47 Martin Grass Oscar Borge(1862 – 1938) Arbetarrörelsens arkiv, das Archiv der Arbeiterbewegung in Stockholm (jetzt: Arbetarrörelsens arkiv och bibliotek, Archiv und Bibliothek der Arbeiterbewegung) wurde 1902 gegründet. Einer der beiden”Gründungsväter” war Oscar Fredrik Borge 1 , nur zwei Jahre jünger als Hjalmar Branting, die führende Persönlichkeit der schwedischen Sozialdemokratie. Er hat sich damit einen Namen in der schwedischen Arbeiterbewegung erworben. Als Sammler und Bewahrer von Überlieferungen der Arbeiterbewegung gebühren ihm auch bleibende Verdienste für den Erhalt von Materialien deutscher Organisationen und Personen. Oscar Borge war von seiner Ausbildung her kein Archivar oder Bibliothekar. Er war Naturwissenschaftler, und zwar promovierter Botaniker und ein angesehener Algologe. 1897 sowie 1898 bis 1899 war er Assistent am botanischen Institut der Universität Uppsala bzw. der Hochschule in Stockholm. Seine wissenschaftliche Tätigkeit führte er bis in die 1920er Jahre fort, jedoch wegen seiner sonstigen Berufstätigkeit und Arbeitsbelastung nur”nebenher” und mit abnehmender Produktivität; insgesamt über 50 Arbeiten hat er im Bereich der Algologie publiziert. Während seiner Studienzeit in Uppsala war Oscar Borge aktiv in der radikalen Studentenorganisation Verdandi und im Wahlrechtsverein und schloss sich spätestens 1889 dem dortigen sozialdemokratischen Arbeiterklub an. Sein Interesse galt unter anderem Fragen der Arbeiterbildung. Von 1891 bis 1892 und 1894 bis 1896 leitete er die von ihm initiierte Arbeiterbibliothek von Verdandi und schrieb auch allgemeine 1 Zu Oscar Borge und seiner Periode in der Geschichte von Archiv und Bibliothek der Arbeiterbewegung vgl. Martin Grass, Labour’s memory. The Labour movement Archives and Library 1902-2002, Stockholm 2002, S. 7-18. Dort auch weitere Literaturhinweise und Illustrationen.(Auf schwedisch, ohne Illustrationen zugänglich über). 48 ”Ratschläge und Informationen für die Errichtung von Arbeiterbibliotheken”. In Stockholm arbeitete er neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit als Mitarbeiter an der 1892 errichteten Arbeiterbibliothek. Zusammen mit dem Leiter der Stockholmer Arbeiterbibliothek schlug er 1902 vor, eine Archivabteilung in der Bibliothek einzurichten, was auch beschlossen wurde. Damit hatte Oscar Borge seine Lebensaufgabe gefunden; er wurde der erste Leiter des Archivs und blieb es bis zu seinem Tod. Ab 1906 machte sich die Archivabteilung selbständig, mit dem schwedischen Gewerkschaftsbund und der sozialdemokratischen Partei als Träger. Dies bedeutete allerdings nicht, dass das Archiv zu einem Gewerkschafts- oder Parteiarchiv wurde. Oscar Borge betonte, dass das Archiv nicht nur für die Mitglieder der Organisationen der Arbeiterbewegung, sondern für jedermann zugänglich sein solle. Mitte der 1960er Jahre wurde das Archiv dann in eine Stiftung umgewandelt, mit dem Staat als dritten Träger. Ziel der Archivabteilung bzw. des späteren Archivs sollte sein,”im Dienst der schwedischen politischen und gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung sämtliche gedruckten und handschriftlichen Dokumente zu sammeln und aufzubewahren, die irgendwie die gewerkschaftliche und politische schwedische Arbeiterbewegung betreffen”. 2 Dies wurde auch sofort umgesetzt. Oscar Borge bat die verschiedenen Organisationen innerhalb der Arbeiterbewegung, entsprechendes Material abzugeben, und sollte es auch noch so”unbedeutend” erscheinen. Auf diese Weise sollte ermöglicht werden – das war der entscheidende Ausgangspunkt für die Gründung des Archivs –, als Gegengewicht zur vorherrschenden Ausrichtung der Geschichtsforschung sich mit Fragen der Arbeiterbewegung, die für die schwedische Politik und Gesellschaft immer wichtiger wurde, zu beschäftigen. Von Anfang an ging es Oscar Borge auch darum, Material von ausländischen und internationalen Organisationen zu sammeln, und er richtete entsprechende Anfragen an Institute und Organisationen im Ausland. Besonders wichtig war in diesem Zusammenhang Deutschland. Die 2 Aus dem Vorschlag von Oscar Borge und Fredrik Nilsson, 14.6.1902, Stockholms arbetarebibioteksförbund, in: Arbetarrörelsens arkiv och bibliotek, Box A 1:1. 49 deutsche Arbeiterbewegung wurde zu jenem Zeitpunkt ja als”die große Lehrmeisterin” betrachtet, um eine Formulierung von Hjalmar Branting zu verwenden. Eine Rolle spielte nicht zuletzt Wilhelm Jansson, der schwedische Gärtnereiarbeiter, der nach 1897 in der deutschen Gewerkschaftsbewegung Karriere gemacht hatte und der in der Periode bis zum ersten Weltkrieg ein wichtiger Kontaktmann und Vermittler zwischen der schwedischen und deutschen Arbeiterbewegung wurde. Wilhelm Jansson sorgte unter anderem für den Tausch von Gewerkschaftsprotokollen und-zeitungen und anderem gewerkschaftlichen Material. Übrigens kam auch die erste schriftliche Anfrage überhaupt aus Deutschland, im November 1905 vom Hauptverein für Volkswohlfahrt in Hannover. Deutschland war für Oscar Borge auch auf andere Weise von Interesse. Ende 1905, mit dem Aufbau des eigenen Archivs beschäftigt, erkundigte er sich bei Wilhelm Jansson, wie das Parteiarchiv der SPD organisiert sei. Wilhelm Jansson machte in seiner Antwort den Unterschied zwischen den beiden Einrichtungen deutlich. Das Archiv der SPD sei kein Archiv”in Ihrem Sinne”, d.h. kein Archivinstitut für sämtliche Organisationen der Arbeiterbewegung, sondern eben das Archiv einer Partei, der SPD, und das auch mit begrenzten Möglichkeiten. Man könne nicht einmal das Archivmaterial und die Druckschriften der SPDOrganisationen in ganz Deutschland sammeln. Außerdem gebe es eine weitere Beschränkung: Wichtiges Archivmaterial könne man nicht aufbewahren,“weil wir jeden Tag Besuch von der Polizei bekommen können”. 3 Davon ist das Stockholmer Archiv der Arbeiterbewegung verschont geblieben, wie auch später von den beiden Weltkriegen und in ihrem Gefolge den Verlusten von Archiv- und Bibliotheksgut. Dies wiederum hat zur Folge, dass aufgrund jener Orientierung nach Deutschland zumal in den Beständen der Bibliothek, aber auch im Archivbereich viel deutsches Material, in manchen Fällen vielleicht sogar Unikate, und wesentliche Informationen aus der deutschen Arbeiterbewegung der Forschung erhalten sind. 3 Wilhelm Jansson an Oscar Borge, Brief vom 26.4.1906, in: Arbetarrörelsens arkiv och bibliotek, Box E 1:1. 50 In dreifacher Weise hat Oscar Borge den Aufbau und die Ausrichtung des Archivs geprägt, von seiner dortigen fünfunddreißigjährigen Tätigkeit einmal ganz abgesehen. Zuerst wäre sein Engagement für die Belange der Arbeiterbewegung zu nennen, das den Ausgangspunkt für seine unermüdliche Sammeltätigkeit bildete. Diese Arbeit war für ihn ein politischer Auftrag, zusammen mit den anderen politischen Aufträgen außerhalb des Archivs. Er gehörte beispielsweise 1911 –1913 dem Stockholmer Stadtrat an und 1920 –1921 der Ersten Kammer des Reichstags, zur letzteren Kandidatur überredet von Hjalmar Branting. Hinzu kam ein Arbeitsethos, das sich auch von den bescheidenen Mitteln nicht abschrecken ließ. Bis Ende 1927 war er sowohl Leiter als auch alleiniger Mitarbeiter des Archivs. Sein Motto war:”Wenn man jeden Tag ein wenig tut, wird allmählich viel erreicht”. 4 Er hat damit einen guten Grund gelegt. 1905 legte Oscar Borge eine systematische Gliederung des gesamten – bereits erhaltenen und erwarteten – Bestandes des Archivs vor, ein festes, ziemlich kompliziertes System mit fünf Gliederungsebenen, gekennzeichnet durch Großbuchstaben, Kleinbuchstaben, griechische Buchstaben, römische und arabische Ziffern, und dazu eine organisationsorientierte sowohl hierarchische als auch geografische Untergliede rung. In der deutschen Archivtheorie spricht man von Tektonik, einem Terminus, der in der schwedischen nicht gebräuchlich ist. Oscar Borge war aber keineswegs von der deutschen Archivtheorie beeinflusst, üb rigens ebenso wenig von der schwedischen. Deren wichtige Veränderungen ab 1903(Betonung des Provenienzprinzips, Verzeichnungssystem) sind an ihm vorbeigegangen, wie sich auch kaum Kontakt mit dem richtungsweisenden staatlichen Archivwesen nachweisen lässt. Beeinflusst war er eher von bibliothekarischen Katalogisierungsprin zipien, vor allem aber durch seine Prägung als Botaniker. Das gesamte Archivmaterial steht wie eine nach Gattungen und Familien angeordnete”Pflanzensammlung” in den Regalen, war eine zutreffende zeitge 4 Das Motto von Oscar Borge wird in der Literatur zitiert, wahrscheinlich zum ersten Mal überliefert von einem ehemaligen Mitarbeiter: Fredrik E. Åhlander, Oscar Borge intime, in: Hävd och handling. Arbetarrörelsens arkiv femtio år, Stockholm 1952. S. 15. 51 nössische Beobachtung. Man könnte Oscar Borge somit als den Linné der schwedischen Arbeiterbewegung bezeichnen, zumindest im Archiv­ bereich. Sein System, das in der Folgezeit natürlich mehrfach modifi ziert wurde, war bis Mitte der 1960er Jahre gültig und hat im Grunde einen stärkeren Einfluss ausgeübt als die schwedischen Archivprin zipien. Es hat die Denkweise sogar noch bis in die 1980er Jahre beeinflusst, in denen dann eine stärkere Professionalisierung in der Archiv abteilung einsetzte. Heute existiert es nur noch als ein Überrest in der Altregistratur des Archivs. Im Bereich der Erschließung hat Oscar Borge innerhalb seines Systems unabhängig von den in Schweden damals schon gängigen Verzeichnungsrichtlinien gearbeitet. Diese wurden erst Mitte der 1960er Jahre in der Archivabteilung eingeführt. Geprägt durch seine Schulung als Bibliothekar hat er vornehmlich auf der untersten Ebene der Beschreibung, der des Einzeldokuments, verzeichnet, die zumindest im schwedischen Archivbereich nur in besonderen Fällen benutzt wird. Der insgesamt, verglichen mit heute, geringe Umfang des abgelieferten Materials machte das zudem überhaupt möglich. Auch in seiner Sammeltätigkeit ging es oft um Einzelstücke und nicht grundsätzlich um die Übernahme von Altregistraturen. Charakteristisch war weiter die Ausrichtung auf Materialtypen(Handschriftliches, Druckschriften, Fotografien, Plakate, und anderes), die bei der archivischen Arbeit, zu mindest in Schweden, grundsätzlich keine Rolle spielt, auch das in gewissem Maße eine Orientierung an Einzelstücken. Da der grundlegende Rahmen des Provenienzprinzips fehlte, wurde dadurch Material, das zusammengehörte und zumindest verzeichnungstechnisch hätte zusammengehalten werden müssen, ohne Angabe der Provenienz in die Bibliothek und in Sammlungen(Fotosammlung, Plakatsammlung, etc.) überführt. Dadurch entstand ein Informationsverlust. Oskar Borge ist zwar ein interessantes”Objekt” in der Geschichte der schwedischen Archivtheorie, aber seine große Leistung lag in dem vorausblickenden Entschluss, ein bisher”übersehenes” Quellenmaterial, das der bislang von der Forschung vernachlässigten, aber immer stärker und wichtiger werdenden Arbeiterbewegung, gesammelt und zugänglich gemacht zu haben. Hiermit hat er Material- und Informations- 52 verlusten grundlegend vorgebeugt. Das gilt ebenfalls für den Aufbau der Bibliotheksabteilung, die dann unter seinem Nachfolger Tage Lindbom erheblich gefördert und erweitert wurde. Das schwedische Archiv der Arbeiterbewegung wurde auf diese Weise auch zum Vorbild in Dänemark, Norwegen und Finnland, wo 1908/1909 ebenfalls Archive der Arbeiterbewegung gegründet wurden. Es wurde unter Oscar Borges Nachfolger ebenfalls zum Vorbild für die lokalen Archive der Arbeiterbewegung und der sogenannten Volksbewegungen(zu ihnen gehören in Schweden neben der Arbeiterbewegung unter anderem die Freikirchen und Abstinenzler). Oscar Borges Blick für die Bedeutung von Material im Bereich der Arbeiterbewegung, auch zeitgenössischem, hat unter seinem Nachfolger Schule gemacht. Frühzeitig wurde beispielsweise systematisch das bedrohte Material der deutschsprachigen politischen Flüchtlinge, die in der Zeit von 1933 bis 1945 in Schweden lebten und von denen auch viele in Schweden geblieben sind, gesammelt. Für die politischen Flüchtlinge war das Archiv nicht nur ein Ort der Begegnung – mehrere von ihnen haben in der Folgezeit dort auch als sogenannte Archivarbeiter gearbeitet – sie haben auch die bis zum Kriegsende bestehende Orientierung nach Deutschland verstärkt und durch die Sammlung von deutschem Material, beispielsweise die interessanten Tarnschriften, und durch die Abgabe ihrer Nachlässe(insgesamt 40) dafür gesorgt, Forschung in dieser Periode der Geschichte der deutschen und europäischen Arbeiterbewegung im Archiv der Arbeiterbewegung in Stockholm zu ermöglichen. Auch das ist, wenn man so will, letztlich Oscars Borges Verdienst. Oscar Borge starb am 4. Januar 1938. Sein Nachlass enthält nur sehr fragmentarisches Material. Seine Tätigkeit, von seiner wissenschaftlichen Arbeit abgesehen(zwei seiner Schriften liegen jedoch im Nachlass), lässt sich am ehesten aus der Altregistratur von Archiv und Bibliothek der Arbeiterbewegung erschließen. Hinweis zum Angebot digitaler FES-Veröffentlichungen im Internetangebot der Friedrich-Ebert-Stiftung Die hier vorliegende Datei(PDF) enthält einen Einzelbeitrag aus der Monographie "Bewahren- Verbreiten- Aufklären: Archivare, Bibliothekare und Sammler der Quellen der deutschsprachigen Arbeiterbewegung/ Günter Benser und Michael Schneider(Hrsg.) Bonn-Bad Godesberg, 2009" Internetadresse des Gesamtwerks: http://library.fes.de/pdf-files/adsd/06730/index.html ©Friedrich Ebert Stiftung| Webmaster| technical support| net edition Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung| 7. Oktober 2009