196 Gerhard Oberkofler Anton Menger(1841 – 1906) Der aus einer deutsch-böhmischen Beamten- und Offiziersfamilie stam mende Advokatensohn Anton Menger 1 , geboren im galizischen Maniów am 12. September 1841, hat die Matura extern in Krakau abgelegt, nachdem er in der 7. Gymnasialklasse wegen religiöser Auseinandersetzungen vom katholischen Staatsgymnasium in Teschen am 8. März 1859 ausgeschlossen worden war. In Krakau begann er mit dem Rechtsstudium und setzte dieses ab dem Wintersemester 1860/61 in Wien fort, wo er am 25. Juli 1865 zum Doktor der Rechte promovierte. Vom liberalen Wiener Advokaten Georg Granitsch als Konzipient angenommen, wurde er 1872 dessen Kompagnon. Gleichzeitig bereitete sich Menger weiter auf eine akademische Laufbahn vor, die er mit dem Erwerb der Lehrbefugnis für österreichischen Zivilprozess an der Wiener Rechtsfakultät(2. Februar 1872) begonnen hatte. 1874 wurde er zum außerordentlichen, 1877 zum ordentlichen Professor des österreichischen Zivilprozessrechtes an der Wiener Universität ernannt. Im September 1899 wurde Menger auf eigenes Ersuchen pensioniert, mit kaiserlichem Erlass vom 28. Dezember 1899 aber zum Honorarprofessor des österreichischen Zivilprozessrechtes und der Rechtsphilosophie ernannt. Er starb am 6. Februar 1906 in Rom. Sein Bruder Carl Menger war Nationalökonom an der Wiener Universität, sein Bruder Max Menger war in Wien Anwalt und als Wirtschafts- und Finanzjurist politisch tätig. 1 Weitere Literatur über Anton Menger: ÖBL, Bd.6, Wien 1975, S. 220 ff.( H. Hörner); NDB, Bd. 17, Berlin 1994, S. 71-72( Eckhart Müller); Dörte v. Westernhagen, Anton Menger(1841-1906). Sozialist, Naturrechtler, Weltverbesserer, in: Kritische Justiz(Hg.), Streitbare Juristen, Baden-Baden 1988, S. 81-91; Madeleine Wolensky, Anton Menger und seine Bibliothek. Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien, Wien 1991; Gerhard Oberkofler, Über sozialistische Privatbibliotheken in Wien und ihr Schicksal. Notizen insbesondere zu den Bibliotheken von Anton Menger, Theodor Mauthner, Wilhelm Pappenheim und Bruno Schönfeld, in: Alfred Klahr Gesellschaft, Mitteilungen, 11(2004) 2, S. 1-7(mit weiterführenden Literaturangaben); Peter Goller, Marx und Engels in der bürgerlichen Ideologie und in der sozialistischen Theorie, Wien 2007, S. 61. 197 Bekannt ist der asketisch lebende, von der philanthropischen Idee eines „volkstümlichen Arbeitsstaates“ beherrschte Menger durch seine sozialpolitischen Schriften geworden, in denen er sich in eine akademisch juristische Vorstellungswelt verstrickte, über die Friedrich Engels 1887 notierte:„Der Herr Professor entdeckt nun, dass dieser ganze Sozialismus sich juristisch auf drei solcher Schlagworte zurückführen lässt, auf drei Grundrechte. Diese sind 1) das Recht auf den vollen Arbeitsertrag, 2) das Recht auf Existenz, 3) das Recht auf Arbeit.“ 2 Menger wollte eine„neue Ausgabe der Menschenrechte“ und den Sozialismus unter Bekämpfung der materialistischen Geschichtsauffassung vom Klassenkampf auf den bürgerlichen„Rechtsboden“ zurückführen, was Engels zu der Bemerkung veranlasste:„Bisher hatten sich diese Herren zu vornehm gehalten, sich mit der theoretischen Seite der Arbeiterbewegung einzulassen. Wir müssen es also großen Dank wissen, wenn endlich einmal ein wirklicher Professor der Rechte, Herr Dr. Anton Menger, sich herablässt, die Geschichte des Sozialismus vom ‚rechtsphilosophischen‘ Standpunkt ‚dogmatisch näher zu beleuchten‘.“ 3 Die Schriften von Anton Menger sind heute ebenso vergessen wie sein kapriziöser Anspruch, einen originalen Beitrag zur Mathematik zu leisten. Menger war in Wien unter den Sozialisten als theoretisierender Intellektueller mit Sympathien für den Sozialismus angesehen, zumal er mitgeholfen hatte, die volkstümlichen Universitätsvorträge einzurichten. 1895 hatte er deren Statut verfasst und mit dem Studienjahr 1895/96 – in diesem Jahr war er auch Rektor – ins Leben gerufen. Die Arbeiterzeitung nannte Menger, der sich, was in Wien damals sehr ungewöhnlich war, ohne religiöse Zeremonien begraben ließ, bei seinem Ableben einen„Freund und Mitstreiter“. 4 Auf Bücherreisen in die Antiquariate von Paris, London und Berlin sammelte Menger eine frühsozialistische und kommunistische Bibliothek, die in der Welt einzigartig war. Carl Grünberg, Schüler und spä2 Friedrich Engels, Juristen-Sozialismus, in: MEW, Bd. 21, Berlin 1984, S. 494–509, hier: S. 498. 3 Ebd., S. 494. 4 Nachruf in der„Arbeiter-Zeitung“ vom 8.2.1906. Zitiert nach Wolensky, S. 16. 198 terer Fakultätskollege von Menger und selbst Büchersammler, war der Auffassung, die Bibliothek von Menger könne sich in Bezug auf die Reichhaltigkeit an Quellenwerken des französischen, englischen und deutschen Sozialismus mit der Pariser Nationalbibliothek und dem Britischen Museum messen. Menger hat testamentarisch seine Bibliothek der Universität vermacht, welche das Legat annahm. Über die Verwendung seiner, einschließlich der schmalen Bändchen und Broschüren, etwa 15 000 bis 16 000 Bände umfassenden Bibliothek machte Menger jedoch keine weiterführenden konkreten Angaben. Deshalb kam es nach dem Tod von Menger zuerst zu einem inneruniversitären verwaltungstechnischen Hin und Her. Schließlich wurde sie aber doch durch Josef Stammhammer professionell katalogisiert. Die Bibliothek war jedoch weiterhin nur provisorisch in den Räumen des staatswissenschaftlichen Instituts untergebacht und blieb ohne Benutzungsordnung. Zur Drucklegung des Katalogs der Menger-Bibliothek ist es nicht gekommen. Am 16. Mai 1918 klagte Grünberg, dass noch immer„eine ziemliche Menge von Büchern“ der Menger-Bibliothek auf Tischen und Sesseln herum läge. Die Bibliothek Mengers sei für die Benutzung so gut wie gar nicht bereitgestellt, sie sei bloß„ausgiebig und überhaupt nur von einem russischen Gelehrten, N. Rjazanoff, benützt worden. […] Er soll eine größere Menge von Büchern aus der Bibliothek entlehnt und, als er im Frühjahr 1915 Wien verließ und sich in die Schweiz begab, mit Erlaubnis von Hofrat v. Philippovich mitgenommen haben. Ob das richtig ist und ob Aufzeichnungen über diese, eventuell auch über sonstige Entlehnungen bestehen, ist mir unbekannt.“ 5 Der Ökonomieprofessor Eugen von Philippovich hatte bis zu seinem Tod als Direktor des staatswissenschaftlichen Instituts die Menger-Bibliothek mitverwaltet. Nach seinem Tod übernahm Edmund Bernatzik die Leitung, danach Grünberg(bis 1924). Es wird wohl so gewesen sein, dass der hervorragende Marxforscher und Historiker der Arbeiterbewegung Dawid Borisowitsch Rjasanow für seine wiederholte Benutzung der Menger-Bibliothek das stillschweigende Einvernehmen mit Philippovich auf Empfehlung von Grünberg hergestellt hatte. Rjasanow hatte 5 Zitiert nach Wolensky, S. 38. 199 ab Mitte 1909 in Wien zur Geschichte der I. Internationale gearbeitet, die in Form eines traditionellen Urkundenbuches herausgegeben werden sollte, und wurde dabei von der am 23. April 1908 durch Anton und Carl Menger gegründeten Anton Menger-Stiftung unterstützt. Eine parlamentarische Anfrage von Otto Bauer und Genossen über Verwaltung und Benutzung der Bibliothek von Menger im Oktober 1919 half nicht viel weiter. In seiner Antwort vom 10. Februar 1920 wies der Geschäftsführende Unterstaatssekretär für Unterricht Otto Glöckel im Einvernehmen mit Grünberg darauf hin, dass bislang für die Benutzung der Menger-Bibliothek kaum etwas geschehen sei. Er begrüßte die Anregung von Grünberg, die Bibliothek als Grundstock für ein zu schaffendes„Institut für das Studium der Geschichte des Sozialismus“ zu verwenden. Das Unterrichtsamt sei bereit, die Schaffung eines solchen Instituts mit der Menger-Bibliothek als Grundstock zu fördern,„falls von der Wiener Universität Wünsche in dieser Richtung geäußert werden“. 6 Die Realisierung dieses Instituts scheiterte infolge der bekannten politischen Veränderungen in der jungen Republik Österreich. Die MengerBibliothek blieb ohne entsprechend dotierte Organisation, auch wenn sich Grünberg weiterhin sehr für ihren Erhalt einsetzte. Im Sommersemester 1923 trat Grünberg mit der Wiener Arbeiterkammer in Verbindung, die im September 1922 in der Ebendorferstraße 7 ihre„Sozialwissenschaftliche Studienbibliothek bei der Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien“ eröffnet hatte. Diese erklärte sich gerne bereit, die Menger-Bibliothek unter der Bedingung eines Leihvertrages von mindestens dreißig Jahren zu übernehmen und völlig separat aufzustellen. Im Dekanat des Rechtshistorikers Ernst von Schwind wurde dieser Gedanke aufgegriffen, der Senat zögerte zunächst, doch Schwind konnte ihn schließlich mit einem Schreiben vom 14. Juli 1923 überzeugen. In Bezug auf die Raumfrage meinte Schwind, die Fakultät könne auch in den neuen Räumen in der Liebiggasse die Bibliothek nicht so zugänglich machen, wie es der Stiftbrief erfordere, weshalb„wir und die 6 Ebd., S. 39. 200 ganze Universität immer wieder heftigen Angriffen seitens der Sozialdemokratischen Partei ausgesetzt[sind], der ja manchmal jeder Anlass zu solchen Angriffen ganz willkommen ist“. Aber falls die Universität die Menger-Bibliothek„leihweise und mit allen Vorbehalten“ der Arbeiterkammer übergebe, dann werde diese dort zusammen mit den Bibliotheken von Engelbert Pernerstorfer und Viktor Adler eine sozialistische Bibliothek bilden„von einer Reichhaltigkeit und Vollständigkeit, wie sie sonst vielleicht nirgends auf der Welt sich wieder findet, und die gerade in ihrer äußerlichen Vereinigung für Forschungen auf diesem Gebiet und zwar für Freunde und Gegner dieser politischen Richtung von besonderem Wert ist“. 7 Die Wiener Arbeiterkammerbibliothek war tatsächlich zu einer einmaligen Sammlung zur Geschichte der Arbeiterbewegung mit vielen Erstausgaben herangewachsen. Schwind dürfte die Abtretung der Menger-Bibliothek nicht schwer gefallen sein. Indigniert erinnert sich der Professor an ihre gelegentlichen Benutzer, die seine bürgerlich reaktionäre Idylle schon optisch störten:„Dazu befreit diese Einrichtung unsere Institute von dem Besuch so mancher Elemente, die wir gerne von ihnen fernhalten, und überhebt uns von einer Verantwortung, die wir nicht tragen können, und befreit von der steten Gefahr von unwillkommenen und unverdienten politischen Angriffen aus dem sozialistischen Lager.“ 8 Der Senat überließ der Arbeiterkammer die Menger-Bibliothek mit Beschluss vom 16. November 1923 gegen bestimmte Auflagen zunächst für die Dauer von 25 Jahren, die dem mit Schreiben ihres Präsidenten Franz Domes zustimmte. Im Dezember 1923 erfolgte die Übergabe, Ende Mai 1924 war die Neuaufstellung im Großen und Ganzen abgeschlossen. In die Wiener Arbeiterkammer eilten bald auch links orientierte Studenten wie Jura Soyfer, der in seinem Romanfragment über die Vorgeschichte des Februar 1934 schrieb:„Wenn der eine in der Universitätsbibliothek die Deutsche Ideologie nicht ausgefolgt bekam, so darum, weil der andere sie schon las. Er /Erich/ stürzte ärgerlich in den Lesesaal der Arbeiterkammer. Aber da saßen schon lauernd und unersättlich Dutzende seinesgleichen“. 9 7 Ebd., S. 41. 8 Ebd.. 9 Jura Soyfer, So starb eine Partei. Werkausg., Bd. 3, Wien 2002, S. 168. 201 Nach der Okkupation Österreichs durch Hitlerdeutschland(1938) wurden die Arbeiterkammern aufgelöst. Die beschlagnahmten Bestände der Sozialwissenschaftlichen Studienbibliothek einschließlich der als Leihgabe von Seiten der Universität ausgewiesenen Menger-Bibliothek wurden so wie andere sozialistische Wiener Bibliotheken ins„Altreich“ verschickt. Sie wurde dem Arbeitswissenschaftlichen Forschungsinstitut der Deutschen Arbeitsfront in Berlin eingegliedert und während des Krieges ins„Protektorat“ ausgelagert, wo Teile Ende der 1940er Jahre aufgefunden worden sind. In Säcken und auf offenen Güterwagen wurde das, was übrig geblieben ist, nach Wien geschickt. Vieles ist in Regen und Schnee verkommen. Nur wenige Bände erhielt also die Wiener Arbeiterkammer nach der Befreiung zurück, fast 80 Prozent der alten Kammerbibliothek blieb verschollen. Madeleine Wolensky rekonstruierte einen Restbestand der Menger-Bibliothek von insgesamt nicht einmal 500 Bänden. Hinweis zum Angebot digitaler FES-Veröffentlichungen im Internetangebot der Friedrich-Ebert-Stiftung Die hier vorliegende Datei(PDF) enthält einen Einzelbeitrag aus der Monographie "Bewahren- Verbreiten- Aufklären: Archivare, Bibliothekare und Sammler der Quellen der deutschsprachigen Arbeiterbewegung/ Günter Benser und Michael Schneider(Hrsg.) Bonn-Bad Godesberg, 2009" Internetadresse des Gesamtwerks: http://library.fes.de/pdf-files/adsd/06730/index.html ©Friedrich Ebert Stiftung| Webmaster| technical support| net edition Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung| 7. Oktober 2009