242 Brigitte Walz-Richter Theo Pinkus(1909 – 1991) Theo Pinkus 1 wurde am 21. August 1909 in Zürich geboren und ging 1927 nach Berlin, wo er eine Lehre als Verlagsbuchhändler bei Ernst Rowohlt begann. Danach arbeitete er im Neuen Deutschen Verlag von Willi Münzenberg und für die„Arbeiter-Illustrierte-Zeitung“, die weitverbreitete AIZ. 1933 musste Pinkus – Buchhändler, Kommunist, Jude und Ausländer – nach Zürich zurückkehren. Hier wurde er Redakteur der Schweizer Ausgabe der„Inprekorr“. 2 Seine Mutter schickte ihm 1 500 Bücher nach, zu denen sie die Karteikarten geschrieben hatte. Die Auslösung der 18 Kisten zog sich wegen akuten Geldmangels fast zwei Jahre hin. Der Grundstock einer großen Bibliothek war gelegt. Beruflich handelte Pinkus von da an nach dem Motto: Bücher suchen, sammeln und verkaufen. 1940 gründete er mit 1.000 Franken Startkapital den„Büchersuchdienst“ und baute einen auf der Welt einmaligen Informationsdienst für Literatur der Arbeiterbewegung auf. Es folgten später ein Antiquariat und die Buchhandlung Pinkus& Co. Die Buchhandlung und das Antiquariat wurden 1971 von Theo Pinkus vergesellschaftet, die daraus entstandene Pinkus-Genossenschaft führte die Buchhandlung bis zu ihrem Konkurs im Jahre 1998. Neben dem Antiquariat entstand 1975 auch ein kleiner Verlag. Die Limmat Verlag Genossenschaft veröffentlichte Sachbücher zu historischen und politischen Themen und pflegte ein li terarisches Programm. Das erste publizierte Buch war der heute noch als Standardwerk verwendete Dokumentenband„Geschichte der 1 Weitere Literatur über Theo Pinkus: Rudolf M. Lüscher/ Werner Schweizer(Hrsg.), Amalie und Theo Pinkus-De Sassi. Leben im Widerspruch. 2. erg. Aufl., Zürich 1994; Fritz J. Raddatz, Kommunist und Büchernarr. Ein Porträt des Züricher Antiquars Theo Pinkus, in: Die Zeit, Ausgabe 40, 1980; Diethart Kerbs, Lebenslinien. Deutsche Biographien aus dem 20. Jahrhundert, Essen 2007; Theo Pinkus, Suchen und sammeln für alle – ein Leben mit Büchern, in: Marginalien,(1991) 3, S. 13-19. 2 „Internationale Pressekorrespondenz“, Zeitung der Komintern, wurde von 1921 bis 1939 in bis zu acht Sprachen unter verschiedenen Titeln hrsg. 243 Schweizerischen Arbeiterbewegung“. Pinkus veranlasste zahlreiche Veröffentlichungen und gab selbst einige Publikationen heraus. 3 Pinkus war weit über die Schweiz hinaus bekannt und ein erfolgreicher Multiplikator und Vermittler bei der Vernetzung von linken und alternativen Projekten. Er verfügte über die vielfältigsten Kontakte und einen großen, sich ständig erweiternden Bekannten- und Freundeskreis. Vermutlich war er der Einzige, dem es gelang, die Bibliotheken und Archive des FDGB und des Instituts für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED und anschließend des DGB und der Friedrich-Ebert-Stiftung zu besuchen, um wichtige Dubletten dieser Institutionen zu erhalten. Das verdankte Pinkus nicht zuletzt Willi Stoph, mit dem er bereits in seinen frühen Berliner Jahren auf Schöneberger Hinterhöfen für die Partei agitiert hatte und der ihm nach einem Wiedersehen während der Leipziger Buchmesse ein Dauervisum für die DDR beschafft hatte. Im Laufe der Zeit war in der Genossenschaftswohnung von Theo Pinkus und seiner Frau Amalie Pinkus-De Sassi 4 eine große Privatbibliothek angewachsen, die in der Folge von 1968 immer stärker von fachlich und politisch Interessierten aus ganz Europa benutzt wurde. 1971 gründete das Ehepaar die Stiftung Studienbibliothek zur Geschichte der Arbeiterbewegung in Zürich. 5 Sie überführten das Ergebnis ihrer Lebensarbeit, ihre gesamte Bibliothek, das Antiquariat mit allen Beständen, Tausende wertvollste Bücher und Zeitschriftenjahrgänge samt Haus in der Züricher Froschaugasse, in die Stiftung. Dies war aber nicht ganz im Sinne der Familie. Während ihrer jahrzehntelangen aktiven Tätigkeit in der Arbeiterbewegung und im Buchhandel hatten sie eine umfangreiche Sammlung von Büchern, Broschüren, Flugschriften und anderen Materialien zusammengetragen, die den Grundstock dieser nun öffentlich zugäng3 Darunter u.a.: Theo Pinkus(Hrsg.), Gustav Landauer, Erich Mühsam, Max Hölz, Peter Kropotkin. Briefe nach der Schweiz, Zürich 1972; Pierre Vorms/ Pinkus(Hrsg.), Frans Masereel. Gesammelte Werke, 5 Bde, Frankfurt/Main 1978; Pinkus(Nachw.), Frans Masereel. Die Lebensalter, Göttingen 1989; Theo Pinkus(Hrsg.), Gespräche mit Georg Lukacs. Hans Heinz Holz. Leo Kofler. Wolfgang Abendroth, Reinbek b. Hamburg 1967. 4 Pinkus war mit Amalie de Sassi(1910-1996) seit 1935 verheiratet. 5 Stiftung Studienbibliothek zur Geschichte der Arbeiterbewegung Zürich(Hrsg.), Erinnern und Ermutigen. Hommage für Theo Pinkus 1909-1991, Zürich 1992. 244 lichen Bibliothek bildete. Mit der Studienbibliothek verwirklichte Pinkus seine Vorstellungen der Verbindung von kulturellen und politischen Aktivitäten und folgte konsequent seinen politischen Ansichten: Praktizierter Sozialismus. Die Vergesellschaftung des Privatbesitzes und die Verwandlung einer privaten zu einer für jeden Interessierten zugänglichen Bibliothek ging einher mit dem Konzept der„Neutralisierung des Kapitals“, 6 das Pinkus als„vorgezogene Utopie“ bezeichnete, wozu auch das von Theo und Amalie Pinkus 1972 gegründete selbstverwaltete Ferien- und Bildungszentrum Stiftung Salecina im Engadin 7 gehörte, einem Begegnungsort für Menschen der verschiedensten linken Gruppierungen. Die Studienbibliothek konnte in den folgenden Jahrzehnten durch Zukäufe und Geschenke ihren Bestand von 10 000 auf 50 000 Monografien(Sachbuch und Belletristik) erweitern. Sie beinhaltet einen bedeu tenden historischen Buchbestand nebst Broschüren und Kleinschriften aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Die Schwerpunkte der Sammlung sind Marxismus, Sozialismus, Geschichte der deutschen und schweizerischen Arbeiterbewegung, Spanischer Bürgerkrieg, Nationalsozialismus, antifaschistischer Widerstand, Exil, Bücher zur Geschichte der UdSSR und der DDR, Arbeiterkultur, Kunst- und Kulturgeschichte, sozialkritische und revolutionäre Literatur. Der Schwerpunkt Marxismus/Sozialismus manifestiert sich im historischen Bestand durch Erstausgaben von Werken der sozialistischen Klassiker, von Marx, Engels, August Bebel, Eduard Bernstein, Karl Kautsky, Wilhelm Liebknecht, Franz Mehring, Rosa Luxemburg und anderen. Ferner durch die Erstausgaben der Schriften von Vertretern der schweizerischen Arbeiterbewegung, von Karl Bürkli, Fritz Brupbacher, Robert Grimm und Hans Mühlestein. Daneben befinden sich in der Sammlung seltene Ausgaben von Frühsozialisten und Anarchisten. Die sozialkritische Literatur der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen ist vor allem in den Ausgaben des Malik-Verlages, des Neuen Deut6 Nachzulesen in„Studienbibliothek Info“, 38, Dezember 2000. 7 Salecina„Ein Bildungs- und Ferienhaus für uns...“ Jubiläumsdokumentation. 25 Jahre Bildungs- und Ferienzentrum, Maloja 1997. 245 schen Verlages, der Universum-Bücherei und in der auch typografisch wertvollen Produktion der Büchergilde Gutenberg(vor ihrer Exilierung in die Schweiz) vertreten. Die Zeit des Nationalsozialismus ist schwerpunktmäßig durch Literatur des Widerstands und des Exils, insbesondere durch die Veröffentlichungen der außerhalb Deutschlands wirkenden Verlage Oprecht Zürich, Jean-Christophe-Verlag Zürich, Editions du Carrefour Paris und Querido Verlag Amsterdam dokumentiert. Zum Bereich der UdSSR gehören der vollständige Bestand der Kongressberichte und der Berichte über die Tätigkeit des Präsidiums und der Exekutive der Kommunistischen Internationale(Komintern), eine Sammlung von Reiseberichten westlicher Sozialisten, die kurz nach der Oktoberrevolution Russland besuchten, russische Belletristik in frühen deutschen Übersetzungen sowie zahllose Broschüren und Bücher der Verlagsgenossenschaft Ausländischer Arbeiter in der UdSSR und des Ring-Verlags Zürich. Aus der DDR sind neben einer umfassenden Dokumentation ihrer Geschichte ungefähr 1 500 belletristische Werke vorhanden, mehrheitlich in Erstausgaben. Die Archivalien bestehen aus Organisations- und Personennachlässen. Darunter sind Akteure und Akteurinnen der Schweizer Arbeiterbewegung wie Jakob Joggi Herzog, Max Bächlin, Ernst Högger, Konrad Kony Mayer, Minna Tobler, Anna Siemsen, Paula Suter-Lippmann, Margarete Fass-Hardegger, Lotte und Fred Hümbelin. Bei den Organisationsnachlässen finden sich unter anderem„Schweizer Kommunisten im Archiv der Komintern“, Archivalien der KPS und PdA, sowie der RAZ(Revolutionäre Aufbauorganisation Zürich) oder„Zürcher Bewegung 1980/81“. Auch aus Deutschland sind kleine Bestände vorhanden, zum Beispiel von der Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands(KAPD) und dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund(SDS) und vieles andere mehr. Theo Pinkus verstarb am 5. Mai 1991 in Zürich. Nach seinem Tod stiftete die LAKS Baden-Württemberg 8 einen Kulturpreis, der für beson8 Landesarbeitsgemeinschaft der Kulturinitiativen und Soziokulturellen Zentren in Baden-Württemberg e.V. 246 dere Leistungen im Bereich der Soziokultur alle zwei Jahre vergeben wird. Der Theo-Pinkus-Preis soll eine Ermutigung sein für alle Versuche, konkrete Utopien praktisch umzusetzen. Der Buch- und Archivbestand der Stiftung Studienbibliothek zur Geschichte der Arbeiterbewegung ging im Jahr 2000 als Schenkung an die Zentralbibliothek Zürich, wo sie integral erhalten bleibt; der Nachlass Pinkus-De Sassi ist erschlossen in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich und öffentlich zugänglich. Hinweis zum Angebot digitaler FES-Veröffentlichungen im Internetangebot der Friedrich-Ebert-Stiftung Die hier vorliegende Datei(PDF) enthält einen Einzelbeitrag aus der Monographie "Bewahren- Verbreiten- Aufklären: Archivare, Bibliothekare und Sammler der Quellen der deutschsprachigen Arbeiterbewegung/ Günter Benser und Michael Schneider(Hrsg.) Bonn-Bad Godesberg, 2009" Internetadresse des Gesamtwerks: http://library.fes.de/pdf-files/adsd/06730/index.html ©Friedrich Ebert Stiftung| Webmaster| technical support| net edition Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung| 7. Oktober 2009