Forum Familienpolitik Junge, welche Rolle spielst Du? Männlichkeitsbilder im Wandel Zusammenfassung der Konferenz vom 16.6.2009, Berlin Nina Bessing „Junge, welche Rolle spielst Du?“, fragten die Friedrich-Ebert-Stiftung und das Projekt Neue Wege für Jungs am 16. Juni 2009 im Rahmen einer gemeinsamen Konferenz. Die Lebens- und Arbeitsweise der Geschlechter, ihr Rollenverständnis und ihre Vorstellung von Familie und Partnerschaft haben sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt. Viele Frauen wollen heute Familie und Beruf miteinander verbinden. Immer mehr Männer wünschen sich, nicht nur berufstätig zu sein, sondern auch eine engagierte Vaterschaft leben zu können. In der gesellschaftlichen Realität sind diese Wünsche jedoch trotz Elternzeit und flexibler Arbeitszeiten nicht immer leicht umzusetzen. Doch wie gehen eigentlich Jungen und Mädchen mit diesen veränderten Rollenanforderungen um? Sind die Jungen, wie einige Medien nicht müde werden zu betonen, tatsächlich die neuen Sorgenkinder der Gesellschaft? Sind umgekehrt Mädchen die großen Nutznießerinnen, weil es ihnen leichter fällt, den neuen Erwartungen zu entsprechen? Gibt es eine strukturelle Benachteiligung von Jungen im Bildungssystem, weil spezifische„männliche“ Bedürfnisse nicht ausreichend berücksichtigt werden? Brauchen wir vor diesem Hintergrund zukünftig eine explizite Jungenförderung? Diese und andere Fragen wurden im Rahmen der Konferenz erörtert. 1. Einführungsvorträge Referent/innen: • Prof. Dr. Edgar Forster, Universität Salzburg, Fachbereich Erziehungswissenschaft und Kul­ tur­soziologie • Prof. Dr. Barbara Koch-Priewe, Universität Bielefeld, Fakultät für Erziehungswissenschaft Die beiden einführenden Vorträge beleuchteten die„Krise der Männlichkeit“ aus wissenschaftlicher Perspektive. Daraus lassen sich folgende zentrale Thesen ableiten: Impressum: Friedrich-Ebert-Stiftung Forum Politik und Gesellschaft Hiroshimastr. 17, 10785 Berlin Tel. 030- 269 35 7321 www.fes.de/forumpug Text: Nina Bessing, Bereichsl­eiterin Wirtschaft, EAF| Europäische Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft Redaktion: Urban Überschär, Magdalena Zynda, Friedrich-Ebert-Stiftung Gestaltung: Inge Voß, Friedrich-Ebert-Stiftung Fotonachweis: Pavel Losevsky, Fotolia Die These von der„Krise der Männlichkeit“ ist aus wissenschaftlicher Perspektive umstritten. Denn sie beruht auf zwei fragwürdigen Annahmen: • Sie basiert auf einem essentialistischen Identitätsbegriff, der davon ausgeht, dass männliche und weibliche Geschlechtsidentitäten von einander abgrenzbare, einheitliche und in sich geschlossene Gebilde sind. Doch in der Realität sind Identitäten nicht immer klar umrissen und häufig voller Widersprüche. Krisen in der Identität gehören zur Entwicklung eines Individuums dazu. • Ein abrupter gesellschaftlicher Wandel von Männlichkeitskonzepten, der die These einer Krise belegen könnte, kann nicht nachgewiesen werden. Der These von der„Krise der Männlichkeit“ liegt das Bild einer essentialistischen Geschlechtsidentität zugrunde, die sich mit hegemonialer Männlichkeit deckt. Der Diskurs über die Männlichkeitskrise blendet Widersprüche zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung von Männern aus. Außerdem werden gesellschaftliche Widersprüche z. B. zwischen Berufszentrierung und aktiver Vaterschaft negiert. Jungen sind nicht per se die Verlierer des Bildungssystems Die Behauptung, Jungen seien gefährdet, weil sie im Bildungssystem generell schlechtere Leistungsbewertungen erhielten, lässt sich so eindeutig nicht bestätigen. Folgende Ergebnisse belegen dies: Beim Lesen befinden sich 7% der Mädchen und 12% der Jungen unter der Kompetenzstufe 1(schlechte Leser/innen). Daraus folgt, dass etwa zwei Drittel dieser schlechten Leser/innen Jungen sind(Quelle: PISA-Studie 2006). In Englisch schneiden die Jungen nicht schlechter ab als die Mädchen(Quelle: Studie DESI 2007). In Mathematik und Naturwissenschaften sind die Jungen genauso gut wie die Mädchen oder teilweise sogar besser(Quelle: PISAStudie 2006). Jungen sind auch in der Grundschule nicht schlechter als Mädchen(Quelle: IGLU-Studie 2006). Jedoch ist die Streuung des Leistungsniveaus in der Regel bei Jungen größer: es existieren„Hochleister“ und„Niedrigleister“. Mehr als die Hälfte aller Jungen tendiert allerdings zu Antworten, die auf eine eher geringe Anstrengungsbereitschaft in der Schule schließen lassen. Im angloamerikanischen Raum werden schlechte Schulleistungen bei Jungen daher häufig als„underachievement“, d. h. als Unterschreitung des eigentlichen Leistungspotenzials interpretiert. Wenn Mädchen schlechte Leistungen erzielen, wird ein solches Leistungspotenzial jedoch nicht vermutet. Mädchen müssen sich folglich mehr anstrengen, um als Leistungsträgerinnen angesehen zu werden. Mehrheitlich entsprechen sie dieser Rollenerwartung. Jungen gelten dagegen auch mit schlechten Noten häufig noch als Leistungsträger. Die schlechte Leistung wird folglich viel schneller auf mangelnde Förderung und nicht auf mangelnde Potenziale zurückgeführt. Dies könnte z. T. auch die geringere Anstrengungsbereitschaft bei Jungen erklären. Jungen sind nicht die Verlierer in der Gesell­ schaft Trotz tendenziell schlechterer Noten sind Jungen und Männer in der Berufswelt immer noch erfolgreicher als Frauen. Sie bekommen die lukrativeren Jobs, verdienen deutlich mehr als ihre weiblichen Kolleginnen und machen schneller Karriere. Denn ausschlaggebend für den späteren Erfolg in der Gesellschaft sind weniger die Schulnoten: Faktoren wie das kulturelle Kapital und das Funktionieren in männerdominierten Strukturen sind zumindest in bestimmten Organisationen viel entscheidender. Das Geschlecht spielt auf dem Arbeitsmarkt also immer noch eine große Rolle. Der Diskurs um„die“ benachteiligten Jungen basiert auf hegemonialen Männlichkeits­ bildern Das Rollenbild von dem benachteiligten Jungen, der bereits im Kindergarten nicht genug„raufen“ könne und in der Schule allzu oft dazu gezwungen werde, Konflikte verbal statt körperlich zu lösen, basiert auf einem traditionellen Bild hegemonialer Männlichkeit. Gewalt als Konfliktlösungsstrategie, Konkurrenzorientierung und ein starkes Hierarchiedenken sind die Basis dieses Rollenbildes. Es ist daher dringend an der Zeit, darüber zu diskutieren, ob diese Werte im Bildungssystem weiterhin gefördert werden sollten. Der verbreitete vorwissenschaftliche„Wie-JungenSind“-Diskurs postuliert darüber hinaus eine natürliche, d. h. auf biologische Ursachen zurückzuführende Jungenhaftigkeit, die dem traditionellen männlichen Geschlechtsstereotyp entspricht. Dar2 auf aufbauend wird dann die angebliche Missachtung der spezifischen natürlichen Bedürfnisse von Jungen im Bildungssystem kritisiert. Aus der Perspektive konstruktivistischer und dekonstruktivistischer Geschlechterforschung ist das Geschlecht kein natürliches Schicksal. Vorstellungen von Männer- und Frauenrollen sind vielmehr gesellschaftlich konstruiert und werden tagtäglich von Menschen gemacht(das sogenannte„Doing Gender“). Folglich existiert auch nicht die eine natürliche Männlichkeit, sondern eine Vielfalt von Männlichkeiten und damit Rollenmodellen, denen Jungen folgen können oder nicht. Gesellschaftliche Realität offenbart eine Viel­ falt von(männlichen) Rollenbildern Auch wenn hegemoniale Vorstellungen von Männlichkeit die gesellschaftlichen Männlichkeitsbilder dominieren, stellen diese nicht das einzige vorhandene Rollenbild dar. Vielmehr existiert eine Vielfalt von männlichen und weiblichen Rollen(vor)bildern. Es gibt weder„die Jungen“ noch„die Mädchen“, sondern Jungen und Mädchen unterscheiden sich innerhalb ihrer Geschlechtergruppen zum Teil erheblich in ihrem Bildungsinteresse, ihren Rollenvorstellungen und ihrem sozialen Hintergrund. Dies sollte das Bildungssystem in Zukunft viel stärker berücksichtigen. Die Vielfalt des„Junge-Seins“ zeigt sich auch in Subgruppen und unterschiedlichen„JungenMilieus“, die oftmals nicht nur durch die Schule geprägt werden. Väter sind nur noch für 16% der Jungen ein Vorbild(deutliche Abnahme im Verlauf der letzten zehn Jahre). Ein Vorbild für Jungen ist, wer kompetent ist und viel weiß. Die vorherrschenden Männerbilder lassen sich wie folgt charakterisieren: • der smarte Gewinnertyp(gut aussehen, witzig, stark, intelligent), • der bürgerlicher Typ(angepasst, sozial, zuverlässig, fleißig, treu). Der Macho ist bei der Mehrheit der Jungen out. Geschlechterdemokratische Einstellungen werden von Jungen sehr viel häufiger als früher als Teil der eigenen Rollenvorstellung angesehen. Lehrerinnen schaden den schulischen Leistungen von Jungen nicht Viele Untersuchungen zeigen, dass Jungen und Mädchen in der Grundschule das gleiche Leistungsniveau aufweisen. Leistungsunterschiede zwischen den Geschlechtern entstehen erst nach der Grundschule. Die vorwiegend weiblichen Lehrkräfte erfüllen also ihren Bildungsauftrag. Leistungsunterschiede entstehen vielmehr erst dort, wo gemischtgeschlechtliche Lehrerkollegien Normalität sind. Es ist daher fraglich, ob die Ursache für die Leistungsunterschiede zwischen Jungen und Mädchen wirklich vom Geschlecht der Lehrenden abhängt. Viele Studien haben gezeigt, dass Lehrer/innen für junge Leute heute keine Rollenvorbilder mehr darstellen. Es existiert bisher auch keine Evidenz dafür, dass Jungen, die ohne Vater(figur) aufwachsen, davon Schaden nehmen. Auch die These, dass männliche Lehrer fehlende männliche Bezugspersonen ersetzen könnten, ist bisher unbewiesen. Männliche Lehrer können abwesende oder weniger aktive Väter keinesfalls kompensieren, denn sie haben eine andere Rolle gegenüber den Kindern als Eltern. Umgekehrt haben auch Kinder andere Rollenerwartungen an ihre Lehrer/ innen und Eltern. Stigmatisierung von jungen Männern mit niedrigem Bildungsabschluss und Migrations­hintergrund Es existiert allerdings eine Gruppe von Jungen, die im Zuge des neoliberalen Umbaus des Bildungssystems zunehmend stigmatisiert werden: junge Männer mit niedrigem oder keinem Bildungsabschluss, teilweise mit Migrationshintergrund. Fast immer stammen sie zudem aus einem bildungsfernen Elternhaus. Diese Gruppe von jungen Männern wird im Bildungssystem zu wenig gefördert, oft schon früh als„hoffnungslos“ abgestempelt und sogar vielfach„pathologisiert“. Bei diesen Jungen ist eine zusätzliche, gezielte Förderung dringend notwendig. Doch auch hier muss vor allzu schnellen Stigmatisierungen gewarnt werden. Entgegen mancher Alltagsüberzeugung ist diese Gruppe von Jungen weitaus weniger gewaltbereit als häufig angenommen wird: • nur sehr wenige dieser Jungen stimmen„ge3 waltlegitimierenden“ Aussagen zu, • Jungen mit Migrationshintergrund tun dies nicht häufiger als Jungen ohne Migrationshintergrund, • die Schulform ist für die Gewaltneigung relevanter als der Migrationshintergrund: relativ am höchsten ist sie auf den Hauptschulen ausgeprägt. Insgesamt sind Gewaltausbrüche bei Jugendlichen in den letzten Jahren zurückgegangen. Auch die Gewaltkriminalität bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist gesunken. Folgerungen für Schule und Unterricht Vor dem oben skizzierten Hintergrund lassen sich folgende Handlungsanleitungen identifizieren: • Förderung der Individualisierung von Jungen und Mädchen: Es könnte z. B. im Sport, aber auch in allen anderen Fächern stärker nach Neigung differenziert werden anstatt nach Geschlecht. • Mehr Bereitschaft zur Selbstreflexion: Schulen, Lehrer- und Schülerschaft müssen zukünftig stärker als bisher bereit sein, sich selbstkritisch zu fragen, inwieweit sie selbst zu Vorurteilen darüber beitragen, welche Rollenmuster Jungen und Mädchen erfüllen müssten, um„richtige Mädchen“ oder„richtige Jungs“ zu sein. Jungen und Mädchen sollten bewusst mehr Freiräume gegeben werden, um für sich ganz individuell auszuprobieren und zu entscheiden, was für sie „weiblich sein“ oder„männlich sein“ eigentlich bedeutet. Ansätze wie die von Neue Wege für Jungs können dabei hilfreich sein. • Mehr Bewusstsein für Diskriminierungen: Schüler/innen müssten stärker als bisher für Diskriminierungen und Stigmatisierungen(z. B. durch Hänseleien) von Jungen und Mädchen sensibilisiert werden, die sich nicht gemäß traditionellen Rollenvorstellungen verhalten. • Förderung von Chancengleichheit: Es sollten z. B. Selbstverteidigung/ Selbstbehauptung und nicht kampforientierte Interaktionsspiele für Mädchen und Jungen sowie je ein verpflichtendes Kita-Praktikum und ein Praktikum in technischen Berufen für Mädchen und Jungen angeboten werden. • Motivation von Jungen und Mädchen: Die schulische Anstrengungsbereitschaft von Jungen könnte durch gezielte Motivation erhöht werden. Hier ist vor allem die Nähe des Lernstoffs zur Lebenswelt als wichtiges Kriterium zu fördern. Es sollte eine Didaktik für„alle“ entwickelt werden, die jedoch Elemente enthält, mit denen Mädchen v. a. bezüglich des Selbstvertrauens in der Sekundarstufe 1 im Bereich Mathematik und Naturwissenschaften gefördert und Jungen v. a. im Lesen und in den sozialen Kompetenzen gefördert werden. • Abschaffung der Hauptschulen: Die Hauptschule sollte als Schulform abgeschafft werden, da sie im heutigen Bildungssystem ihren Absolvent/ innen keine Perspektiven mehr bieten kann. Fazit: Erziehung zur Geschlechterdemokratie sollte das Ziel sein Jungen sollte anstatt der Konkurrenzorientierung Werte wie gegenseitige Unterstützung und Verbundenheit mit anderen vermittelt werden. Männliche und weibliche Rollenbilder müssen in der Schule bewusst zur Diskussion gestellt werden und erweitert werden. Auch insbesondere Erfahrungen mit Diskriminierung, Gewalt und Homophobie sind mit Jungen und Mädchen offen zu thematisieren. Es ist zudem eine Pädagogik zu fördern, die über Privilegierung und Diskriminierung in der Gesellschaft aufklärt, Vielfalt von Jungen und Mädchen wertschätzt und geschlechterdemokratische Werte fördert. Ziel des Bildungssystems muss es sein, die individuelle Entwicklung von Jungen und Mädchen jenseits von Geschlechterstereotypen zu fördern. Lehrer/ innen sollten daher zukünftig stärker einen Blick für das„Untypische“ entwickeln. Dies ermöglicht für beide Geschlechter bessere Lebens- und Berufschancen. 3. Podiumsdiskussion Podiumsgäste: • Prof. Dr. Barbara Koch-Priewe • Prof. Dr. Edgar Forster • Kerstin Griese, MdB und Vorsitzende des Ausschusses für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 4 • Anne Jenter, Leiterin des Vorstandsbereichs Frauenpolitik bei der GEW • Moderation: Martin Spiewak, Journalist DIE ZEIT nicht ausreicht, damit Väter eine positive Auswirkung auf die Entwicklung ihrer Söhne haben. Wichtig ist, dass Jungen Väter als beziehungsbedürftige und-gestaltende Menschen in der Familie wahrnehmen. In der anschließenden Podiumsdiskussion wurde aus den Blickwinkeln der Politik, Gewerkschaften und Wissenschaft über die daraus resultierenden Folgerungen für Politik und Gesellschaft diskutiert. Dabei bestand zum größten Teil Einigkeit über die folgenden Punkte: Schule und Universität berücksichtigen ­Geschlechterdemokratie zu wenig Im Verlauf der Diskussion wurde deutlich, dass sich unser Schulsystem zu wenig mit Fragen der Geschlechterdemokratie auseinandersetzt. Im Zuge der Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen hat dieses Thema auch in der Ausbildung der zukünftigen Lehrer/innen eher an Bedeutung verloren. Seminare zu Gender-Mainstreaming sollten Pflicht für alle angehenden Lehrer/innen werden. Alle Podiumsteilnehmer/innen beklagten die mangelnde Relevanz des Themas in der Praxis und betonten, dass die Jungendebatte dieses Thema wieder neu belebt. Bessere Wertschätzung und Bezahlung von Lehrer/innen und Erzieher/innen In diesem Zusammenhang ist eine bessere Bezahlung von Erzieher/innen und Lehrer/innen notwendig, denn die Erziehung von Kindern verlangt eine hohe Qualifikation. Soziale Kompetenzen sind bei Erzieher/innen und Lehrer/innen keinesfalls per se vorhanden, sondern müssen erlernt werden. Gerade eine geschlechterdemokratische Erziehung erfordert gut qualifizierte Lehrer/innen und Erzieher/ innen und eine gute Personalausstattung an Schulen und Universitäten. Als Vorbild können diesbezüglich die skandinavischen Länder gelten. Beziehungsbedürftige und-gestaltende ­Väter sind für Jungen wichtig Auch die Rolle der Väter in der Erziehung von Jungen wurde näher beleuchtet. Es existieren noch zu wenige Studien zur Rolle von Vätern in der Erziehung. Fest steht aber, dass die bloße Anwesenheit Das Publikum ergänzte die Diskussion mit weiteren Aspekten: Beispielsweise wurde die Frage aufgeworfen, ob Schule in den jetzigen Strukturen überhaupt dazu in der Lage ist, mehr Demokratie seitens der Schüler/innen, der Lehrer/innen und Eltern auszuhalten. Hier sind grundlegende Änderungen notwendig, damit mehr Geschlechterdemokratie tatsächlich auch umgesetzt werden kann. Plädiert wurde außerdem dafür, Jungen nicht durch zusätzlichen Leistungsdruck, sondern durch Betonung ihrer Potenziale zu motivieren. 4. Die Fishbowl-Runde Fishbowlteilnehmer/innen: • Dr. Christine Bergmann, Bundesministerin a. D. und Mitglied im Vorstand der Friedrich-EbertStiftung • Prof. Dr. Detlef Pech, HU Berlin, Institut für Erziehungswissenschaften • Doro-Thea Chwalek, Projektleiterin Neue Wege für Jungs • Prof. Dr. Ahmet Toprak, FH Dortmund, Fachbereich angewandte Sozialwissenschaften • Moderation: Martin Spiewak, Journalist DIE ZEIT Jungen auf Förder-, Sonder- und Haupt­ schulen müssen verstärkt gefördert werden Der Jungenanteil an Förder-, Sonder- und Hauptschulen ist höher als der Anteil der Mädchen. Für diese Gruppe von Jungen müssen neue Lösungen gefunden werden. Dabei spielt auch die Gewaltprävention eine Rolle. Diese muss in erster Linie an den Perspektiven der Jugendlichen ansetzen. Hinter der Dominanz vieler gewaltbereiter Jugendlicher steckt Bedürftigkeit. Denn Jungen werden meist erst dann gewalttätig und beziehen sich auf traditionelle Männlichkeitskonzepte, wenn Gewalt als Konfliktlösungsmöglichkeit propagiert wird und sie glauben, in der 5 Gesellschaft versagt zu haben oder selbst schon Ausgrenzung erlebt haben. Mono- und Koedukation sinnvoll einsetzen Die Teilnehmer/innen diskutierten kontrovers über die Vor- und Nachteile von speziellen Angeboten nur für Mädchen oder nur für Jungen(Mono­ edukation). So berichteten die Praktiker/innen aus der Jungenarbeit darüber, dass Jungen z. B. beim Thema Sexualität und Gewalt in geschlechtshomogenen Gruppen viel offener über das Thema sprechen können. Auch über spezielle ­Angebote für Mädchen, z. B. in naturwissenschaftlichen ­Fächern, wurden in diesem Zusammenhang wieder diskutiert. Dabei besteht aber das Problem, dass Mono­edukation immer als etwas„Besonderes“ interpretiert wird. Schüler/innen nehmen daher oftmals solche Angebote nicht wahr, weil sie nicht „besonders“, sondern„normal“ sein wollen. Daher ist es wichtig, dass diese Angebote Teil schulischer Normalität werden – als normale und alltägliche Option für alle Schüler/innen. Ziel sollte nicht ein „Entweder-oder“ zwischen Mono- und Koedukation sein, sondern ein„Sowohl-als-auch“. Bei phasenweiser Geschlechtertrennung sollte zusätzlich der Schwerpunkt auf die Reflexion von Geschlechterrollen gelegt werden, um Stereotypisierungen zu vermeiden. Das System Schule verändern Gender-Mainstreaming und Geschlechterdemokratie sollten zukünftig die Basis des Schulsystems und seiner Bestandteile bilden. Dafür sollten sich Lehrkräfte, Eltern und Schüler/innen gemeinsam einsetzen. Bislang werden Genderaspekte und Geschlechterdemokratie – wenn überhaupt – nur in Extra-Angeboten wie Projekten, Beratungsangeboten oder AGs thematisiert. 5. Worldcafé – Best Practice der Jungenförderung Um konkrete Angebote der Jungenförderung und Best-Practice-Beispiele ging es zum Abschluss im Worldcafé. An insgesamt zehn Tischen präsentierten Tischgastgeber/innen ihre Projekte und Beratungsinstitutionen und diskutierten mit den interessierten Gästen über ihre Praxiserfahrungen. Alle Teilnehmer/innen hatten die Möglichkeit, insgesamt drei Tische zu besuchen. Der Schwerpunkt des Worldcafés lag auf der Vorstellung der einzelnen Projekte und Organisationen. Interessierte Leser/innen können sich zu den einzelnen Projekten unter dem sechsten Gliederungspunkt dieses Textes über die jeweiligen Homepages und die angegebenen Ansprechpartner/innen informieren. 6. Projekte und Organisationen des Worldcafés • Paritätisches Bildungswerk Bundesverband e. V., Frankfurt am Mai Ansprechpartnerin: Martina Taylor www.bildungswerk.paritaet.org • Agentur und Verlag Männerwege GbR, Hamburg Ansprechpartner: Alexander Bentheim www.hamburg.de/wasfuerjungs • Mannigfaltig e. V., Hannover Ansprechpartner: Christoph Grote www.mannigfaltig.de • Landesarbeitsgemeinschaft Jungenarbeit in NRW e. V., Dortmund Ansprechpartner: Sandro Dell’Anna www.lagjungenarbeit.de • Jugendbildungswerk Kreis Offenbach, Dietzenbach Ansprechpartner: Christian Sieling Jugendbildungswerk Kreis Offenbach • Jungenbeauftragter der Stadt München, München Ansprechpartner: Hartmut Kick Stadtjugendamt München • Dresdner Fachstelle Jungen- und Männerarbeit, Dresden Ansprechpartner: Holger Strenz www.maennernetzwerk-dresden.de • Bildungsteam Berlin-Brandenburg, Berlin Ansprechpartner: Olaf Stuve www.bildungsteam.de • Kommunale Gleichstellungsstelle der Stadt Wuppertal, Wuppertal Ansprechpartnerin: Martina Völker Stadtverwaltung Gleichstellungsstelle für Frau und Mann • Heinrich-Böll-Gesamtschule / Schulsozialarbeit, Dortmund 6 Ansprechpartner: Thorsten Friedrich www.hbgdo.de Literaturverweise: Bos, Wilfried/ Hornberg, Sabine/ Arnold, Karl-Heinz/ Faust, Gabriele/ Fried, Lilian/ Lankes, Eva-Maria/ Schwippert, Knut/ Valtin, Renate(Hrsg.), 2007: IGLU 2006. Lesekompetenzen von Grundschulkindern im internationalen Vergleich. http://iglu-www.ifs-dortmund.de/assets/files/iglu/IGLU2006_Pressekonferenz_erweitert.pdf Budde, Jürgen, 2008: Bildungs(miss)erfolge von Jungen und Berufswahlverhalten bei Jungen/; Bundesministerium für Bildung und Forschung(Hrsg.). Cremers, Michael 2007: Neue Wege für Jungs? Ein geschlechtsbezogener Blick auf die Situation von Jungen im Übergang SchuleBeruf. Klieme, Eckhard/ Beck, Bärbel(Hrsg.), 2007: Sprachliche Kompetenzen – Konzepte und Messung. DESI-Studie(Deutsch Englisch Schülerleistungen International). Koch-Priewe, Barbara/ Niederbacher, Arne/ Textor, Annette/ Zimmermann, Peter, 2009: Jungen – Sorgenkinder oder Sieger? Ergebnisse einer quantitativen Studie und ihre pädagogischen Implikationen. Pech, Detlef( Hrsg.), 2009: Jungen und Jungenarbeit: Eine Bestandsaufnahme des Forschungs- und Diskussionsstandes. Vortrag Prof. Dr. Barbara Koch-Priewe(16. Juni 2009) http://www.fes.de/forumpug/inhalt/documents/Prof. Dr.BarbaraKoch-Priewe.pdf Vortrag Prof. Dr. Edgar Forster(16. Juni 2009) http://www.fes.de/forumpug/inhalt/documents/Prof. Dr.EdgarForsterVortrag.pdf OECD-Studie, 2009: Equally prepared for life? How 15 year-old boys and girls perform in school http://www.oecd.org/document/2 /0,3343,de_34968570_35008930_42843842_1_1_1_1,00.html PISA-Studie 2006: http://pisa.ipn.uni-kiel.de/Zusfsg_PISA2006_national.pdf www.neue-wege-fuer-jungs.de www.fes.de/forumpug Diese Veröffentlichung wird gefördert aus Mitteln der DKLB-Stiftung. 7