71 Jürgen Stroech Otto Franke(1877 – 1953) Der am 15. September 1877 in Rixdorf(heute Stadtteil von Berlin-Neukölln) geborene Otto Franke 1 gehörte zum Urgestein der deutschen Arbeiterbewegung. Bereits als Schüler trug er als Rollwagenjunge zum Lebensunterhalt seiner Familie bei 2 und machte 1889 im Alter von 12 Jahren durch Organisierung eines erfolgreichen Streiks der Rollwagenjungen auf sich aufmerksam. Am 1. Oktober 1891 begann Franke eine Lehre als Maschinenbauer. Daneben nutzte er alle ihm gebotenen Gelegenheiten sich weiterzubilden. Er wurde frühzeitig Mitglied der Gewerkschaften und der SPD. Während des Ersten Weltkrieges war er als linker Sozialdemokrat und Kampfgefährte Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs aktiver Kriegsgegner, stand während der Novemberrevolution an der Seite Karl Liebknechts und gehörte zu den Mitbegründern der KPD, in deren Reihen er in unterschiedlichen Funktionen gegen Krieg und Faschismus kämpfte, auch nachdem in Deutschland 1933 der Faschismus an die Macht gekommen war. Hier soll jedoch nicht der Tätigkeit Frankes als Arbeiterfunktionär und Vertreter seiner Partei in Kommunalparlamenten 3 gedacht werden, sondern seiner bibliothekarischen, archivarischen Tätigkeit, der er sich mehrere Jahre mit viel Energie und großem Engagement widmete. In Moskau hatte er während einer etwa zweijährigen Tätigkeit im Archiv(vermutlich der MOPR) Erfahrungen in der Archivarbeit sam1 Zur Biographie Otto Frankes siehe auch Jürgen Stroech, Otto Franke – Arbeiterfunktionär und Bibliothekar, in: Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung,(2004) 3, S. 126 ff.; J. Weber, Der Unbeugsame. Erinnerungen an Otto Franke, Berlin 1978; G. Witzorky, Otto Franke. Biographische Studie, Leipzig 1988(Diplomarbeit, Karl Marx-Univ., Sektion Geschichte). 2 Sein Vater war als aktiver Sozialdemokrat nach Erlass des Sozialistengesetzes aus Deutschland ausgewiesen worden, so dass seine Mutter für reiche Bürger waschen musste, um sich und ihre Kinder zu ernähren. 3 Mehrere Jahre gehörte er z.B. dem Gemeinderat von Niederlehme bei Berlin und dem Kreistag Beeskow-Storkow an. 72 meln können. Nach seiner Rückkehr nach Berlin 1928 erhielt er dann die Aufgabe, die zentrale Bibliothek der KPD, die zugleich auch ihr Archiv war, welches nach dem Parteiverbot im November 1923 verloren gegangen war, wieder aufzubauen. Diese neue Bibliothek war teilweise ein Geschenk von Mentona Moser und trug deren Namen. Sie befand sich in einem Bürogebäude in der Burgstraße in Berlin-Mitte. Liesel Jende, die Franke 1930 auf einer KPD-Veranstaltung kennen gelernt hatte und die ihm danach bis zur Beschlagnahme der Bibliothek durch die Nazis bei seiner Bibliotheksarbeit zweimal wöchentlich nach Feierabend half, berichtete, dass die Bibliothek 1930 noch in Teilen ungeordnet war:„einiges stand in Regalen, vieles wartete noch darauf, sortiert und katalogisiert zu werden...“. Und weiter:„ Ich bewunderte die Sachkenntnis“ Frankes und seinen Arbeitsstil:„... konzentriert und systematisch ging er daran, die Bücher vorzubereiten, die wir dann katalogisieren wollten“ 4 . Auch Mentona Moser, beschrieb Franke in ihren Erinnerungen ähnlich:„Anfang des Jahres 1932 kehrte ich wieder nach Berlin zurück... Zu dieser Zeit lernte ich einen Genossen kennen, einen eigenartigen kleinen Mann, Mitte der Vierziger 5 , etwas beleibt. Der Kopf war rund und kahlgeschoren, und er hatte schlaue, sehr kurzsichtige Augen...“ Weiter schrieb sie: Er hatte „sich umfassende Kenntnisse auf gewerkschaftlichem und politischem Gebiet angeeignet und verwaltete jetzt eine Bibliothek in der Burgstraße, die eine Fundgrube für Funktionäre und Theoretiker der Partei und der Gewerkschaften war, besonders für Mitarbeiter des Karl-Liebknecht-Hauses. Mit leidenschaftlichem Eifer war er bemüht, die Bibliothek auszubauen.“ Den Lesern gegenüber war er aufgeschlossen, fand schnell die gewünschten Titel, beriet sie bei Recherchen und unterstützte sie mit Ratschlägen, wobei er auf seine reichen Erfahrungen vertrauen konnte. Soweit Mentona Moser, die 1932 ebenfalls zeitweilig Franke bei der Katalogisierung half. Über den Umfang und die Art der Bestände machte sie folgende Angaben:„Über Tausend Bände enthielt die Bibliothek: politische Literatur, Jahrgänge von Fachschriften und Zeitungen, unzählige Mappen mit Protokollen der Landtags- und 4 SAPMO-BArch, SgY 30/ 2049 5 Franke war zu dieser Zeit bereits 55 Jahre alt. 73 Reichstagssitzungen der letzten Jahre – unentbehrliches Nachschlagematerial“ 6 . Als Reichspräsident von Hindenburg, der von der Sozialdemokratie bei seiner Wahl 1932 als Widerpart von Hitler unterstützt, am 30.Januar 1933 denselben Hitler zum Reichskanzler ernannte, bedeutete dies für Franke einen Einschnitt in sein Leben. Unter größter Vorsicht setzte er noch einige Zeit seine Arbeit in der Bibliothek fort. Vor allem bemühte er sich, wichtige Literatur vor dem Zugriff der Nazis zu verstecken, unter anderem in seinem Häuschen in Niederlehme. Doch bei einer Hausdurchsuchung beschlagnahmten Polizei und SA etwa 87 Zentner Bücher und transportierten sie ab. Sie stammten teilweise offensichtlich aus der Bibliothek der KPD, die Franke glaubte, in Niederlehme sicher bewahrt zu haben. Da er sich zu diesem Zeitpunkt nicht in der Bibliothek aufhielt, entging er diesmal der Verhaftung. Am 27. Juli 1933 wurde er in Berlin festgenommen und in das berüchtigte KZ Oranienburg gebracht, wo er bestialisch misshandelt wurde. Später wurde er in die KZ Sonnenburg und Lichtenburg überführt. 1935 aus der Haft entlassen, war er schwer krank, musste aber für seinen Lebensunterhalt arbeiten und setzte, obwohl er unter Beobachtung von Polizei und Gestapo stand, illegal seine Arbeit gegen das faschistische Regime fort. Nach Verlust seiner Arbeit in einem Kesselreinigungsbetrieb arbeitete er auf einer Autobahnbaustelle, wo er„mit vielen anderen Freunden eine starke Bewegung der Autobahnarbeiter“ 7 organisierte. Am 3. November 1937 wurde er in diesem Zusammenhang erneut verhaftet, mehrere Tage in der GestapoZentrale in der Prinz-Albrecht-Straße vernommen, dann nochmals freigelassen, da man ihm nichts nachweisen konnte. Von da an lebte er illegal in Berlin, konnte aber seine Situation den KPD-Vertretern in Prag übermitteln, worauf er aufgefordert wurde zu emigrieren. Am 20. Januar 1938 traf er in der CSR ein und arbeitete dort bis Oktober 1938 im 6 Mentona Moser, Unter den Dächern von Morcote, Berlin 1985, S.218 ff., hier: S. 224. 7 Kurz gehaltener Lebenslauf für Otto Franke, vom 06.10.46; Kurz gehaltener Lebenslauf für Otto Franke,(o.J., um 1948); Fragebogen zur Überprüfung der Mitglieder f. Otto Franke vom 30.1.51(Abschrift).(Alles z.Zt. im Besitz von Arno Gräf.) 74 Büro der Union für Recht und Freiheit als Archivar und Statistiker. Nach dem Münchener Abkommen wurde die Lage für die geflüchteten deutschen Antifaschisten immer unsicherer. Intensiv bemühten sie sich gemeinsam mit den Flüchtlingsorganisationen, Aufenthaltsgenehmigungen für die gefährdeten Antifaschisten in anderen Exilländern zu erhalten. Franke hatte Glück und konnte am 4. März 1939 mit dem letzten Flüchtlingstransport vor der Okkupation Prags nach England fliehen. Im September 1946 kehrte er aus London, wo er sich unter an derem im Freien Deutschen Kulturbund und der Landesgruppe der Deutschen Gewerkschaften betätigt hatte, nach Deutschland zurück. Franke war voller Erwartung und mit großem Elan nach Deutschland zurückgekehrt. Er hoffte, dass eine neue antifaschistische, demokratische und sozialistische Gesellschaft errichtet würde, eine Gesellschaft, in der jeder nach seinen Kräften zum Gemeinwohl beizutragen hatte, aber auch niemand ausgebeutet, sozial unterdrückt oder wegen seiner Rasse, Weltanschauung oder seiner Religion verfolgt würde. Am Aufbau dieser Gesellschaft wollte auch der nunmehr Neunundsechzigjährige, sich noch rüstig fühlende Franke teilnehmen, der sein Leben lang für eine neue, bessere Gesellschaft gekämpft und gelitten hatte. Doch wurde er enttäuscht. Zwar war er nach seiner Rückkehr wieder in den Gemeinderat von Niederlehme und in den Kreistag für Beeskow-Storkow gewählt worden, doch eine ihm versprochene Tätigkeit im Sozialversicherungsamt Beeskow-Storkow 8 wurde ihm mit der Begründung, er sei zu alt und auch keine Fachkraft, abgelehnt. Seine Enttäuschung brachte er in einen Brief zum Geburtstag seines Freundes und Gefährten Wilhelm Pieck vom 29. Dezember 1946 zum Ausdruck. Er schrieb:„Zur Zeit bin ich immer noch ohne Arbeit, welches mich persönlich sehr, sehr unglücklich stimmt. Ich bin doch aus der Emigration zurückgekehrt, um meine letzten Lebensjahre dem Aufbau zu widmen und nicht als Arbeitsloser Brot zu essen, welches nicht gegeben ist durch meine Arbeit.“ 9 Bei der damaligen Wirtschafts- und Arbeitsmarktsituation war es nicht 8 Fragebogen zur Überprüfung der Mitglieder f. Otto Franke vom 30.1.51(Abschrift). (Z.Zt. im Besitz von Arno Gräf). 9 SAPMO-BArch, NY 4036 /43, Bl. 39 75 leicht, einen dem Alter, Gesundheitszustand und der Eignung entsprechenden Arbeitsplatz für Franke zu finden. So vergingen noch Monate, bis er am 1. November 1947 eine Arbeit als Bibliograph an der Parteihochschule„Karl Marx“ in Liebenwalde und später in Kleinmachnow aufnehmen konnte. Hier war er anfangs mit der Vorbereitung, dem Aufbau und der Betreuung einer Ausstellung zur Oktoberrevolution 1917 in Russland und der Novemberrevolution in Deutschland beschäftigt, auf die Hermann Weber in seinen Erinnerungen Bezug nimmt 10 . Im Mai 1948 übernahm er als Bibliothekar und Archivar in Kleinmachnow den Aufbau einer Bibliothek von gemäß Befehl Nr. 4 des Alliierten Kontrollrates sekretierter, vorwiegend faschistischer Literatur. Aus einem Brief, den Franke am 24. August 1948 an Liesel Güssefeld(geb. Jende), seiner freiwilligen Helferin von 1930 bis 1933, richtete, erfahren wir, dass diese Bibliothek für eine Größe bis zu 100 000 Bänden geplant war, sie über einen ungeordneten Bestand verfüge, den er mühsam auf dem Fußboden ordne, da er noch keine Regale habe 11 . Weiter ist bekannt, dass die Deutschen Werkstätten Hellerau am 31. Mai 1949 einen Kostenvoranschlag für die Einrichtung von fünf Kellerräumen mit Regalen an die Parteihochschule sandte 12 . Im Laufe der folgenden Jahre erhielt die neue Bibliothek umfangreiche weitere Bestände so 510 Bücher der NSDAP von der Parteihochschule, von der Bibliothek des Zentralsekretariats der SED den„Völkischen Beobachter“ und den„Angriff“(insgesamt 94 Bände), 12 000 ausgesonderte Bände, die am 28. März 1949 von der Deutschen Bücherei Leipzig abgegeben wurden. Umfangreiches Material erhielt die Bibliothek vom Deutschen Institut für Zeitgeschichte Berlin, vom Präsidium der Volkspolizei Berlin(12 Kisten mit etwa 1 500 Büchern und Broschüren), aus Schwerin von der„Landes-Zeitung“(1 LKW, vorwiegend Zeitungen) und anderes mehr. 13 Später zeigte sich, 10 Siehe dazu auch: Hermann Weber, Damals, als ich Wunderlich hieß, Berlin 2002, S. 253ff. 11 Schreiben von Otto Franke an Frau Liesel Güssefeld vom 24.8.48, SAPMO-BArch, SgY 30/2049, Bl. 6 12 Deutsche Werkstätten Hellerau. An die Parteihochschule„Karl Marx“, 31.5.1949; (Z.Zt. im Besitz von Arno Gräf). 13 Der Präsident der Volkspolizei in Berlin an das SED-Zentralsekretariat-. Bibliothek vom 28.4. 50. Betr.: Auszusondernde Literatur; Schreiben von Deutsches Institut für 76 dass diese Bestände nicht nur militärwissenschaftliche oder den Krieg verherrlichende Propagandaliteratur, nicht allein faschistisches Agitationsmaterial und pseudowissenschaftliche, den Nationalsozialismus fördernde theoretische Veröffentlichungen enthielten, sondern auch verschiedene Publikationen von KI- und anderen Verlagen. Als er seine Bibliothek im Juli 1952 an die des Marx-Engels-Lenin-Instituts übergab, umfasste sie fünf große Räume, die mit bis zu 2,60 m hohen Regalen bestückt waren, insgesamt wenigstens 20 000 Bücher, Broschüren, Zeitungen und Zeitschriften. Die Literatur war von Franke nach Sachgruppen geordnet worden. Einen Katalog des Bestandes gab es allerdings nicht. Ein Teil dieses Bestandes, so fast die gesamte Belletristik, wurde an die Deutsche Bücherei Leipzig zurück- und die Militaria an die NVABibliothek bzw. an das Institut für Militärgeschichte abgegeben. Zu vermerken bleibt, dass Otto Franke etwa eineinhalb Jahre nach der Übergabe der Bibliothek am 12. Dezember 1953 verstarb. Zeitgeschichte an Gen. Franz Dahlem vom 19.7.1950; Quittung für von der Deutschen Bücherei übernommene Nazi-Literatur;(Z.Zt. alles im Besitz von Arno Gräf). Hinweis zum Angebot digitaler FES-Veröffentlichungen im Internetangebot der Friedrich-Ebert-Stiftung Die hier vorliegende Datei(PDF) enthält einen Einzelbeitrag aus der Monographie "Bewahren- Verbreiten- Aufklären: Archivare, Bibliothekare und Sammler der Quellen der deutschsprachigen Arbeiterbewegung/ Günter Benser und Michael Schneider(Hrsg.) Bonn-Bad Godesberg, 2009" Internetadresse des Gesamtwerks: http://library.fes.de/pdf-files/adsd/06730/index.html ©Friedrich Ebert Stiftung| Webmaster| technical support| net edition Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung| 7. Oktober 2009