19 Dagmar Goldbeck Bert Andréas(1914 – 1984) So vielfältig wie die ausgeübten Tätigkeiten und Berufe- so wechselvoll war das Leben von Bert Andréas, der als Herbert Friedrich Andreas am 1. Oktober 1914 in Hamburg geboren wurde. 1 Er besuchte dort die Schule, brach das Gymnasium aber ein Jahr vor dem Abitur ab und begann 1931 eine Lehre beim„Hamburger Fremdenblatt“. Bereits ein Jahr später wurde Andréas wegen Streikbegünstigung entlassen und arbeitete bis 1934 als Statistiker bei der Deutsch-russischen Transportund Lager-GmbH DERUTA. Seit Ende 1931 belegte er in Berlin öffentliche Vorlesungen bei Gustav Mayer, dem er auch bei seinen Recherchen in Hamburger Archiven half. Damals bereits entwickelte sich seine Leidenschaft für die Geschichte der Arbeiterbewegung und die Ursprünge der sozialistischen Bewegung, die sein weiteres Leben prägte. Wegen seiner politischen Aktivitäten – unter anderem war er seit Ende der zwanziger Jahre Mitglied des kommunistischen Jugendverbandes – wurde Andréas 1933 zweimal verhaftet und eingesperrt. Im Herbst 1934 flüchtete er vor der Gestapo ins Saarland, wo er kurze Zeit bei einer Zeitschrift als Redakteur arbeitete, dann floh er nach Frankreich und Belgien. Es begannen lange Jahre der Illegalität und des Exils. Nachdem Andréas von der KPD in politischem Auftrag nach Brasilien geschickt worden war, setzte er schließlich ab Anfang 1936 seine antifaschistische Tätigkeit illegal in den Niederlanden fort und unterstützte aktiv die Widerstandsbewegung. In Rotterdam traf er seine spätere Frau Jacomina Hendrika Kuiper, genannt Mieke, Direktorin der Stadtbibliothek von Schiedam. 2 Als Mitglied der illegalen Organisation der 1 Eine ausführliche Darstellung des Lebens und Wirkens von Bert Andréas: Jacques Grandjonc, Une vie d’exilé. Bert Andréas 1914-1984. Repères chronologiques et activité scientifique,Trier 1987. 2 Das Paar lebte bis 1965 zusammen. Sie hatten einen Sohn, Tasso(1944-1985). In zweiter Ehe(1971-1972) heiratete Bert Andréas Nadine Galvani. 20 KPD war er vor allem für den Druck verbotener Broschüren und ihre Einschleusung nach Deutschland tätig. Für die Rote Hilfe sammelte er Geld bei den Flüchtlingen und holländischen Demokraten. 1939 erhielt er eine Aufenthaltserlaubnis für die Niederlande. Die Invasion der Wehrmacht im Mai 1940 verhinderte jedoch erneut – wie schon 1933 die Machtergreifung der Nationalsozialisten – seine Immatrikulation an einer Universität. Im Parteiauftrag arbeitete Andréas als Übersetzer und Dolmetscher in der Kommandantur von Gouda und konnte die holländischen Widerstandskämpfer wiederholt vor drohenden militärischen Einsätzen der Gendarmerie warnen. Im Februar 1941 wurde Andréas mobilisiert und an die russische Front geschickt. Doch die Gestapo in Hamburg war ihm bereits seit langem auf der Spur. Andréas wurde die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt. 3 Nunmehr staatenlos und wehrunwürdig, wurde er arretiert, degradiert und im Gestapogefängnis in Hamburg inhaftiert, danach unter Polizeiaufsicht gestellt. Während seines Prozesses wegen Vorbereitung zum Hochverrat diente außer seiner politischen Tätigkeit auch sein antimilitaristischer und antinationalistischer historischer Roman„Mata Hari“ als Anklagepunkt, der 1934 in 10 000 Exemplaren in Hamburg erschienen war. Andréas wurde zu einer achtzehnmonatigen Freiheitsstrafe verurteilt, auf die die Untersuchungshaft angerechnet wurde. So konnte er im Dezember 1943 in die Niederlande zurückkehren, wo er dann erneut an der Herausgabe und Verbreitung illegaler Zeitschriften mitwirkte. Endlich fand Andréas im Mai 1944 Broterwerb in der Buchhandlung “Erasmus”. Vom Frühling 1945 bis zum Frühling 1952 war er in dem Amsterdamer Verlag“Republiek der Letteren” verantwortlich für den Vertrieb und als Geschäftsführer einer Buchhandlung tätig. Er übersetzte verschiedene Werke aus dem Niederländischen und ins Niederländische. 3 Die Staatsbürgerschaft der Bundesrepublik Deutschland erhielt Andréas erst im Dezember 1953. 21 Seine historischen Studien setzte Bert Andréas als Autodidakt fort. Neben seiner Arbeit beschäftigte er sich mehr und mehr mit der historischen Forschung über Marx und Engels und der systematischen Dokumentation ihrer Schriften auf der einen und der Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung zwischen 1840 und 1914 auf der anderen Seite. Im Laufe des Jahres 1951 entwarf er das Projekt einer monumentalen Bibliographie der Werke von Marx und Engels. Endlich konnte er sich der ersehnten wissenschaftlichen Forschung widmen. Er begann eine lebenslange intensive Korrespondenz mit namhaften internationalen Wissenschaftlern. Gleichzeitig frönte er seiner zweiten Leidenschaft – dem Aufbau einer Spezialbibliothek zur Sozialgeschichte des 19. Jahrhunderts. In einem ersten Katalog der Büchersammlung, den Andréas im Juni 1945 erstellte, sind 1 400 Titel aufgeführt, vorwiegend zu Literatur und Kunst. Im Januar 1946 listete er bereits 2 000 Titel auf, davon 240 auf dem Gebiet Politik und politische Ökonomie, 1948 waren es für diesen Komplex schon über 1 600 Titel, darunter ein Exemplar der„Neuen Rheinischen Zeitung“. 1951 umfassten allein die deutschsprachigen Titel seiner Bibliothek zur Geschichte, Theorie und Praxis der Arbeiterbewegung seit 1800 2 200 Titel. Bis Ende März 1953 kamen weitere 600 dazu. Andréas hatte die Absicht, wie er später einmal an Bruno Kaiser schrieb 4 , diese Bibliothek nach Deutschland zurückzuführen und dort in einer Bibliothek oder Institution unterzubringen, wo er selbst tätig wäre. Das wird bestätigt durch seine Bemühungen von 1947 bis 1949, sich durch Vermittlung von Kaiser in Berlin zu etablieren, und später ab 1952 durch seine Zusammenarbeit mit dem Feltrinelli-Institut in Mailand. Andréas lernte Kaiser, mit dem ihn fortan eine lebenslange Freundschaft verband, im Mai 1947 persönlich kennen. Kaiser schlug dem Politbüro der SED Andréas als Leiter von Bibliothek und Archiv für das im Entstehen begriffene Marx-Engels-Lenin-Institut(später Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED) vor. Nachdem er selbst Leiter der Bibliothek geworden war, versuchte er, Andréas we4 Bert Andréas an Bruno Kaiser, 31. Jan. 1951, in: Nachlass Bruno Kaiser, SAPMOBArch, NY 4309. 22 nigstens als Leiter der Erwerbungsabteilung zu nominieren. 5 Seine Anstellung scheiterte wohl am Desinteresse der Parteiführung gegenüber den Westemigranten. Giuseppe Del Bo, Leiter der 1949 in Mailand gegründeten Biblioteca Giangiacomo Feltrinelli, nahm im Januar 1951 zu Andréas Kontakt auf, ursprünglich mit dem Ziel, dessen Bibliothek ganz oder teilweise zu kaufen. Im Ergebnis der Gespräche erhielt Andréas einen Arbeitsvertrag und wurde von 1952 bis 1962 Mitarbeiter des Instituts. Als Bibliothekar-Archivar und Leiter der Sektion Deutschland baute er die Bibliothek und das Archiv weiter aus und verfasste eine Denkschrift über deren organisatorischen Aufbau. Auf der Suche nach den nötigen Dokumenten und Büchern für die historischen und sozialen Forschungen des Instituts bereiste Andréas ganz Europa. Bei seinen Recherchen entwickelte er Spürsinn für ungehobene Schätze, wie die unbekannten Dokumente der Familie Marx, die er in einer privaten Sammlung entdeckte. Ein denkwürdiger Fund war 1955 auch die in einem ehemaligen Kohlenkeller in Lausanne lagernde Bibliothek des 1840 gegründeten Genfer Allgemeinen Arbeitervereins mit Exemplaren aus dem Besitz von Moses Heß und Johann Philipp Becker. 1956 wurde sie dem Schweizerischen Sozialarchiv in Zürich übereignet, und Andréas half bei der Veräußerung überzähliger Bände zur Deckung der Transport- und Ablösungskosten. Im Ergebnis seines erfolgreichen Stöberns mehrten sich auch die Bücher in seinem persönlichen Besitz. Als Andréas 1967 mit verschiedenen Institutionen über den Verkauf seiner Bibliothek gegen eine lebenslange Rente verhandelte, umfasste sie ca. 15 000 Bände. 1968 konzentrierte er die Sammlung im Erdgeschoss seines Hauses in Versoix, Kanton Genf, wo er mit Unterbrechungen seit 1957 wohnte. Schließlich schloss er im Dezember 1968 mit dem Genfer Institut Universitaire de Hautes Études Internationales(IUHEI) einen Vertrag, der ihren Verkauf über zehn Jahre regelte(1968-1977). Gleichzeitig erhielt Andréas einen zehnjährigen Arbeitsvertrag als Maitre de recherches 5 Bruno Kaiser an Bert Andréas, 25. Jan. 1950, in: Ebd. 23 ohne Lehrverpflichtung. Die Benutzung der Bibliothek, die den For schern des IUHEI zur Verfügung stand, wurde ihm bis zu seinem Tod garantiert. Im Auftrag renommierter Institute, unter anderem des Feltrinelli-Instituts in Mailand, des IUHEI in Genf und der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn, erarbeitete Andréas umfangreiche Untersuchungen zur Wirkungsgeschichte des Marxismus, der Internationalen Arbeiterassociation und der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert. Herausragende Leistungen sind seine kommentierten Bibliographien zur internationalen Verbreitung von Marx-Engels-Werken wie das„ Kommunistische Manifest“ 6 und„Das Ende der klassischen Deutschen Philosophie“ 7 sowie zu Ferdinand Lassalle und dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein 8 . Sein unermüdlicher Forscherdrang und seine profunden Kenntnisse machten ihn bald zu einem gesuchten Partner führender wissenschaftlicher Einrichtungen, darunter auch der Institute für Marxismus-Leninismus beim ZK der KPdSU in Moskau und des ZK der SED in Berlin. Mit Rat und Tat begleitete er die Herausgabe der Marx-Engels-Gesamtausgabe(MEGA 2 ). Die internationale Marx-Engels-Forschung bereicherte Andréas mit zahlreichen Studien, die in verschiedenen Periodika erschienen. Darunter waren solche wichtigen Beiträge wie„Marx et Engels et la gauche hégélienne“ 9 und „Marx‘ Verhaftung und Ausweisung. Brüssel Februar/März 1848“ 10 . An einer Reihe bedeutender Dokumentenveröffentlichungen wirkte Andréas mit, wie„La Première Internationale“ 11 ,„Briefe und Doku6 Bert Andréas, Le Manifeste Communiste de Marx et Engels: Historie et bibliographie 1848-1918, Milano 1963. 7 Ders., Karl Marx/Friedrich Engels. Das Ende der klassischen deutschen Philosophie. Bibliographie, Trier 1983. 8 Ders., Ferdinand Lassalle – Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein. Bibliographie ihrer Schriften und der Literatur über sie 1840-1975, Bonn 1981. 9 Ders., Marx et Engels et la gauche hégélienne, in: Annali dell’ Istituto Giangiacomo Feltrinelli,(1965)7, S. 353-526. 10 Ders., Marx‘ Verhaftung und Ausweisung. Brüssel Februar/März 1848, Trier 1978. 11 La Première Internationale. Recueil de documents publié sous la direction de Jaques Freymond, Bd. 3.4., Genèvre 1971. 24 mente der Familie Marx aus den Jahren 1862-1973“ 12 sowie als Herausgeber an der Edition„Gründungsdokumente des Bundes der Kommunisten(Juni bis September 1847)“, die 1969 in Hamburg erschien. Nicht zuletzt war Bert Andréas für viele Forscher über Jahrzehnte hinweg„ein hilfsbereiter Gesprächspartner und Konsultant“ 13 , dem sie für Anregungen und Hinweise, für seine Unterstützung bei der Literaturbeschaffung sowie für die Überlassung von bibliographischen Materialien dankten. Die letzten Monate seines Lebens widmete Bert Andréas – bereits schwer erkrankt – mit Hilfe von Jacques Grandjonc der Ordnung seiner Büchersammlung und der Vorbereitung ihrer Überführung in das IUHEI. In vierzigjähriger Forscher- und Sammlertätigkeit hatte er eine Fülle seltener wissenschaftlicher Titel und gedruckter Raritäten in etwa zwanzig Sprachen zusammengetragen. Er starb am 6. Oktober 1984 in Genf. 1993 wurde die fast 20 000 Bände umfassende Bibliothek vom KarlMarx-Haus Trier käuflich erworben, in dessen Obhut sich bereits sein wissenschaftlicher Nachlass 14 befand. Das Karl-Marx-Haus erwarb damit eine bedeutende Spezialsammlung zur Geschichte der frühen Arbeiterbewegung, vor allem des europäischen Vormärz 1832-1848, fast alle Erst- und Originalausgaben der Werke von Karl Marx und Friedrich Engels sowie von Ferdinand Lassalle und wichtige Quellen zur Sozialismusrezeption in fast allen europäischen Ländern und den USA. 15 Das Karl-Marx-Haus konnte damit wesentliche Kriegsverluste ausgleichen. Fördergelder der Deutschen Forschungsgemeinschaft er12 Ders., Briefe und Dokumente der Familie Marx aus den Jahren 1862-1873 nebst zwei unbekannten Aufsätzen von Friedrich Engels, in: Archiv für Sozialgeschichte,(1962)2, S. 167-293. 13 Heinrich Gemkow, Bert Andreas, in: Beiträge zur Marx-Engels-Forschung,(1985) 18, S. 160. 14 J. Grandjonc erbte testamentarisch die Manuskripte, Korrespondenzen, Arbeitsnotizen und persönlichen Dokumente von Bert Andréas und übergab den wissenschaftlichen Nachlass später komplett dem Karl-Marx-Haus in Trier. Der Buchbestand und die Archivalien umfassen ca. 25 lfm. 15 Vgl.: Karl-Ludwig König, Geschichte der Bibliothek des Karl-Marx-Hauses, S. 17-18 [Unveröff. Ms.]. 25 möglichten die Katalogisierung der Sammlung im Hochschulbildungszentrum(HBZ) des Landes Nordrhein-Westfalen. Im Karl-Marx-Haus wird eine eigene Datenbank gepflegt. Hinweis zum Angebot digitaler FES-Veröffentlichungen im Internetangebot der Friedrich-Ebert-Stiftung Die hier vorliegende Datei(PDF) enthält einen Einzelbeitrag aus der Monographie "Bewahren- Verbreiten- Aufklären: Archivare, Bibliothekare und Sammler der Quellen der deutschsprachigen Arbeiterbewegung/ Günter Benser und Michael Schneider(Hrsg.) Bonn-Bad Godesberg, 2009" Internetadresse des Gesamtwerks: http://library.fes.de/pdf-files/adsd/06730/index.html ©Friedrich Ebert Stiftung| Webmaster| technical support| net edition Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung| 7. Oktober 2009