repressionsmechanismen, so dass es abwegig wäre, den dort verbliebenen, nicht-nationalsozialistisch gesinnten Autoren ein den Weimarer Jahren vergleichbares freies Agieren zu unterstellen. Deren verhüllte kritische Äußerungen, die heute zu rekonstruieren sind, versandten seinerzeit. Der dissidentische Autor stand auf verlorenem Posten. Übersehen darf man die vorsichtig geäußerten oppositionellen Signale, auch im Falle Brögers, nicht. Gisela Berglund kam in ihrer ausführlichen und substantiellen Untersuchung Der Kampf um den Leser im Dritten Reich (Worms 1980) zu dem Schluss, dass es nach 1933 bei den nicht-emigrierten Autoren eine Skala von Möglichkeiten gab, nicht nur bewusste und freiwillige Anpassung an den Nationalsozialismus, nicht nur offene und nur notwendig getarnte Opposition – beides trifft auf Bröger nicht zu –, sondern auch eine gewisse erzwungene Anpassung bei beibehaltener selbständiger Haltung und Kritik dem Regime gegenüber sowie Fortsetzung des früheren Schreibens bei Anpassung, soweit nötig – Bröger ist den beiden letztgenannten Gruppen zuzurechnen. Freilich, dies konzediert die Autorin:„Die Frage, wo die getarnte Opposition aufhörte und die feige Anpassung begann ist schwer zu beantworten.[…] Eins scheint sicher zu sein. Das Dritte Reich[…] begünstigte höchstens Charakterschwäche und Mittelmaß.“(Diss., S. 86 f.). In der Tat, Karl Brögers Werke nach 1933 sind mehrheitlich von Taktik und von Anpassung gekennzeichnet – ob diese in seinem Fall„feige“ genannt werden darf, scheint fraglich, denn wer wollte dem, der, aus dem KZ entlassen, unter Beobachtung stand, zumal im Nürnberg Julius Streichers, und als„freier Schriftsteller“ seine Existenz zu bestreiten hatte, ex post einen solchen ehrenrührigen Vorwurf machen. Dass Brögers Literatur nach 1933 aber inhaltlich abfällt, dass er sie aus Früherem gewann und zu keinen nennenswerten neuen Ansätzen kam, dass 46 Flachheit, Provinzialität und Mediokrität dominierten, scheint mir evident. Seine Kraft war gebrochen, die schriftstellerische Produktivität versiegt. Woher sollten intellektuelle Anregungen und literarischer Enthusiasmus auch kommen? Bröger, auch dies Hypothek der NS-Herrschaft, hat kein Alterswerk. Karl Bröger – so viel scheint sicher – eignet sich nicht als Beispiel eines Widerständlers, im Sinne einer aktiven Bekämpfung des NS-Systems 9 , aber auch nicht als eines Mitläufers oder gar Kollaborateurs; im Vordergrund muss die Perspektive seiner Bemühung um Selbstbehauptung und Durchhalten stehen. Er wird erkennbar, was die Nazi-Herrschaft den Menschen angetan hat – nicht nur dem Schriftsteller Bröger, sondern Millionen anderen, die nicht in der Weise exponiert waren wie er. Anmerkungen 1 Siehe G. M., Für Vaterland und Republik. Monographie des Nürnberger Schriftstellers Karl Bröger; Pfaffenweiler: Centaurus-Verlagsgesellschaft 1986(ISBN 3-89085-108-8); künftig kurz mit„Diss.“ bezeichnet. 2 Aufschlussreich und auch heute lesenswert ist die Anthologie Von unten auf! Das Buch der Freiheit, hrsg. von Franz Diederich und Anna Siemsen, 1. Auflage 1911. Die 3. Auflage 1928 hat drei Gedichte Brögers aufgenommen; sie sammelt in einem großen Bogen, aus Deutschland und anderen Ländern seit ca. 1800,„soziale Dichtung“, Lyrik im„Kampf um Freiheit“. 3 Sie ist auch unter www.muellers-lesezelt.de, Aufsätze, einsehbar. 4 „Unmittelbar nach Inkrafttreten der ‚Verordnung zum Schutz von Volk und Staat‘ am 28. 2. 1933, die eine zeitlich unbegrenzte Haft zuließ, diese der richterlichen und rechtsstaatlichen Kontrolle entzog[...], begannen die Verhaftungen von Kommunisten und linken Intellektuellen, wenige Wochen später auch von SPD- und Reichsbanner-Funktionären und Gewerkschaftern. Am 31. 7. 1933 befanden sich mindestens 26.789 dem Regime Mißliebige in Polizei- und Gerichtsgefängnissen, Strafvollzugsanstalten, provisorisch eingerichteten Haftstätten und Konzentrationslagern in Schutzhaft.“(Siehe Enzyklopädie des Nationalsozialismus, hrsg. von Wolfgang Benz/Hermann Graml und Hermann Weiß; Stuttgart 1997, S. 717.) 5 Ein Brief Brögers an Heinrich Lersch, kurz nach der Entlassung aus dem KZ Dachau geschrieben, auf den ich im Vortrag wegen der Kürze der Zeit nicht eingehen konnte, sei nur leicht gekürzt zitiert, weil aus ihm deutlich hervorgeht, dass Bröger zwar keine persönliche Kluft zu dem ihm bekannten Dichter Lersch aufriss, jedoch die ideologische Distanz deutlich werden ließ. Der Existenznot wegen bat er Lersch, mittlerweile Mitglied der Preußischen Akademie der Künste, um Hilfe, aber ohne jede für die nazistische Kommunikation typischen Ausdrücke und Floskeln(Diss., S. 162 ff.). Nicht übersehen werden darf, dass das Schreiben – für mein Verständnis ein kluger, ein mutiger, ein bewegender Brief – unter den Augen des Zensors verfasst ist: „Lieber Hein Lersch, 10 Jahre mögen es wohl sein, daß wir ohne äußerliche Verbindung sind.[Bezieht sich auf den Kreis um Eugen Diedrichs und das„Haus Nyland“.] Nun bringt die Zeit uns wieder zu einander. Du bist besser in Gunst bei ihr als ich, hast Dich aber als der Kamerad erwiesen, der zu seinen Kameraden steht. Ich hab es von Dir auch nicht anders erwartet und nehme gern die brüderliche Hand, die sich mir in Deinem Brief entgegenstreckt.[Lerschs vorausgegangenen Brief konnte ich nicht erhalten. Somit läge eine respektable Initiative Lerschs, der sich in seiner neuen Position in der Akademie für den ihm bekannten Bröger eingesetzt hat, zugrunde; zu finanziellen Zuwendungen ist es später tatsächlich gekommen.] Unrecht ist mir nicht geschehen, als dazwischenhinein einmal jedem Menschen vom Leben geschieht. Zu klagen oder anzuklagen besteht für mich kein Grund u. schließlich bin ich auch nicht Spießer genug, mein privates Schicksal übermäßig wichtig zu nehmen in einer Zeitwende, die Millionen Menschen aufrührt. Was ich will, ist schaffen aus meiner Art[!] heraus und für die Menschen, die mir am nächsten stehen. Meine Frau, die Süss und Sauer bisher mit mir genossen hat, und meine 4 prächtig herangewachsenen Kinder haben den ersten Anspruch an mich. In ihnen[!] begreife ich mein Volk und Land unmittelbar, in ihnen muß ich das Deutschland von morgen erhalten u. gestalten. Dazu braucht es Brot, um das ich bis vor einem Jahr keine Sorgen hatte. Ich war in fester Stellung[…]. Mit 48 Jahren bin ich jetzt genötigt, mich als freier Schriftsteller aufzutun. Ich habe keine Bange, daß es etwa nicht gelingt, das Notwendigste zu verdienen, bin aber für jede Handreichung dankbar, die mir das Einleben in den neuen Zustand erleichtert.[…] Ich habe nichts zu verleugnen, weil ich mich nicht selbst verleugnen kann[!], war aber immer ein Mensch, der andre Anschauung achtet, auch, wenn er sie nicht teilt[!]. Über Gesinnungen zu reden, liegt mir ganz und gar nicht auf, am wenigsten über nationale Gesinnung, die sich für mich von selbst versteht. So bleibt für den Fragebogen, den ich aufstellen soll, nur die eine Frage, lieber Hein Lersch: Was kann ich im Deutschland von heute für Deutschland tun u. wie kannst Du mir dabei behilflich sein? Daß Du, was in Deinen Kräften steht, tun wirst, u. Du bist zu Ehren u. Einfluß gekommen(dem Akademiker meinen besonderen Glückwunsch!), das weiß ich. Ich werde Deine Unterstützung dankbar nehmen als die Hilfe des Kameraden von 1914 u. grüße dich, auch von Haus zu Haus, von Herzen/als Dein/Karl Bröger.“ 48 6 Es ist notwendig zu differenzieren; die Autoren der folgenden – generell zutreffenden – Stelle aus der meines Erachtens ergiebigsten neueren Literaturgeschichte tun dies aber noch zu wenig bzw. vage: Die meisten„‘Arbeiterdichter‘ wurden ausgeschaltet; die drei renommiertesten Autoren – Karl Bröger, Heinrich Lersch und Max Barthel – integrierte man jedoch in je verschiedener Weise[!] in die völkische Literaturpolitik. Einer solchen Indienstnahme haben die Seh- und Verfahrensweisen der Arbeiterdichtung allerdings Vorschub geleistet: die für sie charakteristische mythisierend-ästhetische Verklärung der modernen Industriewelt sowie ihr irrationaler Utopismus ließen sich unschwer umfunktionieren. Hinzu kam das vor allem 1914 zutagegetretene nationale Engagement der meisten Arbeiterdichter[…], auf das die nationalsozialistischen Literaturkritiker immer wieder hinwiesen.“ In: V. Žmegac, Geschichte der deutschen Literatur. Vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Literatur im„Dritten Reich“; Königstein/Ts. 1984(Erwin Rotermund und Heidrun Ehrke-Rotermund). 7 Der NS-Staat beanspruchte im Zeichen der„Schrifttumspflege“ die„Kontrolle der gesamten und die Förderung der als erwünscht angesehenen Literatur. An der S.[chrifttumspflege] war eine Vielzahl von Partei- und Staatsinstitutionen beteiligt, darunter das Amt(ab 1941: Hauptamt) Schrifttumspflege beim Amt Rosenberg, die Parteiamtliche Prüfungskommission zum Schutze des NS-Schrifttums, die Reichsschrifttumskammer und die Reichsschrifttumsstelle im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda.“(Siehe Enzyklopädie des Nationalsozialismus, a. a. O., S. 715.) Bröger wurde, soweit ich es den überlieferten Archivalien entnehmen konnte, von den meisten der hier erwähnten Einrichtungen überwacht. 8 Eine ebenfalls nur auf ungenauer Kenntnis fußende Aussage, die eine gefährliche Verkürzung der Tatsachen herbeiführt, findet sich z. B. in dem seinerzeit weit verbreiteten Buch von Ernst Loewy, Literatur unterm Hakenkreuz, Frankfurt a. M. 1966, hier die Fischer-Taschenbuchausgabe von 1969, S. 292, in dem mitgeteilt wird, Bröger sei angeblich[!] nach 1933 kurzzeitig verhaftet gewesen, habe sich dann den Nazis angeschlossen, was der Lesart etwa von Alexander Stephan entspricht, der in ähnlich haltloser Weise formulierte,„Bröger, Barthel und ein Gutteil ihrer Gesinnungsgenossen gingen nach 1933 zum Nationalsozialismus über“(in: Handbuch zur deutschen Arbeiterliteratur. Band 1; München: text+ kritik 1977, S. 50). In demselben Band wird indessen vom demselben Autor konzediert, zu Bröger und anderen stünden„gültige Monographien“ noch aus. Das folgenreiche Urteil steht aber schon fest! Publizistisch, gerade was die Nürnberger Presse seit den 70er Jahren angeht, sind ressentimentverhaftete und wenig kenntnisreiche Kritiken gleichfalls die Regel, wie zuletzt von Bernd Zachow(Nürnberger Nachrichten, 8. 10. 2008,„Vom Bauhilfsarbeiter zum Arbeiterdichter“) und Herbert Heinzelmann(Nürnberger Zeitung, 13. 10. 2008, „Leuchtturm der Literaturprovinz“) demonstriert. Das Pflegen von Vorurteilen ist eben leichter als die exakte Beschäftigung mit der Materie und die nüchterne Analyse. Als überraschende und positive Ausnahme muß der ausführliche Beitrag Klaus Schambergers bewertet werden:„‘Karl Bröger war ein Nazi-Gegner‘. Ein großer Sohn der Stadt – und der Umgang mit seiner Vergangenheit“(Abendzeitung, Nürnberg, 12. 12. 2006). 9 Die sozialdemokratischen Zellen waren(so Hermann Graml in der zitierten Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 311) aufgrund verschiedener Umstände genötigt,„sich auf eine Strategie des Überlebens zu beschränken, nachdem sie schon zuvor – wie die Kommunisten – in jene Isolierung geraten waren, die sich aus der politischen Neutralisierung der Arbeiterschaft durch das Regime ergab. Im Überwintern – das heißt praktisch in der Behauptung ihres ‚Milieus‘ gegen nationalsozialistische Indoktrination und Infiltration – waren sie allerdings erfolgreicher als die Kommunisten und deshalb in der Lage, sofort nach Kriegsende politisch aktiv[...] zu werden.“ Daß Bröger in Nürnberg-Ziegelstein über die Jahre hin mit Gesinnungsgenossen Kontakt halten konnte, ist anhand der verfügbaren Dokumente nachzuvollziehen. 50 Heimkehr und Gelöbnis (Auszüge) – aus: Flamme, 1920 Die Zeit ist stumm und alle Glocken schweigen, die oft so laut in unser Leid geschallt. Zerstoben ist der flatterhafte Reigen, der tändelnd unser Opferung umhallt. Wir wollen uns vor jenem Heer verneigen, das endlos unsrem Geist vorüberwallt: Die Toten sollen immer mit uns gehen, in unsrer Arbeit herrlich auferstehen. Wir wollen frei und friedlich uns bewegen In aller Völker allgemeinem Rat, die jede Todesrüstung von sich legen und nicht mehr streuen blutgetränkte Saat. Der Krieg sei tot! Es lebe jedes Streben, das alle fördert zu erhöhtem Leben! Auf Arbeit, Friede, Freiheit stehn die Tore der neuen Zeit, die sich erfüllen soll. Taub bleiben alle Worte unsrem Ohre, in denen dieser Sinn nicht mehr erscholl. Bald lauschen wir dem übermächtigen Chore, von dem das Herz schon ahnend überschwoll. Wir wollen alle frei und friedlich schaffen! Der Tag in Arbeit folgt der Nacht in Waffen. Brüder, lasst uns armverschränkt mutig in den Morgen schreiten! Hinter uns die schwarzen Zeiten, vor uns helle Sonnenweiten! Wicht nur, wer die Freiheit kränkt! Volk, hab acht! Brüder, wacht! Deutsche Republik, wir alle schwören: Letzter Tropfen Blut soll dir gehören! Peter Lösche, geboren 1939 in Berlin, Studium der Geschichte, Politikwissenschaft, Geografie und Philosophie in Berlin, Göttingen und in den USA, einem breiten Publikum bekannt durch zahlreiche Fernsehauftritte als Parteienexperte an Wahlabenden. Prof. Dr. Peter Lösche HALTUNGEN, GESINNUNGEN UND AUSDRUCKSWEISEN IN DER SOZIALDEMOKRATIE IM KAISERREICH UND IN DER WEIMARER REPUBLIK Dieser Beitrag basiert wesentlich auf den beiden folgenden Veröffentlichungen: 52 Peter Lösche/Franz Walter, Zur Organisationskultur der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik. Niedergang der Klassenkultur oder solidargemeinschaftlicher Höhepunkt? In: Geschichte und Gesellschaft 15(1989), S. 511- 536; Peter Lösche/Michael Scholing, Einführung. In: Blick in die Zeit. Reprintausgabe, Köln l988, S. 5- 14 In Kaiserreich und Weimarer Republik gab es so etwas wie das sozialdemokratische Milieu, ja es ragte fast bis in unsere Gegenwart. Unklar in der Forschung (und nebenbei auch in der heutigen Sozialdemokratie) ist die Begrifflichkeit. Es geht um gemeinsame Haltungen, Gesinnungen, Ausdrucksweisen, Einstellungen, Überzeugungen, Werte, auch um Emotionen, konkreter dann aber auch um gemeinsames Liedgut, Gedichte, Literatur, sogar um Rituale. Sozialdemokrat zu sein, bedeutete nicht nur ein Parteibuch zu tragen, sondern das war eine andere, wir würden heute sagen alternative Lebensweise. Es ging ernsthaft darum, den neuen, von den Fesseln des Kapitals befreiten Menschen zu schaffen. In der historischen, sozialwissenschaftlichen und kultur- wie literaturwissenschaftlichen Literatur werden für den im Stichwort„Milieu“ angedeuteten Sachverhalt unterschiedlichste Begriffe ins Feld geführt, so der Arbeiterkulturbewegung, Kultursozialismus, Arbeiterkultur, Organisationskultur. Das Konzept der„sozialdemokratische Solidargemeinschaft“ Ich operiere im folgenden mit einer von uns in Forschungsprojekten schon vor einiger Zeit geprägten Begrifflichkeit, nämlich der der„sozialdemokratischen Solidargemeinschaft“. Was ist darunter zu verstehen? Dem Soziologen Ferdinand Tönnies folgend soll hier unter Gemeinschaft ein genossenschaftlicher Typus sozialer Verhältnisse begriffen werden, der sich von einem herrschaftlichen Typus abhebt. Gemeinschaft enthält ein von ihren individuellen Mitgliedern subjektiv jeweils erfahrbares Zusammengehörigkeitsgefühl, das Tönnies als Consensus (gegenseitig-gemeinsam verbindende Gesinnung) und Concordia(Verbundenheit und Einigkeit) bezeichnet hat. Das attributive Bestimmungswort„solidar“ in der Zusammensetzung„Solidargemeinschaft“ soll das im Begriff Gemeinschaft enthaltene genossenschaftlich-kooperative Moment verstärken und sogleich eine soziale Realität ansprechen, die auch im proletarischen Milieu des Industriezeitalters bestanden hat. Solidargemeinschaft kennzeichnet in unserem Zusammenhang dann ein Bewusstsein, ein Zusammengehörigkeitsgefühl und eine praktizierte gegenseitige Unterstützung, die auf der Grundlage gleicher oder ähnlicher materieller Lebensbedingungen, aber auch vergleichbarer politischer Erfahrungen(im Fall der SPD von Verfolgung und Isolierung unter den Bismarckschen Sozialistengesetzen) und daraus sich ergebende gemeinsame Bedürfnisse und Interessen verstanden werden. Die sozialdemokratische Solidargemeinschaft ist durch die folgenden Merkmale gekennzeichnet gewesen: 1. Sie hat sich am Arbeitsplatz konstituiert und ist eine Solidargemeinschaft von Facharbeitern gewesen. Diese Aussage trifft auf die Funktionäre und Mitglieder ebenso wie auf Teile der Wähler zu. Die sozialdemokratische Solidargemeinschaft ging zwar vom(Fach-)Arbeitsplatz aus, sie umfasste aber alle Bereiche, das Wohnen ebenso wie die Freizeit und die Bildung: 2. Die verschiedenen Lebensbereiche waren durch ein vielfältig, komplexes, ausdifferenziertes Organisationsnetzwerk erfasst und miteinander verbunden. Trotz der zweifellos dominierenden politischen Orientierung der SPD auf Wahlen und Parlamentsarbeit war die Organisationsstruktur der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung zugleich auch auf außerparlamentarische Arbeit und die Durchdringung aller Lebensbereiche mit sozialdemokratischen Organisationen und mit sozialdemokratischem Bewusstsein angelegt. Diese Organisationsstruktur gab 3. 54 4. den institutionellen Rahmen ab für jene Solidarität, die im politischen Kampf, am Arbeitsplatz und in der Freizeit erlebt und praktiziert wurde. Organisation hatte im sozialdemokratischen Selbstverständnis natürlich eine Schutz- und Trutzfunktion gegenüber und innerhalb einer als bedrohlich empfundenen kapitalistischen Umwelt. Aber sie war mehr, nämlich Sozialismus im Kleinen und im Vorgriff auf die Zukunft. Diese praktizierte, organisatorisch abgesicherte Solidarität ist in die sozialismustheoretischen Vorstellungen der Sozialdemokratie eingegangen, gab diesen einen Realitätsbezug. Umgekehrt konnten reformistische Sozialismustheorien von sozialdemokratischen Arbeitern u. a. deswegen rezipiert werden, weil sie in ihnen ihre eigene Organisationspraxis zu erkennen vermochten. Innerhalb der Solidargemeinschaft gab es ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das sich in programmatischen Grundüberzeugungen niederschlug, die nachgerade eine naturrechtliche Qualität annahmen, nämlich den Kapitalismus durch den Sozialismus zu überwinden und die parlamentarische Demokratie zu verteidigen. Genau die Erfahrung solidargemeinschaftlicher Verflechtungen, der Durchdringung verschiedenartiger Lebensbereiche mit sozialdemokratischer Praxis, spiegelte sich in den reformistischen Sozialismusvorstellungen der 1920er Jahre wider. Die Fortgeschrittensten, darunter Hilferdings Überlegungen zum organisierten Kapitalismus und das Konzept der Wirtschaftsdemokratie von Naphtali, waren nicht zufällig in der Blütezeit der sozialdemokratischen Arbeiterkultur, nämlich in den Jahren 1927 und 1928, popularisiert worden. Noch ein Vokabular dieser Konzepte findet man die Organisationspraxis sozialdemokratischer Vereine jener Jahre wieder – bauen, ausbauen, erweitern, differenzieren, rationalisieren, zentralisieren, kooperieren, demokratisieren. Schließlich ist die so charakterisierte Solidargemeinschaft kein Konstrukt, sondern hat sich historisch entwickelt. Sie wuchs nicht naturnotwendig und unmittelbar aus einem proletarisch-facharbeiterlichen Milieu heraus, sondern wurde jeweils politisch, organisatorisch und intellektuell – und d. h. durchaus nicht harmonisch, vielmehr konfliktreich und widersprüchlich – hergestellt. In ihrer Theorie, Praxis und Alltäglichkeit bewahrte sie die unter Sozialistengesetz, Wilhelminismus und im Ersten Weltkrieg gemachten Erfahrungen und vorhandenen historischen Bedingungen auf. „Entharmonisierung“ und Relativierung Um Missverständnissen vorzubeugen: Entfaltung sozialdemokratischer Solidargemeinschaft hieß natürlich nicht, dass sich ein gleichmäßig gewirktes, einfarbiges und eintöniges Organisationsnetzwerk über das ganze Reich gespannt hätte. Vielmehr differierten die einzelnen Vereine funktional entsprechend ihres jeweiligen Organisationszwecks. Politische Kontraste waren vorhanden, deren Spannbreite mit den vereinfachten Gegensätzen von„links“ und„rechts“,„radikal“ und„reformistisch“ gekennzeichnet wurden. Regional-geographische Unterschiede waren markant, es gab Hochburgen sozialdemokratischer Tätigkeit und Gebiete der Diaspora. Ja, jede Organisation entwickelte gleichsam individuelle Merkmale. Die sozialdemokratische Kultur war in sich also keineswegs homogen, sondern äußerst heterogen – wenn man so will, pluralistisch-fragmentiert bei gleichzeitig vorhandenem Grundkonsens. Doch die verschiedenen sozialdemokratisch dominierten Organisationen differierten nicht nur funktional, regional und politisch, sondern unterschieden sich in weiteren Merkmalen, etwa in dem Anteil von Frauen an der Mitgliedschaft oder in der Rolle von Intellektuellen im Vereinsleben. Der Begriff der sozialdemokratischen Solidargemeinschaft ist also zu„entharmonisieren“ bzw. zu pluralisieren, die Dialektik von Consensus und Concordia sowie von Dissonanzen und Konflikt sind immer mitzudenken. Die sozialdemokratische Solidargemeinschaft ist noch in anderer Hinsicht zu relativieren, einzuschränken. Alle Mitglieder der sozialdemokratischen Partei, erst Recht die Wähler der SPD oder gar die Bewohner bestimmter proletarischer Quartiere oder Stadtviertel sind nicht mit der sozialdemokratischen Solidargemeinschaft gleich zu setzen. Der Typus des Sozialdemokraten, der aktiver Gewerkschafter und Freidenker war, der Arbeitersport betrieb und abstinent lebte, dessen Kinder bei den Kinderfreunden oder in der SAJ mitmachten und dessen Frau sich in der Arbeiterwohlfahrt engagierte, war in besonderer Weise von der Arbeiterschaft, auch in der Facharbeiterschaft hervorgehoben. Die Solidargemeinschaft war gleichsam der innere Kern der SPD. Zwei Arten grober Schätzung können uns eine quantitative Vorstellung von ihrem Umfang vermitteln. 1. Die Funktionäre der Partei und der sozialdemokratischen Arbeiterkulturorganisationen werden undifferenziert zur solidarischen Aktivitas gezählt, so dass wir auf einen Personenkreis von etwa 200.000 kommen. 2. Diejenigen werden der sozialdemokratischen Solidargemeinschaft zugeschlagen, deren Kinder weltliche Schulen besuchten bzw. bekennende Freidenker an den Simultanschulen waren. Zieht man die Zahl der Kommunisten hiervon wiederum ab, kommt man ebenfalls auf eine Summe von ca. 200.000. Im Kontext der Sozialdemokratie des Kaiserreichs und der Weimarer Republik können kulturell drei Typen, drei Ebenen unterschieden werden: (1) Die Lebensformen der großen Masse der Arbeiterschaft, die durchaus SPD wählte oder mit der Partei sympathisierte, die aber stark von der Massenkultur, von Radio und Kino bereits beeinflusst war; (2) die sozialdemokratische Arbeiterkulturbewegung im Ganzen mit ihren Großorganisationen, bei denen der Einfluss der Massenkultur zu spüren war, die aber weltanschaulich-ideologisch und in den Einstellungen, Mentalitäten und Verhaltensweisen ihrer Mitglieder deutlich unterscheidbar blieben; (3) die sozialdemokratische Solidargemeinschaft mit ihren etwa 200.000 Angehörigen, immun gegen die Massenkultur, dem Ideal des„neuen Menschen“ in sozialistisch-rigoroser Lebensgestaltung nachstrebend. 56 Entwicklung der sozialdemokratischen Solidargemeinschaft Die sozialdemokratische Solidargemeinschaft war bekanntlich im Kaiserreich entstanden, nicht zuletzt als Reaktion auf die Zeit der Verfolgung unter dem Bismarckschen Sozialistengesetz. Die Weimarer Republik war dann die Blütezeit der Arbeiterkultur. Der Systemwechsel von 1918 leitete nicht etwa einen Abbau, sondern im Gegenteil einen rapiden Ausbau gegenkultureller Sonderorganisationen ein. Etliche Kulturorganisationen und Arbeitervereine wurden erst ab 1919 gegründet, so die Arbeiterwohlfahrt, die Jungsozialisten, die Kinderfreunde, der Arbeiter-Radio-Bund, die Vereinigung sozialdemokratischer Juristen, die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Lehrer, die Sozialistische Vereinigung für Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, der Sozialistische Studentenbund, der Bund sozialistischer Vegetarier, der Kreis für Körperkultur, der Verband sozialistischer Abstinenten, der Sozialdemokratische Intellektuellenbund, der Arbeiter-Angler-Bund sowie der Arbeiter-Schützen-Bund. Auch die älteren Arbeitervereine, die sich bereits im Kaiserreich konstituiert hatten, gerieten in den Jahren der Republik nicht in eine Mitgliederkrise, sondern ihre Mitgliederzahlen expandierten oft erheblich. So hatten die Arbeiter-Radfahrer unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg etwa 148.000 Mitglieder; Ende der 1920er Jahre zählten sie mehr als doppelt so viel, nämlich 314.000. In den proletarischen Freidenkervereinen hatten sich vor 1914 nicht mehr als 6.500 Gegner der Kirchen organisiert; erst in der Weimarer Republik wuchs die proletarische Freidenkerbewegung mit schließlich 600.000 Mitgliedern zu einer Massenbewegung heran. Der Arbeiter-Turn- und Sportbund baute seine Mitgliederzahl von 120.000 vor 1914 auf 570.000 zum Ende der 1920er Jahre aus; der Arbeitersängerbund von 100.000 auf 440.000, der Arbeiterschach-Bund von 800 auf 11.900; der Arbeiter-Samariter-Bund von 5.500 auf 43.000. Selbst die Sozialistischen Ärzte konnten sich von 1913 bis zum Ende der Republik von 20 auf ca. 1.000 Mitglieder steigern. Allerdings war dies keine linear-kontinuierliche Entwicklung. Vielmehr durchliefen die Arbeiterorganisationen einen regelrechten Lebenszyklus, der weniger etwas mit der Entfaltung der Massenkultur(Radio, Kino usw.) als mit der jeweiligen politischen und ökonomischen Lage der Republik zu tun hatte. Die gravierendsten Einbrüche hatten die Arbeiterorganisationen während und unmittelbar nach der Hyperinflation hinzunehmen. Innerhalb weniger Monate waren etliche Organisationen faktisch bankrott und schienen am Ende. 1926 hatten aber die meisten sozialdemokratischen Organisationen die Talsohle erreicht und durchschritten. Nun begann für die Arbeiterbewegungskultur eine in ihrer Geschichte bislang nicht bekannte und auch künftig nicht mehr erreichte Konjunkturzeit, die sich von 1926/27 bis 1929 erstreckte. 1930 geriet die sozialdemokratische Kulturbewegung erneut in eine Krise, die allerdings quantitativ nicht so tief ging wie die Inflationskrise von 1923. Aber auch der Einbruch in den frühen 1930er Jahren hatte mit den Auswirkungen der Massenkultur nichts zu tun, er war vielmehr die direkte Folge der schweren ökonomischen Depression, der Arbeitslosigkeit und der politischen Herausforderung durch die Nationalsozialisten. Doch schon im Herbst 1932 schlug das Pendel wieder nach der anderen Seite zurück. Der pausenlose Einsatz auf der Straße hatte viele Aktivisten erschöpft. Es kam Unzufriedenheit darüber auf, dass schon seit zwei Jahren beinahe sämtliche Bildungsarbeit brach lag und die Kulturbewegung vernachlässigt worden war. Am Vorabend der Machtübernahme der Nationalsozialisten waren die Kulturorganisationen der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung im Begriff, sich allmählich wieder aufzubauen. Realität sozialdemokratische Solidargemeinschaft Bisher war recht allgemein die Rede vom sozialdemokratischen Milieu. Zum Abschluss soll an zwei Beispielen illustriert werden, was sozialdemokratische Solidargemeinschaft konkret und im Alltag bedeuten konnte. Da ist zum einen die Hufeisensiedlung in Berlin-Britz zu nennen, 2008 gemeinsam mit anderen Berliner Siedlungen der Weimarer Republik zum Weltkulturerbe durch die UNESCO erhoben. Die Hufeisensiedlung war in den Jahren 1925 bis 1927 von Bruno Taut und Martin Wagner in der Tradition der Gartenstadtbewegung, verbunden mit den Ideen des Weimarer Bauhauses geplant und von den freien Gewerkschaften genossenschaftlich gebaut worden. Dies war eine Insel der sozialdemokratischen Solidargemeinschaft, deren Bewohner Mitglieder oder Funktionäre von SPD und Gewerkschaften, vor allem aber der sozialdemokratischen Kultur- und Freizeitorganisationen waren, also der Arbeiterwohlfahrt, des Arbeitersamariter-Bundes, der Sozialistischen Arbeiterjugend, der Roten Falken und der Naturfreunde. Es gab eine Mieterzeitschrift, gemeinsame Wanderungen, Festivitäten und Rituale wie die Sommer- und Wintersonnenwende oder das„Fest der Arbeit“. Natürlich war eine weltliche Schule in der Nähe, getragen von der Reformschulbewegung der Weimarer Zeit, darunter ein so bekannter Politiker und Pädagoge wie Kurt Löwenstein, Stadtschulrat in Neukölln, Mitglied des Reichstages für die SPD und Reichsvorsitzender der Roten Falken, Ideenge58 ber für die Rote-Falken-Republiken, Kinder-Republiken, in denen sozialistisch-parlamentarische Demokratie praktiziert wurde. Im Dritten Reich wurde die Britzer Nachbarschaft bei genossenschaftlich-informellen Treffen ironisierend als das „KZ“ bezeichnet, man bräuchte nur einen Stacheldrahtzaun zu errichten und schon wären Mitglieder und Funktionäre der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung, die dort wohnten,„in Schutzhaft“ genommen. Und nach dem Zweiten Weltkrieg, schon im Frühsommer 1945, restaurierte und institutionalisierte sich das alte sozialdemokratische Milieu. Das Vereinsleben stand in höchster Blüte: Da fand montags der Frauen- oder der Jungsozialistenabend statt, dienstags trafen sich die Hauskassierer, mittwochs war die Mitgliederversammlung angesagt, donnerstags der Bildungsabend. Die Veranstaltungen liefen nach alter Gewohnheit ab: Eröffnung – Vortrag – Diskussion – weitere Termine – Verschiedenes. Häufig sang man zum Abschluss„Brüder, zur Sonne zur Freiheit“. Als anderes Beispiel für die Realität sozialdemokratischer Solidargemeinschaft sei eine Zeitschrift genannt, die typisch für den sozialdemokratischen Widerstand in der ersten Phase nationalsozialistischer Herrschaft war, nämlich„Blick in die Zeit“, eine„merkwürdige Wochenzeitschrift“.„Blick in die Zeit“ war ein wöchentlich in den Jahren 1933 – 1935 erscheinender Pressespiegel im Umfang von 16 Seiten mit dem Untertitel„Pressestimmen des In- und Auslandes zu Politik, Wirtschaft und Kultur“, eine von überhaupt nur zwei nicht-nationalsozialistischen Zeitschriften, die nach der Machtübernahme der NSDAP gegründet werden konnten. Mit Hilfe geschickt ausgewählter in- und ausländischer Zeitungsausschnitte vermittelte die Zeitschrift in Jahren, in denen die Presse zensiert und gemaßregelt wurde, einen informativen Überblick zu politischen und wirtschaftlichen Ereignissen und kommentierte durch die Art der Zusammenstellung diese zugleich kritisch. Der „Blick in die Zeit“ erschien über zwei Jahre lang ganz legal und regelmäßig in einer Auflage von weit über 100.000 Exemplaren, ehe er im August 1935 auf Geheiß der geheimen Staatspolizei„bis auf weiteres“, d. h. aber endgültig, eingestellt werden musste. Die Zeitschrift, auf den ersten Blick ein politisch nicht unbedingt sensationelles Nachrichtenblatt, war das Gemeinschaftswerk einer großen Zahl von Mitgliedern der verbotenen Sozialdemokratischen Partei. An Herstellung, Produktion, Druck und Vertrieb der Zeitschrift waren – mit einer Ausnahme, nämlich der eines ehemaligen Offiziers der Preußischen Polizei, der gegenüber der Gestapo als Herausgeber auftrat – nur(ehemalige) Sozialdemokraten und Kinderfreunde beteiligt. Das Vertriebsnetz war faktisch in der Hand der Roten Falken, deren ehemaliger Kieler Führer, Adreas Gayk, auch die Redaktion leitete. Andere, später in der Bundesrepublik prominente Sozialdemokraten waren Ludwig Preller, Otto Suhr und Kurt Exner. Bei„Blick in die Zeit“ handelte es sich um eine besondere Form des Widerstandes. Das Blatt wurde von einer kleinen Zahl von Personen gedruckt und redigiert, jedoch von einer großen Zahl vertrieben. Diese Menschen konnten sich aufeinander verlassen, insbesondere in Redaktion und Vertrieb. Die große Vertrautheit, ja ein Hauch von Verschwörung wird dadurch unterstrichen, dass die verschiedenen Personengruppen, die an der Herstellung in Redaktion, Druckerei und Vertrieb beteiligt waren, voneinander kaum etwas oder gar nichts wussten. Gleichzeitig war jedoch die öffentliche Wirkung der Zeitschrift ungeheuer groß. Dies zeigte sich nicht nur in der hohen Auflage, sondern auch darin, dass die Exemplare von Hand zu Hand weitergegeben wurden. Der„Blick“ wurde so gleichsam zum inoffiziellen Zentralorgan des sozialdemokratischen Widerstandes. Er war aber auch Ausdruck für die Kontinuität der sozialdemokratischen Solidargemeinschaft im Dritten Reich. 60 Der steinerne Psalm (zuerst 1918, öfter nachgedruckt- Der Stadt Nürnberg gewidmet!) Unsre Straßen klingen von Stimmen alter und neuer Zeit. Edle Kirchen und Häuser singen schönstes Lied der Vergangenheit. Über Firste und Giebel, traulich im Winkel verschmiegt noch ein später Glanz verblasster Tage sich wiegt. Aber Kamine und Essen, trotzig gereckt in den Wind, heulen herrisch: heute ist heute! Wir sind! Jeder Stein erklingt unter Deinem Fuß, schickt ein Haus dem andern Haus seinen Englischen Gruß. Jauchzt die Esse steil aus rauchgeschwängerter Luft, tönt der Kirchturm Antwort aus seinem marienseligen Himmelsduft. Dome, Kapellen, für Beter gewölbtes Schiff, Bahnhofshallen, Fabriken, von Arbeit durchstampft, durchgellt von Sirenenpfiff, ihre Gesänge münden aus Duft und Weihrauch, aus Dunst und beißendem Qualm alle in einen riesenstimmigen Lebenspsalm. „Wir sind gebaut auf schwankendem Erdengrund. Wir sind gebaut von einem schaffenden Menschenbund. Stehn wir auch längst von allen Gerüsten entschält, bleibt doch des Werkes Ruhm in Ewigkeit ungeschmält. Schlafen auch Maurer und Steinmetz in der kühlen Gruft, recken wir doch ihr Werk in hellste Himmelsluft, künden wir jedem Auge, das uns liebend schaut: Wir sind gebaut! Wir sind von einem schaffenden Bund gebaut!“ Wo die Stadt sich verliert im blauen Himmelsrand, reicht das letzte Haus dem ersten Baum die Hand, klingt noch ins Rauschen der Wälder von diesem Psalm ein Klang, Unsere Stadt ist ein mächtiger, steinerner Lobgesang. Alexander Schmidt hat als Historiker und Stadtbilderklärer bei„Geschichte für Alle e.V.- Institut für Regionalgeschichte“ in Nürnberg gearbeitet und über die Kultur der zwanziger Jahre in Nürnberg promoviert. Derzeit ist er pädagogischer Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Dr. Alexander Schmidt „... EINZIG KARL BRÖGER“ NÜRNBERGS BEKANNTESTER SCHRIFTSTELLER IN DEN ZWANZIGER JAHREN „Sucht man aber nach der Persönlichkeit, die den Namen Nürnbergs in das heute 62 allgemein bekannte Konzert der deutschen Dichtung einreiht, bleibt einzig Karl Bröger“ 1 , schrieb Georg Gustav Wieszner 1923 in einer Übersicht zum literarischen Leben in Nürnberg. Bröger war, so legt es die Bemerkung des sehr aktiven Publizisten und Volkshochschuldozenten Wieszner nahe, in der Nürnberger Literaturszene unbestritten die herausragende Persönlichkeit. Allerdings galt Nürnberg in den zwanziger Jahren nicht als Stadt, die besonders bekannt gewesen wäre für ihre Literatur oder ihr modernes Kulturleben. 2 Um Brögers Leistung einzuschätzen lohnt deshalb ein Blick auf dieses Nürnberg, in dem Bröger lebte und agierte. Das„Einzige“, Besondere an Bröger war dabei auch, dass er, aus einfachsten Verhältnissen kommend, zu denen gehörte, die über den lokalen Nürnberger Rahmen hinaus wirkten. Die Stadt Nürnberg war in den zwanziger Jahren eine der wichtigen Großstädte des deutschen Reiches mit bedeutender Industrie. Das kulturelle Leben, nicht nur im Bereich der Literatur, spielte sich aber immer vor der Folie und mit Bezug auf die alte Reichstadt ab. Dabei war der Bezug auf das Alte, vermeintlich Echte vor allem auf der politisch rechten Seite stark ideologisiert und nationalistisch aufgeladen. Als Kampfbegriff gegen die Moderne diente insbesondere das„Fränkische“, gerade im Bereich der Literatur. Hans Werthner: Bildnis des Dichters Karl Bröger, Ölgemälde 1917 Dieser Haltung stand aber ein durchaus fortschrittlich-liberales Nürnberg mit starker Arbeiterbewegung gegenüber, in dem sich eine eigene, gemäßigte Form der Weimarer Moderne entwickelte. Ein Bröger der Neuen Sachlichkeit – das Portraitbild Hans Werthners Ein gutes Beispiel für die Nürnberger Form einer gemäßigten Moderne ist das Portrait Brögers des Malers Hans Wertner. 3 Hans Werthner war der einer der ganz wenigen, wenn nicht der einzige Nürnberger Maler der Weimarer Republik, welcher Motive und Themen nicht nur in der fränkischen Landschaft oder in der Altstadtromantik, sondern auch in der industriell geprägten Großstadt Nürnberg suchte. 4 Sein Portrait des Schriftstellers Karl Bröger reiht sich ein in eine Serie von Portraits Nürnberger Künstler, die allesamt eher einer gemäßigt modernen Richtung zuzurechnen sind. Werthners Portraits wurden zeitgenössisch als„Physiognomien des Geistes“ 5 gesehen und gehören zu dem Besten, was damals in Nürnberg auf diesem Gebiet geschaffen wurde. Der Schriftsteller und Redakteur Johann Adam Meisenbach, der Werthner schon in den zwanziger Jahren kannte, würdigte den Künstler bei seinem Tod 1955 als„Maler der Arbeit, Maler der fränkischen Erde“ und fuhr fort:„Er war davon besessen, die Werkarbeit unserer Zeit, die unserem Leben den Grund bereitet, die Landschaft seiner Fränkischen Heimat und das Antlitz ihrer Menschen zu erschauen (...).“ 6 Obwohl es für Nürnberg etwas Besonderes war, dass sich ein Maler mit der industriellen Welt beschäftigte, wurde dies in der zeitgenössischen Kunstkritik eher beiläufig und immer im Zusammenhang mit dem Portrait- und Landschaftsmaler gewürdigt. 7 Das Bildnis des Dichters Karl Bröger ist das bekannteste Werk Hans Werthners. Auf ihm ist eine der wenigen zeitgenössischen Ansichten des großstädtischen, indus- trialisierten Nürnberg zu sehen. Der Kunstkritiker Heinrich Höhn würdigte in seiner Beschreibung dieses Bildes den Industriemaler Werthner:„Im Hintergrund sieht man die regellosen, kantigen Blockgebilde hoch aufgeschossener Vorstadthäuser und höher noch emporstoßende, schlanke Fabrikschornsteine. Man ahnt da jene gewaltige Tagesarbeit in den Maschinenräumen, in den Werkstätten, in den Lagerhäusern, jene Arbeit, deren tausendhändiger dröhnender Geschäftigkeit und heroisch-zäher Ausdauer Bröger so manches Loblied gesungen hat.“ 8 Betrachtet man das Bild genauer, so sind allerdings nur einige wenige Fabrikschornsteine zu erkennen. Fabrikräume und Werkstätten kann man nur mit viel Phantasie erahnen. Eher ist im Hintergrund des Bildes die Niederung der Pegnitz bei der Vorstadt Wöhrd zu sehen. Dem schließt sich die Vorstadt an. Trotzdem ist dies eine ungewöhnliche Nürnberg-Ansicht: Im Mittelpunkt steht nicht die Kaiserburg. Nürnberg als mentales Raster – Brögers Nürnberg-Bild und seine lyrische Dichtung Es entstand in Nürnberg, Hans Werthners Bröger-Portrait ist dafür nur ein Beispiel, eine Moderne abseits der Metropole Berlin. Diese Moderne in der Provinz versuchte eine mittlere Linie zwischen Alt und Neu zu entwickeln und wurde auch, zumindest bis zum Beginn der krisenhaften Entwicklung zu Beginn der 1930er Jahre, von weiten Kreisen der Nürnberger Bevölkerung akzeptiert. Die Bezugnahme auf die alte Reichsstadt als mentales Raster in nahezu allen Kulturbereichen macht das Besonde64 re dieser Nürnberger Moderne aus. In diese Haltung passt auch der Dichter Bröger, den man kaum als„modernen“ Dichter der zwanziger Jahre bezeichnen kann. Sein Gedicht„Der steinerne Psalm“ spiegelt die mentale Landkarte des Nürnbergers der zwanziger Jahre.„Firste und Giebel, traulich im Winkel verschmiegt“ stehen neben„Bahnhofshallen, Fabriken, von Arbeit durchstampft“. 9 Bei Brögers Dichtung hat die Wertschätzung der Arbeit(und damit der Arbeiter), ihre Überhöhung als eigentliches Lebensmoment der Welt einen hohen Stellenwert. Dies erschien vor dem Hintergrund seiner Biografie authentisch und glaubwürdig. Immer wieder tauchte in diesem Zusammenhang das Bild eines mächtigen Gesangs auf, der durch die Arbeit entstehe. Bröger verwendet außerdem wiederholt eine Symbolik des Lichts und des Feuers. All dies macht Bröger nicht unbedingt zum Avantgardisten in der Lyrik seiner Zeit, aber zu einem relativ erfolgreichen Autor. Der Erste Weltkrieg, an dem Bröger(allerdings nicht als Kriegsfreiwilliger) teilnahm, beeinflusste nicht nur seine äußere Biografie, sondern auch nachhaltig sein Werk: Die Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg, seine Kriegsgedichte und-erzählungen, insbesondere jedoch sein Gedicht „Bekenntnis“ haben das Bild Brögers nachhaltig geprägt. Die in diesem Gedicht enthaltene Formulierung, dass in der größten Gefahr Deutschlands„ärmster Sohn“ (die Arbeiterschaft) auch der„getreuste“ gewesen sei, wurde von rechtsnationalen Kreisen als Parteinahme für ihre Sache aufgefasst. Es half Bröger dabei wenig, dass er ein deutliches Bekenntnis zur Weimarer Demokratie ablegte und auch Gedichte gegen Kriegsgräuel verfasste – er galt dennoch in manchen Kreisen vor allem als deutschnational denkender Dichter. Dass er dies nicht – oder nicht nur – war, zeigt sein Gedicht„Phoenix“, welches der Literarische Bund Nürnberg 1919 auf seinem ersten Flugblatt verbreitete. Der dort vorherrschende Gestus des Expressionismus, das Bild des nackten unschuldigen Menschen und die Symbolik des Feuers sind zeittypisch. 10 Bröger war, auch noch in den ersten Jahren der Weimarer Republik, in manchen Werken ein Dichter im Aufbruch und auf der Höhe seiner Zeit. Er war geprägt von seiner Heimatstadt und sah das reichsstädtische Nürnberg durchaus als einen Bezugsrahmen, vor dem sich seine Gegenwart mit industrieller Produktion und selbstbewusster Arbeiterbewegung abhob. Bröger war, mit dieser bei ihm allerdings nicht dominanten Bezugnahme auf das alte Nürnberg, ein typischer Vertreter der Moderne in der Provinz. Bröger als Journalist und Rezensent in den zwanziger Jahren Die überwiegende Masse in Brögers Werk machen Zeitungsartikel, Rezensionen, Theaterkritiken, satirische Texte, Gedichte zu tagesaktuellen Ereignissen in der Fränkischen Tagespost aus. Hinzu kommen zahlreiche Beiträge in anderen, zum Teil entlegenen Publikationen. Diese Masse des Brögerschen Werkes neben seinen literarischen und lyrischen Texten erfasst und erschlossen zu haben, ist ein großes Verdienst des Brögerforschers Gerhard Müller. 11 Wer auch nur ansatzweise eintaucht in diese Menge von Texten, der erhält einen Eindruck von den Idealen, den Anliegen, der Haltung Brögers. Zentral ist dabei eine Verbundenheit mit der – in der damaliCollage mit Foto des Verlagshauses der Fränkischen Tagespost (Mitte), 1927 gen Sprache- arbeitenden Klasse und – hier ist für Bröger nur der bestimmte Artikel denkbar – mit der Partei. So eigensinnig und eigenwillig im Urteil Karl Bröger war, er lebte und agierte in der Welt der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung. Bröger bestritt in der Weimarer Republik die Literatur- und Theaterkritik der Fränkischen Tagespost und schrieb in den Jahren vor 1933 nahezu wöchentlich die satirische Kolumne„Stachelhecke“ mit Illustrationen des Nürnberger Zeichners Karl Stoye. Sein journalistisches Werk ist, soweit es konkret politische Fragen betrifft, ein deutliches und konsequentes Statement gegen den Nationalsozialismus. Arbeiterfeste, Würdigungen verdienter Genossen, die Welt der Arbeiterjugend, der er sich besonders verbunden fühlte – dies alles war für ihn selbstverständlicher Rahmen und Bezugspunkt seines Lebens. Nicht nur die Teilnahme am Ersten Weltkrieg hat Bröger geprägt, sondern auch die Aufbruchstimmung nach der Novemberrevolution 1918. In diesem Jahr gründete er die Zeitung„Der Volksstaat – Eine Wochenschrift für neue Gemeinschaft“, in der er selbst, der Dozent für Film an der Volkshochschule Johann Adam Meisenbach und eine Reihe anderer, eher unbekannter Autoren über Politik, Kultur und auch politische Zukunftvisionen schrieben. So wurde 1919 sogar eine Volksstaat-Feier im Hercules-Saalbau organisiert, in der„Das grüne Manifest“ von Leberecht Migge verlesen wurde. Die etwas willkürlich anmutende Themenauswahl der Zeitschrift reichte von Beiträgen über Schulreform, über das Wahlrecht oder die Formen des 66 Wahlkampfs bis hin zu Artikeln über die Rolle der Kunst im Staat oder die politische Kultur Schwedens. Das Blatt konnte eine gewisse Nähe zur SPD nicht verleugnen, bot jedoch auch anderen Auffassungen Raum, sofern sie nach Meinung der Redaktion dem Ziel dienten, die Leser in Richtung eines neuen Menschen zu führen, der die neue Staatsform Demokratie mit Leben erfüllen konnte.. Als Zielformulierung war zu lesen:„Der ‚Volksstaat‘ sieht sein Programm erfüllt, wenn er zu dieser Umbildung unsres Volksgeistes beigetragen hat.“ 12 Die Wochenschrift konnte allerdings nur kurz erscheinen. Am 26. April 1919, nicht einmal ein halbes Jahr nach der ersten Nummer, kam die letzte Ausgabe heraus. Brögers Engagement für diese nur sehr begrenzt wirksame Zeitschrift mag aus der Rückschau naiv und weitgehend wirkungslos erscheinen. Die Publiakation ist aber charakteristisch für die Hoffnungen und Wünsche vieler Menschen nach 1918, die mit neuen Perspektiven etwas aufbauen wollten. Bröger blieb bei aller Offenheit für neue Ideen, einer betonten geistigen Unabhängigkeit und dem Gestus des Einzelgängers aber in erster Linie ein Dichter, der an die Kraft der Literatur und des Theaters glaubte. Geprägt vom Erlebnis des Ersten Weltkriegs hoffte er, über diese und andere Fronten hinweg zu kommen. Literatur und Theater sollte diesem Anliegen Ausdruck verleihen. Die Fränkische Tagespost war über zwei Jahrzehnte sein Arbeitgeber. Er begleitete ihre Entwicklung auch dichterisch. Dem Verlagshaus in der Breite Gasse mit seinen Reliefs von säenden Frauen und hart arbeitenden Männern widmete er ebenso ein Gedicht wie dem Haus selbst beim Umzug in das neue Domizil südlich des Bahnhof. Das heute im Stadtbild noch vorhandene Reliefs„Fries der Arbeit“ gibt mit dem Chor der Männer („Wir graben, wir graben mit Schaufel und Spaten...), dem Chor der Frauen(„Wir sind euch Gefährten und wandeln gelassen...“) und dem Chor der Kinder(„Wir brechen die Frucht eurer bitteren Stunden...“) ein Bild der Gebrauchslyrik Brögers, die aber den Stolz des Schaffenden Volkes widerspiegelt und die Gewissheit einer besseren Zukunft für die Kinder propagiert. Ein ausgesprochen traditionelles Frauen- und Familienbild bei Bröger wird hier aber auch deutlich. Fries der Arbeit Das„Haus des Volkes”, Nürnberges erstes Hochhaus und ein weiteres schönes Beispiel für die Nürnberger Provinzmoderne, war Thema eines der vielen tagesaktuiellen Gedichte in Brögers Werk. Das siebenstöckige Gebäude der Nürnberger Architekten Hans Müller und Karl Kröck war vom Auftraggeber, der sozialdemokratischen Fränkischen Tagespost und der Fränkischen Verlagsanstalt, als symbolischer Bau gedacht. Karl Bröger steuerte zur Festschrift für den Neubau ein einleitendes Gedicht bei, das auch auf die Höhe des Gebäudes Bezug nahm: „Sechzig Jahre haben an diesem Haus gebaut, das nun ragend über Türme und Dächer schaut. Sechzig Jahre festgemauerte Zeit Blicken uns an und künden von sieghaftem Streit. Unsre Väter haben schon Hirn und Hand geregt, haben den Grund zu diesem stolzen Bau gelegt. Hinter Beton und Stahl, der in die Höhe strebt, ist es ihr Geist, der in diesen Mauern lebt.(...)“ 13 Das Gedicht wurde beim Festakt, der im Phoebus-Palast zu Klängen der WurlitzerOrgel am 12. Oktober 1930 stattfand, von einem Schauspieler rezitiert, Volkschor sowie Sprech- und Bewegungschor steuerten zwei Stücke mit den Titeln„Der blühende Hammer“ und„Dies Haus soll Waffenschmiede sein“ bei. Der Film„Im Anfang war das Wort“ führte die„Kampf- und Leidenszeit der Sozialdemokratischen Partei“ vor Augen. Eine weitere Veranstaltung zur Einweihung des neuen Hauses füllte die Festhalle im Luitpoldhain. Es sprach der wenige Monate zuvor als Reichskanzler zurückgetretene Hermann Müller. Druckerei, Redaktion, Verwaltung und ein Buchladen – das neue Haus war das neue Zentrum der SPD in Nürnberg und auch mit der architektonischen Inszenierung des Baus verbanden die Genossen eine Botschaft:„Schwarz-Rot-Gold, groß und breit über dem Hauptportal, erglänzt im Dämmerschein ‚Fränkische Tagespost‘ in NeonLeuchtschrift. Fünf Lisenen, jede 22 Meter aufwärtsstrebend zum Flachdach, durchbrechen goldgelb die Dunkelheit, überfluten Mittelbau und freien Platz in magischer Beleuchtung, erregen schon von weitem die Aufmerksamkeit der ankommenden Fremden 68 und Vorübergehenden.“ 14 Das Haus stellte – symbolisch – einen Orientierungsturm bei Neues Verlagshaus der Fränkischen Tagespost, Fotografie 1930 Nacht dar und bot bei Tage – ebenfalls symbolisch – einen weiten Ausblick auf Nürnberg und das Frankenland, das aus der alten Stadt, den Fabrikquartieren und den Randbezirken mit der Gartenstadt bestand, einer, so die Festschrift,„Schöpfung der Nürnberger freien Arbeiterschaft.“ 15 Nürnbergs Hochhaus der Arbeiterbewegung als Turm der Moderne gegenüber der Altstadt und als Zeichen der zukünftigen Zeit – so wollte die Festschrift zur Einweihung den Bau und seine Architektur verstanden wissen. „Karl Bröger, der Volksbildner“ Karl Bröger war von der Gründung der Volkshochschule 1921 bis 1929 fast in jedem Trimester Dozent im Bereich der Literatur. 16 Seine Kurse waren sehr beliebt und häufig ausgebucht. Brögers Blick richtete sich dabei konsequent auf die Literatur der Gegenwart. Nur ausnahmsweise beschäftigte er sich mit Dichtern wie Friedrich Hebbel oder den deutschen Romantikern. Am Herzen lagen ihm die Themen Jugend, Jugendbewegung und Jugendkultur, die Arbeiterdichtung und Herman Hesse sowie zeitgenössische Legenden- und Märchendichtung. Es ist charakteristisch für Brögers Haltung, dass er nur selten Vorträge, sondern vor allem sogenannte „Arbeitsgemeinschaften“ anbot. Dies entsprach dem Konzept und den Idealen der Volksbildung, die ein Demokratisierung von Bildung durch Beteiligung der Teilnehmer vorsah. Er begann seine Lehrtätigkeit mit einem Thema, das ihm am meisten am Herzen lag: Jugend in der deutschen Dichtung, Jugend als„Träger der Kultur”:„Es ist zu zeigen, daß die Jugend Träger jeder Erneuerung des ideellen und praktischen Lebens ist. Das soll geschehen aus den Bewegungen der deutschen Literatur seit dem Jahre 1770 etwa: Wie eine Jugend der andern seitdem die Pflicht dieser Erneuerung weitergibt, vom Sturm und Drang über die Klassik, den Naturalismus und die dichterische Neueinstellung unserer Jüngsten: das ist Gegenstand der Vortragsreihe!“ 17 Ende 1925 behandelte Bröger in einer Arbeitsgemeinschaft„Das hohe Lied der Arbeit“: „Die Arbeitsgemeinschaft soll sich mit der Dichtung Europas und Amerikas befassen, soweit sie die Arbeit zum Motiv hat: Zola, Lemonnier, Verhaeren, Hamsun, Andersen-Nexö, Gorki und die deutsche Arbeitsdichtung. Walt Whitmann, U. Sinclair, Jack London und die amerikanische Werkdichtung.“ 18 Bröger beendete seine Lehrtätigkeit 1929 mit einer thematisch ebenso weit gespannten Arbeitsgemeinschaft über„Das lachende Deutschland seit Jean Paul“, die mit dem Werk von Ringelnatz endete. Georg Gustav Wieszner erinnerte sich als Kollege an der Volkshochschule gerne an den Dozenten Bröger und an die“schöne Zeit zwischen 1918 und 1933, als man noch an den Geist glaubte.” 19 Tatsächlich war damals die Volkshochschule ein Sammelbecken für die Kulturschaffenden, die etwas im Sinne der Weimarer Demokratie und ihrer modernen Kultur bewegen wollten. „Brecht ist ja nur so wütend, weil er von seiner eigenen Romantik nicht loskommt“ – Karl Bröger und das Theater Bröger war selbst Autor und Akteur der Theaterszene in Nürnberg und wirkte über seine Heimatstadt hinaus. Er nahm das Theater und neue Formen wie den Sprechgesang wirklich wichtig. Seine Theaterkritiken fanden, eben weil er ein anerkannter Dichter war, durchaus Beachtung und bildeten eine Gegengewicht zu den Kritiken der bürgerlichen Presse von Oscar Franz Schardt und Wilhelm Matthes (Fränkischer Kurier) sowie Albert Malte Wagner(Nürnberger Zeitung). Brögers journalistisches Schaffen beginnt mit Theaterkritiken und sie sind, so scheint es, sein zentrales Interesse, mehr als seine sonstigen Reportagen und Stellungnahmen. Es ist aber zu betonen, dass Brögers journalistisches Schaffen viel weiter gespannt ist und insbesondere einen konsequenten Kampf gegen den Nationalsozialismus(mit zahlreichen satirischen Texten) beinhaltet. Diese Seite Brögers ist heute allerdings für Leser ebenfalls nur schwer zugänglich, nämlich in den zeitgenössischen Ausgaben der Fränkischen Tagespost. Bröger erlaubte sich als Theaterkritiker ein ganz eigenes Urteil und hatte auch vor vermeintlich großen Namen keinen übertriebenen Respekt. Bröger bezeichnete es als„Kulturaufgabe des Theaters“, dass die Stücke sich mit dem„eigenen Denken und Fühlen“ 20 verweben sollten. Beispielhaft für die Haltung Brögers stehen seine Kritiken zu Ernst Toller, Bert Brecht und einiger heute unbekannter Autoren. Das Stück„Masse Mensch“ des Anarchisten, Akteurs der Münchner Räterepublik und Schriftstellers Ernst Toller hatte am 5. November 1920 seine Uraufführung und wurde insgesamt fünf Mal vor fast ausverkauftem Haus gegeben. 21 Das Stück war damit, was die Zuschauerzahl betrifft, eine der erfolgreichsten Uraufführungen des Nürnberger Theaters in der Weimarer Republik – etwa 7.400 Besucher insgesamt haben„Masse Mensch“ in Nürnberg gesehen. Das Stück war von massiven Protesten begleitet, die bereits von den Nürnberger Nationalsozialisten inszeniert wurden. Bröger stellte in seiner Theaterkritik aber fest, dass der„Hakenkreuzzug“ gegen das Stück von demonstrativem Beifall am Ende der Uraufführung überdeckt worden sei. Trotz der insgesamt positiven Kritik des Stückes sah der Schriftsteller Bröger die Dichtung Tollers als zu wenig„vom Herzen losgerissen“ an – ein für Bröger ganz charakteristischer Einwand. Er forderte im Theater eine ganz ernste, die Persönlichkeit betreffende Auseinandersetzung mit 70 grundsätzlichen Fragen des Lebens. Der Theaterbesucher sollte aufgewühlt und bewegt nach Hause gehen- ein sehr hoher Anspruch, den nur wenige Aufführungen gerecht werden konnten. Tollers zweites in Nürnberg aufgeführtes Stück„Die Wandlung“ kam dem allerdings schon nahe. Bröger sah das Stück als tief empfundenes, thematisch interessantes und gut gestaltetes Drama zum Thema Krieg und Revolution und schrieb über die Publikumsreaktion:„Das Publikum bewahrte dem Bekenntniswerke eines Menschen gegenüber Würde und Haltung. Ein Versuch, nach der Skelettszene zu skandalieren, wurde im Keime erstickt.“ 22 Als einziges Stück Bertolt Brechts während der Weimarer Republik spielten die Städtischen Bühnen Nürnberg am 6. Februar 1924„Trommeln in der Nacht“ als Erstaufführung. Nach einigen Zwischenfällen in anderen Städten wurden auch in Nürnberg Krawalle befürchtet, die jedoch abgesehen von vereinzelten Zwischenrufen ausblieben. Beim Publikum war das Stück nicht besonders beliebt: Es wurde, wie bei ehrgeizigeren Projekten üblich, nicht im Schauspielhaus, sondern im Opernhaus aufgeführt. In zwei Aufführungen interessierten sich aber nur knapp 1.100 Menschen pro Aufführungen für Brechts Drama. Dies war, verglichen mit anderen Angeboten der gleichen Spielzeit, kein gutes Ergebnis, sondern bestenfalls Mittel- maß. Die Nürnberger Zeitungen sahen das Stück mit seinem expressionistischen Gestus als überholt an. Es sei sprachlich nicht ausgereift, in der Handlung zu flach und sein Schluss zu banal – eine Kritik, die an den Intentionen des Autors Brecht mit Sicherheit vorbei ging. 23 Das von Brecht vorgesehene Schild über der Bühne mit der Aufschrift„Glotzt nicht so romantisch!“ wurde als Provokation von den meisten Rezensenten erwähnt, allerdings kaum verstanden. Karl Bröger schrieb dazu:„Liebe Leute, ärgert euch nicht! Bertolt Brecht ist ja nur so wütend, weil er von seiner eigenen Romantik nicht loskommt.“ 24 Unabhängig von der Kritik am Stück waren sich nahezu alle Zeitungen einig über die hohe Qualität der Darstellung, die Regie Ernst Ludwig Schöns und das Bühnenbild. Eine schnelle, nicht allzu betonte Sprechweise der Schauspieler, ein stark reduziertes, an der Malerei George Grosz orientiertes Bühnenbild mit schrägen Perspektiven und grelle Lichteffekte zeichnete die modernen Regie Schöns aus. Auch die konservativen Zeitungen erkannten die Leistung der Inszenierung an. Karl Bröger schrieb in der Fränkischen Tagespost:„Seit Jahr und Tag gab es jedenfalls im Stadttheater keinen Abend mehr, der uns so nahe an die Tendenzen neuer Bühnendichtung und Regiekunst herangebracht hat.“ 25 Kein besonderes Ereignis war für die Nürnberger und auch für Bröger die Aufführung eines der bekanntesten Theaterstücke der Weimarer Republik, Brechts Dreigroschenoper. Sie wurde 1929 im Intimen Theater gegeben. Karl Bröger resümierte zur Aufführung der„Dreigroschenoper“:„Wer etwa einen Theaterkrach befürchtet hatte, sah sich getäuscht. Ein ausverkauftes Haus nahm das Schlagerstück interessiert, aber beinahe gelassen auf und wurde erst am Schluss temperamentvoller in seinem Beifall.“ 26 Mag man die positive Aufnahme der Stücke Tollers und die eher gelassenunaufgeregte Haltung zu Bert Brecht noch bei Bröger erwarten, so überrascht die große Beachtung und teilweise Wertschätzung mancher heute weitgehend unbekannter Autoren. So setzte sich Toller mit großem Interesse und Ernsthaftigkeit mit Stücken von Fritz von Unruh, Hanns Johst, Erwin Guido Kolbenheyer und Thomas Paine auseinander. Er billigte dem Nürnberger Dichter Eugen Ortner eine Zukunft als„dramatische Begabung“ 27 zu und sah bei Hanns Johst„großes Streben und Können“. 28 Es waren weniger die uns heute geläufigen Autoren als bestimmte Themen, die Bröger nachhaltig bewegten. Dies gilt insbesondere für das Erlebnis des Ersten Weltkriegs. Als das Städtische Theater das Stück„Die andere Seite“ des englischen Autors Robert Cedric Sheriff brachte, sah Bröger darin – im Gegensatz zur bürgerlichen Presse – eine pazifistische Botschaft, lobte die realistische Schilderung des Krieges und schrieb in seinem Text„Brief an die andere Seite“:„Noch lange werde ich an diesen Abend zu denken haben.“ 29 Zusammenfassend kann man Bröger als extrem eigenwilligen, manchmal zu überraschenden Urteilen neigenden Theaterkritiker sehen, der vom Theater fast im Sinne einer moralischen Anstalt eine Aufrüttelung der Zuschauer erwartete. Der Schriftsteller Bröger in der Nürnberger Literaturszene Wohl auch mangels Masse präsentierte sich im Nürnberg der zwanziger Jahre vor allem eine fränkische und weniger eine Nürnberger Literaturszene – so etwa beim Dürerjahr 1928. In der Weimarer Republik wurde Bröger nicht nur als extrem produktiver Lyriker, sondern vor allem als Autor des Romans„Held im Schatten“ bekannt, in dem er schonungslos, vergleichbar den autobiografischen Arbeiten Oscar Maria Grafs, sein bisheriges Leben bis 1914 in einem Entwicklungsroman beschrieb. 30 Das Werk ist teilweise vom Expressionismus beeinflusst und sprachlich anspruchsvoll. Es erlebte mehrere Auflagen, wurde auszugsweise in Anthologien nachgedruckt und festigte so den Ruf Brögers als einem wichtigen Arbeiterdichter in Deutschland. Als Autor von Bühnenstücken(„Richtfest“) und Versspielen(„Tod an der Wolga“, „Der Morgen“ und„Rote Erde“) 31 gelang Bröger ein wesentlicher Beitrag zur Weimarer Arbeiterkultur. Das Versspiel für den proletarischen Sprech- und Bewegungschor ermöglichte die Aufführung dramatischer Werke mit Laien aus der Arbeiterschaft. Das gemeinsame Sprechen von Versen wurde so zum ästhetischen Ausdruck der proletarischen Masse auf der Bühne. Auch vor Ort in Nürnberg wurden Lieder Brögers aufgeführt und der Sprech- und Bewegungschor entwickelte sich zu einer 72 festen Einrichtung, die Constantin Brunck als Kurs an der Volkshochschule anbot. Teile von Brögers dramatischen Werken wurden von Brunck vertont und unter anderem beim Nürnberger Tonkünstlerfest 1921 sowie beim Arbeitersängerbundesfest 1925 in Nürnberg aufgeführt. Das Lied„Republikanische Hymne“ sah man auch außerhalb der Arbeiterpresse als erfolgreiche Arbeit zweier fruchtbarer Nürnberger Künstler an, und es machte Karriere als das Lied des Reichsbanners Schwarz-RotGold. 32 „Rote Erde“ dichtete Bröger speziell für den Arbeiterjugendtag 1928 in Dortmund. Dieser mit Musik von Friedrich C. Weigmann begleitete Sprech- und Bewegungschor wurde vor tausenden Zuhörern im Dortmunder Westfalenstadion aufgeführt. Inhaltlich und literarisch bediente sich das Stück einer eher konventionelle Lichtsymbolik.„Rote Erde“ ist aber dennoch wegen seiner Aufführungspraxis ein wichtiges Werk im Schaffen Brögers, da er hier versuchte, der Arbeiterjugend einen gültigen und eigenen literarischen Ausdruck zu verleihen. Dies machte auch den Erfolg von „Rote Erde“ aus, wie überhaupt Bröger sich während der Weimarer Republik stark zur Arbeiterjugendbewegung hingezogen fühlte, obwohl er selbst auf Grund seines Alters nicht dazu gehörte. 33 Vor dem Hintergrund des hier nur angedeuteten, auch überregionalen Erfolgs Brögers, nicht nur im Milieu der Arbeiterschaft, erscheint er nicht nur als Einzelgänger, sondern auch als einer der wenigen Schriftsteller Nürnbergs, die nennenswerten Erfolg und eine lange Publikationsliste hatten. Vergleicht man dies mit damals in Nürnberg durchaus profilierten und interessanten Autoren wie Wilhelm Kunze und Alfred Graf, die heute wirklich nur noch Spezialisten bekannt sind, dann wird der Unterschied hinsichtlich der Popularität und der Produktivität erkennbar. Besonders deutlich wird der Kontrast, wenn man die zeitgenössischen Autoren in Nürnberg betrachtet, die sich als„fränkisch” verstanden. Manche von ihnen veröffentlichten unterhaltsame Romane mit Lokalkoloritt, aber auch mundartliche gefärbte Versdichtung oder sonstige sich in irgendeiner Form als„fränkisch“ gebende Texte. Viele von ihnen standen politisch rechts und lehnten jedenfalls die Weimarer Moderne und den damit verbundenen Weimarer Staat rundheraus ab. Dies drückte sich in Nürnberg auch im Vereinsleben aus: Diese sich als fränkisch verstehenden Dichter waren gegen den demokratischen Literarischen Bund in der sogenannten Feierabendgesellschaft organisiert. Wie dominant in den zwanziger Jahren die Vorstellung sein konnte, ein guter Schriftsteller müsse mit Heimat, mit dem Fränkischen zu tun haben, zeigt ein Text von Georg Gustav Wieszner über Karl Bröger. Zwar sei, so Wieszner, Brögers Jugend von der Großstadt und eben nicht von der grünen Landschaft geprägt, aber Bröger habe(seltsamerweise) beim Militär zur Natur und damit zu sich und den Menschen gefunden. Immerhin aber gibt Wieszner zu, dass es nicht angehen könne„Bröger zum fränkischen Heimatdichter zu stempeln” aber Brögers Weg sei„von der gedanklichen, stadtbedingten Einstellung zum Boden” gegangen. Das Reich des Stadtbewohners Bröger sei, dies gibt Wieszner immerhin zu,„nicht der Bauernhof, er bleibt im Bannbereich der Stadt, aber dort, wo die Stadt gesunden Atem vom Land her einholt, in der Siedlung.” 34 Ob in Brögers Werk tatsächlich Naturerfahrung derart wichtig ist, sei dahingestellt. Auffällig ist aber, dass selbst der fortschrittlich denkende Intellektuelle Wieszner den Arbeiterdichter Bröger ganz nah an die gängigen Literaturkonzepte seiner Zeit rücken und ihn so aufwerten wollte. Der aus Nürnberg stammende und nach Berlin abgewanderte Schriftsteller Hermann Kesten hatte für die sich besonders fränkisch gebende Schriftstellerszene nur Spott übrig. In seiner Geschichte„Ein fränkischer Dichter“ karikiert Kesten die Figur des fiktiven Nürnberger Lyrikers Bert Brake:„Bert(...) ward Stipendiat an der Städtischen Kunstschule, erkannte, gleich Hauptmann und Goethe, dass für die Malerei Talent nötig sei, beschloss daraufhin fränkischer Dichter zu werden(...).“ 35 Bert Brake ertrug eine schlechte Kritik seines Schaffens durch den regionalen Kritiker Dr. Brücke nicht. Er stellte Dr. Brücke zu Rede, der den Weltkrieg in einem seiner„ausgesprochen miserablen fränkischen Heimatgedichte eine stählerne Volksbadeanstalt“ 36 genannt hatte, und erschoss seinen Kritiker kurzerhand. Nach seiner Flucht aus der Stadt nahm sich Brake mit einem selbstgedichteten Vers auf den Lippen das Leben: „Holde Farbe des Frühlings, mit Blut überschwemmt, blutrauchend, ich schreite der Tat entgegen, fränkischem Morgen enttauchend, mein Herz schwillt nach Kämpfen, vergessen des mitternächtigen Leids, ich bin der Dichter von Franken, einschließlich der fränkischen Schweiz.“ 37 Von derartigen, zwar fiktiven, aber auch in der Realität vorkommenden Dichtungen waren Bröger und die schon genannten Alfred Graf und Wilhelm Kunze weit entfernt. Der Einzelgänger Bröger befand sich literarisch, auch in seinen weniger produktiven Jahren, auf einem anderen Niveau. Bröger ab 1933 Als(auch) national denkender Dichter aus der Arbeiterschaft, als Weltkriegsteilnehmer und als mögliche populäre Brücke in das Arbeitermilieu hinein wurde Bröger von den Nationalsozialisten umworben. Nachdem Bröger als Stadtrat im März 1933 jedoch trotz der direkten persönlichen Aufforderung Julius Streichers wie die anderen SPD-Stadträte nicht für den nationalsozialistischen Bürgermeisterkandidaten Willy Liebel gestimmt hatte, wurde er noch im Rathaus körperlich misshandelt und in das KZ Dachau eingeliefert. 38 Er ertrug die KZ-Haft von Ende Juni bis Anfang September 1933 und war danach ein gebrochener Mann. Bröger hat sich zu seiner KZ74 Haft nicht mehr frei äußern können. Er erlebte in Dachau den Beginn des Regimes der Konzentrationslager-SS unter Theodor Eicke, dem späteren Generalinspekteur aller Konzentrationslager. Brutale Gewalt bis hin zum Mord, vor allem gegen kommunistische Gefangene jüdischer Herkunft, war schon damals in Dachau an der Tagesordnung. Bereits im April 1933 waren die ersten Transporte kommunistischer Gefangener aus Nürnberg nach Dachau erfolgt. Mehrere jüdische Gefangene wurden ermordet. Im Juni 1933 kam der erste Transport sozialdemokratischer Regimegegner in Dachau an, unter ihnen auch Karl Bröger. Der mit Bröger verhaftete und nach Dachau verschleppte Sozialdemokrat Josef Simon hat von den Gewaltexzessen, aber auch von symbolischen Erniedrigungen prominenter Sozialdemokraten berichtet. 39 So musste sich Simon, umgeben von einer Reihe anderer Genossen, mit dem Schild„Ich bin ein klassenbewusster SPD-Bonze“ fotografieren lassen. Karl Bröger ist auf diesem Foto nicht zu sehen. Dies ist ein Indiz dafür, dass nationalsozialistischen Machthaber Bröger nicht bloßstellen und damit einen prominenten Arbeiterdichter symbolisch ausgrenzen wollten. Die frühe Entlassung Brögers Anfang September, noch vor dem Reichsparteitag 1933, deutet ebenfalls darauf hin, dass die Nationalsozialisten sich die Option offen halten wollten, Bröger propagandistisch für ihre Ziele einzuspannen. Bröger hat immer eine direkte Parteinahme für die Nationalsozialisten vermieden, in manchen Punkten jedoch deutliche Konzessionen an das neue Regime gemacht, da er weiterhin, auch aus finanziellen Gründen, Texte veröffentlichen wollte. Nach 1933 war ihm als Schriftsteller jedoch eine echte Weiterentwicklung verwehrt. Seine im Nationalsozialismus erschienenen historischen Romane sind literarisch belanglos. Nur dadurch, dass die Nationalsozialisten seinem Werk mit Hilfe von Auslassungen und Beschränkungen den konkreten politischen Bezug nahmen, wurde Brögers Dichtung auch für die Ideologie der NS-Volksgemeinschaft verwendbar. Man mag Bröger dies vorwerfen, sollte dabei jedoch versuchen zu bedenken, was es bedeutet haben mag, in einem Konzentrationslager gewesen zu sein. Ein vorschnelles Urteil ist jedenfalls nicht angebracht. Eine genauere Recherche zu den Verhältnissen in Dachau im Juli und August 1933 wären für ein sinnvolles historisches Urteil jedenfalls hilfreich. Bröger aus Sicht der zwanziger Jahre Wichtiger als die Frage, wie Brögers Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten nach 1933 zu bewerten sei, erscheint ein genauerer Blick auf den freien Schriftsteller vor der nationalsozialistischen Machtübernahme. Diese mit Sicherheit wesentlichere, umfangreichere und literarisch interessantere Phase seines Werks gilt es in Teilen neu zu entdecken. Manches im Werk vor 1933 scheint auch heute noch lesenswert. Allerdings müsste der zeitliche Kontext mitgeliefert, manches kommentiert und auch sein journalistisches Schaffen einbezogen sein. Bröger würde, nimmt man sein Werk der zwanziger Jahre genauer in den Blick, nicht mehr so altbacken erscheinen, wie in der einzigen lange verfügbaren Ausgabe seiner Gedichte von 1954. Man müsste sich einlassen auf die theatralische Geste der Bühnenstücke mit ihrem(heute vielleicht naiv erscheinenden) Zukunftsglauben. In seinem journalistischen Werk erschiene Bröger als manchmal witziger, in jeden Fall origineller und umfassender Theaterkritiker der zwanziger Jahre. Brögers Rolle als politischer Gebrauchslyriker und als Kommentator politischer Ereignisse seiner Zeit würde deutlich werden. Bröger erschiene aus der Perspektive der zwanziger Jahre eben nicht mehr als verkappter nationalsozialistischer Arbeiterschriftsteller, sondern als Anhänger der Weimarer Demokratie und ausgewiesener Gegner der Nationalsozialisten. Nur wer auch den Bröger der zwanziger Jahre in den Blick genommen hat, kann zu einem sinnvollen Urteil über seine Zeit nach 1933 kommen. Es wäre zu wünschen, dass ein klug gemachtes Lesebuch Karl Brögers Werk und Person dem heutigen Publikum etwas näherbringt. Anmerkungen 1 Georg Gustav Wieszner: Nürnbergs Geistesleben im Spiegel seiner modern-literarischen Interessen, in: Luppe, Hermann/ Meyer, Maximilian/ Zimmermann, Ernst Heinrich (Hg.): Jahresschau Nürnberg 1923/24, Nürnberg 1924, S. 202-206, Zitat S. 206. 2 Zum Gesamtzusammenhang vgl. Alexander Schmidt: Kultur in Nürnberg 1918-1933. Die Weimarer Moderne in der Provinz, Nürnberg 2005. 3 Das Bild befindet sich im Besitz der Stadt Nürnberg. Abgedruckt unter anderem bei Schmidt, Kultur in Nürnberg, S. 78. 4 Vgl. zu Hans Werthner(1888-1955): Museen der Stadt Nürnberg/ Grafische Sammlung, Künstlerordner; Rudolf Rösermüller: Nürnberger Kunst der Gegenwart. Die Kunst der Lebenden im Dürerjahr 1928, Augsburg 1928, S. 8f; Bernhard Siepen: Hans Werthner als Landschafter, in: Fränkische Monatshefte 8(1929), S. 46-49; Schmidt, Kultur in Nürnberg, S. 168 f. 5 Rudolf Rösermüller: Winterschau der„Sezession“ und der Vereinigung„Hütte“ am Marientor, in: Stimmen der Kunst 1(1924), Heft 9(Dezember 1924), S. 2. 6 Stadtarchiv Nürnberg C 34 Nr. 201(gedrucktes Ausstellungsblatt mit Text von J.A. Meisenbach, um 1955). 7 Vgl. hierzu Rösermüller, Nürnberger Kunst, S. 9. 8 Heinrich Höhn: Der Maler Hans Werthner, in: Der Fränkische Bund 1(1923/24), 76 S. 110-114(Zitat S. 112). 9 Karl Bröger: Der steinerne Psalm, in: Ludwig Baer/ Friedrich Bröger(Hg.): Karl Bröger. Bekenntnis. Eine Auswahl der Gedichte, Nürnberg 1954, S. 44. 10 Karl Bröger: Phoenix, in: Stadtbibliothek Nürnberg Nor. JB 638(1)(Flugblätter des Literarischen Bundes Nürnberg Nummer 1(25. März 1919)). 11 Grundlegend zu Bröger: Gerhard Müller: Für Vaterland und Republik. Monographie des Nürnberger Schriftstellers Karl Bröger, Pfaffenweiler 1986(zur Lyrik S. 351-421). 12 Der Volksstaat 1. Jg. Nr. 1(19. Dezember 1918). 13 Haus der Arbeit in Nürnberg, S. 2. 14 Ebd., S. 4. 15 So die weit ausholende Beschreibung des Hauses in: Haus der Arbeit in Nürnberg, S. 5. 16 Vgl. Schmidt, Kultur in Nürnberg, S. 267 f. Vgl. auch die Übersicht zu Brögers Lehrtätigkeit bei Georg Gustav Wieszner: Karl Bröger – der Volksbildner, Manuskript 1954, S. 8-10(Stadtbibliothek Nürnberg Nor. 2535.4°). 17 Arbeitsplan Städtische Volkshochschule Nürnberg 1. Trimester, 1. Lehrjahr(1921), S. 6. 83 Kursteilnehmer waren eingeschrieben. 18 Arbeitsplan Städtische Volkshochschule Nürnberg, 1. Trimester, 5. Lehrjahr(1925), S. 12. 19 Wieszner, Bröger als Volksbildner, S. 11. 20 Fränkische Tagespost 16. Mai 1922. 21 Vgl. Bibliothek der städtischen Bühnen Nürnberg, Rapportbuch 1920/21. 22 Fränkische Tagespost 11. Mai 1922. 23 Nahezu vollständig ist die Presse gesammelt in: Bibliothek der Städtischen Bühnen, Kritikenbuch 1923/24. 24 Fränkische Tagespost 8. Februar 1924. 25 Fränkische Tagespost 7. Februar 1924. 26 Fränkische Tagespost 2. April 1929. 27 Fränkische Tagespost 26. Januar 1926. Vgl. auch Nürnberger Zeitung 26. Januar 1926, Nordbayerische Zeitung 26. Januar 1926 und Bayerische Volkszeitung 27. Januar 1926. 28 Fränkische Tagespost 15. Mai 1922. 29 Fränkische Tagespost 4. Oktober 1929. 30 Karl Bröger: Der Held im Schatten, Jena 1919. 31 Karl Bröger: Tod an der Wolga, Konstanz 1923; Karl Bröger: Der Morgen. Ein Werk für den proletarischen Bewegungschor, Berlin 1925; Karl Bröger: Rote Erde. Ein Werk für den Sprech- und Bewegungschor, Berlin 1928. Zu den genannten Werken vgl. Müller, Karl Bröger, S. 297-304. 32 Vgl. Stadtarchiv Nürnberg F 2 Nr. 33, S. 344-350(Stadtchronik 1921); Stadtarchiv Nürnberg F 2 Nr. 38, S. 267(Stadtchronik 1925). Der Text der Republikanischen Hymne besteht aus den Schlussstrophen des Gedichtes„Heimkehr und Gelöbnis“, das in einer gekürzten Version am 9. Dezember 1918 in der Fränkischen Tagespost und 1920 in Brögers Gedichtband Flamme, Jena 1920, S. 5-9 erschien. 33 Zu„Rote Erde“ vgl. Müller, Karl Bröger, S. 301-304. 34 Georg Gustav Wieszner: Karl Bröger, in: Der Fränkische Bund, 1. Jahrgang(1923/24), S. 122-127(alle Zitate S. 122). 35 Hermann Kesten: Ein fränkischer Dichter, in: Fritz Hilsenbeck(Hg.): Querschnitt durch die fränkische Dichtung der Gegenwart, Nürnberg 1928, S. 90-95(Zitat S. 91). 36 Ebd., S. 94. 37 Ebd., S. 95. 38 Vgl. Stadtarchiv Nürnberg C 7/IX Nr. 534(Öffentliche Stadtratssitzung 27. April 1933) mit Julius Streichers direkter Erwähnung„unter ihnen sitzt ein Dichter“. 39 Adolf Mirkes(Hg.): Josef Simon. Schuhmacher, Gewerkschafter, Sozialist mit Ecken und Kanten, Köln 1985, S. 140-144. 78 Lied der Arbeit (DF, 1911, öfter nachgedruckt) Ungezählte Hände sind bereit, stützen, heben, tragen unsre Zeit. Jeder Arm, der seinen Amboss schlägt, ist ein Atlas, der die Erde trägt. Was da surrt und schnurrt und klirrt und stampft, aus den Essen glühend loht und dampft, Räderrasseln und Maschinenklang Ist der Arbeit mächtiger Gesang. Tausend Räder müssen sausend gehen, tausend Spindeln sich im Kreise drehn, Hämmer dröhnend fallen, Schlag um Schlag, dass die Welt nur erst bestehen mag. Tausend Schläfen fiebernd glühn, abertausend Hirne Funken sprühn, dass die ewige Flamme sich erhellt, Licht und Wärme spendend aller Welt. Hermann Glaser, geboren 1929 in Nürnberg, Studium der Germanistik, Anglistik, Geschichte und Philosophie, von 1964 bis 1990 Schul- und Kulturreferent der Stadt Nürnberg, Gastprofessuren im In- und Ausland. Prof. Dr. Hermann Glaser NATIONALSOZIALISTISCHE WELTANSCHAUUNG UND ARBEITERDICHTUNG Die„Abendzeitung“ vom 12.12.2006 berichtet, dass Gerhard Müller, Autor der gründlichen und aufschlussreichen Monographie von Karl Bröger(„Für Vaterland und Republik“) sich erinnerte, dass vor zwanzig Jahren, als er zur Gedenkfeier zum 100. 80 Geburtstags Brögers nach Nürnberg als Redner eingeladen war, ich zu ihm gesagt hätte:„Da sind Sie mit dem Bröger aber ganz schön glimpflich umgegangen.“ Er habe sich damals über eine solche Bemerkung nur wundern können – und wundere sich heute noch.„Ich weiß, dass viele, auch in der SPD, immer noch so denken. Aber wer Karl Bröger einen Kollaborateur der Nazis nennt, der nimmt die Tatsachen nicht zur Kenntnis, der tut ihm bitter unrecht.“ Ich bezweifle nicht die Authentizität der mich betreffenden Feststellung von 1986. Obwohl ich vielfach in Anspruch nehme, mich nicht oder wenig verändert zu haben – also nicht wie Bertolt Brechts Herr Keuner, wenn man ihm sagt, dass er sich nicht verändert habe, erbleiche: heute stimme ich dem oben zitiertem Diktum von Müller über Bröger weitgehend zu. Nicht zuletzt, weil Bröger, der 1944 starb, nach Kriegsende die Situation„innerer Emigration“ mit den notwendigen Zugeständnissen ans NS-Regime nicht mehr selbst beschreiben konnte.„Innere Emigration“ – Bröger konnte für den Beginn des„Dritten Reiches“ sogar in Anspruch nehmen, tapfer für die SPD und die Republik sich eingesetzt zu haben(weshalb er auch verfolgt worden war), diese Haltung der Distanzierung vom Nationalsozialismus zeigt zwar gewisse Widersprüche; aber„Anpassung“ in bestimmten Situationen war geboten, wenn man nicht sein Leben aufs Spiel setzen wollte. Camouflage und gelegentliches Mitmachen bzw. Zugeständnisse von Fall zu Fall waren also wohl unvermeidlich. Man hoffte zu„überwintern“ und dass man das Ende des Dritten Reiches noch zu eigenen Lebzeiten erleben werde, was bis Kriegsbeginn sehr zweifelhaft war. Freiberufliche Schriftsteller waren darauf angewiesen, wenigstens immer wieder einmal durch Veröffentlichungen etwas zu verdienen. Angestellte oder Beamte, z.B. Lehrer, hatten es da wesentlich leichter. Ich weiß von meinem Vater, wie viel äquilibristischen Verhaltens es bedurfte, um nicht Parteimitglied werden zu müssen, wie schwierig es war, jüdischen Schüler-innen – er war an einem Mädchengymnasium tätig – Zuspruch zuteil werden zu lassen, bei den Reichsparteitagen nicht in der Stadt zu bleiben, d.h. jede Möglichkeit zu ergreifen, sich wenigstens einigermaßen seine Selbstachtung zu bewahren(indem man nicht mitmachte). Als Vorsitzender einer Spruchkammer beim Entnazifizierungsverfahren nach 1945 hat er dementsprechend auch große Sorgfalt walten lassen, wenn es darum ging, ob der Betreffende überzeugt dem Regime zugestimmt oder nur aus Vorsicht und Existenznot taktiert hatte. Im Rahmen„innerer Emigration“ ist das Verhalten von bürgerlichen Arbeiter-Dichtern bzw. Schriftstellern ähnlich. Was nachfolgend im Einzelnen, u.a. in Anlehnung an Hans Dieter Schäfers Untersuchung über die„Deutsche Kultur und Lebenswirklichkeit 1933-1945“ 1 gesagt wird, exkulpiert Karl Bröger, soweit er überhaupt belastet wird, weil dadurch deutlich wird, dass viele Autoren, die nach 1945 ihre„reine weiße Weste“ im Dritten Reich vorzeigten und für einen demokratischen Neubeginn sich einsetzten, durchaus ihre„Vorgeschichte“ hatten. Karl Bröger sollte man hinsichtlich seiner„Zugeständnisse“ nicht mit anderen Maßstäben messen; das gebietet die Gerechtigkeit. I. Das gespaltene Bewusstsein Manche der„inneren Emigranten“ versuchten, die Bürde der Diktatur dadurch abzuschütteln, dass sie sich ins poetische Wolken-Kuckucksheim hinwegträumten. Illusionistische Dichtung war ablenkender Trost und abgeschirmtes Refugium; sie„schuf in einer Welt des Schreckens ein sehr künstliches Arkadien, eine sublime und sozial wirksame Möglichkeit des Selbstbetrugs“ 2 . Aus der Trivialität der Barbarei zog man sich ins Schöne, Edle und Bleibende zurück; der„lauten Vergänglichkeit“ setzte man das „stille Ewige“ entgegen. In der Natur und Kultur„atemholend“, entrückten sich zum Beispiel Oskar Loerke und Wilhelm Lehmann den schlimmen Zeiten:„… Der Krieg der Welt ist hier verklungene Geschichte,/ Ein Spiel der Schmetterlinge, weilt die Zeit. / Mozart hat komponiert, und Shakespeare schrieb Gedichte,/ So sei zu hören sie bereit.“ 3 In seiner autobiographischen„Geschichte eines Deutschen“ schreibt Sebastian Haffner, dass in Deutschland in den Jahren 1934 bis 1938 so viele Kindheitser- innerungen, Familienromane, Landschaftsbücher, Naturgedichte, so viele„zarte und zärtliche Sächelchen und Spielereien“ geschrieben worden seien wie nie zuvor.„Eine ganze Literatur voller Herdenglöckchen und Gänseblümchen, voller Große-Ferien-Kinderglück und erster Liebe und Märchenduft und Bratäpfel und Weihnachtsbäumen, eine Literatur von geradezu penetranter Innerlichkeit und Zeitlosigkeit, wie auf Verabredung massenhaft hergestellt, inmitten von Aufmärschen, Konzentrationslagern, Munitionsfabriken und Stürmerkästen.“ 4 Manche Autoren, die das Verbrecherische des Nationalsozialismus durchaus erkannten, zogen sich dennoch nicht aus der Öffentlichkeit zurück; sie hatten bei ihren Veröffentlichungen auch keineswegs so große Schwierigkeiten durch die Zensur, wie sie nachträglich behaupteten. 5 „Aufs Ganze gesehen haben wir[...] im Inneren weit weniger unter Atemmangel gelitten, als es von heute aus den Anschein hat“, stellte Joachim Günther 1968 fest.„Verlage wie Beck, Goverts, Rauch, S. Fischer, Suhrkamp und so bedeutende Zeitschriften wie die ‚Neue Rundschau’, die ‚Europäische Revue’, die ‚Deutsche Rundschau’, die ‚Literatur’ und konfessionelle Organe wie ‚Hochland’ und ‚Eckart’ spezialisierten sich auf die Veröffentlichung beziehungsweise Rezension von nichtnationalsozialistischer Literatur.“ In der Wochenzeitung„Das Reich“ und der Zeitschrift„Das innere Reich“ waren Autoren wie Emil Barth, Johannes Bobrowski, Günter Eich, Albrecht Fabri, Peter Huchel, Karl Krolow, Horst Lange, Wolf von Niebelschütz, Johannes Pfeiffer und Eugen Gottlob Winkler mit Veröffentlichungen vertreten.„Ein ganz und gar unpolitischer Debutant wie Karl Krolow konnte noch unmittel82 bar vor 1945 eine breite literarische Karriere beginnen, ohne daß es Schwierigkeiten mit der Zensur gab. In den letzten Kriegsjahren veröffentlichte er mehr als sechzig Gedichte und gut zwei Dutzend Betrachtungen und Rezensionen in der Presse, wobei er nur selten Kompromisse mit der NS-Ideologie schließen mußte. Auch Max Frisch machte sich in Deutschland schon unter der Hitler-Diktatur einen Namen. 1934 und 1937 publizierte er bei der Deutschen Verlags-Anstalt seine ersten beiden Prosabände ‚Jürg Reinhart. Eine sommerliche Schicksalsfahrt’ und ‚Antwort aus der Stille’, die von der deutschen Kritik mit Beifall begrüßt wurden. Mehr als ein Drittel von Günter Eichs Nachkriegsgedichtband ‚Abgelegene Gehöfte’(1948) wurde bereits während des Dritten Reiches geschrieben und zum Teil in Zeitschriften und Zeitungen gedruckt. Konflikte Eichs mit der Zensur sind unbekannt. Ähnliches gilt für Peter Huchel, der wie fast alle seine Generationsgefährten keineswegs ‚während der Hitlerzeit... geschwiegen’ hat. Bis einschließlich 1939 sind von ihm vierzehn Hörspieltitel bekannt. Eich behauptete, seine zweiundzwanzig von 1933 bis 1940 gesendeten Arbeiten seien damals kaum beachtet worden; dem steht die Tatsache entgegen, daß das den Semmelweis-Stoff behandelnde Spiel ‚Tod an den Händen’ von den Hörern im Winter 1938/39 zu den beliebtesten Funkdichtungen gewählt wurde.“ Abgesehen von einer relativ kleinen Gruppe von Autoren, die sich durch eine radikale Verneinung des Regimes auszeichneten(wie etwa Friedrich Percyval Reck-Malleczewen, aus einer ostpreußischen protestantischen Junkerfamilie stammend, Offizier im Ersten Weltkrieg, dann Arzt und Schriftsteller, im KZ Dachau im Februar 1945 gestorben 6 ), abgesehen von solchen„Unbestechlichen“, zeigte sich bei den meisten Dichtern der inneren Emigration eine Mentalität, bei der sich distinguierte Distanzierung mit zurückhaltendem Opportunismus verband. Exemplarisch dafür ist das Verhalten des Dichters Hans Carossa, der durch den Willen geprägt war,„innerlich zu leben“, sich nicht zu engagieren, von der Not sich abzukapseln und auf die„Welt der Werte“ zu bauen. 7 Schon in seinem Bericht aus dem Ersten Weltkrieg(„Führung und Geleit“) findet sich dafür die bezeichnende Feststellung:„[...] wählte ich mir zum Schutzpatron jenen flämischen Bauern, der in der Schlacht von Waterloo zwischen den kämpfenden Heeren voll Gelassenheit seinen Acker bestellte. Zum Lesen kam ich nur selten in jener Zeit.“ 8 Carossa glaubte sich mit Goethe einig, wenn er seine eigene Persönlichkeit kultivierte. Hoch auf dem Rittsteig bei Passau führte er das Leben eines„Weisen“ – den verehrenden Wanderern„brachte die Hausfrau Milch, Nüsse, kroßgebackenes Brot und frische Butter vom Gehöft“. 9 Was sich„kluger Erfahrung“ darbot, wurde in feinziselierte, kunstgewerbliche Sätze verarbeitet:„Der Liebende der Tierwelt aber, wie muß es ihn anmuten, wenn ihm auf sonnigen Hängen bei Oberzell die Smaragdeidechse begegnet, die ihn an südliche Reisen erinnert.“ 10 Ob Eidechse oder Hitlers 50. Geburtstag(1939) – der Stil war der gleiche:„Dieser Geburtstag war einer von denen, welche Rilke die ‚betonten’ nannte: der fünfzigste. Eine bloße Gratulation wurde leider von vorneherein als ungenügend bezeichnet; sie sollte mit einem klaren Bekenntnis zum Führer verbunden sein... Ich stellte aus einigen meiner Bücher Zitate... zusammen.[...] Wer sie richtig las, mußte in ihnen eine höflich-mittelbare Beschwörung des Mannes erkennen, von dessen Entschlüssen nun einmal unsere Zukunft abhing. Und so war auch der Segenswunsch am Schluß durchaus ernst gemeint.[...] Ich sandte mein Schreiben ab und verlor es bald aus dem Gedächtnis.“ 11 Peinlich ist weniger der Geburtstagsgruß an den„Führer“; er ist aus der Zeit heraus zu verstehen; blamabel ist, wie der Dichter im Nachhinein den Vorgang stilisiert, ihn in genüsslich-betulichen Satzgebilden einfängt, wo ein hartes, die traurige Situation aufreißendes Wort am Platz gewesen wäre. Nur ein Dichter deutscher Innerlichkeit konnte einen derartigen Geschmack der Geschmacklosigkeit entwickeln. 1938 hatte Carossa auf der festlichen Abschlusskundgebung der 5. Reichsarbeitstagung des Amtes Schrifttumspflege seine Rede„Einsamkeit und Gemeinschaft“ gehalten. 1941 war er in einem Sammelband zum Geburtstag des„Führers“ mit einer Hitler-Hymne vertreten. Im gleichen Jahr wurde er in Weimar zum Präsidenten einer ließ Carossa sich doch als Aushängeschild des Regimes gebrauchen. 12 Das Forum der seit 1938 etablierten und nach der kriegsbedingten Pause von 1939 jährlich stattfindenden Treffen linientreuer Schriftsteller diente der Ausdehnung der Reichskulturkammer auf internationales Terrain. Hans Leip, Verfasser des Liedes„Lili Marleen“ verfolgte empört, wie man den Begriff„Weimar“„zum Braunhemd zu verplätten“ suchte. 13 Am Beispiel seiner Vaters Eberhard Meckel – eines erfolgreichen Schriftstellers der dreißiger Jahre – hat Christoph Meckel(„Suchbild“) die Typologie einer Schriftstellergeneration aufgezeigt, die sich mit dem Nationalsozialismus zwar nicht identifizierte, aber dennoch, von den schrecklichen Geschehnissen nicht sonderlich aufgewühlt, in ruhigen Lebenskreisen mit einer gewissen Selbstzufriedenheit sich bewegte. Während Bertolt Brecht, Alfred Döblin und Heinrich Mann emigrierten, Oskar Loerke und Ernst Barlach in Deutschland zu Tode erstickten, während Otto Dix und Oskar Schlemmer in abgelegenen Dörfern untertauchten, Musiker, Wissenschaftler und Regisseure verschwanden, Kollegen diffamiert, verfolgt und verboten, Bücher verbrannt und Bilder beschlagnahmt wurden, habe Meckel„ruhige Verse in traditioneller Manier“ geschrieben und ein Haus gebaut, in dem er alt werden wollte.„Mit keinem Gedanken und keinem Wort verließ er den Umkreis einer verfestigten, geistesgläubigen, deutsch-literarischen Bürgerlichkeit. An Flucht oder Landwechsel wurde nicht gedacht. Es ist nicht anzunehmen, daß zwischen ihm und den Freunden von Emigration die Rede war. Eine Notwendigkeit schien nicht vorhanden. Sie konnten leben, hatten 84 Familie und Haus, wurden beruflich kaum in Frage gestellt noch aus Gründen der Herkunft oder Gesinnung verfolgt. Sie hatten soeben mit der Arbeit begonnen, sich eingerichtet im ersten, bescheidenen Erfolg, in dichterischer, beruflicher und privater Selbstgewißheit, außerhalb Deutschlands hatten sie keine Chance, waren überhaupt zu jung und besaßen keinen Namen, der ein Dasein in anderen Sprachen getragen hätte. Mein Vater lebte unbehelligt im Dritten Reich, lebte blind in die kürzer werdende Zukunft, betonte Widerwillen, Verachtung, Stolz und vertraute machtlos auf die Macht des Geistes. Alles Weitere überließ er dem Schicksal. ‚Schicksal’ – der Begriff stand kostenlos zur Verfügung und war ihm in die Wiege gemurmelt worden. Aufdringlich, dumpf und unabwendbar stand die Begriffswelt des deutschen Idealismus in den dreißiger Jahren herum, wurde von Staatspropaganda aufpoliert, verdeckte ganz andere Weltbilder und ließ sich – nach persönlichem Bedarf – zu erstaunlich dichten Scheuklappen umarbeiten. Er war, wie auch Martin Raschke, durchaus nicht unempfindlich für die ‚Atmosphäre’ des nationalsozialistischen Fortschritts, aber er war und blieb außerstande, die reale Politik zu erkennen. ‚Ich lebe den Augenblick, ich lebe den Tag.’ Die Naturlyrik richtete sich in der Laubhütte ein, aber die Laubhütte stand auf eisernem Boden und war von Mauern aus Stacheldraht umgeben.“ 14 II.„Mein Kampf“ als Spießer-Spiegel Was nun die Weltanschauung der Nationalsozialisten betrifft, so handelt es sich um ein eklektisches Konglomerat aus dem„dunkelsten“ 19. Jahrhundert, das ich in einem meiner Bücher als abgründige„Spießer-Ideologie“ bezeichnete – ein Sammelbecken von Strömungen, die seit langem das deutsche Verhängnis vorbereiteten. 15 Franz Grillparzer hat bereits 1849 diesen„deutschen Sonderweg“ vorausgesehen: Der Weg der neuern Bildung führe von der Humanität über die Nationalität zur Bestialität. – Man kann die NS-Weltanschauung am besten aus Adolf Hitlers„Mein Kampf“ und Alfred Rosenbergs„Der Mythus des 20. Jahrhunderts“ kennen lernen. „Mein Kampf“ war im Landsberger Gefängnis entstanden; dorthin war er 1923 nach dem misslungenen Putsch gegen die Berliner Reichsregierung 16 und der daraufhin ausgesprochenen Strafe von fünf Jahren Festungshaft gebracht, aber vorzeitig entlassen worden; er hätte eigentlich noch drei Jahre und 333 Tage absitzen müssen. Angesichts der Sympathie, die Hitler bei der reaktionären Justiz genoss, konnte man von einem„Hotelvollzug“ sprechen; Hitler selbst meinte, dass Landsberg seine Hochschule auf Staatskosten gewesen sei. 17 Hitlers Buch – in zwei Bänden 1925/26 erschienen 18 – bringt kaum Fakten und ist nicht einmal dort konkret, wo es die nationalsozialistische Bewegung und ihre Geschichte beschreibt. Man hat die Meinung vertreten, Bedeutung und Einfluss von Hitlers„Mein Kampf“ dürften nicht hoch eingeschätzt werden, da das Buch zwar weit verbreitet, aber kaum gelesen wurde. Das mag stimmen; doch kann man daraus auch eine zunächst paradox klingende Folgerung ziehen: Das Buch war so erfolgreich, weil es überhaupt nicht mehr gelesen werden musste. Lebensgefühl und Weltanschauung eines Großteils der deutschen Bevölkerung stimmten mit dem überein, was in„Mein Kampf“ dargeboten und propagiert wurde. Der Inhalt des Buches – zudem in Tausenden von Broschüren, in vielen Zeitungen, Zeitschriften und jeglichen Propagandamaterialien, vor allem auch durch die Reden Hitlers und seiner Gefolgsleute unters Volk gebracht – enthielt all das, was die Pandorabüchse kleinbürgerlicher Traktätchenverfasser, bereithielt: abgründige Gemeinheiten, in schiefe Metaphern geschlagene Ressentiments, endlose Tiraden, rhetorisch aufgeschminkte Platitüden. Hitler besaß die Genialität des Mittelmäßigen; seine Durchschnittlichkeit war überdurchschnittlich; so wurde seine Mediokrität zum Schicksal eines Volkes, das sich Schritt um Schritt von Humanität und Kultur abbringen ließ. Für diesen Aufstieg bedurfte es(und das machte die große Stunde des Kleinbürgertums aus) keiner geschickten Verführung, keiner raffinierten Dämonie oder Verlogenheit. Hitler musste nur er selbst sein: das war sein Erfolg; er musste nur Spießer sein, mittelmäßig, primitiv, ohne Vorzüge und Meriten: das war sein Verdienst. Was Hitler am 13. September 1936 in Nürnberg unter großem Beifall gesagt hatte, stimmte durchaus:„Das ist das Wunder unserer Zeit, daß ihr mich gefunden habt. Daß ihr mich gefunden habt unter so viel Millionen! Und daß ich euch gefunden habe, das ist Deutschlands Glück!“ 19 In pathetischer, pseudosakraler Sprache sprach er etwas an und aus, was zu den gleichermaßen ungeheuren wie ungeheuerlichen Erfahrungen deutscher Geschichte gehört: die Identifikation der überwältigenden Mehrheit des Volkes mit dem Nationalsozialismus und seinem„Führer“. Hitler setzt in„Mein Kampf“ sein Braunauer Elternhaus, in Verdrängung der wirklichen Verhältnisse, ins Licht biedermeierlicher Verklärung(wie man es aus Lesebüchern gewohnt war):„In diesem von den Strahlen deutschen Märtyrertums vergoldeten Innstädtchen, bayrisch dem Blute, österreichisch dem Staate nach, wohnten am Ende der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts meine Eltern; der Vater als pflichtgetreuer Staatsbeamter, die Mutter im Haushalt aufgehend und vor allem uns Kindern in ewig gleicher liebevoller Sorge zugetan.“ 20 Hier ist bereits alles enthalten, was einem in der Enge seiner freiwilligen oder aufgezwungenen Unbildung verkümmerten„Volksgenossen“ ans Herz gehen musste: Die in breiten Sentenzen heranrollende wehmütige Erinnerung an die gute alte Zeit, die Idyllik des Familienlebens, die Mutterliebe, das Vaterglück, der Sohnesdank, der Anklang patriotischer Feierlichkeit. Das Ganze ist im Stil schief, voller sentimentaler Metaphern und Klischees – einschließlich äußerlich wirkungsvoller Partizipien. 86 Die Vorspiegelung einer reich ausgebildeten Gefühlswelt durchzieht das Buch. Das soll auch die Verbundenheit mit der Tierwelt bekunden. Wenn Hitler in seinen Münchner Jahren(er war damals Spitzel der Reichswehr) morgens um fünf Uhr in seinem „Stübchen, das die Spuren der Revolution noch sehr deutlich an sich trug“, aufwachte, erfreute er sich an den Mäuslein, die dort„ihre Unterhaltung trieben“; er legte ein paar kleine Stücke harte Brotreste oder-rinden auf den Fußboden und sah zu,„wie sich die possierlichen Tierchen um diese paar Leckerbissen herumjagten. Ich hatte in meinem Leben schon soviel Not gehabt, daß ich mir den Hunger und daher auch das Vergnügen der kleinen Wesen nur zu gut vorzustellen vermochte.“ 21 Das zeigte Herz und rührte Herzen. Geradezu mythische Bedeutung bekam später Hitlers Schäferhund. Bilder des„kerndeutschen Tieres“, treu neben seinem Herrn liegend oder springend(etwa auf dem Obersalzberg, wo der stets für Deutschland Arbeitende „wenige Stunden der Entspannung fand“), standen zierlich gerahmt in vielen bürgerlichen Vitrinen. Übrigens waren viele der NS-Mörder Tierfreunde, oft auch Vegetarier. Rudolf Höß, der letzte Kommandant von Auschwitz, liebte vor allem Pferde; schon in seiner Jugend konnte er„gar nicht genug tun an Streicheln, Erzählen und Leckerbissen-Anbieten“. In Auschwitz ging er oft des Nachts durch die Pferdeställe und fand dort bei seinen Lieblingen Beruhigung. Auch seine Kinder hatten immer„besonderes Viehzeug“, das sie hegten und pflegten. 22 Die Deutschen, so formulierte es Heinrich Himmler, hätten„als einzige auf der Welt eine anständige Einstellung zum Tier“. 23 Mit dem Biederen ist das Sentimentale nahe verwandt, ja oft untrennbar verbunden. Wie gestern erst, so Hitler in„Mein Kampf“,„zieht an mir Bild um Bild vorbei, sehe ich mich im Kreise meiner lieben Kameraden eingekleidet, dann zum ersten Male ausrücken, exerzieren usw., bis endlich der Tag des Ausmarsches kam“ 24 . Das gleicht dem Blättern in vergilbten Albumblättern mit wehmütig erinnerungs- und tränenschweren Augen; ausgesprochen wird zugleich die stolze Erinnerung an die hohe Zeit echter Männlichkeit. Und so kam endlich der Tag,„an dem wir München verließen, um anzutreten zur Erfüllung unserer Pflicht. Zum ersten Male sah ich so den Rhein, als wir an seinen stillen Wellen entlang dem Westen entgegenfuhren, um ihn, den deutschen Strom der Ströme, zu schirmen vor der Habgier des alten Feindes. Als durch den zarten Schleier des Frühnebels die milden Strahlen der ersten Sonne das Niederwalddenkmal auf uns herabschimmern ließen, da brauste aus dem endlos langen Transportzuge die alte Wacht am Rhein in den Morgenhimmel hinaus, und mir wollte die Brust zu enge werden.“ 25 Nach der Schilderung der Stimmung des ersten Gefechts(„… zischt plötzlich ein eiserner Gruß über unsere Köpfe … dröhnt aus zweihundert Kehlen dem ersten Boten des Todes das erste Hurra entgegen“ 26 ), nach diesen Stellen eines zum Beispiel den Werken völkischer Schriftsteller(wie Werner Beumelburg oder Hans Zöberlein) nachgebildeten Kriegshymnus, wendet sich Hitler der Lage in der Heimat zu. Damit ist auch stilistisch eine Zäsur gegeben. Es folgt nun – wie so oft in diesem Werk – ein hemmungsloses Schimpfen und Wüten auf Parlamentarier, Juden, Marxisten, auf all jene, die den„Dolchstoß“ in den Rücken der kämpfenden Front geführt hätten(eine Lüge, die zwar Hitler nicht erfand, aber geschickt demagogisch ausnützte). 27 Bei seinem Schimpfen und Toben, Witzeln und Höhnen bedient sich Hitler insbesondere dehumanisierender(entmenschlichender) Feindbilder:„Ich werde auf diese Sorte von Parlamentswanzen noch gründlich zu sprechen kommen.[…] So wenig eine Hyäne vom Aase läßt, so wenig ein Marxist vom Vaterlandsverrat.“ 28 Der Tiervergleich wird zur Gleich-Setzung, zum sprachlichen Vorgriff der physischen Vernichtung: Der „betrügerischen Genossenschaft der jüdischen Volksvergifter“ hätte der Garaus gemacht, sie hätte unbarmherzig ausgerottet werden sollen.„Wenn an der Front die Besten fielen, dann konnte man zu Hause wenigstens das Ungeziefer vertilgen.“ 29 Zwischen den„Höhepunkten“ des Bieder-Sentimentalen, des Pathetisch-Heroischen und Zynisch-Brutalen dehnen sich die seitenlangen Kahlschläge stilistischer wie inhaltlicher Öde und Banalität – festgemacht am eigenen Ich.„Ich wurde Nationalist … Ich lernte Geschichte ihrem Sinne nach verstehen und begreifen … Ich beschloß, Politiker zu werden…“ Es gibt fast nichts, zu dem der„Führer“ – gestützt auf seinen Dünkel – nicht apodiktisch Stellung nimmt. Tatsachen geht er aus dem Weg; an ihre Stelle tritt die Phrase; sie erfordert keine Denkleistung, keine Objektivität(die nach Hitler „Schwäche“ bedeutet); Metaphern ersetzen Beweise. Wenn Hitler etwa seine Wandlung zum Antisemiten beschreibt, hat er nicht Gründe, sondern Bilder parat:„Sowie man nur vorsichtig in eine solche Geschwulst hineinschnitt, fand man, wie die Made im faulenden Leibe, oft genug geblendet vom plötzlichen Lichte, ein Jüdlein.[…] Man bedenke, daß auf einen Goethe die Natur immer noch leicht zehntausend solcher Schmierer der Mitwelt in den Pelz setzt, die nun als Bazillenträger schlimmster Art die Seelen vergiften.[…] Überhaupt war die sittliche und sonstige Reinlichkeit dieses Volks ein Punkt für sich. Daß es sich hier um keine Wasserliebhaber handelte, konnte man ihnen ja schon am Äußeren ansehen, leider sehr oft sogar bei geschlossenem Auge. Mir wurde bei dem Geruche dieser Kaftanträger später sogar manchmal übel. Dazu kam noch die unsaubere Kleidung und die wenig heldische Erscheinung.“ 30 Spricht Hitler von Kunst, Literatur und Kultur, so wirft er besonders erfolgreich seine Schlagwortköder aus –„Bolschewismus der Kunst“,„geistiger Wahnsinn“,„Prostitution der Kunst“,„Verirrung des Geschmacks“. Beliebt als Tatsachenersatz sind rhetorische Wiederholungen mit Alliterationstechnik:„Halb war alles, was irgendwie dem 88 Einfluß dieses Parlaments unterstand … Halb und schwach war die Bündnispolitik des Reiches nach außen … Halb war die Polenpolitik … Halb war die Lösung der elsaßlothringischen Frage …“ Auch wenn Hitler sprach 31 – letztlich war„Mein Kampf“ ein„gesprochenes“ Buch – zeigte sich das am Stammtisch eingeübte aggressive Stakkato. Hitler macht die Menschlichkeit – wie ein Unteroffizier den Rekruten –„herunter“, bis sie als„elendes Häufchen“ vor seinen Füßen liegt.„Ein Wesen trinkt das Blut des anderen, indem das eine stirbt, ernährt sich das andere. Man soll nicht faseln von Humanität.[…] Der Kampf bleibt.“ 32 Aufsteigen sollte ein starkes Geschlecht von Deutschen.„In unseren Augen“, so Hitler am 14. September 1935 in seiner berühmt-berüchtigten Rede an die Hitlerjugend auf dem Nürnberger Parteitag,„muß der deutsche Junge der Zukunft schlank und rank sein, flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl.“ 33 Mit der Rhetorik der Stärke paarte sich ein sadistischer Zynismus der Gewalt. Die Antwort Hitlers auf die noble Rede des SPD-Fraktions-Vorsitzenden Otto Wels während der Reichstagsdebatte zum Ermächtigungsgesetz am 23. März 1933 war in dieser Hinsicht typisch:„Sie sind wehleidig, meine Herren, und nicht für die heutige Zeit bestimmt, wenn Sie jetzt schon von Verfolgungen sprechen. 34 Bei bestimmten Gelegenheiten, besonders bei Staatsakten, bediente sich Hitler dagegen eines sentimentalen, beweihräuchernden, Würde und Erhabenheit vortäuschenden Pathos. Ein Satz, mit dem er in„Mein Kampf“ eigentlich die demokratische Presse abkanzeln wollte, vermag seine eigene Festtags-Rhetorik am besten zu charakterisieren.„Mit einem ungeheuren Aufwand von Worten unklaren Inhalts und unverständlicher Bedeutung werden da Sätze zusammengestammelt, die ebenso geistreich sein wollen wie sie sinnlos sind.“ 35 Dennoch gelang es ihm, seine Zuhörer damit anzusprechen. Wegweisend war diesbezüglich der Kult, den er um den greisen und weitgehend senilen Feldmarschall Paul von Hindenburg trieb. 36 Diese populäre Symbolfigur der deutschen Rechten in der Weimarer Republik – 1914/15 hatte der Heerführer bei Tannenberg und in den Masuren die russischen Truppen vernichtend geschlagen und dann seit 1916 als Chef des Generalstabs gewirkt – war 1925 zum Nachfolger des sozialdemokratischen Reichspräsidenten Friedrich Ebert und 1932 gegen Hitler wieder gewählt worden. Höhepunkt der geschickt inszenierten Hindenburg-Verehrung war der Tag von Potsdam, der 21. März 1933, als Hitler unter Glockengeläut und mit einem Cutaway, dem Zeichen bürgerlicher Honorigkeit angetan, dem greisen Marschall am Grab Friedrichs des Großen entgegentrat; dem gleichen Mann, den er kurz vorher im Wahlkampf verunglimpft hatte und dem er nun mit einer Fülle von Genitiven, Konjunktiven und Inversionen, was bei jedem Kleinbürger erhabene Feierlichkeit evozierte,„seine Ehrfurcht zu Füßen legte“. „In unserer Mitte befindet sich heute ein greises Haupt. Wir erheben uns vor Ihnen, Herr Generalfeldmarschall... Sie erlebten einst des Reiches Werden, sahen vor sich noch des Großen Kanzlers Werk, den wunderbaren Aufstieg unseres Volkes, und haben uns endlich geführt in der großen Zeit, die das Schicksal uns selbst miterleben und mit durchkämpfen ließ. Heute, Herr Generalfeldmarschall, läßt Sie die Vorsehung Schirmherr sein über die neue Erhebung unseres Volkes. Dies Ihr wundersames Leben ist für uns alle ein Symbol der unzerstörbaren Lebenskraft der deutschen Nation. So dankt Ihnen des deutschen Volkes Jugend und wir alle mit, die wir Ihre Zustimmung zum Werk der deutschen Erhebung als Segnung empfinden. Möge sich diese Kraft auch mitteilen der nunmehr eröffneten neuen Vertretung unseres Volkes. Möge uns dann aber auch die Vorsehung verleihen jenen Mut und jene Beharrlichkeit, die wir in diesem für jeden Deutschen geheiligten Raum um uns spüren, als für unseres Volkes Freiheit und Größe ringende Menschen zu Füßen der Bahre seines größten Königs.“ 37 (Echter mag Hitlers Gefühl gewesen sein, als er beim Begräbnis Hindenburgs in Tannenberg ausrief:„Toter Feldherr, geh‘ nun ein in Walhall!“ 38 Das letzte Hindernis auf dem Weg zur Alleinherrschaft war gefallen. Auf dem„geheiligten“ Boden von Potsdam war der nach der NS-Machtübernahme neu gewählte Reichstag zum ersten Mal zusammengetreten. Eine herrliche Schau sollte es werden, meinte Goebbels in seinem Tagebuch: Preußentum 39 und Klassik wurden amalgamiert; chauvinistische Härte und schöner Schein fanden zusammen. Die letzten Zweifel an der Integrität des„Führers“ sollten beseitigt und die noch Abseitsstehenden in den magischen Bann Hitlers gezogen werden. 40 In der PotsdamRede hatte Hitler auch davon gesprochen, dass man mithilfe des neuen Reichtags die Einheit des deutschen Geistes wiederherstellen wolle. Das deutsche Volk„soll dann für ewige Zeiten in seine treue Verwahrung nehmen unseren Glauben und unsere Kultur, unsere Ehre und unsere Freiheit“. 41 Das kam beim Spießer gut an; er fühlte sich sowieso zu„Besserem“ berufen, war überzeugt, einem Volk der Dichter und Denker anzugehören. Erhebendes Gefühl transportiere am besten das„Deutschlandlied“, meinte Hitler in der„Weihestunde des Deutschen Sängerbundes“ in Breslau am 31. Juli 1937; es werde nicht nur innerhalb der Grenzen des deutschen Reiches gesungen, es klinge über sie hinaus; überall dort, wo Deutsche in der Welt lebten, ertöne es.„Dieses Lied begleitet uns von unserer Kindheit bis ins Greisenalter. Es lebt in uns und mit uns und es läßt, ganz gleich, wo wir auch sind, immer wieder die Urheimat vor unseren Augen erstehen, nämlich Deutschland und das Deutsche Reich. Der Vogel, dessen Auge geblendet, pflegt sein Leid und seine Gefühle nur noch inniger in seinen Gesang zu legen. Und vielleicht ist es auch kein Zufall, daß der Deutsche, der so oft leidgequält auf dieser Erde sein Dasein ertragen mußte, in solchen Zeiten zum Liede seine Zu90 flucht nahm; es erlaubte ihm, darin all das auszudrücken, was die harte Wirklichkeit ihm verwehrte. … Dieses Lied ist damit zugleich auch ein Bekenntnis zum Allmächtigen, zu seinem Willen und zu seinem Werk: denn nicht Menschen haben dieses Volk geschaffen, sondern jener Gott, der über uns allen steht. Er hat dieses Volk gebildet, nach seinem Willen ist es geworden, und nach unserem Willen soll es bleiben und nimmermehr vergehen!“ 42 Seit Hitler nach dem Ersten Weltkrieg beschlossen hatte, Politiker zu werden, also über zwei Jahrzehnte lang, stampfte er in unaufhaltsamen Tiraden deutsche Sprachkultur in Grund und Boden. Als rhetorischer Dämon hat er das Volk jedoch nicht„verführt“, sprach er doch in dessen Tonlage: eben mit Volkes Stimme. 43 III. Arische Rasse Versucht man das aus vielen, meist obstrusen Quellen zusammengelesene Sammelsurium von politischen und wirtschaftlichen, künstlerischen und religiösen Ressentiments der NS-Ideologie auf ihren Kern hin zu durchleuchten, so ergibt sich ein alles beherrschender Mythos: die Verherrlichung der nordisch-germanisch-arischen Rasse und der Hass auf alles Andersartige. Als Grundtypen der Heilserwartung werden der „Bauer“ und der„Arbeiter“ präsentiert, typisiert, ideologisiert. Der Begriff„Rasse“ ist an sich problematisch, da die seit Jahrhunderten, teilweise sogar seit Jahrtausenden erfolgte Vermischung der Menschen biologische Unterscheidungsmerkmale immer mehr hat verwischen lassen(sieht man von einer ganz groben Einteilung ab; freilich unterschiedlich in den Weltteilen). Eine ernst zu nehmende Anthropologie kann somit nicht nur biologisch ausgerichtet sein, sie muss in Kulturräumen denken und psychologisch, soziologisch, ethnologisch, philologisch, mythologisch vorgehen, das heißt alle Äußerungen des menschlichen Geistes in Betracht ziehen. Die morphologische Rassenbetrachtung dagegen(und sie allein wurde später von den Nationalsozialisten gepflegt) nimmt – in Ermangelung einer fundierten Ausgangsposition – die Rassenaufstellung so vor, dass sie bestimmte Merkmale der Menschen herausgreift und dann dekretiert, dass diese typisch seien. Abgesehen von der Unwissenschaftlichkeit des Verfahrens wird so jeder Subjektivität und jedem Ressentiment Tür und Tor geöffnet. Die Rassengruppen„sind zwangsläufig willkürlich und variieren mit den einzelnen Untersuchungen“. 44 Besonders gefährlich wurde die Rassenlehre, als sie geistig-seelische Eigenschaften mit bestimmten biologischen Erscheinungsformen koppelte(etwa blond mit treu beziehungsweise nichtblond mit nichttreu). Gerade die„schreckliche Einfachheit“, die jedem Wahne eignet, fand Anklang. Ausgehend von den durch Charles Darwin aus dem Tier- und Pflanzenreich entwickelten Begriffen„Kampf ums Dasein“,„Auslese der Besten“,„Überleben der Stärkeren“, übertrugen die Anhänger des extremen wirtschaftlichen Liberalismus dessen Theorien auf die menschliche Gesellschaft, um dadurch ihre eigene inhumane Position, die auf Unterdrückung der wirtschaftlich Schwächeren hinauslief, rechtfertigen zu können. Beeinflusst von solchen sozialdarwinistischen Strömungen hatte der französische Graf Joseph Arthur von Gobineau 1855 eine Abhandlung„Über die Ungleichheit der menschlichen Rassen“ verfasst, in der er die„Arier“, und unter ihnen die reinste Form: die Germanen, als wertvollste und edelste Rasse bezeichnete und ihnen die„Semiten“ als Antityp, als körperlich wie geistig degenerierte Rasse, entgegenstellte. Die arische Rasse sei in Zukunft zur alleinigen Herrschaft bestimmt. 45 Doch schon der Ausdruck„arische Rasse“ war ein Unsinn. Der Ausdruck ist die völlig unzulässige Übertragung eines philologischen Begriffs auf einen konstruierten biologischen Tatbestand. 1816 hatte Franz Bopp in seinem Werk„Über das Konjugationssystem der Sanskrit-Sprache in Vergleichung mit jenem der griechischen, lateinischen, persischen und germanischen Sprache“ nachgewiesen, dass diese Sprachen in einem engen Verhältnis zueinander stünden und auf einen gemeinsamen Ursprung zurückzuführen seien. Dieser Ursprung wurde als„indogermanisch“, später auch als „arisch“ bezeichnet. Mit anderen Worten:„arisch“ ist nur brauchbar als Bezeichnung für eine Sprachfamilie, und zu dieser Sprachfamilie gehören als wesentliche Träger die Slawen, Perser, Griechen, Romanen, Kelten, Germanen. 1888 erklärte Friedrich Müller, der im Besonderen den Begriff„arisch“ anstelle von„indogermanisch“ verwendete:„Ich habe wieder und wieder erklärt, dass, wenn ich von Ariern spreche, ich weder an Blut noch Knochen, noch Haare, noch Schädel denke; ich meine einfach die, die eine arische Sprache sprechen. Für mich ist ein Völkerkundler, der von arischer Rasse, arischem Blut, arischen Augen und arischem Haar spricht, genauso ein Sünder wie ein Sprachwissenschaftler, der von einer brachycephalischen(= rundköpfigen) Grammatik redet.“ 46 In„Mein Kampf“ hatte Hitler seine Rassentheorie als Kern der neuen Weltanschauung zum ersten Mal mit primitiver Ausführlichkeit vorgestellt 47 :„Jedes Tier paart sich nur mit einem Genossen der gleichen Art. Meise geht zu Meise, Fink zu Fink, Storch zur Störchin, Feldmaus zu Feldmaus, Hausmaus zu Hausmaus, der Wolf zur Wölfin ... Die Folge dieses in der Natur allgemein gültigen Triebes zur Rassenreinheit ist nicht nur die scharfe Abgrenzung der einzelnen Rassen nach außen, sondern auch ihre gleichmäßige Wesensart in sich selber. Der Fuchs ist immer ein Fuchs, die Gans eine Gans, der Tiger ein Tiger usw.... Es wird aber nie ein Fuchs zu finden sein, der seiner inneren Gesinnung nach etwa humane Anwandlungen Gänsen gegenüber haben könnte, wie es ebenso auch keine Katze gibt mit freundlicher Zuneigung zu Mäusen ... Es gibt nur ein heiligstes Menschenrecht, und dieses Recht ist zugleich die heiligste 92 Verpflichtung, nämlich: zu sorgen, daß das Blut rein erhalten bleibt, um durch die Bewahrung des besten Menschentums die Möglichkeit einer edleren Entwicklung dieser Wesen zu geben. Ein völkischer Staat wird damit in erster Linie die Ehe aus dem Niveau einer dauernden Rassenschande herauszuheben haben, um ihr die Weihe jener Institution zu geben, die berufen ist, Ebenbilder des Herrn zu zeugen und nicht Mißgeburten zwischen Mensch und Affe... Alles, was wir heute auf dieser Erde bewundern – Wissenschaft und Kunst, Technik und Erfindungen – ist nur das schöpferische Produkt weniger Völker und vielleicht ursprünglich einer Rasse. Von ihnen hängt auch der Bestand dieser ganzen Kultur ab. Gehen sie zugrunde, so sinkt mit ihnen die Schönheit dieser Erde ins Grab. … Was wir heute an menschlicher Kultur, an Ergebnissen von Kunst, Wissenschaft und Technik vor uns sehen, ist nahezu ausschließlich schöpferisches Produkt des Ariers. Gerade diese Tatsache läßt den nicht unbegründeten Rückschluß zu, daß er allein der Begründer höheren Menschentums überhaupt war, mithin den Urtyp dessen darstellt, was wir unter dem Wort ‚Mensch‘ verstehen. … Solange er den Herrenstandpunkt rücksichtslos aufrechterhielt, blieb er nicht nur wirklich der Herr, sondern auch der Erhalter und Vermehrer der Kultur. …[Man muß] fühlen, daß in einer Welt, in der Planeten und Sonne kreisen, Monde um Planeten ziehen, in der immer nur die Kraft Herrin der Schwäche ist und sie zum gehorsamen Diener zwingt oder zerbricht, für den Menschen nicht Sondergesetze gelten können.... Hier freilich kommt der echt judenhaft freche, aber ebenso dumme Einwand des modernen Pazifisten: Der Mensch überwindet eben die Natur!... Mit der Zertrümmerung der Persönlichkeit und der Rasse fällt das wesentliche Hindernis für die Herrschaft des Minderwertigen – dieser aber ist der Jude... Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn.“ Der„Parteiphilosoph“ Alfred Rosenberg stand Hitler nicht nach, wenn es darum ging, die arische Rasse als Heil der Welt zu propagieren; in ihrem Denken haben sie sich gegenseitig bestärkt. Der 1893 im Baltikum(Reval) geborene Rosenberg war 1919 in München fast gleichzeitig mit Hitler in die DAP(Deutsche Arbeiter-Partei) eingetreten. Er übernahm 1921, zunächst zusammen mit Dietrich Eckart, die Chefredaktion des Parteiblattes„Völkischer Beobachter“. 1923 war er am gescheiterten Hitler-Putsch beteiligt. Er war Mitgründer und Leiter des 1928 ins Leben gerufenen nationalsozialistischen„Kampfbundes für deutsche Kultur“, der mit Vorträgen, Lesungen, öffentlichen Großveranstaltungen und einer Vereinszeitschrift gegen die in der Weimarer Republik etablierte kulturelle Moderne eine„arteigene“ deutsche Kultur durchsetzen wollte. Hitler ernannte Rosenberg 1934 zum„Beauftragten des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP“; 1941 wurde er Reichsminister für die besetzten Ostgebiete;(im Nürnberger Prozess zum Tode verurteilt und 1946 hingerichtet). Millionenfach verbreitet war Rosenbergs kirchenfeindliche Schrift mit dem eingängigen Titel Der Mythus des 20. Jahrhunderts(1930). Der gewählte Begriff„Mythos“ (beziehungsweise„Mythus“) konnte, wegen der im neunzehnten Jahrhundert aufgebauten ideologischen Relevanz und der damit verbundenen Vagheit des Begriffs, die diffuse kleinbürgerliche Gefühlswelt mit ihren Kulturvorstellungen gut bedienen. Das Werk besteht aus drei Büchern:„Das Ringen der Werte“,„Das Wesen der germanischen Kunst“ und„Das kommende Reich“.„Im ersten Buch“, so fasst Manfred Frank zusammen,„wird die Behauptung illustriert, dass die gesamte abendländische Kultur von germanischen Stämmen ausgegangen sei; dann aber hätte die mit dem Christentum an die Macht gelangte römische ‚Priesterkaste‘ gemeinsam mit Jesuiten, Freimaurern und den ‚Verschwörern des internationalen Judentums‘ den Niedergang der germanischen Kultur gebracht. Nun aber stehen die Zeichen auf Umbruch, das Heft wendet sich, aus dem ‚Mythus des Blutes‘ dämmert das ‚kommende Reich‘, in dem es ein reinrassiges germanisches Imperium geben wird.“ 48 Als zentraler, aber undefiniert bleibender Begriff fungiert„Gestalt“; der Untertitel des Buches lautet:„Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestaltenkämpfe unserer Zeit“. Rosenberg habe, meinte Alfred Baeumler(ursprünglich Professor für Philosophie der Technischen Hochschule Dresden, ab 1933 Professor für Pädagogik in Berlin, schließlich ab 1942 Leiter des Amtes Wissenschaft in Rosenbergs Dienststelle),„ohne Reflexion, nur geleitet von seinem Instinkt“, das Gestaltdenken„in das politische und geschichtliche Erkennen eingeführt“. Das war positiv gemeint: Nicht Denken war nun den deutschen Professoren wichtig, sondern„germanischer Dynamismus“. Baeumler erklärt:„Jeder Gestalt entspricht eine bestimmte seelische Haltung, die Gestalten ringen miteinander um ihre Selbstbehauptung und Geltung, ihr Kampf ist der Inhalt der Weltgeschichte. Germanischer Dynamismus kann sich das Leben nicht anders vorstellen denn als Streit der Kräfte untereinander. Diesen Streit nicht als einen bloß tierischen Kampf ums Dasein begriffen zu haben, sondern als einen Kampf von Gestalt gegen Gestalt, das heißt von Wert gegen Wert, ist die entscheidende denkerische Leistung Rosenbergs.“ 49 Im„Gestaltenkampf“ siege die„Rassenseele“, die durch „Blut“ bestimmt sei und, von der Biologie in den Geist transzendierend, als„Kulturseele“ in den verschiedenen Künsten sich manifestiere. Ihr Höchstwert ist die„Ehre“, die derjenige erwirbt, der im„Gestaltenkampf“ siegt.(Die Rosenberg-Metapher„Blut und Ehre“ stand auf der Schneide des Dolches, den jeder Hitlerjunge trug.) Einen besonderen Hass entwickelte Rosenberg gegen das Christentum, da es Elemente enthalte, die in der neuen, nationalsozialistischen Welt keine Berechtigung mehr hätten, und da es zudem jüdisch-freimaurerisch, das heißt durch Barmherzigkeit, Liebe, Mitleid und Humanität verdorben sei.„Nun drang durch das Christentum ein anderer seelischer Wert ein und beanspruchte die erste Stelle[anstelle der germani94 schen Ehre]: die Liebe, im Sinne von Demut, Barmherzigkeit, Unterwürfigkeit und Askese. Heute ist es jedem aufrichtigen Deutschen klar, daß mit dieser alle Geschöpfe der Welt gleichmäßig umfassenden Liebeslehre ein empfindlicher Schlag gegen die Seele des nordischen Europas geführt worden ist... Hierher gehört das kirchlich-christliche Mitleid, das auch in der freimaurerischen Humanität in neuer Form aufgetaucht ist und zu der größten Verheerung unseres gesamten Lebens geführt hat. Aus dem Zwangsglaubenssatz der schrankenlosen Liebe und der Gleichheit alles Menschlichen vor Gott einerseits, der Lehre vom demokratischen rasselosen und von keinem nationalverwurzelten Ehrgedanken getragenen ‚Menschenrecht‘ andererseits hat sich die europäische Gesellschaft geradezu als Hüterin des Minderwertigen, Kranken, Verkrüppelten, Verbrecherischen und Verfaulten ‚entwickelt‘. Die ‚Liebe‘ plus ‚Humanität‘ ist zu einer alle Lebensgebote und Lebensformen eines Volkes und Staates zersetzenden Lehre geworden und hat sich dadurch gegen die sich heute rächende Natur empört.“ 50 Der„Mythus des 20. Jahrhunderts“ und andere Schriften Rosenbergs konstituierten und konturierten die nationalsozialistische Kulturpolitik: Wertvolle(„geartete“) Kultur – tatsächlich eine solche, die dem kleinbürgerlichen Kunstempfinden entsprach – sei Ausdruck der„Rassenseele“, bestimmt durch„echtes“(das heißt germanisches,„arisches“ Blut). Wertlose(„entartete“) Kultur – eine solche, die dem klein- bürgerlichen Kunstempfinden nicht entsprach – müsse, da nicht durch reines Blut geschaffen, sondern„jüdisch verseucht“, ausgemerzt werden. „Gebären die Frauen einer Nation Neger- oder Judenbastarde; geht eine Schlammflut von Nigger-Begeisterung und Nigger-Kunst weiter so ungehindert über Europa hinweg wie heute; darf die jüdische Bordelliteratur weiterhin noch ins Haus gelangen wie jetzt; wird der Syrier vom Kurfürstendamm noch weiter als Volksgenosse und ehemöglicher Mann betrachtet, dann wird einmal der Zustand eintreten, daß Deutschland und Europa in seinen geistigen Zentren nur von Bastarden bevölkert sein werden. … Der härteste Mann ist für die eiserne Zukunft gerade noch hart genug. Wenn auf Rassen- und Volksverhöhnung, wenn auf Rassenschande einmal Zuchthaus und Todesstrafe stehen werden, dann erst wird es stählernen Nerven und schroffsten Formkräften gelingen, den kommenden Typus zu schaffen.“ 51 IV. Blut und Boden Im Kontext des rassistischen Erlösungswahns verkörpert der Bauer, Grundtyp des Germanen bzw. Ariers, das Ursprüngliche, essentiell Naturhafte, das Wesentliche schlechthin. Dementsprechend hat die von den Nationalsozialisten geforderte neue, „rassisch-gesunde“ Literatur, so Ernst Loewy, unter der Parole„Blut und Boden“(bisweilen zu„Blubo“ verballhornt) Vernunft und Aufklärung, verdinglicht in der Asphaltstadt, mithilfe eines erfundenen archaischen Mythos bekämpft. Diese Literatur verherrlichte eine organische, durch die Urgewalt des Elementaren bestimmte„höhere Ordnung“; in Autoritätsgläubigkeit wurde das Herrenrecht des Führers gegenüber der Gefolgschaft bejaht; vor allem auf dem Lande fand man„reines Blut“ im„Schoß der Mütter“ geborgen. Die Volksgemeinschaft müsse mit heroischem Nationalismus („Feuer und Blut“) sich ihren Lebensraum zurück oder neu erobern – im Kampf gegen die Minderwertigen, vor allem Juden und Slawen, welche die deutschen Werte herabzögen und zersetzten. Nur so könne das Dritte Reich auf tausend Jahre und länger gesichert werden. 52 Bei dem nationalsozialistischen„Blubo“-Provinzialismus gibt es hinsichtlich der Qualität gewisse Abstufungen. Erwin Guido Kolbenheyer, der im Dritten Reich mit Preisen geradezu überschüttet wurde, gehörte mit seiner„Bauhüttenphilosophie“ und seinem mythisierenden Stil zu den prominenten Dichtern.(„Der biologische Naturalismus stellt das Individuum unter eine kämpferische Funktion, unter die des Lebenseinsatzes für den Bestand seiner Art; ihm ist das Individuum nicht Selbstzweck mehr, es ist ihm Mittel, das seine Existenzberechtigung nur als Funktionsexponent der Art besitzt.“ 53 ) Für die mittlere Position kann Will Vesper genannt werden, der neben seinen neiderfüllten Ausfällen auf große Dichter in seinem eigenen Schaffen gern „fernsten Geschlechtern sich zuwandte“.(„Und so leben in den fernsten Geschlechtern der Väter auch wir, und in uns leben heute und gegenwärtig sie, von denen wir stammen, deren Blut in uns fließt, auch nicht als unser Eigentum.“ 54 ) Unten rangieren Autoren wie Josefa Berens-Totenohl mit ihrem mythisch-schicksalsschweren, erotisch-blutdunklen Geraune(„Von Un-Zeit umwittert/ wurzelt in Klüften/ die alte Eiche/ Urahne heutigem Geschlecht“ 55 ) und Hans Zöberlein. Dieser war nach Hitlers Machtübernahme SA-Brigadeführer geworden; kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges ließ er als Führer eines Exekutionskommandos neun Penzberger Bürger, darunter zwei Frauen, von denen eine schwanger war, ermorden. Zöberlein hatte die größten Auflagen; seine Werke fanden sich in vielen nationalsozialistischen Bücherschränken. Die breiteste Massenwirkung war ihm sicher, da er mit einem gewissen Geschick in seinen Romanen die richtige Mischung für Kitschmenschen bereit hielt: Heimatliebe mit wehmutsschwangerer Innerlichkeit, Bergromantik mit bald sexuellem, bald heroischem Einschlag, Blutsang und Sehnsuchtsgeklampfe, Uranfangsstimmung und halsend-küssendes Mädchenglück, Großstadtfeindschaft und populäre Rassenkunde – all das, was dem Buntdruck der NS-Weltanschauung entsprach. „‚Deine Heimat ist wunderschön‘, sagt sie verträumt und lehnt sich in seinen Arm, dass er sie drehen und wenden kann, um ihr die Herrlichkeiten des Landes gebührend zu zeigen und sie zu loben. ‚Es ist so deutsch wie nicht leicht eines. Mag jeder so von seiner Heimat reden, ich tu’ es auch. Im Krieg sind wir Soldaten in vielen Ländern gewesen, aber keines kommt dem unseren gleich in der Welt.‘ Dann sagen sie lange 96 nichts, so sind sie im Schauen versunken. Nur einmal zeigt er stumm über den Wald im Grunde hin, aus dem sich zwei mächtige Bussarde mit glänzenden Schwingen heben und dann regungslos im Raum schwimmen. Endlose goldene Kreise im Blinken der Sonne segelnd, tauchen sie hoch über die Berge ins Blaue. Und sie hören ihr Blut, wie es in der Stille singt. Ganz eng liegen sie beisammen im gleichen Atem und Herzschlag. Es ist ein Wesen, das um sie webt und aus ihnen selber kommt. Das spüren sie im An- und Abwallen, das sie immer enger aneinanderdrängt. Und es war ihnen, als sei noch der gleiche Tag, wo sie ihm das Lied sang und das Glück des Erkennens ihrer Liebe über sie kam. Als sei nichts dazwischen gewesen an Qual der Sehnsucht und des Bangens umeinander. Da schauerten sie leise vor dem Atem der ewigen Schöpfung, der sie weihte, die rätselhafte Gewalt zu üben, neues Leben zu schöpfen für die endlose Kette ihres Blutes aus Uranfang zum Ende alles Daseins... Er aber lachte von Herzen, als er fortfuhr: ‚Wir werden Kinder haben, das erste muß ein Bub sein!‘ Sie nickte errötend und behauptete wieder: ‚Wie du!‘ ‚Aber das zweite muß ein Mädel werden, so eins wie du – süße Frau. Und dann wieder ein Bub, und dann wieder ein Mädel‘ – ‚Und so weiter!‘ sagte sie und halste und küsste ihn mit lachendem Mund. ‚Ich bin noch nicht fertig‘, schmunzelte er, ‚weißt du, nur so kann ein neues Deutschland besser und sicher aufgebaut werden, wenn wir, vom guten, gesunden Blut, durch unsere Kinder stärker werden als das Kranke. Und das Kranke immer mehr aus dem Volke verdrängen.‘ ‚Wenn das nur alle begreifen würden!‘ ‚Ja! Wie viele ordentliche Kerle gehen zugrunde an Leib und Seele durch den falschen Geist.‘ ‚Und noch schlimmer ist, daß so viele Mädels verdorben werden vom schlechten Blut, und gerade die schönsten und gesundesten. Die Großstädte stumpfen den gesunden Instinkt ab und machen das Blut träge und lüstern und schlammig. Die Menschen werden morsch, das Leben in der stickigen Enge zerfrißt ihnen das Rückgrat und Herz.‘ ‚Wir kommen doch auch von der Großstadt‘, warf sie ein. ‚Es sieht zwar so aus, aber deine Eltern und meine Eltern waren erst vom Lande in die Stadt gekommen, wie sie uns zur Welt brachten. Sie waren noch voll von frischem Bauernblut, der Mutterleib gesund wie ein Wald‘... ‚Dein Haar ist ja seidenfein, so fliegend knisternd, daß es mir an den Fingern bleibt wie Eisen am Magnet, wenn ich darüber streiche. Sieh nur her, so hängen wir aneinander.‘ Sie lachte, als sie es sah: ‚Wenn ich aber blond gewesen wäre wie meine Mutter?‘ – ‚Zuerst habe ich den Funken gespürt, nicht ob du blond oder braun bist.‘ ‚Wenn ich nun eine Jüdin gewesen wäre?‘ – ‚Dann hättest du den Funken nicht haben können für mich. Und damit du endlich Ruhe gibst, will ich dir sagen, daß ich eine Reihe blonder Jüdinnen kenne.‘ – ‚Und ich blonde Juden.‘ – ‚Ich kenne sogar eine blonde Deutsche, die einen Juden geheiratet hat, so einen ganz kleinen Pfropf, dem sie ein paar echte blonde Siegfriede geboren hat, die mit zwölf Jahren schon größer waren wie ihr Tade. Aber noch echtere Juden geworden sind als der Alte. Und was das interessanteste ist, seine blonde Frau sieht wie eine echte Jüdin aus und ist früher, als sie noch in unserem Haus wohnte, der reinste Engel gewesen. So färbt das ab. Und so frischt der Jude sein Blut wieder auf, der mit seiner Sara höchstens noch kleinere Pfröpfe fertiggebracht hätte.‘ ‚Ekelhaft‘, schüttelte sie sich. ‚Wie kann man sich nur so vergessen!‘“ 56 Grundsätzlich sind von völkischer Blut-und-Boden-Literatur die dichterischen Werke abzugrenzen, die seit Romantik und Realismus sich um eine durch ehrliche Gefühle bestimmte Natur- und Heimatverbundenheit bemühen. Es kam vor, dass die Nationalsozialisten versuchten, diese Autoren und Autorinnen für sich zu gewinnen. Das geschah etwa 1933 mit dem„urbayerischen“ Oskar Maria Graf. Daraufhin richtete dieser aus Wien an Goebbels eine Botschaft, die stellvertretend die Trennungslinie zwischen echter Heimatkunst und verlogenem Blut-und-Boden-Kitsch dokumentiert: „Verbrennt mich! … Laut ‚Berliner Börsencourier‘ stehe ich auf der weißen Autorenliste des neuen Deutschlands und alle meine Bücher, mit Ausnahme meines Hauptwerkes ‚Wir sind Gefangene‘, werden empfohlen. Ich bin also dazu berufen, einer der Exponenten des ‚neuen‘ deutschen Geistes zu sein! Vergebens frage ich mich, womit ich diese Schmach verdient habe.... Nach meinem ganzen Leben und nach meinem ganzen Schreiben habe ich das Recht, daß meine Bücher der reinen Flamme des Scheiterhaufens überantwortet werden.... Verbrennt die Werke des deutschen Geistes! Er selbst wird unauslöschlich sein wie eure Schmach!“ 57 V. Die Mystifikation des Arbeiters Obwohl eigentlich Gegentyp zum Bauern, da seine Wirkungsstätte die Maschine in der meist städtischen Fabrik ist, wird der Arbeiter von der NS-Ideologie zur komplementären„Figur“ bzw. dem anderen Konstrukt, auf das die NS-Heilserwartungen projiziert werden – so wie auch in der Praxis die Nationalsozialisten den Mythos Natur mit dem Mythos Technik(inspiriert vom faschistischen Futurismus) zu amalgieren trachteten. Dementsprechend ihr Versuch, Arbeiterdichtung(wie„Bauernliteratur“) für sich in Anspruch zu nehmen, wobei sie diese meist uminterpretieren. Karl Bröger war da ein durchaus geeignetes Objekt, da man bei ihm auch Patriotismus, den man als Nationalismus verstand, vorfand. Die deutsche Arbeiterdichtung war in ihrem expressiven Pathos eine von weiten Teilen der Bevölkerung mit Empathie rezipierte lyrische Gestaltungsform, da in ihren rhapsodischen„Sprachschwingungen“ ein Bild des Arbeiters vermittelt wurde, wie es auch weltanschaulich als Absage an die alte, verknöcherte, die Zeichen der Zeit verkennende und missachtende Generation der Väter empfunden wurde. Das war ein Gegenentwurf, bei dem die„Aktion Vatermord“ in 98 die Vision von einer„Brudergesellschaft“ überging. Für viele Söhne aus bürgerlichem wie proletarischem Haus, die im Rahmen der strengen Klassentrennung nicht miteinander in Berührung gekommen waren, hatte der Weltkrieg eine gegenseitige Entdeckung gebracht. Er war ein Schmelztiegel gewesen: man erkannte Klassengegensätze und brachte die Überzeugung mit nach Hause, dass diese im Geiste einer Volksgemeinschaft aufzuheben seien. So bot sich die idealistisch-soziale Erfahrung dar. Zugleich aber hatte man die Macht des politischen Potentials der Arbeiterschaft kennen gelernt. Kriege, aber auch die Macht im Staat, waren offenbar nur mit Hilfe der Arbeiterschaft zu gewinnen.„Der Industriearbeiter ist der erste und stärkste Faktor beim Aufmarsch des modernen Nationalismus,“ formulierte Ernst Jünger programmatisch; 58 „der Klassenstaat wird vernichtet werden durch den nationalsozialistischen Staat.“ 59 Jünger verlangte eine Fragestellung, durch die der Arbeiter in die nationale Front einbezogen werde. Hier wurde, wenn auch mit wesentlich tieferer Fundierung als es die Publizisten und Propagandisten der Rechten normalerweise taten, der Arbeiter vom konservativen und reaktionären Standpunkt aus vereinnahmt, der„totalen Mobilmachung“{mit ihrer Ausrichtung auf„Kriegsarbeit“) integriert.„Und so sehe ich ein neues, führendes Geschlecht im alten Europa auftauchen, ein Geschlecht furchtlos und fabelhaft, ohne Blutscheu und rücksichtslos, gewohnt, Furchtbares zu erdulden und Furchtbares zu tun und das Höchste an seine Ziele zu setzen. Ein Geschlecht, das Maschinen baut und Maschinen trotzt, dem Maschinen nicht totes Eisen sind, sondern Organe der Macht, die es mit kaltem Verstand und heißem Blute beherrscht. Das gibt der Welt ein neues Gesicht.“ 60 Jüngers Schrift„Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt“ erschien zwar erst im Jahre 1932, aber die ihr zugrundeliegende Philosophie und Analyse sind in den Jahren des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit gewachsen. 61 Für Jünger hatten die Materialschlachten des Weltkrieges das Bild des Zusammenbruchs eines hoffnungslos verlorenen Zeitalters gebracht. Er war überzeugt von dem Heraufziehen einer nationalistisch-kriegerischen Welt, welche die bürgerlich-dekadente abzulösen im Begriffe war. Humanität, friedliche Geschäftigkeit, Vernunftglaube, internationale Wirtschaftsordnung, Demokratie, Parlamentarismus, liberaler Rechtsstaat, all das, was nach dem Ersten Weltkrieg mit so viel Hoffnung bedacht wurde, galten ihm als„ausgebrannte Fassade“. Hierin trafen sich die Kommunisten und aktivistischen Nationalisten; doch während jene sich dem Kern der Masse angehörig und damit als deren Vollzugsorgan empfanden, waren diese überzeugt, dass die Masse für elitäre Zwecke manipuliert werden müsse. Der lebensfeindliche, seinsvergessene Intellekt war im Kult des autonomen, unantastbaren Individuums genauso am Werk wie im bürgerlichen Utilitarismus, in der positivistischen Wissenschaft wie in der sensitiv-verfeinerten Kunst. Dem bürgerlichen Verfall wurde die Hoffnung auf einen Zukunftsstaat entgegengestellt, welche die kriegerisch-nationalistische Diktatur antizipierte bzw.(wenn auch in ganz anderer Form als sie dann der Nationalismus erbrachte) ersehnte. Vier Grundpfeiler sollten den neuen Staat stützen:„der nationale, der soziale, der kriegerische und der diktatorische Gedanke.“ 62 Der Arbeiter war Träger und damit Garant des neuen Staates. In ihm schlossen sich Sozialismus und Nationalismus auf der Basis von Heldentum zusammen. Ähnlich hatte Oswald Spengler bereits 1919 in„Preußentum und Sozialismus“ die Ideologie eines„Kriegssozialismus“ propagiert. 63 Immer wieder erfolgte der Rückgriff auf die Erfahrungen des Krieges, da, wie Hans Zehrer 1931 in der„Tat“ schrieb, diese Generation sozialistisch nach Hause zurückgekommen sei,„nicht, weil sie Karl Marx gelesen und verstanden hatte, sondern weil sie in einer Gemeinschaft auf Tod und Leben zutiefst das soziale Unrecht erspürt und die Berechtigung des sozialen Ressentiments, das in der Arbeiterschaft lebte, begriffen hatte.“ 64 Wenn Jünger von der Arbeit spricht, so meint er damit weder die körperliche noch geistige, weder Arbeit im ökonomischen Verständnis, noch technische Tätigkeit; Arbeit ist ihm Ausdruck eines neuen Seins:„eines besonderen Seins, das seinen Raum, seine Zeit, seine Gesetztätigkeit zu erfüllen sucht“. Arbeit ist ihm alles:„das Tempo der Faust, der Gedanken, des Herzens, das Leben bei Tag und Nacht, die Wissenschaft, die Liebe, die Kunst, der Glaube, der Kultus, der Krieg; Arbeit ist die Schwingung des Atoms und die Kraft, die Sterne und Sonnensysteme bewegt.“ 65 Eine solche Mythisierung wie Mystifikation von Arbeit musste all jenen willkommen sein, die, anstelle der konkreten Veränderung sozialer Verhältnisse, die Massen als Stimmvieh für sich zu gewinnen hofften, indem sie tiefgreifende Sehnsüchte auf das Über-Ich des Führers hinweg zu projizieren suchten. Die Nationalsozialisten verkannten die in der Arbeiterdichtung wirksame Kraft einer humanen Vision genauso, wie sie die„Gebrochenheit“ der expressionistischen„Sprachgebärde“ verdrängten; sie instrumentalisierten Arbeiterdichtung auf eindimensionale Weise. Die tief gründenden und tief aufwühlenden Widersprüche der Arbeiterdichtung wie der Dichtung des Expressionismus überhaupt, deren Vertreter einen neuen humanen Weg für die Gesellschafts- und Weltordnung suchten, konnte der Nationalsozialismus in seiner„Banalität des Bösen“ weder begreifen noch akzeptieren; wohl aber missbrauchen. Die Kapitelüberschriften der von Kurt Pinthus 1920 rückblickend herausgegebenen Anthologie„Menschheitsdämmerung. Symphonie expressionistischer Dichter“ spiegeln solche geistig-seelische Gegensätzlichkeit: Sturz und Schrei – Erweckung des Herzens – Aufruf und Empörung – Liebe den Menschen. Von den in dieser Sammlung vertretenen bekannteren Dichtern sind im Krieg siebenundzwanzig gefallen; viele der Überlebenden wurden dann Opfer des Nationalsozialismus, emigrierten, starben im Elend oder begingen Selbstmord. Die als Empörer begonnen hatten, wurden„von allem, was sie beschworen, vom Kollektiv und der Geschichte, aufs Haupt geschlagen“. 66 Aus dem„lichtlosen Prometheus“ wurde bei den Nationalsozialisten ein stiernackiger brutaler„Held der Arbeit“; der in der Arbeiterdichtung wirkende Utopismus wie Pessimismus war dem NS-Rabauken100 tum wesensfremd. VI. Der lichtlose Prometheus Den Kräften des Idealismus zu vertrauen, das hieß auch, ihn zu„sozialisieren“: ihm in den Massen zum Durchbruch zu verhelfen. In einem Essay aus dem Jahre 1915 über Carl Spitteler schreibt Kurt Eisner:„Ich habe unlängst vor jungen Arbeitern große Stücke aus dem ,Olympischen Frühling‘ gelesen und ich war überrascht von dem natürlichen starken Eindruck, den die Dichtung übte.“ 67 Symptomatisch wird hier die literarische Dimension räte-demokratischen Denkens deutlich: die sublimierende Kraft der Literatur wird dem Realitätsprinzip zur Seite gestellt – die Reinheit des Geistes als Gegengewicht zur schmutzigen Wirklichkeit empfunden. Mit der expressionistischen Arbeiterdichtung wurde zudem auch immer wieder der gewaltige wie gewaltsame Versuch gemacht, durch pathetische Überhöhung der Arbeitswelt, was vielfach ihrer Verdrängung gleichkam, den Proletarier als gesellschaftlichen Idealtypus zu stilisieren. Unter dem überwölbenden Himmel der Solidarität erschien das Psychogramm des Arbeiters in den hellsten Farben: der schöne, strahlende Mensch war vor allem der Arbeiter. „Dich an Rad, Drehbank, Hammer, Beil, Pflug geschmiedeten/ lichtlosen Prometheus rufe ich auf!“(Karl Otten) „Glaube an dein Herz, an deine Gefühle, an deine Güte, an die Güte, an die Gerechtigkeit! Glaube, daß es einen Sinn hat zu glauben, Zu glauben an die Ewigkeit der Güte, An die Menschheit, deren Herz du bist. Nur die Güte wird siegen, die Liebe, Sanftmut Der starke unbeugsame Wille zur Wahrheit Der steifnackige Entschluß endlich zu sagen was man fühlt Und daß nichts seliger beglückt als die Wahrheit. Sei Menschenbruder! Sei Mensch! Sei Herz! Arbeiter!“ 68 Für die Entwicklung der Arbeiterdichtung war der Ausbruch des Ersten Weltkrieges von allergrößter Bedeutung. Geblendet von dem Ausspruch WiIhelms II., dass er keine Klassen mehr kenne, sondern nur noch Deutsche, erhoffte sich das Proletariertum, dass die Vorrechte der Herrschenden abgebaut und Gleichberechtigung sich durchsetzen würde; gefragt waren aber nicht„ethische Massen“, benötigt wurde Kanonenfutter. Die Arbeiterdichter wandten sich nun gegen den Krieg, den sie anfangs begrüßt und besungen hatten. In einem Brief von Heinrich Lersch an Karl Bröger vom 25.2. 1918 macht dieser deutlich, dass die Euphorie nicht lange angehalten habe. „In Wirklichkeit ist ja das Gefühl, fürs Vaterland zu kämpfen, nur im ersten Kriegsjahr lebendig gewesen... Nun, da ich aber sehe, daß der Staat von der ihm durch seine Mitglieder gegebenen Kraft Mißbrauch treibt, kann ich nicht länger mehr mittun. Bisher habe ich immer das, was mir als stark und mächtig vorkam, geliebt. Jetzt aber sehe ich, daß die Kraft, die ich verehrte, nur Macht war. Nun habe ich nur noch eine Partei, die Unterdrückten.“ 69 Gleichzeitig verbreitete sich der Gedanke, dass auch an der feindlichen Front Arbeiter standen, mit denen sich der deutsche Arbeiter mehr verbunden fühlte als mit den Kapitalisten aus dem eigenen Volk. „Mein Kamerad Franzos, dich traf ich gut! Du mußt nicht böse sein, daß ich dich schoß: Ich bin dein Bruder ja, ich bin dein Genoß...“ (Heinrich Lersch) 70 Karl Bröger war bekannt geworden durch sein Gedicht„Bekenntnis“, in dem er die Vaterlandsliebe besingt, mit der auch die Arbeiter in den Krieg zogen: „Immer schon haben wir eine Liebe zu dir gekannt, bloß wir haben sie nie mit einem Namen genannt. Als man uns rief, da zogen wir schweigend fort, auf den Lippen nicht, aber im Herzen das Wort Deutschland.“ 71 In der Sammlung„Flamme. Gedichte und Kultspiele“(1920) heißt es dann im Sinne kriegsüberwindender Bruderliebe: „Wird unser Schicksal neu gewogen und springt der Krieg auf die Waage der Welt, schleudert das Herz in flammendem Bogen hinter ihm her, daß der Krieg in die Luft geschnellt, hart und schwer aus der friedsamen Erde fällt... Wir wollen der Erde neue Gewichte geben, die Liebe aufrichten aus ihrem tiefsten Fall und allen künden: Heilig der Mensch und dreimal heilig das Leben!“ 72 1920 veröffentlichte auch Max Barthel seine„Verse von Fabrik, Landstraße, Wanderschaft, Krieg und Revolution“, denen er den Titel„Arbeiterseele“ gab. 1893 bei Dresden als Sohn eines Maurers geboren, war er nach der Volksschule als ungelernter Arbeiter zur Fabrik gegangen. Vier Jahre war er als Infanterist an der Westfront, 1919 kam er als Spartacusmann ins Gefängnis. Er siedelte nach seinem Freispruch nach Berlin über und bereiste 1920 bis 1922 Russland. Zusammen mit Lersch und Bröger gehörte er zu den bekanntesten Arbeiterdichtern. Das Vorwort des Gedichtbandes 102 charakterisiert die mentale Situation; es spiegelt die„poetisierte“ Aufruhrstimmung in aller Deutlichkeit.„Die ersten Gedichte! Ein junger Fabrikarbeiter schreibt sie mit zitternder Hand. Wald saust in der Nacht. Ah! Entkettung von der Maschine. Bücher grüßen zärtlich. Bilder liebkosen. Erstes Stammeln der Seele, in dem schon Musik tönt. Lange Wanderjahre in Italien, Österreich, Holland und Deutschland, Monate in der Schweiz, in einer Züricher Vorstadt. Fünfter Stock hoch; Ausblick auf See und Alpen. Freier Schriftsteller mit knapp 20 Jahren. Politik, Kunst, Arbeit und Wanderschaft. Geläutert in der sozialistischen Jugendbewegung. Und dann der Krieg. Diese Verse, obgleich nicht alle edle Kunst, sind typisch für die neue Jugend, die in der kommunistischen Partei mit in der ersten Reihe steht. Sie zeigen die geistige Erhebung der proletarischen Jugend an. Diese Gedichte umschließen die Arbeiten von 1911-1914, die keine Zeitung oder Zeitschrift drucken wollte, abgesehen von einigen sozialen Versen, die meist in der Arbeiterpresse erschienen. Wenn in diesem Band ,Arbeiterseele‘ auch Gedichte aus Krieg, Gefängnis und Revolution gesammelt sind, so nur um eine Entwicklungskurve zu zeigen. Die Entwicklungskurve nicht eines einzelnen, sondern einer ganzen Generation.“ 73 Diese Kurve gipfelt zu Utopia auf; die Kraft der Maschine ist auf die Seelen übergesprungen: „Mein Dynamo der Sehnsucht saust.“ 74 „Utopia! umrauscht von Melodien, Selige Insel in des Zeitmeers Flucht! Umbettet und von Haß bespien: Wie habe ich nach dir gesucht!“ 75 Die Begeisterung für den Aufstand der proletarischen Massen war bei denjenigen, die diesen Massen selbst angehörten und sich dichterisch artikulierten, vom gleichen realitätsfremden Pathos getragen wie bei den bürgerlichen Literaten und Dichtern. Georg Kaiser zum Beispiel hat mit seinem Werk den„Berge versetzenden Glauben an die Kraft des Menschen“ in immer neuen Anläufen verkündet – ein geradezu monomanischer Kraftakt humaner Gesinnung. Seine einzige Vision war die von der Erneuerung des Menschen. Ein Leben lang zehrte er von der Hoffnung auf Welterneuerung, auf eine Entspannung des Verhältnisses von Mensch zu Mensch, von Mensch und Welt. Er war gierig nach dem Gefühl, wirklich zu leben, da zu sein, in sich selbst zu sein. Sein Ruf nach Erneuerung war ein Ruf nach Heilung, nach Wiederherstellung, nach neuer Größe, Selbstlosigkeit und Selbstgefühl, nach gesellschaftlicher Rolle; nach Identität. 1917 wurde Kaisers Drama„Die Koralle“ veröffentlicht, 1918„Gas I“, 1920„Gas II“. Die drei Schauspiele bilden eine Trilogie; sie zeigen Aufgang und Untergang des„neuen Menschen“, seine Herkunft, seine Heilsbotschaft, sein Scheitern in dieser Welt. Eine Geschlechterabfolge hält die Dramen zudem in den Personen zusammen. Der Held des zweiten Schauspiels ist der Sohn der Hauptperson des ersten Dramas; der Held des dritten Spiels sein Urenkel. Bereits in dieser Genealogie wird das dialektischdramatische Prinzip deutlich, das Kaiser auch hier bestimmt: Fortschritt in Form von These und Antithese. War der Milliardär des ersten Stücks noch ein reaktionärer, brutaler und unbarmherziger„alter Mann“; sein Sohn ist – im Umschlag – ein sozial denkender und sozial handelnder Typ, der sich mit den armen Menschen verbrüdert und ihnen helfen will; der Urenkel nun erscheint als reiner Idealist, der freilich sein Weltverbesserungswerk nicht zu Ende bringen kann – ein Scheitern, das durch das Opfer und im Opfer seinen Sinn erhält. Der Klassenkampf ist suspendiert zugunsten des natürlichen sozialen Entwicklungsprozesses der gesamten Menschheit; über den Appell zur Menschlichkeit, den Aufruf zur Empörung gegenüber Unmenschlichkeit findet die neue Generation, mag sie kapitalistisch-bourgeoisen oder proletarischen Kreisen entstammen, den Weg zur sozialen Veränderung. Zugleich aber durchschlägt die Angstvision, dass alles vergebens sei, dass die geknechteten und sich nun befreienden Massen erneut verführt und ihrem Untergang zugeführt würden, die Utopie und dreht sie in ihr Gegenteil um. In„Gas I“ will der„Milliardärssohn“ eine neue Welt schaffen. In den großen Fabrikanlagen, die nun ihm gehören,„gibt es keinen Chef“, gibt es keine Lohnlisten mehr. Die Arbeiter haben am Gewinn vollen Anteil.„Wir arbeiten für uns – nicht mehr in andere Tasche. Keine Trägheit – kein Streik. Ununterbrochen treibt das Werk. Das Gas wird nie fehlen.“ Gas ist ein neuer, geheimnisvoller Stoff, Antriebsmittel für die Maschinen auf der ganzen Erde. Aber das Arbeiterparadies ist nur von kurzer Dauer. Eines Tages kommt der Ingenieur mit der furchtbaren Botschaft:„Meldung von Kontrollstation...; Gas färbt mit Sekunden stärker. In Minuten – bei gleichem Fortschritt kräftiges Rot!“ Das weist auf eine kurz bevorstehende Katastrophe. Die Glocken hämmern Alarm, die Transportwagen sausen aus den Hallen, aber es ist zu spät: eine furchtbare Explosion legt alles in Trümmer. „Vorher wölbten sich dort Hallen und stießen Schlote in den Himmel, die einen feurigen Atem fauchten. War das nicht so hinter dieser grünen Kulisse?“ Der Milliardärssohn, der erschüttert vor den Ruinen seiner Fabrik steht, fasst neue Pläne:„Ich messe und male...“ Und während die empörten überlebenden Arbeiter die Entlassung des Ingenieurs verlangen, die der Milliardärsohn verweigert(„Das Gas ist explodiert... Mit seiner Schuld? Nein. Die Formel ist richtig. Jetzt noch“), die Weltmächte und ihre Regierungen die Forderung nach weiteren Gaslieferungen mit immer größerem Nachdruck erheben, entwirft er ein großes Werk des Friedens(„Umkehr, Umkehr...“): wo einst die Schlote rauchten und die Menschen der Maschine fronten, sollen herrliche Siedlungen entstehen, Stätten des Friedens und des Glückes. Den trauernden und klagenden Arbeitern, den Männern, Frauen, Müttern, Kindern, verkündet er den Beginn einer neuen Epoche:„Sammelt euch aus der Zerstreuung – und aus der Verletzung heilt euch – seid Menschen!!... Was ihr fordert – erfülle ich: – Menschen in Einheit und Fülle seid ihr morgen! – Triften von Breite und Grüne sind neuer Bezirk! Über Schutt und Trümmer, die liegen, erstreckt sich die Siedlung. Ihr seid alle entlassen aus 104 Fron und Gewinn! – Siedler mit kleinstem Anspruch – und letzter Entlohnung: Menschen!!“ Dem Ingenieur jedoch gelingt es, in einem großen Streitgespräch die Menge für seine Argumente zu gewinnen.„Ihr müßt ins Werk“, ruft er ihnen zu.„Kennt euren Sieg – der euch rühmt: – Gas!!“ Da schlägt die Gewinnsucht der Menschen wieder durch; angestachelt von den fanatischen Worten des Ingenieurs, verurteilen sie den Friedensplan des Milliardärsohnes; die Menschheit ist nicht reif für die neue Idee.„Zuletzt allein wie jeder, der sich mit allen mischen wollte.“ Die Menge aber jubelt:„Der Ingenieur soll uns führen!! Der Ingenieur soll uns führen!!!“ Resignierend muss der Milliardärsohn erkennen:„Ich habe den Menschen gesehen – ich muß ihn vor sich selbst schützen.“ Als er jedoch vor die Tochter hintritt – ihr Gemahl,„der Offizier“, hat sich erschossen, unfähig, in Zeiten der Gefahr und Not zu bestehen –, seine Verzweiflung gesteht(„Wo ist der Mensch? Wann tritt er auf – und ruft sich mit Namen: – Mensch? Wann begreift er sich – und schüttelt aus dem Geäst sein Erkennen?“), da sinkt die Tochter in die Knie:„Ich will ihn gebären.“ 76 Mit dem Jahr 1933 erlosch jede Hoffnung auf einen menschlichen Menschen. Das sozialdarwinistische Zuchtziel der NS-Weltanschauung zielte auf einen Menschen, für den Humanität Schwäche bedeutete. Anmerkungen 1 H.D Schäfer: Das gespaltene Bewusstsein. Deutsche Kultur und Lebenswirklichkeit 1933 – 1945. München(u.a.) 1981, S. 9 f. 2 F. Schonauer: Deutsche Literatur im Dritten Reich. Olten(u.a.) 1961, S. 129. 3 Zit. nach H.R. Paucker(Hg.): Neue Sachlichkeit. Literatur im„Dritten Reich“ und im Exil. Stuttgart 1974, S. 71 f. 4 S. Haffner: Geschichte eines Deutschen. Die Erinnerungen 1914 – 1933. Stuttgart(u.a.) 2000, S. 193. 5 Vgl. für das Folgende H.D. Schäfer, a.a.O., S. 9 f. 6 F.P. Reck-Malleczewen: Tagebuch eines Verzweifelten. Zeugnis einer inneren Emigration. Stuttgart 1966. 7 Vgl. C. Rothe: Hans Carossa. In: Merkur 2/1957. 8 H. Carossa: Führung und Geleit. Werke. Bd. 1. Wiesbaden 1949. 9 Zit. nach C. Rothe: Hans Carossa. In: Merkur 2/1957, S. 194. 10 H. Carossa: Der Tag des jungen Arztes. Wiesbaden 1955, S. 55. 11 Ders.: Ungleiche Welten. Wiesbaden 1951, S. 72 f. 12 Vgl. ebd., S. 118, 144. 13 A. Košenina: Weltliteratur in brauner Klappe. Frank-Rutger Hausmanns Studie zu Goebbels‘ Gegen-PEN. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6.1.2005. Ferner F.-R. Hausmann: „Dichte, Dichter, tage nicht!“ Die Europäische Schriftsteller-Vereinigung in Weimar 1941 – 1948. Frankfurt 2004. 14 Chr. Meckel: Suchbild. Über meinen Vater. Düsseldorf 1980, S. 29 ff. 15 H. Glaser: Spießer-Ideologie. Von der Zerstörung des deutschen Geistes im 19. und 20. Jahrhundert. Freiburg 1964(weitere Ausgaben 1974, 1978, 1985). 16 Vgl. H.J. Gordon: Hitlerputsch 1923. Machtkampf in Bayern 1923 – 1924. Frankfurt 1971. Zur Rolle des rechtsextremistischen Erich Ludendorff – er war im Ersten Weltkrieg zusammen mit Paul von Hindenburg Leiter der Heeresführung – vgl. D.J. Goodspeed: Ludendorff. Soldat, Diktator, Revolutionär. Gütersloh 1968. 17 R. Blasius: Hotelvollzug in Zelle 7. Vor achtzig Jahren wurde Adolf Hitler vorzeitig aus der Landsberger Festungshaft entlassen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.12.2004. 18 Vgl. W. Maser: Hitlers„Mein Kampf“. Entstehung, Aufbau, Stil und Änderungen, Quellen und Quellenwert. München(u.a.) 1966. Chr. Zentner: Adolf Hitlers„Mein Kampf“. Eine kommentierte Auswahl. München 1974. Auch G. Weinberg(Hg.): Hitlers Zweites Buch. Ein Dokument aus dem Jahr 1928. Stuttgart 1961. M. Broszat: Betrachtungen Hitlers Zweitem Buch. In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 4/1961. E. Jäckel(Hg.): Hitler. Sämtliche Aufzeichnungen 1905 – 1924. Stuttgart 1980. 19 M. Domarus(Hg.): Hitler. Reden und Proklamationen 1932 – 1945. Dokumentiert von einem deutschen Zeitgenossen. Bd. 1. Würzburg 1962, S. 643. 20 A. Hitler: Mein Kampf(1925, 1927). München 1934, S. 2. 21 Ebd., S. 239. 22 R. Höß: Kommandant in Auschwitz. Autobiographische Aufzeichnungen. Hg. von M. Broszat. München 1963, S. 23 f, 134. 23 Heinrich Himmler bei der SS-Gruppenführertagung in Posen am 4.10.1943. Zit. nach W. Hofer: Der Nationalsozialismus. Dokumente 1933 – 1945. Frankfurt a. M. 1957, S. 113. 24 A. Hitler: Mein Kampf(1925, 1927). München 1934, S. 180. 25 Ebd., S. 180. 26 Ebd., S. 180. 27 Vgl. L. v. Rudolph: Die Lüge, die nicht stirbt. Die„Dolchstoßlegende“ von 1918. Nürnberg 1958. 28 A. Hitler: Mein Kampf(1925, 1927). München 1934, S. 72. 29 Ebd., S. 186. 30 Ebd., S. 61. 31 Vgl. H. Glaser: Beim Wiederhören nationalsozialistischer Reden – Anmerkungen zur 106 Behandlung der Zeitgeschichte im Unterricht. In: Frankfurter Hefte 6/1959, S. 388 ff. 32 Vgl. H. Preiß(Hg.): Adolf Hitler in Franken. Reden aus der Kampfzeit, Nürnberg 1939, S. 144. 33 M. Domarus: Hitler. Reden und Proklamationen 1932 – 1945. Bd.1. Würzburg 1962, S. 533. 34 Ebd., S. 244. 35 A. Hitler: Mein Kampf(1925, 1927). München 1934, S. 262 ff. Dazu H. Glaser: Beim Wiederhören nationalsozialistischer Reden. In: Frankfurter Hefte 6/1959. Ders.: Der Führer spricht. Vom kleinbürgerlichen Redestil Hitlers. Rundfunk-Manuskript Radio Bremen, 9.6.1964. H. v. Kotze/ H. Krausnick(Hg.): Es spricht der Führer. Exemplarische Hitler-Reden. Gütersloh 1966. K. Burke: Die Rhetorik in Hitlers„Mein Kampf“ und andere Essays zur Strategie der Überredung. Frankfurt a. M. 1967. D. Grieswelle: Propaganda der Friedlosigkeit. Eine Studie zu Hitlers Rhetorik 1920 – 1933. Stuttgart 1972. C. Schnauber: Wie Hitler sprach und schrieb. Zur Psychologie und Prosodik der faschistischen Rhetorik. Frankfurt a. M. 1972. 36 Vgl. J.W. Wheeler-Bennett: Der hölzerne Titan – Paul von Hindenburg. Tübingen 1969. 37 M. Domarus: Hitler. Reden und Proklamationen 1932 – 1945. Bd. 1. Würzburg 1962, S. 228. 38 Ebd., S. 438. 39 Vgl. H.A. Winkler: Umkehr nach dem Untergang. In: Der Spiegel 5/2005:„Doch es ist auch wahr, dass der Österreicher Adolf Hitler den Mythos Preußen, den Kult um Friedrich den Großen und den Appell an die preußischen Tugenden des Gehorsams und der Pflichterfüllung benötigte, um Deutschland beherrschen und die Deutschen in den Krieg führen zu können. Am Ende des Zweiten Weltkriegs war der preußische Mythos so verbraucht wie der sehr viel ältere Reichsmythos, der den Untergang des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation im Jahre 1806 um 139 Jahre überlebt hatte.“ 40 Der Erfolg des„Tages von Potsdam“ wird unterschiedlich beurteilt:„Viele Deutsche trauten den Bildern dieses ‚Tages von Potsdam’. Selbst der später so konsequente Hitler-Gegner Henning von Tresckow, der mit seinem Bataillon vor Hindenburg paradierte, war angerührt von der ‚Symbiose zweier Deutschlands’ und schien ‚für die nahe Zukunft nicht einmal eine konstitutionelle Monarchie auszuschließen’.“ (Blasius, R.: Weder Treu‘ noch Redlichkeit. Der„Tag von Potsdam“ vor 70 Jahren. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.3.2003.) „Wie zahlreiche Beobachter übereinstimmend notierten, dominierte am 21. März nicht das nationalsozialistische Hakenkreuz, sondern in erdrückendem Übermaß das kaiserliche Schwarz-Weiß-Rot im Farbenmeer der geflaggten Häuser und Straßen Potsdams. Nicht Kleidung und Personal der neuen Staatsführung gaben dem Einzug der Volksvertreter in Potsdam das Gepräge, sondern die Präsenz des in seiner Uniform als kaiserlicher Generalfeldmarschall auftretenden Reichspräsidenten, verstärkt durch die Anwesenheit des Kronprinzen Wilhelm in der Uniform der Totenkopfhusaren und zahlreicher anderer Vertreter von Generalität und Admiralität des wilhelminischen Deutschland.“ (M. Sabrow: Chronik eines damals als missraten angesehenen Ereignisses. Vor siebzig Jahren machte mit dem„Tag von Potsdam“ die neue deutsche Regierung unter Hitler ihren politischen Frieden mit Reichspräsidenten Hindenburg. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.3.2003.) 41 M. Domarus: Hitler. Reden und Proklamationen 1932 – 1945. Bd.1. Würzburg 1962, S. 228. 42 Ebd., S. 711 f. 43 Zur nationalsozialistischen Sprach-Unkultur vgl. V. Klemperer: LTI(Lingua Tertii Imperii). Die Sprache des Dritten Reiches. Stuttgart 1995(1947); D. Sternberger/ G. Storz/ W. E. Süskind: Aus dem Wörterbuch des Unmenschen. Hamburg 1957. C. Berning: Die Sprache des Nationalsozialismus. In: Zeitschrift für deutsche Wortforschung 16/1960. Ders.: Vom„Abstammungsnachweis“ zum„Zuchtwart“. Vokabular des Nationalsozialismus. Berlin 1964. S. Bork: Mißbrauch der Sprache. Tendenzen nationalsozialistischer Sprachregelung. Bern(u.a.) 1970. M. Kinne(Hg.): Nationalsozialismus und deutsche Sprache. München 1981. Gesellschaft für deutsche Sprache(Hg.): 30. Januar 1933 – Zur Sprache der Nazis und Neonazis. In: Muttersprache 1,2/1983. G. Bauer: Sprache und Sprachlosigkeit im„Dritten Reich“. Köln 1988. K. Ehlich(Hg.): Sprache im Faschismus. Frankfurt a. M. 1989. S. Müller: Sprachwörterbuch im Nationalsozialismus. Stuttgart 1994. 44 Vgl. K. Saller: Der Rassenbegriff in der modernen Anthropologie. In: Rassenfrage – heute. München 1955, S. 27. 45 Vgl. E.G. Reichmann: Flucht in den Hass. Die Ursachen der deutschen Judenkatastrophe. Frankfurt a. M. o. J. – Vgl. ferner E. Sterling: Er ist wie du. Aus der Frühgeschichte des Antisemitismus in Deutschland(1815 – 1850). München 1956. J. Neurohr: Der Mythos vom Dritten Reich. Stuttgart 1957. M. Broszat: Der Nationalsozialismus. Weltanschauung, Programm und Wirklichkeit. Stuttgart 1960. R. Breitling: Die nationalsozialistische Rassenlehre. Entstehung, Ausbreitung, Nutzen und Schaden einer politischen Ideologie. Meisenheim 1971. H.J. Lutzhöft: Der Nordische Gedanke in Deutschland 1920 – 1940. Stuttgart 1971. K. Pätzold: Faschismus, Rassenwahn, Judenverfolgung. Eine Studie zur politischen Strategie und Taktik des faschistischen deutschen Imperialismus 1933 bis 1935. Berlin 1975. P. v. zur Mühlen: Rassenideologien. Geschichte und Hintergründe. Berlin(u.a.) 1977. G.L. Mosse: Die Geschichte des Rassismus in Europa. Frankfurt a. M. 1990. St. Kühl: Die Internationale der Rassisten. Aufstieg und Niedergang der internationalen Bewegung für Eugenik und Rassenhygiene im 20. Jahrhundert. Frankfurt a. M.(u.a.) 1997. C. Essner: Die„Nürnberger Gesetze“ oder die Ver108 waltung des Rassenwahns 1933 – 1945. Paderborn 2002. R. Hilberg: Die Quellen des Holocaust. Entschlüsseln und Interpretieren. Frankfurt a. M. 2002. Chr. Browning: Die Entfesselung der„Endlösung“. Nationalsozialistische Judenpolitik 1939 – 1942. Berlin 2003. – Zur Bedeutung des Sozialdarwinismus für die„Rassenlehre“ vgl. H.G. Zmarzlik: Der Sozialdarwinismus in Deutschland. In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 3/1963, S. 271. Ferner H. Conrad-Martius: Utopien der Menschenzüchtung. Der Sozialdarwinismus und seine Folgen. München 1955. H.W. Koch: Der Sozialdarwinismus. Seine Genese und sein Einfluß auf das imperialistische Denken. München 1973. 46 Zit. nach E.G. Reichmann: Flucht in den Hass. Die Ursachen der deutschen Judenkatastrophe. Frankfurt a. M. o. J., S. 245 f. 47 A. Hitler: Mein Kampf(1925, 1927). München 1934, S. 311 f., 444, 316 f., 324, 267, 314, 351, 70. 48 M. Frank: Gott im Exil. Vorlesungen über die Neue Mythologie. Teil 2. Frankfurt a. M. 1988, S. 117. Vgl. auch H.-G. Seraphim(Hg.): Das politische Tagebuch Alfred Rosenbergs aus den Jahren 1934/35 und 1939/40. Göttingen 1956. 49 Zit. nach M. Frank: Gott im Exil; a.a.O., S. 109. 50 A. Rosenberg: Der Mythus des 20. Jahrhunderts. Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestaltenkämpfe unserer Zeit. München 1935, S. 155 f., 169. 51 A. Rosenberg: Blut und Ehre. Ein Kampf für die deutsche Wiedergeburt. Reden und Aufsätze 1919 – 1933. München 1934, S. 221, 223 f. 52 E. Loewy: Literatur unterm Hakenkreuz. Das Dritte Reich und seine Dichtung. Frankfurt a. M. 1966. Ferner S. Gilmann(Hg.): NS-Literaturtheorie. Eine Dokumentation. Frankfurt a. M. 1971. K. Vondung: Völkisch-nationale und nationalsozialistische Literaturtheorie. München 1973. H. Denkler/ K. Prümm(Hg.): Die deutsche Literatur im Dritten Reich – Themen, Traditionen, Wirkungen. Stuttgart 1976. B. Schnell: Literatur – Dichtung in finsteren Zeiten. In H. Hoffmann/ H. Klotz(Hg.): Die Kultur unseres Jahrhunderts 1933 – 1945. Düsseldorf(u.a.) 1991. J.-P. Barbian: Literaturpolitik im„Dritten Reich“. Institutionen, Kompetenzen, Betätigungsfelder. München 1995. 53 Zit. nach P.E.H. Lüth: Literatur als Geschichte. Deutsche Dichtung von 1885 – 1947. 2 Bde. Wiesbaden 1947, S. 495. 54 W. Vesper: Das harte Geschlecht; o. O. 1931, S. 5. 55 Zit. nach P.E.H. Lüth: Literatur als Geschichte; a.a.O., S. 499. 56 H. Zöberlein: Der Befehl des Gewissens(131. – 150. Tausend). München 1938, S. 607 f., 623 ff. 57 Zit. nach G. Sauder(Hg.): Die Bücherverbrennung. München 1983, S. 285 f. 58 Zit. nach H.P. Schwarz: Der konservative Anarchist. Politik und Zeitkritik Ernst Jüngers. Freiburg im Breisgau 1962, S. 68. 59 Zit. nach H.P. Schwarz: a.a.O., S. 69.· 60 E. Jünger: Das Wäldchen 125. Eine Chronik aus den Grabenkämpfen 1918. Berlin 1925, S. 19. 61 E. Jünger: Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt. Hamburg 1932. 62 Zit. nach H.P. Schwarz: a. a. 0., S. 74. 63 O. Spengler: Preußentum und Sozialismus. München 1921. („Ich zähle damit auf den Teil unserer Jugend, der tief genug ist, um hinter dem gemeinen Tun, dem platten Reden, dem wertlosen Plänemachen das Starke und Unbesiegte zu fühlen, das seinen Weg vorwärts geht, trotz allem; die Jugend, in welcher der Geist der Väter sich zu lebendigen Formen gesammelt hat, die sie fähig machen, auch in Armut und Entsagung, römisch im Stolz des Dienens, in der Demut des Befehlens, nicht Rechte von andern, sondern Pflichten von sich selbst fordernd, alle ohne Ausnahme, ohne Unterschied, ein Schicksal zu erfüllen, das sie in sich fühlen, das sie sind. Ein wortloses Bewußtsein, das den einzelnen in ein Ganzes fügt, unser Heiligstes und Tiefstes, ein Erbe harter Jahrhunderte, das uns vor allen anderen Völkern auszeichnet, uns, das jüngste und letzte unsrer Kultur. An diese Jugend wende ich mich.“ S. 4 f.) 64 Zit. nach H. P. Schwarz: a. a. 0., S. 77.· 65 E. Jünger: Der Arbeiter; a.a.O., S. 65.· 66 Zit. nach C. Hohoff: Der literarische Expressionismus. In: Süddeutsche Zeitung, 21./22.5.1960. 67 Zit. nach G. Schmolze: Politik des Jugendstils. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.2.1969. 68 K. Otten: Arbeiter! In K. Pinthus: Menschheitsdämmerung; a. a. 0., S. 230. 69 Zit. nach G. Heinsen-Becker: Karl Bröger und die Arbeiterdichtung seiner Zeit. Die Publikumsgebundenheit einer literarischen Richtung. Nürnberg 1977, S. 20. 70 Zit. nach G. Heinsen-Becker: Karl Bröger; a. a. 0., S. 20. 71 K. Bröger: Aus meiner Kriegszeit. Nürnberg 1915, S. 33. 72 K. Bröger: Flamme. Gedichte und Kultspiele. Jena 1920, S. 3 f. 73 M. Barthel: Arbeiterseele. Jena 1920, S. 1. 74 M. Barthel: Arbeiterseele; a. a. 0., S. 144. 75 M. Barthel: Arbeiterseele; a. a. 0., S. 145. 76 G. Kaiser: Werke. Hg. von W. Huder. Berlin 1971 ff. Vgl. auch H. Glaser: Sigmund Freuds Zwanzigstes Jahrhundert. Seelenbilder einer Epoche. München 1976, S. 259 ff. H. Glaser: Die Koralle. Gas I. Gas II. In L. Büttner(Hg.): Das europäische Drama von Ibsen bis Zuckmayer. Dargestellt an Einzelinterpretationen. Frankfurt a. M.(u.a.) o. J., S. 185 ff. 110 Publizistische Arbeiten von Hermann Glaser zum Nationalsozialismus und seiner Vorgeschichte: Monographien: Das Dritte Reich. Anspruch und Wirklichkeit. Freiburg im Breisgau 1961. Japanische Übersetzung 1961. Bericht und Dokumente. 5. überarbeitete und ergänzte Neuauflage 1979. Mit H. Straube(Hg.): Wohnungen des Todes. Jüdisches Schicksal im Dritten Reich. Bamberg 1961. Mit H. Straube(Hg.): Nationalsozialismus und Demokratie. München 1961. Spießer-Ideologie. Von der Zerstörung des deutschen Geistes im 19. und 20. Jahrhundert. Freiburg im Breisgau 1964.(Neue, ergänzte Auflage Köln 1974.) Spießer-Ideologie. Von der Zerstörung des deutschen Geistes im 19. und 20. Jahrhundert und dem Aufstieg des Nationalsozialismus. Frankfurt a. M. (u.a.) 1978, 1985. Als Hg.: Das Nürnberger Gespräch. Haltungen und Fehlhaltungen in Deutschland. Freiburg im Breisgau 1965. Eros in der Politik. Köln 1967.(Neuauflage: Der sadistische Staat. Sozialpathologische Aspekte der modernen Gesellschaft. Frankfurt a. M. 1985.) Mit H. Altrichter(Hg.): Geschichtliches Werden. Band IV: Vom Zeitalter des Imperialismus bis zur Gegenwart. Bamberg 1968. Kleinstadt-Ideologie. Zwischen Furchenglück und Sphärenflug. Freiburg im Breisgau 1969. Mit A. Silenius(Hg.): Ju- gend im Dritten Reich. Frankfurt a. M. 1975. Sigmund Freuds Zwanzigstes Jahrhundert. Seelenbilder einer Epoche. München 1976(Frankfurt a. M. 1979). Bildungsbürgertum und Nationalismus. Politik und Kultur im Wilhelminischen Deutschland. München 1993. 1945. Ein Lesebuch. Frankfurt a. M. 1995.(Neuauflage: 1945. Beginn einer Zukunft. Bericht und Dokumentation. Frankfurt a. M. 2005.) Kleine deutsche Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts. München 2002. Mit H.J. Koch: Ganz Ohr. Eine Kulturgeschichte des Radios in Deutschland. Köln, Weimar, Wien 2005. Aufsätze: Die Ursachen der Machtergreifung. In Bundeszentrale für Heimatdienst (Hg.): Politische Bildung in der Höheren Schule. Düsseldorf 1961. Massenbildung und Sündenbock-Fixierung. Sozialpsychologische Bemerkungen zum Entstehen von Vorurteilen. In A. Silenius(Hg.): Vorurteile in der Gegenwart. Frankfurt a. M. 1966. Das deutsche Mädel und sein Held. In D. Savramis(Hg.): Das sogenannte schwache Geschlecht. München 1972. Aspekte der Aggressivität. In A. Silenius(Hg.): Antisemitismus. Antizionismus. Analyse, Funktionen, Wirkung. Schriften der Bundeszentrale für politische Bildung. Frankfurt a. M. 1973. Wie kam es dazu, dass es dazu kam? Stichworte zu den Ursachen der„Machtergreifung“. In W. Eschenhagen(Hg.): Die„Machtergreifung“. Tagebuch einer Wende nach Presseberichten vom 1. Januar bis 6. März 1933. Darmstadt, Neuwied 1982. Das Exil fand nicht statt. Schulwirklichkeit im Deutschunterricht 1945 – 1965. In U. Walberer(Hg.): 10. Mai 1933. Bücherverbrennung in Deutschland und die Folgen. Frankfurt a. M. 1983. Ab mit ihr. Ehe die toten Seelen töteten. Zur deutschen„SpießerIdeologie“. In T. Krischke(Hg.): Horváths Geschichten aus dem Wiener Wald. Frankfurt a. M. 1983. Die Entstehung des„Volksgenossen“. In V. Rittberger(Hg.): 1933. Wie die Republik der Diktatur erlag. Stuttgart(u.a.) 1983. Die Weimarer Republik und die nationalsozialistische Machtergreifung. In Herder-Buchgemeinde(Hg.): Siegreich bis zum Untergang. Anfang und Ende des Dritten Reiches in Augenzeugenberichten. Freiburg im Breisgau(u.a.) 1983. Die„Goldenen Zwanziger“. In F. Grube/ G. Richter(Hg.): Epochen deutscher Geschichte. Die Weimarer Republik. Hamburg 1983. Deutschunterricht in finsterer Zeit. Seine geistesgeschichtlichen Perspektiven im Zweiten und Dritten Reich. In H. Claussen/ N. Oellers(Hg.): Beschädigtes Erbe. Beiträge zur Klassikerrezeption in finsterer Zeit. Schriften des Arbeitskreises selbstständiger Kultur-Institute. Bonn 1984. Erziehung –„Hoch schießt empor die Saat“. In H. Hoffmann/ H. Klotz(Hg.): Die Kultur unseres Jahrhunderts. 3. Bd.: 1933 – 1945. Düsseldorf(u.a.) 1991. Orientkomplex. In G. Sievernich/ H. Budde(Hg.): Europa und der Orient. 800 – 1900. Ein Lesebuch. Berlin 1989. Die Mehrheit hätte ohne Gefahr von Repressionen fernbleiben können. In J. Wollenberg(Hg.):„Niemand war dabei und keiner hat‘s gewusst.“ Die deutsche Öffentlichkeit und die Judenverfolgung 1933 – 1945. München 1989. Nürnberg: eine Stadt wie jede andere? Die Last, als Symbol des Nationalsozialismus zu gelten. In B. Ogan/ W. W. Weiß(Hg.): Faszination und Gewalt. Zur politischen Ästhetik des Nationalsozialismus. Nürnberg 1992. Literatur und Theater. In W. Benz/ H. Graml/ H. Weiß(Hg.): Enzyklopädie des Nationalsozialismus. Stuttgart 1997. 112 Walzwerk (1914 in die„Furche“ und in der„Singenden Stadt“) Werksgebäude und Schlackenhalden. Darüber hängt Immer die gleiche Wolke, flockig und rauchgetönt. Um den weißlich qualmenden Kühlturm eng gedrängt Schlot bei Schlot und Dächer, an Ruß und Qualm gewöhnt. Weithin glänzende Hallen, darinnen es dunstet und raucht, und ein Brodem sich braut, aus Öl und Schweiß gemischt. Rundum siedet es auf, quarrt es, knattert und faucht, während kochendes Eisen in flammendem Zorne zischt. Von den harten Kiefern der Walzenstrecke gepackt, plättet sich Eisen zu bläulich gleißendem Stahl. Jetzt gehoben, wird es gedreht, geschweißt, gezwackt. Kreischend winselt und heult es auf aus solcher Qual. Nackte Leiber, schweißig, mit tiefem Rot beschwemmt, und zehn Arme zerren hinter sich her eine glühende Schlange. In Zangen festgeklemmt windet sie sich und dehnt sich mehr und mehr. Ofen glosten, aus Rillen und Ritzen bleckt grimmige Zähne die brodelnde Eisenglut. Eine feuerfarbene Flammenzunge leckt Nach dem grauen Himmel, der über dem Werke ruht. Das Symposium: Programmablauf 114 erthner, Museen der Stadt Nürnberg Gemälde von Hans W Das Symposium: Eröffnung durch den Nürnberger Oberbürgermeister Grußwort Oberbürgermeister Dr. Ulrich Malys anlässlich des Symposiums„Karl Bröger: Arbeiterdichter, Journalist und Politiker“ am 11.10.2008 in Nürnberg Sehr geehrte Damen und Herren, wenn ich mich in diesem Raum umblicke sehe ich viele bekannte Gesichter. Viele Brögerianer und Anti-Brögerinaer. Viele Kenner und den einen oder anderen Literaturhistoriker. Ich freue mich auf dieses Symposium – auch wenn neue skandalöse historische Erkenntnisse und Bekenntnisse über Karl Bröger nicht zu erwarten sind. Ich bin mit Karl Bröger aufgewachsen – durch einen zitierenden Vater. Ein Umstand der zeigt, wie populär Bröger in seiner Zeit, aber auch danach war. Bröger ist mit vielen Etiketten bedacht worden:„Arbeiterdichter“,„Sozialist von der Wiege aus“. Solche Etiketten erleichtern das Leben, aber sie erklären es nicht. Hatte der 1. Weltkrieg ihn zum„Patrioten“ gemacht. Ein Etikett, dass ihm seit seinen„Bekenntnissen“ aus dem Dezember 1914, seinem„literarischen Durchbruch“, immer gerne aufgeklebt wurde und wird. War er ein„Heimatdichter? Nach Bunker 17 ein „Pazifist“? Und was war er in den 30er-Jahren? Ein„Gefallener“, ein„Überzeugungstäter“? Hat Max von der Grün recht, der ihn als die tragischste Gestalt unter den Arbeiterdichtern bezeichnet, weil kein Schriftsteller so missbraucht wurde wie er? Blieb er, so ein Gestapo-Dossier, ein Judenfreund und ein Mann, der sich wohl äußerlich dem NS-Regime beugte, jedoch eine positive Festlegung auf den Nationalsozialismus zu umgehen wusste und innerlich seiner marxistischen Auffassung treu blieb? Bröger macht es uns nicht immer leicht, ihn historisch und persönlich einzuordnen. Die Nazis haben seine„Bekenntnisse“ für ihre Zwecke genutzt. Die Person hätten sie auch gerne im vollen Umfang genutzt. Dies gelang ihnen aber nicht. Gerhard Müller weißt in seinem grundlegenden Werk„Für Vaterland und Republik“ auf die lange Zugehörigkeit Brögers zur SPD hin. Auf eine Tätigkeit als Stadtrat für seine Partei. Und auf seine KZ-Haft in Dachau. Er erspart es uns aber auch nicht, Bröger in den Kontext der Politik der SPD in seiner Zeit zu stellen. Die Spaltung der Sozialdemokratie während und nach dem 1. Weltkrieg, die Rolle die Gustav Noske bei der Niederschlagung der Revolution 1918 spielte, die Unterstützung Hindenburgs bei der Reichspräsidentenwahl des Jahres 1932. Am gravierendsten aber die Billigung des 1. Weltkrieges durch die SPD, die zur Spaltung der Partei führte. Müller zieht im Bezug auf Karl Bröger und die SPD ein klares Resümee: Karl Bröger war keine exterritoriale Figur in der SPD. Die Sozialdemokratie sollte ihn ganz als einer der ihren aufnehmen und damit auch- mit allem wenn und aber- ihre eigene Geschichte bewusst annehmen. Dabei bleiben unbestreitbar die Dienste, die Bröger publizistisch und literarisch den Nazis geleistet hat. Aber Müller weist zurecht hier auf 116 einen wesentlichen Aspekt für die heutige Beurteilung dieses Verhaltens hin:„Die Hauptschuld hierbei muss dem Faschismus angelastet werden. Denn Kompromisse, Fehlhandlungen oder Unüberlegtheiten Brögers zugunsten des NS-Regimes sind in erster Linie an der Wirklichkeit allgemeiner totaler Unterdrückung zu messen.“ Zulässig ist also weder ein Generalpardon noch eine generelle Verdammung. Karl Bröger sperrt sich einer solchen eindeutigen Einordnung. So muss die schnelle Etikettierung einer differenzierenden Betrachtungsweise Platz machen. Die heutige Tagung kann hier vielleicht einige neue Schlaglichter werfen und den einen oder anderen neuen Mosaikstein zur Einordnung Brögers in seinen zeitgeschichtlichen Kontext, aber auch zu seiner persönlichen Rolle vor und nach Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft beitragen. Dr. Ulrich Maly OB der Stadt Nürnberg Das Symposium: Bilder und Eindrücke Die Enkel Bernhard und Achim Bröger mit Klaus Schamberger, AZ Begrüßung für die Karl-BrögerGesellschaft durch Ruth Zadek 1.Reihe v.l.: Harald Zintl, Staatsminister Günter Gloser, OB Maly, S. Kett Das Symposium: Bilder und Eindrücke Altbürgermeister Willy Prölß und Rudolf Maly, AvS bei der Diskussion 118 Harald Zintl trägt das Referat von Peter Lösche vor Patricia Litten und Erich Ude lesen aus Brögers Werken G. Müller referiert im Fabersaal des Bildungszentrums Siegfried Kett führt durch die Veranstaltung Vertieft in Bröger: Reiner Wagner, AvS und Manfred Scholz OB Ulrich Maly beim Grußwort Interessiertes und fachkundiges Publikum Willy Prölß, langjähriger Bürgermeister in Nürnberg, Ehrenbürger der Stadt Nürnberg, Ehrenvorsitzender der Nürnberger SPD und Vorsitzender des Vereins zur Geschichte der Stadt Nürnberg Willy Prölß NACHWORT ZU KARL BRÖGER UND DEM SYMPOSIUM Eigentlich war es längst fällig, dass sich die Karl-Bröger-Gesellschaft, die FriedrichEbert-Stiftung, das Bildungszentrum der Stadt Nürnberg und die Stadtbibliothek 120 Nürnberg in einem Symposion im Oktober 2008 des Arbeiterdichters annahmen. Ich war wohl der einzige Teilnehmer an der Veranstaltung, der Karl Bröger noch persönlich erlebt hatte, wenn auch als kleiner Junge. Es war im Sommer des Jahres 1940, als ich mit meinen Eltern den alle Jahre wiederkehrenden Ausflug nach Kalchreuth unternahm. Begleitet wurden wir auf unserer Wanderschaft über die Wolfsfelder Wiesen und den Kalchreuther Felsenkeller von unseren Nachbarn, dem mit meinen Eltern befreundeten Ehepaar Inselsberger. Beim„Böhm“ – dem Gasthaus„Drei Linden“ – in Kalchreuth angekommen, kehrten wir zu einer kleinen Rast in dem schattigen Wirtshausgarten ein. Die Männer tranken Bier, und für mich langte es nach dem anstrengenden Fußmarsch zu einer„Windsheimer Limonade“. Jean Inselsberger – nach 1945 Kreisvorsitzender des DGB in Nürnberg – begrüßte plötzlich am Nachbartisch einen in einer kleinen Herrenrunde sitzenden Gast. Mein Vater flüsterte mir äußerst respektvoll zu, dass dies Karl Bröger – ein bekannter Dichter und Schriftsteller – sei. Dieser hätte früher in einer Zeitung geschrieben und viele Gedichte verfasst. So sah also ein Dichter aus. Immer wieder sah ich auf den Mann mit seinen schmalen Gesichtszügen und einem ausgeschlagenen weißen Hemdkragen hinüber. Wer begegnet schon bei einer Wirtshausrast einem berühmten Dichter? Es dauerte gar nicht lange, dann begegnete ich Karl Bröger erneut. In der fünften und sechsten Klasse der damaligen„Hans-Schemm-Volksschule“ hatte ich einen begeisterten Nazi und SA-Mann als Klassenlehrer. Dieser hämmerte gerne auf einem alten Klavier herum und ließ uns jeden Tag einige Lieder singen. Eines Tages lernte ich im Gesangsunterricht das Lied„ Nichts kann uns rauben, Liebe und Glauben zu unserem Land …“ kennen. Später beim Jungvolk und im KLV-Lager mussten wir die beiden Strophen sogar zweistimmig singen. Der Text dieses Liedes stammte also von dem Dichter, dem ich in Kalchreuth begegnet war. Nach 1945, in der Sozialistischen Jugend, bereiteten mein Freund Rudi Maly und ich manche Feierstunde vor, bei der wir gerne aus Karl Brögers Werken vorlasen. Auch bei der ersten„Internationalen Falken-Konferenz“, die nach dem Krieg in Nürnberg stattfand, studierten Mädchen und Jungen„Die Kreuzabnahme“ ein, die sie dann im Lessing-Theater aufführen durften. Natürlich wussten wir, dass einige von Brögers Liedern auch im„Tausendjährigen Reich“ gesungen wurden, aber wir wussten auch, dass Karl Bröger ein anerkannter Sozialdemokrat war. Die Nazis hatten auch viele Lieder anderer aus der früheren Jugendbewegung für ihre Jugendarbeit übernommen. Nach 1945 gab es in Nürnberg auch keine gewerkschaftliche Maifeier, bei der nicht Karl Brögers„Blühender Hammer“ rezitiert wurde. Auch hier kam niemand auf die Idee, Bröger als Arbeiterdichter in Frage zu stellen. Die große Wertschätzung, die er von seinen Freunden zu Lebzeiten erfahren hat, kam auch zum Ausdruck, als der Stadtrat zu Nürnberg die Ziegelgasse – mit dem Sitz des Verlagsgebäudes der „Fränkischen Tagespost“- in Karl- Bröger-Straße umwidmete und damit auf die letzte Wirkungsstätte Karl Brögers in der Weimarer Zeit aufmerksam machte. Für die Nürnberger SPD war es darüber hinaus ein Ausdruck der Dankbarkeit, als sie das heute denkmalsgeschützte, im Bauhausstil errichtete Gebäude als„Karl-BrögerHaus“ benannte. Hier hatte sich von 1930 an das politische Zentrum des örtlichen sozialdemokratischen Freiheitswillen befunden. Mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen sich anlässlich der Veröffentlichung einer Brögerbiographie ein paar junge lokale Kulturkritiker der Person und einiger Teile des schriftstellerischen Werkes von Karl Bröger an, leider äußerst oberflächlich. Mit seinem Wirken als Kulturredakteur und Politiker befassten sie sich gar nicht, auch nicht mit den äußerst schwierigen Lebensumständen Brögers. Lediglich Klaus Schamberger von der Nürnberger Abendzeitung bemühte sich, tiefer zu schürfen und Bröger und seinem Werk gerecht zu werden. Fast alle seine Kritiker vergessen aber, dass Bröger einer rauen Arbeitswelt entstammte, in ihr aufgewachsen ist und sich mit ihr täglich auseinandersetzen musste. Wer im alten Nürnberger Vorort Wöhrd neben den Klett`schen Fabrikhallen aufgewachsen ist und den industriellen Alltag auf dem Weg vom 19. in das 20. Jahrhundert begleitet hat, der konnte – war er sprachbegabt wie Karl Bröger – einen schlichten Hammer zum Erblühen bringen. Der sah in der Natur den Bruder Baum und verspürte das milde Lächeln der Morgensonne über seinem Land. Der wusste um das Werden alter Bauwerke aus Nürnbergs reichstädtischer Vergangenheit zu einem der schönsten gotischen Stadtbilder. Sein Nürnberg war für ihn deshalb zu einem einzigen, steinernen Lobgesang geworden. Wer damals wie er im Dunklen leben musste, für den wurde eine bessere, eine idealisierte, leuchtende Zukunft zum Prinzip Hoffnung. Es war eine gute Idee, zu dem Symposium Gerhard Müller aus Darmstadt einzuladen und ihn über das Leben des Arbeiterdichters referieren zu lassen. Er hat sich wie kein anderer über ein halbes Jahrzehnt mit dem Dichter, Schriftsteller, Redakteur und Politiker Karl Bröger beschäftigt und auseinandergesetzt. Wohltuend, dass er 122 am Ende seiner das Leben Brögers umfassenden Ausführungen bei aller kritischen Distanz zu der Feststellung kam, dass es sich bei Bröger um keinen„Überläufer“ oder„Renegaten“ handelte. Bröger blieb im Herzen Sozialdemokrat. Peter Lösche hat mit seinem verlesenen Beitrag über Haltungen, Gesinnungen und Ausdrucksweisen in der Sozialdemokratie im Kaiserreich und in der Weimarer Republik eine gründliche Analyse sozialdemokratischen Innenlebens offenbart, was für eine Beurteilung des Menschen Karl Bröger unerlässlich ist. Den Weg nachzuzeichnen, der zu einer sozialdemokratischen Solidargemeinschaft führt, lässt allerdings auch Wehmut aufkommen über das, was an Gesinnung und Haltung verloren ging. Der Fortschritt veränderte zwangsläufig nicht nur die Gesellschaft sondern auch das innere Wesen der Partei. Hermann Glaser hat als ein bekannter Publizist und Verfasser einer Kultur- und Literaturgeschichte einen umfassenden Einblick in das literarische Geschehen in Deutschland während der Naziherrschaft gewährt, vor allem in das Werk jener Dichter und Schriftsteller die im Lande geblieben sind oder bleiben mussten. Soweit sie in die innere Emigration geflüchtet waren, entstand im deutlichen Kontrast zur äußeren literarischen Demonstration vermeintlicher Stärke, ein Bild romantischer, deutscher Innerlichkeit. Es war für die meisten Schriftsteller eine bewusste Flucht aus der Wirklichkeit. Ich bin Hermann Glaser, der früher zu den Kritikern Brögers gehört hat, vor allem sehr dankbar dafür, dass er sich in seinem Beitrag redlich darum bemüht hat, einem Menschen der es verdient hat in seinem Werk gerecht zu werden. Die vielschichtige, lokale Bedeutung Karl Brögers wurde durch Alexander Schmidt eingehend beschrieben. Er machte die herausragende Stellung, die Bröger als örtlich schreibender Redakteur, Theaterkritiker, Schriftsteller und Dichter in seiner Heimatstadt einnahm, deutlich. Er war dem Lokalen durchaus verhaftet, hatte aber die Grenzen des Provinziellen besonders in den zwanziger Jahren längst verlassen. Er gehörte zu den wenigen Nürnberger Schriftstellern, die überregional Bedeutung erlangten. Auch Alexander Schmidt kommt an Hand seiner Studien letzten Endes zu dem Ergebnis, dass Karl Bröger niemals mit den Nazis kollaboriert hat und keines Falls zu einem verkappten Nazischriftsteller geworden ist. Die Diskussion am Ende des Symposions machte deutlich, dass das Werk Karl Brögers nach wie vor ein öffentliches Interesse verdient. Das Andenken an Karl Bröger wird zu Recht – besonders von der Nürnberger SPD – gepflegt, weil er als Dichter und Schriftsteller mit seinem Werk den kulturellen Bestrebungen der Arbeiterbewegung in vorzüglicher Weise gedient hat. Die SPD darf stolz darauf sein, dass Karl Bröger einer der ihren war und bis an sein Lebensende blieb. Karl Bröger hat in Zeiten einer stürmischen Industrialisierung der Arbeitswelt den arbeitenden Menschen ein literarisches Denkmal gesetzt! Karl Bröger: Eine Bibliographie alle aufgeführte Werke sind im Bestand der Stadtbibliohtek Nürnberg Gedichte.- München: Hans-Sachs-Verlag 1912(StB Nbg: FB 7,2) Die singende Stadt.- Nürnberg: Fränk. Verlagsanstalt 1914(StB Nbg: FB 7,15) Aus meiner Kriegszeit- Gedichte. – Nürnberg: Fränk. Verlagsanstalt 1915(StB Nbg: Nor. 8° 3193) Kamerad, als wir marschiert- Kriegsgedichte.- Jena: Diederichs 1916(StB Nbg: Amb. 8° 3197) Der unbekannte Soldat- Kriegstaten und Schicksale eines kleinen Mannes.- Leipzig: Reclam 1917 (StB Nbg: FB 7,11) Soldaten der Erde- Neue Kriegsgedichte.- Jena: Diederichs 1918(StB Nbg: Amb. 8° 2323) Der Held im Schatten.- Jena: Diederichs 1919(StB Nbg: Phil. 8° 3836) Flamme- Gedichte und dramatische Szenen.- Jena: Diederichs 1920(StB Nbg: FB 2,23) Die vierzehn Nothelfer- Ein Buch Legenden.- Berlin: Heyder 1920(StB Nbg: Amb. 8° 2044) Der Vierkindermann- Ein Sang von Sommer, Sonne und Söhnen.- Berlin: Heyder 1922 (StB Nbg: Amb. 8° 3642) Tod an der Wolga- Gedichte.- Konstanz: Wöhrle 1923(StB Nbg: FB 7,26) Phantasie und Erziehung- Ein Versuch zur Besinnung auf Grundlagen der Pädagogik.- Leipzig; Oldenburg 1923(StB Nbg: A 1980) Deutschland- Ein lyrischer Gesang in drei Kreisen.- Konstanz: Wöhrle 1923(StB Nbg: Nor. 8° 2375) Der blühende Hammer- Gedichte.- Berlin: Arbeiterjugendverlag 1924(StB Nbg: FB 7,10) Der Morgen- Ein Werk für den proletarischen Sprechchor. – Berlin: Arbeiterjugendverl. 1925 (StB Nbg: FB 7,25) Unsre Straßen klingen- Neue Gedichte.- Rudolstadt: Greifenverl. 1925(StB Nbg: Amb. 8° 2124) Jakob auf der Himmelsleiter- Erzählung.- Berlin: Dietz 1925(StB Nbg: Amb. 8° 2178) 124 Deutsche Republik- Betrachtungen und Bekenntnisse zum Werke von Weimar.- Berlin: Dietz 1926 (StB Ngb: FB 7,5) Rote Erde- Ein Spiel für Sprech- und Bewegungschor.- Berlin: Arbeiterjugendverl. 1928 (StB Nbg: FB 7,24) Bunker 17- Geschichte einer Kameradschaft.- Jena: Diederichs 1929(StB Nbg: Amb. 8° 2730) Versailles!- Eine Schrift für die Schuljugend.- Berlin: Hensel 1929(StB: Nor. 8° 5047) Guldenschuh- Roman.- Berlin: Buchmeister 1934(StB Nbg: Amb. 8° 2567) Im Bunker.- Köln: Schaffstein 1935(StB Nbg: Nor. 8° 4283) Nürnberg- Der Roman einer Stadt.- Berlin: Franke 1935(StB Nbg: Amb. 8° 2616) Reta und Marie.- Leipzig/Wien: Schneider 1935(StB Nbg: FB 7,21) Volk, ich leb aus dir- Gedichte.- Jena: Diederichs 1936(StB Nbg: FB 7,12) Die Ferienmühle.- Köln: Schaffstein 1936(StB Nbg: FB 7,22) Vier und ihr Vater- Würde und Bürde einer Vaterschaft.- Leipzig: Amther 1937(StB Nbg: Amb. 8. 2694) Licht auf Lindenfeld- Geschichte eines Suchers.- Leipzig: Gunther 1937(StB Nbg: Amb. 8° 2703) Geschichten vom Reservisten Anzinger.- Jena: Diederichs 1939(StB Nbg: Amb. 8° 2785) Schicksal aus dem Hut- Geschichten aus dem Volk für das Volk.- Bayreuth: Gauverlag 1941 (StB Nbg: A 1981) Der Ritter Eppelein- Eine Ritter- und Räuberchronik aus Franken.- Bayreuth: Gauverl. 1942 (StB Amb. 8° 2943) Sturz und Erhebung- Gesamtausgabe der Gedichte.- Jena: Diederichs 1943(StB Nbg: FB 7,13) Bekenntnis. Eine Auswahl der Gedichte. Hrsg. von Ludwig Baer und Friedrich Bröger.- Nürnberg: Nürnberger Presse 1954(StB Nbg: Amb. 8° 3357) Karl Bröger: Kleine Biographie © Gerhard Müller, 1986(Centaurus Verlag), erweitert 2008(Symposium in Nürnberg) 1886: Geboren am 10. März in Nürnberg-Wohrd als Sohn des damals unverheirateten Paares Elisabeth Karpfenbauer, Heimarbeiterin, und Johann Bröger, Tagelöhner und Bauarbeiter. Von den acht Geschwistern sterben sechs im Kindesalter. 1892-1900: Schulzeit. 1896 kommt B. mit Hilfe des Geistlichen Pechmann auf die Königl. Bayer. Kreisrealschule Peunthof. Die sozialen Verhältnisse— die Schüler kommen in aller Regel aus dem Bürgertum — lassen B.s Talente und Fähigkeiten nicht zur Geltung kommen. Er protestiert mit Disziplinlosigkeit und wird der Schule verwiesen. 1900—1905: B. arbeitet als kaufmännischer Angestellter und Tagelöhner; begeht Unregelmäßigkeiten und Betrügereien, wird mehrmals zu Gefängnisstrafen verurteilt. Beginnt zu dichten, um sich über die deprimierenden Lebensverhältnisse zu erheben. 1906-1908: Der Lehrer Felix Schwarz bestärkt B. in seinen schriftstellerischen Neigungen.— Militärdienst: B. kommt in Eichstätt als Rekrut zum 21. Bayer. Infanterie-Regiment. 1908-1910: Wieder in Nürnberg, schlägt B. sich als Gelegenheitsarbeiter durch. Er schließt sich der Gewerkschaftsbewegung und der Sozialdemokratie an.— Der Lehrer Emil Grimm erfährt von seinen Dichtungen und fördert ihn. Am 1. 10. 1910 veröffentlicht der„General-Anzeiger“ zwei der Gedichte B.s, woraufhin ihn die örtliche SPD als Schauspielkritiker zur„Fränkischen Tagespost“ holt; zu erinnern ist an Adolf Braun. Wende seines Lebens. Bis März 1933, ab 1913 als Redakteur, arbeitet B. bei der Nürnberger SPD-Zeitung. 1912: B.s erste Buchveröffentlichung: Gedichte— Lyrik im traditionellen Stil. 1914: Die singende Stadt. B.s zweites Gedichtbuch kommt im Verlag der Nürnberger SPD heraus; in ihm werden soziale Themen artikuliert.— Krieg: Im August wird B. als Landwehrmann einberufen und kommt an die Westfront; Oktober: Verwundung und Dienstuntauglichkeit. Im Dezember entsteht das bis heute bekannte und zitierte Gedicht Bekenntnis. Später, besonders ab 1917, setzt B. sich für einen baldigen Frieden ein. 1918/1919: B. tritt im Sinne der MSPD aktiv für die Novemberrevolution ein und gründet mit J. A. Meisenbach die Zeitschrift„Der Volksstaat“.- 1919 erscheint B.s autobiographischer Roman Der Held im Schatten im Verlag von Eugen Diederichs, der B. fördert. 1920: B. nimmt am Weimarer Reichsjugendtag teil und spricht zum Thema„Jugend und Kultur“. Bis 1928 ist sein Engagement für die sozialdemokratische Jugendbewegung nachweisbar.- Mit Flamme erscheint sein literarisch bedeutendstes Buch. 1921-1929: B. leitet an der Nürnberger Volkshochschule Literaturkurse, und von 1922-1924 ist er Redakteur der„Jungsozialistischen Blätter“; sein Kurs ist umstritten. 1924—1933: B. ist Mitgründer des Gaues Franken des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold und wirkt als Schriftsteller und Redner für diesen republikanischen Schutzbund, dessen„Hymne“ er auch verfaßt.- Seit Ende 1924 veröffentlicht er als Peter Igel in der„Fränkischen Tagespost“ wöchentlich die„Stachelhecke“, eine satirisch-politische Serie, die sich vielfach gegen die Nazis richtet.— In den zwanziger Jahre ist B. literarisch sehr produktiv. 1933: Am 5. März kandidiert B. für die SPD bei den Wahlen zum Stadtrat und wird gewählt. In der Nacht vom 9. zum 10. März stürmen die Nazis die Nürnberger Gewerkschafts-büros und das SPD-Haus, Sitz der „Tagespost“. Die Stadtratsarbeit der Sozialdemokraten wird verhindert. Später(am 27. April oder 8. Mai) wird B. mißhandelt und Ende Juni in das KZ Dachau verschleppt. Dennoch bedient sich die NS-Propaganda einiger seiner Gedichte. Der Widerspruch einer solche Indienstnahme zeigt sich auch später. Anfang September wird B. entlassen und unter Polizeiaufsicht gestellt. Nachbarn und Freunde helfen seiner in Not geratenen Familie(vier Kinder). B. geht nicht in die Emigration und versucht, mit schriftstellerischen Arbeiten durchzukommen; er hält Kontakt mit seinen sozialdemokratischen Genossen und bezieht zeitweise den„Neuen Vorwärts“. 1934-1937: Am 1. Mai 1934 in Berlin, Lesung im Rundfunk.— In Zusammenarbeit mit Georg Gärtner sen. entstehen die historischen Prosabücher Guldenschuh, Nürnberg(ein problematisches Buch) und Licht auf Lindenfeld 1937: Die Antikriegserzählung Bunker 17(1929) ist Anlaß zu einer erneuten Nachforschung der Gestapo. Die Reichsschrifttumskammer setzt dagegen durch, daß B. bei Dichterlesungen auftreten und weiterhin publizieren kann: Für Gestapo und Nürnberger NSDAP gilt er als„nur(von) bedingter Zuverlässigkeit“ und als„Judenfreund“, der sich äußerlich dem„nat.soz. Regime beugt“. Goebbels und die Reichsschrifttumskammer wollen sich seiner„Arbeiterdichtung“ im Interesse der propagandistischen Beeinflussung der Öffentlichkeit, namentlich der Arbeiter, bedienen; B. wird im Streit der NS-Fraktionen instrumentalisiert. Alle wichtigen Bücher aus der Zeit vor 1933 sind verboten. 126 1938/1939: Eine geplante Vortragsreise B.s nach Polen wird von der Gestapo unterbunden. Er erscheint im Verzeichnis„Erfassung führender Männer der Systemzeit“ der SS. 1940: B. nimmt an einer vom Goebbels-Ministerium organisierten„Dichterfahrt“ ins besetzte Frankreich teil. Seine dort inspirierten Gedichte — Wiederbegegnung mit dem Kiiege— sind durchweg von Stille, Trauer und Friedenssehnsucht erfüllt. 1941: In einem Brief vom 9. Mai an seinen sozialdemokratischen Freund W. G. Oschi-lewski heißt es:„Wir kommen wohl erst wieder zur Ruhe, wenn sich der Sozialismus in der Welt durchgesetzt hat“, und am 9. Juli schreibt B. an Mella Heinsen(Tochter des früheren Nürnberger OB Hermann Luppe):„Ich[...] wundere mich immer aufs neue über das miserable Gedächtnis der Menschheit, das knapp 20 Jahre nach dem Weltkrieg bereits wieder alle Schrecken des Krieges vergessen hat.“ 1943: Im August wird das Siedlungshauschen in N.-Ziegelstein, in dem die Familie B. seit etwa 1921 wohnte, durch Fliegerbomben zerstört. Evakuierung nach Kalchreuth. Dort, im Gasthaus„Drei Linden“, steht B. mit Freunden und Bekannten aus der SPD in Verbindung.— Ende des Jahres bricht die zum Tod führende Krankheit, Kehlkopfkrebs, aus. 1944: Am 4. Mai stirbt B. in einem Erlanger Krankenhaus. Am 9. Mai veranstalten die Nazis unter Führung des Gaupropagandaamtes Franken ihre— bis heute für viele irritiernde und täuschende—„Totenfeier für Karl Bröger“, gegen den Willen B.s und der Familie, die ein Begräbnis im kleinen Kreis wollte. Am 10. Juni schreibt die Witwe Anna Bröger in einem Brief an Freunde:„Eine kleine ‚Gegendemonstration‘ hatten wir dadurch gemacht, daß einige der alten und ältesten Weggenossen mit im engsten Trauerkreise waren“, und am 22. Mai:„Unsere furchtbare, blutige Zeit hat sicher auch sein Leben verkürzt. Es war zuviel für ihn.“