64 Kurt Metschies Alfred Eberlein(1916 – 1982) Die Biographie von Alfred Eberlein 1 verkörpert die seltene Einheit von sozialer Herkunft und lebenslanger, engagierter Beschäftigung mit einem selbst gewählten wissenschaftlichen Thema, der bibliographischen Erfassung von Druckerzeugnissen der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung sowie anderer sozialer Bewegungen. Alfred Eberlein wurde am 19. Mai 1916 in Altmittweida, Kreis Rochlitz(Sachsen) als Sohn einer ledigen Textilarbeiterin geboren. Zunächst besuchte er in den Jahren 1922 bis 1931 die Volksschule in Plauen(Vogtland), um dann anschließend von 1931–1934 eine Rechtsanwaltsschreiberlehre zu absolvieren. Frühzeitig wurde Eberlein bereits mit den gesellschaftlichen Krisen dieses Zeitabschnitts – Weltwirtschaftskrise, Niedergang der Weimarer Republik und„Machtergreifung“ durch die NS-Bewegung – konfrontiert. Auf Grund der freigewerkschaftlichen Bindungen seiner Mutter hatte er schon in jungen Jahren Kontakt zur sozialdemokratisch orientierten Jugendbewegung und schloss sich 1928 der Organisation„Rote Falken“, danach der„Sozialistischen Arbeiterjugend“ als Mitglied an. Eberleins Lebens- und Berufsweg ist wie der vieler seiner Altersgenossen allein wegen der Zeitumstände nicht einfach, zusätzlich wurde er noch erschwert durch eine körperliche Behinderung infolge einer Tuberkulose-Erkrankung. Oftmals arbeitslos, war er von 1935 bis 1942 als Anwaltsschreiber, Kontorist und Statistiker tätig. 1942 erfolgte seine Ein1 Weitere Literatur über Alfred Eberlein: Deutsche Bibliographische Enzyklopädie. 2. überarb. u. erw. Ausg. Hrsg. v. Rudolf Vierhaus, Bd. 2, München 2005, S. 801; Alexandra Habermann/ Peter Kittel, Lexikon der wissenschaftlichen Bibliothekare. Die wissenschaftlichen Bibliothekare der BRD(1981-2002) und der DDR(1948-1990), Frankfurt/Main 2004, S. 36-37; Siegfried Bahne, Nachruf auf Alfred Eberlein, in: Mitteilungsblatt des Instituts zur Geschichte der Arbeiterbewegung,(1982) 6, S. 147-152 (mit Bibliographie der Veröffentlichungen von Alfred Eberlein, von ihm selbst zusammengestellt); Werner Müller/ Hanno Lietz(Bearb.), Alfred Eberlein an der Universitätsbibliothek Rostock 1954-1971 [ Begleitheft zur Ausstellung ] , Rostock 1997. 65 berufung zum Militärdienst, wo er Büro- und Verwaltungsdienste zu leisten hatte. Wegen„Waffendienstuntauglichkeit“ wurde er 1944 aus dem Militärdienst entlassen. Infolge eines Bombenangriffs 1945 verlor Eberlein seine Ehefrau sowie zwei seiner Kinder. Nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges nutzte Eberlein die gebotenen Bildungsmöglichkeiten. Von September 1946 bis 1947 besuchte er die Vorstudienanstalt(die spätere Arbeiter-und-Bauern-Fakultät/ ABF) in Zwickau und erwarb damit die Hochschulreife. Daran schloss sich von 1947 bis 1951 ein Studium der Soziologie, Volkswirtschaft und Philosophie an der Universität Rostock an. Bereits während seines Rostocker Studiums galt das Interesse Eberleins bibliothekarischen und bibliothekswissenschaftlichen Fragen. So war er schon während seines Studiums an der Universitätsbibliothek Rostock, seiner späteren langjährigen Wirkungsstätte, als wissenschaftlicher Hilfsbibliothekar tätig. 1951 wurde er zum Leiter der Zentralbibliothek der Regierung der DDR in Berlin berufen, wo er ein Jahr tätig war. Von 1952 bis 1953 nahm Eberlein am zweijährigen Referendarlehrgang für den wissenschaftlichen Bibliotheksdienst an der damaligen Öffentlichen Wissenschaftlichen Bibliothek, Berlin(der späteren Deutschen Staatsbibliothek, Berlin) teil und legte bei dem Generaldirektor der Deutschen Staatsbibliothek, Berlin, Professor Horst Kunze, erfolgreich sein bibliothekarisches Fachexamen ab. 1953 bis 1954 kehrte er an die Zentralbibliothek der Regierung der DDR, Berlin zurück, um dann für nahezu 20 Jahre an der Universitätsbibliothek Rostock in verschiedenen Funktionen – zuletzt von 1958 bis 1971 als Direktor der dortigen Bibliothek – zu wirken. Sehr frühzeitig galt Eberleins Interesse der exakten wissenschaftlichen bibliographischen Erfassung der gedruckten Veröffentlichungen der Arbeiter-, Gewerkschafts- und anderer sozialen Bewegungen. In einem konzeptionell angelegten Beitrag in der Fachzeitschrift für das Archivwesen der DDR„Archivmitteilungen“ unter dem Titel:„Die Arbeiterund Gewerkschaftspresse. Ein Beitrag zu ihrer bibliographischen Erfassung“ äußerte er sich 1959 grundsätzlich zu diesem Thema: Er verwies darauf, dass in den Bibliotheken, Museen, Archiven und 66 wissenschaftlichen Institutionen wertvolle Bestände an periodisch erscheinenden Druckschriften und Zeitungen der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung sowie sonstiger Strömungen der sozialen Bewegungen aus dem Zeitraum von 1830 bis 1945 vorhanden sind. Zugleich stellte er fest, dass es keine adäquaten Bibliographien gab, die auch nur annähernd vollständig diese Veröffentlichungen verzeichneten. Eberlein hob hervor, dass die Überlieferung eine bedeutsame originäre Quelle dieser Bewegungen sei und neben den staatlichen Akten verschiedenster Repressivorgane für Forschungen eine unerlässliche Ergänzung darstellt. Im vorgenannten Beitrag lenkte Eberlein die Aufmerksamkeit darauf, dass nicht nur die klassischen Formen von Druckerzeugnissen, wie Zeitungen, Zeitschriften und andere mehr bibliographisch zu erfassen seien, sondern auch andere Kategorien literarischer Quellen, wie Jahresberichte, Kalender, Rechenschaftsberichte, Protokolle, Schriftenreihen und nicht zuletzt die Vielzahl an Betriebs-, Dorf-, Orts-, Häuserblock- und Erwerbslosenzeitungen(einem bibliographisch besonders vernachlässigten Gebiet). Territorial sollten angesichts der engen Verbindung der sozialistischen Arbeiterbewegung und der Gewerkschaften sowie anderer sozialer Bewegungen, die über die Staats- und Ländergrenzen hinweg bestand, nicht nur die in Deutschland veröffentlichten Publikationen bibliographisch erfasst werden, sondern auch gleichartige deutschsprachige im Ausland(wie Österreich, Schweiz und andere). Im vorgenannten Aufsatz gab Eberlein eine erste Zwischenbilanz seiner im Jahre 1954 aufgenommenen Vorarbeiten zu seinem Projekt. Insgesamt hatte er bis 1959 etwa 11 000 Titel deutschsprachiger Periodika der Arbeiter-, Gewerkschafts- und anderer sozialer Bewegungen aus 23 Ländern(so unter anderem aus Deutschland, Österreich, Schweiz, USA, CSSR. UdSSR) ermittelt und bibliographisch erfasst. Nur knapp zehn Jahre später erschien dann 1968 der erste Band der vierbändigen Bibliographie„Die Presse der Arbeiterklasse und der sozialen Bewegungen“ 2 . Bereits 1970 erschien dann als letzter Band das 2 Alfred Eberlein, Die Presse der Arbeiterklasse und der sozialen Bewegungen. Von den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts bis zum Jahre 1967. Bibliographie und Stand- 67 Register zum Gesamtwerk. Damit lag eines der auch in der internationalen Fachwelt sehr geschätzten Hilfsmittel zur Erforschung der deutschen und deutschsprachigen Arbeiterbewegung vor. Neben den im Hauptteil verzeichneten 21 730 Titeln aus der Presse der deutschen, österreichischen und schweizerischen Arbeiterbewegung enthielt das Werk einen Anhang von über 1 000 Titeln aus der deutschsprachigen Presse der Arbeiter-, Gewerkschafts- und Berufsorganisationen anderer Länder(wie Argentinien, Brasilien, Kanada, USA, Bulgarien, Frankreich, Großbritannien). Wie Eberlein bereits in seinem grundlegenden Aufsatz in den„Archivmitteilungen“ betonte, beschränkte sich der Begriff„Presse“ nicht nur auf Zeitungen und Zeitschriften, sondern bezog auch periodisch erschienene Flugblätter, Jahrbücher, Kalender, Almanache, Organisationsführer, Schriftenreihen, Merkblätter, Tätigkeitsberichte, Versammlungsprotokolle, Pressedienste, Korrespondenzen und sonstige periodisch erschienene Schriften der Arbeiterbewegung und der anderen sozialen Bewegungen in die bibliographische Erfassung mit ein. Über 4 000 Bibliotheken, Archive, Museen und andere Einrichtungen wurden seitens des Autors nach relevanten Beständen befragt. Im Ergebnis konnten fast 1 000 der vorgenannten Institutionen als Standorte der Periodika nachgewiesen werden. Über die exakten bibliographischen Daten hinaus wurden in der Bibliographie folgende Angaben aufgeführt: Herausgeber, Redakteure; Beilagen; Bemerkungen zur Erscheinungsweise; Erscheinungsort; Erscheinungszeitraum; Vorgänger, Nachfolger, Standortnachweis. Bis zum Erscheinen der Bibliographie hatte der Bearbeiter und Herausgeber der anerkannten Publikation auf Grund des Einspruchs verschiedener Parteiinstanzen und geschichtswissenschaftlicher Führungsgremien eine zweimalige Überarbeitung vorzunehmen. Inhaltlich wurde ortverzeichnis der Presse der deutschen, der österreichischen und der schweizerischen Arbeiter-, Gewerkschafts- und Berufsorganisationen(einschließlich der Protokolle und Tätigkeitsberichte). Mit einem Anh.: Die deutschsprachige Presse der Arbeiter-, Gewerkschafts- und Berufsorganisationen anderer Länder, 4 Bde, 1 Registerbd., Berlin 1968-1970; Lizenzausg., 5 Bde, Frankfurt/Main 1969-1970; Ders., Die Arbeiter- und Gewerkschaftspresse. Ein Beitrag zu ihrer bibliographischen Erfassung, in: Archivmitteilungen, 9(1959) 6, S. 202-205. 68 seitens der vorgenannten Einrichtungen die Entfernung bestimmter Publikationen, von Namen von Redakteuren, Herausgebern, Organisationszugehörigkeiten oder Untertiteln von Druckerzeugnissen gefordert, sofern diese entsprechend der damals vorherrschenden Geschichtsauffassung zu sogenannten„parteifeindlichen Gruppierungen“ gehörten. Ungeachtet der wissenschaftsfremden Eingriffe wurde die von Eberlein vorgelegte Veröffentlichung gewissermaßen ein Klassiker auf diesem Gebiet. Parallel zu der in der DDR erschienenen Ausgabe erschien 1969/70 bei Sauer und Auvermann, Frankfurt am Main, eine Lizenzausgabe. Am 10. Juni 1970 wurde dann Alfred Eberlein mit dem Thema„Die Presse der Arbeiterklasse und der sozialen Bewegungen“ an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg promoviert. Das Prädikat lautete„magna cum laude“. Damit fand die lange und kontinuierliche wissenschaftliche Beschäftigung mit der Materie auch ihre akademische Würdigung. Von entscheidender Bedeutung in persönlicher, beruflicher und wissen schaftlicher Hinsicht war für Eberlein das Jahr 1971: Am 24. August 1971 wurde er verhaftet und anschließend in einem nichtöffentlichen Prozess in Rostock am 5. Mai 1972 zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Anlass für die Verhaftung und Verurteilung von Eberlein waren falsche Beschuldigungen, gegen gesetzliche Bestimmungen der DDR beim Literaturaustausch zwischen Bibliotheken der DDR und der Bundesrepublik Deutschland verstoßen zu haben. Das Urteil wurde am 13. Februar 1996 – fast 14 Jahre nach dem Ableben von Eberlein – durch das Landgericht Rostock als rechtsstaatswidrig aufgehoben und Eberlein voll rehabilitiert. Obgleich Eberlein 1973 durch eine Generalamnestie anlässlich des Jahrestages der DDR-Gründung frei kam, konnte er weder in seinem Beruf, noch an seiner alten Wirkungsstätte – der Universitätsbibliothek Rostock – tätig werden. Bis zu seiner Übersiedlung in die Bundesrepublik Deutschland 1975 musste sich Eberlein als Zeichnungssortierer im VEB Schiffselektronik Rostock verdingen. In der Bundesrepublik Deutschland fand Eberlein 1976/77 seinen neuen beruflichen Anfang als Verlagsleiter im Verlag und Antiquariatshan- 69 del Detlev Auvermann KG, Glashütten/Taunus. Große Verdienste erwarb er sich zunächst bei der wissenschaftlichen Betreuung und Herausgabe von Reprints bedeutender Socialistica 3 (so zum Beispiel der Zeitschriften„Die Neue Zeit“, Wochenzeitschrift der deutschen Sozialdemokratie, Berlin,„Die Internationale. Organ der Internationalen Arbeiter-Assoziation“, Berlin). Von 1977 bis 1981 konnte Eberlein zunächst im Rahmen von Arbeitsbeschaffungs-Maßnahmen als Bibliothekar an der Universität Bochum arbeiten, später dank hartnäckiger Bemühungen der Historiker Hans Mommsen und Kurt Koszyk zum Leiter der Bibliothek zur Geschichte der Arbeiterbewegung des neu begründeten Instituts zur Geschichte der Arbeiterbewegung(IGA) der Ruhr-Universität Bochum berufen werden. Er führte diese Bibliothek zu beträchtlichem Ansehen im In- und Ausland. Auch an seiner neuen Wirkungsstätte ließ Eberlein sein Engagement zur Ergänzung und einer verbesserten Neuauflage seiner 1968 bis 1970 erschienenen Bibliographie nicht los. Ganz entscheidenden Anteil an der Fortführung und letztlich erfolgten Veröffentlichung einer 2. aktualisierten und wesentlich erweiterten Auflage hatten die Deutsche For schungsgemeinschaft, die Universitätsbibliothek Bochum und nicht zuletzt die Ehefrau, Frau Ursula Eberlein, in deren Verantwortung die Bearbeitung des Gesamtwerkes lag. Denn Alfred Eberlein verstarb am 20. August 1982 in Bochum. Er erlebte die Vollendung seines Lebenswerkes nicht mehr, als 1996 bis 1997 im KG Saur Verlag München die nunmehr achtbändige Bibliographie einschließlich mehrerer Register3 Mitwirkung bei der Herausgabe von Reprints, so u.a.: Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Stuttgart 1.1907/08–21.1915, Glashütten, Taunus 1976; Die Wächter am Rhein. Ein deutsches Volksblatt. Mannheim 1832, Vaduz 1977; Die Zukunft. Organ der Deutsch-Französischen Union, Paris. Vaduz 1978; Die Internationale. Organ der Internationalen Arbeiter Assoziation Berlin. Berlin 1.1924/25–2.1925/26, Vaduz 1979; Die Republik der Arbeiter. Wochenblatt, Centralblatt der Propaganda für die Verbrüderung der Arbeiter. New York 1.1850 – 6.1855, Vaduz 1979; Der Sozialist. Organ des Sozialistischen Bundes. Berlin 1.1901,1–7 .1915,5, Vaduz 1980; Der Klassenkampf. Marxistisches Blatt; sozialistische Politik und Wirtschaft. Berlin 1.1927–6.1932, Vaduz 1982; Die Schmiede. Wochenschrift für Funktionäre/ Zentrale der Vereinigten Kommunistischen Partei Deutschlands(Sektion der Kommunistischen Internationale). Berlin 1.1921,1, Vaduz 1982; Kommunistische Rundschau. Berlin 1.1920, 1(Okt.)–6(Dez.), Vaduz 1982. 70 bände unter dem Titel„Internationale Bibliographie zur deutschsprachigen Presse der Arbeiter und soziale Bewegungen von 1830-1982“ 4 erschien. Mit über 24 000 neu erfassten Titeln und nunmehr rund 37 000 Einträgen umfasst die Zweitauflage mehr als doppelt so viele An gaben wie in der ersten Ausgabe von 1968 bis 1970. Ein umfangreiches, sich aufeinander beziehendes und ergänzendes Registerbandsystem garantiert eine optimale Erschließung. Mit dieser Leistung haben sich Alfred Eberlein und die Fortsetzerin dieses umfassenden bibliographischen Werkes, Ursula Eberlein, in die Reihe der Klassiker der Bibliographie eingereiht. 4 Alfred Eberlein, Internationale Bibliographie zur deutschsprachigen Presse der Arbeiter- und sozialen Bewegungen von 1830-1982. Hrsg. v. d. Universitätsbibliothek Bochum. Bearb. v. Ursula Eberlein. 2. akt. u wesentl. erw. Aufl. 4 Bde.; 4 Registerbde, München etc. 1996-1997. Hinweis zum Angebot digitaler FES-Veröffentlichungen im Internetangebot der Friedrich-Ebert-Stiftung Die hier vorliegende Datei(PDF) enthält einen Einzelbeitrag aus der Monographie "Bewahren- Verbreiten- Aufklären: Archivare, Bibliothekare und Sammler der Quellen der deutschsprachigen Arbeiterbewegung/ Günter Benser und Michael Schneider(Hrsg.) Bonn-Bad Godesberg, 2009" Internetadresse des Gesamtwerks: http://library.fes.de/pdf-files/adsd/06730/index.html ©Friedrich Ebert Stiftung| Webmaster| technical support| net edition Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung| 7. Oktober 2009