77 Barbara Kontny Eduard Fuchs(1870- 1940) „Fuchs ist als Sammler vor allem ein Pionier…“ 1 Eduard Fuchs wurde am 31.01.1870 in Göppingen geboren. Durch eine kaufmännische Lehre in einer Druckerei kam er in Kontakt zur Arbeiterbewegung, trat 1886 in die damals verbotene Sozialistische Arbeiterpartei ein und war 1889 Gründungsmitglied des Vereins der Handlungsgehilfen in Stuttgart. Ab 1890 war er Redakteur in verschiedenen sozialdemokratischen Zeitungen, unter anderem beim„Süddeutschen Postillon“ und ab 1901 beim„Vorwärts“ in Berlin. Für den Vorwärts-Verlag gab er erfolgreich illustrierte Festzeitschriften heraus. Mehrfach war er Verhaftungen und anderen Verfolgungen durch die politische Polizei ausgesetzt. Als Gegner der sozialdemokratischen Burgfriedenspolitik brach er mit der SPD und war 1918 Gründungsmitglied des Spartakusbundes, in dessen Auftrag er Lenin einen Entwurf für das Gründungsprogramm der Kommunistischen Partei Deutschlands überbrachte. Er war Gründungsmitglied der KPD und engagierte sich in der Weimarer Republik in zahlreichen linken Organisationen(Gesellschaft der Freunde des Neuen Russland, Internationale Arbeiterhilfe und andere) und bei deren Aktionen. Schon während seiner Zeit beim„Süddeutschen Postillon“ begann Fuchs damit, Karikaturen(vor allem von Honoré Daumier), alte Grafik und Keramik zu sammeln. Daraus resultierten Publikationen über politische und historische Aspekte der Karikatur sowie die mehrbändige „Illustrierte Sittengeschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart“, die hohe Auflagen erreichte und ihm den Spitznamen„Sitten-Fuchs“ ein trug. 1928 überwarf sich Fuchs mit der KPD und unterstützte fortan die Kommunistische Partei Deutschlands Opposition. 1 Walter Benjamin, Eduard Fuchs, der Sammler und der Historiker, in: Zeitschrift für Sozialforschung, 6(1937), S. 346. 78 Über Eduard Fuchs kann man bei mehreren Autoren nachlesen. 2 In diesem Beitrag geht es um Fuchs als Sammler politischer und sozialwissenschaftlicher Literatur und einen kurzen Zeitabschnitt seines Lebens – die Jahre 1924 bis 1926. Zu Fuchs’ Sammlungen gehörte bereits eine Spezialbibliothek mit 6 000 bis 8 000 Bänden mit vielen Originalausgaben, kostbaren Stichen, Einbänden usw. Als er Anfang der 1920er Jahre an die Herausgabe einer umfangreichen Kulturgeschichte ging, stellte er fest: in seinen Materialbergen fehlte eine systematische Sammlung der politischen und sozialen Volksbewegungen in Deutschland und anderen Ländern speziell seit August 1914. Im Juni 1924 wurde an der Universität in Frankfurt am Main das Institut für Sozialforschung eröffnet. Fuchs war als Mitglied der Gesellschaft für Sozialforschung an dessen Gründung beteiligt. Am 6. Juni 1924 schlug er der Gesellschaft vor, gemeinsam mit dem Frankfurter Institut in Berlin ein Sozialwissenschaftliches Archiv zu gründen 3 mit dem Zweck, eben diese Materialien sowohl für den Gebrauch in Frankfurt als auch für wissenschaftliche Benutzung in Berlin zusammen zu tragen. Frankfurt stimmte schnell zu 4 , stellte für die ersten Monate 5.000 Rentenmark zur Verfügung und versprach weitere Mittel 5 . Ende Juli 1924 berichtete Fuchs, er habe in der Kochstraße 73, Quergebäude fünf Räume gemietet und für die technische Leitung Dr. Frieda Schiff gewonnen. 2 Siehe z.B. Ulrich Weitz, Salonkultur und Proletariat. Eduard Fuchs- Sammler, Sittengeschichtler, Sozialist, Stuttgart 1991; Thomas Huonker, Revolution, Moral& Kunst. Eduard Fuchs. Leben und Werk, Zürich 1985; Hartmut Pätzke, Eduard Fuchs(1870 – 940). Skizze zu Leben und Werk, in: Marginalien 105(1987) 1, S. 9-46; Übersichten über Fuchs’ Publikationen siehe z.B. Weitz, S. 484-497 oder Pätzke, S. 22-46. 3 SAPMO-BArch, RY 22/VSUF/573, Bl. 1; vgl. auch: Detlev Brunner, Das Sozialwissenschaftliche Archiv in Berlin. Ein Beitrag zur Geschichte der„Sammlung Universität Frankfurt“, in: IWK(1992) 1, S. 62-76. 4 SAPMO-BArch, N 2085/2, Bl. 81. 5 SAPMO-BArch, RY 22/VSUF/573, Bl. 5. 79 Nach diesen ersten Schritten organisierte Fuchs eine systematische Materialsammlung, die Bearbeitung der Materialien und den Austausch mit dem Frankfurter Institut. Bereits Ende Juni 1924 schrieb Fuchs an den ihm befreundeten Wilhelm Pieck:„Nachdem ich mit der Gesellschaft für Sozialforschung in Frankfurt wegen Gründung eines sozialwissenschaftlichen Archivs einig geworden bin, bin ich bereit, die mir von Ihnen vorgewiesenen Materialien…zum Preise von sofort fälligen Rentenmark 2500.-(Zweitausend fünfhundert) zu übernehmen“. Es handelte sich um einen Teil der KPD-Bibliothek. Und weiter:„Auch will ich gerne einen oder zwei Ihrer Angestellten, die infolge der Auflösung Ihrer diesbezüglichen Ein richtung arbeitslos würden, übernehmen.“ 6 Des Weiteren vereinbarte er mit dem Sekretariat der KPD die Übergabe jeder Art von Drucksachen aus deren Verlagen, und ihm wurde eine für Ausstellungszwecke zusammengestellte Sammlung von Betriebszeitungen zugesagt. Mit variierten Musterschreiben an Parteien, Organisationen, Firmen und Verlage erbat Fuchs deren Materialien. Er schrieb:„Denn wir benötigen für unsere Sammlung alle Bücher, Zeitungen, Zeitschriften, Rundschreiben, Bildnisse, Autographen, Flugblätter usw., die irgendwie zur Kenntnis der Zeitgeschichte und der in ihr wurzelnden sozialen Bewegungen aller Richtungen beitragen.“ 7 Fuchs drängte Frieda Schiff, den Versand dieser Schreiben zu beschleunigen, denn„unsere Materialsammlung soll doch sozusagen systematisch verwertbar und fruchtbar werden“ 8 . Es ist eine dreiseitige Liste von Organisationen überliefert, an die Rundschreiben geschickt wurden. 9 Diese Schreiben führten zu einer vorübergehenden Verstimmung zwischen Berlin und Frankfurt, wo Ähnliches praktiziert und auf den Vorrang zum Gratisbezug von Materialien gepocht wurde. Andererseits war man in Frankfurt froh über den Beitrag aus Berlin, weil manche gedruckten Materialien von KPD, Allgemeiner Arbeiter-Union(Einheitsorganisation) oder 6 SAPMO-BArch, N 2085/10, Bl. 209. 7 SAPMO-BArch, N 2085/2, Bl. 48. 8 SAPMO-BArch, RY 22/VSUF/573, Bl. 18. 9 Ebd., Bl. 98-100. 80 Kommunistischer Arbeiterpartei Deutschlands und anderen in Frankfurt nicht zu bekommen waren. 10 Frieda Schiff erhielt außerdem von Fuchs den Auftrag,„ihr Hauptaugenmerk“ auf die Erlangung illegalen Materials zu richten 11 . Frankfurt hatte die Berechtigung des Instituts für Sozialforschung,„auch das sogenannte illegale Quellenmaterial zu erwerben, z.B. verbotene Zeitungen, Zeitschriften, Plakate usw., und … dieses der Öffentlichkeit nicht zugängliche Material für die Wissenschaft sicherzustellen“ 12 , auch auf das Berliner Archiv übertragen. Ein von Fuchs unterstützter Student erreichte durch persönliche Vorsprache den regelmäßigen Gratisbezug gedruckter Materialien„von sämtlichen deutschen Parteien und ausserdem zirka 15-20 andren Organisationen“ 13 . Zugleich mit dem Aufbau des Archivs befasste sich Fuchs mit der Bearbeitung der Materialien. Im Juli 1924 berichtete er nach Frankfurt, dass eine Bibliotheksordnung erarbeitet wurde, am 19. August übermittelte er eine Archivordnung 14 , er kündigte an, demnächst um die Beratung einer Bibliothekskraft aus Frankfurt zu bitten 15 , im Oktober bat er um einen Posten Zeitschriften-Leihzettel für den Lesesaal und um die„Anweisungen für die Einrichtung eines Schlagwort-Kataloges“ nebst Verzeichnis der in Frankfurt selbst eingeführten Schlagworte 16 . Während all dieser Monate gingen neben Briefen umfangreiche Materialsendungen zwischen dem Berliner Archiv und dem Frankfurter Institut hin und her. Man vervollständigte zum Beispiel Zeitungs- oder Zeitschriftenjahrgänge gegenseitig aus Dublettenbeständen. Im September 1924 schickte Fuchs eine Liste von gedruckten Materialien, die in vier Paketen als Leihgabe oder als Geschenk von Berlin nach Frankfurt gegangen sind, darin 23 Broschüren von Sinowjew, Trotzki, Varga 10 Ebd., Bl. 23. 11 SAPMO-BArch, N 2085/8, Bl. 100. 12 SAPMO-BArch, N 2085/2, Bl. 75. 13 SAPMO-BArch, RY 22/VSUF/573, Bl. 71. 14 Ebd., Bl. 28. 15 Ebd., Bl. 11. 16 Ebd., Bl. 48. 81 und weitere Schriften aus dem Verlag der Komintern und aus der Vereinigung Internationaler Verlagsanstalten(VIVA), auch„ausserordentliche Seltenheiten“ wie das Protokoll vom Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte und„die Kollektion zur Geschichte des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold“, die alles Drucksachen-Material enthielt, das von dieser Organisation bisher veröffentlicht wurde. In ähnlicher Weise wollte Fuchs Kollektionen von den verschiedensten Organisationen herstellen lassen. Das Frankfurter Institut unterstützte Berlin finanziell, jedoch gingen die Geldmittel nicht regelmäßig ein. Fuchs selbst leistete dem Berliner Sozialwissenschaftlichen Archiv einen monatlichen Zuschuss. 17 Im Februar 1925 reagierte er ärgerlich:„Ihr habt bei all Euren Kalkulationen die grosse Sammlung, die ich Euch verschafft habe, gänzlich ausser Betracht gelassen.“ Er schätzte deren Wert auf mindestens das Doppelte der bisherigen Aufwendungen für das Archiv. 18 Im Laufe das Jahres 1925 war die Bibliothek in Berlin auf einen„katalogisierten Bücher- und Broschürenbestand von rund 10 000 Nummern“ angewachsen, dazu kamen einige Tausend noch nicht bibliotheksmäßig verarbeitete Nummern. 19 Bereits im Oktober 1924 verzeichnete eine Liste 101 Zeitschriften und 132 gewerkschaftliche Zeitungen. 20 Am 9. Oktober 1925 schickte Frieda Schiff ein Telegramm nach Frankfurt:„seit heute vormittag ohne angabe des grundes polizeiliche durchsuchung des archivs stopp alle angestellten verhaftet…“ 21 . Fuchs befand sich zur Kur in Karlsbad und erfuhr davon auf der Heimreise. Die Polizei gab als Grund für ihre Aktion an:„Vermutung, dass das sozialwissenschaftliche Archiv ein Geheim-Archiv der K.P.D. darstellt.“ 22 In Frankfurt war man entsetzt, das Sozialwissenschaftliche Archiv in die Nähe der KPD gerückt zu sehen und empört über das KPD-Zentralorgan„Die Rote Fahne“, das am 10. und 11. Oktober in ausführlichen 17 Ebd., Bl 41. 18 Ebd., Bl. 143. 19 SAPMO-BArch, N 2085/2, Bl. 12. 20 SAPMO-BArch, RY 22/VSUF/573, Bl. 55-63. 21 Ebd., Bl. 237. 22 SAPMO-BArch, N 2085/8, Bl. 1. 82 Berichten Partei für das Archiv nahm und über den Artikel von Wilhelm Pieck vom 11. Oktober„Die ‚Freiheit‘ der Wissenschaft“. Die Gesellschaft für Sozialforschung betrachtete sich offiziell als Beobach ter des politischen Tageskampfes, nicht jedoch als dessen Teilnehmer. Die Polizei gab das Sozialwissenschaftliche Archiv am 14. Oktober 1925 zurück. Danach wurde es von der Gesellschaft für Sozialforschung aufgelöst. Das Personal blieb noch längere Zeit in Haft, am 17. November 1925 berichtete Fuchs, dass vier der Inhaftierten entlassen wurden, drei jedoch noch in Haft wären. 23 Das Verfahren gegen Fuchs und Genossen wurde im März 1926 eingestellt. Im November 1925 wurden die Schritte zur Auflösung des Archivs in Berlin fixiert: Die Angestellten, die während der Dienstzeit mit der KPD verkehrt hatten, wurden zum 31. Dezember entlassen. Die Materialien wurden nach Frankfurt am Main expediert, wo die Sammlung von zeitgeschichtlichem Material fortgeführt wurde. Um einen Konflikt mit der KPD wegen des Erwerbs der Bibliothek zu vermeiden, schlug man eine gütliche Vereinbarung vor: Der KPD wurden unentgeltlich sämtliche Stücke aus der Bibliothek des Sozialwissenschaftlichen Archivs überlassen, die sich bereits in der Frankfurter Bibliothek befanden. Aus dem Archivmaterial, das im Frankfurter Institut in absehbarer Zeit doch nicht bearbeitet werden würde, konnte die KPD gegen Entgelt ausgewählte Stücke übernehmen. Die Materialien, die Fuchs für seine geplanten Arbeiten benötigte, blieben vorerst für ihn reserviert. Fuchs’ Tätigkeit wurde von Frankfurt gewürdigt:„Wir werden niemals vergessen, welche wertvollste Unterstützung Sie unserem Institut nicht nur durch die Archivarbeiten haben zuteil werden lassen, sondern auch dadurch, dass der Erwerb eines Teiles der wertvollsten Bestände unserer Institutsbibliothek Ihrem Sammeltalent zu verdanken ist, und dass Sie uns auch noch aus Ihrer Privatbibliothek unschätzbare Stücke überlassen haben.“ 24 23 SAPMO-BArch, RY 22/VSUF/573, Bl. 274. 24 SAPMO-BArch, N 2085/2, Bl 23. 83 Die Auflösung des Sozialwissenschaftlichen Archivs in Berlin zog sich bis Ende Juli 1926 hin. Die Sichtung der Bestände, der Transport und die Abgabe der Räumlichkeiten dauerten länger als gedacht. Die Vereinbarungen mit der KPD gelangen nicht reibungslos. Wilhelm Pieck wurden in der KPD heftige Vorwürfe gemacht, weil er den Verbleib der Bibliothek in Berlin nur mündlich vereinbart hatte. Fuchs selbst überließ im April 1926 Pieck für einen Betrag von 4.500 Mark Bestände, die er nicht für seine Spezialarbeiten benötigte. Fuchs erkannte den erstarkenden Nationalsozialismus frühzeitig als Gefahr für die Weimarer Republik und trat engagiert gegen ihn auf. Nach dem Reichstagsbrand verließ Fuchs mit seiner Frau Deutschland. Seine Villa in Zehlendorf wurde von der SA versiegelt 25 , ein Teil der Sammlungen, die Fuchs für ein proletarisches Kunstmuseum in Berlin ausersehen hatte, wurde geplündert oder vernichtet, ehe die Kunstsammlung Fuchs im Oktober 1933 durch die Gestapo beschlagnahmt wurde. 1937 und 1938 wurden die Sammlungen versteigert. Die Buchbestände im Frankfurter Institut wurden aufgeteilt:„Der inkriminierte Teil der Bücher[…] ging an die Preußische Staatsbibliothek[…] Berlin, die nicht anstößigen Bücher wurden auf Seminarbibliotheken der Universität verteilt.[…] Nach 1945 wurden die meisten der Bücher, die in die Seminarbibliotheken überführt worden waren, an das wiedererrichtete Institut zurückgegeben. Die anderen Bestände blieben verschollen; wahrscheinlich sind sie durch Kriegseinwirkungen verbrannt.“ 26 Einzelne Teile des Archivs gelangten in das Zentrale Parteiarchiv der SED. 27 Fuchs verbrachte die letzten Lebensjahre im Exil in Paris. Dort starb er am 26. Januar 1940. 25 Weitz, S. 421. 26 Gunzelin Schmid Noerr, Frankfurter Geschichten 1933. Das Institut für Sozialforschung und die Volksbüchereien als Horte„jüdisch-marxistischer Zersetzung“, in: Buchhandelsgeschichte,(1995) 1, S. B23. 27 Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv. Führer zu Archiv- und Bibliotheksbeständen, Berlin 2006, S. 242. Hinweis zum Angebot digitaler FES-Veröffentlichungen im Internetangebot der Friedrich-Ebert-Stiftung Die hier vorliegende Datei(PDF) enthält einen Einzelbeitrag aus der Monographie "Bewahren- Verbreiten- Aufklären: Archivare, Bibliothekare und Sammler der Quellen der deutschsprachigen Arbeiterbewegung/ Günter Benser und Michael Schneider(Hrsg.) Bonn-Bad Godesberg, 2009" Internetadresse des Gesamtwerks: http://library.fes.de/pdf-files/adsd/06730/index.html ©Friedrich Ebert Stiftung| Webmaster| technical support| net edition Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung| 7. Oktober 2009