104 Klaus Mertsching Werner Hansen(1905 – 1972) Werner Hansen 1 wurde am 31. Juli 1905 im niedersächsischen Rethem an der Aller als einer von drei Söhnen des Postbeamten Heinrich Heidorn 2 und seiner Ehefrau Karoline geboren. Nach dem Besuch der Volksschule und einer kaufmännischen Privatschule in Hannover durchlief er eine kaufmännische Lehre und war zwischen 1923 und 1927 als kaufmännischer Angestellter im Gold- und Silberwarenhandel tätig. 1926 trat er dem Zentralverband der Angestellten(ZdA) und den „Naturfreunden“ bei. 1927 ging er nach Bremen, wurde Mitglied im „Internationalen Sozialistischen Kampfbund“(ISK) und Mitarbeiter beim Parteiorgan„Der Funke“, gleichzeitig war er auch Vorsitzender der Bremer Sektion der Freidenker. Von 1931 bis 1933 war Werner Hansen ehrenamtliches Vorstandsmitglied in der ZdA Ortsverwaltung Bremen. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme war eine politische Tätigkeit in Bremen nicht mehr möglich. Um einer möglichen Verhaftung zu entgehen, ging Hansen nach Köln und tarnte seine illegale politische Arbeit für die ISK und in der„Unabhängigen Sozialistischen Gewerkschaft“(USG) mit einer Beschäftigung als Küchenhelfer in verschiedenen Hotels. Zwischen 1933 und 1937 leitete er mit Hans Dohrenbusch die illegale Arbeit im Rheinland und knüpfte Kontakte zur„Internationalen Transportarbeiter-Föderation“(ITF) und anderen freien Gewerkschaften. Mit Einsetzen einer Verhaftungswelle unter den ISK-Funktionären und Zerschlagung der Organisation im Rheinland floh er erst nach Frankreich und nach dem Ausbruch des Zweiten 1 Über Werner Hansen: DGB-Archiv, Sammlung Personalia; AdsD, Sammlung Personalia; DGB-Archiv, Nachlass Werner Hansen und Akten des Vorstandssekretariats; Kürschners Volkshandbuch Deutscher Bundestag, 2. Wahlperiode, 1953-1957; Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933, hrsg. v. Institut für Zeitgeschichte München, Bd. 1, München 1980. 2 Im Gegensatz zu seinen Brüdern legte Werner- der Zeitpunkt lässt sich nicht ermitteln- den Familiennamen Heidorn ab und nahm den Namen Hansen an. 105 Weltkrieges nach England, wo er sich der bereits bestehenden ISKExilgruppe anschloss. Vom Juni 1940 bis September 1941 wurde er mit anderen deutschen Emigranten in Australien interniert. Nach seiner Rückkehr arbeitete er eng mit Willi Eichler, ISK-Sektion, und Hans Gottfurcht, Landesgruppe deutscher Gewerkschafter in Großbritannien, zusammen. Mit Unterstützung der britischen Militärregierung kam er im März 1945 wieder zurück nach Deutschland. Als einer der ersten Emigranten aus dem Ausland traf Werner Hansen in Köln ein und nahm Kontakt mit Hans Böckler auf. Es begann der Wiederaufbau der Gewerkschaften. In dieser Zeit war er der engste Mitarbeiter Hans Böcklers bei den Vorbereitungsarbeiten zur Neugründung der Gewerkschaften im Rheinland. Er gehörte dem gewerkschaftlichen„Siebener-Ausschuss“ an, dessen Vorsitz Hans Böckler führte. Nach dem Gewerkschaftsaufbau im Rheinland wurde Werner Hansen im Frühjahr 1946 mit der Leitung des gewerkschaftlichen Zonensekretariats für die britische Zone in Bielefeld betraut und hatte die Aufgabe, die organisatorische Vorbereitung für den Zusammenschluss der Gewerkschaften der britischen Zone durchzuführen. Als auf dem Gründungskongress des DGB – britische Besatzungszone – 1947 in Bielefeld Hans Böckler zum Ersten Vorsitzenden gewählt wurde, übernahm Werner Hansen von ihm die Leitung des DGB Bezirks NordrheinWestfalen. Bis zum 4. Ordentlichen Bundeskongress des DGB 1956 in Hamburg wurde er viermal einstimmig als Vorsitzender des DGB-Landesbezirks bestätigt. Auf dem Gewerkschaftskongress 1956 wurde er in einer Kampfabstimmung gegen Willi Ginhold in den neunköpfigen Geschäftsführenden Bundesvorstand gewählt. Diesem Gremium gehörte Hansen bis zum 8. Ordentlichen Bundeskongress des DGB 1969 in München an. Im Geschäftsführenden Bundesvorstand war er verantwortlich für die Abteilung Angestellte und, zusätzlich ab 1962, für die Abteilung Werbung. Über seine gewerkschaftlichen Tätigkeiten hinaus hatte Werner Hansen in zahlreichen Ämtern und Funktionen den Gewerkschaftsideen neue Impulse gegeben, so im Verwaltungsrat des Berufsfortbildungswerkes, im Vorstand der Stiftung Mitbestimmung und im Kuratorium 106 der Stiftung Volkswagenwerk. Sein besonderes Interesse für Literatur, Kunst und Zeitgeschichte führte dazu, dass er alle bildungspolitischen, literarischen und künstlerischen Fragen mit besonderem Nachdruck unterstützte. Den Wiederaufbau der Buchgemeinschaft Büchergilde Gutenberg nach dem Kriege förderte er mit besonderem Einsatz und wurde deshalb auch Vorsitzender des Aufsichtsrates. Für den geplanten Aufbau einer„Archivabteilung für Geschichte der Gewerkschaften“, wurde vom Geschäftsführenden Bundesvorstand 1961 ein Gutachten über das„Archivwesen und Geschichtsschreibung des DGB“ in Auftrag gegeben. Die teilweise vernichtende Kritik in diesem Gutachten über die Sicherung der historischen Dokumente und Bücher war bedingt durch„...das nahezu völlige Fehlen von Sachverständigen und dazu noch die fehlende Erkenntnis oder zumindest die Fehleinschätzung dieses Zustandes...“ 3 , was schlussendlich zu einer fehlenden Sensibilisierung gegenüber dem historischen Aktenbestand führte. Nachdem Werner Hansen Anfang der 1960er Jahre die Zuständigkeit für den Archivbereich übernommen hatte, setzte er sich verstärkt für den Aufbau eines historischen Archivs beim DGB-Bundesvorstand ein. Unter seiner Federführung wurden vom neueingestellten Archivleiter, Dieter Schuster 4 , Briefe an die DGB-Landesbezirke,-Kreise und an Gewerkschafter geschrieben mit der Bitte, alle wesentlichen Materialien – Aktenbestände, Broschüren, Zeitungen, Zeitschriften, Flugblätter, Plakate, Fotos, Film und Tondokumente – zur Gewerkschaftsgeschichte und Gewerkschaftspolitik dem neuaufzubauenden gewerkschaftshistorischen Archiv zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig gab es jedoch Bestrebungen innerhalb der Gewerkschaften, das DGB-Archiv in das Ende der sechziger Jahre im Aufbau befindliche„Archiv der sozialen Demokratie“ in Bonn einfließen zu lassen. Wie schon auf der Sitzung des Geschäftsführenden Bundesvorstands am 12. Februar 3 Gutachten von Hermann Segall in 27. Sitzung vom 8.7.1963 des Geschäftsführenden Bundesvorstands, DGB-Archiv im AdsD, DGB-Bundesvorstand, Abteilung Vorsitzender, Sign. 5/DGAI 104. 4 Leiter von Archiv u. Bibliothek des DGB-Bundesvorstandes 1966 – 1992. 107 1968, begründete Werner Hansen auch auf der Bundesvorstandssitzung am 2. April 1968 seine Vorlage zu DGB-Archiv und-Bibliothek und gleichzeitig seine Überzeugung, dass Gewerkschaftsakten nicht in ein parteinahes Archiv übergehen sollten. In seinem Beschluss zum DGBArchiv unterstrich der Bundesvorstand„... dass bei einer engen Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften und der Friedrich-Ebert-Stiftung die Eigenständigkeit und der selbständige Aufbau des DGB-Archivs für erforderlich gehalten und fortgesetzt werden soll“. 5 Mit seinem massiven Eintreten für die Fortführung und Sicherung der gewerkschaftlichen Überlieferung in eigener Regie hat Werner Hansen auch einen Beitrag zur gewerkschaftlichen Identität geleistet. Dass das DGB-Archiv – wie die historischen Bestände fast aller Einzelgewerkschaften – Mitte der 1990er Jahre an das Archiv der sozialen Demokratie abgegeben wurden, hat Werner Hansen nicht mehr erlebt. Er ist am 15. Juni 1972 im Alter von 66 Jahren an den Folgen einer Operation gestorben. 5 Protokoll der 21. Sitzung des Bundesvorstands vom 2.4.1968, DGB-Archiv im AdsD, DGB-Bundesvorstand, Abteilung Vorsitzender, Sign. 5/DGAI 459. Hinweis zum Angebot digitaler FES-Veröffentlichungen im Internetangebot der Friedrich-Ebert-Stiftung Die hier vorliegende Datei(PDF) enthält einen Einzelbeitrag aus der Monographie "Bewahren- Verbreiten- Aufklären: Archivare, Bibliothekare und Sammler der Quellen der deutschsprachigen Arbeiterbewegung/ Günter Benser und Michael Schneider(Hrsg.) Bonn-Bad Godesberg, 2009" Internetadresse des Gesamtwerks: http://library.fes.de/pdf-files/adsd/06730/index.html ©Friedrich Ebert Stiftung| Webmaster| technical support| net edition Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung| 7. Oktober 2009