277 Peter Gohle Friedrich Salomon(1890 – 1946) Friedrich Salomon 1 wurde am 8. Januar 1890 als Sohn des jüdischen Arztehepaares Rosa und Max Salomon in Hirschberg in Schlesien geboren. Über Salomons Kindheit und Jugend ist bis auf den relativ frühen Tod seiner Mutter im Jahr 1908 so gut wie nichts bekannt. 1910 schloss Salomon seine schulische Laufbahn an der Oberrealschule Beuthen/Oberschlesien mit der allgemeinen Hochschulreife, dem„Abiturium“, ab. Danach studierte er an den Universitäten Breslau, München, Oxford und Berlin Neuere Philologie(Deutsch, Englisch, Französisch), Geschichte, Philosophie, Psychologie, Pädagogik und Soziologie. In diesem Kontext hielt sich Salomon 1912 längere Zeit in London auf. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 musste Salomon seine Studien unterbrechen und diente bis 1918 im deutschen Heer als Sanitäter. Nach Kriegsende kehrte Salomon nach Breslau zurück. Da sein Vater 1918 gestorben war, fehlten ihm die finanziellen Mittel, um seine Vor kriegsstudien formal mit Examen abzuschließen. Zwischen 1919 und 1921 bestritt Salomon seinen Lebensunterhalt mit einigen kurzfristigen Anstellungen in städtischen Büros. Von 1921 bis 1924 war Salomon Mitarbeiter der Filiale Breslau der Darmstädter und Nationalbank. Der SPD war Salomon bereits am 17. Januar 1919 beigetreten. Bald suchte er auch Anschluss an gewerkschaftliche Organisationen und 1 Zur Biographie von Friedrich Salomon vgl.: Archiv der sozialen Demokratie(AdsD), Nachlass Hans Gottfurcht; IISG Amsterdam, Nachlass Paul Hertz; AdsD, Nachlass Friedrich Salomon; AdsD, Nachlass Wilhelm Sander; Marlis Buchholz/Bernd Rother(Hrsg.), Der Parteivorstand der SPD im Exil. Protokolle der Sopade 1933 – 1940, in: Archiv für Sozialgeschichte, Beiheft 15, Bonn 1995; Mario Bungert,„Zu retten, was sonst unwiederbringlich verloren geht“. Die Archive der deutschen Sozialdemokratie und ihre Geschichte, Bonn 2002; Ludwig Eiber(Hrsg.), Die Sozialdemokratie in der Emigration. Die„Union Deutscher Sozialistischer Organisationen in Großbritannien“ 1941- 1946 und ihre Mitglieder. Protokolle, Erklärungen, Materialien, Bonn 1998; Werner Röder, Die deutschen sozialistischen Exilgruppen in Großbritannien 1940 – 1945, 2. Aufl., Bonn 1973. 278 wurde zunächst 1921 Mitglied im Allgemeinen Verband der deutschen Bankangestellten und 1924 im Zentralverband der Angestellten. Möglicherweise spielte sein sozialdemokratisches und gewerkschaftliches Engagement – er war unter anderem Betriebsvertrauensmann – bei der Beendigung seiner Laufbahn als Bankangestellter eine Rolle. In jedem Fall arbeitete Salomon 1924 übergangsweise als Korrektor bei der sozialdemokratischen Zeitung„Volkswacht“, für die er auch bisweilen redaktionell tätig gewesen war. Im selben Jahr trat er in Berlin eine Stellung als Privatsekretär, Bibliothekar und Archivar bei dem sozialdemokratischen Rechtsanwalt Wolfgang Heine an, der zwischen 1918 und 1920 unter anderem die Ämter des anhaltinischen Staatsrates sowie des preußischer Justiz- und Innenministers bekleidet hatte. In Berlin spannen sich wohl nicht zuletzt auch über die Parteiarbeit, in der sich Salomon – bis 1933 als Kassierer, Schriftführer, Jugendleiter und Distriktsführer – stark engagierte, engere Kontakte zum SPD-Parteiarchiv an, wohin er schließlich 1928 als wissenschaftlicher Mitarbeiter wechselte. Dort war er an den ab Ende der 1920er Jahre verstärkt in Angriff genommenen Ordnungs- und Verzeichnungsarbeiten beteiligt. Der Begriff der Archivarbeit ist freilich in diesem Zusammenhang insofern ein wenig irreführend, als es sich bei den vordringlich erschlossenen Beständen vor allem um Bibliotheks- und Sammlungsfonds handelte. Diese eher dokumentarische Ausrichtung von Salomons Tätigkeit im alten SPD-Parteiarchiv der Weimarer Jahre sollte seinen weiteren beruflichen und fachlichen Weg maßgeblich bestimmen. 1931/32 war Salomon zudem an der Herausgabe der Frühschriften von Karl Marx durch Siegfried Landshut und Jacob Peter Mayer beteiligt. Zwischen Oktober 1931 und Dezember 1932 wurde Salomon auf Wunsch des SPD-Parteivorstands an die 1931 eingerichtete„Terrorabwehrstelle“ abgeordnet, deren vordringliche Aufgabe es war, Material über nationalsozialistische Gewalttaten zu sammeln und diese Informationen an Justizbehörde und Verwaltung sowie gegebenenfalls auch an die Presse weiterzugeben. Diese durchaus pointiert anti-nationalsozialistische Tätigkeit sowie der Umstand, dass in seiner Wohnung in der Warschauer Strasse 85 in Ber- 279 lin-Friedrichshain nach der„Machtergreifung“ Hitlers und der NSDAP am 30. Januar 1933 häufig und regelmäßig informelle Treffen von An gehörigen der SPD und des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold stattfanden, brachten ihn ins Fadenkreuz der Gestapo und der SA. Zwar blieb Salomon bis zum formellen Verbot der SPD am 22. Juni 1933 einstweilen unbehelligt, entzog sich jedoch zwei Tage später, am 24. Juni 1933, der zunehmenden Bedrohung durch die Flucht nach Prag. Dort meldete sich Salomon umgehend beim Anfang Juni 1933 dort eingerichteten Exilparteivorstand der SPD, der Sopade. Zwar versuchte er schon im Oktober 1933 auf Vermittlung von Willi Sander und der Sozialdemokratischen Flüchtlingshilfe nach Großbritannien weiterzureisen, blieb jedoch, nachdem diese Pläne scheiterten, in Prag. Völlig mittellos – er war lediglich mit einem Rucksack zu Fuß über das Riesengebirge aus Deutschland geflüchtet – war er zunächst gänzlich auf die Unter stützung durch das Hilfskomitee für jüdische Flüchtlinge angewiesen. Ein großer Teil der Archivalien des SPD-Parteiarchivs konnte vor dem Zugriff der Nationalsozialisten gerettet werden und befand sich Anfang 1934 in Kopenhagen und Paris. Das meiste Bibliotheks- und Sammlungsgut war hingegen beschlagnahmt worden. Deshalb beauftragte die Sopade Salomon mit der Planung des Wiederaufbaus des SPD-Parteiarchivs im Exil. Diese Überlegungen zerschlugen sich jedoch im Laufe der nächsten Jahre. Die geretteten Archivalien kamen in das 1935 gegründete Internationale Institut für Sozialgeschichte(IISG) in Amsterdam. Konsequenterweise begann Salomon ab Juli 1935, für das IISG gegen Honorar in Prag Materialien aller Art – vor allem aber Druckschriften, Bücher und Zeitungen – sozialistischer und kommunistischer sowie auch jüdischer Provenienz zu sammeln und nach Amsterdam zu schicken. Durch diese und andere bibliothekarische Aushilfstätigkeiten sowie gelegentliche journalistische Arbeiten hielt sich Salomon in Prag materiell einigermaßen über Wasser. Er blieb freilich für die Dauer seines gesamten weiteren Aufenthaltes in der Tschechoslowakei bis Herbst 1939 abhängig von der Flüchtlingsfürsorge, die ab der Jahreswende 1933/34 der Einheitsverband der Privatangestellten der Tschechoslowakischen Republik übernommen hatte. Als Ende September 1938 mit dem Münchner Abkommen und der Abtretung der Su- 280 detengebiete an das Deutsche Reich die unmittelbare Bedrohung der Tschechoslowakei und damit auch der deutschen Emigration mit Händen zu greifen war, begann Salomon damit, seine Ausreise nach Großbritannien vorzubereiten. Im Februar 1939 lagen auch auf Vermittlung des IISG und William Gillies von der britischen Labour Party sowohl das Visum für das Vereinigte Königreich als auch ein tschechoslowakischer Interimspass vor. Eine Flugkarte nach London bekam er jedoch erst für den 24. März 1939 und wurde so durch den deutschen Einmarsch am 15. März überrascht. Daraufhin tauchte Salomon aus Angst vor der Verhaftung für einige Wochen unter. Bemerkenswert ist, dass es ihm in dieser Zeit noch gelang, das Archiv und die Bibliothek der sudetendeutschen Sozialdemokraten im tschechoslowakischen Parlament nach Amsterdam in Sicherheit zu bringen. Ab Mai/Juni kehrte Salomon wieder in seine Wohnung zurück und wurde mehrfach von der Gestapo einvernommen, die sich aber offenbar hinsichtlich seiner politischen und dokumentarischen Tätigkeit für die Sopade und das IISG täuschen ließ. Am 30. August 1939 erhielt er von der mittlerweile eingerichteten Zentrale für jüdische Auswanderung einen sogenannten Durchlassschein, der ihn berechtigte, über deutsches Reichsgebiet auszureisen. Am Abend des 31. August 1939 verließ Salomon die tschechische Hauptstadt und traf am 3. September 1939, also drei Tage nach Kriegsbeginn, in London ein. Hier bemühte er sich alsbald um die Weiterführung seiner Arbeiten für das IISG, das weitsichtig 1938 in Oxford eine britische Dependance gegründet hatte. Zu seiner großen Enttäuschung benötigte diese aber keine Mitarbeiter mehr. Zudem war durch das aus dem deutschen Überfall auf die Niederlande im Mai 1940 resultierende vorläufige Ende des Amsterdamer Standorts jede Möglichkeit auf Anstellung vernichtet. Deshalb war Salomon in London einstweilen vollständig auf die durchaus karge Unterstützung des British Committee for Refugees from Czechoslovakia, des späteren Czech Refugee Trust Fund, angewiesen. Durch Protektion vor allem von Seiten der Labour Party entging Salomon, der zuvor in die Kategorie C(eindeutig loyaler Hitlergegner) eingeordnet worden war, der ab Mai 1940 verschärft einsetzenden Welle der Internierung von„Enemy Aliens“. Salomon nahm seine Dokumen- 281 tationstätigkeit für die Sopade bzw. später die„Union deutscher sozialistischer Organisationen in Großbritannien“ in London wieder auf, wenn auch in weit bescheidenerem Umfang als in Prag für das IISG und nicht vom Parteivorstand formell vergütet. Daneben arbeitete er – über weite Strecken ebenfalls unbezahlt – als Londoner Gewährsmann des von Boris Nikolajewskij 1941 in New York gegründeten Institute for Labour History. Ab 1943 war er zudem zusammen mit Erich Ollenhauer, Fritz Heine, Ludwig Rosenberg und anderen an der als so genannte„research work“ getarnten Zusammenarbeit der„Union“ mit dem amerikanischen Auslandsgeheimdienst Office for Strategic Ser vices(OSS) beteiligt. In Großbritannien war Salomon neben seiner Mitgliedschaft in der Sopade/Union und der Landesgruppe deutscher Gewerkschafter Angehöriger des National Trade Union Club sowie der Labour Party. Unmittelbar nach Kriegsende wurden erste Überlegungen angestellt, ob und wie die von Salomon gesammelten Materialien als Grundstock eines neuen SPD-Parteiarchivs nach Deutschland gebracht werden könnten. Dieser Prozess zog sich bis Frühjahr 1946 hin, bis klar wurde, dass Hannover der Sitz des vorläufigen Parteivorstandes – des Büros Kurt Schumacher – und damit auch eines neuen Parteiarchivs sein würde. Am 28. Mai 1946 trug Fritz Heine Salomon offiziell dessen Leitung an, die zu übernehmen sich dieser nur allzu gerne bereit erklärte. Mitten in den unmittelbaren Rückkehrvorbereitungen jedoch verstarb Salomon, der seit 1929 an Diabetes und einer generell fragilen Gesundheit gelitten hatte, in der Nacht vom 1. auf den 2. Juli 1946. Hinweis zum Angebot digitaler FES-Veröffentlichungen im Internetangebot der Friedrich-Ebert-Stiftung Die hier vorliegende Datei(PDF) enthält einen Einzelbeitrag aus der Monographie "Bewahren- Verbreiten- Aufklären: Archivare, Bibliothekare und Sammler der Quellen der deutschsprachigen Arbeiterbewegung/ Günter Benser und Michael Schneider(Hrsg.) Bonn-Bad Godesberg, 2009" Internetadresse des Gesamtwerks: http://library.fes.de/pdf-files/adsd/06730/index.html ©Friedrich Ebert Stiftung| Webmaster| technical support| net edition Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung| 7. Oktober 2009