84 Kurt Metschies Heinz Gittig(1923 – 2002) Als Sohn eines Sattlermeisters wurde Heinz Gittig 1 am 14. Juli 1923 in Lüben/ Niederschlesien(heute Lubin, Republik Polen) geboren. Nach dem Abschluss einer Verwaltungslehre wurde er 1941 zur Wehrmacht eingezogen und erlebte persönlich die Schrecken des Zweiten Weltkrieges. Erst nach der Rückkehr aus der britischen Kriegsgefangenschaft konnte sich Gittig seinen Wunsch, zu studieren, erfüllen. Im Oktober 1947 begann er sein Studium an der Vorstudienanstalt der Leipziger Universität, das er im August 1948 mit dem Abitur abschloss. Von 1948 bis 1952 studierte Gittig an der Philosophischen Fakultät dieser Universität Geschichte und legte sein Staatsexamen als DiplomHistoriker ab. Am 1. September 1954 nahm er nach Absolvierung des 3. Referendarlehrgangs für Bibliothekswissenschaft an der damaligen Öffentlichen Wissenschaftlichen Bibliothek Berlin(später: Deutsche Staatsbibliothek, Berlin) seine berufliche Tätigkeit auf. Nahezu 35 Jah re – von 1954 bis 1988 – war Gittig an der Deutschen Staatsbibliothek Berlin in verschiedenen Aufgabenbereichen und Funktionen, zuletzt als Leiter der Benutzungsabteilung und Stellvertreter des Generaldirektors tätig. Besondere Verdienste erwarb er sich auf dem Gebiet der Bibliographie. Hier galt seine Aufmerksamkeit vor allem der Geschichte des 20. Jahrhunderts. So legte Gittig in den Jahren 1954 bis 1957 zahlreiche Perso1 Weitere Literatur über Heinz Gittig: Alexandra Habermann/ Peter Kittel: Lexikon der wissenschaftlichen Bibliothekare. Die wissenschaftlichen Bibliothekare der BRD (1981-2002) und der DDR(1948-1990), in Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, Sonderh. 86. Frankfurt/Main 2004, S. 54-55; Friedhilde Krause, Oberbibliotheksrat Dr. Heinz Gittig zum 65. Geburtstag, in: Zentralblatt für Bibliothekswesen,102 (1988) 6, S. 280-282; Daniela Lülfing unter Mitwirkung von Renate Gollmitz, Dr. Heinz Gittig 14. Juli 1923 – 2. November 2002(Nachruf), in: Mitteilungen der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, N.F. 11(2002) 2, S. 449-451; Carsten Wurm, Zum Tod von Heinz Gittig, in: Marginalien. Zeitschrift für Buchkunst und Bibliophilie, H. 168=(2002) 4, S. 113-114. 85 nalbibliographien zu Persönlichkeiten der deutschen Arbeiterbewegung vor, u.a. zu Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg 2 , Clara Zetkin 3 und Ernst Thälmann 4 . 1957 folgte eine zusammen mit Richard Schötzau erarbeitete Auswahlbibliographie zur Oktoberrevolution in Russland. 5 Unabhängig von der vor 1989 dominanten Geschichtsauffassung zeichnen sich auch heute die vorgenannten Bibliographien durch einen soliden Informationswert für den Nutzer aus. 1959 erschien im Selbstverlag der Deutschen Staatsbibliothek die„Bibliographie zur Geschichte des antifaschistischen Widerstandskampfes“. 6 Die von Gittig erarbeitete Bibliographie umfasste etwa 2 100 Titel von Veröffentlichungen aus beiden deutschen Staaten und dem Ausland. Er verzichtete auf die damals übliche politisch orientierte Wertung der Titel und sah die Bibliographie als Grundstock eines bei der Deutschen Staatsbibliothek Berlin geführten„Zentralkatalogs von Publikationen zur Geschichte des antifaschistischen Widerstandskampfes“ an. Am 1. Juli 1970 wurde Gittig an der Humboldt-Universität Berlin zum Dr. phil. promoviert. Seine u.a. von Prof. Dr. Horst Kunze, Generaldirektor der Deutschen Staatsbibliothek Berlin betreute Dissertation„Illegale antifaschistische Tarnschriften 1933-1945“ widmete sich einem in der Bibliotheks- und der Geschichtswissenschaft beider deutschen Staaten bis zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht behandelten Teilgebiet der illegalen antifaschistischen Literatur. Es war und ist Gittigs Verdienst, dass er mit seiner Dissertation, die 1972 in überarbeiteter und erweiterter Fassung als 87. Beiheft zum„Zentralblatt für Bibliothekswesen“ im Verlag Bibliographisches Institut Leipzig unter dem 2 Heinz Gittig, Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg: ein Auswahlverzeichnis der Schriften von und über Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, Berlin 1956. 3 Ders., Clara Zetkin. Eine Auswahlbibliographie der Schriften von und über Clara Zetkin, Berlin 1957. 4 Ders., Ernst Thälmann. Auswahlverzeichnis von Schriften über Ernst Thälmann, Berlin 1954. 2. Aufl. 1956, 5 Ders./Richard Schötzau, Die Große Sozialistische Oktoberrevolution.Auswahl­ bibliographie, Berlin 1957. 6 Ders.(Bearb.), Bibliographie zur Geschichte des antifaschistischen Widerstandskampfes. Unter Mitarb. v. Franz Karma[u.a.], Berlin 1959. 86 gleichen Titel erschien 7 , im besten Sinne bibliographische Pionierarbeit leistete. Im ersten Teil seiner Publikation widmete er sich den inhaltlichen und formalen Kriterien der modernen Sonderentwicklung der„Verkleideten Literatur“ und reihte die„Tarnschrift“ in die Reihe der literarischen Dokumente ein, die der Täuschung der repressiven Organe der NSDiktatur dienten. Zu den inhaltlichen Zielstellungen der antifaschistischen Tarnschriften rechnete er u.a. die politische, taktische und organisatorische Anleitung der Widerstandsbewegung, die Wahrung des humanistischen Erbes und die Verbreitung der Wahrheit über den verbrecherischen Charakter des NS-Regimes. Tarnschriften wurden während der NS-Diktatur in Deutschland und den von deutschen Truppen okkupierten Gebieten Europas als Druckerzeugnisse verbreitet, die unter einem harmlosen und unverdächtigen Umschlagtitel, zum Teil mit fingiertem Impressum(Verlag, Drucker, Verlags- bzw. Druckort und -jahr) als Absicherung gegen polizeilichen Zugriff und zum Schutz der Verbreiter und Leser antifaschistischer, demokratischer und gegen den Krieg gerichteter Texte erschienen. Gittig skizzierte auf der Basis intensiver Archiv- und Bibliotheksstudien zugleich auch Aspekte der Herstellung, des Transports und der regionalen Verbreitung von Tarnschriften in den Jahren 1933 bis 1945. Außerdem konnte er zur Klärung verschiedener inhaltlicher Fragen und zur Verteilung der Materialien wichtige Aussagen von Zeitzeugen, so u.a. von Hilde Eisler(1912 – 2000), Mitautorin von antifaschistischen Tarnschriften, und Hans Holm(1895 – 1981), Herausgeber illegaler Schriften und Leiter eines Grenztransportapparats, heranziehen. Der zweite Teil der Publikation enthielt die Bibliographie und den Standortnachweis von 590 Tarnschriften, deren Titel in 14 Bibliotheken, Archiven, Museen u.a. Instituten der beiden deutschen Staaten und des Auslands ermittelt worden waren. Für jede Position erfolgten die einschlägigen bibliographischen Angaben(Autor des 7 Ders., Illegale antifaschistische Tarnschriften 1933-1945, Leipzig 1972. Lizenzausgabe Frankfurt/Main 1972; Ders., Bibliographie der Tarnschriften 1933 bis 1945, München etc. 1996. 87 Tarntitels, Tarntitel, Verlagsort und Verlagsname zum Tarntitel, Erscheinungsjahr, Seitenzahl, Format der Tarnschrift, Verfasser der getarnten Schrift, Standortnachweis). Angesichts der Tatsache, dass infolge des Verbots durch die NS-Behörden derartige Tarnschriften weder in der Deutschen Nationalbibliographie noch in den Berliner Titeldrucken oder in anderen Bibliographien angezeigt wurden, hatte Gittig immense Arbeit zu leisten, da er alle Schriften in Autopsie bearbeitete. Mit der Publikation über die antifaschistischen Tarnschriften 19331945 in Deutschland setzte Gittig einer dem Vergessen anheimfallenden Literaturkategorie ein sichtbares Denkmal. Im Gegensatz zu den bereits in den 1950er und 1960er Jahren erschienenen Bibliographien illegaler Propagandamaterialien zum Kampf gegen die deutsche Okkupation in Polen, den Niederlanden, Frankreich, Belgien und Dänemark gab es bis zum Erscheinen der Bibliographie von Gittig bis in die 1970er Jahre eine derartige spezielle Bibliographie in beiden deutschen Staaten nicht. In der wissenschaftlichen Fachwelt fand die Publikation daher große Aufmerksamkeit und in Folge erschien 1972 eine Lizenzausgabe in der Bundesrepublik Deutschland im Röderberg-Verlag Frankfurt/Main. Zugleich gab die Publikation bei den Bibliothekaren, Archivaren und nicht zuletzt bei den Historikern in beiden deutschen Staaten Anstoß zu einer intensiveren Beschäftigung mit den verschiedensten Formen dieser literarischen Dokumente des deutschen antifaschistischen Widerstands. Sichtbares Ergebnis dieser verstärkten Anstrengungen sind die zahlreichen Titel von Publikationen zu diesem Thema in der Auswahlbibliographie der nahezu 25 Jahre später 1996 erschienenen überarbeiteten und wesentlich erweiterten Publikation von Gittig im KG Saur-Verlag München. Auf Grund der veränderten Rahmenbedingungen, der verbesserten wissenschaftlichen Aufbereitung der Quellengruppe in Bibliotheken, Archiven und anderen Einrichtungen war es Gittig möglich, insgesamt 1 024 Titel von Tarnschriften des antifaschistischen Widerstandes aus der Zeit von 1933 bis 1945 mit 2 857 Standortnachweisen in 29 Archiven, Bibliotheken, Einrichtungen des In- und Auslands zu erfassen und inhaltlich zu erschließen. 88 Auch im Bereich der Bibliophilie beschritt Gittig Neuland. Als langjähriges Mitglied der Pirckheimer-Gesellschaft und der Historischen Kommission des Börsenvereins Deutscher Buchhändler widmete er sich den progressiven Entwicklungslinien der Verlagsgeschichte. So legte er bereits in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zwei umfangreiche Bibliographien zur Verlagsproduktion des Malik-Verlag Berlin und dessen Begründer Wieland Herzfelde vor 8 , auf die spätere Autoren fast 25 Jahre danach aufbauen konnten 9 . Heinz Gittig war„ein mustergültiger Bibliothekar und ein vergnügter Mensch, der bis zum Schluß aus dem Leben Freuden herauszuschlagen wußte“. 10 Er starb im November 2002. Mit seinem bibliographischen Wirken war er stets ein Impulsgeber im weitesten Sinne. Die Bibliographie seiner eigenen Veröffentlichungen umfasst über 200 Eintragungen. Als Bibliothekar, Bibliograph und last but not least auch als Buchhistoriker wurde Gittig über seine langjährige Wirkungsstätte, die heutige Staatsbibliothek Berlin, Preußischer Kulturbesitz, einer breiten Öffentlichkeit bekannt. 8 Ders., Die Publikationen des Malik-Verlages. Eine Bibliographie, in: Marginalien. Blätter der Pirckheimer-Gesellschaft,(1964) 15, S. 32-52; Ders., Bibliographie des Malik-Verlages einschließlich der im Exil erschienenen Publikationen, in: Der MalikVerlag 1916-1947. Ausstellung Dezember 1966 – Januar 1967. Deutsche Akademie der Künste zu Berlin, Berlin etc.1966, S. 73-136. 9 Frank Hermann, Der Malik-Verlag 1916-1947. Eine Bibliographie, Kiel 1989. 10 Carsten Wurm an Kurt Metschies, Brief vom 14.12.2008. Hinweis zum Angebot digitaler FES-Veröffentlichungen im Internetangebot der Friedrich-Ebert-Stiftung Die hier vorliegende Datei(PDF) enthält einen Einzelbeitrag aus der Monographie "Bewahren- Verbreiten- Aufklären: Archivare, Bibliothekare und Sammler der Quellen der deutschsprachigen Arbeiterbewegung/ Günter Benser und Michael Schneider(Hrsg.) Bonn-Bad Godesberg, 2009" Internetadresse des Gesamtwerks: http://library.fes.de/pdf-files/adsd/06730/index.html ©Friedrich Ebert Stiftung| Webmaster| technical support| net edition Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung| 7. Oktober 2009