297 Renate Merkel-Melis Hermann Schlüter(1851 – 1919) „Das Archiv ist Deine Schöpfung, Du hast erst aus dem Plunder eine ansehnliche, für wissenschaftliche Zwecke werthvolle Bibliothek gemacht.“ So schrieb Karl Kautsky am 28. Januar 1889 an Hermann Schlüter. 1 Wer war der Mann, dem diese anerkennenden Worte galten? 2 Friedrich Hermann Schlüter wurde am 8. Oktober 1851 in Elmshorn in Schleswig-Holstein geboren. Er besuchte nur eine Dorfschule und war im übrigen reiner Autodidakt. Offenbar hat er das Tischlerhandwerk erlernt und war in diesem Beruf auch tätig. Anfang der 1870er Jahre lebte er in Chicago, beteiligte sich dort an der Bewegung der Arbeitslosen und schrieb für die Wochenzeitung„Vorbote“, das Organ der Arbeiterpartei von Illinois. Er war Sekretär der Chicagoer Sektion der Internationalen Arbeiterassoziation. Wahrscheinlich kehrte Schlüter 1876 wegen der damaligen Wirtschaftskrise in den USA nach Deutschland zurück und arbeitete zunächst als Korrespondent des„Vorboten“. In der Folgezeit war er an verschiedenen Organen der Sozialistischen Arbeiterpartei in Dresden tätig. Schlüter selbst zählte die„Dresdener Sturmjahre“ zu den inhaltsreichsten seines Parteilebens. 3 In den Jahren 1881 bis 1883 wurde Schlüter mehrmals verhaftet und insgesamt zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. 1883 aus Dresden ausgewiesen, ging er nach Stuttgart, wo er jedoch als Inhaber eines kleinen Zigarrengeschäftes keine befriedigende Existenz fand. Anfang Oktober erreichte ihn ein Brief August Bebels mit der Frage, ob er„even1 IISG, Nachlass Karl Kautsky. Sign. C 603. 2 Die folgenden Ausführungen stützen sich auf Paul Mayer, Die Geschichte des sozialdemokratischen Parteiarchivs und das Schicksal des Marx-Engels-Nachlasses, in: Archiv für Sozialgeschichte, 6/7(1966/67), S. 5-198, insb. S. 10–29. 3 Vgl.: Ebd., S. 22. 298 tuell geneigt“ wäre,„als Hilfsgenosse in die Expedition des ‚Soz[ial] demokr[at]’ einzutreten“, um besonders Julius Motteler bei der Arbeit zu unterstützen. 4 Schlüter war, wie Bebel an Motteler schrieb,„ein gewandter fixer Kerl“ 5 mit entsprechenden Erfahrungen. Am 30. Oktober konnte er Motteler Schlüters Einverständnis mitteilen. 6 Dieser wurde im November von August Bebel in einer Aussprache informiert, „welcher Art seine Stellung sei, was er hauptsächlich zu tun habe und daß, wenn er noch Zeit besitze, er sich namentlich auch der Ordnung des Archivs annehmen müsse“ 7 . Ende des Jahres übersiedelte Schlüter nach Zürich. Die unterschiedlichen Charaktere beider sehr wohl erkennend, hatte Bebel gefordert, gemeinsam mit Eduard Bernstein Schlüter in das Geschäft richtig einzuweisen. 8 Motteler gab er in der Beurteilung Schlüters nach dessen erstem Auftreten zwar recht – er komme„jeden Tag mit einem neuen Projekt“, wenn man„ihm die Zügel läßt“, fügte jedoch hinzu,„auch oft mit ganz guten“. 9 August Bebel war es auch, der bereits 1878 den Anstoß zur Schaffung einer Institution für die Sammlung und Aufbewahrung älterer sozialistischer und volkswirtschaftlicher Literatur gegeben hatte. 10 Das Sozialistengesetz machte das Unterfangen zunächst unmöglich. Doch schon auf dem ersten Exilkongress der Partei, der vom 20.–23. August 1880 auf Schloss Wyden tagte, wurde ein„Antrag wegen Gründung eines Parteiarchivs in der Schweiz“ verlesen, der„im Prinzip angenommen wurde“. 11 In dem von Karl Kautsky und Max Kegel eingebrachten An4 August Bebel an Hermann Schlüter, 4. Oktober 1883, IISG, Nachlass August Bebel. Sign. 43/4. 5 Ders. an Julius Motteler, 25.9.1883, Ebd.. Sign. 40/26. 6 Ders. an Julius Motteler, 30.10.1883, Ebd.. Nr. 40/27. 7 Ders. an Julius Motteler, 28.11.1883, Ebd.. Nr. 40/30. 8 Ders. an Julius Motteler, 30.10.1883, Ebd.. Nr. 40/27. 9 Ders. an Julius Motteler, 3.1.1884, Ebd.. Nr. 40/33. 10 Bebel, Die Nothwendigkeit der Gründung einer allgemeinen Partei-Bibliothek, in: Vorwärts. Leipzig. Nr. 21, 20.2.1878. S.1, Sp.2/3. – Mayer(S. 11) weist darauf hin, dass diese Idee bereits auf Sigismund Borkheim und Johann Philipp Becker zurückgeht, die sie Anfang bis Mitte der sechziger Jahre erörterten. 11 Protokoll des Kongresses der Deutschen Sozialdemokratie. Abgehalten auf Schloß Wyden in der Schweiz, vom 20. bis 23. August 1880, Zürich 1880, S. 49. – Auf Schlüters Antrag hin wurde auf dem Wydener Kongress aus dem Passus des Gothaer Pro- 299 trag hieß es:„In Erwägung, daß bei dem jetzigen gesetzlosen Zustande in Deutschland nichts mehr vor den Krallen der Polizei sicher ist, beauftragt der Kongress die zu wählende Parteileitung mit der Einrichtung eines Parteiarchivs in der Schweiz, in welchem sämtliche für die Geschichte der Arbeiterbewegung in Deutschland wichtigen Schriftstücke und Drucksachen usw., die jetzt in allen möglichen Schlupfwinken zerstreut sind, deponiert werden.“ 12 Auch in der Folgezeit hielt Schlüter den Archivgedanken lebendig. Unter der Überschrift„Zur Frage des Partei-Archivs“ entwickelte er im April 1882 unter Bezugnahme auf die Anregung Bebels aus dem Jahre 1878 den Vorschlag,„in der Schweiz eine Zentralstelle einzurichten, wo alles Material, welches sich auf die Geschichte unserer Partei bezieht, zusammengetragen, gesammelt und aufbewahrt wird“. 13 Schlüter orientierte auf die Sammlung möglichst aller Parteiorgane und appellierte an alte Genossen, Veteranen aus den dreißiger und vierziger Jahren, in ihrem Besitz befindliche Dokumente wie Broschüren, Flug blätter, Pamphlete und Reden einem solchen Parteiarchiv zu überlassen. Es gelte zu sammeln und zu retten, was sonst unwiederbringlich verloren gehe; Ordnung und Sichtung könne auf spätere Zeiten verschoben werden. Er schloss seinen Artikel mit den Worten:„Die Ausführung eines derartigen Unternehmens würde unsern Gegnern zeigen, daß die ‚kulturfeindliche’ Sozialdemokratie auch im heftigsten Kampfe noch Zeit zu kulturfördernden Unternehmungen übrig hat.“ 14 Auf der Parteikonferenz, die vom 19. bis 21. August 1882 in Zürich stattfand, wurde der Einrichtung des Archivs zugestimmt und festgegramms, dass die Partei mit allen gesetzlichen Mitteln den freien Staat und die sozialistische Gesellschaft anstrebe, das Wort„gesetzlichen“ gestrichen, und zwar mit der Begründung, dass das Sozialistengesetz der Partei die Möglichkeit zu legaler Betätigung genommen habe. 12 Die Kongresse der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands unter dem Sozialistengesetz. Teil II. Erstveröffentlichung der handschriftlichen Protokollaufzeichnungen vom Parteikongreß auf Schloß Wyden 1880, Parteikongreß in Kopenhagen 1883, Parteitag in St. Gallen 1887, Leipzig 1980, S. 54. 13 H.Sch., Zur Frage eines Partei-Archivs, in: Der Sozialdemokrat. Zürich. Nr. 18, 27.4.1882. S. 1, Sp. 3. 14 Ebd., S. 2, Sp. 1. 300 legt, dass der„Sozialdemokrat“ über die Eingänge berichten solle. 15 Wenige Tage darauf konnte das Blatt mitteilen, dass die diesbezüglichen Arbeiten bereits im Gange seien. Angestrebt werde„eine möglichst vollständige Sammlung aller auf das Parteileben bezüglicher Dokumente und Schriftstücke“, namentlich frühere sozialistische Literatur, ferner„Parteibroschüren, Zeit- und Flugschriften-Literatur, die früheren und jetzigen Wahlaufrufe, charakteristische Prozeßakten und dergleichen“. 16 Der zweite Exilkongress der Partei, der vom 29. März bis 2. April 1883 in Kopenhagen tagte, konnte aus Zeitgründen die Frage des Archivs nicht diskutieren und beschränkte sich auf die Feststellung, dass der Archivgründung seitens der Mitgliedschaft bedauerlicherweise noch nicht das wünschenswerte Interesse geschenkt würde. Dem Protokoll des Kongresses war jedoch ein Bericht beigegeben, demzufolge der Katalog Ende Februar des Jahres 288 Titel aufwies. Die Sammlung enthielt komplette und einzelne Jahrgänge sozialistischer Presseorgane, ferner ausländische Literatur sowie eine Reihe anderer Materialien wie Zirkulare, Protokolle und Akten, sozialökonomische und politische Publikationen, meist aus der neueren Zeit. 17 Mit Bezugnahme auf den Artikel Schlüters im„Sozialdemokrat“ vom April 1882 wurde beschlossen, die Redaktion des Blattes„möge in geeigneten Zwischenräumen zur Sammlung für das Parteiarchiv auffordern“. 18 Nachdem Schlüter Ende 1883 nach Zürich übergesiedelt war, widmete er sich neben der Leitung des Verlages der Volksbuchhandlung mit großem Engagement dem Aufbau des Parteiarchivs. Bereits am 20. Dezember erging im„Sozialdemokrat“ ein„Die Beauftragten“ gezeichneter Appell an die Leser.„Das Partei-Archiv bringen wir unseren Genossen und Freunden wiederholt dringend in Erinnerung und wer15 Kongressprotokoll Zürich 1882. IISG, Nachlass Julius Motteler, Sign. 1479/19. 16 Die Verwaltung des Parteiarchivs, in: Der Sozialdemokrat. Zürich. Nr. 35, 24.8.1882. S.1, Sp. 1. 17 Bericht über das Parteiarchiv, in: Protokoll über den Kongreß der deutschen Sozialdemokratie in Kopenhagen. Abgehalten vom 29. März bis 2. April 1883, HottingenZürich 1883, S. 34-37. 18 Protokoll, S. 18. 301 den demnächst das bisher eingegangene Brauchbare, katalogisch geordnet, quittiren.“ 19 Bereits am 10. Januar des folgenden Jahres wurde – gezeichnet„Die Archivverwaltung“ – eine Quittung über die erste Sendung von Johann Philipp Becker veröffentlicht. 20 Sie enthielt 22 Positionen, darunter Schilder von Lassalles Sarg, ein Photo von Lassalle auf dem Totenbett, ein Manuskript von Marx nebst Briefen von ihm und seiner Frau, ein Brief von Vaillant sowie Briefe von Mazzini. Es erging der Aufruf zur Einsendung weiterer Gegenstände. Dem wurde in den nächsten Wochen rege Folge geleistet. Unter anderem übersandte Kautsky am 30. Dezember 1884 aus eigenen Beständen an Schlüter Material. 21 Insgesamt erschienen im„Sozialdemokrat“ im Jahre 1884 zwanzigmal Quittungen über Neueingänge. Im Juli konnten bereits gezielte Suchwünsche nach Komplettexemplaren und fehlenden Einzelnummern ausgesprochen werden 22 – sicher auf Veranlassung von Schlüter, der bereits im April 1882 auf„die Erhaltung möglichst sämmtlicher Parteiorgane“ 23 orientiert hatte. Das entsprach der Bedeutung, die die Arbeiterbewegung der Zeitungspublizistik beimaß. Am 20. August 1884 wurde Schlüter das Archiv von Eduard Bernstein, der die ersten Stücke gesammelt hatte, formell übergeben. 24 Mayer weist darauf hin, dass im Zusammenhang mit der Initiative Schlüters zum ersten Mal die Bezeichnung„Archiv“ für die geplante Sammlung verwendet wird, worin damals auch Bücher eingeschlossen waren. 25 Er strebte allerdings vor allem den Erwerb von Dokumenten und privaten Korrespondenzen an. Schlüter entfaltete, nach den Worten Bernsteins,„eine wahre Sammelwut“ 26 . Er teilte mit,„unser Archivarius“ 19 Der Sozialdemokrat. Zürich. Nr. 52, 20. Dezember 1883. S. 4, Sp. 3. 20 Partei-Archiv, in: Der Sozialdemokrat. Zürich. Nr. 2, 10.1.1884. S. 4, Sp. 2/3. 21 IISG, Nachlass Karl Kautsky, Sign. C 505. – Vgl. auch Karl Kautsky an Hermann Schlüter, 10.1.1885, Ebd., Sign. C 587. 22 Partei-Archiv, in: Der Sozialdemokrat. Zürich. Nr. 28, 10.7.1884. S. 4, Sp. 3. 23 H.Sch., Zur Frage eines Partei-Archivs, in: Der Sozialdemokrat. Zürich. Nr. 18, 27.4.1882. S. 2, Sp. 1. 24 Vgl.: Mayer, S. 15. 25 Ebd., S. 14. 26 Eduard Bernstein an Engels, 20.6.1884, in: Helmut Hirsch(Hrsg.), Eduard Bernsteins Briefwechsel mit Friedrich Engels, Assen 1970, S. 279. 302 habe ersucht, ihn bei Engels in Erinnerung zu bringen 27 ; dieser erwiderte jedoch:„Archivar muß warten“, er habe keine Zeit, seine eigenen Sachen in Ordnung zu bringen, wenn er dazu komme, werde seiner reichlich gedacht werden. 28 Bereits am 5. Februar 1884 hatte Engels Bernstein das Redaktionsexemplar der„Neuen Rheinischen Zeitung“ aus dem Marxschen Nachlass, das dessen Marginalien enthielt, zugesichert –„ein ganz besonders schönes Stück“ 29 . Im August 1884 bat Schlüter, Engels möge befürworten, dass die Papiere und Bücher der Internationalen Arbeiterassoziation, die sich nach Auskunft von F.A. Sorge im Nachlass von Marx befinden sollen, ins Archiv kommen. 30 Bei Kautsky fragte er im März 1885 an:„Hast du nichts für’s Archiv aufgetrieben? Ich bin hinter jedem Blättchen Papier her, wie der Teufel hinter der Seele.“ 31 In der Folgezeit wurden auch aus dem Ausland Sammlungen beigesteuert: aus der Schweiz, Österreich und Italien. Aus den USA sandte Sorge Ende 1885 nahezu 200 Broschüren, Bücher und Protokolle, die unter anderem die Geschichte der IAA und die der deutschsprachigen Arbeiterbewegung in den Vereinigten Staaten dokumentierten. 32 Welchen Wert die archivalischen Sammlungen zu dieser Zeit bereits hatten, lässt sich daraus ableiten, dass sie durch einen am 28. November 1885 von Schlüter abgeschlossenen Vertrag für 8.200 Schweizer Franken bei der Brandassekuranz des Kantons Zürich versichert waren. 33 Ein weiteres Verdienst von Schlüter waren seine Bemühungen um eine „Sozialdemokratische Bibliothek“. 34 Seit Mai 1885 erörterte er mit 27 Ebd.. 28 Engels an Eduard Bernstein, 29.6.1884, in: MEW, Bd. 36, S. 172. 29 Ders. an Eduard Bernstein, 5.2.1884. Ebd., S. 98. 30 Hermann Schlüter an Engels, 9.8.1884. IISG, Marx-Engels-Nachlass, Sign. L 5512. 31 Ders. an Karl Kautsky, 10.3.1885. IISG, Nachlass Karl Kautsky, Sign. K DXX 278. 32 Partei-Archiv. Quittung, in: Der Sozialdemokrat. Zürich. Nr. 49, 3. Dezember 1885, S. 4, Sp.2/3. 33 Vgl.: Mayer, Die Geschichte, S. 16. 34 Vgl.: Fritz Schaaf, Die„Sozialdemokratische Bibliothek“ der Schweizerischen Volksbuchhandlung in Hottingen-Zürich und der German Cooperative Printing and Publishing Co. in London, in: Marxismus und deutsche Arbeiterbewegung. Studien zur sozialistischen Bewegung im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, Berlin 1970, S. 431-484. 303 Engels Überlegungen zu deren Inhalt und Anliegen. Dabei leitete ihn der Gedanke, wertvolle Artikel, die in Zeitungen oder als Flugblätter erschienen, verloren gegangen oder schwer zugänglich, aber von bleibendem Interesse waren, zu sammeln und in Broschürenform herauszugeben. 35 Neben der vorherrschenden Erörterung ökonomischer Fragen sollten laut Prospekt„auch Abhandlungen historischen Inhalts, soweit dieselben sich auf die Arbeiter- und andere revolutionäre Bewegungen beziehen,“ geboten und die verschiedenen sozialistischen Theorien dargelegt werden. 36 Bis 1890 erschienen 34 Titel. Die Arbeiten für das Archiv wurden im Frühjahr 1888 jäh unterbrochen. Auf Druck der Regierung Bismarck verfügte der Schweizer Bundesrat am 18. April die Ausweisung der Leitung des„Sozialdemokrat“. Davon waren neben Eduard Bernstein als leitendem Redakteur, Julius Motteler, der für den Vertrieb des Blattes verantwortlich zeichnete, und Leonhard Tauscher, dem Leiter der Druckerei, auch Hermann Schlüter als Leiter des Verlags der Volksbuchhandlung und Expedition betroffen. Der Schritt kam nicht überraschend. Bereits im Frühjahr 1887 hatte der Bundesrat auf Drängen der Regierung Bismarck anlässlich des Erscheinens des von Schlüter redigierten satirischen Blattes„Der rothe Teufel“ eine Untersuchung über den„Sozialdemokrat“ angeordnet, die jedoch ergebnislos verlief. Schlüter hatte schon am 10. April 1888 in einem Brief an Engels geäußert, dass sich Zeitung und Verlag unter den erschwerten Bedingungen in der Schweiz auf die Dauer nicht würden halten können. 37 Auf Anraten von Engels hatte sich die Parteileitung entschlossen, den „Sozialdemokrat“ und die mit ihm verbundenen Einrichtungen nach London zu verlegen. Das Archiv wurde in 16 große Kisten verpackt, die mit Eisenreifen belegt werden mussten. Ihre Vernagelung verursachte einen solchen Lärm, dass der Hauswirt kam und Schadenersatz 35 Schlüter an Engels, 21.5.1885. IISG, Marx-Engels-Nachlass, Sign. L 5518. 36 Sozialdemokratische Bibliothek, in: Der Sozialdemokrat. Zürich. Nr. 39, 24.9.1885, S. 4, Sp. 3. 37 IISG, Marx-Engels-Nachlass, Sign. L 5541. 304 für einen angeblich entstandenen Riss in der Wand verlangte. 38 Nach einem von Schlüter im Vorfeld des Parteitags von St. Gallen verfassten Bericht wies der Katalog des Archivs inzwischen 3 200 Nummern auf, darunter 160 Zeitungen mit insgesamt 372 Bänden. 39 Daneben gab es eine große Anzahl von Schriften, Briefen und Dokumenten sowie eine Reihe russischer Titel. Im Juni 1888 wurde das Archiv in der Wohnung von Bernstein, Kentish Town Road 114, wieder aufgestellt. Die Räumlichkeiten waren jedoch sehr beengt, die Arbeitsbedingungen erschwert. Die Archivverwaltung quittierte in dieser Zeit nur einmal aus zwei Quellen Zugänge, darunter von Friedrich Leßner. 40 Bedeutsam für die Benutzbarkeit des Archivs war seine Erschließung. Schlüter hatte diese Arbeit begonnen – die Anfertigung eines Zettelkatalogs, der„ein vollständiges Personen- und Sachregister bilden“ müsse. Er hatte diese Aufgabe jedoch unterschätzt, auch war er durch die laufenden Geschäfte abgehalten worden. Nur für eine Abteilung,„die eigentliche neuere Parteiliteratur“, wollte er den Katalog fertigstellen. 41 Als er dies schrieb, befand er sich bereits im Aufbruch. Das schwierige Zusammenarbeiten mit Julius Motteler, der offensichtlich absolute Subordination erwartete, ließ Schlüter einen radikalen Schnitt machen: Er entschloss sich zur Auswanderung in die USA. Am 16. März 1889 schiffte er sich in Liverpool mit seiner Frau nach New York ein. Es sei ihm schwer geworden, schrieb er an Karl Kautsky, das Archiv aufzugeben, denn er hänge sehr an ihm. 42 Seine Befriedigung äußerte er darüber, dass Bebel die Archivverwaltung Kautsky angeboten hatte, der sich einverstanden erklärte, nachdem ihm volle Selbständigkeit und Unabhängigkeit von Motteler zugesichert worden war. Kautsky konnte diese Aufgabe allerdings erst im Oktober 1889 über38 Niederschrift der Geschichte des Parteiarchivs von Anna Hoppe(gesch. Schlüter) vom 17. XII. 1908. IISG. SPD Parteiarchiv. Sign. Nr. 1. 39 Bericht über den Stand des Parteiarchivs der deutschen Sozialdemokraten. IISG. SPD Parteiarchiv. Sign. Nr. 1. 40 Quittung, in: Der Sozialdemokrat. London. Nr. 50, 9. Dezember 1888, S. 4, Sp. 3. 41 Schlüter an Karl Kautsky, 25.1.1889. IISG, Nachlass Karl Kautsky, Sign. K DXX 292. 42 Ebd.. 305 nehmen. Nach der Aufhebung des Sozialistengesetzes zum 1. Oktober 1890 wurde das Archivgut wieder nach Deutschland überführt. Es fand zunächst seinen Platz in der Wohnung von Ignaz Auer in Berlin, in der Katzbachstraße 9. Schlüter hatte Kautsky gegenüber erklärt:„Ich gehe ins Blaue hinein übers Wasser.“ 43 Er fasste jedoch sehr bald Fuß und trat in die Redaktion der„New Yorker Volkszeitung“ ein, der er fast drei Jahrzehnte bis zu seinem Tode vorstand. Schlüter blieb der deutschen Sozialdemokratie eng verbunden und stand mit Engels bis zu dessen Tode in Briefwechsel. Aufsätze von ihm, meist über amerikanische Probleme, erschienen in der„Neuen Zeit“; 1907 wurde in Stuttgart seine Arbeit „Die Anfänge der deutschen Arbeiterbewegung in Amerika“, 1918 in Chicago„Die Internationale in Amerika“ publiziert. Schlüter starb am 26. Januar 1919 in New York. In einem Nachruf wurden„sein grosses Wissen, seine gewaltige Kenntnis der Arbeiterbewegung der ganzen Welt und vor allem seine Erfahrungen bei dem langen Kampfe für Befreiung des arbeitenden Volkes aus der Lohnsklaverei“ 44 gewürdigt. Als sein umfangreicher Nachlass in New York auf den Markt kam, wurde er von William English Walling erworben. Dieser übergab den amerikanischen Teil an die State Historical Society of Wisconsin und den europäischen Teil, der nicht weniger als 600 Titel umfasste, 1907 an die University Library in Madison. 45 43 Ebd.. 44„Hermann Schlüter der Lungenentzuendung erlegen“, in: New Yorker Volkszeitung. Nr. 23, 27.1.1919, S. 1, Sp. 6. 45 Louis Kaplan, Gift by Anna S. Walling of the William English Walling papers, in: Library News. A staff bulletin. 2(1957) 3. – The William English Walling Collection (The Herman Schlueter Collection), in: Ebd., 5(1960) 1. Hinweis zum Angebot digitaler FES-Veröffentlichungen im Internetangebot der Friedrich-Ebert-Stiftung Die hier vorliegende Datei(PDF) enthält einen Einzelbeitrag aus der Monographie "Bewahren- Verbreiten- Aufklären: Archivare, Bibliothekare und Sammler der Quellen der deutschsprachigen Arbeiterbewegung/ Günter Benser und Michael Schneider(Hrsg.) Bonn-Bad Godesberg, 2009" Internetadresse des Gesamtwerks: http://library.fes.de/pdf-files/adsd/06730/index.html ©Friedrich Ebert Stiftung| Webmaster| technical support| net edition Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung| 7. Oktober 2009