282 Jacques Schwarz Johann Sassenbach(1866 – 1940) Johann Sassenbach 1 kam am 12. Oktober 1866 in Breun(heute Lindlar) im Bergischen Land als Sohn eines Sattlers, Gast- und Landwirts zur Welt. Nach dem Besuch der Volksschule absolvierte er eine Sattlerlehre, arbeitete danach als Sattlergeselle und ging als Handwerksbursche auf Wanderschaft, die ihn durch die meisten Staaten und Provinzen des deutschen Reiches, bis nach Südfrankreich und tief nach Italien hinein führte. Im Herbst 1890 siedelte sich Sassenbach in Berlin an. Einige Zeit arbeitete er noch in seinem erlernten Beruf, unter anderem als Geschäftsführer einer Produktivgenossenschaft der Militärsattler. Von 1891 bis 1906 führte er den Verband der Sattler und Tapezierer und redigierte dessen Verbands-Zeitung, von 1906 bis 1921 übernahm er das Sekretariat der Internationalen Vereinigung der Sattler und verwandter Berufsgenossen. Von 1898 bis 1923 leitete Sassenbach das Berliner Gewerkschaftshaus, von 1902 bis 1919 gehörte er als ehrenamtliches Mitglied der Generalkommission der freien Gewerkschaften und von 1919 bis 1923 dem Bundesvorstand des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes an. 1923 zog er nach Amsterdam um, arbeitete dort bis 1927 als Sekretär des Internationalen Gewerkschaftsbundes(„Amsterdamer Internationale“) und übernahm von 1927 bis 1931 die Aufgaben des Generalsekretärs. Sassenbach war seit 1889 Mitglied der SPD(ab 1917 der MSPD). Er vertrat seine Partei von 1906 bis 1915 in der Berliner Stadtverordnetenversammlung und gehörte von 1915 bis 1920 dem Berliner Magistrat als unbesoldeter Stadtrat an. Von 1899 bis zu seiner Wahl als 1 Weitere Literatur über Sassenbach: Barbara Voigt, Der Gewerkschaftsführer, Verleger und Publizist Johann Sassenbach(1866-1940), in: Peter Wruck(Hrsg.), Literarisches Leben in Berlin 1871-1933, Berlin(DDR) 1987, S. 299-333; Jacques Schwarz, Johann Sassenbach 1866-1940. Zum 140. Geburtstag: Lebensdaten und Bibliographie, Berlin 2006; Ders.: Johann Sassenbach. Ein Lebensbild, in: Johannes Sassenbach. Ehrung in Berlin anlässlich seines 140. Geburtstages, Berlin 2007. Laut Geburtsurkunde hieß Sassenbach mit Vornamen Johann, später nannte er sich gelegentlich auch Johannes. 283 Stadtrat saß er im Vorstand der Freien Volksbühne, von 1920 bis 1923 war er Vorsitzender der von ihm mitgegründeten Volkshochschule Groß-Berlin. 1920 bekleidete er das neue Amt eines Sozialattachés bei der Deutschen Botschaft in Rom. 1891 gründete Sassenbach einen eigenen Verlag und war bis 1923 auch als Verleger und Verlagsbuchhändler tätig. In Sassenbachs Verlag erschienen außer der Sattler-Verbandszeitung und eigenen Publikationen („Die Freimaurerei“,„Die heilige Inquisition“,„Neuland“), vor allem Werke von Arno Holz und seiner Schule sowie Gedichte und Dramen von Otto Krille. Außerdem redigierte Sassenbach von 1895 bis 1896 die Zeitschrift„Der Sozialistische Akademiker“ und war von 1896 bis 1898 Herausgeber und Redakteur der Zeitschrift„Neuland“, einer Monatsschrift für Politik, Wissenschaft, Literatur und Kunst. Als Geschäftsführer des Berliner Gewerkschaftshauses organisierte Sassenbach bis zum Ersten Weltkrieg alljährlich in der Vorweihnachtszeit eine Ausstellung zur Jugendliteratur, mit der proletarischen Müttern bei der Auswahl von Weihnachtsgeschenken Hilfestellung gegeben und die Verbreitung so genannter Schundliteratur eingedämmt werden sollten. Um die Schundliteratur dauerhaft zu bekämpfen und „gute“ Unterhaltungslektüre zu fördern, entwickelte Sassenbach ein spezielles Bibliothekssystem mit Ausgabestellen in der Stadt und in den Vororten Berlins. Träger dieser 1911 eingeführten Leihbibliothek war zunächst das Gewerkschaftshaus, zwei Jahre später ging sie in die Obhut des Berliner Bildungsausschusses über. In der Generalkommission war Sassenbach für internationale Fragen (wegen seiner guten Sprachkenntnisse), Jugendfragen und Bildungsarbeit zuständig. 1906 regte er in einer Denkschrift die Gründung einer gewerkschaftlichen Verlagsbuchhandlung an, um alle Gewerkschaften, die eigene Literatur(Berichte, Protokolle, Statistiken, Quellenwerke) herausgaben, an den Buchhandel anzuschließen und um die von den Gewerkschaftsbibliotheken benötigten Bücher zu besorgen. Die Generalkommission und die Zentralvorstände der Einzelgewerkschaften stimmten zwar der Einrichtung einer Zentralstelle für Literatur bei der Generalkommission zu, beschlossen aber, die sozialdemokratische Ver- 284 lagsbuchhandlung Vorwärts mit der Kommission der eigenen Literatur zu beauftragen. Die Gewerkschaftskommission beauftragte 1906 Sassenbach mit der Vorbereitung und Leitung zentraler gewerkschaftlicher Unterrichtskurse, die Fachwissen vermitteln und in erster Linie die Selbstbildung der Gewerkschaftsfunktionäre erleichtern sollten. Der erste Kurs fand im Sommer 1906 statt. Bis zum Ersten Weltkrieg veranstaltete die Generalkommission insgesamt 22 vier- bis sechswöchige Kurse mit mehr als 1400 Teilnehmern, ab Herbst 1909 kamen spezielle Unterrichtskurse für Arbeitersekretäre hinzu. Sassenbach unterrichtete das Nebenfach„Gewerkschaftliche Literatur“. Als Handreichung für den Unterricht und als Hilfsmittel für das weitere Selbststudium stellte er ein „Verzeichnis der in deutscher Sprache vorhandenen gewerkschaftlichen Literatur“ 2 zusammen. Das Publikationsverzeichnis wuchs im Laufe der Zeit gewaltig an: von 436 Veröffentlichungen in der ersten Ausgabe(1906) auf 7 700 Titel in der vierten Ausgabe(1910) einschließlich Nachtrag(1912). Auf dem achten Gewerkschaftskongress 1911 in Dresden referierte Sassenbach zum Thema„Bildungsbestrebungen und Bibliothekswesen in den Gewerkschaften“ und legte dazu Leitsätze vor, die der Kongress annahm. Sassenbach empfahl den Ausbau, die Systematisierung und die Weiterentwicklung der traditionellen gewerkschaftlichen Bildungsmittel Presse, Vorträge und Bibliotheken, deren Aufgabe es sei,„die Mitglieder mit Fragen des öffentlichen Lebens bekannt zu machen und ihnen Kenntnisse zu vermitteln, die geeignet sind, sie als Menschen zu heben und als kämpfende Arbeiter in ihren Kämpfen zu unterstützen“ 3 . Sassenbach schlug vor, das örtliche Bibliothekswesen zu zentralisieren und nach Möglichkeit einen Bibliothekar einzustellen, der durch die Erweiterung der Literaturbeilage des Correspondenzblattes unterstützt 2 Verzeichnis der in deutscher Sprache vorhandenen Gewerkschaftsliteratur. Im Auftrag der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands zusammengestellt. 1. Ausg. Berlin, Sept. 1906, 2. Ausg., Berlin, Jan. 1907, 3. Ausg. Berlin, April 1908, 4. Ausg. Berlin 1910, Nachtr. zur 4. Ausg., Berlin 1912. 3 Paul Barthel, Handbuch der deutschen Gewerkschaftskongresse, Dresden 1916, S. 86. 285 werden sollte. Die ständige Aktualisierung des Bibliotheksbestandes mit Schwerpunkt auf gewerkschaftlicher Literatur und neuerer Unterhaltungsliteratur stand für ihn im Vordergrund. Weiterhin legte Sassenbach Wert auf eine sachgemäße Ausbildung der Bibliothekare, da sie die„Seele der Bibliotheken“ seien. Ein erster zentraler Unterrichtskurs für Arbeiterbibliothekare fand 1914 in Berlin statt. 1912 wurde Sassenbach Mitglied des paritätisch aus Vertretern des Verbandes der Sozialdemokratischen Wahlvereine Berlins und Umgegend und der Berliner Gewerkschaften gebildeten Berliner Bezirksbildungsausschusses, in dessen Rahmen eine von den Arbeiterbibliothekaren gewählte Kommission Konferenzen für Arbeiterbibliothekare veranstaltete. Bereits in seiner Handwerksburschenzeit hatte Sassenbach den Grundstock für seine stetig wachsende, systematisierte und in einem Katalog erfasste Privatbibliothek aus politischer, gewerkschaftlicher und belletristischer Literatur gelegt. Anfang der zwanziger Jahre hatte diese „Büchersammlung Sassenbach“ einen Umfang von etwa 6 000 Einheiten angenommen. Noch vor dem Ersten Weltkrieg schenkte der 1862 gegründete liberale Berliner Arbeiterverein Sassenbach seine reichhaltige Vereinsbibliothek mit ziemlich unbekannter Literatur, die bis in die Zeit der Revolution von 1848 zurückreichte. Der bürgerliche Sozialreformer Ludwig Heyde qualifizierte Sassenbachs Büchersamm lung als eine der„größten und übersichtlichsten Privatbibliotheken der Reichshauptstadt“ 4 und maß ihr wegen des nahezu lückenlosen Bestandes der bis dato erschienenen Gewerkschaftsliteratur besondere Bedeutung zu. Sassenbach stellte seine Bibliothek Gewerkschaftern, Wissenschaftlern und Studenten zu Studienzwecken zur Verfügung, der Allgemeinheit blieb sie verschlossen. Nach Sassenbachs Umzug nach Amsterdam blieb die Büchersammlung an ihrem Standort im Berliner Gewerkschaftshaus. 1929 gab Sassenbach seine Bibliothek in die Obhut des Berliner Ortsausschusses des ADGB, der 1931 acht der zwölf Abteilungen für einen symbolischen Preis erwarb. Der Ortsaus4 Ludwig Heyde, Joh. Sassenbach – Sekretär des Internationalen Gewerkschaftsbundes in Amsterdam, in: Soziale Praxis und Archiv für Arbeiterwohlfahrt, 32(1923), Sp. 46. 286 schuss bemühte sich, die Sammlung, die nun unter der Bezeichnung „Bibliothek Sassenbach. Ortsausschuss Berlin“ firmierte, auf den aktu ellen Stand zu bringen und neu zu ordnen. Bis Anfang 1933 war es dem ADGB-Ortsausschuss auf Grund von finanziellen Schwierig keiten, Raumproblemen und personellen Engpässen nicht gelungen, die Arbeiten an der Bibliothek, die im übrigen auch Archivgut enthielt, abzuschließen und sie zur Nutzung freizugeben. 1934 verleibte sich das Parteiarchiv der NSDAP die Bibliothek Sassenbach ein. Sassenbach starb am 19. November 1940 in Frankfurt am Main. 5 Das weitere Schicksal seiner Bibliothek ist bis jetzt nicht vollständig geklärt. Als selbständige Sammlung ist sie nicht mehr existent. Nach Gisela Peter 6 gilt„ein erheblicher Teil“ als verschollen, nur zwei- bis dreitausend Bände seien erhalten geblieben. Einige Teile des Bestandes befinden sich heute in der Bibliothek der SAPMO im Bundesarchiv in Berlin, andere in der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn und in der Library of Congress in Washington. 5 Sassenbachs 1936 geschriebene Erinnerungen wurden 1999 veröffentlicht: Sassenbach, Johannes, Erinnerungen. Faksimile. Hrsg. v. d. Johannes-Sassenbach-Gesellschaft, Berlin 1999. Teile des Nachlasses sind vorhanden in: SAPMO-BArch(Teilnachlass); Friedrich-Ebert-Stiftung/Archiv der sozialen Demokratie, ADGB-Restakten (enthalten Unterlagen u. a. über die Büchersammlung Sassenbach) und Nachlass Willi Haug(enthält Nachlass-Splitter Sassenbachs); DGB-Archiv im AdsD, Nachlass Johann Sassenbach(Nachlass-Splitter). 6 Gisela Peter(unter Mitarb. von Heinz Peter), Gewerkschaftliche Literatur vor 1914. Die bibliographische Leistung Johannes Sassenbachs, Berlin 2006. Hinweis zum Angebot digitaler FES-Veröffentlichungen im Internetangebot der Friedrich-Ebert-Stiftung Die hier vorliegende Datei(PDF) enthält einen Einzelbeitrag aus der Monographie "Bewahren- Verbreiten- Aufklären: Archivare, Bibliothekare und Sammler der Quellen der deutschsprachigen Arbeiterbewegung/ Günter Benser und Michael Schneider(Hrsg.) Bonn-Bad Godesberg, 2009" Internetadresse des Gesamtwerks: http://library.fes.de/pdf-files/adsd/06730/index.html ©Friedrich Ebert Stiftung| Webmaster| technical support| net edition Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung| 7. Oktober 2009