180 Gerhard Oberkofler Theodor Mauthner(1855 – 1922) Wilhelm Pappenheim(1860 – 1939) „Ich habe bereits aus Wien telegraphiert, dass ich sowohl die Bibliothek Grünbergs, als auch die Bibliothek Mauthners kaufen kann.... Über die zweite muss ich Ihnen nichts schreiben, Sie kennen sie gut“, schrieb Dawid B. Rjasanow am 26. September 1921 an Lenin und Bucharin.„Das ist die in der Welt einzigartigste Sammlung von Unikaten. Für die Geschichte des Marxismus ist sie einfach unersetzlich.“ 1 Die Bibliothek, von der hier die Rede ist, wurde von den beiden Wiener Hof- und Gerichtsadvokaten Theodor Mauthner und seinem langjährigen Sozius Wilhelm Pappenheim gemeinsam gesammelt. 2 Theodor Mauthner, geboren in Wien am 15. September 1855, studierte nach dem Besuch des Akademischen Gymnasiums in Wien Rechtswissenschaft an der Wiener Universität. Am 13. März 1880 zum Dr. jur. promoviert, etablierte sich Mauthner am 4. Januar 1887 in Wien als Rechtsanwalt. Seine letzte Kanzlei war in Wien am Bauernmarkt 11. In einer Wiener Buchhandlung hatte er eher zufällig die dort ausgestellten Schriften von Ferdinand Lassalle in die Hand genommen.„Sein Interesse für die sozialistische Partei wurde durch diese geringfügige Ursache wachgerufen, steigerte sich immer mehr, er begann einschlägige Literatur zu sammeln und legte so den Grundstein zu seiner großen Bibliothek“ 3 , erinnerte sich seine Witwe Amélie Mauthner, gebo1 Maja D. Dvorkina, Zum Erwerb der Bibliotheken von Mauthner, Pappenheim und Grünberg durch Rjazanov, in: David Borisovi č Rjazanov und die erste MEGA, Berlin 1997, S. 42-45. 2 Vgl. Gerhard Oberkofler, Über sozialistische Privatbibliotheken in Wien und ihr Schicksal. Notizen insbesondere zu den Bibliotheken von Anton Menger, Theodor Mauthner, Wilhelm Pappenheim und Bruno Schönfeld, in: Alfred Klahr Gesellschaft. Mitteilungen, 11(2004) 2, S. 1-7(mit weiterführenden Literaturangaben). 3 Amélie Mauthner hinterließ dem Marx-Engels-Institut einen zweiseitigen maschinenschriftlichen Lebenslauf ihres Mannes, in: Russländisches Staatliches Archiv für 181 rene Engel. Mit seinem Teilhaber Wilhelm Pappenheim sammelte Mauthner bis 1914 eine mehr als 20 000 Bände umfassende Bibliothek des Sozialismus und Anarchismus. Mauthner sammelte auch Wiener Zeitungen und legte eine Sammlung der Kaspar-Hauser-Literatur an. Die Bibliothek von Mauthner wurde unter anderem von August Bebel, Victor Adler, Max Nettlau 4 und Franz Mehring benutzt. Mehring dankte in seiner Marx-Biographie:„Die Prozessakten, denen ich die genealogischen Notizen über Marx entnommen habe, durfte ich in der ausgezeichneten Bibliothek der Herren Mauthner und Pappenheim in Wien einsehen.“ 5 Rjasanow, der sich mit Mauthner angefreundet hatte, zitierte in seinem Artikel über die polnische Frage das Original der Proklamation des Londoner deutschen Arbeiter-Bildungsvereins zu einer Geldsammlung für Polen aus dem Jahre 1863. Das Dokument, das aus dem Nachlass des Mitglieds des Bundes der Kommunisten und des Generalrats der Internationalen Arbeiter-Assoziation Friedrich Lessner stammte, einem seit 1853 in der Londoner Emigration lebenden Freund von Marx und Engels, befand sich„jetzt in der Sammlung von Hofund Gerichtsadvokat Dr. Th. Mauthner in Wien“. 6 Auch der hoch verdiente Bibliothekar des Juridisch-politischen Lesevereins in Wien, Josef Stammhammer, von dem eine ausgezeichnete„Bibliographie des Socialismus und Communismus“ 7 stammt, hatte die Bücherei von Mauthner schätzen gelernt. Er dankte im Vorwort zu Band II den Herren„Dr. Theodor Mauthner und Dr. Wilhelm Pappenheim, Hofund Gerichts-Advokaten in Wien, die den vorliegenden Band wesentlich gefördert haben“. 8 Sozial- und Politikgeschichte Moskau(RGASPI), f. 71, op. 50, d. 2, Bl. 20-21(Kopie dank freundlicher Vermittlung von Herrn Prof. Dr. Rolf Hecker, Berlin). 4 In den Max Nettlau Papers, verwahrt im IISG Amsterdam, befindet sich die Korre spondenz Nettlaus mit Mauthner aus den Jahren 1897-1921. 5 Franz Mehring. Karl Marx. Geschichte seines Lebens. 5. Aufl., Leipzig 1933, S. 583. 6 Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung, 6(1916), S. 191, Anm. 2. 7 Josef Stammhammer, Bibliographie des Socialismus und Communismus, [ Bd.1 ] , Jena 1893; Bd. 2: Nachträge und Ergänzungen bis Ende des Jahres 1898, Jena 1900; Bd. 3: Nachträge und Ergänzungen bis Ende des Jahres 1908, Jena 1909. 8 Ebd., Bd. 2, S. IV 182 Untergebracht war die Mauthner-Pappenheim-Bibliothek in einem geräumigen Zimmer der jeweiligen Wiener Kanzlei. Amélie Mauthner schrieb im April 1924:„Durch sehr gesteigerte Anwaltstätigkeit, durch Gründung eines eigenen Heimes, konnte Dr. Mauthner sich seit dem Jahre 1912 kaum mehr seiner geliebten Bibliothek widmen; dazu trat später ein schweres Herzleiden auf, das ihn zwang, dem mit Leidenschaft betriebenen Radsporte zu entsagen. Seiner Schwärmerei für die Natur konnte er, der hohe Berge bestiegen, halb Deutschland und halb Italien auf dem Rade durchquert hat, nur mehr dadurch nachgehen, dass er mehrere Wochen des Jahres in der weiteren und näheren Umgebung Wien’s der Ruhe pflegte, um wieder arbeitsfähiger zu werden“. Durch seine Erkrankung sei Mauthner daran gehindert worden,„auf seinem Lieblingsgebiete, dem des älteren englischen, französischen und besonders des deutschen Sozialismus, selbständige Forschungen zu unternehmen; aber der wirkliche Kenner weiß, dass bereits die wohldurchdachte Vervollständigung der Sammlung zahllose Einzelforschungen erforderte, deren Resultate nun den Benützern derselben mühelos zustatten kommen.“ 9 Über Wilhelm Pappenheim ist bisher sehr wenig bekannt. Er wurde 1860(das nähere Geburtsdatum ist in den Wiener Akten nicht überliefert) in Wien geboren. Sein Vater Sigmund Pappenheim war ein jüdisch-orthodoxer Getreidehändler, die Mutter Recha stammte aus der alteingesessenen Frankfurter Familie Goldstein. Beide Familien waren wohlhabend und als Kunstmäzene und-sammler bekannt. Insbesondere die Familie der Mutter unterstützte wissenschaftliche und akademische Projekte und spielte in der jüdischen Gemeinde in Frankfurt am Main eine bedeutende Rolle. Als einziger Sohn genoss Wilhelm eine bevorzugte Erziehung. Seine etwa 18 Monate ältere Schwester Bertha 10 , litt darunter, dass sie als Mädchen keine höhere Schule besuchen durfte, während Wilhelm das Gymnasium absolvierte. 9 Amélie Mauthner, Ebd.. 10 Pappenheim hatte drei Schwestern: Henriette(1849-1866), Flora(1852-1854) und Bertha(1859-1936), die eine bedeutende Frauenrechtlerin, Sozialarbeiterin und Schriftstellerin wurde. 183 Nach zwei Semestern in Straßburg nahm Pappenheim an der Universität Wien das Studium der Rechte auf und beendete es am 8. Juni 1883 mit dem Doktorat. Pappenheim, der zuerst seine Kanzlei in der Wiener Hegelgasse 4 eingerichtet hatte, wurde später der Sozius von Theodor Mauthner. Pappenheim war auch publizistisch tätig, so kritisierte er zum Beispiel die konfessionelle Ausrichtung des österreichischen Eherechts und dessen Unterordnung unter religiöse Vorstellungen. 11 Pappenheim war Zionist und gehörte zu den Gründungsmitgliedern einer Österreichischen Gesellschaft für die Kolonialisierung Palästinas. 12 Gleichzeitig interessierte er sich für den Sozialismus und brachte in die gemeinsam mit Mauthner gesammelte Bibliothek viele Originaldokumente ein. Rjasanow dankte Pappenheim im Vorwort der 1927 herausgegebenen Marx-Engels-Werke für Dokumente zur Familiengeschichte von Marx sowie für die Briefe des Junghegelianers Bruno Bauer an Marx und Arnold Ruge. 13 Pappenheim war auch gelegentlicher Korrespondenzpartner von Franz Mehring. Pappenheims Vermögen wurde von den Nazis 1938 konfisziert, seine ganze Familie fiel dem Holocaust zum Opfer. Er selbst starb am 12. August 1939. Begraben ist Wilhelm Pappenheim auf dem Wiener Zentralfriedhof, Alte Israelitische Abteilung. Als die Bibliothek von Theodor Mauthner und Wilhelm Pappenheim zum Verkauf stand, fanden sich mehrere Interessenten. Erwerben wollten sie das Ohara-Institut für Sozialgeschichte in Osaka und die österreichische Regierung für die Universität Wien. Schließlich kaufte jedoch Rjasanow im Einvernehmen mit Lenin und Bucharin 1920 die Bibliothek für das Moskauer Marx-Engels-Institut(heute Staatliche gesellschaftliche Bibliothek) an. Sie traf dort 1921/22 ein und wurde zu einem der Grundpfeiler der Büchersammlung des Instituts. Mauthner starb in Wien am 17. April 1922, die fertige Aufstellung der Bibliothek in Moskau hat er nicht mehr erlebt. 1930 stellte Franz Schil11 Juristische Blätter, Wien, 48(1919) 37/38. 12 Vgl. Elizabeth Loentz, Let me continue to speak the truth: Bertha Pappenheim as author and activist, Cincinnati 2007, S. 213(Anm.95). 13 Vgl.: MEGA, 1. Abt., 1. Halbbd., Berlin 1927, S. XXVII. 184 ler(Moskau) in Grünbergs„Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung“ das Marx-Engels-Institut in Moskau mit den Wiener Erwerbungen vor und verwies insbesondere auf die umfassende Bibliothek von Mauthner und Pappenheim,„den bekannten Wiener Sammlern anarchistischer und sozialistischer Literatur“ 14 . Rjasanow berichtete 1923 in der von ihm herausgegebenen Broschüre über das Marx-Engels-Institut in Moskau 15 und 1926 in der ersten Nummer des Bulletin des Instituts 16 über den wertvollen Ankauf. 14 Franz Schiller, Das Marx-Engels-Institut in Moskau, in: Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung, 15(1930), S. 416-435, hier: S. 420. 15 Vgl. D. Rjazanov,(Hrsg.), Institut K. Marksa i F. Engel‘sa, Moskva 1923, S. 5/6. 16 Vgl.: Bjulleten‘ Instituta K. Marksa i F. Engel‘sa,(1926) 1, S. 18. Hinweis zum Angebot digitaler FES-Veröffentlichungen im Internetangebot der Friedrich-Ebert-Stiftung Die hier vorliegende Datei(PDF) enthält einen Einzelbeitrag aus der Monographie "Bewahren- Verbreiten- Aufklären: Archivare, Bibliothekare und Sammler der Quellen der deutschsprachigen Arbeiterbewegung/ Günter Benser und Michael Schneider(Hrsg.) Bonn-Bad Godesberg, 2009" Internetadresse des Gesamtwerks: http://library.fes.de/pdf-files/adsd/06730/index.html ©Friedrich Ebert Stiftung| Webmaster| technical support| net edition Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung| 7. Oktober 2009