Für moderne und realistische Altersbilder Der Beitrag des bürgerschaftlichen Engagements älterer Menschen Für moderne und realistische Altersbilder Der Beitrag des bürgerschaftlichen Engagements älterer Menschen Impressum ISBN: 978-3-86872-136-2 Herausgeberin: Friedrich-Ebert-Stiftung Forum Politik und Gesellschaft Hiroshimastraße 17 10785 Berlin Text: Dr. Nicola Schuldt-Baumgart Redaktion: Dr. Heinz Bongartz, Friedrich-Ebert-Stiftung Redaktionelle Betreuung: Inge Voß, Friedrich-Ebert-Stiftung Fotos: Umschlag: Logoboom, Slobo Mitic – Dreamstime.com, Ursula Kelm, Maria Hütten Innenseiten: Ursula Kelm, Hilmar Ransch Gestaltung: Julia Lutz-Albinus, Visuelle Kommunikation Druck: Druckerei J. Humburg GmbH, Berlin Diese Publikation wird gefördert mit Mitteln der DKLB-Stiftung © 2009 Friedrich-Ebert-Stiftung, Forum Politik und Gesellschaft 4 Vorwort Dr. Heinz Bongartz Forum Politik und Gesellschaft ≠≠ Inhalt 6 Einführung: Neue Altersbilder braucht das Land Angelika Graf, MdB Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Bundesvorstand der Arbeitsgemeinschaft SPD 60 plus 14 Impulsreferat: Altersbilder – Engagement – Partizipation Dr. Peter Zeman Deutsches Zentrum für Altersfragen, Berlin Beiträge: Erfahrungen aus Engagementfeldern 29 Der Beitrag der Seniorenvertretungen für realistische Altersbilder Dr. Jan Steinhaussen Landesseniorenvertretung Thüringen 31 Ältere Migrant/innen in der bezirklichen Altenpolitik Altun Aktürk Mitglied der Seniorenvertretung Berlin-Neukölln 33 Engagement älterer Menschen in Schulen Dr. Manfred Heeß Seniorpartner in School e. V. – SIS 35 Jung und Alt mit Zukunft – Altern im ländlichen Raum, Kyritz(JAZ) Andrea Rutkowski Evangelische Fachhochschule Berlin 37 Theater der Erfahrungen – Werkstatt der alten Talente Dr. Clemens Rufer 40 Diskussion im Plenum ≠≠ Vorwort Warum sind Altersbilder so wichtig? Und was haben Altersbilder mit bürgerschaftlichem Engagement zu tun? Klischeehafte und unrealistische Altersbilder sind in unserer Gesellschaft noch tief verwurzelt. Die Vielfalt und Heterogenität des Alters kommt in den vorherrschenden Altersbildern nicht genug zum Ausdruck. Altersbilder, die posi­ tive Aspekte des Alterns hervorheben, eröffnen Handlungsspielräume für ältere Menschen. Umgekehrt können negative Altersbilder dazu beitragen, dass be­ stehende Handlungsspielräume nicht wahrgenommen und genutzt werden. Einerseits tragen ältere Menschen selbst durch ihr Handeln zur Entstehung und Ver­änderung von Altersbildern bei. Andererseits beeinflussen Altersbilder auf individueller und gesellschaftlicher Ebene die Wahrnehmung und Beurteilung von älte­r­en Menschen, die Gestaltung von sozialen Interaktionen mit ihnen sowie die Erwar­tungen an den eigenen Altersprozess und die persönliche Lebenssituation der älteren Menschen. Wenn wir also von Altersbildern reden, sollten wir immer zwei Seiten bedenken: welches Altersbild hat der Mensch von sich selbst und welches Altersbild haben die anderen bzw. die Gesellschaft. Der ältere Mensch in der nachberuflichen Phase, der von sich selber meint, er sei zu alt, um sich noch einzumischen oder mitzumischen, wird nur sehr schwer für das bürgerschaftliche Engagement zu gewinnen sein. 4 Nun kann man positive und realistische Altersbilder nicht verordnen oder verschreiben. Sie entwickeln sich in den Köpfen der Menschen und damit in der Gesellschaft in einem weitgehend unbewussten Prozess. Aber: Je mehr positive Beispiele ich von älteren Menschen sehe, die sich an der aktiven Mitgestaltung der Gesellschaft beteiligen, desto mehr ändert sich mein Bild vom Alter. Das vielfältige bürgerschaftliche Engagement älterer Menschen spielt bei der Entwicklung positiver und realistischer Altersbilder in der Gesellschaft eine große Rolle. Je sichtbarer das Engagement und die Leistungen der älteren Menschen sind, desto eher sieht man den großen gesellschaftlichen Nutzen, den die Erfahrungen und Potenziale der Älteren haben und desto eher entwickeln sich positive Altersbilder. Auch die sozialen und politischen Rahmenbedingungen tragen ganz wesentlich dazu bei, dass die Kompetenzen und Erfahrungen älterer Menschen erhalten, entwickelt und gesellschaftlich genutzt werden und so in der öffentlichen Wahrnehmung als ein wichtiger Indikator für die Entwicklung realistischer Altersbilder erscheinen. Aufgrund der Bedeutung, die Altersbilder für individuelles und gesellschaftliches Handeln haben, ist deren kritische Reflexion eine wichtige Aufgabe, sowohl für ältere Menschen als auch für Entscheidungsträger/innen in ihren politischen, kulturellen und sozialen Institutionen. Das Forum Politik und Gesellschaft der Friedrich-Ebert-Stiftung fördert das bürgerschaftliche Engagement der älteren Menschen gezielt mit Weiterbildungsseminaren und Kompetenztrainings. Dabei wird deutlich, wie hoch die Motivation zum Engagement in der nachberuflichen Phase ist, wie wichtig gleichzeitig aber auch der gesellschaftspolitische Diskurs darüber ist. Dazu wollen wir auch mit dieser Publikation beitragen. So können für das Engagement wichtige Rahmenbedingungen kontinuierlich weiterentwickelt werden. Dr. Heinz Bongartz Friedrich-Ebert-Stiftung Forum Politik und Gesellschaft 5 ≠≠ Einführung Neue Altersbilder braucht das Land Angelika Graf, MdB Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Bundesvorstand der Arbeitsgemeinschaft SPD 60 plus Alter und Altern sind Zukunftsthemen. Der demografische Wandel in den Industrieländern macht sie gar zu Megathemen, die viele Bereiche in Politik und Gesellschaft betreffen. Und auch die Seniorenpolitik ist ein Querschnitts­ thema, das immer mehr Beachtung findet und insbesondere in den Kommunen eine immer größere Bedeutung erhält. Zur Relevanz des Themas„Alter“ und der transportierten Bilder vom Alter möchte ich die Bedeutung der Thematik anhand uns bekannter Darstellungen aufzeigen: Die Lebenserwartung steigt: Seit Ende der 40er-Jahre ist in Deutschland die Lebenserwartung bei den Männern um zwölf Jahre gestiegen, bei den Frauen sogar um knapp 14 Jahre. Mittlerweile holen die Männer auf. Für 2006 hat das Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock für Frauen eine Lebenserwartung von 82,2 Jahren und für Männer von fast 77 Jahren ermittelt. Bis 2050 wird die durchschnittliche Lebenserwartung um weitere fünf Jahre zunehmen. Jedes zweite heute geborene Mädchen hat die Chance, den Beginn des 22. Jahrhunderts zu erleben. Die Zahl der mindestens 65-Jährigen wird nach aktuellen Schätzungen des Statistischen Bundesamtes bis 2030 von heute 14 Mio. auf über 21 Mio. Menschen(26,6 Prozent der Bevölkerung) ansteigen. 2050 werden es gut 22 Mio. sein, bzw. knapp 30 Prozent der Bevölkerung. Der demografische Wandel wird dazu führen, dass es in Deutschland immer mehr und immer ältere Menschen geben wird. 7 Trotz dieser Entwicklung beherrschen heute vor allem negative Altersbilder die Diskussion in unserer Gesellschaft. Alter und Altern wird in den allermeisten Fällen mit Senilität, Hinfälligkeit und Pflegebedürftigkeit in Verbindung gebracht. Um Missverständnisse auszuschließen: Auch das ist eine zutreffende Beschreibung von Altern, aber nicht die einzig richtige. Die Gerontologie sagt:„Die moderne Gesellschaft kennt nicht ein Alter, sondern viele Altersbilder.“ Dem möchte ich zustimmen: Altern ist ein heterogener und mehrdimensionaler Prozess, der immer sehr individuell verläuft. Alte und hochalte Menschen können zumeist auf ein wechsel- und gehaltvolles Leben zurückblicken mit vielfältigen, sehr individuellen Erfahrungen. Was also sind zutreffende Altersbilder? Um diese Frage beantworten zu können, ist es wichtig zu verstehen, dass das Alter keine Konstante ist, sondern in hohem Maße geprägt durch die gesellschaftliche und menschheitsgeschichtliche Entwicklung. Das Alter kann anhand mehrerer Dimen­ sionen charakterisiert oder definiert werden, doch reicht eine Perspektive nicht aus. Wir haben mittlerweile eine ganze Reihe von Begriffen zum Alter, die auf die eher negati­ ven Altersbilder in unserer Gesellschaft rea­gie­ren bzw. eine„Contra-Position“ einnehmen: das„aktive Alter“ oder das„junge Alter“, das„produktive Alter“ oder das„erfolgreiche Alter“. Der Verlauf des menschlichen Lebens wird seit der Antike in verschiedene Phasen unterteilt und häufig entlang physischer und psychischer Kategorien gegliedert. In diesem Zusammenhang zeigen Altersbilder auf, wie das Alter gesellschaftlich inszeniert wird. Altersbilder sind manifestierte Bewertungen von Lebensphasen durch die Gesellschaft. Sie stellen Vorstellungen, Wertungen und Bilder des Alters dar. Altersbilder sind Bilder von älteren Menschen sowie von der Phase des Alterns, die auf vermeintlichen bzw. tatsächlichen Kenntnissen über Alte und das Altern basieren. Altersbilder sind also„bildliche Vorstellungen“ und„Bilder in unseren Köpfen“. 8 Altern wird mit dem Eintritt ins gesetzliche Rentenalter definiert. Doch was sagt das kalendarische Alter 65 bzw. 67 aus? Die Situation, in der ein Mensch dann steckt, ist doch sehr unterschiedlich. Und auch der Gesundheitszustand hilft bei der Definition von Alter nur begrenzt. Diese biologische bzw. physische Dimension des Alters wird vor allem am äußeren Erscheinungsbild des Menschen festgemacht. Aber ab wann sehen wir alt aus? Eine andere Dimension des Alterns betrifft die psychisch-kognitive Perspektive, die sich auf Sinneswahrnehmungen, Gedächtnis, Wissen, Kompetenzen, Erfahrungen und kognitiven Fertigkeiten bezieht. Und auch hier werden Defizite und Einbußen als psychisch-kognitive Dimension des Alters mit Alter in Verbindung gebracht. Wenn jemand vergesslich wird, heißt es:„Du wirst aber auch langsam alt.“ Nicht zuletzt müssen wir auch die soziale Dimension des Alter(n)s beachten. Es meint vor allem die Veränderungen von sozialen und gesellschaftlichen Rollen oder Positionen. Ein sozialer Einschnitt im Lebenslauf wie der Renteneintritt sagt einem, du bist jetzt Rentner und wirst bald zum Seniorenbeirat eingeladen. Es wird an diesen Dimensionen deutlich, dass Alter vor allem eine gesellschaftliche und soziale Kategorie ist und vermutlich immer bleiben wird. Was wir daraus machen, ist aber die Sache jedes Einzelnen. Ein weiteres Altersbild heißt: Alter ist weiblich. Zahlen können das sogar belegen: 60 Prozent der Menschen über 65 Jahren sind Frauen. Neben der für Deutschland relevanten Ursache, dass die männliche Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg überdurchschnittlich dezimiert wurde, ist vor allem die höhere Lebenserwartung bei Frauen als Grund dafür zu sehen, dass im höheren Erwachsenenalter der Anteil der Frauen überproportional hoch ist. 9 „Das Alter ist weiblich“ Bevölkerung 65+ 59,4 % 40,6 % Bevölkerung 80+ 70,8 % 29,2 % Pflegebedürftige 65+ 74,0 % 26,0 % Pflegebedürftige 80+ 81,0 % 19,0 % Pflegebedürftige in Heimen 78,9 % 21,1 % Pflegende Angehörige 80,0 % 20,0 % Demenzkranke 70,0 % 30,0 % Allein Lebende 65+ 80,9 % 19,1 % Unter Armutsschwelle Lebende 80+ 87,6 % 12,4 %   Frauen   Männer Quelle: Dr. Barbara Schulz, in: Moderne Dienstleistungen: Impulse für Innovation, Wachstum und Beschäftigung. Beiträge der 6. Dienstleistungstagung des BMBF, Nov. 2006 Wenn wir uns die Situation von älteren Frauen genauer anschauen, käme mir auch ein weiteres Bild in den Sinn, dass nur eingeschränkt etwas mit dem Alter zu tun hat. Nicht nur, dass 60 Prozent aller über 65-jährigen Menschen Frauen sind, es sind auch über 80 Prozent aller Pflegebedürftigen Frauen. Und die Alleinlebenden über 65 sind ebenso zu 80 Prozent Frauen. Fast 90 Prozent aller über 80-Jährigen, die unter der Armutsschwelle leben, sind auch Frauen. Auch diese Zahlen zeichnen ein realistisches Bild vom Alter und beschreiben die Konsequenzen einer gesamten Lebensspanne: dass Frauen eben häufig über kein eigenständiges Einkommen verfügen oder oft eine geringe Rente haben, dass sie älter werden als Männer und damit auch häufiger pflegebedürftig sind. Dieses Altersbild gibt also eher Hinweise auf die Jahre zuvor und die Lebensläufe von Frauen als ein Bild über ältere Menschen; wenngleich es meines Erachtens eine interessante Perspektive für ein Altersbild ist. 10 Wenn Altersbilder jedoch einseitig die negative oder die positive Sicht des Alterns wiedergeben, so werden aus Altersbildern Stereotype. Im Gegensatz zu Altersbildern lassen Stereotype kaum Diffe­renzierungen hinsichtlich des Alter(n)s zu. Altersbilder können als Instrument für eine kritische Diskussion von Alter in der Sozial- und Seniorenpolitik dienen. Wir brauchen also realistische Altersbilder, die Differenzierungen vornehmen. Die„Enquete-Kommission Demografischer Wandel“ des Deutschen Bundestages definierte 2001 Altersbilder wie folgt:„Altersbilder umfassen Ansichten von Gesundheit und Krankheit im Alter, Vorstellungen über Autonomie und Abhängigkeiten, Kompetenzen und Defizite, über Freiräume, Gelassenheiten und Weisheit, aber auch Befürchtungen über materielle Einbußen und Gedanken über Sterben und Tod.“ Daher möchte ich an dieser Stelle den Slogan der Altersforscher Margret und Paul Baltes zitieren:„Das Alter hat viele Gesichter!“ Altersbilder können nur einzelne Aspekte des Alterns transportieren, aber niemals die„ganze Wahrheit“, und sie können nie die Komplexität des Alterns widerspiegeln. Denn Altern bedeutet auch Vielfalt. Daher ist es so wichtig, sich über die in unserer Gesellschaft existierenden Altersbilder Klarheit zu verschaffen. Es gibt nicht nur unter­schied­ liche Dimensionen des Al­ ter(n)s, sondern auch sehr kontroverse, sowohl posi­­ ti­ve als auch negative. Wenn Altersbilder zu Stereotypen werden, müssen wir das ent­ schie­den zurückweisen.Ver­ schiedene Altersbilder kön­ nen nebeneinander bestehen. 11 Es geht meines Erachtens darum, die vielen Gesichter des Alterns zu respektieren und zu transportieren. Daher plädiere ich für realistische und differenzierte Altersbilder, aber auch dafür, diese Altersbilder mit Vorsicht zu genießen. Welche politischen Konsequenzen sind aus diesen Befunden zu ziehen? Altern ist ein heterogener und mehrdimensionaler Prozess, der immer sehr individuell verläuft. Es gibt keine„wahren“ Altersbilder. Altersbilder sind also auch nicht entweder positiv oder negativ. Sie stellen immer nur Ausschnitte dar, die einige Aspekte des Alters und des Alterns abbilden. Altern hat viele Gesichter und diese müssen wir immer wieder versuchen zu berücksichtigen. Altersbilder werden gesellschaftlich konstruiert und inszeniert. Sie werden auch gezielt von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft instrumentalisiert. Leider gibt es immer noch einen Negativdiskurs, der sich gegen ältere Menschen richtet. Dem müssen wir schon entgegentreten, um ein neues, realistisches Altersbild zu befördern. Doch darf ein besonderer Unterstützungsbedarf für alte und hochaltrige Menschen nicht negiert, sondern muss respektiert werden. Um der Instrumentalisierung eines negativen Stereotyps über ältere Menschen etwas entgegensetzen zu können, empfiehlt es sich, die Ressourcen und Potenziale der älteren Generation nicht zu unterschätzen. Das Ziel für Politik und Gesellschaft muss es sein, realistische Altersbilder zur Grundlage von Politik, aber auch von gesellschaftlichen Diskussionen und Debatten zu machen. 12 Die Altenberichte der Bundesregierung Zur kontinuierlichen Unterstützung altenpolitischer Entscheidungsprozesse hat der Deutsche Bundestag die Bundesregierung 1994 aufgefordert, in jeder Legislaturperiode einen Altenbericht vorzulegen. Zu diesem Zweck beruft die Bundesregierung jeweils ehrenamtlich tätige Sachverständigenkommissionen, die mit unabhängigen Experten und Expertinnen besetzt werden. Die Sachverständigenkommission erstellt in rund zweijähriger Arbeit ihr Gutachten. Zur Unterstützung ihrer Arbeit holt diese Kommission schriftliche Expertisen von anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ein, die später in den so genannten Expertisenbänden zum Altenbericht veröffentlicht werden. Die Bundesregierung fügt dem Sachverständigenbericht ihre Stellungnahme bei und übergibt beide Teile gemeinsam als„Altenbericht“ dem Parlament und der Öffentlichkeit. Die Geschäftsstelle der Sachverständigenkommissionen für die Erstellung der Altenberichte der Bundesregierung ist seit 1995 am Deutschen Zentrum für Altersfragen angesiedelt. Innerhalb des DZA bildet die Geschäftsstelle inzwischen einen eigenen Schwerpunkt des satzungsgemäßen Aufgabengebietes der Politikberatung. Die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat am 17. Juli 2007 die Sachverständigenkommission zur Erarbeitung des Sechsten Altenberichts der Bundesregierung berufen. Die 14 Mitglieder der Kommission werden bis spätestens 2010 einen Bericht zu dem Thema „Altersbilder in der Gesellschaft“ erarbeiten. Quelle: http://www.dza.de/nn_11406/DE/Politikberatung/Geschaeftsstelle__Altenbericht/ geschaeftstelle__altenberichte__node.html?__nnn=true 13 ≠≠ Impulsreferat Altersbilder – Engagement – Partizipation 14 Dr. Peter Zeman Deutsches Zentrum für Altersfragen, Berlin Altersbilder sind Vorstellungen darüber, wie das Alter ist, wie es sein könnte und sein sollte – auch, wie es besser nicht sein sollte. Diese Vorstellungen enthalten Wissen, subjektive Theorien, Bewertungen und viele Vorurteile. All das wird unter anderem dadurch beeinflusst, welche Älteren wir überhaupt zu Gesicht bekommen. Hinzu kommen so genannte gesellschaftliche Altersbilder, zu deren Bildung – wie wir wissen – die Medien einen entscheidenden Beitrag leisten. Die so genannten„neuen Alten“ sind auch heute in aller Munde. Aber sind es noch die privatisierenden Hedonisten? In den letzten Jahren hat sich die Vorstellung vom „neuen Alter“ verändert. Man hat dabei immer öfter Menschen vor Augen, die sich im Alter für andere Menschen oder für eine gute Sache engagieren. Es scheint so, als hätten sich Altersbilder und Altersrealitäten in Richtung eines aktiven, produktiven und engagierten Alters entwickelt. Können nur„junge“ Alte„neue“ Alte sein? Es bleibt aber die Frage, ob nur„junge“ Alte in diesem Sinne„neue“ Alte sein können? Zur Zeit greift eine Imagekampagne des Bundesministerium 15 für Familie, Senioren, Frauen und Jugend mit dem Motto„Zähl Taten statt Falten“ genau diese Frage auf, indem sie im Rahmen der„Initiative Neues Alter“ Bilder von alten Menschen verbreitet, die auch im hohen Alter noch durch ihr Engagement einen wertvollen Beitrag für Gesellschaft leisten. Es müssen aber nicht immer besonders herausragende Leistungen sein, an denen sich die Frage nach dem„neuen Alter“ entscheidet. Engagement kennt auch im hohen Alter viele Formen. Altersbilder sind vor allem auch Orientierungen über die Möglichkeiten des Alters. Auch deshalb ist es wichtig, dass die in der Gesellschaft kursierenden Altersbilder der heutigen Vielfalt der Altersformen entsprechen und einen realistischen, das heißt weder euphorisch noch ängstlich verzerrten Blick für Möglichkeiten des Lebens im Alter eröffnen. Das gilt auch für Optionen, die im Entstehen sind. Natürlich sind Altersbilder noch lange nicht das Alter selbst. So wie die Speisekarte noch nicht das Essen ist. Und die Wanderkarte nicht die Wanderung. Aber, um bei dem Vergleich zu bleiben, wer auf der Speisekarte nur Bockwurst mit Brot findet, wird kaum auf die Idee kommen, ein Boeuf Stroganoff an Blattsalaten der Saison zu essen. Das ist vor allem dann schade, wenn die Zutaten vorhanden sind. Und wenn die Wanderkarte einen Pfad mit 30 Prozent Gefälle zeigt, aber nicht den Höhenweg mit Aussicht, den es ebenfalls gibt, so werden viele diese Richtung nicht einschlagen und den Höhenweg auch nicht entdecken. Altersbilder geben Orientierung Vorstellungen vom Alter und vom Älterwerden und Altersbilder werden vor allem in Situationen der Bestandsaufnahme und in Krisen als Orientierung gebraucht, zum Beispiel beim Übergang in den Ruhestand oder – häufiger noch – einige Zeit danach. Wenn viele Menschen nämlich plötzlich selbst spüren, was sie bislang nur gehört hatten: Was ich tue oder lasse, interessiert eigentlich niemanden mehr. Und ich merke, ich muss aufpassen, dass mir nicht bald selbst alles egal ist. Schlecht, wenn man dann ein Altersbild hat, das zeigt, wie vergeblich es ist, sich – in diesem Alter noch! – aufzuraffen, wie wenig Erfolg versprechend, seine 16 Energien zu mobilisieren, seine Ressourcen und Fähigkeiten einzusetzen und etwas Neues zu versuchen. Gut, wenn einem dann ein Leitbild vor Augen tritt, wie das des„Active Ageing“, des Tätigseins, der Produktivität und des Engagements im Alter. Und besser noch wenn einem viele Beispiele von Menschen einfallen, die zeigen: Tätigsein, Produktivität und Engagement im Alter tut gut. Aber was genau könnte man tun? Wie und wo kann man sich engagieren? Mancher sieht in dieser Situation den Wald vor Bäumen nicht. Wieder helfen passende und realistische Altersbilder und nachahmenswerte Beispiele. Wenn solche Beispiele anstecken sollen, muss eines deutlich werden: Hier gibt es Aktivitäten, in denen sich Ziele, Kompetenzen und Ressourcen mit der Lebenssituation im Alter gut in Einklang bringen lassen. Ziele, die zu verfolgen sich lohnt, auch wenn man schon älter ist – oder vielleicht sogar gerade dann. Kompetenzen und Ressourcen, die man dafür braucht und die man auch im Alter noch hat, die man vielleicht sogar gerade im Alter hat, oder die man sich auch im Alter noch erschließen kann. Allerdings, so werden sie mit Recht sagen, gibt es neben dem sich allmählich breiter durchsetzenden Leitbild des „Active Ageing“ auch gesellschaftliche Altersbilder, bei denen einem die Lust am Engagement im Alter vergehen kann. 17 Mediale Dramatisierungen des Alters Solche medialen Dramatisierungen der gesellschaftlichen Befürchtung, dass der demografische Wandel zu schweren gesellschaftlichen Verwerfungen führen könnte, rufen allerdings zugleich gesellschaftliche Altersbilder auf den Plan, die sich an den Chancen der alternden Gesellschaft orientieren. Eines scheint sicher: Die gesellschaftlichen Altersbilder sind nicht so unbeweglich, wie es oft heißt. Sie verändern sich seit Jahrzehnten in erstaunlicher Weise. Ich möchte dies an einem kleinen historischen Rückblick deutlich machen. Altersbilder im Wandel der Zeit „Hallo beisammen, wer kann sich noch an die ‚strickende Oma‘ aus den 70er-Jahren erinnern? Sie saß immer in einem Schaukelstuhl und stri­ckte …“ „Hallo, ja, ich kann mich an die Oma erinnern, war ziemlich öde, kann dir leider nicht sagen, worum es ging … Ich hab mich immer gefragt, warum das Teil, das die Oma strickte, niemals fertig wurde, obwohl sie jahrelang daran arbeitete.“ „Hallo, –(Hier kommt nun die Aufklärung) – die strickende Oma war eine Marionette und die gab es in der Sendung ‚Schaukelstuhl‘. Das war ein Seniorenmagazin, das montags nachmittags(zwischen 16 und 17 Uhr – vor den Kindersendungen!) in der ARD lief und jeweils von einem anderen Sender ausgestrahlt wurde.“ Die Oma im Schaukelstuhl als Identifikationsangebot für die Zuschauer eines Seniorenmagazins – ob die Einschaltquote heute noch in Ordnung wäre? Noch in den 70ern stimmte sie offensichtlich. Zielgruppensendungen für Senioren wurden damals in enger Nachbarschaft zu Kindersendungen platziert und die Fernsehkritik ordnete sie unter„Hilfe für die alten Menschen“ ein. In den 18 70er-Jahren richtete sich der Blick auf das Alter primär an den so genannten Altersdefiziten aus. Aus den objektiven, wenngleich auch damals verallgemeinerten, überbetonten und weitgehend als unabwendbar verstandenen Altersrisiken, den Gefährdun­ gen der sozialen Integration im Alter wurde zugleich auf eine scheinbar alterstypische Passivität und Lethargie geschlossen, die von namhaf­ ten Gerontologen als„gesellschaftsbedingte Selbstverur­sachung“ bezeichnet wurde. Die Psychologen deuteten diese Disposition als Übernahme negativer Altersfremdbilder in das eigene Selbstbild, soziologische Erklärungsversuche vermuteten eher lebenslang erfahrene sozialstrukturelle Benachteiligungen. In der aufkommenden Altenpolitik, die damals ganz deutlich noch Altenhilfepolitik war, wurden diese Begrenzungen und Selbstbegrenzungen des Lebens alter Menschen als Defizite begriffen und es wurde versucht, sie mit entsprechenden Angeboten zu kompensieren. Als strategisches Gegenbild, als Leitbild und Modell des sinnerfüllten Alters, diente der„aktive Senior“ der in Wahrheit eher Seniorin war. Das war allerdings etwas anderes, als wir heute meinen, wenn wir vom„Aktiven Altern“ oder von„Active Citizenship im Alter“ und älteren Bürgern als einer Kerngruppe der Zivilgesellschaft reden. Der aktive Senior war ein Leitbild der„offenen Altenhilfe“. Seine Aktivität bestand primär aus Geselligkeit und im Konsum von Freizeitangeboten. Produktivität zeigte sich vor allem im Basteln. Und Teilhabe fand am ehesten in den Rückzugsnischen der Altenklubs und Seniorenfreizeitstätten und bei unpolitischen Senioren-Großveranstaltungen statt. Allerdings begann dann in den 80er-Jahren gerade in den Bereichen der Altenarbeit und Altenbildung ein bemerkenswerter Paradigmenwechsel von der Betreuung und Beschäftigung hin zur Hilfe zur Selbsthilfe, zum Empowerment und zur Kompetenzorientierung. Dies hat sich auch in den Altersbildern niedergeschlagen. 19 Wachsende Verletzlichkeit des hohen Alters ist eine Realität Natürlich sind die sozialen Risiken des Alters, insbesondere die wachsende Verletzlichkeit des hohen Alters Realität. Und Altersbilder, die dies zum Gegenstand haben, sind damals wie heute realistisch. Eine neue Qualität liegt jedoch darin, dass – nicht zuletzt auch durch die Verbreitung gerontologischen Wissens – die Altersbilder zunehmend Hinweise enthalten, wie sozialen und gesundheitlichen Altersrisiken frühzeitig im Lebenslauf vorgebeugt werden kann, wie man sie bis ins hohe Alter teilweise vermeiden und entschärfen kann und dass sich unvermeidliche Einbußen oft weitgehend kompensieren lassen. Überbetonungen und Verallgemeinerungen von Altersproblemen gibt es nach wie vor, und sie haben sogar eine neue Dimension angenommen. Denn es geht im gesellschaftlichen Diskurs heute weit weniger um individuelle Altersrisiken als um Risiken durch demografisches Altern, das Altern der Bevölkerung, also um Risiken für die Gesellschaft als Ganzes. Mit der Dramatisierung des demografischen Wandels hat sich ein neues gesellschaftliches Altersbild herausgebildet, bei dem die individuellen Alterslasten in den Hintergrund treten und die gesellschaftliche Alterslast in den Vordergrund. Darüber wird mitunter vergessen, dass es sich zugleich immer um Individuen handelt. Oft wird Alterslast schlicht mit Altenlast gleichgesetzt. So betrachtet ist dies nun nicht mehr nur ein Altersbild wie andere auch, sondern es schädigt tendenziell auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Für viele mag auch heute noch eine große Verlockung vom Schaukelstuhl ausgehen, und für die meisten Älteren liegt es sicher näher, seine Produktivität in der Familie und nicht in der Zivilgesellschaft zu nutzen. Und wenn schon arbeiten, dann doch lieber bezahlt als unentgeltlich. Andere haben starke Zweifel, weil sie als älterer Arbeitnehmer gerade erst zu spüren bekamen, dass sie nicht mehr richtig dazu gehören oder – arbeitslos geworden schon vor der Rente – dass man sie, trotz Weiterbildung und vieler Bewerbungen offenbar nicht mehr gebrauchen kann. Ist man nur erwünscht, weil man nichts kostet? Wird man benutzt, um die Kosten für andere zu sparen, die von ihrer Arbeit leben müssen? Es gibt auch die Befürchtung, zurückgewie­ sen zu werden. Zu alt – auch hier? Oder die Erwartung, nur ein gönnerhaftes Schulterklopfen zu bekommen, und dann ab auf die Spielwiese. Also das 20 Gegenteil von Partizipation. Aber auch: Kann man selbst entscheiden, wie weit man sich einlassen will? Besteht die Gefahr, wider Willen kleben zu bleiben und sich damit andere – vielleicht neu auftauchende – Interessen, Projekte zu verbauen? Altersbild und Selbstvertrauen Wie berechtigt solche Skrupel sind, liegt nicht nur daran, ob einen das eigene Altersbild mit genügend Selbstvertrauen ausstattet. Ältere Menschen mit schwachem Selbstbild werden den Schritt ins Engagement aus eigener Kraft kaum machen. Ob Engagement wirklich zustande kommt, ob es zu tragfähigen Kooperationen, zu Mitgestaltung und Mitverantwortung und zu Partizipation führt oder frustriert abgebrochen wird, darüber entscheidet keineswegs nur das eigene Altersselbstbild. Ebenso wichtig sind passende Altersfremdbilder in den Tätigkeitsfeldern, in die man sich einbringen möchte. Solche Altersbilder bestimmen die Erwartungen. Vor allem auch, welcher Nutzen erwartet wird. Davon hängt auch die Bereitschaft ab, auf spezifische neue Bedingungen engagementbereiter älterer Menschen einzugehen: Zeitsouveränität, Selbstverwirklichungsmöglichkeiten, Flexibilität durch stärkere Projektorientierung, Partizipationswünsche im Sinne partnerschaftlicher Mitverantwortung, Mitgestaltung und demokratische Mitentscheidung. Altersstereotype verstellen den Blick auf den Wert des Engagements älterer Menschen. Sie führen zu Unterschätzung und Ablehnung, aber auch umgekehrt – sicher seltener – zu Überschätzung und Überforderung, zum Beispiel durch klischeehafte Vorstellungen über das Erfahrungswissen Älterer und über ihr scheinbar unbegrenztes Zeitbudget. Wenn die Passung in den Engagementfeldern nicht stimmt, liegt es nicht immer an Altersstereotypen. Zumindest wird das Alter in Untersuchungen über nicht zustande gekommenes oder abgebrochenes Engagement Älterer kaum als Grund benannt. Was natürlich nicht beweist, dass es keine Rolle gespielt hat. Es gibt viele Hinweise darauf, dass freiwillig Engagierte unabhängig vom Alter in institutionellen Kontexten als störend, als Konkurrenz, als potenzielle Bedrohung von Arbeitsplätzen und als ein Faktor empfunden werden, der mehr Ressourcen bindet, als er schafft. Viele Passungsprobleme sind hier in Angriff 21 zu nehmen. Und sie sind nicht nur durch eine Verbesserung der Altersbilder zu lösen. Aber ein Altersbild, das den Wert der Potenziale des Alters beinhaltet, dürfte allemal zur besseren Passung zwischen Angebot und Nachfrage beitragen. Potenziale des Alters ins Bewusstsein rufen Wenn wir die Engagementbereitschaft und Engagementfähigkeit des Alters besser nutzen wollen, kann es nicht nur um Altersbilder allein gehen. Dennoch spricht unter dem Strich viel dafür, die Potenziale des Alters besser ins Bewusstsein zu rufen. Hier geht es schlicht um Aufklärung. Denn diese Potenziale sind – so die Ergebnisse vieler Untersuchungen – in reichem Maße vorhanden. Wenn sich dieses Wissen und die damit verbundene positive Bewertung stärker in den gesellschaftlichen Altersbildern niederschlagen, dann werden sie vielfältiger, realistischer, moderner. 22 Der 5. Altenbericht leitet daraus zugleich einen Appell ab, der sich an die Gesellschaft und an die älteren Menschen richtet. Die Gesellschaft wird aufgefordert, das Alter differenzierter wahrzunehmen, den Wert seiner Potenziale zu erkennen und sie entsprechend zu nutzen. Der Appell an die Älteren geht in dieselbe Richtung: Werdet euch eurer Möglichkeiten bewusst, macht etwas aus euren Kompetenzen und Ressourcen, aber tut dies nicht nur privat, sondern auch für andere und im Sinne einer Mitgestaltung der Gesellschaft! Der Versuch, ein solches Leitbild in der Gesellschaft zu verankern, wird umso erfolgreicher sein, je mehr es sich in alltäglicher Erfahrung bestätigt. Um noch einmal darauf zurückzukommen: Ein Boeuf Stroganoff auf der Speisekarte interessiert nur, wenn man es auch wirklich essen kann. Und die Behauptung allein, dass wir es beim Engagement Älterer mit einer„Win-winSituation“ zu tun haben, die für die Gesellschaft und die Älteren selbst von hohem Nutzen ist, reicht nicht aus. Aber: Diese„Win-win-Situation“ wird längst durch die Praxis bestätigt. In vielen Initiativen und Projekten zeigt sich dieser doppelte Nutzen des Engagements im Alter. Und es gibt die berechtigte Hoffnung, dass sich hier zunehmend positive Wechselwirkungen, Feedbackspiralen und Schneeballeffekte entwickeln könnten. Wichtig ist dabei, dass ältere Menschen, die ihre Potenziale einbringen wollen, in ihrer Bereitschaft zur Mitverantwortung und Mitgestaltung mit offeneren Armen empfangen werden. Es geht also um die schon oft thematisierten Gele­gen­heits­strukturen. Politik in der Schlüsselrolle Eine Schlüsselrolle hat die Politik, sowohl bei der Schaffung und Erschließung von Gelegenheitsstrukturen wie bei der Moderation von Engagementangebot und-nachfrage mit Blick auf die Etablierung eines„Win-win-Szenarios“. Die Politik kann durch Engagementförderung dazu beitragen, dass die guten Beispiele eines erfolgreichen Engagements im Alter weiter zunehmen. Sie hat zugleich die Aufgabe, solche Beispiele öffentlich weithin sichtbar zu machen, denn nur so gewinnt das beschriebene neue Altersbild gesellschaftlich an Glaubhaftigkeit. Damit wächst die Chance, dass sich in einer Wechselwirkung gesellschaftliche und individuelle Erwartungen stärker daran ausrichten, neue Impulse entstehen, sich im Alter zu engagieren und das Engagement der Älteren breiter nachgefragt wird. 23 Bei wachsender Engagementbereitschaft der Älteren – wie sie seit Jahren zu be­ o­b­ achten ist – können durch erfolgreiche und öffentlich gut sichtbare Initiativen und Projekte, in denen engagierte Ältere und ihre Kooperationspartner zeigen, wie sinnvoll, erfolgreich und zufriedenstellend Engagement im Alter ist, viele Schneeballeffekte ausgelöst werden. In optimistischen altenpolitischen Äuße­ rungen ist in diesem Sinne bereits von einer neuen sozialen Bewegung die Rede. Diskussion und Nachfragen an die Referent/innen Mehr gesetzlich garantierte Mitwirkungsrechte in der Politik Das Berliner Seniorenmitwirkungsgesetz gilt als vorbildlich. Es wäre wünschenswert, solche Gesetze auch in anderen Bundesländern einzuführen. Eine bundeseinheitliche Regelung scheide hingegen aus, da – auch im Zuge der letzten Föderalismusreform – die Seniorenpolitik in weiten Teilen Aufgabe der Bundesländer ist. Als problematisch wurde empfunden, dass es im Land Berlin fast zehn Jahre dauerte, bis das Berliner Seniorenmitwirkungsgesetz in Kraft treten konnte. Dieser Zeitraum sei viel zu lang. Diskutiert wurde auch das Für und Wider einer Seniorenquote in politischen Entscheidungsprozessen. Eigenverantwortung Jeder ist für sein eigenes Leben verantwortlich und es gibt eine große Vielfalt an Beteiligungsmöglichkeiten. Es muss nicht immer ein Verein, eine Partei oder eine Institution sein. Erwerbsarbeit und Ehrenamt Ältere Menschen, die sich engagieren, dürfen sich nicht ausnutzen lassen und sollten sich gegen jeden Versuch der Instrumentalisierung wehren. So darf etwa ehrenamtliches Engagement nicht in Konkurrenz treten zu Erwerbsarbeit. Altersbilder und Migranten Wenn über Altersbilder gesprochen wird, werden ältere Migranten häufig noch ausgeklammert. Wenn es gelänge, die Fähigkeiten und das Wissen älterer 24 Migranten zu nutzen, so könnten dadurch viele Probleme, wie etwa die Integration junger Migranten, gelöst werden. Bislang lassen Migrantengruppen jedoch noch vergleichsweise wenig Bereitschaft erkennen, sich ehrenamtlich zu engagieren. Dies muss verbessert werden. Es fehlt eine Anerkennungskultur Problematisch sei, dass das Berliner Seniorenmitwirkungsgesetz zu wenig bekannt ist und dass dem Einzelnen offenbar zu wenig bewusst ist, was eine Seniorenvertretung tun und erreichen kann. Das spiegle sich auch in der geringen Wahlbeteiligung von 0,28 Prozent wider. Wichtig sei daher, dass gerade die Medien das Engagement deutlich besser würdigten. Beispiele des Engagements sollten öffentlich besser sichtbar werden. Zudem bedürfe es einer deutlich verbesserten Anerkennungskultur des Engagements älterer Menschen. Gleichzeitig sollte der bekannte Ausspruch:„Tue Gutes und rede darüber“ stärker berücksichtig werden. Wichtig sei auch, das Engagement Älterer finanziell anzuerkennen(Stichwort: Aufwandsentschädigung). 25 Berliner Seniorenmitwirkungsgesetz Ziel des Berliner Seniorenmitwirkungsgesetzes – bundesweit das Einzige seiner Art – ist es, die aktive Beteiligung der Berliner Seniorinnen und Senioren am sozialen, kulturellen und politischen Leben zu fördern, die Erfahrungen und die Fähigkeiten der Berliner Seniorinnen und Senioren zu nutzen, die Beziehungen zwischen den Generationen zu verbessern, die Solidargemeinschaft weiterzuentwickeln sowie den Prozess des Älterwerdens in Würde und ohne Diskriminierung unter aktiver Eigenbeteiligung der Berliner Seniorinnen und Senioren zu gewährleisten. Das Gesetz trat am 1. Juni 2006 in Kraft und orientiert sich am Leitbild der Bürgergesellschaft. Nicht-Regierungsorganisationen im so genannten „vorparlamentarischen Raum“ nehmen im Rahmen dieses Leitbildes eine wichtige Rolle ein. Zu ihnen zählen auch die Seniorenorganisationen und-verbände sowie die gewählten oder berufenen Seniorenvertretungen und Seniorenbeiräte. Die bezirklichen Seniorenvertretungen nehmen die Interessen der Seniorinnen und Senioren in den Bezirken wahr und verstärken die gesellschaftliche Teilhabe und die Einbindung und Mitwirkung älterer Menschen in allen Lebensbereichen. Sie sind Mittler zwischen älteren Bürgerinnen und Bürgern und Bezirksamt sowie anderen Behörden, Institutionen und Einrichtungen. Die bezirklichen Seniorenvertretungen sind unabhängig, parteipolitisch neutral und konfessionell nicht gebunden und bestehen aus einer ungeraden Anzahl von Mitgliedern. Im Regelfall beträgt die Anzahl 17, mindestens aber 13 Mitglieder. Diese üben ihre Tätigkeit ehrenamtlich aus. Die Mitglieder der bezirklichen Seniorenvertretungen werden von dem für Seniorinnen und Senioren zuständigen Mitglied des Bezirksamtes für die Dauer einer Wahlperiode der Bezirksverordnetenversammlungen berufen. Berufen werden können alle Seniorinnen und Senioren, die im Bezirk mit Hauptwohnsitz gemeldet sind. Link zum Gesetz: http://www.berlin.de/imperia/md/content/batreptowkoepenick/soziales/berliner_20seniorenmit wirkungsgesetz.pdf 26 Die Vorteile des gesellschaftlichen Engagements für den Einzelnen Befragt zu den Vorteilen ihres ehrenamtlichen Engagements berichten ältere Menschen, dass sie sich gefordert und herausgefordert fühlen. Sie treffen andere Menschen und haben durch ihre Aufgabe Erfolgserlebnisse, die sie ohne ihr Engagement in dieser Form nicht gehabt hätten. Viele Ältere heben auch hervor, dass sie sich mit ihrem Ehrenamt eine Aufgabe gesucht hätten, die ihnen Spaß macht. Das unterscheide das Ehrenamt oft deutlich vom früheren Berufsalltag. Positiv wurde auch hervorgehoben, dass viele Senioren durch ihr Engagement ein soziales Feedback erhalten, wie sie es sonst früher in ihrem Beruf erlebten. Viele Ältere berichten, dass ihr Leben einen neuen Sinn hätte. Gerontologische Studien bestätigen, dass ehrenamtliches Engagement im Alter sich dauerhaft positiv auf Geist, Psyche und Körper auswirkt und vorbeugt gegen die„Vulnerabilitäten“ des hohen Lebensalters. Altersdiskriminierung und„Generationenkonflikt“ Gewarnt wurde vor einem„Generationenkonflikt“(Stichwort: Rente und Gesundheitsversorgung). Vielmehr müsse zwischen Alten und Jungen der Grundsatz der Solidarität gewahrt bleiben. Im Privaten zeige sich häufig, dass es den viel zitierten„Generationenkrieg“ gar nicht gibt. Erkannt werden müsse, dass Junge wie Alte aufeinander angewiesen sind. Nur wenn beide Seiten das beherzigten, könne ein„Generationenkonflikt“ vermieden werden. In diesem Zusammenhang wurde auch auf das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz(AGG) verwiesen, das im August 2006 in Kraft trat. Hier wurde –­ gegen Widerstände – dafür gekämpft, dass auch Altersdiskriminierung Bestand­teil des Gesetzes ist. 27 ≠≠ Beiträge Erfahrungen aus Engagementfeldern 28 Dr. Jan Steinhaussen Landesseniorenvertretung Thüringen Der Beitrag der Seniorenvertretungen für realistische Altersbilder Aus meiner Sicht geht es weniger um eine Diskriminierung alter Menschen oder um ausschließlich negative Altersbilder, ich beobachte vielmehr eine Fremdheit der Generationen, die in unserer Kultur tief verwurzelt ist. Das zeigt sich beispielsweise in einer Tendenz zu altershomogener Gruppenbildung: So setzt sich etwa der persönliche Freundes- und Bekanntenkreis selten aus Mitgliedern unterschiedlicher Altersgruppen zusammen. Vor diesem Hintergrund möchte ich dafür plädieren, Alters- von Altenbildern zu unterscheiden. Nur letztere umfassen tatsächlich die Gruppe alter Menschen. Man sollte also vielmehr, wenn man von Altersbildern spricht, unterschiedliche Generationen betrachten und miteinander in den Dialog bringen. Bezeichnend ist aus meiner Sicht, dass in unserer Gesellschaft die trennen­den Elemente zwischen Jung und Alt vorherrschen. Das möchte ich am Bei­spiel der Bildungspolitik verdeutlichen. Dieser Politikbereich konzentriert sich fast ausschließlich auf die frühkindliche Erziehung, die Schulen und Univers­ itäten.­ Selten bis gar nicht kommt im Rahmen der Bildungspolitik zum Ausdruck, dass Bildung gerade für ältere Menschen einen existenziellen Wert besitzt – als Quel­le der Lebenszufriedenheit, des Glücks und des Gebraucht­werdens. 29 Auch im Nichtvorhandensein älterer Menschen im öffentlichen Leben manifestieren sich Altersbilder. Das wird allzu oft vergessen. Darin kommt keine defizitäre Sicht zum Ausdruck, sondern vielmehr die Fremdheit zwischen den Generationen. Das führt zu Vorurteilen, Missverständnissen und oft negativen Altersbildern. Durch mein persönliches Enga­ge­ ment, zum Beispiel als Vorsit­zen­ der eines Wohlfahrtsverbandes, haben sich auch meine Altersbilder ver­ändert. Mir geht es dabei weniger um ein„Voneinander Lernen“, sondern um die Akzeptanz von Lebensleistungen anderer Wertmaßstäbe und eine differenzierte Sicht auf das Alter. Mein persönliches Engagement macht mir gleichzeitig auch meine eigenen Ambivalenzen deutlich. Abschließend möchte ich noch auf die sich oft ganz subtil zeigenden„Altenbilder“ in Kulturprodukten hinweisen. Wenn Ampelphasen zu kurz sind und Einkaufswagen zu groß, dann verrät das auch etwas über Altersbilder. Ein Beitrag von Seniorenvertretungen liegt darin, auf solch immanente Altersbilder aufmerksam zu machen. Seniorenvertretungen tun aber auch etwas für die„Selbstwirksamkeit“ alter Menschen und stärken ihr Selbstwertgefühl. Dadurch verändern sich oft auch die negativen eigenen Altersbilder älterer Menschen. 30 Altun Aktürk Mitglied der Seniorenvertretung Berlin-Neukölln Ältere Migrant/innen in der bezirklichen Altenpolitik Ich bin seit Herbst 2006 in der Seniorenvertretung in Berlin-Neukölln ehrenamtlich tätig. Ich habe mich zu dieser Aufgabe entschlossen, weil mir das Fehlen der Stimmen älterer Migrant/innen in der Öffentlichkeit auffiel. In der Seniorenvertretung versuchen wir, uns – soweit es geht – sachkundig zu machen und herauszufinden, welche Probleme ältere Menschen haben und wie wir Hilfe leisten können. Dazu führen wir an unterschiedlichen Orten Sprechstunden durch und beraten ältere Menschen. In verschiedenen Veranstaltungen wurde bereits über die Probleme älterer Migrant/innen, die der ersten Generation, gesprochen und nach Lösungen gesucht. Leider wurden wir selbst nicht dazu gefragt, was wir denken und was wir brauchen und was unsere Probleme sind. Diese Fragen wurden zumeist aus Sicht der„einheimischen“ Gesellschaft diskutiert. Um hieran etwas zu ändern engagiere ich mich persönlich und nehme an Veranstaltungen wie dieser heute oder an Ausschusssitzungen teil. Wenn ich darum gebeten werde, etwas über die Probleme älterer Migrant/innen zu berichten, werbe ich auch gemeinsam mit meinen Kolleg/innen aus der Seniorenvertretung auf öffentlichen Veranstaltungen für die Arbeit der Seniorenvertretung. 31 Nicht etwa mangelnde Deutschkenntnisse älterer Migrant/innen sind der Grund für das zurückhaltende Engagement sondern ihr bislang zurückhaltendes Auftreten in der Öffentlichkeit. Doch daran ändert sich langsam etwas. Durch meine Arbeit in der Seniorenvertretung möchte ich ein positives Beispiel geben und unser Engagement sichtbar machen. Meine Botschaft lautet daher: Wir älteren Migrant/innen sind in Deutschland angekommen. Wir leben und teilen die Sorgen des Landes und wollen an der Lösung mitarbeiten. Integration bedeutet für uns die Beteiligung auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Wir wollen zeigen, dass wir integriert sind und den Willen haben in dieser Gesellschaft, wo unsere Kinder und Enkelkinder geboren sind, auf Dauer zu leben. 32 Dr. Manfred Heeß Seniorpartner in School e. V. – SIS Engagement älterer Menschen in Schulen Mein kalendarisches Alter ist 65, mein biologisches Alter ist abhängig von meiner Tagesform. Zu meinen kognitiven Fähigkeiten möchte ich kurz anmerken, dass ich vor knapp 20 Jahren eine Hirnoperation hatte, deren Folgen mich auch heute noch stark beeinträchtigen. Weil meine Kinder damals noch sehr klein waren, habe ich alles daran gesetzt, nicht zu verzagen, sondern wieder in den Schuldienst zurückzukehren. Vor zweieinhalb Jahren ging ich in Altersteilzeit, weil ich spürte, dass die täglichen Belas­ tungen zu groß wurden. Nachdem ich ein Jahr zu Hause saß, spürte ich, dass doch etwas fehlte in meinem Alltag – zumal meine Frau noch berufstätig war. Zu diesem Zeitpunkt fand meine Frau eine Anzeige der Initiative„Seniorpartner in School“ in der Zeitung und motivierte mich, mich bei SIS zu einer Mediatorenausbildung anzumelden. Seit nunmehr eineinhalb Jahren bin ich an einem Gymnasium in Berlin als Mediator tätig. Manchmal müssen meine Kollegin und ich zwei oder drei Konflikte am Tag lösen, und manchmal ist unsere Arbeit wochenlang nicht gefordert. Das ist einerseits zwar schön, weil man das Gefühl hat, gute Arbeit geleistet zu haben, andererseits wird es aber auch ein wenig langweilig. 33 Zusätzlich zu meiner Mediatorentätigkeit arbeite ich als Lesepate an einer Hauptschule, und seit kurzem unterrichte ich vertretungsweise angehende naturwissenschaftliche Laborassistenten in Englisch an einem Oberstufenzentrum. Ich bin also praktisch jeden Tag in der Woche unterwegs, so dass ich manchmal„gar nicht weiß, wo mir der Kopf steht“ vor lauter Arbeit. Die Mediatorentätigkeit ist, genauso wie Unterrichten, immer ein langfristig wirkender Prozess. Man weiß nie so genau, was in den Köpfen der Kinder wirklich vor sich geht. Aber diese Tätigkeit ist auch, wenn man kleine Erfolge sieht, sehr befriedigend. Manchmal kommen die Schüler direkt auf mich zu in der Schule und freuen sich, mich zu sehen. Da heißt es dann: „Hallo, Herr Heeß, schön, dass Sie da sind. Wir haben wieder mal ein Problem.“ Mein Selbstbild hat sich durch meine ehrenamtlichen Tätigkeiten verändert: Ich traue mir heute mehr zu und bin zufriedener. Mein Fazit lautet daher:„Wenn man die Hände in den Schoß legt, wird man im Alter immer kleiner und schwächer.“ Bei all dem Positiven sehe ich aber auch die Gefahr, ausgenutzt zu werden oder anderen, etwa Sozialarbeitern oder Lehrern, Stellen wegzunehmen. Außerdem finde ich es wichtig, dass für ehrenamtliche Tätigkeiten zumindest eine kleine Aufwandsentschädigung gezahlt wird. 34 Andrea Rutkowski Evangelische Fachhochschule Berlin Jung und Alt mit Zukunft – Altern im ländlichen Raum, Kyritz(JAZ) 15 Studierende der Evangelischen Fachhochschule Berlin(EFB) erforschen unter der Leitung von Brigitte Jürjens, Professorin an der EFB, in dem Projekt„Jung und Alt mit Zukunft – Altern im ländlichen Raum(JAZ)“ seit September 2008 gemeinsam mit älteren Bürgerinnen und Bürgern der Brandenburger Stadt Kyritz die Lebenssituation älterer Menschen im ländlichen Raum. Insbesondere in ländlichen Regionen Ostdeutschlands stellt die Abwanderung junger und qualifizierter Arbeitskräfte eine große Herausforderung dar. Sie wirkt sich sowohl auf die Familienstrukturen aus als auch auf die Versorgungssituation älterer Menschen. Unterstützung, Pflege und Versorgung dieses Personenkreises hängt nicht zuletzt von funktionierenden Versorgungsketten ab. Durch die Abwanderung fehlt es aber an Hilfsstrukturen in der häuslichen Versorgung, so dass ältere Menschen ihr gewohntes Lebensumfeld verlassen müssen. Hinzu kommt langfristig die steigende Altersarmut, da in den kommenden Jahren die ersten Hartz-IV-Empfänger in Rente gehen werden. Hier liegt der Ansatzpunkt des Projektes JAZ. Ziel der auf mindestens drei Jahre angelegten Arbeit ist die Aktivierung und Beteiligung der Bürger in Kyritz, vor allem mit Blick auf ein selbstbestimmtes und qualitätsvolles Altern. Um dieses sehr hoch gesteckte Ziel zu erreichen, ist das Projekt in vier Phasen gegliedert. 35 In der ersten Phase wurde die Ist-Situation in Kyritz aufgenommen. Diese Phase war Anfang des Jahres beendet. Ziel der zweiten Phase ist die Aktivierung der Bürger von Kyritz im Rahmen einer Zukunftswerkstatt, die am 20. Februar 2009 in Kyritz mit Unterstützung der Friedrich-Ebert-Stiftung stattfand. In den Phasen drei und vier geht es schließlich um die Entwicklung und Umsetzung konkreter Projekte in Kyritz gemeinsam mit den Bürgern. Das Interesse der Bürger und Bürgerinnen von Kyritz an dem Projekt ist sehr groß. Entsprechend intensiv ist auch die Mitwirkung in den ersten beiden Projektphasen gewesen. Vor allem Frauen im Alter von 50 bis 85 zeigten sich sehr offen und gesprächsbereit. Bemerkenswert war, dass keine dieser Frauen sich wirklich„alt“ fühlte, sondern noch sehr aktiv im Leben stand. Eine große Sorge vieler älterer Menschen im ländlichen Raum ist die Frage, wer die alten Menschen einmal versorgen wird. Denn viele der jungen Leute verlassen ländliche Regionen auf der Suche nach Arbeit; das gilt auch für Kyritz. Die „Jungen“ im Ort sind 40 Jahre und älter. Sie sind es, die noch dafür sor­ gen, dass wichtige kommunale Einrichtungen, wie etwa die Feuerwehr, funktionieren. Bei vielen alten Menschen war angesichts dieser Entwicklung eine gewisse Melancholie und Traurigkeit spürbar, denn viele haben in ihrem Lebensentwurf darauf gebaut, im Alter von ihren Kindern und Enkeln versorgt zu werden. Dennoch – und das war in den Gesprächen sehr überraschend – war wenig Resignation spürbar, sondern eher der Wunsch, diese Probleme gemeinsam anzugehen und nach Lösungen zu suchen. Für viele Ältere steht heute schon fest, dass sie später, wenn sie sich selbst nicht mehr versor­gen können, in die Stadt in ein Altersheim ziehen – obwohl nur die wenigsten dies eigentlich wollen. Hier gilt es, gemeinsam mit den Bürgern der Stadt Kyritz nach mögli­ chen Lösungen im Rahmen des bürgerschaftlichen Engagements zu suchen. 36 Dr. Clemens Rufer Theater der Erfahrungen Werkstatt der alten Talente Bei meiner Suche nach einem Ehrenamt, das mir Spaß machen könnte und zu mir passt, wandte ich mich an die Berliner Ehrenamtsbörse. Nach einem kurzen Gespräch riet man mir, mich an das Theater der Erfahrungen beim Nachbarschaftsheim Schöneberg zu wenden. Bei meinen ersten Besuchen dort lernte ich etwa 50 Menschen zwischen 55 und 85 Jahren kennen, die dort unter der Anleitung zweier erfahrener Theaterpädagoginnen in drei Gruppen arbeiten. Sie setzen ihre eigenen Erfahrungen und Probleme in selbst geschriebenen Stücken um und gehen mit diesen Theaterstücken auf Wanderschaft in Altenheime, Gemeinden und Bürgerhäuser. Das Motto lautet:„Uns macht unser Spielen Riesenspaß und wir möchten Euch etwas von diesem Spaß vermitteln.“ Die häufigste Resonanz, die ich im Laufe meines neuen Theater-Engagements erlebte, war Überraschung bei mir und anderen über die Möglichkeiten und Fähigkeiten, über die man auch im Alter noch verfügt:„So schlimm kann es mit dem Altsein doch gar nicht sein“, ist eine der häufigsten Reaktionen. Das Kernstück unserer Arbeit heißt aus gutem Grund Theater der Erfahrungen. Aus dem eigenen Erleben heraus entwickeln ältere Menschen hier eigene Programme, präsentieren sie in der Öffentlichkeit und regen damit zu Diskussionen an. Auf diesem Wege mischen sie sich in gesellschaftliche Auseinan37 dersetzungen ein und bewahren damit sich und viele Altersgenossen vor Rückzug und Isolation. Ein monatliches Abendvergnügen unter dem Motto „Heimspiel“ ist im frisch umgebauten Großen Saal des Nachbarschaftsheims in der Holsteinischen Straße 30 in Friedenau zu besichtigen. An jedem dritten Freitag um 20 Uhr wird dort präsentiert, was neu auf dem Spielplan steht, umbesetzt und überarbeitet oder mit verschiedenen Kooperationspartnern wie Schulen und Stadtteilzentren(s. unten) auf die Bretter gebracht wurde. Das Ganze spielt sich in gastfreundlicher Atmosphäre ab – und rund um die Veranstaltungen können Spieler/innen und Publikum bestens miteinander ins Gespräch kommen. Zum Theater der Erfahrungen kamen im Laufe der Zeit weitere Projekte. Dazu gehört die intergenerative Schule des Lebens, wo wir gemeinsam mit Berliner Schulen in mehrtägiger Zusammenarbeit jeweils ein Stück entwickeln, das die Probleme oder Themen der Jugendlichen aufgreift. Für mich selbst war zum Beispiel im Oktober 2006 der Auftakt dazu die Kooperation mit der Spree­ wald-Grundschule. Im Rahmen von Projekttagen entwickelten Kinder der 5. und 6. Klasse, der überwiegende Teil mit Migrationshintergrund, gemeinsam mit uns Senioren eine Szenencollage bis zur Aufführungsreife vor Eltern, Schülern und Lehrern. Ein anderes Projekt heißt Interkultureller Schmelztiegel. Die Theatergruppe, in der ich selbst mitspiele(„Bunte Zellen“) ist dafür das beste Beispiel: Hier arbeiten wir gemeinsam mit älteren türkischen Menschen. Das ist wegen der Sprachprobleme nicht immer einfach – vielleicht macht gerade deswegen diese Arbeit so viel Spaß! So haben wir uns zum Beispiel zu bestimmten Themen, wie etwa Erste Liebe oder Heimat oder Abschied gegenseitig Geschich­ten aus unserer Kindheit erzählt und dabei gefragt:„Wie war denn das bei Dir – hier in Berlin und wie bei Dir in der Türkei?“ Diese Arbeit hat uns sehr zusammengeschweißt. Das Ergebnis heißt„Allet janz anders – aber so verschieden nu ooch wieder nicht! Hersey farkli – ama okadar farklida degil simdi yani!“ – ein echter Publikumsrenner. Kreative Potentiale des Alters heißt unser jüngstes Vorhaben, bei dem wir diese neuen Spielarten bürgerschaftlichen Engagments älterer Menschen zusammen mit mehreren Berliner Stadtteilzentren entwickeln und so in der ganzen Stadt Impulse für eine moderne Seniorenarbeit setzen. 38 Die Kooperation mit der Alice-Salomon-Fachhochschule garantiert darüber hinaus als Meisterschule bei all diesen Projekten den fachlichen Austausch zwischen uns Ehrenamtlichen und Lehrenden sowie Studierenden der Sozialund Theaterpädagogik. Seit Januar 2008 sind Theater der Erfahrungen, Schule des Lebens, Interkul­ tureller Schmelztiegel, Kreative Potentiale des Alters und Meisterschule unter dem Dach der Werkstatt der alten Talente vereint. Dieses Gesamtprojekt – in der Trägerschaft des Nachbarschaftsheims Schöneberg – wird mit EU- Mitteln gefördert sowie vom Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband und der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales unterstützt. Unsere Arbeit konnte dadurch noch erheblich an Schwung und Möglichkeiten gewinnen. Mir gibt diese Aufgabe viel Sinn in meinem Leben als älterer Mensch, und ich bin sicher, dass unsere Arbeit auch für andere einen Sinn hat. Daher darf man wohl nicht nur von einer„Win-win-Situation“, sondern sogar von einer ausgesprochenen„Sinn-Sinn-Situation“ sprechen! Wenn Ihnen ebenfalls nach solch kreativen Aktivitäten zumute ist, informieren wir Sie gern über unsere Angebote. Zum Beispiel gibt es regelmäßig den Theaterworkshop Graue Stars in Schöneberg: Er hat durch Multiplikatoren eine Verjüngungskur der besonderen Art erfahren und wird als Werkstatt für Einsteiger genutzt: Erfahrene Spielerinnen und Spieler aus den verschiedenen Theatergruppen leiten den Workshop in Eigenregie und gestalten die Nachmittage nach ihren Vorstellungen, Interessen und Möglichkeiten. Auf diesem Wege finden ganz unterschiedliche Schwerpunkte wie Pantomime, Musik und Bewegung oder Arbeit mit Texten ihren Platz im Programm – und sowohl die frisch gebackenen Leiter/innen als auch die Teilnehmer/innen profitieren von diesem neuen spannenden Modell! Mehr dazu unter: http://www.theater-der-Erfahrungen.de 39 ≠≠ Diskussion im Plenum 40 Folgende Themen und Anregungen wurden abschließend im Plenum vorgetragen: uch im privaten Bereich gibt es vielfältige Möglichkeiten des Engagements, so zum Beispiel in Familien als„Ersatzgroßeltern“. in sehr gutes Forum, um nach Möglichkeiten des Engagements zu suchen und erste Erfahrungen damit zu machen, ist der Berliner Freiwilligentag. eine Kinder sagen über mein Ehrenamt:„Mama, mach weiter so, dann wirst Du nicht alt.“ ir ging es wie vielen, die mit Beginn des Ruhestandes in ein tiefes Loch fielen. Mein Rat lautet daher, schon weit vor Beginn des Ruhestandes aktiv zu werden und nach neuen Aufgaben zu suchen. Wenn man das nicht tut, verpasst man leicht den Anschluss und kann sich später nicht mehr aufraffen. ür viele ältere Menschen sind die Beteiligungsstrukturen zu komplex. Viele können auch mit den Begrifflichkeiten, wie etwa dem des„Bürgerschaftliches Engagements“, wenig anfangen. Daher wäre es empfehlenswert, mehr Aufklärung und Informationsarbeit zu leisten. In Berlin hat jedes Bezirksamt einen Ansprechpartner für das Thema„Bürgerschaftliches Engagement“. Eine andere Informationsquelle sind in Berlin – aber auch in anderen Bundesländern – die Freiwilligenagenturen. 41 Freiwilligenagenturen Freiwilligenagenturen vermitteln Menschen aller Altersgruppen, die sich freiwillig engagieren möchten, an regionale Projekte, Initiativen und Vereine. In individuellen und kostenlosen Beratungsgesprächen werden die Wünsche, Motive und Erfahrungen der Interessenten mit den vielfältigen Projekten und Initiativen abgeglichen und zusammengebracht. So entstehen vor Ort neue Netzwerke für bürgerschaftliches Engagement und es wird ein reger Fach- und Erfahrungsaustausch angeregt. Mehr Informationen unter: http://www.bagfa.de s gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten, neue Projekte des bürgerschaftli­ chen Engagements für Ältere zu initiieren. Doch wo gibt es Gelder für solche Projekte? in Stolperstein für ehrenamtliche Arbeit sind die oft selbst zu finanzieren­ den Fortbildungen. Manche ältere Menschen können sich diese Fortbildungen nicht leisten. ichtig ist eine gute und kreative Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der „Ehrenamtsprojekte“. in Problem ist, dass sehr viele Programme sich ausschließlich an ältere Menschen richten, die ohnehin schon aktiv sind, während vor allem chronisch kranke, einsame oder arme ältere Menschen kaum erreicht werden. Daran muss unbedingt etwas geändert werden. Man braucht eine Kultur der Offenheit. Zu bedenken ist, dass Menschen, die nie im Engagement tätig waren, auch im Alter nur schwer dafür zu gewinnen sind. Auch das Bildungsniveau beeinflusst die Bereitschaft, sich im Ehrenamt zu engagieren. vielen Ehrenamtsprojekten fehlen eine gute Ausbildung und die regelmäßige Möglichkeit der Supervision. 42 hrenamtliches Engagement darf keine Arbeitsplätze vernichten. as Ehrenamt ist eine Chance für alle und nicht nur für ältere Menschen. Noch fehlt es an einer Kultur des ehrenamtlichen Engagements in unserer Gesellschaft und des gegenseitigen voneinander Lernens und des miteinander Lebens von Jung und Alt. Dieses Miteinander sollte im öffentlichen Leben sichtbarer werden. 43 ISBN: 978-3-86872-136-2