222 François Melis Paul Neumann(1880 – 1969) Zwei seiner Verdienste sind hervorzuheben: Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten war Paul Neumann bemüht, Dokumente des SPDArchivs vor deren Zugriff zu bewahren. 1 Unmittelbar nach der Befreiung Deutschlands vom Hitlerfaschismus ergriff er die Initiative, um die 1933 beschlagnahmte Bibliothek der Sozialdemokratie aufzuspüren. Die Bedeutung dieser Initiative bestand nicht allein darin, dass er die Bibliothek wieder als geschlossene Sammlung zusammenführte. Vielmehr stellte sich später heraus, dass sich darin eine größere Anzahl von Büchern aus der Bibliothek von Karl Marx und Friedrich Engels befand. Trotz intensiver Recherchen fanden sich nur wenige persönliche Lebensdaten von Paul Neumann. Er wurde 1880 geboren. 2 Ursprünglich war er als Buchhalter an der Hauptkasse beim Parteivorstand der SPD tätig. 3 Das Berliner Adressbuch führt in einem Fall den Namen Paul Neumann mit dieser Berufsbezeichnung von 1912 an bis in die 1930er Jahre, so dass sich dahinter wahrscheinlich die gesuchte Person verbirgt. Danach wohnte er im Südosten Berlins, Britzer Str. 26. Als die Sozialdemokratische Partei Deutschlands Ende der 1920er Jahre beabsichtigte, Marx’ Geburtshaus in Trier in ein Museum umzugestalten, bewarb sich Neumann beim Parteivorstand erfolgreich um den Posten des Verwaltungsleiters. 4 Zusammen mit profilierten Marx1 Ausführlich in: François Melis, Auf der Suche nach der SPD-Bibliothek 1945/46. Eine späte Würdigung von Paul Neumann, in: Die Marx-Engels-Werkausgaben in der UdSSR und der DDR(1945–1968), Hamburg 2006, S. 95-140. 2 Angabe nach Mario Bungert,„Zu retten, was sonst unwiederbringlich verloren geht“. Die Archive der deutschen Sozialdemokratie und ihre Geschichte, Bonn 2002, S. 42, Anm. 103. 3 Paul Mayer, Die Geschichte des sozialdemokratischen Parteiarchivs und das Schicksal des Marx-Engels-Nachlasses, in: Archiv für Sozialgeschichte, 6/7,(1966/67), S. 93. 4 [ Paul Neumann ,] Bericht über den Aufbau des Karl Marxhaus-Museums in Trier, [Ende Mai 1948], in: SAPMO-BArch, SG Y 31, ME 6657, Bl. 1–39(im Folgenden: Neumann-Dok). 223 Kennern, wie dem Marx-Biographen Otto Maenchen-Helfen, dem russischen Emigranten und Auslandskorrespondenten des Moskauer Marx-Engels-Instituts Boris I. Nikolajewskij, und dem wissenschaftlichen Berater des SPD-Archivs Paul Kampffmeyer, wurde ein Konzept für die Ausgestaltung des Museums erarbeitet und Neumann mit der Ausführung beauftragt. Der Machtantritt von Hitler verhinderte die für den 50. Todestag von Marx am 14. März 1933 geplante Eröffnung des Trierer Museums. 5 Vor allem der Eigeninitiative des Leiters des SPD-Archivs Jonny Hinrichsen, Kampffmeyers und Neumanns war es zu verdanken, dass einzigartige Dokumente der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen über die deutsch-dänische Grenze oder als diplomatische Post nach Paris verbracht wurden. Da das Archiv zu umfangreich war, konnten nicht alle Materialien zum Versand gebracht werden. So verblieben in Berlin zum Beispiel die für das Karl-Marx-Haus vorgesehene Sammlung und das Spezialarchiv der„Neuen Rheinischen Zeitung“ von 1848/49. 6 Während der Nazi-Diktatur wurden Neumann, Kampffmeyer und Hinrichsen von der Geheimen Staatspolizei„hart bedrängt“, die fieberhaft nach dem so genannten„Ruhmesarchiv der SPD“ fahndete. 7 Leider ging Neumann nicht ausführlich darauf ein. In seiner Bescheidenheit schrieb er lediglich, dass es für sie eine Selbstverständlichkeit war, die Gestapo von der Sammlung fernzuhalten. 8 So konnte Hinrichsen drei Kisten und zwei Blechkoffer mit wichtigen Archivmaterialien in Berlin verborgen halten, in denen sich seltene Periodika aus der Frühgeschichte der Arbeiterbewegung befanden. Zwei Jahre später gelang es, sie wohlbehalten nach Amsterdam in das Internationale Institut für Sozialgeschichte zu überführen. 9 5 Ebd. 6 Mayer, S. 93. 7 Neumann, Bericht über den augenblicklichen Stand des Partei-Archivs an den Zentralausschuss der Partei, 28.1.1946. Neumann-Dok; bestätigt durch Gestapo-Unterlagen; vgl. SAPMO-BArch, Mikrofiche, R58/2418. 8 Ebd. 9 Mayer, S. 97. 224 Vom Kreis der unmittelbar Verantwortlichen des SPD-Archivs überlebte nur Neumann die Nazi-Herrschaft. Kampffmeyer und Hinrichsen waren zwischenzeitlich verstorben. Neumanns Entschluss, die Suche nach dem verschollenen Archiv unverzüglich zu beginnen, stand fest. Er nahm deshalb Kontakt mit dem Zentralausschuss der SPD auf und wurde als„Archiv-Verwalter“ beim geschäftsführenden Vorstand eingesetzt. Neumanns Berichte an den Zentralausschuss der SPD geben detailliert Auskunft über die erreichten Fortschritte beziehungsweise die aufgetretenen Hemmnisse beim Auffinden der 1933 beschlagnahmten Teile des Archivs und der Bibliothek. Sichtbar wird, dass er hartnäckig dieses Ziel verfolgte und erfolgreich verstand, bürokratische Hemmnisse und Sonderinteressen verschiedener Institutionen zu überwinden. Unterstützt wurde er hierbei insbesondere von dem Vorstandsmitglied Erich Gniffke. Bei Schwierigkeiten schaltete sich Otto Grotewohl persönlich ein. 10 Neumanns Bemühungen waren von Erfolg gekrönt. Er konnte nicht nur annähernd die Hälfte des alten Bibliotheksbestandes ausfin dig machen, sondern darüber hinaus auch zum Beispiel Bücher des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt am Main sowie Bestände verschiedener sozialistischer Büchereien. 11 Neumann konzentrierte seine Recherchen auf die Preußische Staatsbibliothek Berlin Unter den Linden und auf das Geheime Staatsarchiv in Berlin-Dahlem. Otto Winzer, Stadtratsmitglied des damaligen Berliner Magistrats und späterer Außenminister der DDR, machte vor allem den administrativen Weg frei für die Suche in den Kellern der Staatsbibliothek. 12 Dort fand Neumann zu seiner Überraschung neben der Karto10 Neumann, Bericht über die Verhandlungen mit dem Berliner Magistrat unseres Partei-Archivs wegen, 19.7.1945. Neumann-Dok. 11 [ Ders.], Bericht über die weitere Nachforschung unseres Partei Archivs, 20.7.1945; Ders., An den Berliner Magistrat Abt. Bücherwesen z. Hd. des Herrn Stadtrat Dr. Winzer, 26.7.1845. Neumann-Dok. Zum Institut für Sozialforschung in Frankfurt/Main: Rolf Wiggershaus: Die Frankfurter Schule. Geschichte. Theoretische Entwicklung. Politische Bedeutung, München 1988. 12 [Ders.], An den Magistrat d. Stadt Berlin Abt. f. Bücherei- und Archivwesen, z. Hd. Herrn Stadtrat Winzer, Berlin C 2 Stadthaus, 1.8.1945. Neumann-Dok. 225 thek der SPD-Bibliothek ein Aktenstück, das über das Schicksal dieses Teiles des Archivs lückenlos Auskunft gab und aus 16 200 bibliographischen Einheiten bestand. 13 Danach zeigten die braunen Machthaber großes Interesse an den Archivbeständen. Die verschiedenen Amtsstellen hätten, wie Neumann am 28. Januar 1946 schrieb, ein„förmliches Wettrennen“ um ihren Besitz veranstaltet. Zu den„aufnahmebereiten“ Institutionen habe die Staatsbibliothek gehört, ferner das Seminar für Staatsforschung in Berlin-Wannsee und das„Braune Haus“ in München – die zentrale Hochburg der Nazipartei. 14 Mit diesem Aktenstück fand Neumann zugleich eine weitere wichtige Spur zu Beständen der SPD-Bibliothek, die in das Geheime Staatsarchiv in Berlin-Dahlem führte. Hartnäckig verfolgte Neumann auch eindeutige Beweise der Existenz von Buchbeständen, die für das Karl-Marx-Haus in Trier bestimmt und mit dem Stempel„Karl Marx-Haus Trier“ als Besitzvermerk versehen waren. Nach eigenen Beobachtungen konnten Mitarbeiter des nach 1945 wieder errichteten SPD-Archivs feststellen, dass die für das KarlMarx-Haus vorgesehene Bibliothek aus der Preußischen Staatsbibliothek nach dem Sitz der Berliner Ratsbibliothek abtransportiert worden war. 15 Denn der Magistrat verfolgte ebenfalls das Ziel, eine Zentralbibliothek der sozialistischen bzw. politischen Literatur aufzubauen. Die zuständige Abteilung Volksbildung sah sich nunmehr gezwungen, die Karten auf den Tisch zu legen. In einem Schreiben an den SPDZentralausschuss teilte sie mit,„dass der grösste Teil der von der Rats13 [Ders.], Über den augenblicklichen Stand des Archiv-Aufbaues..., 10.8.1945. Neumann-Dok. 14 Ders., Bericht über den augenblicklichen Stand des Partei-Archivs. Das erwähnte Seminar war das Institut für Staatsforschung an der Universität Berlin, das im August/ September 1940 3 618 Titel erhalten hat. Sicher aus Unkenntnis erwähnte Neumann nicht, dass auch das Staatswissenschaftlich-Statistische Seminar der Friedrich-Wilhelms-Universität ca. 1 300 Titel im Februar 1940 erwarb, darüber hinaus die Bayrische Staatsbibliothek und die Bibliothek Ribbentrops im Auswärtigen Amt. Ausführlich über die Zerschlagung des Buchbestandes des SPD-Archivs in: Einführung zur Vorauspublikation MEGA 2 IV/32, S. 65/66. 15 [Ders.], An den Magistrat der Stadt Berlin, Abt. Büchereiwesen,..., 29.10.1945. Neumann-Dok. 226 bibliothek s. Zt. geborgenen Bibliothek ,Karl Marx-Haus Trier’ im August von einem russischen Beauftragten im Majorsrang, dessen Namen und Dienstanschrift man uns nicht mitteilte, im Militärlastwagen abgeholt worden ist, um nach Moskau überführt zu werden.“ 16 Hinter dem „russischen Beauftragten im Majorsrang“ verbarg sich Aleksandr Michajlowitsch Stoljarow, der entsprechend einem Beschluss des ZK der Kommunistischen Partei(Bolschewiki) und im Auftrag des amtierenden Direktors des Moskauer Marx-Engels-Lenin-Instituts(IMEL) Anfang September 1945 gezielt in der sowjetischen Besatzungszone die Suche nach„Materialien über Leben und Werk der Klassiker des Marxismus-Leninismus“ aufnahm. 17 So entnahm Stoljarow aus der Berliner Stadtbibliothek wichtige Zeitungsbestände, wie die„Neue Rheinische Zeitung“, den„Social-Demokrat“ und 47 Jahrgänge des „Vorwärts“. Sein Gang führte auch in die Kellermagazine der Ratsbibliothek in der Breitestraße 36. Nach einem Bericht vom Februar 1946 wurden etwa 1 000 Bände aus der SPD-Bibliothek, darunter 243 mit dem Stempel„Karl-Marx-Haus Trier“, requiriert. Der Bericht hielt auch fest, dass Exponate für das Karl-Marx-Haus durch die Nazis beschlagnahmt und danach heimlich durch Antiquariate verkauft wurden. 18 Wenig später wurde Neumann selbst mit der„Trophäenkommission“ konfrontiert. Der SPD-Zentralausschuss lud ihn zu einer dringenden Besprechung für den 26. November 1945 in das Parteihaus ein, da eine „russische Kommission“ Auskünfte wünsche. Über diese Beratung fertigte Neumann eine Aktennotiz an: Das IMEL in Moskau stelle Nachforschungen in Berlin zur Bibliothek im Karl-Marx-Haus Trier an. Ein Mitarbeiter des SPD-Vorstandes und Neumann informierten über deren Beschlagnahme durch die Nazis und über den Stand der Ermittlungen. Bei dieser Gelegenheit teilten beide mit, dass der literarische Nachlass 16 An den Zentralausschuss der SPD.... Brief undatiert, aber mit SPD-Eingangsstempel, 15.11.1945. Neumann-Dok. 17 Rolf Hecker, Marx/Engels-Dokumente dem„IMEL zugeführt“. Zur Requirierungsaktion des Moskauer Marx-Engels-Lenin-Instituts 1945/46. Mit zwei Briefen, in: Beiträge zur Geschichtswissenschaft,(1997) 3, S. 74–76. 18 Ebd. 227 von Marx und Engels sowie wichtige Originaldokumente im März 1933 mit der Bibliothek der Menschewiki nach Paris gegangen seien. 19 Neumann nahm auch unverzüglich Verhandlungen mit dem Geheimen Staatsarchiv in Berlin-Dahlem auf. 20 Dessen Leitung zeigte sich gegenüber dem Anliegen des Zentralausschusses aufgeschlossen. Sie musste jedoch erklären, dass ihre Absicht, bei der Übernahme der SPDBibliothek diese„wertvolle Sammlung geschlossen und ungeteilt zu erhalten“, durch die Entscheidungen des damaligen NS-Finanzministeriums 21 zerschlagen wurde. Nur ein Restbestand wäre im Geheimen Staatsarchiv geblieben. Am 20. November nahm Neumann dann etwa 4 000 bibliothekarische Einheiten aus den Beständen dieses Archivs in Empfang. 22 Parallel zu der Suchaktion bemühte sich Neumann zusammen mit weiteren Mitarbeitern, wieder ein Bild-Archiv aufzubauen. So war es ihm gelungen, eine„stattliche Zahl von mehr als 300 Fotos führender Genossen zusammenzubringen“. 23 Am 28. Januar 1946 legte Neumann dem Zentralausschuss der SPD eine vorläufige Bilanz der Suchaktion vor: Von insgesamt 40 000 Bän den, die vor 1933 die zentralen Organe der SPD und die Berliner Parteiorganisation ihr Eigentum nannten, war es ihm und seinen Mitarbeitern in sechsmonatiger angestrengter Arbeit gelungen, annähernd 18 000 Bände wieder zusammenzutragen. Von rund 26 000 bibliothekarischen Einheiten des ehemaligen Parteiarchivs konnten 14 000 bis 15 000 gerettet werden. Zugleich musste Neumann jedoch konstatieren, dass die noch fehlenden Bücher genau diejenigen waren, die zu den wertvollsten gehörten. So seien alle Schriften von Marx und Engels sowie auch wichtige Kommentare – offensichtlich meinte er hier 19 [ Neumann], Aktennotiz über die Verhandlungen mit der russischen Kommission über die Karl-Marx-Haus Bibliothek, Trier, 28.11.1945. Neumann-Dok. 20 Ders., Geheimes preuss Staatsarchiv Berlin-Dahlem, 9.10.1945. Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz(GStA), Rep. 178, Bl. 2. 21 Ironie der Geschichte: Der damaliger Finanzminister war Graf Lutz Schwerin von Krosigk, Großneffe von Jenny Marx. 22 Quittung, 20.11.1945. GStA, Rep. 178, Bl. 12. 23 Neumann, Bericht über den augenblicklichen Stand des Partei-Archivs. 228 die in den Büchern vorhandenen Marginalien und Anstreichungen von ihrer Hand –„systematisch entfernt worden“. Die Aussichten, die fehlenden Exemplare wieder zu erlangen, seien gering. 24 Dieser Passus in seinem Bericht zeigt, dass es Neumann an der nötigen Zeit mangelte, die Bestände durchzusehen. Im Vordergrund stand die Aufgabe, die SPD-Bibliothek zusammenzuführen. Demzufolge musste ihm verborgen bleiben, welche wertvollen Dokumente in dem Bestand enthalten waren: Bücher aus dem persönlichen Nachlass von Marx und Engels. Erst knapp fünf Jahre später sollte sukzessive das Geheimnis gelüftet werden. Zumindest hatte er dann die Genugtuung, diesen sensationellen Fund noch erleben zu können. Neumanns weitere Bemühungen auf den Spuren des SPD-Archivs lassen sich ab Ende Januar 1946 aufgrund fehlender Zeugnisse nur noch marginal verfolgen. Bekannt ist lediglich, dass er auch nach der Vereinigung von KPD und SPD zur SED die Suche nach weiteren Dokumenten im Geheimen Staatsarchiv fortgesetzt hat. So wurde ihm das Angebot gemacht, Einblick in die vorhandenen Zeitungen zu nehmen, um festzustellen, welche darunter aus dem Besitz des SPD-Archivs stammen. 25 Ob Neumann die Zeit dafür gefunden hat, ist nicht überliefert. Doch stieß der Verfasser 1998 im Geheimen Staatsarchiv auf zwei Originale der„Neuen Rheinischen Zeitung“ aus dem Motteler-Nachlass mit der eindeutigen Provenienz aus der SPD-Bibliothek und im selben Jahr in der Moskauer Staatlichen gesellschafts-politischen Bibliothek auf ein„Probeblatt“ der Nummer 1 dieser Zeitung mit dem Besitzstempel„Karl-Marx-Haus Trier“. 26 Die im April 1946 vollzogene Vereinigung der beiden Parteien von KPD und SPD zur SED hat Neumann überzeugt mitgetragen. Als Leiter der Bibliothek beim ZK der SED, zusammen in paritätischer Beset24 Ebd. 25 Schreiber, An das Geheime Staatsarchiv Berlin-Dahlem Archivstr., 12.11.1946. Bemerkenswert ist, dass das an das GStA gerichtete Schreiben mit dem Briefkopf des SPD-Zentralausschusses erfolgte, obwohl bereits seit sieben Monaten die SED bestand. GStA, Rep. 178, Bl. 13. 26 Melis, Neue Rheinische Zeitung. Organ der Demokratie. Edition unbekannter Nummern, Flugblätter und Druckvarianten, München 2000, S. 300-304, 320/321. 229 zung mit Julius Treuber, hatte er nunmehr sein Arbeitsdomizil im„Haus der Einheit“(Wilhelm-Pieck-Str./Ecke Prenzlauer Allee, jetzt Torstraße). Er bezog ein Gehalt von 700 RM. 27 Der Grundstock der Bibliothek im 6. Stock 28 setzte sich unter anderem aus den Bücherbeständen des ehemaligen SPD-Archivs zusammen. Als 1951 oder Anfang 1952 Bernhard Dohm, Direktor des Berliner Marx-Engels-Lenin-Instituts, anlässlich des Karl-Marx-Jahres 1953 einen Sammelband„Marx-Engels-Lenin-Stalin zur deutschen Geschichte“ vorbereitete und zu diesem Zweck unter anderem ein Buch aus der ZK-Bibliothek einsah, vermutete er darin Marginalien von Marx. Der Leiter der Bibliothek des gleichnamigen Instituts, Bruno Kaiser, ein profunder Kenner der Vormärzliteratur und der frühsozialistischen Schriften, bestätigte diese Annahme und veranlasste die sofortige systematische Durchsicht der Bibliothek. 29 In der Tat förderten Mitarbeiter der Bibliothek des IML, darunter Inge Werchan, Jürgen Stroech, Günter Aurich und Berthold Schubert, einige Hundert aus der MarxEngels-Bibliothek stammende Exemplare ans Tageslicht. Bis 1953 war ihre Zahl auf annähernd 400 angewachsen. 30 Das Wissen um die Provenienz von Marx-Engels-Büchern in der ZKBibliothek führte begreiflicherweise zu intensiven Gesprächen zwi schen Kaiser und Neumann. Doch konnte letzterer keine zusätzlichen, konkreten Anhaltspunkte über den Verbleib weiterer Teile der SPD-Bibliothek geben. 31 Ungeachtet dessen hat er eine kurze, aber wichtige Etappe auf diesem Weg beschritten. Sein Einsatz in einer äußerst schwierigen Zeit, sowohl 1933 als auch unmittelbar nach dem Sieg über den Hitlerfaschismus, war eine kulturhistorische Tat. 27 Protokoll Nr. 9 der Sitzung des Zentralsekretariats[der SED] am 21. Mai[19]46, SAPMO-BArch, DY 30/IV 2/2.1/7. 28 Protokoll Nr. 2 der Sitzung des Zentralsekretariats[der SED] am 25. April[19]46, SAPMO-BArch, DY 30/IV 2/2.1/1. 29 Auskunft unabhängig voneinander durch Inge Werchan und Jürgen Stroech. Letzterer unterstützte Dohm bei der Vorbereitung des Sammelbandes. 30 Jürgen Stroech, Die Bibliotheken von Karl Marx und Friedrich Engels, in: Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung, 45(2001), S. 158. 31 Freundliche Auskunft von Inge Werchan. 230 Diejenigen, die in den 1950er Jahren Neumann aus der Bibliotheksarbeit bis zu seiner Pensionierung kannten, beschreiben ihn als einen sehr schlanken, mittelgroßen Mann, der durch sein gepflegtes Äußeres her vorstach und trotz seines Alters noch volles schwarzes Haar trug. Er war ein ruhiger, aber ausgesprochen hilfsbereiter Mensch. Er zeichnete sich durch seine Belesenheit aus und verfügte über ausgezeichnete bibliographische Kenntnisse. 32 Privat scheint er mit seiner Familie sehr zurückgezogen gelebt zu haben. Zuletzt wohnte er in Berlin-Weißensee, Streustraße 76. Er verstarb 1969. 33 32 Beschreibung verdankt der Verfasser Ernst Melis und Jürgen Stroech, ergänzt durch Inge Werchan. 33 Heinz Stern/ Dieter Wolf, Das große Erbe. Eine historische Reportage um den literarischen Nachlaß von Karl Marx und Friedrich Engels, Berlin 1972, S. 223, Anm. 6. Hinweis zum Angebot digitaler FES-Veröffentlichungen im Internetangebot der Friedrich-Ebert-Stiftung Die hier vorliegende Datei(PDF) enthält einen Einzelbeitrag aus der Monographie "Bewahren- Verbreiten- Aufklären: Archivare, Bibliothekare und Sammler der Quellen der deutschsprachigen Arbeiterbewegung/ Günter Benser und Michael Schneider(Hrsg.) Bonn-Bad Godesberg, 2009" Internetadresse des Gesamtwerks: http://library.fes.de/pdf-files/adsd/06730/index.html ©Friedrich Ebert Stiftung| Webmaster| technical support| net edition Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung| 7. Oktober 2009