185 Peter Gohle Paul Mayer(1898 – 1970) Paul Mayer 1 wurde am 6. August 1898 in Duisburg geboren. Über seinen familiären Hintergrund oder seine Kindheit und Jugend ist nichts bekannt. Überhaupt bleibt seine gesamte Biographie abgesehen von diversen beruflichen Stationen einigermaßen schemenhaft. Nach dem Ab itur wurde Mayer 1917 zum Kriegsdienst eingezogen. Wo und bei welchen Truppenteilen er sich während des Ersten Weltkriegs aufhielt, ist unklar. Nach Kriegsende begann er im Jahr 1919 ein Studium der Philosophie und der Rechtswissenschaften, das er jedoch aus wahrscheinlich ökonomischen Gründen nicht beenden konnte. Während der Weimarer Republik und vermutlich auch in der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur arbeitete er als Journalist für mehrere lokale Zeitungen. Eine – eigentlich für Journalisten während der NS-Zeit obligatorische – Mitgliedschaft in der Reichsschrifttumskammer ist allerdings nicht nachweisbar und somit bleibt auch sein Werdegang während des Dritten Reiches im Dunkeln. Es ist lediglich belegt, dass er zu Kriegsbeginn 1939 in Dillenburg in Hessen gelebt hat. Am Zweiten Weltkrieg nahm Mayer als Gefreiter im Sanitätsdienst teil und war vermutlich auch an der Ostfront eingesetzt. Im Mai 1945 geriet er in der Nähe von Passau in amerikanische Kriegsgefangenschaft, aus der er bald in sowjetischen 1 Zur Biographie von Paul Mayer vgl.: AdsD, SPD-Parteivorstand, Archiv und Bibliothek, Sammlung Personalia; Deutsche Dienststelle(WASt), Kriegsgefangenenentschädigungsverfahren Paul Mayer; Mario Bungert,„Zu retten, was sonst unwiederbringlich verloren geht“. Die Archive der deutschen Sozialdemokratie und ihre Geschichte, Bonn 2002; Susanne Miller, Rudolf Rothe und Paul Mayer zum Gedenken, in: IWK, 7(1971); Rüdiger Zimmermann, Das gedruckte Gedächtnis der Arbeiterbewegung bewahren. Die Geschichte der Bibliotheken der deutschen Sozialdemokratie, 3. erw. Aufl., Bonn 2008. – Auswahl historisch, archiv- und bibliothekswissenschaftlich relevanter Publikationen v. Paul Mayer: Die Geschichte des sozialdemokratischen Parteiarchivs und das Schicksal des Marx-Engels-Nachlasses, in: Archiv für Sozialgeschichte, 6/7(1966/67); mit Wilhelm Peters, Die Archive der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, in: Der Archivar 20(1967); Bruno Schoenlank 1859 – 1901. Reformer der sozialdemokratischen Tagespresse, Hannover 1971; Der Stockholmer Dokumentenfund. Das Archiv der Sopade, in: IWK, 8(1972). 186 Gewahrsam übergeben wurde. Während des Sommers 1945 war er in Gefangenenlagern in der Tschechoslowakei und Rumänien interniert, bevor er im Oktober 1945 in die Sowjetunion in den südlichen Ural verlegt wurde. Nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft am 28. Juli 1947 kehrte er nach einem kurzen Aufenthalt im Grenzdurchgangslager Waldschänke in Hessen nach Dillenburg zurück. Es ist anzunehmen, dass Mayer bereits vor 1933 mit der Sozialdemokratie zumindest sympathisierte, denn nach rund einem Jahr der Arbeitslosigkeit begann er im September 1948 in Hannover seine Tätigkeit als Kulturredakteur für den„Neuen Vorwärts“. Später wechselte er in das Ressort Innenpolitik und avancierte schließlich 1958 unter der Ägide von Josef Felder zum stellvertretenden Chefredakteur des„Vorwärts“. Nach der plötzlichen und krankheitsbedingten Berufsunfähigkeit Rudolf Rothes übernahm Mayer im April 1962 die Leitung der Bibliothek und des Archivs des SPD-Parteivorstands. Da er bereits während seiner Zeit beim„Vorwärts“ starke historische Neigungen offenbart und das SPD-Parteiarchiv rege genutzt hatte, erschien er Erich Ollenhauer und dem Parteivorstand als der geeignete Nachfolger Rothes. Kaum im Amt wurde damit begonnen, die aus allen Nähten platzenden Räumlichkeiten der Bibliothek und des Archivs zu renovieren und zu erweitern. Darüber hinaus regte Mayer an,„Pressearchiv“ einerseits und „Bibliothek und historisches Archiv“ andererseits klar zu unterscheiden und organisatorisch zu trennen. Zu Rothes Zeiten existierte in der Archivbibliothek noch kein alphabetischer Katalog. Einzige Recherchehilfe war die grobe sachthematische Klassifikation, nach der Bü cher und Zeitschriften aufgestellt waren. Dies war für eine auf mehrere Tausend Einheiten angewachsene Bibliothek auf längere Sicht kein haltbarer Zustand und so wurde nach dem Umbau mit sowohl der alphabetischen als auch der Sachkatalogisierung begonnen. Letzteres sollte durch eine Systematik, die in der Struktur an eine herkömmliche Dezimalklassifikation angelehnt war, aber inhaltlich den Erfordernis sen sozialdemokratischer Theorie und Praxis sowie der Geschichte der Arbeiterbewegung Rechnung trug, geschehen. Hierbei holte sich Mayer Rat bei vergleichbaren Institutionen im Ausland, wie dem schwe- 187 dischen Arbetarrörelsens Arkiv. Allerdings litten Bibliothek und Archiv trotz punktueller Verbesserungen weiterhin unter einem eklatanten Mangel an qualifiziertem Personal – zumal der Bestand bis Ende der 1960er Jahre auf etwa 20 000 Titel anwuchs –, sodass das ambitionierte Katalogprojekt ein Torso blieb. Als Journalist lag Mayer natürlich besonders der Ausbau der Zeitungssammlung am Herzen. Diesem Anliegen waren in der Vergangenheit, vor allem was Zeitungen vor 1933 betraf, in der Papierform gewisse Grenzen gesetzt. Im Laufe der 1960er Jahre brachte hier jedoch die deutlich verbesserte Mikrofilmtechnik, zumal sich die sozialdemokra tische Konzentration GmbH verstärkt dieser neuen Technologie annahm, bis dato ungeahnte Möglichkeiten. So wurden nun in großem Stil bis zu diesem Zeitpunkt zum Teil extrem seltene sozialdemokratische Zeitungen und Periodika systematisch für die eigenen Sammlungszwecke aber auch für einen breiteren Abnehmerkreis anderer Bibliotheken und Archive verfilmt. Vergleichsweise bescheiden waren einstweilen die Fortschritte auf dem eigentlich archivarischen Feld. Zwar konnten die Nachlässe von Gustav Noske, Emil Barth und Felix Fechenbach gesichert werden. Allerdings umfassten diese Übernahmen insgesamt lediglich einen laufenden Regalmeter. Entsprechend luxuriös mutet aus heutiger Sicht der Zuschnitt der alten Nachlass-Repertorien an, die eine Einzelblattverzeichnung mit inhaltlicher Erschließung durch knappe Regesten beinhalteten. Darüber hinaus ist auch der grundsätzlich bibliothekarische Zugriff bei der Erschließung kaum zu verkennen. Diese Situation änderte sich grundlegend um die Jahreswende 1967/68 mit der spektakulären Wiederauffindung der verschollenen Registratur des SPD-Exilvorstands Sopade aus Prag 1933 – 1938 in einem vergessenen Raum im Keller des Gewerkschaftshauses in Stockholm. Damit war nicht nur ein lange verloren geglaubter Überlieferungsstrang aus der Zeit vor 1945 wieder aufgetaucht, sondern auch zum ersten Mal eine mehr oder weniger geschlossene Organisationsregistratur in das SPD-Parteiarchiv gelangt. Dieser Fund wäre ohne die ausgedehnten Recherchen, die Mayer für seinen wichtigen und 1966 im Archiv für 188 Sozialgeschichte erschienen Aufsatz zur Geschichte des alten Parteiarchivs vor 1933 angestellt hatte, nicht möglich gewesen. All dies erhöhte natürlich die Attraktivität der Bestände des SPD-Parteiarchivs für die Forschung und es verstärkte sich ein Trend, der sich bereits unter Rothe angedeutet hatte. Der Paradigmenwechsel in der Geschichtswissenschaft und den Sozialwissenschaften führte zu einem sukzessiven Ansteigen der Benutzerzahlen. Zunächst vermeldete Mayer nicht ohne Stolz, dass zwischen 1964 und 1967 insgesamt 321 Personen die Bestände des SPD-Parteiarchivs benutzt hätten und auf deren Basis über 100 Dissertationen und neun Habilitationsschriften entstanden seien. 2 Im selben Atemzug, wenn auch an anderer publizistischer Stelle, beklagte er freilich, dass für diesen Ansturm die Kapazitäten immer weniger ausreichten. Das war neben wirtschaftlichen Erwägungen mit ein Grund dafür, dass der SPD-Parteivorstand ab der ersten Hälfte der 1960er verstärkt über eine Abgabe der Bibliothek und des Archivs an das Forschungsinstitut der Friedrich-Ebert-Stiftung(FES) nachdachte. Diese Pläne, die auf erste Überlegungen im Jahr 1962 zurückgingen, konkretisierten sich bis 1966/67 zunehmend. Sie bedeuteten, aufbauend auf dem Grundstock des SPD-Parteiarchivs, faktisch nicht weniger als eine völlige Neugründung eines zentralen Archivs, einer Bibliothek und einer Forschungsabteilung nicht nur zur Geschichte der SPD, sondern der Arbeiterbewegung insgesamt unter dem Dach der FES. Wegweisend für das Projekt Archiv der sozialen Demokratie(AdsD) war, dass nun zum ersten Mal in der Geschichte der SPD-Parteiarchive tatsächlich archivische Aufgaben, also Übernahme, Bewertung, Sicherung und Erschließung der gesamten parteiamtlichen Registraturen der Gliederungen der SPD bis auf Bezirksebene, wahrgenommen werden sollten. Mayer stand, da er um seine Stellung fürchtete, diesem Vorhaben zunächst sehr skeptisch gegenüber. Nachdem sich bis 1969 die daraus entstandenen Friktionen auflösen ließen, wechselte Mayer, der mittler weile das Rentenalter überschritten hatte, zum neuen AdsD. Seine Auf2 Vgl. Jahrbuch 1966/67, hrsg. v. Parteivorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Bonn-Bad Godesberg o.J., 192f. 189 gaben hier sollte einerseits die Erstellung einer zentralen Nachweiskartei zur Zeitgeschichte der Arbeiterbewegung unter Einbeziehung der gesamten deutschen Archivlandschaft sowie andererseits die Betreuung des Bild- und Tonarchivs sein. Zunächst war er jedoch noch mit der Edition des Tagebuchs des sozialdemokratischen Journalisten Bruno Schoenlank beschäftigt. Während der Endredaktion des Manuskripts starb Mayer völlig unerwartet am 25. September 1970 in seinem Dienstzimmer im neuen Gebäude der FES. Er war verheiratet mit Margarete Mayer, geboren am 2. Februar 1916. Aus dieser Ehe gingen keine Kinder hervor. Hinweis zum Angebot digitaler FES-Veröffentlichungen im Internetangebot der Friedrich-Ebert-Stiftung Die hier vorliegende Datei(PDF) enthält einen Einzelbeitrag aus der Monographie "Bewahren- Verbreiten- Aufklären: Archivare, Bibliothekare und Sammler der Quellen der deutschsprachigen Arbeiterbewegung/ Günter Benser und Michael Schneider(Hrsg.) Bonn-Bad Godesberg, 2009" Internetadresse des Gesamtwerks: http://library.fes.de/pdf-files/adsd/06730/index.html ©Friedrich Ebert Stiftung| Webmaster| technical support| net edition Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung| 7. Oktober 2009